Archiv der Kategorie 'würzburg'

Würzburger Schandtaten.

Die Freundinnen und Freunde des Post-Prä-Bikri haben Mut bewiesen! Sie haben die Qual über sich ergehen lassen, dass „Pferd-Tret-Festival“ zu besuchen und darüber auch noch ihre Eindrücke der Welt zu präsentieren. Aber liest selbst:

Es ist manchmal sehr interessant, wie manche Menschen dem Sog des Sommerlochs in Würgtown zu entkommen versuchen. Kaum zu glauben, ist einmal die übliche Klientel des Bildungsstreiks aus der Stadt, geschehen durchaus amüsante Sachen. Zu unserer Schande müssen wir gestehen, bei Critical Mass waren wir nicht und können folglich auch nicht einschätzen, was das für Menschen sind und ob sie mit dieser Stadt und diesem Sommer mehr Probleme haben, als dass in Würgtown kein nötiger Respekt den FahrradfahrerInnen entgegengebracht wird.

PS: Der Hype steckt in der Klemme, pardon (!) – Presse fest. Nächste Woche ist es soweit.

Teachin‘ some history

(bevor die Nähe zum besagten Ereignis ganz und gar dahin ist, stellen wir’s mal online, obwohl die gedruckte Ausgabe noch nicht da ist…)

Anmerkungen zum antifaschistischen Protest gegen den Naziaufmarsch des Freien Netzes Süd am 01. Mai in Schweinfurt

Autonome AntifaschistInnen aus Unterfranken stecken in zweierlei „Dilemmata“: Einerseits fehlt eine offensiv in Erscheinung tretende Neonaziszene, gegen die man sich zur Wehr setzen müsste. Wer dies bestreitet, sich nachts in das Kornfeld setzt, um ein gutes Foto von einem organisierten Nazi zu schießen, Wohnungen tagelang belagert, um zu beobachten, ob dieser oder jener Fascho wirklich oft spät nachts noch mal mit dem Hund spazieren geht, hat ein schönes Hobby gefunden. Ein wenig wie Fußballbildchensammeln. Eine gewisse Zeit meines Lebens bereitete mir dieser außergewöhnliche Zeitvertreib, in Verbindung mit einem militanzfetischisiertem Lifestyle, der niemals militant war, viel Spaß. Wer unter den AntifaschistInnen die Aktivitäten des Freien Netzes Süd in Unterfranken, das selbst das Laubkehren an einem Kriegerdenkmal zu einem großen Erfolg für die nationale Bewegung erklärt, genauso ernst nimmt, wie die Faschos selbst, bestärkt diese in ihrer niedlichen Selbstüberschätzung.
Soweit zu ersten „Dilemma“. Wer das autonome am Antifaschismus groß schreiben möchte, die/der müsste eigentlich froh sein, dass der Kampf gegen Staat und Kapital nicht von Nazis durchkreuzt wird. „Antifa ist mehr als gegen Nazis“ heißt es ja so schön. Nun könnte man an die Arbeit gehen, und der Gesellschaft, in der dem Menschen nichts anderes übrig bleibt, als um die Sonne des Kapitals zu kreisen, den Kampf anzusagen. Leider Gottes: Die Menschen drehen sich nicht traurig, Arbeitssklaven ähnlich, um diese Sonne, sondern sie tun dies zumeist freudestrahlend. Und sie kennen nur die eine Sonne. In einer Zeit, in der der neu-nationalistische Stimmungsfaschismus die Deutschen zu Millionen auf die Straßen treibt, und ein Journalist im Spiegel, in einer Mischung aus kollektivem Rauschzustand und schlichter Dämlichkeit, schreibt, dass sich Deutschland im Moment ziemlich bunt anfühle, wenn das farbige Grau gemeint ist, wie kann da praktischer Kampf gegen den Staat betrieben werden? Das zweite Dilemma der autonomen AntifaschistInnen in unserer Gegend, et voila: Löst sich der Kitt „Gegen Nazis“, so müsste der Kampf „Um’s Ganze“heißen. Aber wie, mit und gegen wen ist dieser zu führen?
Jeder antifaschistische Zusammenhang beantwortet die beiden „Dilemmata“ unterschiedlich. Im folgenden versuche ich zu analysieren, wie einerseits das „antifaschistische Bündnis gegen den Naziaufmarsch am 01. Mai in Schweinfurt“, ein breiteres Bündnis gegen die Demo des Freien Netzes Süd, und andererseits der „AK Maifeuer“, mit den Zwickmühlen umgegangen sind.
Sowohl das Antifabündnis als auch der AK Maifeuer verzichteten, auf den erstem Blick zumindest, erfreulicherweise auf die Behauptung, eine regionale Neonaziszene verunmögliche einen antifaschistischen Lifestyle.
Es gab in den letzten zwanzig Jahren jedoch durchaus Momente, in denen der aktive Kampf gegen Neonazis geführt werden musste, weil eine starke Naziszene alternativen Jugendlichen das Leben schwer machte. Hierzu zwei Beispiele in die Geschichte des Neonazismus dieser Region, die auch für die gesellschaftlichen Veränderungen der BRD stehen. Anfang der 90iger Jahre, als jungakademisierte und Linke zusammen nachts Wache vor Flüchtlingsunterkünften hielten, damit das wiedervereinigte Deutschland in Würzburg nicht die gleichen Pogrome verüben konnte wie in Hoyerswerda, Lichtenhagen oder Solingen, kam dem Antifaschismus eine wichtige Bedeutung zu. Helmut Kohl verweigerte nach den Morden von Solingen gar eine Reise nach Solingen, weil er den „Beileidstourismus“ anderer Politiker nicht unterstütze. Diese Zeiten sind- zumindest vorerst- Geschichte, denn Antifaschismus wurde zur Staatsräson erklärt. Ius sanguinis und Ius solis kämpfen zwar immer noch um die Deutungshoheit über den Staatsbürgerbegriff, aber immerhin ist es in den meisten Gegenden Deutschlands nicht mehr möglich, dass ein Naziaufmarsch ohne bürgerlichen Gegenprotest stattfindet. Klar ist dabei, dass der Bürgerprotest nie fähig sein wird, den Nazis den Nährboden ihrer Ideologie, Deutschland genannt, unter den Füßen wegzuziehen. Aber immerhin beinhaltet aktivbürgerliches Engagement auch den Kampf gegen Faschos. Ein Beispiel für die Notwendigkeit, autonomen Antifaschismus auch in Zeiten des staatlichen Antifaschismus zu betreiben, war die Gefahr, die in den Jahren 2004/05 drohte, als sich in Lohr am Main eine dauerhafte rechtsradikale Szene etablieren wollte. Zwar zerschlug der Staatsschutz, getragen durch zivilgesellschaftlichen Druck, den Szenetreffpunkt „Schlosscafé“, aber genau in jener Zeit war es bitter nötig, dass Antifas den Nazis nicht die Straße überließen. Denn wie man schmerzlich weiß, gehen die BürgerInnen nach einer „Blabla-Ist-Bunt-Demo“ wieder in ihre warmen Stübchen, statt sich den Nazis auf den Straßen in den Weg zu stellen. In den Jahren 2004/05 war es daher bitter nötig, dass eine Szene, die sich den Antifaschismus auf ihre Fahnen geschrieben hatte, präsent war, um nicht noch mehr geschehen zu lassen als den Angriff auf das Lohrer Juze. Nun befinden wir uns im Jahre 2010, und im Moment sieht es nicht danach aus, als etabliere sich gerade ein rechtsradikaler Schwerpunkt in unseren Gefilden. Das Vakuum, das der Wegzug von Uwe Meenen, der für 20 Jahre Hauptagitator der Nazis im unterfränkischen Raum war, und welcher stets als Kitt zwischen Kameradschaftstrukturen und NPD fungierte, entstehen ließ, lässt die Frage aufkommen, wie es von den Neonazis gefüllt werden wird. Auf der Hut sein ist daher angebracht, hysterisch sein nicht, und das waren das Antifabündnis und der AK Maifeuer nicht.
Ich schrieb, dass das Antifabündnis dem ersten Dilemma auf den ersten Blick entgeht. Denn chiffrenhaft kommt durch die Kampagnenpolitik dann eben doch zum Ausdruck, dass man Nazis benötigt, um aktiv zu werden. Wenn „Antifa mehr als gegen Nazis“ sein will, warum zeigt man dann lediglich die Zähne, wenn Nazis in die Stadt kommen? Der Kapitalismus ist derart grausam, dass man jeden Tag kotzen müsste. Die Antifa kotzt aber meistens nur, wenn eine Kampagne gegen Nazis ansteht. Sicher ist diese Kampagnenpolitik, die Nazis benötigt, um sich antikapitalistisch äußern zu können, auch dem Fehlen einer linksradikalen Infrastruktur in Unterfranken geschuldet. Nach dem Wegfallen des AKWs ist einzig der Stattbahnhof als „Szenetreffpunkt“ geblieben. Keine Infrastruktur mag ein Faktor sein, aber keine Entschuldigung. Meine These, die ich hier nicht zum ersten Mal in den Raum stelle, ist die folgende: Antifaschismus als Lifestyle ist nötig, wenn Faschos sich als Subkultur an einem Ort eingenistet haben. Solange dies der Fall ist, und man sich auf Kampagnenpolitik zu einem Naziaufmarsch, zu dem die regionalen Nazis ihre Kameraden aus halb Deutschland rufen müssen, um überhaupt eine ordentliche Demo zu organisieren, beschränkt, drückt diese Fixierung auf Naziaktivitäten „in Gegenden ohne rechtsradikale Szene die Unfähigkeit der Antifas aus, eine radikale Kritik an der gesellschaftlichen Gesamtheit zu artikulieren.“
Womit wir beim zweiten Punkt angelangt sind, dem Dilemma des Kampfes „Um’s Ganze“. Wie versuchten das Antifabündnis und der AK Maifeuer, diesen zu führen bzw. zu vermitteln (sofern dies überhaupt möglich ist). Die Kapitalismuskritik des Antifabündnisses soll hier nicht zur Debatte stehen, denn ein Aufruf muss zwangsläufig verkürzt sein. Hier soll es vielmehr um die Art und Weise gehen, wie Kritik betrieben wurde. Bewusst klinkte man sich in die Bürgerproteste ein.
„Von der Zusammenarbeit erhoffen wir uns außerdem die Möglichkeit, den BürgerInnen unsere Standpunkte näher zu bringen. Die Vermittlung von eigenen Inhalten und konstruktiver Kritik scheint uns auf der Basis eines gemeinsamen Agierens weit sinnvoller, als durch reine Abschottung und elitäres und überhebliches Gebaren.(Anmerkung: Aus dem Aufruf des Bündnisses)“.
Es ist schon beinahe süß, wie hier davon ausgegangen wird, dass man die BürgerInnen mit Flugblättern vom richtigen Weg überzeugen könnte und „konstruktiv“ sein möchte. Was hier nicht verstanden wurde: Konstruktiv ist immer der Staat, nicht die Kritik an ihm. Konstruktiv ist immer das Kapitalverhältnis, nicht der Kampf dagegen. Der Kampf gegen den Kapitalismus ist eine überaus destruktive Sache, GenossInnen! Im zweiten Satz schwingt dann doch noch eine Kritik an die arroganten Arschlöcher aus dem Dunstkreis des Linksradikalismus mit, die immer alles besser wissen. Dies ist weder kreativ noch neu. Die Appelation an die BürgerInnen, doch bitte AntikapitalistInnen zu werden, war nach meiner Einschätzung letztendlich dann ebensowenig von Erfolg gekrönt wie der vorher angekündigte, aber kaum sichtbare „Antikapialistische Block“ auf der Bürgerdemo. Und spätestens, als dann mal wieder Antifasport angesagt war, alle hastig und erfolglos versuchten, diese oder jene Bullenblockade zu durchbrechen, hätten sich die Mädels und Jungs des Antifabündnisses fragen sollen, wo denn jetzt die ganzen BürgerInnen waren, die man mit konstruktiven Argumenten überzeugen wollte. Ergo: Nicht verstanden hat man im Antifabündnis, dass mit dem Aktivbürger aus der Fanmeile keine Revolution zu machen ist. Und dass man nicht umhin kommt, auf seiner linksradikalen Insel zu verweilen, solange der Rest der Republik von schwarz-rot-goldenen Freudentränen überschwemmt ist. Dann doch lieber „überhebliches Gebaren“. Und der AK Maifeuer? Immerhin vollzog dieser nicht den fatalen Fehler, sich einzureden, dass Schweinfurt bunt sei:
„Dem völ­ki­schen, stand­ort­na­tio­na­lis­ti­schen Kon­sens der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ist die Vi­si­on einer klas­sen­lo­sen und be­frei­ten Ge­sell­schaft ent­ge­gen­zu­stel­len.“
Dennoch stellt sich auch hier die Frage, weshalb man mir nur zum Anlass eines Naziaufmarsches ein Flugblatt mit solchem Pathos in die Hand drückt, weshalb man auch hier die Nazis benötigt, um als antinationale AktivistInnen auf den Plan zu treten? Und schließlich entkommt auch der AK Maifeuer nicht dem Dilemma Nummer zwei: Nur, weil man sich auf die Kritik beschränkt und ansonsten wenig zur erfolgreichen Blockade tut, ist noch nichts darüber ausgesagt, wie man den Kampf „Um’s Ganze“ zu führen gedenkt. Dies soll nicht bedeuten, dass Kritik nicht für sich alleine stehen kann. Aber der AK Maifeuer ist zu einem „antifaschistischen Event“ auf den Plan getreten und muss sich, da der autonome Antifaschismus stets mit der Praxis verwoben bleibt, daher die Frage gefallen lassen, wie denn ihre Kritik mit der Praxis zu versöhnen ist.
Abschließend stelle ich die Frage, ob das Label „Antifa“ noch immer eine sinnvolle Klammer ist, um gewisse Personen unter einem Dach zu vereinen. Solange man sich noch nicht einmal darin einig ist, dass eine „Schweinfurt-Ist-Bunt-Demo“ eine Lüge ist, lohnt es wenig, bei diesem oder jenem Event über das richtige Verständnis von Antifaschismus zu debattieren. Ich plädiere dafür, sich aus dem Linksradikalismus heraus antifaschistisch zu organisieren, statt dem Lifestyleantifaschismus bei diesem oder jenem Event einen linksradikalen Anstrich zu verpassen.
Tja, wieder mehr Fragen als Antworten. Sorry.

Yvonne Hegel

Ein Nekrolog auf die Punkerseite

Nie wieder Klarer mit Orangensaft an der Leonhard-Frank-Promenade

In Würzburg setzt man sich nicht einfach auf diese oder jene Wiese am Fluss. Es war von jeher eine politische Entscheidung, an welchen Plätzen man die warme Jahreszeit verbringen wollte. Niemand, der klar von Verstand und reich an klaren Schnäpsen ist, kann es nur eine Sekunde an den Mainwiesen in der Sanderau oder am Alten Kranen aushalten. Zu unerträglich sind die akademisch Verwahrlosten, die zwischen zwei Proseminaren mal wieder das Jonglieren üben oder mit Proseccofläschchen um sich werfen, wenn mal wieder ein Junggesellenabend ansteht. Sowohl auf den Grünflächen der Sanderau als auch am Alten Kranen haben sich über die Jahre unterschiedliche Szenen angesiedelt, mit denen erlebnisorientierte Jugendliche, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, wenig zu tun haben wollen.
In der Sanderau haust das alternative und sportive akademische Milieu. Man spielt Federball, sitzt auf Batikpicknickdecken oder liest Hermann Hesse. Mensagänger und andere Steppenwölfe führen hier die tödlich langweiligen Gespräche des Nachmittags fort und ab und zu packt jemand die Gitarre aus, um die Anwohner mit dem Liedgut von Manu Chao zu geißeln.
Am Alten Kranen hingegen sitzt derjenige Teil der Studentenschaft, der sich, statt Gerstensaft zu trinken, lieber einen Prosecco hinter die Binde kippt, und am späteren Abend erfolglos versucht, sich rhythmisch zu Musik zu bewegen. Neben dem Homo Freibieriensis findet man am Alten Kranen noch eine schlimmere Spezies Mensch, besonders am Wochenende: Junggesellen auf Abschiedstour. Die unmanierlichen Jungs vom Lande kommen in die große Stadt, um Frauen an den Hintern zu fassen. Der einzige zivilisatorische Lichtblick ist die Tatsache, dass die stockbesoffenen Herrenrunden im Laufe des Abends auf andere aggressive Junggesellenabschiede treffen. Im besten Fall springen ein paar blutige Lippen dabei heraus, im noch besseren Fall muss der Bräutigam die Nacht sogar in der Ausnüchterungszelle verbringen.
Und jetzt hat es die Stadt untersagt, sich weiterhin an der Leonhard-Frank-Promenade zu betrinken. An der einzigen Stelle, die der Hässlichkeit Würzburgs entsprach. Hier spielte man nicht auf der Gitarre, sondern mit dem Feuer. Hier jaulte kein Singersongwriter, sondern Hassi, der Straßenköter. Damit ist es nun zu Ende. Im Spätsommer des letzten Jahres – freilich völlig ohne eine leiseste Vorahnung, dass es der letzte Schweinesuff dieser Art werden würde- besuchte ich das letzte Mal das Ufer am Fuße des Mainviertels. Blicken sie mit mir zurück auf einen typischen Abend an Unterfrankens beliebtesten Punkerstrand.
Eigentlich war es schon bitter kalt am Ende des letzten Septembers. Dennoch kam die fixe Idee auf, mal wieder an den Main zu gehen. Um zehn nach acht standen wir, zur großen Freude der mürrischen Einzelhandelskauffrau, an der Lidlkasse, mit einer Buddel Korn, einer Flasche Klaren und etwas, das vorgaugelte, Orangensaft zu enthalten, bewaffnet. Eine sehr wichtige, wenn nicht die wichtigste, Kulturtechnik, die die Menschheit jemals hervorgebracht hat, ist die Beschaffung von Alkohol zu billigen Preisen. Gerade in den Zeiten kriselnder Weltmärkte ist es unverzichtbar, für unter 3,50 Euro sternhagelvoll zu werden. Neben einigen eher unempfehlenswerten Methoden, die blind machen oder Lähmungserscheinungen hervorrufen können, eignet sich Branntwein vom Discounter. Da es jedoch schwierig ist, das Zeug hinunterwürgen, sollte man den Schnaps stets mit süßen Getränken mischen. Wichtig ist das Mischverhältnis: Bei zwei Teilen Saft und einem Teil Getränk liegt die Schmerzgrenze. Die notwendige Flüssigkeitsmenge richtet sich nach dem Körpergewicht. Lange Rede kurzer Sinn: Wir begaben uns zur Leonhard-Frank-Promenade, um ein paar Freunde zu treffen. Hier und da saßen andere Runden am Main, es roch nach verbranntem Karton, das ein paar Menschen in ihrer Mitte angezündet hatten, um sich Dosenravioli warm zu machen (was selbstverständlich von geringem Erfolg gekrönt war). Einige Menschen spielten Knochenfabrik, Eisenpimmel oder Räuberhöhle auf ihrem Casio, und wie ein gespenstischer Nebel lag ein Klangteppich aus Hundegebell, klirrenden Flaschen und Gegröhle über den finsteren Wiesen. Es klang wie Musik. Wie die Musik eines Orchesters, das keine Musikinstrumente benötigt, da der Sound einer zerberstenden Flasche auf dem Asphalt einen viel schöneren, reineren Klang erzeugen kann. Heute Abend zählte nur die Flucht, nur die Verweigerung gegenüber dem Rest dieser Stadt, nur das Chaos inmitten der verwalteten Welt. Wir saßen und tranken. Obwohl es in dieser Nacht bitterkalt wurde, wärmte uns die hochprozentige Glut. Leonhard Frank wäre entzückt gewesen, hätte er die Räuberbande beobachtet, die von einem Schiff, das am Main seinen Anker gesetzt hatte, einen Kasten Bier vom Deck entwendete. Die prägendste Erinnerung an diese Nacht ist jedoch der junge Ausreißer, mit dem wir Bekanntschaft machten: Er hatte sich ein zerfetztes Sofa vom Sperrmüll organisiert. Er wohnte auf dem Möbelstück, seit Wochen. Das schmucke Einfamilienhaus seiner Eltern war wie eine Gummizelle für ihn geworden. Hier in Würzburg, inmitten der anderen Suchenden, hat er etwas gefunden, das er Freiheit nannte. Trotz des Alkohols bibberte er vor Kälte. Doch irgendwann des Nachts übermannte ihn dennoch irgendwann der Schlaf. Ein Freund von mir holte ihm eine Rettungsdecke aus dem Auto, mit dem wir ihn einpackten.
Da schlief er nun. Wie ein Kind. Sollten wir jemals in einer Welt leben, in der die Guten gewonnen haben, würde eine Statue an den jungen Ausreißer aus Mittelfranken erinnern. Denn er und die anderen zweifelhaften Gestalten am Main standen für eine Freiheit, die diesen Frühling verboten wurde.
Leonhard-Frank-Promenade: Es war schön mit dir. Ruhe in Frieden.

Von Hunter S. Heumann

Kann man denn nicht mal mehr in Ruhe seine Bratwurst essen?

Es hätte alles so schön werden können. Die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen. Mein träger, unförmiger Körper lechzte nach irgendeiner Art von Bewegung. Selbstverständlich denke ich dabei nicht an sportliche Aktivitäten. Es ist das alte Dilemma, das meine Lust auf frische Luft schmälert: Der Winter ist mir viel zu kalt und der Sommer viel zu warm. In einer solchen Jahreszeit schließen mein Hunger und mein spärlicher Bewegungsdrang aber einen Kompromiss: Ich laufe ein paar Schritte. Dies ist gut für die Gesundheit, sagt man ja. Ich laufe zum Bratwurststand am Markt und esse ein paar Geknickte Mit Senf. Das macht satt, sagt man ja.
Es hätte alles so schön werden können. Wurde es aber nicht. Im Moment des Verzehrs der vier Bratwurstbrötchen, die ich zur Sättigung benötige, habe ich mir in den Jahren meinen eigenen Freiraum geschaffen. Alle Gedanken drehen sich in diesem Moment nur um das köstliche Schweinefleisch. Alle Sorgen existieren in diesem Augenblick für mich nicht. Die Welt steht still. Keine störenden Menschen, keine Politik, ich filtere alles aus. Lasse das Chi fließen. Es gibt nur mich und die Schweinsbratwurst. Manche machen Joga, ich verschlinge ein Stück Fleisch um meine innere Ruhe zu finden. Zwar war mir das Brötchen, das eine fettige geknickte Bratwurst in seinem Herzen trägt, wie immer vergönnt. Bei der zweiten Geknickten blieb mir aber die Wurst im Halse stecken. Durch meinen Raum der Idylle trampelte eine politische Demonstration. Mit einem Banner. „Ihr seid nicht vergessen!“ stand darauf. Ein Soldatengedenken zu Afghanistan. Viele Deutschlandfahnen. Alberne Korporierte. Der Aufmarsch kam einer Kriegserklärung gleich. Niemand, absolut niemand hat das Recht, mich beim Essen zu stören. Und schon gar nicht zu einem Thema, das weder mich noch den Rest der Leute an ihrem Einkaufssamstag interessiert. Am liebsten hätte ich laut geschrien, aber mein Mund war voll. Am liebsten hätte ich die Veranstaltungsteilnehmer vollgekotzt, aber dafür war mir das Essen zu schade. Ich kaufte hastig eine dritte Geknickte Mit und folgte dem Zug zum Vierröhrenbrunnen, um die Veranstaltung auszumischen.
Und genau hier wendete sich das Blatt. Auf der Schlusskundgebung am Brunnen lauschte ich den Worten des Veranstaltungsanmelders Torsten Heinrich und wurde nachdenklich. Nicht etwa, weil ich mich auf einmal für die Bundeswehr interessierte. Sondern weil mich die Rede von „Opferbereitschaft“ und „Solidarität“ an die vielen süßen Schweinchen erinnerte, die ich in den Jahren verschlungen hatte. Tausende Schweine, die für mich ihr Leben gelassen hatten. Und nie zuvor war ich ihnen so dankbar gewesen wie an diesem warmen Frühlingstag. Welche großes Opfer sie doch erbrachen, damit ich satt werde. Ich lauschte den Worten Herrn Heinrichs, doch in meiner Vorstellung sprach er zu den Schweinen, denen ich doch dankbar sein musste, dass sie mich stets satt gemacht haben. Und so nahm ich die Worte der Rede zwar wahr, aber dichtete sie in meinem Kopf für die Schweine um. Und auf einmal wusste ich, warum auch ich zu gedenken hatte:

Ich war hier, um ein Zeichen der Solidarität zu den Schweinen zu schicken. Solidarität nicht für die Schweine als solche, zu denen jeder anders steht, sondern Solidarität für ihre erbrachten Leistungen. Weit weg vom heimischen Stall, immer wieder unter Bolzengerätebeschuss im Schlachthof, außerhalb des Lagers durch verseuchtes Tiermehl oder die Schweinegrippe bedroht, befinden sich die Schweine und Eber in einer Ausnahmesituation, die wir uns am Bratwurststand kaum vorstellen können.Während ich morgens aufstehe und die Nachrichten bei einem guten Mettbrötchen lese, werden einige Kilometer weiter Schweine geschlachtet, damit ich sie essen kann. Während ich hier stand, waren viele unserer Hausschweine gerade in diesem Moment weit weg von zu Hause einer permanenten Bedrohung ausgesetzt. Diese sollen wissen, dass wir an sie denken, hinter ihnen stehen und sie in unseren Mägen bei uns sind. Sie sollen wissen, dass sie als Schweine, sie als Fleisch- und Wurstwaren mehr Rückhalt in der Gesellschaft haben als sie manchmal gezeigt bekommen, auch wenn ihr Einsatz heftig umstritten ist und von vielen Tierfreunden abgelehnt wird. Ob wir es wollen oder nicht, ob wir den Einsatz unterstützen oder nicht, die Schweine haben ihr Leben bei einem Einsatz gegeben, der in unserem Magen endete. Ungeachtet der Frage unserer eigenen Haltung, die Schweine gaben ihr Leben als Qualitätsfleisch der Bundesrepublik Deutschland. Sie waren Zuchtschweine, ja, doch das darf uns kein Grund sein, ihnen die Verantwortung ihres Schicksals zuzuschieben, erfüllten sie doch ihre Pflicht in unserem Namen, dem des hungrigen Bürgers. Im Namen aller deutschen Bratwurstesser.

Tränen kullerten meine Wange hinunter. Ich sang statt „ich hatt‘ einen Kamerad“, das auf der Trompete gespielt wurde, lieber „drei Schweine saßen an der Leine“. Es störte niemanden. Ich muss Torsten Heinrich danken, dass ich an seinem Gedenkmarsch teilnehmen durfte. Er bescherte mir einen der emotionalsten Augenblicke in meinem Leben. Daher kann ich nur danke sagen. Danke. Und quiekquiek.

Hunter S. Heumann

Frieden? Dass ich nicht lache!

Die Linkspartei hat kein Antisemitismusproblem. Sie ist selbst das Problem.

Von Jörg Finkenberger

Am 19.7.2010 veranstaltet die Linkspartei in Würzburg einen Vortrag, auf dem eine ihrer Bundestagsabgeordneten Propaganda gegen Israel macht. Zu etwas anderem ist die Linkspartei zwar nicht gut; in jeder anderen Hinsicht ist jedenfalls in Würzburg absolut nichts von ihr zu hören; ich weiss nicht, vielleicht gibt es ja auch keine anderen Dinge, die sie interessieren; aber eine Veranstaltung gegen Israel ist für diesen Verein immer gut, sowas zieht ja komischerweise immer. Warum bloss?

1
Die Bundestagsabegordnete, eine herzlich unwichtige Person, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, war an Bord eines Schiffes namens „Mavi Marmara“, mit dem eine sog. Hilfsorganisation namens IHH, eine Organisation von Islamisten in der Türkei, versucht hat, die israelische Seeblockade vor Ghaza zu durchbrechen.

In Ghaza herscht, seit einem innerpalästinensischen Bürgerkrieg, die Hamas. Ihre Regierung erkennt Israel nicht an und befindet sich im Kriegszustand mit diesem Staat. Israel versucht seither, in Zusammenarbeit mit Ägypten, die Aufrüstung der Hamas-Regierung zu unterbinden. Zu diesem Zweck gibt es im internationalen Recht das Instrument der See-Blockade.

Eine Seeblockade besteht darin, dass alle eingeführten Güter danach kontrolliert werden, ob sie kriegsverwendbar sind. Diese dürfen beschlagnahmt werden, auch bei Schiffen, die unter neutraler Flagge fahren, und auch in internationalen Gewässern. Das ist nach allegemeiner Ansicht zulässig, ausser bei einem gewissen hamburger Fachhochschuldozenten, der zu Unrecht für einen Experten des Internationalen Rechts gilt, namens Norman Paech, und selbst nach dessen Meinung ist so etwas offenbar nur dann unzulässig, wenn Israel das tut.

Dieser Herr Paech hat irgendwann Verwaltungsrecht gelehrt und hält sich deshalb für einen Völkerrechtler; als Deutscher ist er sowieso allzuständig; und weil er etwas gegen Israel hat, wird er seit langer Zeit für einen Linken gehalten. Er sitzt denn auch dort, wo er hin gehört, in der Fraktion der Linkspartei im Bundestag, und war natürlich auch an Bord der „Mavi Marmara“.

2
Die Seeblockade hat aber noch eine Eigenheit: sie ist nur dann zulässig, wenn sie „effektiv“ ist, das heisst, wenn sie ausnahmslos durchgesetzt wird. Das Internationale Recht zwingt also den israelischen Staat, entweder zuzulassen, dass der Iran aus Ghaza einen schwerbewaffneten Vorposten macht, oder aber die Seeblockade konsequent und auch über die Schiffe neutraler Staaten durchzuhalten. Und genau an dieser Schwachstelle setzt die Geschichte an.

Hätte Israel das Schiff durchgelassen, wäre die Blockade unrechtmässig geworden. Israel hätte dann kein Recht mehr gehabt, iranische Rüstungslieferungen zu verhindern. Wusste das eigentlich Norman Paech, der Völkerrechtler? Nach seinen Schriften zu urteilen, versteht er von diesem Fach nicht besonders viel (eigentlich gar nichts), aber konnte es sogar ihm verborgen bleiben, wass er da tat?

Ein Schiff, das mit Unterstützung der türkischen Regierung, und mit deutschen Bundestagsabgeordneten an Bord versucht, eine Seeblockade zu brechen: das hätte man auch anders nennen können, nämlich Intervention. Zwei Regierungen, nämlich die türkische und die deutsche, die zuvor neutral waren, greifen in den Krieg zwischen Israel und der Hamas-Regierung ein, und zwar auf Seiten der Hamas.

Die deutsche Friedensbewegung hat ihre Absicht kundgetan, in einen bewaffneten Konflikt einzugreifen. Und zwar natürlich gegen Israel. Und diese Schande für die deutsche Linke muss nun natürlich gefeiert werden. Die beteiligten Bundestagsabgeordneten müssen jetzt im ganzen Land herumreisen, um sich für ihren Mut feiern zu lassen, und allen erzählen, dass sie sich „wie im Krieg“ gefühlt haben.

Ja zum Teufel, meine Damen und Herren, wo meinen Sie denn, dass Sie gewesen sind? Sie waren doch im Krieg! Sie haben an einer Kriegshandlung teilgenommen! Sie haben die Intervention der Türkei in den Konflikt um Ghaza vorbereitet! Nicht als Kombattanten natürlich, sondern eher in der etwas dümmlichen Rolle des nützlichen Idioten, oder auch des lebenden Schutzschilds.

Sie kommen tatsächlich aus dem Krieg, aber Sie waren auf der Seite derer, die ungerufen in den Krieg interveniert haben, oder, wie man auch sagt, der Aggressoren. Und jetzt erzählen Sie mit Leidensmiene, wie schlimm alles war. Friedensbewegung? Mein Arsch!

3
Und was ist denn passiert auf der „Mavi Marmara“? Wissen Sie es? Sie waren, gut versteckt, auf dem Unterdeck. Man hat Sie benützt, Ihre parlamentarische Funktion und Ihren idealistischen Unverstand, aber als Zeugen hat man Sie natürlich nicht gebraucht. Und Sie haben sich auch gerne dazu hergegeben.

Die israelische Armee hat das Schiff geentert, das weder beidrehen noch sich der Kontrolle unterziehen wollte. Dass das passieren würde, musste jedem klar sein, denn damit steht oder fällt die Blockade. Das musste auch den Aktivisten der deutschen „Friedens“-Bewegung klar sein, vor allem ihrem so ungemein fähigen Herrn Professor.

Und man hätte auch wissen können, dass die israelische Armee nie wieder, unter keinen Umständen, zulassen kann, dass ihre Soldaten als Geiseln genommen werden. Haben Sie dagegegen protestiert, dass die gefangenen israelischen Soldaten unter Deck gebracht wurden? Haben Sie vielleicht sogar gegen den völlig aussichtslosen Versuch, gewaltsam Widerstand zu leisten, protestiert, der nur sinnlos Menschenleben gefährden würde?

Nein, ich vergesse, Sie hatten sich ja schon vorsorglich in den VIP-Bereich verbringen lassen, um solcher moralischer Skrupel enthoben zu bleiben. Stimmt es übrigens, dass sie hingenommen haben, nach Geschlechtern separiert zu werden?

Die israelische Armee hat 9 sogenannte Friedensaktivisten getötet, um ihre eigenen Leute zu befreien, die von diesen „Friedensaktivisten“ gefangengenommen worden waren.

Es ging übrigens nie um zivile Hilfsgüter, die nach Ghaza gebracht werden sollten, sondern nach den Worten der Organisatoren von der IHH genau um den Bruch der Blockade. Die Ladung wurde anschliessend in Ashdod ausgeladen und die zivilen Hilfsgüter von Israel auf dem Landweg zur Grenze nach Ghaza gebracht; wo die Hamas-Regierung sich weigerte, sie zu übernehmen. Weil sie sie nicht haben wollte. Der Rest ist Propaganda.

Was für eine Schande für deutsche Linke, was für eine unendliche Schande, an dieser Aktion teilgenommen zu haben. Nach allem, was man schon gesehen hat, ist das nocheinmal ein weiterer Tiefpunkt.

4
Ist diese Partei und das Milieu, das sie trägt, eigentlich zu irgendetwas gut? Die grösste Krise des Kapitals seit 1929 ist ausgebrochen; furchtbare neue Kriege stehen am Horizont; die Frage des Überlebens der Menschheit stellt sich in einer furchtbaren neuen Weise. Wenn die Linkspartei auch nur ein bisschen ein Teil der Lösung wäre, und nicht selber ein Teil des Problems, müsste man ihr vorwerfen, in jeder einzelnen Hinsicht katastrofal versagt zu haben.

Da sie aber wirklich nichts ist als eine Kraft der Regression, eine im Wortsinn reaktionäre Kraft, muss man ihr zuerkennen, dass sie alles richtig gemacht hat. Wenn die Geschichte der Menschheit einer Eisenbahn zu vergleichen ist, die auf den Abgrund hinführt, dann braucht es genau solche – nun, nicht Zugführer, aber Servicekräfte.

Mitten in dieser Krise, mit der wieder heraufzukommen droht, woran man bei der Krise von 1929 als erstes denkt, wissen sie nichts besseres anzufangen als Propaganda gegen Israel zu machen. Ja mehr noch: die Kriegspropagande und sogar die Kriegshandlungen der proiranischen Allianz, zu der seit neuerem die Türkei dazugekommen ist, nach besten Kräften zu unterstützen.

Das nennt man ja nicht mehr Antisemitismus, sondern Israelkritik; und ich mag gar nicht mehr fragen, ob irgendjemanden auffällt, wie ausgiebig, ja manisch Israel kritisiert wird, und wie selten etwa Uganda (das liesse sich mit guten Gründen machen). Und ich will auch nicht mehr fragen, was für Gründe das hat.

Die Linkspartei, die keine grösseren Sorgen hat als das, was Israel alles tut oder nicht tut, zwingt mir auf, diese Frage präziser zu stellen: entweder ist Israel tatsächlich das grösste Problem, dass die Menschheit hat (und ich weiss zufällig, dass das nicht so ist), oder die Linkspartei bildet sich das nur ein. Wie nennt man aber ein Denken, dass sich einbildet, ausgerechnet vom jüdischen Staat Israel (und nicht etwa von z.B. Uganda) ginge eine ungeheuere Bedrohung der Menschheit aus?

Diese Partei, dieses Milieu ist heute nicht nur mehr zu nichts gut, sondern in seiner idealistischen Mischung aus Unverstand und Ressentiment direkt gefährlich.

Mal etwas anderes.

Selten gab es einen solch emotionsgeladenen Polizeibericht wie am vergangenen Freitag, weil es mittlerweile zu mühselig ist, über diese Schrott-WM noch zu berichten, darf man sich an dieser Stelle klammheimlich über die journalistische Meisterleistung der unterfränkischen Polizei verachtend und zugleich begeistert zeigen.

Ernüchterung nach WM-Niederlage – Lust am Feiern vergangen

UNTERFRANKEN. Die unerwartete WM-Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft hat bei den Fans deutliche Spuren hinterlassen. Mehrere Tausende hatten sich bei Public-Viewing-Veranstaltungen eingefunden und mussten an den Bildschirmen miterleben, wie die Mannen um Bundestrainer Löw auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurden. Nach der 0:1 Niederlage traten die meisten Fans mit hängenden Köpfen den Nachhauseweg an. In Aschaffenburg und Würzburg ließen sich etwa 500 Unentwegte durch den Sieg Serbiens die Feierlaune nicht verderben. Dabei blieb es bislang friedlich. Lediglich in Würzburg musste die Polizei wegen einer Sachbeschädigung und einer Körperverletzung Anzeige erstatten.

Nach dem überzeugenden Auftaktsieg der deutschen Fußballer am vergangen Sonntag hatten die Fans bereits für einen weiteren Erfolg ihrer Kicker gerüstet. Die Public-Viewing-Veranstaltungen in den unterfränkischen Metropolen erfreuten sich am Freitag erwartungsgemäß eines großen Zuspruchs. Bei der größten Veranstaltung in den Würzburger Posthallen mussten schon zu früher Stunde die Pforten wegen Überfüllung geschlossen werden. Fast 3.000 Fußballbegeisterte hatten sich dort vor der Großleinwand versammelt. Auch im Kickersstadion verfolgten wieder etwa 1.500 Besucher die Übertragung aus Südafrika, die diesmal allerdings so gar nicht nach dem Geschmack der deutschen Anhänger ausfiel. Während sich nach dem Schlusspfiff die Veranstaltungsorte wegen des enttäuschenden Ergebnisses schnell leerten, ließen sich etwa 300 – 400 Personen die Feierlaune durch die Niederlage nicht verderben. Sie trafen sich – wie üblich – in der Sanderstraße, wo es zwar lautstark aber zumeist friedlich zuging.

Allerdings wurden drei Jugendliche vorläufig festgenommen, nachdem sie in der Innenstadt ein Mofa beschädigt hatten. Außerdem muss gegen einen 16- und 52-Jährigen Anzeige wegen Körperverletzung erstattet werden. Der Jugendliche war mit einer serbischen Flagge in der Kaiserstraße unterwegs, als dort der Mann laut Zeugenaussagen an seiner Fahne zog und ihm eine Ohrfeige versetzte. Dies beantwortete der junge Fußballfan mit einem gezielten Faustschlag, der den Erwachsenen zu Boden streckte. Der 52-Jährige wurde in eine Klinik eingeliefert.

In Aschaffenburg hatten sich insgesamt ca. 2.500 Menschen bei den bekannten Public-Viewing-Veranstaltungen getroffen. Aber auch hier stand den Fußballfans nach dem Abpfiff der Sinn nicht so recht nach Feiern. Wie in anderen Städten leerten sich die Örtlichkeiten ziemlich schnell. Allerdings fuhren trotzdem vereinzelt Autos hupend durch die Stadt, was jedoch zu keinen größeren Behinderungen führte. Etwa 200 Unentwegte trafen sich nach dem Spiel am City-Kreisel, wo es jedoch bislang friedlich geblieben ist.

In Schweinfurt, wo es bei dieser Fußball-WM keine Großveranstaltung am Marktplatz gibt, versammelten sich die Fußballfans in zahlreichen Gaststätten und auch im Rathausinnenhof, um gemeinsam einen deutschen Sieg zu bejubeln. Als der dann ausblieb, machten sich die Fans enttäuscht aber friedlich auf den Weg nach Hause. Sicherheitsstörungen wurden den Polizeikräften in Schweinfurt nicht bekannt.

Auch in den anderen Städten und Gemeinden in Unterfranken, in denen sich Anhänger der deutschen Fußballnationalmannschaft getroffen hatten, um einen zweiten Sieg ihrer Fußballhelden gebührend zu feiern, blieb es nach der unerwarteten Niederlage friedlich und ruhig.

Viktoria Simshäuser (neun7),

stilblühender als Sie hat wohl noch niemand zum Ausdruck gebracht, was sich die deutsche Frau der 50iger von heute zu wünschen scheint.
Im Editorial zur aktuellen Ausgabe des Unterfränkischen Magazins für Lifestylelandwirte schreiben Sie, es herrsche im weiblichen Teil der Redaktion blanke Vorfreude „..auf Verlängerungen, die Jungs zu Männern werden lassen“. Früher eine Kriegsverletzung oder Schwielen an den Händen, heute ist’s wohl eher der Kreuzbandriss, der den Mann zum echten Mann macht.
Zum Glück hat das Alphafußballmännchen zuhause seine bessere Hälfte, die das Haus hütet. „Die WM weckt die Spielerfrau in uns“. Stricken Sie auch schon Schwarz-Rot-Goldene Söckchen für den Nachwuchs?
Die Frauen im neun7-Team tragen „Ballack im Herzen“, obwohl er ja dieses mal überhaupt nicht mitspielt, „aber für uns zählt eben nicht nur aufm Platz“. Nein Frau Simshäuser, für die Frau an sich zählt natürlich nicht nur die Leistung im Beruf, sondern auch der treusorgende Mann zuhause.
An der karriereorientierten Zielgruppe ihres Magazins sind Sie mit diesem Editorial aber meilenweit vorbeigedriftet. Hausfrauen lesen lieber die Neue Revue.

Ihre Emanzipationsbeauftragten vom Letzten Hype.

Dokumentation der K-Gruppen in Würzburg

Verdammt, da hat sich jemand ziemlich viel Arbeit gemacht, um die Geschichte der K-Gruppen, selbst in Käffern wie Würzburg, zu dokumentieren:

Mao Projekt

Würzburg und seine Denkmäler

Dass Städte wie Würzburg übersät sind mit Denkmälern, die erst eine Diskursakrobatik aller erster Güte vom Vorwurf befreien könnte, die völkisch-nationalen Geister der deutschen Ideologie zu beschwören, ist nichts Neues. Darauf machte unlängst auch Berthold Kremmler aufmerksam.

Ein weiteres Beispiel, neben dem Studentenstein, der Pilgerstätte des deutschnationalen Teils der Studentenschaft, ist das Jahn-Denkmal, das dem Vordenker des deutschen Antisemitismus, Friedrich Ludwig Jahn, gewidmet ist.

Nie, nie, nie wieder Deutschpunk!

Ja, am Wochenende war es mal wieder soweit. Nazis marschierten durch Unterfranken, und die Antifas haben mal wieder ein wenig Sport getrieben.
Im Hype #14 wird es einige Reflexionen geben. Bis dahin müsst ihr Euch mit folgendem Text begnügen, den wir im Netz gefunden haben (auch wenn sich die Frage stellen lässt, ob die Produktion eines solch langen Textes die Mühe wirklich wert war):
Maifeuer.

Eure Yvonne Hegel

In Würzburg, wo man das dicke Geld macht

Big Business in Wü-Town. Vergessen Sie alles, was man Ihnen über die große Stadt erzählt. Das dicke Geld macht man in Würzburg und nicht in Berlin, wissen etliche Exil-Würzburger (zu circa 2:20 spulen, falls man sich das ganze Video nicht angucken möchte):

Besetzung Café Jenseits Berlin und O-Ton.

Der Preis für junge Kultur der Stadt Würzburg

geht u.a. an Joachim Schulz, dem ehemaligen Vorsitzenden des akw und wahrscheinlichem Pächter des Geländes, sowie Betreiber der Posthallen. Wir nehmen das zunächst einfach einmal zu Protokoll, ohne es weiter zu kommentieren. Zunächst jedenfalls.

Zur Pathologisierung des Alkoholkonsums

Es gab Zeiten, in denen das Trinken zu den normalen Reproduktionsvorgängen, ganz so wie Kinogänge, Currywurstessen oder Theaterbesuche, gehörte.
Heutzutage gehört der öffentliche Konsum von alkoholischen Getränken zu den gesellschaftlichen Abnormalitäten. Politische Repräsentanten zählen das Unterbinden des öffentlichen Trinkens zu den Aufgaben einer umfassenden Sozialdisziplinierung.
Die Berichterstattung der Mainpost, in diesem Beispiel Holger Welsch, ist dafür bekannt, seine Sprache kritiklos- bewusst unbewusst- dem Zeitgeist anzugleichen. Und so schreibt man in der Mainpost natürlich von der

„Trinkerszene“.

Es ist erstaunlich, wie Begriffe benutzt und mit den Trinken in Verbindung gebracht werden. Zerlegen wir das Wort in seine Einzelteile.
Zu einem „Trinker“ wird bereits derjenige, der auf einer Wiese ein Bier trinkt. Wer als „Trinker“ bezeichnet wird, gilt als suchtkrank.
Zum zweiten Teil des Wortes: Menschen, die auf öffentlichen Plätzen Alkohol trinken, gehören also bereits zu einer „Szene“, die sich isoliert von der gesunden und deshalb bis ins hohe Alter arbeitsfähigen Mehrheitsgesellschaft bewegt. Ähnlich einer beliebigen anderen gesellschaftlich geächteten „Szene“, etwa der Heroinszene.
Zusammengesetzt als Trinkerszene trägt die Mainpost die Pathologisierung des öffentlichen Alkoholkonsums von der politischen Sphäre an den Frühstücktisch seiner LeserInnen.

Prost!
Euer Benjamin Böhm

Zitate, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte III

Die Aufwertung der Zellerau konnte offenbar erst durch die Schließung des AKWs verwirklicht werden. Oder irgendwie so….
Holger Welsch in der Mainpost:

Würzburgs ältester Stadtteil hat sich in den letzten Jahren schließlich schwer gemacht: Schöne neue Wohnungen, das neue Kletterzentrum, neue Geschäfte, das neue DJK-Stadion, die Schließung des AKW und und und . . .“

Zur Kritik der Langeweile II

In den vergangenen Tagen lösten die Ergebnisse einer dpa-Studie Bestürzung aus – in den Medien, der Politik und erst recht in unserer kleinen Arbeitsgruppe zur empirischen Erforschung der Langeweile in Würzburg (AG EEL). „Das Komatrinken unter Jugendlichen ist vor allem in mittelgroßen Städten verbreitet – besonders in Bayern“, lautet das ernüchternde Fazit.
Unsere Analysten stürzten sich umgehend auf die Datenkolonnen, schließlich ist neben der Videotheken-Rate der Koma-Index der wichtigste Faktor für die Messung der Langeweile. Es stellte sich allerdings heraus: Die Daten sind alles andere als berauschend. So finden sich unter den 15 komatösesten Städten neun bayerische. Bundesweiter Spitzenreiter ist demnach Bamberg, Hof liegt auf Platz drei, Nürnberg auf zwölf, Schweinfurt auf 13. Es wurden unsere schlimmsten Ahnungen vom Stand der Langeweile in Würzburg erneut empirisch bestätigt: Würzburg taucht in der Liste überhaupt nicht auf.
In unserem Institut meinten wir bis dato, in teilweise heftigen Beschwerden seitens der Polizei oder gewisser Bürgerinitiativen über jugendliche Trinker einen Hoffnungsschimmer für diese Stadt zu erblicken. Jetzt zeigt sich: Es waren schamlose Übertreibungen.

