Als Erstes danke ich für Jörgs Erwiderung „Kritische Theorie oder affirmative Praxis“im 13. Hype. Ich musste berechtigterweise paar Ohrfeigen einstecken, aber es gab auch zum Teil lustige Unterstellungen und nicht so lustige, wo ich mich fragen musste, ob sie denn einfach böse sind (da kann ich nicht und will micht nicht beklagen) oder einfach dumm (was ich nicht hoffen will). Im Folgenden mehr dazu.

Ich bin zwar damit einverstanden, kein Wort mehr zur Zimmermannssekte zu verlieren und insgesamt zu all den Angebereien mit der Kritischen Theorie, die aus dem universitären Umfeld kommen, sei es von seiten der DozentInnen oder der StudentInnen. Auch die neueste (und inzwieschen ziemlich populäre) Auflage Dr. Zimmermanns – Dr. Jonas, bei allem Respekt, dürfte uns herzlich wenig interessieren. Wenn sie jedes Mal staunt, wieso Adorno / Horkheimer Kulturkritik mit den Reden über Produktionsmittel reimen, ist ihre Lese- und Deutungsweise wohl nicht die, die zu irgendwas außer einer Seminararbeit gut sein soll. Zur Rechtfertigung: hie und da gibt es noch vereinzelt naive Gestalten, die sich in den Seminaren die Frage stellen: „Was machen wir jetzt mit diesen Theoreien und mit dem ganzen Schlamassel?“ Eine berechtigte Frage, die im Rahmen der Viel-osophieseminare an der Uni falsch wird. Nur wer sagt es denn diesen Gestalten? Sind ja aus der Sicht der hochnasigen Adornisten a priori doofe Studenten, doof, wie alle entstellten Gestalten in der Außenwelt…

Wenn mein Opponent die „sekundären Autoren“ nicht interessant findet, wars wohl tatsächlich auch mein Fehler. Ich merkte aber recht spät, dass die für 19. Jahrhundert so typische Anthropologie und Auffassung über die Naturbeherrschung und die daraus erst abgeleitete Herrschaft Menschen über Menschen natürlich nicht nur für Adornismus ein theoretisches Fundemant abgibt, sondern für das ganze modernistische Projekt samt Marxismus und einigen anarchistischen Strömungen. Diese Kritik an den Grundlagen weiter zu entwicklen war mir nicht mehr möglich. Aber sei es so. Dass Jörg beneidenswerterweise die Wahrheit in letzter Instanz bereits gefunden hat und sich keine weitere Fragen stellt und keine Antworten sucht, ist natärlich seine Sach. (1)

Der Vorwurf mit dem May’s Buch, das von der Uni gekauft wurde, irritiert mich ein wenig. Lieber Jörg, vom Glanz der journalistischen Recherche bin ich fast blind geworden, aber das Buch (und andere auch) hab ich selbst. (2) Wenn von der „Underdog-Perspektive“ die Rede ist, meine ich natürlich mich selbst, denn für jemand anders zu sprechen ist peinlich (stimme ich den so genannten Poststrukturalisten zu). Von DEM Proletariat zu sprechen und was es so alles tun sollte, um sich zu befreien, maße ich mir jedenfalls nicht an. Und ob Jörg mir das mit dem Underdog abkauft, ist sein Ding. Er muss es nicht, das wiederholt er schließlich oft genug. In einem hat er aber Recht: es ist kein Beweis für Richtigkeit oder sogar Berechtigung von irgendwas.

Die Sprache. Ja, ein leidiges Thema. Hier bin ich auch versucht zu sagen: „Autsch! Bitte nicht!“ Wenn ich mir vorstelle wie Rudolf Rocker statt Jiddisch zu lernen, die jüdischen ArbeiterInnen in London ohrfeigt und von ihnen fordert, sie sollen sich gefälligst anständiges Deutsch aneignen, wenn sie sich befreien wollen, muss ich schmunzeln… Bitte, verkauft mir weder die Höchstformen der bürgerlichen Kunst, noch die historisch geformte Sprache „der Dichter der Revolte“ (die ich schätze) oder Hegels / Adornos als DIE Kunst oder DIE Sprache schlechthin. Väterliches Schulterklopfen mit den Vorträgen über die Höchstformen der Kunst hilft weder mir, noch DEM Proletariat.

