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Ordnung, Disziplin und Lagerfeuerromantik

Aufgrund von drastischen Kürzungen in der kommenden Print-Ausgabe (14b/15) werden wir einige (auch längere) Artikel lediglich online veröffentlichen. Es folgt ein Gastbeitrag.

Ordnung, Disziplin und Lagerfeuerromantik
Katholische BootCamps in Unterfranken

Als vor einiger Zeit die Medienöffentlichkeit auf die neofaschistische Jugendorganisation
Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) aufmerksam wurde, war das entsetzte Erstaunen groß. Berichte über Sommerlager im Stil der HJ und die neofaschistische Indoktrinierung von Kindern machten genauso die Runde wie Bilder von uniformierten Kindern, Fackelzügen und „Führerbunker“-Zelten. Nach anhaltender Berichterstattung ist die HDJ mittlerweile verboten. Keineswegs unbemerkt von der Provinzöffentlichkeit, vielmehr mit deren Wohlwollen aufgenommen fühlen sich hingegen seit Jahrzehnten Jugendlager in Unterfranken, die zwar aus einer gänzlich anderen ideologischen Spielrichtung des Bürgertums kommen, nämlich dem Katholizismus, deren gesellschaftliche Funktion aber die gleiche ist: Brutale Disziplinierung und Einbindung von Kindern in sexistische und rassistische Kategorien. Die Rede ist von Zeltlagern, die jahrjährlich von Jugendorganisationen des Katholizismus, namentlich vor allem den Ministranten, abgehalten werden. Dort erfahren Kinder ab dem Grundschulalter, abgeschieden von jeglicher Rest- Zivilistation, bei Lagerfeuerromantik Disziplin, Ordnung und Drill. Im folgenden soll ein Aussteigerbericht dokumentiert werden, der die Geschehnisse in diesen Lagern treffend schildert:

>> Die Teilnehmer eines Ministranten-Zeltlagers sind in der Regel zwischen 8 und 20, in Ausnahmefällen bis 25 Jahre alt. Sie organisieren die Lager selbst, theologische sowie organisatorische Hilfe bekommen sie dabei von der Pfarrgemeinde als auch dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Die Lager finden oftmals in den Pfingstferien, einer Jahreszeit, die von sehr unsteter, nass-kalter Witterung geprägt ist, auf Wiesen oder Waldlichtungen fernab jeder Rest-Zivilisation statt. Diese Abgeschiedenheit ist bereits Teil des reaktionären Programms. Im Zeichen der Lagerfeuerromantik wird so ein naturwüchsiges, anti-modernes Leben idealisiert.
Errungenschaften der Unterhaltungselektronik sind während des Lagers genauso verboten, wie Kommunikation zur Außenwelt und Duschen. Vielmehr wird sich bei militaristischen Spielen „amüsiert“: Inszenierte und gewünschte Schlägereien, bei welchen die Konstruktion maskuliner Stärke nur einen ihrer vielen Ausdrücke auf solchen Lagern findet, gehören genauso zum
Programm, wie Tagesmärsche und der sog. nächtliche Überfall. Dabei versuchen befreundete Jugendorganisationen die Zelte des Lagers einzuwerfen und die zuvor im Stile einer militaristischen Zeremonie gehisste Lager-Fahne zu stehlen. Verhindert werden soll das durch die Aufstellung von Kindersoldaten, die verängstigt in stockfinsterer Nacht Wache halten müssen, und dem kämpferischen Eingreifen älterer Lagerteilnehmer, deren heldenhafter Einsatz ihnen Ehre und Ansehen in der Lagergemeinschaft einbringt. Dabei wird den Kindern spielerisch die Idealisierung eines kriegsähnlichen Zustandes und militärischer Riten nahe gebracht. Zur Lagerfeuerromantik des Lagerlebens gehören selbstredend auch gemeinsame Liederabende am Lagerfeuer. Aus einem vorgegebenen Repertoire an Liedern wünschen sich die Lagerteilnehmer ihre Lieblingsstücke. Die Wahl fällt dabei oftmals auf sexistische und/oder rassistische Lieder, die auch gerne mehrmals am
Abend gesungen werden. So wird in einem beliebtem Lied die Vergewaltigung eines Mädchens/jungen Frau am Donauufer glorifiziert. Ein anderes handelt von angeblichen „Negeraufständen in Kuba“, bei welchem die „Neger“ als brutale, Weiße massakrierende Kannibalen dargestellt werden. Die Lieder werden so oft gesungen und ihre Melodien sind so eingängig, dass ich sie selbst heute nach Jahren noch auswendig singen könnte. Kinder im Grundschulalter werden so unterbewusst mit rassistischen und sexistischen Kategorien vertraut gemacht, Ältere können dabei ungestört ihren Ressentiment freien Lauf lassen.
Eine weitere Form der Disziplinierung von Kindern und Jugendlichen bei Ministranten Zeltlagern sind Abhärtungsrituale. Die schon erwähnten Dauermärsche, die fester Bestandteil der Lagerwoche sind, finden bei jedem Wetter statt. So marschieren die Kinder, unabhängig ihrer körperlichen Verfassung und Vermögens, sowohl bei frühsommerlicher Hitze als auch bei klirrender Kälte, Regen und Hagel von Morgens bis Spätabends über Feldwege. Eine Freistellung wird nur in Ausnahmefällen gegeben. Eine andere Form der körperlichen Abhärtung stellt der allmorgendliche Morgensport- und Waschritus dar. Direkt nach dem Weckruf, der gegen 7:30 Uhr erfolgt, gilt es sich zum Morgensport aufzustellen. Die Teilnahme daran ist verpflichtend. Danach gehen die weiblichen Lagerteilnehmer in ein Waschzelt, während der männliche Teil sich unter freiem Himmel bei kältesten Temperaturen oberkörperfrei mit eisigem Wasser waschen müssen. Wer diesem Ritual nicht nachkommt muss mit Disziplinierungsmaßnahmen rechnen, die bis zur brutalen Zwangswäsche gegen den Willen des Einzelnen führen. Keine Beachtung finden natürliches Schamgefühl vor der öffentlichen Entblößung oder Angst, sondern werden als Schwäche und
fehlende männliche Härte diskreditiert. Kernstück der Disziplinierungs- und Konditionierungsfunktion der katholischen BootCamps ist eine ausdifferenzierte Hierarchie, die sich sowohl in zwischenmenschlichen Beziehungen per se gleichgestellter Mitglieder vor allem in Formen des Mobbings zeigt, als auch in der Ausübung offizieller Ämter. Mobbing, ein gesamtgesellschaftliches Problem, tritt bei den abgeschotteten Lagern der katholischen Jugendorganisation in besonderer Härte auf, weil, analog zu Geschehnissen in Kasernen, die Opfer hier zum einen keine Chance haben ihren Peinigern aus dem
Weg zu gehen, zum anderen sich das Mobbing mit den Erlebnissen der offiziellen Hierarchie verzahnt. Diese definiert sich in erster Linie durch Alter und Ansehen. Das Lager wird durch eine sog. Gruppenleiterrunde geleitet, der ein oder zwei Oberministranten vorstehen. Sowohl bei den Gruppenleitern als auch den Oberministranten handelt es sich um ältere und angesehene Ministranten. Deren Ernennung erfolgt intern durch Cliquenbeziehungen und ohne jede demokratische Legitimierung. Dazu kommen noch hierarchische Ämter während des Lagers wie den sog. Zeltleitern oder Leitern bei den Tagesmärschen, die sich allerdings mit den Gruppenleitern überschneiden können. Unter dieser kleinen Zahl an Führungspersonal steht die Masse der jungen Teilnehmern. Die skizzierte Hierarchie funktioniert als System absolutem Befehl und Gehorsams. Den Anweisungen der Gruppenleitern ist Folge zu leisten. Darüber hinaus gibt es appellähnliche Aufstellungen, sowohl zu festgelegten Uhrzeiten als auch bei dem Trillerpfeifenton der Lagerleitung.

Am deutlichsten und brutalsten tritt die Disziplinierung der jungen Lagerteilnehmer durch Hierarchie jedoch beim bereits erwähnten Waschritus als auch beim gemeinsamen Essen auf. Während des Essens darf der Tisch nicht verlassen werden. Kindern, die ihren Harndrang (noch) nicht entsprechend kontrollieren können, werden so brutal zu absoluter Disziplin erzogen. Ebenso ist es Pflicht seinen Teller leer zu essen. Keine Rücksicht genommen wird auf Sättigung oder
Ekelgefühlen. Weigerung wird nicht akzeptiert, und zieht nur größere Aufmerksamkeit auf sich. Letztendlich muss der Teller leer gegessen werden, was bis zum Brechreiz durchgesetzt wird. Beide Regelungen erfolgen offen und ausdrücklich mit dem Bestreben die Kinder zu Ordnung und Disziplin zu erziehen. Dabei spielen Ältere und höhergestellte Ministranten offen sadistisch ihre Macht aus. < <