Ach, mit eurem ganzen Würzburg
Wird nie ein Mensch glücklich werden
Weil zu viel Ruhe herrscht
Und zu viel Eintracht
Und weil’s zu viel gibt
Woran man sich halten kann
(B. Brecht)

Neues aus dem völkischen Dickicht- die Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg

Über die Ursachen kann man nur spekulieren, jedenfalls steht fest:

Der Versuch, die Burschenschaft Libertas, angesiedelt im Rechtsaußenspektrum des Burschenschaftsspektrums, in Würzburg zu etablieren, ist aufgegeben worden.
Stattdessen vereinten sich die Liberten mit der Prager Burschenschaft Teutonia zu Regensburg, die durch einen Mangel an aktiven Studenten in den letzten Jahren wohl fast ausgestorben wäre. Und et voila: Die Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg ist da.
Haben sie schlau gemacht, die Kameraden aus der Burschenschaft Libertas: denn durch eine Vereinigung mit der Prager Burschenschaft haben sie in kurzer Zeit Vieles von dem erreicht, was ansonsten Jahre gedauert hätte: Sie sind in der Deutschen Burschenschaft. Sie können in einem Kartell gleich die alten großdeutschen Freundschaften der Prager pflegen, ohne mühsam neue Verbindungen schmieden zu müssen.
Und sie sind auch gleich in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft. Burschenschaftliche Gemeinschaft? Genau, dass ist jener völkische Think-Tank aus deutschen und österreichischen Burschenschaften, gegen den selbst die Deutsche Burschenschaft noch progressiv wirkt und die kein Problem damit hat, dass fünf ihrer deutschen Mitgliederbünde wegen ihrer rechtsextremistischen Tendenzen vom Verfassungsschutz überwacht wurden oder werden. Oder um es mit ihren Worten zu sagen: „Weiterhin unterstützt die Burschenschaftliche Gemeinschaft den volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff ohne Rücksicht auf staatliche Gebilde und deren Grenzen.“

Und die Prager Burschenschaft Teutonia selbst? Lud auf ihr Verbindungshaus in Regensburg den rechtsextremen Schriftsteller Jürgen Schwab, Brigadegeneral a.D. Reinhard Günzel („Ich erwarte von meiner Truppe Disziplin wie bei den Spartanern, den Römern oder bei der Waffen-SS“), den Neuen Rechten Götz Kubitschek und einen alten bekannten, Hannes Kaschkat, den schon die Freunde von den Adelphen zum Thema „Berufsfreiheit und Staatskontrolle (am Beispiel Danubia München und Sascha Jung)“ eingeladen haben. Die Homepage der Burschenschaft Teutonia lässt tief blicken, wobei wir hier nicht auf jeden Rotz eingehen mögen. Dass hier am deutschen Opfermythos gebastelt wird, wenn die Geschichte der Teutonia in Prag als Leidensgeschichte unter dem tschechischen Nationalismus dargestellt wird, ist nur eine der unzähligen Gruseligkeiten. Es ist nicht davon auszugehen, dass ein Bursch klug wird. Für alle anderen ein Buchtipp., der sich mit den Gräuel der deutschen Vernichtstungselite in Tschechien auseinandersetzt. Und unter ihrem Grundsatz folgendes Gedicht:
„So höre denn, ans Sterben
mahnt Dich der schwarze Rand.
Du sollst den Tod nicht scheuen
fürs deutsche Vaterland!“

Nun denn, viel Spaß dabei. Ein Verbindungshaus in Würzburg haben sie übrigens noch nicht, im Moment wird noch das Verbindungshaus der Burschenschaft Cimbria in der Huttenstraße genutzt. Es wird sich zeigen, ob die Nutzung des Hauses nur vorübergehend bleibt, oder die Cimbria der neuen Burschenschaft, aufgrund des Fehlens von aktiven Studenten, das Haus dauerhaft zur Vergügung stellen.
So, genug Zeilen darüber verschwendet.

Man darf gespannt sein, welche geistigen Ergüsse sie vollbringen werden, die Füxchen, Bürschchen und alten Herrchen. Die akademische Schnittstelle von deutschem Konservativismus und völkischem Rechtsextremismus hat nun einen Namen: Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg.

AK Kritische StudentInnen

P.S: Auch wenn wir manchmal nicht wissen, ob wir lachen oder weinen sollen, hier noch ein studentischer Brauch namens „Ledersprung“, der auf der Homepage der Teutonen präsentiert wird und der beispielhaft für die lächerliche Ernsthaftigkeit steht, mit denen Korporierte ihren Traditionen nachgehen. Wer kann das hier bitte schön ernst nehmen:

„Der Ledersprung ist auch heute noch Teil des Aufnahmerituals in den Bergmannsstand. Nach Beantwortung von vier Fragen leert der Anwärter ein Glas Bier und springt von einem Bierfass herab über ein „Arschleder“, das von zwei Bergleuten gehalten wird.“

Weitere Infos zu den Korporationen in Würzburg:
Würzburger Verbindungswesen I
Würzburger Verbindungswesen II
Würzburger Verbindungswesen III
Würzburger Verbindungswesen IIII
http://letzterhieb.blogsport.de/2009/01/30/zur-neuen-wuerzburger-burschenschaft-libertas/

16. März: Studenten räumen wuerzburg-brennt.de

Hahaha:

Nun jährt sich der Jahrestag der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945. Am Abend des warmen Vorfrühlingstages verwandelten Flugzeuge der Royal Air Force mittels Brandbomben die Stadt in ein loderndes Inferno. Damit folgten sie der strengen und unmenschlichen Logik eines Krieges, den ein Denken entflammt hatte, das sich auf die Einteilung der Menschheit in ein Besser und ein Schlechter stützt. Die Konsequenz aus dieser Selbstherrlichkeit legte Europa in Schutt und Asche.
Für Würzburg hieß das, dass die gesamte Innenstadt und große Teile der Außenbezirke zerstört wurden, dies überwiegend durch Brände. Vom “Grab am Main”, das die Amerikaner eigentlich als Mahnmal zerstört stehen lassen wollten, kann man heute eine Ahnung bekommen, wenn man in den zahlreichen Bildbänden blättert, Zeitzeugenberichte liest oder – sehr bewegend – hört. Am Abend des 16. März läuten alle Jahre sämtliche Kirchenglocken der Stadt und vorm Dom versammeln sich Menschen, um der Opfer zu gedenken.

Die protestierenden StudentInnen wollen auf keinen Fall den Eindruck erwecken, sie würden die Gefühle der betroffenen Menschen oder das Gedenken an die schwärzeste Stunde der Stadt achtlos mit Füßen treten. Deswegen wird die Internetadresse ab sofort www.bildungsprotest-wuerzburg.de lauten. Die bisherige Adresse www.wuerzburg-brennt.de wird aus organisatorischen Gründen bis auf weiteres ebenfalls erreichbar sein.

Konsequent. Die etwas grossmäulige Überschrift war sowieso immer eine Nummer zu gross für die studentischen Leisetreter.

Ein kostenloses und absolut unverlangtes Bekenntnis, dass man nichts gegen diese Gesellschaft hat, die nichts anderes ist als die Nachkriegs-Version der nationalsozialistischen Kriegsmaschine, zu der ihre Voreltern sich selbst gemacht haben; indem man sich vor den Leiden verbeugt, die diesen Voreltern dadurch entstanden sind.

Wie überaus feinfühlig. Und wie anrührend, dass sie jetzt endlich einmal begriffen haben, wer sie sind.

Wie bewegend übrigens, sich „Zeitzeugen“ anzuhören. Fragt eure würzburger Gewährsleute doch auch mal, was mit den Juden passiert ist. Ihr werdet unter ihnen übrigens auch keinen finden, der Nazi war. Das alles weiss jeder Mensch. Wäret ihr in eurer grossen Feinfühligkeit auf die Idee gekommen, euren Blog wegen der Pogromnacht im November umzubenennen? Und warum eigentlich nicht?

Hätte ihnen übrigens gutgetan, sich mal mit der Rolle der Studenten bei der Durchsetzung des Nationalsozialismus zu befassen. Hätte man über die Rolle der Studenten in der Gesellschaft nachdenken können, dabei. Hat mit der Wirklichkeit der heutigen Studenten nichts zu tun? Aber der 16. März hat? Heuchler seid ihr keine, aber was viel ekelhafteres.

Hören und Schmecken

Hören und Schmecken
Die Seite für moderne Kultur

Heute: Die In- und Retrospektive Kochkolumne

Ja. Aua! Der Herr Redakteur hat einen Kater. Halt wirklich; ja, und er hat einen lichten Moment – zumindest kurz gehabt. Weil: Gestern Nacht ist er dem ehrwürdigen Vater, Kardinal Ratz- äh seiner Merkwürden, Johannespaul Zwo über den Weg gelaufen. Der hatte seinen rubinroten Ring verloren gehabt und forderte das dumme Ding im (sehr) kurzen Stewardessenkleidchen auf, sich an der Suche zu beteiligen. „Bück dich…“ „Aber ihro Durchlaucht“ hob ich an. „Hier geht doch alles durcheinander“. Nun, da stand ich also zwischen den Herren Damen und den strammen Marinefrolleins im mindestens vier Konfektionsgrößen zu klein ausgefallenen Militärstewardessenfummel mitten im Tuntenball, ein Servierblech mit Pizza in der Hand. Die geschätzten beiden Kollegen an meiner Seite hatte es nicht besser getroffen.

Warum bloß bin ich nicht in der geliebten Redaktionsstube unten im Keller vom unvollendeten Hotelturm geblieben??? Faul auf meinen günstig erworbenen Drehstuhl gefläzt und dem guten Finkenberger zugeschaut wie er laut kichernd dümmliche Leserkommentare zu seinen eigenen Artikeln verfasst, um sie sodann mit wichtiger Miene zu beantworten. Warum? Zum Teuf…

Doch als ich so gedankenverloren an meiner Pizzaundchilliverkaufsstation stand, trat der Heilige Vater auf mich zu – und ich hatte jenen vorhin erwähnten hellen Moment. Der bayerische Papst hat das im Trubel natürlich gar nicht mitbekommen, der wollte sich lediglich hinter mir vorbei zwängen, um in die ausschließlich dem Personal vorbehaltenen Gemächer zu eilen. „Es ist ja alles gar nicht wahr, bloß eine Geschichte, ganz und gar fiktiv.“ Dies in etwa war der Kerngehalt des letzten klaren Gedankens bevor ich dann doch auf das schon seit längerem bestehende Angebot des Herren Kollegen zurück kam und die mir dargebotene Flasche Augustinerbräu in einem tiefen Zug in mich hinein leerte.

Mit schmerzendem Kopf und großem Durst überquere ich am Berliner Ring die Nürnberger Straße; die Aktentasche in der Hand strebe ich dem Kellerloch, also dem Büro der Kultur- und Politikredaktionen (aus Einsparungsgründen in einem noch unausgebauten Kellerraum untergebracht) entgegen, wo ich statt eines Konterbieres einen gut gelagerten schottischen Whiskey als Antikatermedikament zu mir zu nehmen gedenke. Ja, der Hotelturm und seine Schätze! Seit der Chef in einem Geniestreich den Turm für einen Euro gekauft hat, sitzt er in einem provisorisch eingerichteten, dafür aber riesigen Büroraum mit Panoramablick auf Residenz, Dom, Festung und Käppele und zählt die unten durchfahrenden Güterzüge. Die Evi Schmitt kocht ihm immer Kaffee, damit ihre besserwisserischen Kommentare auch stets ungeändert abgedruckt werden und der Heumann bringt die Semmeln und erklärt geduldig die neuesten Finessen des Redaktionshauptrechners. Blöderweise hat es im ganzen Turm keinen einzigen Aufzug, sondern lediglich die Bautreppe und so macht es dem Chef noch mehr Spaß, mich wegen eines ihm von der Tendenz her missliebigen Artikels persönlich hoch zu zitieren. Ansonsten haben der Finkenberger und ich aber unsere Ruhe und es ist schön behaglich warm hier unten – die richtige Trinktemperatur für meinen Whiskey!

„Drei mal den Burger, zweimal mit Pommes und dann noch mal Fritten, aber bloß rot und, ja, auf den Soloburger dürfen keine Zwiebel.“ „Kommen doch sowieso keine drauf. Hey, bleib da, die Schnitzel sind gleich fertig – hau doch den Salat schon mal raus!“ Die Bestellleiste ist voller Bons, der Spülberg wächst ins Unermessliche, in zehn Minuten beginnt der Tatort und ich stehe dort, wo ich im echten Leben fast immer und ganz sicher jeden zweiten Sonntag stehe: Am Herd. Mein Kater wird nicht besser, an ein Bier oder gar einen Whisky (schottisch, irisch oder aus den USA; steht alles friedlich beisammen am Tresen) ist nicht zu denken; morgen ist Montag, montags haben beide Läden, in denen ich an Herd und Ofen werkele, für gewöhnlich geschlossen, doch am morgigen Rosenmontag ist hier Eurodance und „Ja, die Küche ist regulär geöffnet.“

Es gibt gar keine Redaktion, keinen Heumann, keine Evi, keinen Finkenberger – und eine Zeitung, die mich als leitenden Kulturredaktör arbeiten ließe, wäre in der Welt, die wir als einzig wahre kennen, der fröhlichen Warenwelt nämlich, längst bankerotte und noch toter als die Frankfurter Rundschau und das Mitgliederheft der SPD zusammen. Das Heft, das beinahe auf den wunderschönen Namen ANTIFAINFOMAG getauft worden wäre, lediglich eine Ausgabe unter der stolzen Aufschrift „Letzter Hieb“ erlebte und nun als „HYPE“ sein Unwesen treibt, ist schiere Illusion. Wozu auch sollte es existieren? Das akw!-info (das gab es mal vor Jahrzehnten, da war ich mal tatsächlich Redakteur) hat immerhin Werbung für das AKW gemacht, ganz wie sich das gehört. Da Politik eine Sparte im vielfältigen Angebot dieses Lokals darstellte, wurde ein gehöriger Teil des Heftes mit politisiertem Zeug vollgepackt und die Kochkolumne machte Werbung für den Vegetarismus und damit für die vegetarische Küche des AKW. Meine Arbeit an den Texten wurde mit dem gleichen schlechten Lohn wie jede andere Arbeit bezahlt und diente – als Werbung – dem „Erhalt des Standorts“. Gäbe es den HYPE, er wäre völlig widersinnig: Die Politisiererei nähme sich selber ernst und denunzierte dabei doch stets das Elend des Politikantentums; die Kritik träte im Gewand des Kritisierten1 auf und bemerkte es noch nicht einmal. Der Versuch, die zerrissenen Teile des Ganzen welche etwa unter „Kultur“, „Kunst“, „Politik“, „Wissenschaft“ und „Ökonomie“ rubriziert sind in der Kritik wieder zu einen, fände ausgerechnet in der albernen Gestalt einer Kochkolumne statt.

Der Tatort läuft, die Gäste sind versorgt, ich trage mal den Geschirrberg ab und wische Herd und Arbeitsflächen. Der gute Kollege vom Service kommt auf ein Schwätzchen kurz in die Küche, doch entschwindet er bald wieder; ich summe ein Liedchen aus der Hand des guten Franz Schubert.

Auf dem Wasser zu singen2
Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen
Gleitet wie Schwäne der wankende Kahn;
Ach, auf der Freude sanftschimmernden Wellen
Gleitet die Seele dahin wie der Kahn;
Denn von dem Himmel herab auf die Wellen
Tanzet das Abendrot rund um den Kahn.

Über den Wipfeln des westlichen Haines
Winket uns freundlich der rötliche Schein;
Unter den Zweigen des östlichen Haines
Säuselt der Kalmus im rötlichen Schein;
Freude des Himmels und Ruhe des Haines
Atmet die Seel im errötenden Schein.

Ach, es entschwindet mit traurigem Flügel
Mir auf den wiegenden Wellen die Zeit.
Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel
Wieder wie gestern und heute die Zeit,
Bis ich auf höherem strahlenden Flügel
Selber entschwinde der wechselnden Zeit.

Tja, die Christen fasten nun volle vierzig Tage und sind schrecklich mißgelaunt weil ihr Heiland vor etwa zweitausend Jahren umgebracht worden sei – was zwar irgendwie die Welt gerettet hat, aber anscheinend doch nicht gut war. Sei’s drum, heute wissen die lieben Kleinen ja eh‘ nicht mehr weshalb eigentlich am Aschermittwoch so was hübsches wie Vergnügungsverbot herrscht und mir dient das sowieso lediglich als Vorwand endlich mal Fisch und anderes Meeresgetier auf den Teller zu bringen. Fisch gilt als Fastenspeise, die spinnen die Christen…

Cous-Cous mit dreierlei Fisch und Meeresfrüchten

Ein bis zwei Meerbarben, einen Wolfsbarsch und einige kleinere Sardinen (zusammen so um die 1½kg. Fisch) filetieren, die Karkassen für einen Fischfond aufheben; von vier Kaisergarnelen den Schwanz vom Kopfteil abdrehen, den Panzer aufbiegen und das Fleisch vorsichtig herausziehen, danach längs des Rückens aufschneiden und den Darm entfernen. Kopfteil und Schale ebenfalls für den Fond zurücklegen. Zwei Dutzend Miesmuscheln sorgfältig waschen. Ein Pfund Tomaten kreuzweise einschneiden, kurz in kochendes Wasser geben und schälen; das Fruchtfleisch sehr klein würfeln, zwei bis drei Selleriestangen fein schneiden, zwei rote Zwiebeln fein würfeln, vier Zehen Knoblauch pressen, ein halbes Bund Glattpetersilie fein wiegen. Nun in einem großen Topf Olivenöl erhitzen und die Zwiebeln und den Sellerie andünsten, nach kurzer Zeit Hitze reduzieren, Knoblauch und Petersilie dazu geben, nun die Tomaten zugeben und aufkochen. Die Fischabschnitte (ohne Kiemen und Eingeweide) und die Kopfteile der Garnelen unterrühren und nach und nach 1½l Wasser zugießen. Mit Salz und Pfeffer sehr kräftig abschmecken, in einem Teebeutel einige Lorbeerblätter und etwas Zimtrinde sowie einige Nelken mit kochen lassen. Nach einer halben Stunde den Sud erst durch ein grobes und dann durch ein Haarsieb geben. Etwa einen Liter der Suppe zurück in den Topf geben und zugedeckt leicht köcheln lassen, den Rest für das Garen der Fische verwenden. 400g Cous-Cous in eine Schüssel geben. In zwei Tassen der Brühe ein Döschen Safran auflösen, etwas Butter dazu geben und gründlich mit dem Cous-Cous vermischen, diesen nun in einem Einsatzsieb über die Fischsuppe hängen und regelmäßig mit einer Gabel lockern. Nach etwa zehn Minuten das Cous-Cous auf einem sauberen großen Küchentuch ausbreiten, dieses zusammenrollen und wieder ausbreiten, danach wieder in das Sieb geben und weitere 10-15 Minuten dämpfen. Währenddessen in einer großen, tiefen Pfanne den zurückbelassenen Fischsud aufkochen und wieder etwas abkühlen lassen (soll ganz knapp unter der Siedetemperatur sein), etwas Zitronensaft dazu geben und die Fischfilets darin garen, dabei erst die größeren und nach und nach die kleineren zugeben(Größere Filetstücke 12-15min, kleinere 8-10min). Gleichzeitig die Muscheln in Salzwasser mit etwas Weißwein ca. zehn Minuten kochen, bis sich alle geöffnet haben (Muscheln die sich nicht geöffnet haben wegwerfen). Die Garnelen in Olivenöl mit etwas Knoblauch und Ingwer anbraten. Das Sieb mit dem Cous-Cous von der Brühe nehmen und diese mit etwas Cayennepfeffer würzen und mit Butter binden und einkochen lassen. Nun die zweite Hälfte der Glattpetersilie und ½ rote Paprika hacken. Auf einer großen heißen Platte das Couscous ausbreiten, die Soße angießen und die Fische, die Garnelen und die Muscheln darauf anrichten, mit der Petersilie und den Paprikastückchen bestreuen.

Dazu passen Salate, Muhamara und Tahine, Fladenbrot ist kein Schaden und mit einem guten Arrak vorneweg und einem sizilianischen Marsala dazu werdet ihr auch schön betrunken; mit Baklava und Mokka als Abschluss seid ihr wieder fit für das nächtliche Hinwegsetzen über Sperrstunde und Tanzverbot…

Für immer ihr ergebenster
Rainer Bakonyi

Interview mit dem Verschmutzer

1/3 Schnaps – 2/3 Bier

Adam B.(1) ist stolzer Verursacher von Kotze, Kot und Urin in der Würzburger Innenstadt. Er entschloss sich kurzfristig für ein Interview mit dem Letzten Hype. Adam B. studiert Soziale Arbeit an der FH Würzburg und sieht seine Taten als eine bittere Notwendigkeit. Das riecht nach Konflikt. Seit 3 Monaten mobilisiert die „Bürgerinitiative Würzburger Altstadt“ (BIWA), angeführt von dem Waffenladeninhaber Snickers – gegen die Verschmutzung und Eigentumsbeschädigungen, die in frühen Morgenstunden von Feiernden ausgehen.

F: Als Verursacher von Dreck und Lärm agieren Sie bereits seit geraumer Zeit. Was veranlasst Sie in die letzten Ecken der Innenstadt ihren Urin abzugeben, den eben eingeschmissenen Döner wieder loszuwerden oder dem Waffenhändler Snickers ein Präsent zu hinterlassen?
A: Was muss, das muss. Was raus muss erst recht. Wo wenn nicht hier, wann wenn nicht jetzt oder wieso erst jetzt? Das hätte schon viel früher passieren müssen. Ich sehe das als Akt zivilen Ungehorsams, gegen das Würzburger Spießbürgertum und im Speziellen das Urinieren an Geschäften eines Waffenhändlers als antimilitaristische Praxis.

F: Ihrer Antwort zu entnehmen sind sie ein politischer Mensch. Wieso vollenden Sie gerade ihre Taten bei Nacht und Nebel und hinterlassen keine Hinweise oder Forderungen?
A: Nein, ich würde mich nicht als politischen Mensch betrachten. Politik betreibt eben gerade die Bürgerinitiative. Ich hingegen bekämpfe nicht Wasser mit Wasser sondern mit Feuer. Politik ist eben nicht mit Politik zu bekämpfen. Aus diesem Grund hinterlasse ich auch keine Hinweise oder Forderungen, da die Tat einzig und allein für sich spricht.

F: Wie kann denn der Otto-Normal-Verbraucher erkennen, dass es sich bei der Kotze nicht um herkömmliche Kotze handelt, sondern um eine Art des Protests. Spricht man dann von einer Protest-Kotze?
A: Das soll er doch im ersten Moment gar nicht. Die meisten werden jetzt denken, es ist doch gar nicht so schwer so zu kotzen als ob man vom feiern käme, aber in Wirklichkeit habe ich fast ein halbes Jahr gebraucht bis ich die richtige Mixtur gefunden habe, die es mir ermöglicht die Kotze genauso aussehen zu lassen. Erfahrungsgemäß ist es wichtig, den Döner schnell in großen Happen zu essen, damit die Brocken, die ja später wieder raus sollen, möglichst groß bleiben. Diese Technik musste ich mir durch stundenlange Beobachtungen von Betrunkenen aneignen. Mittlerweile läuft es ganz gut.

F: Das Aussehen scheint eine große Rolle einzunehmen, aber wie bekommen Sie es denn so hin, damit das Erbrochene auch echtheitsgemäß riecht?
A: Dazu habe ich nach langem probieren die richtige Mischung gefunden. Ein drittel Schnaps, zwei drittel Bier (diese Mischung riecht ganz toll). Aber nicht nur der Duft ist ausschlaggebend für den Erfolg, sondern auch das Umrühren wie es beim Tanzen in der Disco geschieht. Dazu schlage ich kurz vor, dem eigentlichen Kotzakt schnell fünf Purzelbäume hintereinander um mir dann den Finger in den Hals zu stecken. Das ist ein wichtiger Faktor der selten beachtet wird.

F: Die Sperrstunde macht die BIWA zu ihrem Hauptthema. Wie gehen sie mit dieser Problematik um? Es scheint so, als beträfe sie diese gar nicht bzw. Sie machen diese nicht zu Ihrem Hauptanliegen.
A: Die Sperrstunde geht mir links am Arsch vorbei. Pinkeln und Kotzen kann ich so oder so. Doch wenn die Sperrstunde eintreten sollte, werde ich wesentlich mehr zu tun haben, da unwissentliche Unterstützter in Form von betrunkenen Feiernden wegfallen würden und ich deren Arbeit auch noch übernehmen müsste. Dazu trainiere ich jetzt schon dreimal die Woche um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Das zerrt zwar ganz schön an der Substanz, aber um das Notwendige zu tun muss man manchmal Opfer bringen.

F: Sie sprechen gerade so, als ob Sie in ihren Aktionen stets alleine zu gegen sind.
A: Ich arbeite generell alleine. Nehme aber einmal im Monat mit anderen Aktiven an einem Treffen teil um Methoden und Erfahrungen auszutauschen.

F: Vielen Dank! Noch ein letztes Wort an unsere LeserInnen?
A: Lasst uns pinkeln, lasst uns kotzen und dreimal von oben auf Würzburg rotzen!

Das Interview führten Asok und Karl von Medina
___________________________
1: Name von der Redaktion geändert

Der Räuber im Gendarmen

Der Räuber im Gendarmen

Überlegungen zum Innenleben der Ordnungsmacht während der Verkehrskontrolle

Würzburg bei Nacht. Geruhsam vor sich hin schlummernd, und trotzdem, geradezu auf eine paranoide Art und Weise, wachsam, ängstlich und stets bis auf die Zähne bewaffnet. Die einzigen Automobile, die mir in an diesem frühen Dienstagmorgen begegnen, sind Taxis und Streifenwagen. Und glauben sie mir: Ich leide nicht an Wahnvorstellungen, wenn ich auch alle anderen Autos, die mir entgegenkommen, für zivile Einsatzfahrzeuge halte. Das zeigt die bittere Erfahrung unzähliger Verkehrskontrollen, inklusive Drogentests, Autodurchsuchungen und weiteren Demütigungen. Aber das ist eine andere Geschichte. Sollte es dennoch einmal passieren, dass eine Privatperson des Nachts den öffentlichen Raum benutzt, um von A nach B zu gelangen, stürzt sich die Ordnung auf diese wie eine Meute hungriger Wölfe, denen du ein Stück Fleisch vor die Füße wirfst.
Und so werde auch ich, in meinem Kleinwagen mit kaputtem Bremslicht, ein Hors d‘oevre für das grüne Rudel. Nur kein Hauptgang werden. Eine Polizeistreife stand an ihrer Lieblingsstelle und ließ sich das berühmte „wir-folgen-Dir-einige-hundert-Meter-und-hoffen-dass-du-nervös-wirst-Psychospiel“ nicht entgehen. Nun leuchtet „Stop-Polizei“, wie immer in Blutrot. Zwei junge, engagierte Ordnungshüter steigen aus. Es sind alte Bekannte, obwohl ich die beiden Jungspunde noch nie gesehen habe. Was ich an ihnen wiedererkenne ist dieses selbstsichere, furchteinflößende und doch so leere Grinsen, das Polizisten, die die Schnauzbartzeit noch nicht erreicht haben, kennzeichnet. Und noch etwas kommt mir bekannt vor: die Gelfrisur. Niemand sonst schmiert sich eine solch übertriebene Menge Pomade in die Borsten und formt diese zu einer „Frisur“, die selbst David Beckham hätte sein lassen sollen.
Ein erster Feindkontakt. Langsam kurbele ich das Fenster hinunter. „Guten Morgen, Polizeikontrolle. Führerschein und Fahrzeugpapiere!“ Wortlos übergebe ich meine Papiere. Auch sein unterfränkischer Zungenschlag hört sich für mich vertraut an. Ich muss an meine Schulzeit auf dem Dorfe zurückdenken, an Fünfer in Latein und Mathe, an Händchenhalten in der Geisterbahn, an Brausestäbchenessen im Freibad und an all die einstigen Klassenkameraden, die heute ihrem beschissenen Job nachgehen.Und ich muss auch an Coco und Ralle1 denken. Sie waren die Coolen von der Schule2, mit einer Attraktivität für das weibliche Geschlecht ausgestattet, die eben nur auf dem Lande existiert: Die coolen Fußballtypen, stets mit abgedroschenen Sprüchen auf den Lippen, kleinen Prügeleien auf dem Pausenhof nie abgeneigt. Immer auf eine Art und Weise bedrohlich auftretend, vor allem gegenüber dummen Strebern oder Fettsäcken wie mir. Die typischen Halbstarken also, die auch mit 20 Jahren noch ihre 15 Jahre alte Freundin mit dem GTI von der Schule abholen werden. Damals, in der fünften oder sechsten Klasse, gingen bestimmt einige Eltern davon aus, dass den beiden Fußballhelden, denen die Faust so locker sitzt, eine kleinkriminelle Zukunft bevorstehe. Es kam anders: Beide wurden Polizisten.
„Herr Arthur, schon mal was mit der Polizei zutun gehabt?“ Ich hasse diese rhetorischen Fragen, diese vorhersehbaren Spielchen auf den Nerven verängstigter Autofahrer. Sollte ich wirklich einen Eintrag in irgendeinem Polizeiregister haben, so wissen dies die Ordnungshüter spätestens nach der Überprüfung meiner Daten per Funk. Aber zurück zu Coco und Ralle: Ich habe mich oft gefragt, wie sich ein Polizist im Moment der Verkehrskontrolle fühlt. Ob er es befriedigend findet, Leuten von Berufswegen psychisch, manchmal auch körperlich, zu schaden. Ob er zu Hause seiner Freundin stolz davon erzählt, wie vielen Kiffern er diese Woche ihren Führerschein entzogen hat, genauso wie ein Jäger damit prahlt, wie viel Wild er des Nachts erlegt hat. Und wenn ja, woher stammt der Antrieb, selbst den kleinsten Delikten nachzugehen? Coco und Ralle wurden Gendarmen- aber in ihrer Kindheit und Jugend waren sie eher die Räuber. Die Clique, die sich aufspielte, als gehörten ihr alle hübschen Mädchen, DFB-Pokale und dein Pausenbrot. Ihre Allmachtsphantasien wurden Realität: Coco und Ralle müssen sich heute nicht mehr einbilden, ihnen gehöre die Welt: Der Polizei gehört sie zumindest mehr als mir, wie ich in diesem Moment erneut feststellen muss.
„Haben die heute Abend Alkohol getrunken oder illegale Drogen konsumiert?“. „Nein“. Der eine Polizist holt eine Taschenlampe und leuchtet mir damit in meine Augen. „Ihre Pupillen reagieren überhaupt nicht!“, faucht es aus ihm heraus. Die Tricks der Ordnung sind derart vorhersehbar, derart dämlich, dass ich darüber nicht einmal mehr lachen kann. Hat man diese Prozedur einige Male mitgemacht, dann verwandelt sich die Angst vor der Polizei irgendwann in Häme oder blanken Hass. Es handelt sich um die Masche, einfach zu behaupten, dass man keine Reaktion zeige, um Menschen nervös zu machen. Und dieses Herumfuchteln mit der Taschenlampe erinnert mich erneut an einen Halbstarken, der sein Springmesser an meine Kehle legt. Und meine Schulkameraden Coco und Ralle? Aus zwei jugendlichen Räubern wurden am Ende Gendarmen. Woher der Antrieb, woher die Akribie rührt, Kleinkriminellen ihr Dope wegzunehmen oder das Wort „Bulle“ als Beleidigung zu registrieren, konnte ich nie verstehen. Vielleicht habe ich nun endlich eine Antwort gefunden. Aus Räubern wurden Gendarmen. Gendarmen jagen Räuber und jagen dadurch die eigene Lust am Ganoventum. Verdrängen durch ihre Arbeit den gesetzeslosen Teil ihrer selbst, der tief unter der Oberfläche ihres Ichvergraben liegt.
Wie aus dem Nichts reicht mir der Polizist auf einmal meine Papiere und verabschiedet sich mit „OK, alles klar, einen schönen Morgen noch!“ in die Nacht. Danke auch. Wenigstens war ich der Polizei kein Hauptgang. Ich habe mich nie mit ihnen versöhnen können, mit den Herren in Grün, obwohl ich es mir längst abgewöhnt habe, irgendeinen Beruf, den die bürgerliche Gesellschaft gebärt, moralisch verurteilen zu wollen. Außer den Polizeiberuf.
Die Erkenntnis aber, dass auch Polizisten vermutlich nur kleine Ganoven wie du und ich sind, macht mich seitdem froh.

Von Arthur Anna
_____________________________
1: Namen von der Readaktion geändert

Angst und Verzweiflung in Würzburg

„Wir sind der Meinung, dass in der Würzburger Altstadt seit einiger Zeit eine Unkultur des Lärms, der Verschmutzung und der Verrohung Platz greift.“ (Bürgerinitiative Würzburger Altstadt)

„Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.“ (Hunter S. Heumann, Grillanzünder ausverkauft)

Mich plagten Magenbeschwerden an diesem trägen Dienstagabend. Doch das Grummeln und Murren, dass unter den Bürgern dieser Stadt ausgebrochen war, übertraf das Wehklagen meines Verdauungsorgans bei Weitem. Eine Welle der Empörung über lärmende Jugendliche, urinierende Studenten und kotzende Marienkäfer war unter dem Plebs ausgebrochen. Und ausgerechnet heute, zum Termin dieser unterhaltsamen Versammlung in Rathaus, wollte ich mein Essen auch am liebsten wieder heraus brechen. Ganz tapfer schleppte ich mich dennoch in den Ratssaal, um der Aussprache über den „Zielkonflikt“ zwischen Gastronomie und Anwohnern der Innenstadt beizuwohnen, zu der der Herr Oberbürgermeister geladen hatte.
Die Ankunft im Ratssaal entpuppte sich als herbe Enttäuschung: Keine Lachshäppchen, kein Frankenwein, keine weichen Sessel mit Massagefunktion. Und keine Begrüßung mit Handschlag durch Herrn Rosenthal oder wenigstens durch irgendeine B-Prominenz der Linkspartei. Und die Kollegen der Presse saßen bereits weich in ihren Sesseln, ohne dass sie mir einen Platz vorgewärmt hätten. Na gut. Gezwungenermaßen nahm ich also auf der Empore Platz. Beim Blick in die Runde erblickte ich recht wenige sympathische Gesichter, zu denen ich mich gesellen wollte. Überall bedrohlich wirkende Würzburger, in deren Gesichtern der Zorn mehrerer Jahrhunderte Unterfranken gezeichnet stand. Das sympathischste Eck befand sich rechts des Rednerpultes. Hier roch es nach Tabak und Schweinsbraten. Die Männer hatten dicke Bäuche und wilde Bärte. Ohne Zweifel: Hier mussten die Wirte sitzen. Ich ließ mich nieder.
Im Vorfeld stellte ich mir die Versammlung wie folgt vor: Gastronomen und die Bürgerinitiative Würzburger Altstadt würden sich anschreien, ein kurzes Handgemenge, am Ende würde sich Bernd Mars zur Volkstribunen ausrufen lassen und das wehrhafte Bürgertum mit Waffen ausstatten. Es kam ganz anders. Herr Oberbürgermeister Rosenthal ergriff das Wort. Unter anderen Themen, die mich nicht weiter interessierten, gehe es heute über den „Zielkonflikt“ Wohnen vs. Gastronomie. Rosenthals Stimme klang sanft, aber bestimmt. Dabei immer sichtlich bemüht, die aufgebrachten Menschen zu beruhigen. Ob der Bürgermeister ebenso wie ich fürchtete, dass der Plebs heute nacht noch zu einem brandschatzenden Mob werde, der Imbissbuden plündere und Tankstellen, die noch immer Branntwein verkauften, abfackele? Ich weiß es nicht. „Es ist nicht so, dass die Stadtverwaltung nicht handelt.“ Man habe ein engmaschiges Informationsnetz gebildet, jeder Vorfall werde dem Ordnungsreferat mitgeteilt. Mein Magen rumorte. Sollte das Ordnungsreferat schon morgen früh wissen, wohin ich mein Mittagessen gespuckt haben werde? Ein furchterregender Gedanke, wahrlich. Und dann entpuppte sich Rosenthal als ein Mann der politischen Visionen, die doch in einer Zeit, in der viel geredet, aber nichts gesagt wird, so fehlen. Es werde immer Zielkonflikte geben, wir müssten aber „ein anderes Miteinander organisieren“ in dieser Stadt. We need a change. Ein neues Bewusstsein. Rosenthal: Wird er als Mann der großen Utopien Würzburg, vielleicht aber auch die deutsche Sozialdemokratie, erretten?
Nun sprach Ordnungsreferent Kleiner. Die schwarzen Schafe in der Gastronomie seien bekannt. Man werde die Kontrollen verstärken. Und noch mehr: die Wirte scheinen unter Bewährung zu stehen. Denn in den nächsten Wochen stünde die Gastronomie unter besonderer Beobachtung, gegen jede Störung würden rechtliche Schritte unternommen werden. Ein Würzburg mit noch mehr Kontrollen? Wie viele Polizisten und Ordnungsdienste will man denn noch zu Tode langweilen? Ich malte mir kurz aus, wie eine Bürgerwehr des Schreckens in den Straßen patrouilliert, mir mit einer Peitsche das Pils aus der Hand schlägt und mich zum Lachen in eigens dafür eingerichtete Keller schickt.
Als nächstes sprach Polizeidirektor Ehmann und legte die schockierende Statistik auf den Tisch: Im Vergleich zu 2008 gab es 48 Ruhestörungen mehr! 48! Und dass in einem Jahr ohne Fußballweltmeisterschaft! Ich kenne Menschen, die in einer Nacht 48 Ruhestörungen verursachen könnten. Ganz alleine und ohne Mittäter. Vielleicht sollte ich meinen Freundeskreis wechseln. Aber das ist eine andere Geschichte. Als Herr Ehmann ankündigte, man werde in Zukunft vermehrt Fußstreifen einsetzen, setzte zum ersten Male an diesem Abend ein spontaner Applaus ein. „Wir wollen berittene Polizei!“, fauchte ein Mann neben mir. Wo, zur Hölle, saß ich hier? Die Menge wirkte auf mich immer furchteinflößender, morastiger, blutrünstiger. Hier und da vollzogen sich spontane Wutausbrüche. Eine Frau mittleren Alters mit einer an sich schönen Handtasche stotterte etwas, von dem ich lediglich „Studenten“ und „Frechheit!“ verstand. Eine bedrohliche Situation. Zum Glück war ich kein Student, sondern freier Journalist und PSI-Forscher, aber würde mir das der Mob glauben?
Endlich begann der vielversprechendste Teil der Versammlung: die Wortmeldungen des Publikums. Für einen erlebnisorientierten Jugendlichen wie mich waren diese eine herbe Enttäuschung. Kein Geschrei, keine Prügelei und verdammt noch mal keine Lachshäppchen. Wobei ich auch froh sein kann, dass es so ruhig blieb: Wer weiß was passiert wäre, wenn die Stimmung in Saal umgekippt wäre? Vielleicht hätten mich schlaflose Bürger als potentiellen Ruhestörer ausgemacht, mich in ihre mittelalterlichen Keller gezerrt und mich dort mit glühenden Eisenstangen bearbeitet? Zurück zum Thema: Nach einigen eher unwesentlichen Wortmeldungen ergriff endlich eine Person das Wort, deren Tonfall auch endlich so hysterisch klang wie die Wortwahl der Bürgerinitiative. „Ham sie schon mal den Inneren Graben gesehen?“ fragt Frau R. „Es ist furchtbar!“ Sie klagt über Müll und Ratten. Eine Frau, die den Würzburgern anscheinend aus der Seele spricht. Und wieder ertönt dieser spontane Applaus, der mit Angst machte. Große politische Visionen können Zorn in Zuversicht verwandeln. Und Hass in Liebe. Daher spricht Herr Rosenthal auch hier vom Change. Vom neuen Bewusstsein, dass uns alle betrifft. „Jeder kehrt vor seiner eigenen Haustüre.“ Jeder ist mitverantwortlich, dass die Straßen sauber bleiben. Yes, Wü can!

(Im Übrigen: Yes-Wü-Can-T-Shirts gibt es für „saugünstige“ 14.50 € beim Udo an der Theke. Aber das ist ein anderes Thema)

Was darf bei keiner Diskussion, die die deutsche Volksseele betrifft, fehlen? Richtig erraten, die Junge Union! Peter Schlecht ergriff das Wort für diese. Als erstes forderte er statt einer Verlängerung der Sperrzeiten mehr Toilettenhäuschen und Mülltonnen. Löblich. Ich fordere dagegen Spätsupermärkte, Gewalterlebniszonen und mehr Kneipen mit durchgehend warmer Küche. In der Welt, wie sie sich Peter Schlecht vorstellt, herrscht Ordnung: Er wohne schon sehr lange in der Innenstadt. Aber er sei nicht ein einziges Mal in der Innenstadt kontrolliert worden. Hat er das wirklich gerade gesagt? Eine als Aussage getarnte Forderung, ohne erkennbaren Grund des Nachts kontrolliert zu werden? Die Welt, die sich Peter Schlecht im Kopf ausmalt: ich wage nicht einmal zu erahnen, was da so in den Träumen der jungen Politikanten vorgeht. Und dann kam sie doch tatsächlich noch, die Forderung, dass private Bürgerdienste zum Wohle der Ordnung eingesetzt werden. Die Bürgerwehr also. „Ich habe die schönsten Momente nachts erlebt“, schloss Herr Schlecht seine Rede. Auch ich habe die schönsten Momente nachts erlebt. Aber zum Glück ohne die Bürgerwehr. Und ohne Peter Schlecht.
Eine tiefe, sonore Stimme erschütterte meinen Magen. Er sprach: Bernd Mars. Von der Bürgerinitiative Würzburger Altstadt (BIWA), der Hüterin von Zucht und Ordnung, der Rächerin der Entrechteten. Würde Bernd Mars nun seine Kandidatur zum Bürgermeisteramt bekanntgeben und getragen von einer Welle des Applaus‘ die Rebellion des Volkes ausrufen? Es kam anders. Herr Mars bemühte nicht das Jargon der Bildzeitung, dass die BIWA bisher an den Tag gelegt hatte. Konkrete Forderungen wurden dargelegt: Er wolle keine Disko am alten Kranen, sondern einen runden Tisch wie in Heidelberg. Was auch immer dieser runde Tisch in Heidelberg sein mag. Doch Herr Mars ist nicht nur ein Aktivbürger, sondern auch ein Mahner, das moralische Gewissen dieser Stadt. Es handele sich um ein gesellschaftliches Problem. Das Problem seien die jungen Leute, die „Vorglühen“, und „Party haben wollen“. Es gelte die Missstände auszumerzen, schloss Herr Mars seine Rede. Ein kalter Schauer fuhr mir über den Rücken. Wenn zornige Bürger vom Ausmerzen reden, fürchte ich das Schlimmste. Was oder gar wer soll hier ausgemerzt werden, und wie? Diese Frage lässt Herr Mars offen. Die BIWA- sie wird uns noch das Fürchten lehren.
Dann war das Schauspiel irgendwann zu Ende. Sperrzeiten, Diskolizenzen, Fußstreifen, Bürgerwehr. Irgendetwas bedrohliches vollzieht sich in dieser Stadt. Irgendetwas unheilvolles geht in Würzburg vor. Es wird nicht nur mir Magenschmerzen bereiten. Guten Appetit!

Hunter S. Heumann

Studentenbewegung abschalten!

Es ist nur noch peinlich, es ist nicht mehr zum aushalten. Fast jeden Tag „witzige Aktionen“, sie haben wirklich nichts verstanden. Wollt ihr euchjetzt endlich eurer Haut wehren, oder wollt ihr es bleiben lassen? Wollt ihr die Tretmühle abschaffen, oder wollt ihr es nicht? Eure Aktionen verraten es: sie hat euch längst abgeschafft.

Sich tot hinlegen („die freie Bildung ist tot!“)! „Free hugs!“ Bildungsmärchen! „BOLOGNAise!“ „Uni räumen!“ FUCK!

Ja, oder nein, zur Uni, zum Fleiss, zur entfremdeten Wissenschaft, zur Arbeitsteilung, zum Standort, zu Deutschland. Und weil ihr zu schwach seid, nein zu sagen, frisst euch euer „ja mit Einschränkungen“ auf, und ihr habt es verdient. Mit dem Teufel wettet man nicht. Und dass ihr zu bekloppt seid, das zu verstehen, das wissen ja wir, aber damit es alle wissen, deswegen habt ihr eure Aktionen.

Wenn man keinen Geschmack hat, und keinen Verstand, aber dafür genug Frohsinn, denn man für „Kreativität“ hält, und wenn man derart stumpf ist, solche Aktionen für „witzig“ zu halten, und derart unbeleckt, solche Kalauer von 1987 für „mal was neues“ – Herrgott, dann soll man es halt machen, aber bitte, bitte, bitte:

: verschont mich damit! Das Gefühl der Fremdpeinlichkeit, und die Scham, solche Trottel wie euch einmal fast, aber auch nur fast, für satisfaktionsfähig gehalten zu haben, bringen mich um.

Auf der anderen Seite: wir alle wissen, dass man solche Anfälle von biederer „Kreativität“ wie diesen auf, wie es unser Hunter S. Heumann ausdrücken würde, einer Arschbacke absitzen kann. In einem halben Jahr ist das vergessen, und ihr furzlangweiligen Existenzen verausgabt euren funkelnden Humor wieder darauf, wo er herkommt, und macht eine witzige Präsentation für eine verschissene Seminararbeit, von der ihr nicht einmal ahnt, dass sie euch eigentlich genausowenig interessiert; weil euch überhaupt nichts interessieren kann. Ihr seid, und bleibt, Studenten, und wollt, zu eurer Schande, auch nichts besseres sein.

Ich erfriere lieber eines Tages unter einer Brücke, als auch nur einen weiteren Tag eine von euch zu sein.

Herzlichst:

Evi Schmitt

Wenn Studenten protestieren

Wir sind enttäuscht, dass der Präsident heute Abend nicht zum Plenum erscheint und uns die Stellungnahme nicht persönlich (z.B. über email) zukommen ließ. Die Hochschulleitung kann trotz unseres Erachtens ausreichender Vorlaufzeit keine neuen Ergebnisse vorweisen. Andererseits begrüßen wir, dass die Unileitung die Forderungen zur Kenntnis genommen hat und inhaltliche Arbeit auch weiterhin möglich ist.

Quelle

Igitt.

Das nennt man aber nicht unterwürfig, sondern konstruktiv.

Ich muss mir gerade vorstellen, ob solche Leute generall auf Absagen so reagieren, und irgendwie wird mir dabei schlecht.

Edit:

Fuck!

Die bisherige Kommunikation mit Ihnen, dem Präsidenten der Universität, wurde von uns als wertvoll empfunden.

Quelle
Es ist nicht zu fassen. Was wollen sie denn von diesem Mann?

Zur Kritik der Langeweile

Einer wissenschaftlichen, endlich einmal echt empirischen, Kritik der Langeweile in Würzburg gelten von jeher unsere Anstrengungen. Eine dankenswerte Unterstützung unserer Theoriearbeit erfuhren wir in der vergangenen Woche durch ein Blättchen aus Hamburg. Eine „Landkarte der Langeweile“ erstellten die Kollegen, wobei sie den Grad der Langeweile interessanterweise anhand der Videotheken-Rate bestimmten: „Die Kraft, die einen in Videotheken treibt, ist die Langeweile“. Wie zu erwarten kommt auch diese Studie zu dem Ergebnis, dass Würzburg die langweiligste Stadt Deutschlands ist: „Ganz vorne liegen Städte, die popkulturell eher unauffällig sind: Würzburg, Fürth, Oldenburg, Hagen, Hamm“.

Veranstaltungsempfehlung

Hiermit empfehlen wir Euch eine Veranstaltung mit Daniel Kulla zum Thema „1917- Anfang oder Ende des Kommunismus“ am kommenden Mittwoch, den 13.01.2009 um 19 Uhr im Kult.

Genauere Infos gibt es unter
http://infoladenwuerzburg.blogsport.de
und
classless.org

Infotext zur Veranstaltung:
Kommunismus als Schlagwort der allgemeinen Emanzipation – durch Überwindung der Klassengesellschaft und die Herstellung eines gleichen Zugangs zum gesellschaftlichen Reichtum – datiert schon zurück ins 19. Jahrhundert. Die Kommunistischen Parteien hingegen formieren sich unter diesem Namen erst im Jahr 1917 im revolutionären Rußland – und zwar als Vertreter einer ganz bestimmten Interpretation und ganz bestimmter Konsequenzen aus den Ereignissen dieses Jahres.

In einer vergleichenden Betrachtung der sowjetischen, der anarchistischen und der bürgerlich-antikommunistischen Geschichtsschreibung wird zu untersuchen sein, ob sich die KP-Deutung aufrechterhalten läßt und inwiefern sich eine kommunistische Position in derselben Tradition verorten kann. Es wird der Frage nachgegangen, in welchem Maß sich das kommunistische Projekt heute auf historische Positionierungen, äußere Erscheinung und konkrete Politikformen der Kommunistischen Parteien beziehen läßt.

Ist die Distanzierung von der Vergangenheit bequem oder konsequent? Gibt es eine Entscheidung zwischen Kommunismus als Ziel und kommunistischer Bewegung?

Die Besetzung des Audimax in Würzburg ist vorbei

Das aus historischen Gründen so genannte Auditorium Maximum, ein Hörsaal eher mittlerer Grösse und Güte, in dem hauptsächlich Ökonomen und Juristen verkehren, war u.a. 5 Wochen von Studenten aller Fachrichtungen besetzt, die aus irgendwelchen Gründen geglaubt haben, dieser Hörsaal wäre wegen seiner Nähe zur Innenstadt oder anderen verschollenen Gründen irgenwie besonders gut zum Besetzen.

Sie haben sich erhofft, für ihr Begehr die Öffentlichkeit zu erreichen, und haben gedacht, die wäre wohl eher in der Innenstadt, weil sie ihren Augen nicht trauen, die ihnen sagen, dass nirgendwo weniger „Öffentlichkeit“ ist als in der Innenstadt. Sie haben die Juristen und Ökonomen ertragen, weil ihnen niemand gesagt hat, dass sie auf die verzichten müssen. Sie haben den Minister reden lassen und den Unipräsidenten, und waren sehr froh darüber, weil sie nicht begreifen können, dass es ohne diese Herren besser ist.