Mag sein, dass die Frage, inwiefern sich Lukacs mit Anarchismus verträgt, durchaus interessant sein kann. Da ich Lukacs nicht drauf habe, komme ich zur Frage später, wenn ich es nicht vergesse. Aber die ganzen „wenn“s, das sind Fragen, keine Antworten. Find ich gut so. Dass ich Theorie als Handlungsanleitung verstehe, ist eine Unterstellung. Und sicherlich, tut Reflexion Not. Nur neigen VertreterInnen der ideologiekritschen Strömung dazu, sich selber außerhalb dieser gesellschaftlichen Katastrophe zu sehen (3), eine Art Refugium, wo mensch mitten in Kapitalismus und Staatlichkeit ungestört reflektiert. Dass die Linke, als sie sich in die Freiräume begab (angenommen, sie wären frei), sich gleichzeitig aus allen anderen „Orten“ entfernte, dass es vielen einfach die Zeit zur Reflexion fehlt, dass mensch als KritikerIn selber inbegriff ist keine Luft mehr zu kriegen, dass Widerstand durchaus möglich ist (4), Mut ansteckt und selbständig abgetrotzte Verbesserungen im Alltag nicht zwangsläufig „korrumpieren“ und „bestechen“… Worauf es mir ankommt, haben die Adornisten aus ihren Theorien schon längst eine politische Ethik gemacht. Die, der akzeptierten Unmöglichkeit der Praxis. Wenn sie sie nicht reflektieren wollen, ists ihr Privatgeschäft (da haben wir es wieder).

Von den halbreligiösen Metaphern eines letzten und richtigen Aufstands und einer auf das Heil ausgerichteten Geschichte lasse ich mich gerne mitreißen, und vermisse diese flammende Religiosität bei den meisten Linken (5). Nur weiß ich, dass es Bilder sind, und bin zutiefst davon überzeugt, dass es mit dem angeblich richtigen Theoretisieren mitten im Falschen nicht so kommt, wie in Barselona 1936, wie Oxaca 2006, wie Athen 2008 oder Teheran 2009. Und möge mir mein strenger Kritiker die Worte im Mund nicht verdrehen, Rezepte für den Weltkommunismus nach der Art „wenn x – dann y“ kenne ich keine und bezweifle, dass es solche gibt. Gegenüber adornistischen Positionen, ist die Phrase „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt” – geradezu ein Upgrade (6). In diesem Sinne, der einzige Denker, der aus der Kritischen Theorie kommt (auch im wörtlichen Sinne), der mir lieb ist, ist Helmut Thielen. Ob mensch sich mit seinen Gedanken nicht vertraut macht, weil auch seine Bücher (welch eine Schande!) in der Uni-Bib zu finden sind, ist … hatten wir schon.

Was das Bewusstsein der Schoa angeht, ausblenden lässt die Katastrophe sich nicht. Dass sie wohl kein Rückfall in die Barbarei war, sondern ein durchaus modernistisches Projekt, entgeht manchen „Antideutschen“: manche pflegen wie Wunde so liebevoll, dass sie National-Sozialismus für eine eigenständige Gesellschaftsformation halten (isf, z.B). Und manch andere gehen gerne in Rachephantasien auf, nur um den Status Quo für normal und verteidigungswert erklären zu können.

Im ausgezeichneten Essay „Resignation“ wehrt Adorno die Vorwürfe des theorielastigen Dahinvegetierens ab, kritisiert den (explizit anarchistischen) Kult um Spontanität und DIY-Ethik und hält dem die Figur des kritisch Denkenden entgegen. Treffend ist, das offene Denken über sich hinaus weist und somit immer Widerstand und die Möglichkeit des Anderen ist. Soll der / die Denkende jedoch nicht wünschen, dass dieser Zustand aufhört? Soll er /sie nicht versuchen, über die Grenzen eigener unglücklichen, sich selbst bemitleidenden bürgerlichen Subjektivität hinauszugehen? Badet er / sie etwa vergnügt im Unglück, weil Adorno ihm oder ihr eine große Bedeutung (wenn nicht schon eine historische Mission) verspricht? Den Eindruck habe ich.

Es sieht so aus, für mich persönlich, als wäre Kritische Theorie Adornos nur eine ethische Beilage zur allgemein vorherrschenden instrumentellen Vernunft und keine Revolution.

Ndejra

(1) Ich hoffe, das erklärt sich aus dem Altersunterschied und seinen erfahrungen, die ich nicht habe (und nicht daraus, was ich Adorniten vorwerfe). Folgendes Augekotzte geht in ähnliche Richtung: http://www.streifzuege.org/2009/ohne-kritische-theorie-schmeckts-besser . Das kann mensch sich bei Interesse antun, allerdings nur bis zum Punkt, wo der Autor seine „Imperativen“ entwirft, da glaube ich ihm, dass die Kritische Theorie ihm eher geschadet hat.
(2) Als ob das ein Argument für oder gegen irgendwas sein könnte! Hatte schon das Gefühl, mein Opponent versucht damit meine studentische Plattitüde zu überbieten.
(3) Ideologie hätten sie natürlich auch keine. http://www.wildcat-www.de/zirkular/63/z63nebel.htm
(4) Und wer mal an Harz 4 oder Sozialhilfe gerochen hat, der / die weiß es. Und dass gerade auch Foucault darauf hinweist, schlimm-schlimm…
(5) Dazu der erste Absatz aus Erich Mühsam: http://anarchismus.at/txt1/muehsam4.htm Der erste Absatz genügt.
(6) Guess who? Marx / Engels.

Ndejra