Die hier dargestellten Geschehnisse müssen als Spiegel der gesellschaftlichen Realität begriffen werden. Diese steht dem Individuum als feindliches Umfeld gegenüber, das soziale Disziplinierung, Ausrichtung und Einpferchung vielleicht noch subtiler täglich erfahrbar macht.
Gehorsam, Disziplin und Ordnung, sind aber nicht nur deutscheste Tugenden, sie sind die absolute soziale Notwendigkeit einer totalitären Vergesellschaftung durch Arbeit. Eine Gesellschaft, die einerseits so umfassend auf das Individuum zugreift, ihm Härten abverlangt, in Kollektive presst und deren Glücksversprechen andererseits ein ums andere mal als himmelschreiende Farce erscheint, ist notwendigerweise auf innere Disziplinierung seiner Objekte angewiesen. Seit Kaiserszeiten übt das Militär als „Schule der Nation“ diese Funktion passend aus, mit Brandts Regierungserklärung «69 kommen folgerichtig auch die Bildungsanstalten als geeignete Institution zur Disziplinierung hinzu. Der dokumentierte Aussteigerbericht stellt die katholischen Jugendlager ebenfalls in diese Kategorie. Sie erscheinen als BootCamps, als Institutionen psychischer und physischer Disziplinierungsgewalt. Als Inbegriff Roland Kochs feuchtester Träume. Die soziale Funktion der Disziplinierung ist die Vorbereitung auf ein Leben als Objekt einer totalen Gesellschaft. Gemeinsam mit der Schule ist diesen Camps, dass hier auf jüngste Mitglieder der Gesellschaft zugegriffen wird. Durch Angst, Druck und Befehl und Gehorsam werden sie autoritär
sozialisiert. Das Produkt dieser Erziehung zum Gehorsam ist ein rassistischer, sexistischer, obrigkeitshöriger autoritärer Charakter. Ein Untertan im Mannschen Sinne, der nach Unten tritt und nach Oben buckelt, der sich in agressiven Kollektiven wohl fühlt, der die Obrigkeit nur kritisiert, wenn er das Kollektiv gefährdet sieht. Der bereitwillig und aufopfernd seinen Teil zum Wohl des Kollektivs beiträgt. In anderen Worten, und dem Schrecken der gegenwärtigen Tage geschuldet,
kšnnte man ihn auch einen ‚Schland‘-Fan nennen. Die katholischen BootCamps in Unterfrankens Wäldern und Auen sind also nicht nur Spiegel des barbarischen Zustandes der Gesellschaft sondern auch Vorbereitung auf die Hörten, die diese
Gesellschaft vom Individuum abverlangt. In ihrer sozialen Funktion der Disziplinierung des Einzelnen vereinen sie notwendigerweise beides, nach dem Motto:
„Disziplin und Gehorsam wirst du überall finden, mein Kind. Es ist also wirklich nicht schlecht sie in jungen Jahren zu erfahren.“ (1)

A to the Teo

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(1) Karl v. Medina

Teachin‘ some history

(bevor die Nähe zum besagten Ereignis ganz und gar dahin ist, stellen wir’s mal online, obwohl die gedruckte Ausgabe noch nicht da ist…)

Anmerkungen zum antifaschistischen Protest gegen den Naziaufmarsch des Freien Netzes Süd am 01. Mai in Schweinfurt