Sie haben, in summa, gezeigt, wie es aussieht, wenn Studenten protestieren.

Weil sie nur Studenten sind, die kommen und gehen, haben sie keinerlei Misstrauen in irgend etwas, und sie glauben, sie haben es geschafft, wenn die „Gesellschaft“ auf ihrer Seite steht, der Bairische Rundfunk und das Schweineblatt berichten, und die IG Metall mit wenigen, aber leeren Versprechungen vorbeikommt und Bier mitbringt. (Die IG Metall ist überzeugt, dass zu einer Demo Freibier und Leberkassemmel gehören. Als sie sich angemeldet hat, habt ihr nur vergessen, durchzugeben, für wieviel Leute.)

In diesem Moment, in dem sie alle diese Gratulationen engegennahmen, haben sie sich zum ersten Mal wichtig gefühlt. Sie haben nicht begriffen, dass sie in diesem Moment aufgehört haben, wichtig zu sein. Sie begreifen nicht, und können nicht begreifen (weil sie Studenten sind, die ihre Studien lieben), dass sich eigentlich alle über sie lustig machen.

Hat sich jemand einmal gefragt, warum niemand das Wort „Student“ aussprechen kann, ohne dass es einen ironischen Unterton bekommt? Haben sie sich niemals gefragt, warum alle Leute sich immer einig sind, dass es den Studenten schlecht geht, aber aus dieser „gesellschaftlichen Mehrheit“ nie eine politische Kraft wird?

Sie sind tatsächlich die einzigen, die heute noch auf den Mythos von 1968 hereinfallen, weil sie das für eine Studentenbewegung halten, und sie glauben standhaft, dass irgendjemand ihnen ihre trotzige Pose abnimmt. Aber vom verstehenden Lächeln irgendeines Händlers, wenn er weiss, dass er es mit Studenten zu tun hat, zum verstehenden Lächeln des Ministers, diesen Schluss kriegen sie nicht hin. Natürlich nicht: sie müssten dazu begreifen, dass niemand sie ernst nimmt.

Und warum auch. Sie besetzen Hörsäle und verlangen nicht einmal die Macht an der Uni. Sie verlangen Solidarität von den Arbeitenden, aber bestehen auf ihren Privilegien. Sie protestieren gegen ihre Studienbedingungen und wundern sich, dass es niemanden ernsthaft interessiert: weil sie nie und nimmer gegen ihre Studien protestieren würden, nie und nimmer ein schlechtes Beispiel geben würden, nie und nimmer gerade jetzt in der Krise die Dinge mit einem anderen Mass messen würden als mit dem, mit dem es gemessen wird: nämlich ob es der „Wirtschaft“ gut tut und dem Staat.

Sie mögen ihre Besetzung wiederaufnehmen oder auch nicht, sie haben eine Niederlage erlitten, und die haben sie verdient. Irgendwie interessiert es keinen ausser uns, und ehrlich gesagt nicht einmal uns. Die Studenten haben niemandem etwas mitzuteilen, wenn sie nicht gegen ihre Studien rebellieren. Bis dahin sind sie nur Studenten, und wir kennen niemanden, der das Wort Student ohne ironischen Unterton aussprechen kann.

Anmerkung: Die Einführung des Wortes „Studierende/r“ hat keinen anderen Grund, als diesem Unterton zu entkommen.

Anhang: Als Anhang veröffentlichen wir die Stellungnahme des ak 47, eines Restes des AK Bildungskritik und Systemkritik bei der VV des besetzten Hörsaales.

Liebes 1. Semester der Rechtswissenschaften!

Eure Kolleg/inn/en von den Wirtschaftswissenschaften haben es ja schon vorgeführt. Man macht es so: man betritt Punkt 14.00 Uhr den besetzten Audimax und beschwert sich über die Besetzer, die einen um die wohlverdiente Vorlesung bringen. Das ist brav, so handelt ein guter Untertan.

Ihr habt es irgendwie falsch gemacht, fragt uns nicht, wieso; vielleicht ist es nicht ganz geschickt, wenn die Vorlesung, die man gerade verpasst, gleichzeitig anderswo stattfindet und – noch dazu – man das ganz genau weiss.

Dann sieht man nämlich so aus, wie ihr heute ausgesehen habt: man geht in einen wildfremden Vorlesungssaal und verlangt ultimativ, seine Vorlesung zu bekommen, die man aber gleichzeitig gerade – es gibt leider kein besseres Wort dafür – schwänzt.

Seid ihr im BGB schon bei „Venire contra factum proprium neminem pateat“? Nicht? Kommt noch.

Für immer

euer

letzter hype

Wie wahr

und wie treffend:

Aus gegebenem Anlass

Weil es wieder einmal so schön aktuell ist, verlinken wir doch gleich mal alles, was wir in zweieinhalb Jahren zu den Studierendenangelegenheiten geschrieben haben. Das älteste zu unterst.

Anmerkungen zum Bildungsstreik, von Yvonne Hegel
Wenn Studenten protestieren, von Evi Schmitt
Das Aktionsbündnis Bildungsstreik als Domteur und Bändiger, von Yvonne Hegel
Der Stumpfsinn der universitären Lehre, von Yvonne Hegel
Nachtrag zu den Stuidengebühren, von Jörg Finkenberger
Nochmal Studi-Sachen, von Jörg Finkenberger
Das Elend der studentischen Politik, von Jörg Finkenberger

Ältere Texte, etwa aus den beiden akw-infos, sind derzeit leider nur schwer greifbar.

Man beachte auch unter Extras den alten Text von Mustafa Khayati von 1966 Über das Elend im studentischen Milieu.

Liebe Hörsaal-Besetzer/innen!

Kommt euch das nicht ein bisschen verdächtig vor, dass da der Uni-Kanzler kommt, und sogar der Minister, und nicht etwa das USK? Dass ihr da evtl. was falsch macht?

Für immer

der letzte hype

Audimax Besetzung Würzburg Hype

Auf Anregung meiner eigenen Person verlinke ich hier mal, zur Frage, wie man anderswo Unis besetzt bzw. eben nicht, dieses Interview von FSK Hamburg mit ein paar Leuten, die in Frankreich an den Auseinandersetzungen von 2006 teilgenommen haben.

Diese Auseinandersetzungen 2006 werden vielleicht nicht unbedingt, wie Jörg Finkenberger gerade nach 3 Bier behauptet hat, die letzten in der europäischen Geschichte bleiben, aber wenn, dann wird das nicht an den würzburger Aktivisten liegen, wie ich fürchte. Plus die da interviewt werden, sind nicht gerade solche wie ich, die ja nie was tun, sondern immer nur maulen; sondern Leute, die mal was tun wollten, und deswegen Grund gefunden haben, zu maulen. Nicht zu verwechseln mit mir, die ich nur faul bin. Und eine Klassenverräterin dazu, naja.

Gut, dass es wenigstens die Aktivisten noch gibt.

Evi Schmitt

Besetzung des Audimax Würzburg

Man kann den übriggebliebenen BesetzerInnen des Audimax nur wünschen, klüger zu handeln, als gestern Nachmittag: Eine Besetzung ist ein Akt des Ungehorsams, gegen den sich die Mehrheit zur Wehr setzen wird, und vor allem die Mehrheit der StudentInnen.

Wenn man als BesetzerInnen ernst genommen werden will, dann sollte man sich nicht, wie heute geschehen, von WirtschaftswissenschaftlerInnen aus dem Hörsaal vertreiben lassen.

Kuscheln war vorgestern.

Grillanzünder ausverkauft

Hartmut Feuerteufel (48) bestreitet Vorwürfe

Als unschuldige Autos im Juli diesen Jahres von einem Mann namens Feuerteufel heimgesucht wurden, entschied ich mich, für meine Recherche tief in das Milieu einzutauchen, das sie die Zellerau nennen. Ich nahm eine neue Identität an und zog zwei Monate in das Herzen eines von inneren Widersprüchen zerrissenen, nach lodernden Brandbeschleunigern riechenden Stadtteils. Welche Motive und Schallplatten besitzt der Täter? Warum brannten bisher nur Mülltonnen, aber noch nie ein Altkleidercontainer? Wer ist der Mann, der mir gegenüber auf der Couch sitzt und was gibt es morgen zum Mittagessen? Das alles sind Fragen, die mich überhaupt nicht interessieren und deren Antworten sie in diesem Artikel vergeblich suchen werden. Mein Interesse galt einzig und alleine der 2000-€-Belohnung, die mir die Polizei schenken würde, wenn ich zur Ergreifung des Täters beitrüge.
Zellerauer Plunder, entkoffeinierter Kaffee, eine geblühmelte Tischdecke, die ihre besten Tage hinter sich hat. Ich sitze in Roswitha Murgelhofers Esszimmer, zu dem ich mir mit Hilfe des Enkeltricks Zutritt verschafft habe. Frau Murgelhofer ist an die 80 Jahre alt, eine kleine, hagere Dame. Ihr Kleid sieht ihrer Tischdecke täuschend ähnlich und sie riecht aus dem Mund. Aber das ist eher unwichtig. Seit 80 Jahren lebt sie in der Zellerau, seit 80 Jahren glotzt sie aus dem selben verdammten Fenster. Wenn jemand weiß, wie der Feuerteufel aussieht, dann sie. Die sympathische Dame erzählt viel, freut sich über einen Besuch ihres Enkels- ich habe sogar einen Blumenstrauß mitgebracht- und weiß auch über den Brandstifter zu berichten. Da sei manchmal einer nachts unterwegs gewesen- der habe mit Akzent gesprochen und sei wohl auch nicht von hier gewesen. Ich lege Frau Murgelhofer einen Kugelschreiber in ihre tattrigen Händchen und bitte sie, ein Phantombild des Verdächtigen anzufertigen. Als sie nach einer halben Stunde fertig ist, weiß ich, dass das eine Scheißidee war. Ich bedanke mich, lasse mir noch ein paar Stückchen Kuchen einpacken, „leihe“ mir 500 € und ziehe von Dannen.
Nächste Station Dosenbier. In der Tankstelle fallen mir zwei Dinge auf: Zum einen braucht man sehr große Einkaufstüten, wenn man für 500 € dänisches Dosenbier kaufen möchte. Zum anderen sind zwar Instant-Grills vorrätig, die Grillanzünder jedoch sind ausverkauft. Ausverkauft!Verdächtig!! (Lass das mit den ständigen Ausrufezeichen, Trottel!) Hat sich der Täter etwa mit Wunderblitz Grillanzündern bevorratet, um noch mehr unschuldige Kraftfahrzeuge mit in den Tod zu reißen? Etwas verwirrt teilt mir die Dame von der Tanke mit, wie der typische Grillanzünderkäufer in etwa aussieht: Bierbauch, Jogging-Hose, meistens kaufe er sich noch ein paar Bratmaxe. Endlich mit einem Täterprofil im Kopf verlasse ich zufrieden die Tankstelle.
In den folgenden Tagen hänge ich an den einschlägigen Treffpunkten der Zellerauer Jugend ab und stelle mich als neuer Sozialpädagoge vor. Mir wird deshalb, völlig zurecht, stündlich in den Bauch geboxt. Einen Boxenstop legen die Jungs aber sofort ein, als die furchteinflößenden Herren mit Kampfhund und Schneetarnbomberjacke auftauchen. Man habe eine Zellerauer Bürgerwehr gegründet, da es so ja nicht weitergehe, erläutert mir wenig später einer der drei jungen Männer, während die anderen beiden fieberhaft damit beschäftigt sind, böse zu gucken. Einen guten Tipp, wer denn der Feuerteufel sein könnte, können mir die Halbstarken aber auch nicht geben.
Etwas zynisch finde ich es, dass man in einer Metzgerei „Feuerteufeli“ bekommt. Das sind Landjäger, die neben Schweinefleisch und Nitritpökelsalz auch eine gehörige Portion scharfes Paprikapulver enthalten. Noch viel zynischer wird die Angelegenheit, als ich einen fettleibigen Polizisten dabei ertappe, wie er sich mit seinem Landjugendgrinsen eine solche Wurst bestellt, diese an einem Stück in seinen Rachen rammt, einen Schluck Selters trinkt und anschließend „Brand gelöscht“ albert. Sein Kollege und er lachen, wie Polizisten eben lachen.
Ich komme so nicht weiter. Keine heiße Spur, auch nach Wochen nicht. Die Verzweiflung bringt mich sogar soweit, dass ich eines abends mit einem eher weniger schlauen Hippie im Denklerblock sitze, Dosenbier trinke und mir seine Fabeln über Hohlwelten, Naziufos und geheime Weltregierungen anhöre. Plötzlich bringt mich die Vertonung von geistigem Dünnschiss, die unentwegt aus seinem Mund sprudelt, auf eine Idee: Sein Gebrabbel von Menschen, deren Körper einfach verbrennen, ohne erkennbaren Grund, die These von der Spontanen Menschlichen Selbstentzündung (SMS) also, macht mich nachdenklich. Laut SMS-Theorie sei es möglich, dass Menschen einfach so anfangen zu brennen, einfach so nebenbei beim Abendessen zum Beispiel. Wenn die SMS-Theorie war wäre- was sie nicht ist- könnte es dann sein, dass auch Mülltonnen, Autos oder Kruzifixe spontan Lust darauf haben, in Flammen aufzugehen?
Diese Gedanken rauben mir den Schlaf. Eines morgens mache ich mich auf den Weg nach Kulmbach, um den weltbekannten, zurecht unanerkannten Parapsychologen Kasimir von Pützlitz zu besuchen. Von Pützlitz wohnt in einem stattlichen fränkischen Fachwerkhaus, das die besten Tage hinter sich hat und an dessen Westseite das Wort „Karma“ geschrieben steht. Eine nach Patchoulie duftende, in geheimnisvollem Ton flüsternde Frau sitzt im Foyer an einem Couchtisch. Auf dem Tisch: Tarot-Karten, eine Flasche Absinth, ein Streichholzschächtelchen, auf dem „Zünftiges aus Zirndorf“ steht. „Wir haben sie bereits erwartet“, zischt die aufregende Dame in geheimnisvoller Weise und zeigt auf eine Türe hinter sich. In diesem schwach beleuchteten Raum sitzt Kasimir von Pützlitz, welcher ein Gewand aus Kartoffelsackstoff an hat. Auf diesem Gewand steht „vorwiegend festkochend“. Von Pützlitz spricht in einem penetranten schwäbischen Akzent, was mich zum einen verwirrt, zum anderen an Käsespatzen mit Röstzwiebeln erinnert.

Jamjamjam, Käsespatzen mit knusprigen Röstzwiebeln. Ein Gedicht.

Auf die Frage nach der Möglichkeit, dass sich nicht nur Menschen spontan selbst entzünden könnten, sondern auch Gegenstände, muss der langhaarige Parapsycho lange nachdenken. Er muss sogar so lange nachdenken, dass ich kurzzeitig denke er sei eingeschlafen oder gar verstorben. Plötzlich blickt er hastig auf seinen „Astro-Kalender 2009“, sagt mir, dass gerade Jahr des Büffels sei und dass er Schlimmes befürchte. Auch der schiefe Turm von Kitzingen oder das Thomas-Gottschalk-Denkmal in Bamberg seien von Feuerteufel bedroht, wenn nicht eine Kraft erscheine, sie alle zu knechten, sie alle zu finden ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden blablabla. Selbst Frau Murgelhofer oder der Hippie scheinen mir vertrauenswürdiger als dieser schwäbische Scharlatan mit schmutzigen Fingernägeln, jedoch genügt mir für meine Recherche, dass er meiner zweifelhaften These zugestimmt hat.
Zurück in der Zellerau erschrecke ich, als ich den Namen Hartmut Feuerteufel auf einem Klingelschild in der Nähe meiner Wohnung entdecke. Sollte die Lösung so einfach sein? Wohnt hier der Feuerteufel höchstpersönlich? Und bekomme ich jetzt endlich die 2000 €? Was schmeckt besser, Soja oder Seitan? Ich klingele an seiner Türe, mir erscheint ein Mann Ende 40 mit einem stattlichen Schnauzbart und einem Morgenmantel an. „Entschuldigen sie, sind sie der Feuerteufel?“ „Gewiss doch.“ Kann man dies schon als Geständnis werten? Ich bohre weiter nach: „Wissen sie, wer in dieser Stadt jedes Wochenende Brände legt?“ Herr Feuerteufel guckt verdutzt, sein an sich freundliches Wesen zerfällt in Windeseile und seine Mundwinkel werden wie von einem Amboss nach unten gezogen. „Falls sie zu dene Menschn g‘hörn, die wo stündlich bei mir anrufen und die wo Scherzchen mit meinem Namen treiben: Ich ruf des nächste mal die Bolizei!“ schreit er und wirft die Türe zu. Polizei kann er haben, denke ich mir und rufe die Ordnungshüter an, um sie zu Hartmut Feuerteufels Wohnung zu schicken. Doch sie kommt nicht. Nie ist die Polizei da, wenn man sie braucht. Auch auf meine 2000 € warte ich bis heute. Tja. Resigniert verlasse ich die Zellerau. Für immer.
Der Feuerteufel, er lebt noch immer mitten unter uns. Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.

Hunter S. Heumann

Subkultur ist die neue Bionade

Warum den Menschen, die sich über die Schwäche der alternativen Szene beklagen, am stärksten zu misstrauen ist

Was ist eigentlich eine Subkultur? Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.
Kann man eine Subkultur anfassen, kaufen, küssen oder gar morgens ins Müsli kippen? Wer ist mehr Subkultur, Aldi oder Lidl? Gibt es bei Joeys oder bei PizzaBlitz mehr Subkultur für’s Geld? Welche Subkultur bietet mir möglichst viele Frei-SMS bei einer kurzen Mindestvertragslaufzeit?
„Das Eis der (Sub)kultur wird dünner“, schreibt es beim Würzblog, und gemeint ist damit dennoch weder Cornetto noch Minimilk. Aber eigentlich fehlt ein gutes Speiseeis in der Reihe der Dinge, die Ralf Thees zu festen Bestandteilen der Subkultur zählt. Denn scheinbar gehören alle Dinge, die Ralf Thees mag, zum leckeren Potpourri der Subkultur. Über den Wegfall der Programmkinos wird sich beschwert, ebenso wie über den „soziokulturellen Ausnahmeort“ namens Propeller. Soziokulturell, wieder ein Begriff, mit dem jongliert wird, ohne einen Begriff zu besitzen. Die Posthallen,welch subkultureller Ort, werden genannt, denen es die Stadt aber nicht leicht mache. Keine Institution passt besser in Würzblogs Subkultur-Charts als die Posthallen, sitzen dort doch Leute am Ruder, deren Begriff von Subkultur schon zu AKW-Zeiten nach Verwesung roch. Weiter im Text: Schließlich sind auch AKW und Immerhin Teil von Ralf Thees‘ subkulturellen Visionen, und die gibt’s ja jetzt beide nicht mehr. X Ware Kultur ist gleich y Ware Schweinsbraten, alles ist mit allem vergleichbar, wie man längst weiß. Zum Glück hat Bionade letztes Jahr die neue Geschmacksrichtung Quitte eingeführt, und bald kommen ja auch die Kassierer in die Posthallen.
Und am Ende wird auch die Stadt Teil dieser Subkultur. Denn die muss dieser Subkultur ja helfen, weil sie ja auch irgendwie dieser Subkultur verpflichtet sein muss, damit die StudentInnen brav subkulturen können. „Man kann fast den Eindruck bekommen, als wolle die Stadt Würzburg eine kulturberuhigte Zone im weiteren Innenstadtbereich.“ Subkultur- weil Würzburg es sich wert ist. Nicht umsonst schreibt Herr Thees, dass wir keine “Provinz auf Weltniveau” [brauchen], um uns nach Außen lächerlich zu machen, das schaffen wir mit dem derzeitigen Trend an Möglichkeiten der (Sub)Kultur und Nachleben auch so.“ Herr Rosenthal, für das Image dieser schönen Stadt: Man schenke jedem Menschen täglich einen Happen Subkultur!

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Was ist eigentlich eine Subkultur? Für den Würzblog wohl alle Lokalitäten, in denen vor allem 20- 40 jährige verkehren. Je mehr es nötig wird, sich einer nicht vorhandenen Subkultur, oder gar alternativen Szene, zuzuschreiben, desto weniger wird man die Frage wagen, was Subkultur überhaupt bedeutet hat. Sogar Wikipedia weiß, dass der Begriff Subkultur einst Personenzusammenhänge bezeichnete, die sich hinsichtlich zentraler Werte und Normen von der herrschenden Kultur unterschieden haben und sich als Gegenkultur definierten. Heute dient der Begriff wohl eher dazu, sich selbst zu vergewissern, dass man cooler als der Rest ist, noch nicht zum alten Eisen gehört. Er dient der Verdrängung der Tatsache, dass man selbst keine anderen Vorstellungen von gesellschaftlicher Organisation besitzt als die Mühle des Immergleichen. Anders ist es nicht zu erklären, dass man bei jedem beliebigen Begehr die Stadt in Gefahr sieht und ihre Politiker bittet, in die Presche zu springen. Warum organisiert man sich nicht selbst, wie das vielleicht die Freaks, Alternativen und Autonomen der 80iger Jahre getan haben? Genau deshalb, weil man dann die Selbstlüge aufgeben müsste, Teil einer Gegenkultur zu sein. Weil man dann feststellen müsste, dass das Label „Alternativ“ nicht mehr Elemente von einem Umsturz des Bestehenden beinhaltet als eine eisgekühlte Coke Zero Cherry. Wenn sich in dieser Stadt die vereinzelten Individuen zusammenraufen wollen, die eine tiefe Unzufriedenheit mit den Zumutungen des alltäglichen Lebens eint, so müssen diese zuerst verstehen, dass sowohl dem Wort „Szene“ als auch dem Wort „Subkultur“ keine gesellschaftliche Realität (mehr) zukommt.

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Subkultur- die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. Probieren sie jetzt!

Benjamin Böhm

Würzburger Lagerphantasien again…

….und es geht weiter mit den Lagerphantasien der werten LeserInnen der Mainpost. Jetzt sitzen zwei Verdächtige, denen Sachbeschädigung und Brandstiftung zu Last gelegt wird, in Untersuchungshaft. Und Deutschen wird wieder warm um’s Herz, wenn sie an Arbeitsdienst und physische Vernichtung denken.

Meine Gedanken zur Strafe wage ich nicht auszusprechen…

meint noch Zeitung_online, während Rittersporn damit weniger Probleme hat:

Den Leuten geht es zu gut ist die allgemeine Stimmung. Wer so was macht hat Zeit dazu. Nichtsnutze, Arbeitsfaule (nicht Arbeitslose!!!) und dergleichen höhlen unseren Sozialstaat aus. Sie sollten eine saftige Strafe zur Abschreckung erhalten, die der Allgemeinheit nutzt. Straßenbau, Wald roden und dergleichen für einige Jahre – bis ihnen die Flausen aus dem Kopf gegangen sind. Vor lauter Langeweile Sachbeschädigungen machen gehört ordentlich bestraft – und zwar damit diese Zeitgenossen dann keine Langeweile mehr haben.

Und von blueeyes erfahren wir, dass der Täter zu den „Asozialen“ gehört, denen dieser gleich seine eigenen Vergeltungsphantasien entgegenbringt:

Asso endlich geschnappt!
Diesem ASSI sollte man stundenlang links und rechts für jeden zerstochenen Reifen eine knallen! Mutwillige Sachbeschädigung am Eigentum anderer ist mit das assozialste was man machen kann und dazu noch dieses Ausmaß. Am besten man setzt fals er ein Zimmer oder Wohnung hat mal dies unter Wasser, dann weiß er was Sachbeschädigung ist.

Man wird sehen, welche Vergeltungsgedanken in den Kommentarspalten der Mainpost noch offenbart werden….

Codex Cairo

Codex Cairo

Über die freiwillige Selbstkontrolle der sogenannten Jugend- und Subkultur Würzburgs

Es gibt wohl wenige weitere Städte über 100.000 Einwohner in Deutschland, in denen die selbst ernannte Subkultur derart gut abgehangen daherkommt. Je weniger dem Begriff Subkultur eine gesellschaftliche Realität zukommt, desto mehr scheint man der Lüge, dass eine Integration in städtische Jugendarbeit irgendetwas mit alternativer Subkultur gemein haben könnte, als Selbstbestätigung zu bedürfen. Jegliches negative Potential, das in in einer Subkultur vielleicht einst steckte, ist und wird verbraucht. Das Autonome Kulturzentrum hatte es verloren und sich damit selbst ad absurdum geführt, das Cairo als neues AKW mit besserer Organisationsstruktur und perfektionierten Integrationsmechanismen betreibt die Konsensstiftung mit dem Bestehenden nahezu perfekt.

Subkultur brought to you by Stadtsparkasse Würzburg

Als sich ein paar Leute vor einem viertel Jahrhundert entschlossen, das Autonome Kulturzentrum zu errichten, war es mit Sicherheit noch möglich, den Begriff Subkultur zu verwenden, ohne dabei an staatlich eingehegte Vergnügungstempel zu denken. Denn es schwang ein kritisches Potential mit, das eine Realität besaß: Nämlich die Perspektive, dass die Geschichte noch gar nicht begonnen habe, dass ein gesellschaftlicher Umbruch möglich sei, der die Mauern der alten Welt einreißen werde, und damit die Gewissheit, dass sich eine Bewegung gegen das Alte stellen könne, die nicht nur aus ein paar Linksradikalinskis bestehen würde, sondern aus einer breiten Gegenbewegung, zusammengesetzt aus, im weitesten Sinne, alternativen Kulturschaffenden.
Die Geschichte zog einem solchen Verständnis von Subkultur den historisch-realen Boden unter den Füßen weg. Was sich in den 80ern als alternative Subkultur verstand, wurde spätestens in den 90ern die Avantgarde der neubürgerlichen Produktivkraftentwicklung. Wer sich vorgestern noch im subkulturellen Sumpf bewegte, verstand sich gestern schon als kommunaler Anwalt eines verstümmelten, herrschaftsaffimativen Verständnisses eben dieser Subkultur. Im AKW mag bis vor ein paar Jahren noch der eine oder andere kritische Gedanke konserviert worden sein, der einst in der Subkultur steckte, am Ende blieb davon nicht mehr übrig als eine schwache Erinnerung. Interessanterweise, und im Nachhinein wohl auch fatalerweise, fand in Würzburg nicht das „Outsourcing“ des kritischen Potentials statt. Denn die Marginalisierung der linken Herrschaftskritik führte in anderen Städten durchaus zu zahlreichen Neugründungen von kleineren autonomen oder alternativen Kulturzentren. Im Nachhinein ist es schwer nachzuzeichnen, weshalb dies in Würzburg nicht geschah. Mit Sicherheit spielte die Wahrnehmung des AKWs als das eigentliche subkulturelle Kulturzentrum, das aber längst keines mehr war, eine bedeutende Rolle. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die gesellschaftliche Entwicklung den kritischen Begriff von Subkultur zunichte gemacht hat, und dass genau deshalb städtische Jugendzentren wie das Cairo oder der B-Hof(1) eigeninitiative „Kulturschaffende“ anziehen können, die sich als Teil einer wie auch immer gearteten alternativen Subkultur verstehen, obwohl das kritische Potential beim Eintritt in die ehrenwerte Gesellschaft der Jugendarbeit an der Garderobe abgegeben werden muss.

Du bist Würzburg

Die Ironie an der Sache ist, dass durch das Ende des AKWs eine Wahrheit endgültig ans Licht kommt: städtischen Kulturzentren kommt die Deutungshoheit über den Begriff von Jugend- und Subkultur zu. Während sich die so genannte Hochkultur noch einbildet, eine eigenständige, unabhängige Sphäre zu sein, hat dies die Jugendkultur überhaupt nicht mehr nötig: Was „Independent“ ist, das bestimmt nun die Stadtkultur. Dabei darf eine Sache nicht falsch verstanden werden: obwohl es das Cairo natürlich bewusst intendiert, den Extremismus aus dem Jugendkulturhaus heraus zu halten, kann die Abmilderung von jeder kulturellen Veranstaltung nicht an einzelnen Menschen festgemacht werden: Es sind die Charaktermasken der städtischen Sozialpädagogik, welche ihren Sinn immer in der gesellschaftlichen Integration der Jugend hatte und hat. Diese Rolle spielt das Cairo nahezu perfekt. Das Jugendkulturzentrum stellt die Scharnierfunktion zwischen selbstinitiativem Engagement und der Konsensstiftung mit kommunaler Kultur dar.
Und so kommt es, dass die Stadt nicht mehr als Gegnerin, sondern als Partnerin wahrgenommen wird. Die AgentInnen der städtischen Jugendarbeit treten dabei als Anwalt der sich selbst zähmenden Jugend- und Subkultur auf, während die Kulturbeauftragten der Stadt Würzburg dieser Art von Kultur zum größten Teil Wohlwollen entgegenbringen, solange nach deren Spielregeln gespielt wird. Und es wird nach den Spielregeln gespielt.
Die VeranstalterInnen müssen nicht dazu gewungen werden, unerwünschte Veranstaltungen zu unterlassen. Dadurch, dass man sich in der Sphäre der städtischen Jugendkultur bewegt, lernt man automatisch, was man zu tun und zu lassen hat. Es handelt sich um eine Freiwillige Selbstkontrolle zugunsten des Würzburger Images.
Während der Begriff von Subkultur, wenn auch in einer völlig verstümmelten Variante, noch Bedeutung für gewisse Leute besitzt, ist der Begriff der Selbstorganisation anscheinend völlig aus dem Vokabular der Würzburger „Szenekultur“ verschwunden. Die Vorstellung, dass es möglich sein kann, ohne die Vermittlung von jugendkulturellen Anwälten der „Szene“ und ohne das Wohlwollen der Stadt etwas auf die Beine zu stellen: Sie scheint den Leuten, die in Ihrer Jugend vielleicht mal Revoluzzer spielten und heute Kulturschaffende sind, völlig abhanden gekommen zu sein. Keinen Begriff mehr von kritischen Interventionen und Gegenkultur zu haben bringt die Zufriedenheit mit dem totalitären Unheil zum Vorschein, die die sozialpädagogische Selbstzähmung geschaffen hat.

Die schlechteste Ausrede

In Debatten über die Möglichkeit, in Würzburg etwas zu schaffen, das sich der kulturellen Standortlogik entzieht, hat sich bei vielen Menschen eine Argumentationsweise eingeschlichen, um die eigene Resignation zu rechtfertigen oder ganz zu vertuschen: Würzburg sei eben Würzburg, hier gebe es weder eine linke Szene noch die Möglichkeit, etwas kritischeres als das Cairo zu errichten.
Ich halte dieses Argument für eine schlechte Ausrede, um der eigenen Lethargie einen höheren Sinn zu geben. Würzburg ist weder zu klein (in kleineren Städten wie Gießen, Hanau oder Göttingen gibt es auch alternative Zentren), noch zu bayerisch (selbst in einem Kaff wie Sulzbach-Rosenberg gibt es ein selbstverwaltetes Jugendzentrum), noch sind alle Zufrieden mit der gesellschaftlichen Totalität. Man kann scheitern, selbstverständlich. Aber um Scheitern zu können, muss man zuerst einmal begonnen haben. Was den Leuten fehlt, ist das Anfangen-können, das tiefe innere Vertrauen, dass man am Ende seine Ziele erreichen wird.
Es gilt, die Fragen, die scheinbar nicht mehr gestellt werden, neu zu stellen. Was will, was kann Jugendkultur? Welche Funktion erfüllt städtisch subventionierte Kultur? Die Geschichte hat das kritische Potential von Begriffen wie Kultur, Politik und Kunst unter sich begraben. Es gilt, dieses freizubuddeln. Nicht für Würzburg, sondern für diejenigen, die ihren Frieden mit dem falschen Ganzen noch nicht geschlossen haben.

Jetzt ist die Zeit, hier ist der Ort.

Benjamin Böhm

(1) Interessant ist die unterschiedliche Art und Weise, wie Jugendkultur im B-Hof und im Cairo stattfindet. Im B-Hof besteht noch ein offener Jugendbereich, es wird ein jüngeres Publikum angesprochen und die veranstalteten Konzerte dürfen auch ZuschauerInnen vom linken Rand ansprechen, um diese durch die Sozialpädagogik gesellschaftlich zu integrieren. Im Cairo hingegen wäre es schwer möglich, ein Konzert mit Antifa-Emblem auf dem Flyer zu veranstalten. Ein wesentlich älteres Publikum wird angesprochen, dem man natürlich die anarchistischen Kindereien aus dem B-Hof nicht zutrauen möchte. Die Revolution, eine Sache für pubertierende Teenies.

Anmerkungen zum Bildungsstreik

Wer hätte gedacht, dass es noch einmal nötig sei, in diesem Magazin die Proteste der StudentInnen mit einem Wort zu erwähnen. Doch die Ereignisse beim kürzlich stattgefundenen so genannten Bildungsstreik verdeutlichen zu viel, als dass man sie ignorieren könne.
Zuerst einmal: Es handelte sich um keinen wirklichen Bildungsstreik. Die 2000-3000 SchülerInnen und StudentInnen, die sich der großen Demonstration anschlossen sind nichts gegen die restlichen tausenden Studierenden, die zur gleichen Zeit in den Hörsälen saßen, weil sie zutiefst zufrieden mit dem Status Quo sind. Die Mehrheit der Damen und Herren Studierenden interessiert sich nicht für die Forderungen, einfach und alleine aus dem Grund, weil sie mit der Situation zufrieden sind. Genau deshalb kann eine Aktion nicht im isolierten Kreis der zukünftigen und gegenwärtigen Studierenden stattfinden, wenn der Protest zu einer Revolte werden soll.
Die Art und Weise, wie es die OrganisatorInnen schafften, der Demo einen revolutionären Charme zu verleihen, um sich am Ende zu beschweren, wenn ein paar hundert Menschen diesen Anspruch ernst nehmen, war zutiefst zynisch. An gewissen Orten wurden Sitzstreiks simuliert, bis ein Ordner die Leute aufforderte, bitte wieder aufzustehen- und sie folgten zunächst noch. „Was ist das Problem? Das System!“ wurde durch das Megaphon gebrüllt, um den DemonstrantInnen das Gefühl zu geben, hier handele es sich nicht um eine Wahlkampfveranstaltung des SDS, der Jusos oder Grünen, sondern um einen Aufruhr gegen das große Ganze. Weit gefehlt! Am Ende kamen ein paar Leute dann doch auf einen vernünftigen Gedanken: Sie hatten keine Lust mehr, sich von OrdnerInnen vorschreiben zu lassen, was zu tun sei, und brachen aus der Demonstration aus. Im Nachhinein wäre die Sabotage wirkungsvoller gewesen, wenn man den Röntgen-Ring besetzt hätte. Aus Mangel an Mut und Menschen musste man dieses Unternehmen wieder aufgeben, bis Verstärkung angerückt war. Die Sitzblockade, die anschließend an der Juliuspromenade stattfand, war zweifellos das Beste, was Studierende Im Kontext der Proteste in den letzten Jahren hervorgebracht haben, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens trennte die Sitzblockade denjenigen Teil der StudentInnen, der die Generalprobe für die große Politik spielen möchte, von denen, die die Demoparole „Wenn wir wollen, steht alles still!“ ernst nehmen. Dazu im nächsten Absatz mehr. Zum anderen hat die Aktion dazu geführt, auch in Würzburg ein paar Studierenden den Sinn von Sabotage zu verdeutlichen. In Frankfurt am Main besetzte man während der Studiengebührenproteste Plätze, Gebäude und Autobahnen, während im braven Würzburg 2005 ein einziges Polizeiauto genügte, um tausende Menschen in Zaum zu halten. Über das Ende des Sitzstreiks muss nicht viel verloren werden- die OrdnungshüterInnen rückten nicht nur mit StreifenpolizistInnen, sondern auch mit Bereitschaftspolizei und Staatsschutz an, filmten die Kundgebung und lösten letztendlich den Sitzstreik auf. Die Staatsmacht war sich des Ernstes der Lage durchaus bewusst.
Im Nachhinein kam das Aktionsbündnis Bildungsstreik in Würzburg zu einer klugen Einschätzung, die ich den OrgansatorInnen in dieser Klarheit gar nicht zugetraut hätte: Natürlich distanzierte man sich zuerst einmal vom Sitzstreik. Wer ein sauberes Image als PolitikerIn haben möchte, darf natürlich die WürzburgerInnen nicht mit einem Sitzstreik erzürnen. Daher kommt man zum Schluss, dass es sich bei der Splittergruppe um eine Gruppe mit antideutschen Parolen gegen den Staat gehandelt habe. Das Aktionsbündnis selbst richte ihre Forderungen aber nicht gegen, sondern an den Staat. Sehr richtig! Die Trennung zwischen JungpolitikantInnen und revolutionären Kräften unternehmen also auch die OrganisatorInnen. Natürlich hat man auch gleich das passende Schimpfwort parat, um die anderen von den SaboteurInnen fernzuhalten: es seien Antideutsche. Wenn jede Agitation gegen die politische Form der kapitalistischen Gesellschaft, den Staat, antideutsch ist, dann scheint es für die offiziöse Studierendenpolitik nur noch sie oder die Antideutschen zu geben. Mir soll das recht sein. Zwei Tage später versuchte man dann, den Berliner Ring zu besetzen. Zweifellos eine gute Idee.
Es stellt sich die Frage, was der Sitzstreik bedeutet, und ob er überhaupt irgendetwas zu bedeuten hat. Vielleicht war er nicht mehr als ein spontaner Einfall und eine Verkettung von Zufällen. Vielleicht ist der Sitzstreik aber auch ein Anfang für einen neuen Zweifel an offizieller Unipolitik und den ausgelatschen Pfaden ihrer Agitation. Wenn es in Würzburg auch, im Vergleich zu anderen Städten, kein linksradikales akademisches Milieu gibt, so könnten doch einige Leute für zukünftige Aktionen ihre Lehren aus dem Sitzstreik gezogen haben. Nicht vergessen werden darf dabei jedoch, dass die Revolte erst eine sein wird, wenn man das akademische Milieu verlässt, um das Öl dorthin zu bringen, wo Feuer ist.

Yvonne Hegel

Das Aktionsbündnis „Bildungsstreik“ als Domteur und Bändiger

Wenn es die Antideutschen nicht gegeben hätte, man hätte sie erfinden müssen.

Da mobilisiert ein Bündnis Bildungstreik Hunderte von StudentInnen undSchülerInnen zu einer Demonstration gegen die Zumutungen des Studiums, brüllt ein wenig „Wer ist das Problem? Das System!“ durch das Megaphon, gibt den StudentInnen sogar die Zeit, ein paar Sitzstreiks vorzutäuschen, und wundert sich am Ende darüber, dass ca. 200 Leute doch noch auf einen vernünftigen Gedanken kommen: nämlich Sabotage zu betreiben.

Was aber fällt dem Aktionsbündnis Bildungsstreik dazu ein? Es beklagt sich darüber, dass diese Aktion der Abschlusskundbegung TeilnehmerInnen genommen habe. Wie tragisch. Außerdem sei es eine Splittergruppe mit antideutschen Parolen gegen den Staat gewesen, sagt das Aktionsbündnis, und hat damit natürlich das passende Schimpfwort gewählt: denn immer wenn man nicht fähig ist, etwas zu begreifen, hat man zum Glück das Wort „antideutsch“ parat.

Ich dagegen habe auch ein Schimpfwort mitgebracht: konterrevolutionär.

Ich resümiere: Wenigstens bewirkte die Sitzblockade auch etwas gutes: die Jung-PolitikerInnen von denen zu trennen, die die Sehnsucht der Revolte in sich tragen.

Mehr zur ganzen Sache im neuen Letzten Hype….

Donnerstag, 07.05: Letzter Hype Party!

Was machst du am nächsten Donnerstag?

Du gehst zuerst auf das Konzert von Airpeople, Tschilp und 80 KM vor Bagdad, das dir von XyeahX präsentiert wird.

Danach bleibst du gleich da, denn draußen gibt es sowieso zuviele Schweine mit Grippe. Das Virus, das die Armee der Twelve Monkeys freigesetzt hat, scheint sich auf dem ganzen Erdball zu verbreiten. Den wenigsten von uns wird es möglich sein, in die sicheren Schutzräume unter der Erde zu fliehen, wenn das Virus auch hier ausgebrochen ist. Daher feiere mit uns die allerletzte Party der Menschheit.
Futter aus Schweinetrögel, Desinfektionsspray und auch Mundschutz wird genügend vorhanden sein. Djs aus den Hype-/XyeayX-Teams geben Ihre Sets zum Besten. Es gibt ausreichend veganes und keimfreies Essen, und ein albernes Gewinnspiel.

Nach uns die Schweinepest… oder so.

party

Zum Ende des Autonomen Kulturzentrums Würzburgs

Eine notwendige Richtigstellung

Das Insolvenzverfahrens über das Vermögen des Vereins für Bildung und Kultur Würzburg e.V. ist eröffnet, das akw! ist offiziell insolvent. Und schon haben sich im offiziellen Kulturbetrieb der Stadt Legenden darüber gebildet, woran es gelegen haben dürfte, und insbesondere natürlich, wer zuletzt daran schuld war.

Denn es ist ja eine mittlere Katastrofe für ein verschissenes Kaff: diejenige Location, in der sich der alternative Teil des studentischen Milieus seit Anfang der 90er gesellig die Laternen ausknipsen durfte, ist jetzt zu. Hier haben einige den besseren Teil der Vortäuschung ihrer wilden Jugend verbracht, bevor sie wurden, was sie sind.

Wer keine teuren Erinnerungen an eine vergangene Jugend braucht, wer den Hass und die Beweglichkeit nicht verlernt hat, wird der Bumsbude in der Frankfurter Strasse keine Träne hinterherweinen müssen. Zuletzt war es sowieso nur noch eine Quälerei. Und schon vor zweieinhalb Jahren, als der Verfasser dieser Zeilen die Ehre hatte, ein Vierteljahr im Vorstand des Vereins dabeizusein, hat man sehen können, dass es zwecklos ist. Damals wäre wohl der richtige Zeitpunkt gewesen, zuzumachen.

Damals, 2006, hatten wir den Vorstand übernommen, nachdem der damalige Erste Vorsitzende mit dem Rest seines Vorstandes zurückgetreten war. Der Laden, den wir übernommen haben, war so verschuldet, dass wir schon damals geprüft haben, ob wir verpflichtet sind, Insolvenz anzumelden; der Laden war hoch verschuldet, die Reserven aufgefressen, und der Investitionsrückstand war auch ganz beträchtlich. Es war ganz einfach im Durchschnitt seit 2004, und zwar sich zyklisch verschärfend, weniger Geld reingekommen als rausgegangen war, und darauf wurde in verschiedener Weise falsch reagiert.

Ein Laden wie das akw! betreibt grundsätzlich Wertschöpfung wie folgt: Bier zu Einkaufspreisen wird durch Bespielung mit der Art von Kultur, die die Kundschaft mag, veredelt zu Bier zu Thekenpreisen. Die geheime Zutat, die den Preisaufschlag (der ca. 200% betragen sollte) rechtfertigt, ist genau das kulturelle Profil. Kultur und Bier kommt rein, Pisse und Mehrwert (aus dem die Löhne und die Zinsen gezahlt werden) kommt raus.

Man verzeihe meine rauhe Sprache angesichts einer rauhen Realität, aber süsslich tun war nie meines, und abgesehen davon ist die Zeit dafür vorbei.

Der vorherige Erste Vorsitzende hat zunächst den grundsätzlichen Fehler begangen, die Linie, die er dem Laden auferlegte, nicht aus dessen Profil zu entwickeln, weniger süsslich ausgedrückt: er war des Irrtums, dass es dem Laden egal sein könnte, was für Musik man dem Bier zusetzt, wenn sie nur insgesamt genug Leute zieht, durch deren Nieren das Bier wieder zu Pisse wird. Er hat aber übersehen, dass das akw! steht und fällt mit einer Stammkundschaft, die gehalten, und ständiger Neukundschaft, die erst einmal kulturell erzogen werden muss (ja, erzogen. Ein Laden wie das akw! hat niemals einfach spielen können, was das Publikum sich so wünscht. Er lebt davon, es auf gewisse Weise herauszufordern.) . Wer aber ernsthaft „Knorkator“ ins akw! holt, muss sich über nichts mehr wundern. Es begann das Stammpublikum massiv wegzubleiben und die Neukundschaft derart beliebig zu werden, dass man sich wirklich auf das Niveau herunterbegeben hatte, mit dem Zauberberg und dem Labyrinth konkurrieren zu müssen; eine Konkurrenz, die für das akw! nur ruinös sein konnte. Das akw! hat eine Marktlücke abseits des main streams, oder es hat keine.

Wir haben das alles schon Ende 2005 gesagt. Damals konnte man noch drüber streiten.

Er war des weiteren unfähig, mit den alten Mitarbeitern des akw! umzugehen. Er hielt sich einfach für den Chef. Befehlen kann man anderswo, vor allem, wo einem der Laden gehört. Im akw! holt man sich damit gelegentlich Streit ins Haus, vor allem dann, wenn man unrecht hat, was ja gelegentlich vorkommen soll. Dann kann man natürlich die entsprechenden Mitarbeiter auch einfach rausschmeissen, solange, bis man selber vom wirklichen Chef, der Vereinsversammlung, rausgeschmissen wird.

Zuletzt war er unfähig, die Notbremse zu ziehen, als es noch Zeit war. Stattdessen wurde weitergemacht, bis es schon lange zu spät war. Man hätte es wahrscheinlich abwenden können, aber er war dazu nicht der richtige.

Die nach ihm kamen, haben es ja auch nicht geschafft, eine konsistente Linie zu entwickeln. Sie waren aber auch, was für ihn nicht gilt, durch die finanzielle Lage an Händen und Füssen gefesselt. Eigene Fehler haben sie natürlich auch gemacht.

Man muss bedenken, dass nicht nur viele unter ihnen sind, die z.B. Indie für eine Musikrichtung halten (also im Grunde für etwas weicheren Rock) statt für ein ökonomisches Segment (independent, dh unterhalb der major-Label). Die Qualität des Publikums war dann auch danach. (Hauptsach, sie tanzen, pflegte der weisse Wal zu sagen, wie er so vieles zu sagen pflegte.)

Sie haben aber durch unbezahlte Arbeit eine ganz konsiderable finanzielle Entspannung geschafft, und waren zunächst auf dem Wege einer wirklichen Besserung, bevor ihnen eine unvorhersehbare Nachforderung der Stadtwerke das Genick gebrochen hat. Und schon erzählten gewisse Idioten in Würzburg (und das akw! war noch gar nicht tot!), dass diese angeblich unfähigen neuen Leute das akw! zu Grunde gerichtet hätten. Unter dem vorherigen Vorstand wäre es ja noch gutgegangen.

Witzig, denn der Schuldenstand, den wir damals übernommen haben, hat sich eigentlich gar nicht besonders erhöht. Die jetzige Insolvenzlage des akw! gab es genausogut schon vor zweieinhalb Jahren, und wir hätten damals Insolvenz anmelden müssen; wenn, ja wenn nicht die Gläubiger selbst, zu deren Schutz es das Insolvenzrecht ja gibt, darauf verzichtet hätten und uns gebeten hätten, weiterzumachen. Ich wusste damals bald nicht mehr so ganz, weswegen man das eigentlich macht, für die Zinsen der Bank, und um die Blösse der Stadt zu bedecken, oder für uns, und bin dann auch wieder raus; andere haben weitergemacht, irgendwann hat es sie eingeholt. Hätten sie es zuletzt besser machen können? Sicherlich. Hätten sie eine Chance gehabt? Ich glaube nicht.

