Alle paar Jahre wieder gibt es Prostestbewegungen der Studierenden, die sich immer wieder aufs neue gegen die Verschlechterungen der Studienbedingungen richten, und die immer wieder aufs neue, und in ähnlichen Formen, sich totlaufen und folgenlos bleiben.

Es ist bemerkenswert, wie wenig wirklichen Widerstand die mittlerweile kaum mehr zu zählenden verschiedenen Studenten-Streiks, Campusbiwaks, Aktionswochen und was noch alles zu leisten in der Lage waren, während der Staat tatsächlich weit reichende Verschlechterungen durchsetzen konnte. Dieses erstaunliche Resultat ist nach unserer Auffassung weniger das Ergebnis von Fehlgriffen auf der taktischen Ebene, sondern liegt tief in der Struktur der Protestbewegungen und dem Bewusstsein ihrer Akteure begründet.

Das Fehlschlagen ist unvermeidbar, weil die Forderungen der Bewegung sich an der Oberfläche der Bildungspolitik bewegen, und die Grundlagen des Bildungssystems nicht in Frage zu stellen wagen. Die Studenten sind tatsächlich, auch in diesem Sinne, Gefangene des Bildungssystems; sie werden es nicht verändern können, solange sie es nicht weit grundsätzlicher in Frage stellen, und ihre eigene Rolle in diesem System dazu.

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Die Universität ist selber nichts anderes als ein Organ gesellschaftlicher Selektion. Es hilft gar nichts, sich darüber zu beklagen, mit den Studiengebühren und dem selektiven Master-Bachelor-System werde die Selektion, nach Kindergarten und Schule, auch an die Universität gebracht.

Die gesellschaftliche Selektion war schon vorher da. Weder durch eine Wiederabschaffung der Studiengebühren, noch duchr einen Rechtsanspruch auf einen Masterstudienplatz liesse sich der Charakter des Studiums ändern.

Dieser Charakter ist davon bestimmt, dass die Gesellschaft einerseits über die allgemeinen Hochschulen untere und mittlere Führungskräfte rekrutieren muss; andererseits müssen die Hochschulen jedes Jahr Mengen an Schulabgängern aufnehmen, für die auf dem Arbeitsmarkt ansonsten kein Bedarf bestünde.

Der Bedarf an Führungskräften ist begrenzt; für die Masse der Studierende heisst das prekäre und schlecht bezahlte Arbeitsverhältnisse und allgemeine Entwertung der akademischen Qualifikation; selbst der Rechtsanspruch auf ein Masterstudium würde nicht daran vorbeiführen, dass sich die gesellschaftliche Auslese dann eben erst nach dem Studium, auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen wird.

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Man kann nicht nein sagen zur gesellschaftlichen Auslese an den Hochschulen, wenn man bereits ja gesagt hat zur gesellschaftlichen Auslese an Kindergärten und Schulen. Das Bildungssystem ist an sich hierarchisch, sein innerstes Wesen ist die Vermittlung von Qualifikation. Nicht die Vermittlung von Wissen, sondern die Berechtigung, einen jeweiligen Beruf auszuüben. Das ganze Getriebe des Bildungswesens dient gar keinem anderen Zweck, als Fachkräfte zu produzieren, die in der Lage sind, bestimmte Teilaufgaben zu erledigen, ohne sich über deren Sinn und Zweck noch Rechenschaft abzulegen.

Das Bildungssystem produziert damit vor allen Dingen die gesellschaftliche Arbeitsteilung, d.h. die Grundlage der Klassengesellschaft, und vor allen Dingen eines nicht: nämlich Wissen, es sei denn, man versteht unter Wissen das wohldosierte, in einzelne Fachrichtungen zerschnittene, entfremdete Fachwissen, das den einzelnen entfremdeten Disziplinen mitgegeben wird. Deswegen gibt es keine hilflosere, haltlosere Kritik an Auslesemechanismen wie den Studiengebühren als die: dass sie falsche Auslesemechanismen seien, und eine richtige Auslese nur durch die individuelle Begabung und Leistung stattfinden könne.

Das Bildungssystem ist nicht eine Maschine, die aus den Einzelnen die in ihnen verborgenen Begabungen ans Licht bringt; sondern die aus den Einzelnen durch Disziplinierung und Anpassungsdruck erst Leute macht, die zu den sinnlosen Aufgaben, die im besten Fall auf sie warten, im Stande sind.