Autonome AntifaschistInnen aus Unterfranken stecken in zweierlei „Dilemmata“: Einerseits fehlt eine offensiv in Erscheinung tretende Neonaziszene, gegen die man sich zur Wehr setzen müsste. Wer dies bestreitet, sich nachts in das Kornfeld setzt, um ein gutes Foto von einem organisierten Nazi zu schießen, Wohnungen tagelang belagert, um zu beobachten, ob dieser oder jener Fascho wirklich oft spät nachts noch mal mit dem Hund spazieren geht, hat ein schönes Hobby gefunden. Ein wenig wie Fußballbildchensammeln. Eine gewisse Zeit meines Lebens bereitete mir dieser außergewöhnliche Zeitvertreib, in Verbindung mit einem militanzfetischisiertem Lifestyle, der niemals militant war, viel Spaß. Wer unter den AntifaschistInnen die Aktivitäten des Freien Netzes Süd in Unterfranken, das selbst das Laubkehren an einem Kriegerdenkmal zu einem großen Erfolg für die nationale Bewegung erklärt, genauso ernst nimmt, wie die Faschos selbst, bestärkt diese in ihrer niedlichen Selbstüberschätzung.
Soweit zu ersten „Dilemma“. Wer das autonome am Antifaschismus groß schreiben möchte, die/der müsste eigentlich froh sein, dass der Kampf gegen Staat und Kapital nicht von Nazis durchkreuzt wird. „Antifa ist mehr als gegen Nazis“ heißt es ja so schön. Nun könnte man an die Arbeit gehen, und der Gesellschaft, in der dem Menschen nichts anderes übrig bleibt, als um die Sonne des Kapitals zu kreisen, den Kampf anzusagen. Leider Gottes: Die Menschen drehen sich nicht traurig, Arbeitssklaven ähnlich, um diese Sonne, sondern sie tun dies zumeist freudestrahlend. Und sie kennen nur die eine Sonne. In einer Zeit, in der der neu-nationalistische Stimmungsfaschismus die Deutschen zu Millionen auf die Straßen treibt, und ein Journalist im Spiegel, in einer Mischung aus kollektivem Rauschzustand und schlichter Dämlichkeit, schreibt, dass sich Deutschland im Moment ziemlich bunt anfühle, wenn das farbige Grau gemeint ist, wie kann da praktischer Kampf gegen den Staat betrieben werden? Das zweite Dilemma der autonomen AntifaschistInnen in unserer Gegend, et voila: Löst sich der Kitt „Gegen Nazis“, so müsste der Kampf „Um’s Ganze“heißen. Aber wie, mit und gegen wen ist dieser zu führen?
Jeder antifaschistische Zusammenhang beantwortet die beiden „Dilemmata“ unterschiedlich. Im folgenden versuche ich zu analysieren, wie einerseits das „antifaschistische Bündnis gegen den Naziaufmarsch am 01. Mai in Schweinfurt“, ein breiteres Bündnis gegen die Demo des Freien Netzes Süd, und andererseits der „AK Maifeuer“, mit den Zwickmühlen umgegangen sind.
Sowohl das Antifabündnis als auch der AK Maifeuer verzichteten, auf den erstem Blick zumindest, erfreulicherweise auf die Behauptung, eine regionale Neonaziszene verunmögliche einen antifaschistischen Lifestyle.
Es gab in den letzten zwanzig Jahren jedoch durchaus Momente, in denen der aktive Kampf gegen Neonazis geführt werden musste, weil eine starke Naziszene alternativen Jugendlichen das Leben schwer machte. Hierzu zwei Beispiele in die Geschichte des Neonazismus dieser Region, die auch für die gesellschaftlichen Veränderungen der BRD stehen. Anfang der 90iger Jahre, als jungakademisierte und Linke zusammen nachts Wache vor Flüchtlingsunterkünften hielten, damit das wiedervereinigte Deutschland in Würzburg nicht die gleichen Pogrome verüben konnte wie in Hoyerswerda, Lichtenhagen oder Solingen, kam dem Antifaschismus eine wichtige Bedeutung zu. Helmut Kohl verweigerte nach den Morden von Solingen gar eine Reise nach Solingen, weil er den „Beileidstourismus“ anderer Politiker nicht unterstütze. Diese Zeiten sind- zumindest vorerst- Geschichte, denn Antifaschismus wurde zur Staatsräson erklärt. Ius sanguinis und Ius solis kämpfen zwar immer noch um die Deutungshoheit über den Staatsbürgerbegriff, aber immerhin ist es in den meisten Gegenden Deutschlands nicht mehr möglich, dass ein Naziaufmarsch ohne bürgerlichen Gegenprotest stattfindet. Klar ist dabei, dass der Bürgerprotest nie fähig sein wird, den Nazis den Nährboden ihrer Ideologie, Deutschland genannt, unter den Füßen wegzuziehen. Aber immerhin beinhaltet aktivbürgerliches Engagement auch den Kampf gegen Faschos. Ein Beispiel für die Notwendigkeit, autonomen Antifaschismus auch in Zeiten des staatlichen Antifaschismus zu betreiben, war die Gefahr, die in den Jahren 2004/05 drohte, als sich in Lohr am Main eine dauerhafte rechtsradikale Szene etablieren wollte. Zwar zerschlug der Staatsschutz, getragen durch zivilgesellschaftlichen Druck, den Szenetreffpunkt „Schlosscafé“, aber genau in jener Zeit war es bitter nötig, dass Antifas den Nazis nicht die Straße überließen. Denn wie man schmerzlich weiß, gehen die BürgerInnen nach einer „Blabla-Ist-Bunt-Demo“ wieder in ihre warmen Stübchen, statt sich den Nazis auf den Straßen in den Weg zu stellen. In den Jahren 2004/05 war es daher bitter nötig, dass eine Szene, die sich den Antifaschismus auf ihre Fahnen geschrieben hatte, präsent war, um nicht noch mehr geschehen zu lassen als den Angriff auf das Lohrer Juze. Nun befinden wir uns im Jahre 2010, und im Moment sieht es nicht danach aus, als etabliere sich gerade ein rechtsradikaler Schwerpunkt in unseren Gefilden. Das Vakuum, das der Wegzug von Uwe Meenen, der für 20 Jahre Hauptagitator der Nazis im unterfränkischen Raum war, und welcher stets als Kitt zwischen Kameradschaftstrukturen und NPD fungierte, entstehen ließ, lässt die Frage aufkommen, wie es von den Neonazis gefüllt werden wird. Auf der Hut sein ist daher angebracht, hysterisch sein nicht, und das waren das Antifabündnis und der AK Maifeuer nicht.