Jörg Finkenberger

4/4: Über die Burschenschaften Germania, Adelphia, Cimbria und die Landsmannschaft Teutonia

Einleitung

Nach einem ersten Überblick über das Würzburger Korporationswesen(1) und zwei allgemeinen Teilen über die Allgemeine Klassifikation, Funktionen und die autoritäre Erziehungsgemeinschaft einerseits(2) und andererseits über Eliteformation, Geschichte und Konservative Revolution im Korporationsmilieu(3) wenden wir uns im vierten und letzten Teil der Serie nun einzelnen Würzburger Verbindungen zu.
Die Auswahl dieser erfolgte dabei nicht wahllos: zur Zeit der Vorbereitung des Textes befanden sich die Burschenschaften Germania und Cimbria noch in der Deutschen Burschenschaft, deren ideologische Gemeinsamkeit der „völkische Nationalismus“(4) ist. 2008 traten jedoch die Germania und die Cimbria aus der Deutschen Burschenschaft aus(5). Die Gründe dafür werden nicht über öffentliche Wege kommuniziert. In gewohnt geheimnis-umwobener Manier schreibt dazu ein Germane: „Die Personen, die sich für die Gründe des Austritts wirklich interessieren, sind wohl ausschließlich korporiert und denen ist dann auch TraMiZu [Anmerkung AK Kritische StudentInnen: Tradition mit Zukunft, Internetportal für Korporierte] bekannt. Des weiteren ist es schwer Quellen zu benennen, da diese nur das bundesinterne Nachrichtenblatt wäre, welches für Außenstehende nicht zugänglich ist.“(6) Durch eine ausbleibende Erklärung zum Grund Ihres Austritts verpassen die Germanen und Kimbern natürlich auch die Chance, von der bürgerlichen Öffentlichkeit als nicht mehr völkisch-nationalistisch wahrgenommen zu werden. Wie dem auch sei: die Fundamentalkritik an den beiden Burschenschaften verliert durch den Austritt in keinen Weise seine Schlagkraft. Ganz im Gegenteil bestätigt dies unsere Analyse, denn es ist nicht möglich die völkischen Burschenschaften der Deutschen Burschenschaft getrennt von Rest des Korporationsmilieus zu betrachten, solange sich ein Großteil der Verbindungen und Verbände nicht, wie in anderen Staaten, als bloßes Elitenetzwerk ohne den völkischen Kitt versteht. Daher wird hier auch die Landsmannschaft Teutonia in den Blick genommen.
Darüber hinaus gründete sich in Würzburg im Januar 2009 eine neue Burschenschaft namens Libertas. Diese stellt eine Abspaltung von den Germanen dar, die im weitesten Sinne etwas mit dem Austritt der Germanen aus der Deutschen Burschenschaft zu tun hat, denn man strebt einen Eintritt in die Deutsche Burschenschaft an(7). Ihr Wahlspruch lautet, wie sollte es anders sein, „Ehre- Freiheit- Vaterland“(8). Damit hat eine Blockbildung bei den Würzburger Burschenschaften eingesetzt: Auf der einen Seite finden sich die Burschenschaften Adelphia und Libertas, die offen an der völkischen Deutschen Burschenschaft partizipieren bzw. partizipieren werden und deren Verbundenheit bereits durch eine gemeinsame Freundschaftskneipe besiegelt wurde(9), auf der anderen Seite finden sich die Burschenschaften Cimbria, Germania und Arminia.

Es folgt die Darstellung der einzelnen Verbindungen:

Burschenschaft Germania
Farben: schwarz-gold-hellblau
Adresse: Nikolausstraße 21

Zur Geschichte der Germanen in der Weimarer Republik:
Keine andere Würzburger Studentenverbindung hatte zur Zeit der Weimarer Republik so viele Mitglieder im National-Sozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB)(10). Von 50 Aktiven Germanen waren bereits 1929 17, im Sommersemester 1931 bereits 29 Korporierte beim NSDStB aktiv(11), wobei erwähnt werden muss, dass der Nationalsozialismus innerhalb der Germania scheinbar einen solchen Rückhalt hatte, dass der Kopf des NSDStB die Burschenschaft Germania als „Sektion II. Des NSDStB“(12) bezeichnete, was die alten Herren der Germania empörte. Für die Nazis bildeten die „Studentenbundkameradschaften der Korporationen dass eigentliche Rückgrat des Würzburger NSDStB“(13). Wenn es auf der Germanen-Homepage schlichtweg heißt, „schon bald zeigten sich dunkle Wolken am Himmel. Kurz nach der Machtergreifung Hitlers erfolgte der Eingliederungsprozess der Burschenschaften in den NSDStB“(14), dann ist dies also nur die Halbe Wahrheit und ignoriert zum Wohle des Images der Germanen die Rolle der Burschen bei der Zerschlagung der Weimarer Republik.

Geschichte bis heute:
Auch nach dem Krieg zeigten sich bei der Germanen revisionistische und völkische Tendenzen. So findet sich „zum Geleit“ im Totengedenkbuch der Germanen, das den Gefallenen des ersten und zweiten Weltkrieges gedenkt, folgendes Gedicht: „Das kein Feind betrete den heimischen Grund, stirbt ein Bruder in Polen, liegt einer in Flandern wund; Alle schützen wir Deiner Grenzen heiligen Saum, unser blühend Leben für deinen dürsten Baum, Deutschland!“(15).
Modernere Studentenverbindungen richteten sich bereits im Jahre 1965, allen voran die gemäßigten katholischen, gegen das Singen aller drei Strophen des Deutschlandlieder, was zu Auseinandersetzungen in interkorporativen Conventen, führte(16). Die Germanen und andere Verbindungen wollten alle Strophen singen, weshalb 1965 ein Convent abgesagt wurde. Die 68er Umbrüche machten auch vor den Germanen nicht halt. Während einige liberalere Burschenschaften das Fechtprinzip fakultativ, also freiwillig, gestalten wollten, wandten sich die Germanen auch hier auf die konservative Seite(17). Der Autor des 1993 erschienenen Geschichtsbuches „175 Jahre Burschenschaft Germania zu Würzburg“ macht sich für das Jahr 1975 auch Gedanken über den Wehrdienst, wobei die soldatischen Tugenden natürlich unangefochten bleiben und man den Mitgliederschwund aufgrund der Entwurzelung, also völkisch, interpretiert. „Denn die Leugnung und Ächtung der Autorität führen zur Entwurzelung besonders des jungen Menschen, weil sie verknüpft ist mit der Preisgabe dieser Rechte und dessen, was ihn im Grunde an das geschichtlich gewachsene bindet.“(18) Wehrdienstverweigerer werden abgelehnt: „Glücklicherweise kennen wir in unserem Bunde dieses leidige Problem nicht, denn ein Wehrdienstverweigerer wird zwangsläufig auch unsere Prinzipien ablehnen und sich damit automatisch aus unserer Gemeinschaft ausschließen“(19).
Auch die Kontakte, die die Germania mit anderen Verbindungen im sogenannten Schwarz-Roten-Kartell pflegt, verheißen kaum eine Abkehr von völkischen Ansichten. Die Alte Burschenschaft Alemmania in Kiel veranstaltete im Mai 2002 einen Vortrag mit dem Titel „die Legion Condor und der spanische Bürgerkrieg“, wobei die Condor eine Eliteeinheit der Luftwaffe war, die 1937 die Ortschaft Guernica dem Erdboden gleich machte(20). Auch eine zweite Burschenschaft, mit der sich die Germanen verbunden fühlen, nämlich die Hansea-Allemannia in Hamburg, zeigt eine Affinität zu rechtem Geschichtsrevisionismus: so veranstaltete man einen Vortrag mit Karl-Heinz Weißmann, einem Publizisten der Neuen Rechten, und pflegt Kontakte zu völkisch-heidnischen Kreisen(21).

Burschenschaft Adelphia
Farben: grün-schwarz-rot
Adresse: Sieboldstraße 12

Auch bei den Adelphen findet sich kein Bruch mit dem deutschen Soldatentum. Noch 1967 heißt es bei einer Gedenkschrift für die Gefallenen des 2. Weltkriegs: „War dem deutschen Volke auch kein Sieg beschieden, so hält der Tod doch in uns das Bewusstsein wach, dass sie für uns gestorben sind.“(22) Was es bedeutet hätte, wenn dem sogenannten deutschen Volk der Sieg zu Teil geworden wäre, nämlich eine Aufrechterhaltung des systematischen Massenmordes an den Jüdinnen und Juden und eine Fortführung der Barbarei, müsste selbst den Adelphen bewusst sein.
In einer Selbstbeschreibung der Adelphen von 2008 finden sich sowohl Versatzstücke des deutschen Soldatentums, als auch von dumpf-patriotischem Denken und ständischer Elitetheorie: „Disziplin, Pflichtgefühl, Verantwortungsbewusstsein, Solidarität und Leistungsbereitschaft […] betreffen die Fähigkeit des Einzelnen, die er für sich, seine Korporation und sein Land bereit ist einzubringen. […] Patriotische Grundhaltung und Risikobereitschaft sind weitere Werte, die wir […] für essentiell halten. […] Konkret bedeutet dieses Ergebnis für uns, daß wir die gesellschaftliche Vorbildfunktion der akademisch gebildeten Menschen fordern.“(23)
Kontakte pflegen die Adelphen mit der Burschenschaft Normannia Heidelberg.(24) Diese ist in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft(25) organisiert, dem äußersten rechten Rand der Deutschen Burschenschaft(26). Dazu passt, dass die Mitglieder der Normannia im November 2003 die antisemitische Rede Martin Hohmanns kopierten und an der Uni verteilten(27). Dieser Freundschaft ist es wohl auch geschuldet, dass die Adelphen im WS 07/08 einen Vortrag mit starker rechter Schlagseite veranstalteten: Hannes Kaschkat, Vizepräsident der Würzburger Uni a.D und Mitglied bei den Heidelberger Normannen(28), Interviewpartner von Junger Freiheit(29) und Nationalzeitung(30) (der Zeitung des DVU-Chefs Gerhard Frey), Autor im Grabert-Verlag(31), in dem auch mehrere Auschwitzleugner publizierten(32) und Republikaner-Anwalt in den 80er Jahren(33) hielt am 08.12.2007 im Adelphenhaus einen Vortrag zum Thema „Berufsfreiheit und Staatskontrolle (am Beispiel Danubia München und Sascha Jung)“(34). Da Hannes Kaschkat selbst bei der Danubia zu Gast war(35), welche z.B. dafür bekannt ist, einem Neonazi nach einer Schlägerei Unterschlupf gewährt zu haben und bis 2007 vom Verfassungsschutz überwacht wurde(36), hofierte die Adelphia einen Gast mit Kontakten zum rechten Rand in ihrem Hause.

Burschenschaft Cimbria
Farben: violett-silber-schwarz
Adresse: Huttenstraße 31

Auch einige Kimbern zeigten eine frühe Affinität zum Nationalsozialismus, denn 1929 waren auch einige Ihrer Mitglied im NSDStB(37) organisiert. Inwieweit die Rolle der Burschenschaften in der Kampfzeit des NS aufgearbeitet wurde, ist unbekannt. Überhaupt ist die Beschaffung von Material zu den Kimbern im Vergleich zu allen anderen Verbindungen am schwersten. Sie hält sich bedeckt, betreibt zur Zeit nicht einmal mehr eine Homepage. Das einzige Lebenszeichen seit langem stellte der Austritt aus der DB im Herbst 2008 dar.
In ihrer Satzung wurden ihre Ziele, die sich ebenfalls patriotisch-soldatisch definieren, formuliert: „Die Cimbria hat das Ziel, den Charakter ihrer Mitglieder zu prägen im Sinne des burschenschaftlichen Gedankenguts und sie zu Persönlichkeiten zu erziehen, die befähigt sind zum Dienst am Vaterland [..]“(38).

Landsmannschaft Teutonia:
Farben: rot-weiß-gold
Adresse: Greisingstr. 17

Der Reflexion über die Nazizeit seitens der Teutonen muss man zugute halten, das sie im Festbuch zu 125 Jahre Landsmannschaft Teutonia überhaupt erwähnt, dass es personelle Überschneidungen zwischen der SA, dem Stahlhelm und den Teuten gab. Jedoch wird hier lediglich trocken festgestellt, „daß es zu Beginn der 30er Jahre unter Ihnen [Anmerkung AK Kritische StudentInnen: den Nazis, die gleichzeitig Teuten waren] und den Nur-Teuten keine Schwierigkeiten gegeben hatte. Man respektierte sich gegenseitig.“(39) Als sich das Würzburger Korporationswesen dann 1933 dem Führerprinzip anpasste, war der erste Führer des Würzburger Waffenrings dann auch ein Teute.(40)
Ähnlich wie die Germanen wandten sich auch die Teuten gegen eine Abschaffung der Pflichtmensur(41) und bei den Auseinandersetzungen im Coburger Convent in den 70ern bildete man dazu einen eigenen konservativen „Würzburger Kreis“, der sich letzten Endes im Convent durchsetzen konnte(42), weshalb Mitgliederbünde im Coburger Convent auch heute noch verpflichtend die Mensur fechten müssen.
Wie für viele andere Verbindungen, endet das deutsche Volksgebiet für die Teuten nicht bei den Grenzen der BRD, ganz im Sinne eines völkischen Verständnisses eines organisch gewachsenen deutschen Kulturraumes. So tragen die Teuten normalerweise kein zweites farbiges Band, wenn sie jedoch bei ihren österreichischen Freunden sind, wird eine Ausnahme vorgenommen, und zwar „zur Stärkung des Deutschtums bei den Innsbrucker Tyrolern“(43), wobei damit die Landsmannschaft Tyrol gemeint ist, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „für das Recht und die Freiheit des deutschen Kulturvolkes einzutreten, wobei unter Vaterland die deutsche Kulturgemeinschaft, nicht das Staatsgebiet, und unter Kulturvolk die Gemeinschaft der Deutschen, nicht die Staatsbürgergesamtheit verstanden wird.“(44)
Durch einen Vortrag kommt ihre mangelnde Distanzierung zum rechten Rand zum Ausdruck. So veranstalteten die Teuten im WS 2007/2008 am 24.10. einen Vortrag zum Thema „Islam“(45) mit dem rechts-konservativen Journalisten Dr. Udo Ulfkotte. Dieser ist rechtspopulisitischer „Islamkritiker“. Bei den Bremer Bürgerschaftswahlen unterstützte er die rechtspopulistische Partei „Bürger in Wut“, war Mitinitiator der Organisation PaxEuropa(46), die über die „schleichende Islamisierung Europas“(47) aufklären möchte und ist Referent beim Institut für Staatspolitik, das der Jungen Freiheit nahe steht und als Denkfabrik der Neuen Rechten gilt(48).

Es kann keine Ende geben….

Die Serie über die Korporationen kommt zwar an ihr Ende, die Kritik an diesen kann aber nicht beendet sein. Wir stellen klar, dass es nicht unsere Intention war oder ist, die Mitglieder der Korporationen in irgendeinen Diskurs mit einzuschließen. Sich gegen völkisch-deutsche Ideologie zu wehren heißt, die Kritik zuzuspitzen, statt sich auf den penetranten Mitteilungsdrang über deutsche Kultur und Volksgemeinschaft seitens der Korporierten einzulassen. Wenn die Serie dazu beigetragen hat, die Kritik an den Würzburger Verbindungen zu erneuern und sie grundlegender zu machen, dann hat sich die Mühe gelohnt.

AK Kritische StudentInnen

_________________________________________________________________________________________

1: Siehe Letzter Hype, Ausgabe 07.
2: Siehe Ebenda, Ausgabe 08.
3: Siehe Ebenda, Ausgabe 10.
4: Reader über das Marburger Verbindungswesen der Antifa Gruppe 5 Marburg, abzurufen unter http://www.ag5.antifa.net.
5. Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Burschenschaft_Germania_zu_W%C3%BCrzburg.
6. http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Burschenschaft_Germania_zu_W%C3%BCrzburg.
7. Siehe http://www.tradition-mit-zukunft.de/community/couleurinfo/verbindung,b_libertas_wuerzburg.html.
8. Siehe ebenda.
9. Siehe http://www.adelphia.de.
10. Vgl. Peter Spitznagel, Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg 1927-1933, Diss. phil. Würzburg 1974, 30f.
11. Vgl. ebenda S. 175 f.
12. Vgl. Spitznagel, Peter: Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg, 1927-1936. IN: 1503-1982 Studentenschaft
und Korporationswesen an der Universität Würzburg, 1982, S. 95.
13. Bericht des Führers der Korporationsk. Würzburg vom 25.09.1932, IN: ebenda, S 108.
14. Siehe http://www.germania-wuerzburg.de/geschichte.php
15. Burschenschaft Germania: Gefallenen-Gedenkbuch der Burschenschaft „Germania“ zu Würzburg, Würzburg 1958.
16. Vgl. Burschenschaft Germania: 175 Jahre Burschenschaft Germania zu Würzburg, Würzburg 1993, S. 22 f.
17. Vgl. ebenda, S. 23 f.
18. Vgl. Burschenschaft Germania: 175 Jahre Burschenschaft Germania zu Würzburg, Würzburg 1993., S. 25.
19. ebenda, S. 26.
20. Vgl. www.archiv-kiel.de/komm/files/astalavista.pdf
21. Vgl. http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2005/08/8an2005.pdf
22. Burschenschaft Adelphia: 100 Jahre Burschenschaft Adelphia, Würzburg 1967.
23. Burschenschaftliche Blätter, 01/2008.
24. Vgl. www.adelphia.de.
25. Vgl. http://www.burschenschaftliche-gemeinschaft.de/ueb-mitgliedsbuende.htm.
26. Vgl. www.unimut.fsk.uni-heidelberg.de.
27. Vgl. ua.x-berg.de/pdf/UAZZ.pdf.
28. Ebenda.
29. http://www.jf-archiv.de/archiv99/129aa16.htm.
30. Vgl. Nationalzeitung November 2005.
31. Vgl. http://www.apabiz.de/archiv/material/Profile/Grabert-Verlag.htm.
32. Ebenda.
33. Vgl. http://www.antifaschistische-nachrichten.de/1998/24/index.shtml.
34. Vgl. Semesterprogramm der Adelphen WS 07/08, xxx.adelphia.de, Stand November 2007.
35. http://www.danubia-muenchen.de/archiv.php.
36. Vgl. http://wahlen.aida-archiv.de/index.php?option=com_content&task=view&id=694&Itemid=1148.
37. Vgl. Peter Spitznagel, Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg 1927-1933, Diss. phil. Würzburg 1974, Seite 31 f.
38. Cimbria Würzburg: Grundsätze der WB Cimbria, Würzburg 1969.
39. Landsmannschaft Teutonia: 125 Jahre Landsmannschaft im CC Teutonia zu Würzburg, Würzburg 1990, S. 104.
40. Siehe Ebenda, S. 171.
41. Zur nochmaligen Erklärung: eine Mensur ist ein nach festen Regeln ablaufendes Fechtduell zwischen Mitgliedern unterschiedlicher
Verbindungen. Die Satzung einer Korporation legt meistens fest, wie viele Mensuren ein Aktiver fechten muss.
42. Vgl. ebenda, S. 171.
43. Vgl. ebenda, S. 208.
44. http://www.l-tyrol.at/prinzipien.asp.
45. Vgl. http://www.teutonia-wuerzburg.de, Stand 01. November 2007, Semesterprogramm 2007/08.
46. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Udo_Ulfkotte.
47. http://www.buergerbewegung-pax-europa.de.
48. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Institut_f%C3%BCr_Staatspolitik.

26.4. im Kult/Würzburg: Lesung des letzten hype

7.5.2009: party des letzten hype

party des letzten hype, 7.5.2009, 22.30 uhr
immerhin (würzburg), nach dem konzert
djs von xyeahx und dem letzten hype

2 jahre letzter hype? es gibt nichts zu feiern

Die Party des letzten hype könnte die Geburtstagsparty des hype sein: vor 2 Jahren erschien die erste Ausgabe. Immerhin: dass wir 2 Jahre durchhalten würden, hätten wir nicht gedacht.

Die „neue Area“, die wir vor 2 Jahren grossmäulig ausgerufen haben, hat immer noch nicht geendet. Soll sie denn ewig dauern? Was wir damals angefangen haben, mag sein, dass es gar nicht schlecht war. Es muss aber etwas besseres geben als den letzten hype.

Zu feiern gibt es nichts. Die Verhältnisse, die etwas wie den hype nötig gemacht haben, sind verflucht. Und immer noch geht alles weiter, und es wird nicht besser, sondern schlechter, und wenn alles, was bleiben soll, die Verzweiflung ist, dann können wir weitermachen wie bisher.

Versprochen haben wir einmal etwas anderes. Es wird auch nicht so bleiben, wie es ist. Die Sache muss mehr sein als ein Heft, und wird mehr sein als ein Heft, oder sie wird gar nicht sein.

Es ist auch an euch, zu entscheiden.

Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur

Alldiweil zu Würzburg am schönen Maine die „Refolution“ ihr wildes Haupt erhob (Der rasende Reporter Heumann wird sicher davon berichten) und das übermütig gewordene fränkische Proletariat lediglich durch eine Überzahl wackerer bayerischer Gendarmen daran gehindert werden konnte, die weihnachtlich geschmückten Straßen und Plätze zu verwüsten, saß ich unbeschwert und vergnügt im Zuge – unterwegs in die Landeshauptstadt, wo ich liebe Freundinnen und Freunde zu treffen gedachte. Dabei ließ mich die Vorfreude auf eine kulinarische Vorwegnahme des befreiten Zustandes die fränkisch-bayerisch-oberpfälzerischen Dummschwätzereien („do iss enner mit enener Grawadde!“ „Des iss sicher e Mänädscher, der muss jedsd hald a amal aweng schbaar“) meiner geschätzten Mitreisenden milde überhören. Dazu kam eine gewisse Zufriedenheit: hatte doch nach Jahren der Stagnation und der Ereignislosigkeit in der hiesigen Kulturszene, was, nebenbei bemerkt, einem leitenden Kulturredakteur in diesen Tagen ja schnell einmal den Job kosten kann – also die, nennen wir’s beim Wort: eben Abwesenheit von Kultur, über die man schreiben könnte – ja also, da hatte sich gerade endlich ein veritabler Skandal am Theater dieser Stadt ereignet! Jetzt wurde meine Meinung zur fristlosen Kündigung des Generalmusikdirektors gar aus Theaterkreisen unter der Hand nachgefragt und, soviel stand damals schon fest, ist die (von mir zu verantwortende) Positionierung dieser Zeitung in der Affaire Wang von extraordinärer Bedeutung! Ha! Die Presse! Die vierte Gewalt! Und ICH mittendrin! Nun, das alles würde bäldigst gebührend gefeiert werden.

Zu München wurde ich dann aufgeregt empfangen und gab ich selbstverständlich ausführlich Bericht von meinen ausschweifenden Exkursionen. Gelegenheit dazu bekam ich bei einem Event; ganz nach der im schicken München aktuellen Mode war zum Dinner geladen worden, wobei der Clou der ganzen Angelegenheit ist, daß alle Beteiligten je einen Gang zum Menü beizusteuern haben – also die Hälfte des Spaßes darin besteht, sich in eine einzige Küche zu zwängen, den anderen möglichst viel im Wege zu stehen und ihnen auch noch mit sachkundiger Miene in die Rezeptur und Zubereitung dreinzureden. Das war ganz nach meinem Geschmack! (Lediglich die Tatsache, daß der Hauptgang von meinem alten Freund und Rivalen D. an sich gerissen worden ist, hat die Freude etwas geschmälert. Außer gelegentlichen Bemerkungen zu seiner etwas chaotischen Arbeitsweise habe ich mir zwar nichts anmerken lassen, aber unter uns: der D. dürfte in meiner Küche lediglich den Salat waschen!) Zwischen dem kunstvollen Frittieren von Wan-Tans und dem Pürieren von Nüssen erzählte ich, wie ich beim Konzert der Philharmoniker fast neben dem abgesetzten GMD zu sitzen kam und die Aktivistinnen des Wagnerfanclubs ihrem Helden tapfer im Kampf gegen das Theaterestablishment zur Seite standen. Ach, wie dramatisch sich die Hochkultur in der fränkischen Provinz doch geben kann – puterrote Köpfe, böse Blicke und ein gefüllter Konzertsaal, dessen Auditorium Füße scharrend und hüstelnd einem öffentlichen Affront beizuwohnen hofft. Nun ja, trotz der Delikatesse der Situation meisterte das Philharmonische Orchester, dirigiert von Roman Brogli-Sacher, sein Programm – Felix Mendelssohn Bartholdy Ouvertüre „Die Hebriden“ op. 26, Robert Schumann Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 129, Johannes Brahms Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90 – und ich genoss die volle Dosis deutscher Romantik im neu renovierten Konzertsaal der Würzburger Musikhochschule. In der Woche zuvor war ich ja bereits zu Schuberts Unvollendeten und Schumanns 4ter in der Hofstallstraße gewesen und hatte mich inmitten dieses frisch renovierten Denkmals der Moderne sitzend dann doch gefragt, ob die musikalische Moderne – gar nicht erst zu reden von zeitgenössischer Avantgarde – jemals hier Gehör bekommen würde. In Schweinfurt, dessen Theatersaal ja geradezu ein Geschwister des mitleidlos „grosser Saal des Gebäudes der Musikhochschule Hofstallstrasse“ getauften Würzburger Konzertsaals ist, durfte ich dann Schönbergs Konzert für Streichquartett und Orchester von den Bamberger Symphonikern unter Jonathan Nott erleben. Das noch etwas fränkischere Publikum dort war allerdings mit dem Hinweis auf die „echte Stradivari“, auf welcher die Solistin Lisa Batiashvill spielte, ins Theater gelockt worden und wurde für das Erdulden der Schönbergschen Zumutung und des etwas experimentellen V&V für Violine, Streichorchester und Tonband des georgischen Komponisten Giya Kancheli mit Bachs Konzert für Oboe, Violine, Streicher und Basso continuo und Schuberts Unvollendeten entschädigt. In kleinen Dosen und eingestreut zwischen bravourös dargebrachtem Altbekannten ist die Moderne selbst dem unterfränkischen Kulturpöbel unterzuschieben. Tags darauf saß ich dann in der „Rotationshalle“ im „Vogel Convention Center“, wo die einstige Verwendung des Raums als Standort für Druckmaschinen unübersehbar geblieben ist und dabei sehr schön von der bei aller Moderne doch recht steifen Feierlichkeit der Theater- und Konzertsäle absticht. Das äußerst brillante Pariser Ysaÿe Quatuor spielte sich mit Anton Weberns Langsamer Satz, Johannes Brahms Streichquartett Nr. 13, Beethovens Streichquartett Nr.15 immer weiter in die Historie zurück, bis dann – als Zugabe – mit einem Satz aus einem Quartett Joseph Haydns der Urvater beschworen wurde. Ein grandioses Konzert! Die geradezu körperlich zu spürende schiere Verzweiflung, die aus dem 3ten Satz Beethovens opus 132 spricht, hat mich vollkommen in den Bann geschlagen.

Dieweil ich munter weiter referierte, waren die Kochereien so gegen Mitternacht beendet und nachdem wir die Kochschürzen mit der Abendgarderobe vertauscht hatten, konnte das eigentliche Dinner nun endlich beginnen. Auf das Entre war verzichtet worden und wir begannen mit einer Thai-Basilikum-Creme-Suppe, zu der ein 2007er Rheingau Riesling Kabinett trocken „Weingut Angulus“ gereicht wurde, gefolgt von einem Salat mit Wan Tans und Nuss-Pesto. Der vorzügliche Hauptgang (bei allem Neid muß ich das doch festhalten) war ein Wildhasenrücken im Crêpe-Mantel, den ein sehr gut passender 2002er Cahors „Domaine Du Théron“ begleitete. Nun war dann doch ein doppelter Espresso nötig, die beiden Damen rauchten und huldigten erwartungsgemäß nicht mir, sondern dem nun eifrig küchenfachsimpelnden D., der nicht eher ruhte, als daß die Gastgeberin aus ihren Spirituosenvorräten einen ungarischen Likör „Betyar Barack“ hervorzog, den wir dann auf der Stelle verköstigten um dann A.s (deren neue Küche mit dieser Kochorgie „eingeweiht“ worden war) unglaubliche Schoko-Tarte mit Himbeer-Granité zu genießen. Sämtliche Flaschen des Domaine Du Théron waren bereits geleert; D. hatte noch einen nicht mehr zu eruierenden weiteren Rotwein aufgetan und selbst der etwas dubiose Aprikosenlikör neigte sich dem Ende zu, während ich noch die Genialität Sofia Gubaidulinas pries, deren Akkordeonwerk De profundis ich beim 277ten Musik publik in der Musikhochschule zu hören bekommen hatte. K. war bereits eingeschlafen und die Gastgeberin hatte sich diskret an die Beseitigung der Geschirrtürme gemacht, als D. das letzte Glas Wein leerte und von seiner, in nur wenigen Stunden beginnenden, Arbeit lallte und nun sehr plötzlich zum Aufbruch drängte. Den Rest der Nacht verbrachte ich dann mit dem Beseitigen von Fettspritzern auf den nagelneuen Schieferkacheln sowie dem Polieren von Weingläsern und Silberbesteck.

Hier seien die Rezepte für das Menü verraten:

Thai-Basilikum-Creme-Suppe:
Am Vortag 75g getrocknete Tomaten und eine getrocknete rote Pepperonischote in genügend Wasser kochen, abgießen, trocken tupfen und sehr klein schneiden. In einem Topf die Tomaten in etwas Olivenöl dünsten, nach einigen Minuten eine Tasse Olivenöl zugießen und langsam auf Siedetemperatur erhitzen, den Topf von der Flamme nehmen und abkühlen lassen. Nach einigen Stunden pürieren und das Öl durch ein Sieb geben.
Zwei kleine rote Zwiebeln sehr fein würfeln, Butter in einem Topf erhitzen und darin die Zwiebeln andünsten, eine Tasse Mehl einrühren und mit 1/8l Weißwein ablöschen, glatt rühren. ¼l Milch zugießen und unter gelegentlichem Rühren ½ Stunde kochen. Die Blätter von einem Bund Thai-Basilikum in einer hohen Pfanne oder einem Topf frittieren, umgehend wieder aus dem Öl nehmen und mit einem Küchenkrepp abtupfen. 12 Blätter zur Seite legen, den Rest in die Suppe geben, diese nun pürieren und weiter köcheln lassen (regelmäßig rühren!), einen Becher Sahne steif schlagen. Die Suppe in tiefe Teller geben, je einen Löffel Sahne oben auf geben und mit je drei Basilikumblätter dekorieren, auf den Tellerrand das Tomatenöl träufeln.

Salat mit Wan Tans und Nuss-Pesto
100g Walnüsse ohne Fett anrösten und nach dem Abkühlen mit 3 Eßlöffel Walnußöl und 2 Eßlöffel Olivenöl, etwas Salz, Pfeffer und einer Prise Chili pürieren. 12 gefrorene Wan-Tan Blätter auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech auftauen lassen. 250g Ziegenfrischkäse mit 1 Eßlöffel Semmelbrösel und 1 Zehe feingehacktem Knoblauch gut vermischen und auf die Teigblätter verteilen. Ein Ei trennen und mit dem Eiweiß die Teigränder bepinseln, die Blätter zu Dreiecken klappen (fest andrücken), mit dem Eigelb bestreichen und in der Pfanne, in der zuvor die Basilikumblätter frittiert worden waren goldbraun backen, mit Honig beträufeln. Verschiedene Salate waschen, trocken schleudern und klein zupfen. Ein Eßlöffel des Pestos mit weißem Balsamikoessig und etwas Honig zu einem Dressing verrühren. Den Salat auf Tellern anrichten, das Dressing drüber geben, die Wan-Tans darauf legen und das Pesto auf je einem Salatblatt dazu dekorieren.

Wildhasenrücken im Crêpe-Mantel
Zwei Hasenrücken abbrausen und trocken tupfen. Die Filets vom Knochen lösen, Sehnen und Haut entfernen. Das verbliebene Knochengerüst in kleine Stücke hacken und in einem großen Topf mit Butterschmalz anbraten. Eine Möhre, eine kleine Kartoffel, ein Stück Sellerie, eine Petersilienwurzel und eine kleine Zwiebel fein würfeln und zugeben, mit Pfeffer und Salz würzen. Nach 10 min. etwas Tomatenmark unterrühren und mit ¼l. trockenem Rotwein ablöschen und mit ½l. Wildfond auffüllen. Die Soße etwa eine Stunde leicht köcheln lassen und dann 3-4 Zweige Rosmarin, einige Nelken, Pimentkörner und Wacholderbeeren zugeben und mindestens eine weitere Stunde köcheln lassen. Eine Knolle Sellerie und eine Zwiebel würfeln. Die Zwiebel glasig dünsten, ½ l. Brühe zugießen, den Sellerie hinein geben und weich kochen. Nun die Brühe abgießen, das Gemüse in einem Sieb auffangen und mit etwas Pfeffer und Muskat gewürzt zu einem steifen Brei pürieren. Zwei Eier, zwei Tassen Milch und zwei Tassen Mehl mit etwas Salz und wenig Zucker zu einem Pfannkuchenteig verrühren und einige Zeit stehen lassen. In einer Crêpe-Pfanne vier Pfannkuchen ausbacken und zur Seite stellen. 4 Schalotten sehr fein würfeln und in Butterschmalz glasig dünsten, mit 1 Eßlöffel Mehl bestäuben und unter Rühren 1/4l. Brühe und einer Tasse Sahne zugießen. Einen Kopf Wirsing in feine Streifen schneiden und blanchieren, dann kalt abschrecken und ausdrücken, dann in die erkaltete Sahnesoße mischen und kräftig mit Salz, Pfeffer und Muskat würzen. Die Hasenfilets mit Salz und Pfeffer sowie ein wenig Knoblauch einreiben und einzeln in einer Pfanne in reichlich Butterschmalz rundum anbraten. Den Wirsing auf die Pfannkuchen verteilen, je ein Filet darauf legen, die Pfannkuchen rollen und im vorgeheizten Ofen bei 170° etwa 20 min. backen. Inzwischen die Wildsoße durch ein Sieb geben noch einmal aufkochen lassen und mit 1 Eßlöffel Speisestärke (in eine Tasse Wasser eingerührt) binden, die Hitze reduzieren und nach einigen Minuten eine Tasse geschlagene Sahne und ½ Glas Preiselbeeren gleichmäßig unterrühren, die Soße abschmecken. Die Pfannkuchen aus dem Ofen nehmen, in breite Streifen geschnitten mit der Soße und Selleriepüree auf einem Teller anrichten, ein Sahneklecks und etwas Preiselbeeren zur Verschönerung dazu und servieren.

Schoko-Tarte mit Himbeer-Granité
Am Vortag 500g gefrorene Himbeeren mit einer Tasse Zitronensaft und 150g. Puderzucker pürieren, dann kurz aufkochen lassen, von der Flamme nehmen und 50ml. Himbeerbrand einrühren. In einer Metallschüssel abkühlen lassen und dann unter gelegentlichem Umrühren im Gefrierfach gefrieren lassen.
Am nächsten Tag aus 125g. Butter, 100g. Puderzucker, 200g. Mehl, einem Ei und dem Mark aus einer Vanilleschote einen Mürbteig kneten und mehrere Stunden im Kühlschrank ruhen lassen. Teig zwischen zwei Backpapieren ausrollen und in eine eingefettete Form geben, mit einer Gabel einstechen und im Ofen bei 150° ½ Stunde backen. 250 g. gefrorene Himbeeren mit 200g. Schlagsahne kurz pürieren. 270g. Kuvertüre in eine Stahlschüssel geben und im heißen Wasserbad schmelzen. Die Himbeersahnemasse in einem Topf zum Kochen bringen, sofort die Hitze reduzieren, die Kuvertüre einrühren, den Topf von der Flamme nehmen, 50ml. Himbeerbrand zugeben und unter Rühren etwas erkalten lassen. Nun auf den Teig geben, glatt streichen und im Kühlschrank kalt stellen. Mit Puderzucker und einer ayurwedischen Kräutermischung (Inhalt ist leider unbekannt) bestreuen, in 12 Stücke schneiden. Je eines mit einem Schüsselchen der Granité auf einem Dessertteller servieren.

Das meine Damen und Herren war mein ganz konkreter Tatbeitrag zur Herbeiführung der Revolution! Das ausgiebige Konsumieren erlesener Speisen und Alkoholika im Kreise lieber Menschen bei angenehmen Gesprächen gilt mir als praktische Vorwegnahme jenes Zustandes, welcher der Beseitigung der allfältigen Herrschaft eines subjektlosen Verhältnisses folgen sollte – des Kommunismus halt. Das erscheint mir mindestens so sinnhaft wie das widerrechtliche Zusammenrotten auf der hässlichsten Partymeile des Universums – und war für jene wackeren Kommunisten, welche zuweilen edlen Sekt warm aus bereits gebrauchten Bierkrügen zu trinken pflegen, die Nacht auf einer Würzburger Wache die drohende Strafe für die Vorwegnahme des Aspekts der Regellosigkeit, so war das nächtliche Abtragen eines unermesslichen Spülberges meine von der weisen Vorsehung schon immer bestimmte Strafe für die Vorwegnahme des Aspekts des allgemeinen Überflusses und der Abwesenheit von Arbeit als Produzentin von Wert.

Hurraah! So spricht der Koch.

In diesem Sinne: auf zu neuen Taten!
(Ich geh‘ jetzt in die Oper; ja, wirklich und im (hihi) echten Leben)

Von Rainer Bakonyi

Zur Neuen Würzburger Burschenschaft Libertas

Am 18.01. gründete sich in Würzburg eine neue Burschenschaft namens Libertas. Entstanden ist diese anscheinend aus enttäuschten Burschis der Würzburger Germania, die sich nicht mit dem Germanen-Ausritt aus der Deutschen Burschenschaft abfinden wollten. So jedenfalls legt es der Wikipedia-Eintrag der Burschenschaft Germania nahe.

Würzburg hat also eine völkische Burschenschaft mehr, die höchstwahrscheinlich relativ schnell anstreben wird, der Deutschen Burschenschaft beizuwohnen.

Mehr zum Austritt der Germanen und Kimbern aus der DB lest ihr in vierten und letzten Teil der Serie über das Würzburger Verbindungswesen.
Bis dann.

Merry Crisis and a Happy New Fear

Am 13.12.2008 zogen 70 Leute durch die Stadt Würzburg, ohne sich die Mühe zu machen, diesen Umzug anzumelden. Wenn man den Artikeln auf Indymedia und in den Schweineblättern der Republik glauben darf,(1) wurde die zunächst spärliche Polizeitruppe, die die Demo begleitete, aus dem Zug heraus mit Feuerwerkskörpern beschossen oder beworfen. Als die Polizei versuchte, die Demo aufzuhalten und aufzulösen, durchbrachen die 70 die Sperre; dabei wurde ein Polizist leicht verletzt.

Nun ist die Empörung verständlicherweise gross, und einige Bewohner der Stadt können es gar nicht glauben, dass jemand auf die Idee kommen kann, ausgerechnet einen bayerischen Polizisten anzugreifen. Der Zorn über die Übeltat hält sich aber noch in Grenzen, denn immerhin ermittelt die Justiz, und die Gesetze sind wohl den meisten hart genug.(2)

Wieso die Polizei dazu kommt, fremde Leute erst ohne deren Willen zu fotografieren, sie zu belästigen, ihnen ungebeten zu folgen, und einen Umzug schliesslich einfach anzuhalten, fragt, ebenso verständlich, auch niemand. Und dass eine solche (vergleichsweise harmlose) Eskalation die Folge davon ist, wenn man den Leuten das Recht nimmt, legal langweilige Demos abzuhalten, ist der sogenannten Öffentlichkeit auch nicht beizubringen.

Auch ich, ich gestehe es ein, stelle mir solche Fragen nicht mehr. So ist es, und das muss man begreifen: die Städte gehören uns nicht, sie sind Feindesland; der öffentliche Friede, das ist unsere Enteignung von den Mitteln des Ausdrucks; so muss es sein, oder der Staat und diese Gesellschaftsordnung bestünde nicht mehr; und die überwiegende Mehrheit ist bereit, diese Herrschaft, die ihre Enteignung bedeutet, mit aller Macht zu verteidigen.

Das unterscheidet unsere Lage von der im Griechenland unserer Tage. Dort hat diese Herrschaft derzeit so wenig die Zustimmung der Mehrheit, dass sie die entscheidende Probe nicht wagen durfte. (Man darf nie vergessen, wozu die Mehrheit dieser, der deutschen, Nation einmal bereit gewesen ist; die ausserordentliche Stabilität in Deutschland ist das Erbe des Nationalsozialismus. Für die Revolte ist Deutschland immer Feindesland.)

„Der Feind steht rechts“
Das „Antifaschistische Bündnis“ wiederum, bekanntermassen ein Arm der Linkspartei, hat, man hätte es vorhersehen können, den griechischen Aufstand natürlich als eine Gelegenheit begreifen müssen, um wieder einmal seine eigenen Überflüssigkeit zu beweisen. In einem Flugblatt, das an Peinlichkeit kaum zu überbieten sein dürfte, versuchte es, irgendeinem Publikum die Bewegung in Griechenland zu erklären. Die hintergründige Komik dürfte ihnen nicht aufgegangen sein, dass sie sich mühen mussten, Deutschen etwas zu erklären, was in Griechenland nicht nur auch ohne Erklärung verstanden worden ist, sondern überhaupt die einfachste und unkomplizierteste Sache der Welt ist.

Dass sie sich dieser fruchtlosen Mühe unterziehen mussten, ist nicht nur die gerechte Strafe dafür, nichts verstanden zu haben und dennoch weiterzumachen; es ist die bündige Widerlegung ihres ganzen sinnlosen Treibens. Es gibt einen konstanten, fast tragischen Zug darin, entweder eine Ahnung von der tiefen Vergeblichkeit dieser sinnlosen Arbeit, bei einer feindlichen Öffentlichkeit um Sympathie zu betteln; eine Art von taqiyah, als ob man seine wahren Absichten ständig tarnen muss. Oder aber man hat sie vielleicht zuletzt gar nie gehabt: ein staatsbürgerliches Selbstmissverständnis. So oder so, tragisch, ergreifend und ganz und gar überflüssig.

Wie sinnlos, den besorgten Bürger zu spielen, nur um den besorgten Bürgern weiszumachen, man sei einer von ihnen. Andere Sozialdemokraten, so gesehen auf einer IG Metall-Demo, haben vor ein paar Jahren auf Transparenten „französische Verhältnisse“ gefordert. Gefordert! Wie enorm. In Frankreich hat man, was sie damit meinten, jedenfalls nicht gefordert.

Warum und was eigentlich demonstrieren?
Schweigen wir von den Seelenfängern. Fragen wir uns stattdessen, was die 70 Leute dazu treibt, sich am 13.12.2008 in diesem Umzug zu bewegen. Man fragt sich das nicht ohne Sympathie, gewiss. Es ist nur kein gutes Zeichen, dass nach allem die Fantasie gerade für einen Umzug reicht, für das ödeste von allen öden Relikten aus einer heroischen bürgerlichen Zeit, als es noch eine Öffentlichkeit gab und eine Tyrannei, und beides noch Gegensätze und nicht unmittelbar das selbe waren. Warum aus dem Arsenal der bürgerlichen Gesellschaft eine solche entfremdete Ausdrucksform entleihen, auch wenn man sie mit etwas entfremdeter Militanz aus dem Arsenal einer ebenfalls schon angeschimmelten autonomen Linken ausstaffiert?

Demonstrationen, auch militante, sind eine entfremdete Sache. Sie sind Abbild eines Widerstandes, den es nicht gibt, den man auch im alltäglichen Leben nicht praktiziert. Sie sind keine Sprache, sondern Ausdruck von Sprachlosigkeit.

Demonstrationen dienen in der Lehre des Staatsrechts der Äusserung von Meinungen. In der Geschichte der Revolution waren sie oft auch Demonstration von Macht, oft genug auch deren direkte Ausübung: fast auf den Tag genau 80 Jahre vorher z.B. besetzten bewaffnete Arbeiter in einer millionenstarken Demonstration Berlin, so dass die Konterrrevolution keine 20 Mann unter Waffen mehr in Berlin hatte.(3) Friedrich Ebert versteckte sich bei Freunden im Umland. (Die Bühne hätte Spartakus gehören können, aber Karl Liebknecht zog es vor, über Weihnachten mit seinen Kindern Klavier zu spielen.)

Diese Zeit ist endgültig vorbei. Macht kann die Sache der Revolte heute nicht mehr demonstrieren. Was demonstriert man dann? Entschlossenheit, Furchtlosigkeit, überhaupt die schiere Existenz; dass noch nicht vergessen und vergeben ist, dass noch keineswegs alle einverstanden sind, dass man sich nicht fürchet, auch nicht gegen die Übermacht, dass man sich nicht dumm machen lassen will und nicht sprachlos; dass die Herrschaft noch nicht gesiegt hat und dass, solange sie nicht hat, die Geschichte anzusehen ist als eine Geschichte mit immer noch offenem Ende, trotz allem.

Mir scheint, der Wert einer solchen Demonstration liegt, diesseits der Frage, ob man nicht etwas besseres findet als einen Umzug, genau darin. Man darf sich freuen: so etwas wäre nicht mehr zu erwarten gewesen. Ob, was ich mir hier denke, zugetroffen hat, wird sich, wie man vielleicht hoffen darf, noch zeigen.

„Wir haben kaum begonnen, ihnen zu zeigen, dass wir ihr Spiel nicht mehr mitspielen.“

Von Vince O‘Brien

Zur Überschrift: So stand es in diesen Tagen in Griechenland zu lesen.
1 Man sollte nicht glauben, welche Menge an Blättern die dpa-Meldung abdruckten, einfach weil sie so froh waren, dass man überhaupt einmal irgendwas über Würzburg abdrucken konnte; wie um zu bestätigen, dass es diese Stadt, anders lautenden Gerüchten zum Trotz, wirklich gibt; und sie sich nicht ein unterausgelasteter Humorist ausgedacht hat, um die Legenden über die Stadt Schilda in die Gegenwart zu holen.
2 Ausser einigen Lesern der Mainpost, die sich genötigt fühlen, in den Kommentarspalten auf der web site dieser ganz erstaunlichen Zeitung die Wiedereinführung von Arbeitslagern vorzuschlagen. – Die Polizei war offenbar in grosser Panik, sie fürchtete tatsächlich athenische Verhältnisse, wo sie nur würzburgische zu erwarten hatte.
3 Nach Schätzung des kaiserlichen Generals Groener.

Nochmal: Burschenschaftliches Gedenken


Angeblich aus den „Burschenschaftlichen Blättern“.

Via eisberg. „Aufgenommen werden auch die Mitglieder der Freikorps.

Moment mal, Hans Heinrich Hagen? Woher kennt man denn den Namen?

Ach daher! Vom Kreisvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft! Woher auch sonst. Hahaha.

Man darf sich in Würburg über nichts wundern. Über gar nichts. Und bei der GEW schon gleich zweimal nicht.

Edit: Soso, Realschullehrer a.D. und ehemaliges Mitglied im Beirat der Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e.V.. Und, wie uns ein Redaktionsmitglied mitteilt, lange Jahre von der GEW in den Kreisvorstand des DGB Würzburg abgeordnet. Hurra! Die GEW, das sollen in Bayern eigentlich die nicht ganz so rechten (man nennt sie auch: die eher linken) Leute sein. Aber wie gesagt: niemals sich wundern. Und über die GEW schon gar nicht.

3/4: Eliteformation und Konservative Revolution im Korporationsmilieu

Teil 3 von 4 der Serie über das Verbindungswesen:
Mittendrin statt nur dabei: Eliteformation und Konservative Revolution im Korporationsmilieu

Weiter im Text. Beschäftigten wir uns letztes Mal eher mit den Sozialisation im Korporationsmilieu und dessen autoritärer „Pädagogik“, so wird jetzt die Geschichte der Studentenverbindungen dargestellt .Nächstes Mal, im vierten und letzten Teil dieser Serie, werden wir uns mit den Burschenschaften Germania, Adelphia sowie der Landsmannschaft Teutonia im Einzelnen auseinandersetzen. Im Folgenden also, wie letztes Mal stark gekürzt, der Text der Marburger Antifa Gruppe 5.

Anfänge

Als sich in Europa die Ideen der Aufklärung verbreiteten und Napoleon in den besetzen deutschen Gebieten den Code civil / Code Napoléon einführte, wurden Autorität und hoheitliche Administrativfunktionen der lokalen, absolutistisch regierenden Fürsten stark begrenzt sowie grundlegend in Frage gestellt. Im Zuge dieser Entwicklungen ließen sich Studenten unter den nationalistischen Appellen der Feudalaristokraten an das „deutsche Volk“ zum Aufstand mobilisieren und gründeten Corps, die sich zahlreich an den „Befreiungskriegen“ genannten Kämpfen gegen Napoleons Truppen beteiligten. In der anschließenden Restaurationsepoche sahen die Studenten ihr Ziel eines geeinigten Deutschlands nicht realisiert, worauf sie begannen sich in Burschenschaften zu organisieren. Völkisch-nationalistische, mit dem Bezug auf gemeinsame „Kultur“ und „Blutszugehörigkeit“ begründete Vorstellungen eines allgermanischen Zusammenschlusses zu einem Volksstaat setzten sich gegen das republikanische Nationalstaatsmodell Frankreichs durch. Ein ideologisches Fundament ihres völkischen Nationalismus bildete die naturreligiöse Konstruktion einer organisch gewachsenen Gemeinschaft der Deutschen. Der mit diesen Stigmatisierungsmustern konvergierende, innerhalb der Burschenschaften virulente Antisemitismus lässt sich signifikant an folgendem exemplifizieren: Als im Oktober 1816 366 Burschenschafter am Wartburgfest zusammentrafen, veranstalteten sie in dessen Verlauf eine Bücherverbrennung, bei der die Schrift „Germanomanie” des jüdischen Schriftstellers Saul Ascher mit den Worten: „Wehe über die Juden, so da festhalten an ihrem Judenthum und wollen über unser Volksthum schmähen und spotten!“ ins Feuer geworfen wurde.

Kaiserreich

Die ehemals bürgerlich-demokratisch geprägten Burschenschaften vollzogen spätestens mit dem Beginn des Kaiserreiches die Annäherung an die monarchistisch-konservativen Corps. Mitglied in einer Studentenverbindung zu sein, ging mit dem Aufstieg in das Establishment einher. 1879 entbrannten an den Universitäten, später „Antisemitismusstreit“ genannte, Debatten, ob assimilierte Juden und Jüdinnen Teil der deutschen Nation sein könnten. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen ergriffen die Burschenschaften Partei für den Berliner Professor für Staatswissenschaft Heinrich v.Treitschke, der in diesem Kontext den historisch folgenschweren Satz „die Juden sind unser Unglück“ formulieren sollte. Treitschke und sein Kollege Adolf Stoecker bildeten die von 40 % der Studentenschaft unterstützte Petitionsbewegung gegen jüdische Studenten an der Friedrichs-Wilhelm Universität.