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Der Begriff Leistung, der allenthalben als legitimes Kritierium der Auslese gilt, ist innerlich derart hohl, dass es sich kaum begreifen lässt, was er eigentlich bedeuten soll. Leistung scheint für die einzelnen, die ihr Leben unter diesen Schlachtruf stellen, zu heissen: sich im Dienste gesellschaftlicher Zwecke anzustrengen, die man nicht in Frage stellt, nicht einmal begreift. Diese Leistung, was auch immer sie ist, soll dann den Erwerb höherer gesellschaftlicher Positionen legitimieren.

Es ist für uns aber nicht einzusehen, wieso z.B. der Beitrag eines Müllwerkers an der Gesundheit der Einzelnen niedriger einzuschätzen sein soll als der eines Herzchirurgen; und es ist uns alles andere als klar, warum die Stunde Arbeitszeit des Müllwerkers weniger wert ist als die des Chirurgen. So lange die Studenten diesen Zustand als gerecht begreifen, werden sie und ihre Forderungen allenthalben als das wahrgenommen werden, was sie auch sind: die einer Gruppe von Leuten, die ihre Privilegien verteidigen will.

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Bildung ist sehr wohl eine Ware, aber nicht, weil der Staat neuerdings Studiengebühren verlangt; sondern weil die Einzelnen, durch die Leistung, mit der sie Bildung erwerben, sich selbst zu einer Ware machen. Und zwar in dem Sinne, als dass sie in sich selbst investieren, und sich als Humankapital begreifen. Bildung ist eine Ware, und diese Ware sind die Studierenden selbst.

Wenn man will, dass Bildung keine Ware sein soll, dann ist der Adressat dieser Forderung nicht der Staat, sondern dann ist das erbärmliche Schicksal der Einzelnen, Arbeitskraft zu sein und sonst nichts, zu begreifen und anzugreifen.

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Solange die Studierenden sich mit ihren Forderungen und ihrem Bewusstsein nicht von den dargestellten Vorstellungen über Wesen und Bedeutung des Bildungsystems entfernen, und solange sie mit der Ideologie von Bildung, Leistung, und Arbeit nicht brechen, werden sie auch keine Chance haben, die Studienbedingungen auch nur um ein klein wenig zu verbessern. Denn ihre Forderungen haben keine Richtigkeit, keine Konsequenz und keine Durchschlagskraft.

Auf dem bisherigen Stand laufen sie darauf hinaus, mit den Verwaltern der Bildungsapparate um die effizienteste Organisation dieser Apparate zu rechten; ein Kampf, der von vorneherein zum scheitern verurteilt ist, denn er findet auf dem Terrain des Gegners statt, aber von der unterlegenen Position aus. Das letzte Wort ist in solchen Auseinandersetzungen regelmässig der Appell an die Herrschenden, mehr für die Bildung zu tun, denn die Bildung sei für ein Land wie Deutschland die Zukunft.

Man könnte sich ein bisschen komisch dabei vorkommen, denn nichts anderes tun sie ja bereits, nur wird man selbst von dieser Zukunft nicht so viel haben, wie man sich vielleicht wünscht; es wird den Studierenden jedenfalls nichts nützen, für die Stellung Deutschlands in der internationalen Arbeitsteilung zu protestieren; dieses Geschäft nehmen ihnen die Regierenden mit leichter Hand wieder ab; wer für den Standort Deutschland protestiert, wo es genau gegen Deutschland und für die eigene Haut ginge, entwaffnet sich selbst.

ak 47

Anmerkung: Dieser Text wurd uns vom ak 47 zugeleitet. Er war die Vorlage für eine Stellungnahme, die der traurige Rest des AK Bildungskritik und Systemkritik vor der VV des besetzten Hörsaales hatte halten wollen; wovon er abgesehen hat, nachdem er sah, dass es der Mühe nicht wert war. Eine VV, die frenetisch den Vorschlag beklatscht, Horst Seehofer einzuladen, hat nicht einmal die Räumung verdient, sondern 100 Freiexemplare der Memoiren von Franz Josef Strauss, und sonst nichts. Sie haben ja, wie bekannt, nicht einmal das bekommen.