Ich schrieb, dass das Antifabündnis dem ersten Dilemma auf den ersten Blick entgeht. Denn chiffrenhaft kommt durch die Kampagnenpolitik dann eben doch zum Ausdruck, dass man Nazis benötigt, um aktiv zu werden. Wenn „Antifa mehr als gegen Nazis“ sein will, warum zeigt man dann lediglich die Zähne, wenn Nazis in die Stadt kommen? Der Kapitalismus ist derart grausam, dass man jeden Tag kotzen müsste. Die Antifa kotzt aber meistens nur, wenn eine Kampagne gegen Nazis ansteht. Sicher ist diese Kampagnenpolitik, die Nazis benötigt, um sich antikapitalistisch äußern zu können, auch dem Fehlen einer linksradikalen Infrastruktur in Unterfranken geschuldet. Nach dem Wegfallen des AKWs ist einzig der Stattbahnhof als „Szenetreffpunkt“ geblieben. Keine Infrastruktur mag ein Faktor sein, aber keine Entschuldigung. Meine These, die ich hier nicht zum ersten Mal in den Raum stelle, ist die folgende: Antifaschismus als Lifestyle ist nötig, wenn Faschos sich als Subkultur an einem Ort eingenistet haben. Solange dies der Fall ist, und man sich auf Kampagnenpolitik zu einem Naziaufmarsch, zu dem die regionalen Nazis ihre Kameraden aus halb Deutschland rufen müssen, um überhaupt eine ordentliche Demo zu organisieren, beschränkt, drückt diese Fixierung auf Naziaktivitäten „in Gegenden ohne rechtsradikale Szene die Unfähigkeit der Antifas aus, eine radikale Kritik an der gesellschaftlichen Gesamtheit zu artikulieren.“
Womit wir beim zweiten Punkt angelangt sind, dem Dilemma des Kampfes „Um’s Ganze“. Wie versuchten das Antifabündnis und der AK Maifeuer, diesen zu führen bzw. zu vermitteln (sofern dies überhaupt möglich ist). Die Kapitalismuskritik des Antifabündnisses soll hier nicht zur Debatte stehen, denn ein Aufruf muss zwangsläufig verkürzt sein. Hier soll es vielmehr um die Art und Weise gehen, wie Kritik betrieben wurde. Bewusst klinkte man sich in die Bürgerproteste ein.
„Von der Zusammenarbeit erhoffen wir uns außerdem die Möglichkeit, den BürgerInnen unsere Standpunkte näher zu bringen. Die Vermittlung von eigenen Inhalten und konstruktiver Kritik scheint uns auf der Basis eines gemeinsamen Agierens weit sinnvoller, als durch reine Abschottung und elitäres und überhebliches Gebaren.(Anmerkung: Aus dem Aufruf des Bündnisses)“.
Es ist schon beinahe süß, wie hier davon ausgegangen wird, dass man die BürgerInnen mit Flugblättern vom richtigen Weg überzeugen könnte und „konstruktiv“ sein möchte. Was hier nicht verstanden wurde: Konstruktiv ist immer der Staat, nicht die Kritik an ihm. Konstruktiv ist immer das Kapitalverhältnis, nicht der Kampf dagegen. Der Kampf gegen den Kapitalismus ist eine überaus destruktive Sache, GenossInnen! Im zweiten Satz schwingt dann doch noch eine Kritik an die arroganten Arschlöcher aus dem Dunstkreis des Linksradikalismus mit, die immer alles besser wissen. Dies ist weder kreativ noch neu. Die Appelation an die BürgerInnen, doch bitte AntikapitalistInnen zu werden, war nach meiner Einschätzung letztendlich dann ebensowenig von Erfolg gekrönt wie der vorher angekündigte, aber kaum sichtbare „Antikapialistische Block“ auf der Bürgerdemo. Und spätestens, als dann mal wieder Antifasport angesagt war, alle hastig und erfolglos versuchten, diese oder jene Bullenblockade zu durchbrechen, hätten sich die Mädels und Jungs des Antifabündnisses fragen sollen, wo denn jetzt die ganzen BürgerInnen waren, die man mit konstruktiven Argumenten überzeugen wollte. Ergo: Nicht verstanden hat man im Antifabündnis, dass mit dem Aktivbürger aus der Fanmeile keine Revolution zu machen ist. Und dass man nicht umhin kommt, auf seiner linksradikalen Insel zu verweilen, solange der Rest der Republik von schwarz-rot-goldenen Freudentränen überschwemmt ist. Dann doch lieber „überhebliches Gebaren“. Und der AK Maifeuer? Immerhin vollzog dieser nicht den fatalen Fehler, sich einzureden, dass Schweinfurt bunt sei:
„Dem völ­ki­schen, stand­ort­na­tio­na­lis­ti­schen Kon­sens der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ist die Vi­si­on einer klas­sen­lo­sen und be­frei­ten Ge­sell­schaft ent­ge­gen­zu­stel­len.“
Dennoch stellt sich auch hier die Frage, weshalb man mir nur zum Anlass eines Naziaufmarsches ein Flugblatt mit solchem Pathos in die Hand drückt, weshalb man auch hier die Nazis benötigt, um als antinationale AktivistInnen auf den Plan zu treten? Und schließlich entkommt auch der AK Maifeuer nicht dem Dilemma Nummer zwei: Nur, weil man sich auf die Kritik beschränkt und ansonsten wenig zur erfolgreichen Blockade tut, ist noch nichts darüber ausgesagt, wie man den Kampf „Um’s Ganze“ zu führen gedenkt. Dies soll nicht bedeuten, dass Kritik nicht für sich alleine stehen kann. Aber der AK Maifeuer ist zu einem „antifaschistischen Event“ auf den Plan getreten und muss sich, da der autonome Antifaschismus stets mit der Praxis verwoben bleibt, daher die Frage gefallen lassen, wie denn ihre Kritik mit der Praxis zu versöhnen ist.
Abschließend stelle ich die Frage, ob das Label „Antifa“ noch immer eine sinnvolle Klammer ist, um gewisse Personen unter einem Dach zu vereinen. Solange man sich noch nicht einmal darin einig ist, dass eine „Schweinfurt-Ist-Bunt-Demo“ eine Lüge ist, lohnt es wenig, bei diesem oder jenem Event über das richtige Verständnis von Antifaschismus zu debattieren. Ich plädiere dafür, sich aus dem Linksradikalismus heraus antifaschistisch zu organisieren, statt dem Lifestyleantifaschismus bei diesem oder jenem Event einen linksradikalen Anstrich zu verpassen.
Tja, wieder mehr Fragen als Antworten. Sorry.