Weimarer Republik

Das Ende des Wilhelminischen Reiches 1918 wurde [von Burschenschaften] als Ersetzung der „konkreten“, monarchistischen Ordnung durch eine von liberalpluralistischer „Degeneration“ gekennzeichnete Demokratie wahrgenommen. Dem liegt die antisemitische Dichotomisierung von als „jüdisch“ identifizierter, abstrakt-universalistischer Gesetzesform [ius scriptum] und konkretem Nomos [ius terrendi] zugrunde [vgl. Enzo Traverso: Moderne und Gewalt]. Hier keimt bereits der Volksgemeinschaftsgedanke auf – und zwar als Verwirklichung einer vermittlungslosen Identität von Staat und Volk.
Die in Burschenschaften organisierten Studenten mit Fronterfahrung aus dem 1. Weltkrieg, sammelten sich bald in den paramilitärischen Freikorps, Einwohnerwehren und Freiwilligenverbänden und bildeten die Reaktion gegen die Weimarer Republik. Das Misstrauen und die offene Ablehnung gegenüber der sozialdemokratischen Regierung hinderte die korporierten Studenten nicht daran, sich an der blutigen Niederschlagung der überall im Reich aufflammenden sozialen Kämpfe der Arbeiterinnenbewegung zu beteiligen. In Freikorps organisierte Studenten beteiligten sich an der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes 1919 und der Münchener Räterepublik. So unterstützten ca. 50.000 Studenten, mehrheitlich Korporierte, auch den nach wenigen Tagen durch einen Generalstreik der Gewerkschaften verhinderten, faschistischen Kapp- Putsch im März 1920, mit dem eine militärisch bürgerliche Diktatur installiert werden sollte.
Im August des selben Jahres stellte der Eisenacher Burschentag in seinen Beschlüssen fest, dass die „Deutsche Burschenschaft auf dem Rassestandpunkt stehe, d.h. der Überzeugung ist, dass die ererbten Rasseeigenschaften der Juden durch die Taufe nicht berührt werden“. Auch der CV beschloss, dass für künftige Aufnahmen die „arische Abstammung“ bis zu den Großeltern nachzuweisen sei.

Nazifaschismus1

Als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, sah sich die DB in ihrem Wirken seit dem Ende des 1. Weltkrieges bestätigt. In den Burschenschaftlichen Blättern jubilierten drei hohe Verbandsfunktionäre der DB: „Was wir seit Jahren ersehnt und erstrebt und wofür wir im Geiste der Burschenschafter von 1817 jahraus jahrein an uns und in uns gearbeitet haben, ist Tatsache geworden.“ Der CV wollte angesichts des „nationalen Erwachens“ nicht hinten anstehen, sodass die Machtübernahme Hitlers als der „größte innenpolitische Sieg dieses Jahrhunderts“ gefeiert wurde. Kurze Zeit später hieß es: „Der CV muß Träger und Künder des Dritten Reiches sein.“ Im Zuge der Gleichschaltung der Dachverbände trafen am 7. Mai 1933 die Amtsleiter der DB in Berlin zusammen, legten ihre Ämter nieder und übertrugen ihre Vollmachten auf den neuen Bundesführer Otto Schwab [Germania Darmstadt]. Burschenschaften beteiligten sich an den Siegesfeiern der „nationalen Erhebung“, der „Reinigung der Bibliotheken von zersetzendem Schrifttum“ ebenso wie an den von der Deutschen Studentenschaft und dem NSDStB initiierten Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933, wo gemeinsam alte Burschenlieder angestimmt wurden.
Die DB versicherte im Dezember 1933 dem Staatssekretär Heinrich Lammers, dass man in der „Judenfrage“ übereinstimme: „Die Frage der rassischen Erneuerung und Wiedergewinnung des völkischen Artgefühls unseres deutschen Volkes ist die Grundlage und wesentliche Forderung des Nationalsozialismus, in der sich von allen bisherigen revolutionären Bewegungen unterscheidet und die den Schlüssel abgibt zu allen seinen anderen Forderungen und Zielsetzungen.“ Da sich die DB als Teil des NS-Staates sah und sich als Avantgarde der nationalsozialistischen Ideologie fühlte, ordnete der Führer der DB Schwab im Juni 1933 eine „freiwillige Einweisung“ in den NSDStB an. Im Oktober des selben Jahres verfügte er, dass alle Burschenschafter unter 35 Jahren entweder der SA, SS oder dem deutschnationalen Frontkämpferbund Stahlhelm angehören sollten. Am 6. Oktober 1935 entschloss die DB in Leipzig ihre Auflösung und Überführung in den NS-Studentenbund.

Elitenformation in Bonner und Berliner Republik

Nach 1945 kamen die studentischen Verbindungen relativ schnell zu alter Blüte. Zunächst als nationalistisch und das Naziregime unterstützend eingestuft und daher verboten, wurden die Verbindungen Bündnispartner der westlichen Alliierten im Kampf gegen die „kommunistische Gefahr“. In der Folgezeit galten sie [zum größten Teil fälschlicherweise] als unbelastet oder denazifiziert. 1951 bildeten sich der Convent Deutscher Akademikerverbände [CDA] und Convent Deutscher Korporationsverbände CDK, 350 aktive Verbindungen] aus Landsmannschaften und Turnerschaften. Mitte der 50er Jahre waren 30% aller männlichen Studenten korporiert. Schnell konnten die Alten Herren ihre Seilschaften wieder in alter Form nutzen und Verbindungsbrüder teils offen, meist verdeckt, in gehobene Positionen hieven. Die Einflussnahme und Postenzuweisungen in der Politik begann also bereits mit der ersten deutschen Nachkriegsregierung. So waren im katholisch-konservativen Adenauerstaat so viele Ämter in den Ministerien von Alten Herren aus katholischen Korporationen besetzt, dass der Ex-Bundespräsident Theodor Heuss den Satzprägte: „In Bonn wird Zufall mit CV geschrieben“.
Trotz vermeintlich liberaler und dem Korporationswesen an sich gegnerischer politischer Ausrichtung sind auch in Parteien wie der SPD und den Grünen Mitglieder aus Korporationen vertreten. Als bekannteste Verbinder sind hier Johannes Kahrs, Norbert Kastner [beide SPD] oder Rezzo Schlauch [Grüne] zu nennen. Die spezifischen Erziehungsideale der durch Seilschaften und elitären Standesdünkel geprägten Korporationen, ermöglichen korporierten Studenten den Zugang zu berufliche Stellen, deren Zugang Nichtkorporierten verwehrt bleibt.

Revisionismus – NPD –
Konservative Revolution

Zentrale Konstituenten der Ideologie von Burschenschaften im Postfaschismus sind Grenz- und Geschichtsrevisionismus sowie aggressiver, großdeutscher Revanchismus. In den letzten Jahren wurden in Osteuropa Verbindungen gegründet und in die DB mit aufgenommen. Gemäßigt-Völkische wollen Europa mittels eines „europäischen Volksgruppenrechtes“ regionalisieren, das allen europäischen „Völkern“ und „Volksgruppen“ kollektive Sonderrechte in kultureller, ökonomischer und politischer Hinsicht brächte. Auf diese Weise, so meinen Gemäßigt Völkische, könne es gelingen, eine informelle Einigung aller deutschsprachigen Bevölkerungsteile Europas zu erreichen. Mit der Forderung des radikaleren Flügels nach „dem Recht jedes einzelnen und jedes Volksteiles auf seine angestammte Heimat“[Originalzitat von der DB-Homepage] wird folgendes deutlich: Die Grenzen der BRD seien nicht legitim und das „deutsche Volk“ habe seine „Heimat“ auch in den ehemaligen Gebieten des Deutschen Reiches. Auch Österreich sowie Teile der Tschechischen Republik [“Sudetenland“], Italiens [Trentino/Alto Adige: „Südtirol“], Frankreichs [“Elsass-Lothringen“], Belgiens [Eupen, St. Vith] und Dänemarks seien „deutsch“.
Mit der Delegitimation der Neordnung Europas nach dem Ende der nazifaschistischen Barbarei werden die Mythen von „Flucht, Vertreibung und Umsiedlung“ zu Symbolen der kollektiven Unschuld. In Anlehnung an Historiker wie Ernst Nolte – einem populären Redner auf Verbindungshäusern – wird der Griff nach Lebensraum und deutsche Vernichtungskreuzzug gegen die Sowjetunion als prophylaktische Konterrevolution und Weltanschauungskrieg gegen die Bedrohung durch den „asiatischen“ Kommunismus simplifiziert. In dieser zielgerichtet praktizierten Apologetik wird Auschwitz als Kopie und Vorbild des „Klassenmords“ der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg interpretiert. Aus der massiven Präsenz von Juden in der russischen und internationalen kommunistischen Bewegung erkläre sich folglich ihre serialisierte Vernichtung als zwar übertriebene, aber „logische“ Strafe und Präventivmaßnahme. Damit korreliert automatisch die nazistische Diktion des „Bolschewismus“ als Verkörperung „jüdischer Intelligenz“ und „slawischen Untermenschentums“. Darüber hinaus finden Burschenschaften mit den notorisch veranstalteten Vortragsabenden über allierte „Kriegsverbrechen“ und den „deutschen Opfern“ im „angloamerikanischen Bombenterror“ Anschluss an den ekelhaften nationalen Exkulpationskonsens aus deutscher Selbstviktimisierung in Form individueller Schuldabwehr [Familie, oral history, Zeitzeuginnenschaft], institutionalisierter Identitätsproduktion [Gedenkstätten, Historiographie, Schulen, Erinnerungsorte, Gedenkstätten, Feiertage] und ihren medial-kulturindustriellen Vermittlungen [Presse, Film, Serien, Radio, Publikationen] im kollektiven Massenbewusstsein der BRD.
Seit BRD-Gründung fungieren Burschenschaften als akademische Kaderschmieden neonazistischer Parteien und Organisationen. Ein anschauliches Beispiel ist die NPD-Prominenz des sächsischen Landtags: Der parlamentarische Berater der Fraktion, Karl Richter, entstammt der Münchner Danubia [DB-Mitglied]. Mit Jürgen W.Gansel, der spätestens durch seine Rede im sächsischen Landtag zum allierten „Bombenholocaust von Dresden im Februar 1945” für Aufsehen sorgte, Stefan Rochow und Arne Schimmer sind drei Mitglieder der Gießener Dresdensia-Rugia – ebenfalls Mitglied der DB – in der NPD aktiv. Aufgrund der Eskapaden in der DB spalteten sich 1996 acht Verbindungen ab, um mit der NDB einen politisch rein konservativen Dachverband zu gründen.

AK Kritische StudentInnen

1: Zu den Verbindungen der Würzburger Burschenschaften mit dem NSDstB, siehe Teil 1 dieser Serie. Daher fällt der Teil über den Vorabend der NS-Herrschaft auch etwas schmaler aus.

Wir basteln uns ein „schwarzes Volk“

Mit der Zirkusshow „AfrikaAfrika!“ gastiert die moderne Version der kolonialen Völkerschau in Würzburg

Die KritikerInnen scheinen sich einig zu sein, auch die KulturrelativistInnen jauchzen vor Freude: Am 23. und 24. Januar kommt André Hellers Zirkusshow „AfrikaAfrika!“ nach Würzburg. „Das magische Zirkusereignis vom Kontinent des Staunens1“ tue laut ZDF „dem Publikum, den Künstlern und einem ganzen Kontinent etwas Gutes“. Der Einspruch, dass die Show kaum etwas zur Verbesserung des Verhältnisses von EuropäerInnen und AfrikanerInnen beitragen kann, sondern stattdessen altbekannte Klischees der afrikanischen Fremde aus Urgroßomas kolonialer Klamottenkiste hervorkramt , geht im Applaus der exotistischen Begierde unter. „AfrikaAfrika!“ ist nichts anderes als ein moderner Völkerbaukasten.
Betrachtet man die Konstruktionen von Fremdheit, die die Zirkusshow entwirft, so muss ein kurzer Blick auf die Völkerschauen, welche am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstanden, gerichtet werden: Denn Stereotypen wie ausgeprägte Körperlichkeit, Mystizismus, typische Lebensfreude, unberührte Stammeskultur, Rohheit und Flexibilität der Gelenke, welche sich alle in der Zirkusshow widerspiegeln, kamen auch in den kolonialen Völkerschauen vor. Auf Jahrmärkten oder in Zoos wurden damals die „Fremden“ präsentiert, wobei besonders exotisch anmutende Bräuche, physische Besonderheiten und besondere körperliche Belastungen die europäischen BesucherInnen in Scharen herbei lockten. Die eigenen verborgenen Wünsche der BesucherInnen und SchaustellerInnen wurden dabei auf die „Fremden“ übertragen. Besonders deutlich wurde dies bei der Projektion erotischer Wünsche auf die AfrikanerInnen. Zeichen von „Zivilisiertheit“, so etwa die Beherrschung von europäischen Sprachen oder die Beherrschung von europäischen Umgangsformen, waren bei den VeranstalterInnen der Völkerschauen nicht erwünscht, da man ja das „Fremde“ ausstellen wollte und damit möglichst authentisch bleiben. So musste man den AfrikanerInnen oftmals die als „typisch afrikanisch“ charakterisierten Fähigkeiten beibringen. Damit verbunden war selbstverständlich, dass die einzelnen KünstlerInnen nicht als Individuen wahrgenommen wurden, sondern stattdessen deren Körperlichkeit oder ihre Stammesidentität in den Vordergrund gerückt wurden. Ein ganzer Kontinent sollte erfahrbar werden, aber eben nur durch die Zerrbilder, die die psychischen Projektionen der EuropäerInnen zuließen.
Die exotistischen Konstruktionen der Kolonialzeit sind nachwievor vorhanden- daran lassen sowohl die Selbstdarstellung von „AfrikaAfrika!“ als auch das Medienecho keine Zweifel. Bereits die Bezeichnung Afrikas als „Kontinent des Staunens“ lässt erahnen, dass den ZuschauerInnen kein Einblick in die Komplexität der modernen Gesellschaften Afrikas gewährt werden soll, sondern ein stereotyper Mystizismus entworfen wird. Die Entindividualisierung der ArtistInnen, die Lust an der Konstruktion von körperlicher Fremdheit, wird bereits in der Showbeschreibung deutlich: „Körperexzentriker biegen sich stolz und geschmeidig wie Schlangen, Füße werden zu Händen, Hände zu Füßen ? ein seltenes Schauspiel, wie es nur die afrikanische Tradition kultisch perfekter Körperbeherrschung erlaubt.2“ Wenn Heller von den ArtistInnen der Show gelernt haben will, „ganz im Augenblick zu leben“3, dann klingt dies ganz nach der Begierde, die AfrikanerInnen zu Kindern zu machen, denen eine planende, rationale Entscheidung nicht zuzutrauen ist, denen die Lebensfreude aber niemals abhanden kommt. Auch die Zeitungen geizen nicht mit solcherlei Zuschreibungen. Das „Königreich der Gaukler und Paradies der Lebensfreude“ entdeckt der Spiegel, und das angeblich originäre Afrika kommt auch in der Passauer Neuen Presse nicht zu kurz: „Bunte Farben, wilde Tänze, Lachen – was ‘afrikanisch’ bedeutet, das können alle Darsteller ohne Mühe zeigen.” Die Vorstellung einer tiefen afrikanischen Verbundenheit mit der Natur, bereits von Rousseau beschrieben und als Zeichen der Überlegenheit der EuropäerInnen gedeutet, weshalb die AfrikanerInnen als Kinder zu betrachten seien, spiegelt sich in der Darstellung der tanzenden ArtistInnen wider, denn sie „können fließen wie Wasser, wie der Wind fliegen oder wie Feuer flackern.“ Immer wieder taucht in der Presse das altbekannte Motiv der maximalen körperlichen Belastbarkeit, als typisch afrikanisch charakterisiert, auf. „Das Tempo ist atemberaubend, die Biegsamkeit der schwarzen Körper schier unfassbar […]” jubelt die NZZ, „er steckt im Froschkostüm, hat unglaubliche Kulleraugen und kann sich verrenken, dass es beim Zusehen weh tut.”, berichtet der Stern über die Performance eines Künstlers. Selbstverständlich lässt sich auch die BILD nicht nehmen, eine Ladung Stumpfsinn im Blätterwald zu verkippen. „Die Staaten des dunklen Kontinents dürfen ihre teuren Botschafter jetzt getrost in Pension schicken. Es gibt keinen besseren Botschafter Afrikas als diese tanzende, turnende, tobende Truppe. In zwei Stunden ersingen und erspielen sie so viel Sympathie für ihre Heimat, wie Diplomaten nicht in zwei Jahrzehnten erdienern und erdinnern können.“ BILD rückt also wieder ein paar europäische Weltbilder zurecht: Der Afrikaner an sich tanzt und tobt, und auch die afrikanischen PolitikerInnen scheinen zu nichts weiter fähig als zur Unvernunft.
„AfrikaAfrika!“ ist europäischer Exotismus gepaart mit einer in Afrika nicht existenten Zirkustradition. André Hellers angeblicher Anspruch, ein anderes Bild von Afrika zu entwerfen, als das der Krisen, Krankheiten und Kriege, trägt absolut nichts zum Abbau von Stereotypen bei. Die Darstellung von Menschen als „edle Wilde“ bietet den Nährboden für einen „umgekehrten Rassismus“, der nicht das Individuum in den Vordergrund stellt, sondern die scheinbar unentrinnbare kulturelle Identität, die in diesem Falle eine Konstruktion seiner europäischen BetrachterInnen ist. Man darf gespannt sein, welche Glanzleistungen die Main-Post bei ihrer Berichterstattung über „AfrikaAfrika!“ vollbringen wird. Bei Überschriften wie „Tracht gegen Globalisierung“ befürchte ich das Schlimmste.

Benjamin Böhm

1 Aus der Online-Selbstbeschreibung der Zirkussshow
2 ebenda
3 ebenda

13.12.2008 #4: Lob der Unberechenbarkeit

Wir dokumentieren eine Äusserung der Gruppe exIL aus Würzburg.

Zu den „Krawallen“ am 13.12.2008

Im Anfang ist der Schrei. Wir schreien. Wenn wir schreiben oder lesen, vergessen wir schnell, dass im Anfang nicht das Wort ist, sondern der Schrei. Angesichts der Verstümmelung des menschlichen Lebens durch den Kapitalismus, ein Schrei der Trauer, ein Schrei des Entsetzens, ein Schrei des Zorns, ein Schrei der Verweigerung: NEIN.

Irgendetwas ist passiert, und weder wir noch unsere GegnerInnen können im Moment begreifen, was dieser Angriff auf die Würzburger Selbstgenügsamkeit bedeutet.

Zunächst ein paar strategische Anmerkungen: Für Würzburg stellt die Unberechenbarkeit der Aktion, die den ewigen Trott der Latschdemos, der langweiligen institutionalisierten Rituale und der Parteifähnchenschwenkerei hinter sich gelassen hat, etwas Neues dar. Vielleicht ist jene Desorganisation, jenes spontane Element, genau die richtige Antwort auf die Verschärfung der Versammlungsfreiheit. Die Frage, ob man sich überhaupt in irgendeine Polizeistrategie einfügen sollte, ob man überhaupt eine Demo, eine Kundgebung, eine Mahnwache, anmelden sollte, können wir seit dem 13.12. getrost mit „nein“ beantworten. Die Polizei spricht von 100 Personen, und wir wollen sie in diesem Glauben lassen. Eine angemeldete Demonstration hätte kaum mehr, wenn nicht sogar weniger Leute auf die Straße gebracht. Eine offiziöse Kundgebung wäre der Lokalpresse keine Zeile wert gewesen, und uns wären vor Langeweile die Füße eingeschlafen. KeineR von uns kann sich erklären, wer hinter der Organisation der „Krawalle“ steckt, über welche Wege die hundert Leute davon erfahren haben und wie die spontane Zusammenrottung so durchschlagend und effektiv werden konnte. Genau diese Unberechenbarkeit schüchtert auch die Polizei ein. Da gibt es keine Organisation, die man dafür verantwortlich machen kann. Es gibt keine Demo-OrdnerInnen, die man zur Rechenschaft ziehen kann. Diese Versammlung passt in kein Schema der linken Strategie. Und genau das ist ihr Vorteil.

Wenn man genau das verstanden hat, dann braucht man auch nicht mehr über die Vermittlung unserer Meinung an die BürgerInnen nachzudenken: Wir haben diesen Leuten nichts auf Flugblättern zu erklären. Unsere Wut über die Vorfälle in Griechenland und unsere Verzweiflung über die Zumutungen der Warengesellschaft sind nicht durch eine klassische „linke“ Sprache vermittelbar, die darauf hofft, bei den BürgerInnen Gehör zu finden. Es wird auf diesem Weg nicht funktionieren, und wenn doch, dann nur durch die Transformation einer radikalen Position in die Sprache einer bürgerlichen Interessengruppe. Genau deshalb müssen wir nicht „Polizeistaat“ rufen und hoffen, dass die fränkischen Bratwurstbräter in unseren Klagechor mit einstimmen. Wer verstanden hat, dass man solche Aktionen wie am 13.12. zuerst einmal für sich macht, und nicht für die deutschen BürgerInnen, und schon gar nicht für ein noch nicht einmal ansatzweise entbarbarisiertes fränkisches Landvolk, die/der hat schon viel verstanden. Obwohl wir die spontane Versammlung am Samstag keinesfalls als „Ausschreitung“ bezeichnen würden (da haben radikale Linke schon weitaus bessere Krawalle hingekriegt), hat jene temporäre Verstörung der Würzburger Prüderie anscheinend genau die Leute empört, die man damit aus ihrer Ruhe bringen wollte. Wenn in etlichen Kommentaren im Internet zu lesen ist, man solle das randalierende „Asoziale Pack“ ins Arbeitslager stecken, dann wissen wir spätestens, dass man am Samstag das Richtige getan hat. Und wenn die so genannten Würzburger Krawalle von der Ostsee bis Niederbayern in Tageszeitungen erscheinen, wessen subversives Herz lacht da nicht vor bittersüßer Freude.

Für uns gilt es nun, praktische Solidarität zu üben für unsere GenossInnen, die nach der spontanen Versammlung mit verschiedenen Vorwürfen belastet werden und bald mit den juristischen Folgen der spontanen Versammlung zu kämpfen haben. Sie benötigen unsere Zuwendung, um die kommenden Verhandlungen durchzustehen. Andererseits werden sie mit Sicherheit auch finanzielle Unterstützung benötigen.

Noch kann von niemandem wirklich begriffen werden, was der 13.12.2008. für die radikale Linke in Unterfranken bedeutet. Dieser denkwürdige Samstag bleibt für uns mit der Hoffnung verbunden, dass die Unberechenbarkeit zur Tugend wird. Dass die Aktionen der so genannten Autonomen derart unüberschaubar, unvorhersehbar, unbändigbar werden, dass sich weder Parteien mit ihnen abgeben wollen, noch dass sie in irgendeine Polizeistrategie passen würden. Wir wollen hoffen, dass an den Geist vom 13.12. angeknüpft werden kann, wenn es um die Kämpfe der Zukunft geht.

Gruppe exIL

Infoladenwuerzburg.blogsport.de

Email der Soligruppe: soligruppe@yahoo.com

13.12.2008 #3

Hahaha. Grossartig.

13.12.2008 #2

Ein lustiges Video. Bitte v.a. auch die Marktfrau beachten.

13.12.2008

Es stellt sich zunächst eine grundsätzliche, strategische Frage, und sie ist vorgestern falsch beantwortet worden.

Zunächst macht man keinen Umzug. Punkt. So etwas macht man einfach nicht. Es gibt nichts dümmeres und nichts entfremdeteres, als in einem Umzug in der Gegend herumzulaufen und seine Meinung zu äussern. Und sie am besten noch den Leuten auf Flyern zu erklären. Es gibt hier nichts zu erklären. Es gibt keine Politik zu machen.

Sich solidarisch auf die Ereignisse Griechenland beziehen, und dann als Demo durch die Gegend laufen: das erinnert mich an jene IG Metall-Demo, vor 3 Jahren, auf der man biedere Bürger sehen konnte, die auf Transparenten französische Verhältnisse gefordert haben. Etwas lächerlich. Und vor allem sehr entfremdet.

Wenn ich dagegen in der Zeitung lese, es sei zu sinnloser Gewalt gekommen, dann lacht mein kleines Herz: denn ich weiss: so etwas verdirbt nicht nur den Herren von der Linkspartei ihr demokratisches Geschäft der Seelenfängerei, sondern gibt vielleicht auch – wird man doch hoffen dürfen – insgesamt ein schlechtes Beispiel.

Eine klare Linie zur Linkspartei aber ist noch nicht gezogen und kann nicht gezogen werden, solange sich die einzelnen Personen und Gruppen ihrer wirklichen Stärke noch nicht bewusst sind und vor allem sich nicht bewusst sind der Voraussetzungen dieser Stärke. Schluss mit der Politik.

Und dennoch: was vorgestern in Würzburg geschehen ist, ist in unserer Epoche neu, und eröffnet eine neue area. Wann man die Tragweite dieser Sache überschauen können wird, weiss ich noch nicht. Wir werden es, insha2 allah, sehen.

Anticomunista.net / dümmer geht ümmer

In Zeiten, in denen man nur den Kopf schütteln kann über die Staatsvergötterung der LINKEN, über den neuen Versuch, eine weitere SPD zu gründen, schaffen es die deutschen GegnerInnen dieser LINKEN tatsächlich, der Dummheit die Krone aufzusetzen.

Denn in Würzburg fühlen sich antikommunistische AktivbürgerInnen tatsächlich dazu gedrängt, über die wahren Absichten der „Linkspartei“ aufzuklären. Deshalb schmücken sie Plakate und Sticker der Linkspartei, ganz im Stile der Kommunikationsguerilla, mit Sprüchen wie „Weil Fleiß nun einmal bestraft gehört: DIE LINKE“.
Die Deutschen bleiben eben fleißig dem Wahn der deutschen Arbeit verpflichtet. Sehen sie selbst, welche geistigen Ausdünstungen die selbsternannten AntikommunistInnen produzieren.
hxxp://anticomunista.net/index.php?option=com_content&task=view&id=22&Itemid=27

Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur

Heute auf kulinarischer Spurensuche in Unterfranken

„Also was soll ich sach, s‘is alles a weng annerschder.“ Dieser zentrale Erkenntnisgewinn wurde mir auf einer jüngst gemeinsam mit meiner Liebsten unternommenen, denkwürdigen Exkursion auf den Spuren des umtriebigen jungen Journalisten Hunter S. Heumann zuteil. Mit einer Hand zugleich die Mütze vorrückend und dabei den spärlich behaarten Schädel reibend, sprach der sichtlich erstaunte Herr aus seinem verschmutzten allradgetriebenen Fahrzeug: „Der Fußwech der geht da nauf un nit da rü. Da kömmd ihr jedenfalls nit weider“. Der Einwand es stünde aber so in unserem wirklich tollen Franken-Wanderbuch (1) verhallte im Aufheulen des Gefährts. Wir stapften durch die frisch aufgewühlte Spur zurück zu unserem idyllisch ruhigen Waldweg mit der lustigen „Kelten-Erlebnisweg-Markierung“, der doch eigentlich ein Milansymbol zeigen und vor allem genau in die andere Richtung führen sollte. Nach daraufhin erst einmal zelebrierter Brotzeit und dem Anstellen einiger Betrachtungen über die wirklich spürbar stattgefundenen Veränderungen im ländlichen unterfränkischen Raum – wurden doch die umgemachten Baumstämme gar nicht mehr romantisch mit Hilfe stampfender Kaltblüter aus dem Wald gezogen, sondern gleich im Dutzend abgefahren und waren die schönen Tiersymbole als Wegmarkierungen Lehrtafeln über umweltgerechte Mischwaldnutzung und designeten Plaketten mit irgendwie keltisch sein sollenden Bildlich gewichen – irrten wir ein Weilchen auf neu angelegten Pfaden durch den Iphöfer Stadtforst, um dann die angestrebten Sehenswürdigkeiten: die Beckahanseiche und die Ruine Speckfeld doch noch vorzufinden (keine Neubausiedlung davor gebaut und auch nicht aufwendig restauriert) und den Weg in das schöne Örtchen Markt Einersheim zu finden. Dort trafen wir vor der Bäckerei tatsächlich einige echte Cowboys hoch zu Rosse und zogen daraufhin eilends, doch unter Absingen einiger gebräuchlicher Wanderlieder über die allerdings recht befahrene Straße nach Iphofen ( 2), woselbst wir uns im „Cafè & Weinstube 99er“ (Pfarrgasse 18) sehr eßbaren Kuchen und richtigen Cappuccino (ganz ohne die Frage: „mit Milchschaum oder Sahne“) auftischen ließen bevor wir den Wegweisern nach dem Schwanberg folgten, wo wir unser Automobil abgestellt hatten. Dieses hatte eigentlich auf einem groß in unserer Wanderkarte von 1978 markierten Parkplatz in Rödelsee seinen Platz finden sollen, an dessen ursprünglichem Orte nun aber die wohl häßlichste Neubausiedlung des Universums gerade im Entstehen begriffen ist. (Was übrigens ein echtes Fressen für den Herrn Heumann gewesen wäre, wo er realiter vorhandene Scheußlichkeiten zuhauf hätte finden können.) Tja, so fuhren wir auf der Suche nach einem Wanderparkplatz, weil ja sonst das Wandern nicht gehen tut, bis hinauf auf den Schwanberg, der doch schon die Zwischenetappe hätte sein sollen und wo wir dem schönen Milanwanderpfad weiter hätten folgen wollen. Naja. Ein etwas aktuelleres Kartenmaterial hätten wir doch gebraucht. Aber bei der Vorbereitung dieser Erkundungsreise ins unbekannte Umland der mainfränkischen Metropole Würzburg war uns das bereits erwähnte wirklich tolle Wanderbuch mit Karten aus alten Wohngemeinschaftsbeständen in die Hände geraten. Das Bild vom Bauern mit dem dampfenden Pferdegespann in der frühen Morgensonne hatte den Ausschlag gegeben: „Wir machen eine Landpartie!“ Gesagt getan; noch einmal in Herrn Heumanns Reportage über die schröckliche Kreisstadt Kitzingen nachgeschlagen, das Buch vom Staub befreit und uns grob orientiert: „Das ist doch da, wo man im Zug nach Nürnberg immer bloß an der Gipsfabrik langfährt?“ „Naja, ein Stück weiter oben halt.“ „Aber da ist doch ein Bahnhof, da könnten wir doch die Bahn nehmen.“ „Pff! Ich habe mir aber extra ein Auto ausgeliehen! Und ich will auf der Hinfahrt diese zwei schiefen Türme von Kitzingen sehen, ich war da noch überhaupt nie!“ Und da hat dann meine Freundschaft mit dem jungen Kollegen Heumann doch einen leichten Knacks abbekommen. Denn da steht, wie wir bei unserer Fahrt durch die baustellengeplagte Kreisstadt ganz einwandfrei feststellen konnten, lediglich ein – allerdings „scho g’scheid“ – schiefer Turm herum und bei der Frage nach dem weltberühmten Butterbrotmuseum wollte kein einziger der einheimischen Jugendlichen von dessen Existenz gehört haben, die Erwachsenen hatten sich gar nicht erst mit uns abgegeben. Aber ehrlich, diese Stadt ist so häßlich, warum muß er da noch schmähendes dazu erfinden? Und dann noch in unserem Blatt, das doch für seine journalistische Akkuratesse weithin gerühmt wird?? Und wieso bloß habe ich ihm nach so vielen Jahren im Geschäft aufs Wort geglaubt??? Doch die Freuden des ländlichen Wanderns und die trotz maschinisierter Landwirtschaft noch recht ursprüngliche fränkische Landschaft mit ihren freundlichen und aufgeschlossenen Einheimischen hatten mich bald wieder friedlich gestimmt. Er hat ja schon recht, der Heumann: Man muß gelegentlich mal aus der Hektik der Großstadt hinaus und das Land anschauen. Zurück in Würzburg hat mich dann am nächsten Tag erst einmal der Schlag getroffen: Noch bevor ich meinen Frühstückskaffee zu mir nehmen konnte, erreichte mich die Schlagzeile der Konkurrenz: „Kaiman Charly unter mysteriösen Umständen entführt. Verschwundener Kulturredaktör unter dringendem Tatverdacht“. Der Kollege gab mir noch den Tipp: „Hau mal besser ab, da kommt sicher gleich jemand von der Polizei hier vorbei!“ Ich hielt mich dann ein paar Tage versteckt, bis ich am 27ten August in der Mainpost den reißerisch aufgemachten Artikel einer ehemaligen Praktikantin unseres Blattes lesen mußte, nun ja unter den gegebenen Umständen: lesen durfte: „Ein Küßchen für Kaiman Charly. Gesundheits-Beamte überrascht: Verschwundener Alligator sitzt im Innenhof“ (3). Das verschwundene Mistvieh von Krokodil ist ausgerechnet auf dem Parkplatz des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit wieder aufgetaucht. Mann! Wollte der verhinderte Alligatorkoch wohl auch noch einen Fleischbeschaustempel auf dem armen Tierchen haben? Und ich schreib noch: Nicht den Alligator aus dem Terrarium nehmen! Und der Herr Wolfgang Glücker, der als Polizeisprecher so etwas von Amts wegen zu Journalisten sagt, hat versprochen, daß wenn der Täter gefaßt werden würde, dieser mit Geld oder Freiheitsstrafe bedroht sei. Nun gut, jetzt wo das Tier wieder bei seiner Tiertrainerin Diana Antoine sein darf, sucht die unterfränkische Polizei vielleicht nicht mehr so dolle nach dem Täter – Gefahr für Leib und Leben des Kaimans scheint ja gebannt – und sie lesen nicht doch noch alle meine alten Rezepte durch. Uijuijui. Noch mal richtig Glück gehabt. Pffft!
Deshalb gibt es dieses Mal wirklich bloß vegetarisch – und auch ausschließlich von solchem Gemüse, das nicht auf irgendwelchen Reptilienshows vorgeführt werden kann, sondern hier wächst und alle längst langweilt. Der Job hier ist mir allmählich wirklich gefährlich genug.

Herbstliches Menü
Piroggen gefüllt mit Pilzen und Nüssen
Gemüsesuppe mit Pfannkuchenstreifen
Gebackener Blumenkohl, dazu gebratene Kartoffeln, Erbsen in weißer Sauce und gemischter Salat
Pfannkuchen gefüllt mit geeister Melone

Für die Piroggen eine Packung gefrorenen Blätterteig auf einem bemehlten Backbrett auftauen lassen, mit Mehl bestreuen und mit dem Nudelholz auf etwa die doppelte Größe auswellen; mit einer Milchkaffeetasse insgesamt 16 Teigkreise ausstechen. Teigüberschuß kann ganz einfach noch einmal geknetet und ausgewellt werden, ergibt zusammengerollt z.B. Hörnchen. Eine Packung Champignon in feine Scheiben schneiden, zwei rote Zwiebeln sehr fein würfeln, einen Bund Petersilie ebenfalls sehr fein hacken, etwa 100g. festen Käse (Peccorino etwa) fein reiben, ca. 16 Walnüsse grob hacken. Eine Pfanne mit Butter erhitzen, zunächst die Zwiebeln glasig dünsten, pfeffern und salzen, dann die Pilze dazu geben und kurz anbraten, einen Eßlöffel Mehl einstreuen, sehr stark umrühren, mit etwas Weißwein und einem halben Becher Sahne ablöschen und solange auf sehr kleiner Flamme garen bis die Masse eingedickt ist. Die Pfanne vom Herd nehmen, etwas abkühlen lassen, dann die Petersilie, den Käse und die gehackten Nüsse unterrühren. Zwei Eier trennen, Eigelb und Eiweiß jeweils etwas schlagen und getrennt aufbewahren. Die Hälfte der Teigkreise auf ein gefettetes Blech setzen und die Masse sorgfältig in die Mitte geben. Mit dem Eiweiß die frei gebliebene Fläche einstreichen, die restlichen Teigkreise als Deckel aufsetzen, festdrücken und vorsichtig in Bootsform ziehen. Jetzt mit dem Eigelb bestreichen und im vorgeheizten Ofen bei 170° backen bis die Piroggen aufgegangen und schön goldgelb sind, das dauert etwa 15-20min. Heiß servieren. (Das Gericht eignet sich auch ganz prima – dann eben kalt – als Partymitbringsel!)

Für die Gemüsesuppe zunächst fünf Pfannkuchen herstellen. Fünf Eier, fünf Tassen Mehl, fünf Tassen Milch, einen Eßlöffel Zucker, eine Prise Salz gründlich verquirlen und in einer flachen Pfanne eben die fünf Dingerda ausbacken. Vier Pfannkuchen für den Nachtisch aufheben, einen Pfannkuchen aufrollen und in dünne Scheiben schneiden. Vier Karotten schälen und in Würfel schneiden, mit einer Petersilienwurzel genauso verfahren, eine Kohlrabi schälen und in längliche Streifen schneiden, eine Stange Lauch in Ringe schneiden, in einem Sieb noch einmal gründlich waschen. In einem Topf reichlich Butter erhitzen, erst die Karotten, dann nach und nach die anderen Gemüse zugeben, mit einem Liter heißer Gemüsebrühe ablöschen und noch einige Zeit köcheln lassen; kurz vor dem Servieren die Pfannkuchenstreifen in einer Pfanne noch einmal kräftig anbraten und portionsweise in die Suppe geben, einige kleingezupfte Kräuter oben auf streuen und servieren.

Einen großen Blumenkohl in kochendem Salzwasser nur kurz ankochen. Den Kohlkopf herausnehmen und das Kochwasser aufbewahren. In einer Pfanne Butter erhitzen, darin vier Eßlöffel Semmelbrösel mit reichlich Salz anrösten, abkühlen lassen und mit 200g geriebenem Parmesan vermengen. Ein Backblech einfetten, den Blumenkohl darauf setzen, mit Butterflocken und der Semmelbrösel-Parmesanmischung bestreuen und im vorgeheizten Ofen bei 170° backen bis der Käse gut bräunt – so etwa 15min. Für die Sauce eine fein gewürfelte Zwiebel in Butter glasig dünsten, eine Tasse Mehl einrühren und bevor das Mehl braun wird ½ l. Milch angießen und unter ständigem Rühren aufkochen. Ein Pfund gefrorener Erbsen dazu geben und noch ca. einen ½ l. der Kochbrühe zugeben. Mit Muskat, Salz und weißem Pfeffer würzen und unter Rühren solange kochen, bis die Sauce dick und sämig ist. (Falls sie zu sehr eindickt etwas Kochbrühe zugeben). Ein Dutzend kleine Kartoffeln in der Schale kochen, abschrecken und pellen; in einer Pfanne langsam anbraten. Den Blumenkohl aus dem Ofen nehmen, in vier Teile schneiden und auf je einen vorgewärmten großen Teller geben, die Soße daneben gießen, die Kartoffeln daneben anrichten und mit grob gehackter Petersilie garnieren. Einen Salat werdet ihr schon selbst zustande bringen!

Für das Dessert eine nicht zu große Melone aufschneiden, entkernen und in recht kleine Schnitze schneiden und in einer Schüssel ins Eisfach geben, gelegentlich einmal umrühren und wieder zurückstellen. Schlagsahne herstellen. Die vier Pfannkuchen in der Pfanne noch einmal aufwärmen, evtl. im noch warmen Herd warmstellen. Die heißen Pfannkuchen mit den eiskalten Melonen füllen, hübsch zufalten und mit der Sahne umgehend auf einem Teller sevieren. Als Deko z.B. eine Banane in Streifen schneiden, etwas Karamelsoße über die Pfannkuchen geben und darauf die Bananen legen, jetzt noch etwas Puderzucker – wouwh!

Von Rainer Bakonyi

(1) Konrad Fleischmann: Das Frankenwanderbuch. Zwischen Main und Donau mit Begleitheft für alle Touren, zweite neubearbeitete Auflage München, Wien, Zürich 1981(zuerst 1978)
(2) Alles Wissenswerte über diese sympathische Stadt findet sich im: „Stadtplan Iphofen. Eine Weinstadt mit Kultur“ O.J.o.O.)
(3) MAIN POST Mittwoch, 27. August 2008 – Nr.199 WÜS – Seite 25, dort werden unter www.mainpost.de auch „Bilder und Video von der Fangaktion“ angeprießen.

2/4: Allgemeine Klassifikation, Funktionen und autoritäre Erziehungsgemeinschaft

Allgemeine Klassifikation, Funktionen und autoritäre Erziehungsgemeinschaft

Bei der Vielzahl kritischer Reader über das Verbindungswesen haben wir uns den aus unserer Sicht besten herausgepickt. Der folgende Text aus Marburg erscheint daher mit freundlicher Genehmigung der AntifaGruppe5. Er wurde stark gekürzt und erscheint hier in zwei Teilen, kann aber im Netz unter http://www.ag5.de.vu in voller Länge abgerufen werden.
Besonders wichtig war uns bei der allgemeinen Kritik am Verbindungswesen der Blick auf den geschichtlichen Kontext (Siehe Teil 3 von 4), aus dem die Verbindungen stammen und dessen Traditionslinien sich auch im heutigen Korporationswesen widerspiegeln. Zum anderen ist für uns die Trennung in die „guten“ eher liberalen Studentenverbindungen und in die „bösen“ Burschenschaften, wie sie gerne (siehe die vielen Kommentare zum ersten Teil auf unserem Blog) von aufgeschreckten Korporierten vollzogen wird, nicht haltbar. Eliteformierung, Lebensbundprinzip und Brauchtum sind derart grundlegend mit dem Verbindungsleben verwoben, dass man sie bei einer kritischen Analyse nicht ausklammern kann. Daher werden hier auch die wichtigen „erzieherischen“ Praktiken skizziert, die der Herausbildung eines elitären Habitus im Korporationsmilieu dienen.
Ursprünglich als dreiteilige Serie geplant, nimmt die allgemeine Kritik am Verbindungswesen mehr Platz in Anspruch, als wir vorgesehen hatten. Daher beschäftigen wir uns im Teil 2 mit einer allgemeinen Klassifikation der Verbindungen und ihrer Funktionen. Im dritten Teil der Serie, der in der Dezember/Januar-Ausgabe des Letzten Hypes erscheinen wird, geht es um die Eliteformation in der BRD, den Revisionismus des Korporationsmilieus und um die Konservative Revolution.
Bevor es mit dem Text der AntifaGruppe5 losgeht, schildern wir euch kurz die Verbindungen aus Würzburg, die an den dargestellten korporierten Netzwerken partizipieren:

Deutsche Burschenschaft: Adelphia, Cimbria
Coburger Convent: Teutonia, Asciburgia, Alemannia Makaria
Kösener Senioren-Convents Verband: Bavaria, Franconia, Nassovia, Rhenania, Moenania, Makaria-Guestphalia
Cartellverband der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen: Gothia, Thuringia, Guelfia, Markomannia, Cheruscia, Franco-Raetia
Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine: Walhalla, Rheno-Franconia, Normannia
Wingolfsbund: Chattia

Nun zum eigentlichen Text, et voila:

Klassifikation
Korporierte Netzwerke in der BRD
Unter den Verbindungen lassen sich drei Zentraltypen klassifizieren:
1. schlagende und nichtschlagende Verbindungen: Schlagend heißt, dass ihre Mitglieder die Mensur fechten. Bei einigen schlagenden Verbindungen ist das Fechten der Mensur freigestellt [fakultativschlagend].
2. farbentragende [Coleur] und nichtfarbentragende [schwarze] Verbindungen: Farbentragend bedeutet, dass die Korporationsmitglieder die Farben des Verbindungswappens an Mützen und Bändern mit den Uniformen zu bestimmten Anlässen tragen müssen.
3. konfessionell gebundene oder nicht konfessionell gebundene Verbindungen: In der BRD existieren ca. 1000 Studentenverbindungen mit 22.000 aktiven Mitgliedern und 135.000 Alten Herren. Darunter befinden sich 140 Burschenschaften mit insgesamt ca. 19.000 Mitgliedern [Stand 1997].
Das rechtskonservative bis nazistische Spektrum umfasst primär den 1881 gebildeten, fakultativ schlagenden Dachverband der Deutschen Burschenschaft [DB] mit ca.14.000 Mitgliedern in 130 Verbindungen. Es kann von keinem monolithischen Block gesprochen werden. Ideologische Basis ist allerdings ein völkischer Nationalismus. Die Bezeichnung „Burschenschaft“ wird fälschlicherweise oft als Sammelbegriff für Studentenverbindungen verwendet. Burschenschaften berufen sich meist auf die1815 in Jena gegründete Urburschenschaft, sowie das Wartburgfest 1817. Sie stehen damit in einer Tradition der Bücherverbrennungen und des völkischen Antisemitismus. Während die meisten Burschenschaften in der DB organisiert sind, hat sie anders als der Name vermuten lässt auch Mitgliedsbünde in Österreich und Chile. Frauen, Nicht-Deutsche, Homosexuelle und Kriegsdienstverweigerer werden nicht aufgenommen.
Die ideologischen Affinitäten der rechtskonservativen Landsmannschaften und Turnerschaften hierzu sind fließend. […] [Die Landsmannschaften und Turnerschaften] schlossen sich 1951 zum Coburger Convent [CC] zusammen, in dem etwa 100 pflichtschlagende Korporationen mit insgesamt 1900 Aktiven/Inaktiven und 12.000 Alten Herren versammelt sind. Der CC versteht sich selbst als „tolerant“, da die Verbindungen im CC ab 1995 „Ausländer“, Juden oder Kriegsdienstverweigerer aufnehmen dürfen. Mit dem Toleranzprinzip werden gleichzeitig Kontakte zur rechtsextremen Szene gerechtfertigt.
Turnerschaften sind Studentenverbindungen, die sich über Sport und Leibesertüchtigung definieren. Man kann sie den nicht-schlagenden und nicht-farbentragenden Verbindungen zuordnen, die im Akademischen Turnbund organisiert sind.
Die Vorläufer der studentischen Verbindungen sind seit dem 17.Jahrhundert die alten Landsmannschaften, aus denen sich die Corps entwickelten. Ihre Mitglieder waren fast ausschließlich adelige Studenten. In den feudal-aristokratischen Corps, mit dem Hohen Kösener Senioren-Convents Verband als Dachverband, befanden sich fast ausschließlich Studenten aus dem Adel, Offiziersfamilien und Familien von Industriellen, Bankiers, hohen Beamten oder Großgrundbesitzern. Heute sind die meisten Corps in den farbentragenden, schlagenden Kartellen Kösener Senioren-Convents-Verband [KSCV] und Weinheimer Senioren Convent [WSC] organisiert. Im KSCV sind in 101 Verbindungen 2600 Aktive und Inaktive sowie12.220 Alte Herren versammelt. Der WSC beherbergt hingegen 65 Verbindungen, 1550Aktive / Inaktive und 7552 Alte Herren. Politisch stehen sie, auch wenn sie sich selbst als unpolitisch bezeichnen, tendenziell rechts. Der KSCV schloss als einer der ersten Verbände Juden aus, begrüßte die Machtübernahme durch die NSDAP und erklärte am 1.6.1933: „Das deutsche Corpsstudententum hat in einer einmütigen Kundgebung den Willen dargetan, sich ohne jeden Vorbehalt einzugliedern in die nationalsozialistische Bewegung.“
Der konservativ orientierte Block wird hauptsächlich vom Cartellverband der katholischen
deutschen Studentenverbindungen [CV] – darunter für ihre emanzipative Progressivität bekannte Figuren wie Edmund Stoiber, Friedrich Merz [BavariaBonn], Jürgen Rüttgers und Joseph Ratzinger[Churpfalz, Alemania und Rupertia] – getragen. Der CV ist mit ca. 32.000 Mitgliedern der größte deutsche Korporationsdachverband mit ca. 6000 Studierenden und 26.000 Alten Herren in 127 Verbindungen. Diese Zahlen können mittlerweile nur durch die Aufnahme von FH-Mitgliedern gehalten werden. Die CV Verbindungen sind farbentragend, aber nichtschlagend, da das Fechten im Widerspruch zu den Grundsätzen der katholischen Kirche stehe. Die Prinzipien der CV-Bünde lauten Religio [Glaube], Scientia [Wissenschaft], Amicitia [Freundschaft] und Patria [Vaterland]. Das Katholizitätsprinzip ist Grundlage der gemeinsamen Lebensgestaltung, Gottesdienstbesuche sind festes Element des CV-Alltags. Den Vorwurf, nationale Vorstellungen zu vertreten, entgegnen CV-Mitglieder gerne mit einem Verweis auf die europäischen Verbandsaktivitäten– „Patria“ wird also mit Europa identifiziert. Der CV weist dennoch personelle Überschneidungen im ideologisch komplementären Bereich der Neuen Rechten auf: Herbert Hupka war als Mitglied der Landsmannschaft Silesia [“Schlesien“] von 1968 bis 1996 Präsidiumsmitglied des Bundesvorstandes des Bundes der Vertriebenen [BdV]. Weitere Beispiele sind Clemens Josephus Neumann [Rheno-Franconia], gestorben 1995, erster Pressesprecher des BdV, Gustav Wabro [TuiskoniaMünchen], Landesvorsitzender in Baden-Württemberg, Wolfgang Thüne [Borussa-Saxonia u.Hasso Rhenania Mainz], zeitweise Landesvorsitzenderin Rheinland-Pfalz. Bis zu seinem Tod 2000 war der [Würzburger] Professor Prof. Lothar Bossle – selbst Korporierter– permanenter Referent bei CV Verbindungen und in der CV-Akademie. Ein Mitarbeiter seines 1972 in Bonn gegründeten Instituts für Demokratieforschung [IfD] arbeitete an der Verfassung für die faschistische Folterdiktaturin Chile unter A. Pinochet. Der Sitz war zunächst Mainz, wurde aber von Franz-Josef Strauß [Tuiskonia München] gegen den Widerstand der Universität nach Würzburg verlegt. Er selbst pflegte Kontakte zu antikommunistisch semifaschistischen Organisationen wie der Mun-Sekte, Colonia Dignidad und den Grabesrittern.
Der Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine[KV] wurde 1866 gegründet und ist gegenwärtig mit 80 Verbindungen, 2.050 Aktiven/Inaktiven sowie 16.500 Alten Herren, der drittgrößte korporationsstudentische Dachverband. Er ist nicht-schlagend und nicht farbentragend. Im Gegensatz zum CV werden auch nicht-katholische Christen aufgenommen. Frauen sind ausgeschlossen. Ähnlich wie der CV bekennt sich der KV zum Katholizismus als Grundlage.
Sängerschaften sind Studentenverbindungen, die sich „die Musik auf ihre Fahnen geschrieben haben“. Die meisten sind in der farbentragenden, fakultativ-schlagenden Deutschen Sängerschaft [DS]mit 550 Aktiven/Inaktiven und 2400 AltenHerren organisiert. Bei ihnen lässt sich ein volkstumsbezogenes Verhältnis zu Deutschland nachweisen. Wichtigste Aktivitäten der DS sind die Grenzlandfahrten und Volkstumsarbeit in früheren deutschen Gebieten oder von deutschsprachigen Minderheiten bewohnten Regionen.
Der protestantische, formal ökumenische Wingolfsbund wurde 1860 gegründet. Seine Ideale basieren auf dem christlichen Glauben [“uns eint das Bekenntnis zum Glauben an Jesus Christus“], daher gehört der Wingolf zu den nichtschlagenden Verbindungen. Die anderen üblichen Sitten und Gebräuche des Verbindungsstudententums werden auch vom Wingolf gepflegt. Der Wingolfsbund unterstützte den Kapp-Putsch, bei dem er die Bildung eines beweglichen Stoßtrupps übernommen hatte. In einer gemeinsamen Erklärung von Wingolf, DB und anderen studentischen Bünden kamen 1927 rassistische Elemente zum Ausdruck: „Die dem Deutschen Volkstum im Grenz- und Auslande drohenden Gefahren verlangen eine unbedingte Reinhaltung der Hochschulen von volksfremden Elementen, um die Lebensfähigkeit des Deutschtums in diesen Gebieten zu wahren.“
Seit den 1980er Jahren versuchen einige Burschenschaften sich an den Schulen zu betätigen,
um frühzeitig ihren Nachwuchs zu rekrutieren. Schülerverbindungen sind im 1989 gegründeten
Dachverband Allgemeiner Pennäler Ring zusammengeschlossen. Schülerverbindungen sind
ähnlich organisiert wie Burschenschaften. Die meisten teilen den Wahlspruch „Ehre, Freiheit,
Vaterland“ mit der DB, verlangen von ihren Mitgliedern die Bereitschaft, das studentische Fechten zu erlernen, sind farbentragend, hierarchisch organisiert und pflegen die Bräuche von studentischen Verbindungen. Wie in studentischen Verbindungen gilt auch in den Schülerverbindungen das Lebensbundprinzip.