Yvonne Hegel

Olé, olé, Antideutschland, Antideutschland!

Ein Ausgehtipp:

Heute gehen wir in die Würzburger Innenstadt und schauen stolzen Deutschen beim weinen zu. Mit einem Lächeln auf den Lippen fotographieren wir die Fußballfans, die am meisten ihre Selbstachtung verloren haben. Ob potthässliches Outfit oder Trikot vollgekotzt: Alles muss heute auf die Linse.

Die besten Fotos werden, natürlich mit Balken vor den Augen, im Letzten Hype #15 veröffentlicht.

Wenn sie nur noch tanzen können, ist das keine Revolution

(hier wird ein Artikel aus dem letzten Hype Nr. 14 nachgereicht:)

Wenn sie nur noch tanzen können, ist das keine Revolution1
Von antideutschen Fanmeilen und dem Verlust der radikalen Lebenswirklichkeit

Raven gegen Deutschland. Hunderte zuckende Leiber scheinen den Text zu kennen, wippen im Takt, fühlen sich synthiewohl. Raven gegen Deutschland, an einem Ort namens Posthalle. Es ist interessant, wie sich die Zeiten ändern: Hätte man vor fünf Jahren ein Projekt wie Egotronic in das Autonome Kulturzentrum holen wollen, gewisse Leute wären in schallendes Gelächter ausgebrochen. Zu wenig Publikum, zu linksradikal, zu antideutsch, whatever. Heute veranstalten die selben Menschen, die damals das AKW zugrunde gerichtet haben, in ihrer Posthalle ein Festival mit- wie sollte es anders sein- Egotronic, samt ihrer FreundInnen vom Label Audiolith. Es scheint etwas passiert zu sein, das ich nicht ganz nachvollziehen kann: Linksradikales Parolenrufen wurde in den letzten Jahren zum Chique geadelt, hat die Autonomen Zentren verlassen und findet jetzt selbst an einem gottverlassenen Ort wie Würzburg statt, inklusive hunderter Kids, die die Texte in- und auswendig lallen können.

Be cool- be antideutsch. Es gibt keinen abgedroscheneren Werbespruch, der mir gerade in den Sinn kommt, um die seichte Elektrowelle zu beschreiben, die von Flensburg bis Fürstenfeldbruck Jugendliche in ihren Bann zieht. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass es sich bei diesem Phänomen um die Speerspitze einer neuen kritischen Bewegung handelt. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Wer tanzende Elektrokids beim Audiolith-Festival beobachtet, fühlt sich eher an das Grauen der deutschen Fanmeilen zurück erinnert. Und plötzlich schließt es sich nicht mehr aus, dass jemand „Raven gegen Deutschland“ ruft und in ein paar Monaten „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“2. Es besteht ein Zusammenhang zwischen einfach zugänglicher Elektromusik und einfach zugänglichem, alles nach plapperndem Publikum3. Würden Egotronic ihre bisherigen Texte durch die Zeilen von Alexander Marcus ersetzen, so würden sich wahrscheinlich nur die Oldschoolfans darüber ärgern. Und man kann noch so viele Versuche unternehmen, das Saufen und PEP-durch-die-Nase-Ziehen mit politischem Gehalt aufzuladen, es bleibt nichts anderes als Saufen und PEP-durch-die-Nase-Ziehen, Wirklichkeitsflucht und Enthemmung eben, wie sie größtenteils auch vom Rest der Bevölkerung dann und wann betrieben wird.

In dem Moment, als aus einer radikalen Richtung ein popkultureller Lifestyle wurde, hat auch das Label „Antideutsch“ voll und ganz seine Bedeutung verloren10. Popkultureller Lifestyle bedeutet nämlich: Man hat sich eingerichtet. Man bewegt sich unbeschwert in den Formen der Kulturindustrie, als ob die bürgerliche Gesellschaft eine Klaviatur sei, auf der man locker-leicht das Lied der Emanzipation klimpern könne. Man betreibt ein linksradikales Zine wie das Hate-Magazin, in dem sich gelangweilte GrafikdesignerInnen austoben dürfen, gibt eine ach so kreative Schülerzeitung wie „Straßen aus Zucker“ heraus 4und rezipiert ein wenig Adorno zur Steigerung der sexuellen Attraktivität. Nichts anderes ist dieser Lifestyle aber als die Flucht in eine wohlige Nische, in der es sich gut Leben lässt. Die Revolution kommt später oder nie, zuerst kommt das Projekt. Und egal wie viele Drogen man am Wochenende konsumiert hat, am Montag ist die Arbeitskraft wieder hergestellt, damit man in die Uni gehen kann, in der Uni lehren kann, in der Schule sitzen kann, im Betrieb schwitzen kann, in der Werbeagentur kreativ sein kann.

Ich weiß nicht, wie oft ich von Kids „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ gehört habe. Was wollen sie eigentlich damit legitimieren? Ist es das jämmerliche Leben, dass auch ihre 68er-Eltern führten und das auch sie führen werden? Der Gang durch die Institutionen, diesmal aber nicht mit der naiven Vorstellung, dass man diese von Innen heraus verändern könne, sondern mit der Überzeugung, dass es kein Vita Activa gibt, sondern nur die Einsamkeit der/der KritikerIn? Was die jungen AnhängerInnen des neuen postantideutschen Hedonismus5 eint ist die feste Überzeugung, dass die Revolution auf später verschoben werden muss und das emanzipatorische Begehren solange im Lustprinzip aufbewahrt werden muss, bis diese Gesellschaft in ein paar Jahrzehnten, in ein paar Jahrhunderten oder nie an ihren Widersprüchen zerberstet. Mir kommt es so vor, als müsse man sich an nichts mehr in ihrem/seinen Umfeld stoßen, weil ja kein richtiges Leben im Falschen gibt. Es ist die postantideutsche Lifestyleszene, die die Dialektik der Aufklärung nicht als Handbuch der Revolution gebrauchen kann, sondern zur persönlichen Erbauung nutzt.