Funktionen

Zentrales Prinzip ist die Konzeption des Lebensbundes als pädagogisch-moralischer
Prägeinstanz mit einem elitären Selbstverständnis. Die Mitglieder verpflichten sich, der Gemeinschaft auf Lebenszeit anzugehören, sofern es zu keiner Ausweisung [Dimission] aufgrund
einer Verletzung des rigiden Wertekanons kommt.
Die Anwerbung [Keilen] eines Interessenten erfolgt über günstige Zimmervermietung, Einladungen zu einem Mittagessen oder den Trinkgelagen auf den Häusern, die sich als später Ausläufer einer deutschen Tradition bis ins 16./17. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Bei der Rekrutierung ihres Nachwuchses werben Studentenverbindungen, Corps und Burschenschaften mit den beruflichen Vorteilen, die eine Mitgliedschaft mit sich führen kann. Deshalb werden neben der Vergabe von Stipendien oft berufliche Einstiegsmöglichkeiten geboten. Im Studienzyklus müssen obligatorische erzieherische Etappen durchlaufen werden: Kommt es zur Aufnahme, gilt der Novize /Spefuchs im Verbindungsjargon als Fuchs, der innerhalb der Korporationsorgane mit eingeschränkten Rechten und gleichzeitig vollen Pflichten dem mit Machtprivilegien ausgestatteten Fuchsmajor unterstellt wird. Seine Anweisungen sind mit unbedingtem Gehorsam auszuführen. Jeder Fuchs wählt sich zur Erleichterung der Integration als Vertrauensperson einen Leibburschen, der ihn in schwierigen Lagen vertritt. Nach dieser Phase über ein bis max. zwei Semester wird der Fuchs mit der Burschung zum Vollmitglied und gilt als Bursche. Zur Teilnahme an allen offiziellen Veranstaltungen verpflichtete Füchse und Burschen werden als Aktive bezeichnet– sie bilden die Aktivitas. Aus dem Kreis der aktiven Burschen werden jeweils für ein Semester Chargierte gewählt. Der erste Chargierte ist der Sprecher/Senior, der zweite Chargierte der Fechtwart oder [bei vielen nicht schlagenden Verbindungen] der Damensenior, der Festlichkeiten, Ausflüge etc. zu organisieren hat. Hinzu kommt der Schriftwart. Nach der Examinierung und dem ansetzenden beruflichen Werdegang wird der Angehörige einer Verbindung mit der Philistrierung durch Beschluss der Mitgliederversammlung [Convent] in den Altherren-Zirkel integriert, der die Corpsgemeinschaft finanziell subventioniert und beratende Funktionen ausübt.
Das Zusammenleben ist von strikt eingeschriebenen Codizes der Ehrerbietung geprägt, die das Mitglied introjeziert. Durch die demonstrative, minuziös artikulierte Verhaltensabstimmung sowie die Einordnung in die Disziplinapparatur eines hierarchisch gestaffelten Macht- und Dressursystems erhält es den Zugang zur Gemeinschaft. Ein solcher Lebensbund bildet eine Instanz, die über dem Individuum angesiedelt sein soll und für eine inszenierte Sakralatmosphäre verantwortlich ist, die durch ein formaliertes Wertesystem aus Sprechweisen, Gesten, Grußpflichten und dem Tragen von Uniformen sowie spezieller Insignien immer wieder aktualisiert werden muss. In dieser erzieherischen Mikrozelle werden Zugehörigkeitsgefühle zur Gemeinschaft über die emotionale Dimension der Initiationsriten und den Vergemeinschaftungsmythos hergestellt. Dies zeigt sich z.B. beim Singen während eines Bier- und Kneipcomments, wenn die Stimmen zum Chor verschmelzen und kollektiv harmonieren. Das reglementierte Wett- und Zutrinken soll dazu beitragen, zur „wahren Männlichkeit“ zu erziehen. Überschreitet der Neuling bestimmte Grenzen, wird er abgestraft – und muss zumeist noch mehr trinken.
Während seiner aktiven Zeit muss sich der Einzelne durch martialische Kampfrituale wie den Fechtduellen/Mensuren behaupten. Bis in die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts hatten die Studentenmensuren noch den Charakter eines verabredeten Duells, das Gelegenheit bot, reelle Streitigkeiten unter Studenten der Offizieren mit den blanken Waffen auszutragen. Sie waren zugleich ein Mittel der gehobenen Kreise, um Zorn und Hass aufeinander in Begrenzung zum „menschlich minderwertigen Pöbel“ in einer ihrem Stande angemesseneren Weise auszuagieren. Die zeremoniellen Zweikämpfe des satisfaktionsfähigen Etablishments waren also von einer Dynamik aus Schicht- und Rangverhältnissen durchzogen, mit der persönlicher Stolz, Selbstwertempfinden und soziale Höherstellung konserviert werden sollten. Der exakte Ablauf einer Mensur ist im Paukcomment festgelegt. Die scharfen Hiebwaffen, mit denen die Bestimmungsmensuren ausgefochten werden müssen, sind so eingerichtet, dass sich mit ihnen Haut, Gesicht und Schädel und die darunter liegenden Blutgefäße durchschneiden lassen. Die aus den Verletzungen resultierenden Narben werden Schmisse genannt. Diese Duellierungsprozeduren dienen als Legitimationsmittel der eigenen Statusansprüche und gelten als Beweis der „Mannhaftigkeit“. Hier wird der Konkurrenz- und Rivalitätsdruck der Verbindungsmitglieder untereinander sichtbar .In der Duellsymbolik ist das Axiom des Männlichkeitsbildes von Burschenschaften – die von nibelungentreuem Kriegerethos beseelte „Einsatz- und Opferbereitschaft für das Vaterland“, welche sie als nationale Elite qualifiziere – bereits angelegt.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass jene mit [Selbst-]Zwang gepanzerten kapillaren Macht- und Kontrolltaktiken das korporierte Individuum zur „Führungspersönlichkeit“ domestizieren, um über rückwirkende Strategien die Gesellschaft den eigenen autoritären Vorstellungen entsprechend formieren zu können.

Und nächstes Mal: Teil 3
Mittendrin statt nur dabei: Eliteformation und Konservative Revolution im Korporationsmilieu

AK Kritische StudentInnen

Mir ist langweilig #2

Hahahahaha. Und grad muss ich doch noch mal auf wuerzblog.de nachschauen. Unfassbar.

Un-fass-bar.

Ein länglicher Bericht über das

Buisiness Lunch der Würzburg AG in der Autobahnraststätte

zum

Slogan für die Imagekampagne »Würzburg. Provinz auf Weltniveau.«

Und der Mann war allen Ernstes da, weil es ihn allen Ernstes interessiert, mit welchem Werbespruch dieses Kaff über den eigenen Totalausfall hinwegtäuschen will:

Dann ging es zur Diskussion und es zeigte sich, dass der Slogan überwiegend positiv aufgenommen wurde. Mit der »Provinz« als Gegensatz zu »Weltniveau« zu werben fanden die wenigsten problematisch. Als Abschluss wurde eine Testabstimmung gemacht, bei der mal sich melden konnte, ob man sich diesen Slogan und das Konzept auf die Fahnen schreiben würden. Fast alle waren dafür, wenig haben sich enthalten und nur einer – ich – war dagegen.

Warum ich immer noch dagegen bin? Aus mehreren Gründen. Mit dem Begriff »Weltniveau« kann ich leben. Vielleicht ist er ein bisschen geklotzt, aber ok, das ist Werbung. Ich finde der Begriff »Provinz« trifft nicht für mein gefühltes Würzburg-Bild zu. Ganz sicher ist Würzburg keine pulsierende Metropole. Aber Provinz? Das ist für mich irgendwo auf dem flachen Land, wo es das Highlight des Jahres ist, wenn mal ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor durch die Hauptstraße fährt. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich mir dieser Einschätzung alleine stehe. Provinz ist für mich eindeutig negativ besetzt, ich kann es leider nicht ändern.

Und „Würzburg“, kann man sich denken, eher eindeutig positiv.

Was juckt es den Mann? Was lässt es ihm keine Ruhe? Aber einen Trost findet unser Recke zuletzt doch noch:

Sicher darf man sich nicht ausschließlich auf den Slogan versteifen, er wird ja von anderen Werbemaßnahmen begleitet.

Was für ein Glück.

So, wieder gemeckert, ohne ein Lösung anbieten zu können. Diese Blogger aber auch immer … ;-)

In der Tat, Herr Wuerzblog.de, immer so negativ.

Ich lache mich schlapp, wo leben wir bloss.

Wer oder was ist Twitter?

Das fragen sich vielleicht gerade die älteren unter unseren Leser/inne/n. Wir wissen das auch nicht so genau, aber wie man sehen kann, ist es eine Einrichtung, die zB so etwas möglich macht (wir wissen es, weil uns wer auch immer allen Ernstes da verlinkt hat; also unvorsichtig sind die Leute); also eine Einrichtung, um trotz gedrängtesten Formats mithalten zu können, was die Übermittlung nichtswürdiger Information und die tätige Liebe zur Heimat betrifft, mit sagen wir wuerzblog.de.

Noch so ein Provinzklatschmaul on line. Es steht offenbar jeden Tag einer mehr auf.

Die Mainpost ist schlimm, aber die muss so sein, sie muss ja gekauft werden. Die DIY-Lokalpresse aber: lieber Herr Jebus Maria Butter Gottes. Du bist wirklich Deutschland, schlimmer noch, du bist Würzburg.

_____ ____ _________

1.
Follow the white rabbit, war in dem mail gestanden, das ich aus meinem Junkordner gefischt hatte, und da stieg ich also um 2300 in der Nacht aus der Strassenbahn in Grombühl aus und folgte in der Tat einem weissen Hasen: der Abend fing eigentlich ganz gut an.

Der weisse Hase war gar kein richtiger weisser Hase, mupfeln konnte er auch nicht, aber dafür lächelte er weise und gütig und (geben wir es ruhig zu) etwas debil. Er war ganz aus Kreide gebacken und sass auf der Strasse. Dort ging es ihm gut. Er mupfelte zufrieden und knabberte an meinen Ohren.

Etwas verlegen folgte ich dem merkwürdigen Tier tiefer in den zerklüfteten Grombühl. Er führte mich sanft und sicher, und ich fürchtete mich nicht. Tiefer stieg der Weg, schweigsam klommen wir hangab: auf vieren er, auf zweien ich, gebe der gütige und gerechte Gott, dass es dereinst, wenn wir uns wiedersehen, umgekehrt sein wird.

Am Fusse des Hügels angekommen, wies der weisse Hase hinab in einen Schacht, in den Treppen hinunterführten, und sagte mit leiser Stimme: Auf diesem Weg kann ich dich nicht begleiten. Diese Schwelle darf ich nicht überschreiten. Sprachs und hüpfte davon.

Verwirrt stieg ich die Treppe hinab. Die schmale Treppe führte in einen schmalen, grünen, hell erleuchteten Gang, der sich vor mir wand. Betäubender Lärm schien aus ihm zu dringen. Ich folgte seinen Windungen weiter: und siehe, da weitete sich der schmale Gang wie zu einem grünen Saal, und in diesem standen merkwürdige Männer und Frauen und hiessen mich willkommen.

2.
Der Saal sah aus wie die Donnerstagsdisco im akw, nur mit besserer Musik, besserer Akustik, besserer Deko, billigeren Getränken und weniger Idioten.

In der Mitte der Unterführung sassen Leute auf Barhockern (?) und Sofas. Am Rand stand ein Tisch mit Schnittchen, um den sich eine Wasserschlange ringelte. Eine junge Frau tanzte alarmierend eng mit einem riesigen Wal. Zwei Bären waren nirgendwo zu sehen.

An der Wand stand, von ungelenker Hand, mit Kreide eine grausige Warnung.

Nach rechts bog eine Treppe, dort ging es zum Europastern, diesem monströsen Fehlbau; die Lkw verschluckten draussen fast den Lärm der Musik. In den grauen Fenstern des gegenüberliegenden Grombühl war nirgends ein Licht. Nichts war dort draussen, nirgendwo, das einzige, was sich in dieser Nacht verbarg, war die lustige Gesellschaft in der Unterführung.

Es war wunderschön, und bizarr.

Am Tage sind die Strassen Feindesland; wir betreten sie ungern. Unwohl und beklommen fühlt man sich, unter unfrohen und feindlichen Menschen. Aber es reicht nicht, die Strassen nicht zu betreten; solange sie uns nicht gehören, sind unsere Wohnungen unsere Gefängnisse.

Wenn wirklich das grausigste, was diese Nacht birgt, wir sind: wie konnten wir jemals eine Macht neben uns dulden?

3.
Als, nach Stunden, zwei Polizisten eintrafen, die sich sprachlos die Szenerie anschauten und endlich die Worte fanden: „Irgendeiner macht das hier wieder sauber,“ stob die Menge bemerkenswert unkoordiniert davon, kehrte zurück, stob wieder davon, verlor sich irgendwo im Gewirr der Gassen, kehrte zurück oder auch nicht, während tatsächlich sich eine Handvoll Leute bereit fand, mit Besen, die die Exekutive eigens aus dem Burger King ausleihen liess, den Boden zu fegen; wohl auch, weil die Polizei (die rasch Verstärkung gerufen zu haben schien) einen oder zwei Leute in Handschellen gelegt hatte. Dabei bekam noch jemand Pfefferspray ins Gesicht.

Die Reste der Gesellschaft zogen danach, die Musikanlage im Schlepptau, grimmig und mit ensetzlich entschlossenen Gesichtern die Schweinfurter Strasse entlang in die Stadt hinein, wo sie dem Vernehmen nach noch ein paar Male mit der Polizei Katz und Maus spielten, bis diese ihnen die Soundanlage abgenommen hatten, mit denen sie die Bürger um den Schlaf zu bringen drohten.

Was weiter? Nächstes Mal erstens besser vorbereiten. Denn es wird und muss ein nächstes Mal geben, öfter und wilder noch, es ist nicht der Funke eines Lebens zu sehen, wenn nicht so. Aber besser vorbereiten; es müssen die Leute wissen, was zu tun ist, wenn die Party zu Ende geht.

Zweitens: der überflüssige Beweis, dass man auch Spass haben kann, ohne die dafür lizensierten Anstalten zu besuchen, wäre erbracht; aber man sollte sich hüten, die Formen, die das in der Spassindustrie annimmt, zu kopieren. Eine Disco in eine Unterführung einbauen ist lustig, weil es die Perspektive bricht; aber eine Disco ist es zuletzt trotzdem, und wenn man zu anderen Formen des Lebens finden will, wird man keine neue Disco aufmachen wollen, nicht in der Frankfurter Strasse, nicht am Europastern.

Und, meine Damen und Herren, eine weniger lange und träge Planung bitte, und etwas mehr Unberechenbarkeit, wenn ich bitten darf.

Vince O‘Brian

Für ein neues Autonomes Zentrum!

„Junge: Wer mit zwanzig kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat“ (Die Goldenen Zitronen)

Wer auch immer in Würzburg sich noch für den Ort interessiert, der einst von einer Autonomen Szene geschaffen worden ist und längst die besten Zeiten hinter sich hat, mag dieses Flugblatt aufmerksam lesen, vielleicht sogar ihre/seine Schlüsse daraus ziehen.

Nach dem zweijährigen Versuch, den Infoladen Würzburg aus seinem Winterschlaf zu wecken und linke Strukturen in Würzburg zu reaktivieren, glauben wir, durch den Bruch mit dem Autonomen Kulturzentrum mehr erreichen zu können, als weiterhin auf ein vor sich hin dümpelndes AKW! zu setzen. Den Ansatz früherer Polit-Gruppen, trotz eines gespaltenen Verhältnisses zum AKW! den Infoladen weiter zu führen, halten wir für wenig sinnvoll, da Aktivitäten auf dem Gelände für uns nur durch einen gewissen Grundkonsens zwischen uns und der Mitarbeiterschaft des AKW! möglich ist. Dieser Grundkonsens über den Sinn und Zweck des Autonomen Kulturzentrums existiert nicht mehr.

Als aus einem alten Holzlager einer Brauerei am Anfang der neunziger Jahre der Infoladen aus dem Boden gestampft wurde, ahnte wohl noch kaum jemand, dass es irgendwann den politischen Teil des AKW! nicht mehr geben würde. Was anfangs als Zentrum gedacht war, in dem verschiedene Gruppen einen Platz finden und in dem der Infoladen nicht als Exil für Polit-Gruppen, als linkes Gewissen, fungieren sollte, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem Autonomen Zentrum ohne Autonome, zu einem Kulturzentrum ohne Gegenkultur. Man gewinnt fast den Eindruck, dass das AKW! ca. zwei Jahrzehnte den Anarchisterich gemimt hat, um sich letztendlich doch an den deutschen Konsens zu kuscheln. Der klägliche Rest der Szene, aus der das AKW! ursprünglich entstand, und der mit einer gewissen Naivität hoffte, für ihn sei im AKW! noch irgendetwas zu retten, sind wir.

Der Entschluss, das alte Bürgerbräu-Gelände zu verlassen, fußt weder auf einem besonderen Ereignis, noch auf persönlichen Zerwürfnissen. Wir meinen schlichtweg, dass sich die Schnittmengen zwischen dem AKW! und dem Infoladen auf ein Minimum reduziert haben. Seit Jahren wird der Infoladen wohl eher als Klotz am Bein des AKW! betrachtet. Gewiss spielen für uns einzelne Ereignisse, wie die Übertragung der Fußball-EM ohne jedweden Versuch, sich anders darzustellen, eine gewisse Rolle, jedoch ergibt erst die Summe der Rückschläge und Enttäuschungen beim Umgang mit dem AKW! das Ergebnis: Es ist besser, das AKW! im Jahre 2008 das AKW! im Jahre 2008 sein zu lassen. Und es ist ebenfalls besser, auf eine andere Weise die Würzburger Langeweile zu stören.

Zuletzt sollte sich nicht nur für uns, sondern auch für alle diejenigen Menschen, die viel früher ihre Lehren aus dem Leeren gezogen haben, die Frage stellen: Soll es das gewesen sein? Für uns lautet die Antwort: Mitnichten! Das Bedürfnis, aus diesem System auszubrechen, ist viel zu drängend, als dass wir uns in den weichen Sessel der links-bürgerlichen Existenz zurücklehnen könnten. Vielmehr gilt es für uns, einen neuen Ort zu schaffen, neue Weg zu finden. Dabei können wir nicht nur auf uns selbst vertrauen: die Diskussion darüber, was in Zukunft in Würzburg passieren soll, muss mit denjenigen geführt werden, die sich auf die Fahne geschrieben haben, den Würzburger Kultur- und Politbetrieb zu (ver-)stören. Diejenigen müssen zusammen gebracht werden, denen das blanke Entsetzen über die Zumutungen der Verhältnisse ins Gesicht geschrieben steht. Wir treten für eine lebhafte Debatte über die Perspektiven einer alternativen (Gegen-)Kultur ein, die sich nicht nur auf den Sektor Politik beschränkt.

Für uns soll der Auszug aus dem Infoladen nicht nur ein Abschluss sein, sondern auch eine neue Perspektive bieten: Wir wollen ein neues Autonomes Zentrum, für das die Anbiederung an den Mainstream ein NoGo darstellen soll. Aktuelle Beispiele aus anderen Städten der Umgebung zeigen, dass mit der nötigen Portion Entschlossenheit unser Vorhaben erreicht werden kann. Dafür müssten wir in dieser Stadt wieder genügend Unordnung und Verwirrung erzeugen, die u.a. durch die Bindung an diesen oder jenen Szeneschuppen zur Erliegen kam. Ob auch außerhalb der „Szene“ das Bedürfnis besteht, einen neuen Ort für (Anti-)Politik und Aktion jenseits des kulturindustriellen Mainstreams zu schaffen, wird sich zeigen müssen.

Wir jedenfalls sind für allerlei Unfug zu haben und wollen einen neuen selbstverwalteten Raum für ungezähmte Bewegung schaffen.

Infoladengruppe Würzburg, September 2008

infoladenwuerzburg.blogsport.de

P.S: die Homepage bleibt bestehen, so dass über zukünftige Aktionen zu lesen sein wird.

Anmerkungen zum Keil als Zirkus der sieben Sensationen

Vorab: Der Autor dieses kurzen Gedankenfragments würde weder behaupten, irgendetwas von der Schauspielkunst zu verstehen, noch nimmt er sich heraus, die dramatische Gestaltung des aktuellen Stücks „Bis einer heult“ zu bewerten. Um eine explizite Kritik des Stücks soll es in den Anmerkungen daher gerade nicht gehen. Stattdessen wird hier die Frage angerissen, ob der Keil einen Platz als verrücktes Huhn der bürgerlichen „Kulturszene“ einnehmen möchte, oder lieber außen vor bleibt.

„Bis einer heult“ war ein nettes Stück: Die ZuschauerInnen strömten in Scharen herbei und befanden es als nett. Die Kinder, die das Stück besuchten, lachten und klatschen zu nettem Slapstick, die Main-Post hatte nichts am netten Keil auszusetzen und so manch einer/einem ZuschauerIn kamen Tränen vor lauter netten Gags.

Es ist nachvollziehbar, dass eine positive Kritik selbst in der Lokalpresse und ein reges Zuschauerinteresse an Shakespeare Balsam auf der Seele der ArtistInnen des Keils sind. Und ich kann ebenfalls verstehen, dass aus rein wirtschaftlichen Erwägungen, denen man sich nicht entziehen kann, drei nahezu ausverkaufte Vorstellungen und großzügige Spenden bei der Aufführung im Kult großartige Ereignisse für den Zirkus der sieben Sensationen sind.

Mir und noch einigen anderen dem Keil nahe stehenden Personen stellte sich jedoch nach den letzten beiden Stücken die Frage, ob der Zirkus der sieben Sensationen einen Platz in der ehrenwerten Gesellschaft der Kulturschaffenden einnehmen möchte und zwei- bis dreimal im Jahr StudentInnen und sonstige BildungsbürgerInnen belustigen möchte, oder die Kulturszene selbst zu verstören gedenkt.

Im Klartext lautet die Frage: Habe ich es, als Zuschauer, lediglich mit einer Laienschauspielergruppe familiären Charakters zutun, deren Mitglieder vielleicht irgendwann den Sprung auf die weltberühmten Bretter, die die Welt bedeuten, vollbringen und die, solange dies noch nicht geglückt ist, die Paradiesvögel der Kulturszene mimen, oder hegt der Keil einen anderen Anspruch an sich selbst und an sein Publikum?

Es macht den Keil aus, dass er stets macht, wozu er Lust hat. Jedoch stellt sich für mich die Frage, weshalb das Bedürfnis, den offiziellen Kulturschaffenden vor ihre Füße zu rotzen, nicht mehr zu bestehen scheint (oder irre ich mich?)? Vielleicht hilft bei der Beantwortung der Frage ein Bezug auf die familienartige Form, in der sich die ArtistInnen des Zirkus’ präsentieren. Indem man sich auf der Suche nach familienartiger Freundschaft als Gruppe wahrnimmt und sich so künstlich von äußeren Einflüssen abschottet, könnte das Harmoniebedürfnis irgendwann über allen anderen Intentionen des Keils stehen. Und damit könnte auch die Fähigkeit verloren gehen, sich mit der Entsetzlichkeit der nur scheinbar getrennten Formen Kultur, Politik und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Je mehr der Zirkus der sieben Sensationen sich also als Familie versteht, desto weniger wird man sich wohl mit solchen Fragen auseinandersetzen. Man darf jedenfalls nicht vergessen, dass Theater niemals in der nichtexistenten kulturellen Luftleere steht, sondern zwangsläufig mit dem gesellschaftlichen Formgeflecht verwoben bleibt. Darüber hinaus muss angeführt werden, dass es zwar nicht verwerflich ist, sich untereinander blendend zu verstehen (ganz im Gegenteil), aber dass mit einer heimeligen Gruppenidentität auch eine Formierung nach innen stattfinden könnte, durch die erstens solche kontroversen Fragen über den Sinn und Zweck der eigenen Theatergruppe nicht mehr diskutiert werden, zweitens man kaum mehr fähig sein wird, etwas anderes als ganz nettes Theater zur Bespaßung von seichtem Publikum zu machen.

Zuletzt muss festgehalten werden, dass Theater stets auch die Interaktion zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen bedeutet. Der Keil hat nicht umsonst nach wie vor ein Publikum, das fähig ist, Fragen wie die meinigen zu stellen. Durch die in der Vergangenheit ungewöhnliche Art, nicht nur schallenden Applaus, sondern auch tiefe Empörung beim Publikum auszulösen, umgibt den Zirkus der sieben Sensationen zumindest für mich noch immer eine Aura der Subversion. Je mehr die SchauspielerInnen nur den Anspruch hegen, nettes Familientheater zu machen, desto weniger werden Mitglieder und ZuschauerInnen des Keils dazu fähig sein, den Zirkus der sieben Sensationen nicht nur als ganz normales Theater zu verstehen. Egal, ob in Würzburg, Leipzig oder anderswo.

Benjamin Böhm

Froschhöhle. Kritische Masse. Stützpunkt und Schandfleck.

In Würzburg, diesem gärendem Morast, gibt es keine Hoffnung und kein Entrinnen, und keine Luft zum Atmen. Man muss schon so über jedes Mass bescheiden sein, wie es die Leser/innen des hype wohl sind, um hier sein Genügen und Auskommen zu finden.

Es reicht dabei noch nicht einmal aus, das allgemeine Elend zu dulden, das man mit dem Rest des Proletariats, namentlich des schlechtbezahlten, gemeinsam hat. Nein, es muss zum Schaden auch die Schande kommen, und es muss auch noch diese Stadt sein, ausgerechnet, und dazu die Szenerie, in der man lebt, ausgerechnet der letzte und fauligste Sumpf, den man lethargisch erduldet.

Sub-Kultur nennen manche es noch, dieses immergleiche, ohne jedes Bewusstsein für die böse Ironie des Wortes: nichts anderes als Kultur, nur unterhalb davon. Die letzte Schwundstufe einer Gegenkultur, die einmal gegen die offizielle Kultur, diese Hyäne, aufgestanden war.

Die betäubende Langeweile in dieser Stadt geht nicht vom katholisch-konservativen Milieu aus, sondern längst vom studentischen Milieu und der ihm eigenen Lebensweise, den vielfältigen und immergleichen Kulturangeboten, die von denen, denen das Wort Jugendkultur nicht mehr die Schamesröte ins Gesicht treibt, gerne angenommen werden; einer Szene insbesondere, der man mit dem Stumpfsinn, auf den die sogenannten Massen hereinfallen, nicht mehr kommen braucht, weil sie einen eigenen, verfeinerten Stumpfsinn verlangen.

Die Subkultur derer, die sich mit der Hoffnungslosigkeit ihrer Existenz anscheinend abgefunden haben, ist nichts anderes als der Garant der Fortdauer dieser Hoffnungslosigkeit. Sie anzugreifen, ist heute eine unmittelbare Überlebensfrage, wenn aus der Verzweiflung doch noch etwas anderes kommen soll als Selbstzerstörung.

Dabei ist doch in Würzburg alles so schön eingerichtet, und es hat alles seinen Platz. Selbst einen Infoladen haben die Stadtoberen, in weiser Voraussicht, geduldet, den die Infoladengruppe freilich aus guten Gründen nicht mehr haben will. Zwischen Jugendkulturhaus und Autonomem Kulturzentrum ist für alle ein Ort, vorausgesetzt natürlich, man hat nichts dagegen, dass die Voraussetzung für Teilnahme an dieser Art der Öffentlichkeit die eigene Alkoholisierung ist, über die sich diese Einrichtungen zum grossen Teil auch finanzieren. Und vorausgesetzt natürlich, dass in Einrichtungen dieser Art generell nur Dinge ablaufen, die auf die eine oder andere Weise für die Zwecke der Stadt förderungswürdig sind, wodurch sich diese Einrichtungen zum anderen Teil finanzieren. Wenn und solange die Zwecke der Stadt Dinge sind, mit denen man gut leben kann, ist das alles schön und gut.

Einige können das aber nicht so gut, und wieder einige unter diesen diskutieren mit Unterbrechungen seit mittlerweile 2 Jahren über die Frage, ob nicht in Würzburg bereits viel zuviele Einzelne oder Gruppen unterwegs sind, die mit Grund für unruhig genug gehalten werden dürfen, als dass man sich das alles noch bieten lassen dürfte. Ob nicht, mit einem Wort, das Potential dafür vorhanden wäre, etwas ganz anderes auf die Beine zu stellen, und wie das gehen könnte.

Wie das aussehen könnte, ist noch völlig unklar, klar ist allerdings, dass schon viel, sogar zuviel Zeit verstrichen ist. Nicht mehr alle, die damals mit einem solchen Vorhaben einverstanden waren, leben noch. Es ist spät, vielleicht zu spät. Die Strukturen lösen sich auf, aus denen heraus solche Schritte einmal hätten getan werden sollen, sei es durch die allgemeine Verschlechterung, sei es durch weitere Anpassung, sei es durch den gewöhnlichen Lauf der Dinge, den Stumpfsinn, der wohl nicht wütend, sondern träge macht. Und durch Wegzug aus der Stadt, nur allzu berechtigt; es sind wie immer nicht die schlechtesten, die weggehen.

Am Anfang stand der einfache Gedanke, alle bisher auf verschiedene Einrichtungen verteilten Aktivitäten zusamenzufassen und in einen gemeinsamen Betrieb zu verlegen. Das akw war zu dieser Zeit von jedem Anspruch auf unabhängige Kultur abgerückt, und dieser Mangel war 2006 deutlich zu spüren. Folgerichtig wurde diskutiert, ob und wie ein wirklich autonomes Kulturzentrum zu schaffen wäre.

Nach dem Abtritt des damaligen Vorstandes allerdings schien einigen Beteiligte die Chance sich zu ergeben, diese Pläne doch noch im akw verwirklichen zu können. Man darf das im Rückblick als eine naive Illusion bezeichnen, für die sich mit Recht viele gar nicht erst in Bewegung setzen liessen. Diejenigen, die sich in die akw-Strukturen begaben, hatten dort keine Chance, die tiefgehenden Veränderungen einzuleiten, die notwendig gewesen wären. Das akw ist heute die traurige Ruine einer Singlebörse, deren einziger Gebrauchswert in vergleichsweise billigem Alkohol in Gesellschaft vergleichsweise erträglicher Leute besteht; erträglich allerdings vor allem dann, wenn man sich das mit dem Alkohol gründlich hat gesagt sein lassen. Was aber der Sinn einer Ansammlung von Personen sein soll, die sich nur mit Alkohol gegenseitig ertragen, wissen allein die Götter.

Das Elend jeder Art von „Kultur“, die eine Ware ist, ist aber genau an dieser Karikatur eines Kulturzentrums abzulesen. Jede Einrichtung, die, um sich zu finanzieren, von der Gunst eines Publikums abhängt, das sich in seinen Gewohnheiten bestätigt sehen will, wird nichts anderes können, als dieses Publikum auf seiner rasanten Abwärtsspirale zu begleiten. Nichts anderes gilt für Theater, für Musik, für Film, für jede Art von Kunst: sie wird Kunst bleiben müssen, sie wird nicht den Anspruch stellen dürfen, ins Leben auszugreifen, sie wird für uns ebenso sinnlos sein, wie sie für die städtische Kulturlandschaft zweifellos eine Bereicherung darstellen wird. Sie wird keine Folgen haben ausser der, das, was ist, ein weiteres Mal zu bestätigen. So wird solche Kultur entweder die Erwartungen des Publikums bedienen oder untergehen, niemals jedoch das Publikum zu verändern versuchen. Zuletzt verkommt sie zu ihrer Grundform, und das ist in Würzburg immer noch der blinde Suff.

Aus genau diesem Grund erwies sich die urprüngliche Idee nicht mehr haltbar. Es kann nicht darum gehen, das selbe wie bisher in neuer Verpackung zu liefern. Nicht aus der einfachen Addition bisheriger Aktivitäten, sondern aus ihrer gemeinsamen Umschmelzung, aus ihrer Entfesselung ins Unerwartete ergäbe sich bestenfalls die kritische Masse, um das immergleiche aufzusprengen. Nicht ein Zentrum für Politik und Kultur, sondern ein Stützpunkt dagegen; jenseits der Gunst von Stadt und Schweineblatt; alles andere als eine Bereicherung des Kulturangebots, und mit Sicherheit nichts, was man zwecks Freizeitvollzugs Erstsemestern zum Ausgehen anempfiehlt, Gott bewahre; kein Farbtupfer, sondern ein Schandfleck.

Mit welchen Kräften so etwas angefasst werden könnte, in welchen Formen so etwas vorgestellt werden könnte, das alles ist noch offen, und die Leser/innen/schaft ist sicher gut beraten, sich dazu eigene Gedanken zu machen, bevor wir es tun.

Die „nummer“ ist nicht mehr.

Die würzburger Kulturzeitschrift „nummer“ ist nicht mehr (das, was sie vielleicht einmal war). Wer wissen will, was das Spektrum, das vielleicht provisorisch mit den Namen Kremmler, Kleinhenz und Kunz umrissen werden kann, zu sagen hat, sei auf den Zunderblog verwiesen.

Dort kann man zB folgendes über eine Rundfunkaussendung über „1968 in Würzburg“ lesen:

Einen hörenswerten Beitrag hat der BR bereits am 6.4. gesendet (auch online nachzuhören), in der auch sonst sehr interessanten Reihe »Mainfränkisches Kaleidoskop«: »Studentenproteste in Würzburg« sind diese 12 Minuten überschrieben, und eine illustre Schar an Würzburgern erinnert sich an das besagte Jahr und das universitäre Leben. Auch Dieter Ohrner, der damals bei der Würzburger Stadtpolizei war. Das hörenswerteste ist allerdings das Resumé des Sprechers nach Ohrners Ausführungen:

»Das Verhältnis zwischen Staatsmacht und Intelligenz war also gut in Würzburg. Für eine Demo haben sich die Studenten sogar mal ein Megaphon bei der Stadtpolizei ausgeliehen; außerdem ist überliefert, daß einige Rädelsführer nach einer Demo am amerikanischen Flugplatz eine Funkstreife der Polizei als Mitfahrgelegenheit in die Innenstadt nutzten …«.

Wer Würzburg und die Würzburger Studenten kennt, hat sicherlich kaum Anlass, am Wahrheitsgehalt dieser Aussagen zu zweifeln.

Bei uns könnte man zB zu einer solchen Rundfunkaussendung noch eine Bemerkung über die dort interviewte Dritte Bürgermeisterin Schäfer (SPD) lesen, die folgendermassen aus ihrem deutschen Herzen keine Mördergrube macht: man sei 1968 gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam auf die Strasse gegangen,

… sicherlich auch, weil wir uns ja damit beschäftigt haben, was Deutschland für Verantwortung hatte, den Zweiten Weltkrieg mitausgelöst zuhaben…

Mitausgelöst, meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie haben richtig gehört: mitausgelöst.

Der Zungenschlag sagt viel; vielleicht nicht so sehr eine halbe Wahrheit über 1968, aber jedenfalls die ganze Wahrheit über Vereine wie zB die KPD/ML, wo man, vermittelst eines besonders berüchtigt-widerlich deutschnationalen Anti-Imperialismus, genau solche Techniken eines subtilen („linken“) Geschichts-Revisionismus lernte; was einer wie Frau Schäfer 1999 auch sehr gut zustatten kam, als es für die SPD darum ging, aus solcher „Verantwortung“ die Legitimation abzuleiten, zB Belgrad zu bombardieren.

Täuscht uns die Erinnerung? Hat sie das oben Zitierte nicht sogar tatsächlich 1999 auch schon gesagt? Und wer möchte schwören, dass es nicht so war?

Zur Landtagswahl in Bayern (Germany)

Es war ja nicht einfach, den hübschesten rauszuwählen, aber unsere Leser/innen haben es trotzdem fast geschafft (Stand 22:39 Uhr, vor Auszählung des für seine Volatilität bekannten Stimmkreises Hassberge).

Wir gratulieren den beiden sozialistischen Parteien zu ihrem hart erarbeiteten und wohlverdienten Ergebnis und grüssen namentlich Markus Schneider, den Spitzenkandidaten der Herzen, und den wackeren Peter Baumann. Schade, dass es nicht gereicht hat! Beide hätte man lieber nach München gewünscht, und namentlich dem von der USPD wäre von Herzen zu gönnen gewesen, was unser gemeinsamer Freund Holger Grünwedel im würzburger Stadtrat schon erreicht hat: ein Sitz neben den Freien Wählern.

Nochmal Studenten-Korporationen

Der Studentenstein im Ringpark zu Würzburg/Germany, gegenüber der Neuen Uni, trägt heute die Inschrift:

„Die Deutsche Studentenschaft im Gedenken an den Tod, das Opfer, das Vorbild“.

Vor ein paar Jahrzehnten hiess der Spruch noch: „Deutschland soll leben, auch wenn wir sterben müssen“. Der Stein erinnert an die nationalistischen Studenten, die bei der Massakrierung der aufständischen Arbeiter 1920 ums Leben kamen. Die studentischen Freikorps und die sonstigen proto-faschistischen Milizen hausten so entsetzlich, dass Kurt Tucholsky, damals noch ein braver SPD-Mann, schaudernd schrieb: „Der Mediziner im Kolleg/ braucht Leichen, Leichen, Leichen.“

Und so sieht der Kranz aus, den „Die Würzburger Korporationen“ den Erschiessern von 1920 hingelegt haben:

Auf den Schleifen steht: „Die Würzburger Korporationen/ ihren gefallenen Kommilitonen“.

Traditionsbewusst sind sie ja, das muss man ihnen lassen. Aber sogar „Vorbild“? Gut zu wissen. Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit noch einmal? „They can be accommodated“, sagte Donald Rumsfeld vorlängst über andere Verehrer des Todes.

Nachtrag: Man soll uns nicht damit kommen, mit dem Stein würde der Gefallenen des ersten Weltkrieges gedacht. Als ob das viel besser wäre. Gedacht wird der Märtyrer für Deutschlands Grösse von 1914 bis 1920, in Weltkrieg und Bürgerkrieg. Wie organisch der Zusammenhang zwischen dem Einsatz im Bürgerkrieg, gegen die Revolution, mit der schliesslichen fürchterlichen Wiederauferstehung Deutschlands gewesen ist, mag man wo anders nachlesen.

Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur

An dieser Stelle pflege ich mich ja für gewöhnlich über die Höhen und Tiefen des Kulturlebens dieses geschätzten Städtchens auszulassen, euch alle an meinen vielen Exkursionen in die Tiefen des Punkrocks und die Höhen der errnsten Mosik teilnehmen zu lassen und tiefschürfende Betrachtungen über das Kleinstadtleben anzustellen. Aber all das, also der Firnis der Zivilisation, zusammengerührt auf Theaterbühnen und in Konzertsälen, egal ob underground oder staatlich bestallt, ging in den letzten Wochen unter in einer einzigen großen Woge Nationalgefühl. So lauschte ich vor dem Mainfrankentheater dem von einem honorigen Herrn gepfiffenen Kaiserquartett, in der Sanderstraße war es dann das nach stattgehabter deutscher Geschichte von diesem Haydn’schen Werk nicht mehr zu trennende Horst-Wessel-Lied, gegrölt von trunkenen Studierenden, aus den Kneipen erscholl ein lallendes „überalleindärwält“ und im Fernsehen war dann die Kanzlerin beim Mitsingen der „richtigen“ Strophe zu bestaunen. Die Höhen und Tiefen der musikalischen Darbietungen erstreckten sich ausnahmslos auf Variationen der deutschen Hymne – aus Richtung der Musikalisch-Akademischen-Verbindung erscholl gar ein im Chore gesungenes „Heil Dir im Siegerkranz“. Die dramatische Kunst schnurzelte zusammen zu einer allseits geübten wilden Gestikulierei, stets verbunden mit unartikuliertem Gegrunze, aus welchem allüberall ein gurgelndes „tschland“ herauszuhöhren war, die Malerei brach mit einem ubiquitären Schwarzrotgold in bisher kaum geahnte Dimensionen vor, doch der größte Sieg gelang der Dichtkunst: „Silber iss besser wie Gold“ (Mit vollem Ernst und in fränkischem Tonfall skandiert von jungen Damen beim frühmorgendlichen Abzug von der Sanderstraße). Ach ja, die Gastronomie: Danke Babette! In deiner Weinstube durfte ich die Zeit während des allentscheidenden letzten Spiels der deutschen Herrenfußballnationalmannschaft ohne jedes „Hurah. Das ist schön“ und auch gänzlich ohne jedes Bild von schwitzenden halbnackten Männern verbringen. Die übrigen Wirtsleute dieser Stadt sollen sich alle schämen!

Jetzt, wo alles vorbei ist, werde ich in einer der vielen großen Kirchen dieser Stadt – vielleicht, wenn noch wer mitmacht, gleich in sämtlichen – dem heiligen Florian (der ist zuständig für Feuersbrünste, Wasserfluten und derlei Nöte mehr) eine Kerze stiften, damit niemals mehr ein deutsches Sportteam oder auch einzlechte Athleten und auch -innen jemals in einem internationalen Vergleich auf einen höheren als den vorletzten Platz gelangen mögen. Und weil ich gefühlte zehn Wochen lang nicht ausgehen konnte, hatte ich viel Zeit allerlei exotische Gerichte auszuprobieren und hier ist eines aus einer Gegend, wo Fußball „soccer“ heißt und nicht sehr beliebt ist und die Namen der deutschen Herrenauswahl vermutlich gar niemandem geläufig sind: Das Mississippi-Delta. Dort stießen (zugegebenermasen nicht immer glücklich) spanische, französische, afrikanische und indianische Esskulturen aufeinander.
Voila:

Alligatoren-Bohnen-Eintopf dazu Kartoffel-Ingwer-Puffer und Reis

Für den Eintopf:
Ein Pfund Gulasch vom Alligator (Das beste Fleisch ist vom Schwanz)
Zwei Tassen schwarze Bohnen, über Nacht (10-12 Stunden) eingeweicht
Etwa 200g grobe Rindersalami
Zwei große rote Paprika
½ Kürbis
Etwas Sellerie
Vier rote Zwiebeln
½ Knolle Knoblauch
Schalotten, Koriandergrün, Glattpetersilie

Für die Puffer:
Zwei große Kartoffel
Zwei große Süßkartoffel
Ein etwa daumengroßes Stück Ingwer
Eine Zwiebel
Zwei bis Vier grüne Chillischoten
Etwas Kartoffelmehl

Zunächst die Bohnen im gesalzenen Einweichwasser zum Kochen aufsetzen, den Sellerie fein würfeln, zugeben. Wenn das Wasser kocht, auf niedriger Flamme garen lassen. Das Fleisch waschen, trocken tupfen und in nicht zu kleine Würfel schneiden. Die roten Zwiebeln sehr fein würfeln, den Knoblauch fein hacken, die Salami würfeln und alles gemeinsam zur Seite stellen. Das Fleisch in einem großen Topf in reichlich Bratfett unter Rühren sehr scharf anbraten, mit Salz, Pfeffer, Chillipulver würzen, nun die Flamme herunterdrehen, den Topf bedecken und weiter schmoren lassen. (Evtl. gelegentlich Flüssigkeit zugeben – die Bohnenbrühe etwa ist zur Hand, Rindsboullion ist ganz super) Den Kürbis in grobe Würfel schneiden und zur Seite stellen. Die Paprika waschen und unter regelmäßigem Wenden im Ofen oder unter dem Grill so lange backen bis die Haut Blasen wirft und beginnt sich zu verfärben; dann unter kaltem Wasser abschrecken und häuten, nun die Paprika in grobe Streifen schneiden und ebenfalls zur Seite stellen. Die Salami mit den Zwiebeln und dem Knoblauch in einer Pfanne scharf anbraten, salzen und pfeffern, einige Minuten unter Rühren weiter dünsten, dann zum Fleisch geben. Jetzt die Bohnen ebenfalls zugeben, danach die Schalotten, den Koriander und die Petersilie fein wiegen und mit dem Kürbis in den Eintopf geben, alles unter gelegentlichem Rühren garen bis die Bohnen weich und das Fleisch zart ist, jetzt die Paprikastreifen hinein und mit Petersilienblätter garniert servieren.

Für die Puffer die Kartoffeln schälen und pürieren, die Süßkartoffeln unter Wasser kräftig bürsten und ebenfalls pürieren, den Ingwer schälen und reiben, die Zwiebel sehr fein würfeln, die Chillischoten hälften, von den Kernen befreien und in feine Streifen schneiden, Glattpetersilie und Koriander fein wiegen. Alles zu einem Brei rühren, kräftig salzen und in ein engmaschiges Sieb geben, so gut wie möglich entwässern. Jetzt je nach Feuchte ein bis zwei Esslöffel Kartoffelmehl unterrühren und etwas stehen lassen. Tischtennisballgroße Bällchen formen, platt drücken und frittieren. Auf eine Platte anrichten und mit etwas Zwiebelgrün und Korianderblätter dekorieren.

Weißen Langkornreis vorquellen lassen, die doppelte Menge Wasser zum Kochen bringen, salzen und den Reis zugeben, den Topf bedecken und auf möglichst kleiner Flamme kochen lassen bis das Wasser verkocht ist (etwa 7 min.), den Topf bedeckt zur Seite stellen, nach einigen Minuten den Deckel entfernen, den Reis vorsichtig umrühren und auf einer Platte angehäuft servieren.

Dazu passen frische Salate und sauer eingelegtes kaltes Gemüse (Pickles).

Tja, äh. Nun ja.
Ihr mögt keine Krokodile essen?
Alligatoren schwimmen noch nicht im Main – und wenn, stünden sie bestimmt unter Naturschutz??
Das ganze sei ein schlächter Schärz???
Aber nicht doch. Mir wurde versichert, das mit dem Alligator tät, wenn man sie nicht gerade vor der Haustür gezüchtet kriegt, per „internet“ (ihr wißt schon) durchaus gehen. Ich selber habe aber doch ganz einfach zu Rinderhals gegriffen – schon aus Kostengründen. Phantasiebegabte VegetarierInnen mögen dann halt Sojaworschd und Räuchertofu nehmen und die Garzeiten anpassen.

Viel Vergnügen und… Äh halt! Stopp! Aber das geht doch nicht!!
Es ist vielleicht nicht wirklich eine gute Idee, den putzigen kleinen Alligator aus Nachbars Terrarium zu klauen…

Kopfschüttelnd euer geschätzter
Rainer Bakonyi

1/4: Das Würzburger Verbindungswesen- eine kritische Bestandsaufnahme

Der AK Kritische StudentInnen und damit auch dieser Text entstanden durch das Fehlen einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Verbindungswesen in Würzburg. Obgleich mittlerweile das „Sprachrohr“ einen ähnlichen Artikel veröffentlicht hat, soll es hier ausführlicher um das studentische Korporationswesen gehen und sowohl eine allgemeine Kritik am Verbindungswesen geübt, als auch im Speziellen seine Würzburger Ausprägung unter die Lupe genommen werden.
Leider ist uns bei Gesprächen mit KommilitonInnen und FreundInnen aufgefallen, dass eine Kritik an Studentenverbindungen kaum mehr artikuliert werden kann, da schlichtweg das Wissen über diese fehlt, sofern eine kritische Haltung überhaupt vorhanden ist. Wenn dieser Text dazu beitragen kann, die Kritik am Verbindungswesen wieder hörbarer und grundlegender zu machen, hat sich für uns die Mühe gelohnt.
Obgleich sich der AK Kritische StudentInnen einer materialistischen Gesellschaftskritik verpflichtet fühlt, richtet er sich an alle InteressentInnen, die schon immer wissen wollten, was es mit Verbindungen auf sich hat. Die Zuspitzungen aus Burschi-Readern anderer Städte sollen hier nicht stattfinden, sondern unser Text soll vielmehr aufzeigen, in wie fern antimoderne Inhalte durch bestimmte Studentenverbindungen transportiert werden, die z.T. antiemanzipatorische, revisionistische, völkische, sexistische, antisemitische und homophobe Ausprägungen annehmen.
Ursprünglich war die Serie als Reader geplant. Aus Kostengründen veröffentlichen wir nun im Letzten Hype eine stark gekürzte Version des Readers in drei Teilen. Der erste Teil gibt den LeserInnen einen groben Überblick über das Verbindungswesen in Würzburg. Der zweite Teil wird sich mit der allgemeinen Kritik daran beschäftigen, und im dritten Teil werden die in der Deutschen Burschenschaft organisierten Würzburger Verbindungen, aber auch die Landsmannschaft Teutonia genauer unter die Lupe genommen. Zum besseren Verständnis der Phraseologie des Studentenverbindungsmilieus befindet sich im Anhang ein Glossar.
Viel Spaß beim Lesen…

Teil 1:Würzburger Studentenverbindungen: fragwürdige Solidarität und kritikwürdige Tradition

Ein kritischen Artikel 1 über die Deutsche Burschenschaft (DB) in der Zeitung „Sprachrohr“, dem Presseorgan der Studierendenvertretung, löste in diesem Frühling wüste Reaktionen aus. Obwohl sich der besagte Text mit dem Titel „Deutschland über alles!“ v.a. auf Burschenschaften in der Deutschen Burschenschaft bezog, reagierten einige Verbindungen hysterisch auf diesen, nur nicht die Verbindungen in der DB selbst 2 . Eine Kritik am Artikel lautete, dass man sich unfähig gezeigt habe 3 , zwischen Studentenverbindungen unterschiedlichen Typs zu unterscheiden, obwohl wir nicht das Gefühl hatten, dass der Artikel alle Verbindungen über einen Kamm scherte.
Obgleich es vereinfachend wäre, alle Verbindungen als die gleiche deutsch-nationale Brühe zu bezeichnen, muss festgestellt werden, dass bei einem großen Anteil der Studentenverbindungen eine Abgrenzung zum Rechtsaußen-Spektrum der Verbindungen fehlt. Die schlagenden Verbindungen sind nicht nur zwangsläufig über den Würzburger Waffenring verbunden, der als Arbeitsgemeinschaft der schlagenden Studentenverbindungen fungiert und gemeinsame Waffenringkommerse (= festliche und repräsentative Form der studentischen Kneipe) und Pauktage (= Veranstaltung, an denen gefochten wird) abhält, sondern sowohl die liberaleren als auch die rechten Verbindungen finden sich nahezu alle durch ihre Korporationsverbände (= Dachverbände bestimmter Studentenverbindungsarten) im Convent Deutscher Korporationsverbände (CDK) zusammen, der sich als Arbeitsgemeinschaft aller Studentenverbindungen versteht. Durch eine ausbleibende Abgrenzung des CDK von revisionistischen Elementen wird dadurch antidemokratischen Kräften Vorschub geleistet.
Mit den völkischen Weltbildern, die die Deutsche Burschenschaft vertritt, wird auch im Würzburger Verbindungsleben nicht deutlich gebrochen. Die Reaktionen auf Kritik am Verbindungswesen, erneut veranschaulicht durch den besagten Artikel, verdeutlichen vielmehr, dass sich wohl viele Mitglieder der Verbindungen als gemeinschaftliche IN-Group verstehen, zu der alle anderen Würzburger VerbindungsstudentInnen gehören. Auf Kritik aus der OUT-Group, die an Mitgliedern des Verbindungswesens geäußert wird, wird extrem sensibel reagiert. Anders, als durch eine gemeinsame Gruppenidentität, ist es und nicht zu erklären, weshalb eine Androhung von physischer Gewalt wegen des erwähnten Artikels ausgerechnet von einer eher gemäßigten Verbindung kam 4. Zudem zeigen sich durch die im Magazin Max&Junius veröffentlichten Stellungnahmen von Verbindungsseite, dass die Weltbilder der Verbindungen scheinbar noch immer so aussehen, wie man es vorurteils belastet von ihnen erwarten würde: Die KritikerInnen, das sind die Linken, die SozialistInnen oder KommunistInnen. Dass auch ein liberales Bürgertum durchaus gegen bestimmte Teile des Verbindungswesens seine Vorbehalte halten kann, kommt den Korporierten anscheinend kaum in den Sinn.

„Nichts gibt mir mehr Glauben an die Richtigkeit unserer Idee, als die Siege der Nationalsozialisten auf der Hochschule.“ 5

In Würzburg existieren viele verschiedene Ausprägungen von Studentenverbindungen: Von Burschenschaften über Landsmannschaften, Corps, Sängerschaften, Turnerschaften, Mädelschaften bis hin zu Gildenschaften. Selbstverständlich teilen nicht alle die gleichen Werte. In der oben skizzierten DB, dem wohl rechtslastigsten burschenschaftlichen Verband, sind die Würzburger Burschenschaften Cimbria, Adelphia und Germania organisiert. Auf diese soll im dritten Teil der Serie genauer eingegangen werden. Um allerdings nicht dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, man analysiere nur drei besondere Verbindungen, soll auch die Landsmannschaft Teutonia im Coburger Convent (CC) näher betrachtet werden.
Ein kleiner geschichtlicher Abriss über die Rolle der Studentenverbindungen in der Weimarer Republik und der Nazizeit zeigt leider, dass gerade für Würzburg nicht immer galt, dass die konfessionell gebundenen Verbindungen eher gegen den studentischen Antisemitismus gefeit waren. Würzburg gehörte zu den wenigen Städten, in denen der katholische Cartellverband (KV) zusammen mit dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) im Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) dem Antrag der Nazis zustimmte, eine Numerus-Clausus-Regelung nur für Jüdinnen und Juden einzuführen, und das bereits 1929 6. Jedoch bedeutete dies noch nicht, dass die katholischen Studentenverbindungen derart vom NSDStB durchdrungen wurden wie die schlagenden Verbindungen. Die Hochschulgruppe der Nazis, obgleich 1929 erst 50 Mitglieder zählend, bestand dort bereits aus 30 Waffenstudenten 7 . Dem Antrag des NSDStB stimmte auch ein Großteil der Waffenstudenten im AStA zu und ab 1930 bildeten diese eine studentische Arbeitsgemeinschaft mit den Nazis, wobei man sich Vorstandsposten teilte 8 . Dem Druck der zunehmend radikaleren Stimmung in Deutschland gaben im Jahre 1932 sogar die Katholischen Verbindungen nach und es kam im AStA-Vorstand zu einem Arrangement zwischen Katholiken und Nazis. „Der Wille der Nationalsozialisten zur Zusammenarbeit mit den Katholiken, und die Bereitschaft der katholischen Liste, eine Einigung mit dem nationalen Block herbeizuführen, zeigt, daß zwischen beiden Blöcken- und zwar erstmals seit 1928- eine gemeinsame Basis für die ersprießliche Arbeit im AStA gefunden war: die Nationale Erneuerung.“ 9 Nach der Machtergreifung 1933 wurde die Würzburger Studentenschaft nach dem Führerprinzip umgebildet, wobei hinzuzufügen ist, dass die DB bereits im Jahre 1932 den Nationalsozialismus „bejahte“. 10 „Die bis zum heutigen Tag anzutreffende Auffassung, wonach die DB als Gegner des NS verboten worden sei, ist historisch nicht haltbar. Die DB löste sich- anders als etwa die katholischen Verbindungen- freiwillig auf und trat dem NSDStB korporativ bei.“ 11 Erwähnenswert bleibt dabei, dass der Bundesführer der DB, Otto Schwab, im Jahre 1934 den Austritt aus dem Allgemeinen Waffenring befahl, da manche Verbindungen noch immer „Judenstämmlinge“ duldeten. Daraufhin kam es zu zahlreichen Austritten aus der DB- eine Würzburger Burschenschaft war jedoch nicht unter ihnen . 12

„War dem deutschen Volke der Sieg auch nicht beschieden, so hält ihr Tod doch in uns das Bewusstsein wach, dass sie für uns gestorben sind.“ 13

Man könnte die damalige Affinität der Würzburger Burschenschaften und einiger anderer Verbindungen zum Nationalsozialismus als bloßen schwarzen Fleck betrachten, sofern die dunkle Vergangenheit aufgearbeitet worden wäre und man sich offensiv mit völkische, revisionistische und nationalistische Tendenzen in der Vergangenheit und Gegenwart auseinandergesetzt hätte.
In der Tat findet man aber, v.a. bei den waffenstudentischen Verbindungen im DB, aber nicht nur dort, kaum Hinweise auf eine grundlegende Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Im Gegenteil: durch den DB, den CC oder andere Verbindungen pflegt man direkt oder indirekt Kontakte zu Verbindungen, die die völkische Neue Rechte hofieren, sofern man sich nicht selbst durch Verlautbarungen oder Vorträge am rechten Rand bewegt. So schrieben in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur Mitglieder der DB in den von dieser herausgegebene Zeitschrift Burschenschaftliche Blätter (BB), wobei zu bemerken ist, dass in fast jeder Ausgabe Mitglieder der Burschenschaft Danubia München, die bis zum Jahre 2007 vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, zu Wort kommen, sondern auch ein Mitglied der Walhalla publizierte in der besagten Zeitschrift, in der oftmals völkische und revisionistische Meinungen zum Ausdruck kommen. Hätte man vorher von der katholischen Studentenverbindung Walhalla eher Gemäßigtes erwartet, so äußert sich Carsten Kießwetter zur Krise der Bundeswehr in einer Mischung aus völkischem Gedankengut und neuer Dolchstoßlegende: „Erst in der Nation, die als Idee im Staat verwirklicht wird, findet er [der Soldat] und sein Volk zu sich selbst. […] Der Mangel an Identität, an Wissen wofür, ist eine der Ursachen […] für die tiefe Krise, in der die Bundeswehr steckt. […] Wenn sich die oberste Führung einer Armee auf das antifaschistische Glatteis ziehen lässt, dann ist es um die Gesamtverteidigung eines Landes geschehen. Die Ausstellung über die `Verbrechen der Wehrmacht` […] und die derzeitige Kampagne gegen die Bundeswehr haben vielleicht genau dieses Ziel […]“. 14 Man beachte dabei, dass die Verbrechen der Wehrmacht in Anführungszeichen gesetzt wurden und man beachte ebenfalls die neuerliche Dolchstoßlegende, dass die Vaterlandverräter erneut die Moral der Truppe brechen. Carsten Kießwetter hat jenen Artikel gewiss in seinem Namen geschrieben, doch mit Stolz präsentieren die Autoren in den BB stets den Namen ihrer Verbindung, wobei man darauf schließen könnte, dass solch völkisch-militaristischen Ansichten durchaus der Sozialisation in einer Würzburger Verbindung geschuldet sind. Auch Mitglieder der Würzburger Burschenschaft Arminia veröffentlichten bis zum Austritt aus der DB 1996 Artikel in den BB. In 4/95 verteidigt Wolf-Otto Schmidt von den Arminen das Singen aller drei Strophen der Nationalhymne. In „Das Lied ist unser!“ prangert er „moderne Tabus“ […] wie Vaterland, Ehre, Volksgemeinschaft“ 15 an. Die Arminia ist noch in anderer Hinsicht von Interesse. Sie verband sich im Juni 1954 mit der Brünner Burschenschaft Moravia und übernahm dadurch die Verpflichtung, „für den Fall der Wiederzulassung deutscher Studenten in Brünn eine Burschenschaft in Brünn […] wieder zu gründen.“ 16 Brünn heißt heute Brno und liegt in der Tschechischen Republik. Offenbar verschwand der Anspruch der Burschenschaft, das Deutschtum über die Landesgrenzen hinaus zu verbreiten, auch nach 1945 nicht.
Zu erwähnen bleibt weiterhin, dass sich viele der Würzburger Verbindungen an den oben geschilderten klassischen Geschlechterrollenorientierungen, durch nicht Aufnahme von Frauen und die Heroisierung von soldatischen Tugenden, auszeichnen. Traditionen und Codes wurden auch nach dem Zweiten Weltkrieg unhinterfragt übernommen, was auch der Bezug der Gildenschaft Ernst-Moritz-Arndt (kein Aktivenbetrieb) auf den völkischen Antisemiten Arndt exemplarisch verdeutlicht.

AK Kritische StudentInnen
____________________________________________________________________________________
1 Vgl. Sprachrohr April 2008
2 Vg.. Sprachrohr Mai 2008
3 Vgl. Max&Junius Mai 2008
4 vgl. Sprachrohr Mai 2008.
5 Adolf Hitler, in: Die Bewegung Nr. 16 vom 19. August 1930, S. 4.
6 vgl. D. Heither/M. Gehler/A. Kurth/G. Schäfer, Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. Main 1997, S. 97.
7 Vgl. Peter Spitznagel, Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg 1927-1933, Diss. phil. Würzburg 1974, S. 31.
8 Vgl. ebenda, S. 90 f.
9 ebenda, S. 250.
10 Bericht vom Burschentag 1932, S. 196. In: Burschenschaftliche Blätter, 46. Jg. (1932), S. 195 f. Zitiert nach: Heither / Lemling, Verbindungen, S. 131 f.
11 vgl. D. Heither/M. Gehler/A. Kurth/G. Schäfer, Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. Main 1997, S. 274
12 vgl. Spitznagel, Peter: Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg, 1927-1936. IN: 1503-1982 Studentenschaft und Korporationswesen an der Universität Würzburg, 1982, S. 124.
13 Burschenschaft Adelphia, 100 Jahre Burschenschaft Adelphia. 1867 – 1967. Herausgegeben anläßlich des 100. Stiftungsfestes 12. – 15. Mai 1967 in Würzburg, 1967.
14 Burschenschaftliche Blätter 01/98
15 vgl. Burschenschaftliche Blätter 04/95
16 arminia-wuerzburg.de

____________________________________________________________________________________

edit 30.07.08:
Hallo, die Arbeitsgemeinschaft, in der nahezu alle Studentenverbindungen (bis auf die katholischen) durch ihre Korporationsverbände vertreten sind, ist der Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA) und nicht der Convent Deutscher Korporationsverbände.

Feuchte Träume in der Sanderstraße

Diese Zeit, in der wir leben, ist vor allem geil. Die Autos, in denen wir fahren, die Häuser, in denen wir wohnen, die Zeitungen und Sendungen, in die wir uns vertiefen, und unsere Haut werden vor allem eines: immer geiler. Wie ein stahlhartes, bewusstloses, butterweiches Rein-und-Raus ist diese Zeit, ein glattrasiertes, betrunkenes rosa Mädchen, das die Grenzen zum Gegenüber vergisst. Dieses rosa Mädchen, mit am PC verlängerten Beinen, müsste unsere Flagge zieren, es ist unsere Gegenwart und Hoffnung: Ein Zustand, in dem sich Sadismus und Masochismus, Aggression und Devotion in einer Gleichzeitigkeit von Geben und Nehmen, im totalen Konsum aufheben. Wenn alle Dinge, Pflanzen, Tiere und Menschen, die uns umgeben, nur noch etwas geiler, glatter, weicher und härter gemacht würden, wäre unsere Erlösung gekommen. Wie auf das Parfum des Grenouille würden wir uns auf unsere Umwelt stürzen, sie endlich ganz verinnerlichen, sie verzehren und zurückkehren in den Mutterschoß der Selbstverständlichkeit. Unser Verstand wäre endlich in der Natur versenkt.

Die EURO2008™ war nahe dran an diesem Paradies. Die Dreieinigkeit von diesem Schwarz, diesem Rot und diesem geilen, geilen Gelb hatte die Kraft, uns die Mühsal des Alltags vergessen zu lassen, unsere Langeweile und Übermüdung auf das Signal der Uefa hin in eine einzige große Party münden zu lassen. Wir sind über das distanzierte Schwenken in der Hand hinausgegangen, haben die Trikolore auf unseren Wangen und in unseren Haaren getragen, uns in ihre Farben gehüllt, die Autos geschmückt, uns identifiziert mit ihr. Das Bundeskabinett auf der Tribüne verfolgte das selbe Ziel wie wir und auf der Straße musste man nur das Losungswort sagen, um Teil des Sommermärchens zu werden. Sexy, eindringlich, widerspruchslos und geil waren die Mitglieder dieser Bewegung, die ihre Tage ansonsten in Vorlesungssälen, Büros, Fabrikhallen oder auf Wohnzimmersofas zubrachten.

Christina Stürmer erriet unsere feuchten Träume: „Wir haben Fieber / Komm fieber mit / 100.000 / Folgen dir auf Schritt und Tritt / Wir haben Fieber / Komm sei dabei / Wir erleben Emotionen / Und heben ab denn wir sind frei“.

Auch Revolverheld traf es auf den Punkt: „Nanananananana / Wir geh’n zusammen in die Geschichte ein / Nanananananana / Lasst uns einmal alle Helden sein“.

Gerade weil der Anlass so nichtig war, konnten wir dem Vaterland unsere Liebe gestehen, ohne zu stottern oder uns zu schämen. Die Nichtigkeit nahm den Kritikern die Butter vom Brot und die Euro machte endlich wahr, wovon MIA schon 2003 schwärmten: „Ein Schluck vom schwarzen Kaffee macht mich wach. Dein roter Mund berührt mich sacht. In diesem Augenblick, es klickt, geht die gelbe Sonne auf“. MIA, Revolverheld und Christina Stürmer sind die größten Denker unser geilen Zeit und lassen keinen Zweifel mehr: Freiheit, Nation und Emotion sind ein untrennbarer Dreiklang. Deutschland, endlich: Du bist unsere große Liebe. Mehr noch: Wir sind Deutschland.

Nun, einige Tage nach der EM, ist wieder Ruhe in Würzburg eingekehrt. Fremde Leute fallen dir nicht mehr um den Hals, die Strassen sind abends verwaist, die Bähnchen durchfahren wieder ungestört die Sanderstraße und die allabendliche Unterhaltung wird wieder in den eigenen vier Wänden genossen. Die zu Werbezwecken initiierte Gemeinschaft ist wieder den deutschen Tugenden Distanz und Beherrschung gewichen. Sich beherrschen und sich beherrschen lassen sind jedoch zwei Seiten derselben Medaille. Deshalb wird sich die tote deutsche Öffentlichkeit zum nächsten Spektakel gerne wieder aufbahren lassen. Im Englischen bezeichnet „Public Viewing“ schließlich eine öffentliche Leichenschau.

Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur

Willkommen verehrte Freundinnen und Freunde gehobener Gaumenfreuden. Diesmal gibt es wieder mal etwas für den sehr geschätzten Kollegen Benny. Na ja, auch andere Leserinnen und Leser könnten sich angesprochen fühlen. Aber vor allem doch der Herr Böhm. Weil: den öde ich derzeit ein wenig an. Immer erzähle ich von albernen Konzerten, wo gar keine Bands spielen, sondern Orchester und wo man gar nicht den neuesten Tratsch über die anderen Kolleginnen und Kollegen erzählen kann, weil einem gerade Kunst präsentiert wird. Und das ist halt sehr langweilig – also nicht für mich, ich habe ja was Spannendes zu erzählen, aber für den armen Benny, der mangels anderen Publikums halt aus lauter Höflichkeit zuhören muß. Dafür suche ich aus meinem neuen libanesischen Kochbuch heute bloß vegetarische Gerichte aus! Aber zuvor, wie sich das für diese Kochkolumne so gehört, gibt es noch ein wenig Bericht von dieser dingsda, Hochkultur, ja; da kenne ich kein Erbarmen! Hähähä.

Neulich habe ich was ganz tolles Neues (also für mich halt neu) mitbekommen. Musik publik. Das ist umsonst und meistens richtig prima! Da hat mich meine Herzliebste mal mitgenommen, die ist da regelmäßig. Und zwar ist während des Semesters in der Musikhochschule in der Bibrastraße jeden Mittwoch und Freitag mittags um 12 Uhr ein öffentliches Konzert. Tja, was angeboten wird, erfährt man entweder am vorangegangenen Konzert – falls man halt da war – oder eben an der Eingangstür. Da kann man dann mal eine Preisverleihung für ein Akkordeon-Duo miterleben und zuvor ganz neue Dimensionen des Musizierens auf diesem von mir bislang eher wenig beachteten Instrument erleben, oder mal drei Klaviersonaten von Schubert hören, auch ein Konzert für 10 Blasinstrumente ist schon mal dabei. Also: Lohnt sich! Am gleichen Ort sind übrigens auch regelmäßig die Meisterklassen Podien. So als Tipp. Und jetzt muß ich noch eine Lanze für meine neue Wohngegend brechen: Bloß eine einzige Fußminute von mir weg ist das Champinsky. Da ist Theater mit Komödien, da muß man nicht unbedingt hin, das stimmt schon. Aber: Dienstags ist recht regelmäßig Jazz. Da kann man dann schon mal hin! Zum am Tresen lümmeln übrigens auch!!! Und noch ein paar Meter am Friedrich Ebert Ring gelaufen und man steht am Luisengarten mit manchmal auch interessantem Programm – aber bei der Winterreise von Schubert war ich zulange auf der Arbeit und hab’s verpaßt…
Wirklich richtig großartig war aber eine andere Darbietung in der Nachbarschaft: Das Orchester Jakobsplatz München gastierte am 10. 4. im Shalom Europa in der Valentin Becker Straße. Claude Debussy, dann Gustav Mahler, die Kindertotenlieder – gesungen von Ann-Katrin Naidu und nach der Pause die „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ nach einem Text von R. M. Rilke komponiert von Viktor Ullmann kurz vor seiner Ermordung in Auschwitz. Der Text wurde von Jochen Striebeck gesprochen. Dieses Konzert war sicherlich eines der ganz großen highlights in Würzburg, bloß am Publikum hat es stark gemangelt, der Saal war nicht einmal zu einem Viertel gefüllt. Schade für dieses exzellente Orchester unter Daniel Grossmann und die beiden herausragenden Solisten!

So, jetzt eile ich dann mal in die Küche und schwinge den Kochlöffel…

Mit Feta gefüllte Teigröllchen in Tomaten Minze Sauce, dicke Bohnen, gefüllte Zucchini, Taboulih, Salat.

Für die Teigröllchen aus 250g Mehl und 150-200ml Wasser und ein Kaffeelöffel Salz einen Nudelteig zubereiten und ein paar Minuten kaltstellen. Eine rote Zwiebel sehr fein würfeln und in etwas Olivenöl glasig dünsten. 200g Feta zerbröseln, mit der Zwiebel vermischen, mit Paprikapulver, Cumin und etwas grob gemahlenem Pfeffer würzen. Auf bemehlter Fläche den Nudelteig ausziehen und Quadrate formen (etwa wie für Maultaschen!), die Füllung darauf geben und die Röllchen formen. Die Teigröllchen in eine gebutterte Auflaufform geben und im Ofen bei 180° goldgelb backen. In einem Topf 250g Tomatenmark, 3 klein gewürfelte, sehr reife Tomaten sowie eine Tasse Wasser unter Rühren erhitzen. Jetzt den Saft von ½ Zitrone dazu geben. In einer kleinen Pfanne etwas Butter schmelzen und darin 3 feingehackte Zehen Knoblauch und 3 Eßlöffel getrocknete Minze anbraten und in die Soße geben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und über die fertigen Teigröllchen gießen, mit frischer Minze dekorieren und servieren.

200g dicke braune Bohnen (auf dem Lande als Saubohnen bekannt) über Nacht einweichen, abgießen, das Einweichwasser auffangen und in einem großen Topf zum Kochen bringen, etwas Öl beigeben, kräftig salzen und 1 ½ h garen, bis sie wirklich weich sind. Die Brühe abgießen, in einem Topf Öl erhitzen und eine fein gewürfelte Zwiebel und zwei ebenfalls fein gewürfelte Tomaten kurz anbraten, die Flamme reduzieren und die Bohnen zugeben. ½ Bund Glattpetersilie fein hacken und zugeben, Saft aus ½ Zitrone angießen mit Salz und etwas getrocknetem Chili abschmecken. Mit Zitronenscheiben und Glattpetersilieblätter dekorieren.

Zwei eher kleine Zucchini waschen, den Stielansatz und die Blüte kappen und in der Mitte (nicht längs, quer!!!) halbieren. Die vier Hälften aushöhlen (Apfelschäler) und den Inhalt sehr fein hacken. Eine Zehe Knoblauch sehr fein hacken, eine ½ rote Paprika in sehr feine Streifen schneiden. Alles mit einer Tasse gewaschenem und etwas vorgequollenem Reis (weiß und geschält, sehr gut ist Bruchreis), etwas Salz, Pfeffer und etwas Fenchelsamen gut vermischen. Die Zucchini füllen, in einem Topf mit Siebeinsatz Gemüsebrühe aufkochen und die Zucchini in das Sieb geben, die Flamme herunterdrehen und zugedeckt etwa ½ h köcheln lassen.

Für den Taboulih vier ziemlich reife Tomaten sehr fein würfeln (noch feiner, das geht schon!), eine kleine rote Zwiebel ebenfalls sehr fein wiegen und zu den Tomaten geben. Zwei Tassen sehr feinen Couscous dazu geben und quellen lassen. Reichlich frische Minze sehr fein schneiden, mit ½ Bund Glattpetersilie genauso verfahren. Zwei Zitronen pressen, den Saft mit der Minze und der Petersilie, sowie Salz vermischen und über den Salat geben, einen Schuß Olivenöl dazu, gut vermengen und etwa 1h kalt stellen.

Für den Salat eine Schale Feldsalat gründlich waschen und abtropfen. Einen kleinen Kopf Bataviasalat waschen, trocken schleudern und in etwa 1cm breite Streifen schneiden. ½ Gurke schälen und würfeln, eine rote Paprika in feine Ringe schneiden, zwei Frühlingszwiebeln in feine Ringe schneiden, einige Zweigchen Thymian vom holzigen Stiel befreien, etwas Glattpetersilie klein zupfen. Alles vermischen und kurz vor dem Servieren mit dem Dressing (Saft von ½ Zitrone, etwas Olivenöl, eine gepreßte Zehe Knoblauch, Salz) übergießen.

Dazu unbedingt geröstetes arabisches Fladenbrot, etwas Joghurt, Oliven, Peperoni und gesalzene Kichererbsen reichen.

Mahlzeit!

Ich gehe jetzt noch mal flott die paar Meter zum Omnibus und höre mir die Studiosi beim Session machen an.

Bis demnächst
Rainer Bakonyi

(Anmerkung des Lektors: Die Rechtschreibung wurde, namentlich im Hinblick auf das Wort „tabouleh“, behutsam den ausserhalb der Gaststätte Kult üblichen Gepflogenheiten angepasst. Die Schreibung „tabouhli“ ist dem Kult nicht auszutreiben, aber man darf ihnen nicht auch noch helfen, „Beweise“ via googlefight zu finden.)

25. Mai im akw! – Das neue Versammlungsgesetz

Eine politische Demonstration ist zunächst einmal eine furchtbar langweilige, unergiebige und entfremdete Angelegenheit. Der Gesetzgeber hat diesen Übelstand erkannt und trägt Sorge dafür, dass politische Demonstrationen in Zukunft eine noch viel langweiligere, unergiebigere und entfremdetere Angelegenheit werden sollen.

Nachdem seit neuestem die Länder für das Versammlungsrecht zuständig sind, konnte man sich schon denken, dass das neue Bayerische Versammlungsgesetz das reaktionärste ungefähr seit den Karlsbader Beschlüssen sein wird. Der vorgelegte Entwurf hat die ausschweifendsten Fantasien sogar noch übertroffen.

Die gute Nachricht soll man am Anfang bringen: die Versammlungsfreiheit von Stadtverschönerungsvereinen, Elterninitiativen, Friedensbündnissen oder Bauernverbänden ist nach wie vor gewährleistet. Auf der anderen Seite sind Vorkehrungen getroffen, den Feind/inn/en der Verfassung die öffentliche Versammlung jedenfalls deutlich schwerer zu machen.

Letzteres mag man, von einem zugegeben etwas ungewöhnlichen Standpunkt aus, sogar begrüssen: gibt es doch nichts alberneres, als zur Äusserung von Feindschaft gegen die Verfassung von einem bloss verfassungsmässigen Recht Gebrauch machen zu wollen. Und namentlich, wie schon erwähnt, nichts langweiligeres und entfremdeteres.

Die Demos von mehr oder weniger vielen mehr oder weniger schwarzgekleideten Personen mit mehr oder weniger sinnigen radikalen Parolen zu mehr oder weniger wichtigen Anlässen waren jedenfalls nie mehr als ein kümmerlicher Ersatz für wirkliche Unruhen, und es zeugt entweder von übermässiger Siegesgewissheit des Staates oder von blankem Realismus, wenn er meint, inskünftige dieser Form von Beschäftigungstherapie für auffällige Jugendliche nicht mehr zu bedürfen. Was von beidem genau: das herauszubekommen wird Aufgabe der radikalen Elemente selbst sein.

Der Entwurf des Bayerischen Versammlungsgesetzes bietet absurde Komik ebenso wie Anlass zum Nachdenken für alle die, die sich einer radikal linken Sache verpflichtet fühlen. Er bietet ausserdem, auch das soll nicht verschwiegen werden, Anlass zu begründeter Sorge. Es wird in Zukunft noch leichter werden, Protest zu kriminalisieren, und die Entscheidung darüber wird noch willkürlicher werden können. Auch wenn man die paar wirklich hirnrissigen Bestimmungen abzieht, die ohnehin der parlamentarischen Opposition zum Frasse vorgeworfen werden dürften (was dem Gesetz einen Teil seines humoristischen Wertes rauben wird), bleibt ein Monstrum übrig, das nicht nur die bisher schon repressive bayerische Praxis legalisiert, sondern sie ins völlig ungewisse hinein erweitert.

Kurz gesagt stellt die Staatsregierung die ernste und durchaus nicht unsachliche Frage, ob radikale Linke im Stande sein können, wie Kleintierzüchter zu demonstrieren, oder ob sie ihre Hinausdefinition aus der Legalität für eine Einladung zu neuen, vollständig irregulären (und etwas kreativeren) Formen der Äusserung halten müssen.

Dieser Frage versucht am 25.Mai 2008 um 19.00 Uhr im akw Herr Frosch nachzugehen, den wir als Referenten gewonnen haben. Herr Frosch lässt ausrichten, dass alle kommen sollen, dass aber eine Gesichtkontrolle am Einlass stattfinden wird und dass Kartenspiel oder Geschrei während des Vortrags nicht geduldet wird. Kaffee gibts wenn, dann nur aus einer Thermoskanne, und Essen muss man wahrscheinlich selber mitbringen.

Ein Trip im Blätterwald

Innovation und Vielfalt – das ist das Pfund, mit dem Würzburg wuchern kann. Gerade die facettenreiche Medienlandschaft Würzburgs zeugt von der Kreativität und Innovationsfreude unserer Mitbürger. Kein Bäcker, kein Café, kein Hauseingang, in dem nicht eine mannigfaltige Auswahl lesenswerter Gratis-Heftchen bereitläge.
Prisma-Magazin, zuckerkick, prima Sonntag, wob, Der Kessener, Würzburg spezial, TOP Magazin, Meeviertel Anzeiger, usw., usf.: Es gibt viele gute Gründe, einen Blick auf die Presseerzeugnisse unserer pulsierenden Mainfranken-Metropole zu werfen.
In der ersten Folge des Presseclubs interessiert uns besonders Prisma, Der Kessener, zuckerkick sowie der Meeviertel Anzeiger.

Beginnen wir die Umschau mit der Zeitschrift Prisma, die sich für „Heilung und Bewusstsein in Franken“ einsetzt. Im Editorial zur April/Mai-Ausgabe (18.500 Exemplare) schreibt Herausgeber André Hammon: „Es werden wohl noch Jahrzehnte vergehen, bis der Mensch seine wahre Sinnlichkeit entdeckt und einen natürlichen Umgang damit gefunden hat. Mit der neuen Prisma-Ausgabe können Sie schon mal einen Vorgeschmack bekommen, was uns erwartet und wie Lust und Sinnlichkeit zu einem seelenreichen und erfüllten Leben beitragen können“.

Diesem Versprechen, erscheint es zunächst auch etwas sehr ehrgeizig, wird tatsächlich schon auf der ersten Seite entsprochen: „Seid gegrüßt meine Freunde des Lichtes, OMAR TA SATT, ich BIN KRYON vom magnetischen Dienst“, begrüßt uns die Anzeige der Kryon-Schule. „Ich – KRYON, sowie auch einige andere Engelwesen des Universums haben uns dazu entschlossen, diese Schule zu gründen, um euch auf dem Weg des Erwachens zu lehren, zu leiten und zu führen“. Auch eine zweite Anzeige, die für die Internationalen Engeltage 2008 in Müchen wirbt, hilft uns, unsere wahre Sinnlichkeit zu entdecken.

Die Artikel sind ebenfalls sehr aufschlussreich: Die Redaktion hält „Die Rückkehr der Weißen Büffelfrau“ aufgrund von zuverlässigen indianischen Quellen für wahrscheinlich, und auch die hoffnungsvolle Partei „Die Violetten“ sei im Kommen („Würde jede/r bayerische Prisma-Leser/in eine Unterschrift leisten, […] dann würden 50.000 spirituell interessierte Menschen die Teilnahme der Violetten an den Landtagswahlen bestätigen“).
Es zieht sich ein sympathischer emanzipatorischer Grundton durch Prisma: Es sei, schreibt etwa Heide Marie Heimard, „an der Zeit, die sexuelle Energie aus der Verpanzerung in unseren Körpern zu befreien und zum Fließen zu bringen. Dann kann sie zum Segen der ganzen Menschheit ihre heilige Kraft entfalten und uns die Glückseligkeit schenken, zu der wir geboren sind“. In anderen Artikeln wird die Linkspartei, neben den Violetten, als neuer Hoffnungsträger gelobt, ebenso wird das Grundeinkommen befürwortet.
Das bayerische Reinheitsgebot für Bier von 1516 wird hingegen als bloßes „Keuschheitsgebot“ verteufelt, als „besänftigendes Gebräu, damit uns auch ordentlich die Lust auf Liebe vergeht!“.

Nicht weniger Freigeist als André Hammon ist Bernhard A.W. Kessener (M.A.), seines Zeichens Herausgeber von Der Kessener. 10.000 Exemplare wurden für März und April kostenlos verteilt, mit der Warnung: NOCH KOSTENLOS. Der Kessener will „Würzburg zur Marke“ machen und „Impulse für Gesellschaft, Politik, Hochschule, Ökonomie und Kultur“ geben.
Im Editorial der März/April-Ausgabe thematisiert B.A.W. Kessener (M.A.), ob nicht auch für unsere Stadt gelte, was Hegel damals bemerkte: Eine „Entzweiung zwischen der Poesie des Herzens und der Prosa der Verhältnisse“. Herr B.A.W.K. (M.A.) erläutert: „Es kann doch nicht angehen, dass Kunst, Geisteswissenschaft und auch die Geschichte ihrer Aufgabe beraubt werden, uns in dieser entzauberten Welt eine vorübergehende Befriedigung zu verschaffen“.

Der interessanten Einleitung sind zwei Fotos angefügt: Eines mit zwei Geistlichen darauf und eines mit Wowereit, der einen Kessener in der Hand hält. Der Text dazu: „Es gibt zwar Aussagen, dass Würzburg nur sich selbst genügt. Andererseits aber bringen Persönlichkeiten wie Erzbischof Zollitsch, Kardinal Lehmann und Berlins regierender Bürgermeister Wowereit ganz andere Horizonte in die fränkischen Gefilde. Die Öffentlichkeit wartet auf glaubwürdige Aussagen in allen Bereichen der Gesellschaft und alle Drei machten bei ihrem Auftreten Aussagen, die verkrustete Strukturen aufbrechen und in Frage stellen“.

Diesem Aufruf zur Revolte folgen dann viele Infos zu Kunst und Kultur in Würzburg (sympathischerweise ohne chronologische Ordnung) und ein Special für alle U2-Fans unter uns: Der Kessener verlost 3×2 Tickets für einen neuen 3D-Film in Dettelbach, der ein U2-Konzert in Südamerika zeigt!
Diese Wohltat für den Leser passt wunderbar in das Konzept der Zeitschrift, denn das Motto von B.A.W.K.M.A. lautet: „Gewinn und Wachstum müssen nicht immer Selbstzweck sein, sondern man könnte sie einbinden, als Folgen sinnvoller Dienstleistungen“.

Kommen wir von diesem ambitionierten Philosophen-Magazin zu einer echten Sternschnuppe am Kulturhimmel Würzburgs. Das Design vom zuckerkick 03/08 ist mal wieder so schön, dass man meinen könnte, der Inhalt müsse dagegen ja verblassen. In Wahrheit aber ist auch der Inhalt, etwa die Bildstrecke mit den Model-Geschwistern Anna und Ali in den Weinbergen, sehr gut gelungen: die Instore-Markenklamotten von only, ltb, diesel, mogul, itchi und freeman t. porter stehen den Beiden mindestens so gut wie die darunter gesetzten Liedzeilen von Dirk von Lowtzow: „imitationen von dir/ befinden sich in mir/ imitationen von dir/ verbünden sich mit mir/ wir sind so leicht, dass wir fliegen“.

Neben der Schönheit findet, wie in einem guten Tocotronic-Song, aber immer auch die Traurigkeit einen Platz im zuckerkick. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte über eine Würzburger Studentin, die ihr Studium mit Prostitution finanzieren muss und tragischerweise dem eigenen Vater im Hotelzimmer begegnet. Oder das bedrückende Märchen aus der spießigen Arbeitersiedlung Maierfilz in Niederbayern, in der alles „ordentlich, gleich und grau“ ist. Wo sich der ungeliebte Spast Hermann schließlich einen Tunnel bis Australien gräbt, um mit einem kanariengelben Autobus vor dem sozialistischen Patriarchen und Monopolisten Gustav Laubenthal zu fliehen. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ schleudert Hermann dem Planwirtschaftler entgegen, bevor er die Reise in die Freiheit antritt.

Bodenständiger geht es da im – ebenfalls kostenlosen – Meeviertel Anzeiger zu. „Wo sind die Kasernenkatzen geblieben?“, fragt etwa die Januar-Ausgabe auf ihrer Titelseite. Die packende Reportage geht der Frage nach, was mit den Katzen geschehen ist, die „sich nach der Räumung der US-Kasernen rund um Würzburg mit einem Mal in einer Betonwüste ausgesetzt sahen“. Das Blatt gibt Entwarnung: „Für die meisten von ihnen endete die schreckliche Erfahrung […] mit einem Happy End: Sie fanden 280 km entfernt, nahe der Schweizer Grenze, ein neues liebevolles Zuhause“.

Besonders spannend ist im Meeviertel Anzeiger stets auch die regelmäßige Kolumne „Neues aus dem Kindergarten St. Burkard“, in der sowohl die Erlebnisse der Frosch- und Käfergruppe nachempfunden werden können wie die Fortschritte der Vorschulkinder. Die „Aufregung um den Besuch des Nikolaus“ (Januar 08) war in dieser Rubrik ebenso Thema wie die „turbulente Faschingszeit“ oder das anstehende Osterfest (März 08). Die April-Ausgabe gibt bekannt, dass nach den nasskalten Tagen nun wieder Spaziergänge geplant seien und alle Kinder deshalb „auf laues sonniges Wetter“ hofften.
Die journalistischen Standards, die hier gesetzt werden, müssen auch von hervorragenden Magazinen wie zuckerkick, Der Kessener oder auch Prisma erst noch erfüllt werden.

Im nächsten Letzten Hype hoffe ich Sie wieder zum Presseclub begrüßen zu dürfen.
Freundlichst,
Ihr Sebastian Loschert.

Hahaha

Neues vom Keil

Der Monolog des Huoberbauern aus dem Bauernvergewaltiger: Jetzt auch in einer arabischen Fassung, vorgetragen vom erstaunlichen „Dr.“ Samir Geagea.

Blogs, die Würzburg braucht (#1)

Heute: Würzburgs „verrückteste“ WG isst „Scampy.“

sehr geehrter wuerzblog.de,

bitte nimm uns doch von deiner link-liste freiwillig wieder runter. wir sind nichts, womit würzburg sich schmücken kann, wir tragen nicht dazu bei, das leben in dieser stadt so wunderbärchen zu machen, wie es deiner meinung nach zweifellos ist, wir sind das abstossende gegenteil davon, und es ist sicher keine gute idee, uns auf den gedanken zu bringen, dass etwas, was freiwillig nicht gemacht wird, gemacht werden könnte, wenn man ein bisschen nachhilft.

meinst du nicht auch?

p.s. und behalte deine stupide leserschaft bei dir, in unserer kommentarspalte wollen wir sie nicht. und auch in keiner unser anderen spalten.

Die Inszenierung des Nichts- Polemik zur journalistischen Kritiklosigkeit der Main-Post-Medien

Jede Stadt bekommt die Zeitung, die sie verdient. Gerade über Würzburg schwebt der graue Schleier der Selbstzufriedenheit, dessen Kritiklosigkeit ganz Deutschland ergriffen hat und sich in der Main-Post-Presse voll entfalten kann. Kritische Standpunkte, die die WürzburgerInnen in ihrer Eitelkeit kränken könnten, werden unter den Teppich gekehrt und stattdessen heimattümelnde Selbstliebe praktiziert. Dieses Jahr musste der Beitrag zum Jahrestag der Reichspogromnacht leider schmaler Ausfallen: es stand ja schließlich die närrische Jahreszeit vor der Tür.
Die Main-Post hat längst entdeckt, dass ihre mainfränkischen Schäfchen viel lieber von ihrer flauschigen Heimat- endlich dürfen sie wieder Heimat sagen – lesen, als vom Elend derer, die sich aufgrund ihres gesellschaftlichen Status nicht zuhause fühlen dürfen. Man will ja die LeserInnen nicht überfordern. So liest man die Überschrift „Tracht gegen Globalisierung“ in einem Artikel über das Jubiläumsfest des Burschenvereins Sommerhausen. Die Heimat zählt also wieder als Identitätsstifter wider die fremden Mächte. Auch dem „Tag der Heimat“ der Vertriebenenverbände fügt sich in das Wohlfühlvergnügen ein. Der BdV-Bezirksvorsitzende Albert Krohn darf zu Wort kommen: „Das im Grundgesetz ursprünglich verankerte Wiedervereinigungsgebot zielte auf ganz Deutschland, und Deutschland endete bekanntlich nicht an der Oder-Neiße-Linie“. Mir ist nicht bekannt, dass die Main-Post jemals ein kritisches Wort über die Vertriebenenverbände verloren hat. Im Juli, inmitten der Diskussion um NSDAP-Zwangsrekrutierungen, bietet die Main-Post Herrn und Frau Musterfranke die Möglichkeit, 62 Jahre nach Kriegsende in der Zeitung ihre Seele rein zu waschen . Am peinlichsten jedoch war die diesjährige Berichterstattung zu den Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Reichspogromnacht: auf der Titelseite des Würzburger Teils vom 10.11. war der Main-Post das Anbrechen der fünften Jahreszeit anscheinend wichtiger. Würzburg Alaaf!
Will man die allgegenwärtige journalistische Kritiklosigkeit verstehen, die nicht nur Presseerzeugnisse der Main-Post-Gruppe, sondern auch die sonstigen Stadtmagazine aller Couleur, beherrscht, so muss man die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte betrachten. Man kann den JournalistInnen der Main-Post gar nicht vorwerfen, oder zumindest einem Großteil von ihnen nicht, dass die neue Freude am gesellschaftlichen Sein und der fehlende kritische Blick einer bewussten Intention entsprungen sind. Die bürgerliche „kritischen Öffentlichkeit“, und mit ihm der/die klassische links-liberale JournalistIn, ist nahezu ausgestorben und wurde durch einen gesellschaftlichen Zustand abgelöst, der mit der Kritik an den Zuständen nichts mehr anzufangen weiß. Das Unbehagen von damals geht in einem Fahnenmeer aus Freudentaumel über die deutschen Zustände unter, sei es durch Lokal-Patriotismus, sei es durch die bloße Beschreibung des Seienden.
Doch gerade in Würzburg prägt die Main-Post der öffentlichen Meinung ihren Stempel auf, nicht nur umgekehrt. Die Presse und die Lokalpolitik bedingen sich dabei gegenseitig. Die Allgegenwärtigkeit der Main-Post-Gruppe, die mit dem konservativen Volksblatt, der liberaleren Main-Post und dem Popmagazin neun7 alle ihre potentiellen LeserInnen bedient, bauscht marginale Meldungen zu kolossalen Themen auf und füllt so die provinzielle Leere mit vorsätzlichem Inhalt . So kann man sich bezüglich der penetranten Fokussierung auf die „Randale“ Betrunkener nach der Shuttle-Party fragen, wen jene Ausschweifungen mehr gestört haben: die Main-Post oder die AnwohnerInnen? Jedenfalls hat sich mittlerweile der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Würzburger CSU, Thomas Schmitt, das Verbot der Shuttle-Partys auf die Fahne geschrieben. Auch die Übernahme von Polizeimeldungen zeigt die völlige Unfähigkeit, die Zeitung mit Gehaltvollerem zu füllen. Die Überbesetzung der Polizeistationen in Würzburg führt dazu, dass mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Polizeiarbeit in Würzburg ist zumeist nichts anderes als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für gelangweilte PolizistInnen. Die OrdnungshüterInnen tragen durch ihre Presseberichte wiederum dazu bei, dass die Journalisten der Main-Post den Lokalteil füllen können. Menschen mit kleinbürgerlichem Bewusstsein wird so das Gefühl vermittelt, in einer gefährlichen Stadt zu leben: die Inszenierung des Nichts ist perfekt.
Auch um die Kundengruppe unter dreißig Jahren wird gebuhlt. Aus Boulevard Würzburg, einer Art Bild-Zeitung für Mainfranken, wurde die neun7, eine Zeitung für die Popkultur. Doch die Konzert-Reviews und Reportagen entkommen ihrer fortwährenden Selbstbestätigung nicht. Im Moment baut die Main-Post ein privates Internet-Portal mit Hilfe von StudentInnen der Sozialwissenschaften auf und schafft sich so ihren eigenen Nachwuchs: Wer ausreichend Credit-Points sammeln möchte, muss einen Artikel für die Main-Post im Internet veröffentlichen. Diese Verknüpfung von Privatunternehmen und offiziellem Uni-Betrieb bleibt fragwürdig, auch wenn sie in den nächsten Jahren zur Normalität werden wird. Einer der ersten Artikel, der auf jenem Online-Portal erschien, handelte vom 25sten Geburtstag des reaktionären Instituts für Schlesien-Forschung: anscheinend bleibt auch ein Portal wie dieses dem Abfeiern des Status Quo verpflichtet .
Jede Stadt bekommt die Zeitung, die sie verdient. Und der graue Schleier der Selbstzufriedenheit liegt über fast allem, was JournalistInnen in Würzburg zu Papier bringen. Es gilt, diesen falschen Frieden zu entlarven. Eine Publikation mit kritischem Anspruch kann daher kein „anderes“ Würzburg repräsentieren, sondern nur die Verneinung der Selbstgefälligkeit sein. Ein Text wie dieser kann nicht vorsichtig kritisieren und sich damit in den journalistischen Nihilismus einreihen, er muss polemisieren. „Gutmütige Enthusiasten dagegen, Deutschtümler von Blut und Freisinnige von Reflexion, suche unserer Geschichte der Freiheit […] in den teutonischen Urwäldern. […] Die Kritik jedoch […] ist die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Resignation zu gönnen. Man muss den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewusstsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert.“

Von Benjamin Böhm

Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur. Heute schauen wir sehr fern.

Soso meine Lieben. Das hier ist die dem Benjamin Böhm seit langem versprochene „fegedarische Gochgollumne“. Tja. Kein Fleisch, nicht einmal Knochen. Schon gar nicht: „Schweinebraten!?“ Und auch kein Fisch (der wäre dann wohl als nächstes an der Reihe…); Butter und Joghurt aber doch, die Damen und Herren von der Vega mößten sich mit den szeneüblichen Ersatzprodukten Margarine und Sojajoghurt behelfen. Die Rezepturen sind etwas umfangreicher, dennoch: Keine Kochkolumne ohne eben diese: Eine Kolumne! Wohlan:

Das kleine himalajanesische Kochstudio

Zappt man sich hierzulande durch die Sender, so stößt man nachts wie auch am Tage auf allerlei Gestalten im Schurz, welche mit Messer oder Kochlöffel bewehrt an großen Herden stehen und dem geschätzten Publikum allerlei Dreistigkeiten aufschwatzen. Die Kochkolumne vor laufender Kamera erfreut sich noch immer wachsender Beliebtheit, gleich ob der politisierende Altconferencier oder der gewesene junge Wilde mit vier Sternen das blanke Chrom mit Soße bekleckert. Dabei wird hierzulande kaum mehr gekocht. Jedenfalls daheim nicht. Die gute Holzofen-Pizza aus dem Tiefkühlregal lädt ein zum „Hjam-jam“. So ist das hier in Germany.
Aber es gibt ja auch Gegenden auf der Welt, da ist das Fernsehen ganz neu und die Kochsendung ein noch nie dagewesenes Konzept. Afghanistan etwa. Ja, in Kabul gibt es angeblich acht TV Stationen, Fernseher sind gefragt wie fast nirgends auf der Welt; und es gibt eine Kochsendung: In der eindeutig US-inspirierten „The Cooking Show“ steht eine junge Dame bewaffnet mit sowjetproduziertem Kochgerät am Herd, ein sehr chices Glitzerdings, das wohl ein Kopftuch darstellen soll, auf dem Kopf und kocht sich durch die nationale wie internationale Küche. Sie erklärt, was Pasta ist und wie die Sauce wirklich perfekt auf den Tisch kommt. Sie ist ein Star. Fast alle kennen ihr Gesicht. Tja, und das ist das Problem. Sie ist eine Frau. Alleine vor der Kamera, gelegentlich auch einmal ein Mann als Gast. Prominenz aus England etwa – ein Kochjournalist, der jetzt dem afghanischen Publikum zeigen darf, wie er Pesto macht… Statt Fanpost erhält die Moderatorin Morddrohungen. Nicht nur von den Taliban. Die eigene Familie ist auch gegen ihren Job. Frauen haben schließlich nur einen Beruf: Dem Mann viele Söhne zu schenken und natürlich das Essen zu bereiten. Aber doch nicht im Fernsehen!!!
Mir jedenfalls hat der kurze Ausschnitt den ich zu sehen bekam sehr gefallen. Drum hier ein wenig freestyle Afghan food. Vegetarisch für Fortgeschrittene:

Dal aus roten Linsen und Kichererbsen
In einem Topf einen Eßlöffel Butterschmalz zerlassen, darin eine fein gewürfelte rote Zwiebel glasig dünsten, eine Tasse rote Linsen zugeben und umrühren. Jetzt eine gewürfelte Fleischtomate und eine fein gewiegte Zehe Knoblauch kurz mit erhitzen und dann den Inhalt einer kleinen Dose Kichererbsen (Brühe inklusive) hinein geben und mit einer Tasse heißer Gemüsebrühe aufgießen. Mit etwas Muskat, Cumin, Salz und rotem Pfeffer abschmecken. Auf möglichst kleiner Flamme köcheln lassen. Das Dal ist fertig, wenn die Linsen fast verkocht sind. Mit Glattpetersilie garnieren und heiß servieren.

Pilaw. Reis mit Aprikosen, Mandeln und Paprika
Eine große Paprika im sehr heißen Ofen (Grill ist auch ganz hervorragend) auf einem Rost backen, bis die Haut Blasen wirft und zu verkohlen beginnt. Etwas warten und dann die Paprika häuten, entkernen und in feine Streifen schneiden. In einem Topf einen Eßlöffel Butterschmalz zerlassen und eine Tasse Basmati-Reis darin kurz erhitzen. Die Kerne aus vier Kardamonkapseln, etwas Fenchelkörner und schwarzen Sesam dazu geben (nicht scharf anbraten!!!) und mit zwei Tassen kochender Gemüsebrühe übergießen, einen Teelöffel türkischen Safran zugeben. Salzen, in einem Teebeutel drei Nelken und ein Stück Zimtrinde mitgeben, umrühren, den Deckel darauf setzen und bei niedriger Hitze ziehen lassen. Nach etwas über fünf Minuten die Paprika, fünf klein geschnittene Aprikosen und ein großzügig bemessener Eßlöffel blanchierte Mandeln zugeben, umrühren, den Teebeutel wieder heraus nehmen und den Topf zugedeckt von der Flamme nehmen und noch einige Minuten quellen lassen. Zwecks Dekoration und dem ja doch erwünschten „Hui“ kann das „quellenlassen“ in einer bedeckten Schüssel statthaben, welchselbige dann gestürzt wird und das Pilaw nun geformt auf einer Platte ruht. Mit etwas Sesam bestreuen und mit sehr fein gewiegter frischer Paprika und Glattpetersilie dekorieren.

Aubergine in Joghurt
Ein Glas Joghurt mit einem Teelöffel Dijonsenf, etwas fein geschnittenem frischen Coriander, etwas geriebener Ingwer und ein wenig abgeriebener Limettenschale verrühren. Eine mittelgroße Aubergine in ½ cm dicke Streifen schneiden, mit Salz bestreuen und mit dem Saft zweier Limetten beträufeln. Nach einer halben Stunde die Streifen zwischen Küchenpapier auspressen und in Würfel schneiden. In einem Topf etwas Olivenöl leicht erhitzen, darin eine geviertelte kleine Zwiebel und eine sehr fein gewiegte grüne Chilischote mit den Auberginenwürfel anbraten. Etwas salzen und gelegentlich umrühren. Nach einigen Minuten die Flamme herunter drehen und das vorbereitete Joghurt unter Rühren eingießen und eine viertel Stunde ziehen lassen. Das Joghurt darf nicht kochen! Mit Corianderblättern und Limettenscheibchen dekorieren.

Curry
Zwei große Zwiebeln quer halbieren und die Hälften jeweils längs vierteln. Einen nicht zu großen Kopf Blumenkohl in Röschen teilen. Vier mittelgroße Kartoffeln schälen und längs vierteln. Zwei große Möhren in grobe Würfel schneiden. In einem Mörser 1Tl. Coriandersamen, 1 Tl. rote Pfefferkörner, ½ Tl. Bockshornkleesamen, etwas schwarzer Sesam und Anis zerstoßen. In einen Teebeutel Curryblätter (geht auch Lorbeer), indische Zimtrinde, etwa 5 Nelken und etwa drei Kapseln Kardamon geben. Zwei Schoten Chalapenochili und zwei große rote Peperoni sehr fein wiegen. In einer hohen Pfanne 2 Eßlöffel Pflanzenöl stark erhitzen. Zuerst die Kartoffel schnell etwas anbräunen, nun die Möhren und die Zwiebel zugeben. Jetzt die zerstoßenen Gewürze, die Chili und Peperonischoten, sowie je einen Kaffeelöffel Kurkuma und mittelscharfes Paprika beifügen und dann den Blumenkohl unter Rühren hinein geben. Nun die Hitze reduzieren und das Gemüse mit einem Eßlöffel Mehl bestäuben, mehrfach wenden und mit ¼ l Gemüsebrühe ablöschen. Den Teebeutel dazu geben, salzen und das Curry unter gelegentlichem Rühren köcheln lassen, evtl. etwas Wasser nachgießen. Mit vier kleinen roten Chilischoten und Zwiebelringen dekorieren.

Joghurt mit Kresse und Paprika
Eine halbe grüne Paprika in hauchdünne Scheiben schneiden, diese etwas gröber quer schneiden. Eine halbe Packung Kresse fein wiegen. Zwei Radieschen sehr fein würfeln. Alles in ein Glas Joghurt einrühren, salzen und einige Zeit im Kühlschrank stehen lassen.

Pflaumen-Chutney
250g rote Pflaumen in dünne Streifen schneiden. Ein kleines Stück Ingwer schälen und in sehr dünne Streifen schneiden. Mit einer Zehe Knoblauch genauso verfahren. In einem kleinen Topf Butter schmelzen, den Knoblauch und Ingwer etwas anbräunen, die Pflaumen und einen Eßlöffel Zucker zugeben, die Flamme hochdrehen und heftig umrühren. Langsam etwa ¼ l heißes Wasser zugeben und die Hitze reduzieren. Wenn das Ganze nur noch leicht kocht einen Eßlöffel Rotweinessig und einen reichlichen Schuß Rotwein (Dem Taliban geht jetzt der Hut hoch!) dazu geben, etwas salzen und leicht pfeffern und alles einkochen lassen.

Zu diesem Menü noch unbedingt indisches Fladenbrot reichen und Oliven und Peperoni und Schafskäse und wer dann noch sagt: „Es hat mich nicht satt gemacht“, der soll den Regenbogen fressen!

Viel Glück beim Nachkochen. Pilaw, Dal und Curry gab es alles schon im Kult. Den ganz notorisch fleischlichen sei verraten: Ein Tandoori Hühnchen ist schnell gemacht. Und paßt. Oder doch lieber ein wenig Lamm ins Pilaw – ist auch särrr lecker. Ähem…
Auf Wiedersehn. (Vielleicht ja doch mal im Fernsehn mit dem kleinen KultKochStudio)

Rainer Bakonyi

Letzter Hype Party

Flyer

Wer nicht kommt: Kommt nicht!

xyeahx und der letzte hype präsentieren eben diesen:

Am Freitag den 16.November 2007 in der akw! Kneipe.

29.10: Vortrag in AKW!-Kneipe, anschließend Party im Infoladen

Olá,

ein kleiner Veranstaltungshinweis: am Montag den 29.10.ab 20 Uhr hält Jörg Kronauer u.a. Autor bei Konkret und Jungle World) Vortrag über die Politik der Vertriebenenverbände. Anschließend sind die Freundinnen und Freunde des Infoladens herzlich eingeladen, im Laden ein wenig die Reaktivierung des Infoladens in diesem Herbst zu feiern. Es gibt Getränke zu Spendenpreisen, außerdem Vegan-Chili-Con-Soja-Carne.

CU!
weitere Infos unter www.infoladenwuerzburg.blogsport.de

Der befreundete Gesangsverein

Der Keil führt sein neues Stück auf:
Die Bienen
Am Freitag und Samstag im Theaterensemble.
Nähere Infos auf der Homepage des Keils

„The Falcon Five“!

20 Uhr. 7.Juli. 2007. Cafe Cairo . Chefredakteur mit Finger in der Nase. Auftritt The Falcon Five. Die Protagonisten begrüßen sich.

Chefredakteur: Liebe Falcons, schön euch hier vor dem Cairo begrüßen zu dürfen und im Rahmen eurer Releaseparty ein Interview mit euch zu führen.
Labse: yeah!
Chefredakteur: Zum Einstieg eine Frage, die gewiss schon oft gestellt worden ist.
Welche Bands haben eure Musik, ja, euer künstlerisches Schaffen beeinflusst?
Falcons: In erster Linie Staatsgewichse und Bullensack, jedoch auch AC/DC, Thin Lizzy und selbstverständlich auch die Stones.
Chefradakteur: Eine Frage, mit der ihr immer wieder konfrontiert werdet und die Interviewer es in ihren Zeitungen nicht richtig vermitteln ist, sehr ihr euch als Teil einer Szene bzw. was ist das für euch?
Danny: Eine Szene gibt es im Theater, es handelt sich dabei um einen Teil eines Aktes.
Andi: Ich bin Mitglied der Volvofahrerszene.
Chefredakteur: Danke, endlich konnte diese Frage aus der Welt geschafft werden. Jedoch brennt unserer Redaktion etwas auf den Zehennägeln und zwar, was halten denn The Falcon Five von der neuen Drucksache „Letzter Hieb“?
Labse: Ein nobler Ansatz, jedoch sollte ein bisschen mehr Rücksicht auf Orthographie genommen werden. Vielleicht mal einen ausgebildeten Lektor einstellen.
Danny: Ich habe den Letzen Hieb an der Araltankstelle in der Zellerau das erste Mal am Stehtisch in den Händen gehalten. Dort kann man gut Bier trinken. Wenn es Jörg Finkenberger schafft, in einem Satz weniger als zwei Kommas zu verwenden, spendier ich ein Bier.
Falcons: Kurz zum Interview, wir wollen auf alle Fälle die Möglichkeit einer Gegendarstellung eingeräumt haben. Und jetzt eine Gegenfrage: wie war das große Fest in Frammersbach?

Auftritt Sozpäd vom Cairo. Dieser schaut irritiert.

Chefredakteur: Naja, sieh sehen ja, der Plan ist einfach, wir lassen Benzin in die ganze Anlage laufen und wenn die Ameisen versuchen sollten die Gräben zu überqueren, zünden wir das Zeug einfach an und sehen zu, wie sie alle verbrennen.
Labse: Wenn du glaubst, du kommst kostenlos rein, kannst du das vergessen.
Sozpäd: Nein, wenn die Neun Sieben – Journalisten freien Eintritt haben, so darf der „Letzte Hieb“ diesen Luxus auch genießen. (Sozpäd ab)
Chefredakteur: Oi! Vielen Dank, dass ihr Zeit für mich hattet.
Falcons: Staat, hau ab!

Ein Technobus fährt vor. Technobus ab. Alle schauen dem Bus nostalgisch nach, alle ab.
Fortsetzung: Klare, 6 Ämtertropfen. – Keine Fortsetzung.

Im Anschluss an die Szene konnte ich mich selbst von The Falcon Five überzeugen lassen.
Bombastisch und quasi furchterregend wirkte die Band, als sie unter der Rocky Fanfare auf die Bühne schwebte. Mit seiner goldenen Maske blendete der Sänger Andi die tobende Menge, bevor er im Takt der Drums die Show mit wilden Körperbewegungen im Angesicht des schäumenden Publikums einläutete, um dann, nachdem die Kollegen den Höllensturm in Bewegung gesetzt hatten, wie ein wild gewordener Habicht durch die Menge zu rasen. Die Menge tobte und ließ sich dies die ganze dreiviertel Stunde nicht nehmen. Gegen Ende erhielten die Falcons von ihren Freunden, den blaue Bären, dem Esel und den verrückten Hühnern Unterstützung, die das skurrile und surrealistische Bild mit ihren an Gogotänzer erinnernden Tanzformationen, neben den Falcons, hinter den Falcons, zwischen Falcons und über den Falcons, auf die Spitze und wiederum zu Grund jeder Toilettenschüssel trieben. Genial, jeder Augenblick ein Genuss. The Falcon Five wird nicht nur in Würzburg, sondern auch in vielen anderen Clubs abgefeiert werden. Das kann ich euch versprechen. Platte kaufen, abfeiern!

6-Song Debut-EP The Falcon Five “We are Falcon and you don`t”
Vinyl on Narshardraa Records, Cd on Altin Village!

http://www.thefalconfive.de.tf
http://www.myspace.com/thefalconfive

Das Interview führte Schlonzo der Geachtete

Nochmal Studi-Sachen

Im Nachgang zum Artikel, und im Hinblick auf die Uniwahlen:

Der AK Aktion bei der Studierendenvertretung gibt bekannt:

Der Boykott muss leider abgesagt werden.

Der Boykott muss leider abgesagt werden, denn es mangelte zu sehr an Helfern, die Anwaltskosten von 3000 Euro konnten nicht finanziert werden und bis auf drei positive und etwa fünf negative Ausnahmen waren die meisten Fachschaften noch nicht einmal bereit, überhaupt mitzuteilen, ob sie den Boykott unterstützen oder nicht.

Unter solchen Vorraussetzungen kann in diesem Semester nichts mehr erreicht werden.

Wir sind bekanntlich die, die immer nur kritisieren, während andere etwas tun. Nichts gegen den guten Willen der wenigen Aktiven, die irgendwann festgestellt haben, dass es mangels Masse nicht geht; aber alles gegen die Selbsttäuschung über eingeschlagene Irrwege, die von allen jenen aufrechterhalten wird, welche die Irrwege vor jeder Kritik in Schutz zu nehmen bemüht sind.

Solange sich die Sache im Getriebe einer Unipolitik befindet, die in den jetzigen Formen abläuft, wird nichts zu retten sein, und nichts zu holen, ausser für die wenigen umtriebigen Politikanten.

Das Elend der studentischen Politik. Über die schon lange absehbare Niederlage der angeblichen Protestbewegung gegen die Studiengebühren

Nach 10 Jahren ist der Widerstand gegen die Einführung von Studiengebühren nunmehr wohl endgültig gescheitert. Das sollte, namentlich für die an diesem Widerstand beteiligten, ein Grund sein, einen Blick zurück zu werfen, und zwar im Zorn.

Ich habe an anderer Stelle und nicht allzu selten schon über die innere Schwäche und Halbheit dieser sogenannten Protestbewegung und der sie tragenden Organisationen geprochen, und kann mich deshalb hier mit einer kurzen Zusammenfassung begnügen.

Dass seit 1997 die Einführung von Studiengebühren bevorsteht, war damals und später allen klar. Ebenso war allen klar, welche Folgen das für Struktur des Studiums, die Zusammensetzung der Studierenden und die Autonomie des studentischen Milieus hat.

Dass es dann doch fast 10 Jahre gedauert hat, ist nicht im mindesten irgendeinem ernsthaften Widerstand der Studierenden zu verdanken. Denn dieser Widerstand existierte praktisch nicht.

Es sei denn natürlich, man bezeichnet die alle paar Jahre, wann immer es der parlamentarische Zeitplan diktiert, stattfindenden langweiligen und folgenlosen Grossdemos oder die nicht minder öden sporadischen „Aktionswochen“ als einen solchen. Letztgenannte Aktionen waren regelmässig darauf angelegt, das Verständnis der sogenannten Öffentlichkeit zu bemühen, indem man an den vermeintlich gemeinsamen Wert der „Bildung“ appelliert – ohne freilich zu sehen, dass man damit einem jämmerlichen Wortspiel aufsitzt, von dem niemand getäuscht wird als lediglich die Studierenden allein. Denn „Bildung“ bedeutet zweierlei für einen Kultusminister und für die Studierenden.

Man hat unbedingt Bildungspolitik treiben wollen, dem Staat gute Ratschläge geben wollen; man hat nicht die eigene Haut, sondern „die Bildung“ retten wollen, darunter tat mans nicht; man hat nicht wahrhaben wollen, dass der Staat Studiengebühren haben wollte zur Rettung eben der Bildung, welche im Kapitalismus alles andere bedeutet als die freie Entfaltung von Fähigkeiten und Bedürfnissen. Man wollte mitspielen beim grossen Spiel der Interessen und meinte, sein eigenes Interesse als Wohl der Allgemeinheit verkleiden zu müssen, wie es bei diesem Spiel so der Fall ist: nämlich zur Täuschung. Und man war dabei so ungeschickt, gerade als einzige Klasse auf diese eigene Täuschung hereinzufallen.

Die namenlosen Idioten, die auf Studierendendemos mit Transparenten herumliefen, auf denen der Verfall des Bildungsstandortes Bayern beklagt wurde, waren einfach nur gute Studenten. Und das wollten sie bleiben. Dass dergleichen Äusserungen im Namen irgendeines wertlosen Pluralismus geduldet wurden, ist ein Argument gegen die studentischen Aktivisten aus allen denkbaren irgendwie linken oder alternativen Gruppen.

Während solchermassen die Studierenden nichts anderes demonstrierten als ihre masslose Selbstzufriedenheit, die überschlug in die Wahnidee, sie seien tatsächlich in irgendeiner Weise gesellschaftlich besonders nützlich, taten die verschiedenen Fraktionen der studentischen Linken, sofern sie überhaupt irgendetwas zusammenhängendes taten, nichts anderes, als Politik zu spielen. Sie nutzten, genügsame Resteverwerter, noch das geringe Interesse an dem Vorgang überhaupt für kleinere oder grössere Intrigen um die Studierendenvertretung herum, sie warfen sich in Pose, um bei der Presse Profil zu gewinnen, sie luden auf den ohnehin halbtoten Widerstand ihre bildungspolitischen oder globalisierungskritischen Konzepte, um aus der geringen Zahl derer, die überhaupt aktiv waren, Rekruten für ihre schwindsüchtigen Organisationen zu machen.

Diesen Leuten ging naturgemäss jede Idee ab, dass die sogenannte Bewegung, die sie gemeinsam verwalteten und vertraten, auf diesem Weg kein anderes Ziel nehmen konnte als das erbärmlichste Scheitern. Denn jeder andere, bessere Weg hätte erfordert, den schwachsinnigen Stolz der Studierenden auf ihre sogenannte Bildung, und das heisst: ihre völlige Identifikation mit ihrer gesellschaftlichen Rolle, anzugreifen.

Die Studenten können nicht rebellieren, ohne gegen ihre Studien zu rebellieren, schrieb Mustafa Khayati 1967, und hat bis heute recht.

Widerstand gegen die Studiengebühren hätte bedeutet, das einzige sinnvolle am Studium zu verteidigen, nämlich den kurzzeitigen Freiraum und die kurzfristige Position, dem Getriebe der Ökonomie nicht ganz so hart ausgeliefert zu sein wie alle anderen. Die Niederlage bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die Austrocknung dieses Biotops.

Dass der Irrglaube, das Studium sei wegen der tollen Inhalte etwas zu verteidigendes, im Kern nichts anderes ist als Konformismus, und zu nichts anderem führen kann als zur Unterwerfung, das zu sehen haben die wenigsten die Augen. Gerade für die kritischsten im Übrigen hat die unergründliche Weisheit nämlich die Politikwissenschaft erfunden; und dort bringen es, unter der gütigen Anleitung eines gewissen für radikal versehenen Dozenten, noch die hoffnungslosesten Fälle zur nicht zu unterdrückende Leichtigkeit und dem Glück, ein Student zu sein.

Es gilt, teils aus Kalkül, teils aus Dummheit, als ungeschriebenes Prinzip der Linken, dass man den Massen nach dem Maul zu reden habe; so als ob nicht deren unbegreifliche Geduld noch der einzige Grund wäre, warum weiterbesteht, was doch nicht mehr zu rechtfertigen ist. Niemals also wird man die Linken erleben, wie sie etwas anderes treiben, als die Leute dort abzuholen, wo sie stehen. In besseren Zeiten nannte man so etwas Opportunismus. Nichts liegt diesen Leuten ferner als der Skandal, nichts fürchten sie mehr als die Isolation.

Als Gefangene einer opportunistischen Strategie müssen sie Gefangene der Formen bleiben, in denen sich der offizielle Betrieb abspielt. Ob sich daher unter der vollendeten Passivität der sogenannten Massen eine ebenso vollendete Unzufriedenheit verbirgt, werden sie nie herausfinden. Im Falle der Studiengebühren haben sie es jedenfalls geschafft, die Studierenden mit dem Versuch, ihr Anliegen der Öffentlichkeit nahezubringen, tatsächlich völlig zu isolieren. Das Beharren auf der Verteidigung der Bildung war zwar sehr gut der sogenannten Mitte zu verkaufen, aber muss für die anderen Klassen völlig ohne Interesse bleiben, wenn nicht schlimmeres. Jeder Versuch dagegen, sich lediglich im eigenen Namen und auf keinen gefälschten allgemeinen Titel hin seiner Haut zu erwehren, hätte namentlich seit den Hartz-Reformen möglicherweise eine gänzlich unvermutete Sympathie bei breiten Schichten hervorgerufen, die die linken Kader selbst schon durch ihre völlig vergessene Existenz überrascht hätten.

Unglücklicherweise bleiben die offiziellen Linken nur solange Herren der sogenannten Linken, solange die gefährlichen Klassen nicht erwacht sind. Und das unbewusste Wissen darum ist es, das sie ängstigt, und immer zuverlässig dazu treibt, nichts unbedachtes zu tun.

Dass die studentischen Kader von der Linken aus der Bewegung nichts machen konnten, mag ihr Schicksal sein, immerhin schon ein Einwand dagegen, solchen Leuten die Hand zu reichen. Wie sie aber, alle mit- und gegeneinander, die letzten Monate vor der Niederlage organisiert haben, das ist ihre Schuld, für die sie bei der nächsten würzburger Hochschulwahl die Antwort verdienen.

Nicht genug, dass die eine Fraktion (Jusos) jahrelang die opportunistischste Politik getrieben haben, die man sich denken kann, und zwar nach jeder Richtung; nicht genug, dass sich diese Fraktion zerlegte über einen unglaublichen persönlichen Streit; nicht genug damit, dass einer der schlimmsten Opportunisten, ein Mitarbeiter eines SPD-Landtagsabgeordneten, schliesslich zusammen mit Michael Kraus eine eigene „Alternative Liste“ gründete, welche den Widerstand nunmehr richtig zu führen versprach: die Damen und Herren (vor allem Herren) beider Fraktionen haben es geschafft, ihre theoretische gemeinsame Mehrheit zu verschenken, aus Gründen desselben persönlichen Streits.

Die „Alternative Liste“ jedenfalls, die seit den letzten Wahlen zusammen mit denselben Konservativen, Liberalen und Grünen, welche sie im Wahlkampf noch nicht zu Unrecht als „neoliberal“ bezeichnet hatte, die Studierendenvertretung stellt, verdient, wenn sie denn noch einmal anzutreten die Stirn haben sollte, keine einzige Stimme. Diese von Martin Bielwaski (SPD) und Michael Kraus (Attac) geschaffene Gruppierung hat ihren Kredit so derartig verspielt, dass sogar die völlig heruntergekommene SPD-Truppe daneben noch gut aussieht.

Zuletzt haben es diese Leute geschafft, die definitive Einführung der Studiengebühren durch den Akademischen Senat der Universität mit nichts anderem zu begleiten als einer Diskussionsveranstaltung, auf der Uni-Präsident Haase und andere Senatoren zum abermaligen sprachlosen Erstaunen der wenigen anwesenden Studierenden kundgeben durften, wie sehr richtig sie das finden, was sie jetzt anschliessend zu beschliessen gedächten; woraufhin dann, nach eineinhalb Stunden, die Studierenden allmählich heim in ihre WGs liefen und Haase die Versammlung beendete, um zusammen mit dem Senat in aller Ruhe zu beschliessen. Absurderweise hatte man ihm sogar die Leitung der Veranstaltug überlassen.

Es fällt einem nichts mehr ein: sogar die wenigen anwesenden Studis hätten ausgereicht, um die Senatssitzung zu stören. Man hat Haase bewusst solange labern lassen, bis sie sich zerstreuten. Richtig erleichtert müssen sie sich gefühlt haben, die Jüngelchen der AL und ihr Meister, als endlich alles vorbei war: die Nervosität, die das Erscheinen dreier angeblich scharz gekleideter bei ihnen und den anderen Funktionären der Ordung herrvorrief, war immerhin ein kleiner Trost. Ich betrachte diese Nervosität, die meine blosse Anwesenheit bei solchen hervorruft, jedenfalls als eine Verpflichtung.

Das bisher letztes Lebenszeichen von AL und Studierendenvertretung war der sogenannte Studiengebühren-Boykott, an dem sich um die 50 Leute beteiligten, was in etwa der Anzahl der Mitglieder der AL zuzüglich ihrer WG-Mitbewohner/innen entspricht; wer das eine Blamage nennt, untertreibt. Angepeilt waren 30% der Studierenden. Soviele wissen, legt man die bisherigen Wahlbeteiligungen zu Grunde, noch nicht einmal von der Existenz der Studierendenvertretung. Eine nutzlose Existenz im übrigen, die bisher nichts als Schaden angerichtet hat und jetzt, in den Händen der Konservativen, der Liberalen und ihrer Alternativen Steigbügelhalter, natürlich nicht besser geworden ist.

Angesichts einer Studierendenvertretung, die bloss entweder den linken oder den rechten Politikanten zur Tribüne dient, kann jede wirklich grundlegende Veränderung nur mit der Forderung anfangen, diese Studierendenvertretung einfach abzuschaffen.

Jörg Finkenberger

Hören & Schmecken Die Seite für moderne Kultur

Heute: „zirrrrrp“

Hi Folks, Gutentagverehrtedamenunherrn, Grüß Gott und auch ein Küssdiehandgnädigefrau.
Willkommen bei Rainers hochpolitischer Jazz und Kochkolumne.

Zunächst seien dem geneigten Publikum die verworrenen Wege aufgezeigt, welche der Autor zu gehen gezwungen ward, bis nun endlich wieder ein gedrucktes Wort von ihm zu lesen ist.
Also: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst…
Ach so! Nicht ganz so ausschweifend. Jaja. Also: Am Anfang… Ja, am Anfang saß ich wieder einmal im Kult. Vor mir ein dampfender Teller und ein gülden Glas redlich verdienten Feierabendbieres. Neben mir die Plätze frei und leergefegt von der Macht eines „reseviertab19Uhr“ Schildchens. Ich meditierte über die Ereignisse der letzten Tage, über entführte Soldaten und deutsche Kleriker im „heiligen Land“. „Da muß was Schlaues geschrieben werden! Und zwar – jawohl! – von MIR“. Es war deutlich nach Sieben, der Teller mittlerweile geleert. Mit einem frisch eingeschenkten Bier in der Hand richtet sich mein Blick in stetig schneller werdendem Takt auf die Uhr. Und plötzlich macht es „Plumps“. Das edle Antlitz des künftigen Herrn Oberredaktors erscheint mit einem Mal direkt neben mir und ich höre die bedeutenden Worte: „Da muß unbedingt etwas geschrieben werden!“ Es plumpste gleich noch mehrmals und die versammelten Herren wie auch eine Dame der Redaktion befanden sich im sofortigen wilden Dispute. So viele wichtige Dinge wollten alsbald geklärt sein. Name und musikalischer, wie auch POLITISCHER Standpunkt mußten sich in Kürze einstellen. „Klar, Hip-Hop. Könnenwirschonmachen“. „SchlechteLauneCore, so mit Ultragewalttexten, ja so“. „Antifainfomag“. „???“. „Halt als Name…“. „Aber DU kannst doch nicht ALLES mit POLITIK vollschmieren!!!“.
So ging das drei Stunden lang. Ja und über Jazz muß ich was schreiben, weil: „da kennt sich doch keiner aus“ – ich auch nicht, aber: „das macht doch nichts!“ Und: „Du machst das jetzt mit der Kochkolumne, schließlich riechst Du immer noch nach Fritten und du hast das schon mal gemacht!!!“ So war das.
Derweil wedelte der Jörg hohnlachend mit einem imaginierten Artikel, der gewiß den Vatikan zur erstmaligen Aussendung der Schweizer Garde zwecks Ergreifung eines Erzgegners auf gut Würzburg’schem Boden zwingen würde. Also gut; das Risiko, selber auf dem Scheiterhaufen zu landen, ist mir eh’ zu groß – da lasse ich doch lieber Irgend etwas eindrucksvoll im Ofen oder in der Pfanne in Rauch aufgehen.
„Lokalpolitik!!!“ Der Ruf erschallt mehrmals. Ja, Lokalpolitik, „kann man das denn essen???“ So frag ich vor mich hin. „Das isses! ZIRRRRP!! Ja! Heuschrecken!!! Aus der Pfanne!“
Sie verstehen nicht ganz? Das ging mir auch so. Aber es stellte sich als völlig logisch und in sich schlüssig heraus:
Der Herr Elsässer war für eine Veranstaltung über die Macht der Heuschrecken angekündigt; sie wissen schon: Jene Münteferingsche Plage von vor der letzten Wahl. Daß Heuschrecken in zu großen Mengen gefährlich seien, wußten wir schon aus der Bibel – aber das einfache und simple, global einzusetzende, doch lokal wirkende Gegenmittel finden Sie hier:
„In Honig karamelisierte Heuschrecken auf roter Chili Sauce“
(nach einem altorientalischen Rezept)
Man fahre nach Frankfurt am Maine und fange im Börsengebäude etwa 1 ½ Pfund der dort häufigen Acridida Amerikaniensis, und verwahre sie in einem mit ausreichend Atemlöcher versehenen Karton. Chilischoten, Honig, frischen Koriander, Tomaten, Zwiebel besorgt ihr ganz einfach im Tauschladen eurer Wahl.

Sie fühlen sich veralbert? Verzeihung. Nun gut; der Versuch, aus einer schieren Idiotie wenigstens noch einen Scherz herauszuzaubern, darf als gescheitert gelten. Selbst erwählter Dummheit ist mit Satire einfach nicht beizukommen.

Zum Beweiß der Aufrichtigkeit meiner Reue verrate ich hier, wie jenes griechische Rindsragout zubereitet wurde, welches von den Kult Gästen – so sie nicht der veganen Fraktion dieser Redaktion angehören – an diesem denkwürdigen Abend als „wirklich lecker“ gepriesen wurde. (Danke nochmals)

Stifàdo
800g Rindfleisch waschen, trocken tupfen und von Sehnen befreien. In nicht zu kleine Würfel schneiden.
Eine Gemüsezwiebel in kleine Würfel schneiden, zwei Zehen Knoblauch pressen.
In einem Topf das Fleisch mit Olivenöl erhitzen. Die Zwiebel und den Knoblauch mit ¼ l herbem Rotwein ablöschen, eine Dose Pizzatomaten zugeben und mit Wasser aufgießen, bis das Fleisch bedeckt ist. Salzen, pfeffern, mit etwas Cumin und Lorbeerblatt, sowie einer Stange Zimt würzen und etwa zwei Stunden bei leichter Hitze weich kochen.
800g kleine weiße Zwiebeln schälen und in einem Topf mit einer Tasse heißem Wasser und etwas Essig begießen, salzen und zugedeckt einige Minuten kochen lassen, den Sud abgießen und die Zwiebeln ¼ h vor dem Servieren zum Fleisch geben. Direkt vor dem Servieren noch ½ Bund gehackte Glattpetersilie zufügen und mit wenig Balsamicoessig abschmecken.
Dazu Reis reichen; als Vorspeise empfiehlt sich Fladenbrot, Salat aus weißen Riesenbohnen, Tsatsiki, sowie ein Kartoffel-Knoblauch-Püree. (Kartoffelbrei mit reichlich Zitronensaft, etwas frischem Koriander und gepreßtem Knoblauch). Eventuell noch gemischter Salat mit Feta.
Ohne Vorspeisen reichlich für vier Personen; mit Vorspeisen entweder weniger Fleisch, oder mehr hungrige Mäuler.
PS: Geht auch mit Fakefleisch – aber das Sojazeug vorher einige Stunden leicht sauer mit Zwiebel und Knoblauch einlegen.

Bis zum nächsten Mal!

Rainer Bakonyi

Schreckliche Linke und heuschreckliche Kritik

Kaum einer anderen Person der deutschen Linken wurde während der letzten Monate so viel Kritik zuteil wie Jürgen Elsässer. Dabei warf man ihm unter anderem Nationalismus und Homophobie vor. Am 03. April lud das Würzburger Friedensbündnis Jürgen Elsässer in die Buchhandlung Neuer Weg ein, wo er sein Buch „Angriff der Heuschrecken und globaler Krieg“ vorstellte. Insekten mussten leider draußen bleiben.

Zirp Zirp
„Nie wieder Deutschland“- selbst siebzehn Jahre nach der Schöpfung dieser Parole werden Antifa-Kiddies nicht müde, ihren Gegnern diesen Spruch entgegen zu brüllen. Umso erstaunlicher ist, dass die Erfindung des Satzes einer Person zugeschrieben wird, die sich in diesen siebzehn Jahren vom antinationalen Protagonisten zu Oskar Lafontaines Schoßhündchen entwickelte.
Elsässer zählte sich in den Neunziger Jahren zum antideutschen Lager der radikalen Linken, schrieb bis 1997 für die Junge Welt und gründete nach dem Zerwürfnis mit dieser 1997 die Jungle World. Er beschäftigte sich insbesondere mit der deutschen Außen- und Balkanpolitik. Anfang dieses Jahrzehnts kam es zum Bruch mit dem antinationalen Spektrum und Elsässer schreibt seitdem wieder für die Tageszeitung JungeWelt, aber auch für die Parteizeitschrift der Linkspartei.
„Mit Staatsknete wird Multikulti, Gender-Mainstreaming und die schwule Subkultur gefördert, während die Proleten auf Hartz IV gesetzt werden und sich oft auch keine Kita, kein Schwimmbad und keine warme Wohnung mehr leisten können.“ Dieser Satz entstammt nicht etwa einem Artikel der NPD-Zeitung Deutschen Stimme von Jürgen Gansel, sondern einem Text von Jürgen Elsässer, der am 19.09. in der Jungen Welt erschien. Wer sich mit dessen Hinwendung zu einer nationalen Identität beschäftigt hat, wundert sich über solche Aussagen Elsässers schon lange nicht mehr. Er wendet sich seit längerem in populistischer Weise gegen den „US-Imperialismus“ und scheut dabei nicht zurück, Oskar Lafontaines Politik und dessen nationalistische Parolen über die „Inländerfeindlichkeit“ zu verteidigen. Dabei macht er auch vor rechtsradikalen Bewegungen nicht halt. „Zum ersten Mal seit der kapitalistischen Wende 1989/90 kommt in Donald Rumsfelds ‚neuem‘ Europa eine politische Kraft ans Ruder, die mit dem Neoliberalismus brechen will.“ Mit dieser Aussage bezieht sich Elsässer am 06. Juli in der Jungen Welt positiv auf das politische Bündnis zwischen der rechtsradikalen slowakischen Nationalpartei SNS und der sozialdemokratischen Partei SMER. Die SNS war in der Vergangenheit durch die Forderung von Ghettos für Sinti und Roma aufgefallen. Die wundersame Verwandlung des Jürgen Elsässer vom Staatsfeind zum Nationalbolschewisten beschäftigt seit 2006 auch die Antifaschistische Linke. Die Zeitschrift Der Rechte Rand widmete den rechten Tendenzen Jürgen Elsässers und seinen Kontakten zur rechten Presse sogar einen ganzen Artikel. Darin geht es unter anderem um ein fragwürdiges Interview, das Elsässer der rechtsradikalen Zeitschrift Choc Du Mois gab. In der gleichen Ausgabe der Zeitschrift wurde ein weiterer politisch Aktiver interviewt: Jean-Marie Le Pen.
Ortswechsel. Die würzburger Provinz scheint für kritische Stimmen an vermeintlich linker Politik ein unwegsames bis unpassierbares Terrain zu sein. Zumindest hatte das Würzburger Friedensbündnis keine Bedenken, Elsässer für die Vorstellung seines Buches „Angriff der Heuschrecken und globaler Krieg“ am 03. April nach Würzburg einzuladen. Insbesondere die Heuschreckenmetapher und die damit verbundene Personalisierung der Kapitalismuskritik, also die populistische Trennung zwischen gutem schaffenden und bösem raffenden Kapital, ohne das Produktionsverhältnis und den Kapitalismus an sich zu kritisieren, wird von Teilen der radikalen Linken scharf kritisiert. Wenn sich für den Autor „im Zeitalter der Globalisierung […] die nationale Frage neu“ stellt, „auch in Deutschland“, wie es im Buch heißt, dann müsste Linken spätestens bewusst werden, was in Elsässers Hirnwindungen vor sich geht. Die Tage vor der Veranstaltung machte sich jedoch Kritik bemerkbar: Ein „Internationaler Bund zum Schutz der Gemeinen, Vielscheckigen und Wallisischen Heuschrecke“ hatte um den Veranstaltungsort Informationstexte zum aktiven Schutz der Heuschrecken verteilt, die wohl einem Naturkundelexikon entlehnt waren. Am Veranstaltungstag selbst wollten es sich zwei als Heuschrecken verkleidete Elsässer-Kritiker nicht nehmen lassen, die Buchbesprechung anzuhören. Unter „Zirrrrrp!“- Lauten sprangen sie kurz vor der Veranstaltung im Neuen Weg umher. Das bereits anwesende Publikum zeigte sich anfangs durchaus belustigt und hielt die beiden für Einheizer der sensationellen Elsässershow. Dieser ergriff schleunigst die Flucht, als er das Ungeziefer zu Gesicht bekam. Als die Veranstalter bemerkten, dass es sich um Kritiker handelte, wurden diese aufgefordert zu gehen. Dadurch wurde der Zirkus beendet und Elsässer konnte mit seinem eigenen beginnen. Wenn konstruktive Argumente gegen einen linken Nationalismus ihre Wirkung verlieren, ist eine solch skurril-absurde Art von Kritik vielleicht das vernünftigste, was man tun kann.
Elsässer hat in letzter Zeit einen ganz neuen Unterstützer gefunden. So findet Jürgen Gansel, NPD-Mitglied des sächsischen Landtags, durchaus Anknüpfungspunkte zu Elsässer und schreibt dazu am 12.04. in der Deutschen Stimme, das für ihn das „entscheidende […] seine Absage an Randgruppenkult, US-Hörigkeit und Israel-Tümelei, sein Widerstand gegen Arbeitsmigration, Inländerfeindlichkeit, EU-Fremdbestimmung und Staatszerstörung“ ist. Von seiner einstigen Parole „Nie wieder Deutschland!“ hat sich Elsässer Lichtjahre entfernt. „Frei, sozial und national!“ würde da sicher besser passen.
Benjamin Böhm

The Sicksteez are high and tight

„Du siehst , dass alle gleich aussehen. Alle haben die gleichen T-Shirts an. Alle folgen genau meinen Anweisungen. Das war eine krasse Erfahrung.“

steez
Das Meer des deutschsprachigen HipHops erlebt stürmische Zeiten. Ab und zu schlägt es große Wellen, denn die See ist seit Jahren rough und die Wogen glätten sich selten. Ungeachtet aller Stürme gleitet ein ruhiger Dampfer namens Sicksteez seit Jahren durch den Rap-Ozean. Während Andere längst Schiffbruch erlitten, gleiten Frank Sidata und PhiloPhilta weiter und unaufhaltsam über tiefgründige Beats.
Der Name Sicksteez steht seit vielen Jahren für eigenständige Musik aus dem Herzen der HipHop-Kultur. In Zeiten, in denen Straßen- und Gangsterrap einen Großteil der Plattenreleases im deutschsprachigen Raum ausmachen, blieben sich Philo und Frank stets treu und entwickelten ihren ganz eigenen Stil. Mal tiefgründiger, mal straighter Rap, aber niemals plump oder peinlich. Zwei Plattenreleases, „Kein Plan“ und die „Key-EP“, haben die beiden bereits hinter sich und diesen Herbst wird ihr erster Longplayer mit dem Namen „High&Tight“ erscheinen. Daher traf ich die Jungs in Philos Bude, in der sich gleichzeitig auch ihr Aufnahmestudio befindet.

Ich würde gerne ein wenig auf eure musikalische Entwicklung zu sprechen kommen. Eure erste Platte, Kein Plan, war „Straight-Forward-Rap-Musik“. Die Key-EP und auch Philos Beats vom Recyclin‘ Plastic Tape waren viel melancholischer. In welche Richtung wird das kommende Album gehen?

Philo: Ich denke das Album wird beides sein. Ich denke mal es ist ein Album das wirkliche Albumlänge hat. Daher wird es nicht so sein wie bei der „Key-EP“, die nur langsame Beats hatte. Es sind einige Sachen dabei die eher wieder zurückgehen zum straighter Rap.

Frank: Die Key-EP war einfach die Frage: Wer ist das? Der Key! Es war einfach ein persönliches Ding. Zwei Solotracks von ihm und von mir die sehr tief gingen. Das Album hat beides, wobei es eher straighter Rap nach vorne ist.

Philo: Der Fokus wird wieder auf dem klassischen Rap-Ding sein. Es sind ein paar nachdenkliche Sachen darauf, aber der Großteil werden klassische Representer-Dinge sein.

Wo wir gerade bei Reise sind, ich habe auf eurem Myspace-Account einen Track gehört der Plemplem hieß. Er beschäftigt sich mit der Tendenz von HipHop in Deutschland. Daher würde mich eure Meinung interessieren von der Richtung, in die Rap aus Deutschland gesteuert ist. Gerade vom Street- und Gangsterrap Ding. Lasst ihr euch davon beeinflussen?

Philo: Also man muss sagen Plem ist schon relativ alt. Bei der Anfangszeile mit „ihr seid die Coolsten“ kann man sich ja schon denken auf was sie anspielt. Daher war der Track vor der Aggro-Berlin-Welle. Da waren wir gerade im Airport als wir die Vorgruppe von der Sekte waren. Das hat uns schon ein bisschen beeinflusst. Für mich zumindest war dies ein krasser Gig. Du siehst, dass alle gleich aussehen. Alle haben die gleichen T-Shirts an. Alle folgen genau meinen Anweisungen. Das war eine krasse Erfahrung. Im Endeffekt würde ich aber sagen, dass wir davon nicht viel mitbekommen. Es ist auch nichts, was uns groß in unserem Leben beschäftigt. Ich bekomme hier nicht mal MTV. Vielleicht erzählt mir Frank mal davon wenn er irgendein Video sieht. Wenn ich sowas mitbekomme höre ichs mir klar an, weil ich Rap mache, aber es ist jetzt nicht so, dass ich jetzt in die Läden gehe und mir die ganzen neuen Sachen anhöre nur um auf dem neuesten Stand zu sein. Bei Ami-Rap ist es etwas anderes, weil man da schon noch guckt und genau weiß aus welcher Richtung Sachen kommen die mehr taugen. Da ist auch eine ganz andere Vermarktungsstruktur da. Dadurch kommen Sachen an mich ran. In Deutschland ist es so, dass es klar gute Sachen gibt, aber die bleiben uns leider verschlossen.

Ich bin als Rap-Kiddie durch die B-Hof-Jams auf euch aufmerksam geworden. Damals hatte eine echte Rap-Szene einen Bezugspunkt durch den B-Hof oder dann Pauls Boutique. Würdet ihr in Würzburg heute von einer aktiven Rap-Szene sprechen? Fühlt ihr euch zu dieser zugehörig oder macht ihr eher euer Ding?

Philo: Man kennt sich klar. Auf der anderen Seite gibt’s viele die man vielleicht vom sehen kennt und die auch was machen wollen, von denen mans aber gar nicht mitbekommt. Gerade weil es nicht mehr diesen Bezugspunkt gibt wie früher den B-Hof oder Pauls Boutique. Es ist daher auch nicht mehr der Zusammenhalt und Bezugspunkt da wie früher.

Frank: Szene an sich gibt’s keine. Es gibt eine Szene, die besteht aber aus den einzelnen Aktivisten. Es gibt also kein Zusammenspiel. Das ist auch der Grund warum wir unser Ding machen und der Rest macht sein Ding. Die traurige Geschichte ist, dass sich dann ein Szeneevent im Netz abspielt, in dem alle Freunde sind und alle geadded sind aber man sieht sich halt nie. (Anmerkung: die Seite www.myspace.com/wuehiphop ist gemeint) Da wird man dann auch aufmerksam auf Leute, von denen ich mir dann Sachen anhöre und denke: Guck mal da drauf Philo, da geht was! Von Leuten die man noch nie gehört und gesehen hat. Es kommt auf jeden Fall was nach aber es ist jetzt nicht so, dass es noch einen Punkt für die Szene gibt an dem man sich trifft und an dem diese Einheit da ist.

Ich kenne noch von früheren Tracks den Bezug auf CSU und Polizei in Würzburg. Stört euch das Überwachungsklima in Würzburg nach wie vor oder habt ihr euch damit arrangiert?

Philo: Ich denke mit der Zeit arrangiert man sich irgendwo. Klar ist es hier deutlich anders als in anderen Teilen Deutschlands. Das kriegt auch jeder mit der von woanders kommt und Wü besucht. Hier gibt’s einfach verdammt viel Polizei. So ist es einfach. Kann man gut oder schlecht finden, aber es gehört zu Würzburg. Man gewöhnt sich daran. Ich fühle mich nicht besonders überwacht.

Euer Album wird wieder an den altbekannten Stellen zu erwerben sein? Monophon, H20?

Frank: Ja klar, aber diesmal auch über hiphopvinyl.de.

Habt ihr noch ein letztes Statement am Ende des Interviews?

Frank: Herbst 2007! We‘re high and tight! Kaufen!

>> Checkt
www.ironcore.info
für mehr Infos über die Sicksteez.