Sie mögen damit glücklich werden, Kiddies die noch zur Schule gehen und bereits jetzt zu wissen scheinen, dass sie den Kommunismus nicht mehr erleben werden, einen postantideutschen Elektrolifestyle leben und ansonsten die Versuche, das Falsche im Falschen zu verhindern, verlachen. Schade ist es um sie nicht. Was linksradikal sozialisierten Kids abhanden kam ist die Ungeduld des revolutionären Begehrens6, eine radikale Lebenswirklichkeit, die sich an seinem/ihrem Umfeld und den Lebensformen, die die bürgerliche Gesellschaft anbietet, stößt, anstatt sie als notwendiges Übel anzuerkennen. Dabei ist die Frage zu stellen nach dem Ausgangspunkt der Kritik. Wozu betreiben wir Kritik? Zur Selbstvergewisserung, dass man die Gesellschaft verstanden habe, während die anderen Menschen auf der Linken Seite noch immer im Trüben fischten? Radikale Kritik, die mehr ist als das Jargon der akademischen Seminare, hat bei sich selbst und bei ihrer/seiner eigenen Lebenswirklichkeit anzufangen. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang von Lebenswirklichkeit und Kritik. Kritik taugt zu nichts, wenn hinter ihr nicht das Begehren steckt, das eigene geknechtete, unwürdige Leben hinter sich zu lassen. Die Einforderung des schönen Lebens, und zwar jetzt und sofort, ist eine notwendige Bedingung jeder Kritik, die in den letzten zwanzig Jahren aus dem Bewusstsein der Radikalen Linken scheinbar verschwunden ist. Wir wissen, dass die Theorie der Autonomen mehr als dürftig war. Die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen aber hat die Lebenswirklichkeit der Autonomen umwoben. Die Bank passt mir nicht, dann wird die Bank eben platt gemacht. Das Haus gefällt mir, also besetze ich es. Es geht mir hier nicht um die Glorifizierung von Bankenanzünden oder Freiraumkampagnen, sondern um die Einforderung der Revolution im Jetzt und Hier. Es geht um die empfundene Unerträglichkeit der Zustände, die mit einem Handeln verknüpft bleibt. Kritik, die nie als Erbauung diente, sondern zur Handlung trieb. Nahm die Verknüpfung von Lebenswirklichkeit und Kritik bei den Autonomen eher politische Formen an, hat es die Ungeduld der Punks gar nicht mehr nötig, als „Politik“ wahrgenommen zu werden: Kritik als Praxis muss nicht die Formen von politischen Kampagnen annehmen, sondern beginnt damit, dem Polizisten ins Gesicht zu rotzen oder mit dem Casio durch die sonst so leise Innenstadt zu ziehen. Diese Fuck-Off-Mentalität, das Begehren, den Kampf gegen diese Gesellschaft nicht nur auf einer kritisch-reflektierten Ebene zu führen, sondern gegen jede Einrichtung, die uns diese Gesellschaft anbietet, sei es die Familie, die Arbeit, die Klasse oder das Studium, ist dem trendigen postantideutschen Lifestyle fremd. Man sucht die Kritik stattdessen im Strobo, nimmt sich selbst zurück und verfällt der Lethargie, die den Linksradikalismus seit Jahren umgibt7.

Damit man mich nicht missversteht: „Wir wählen immer nur zwischen dem Falschen und dem Versuch, das Falsche nicht zu wiederholen und es wird in den bestehenden Verhältnissen nicht mehr als diesen nie zum Ziel gelangenden Versuch geben.“ Der Moment aber, in dem ich versuche, das Falsche nicht zu wiederholen, weist auf die Möglichkeit hin, mich eines Tages vom Ganzen zu emanzipieren. Er weist auf die Möglichkeit hin – sei sie auch noch so unwahrscheinlich- zu Handeln, einen Bezug zwischen sich und der Geschichte herzustellen. Die Gelegenheiten, in denen wir dennoch immer wieder die zum Scheitern verurteilten Versuche vollziehen, Dinge radikal zu verändern, verknüpfen uns selbst mit dieser Welt. Wenn der Quell der Kritik die Unerträglichkeit des eigenen Lebens ist, so muss sie zur Handlung treiben. Und wenn für eineN so genannteN KritikerIn jedes Handeln zum Scheitern verurteilt ist, dann hat sie/er bereits die politikwissenschaftliche Verkürzung akzeptiert, dass jegliches Handeln Politik sei. Die Lethargie des Kritikers ist die säkularisierte Form des Vita Contemplativa. Das Gegenteil dieser ist die Natalität des Menschen, „der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt“ (Arendt) und das Handeln erst ermöglicht. Die Überzeugung, als Mensch in die Geschichte eingreifen zu können, macht das Handeln zu emanzipatorischen Zwecken erst möglich.

Die Kritik ist kein Lebensgefühl, mit dem es sich gut Leben lässt, sondern die Unzufriedenheit mit dem hier und jetzt, dass dem Bestehenden produktiv zu schaden gedenkt. Für wen die Kritik nur aus akademischem Jargon und Lifestylehedonismus besteht, die/der hat den Bezug zur kommenden Revolte längst verloren. Die/der nimmt die Aufstände nicht einmal mehr wahr, die sich in den Banlieues von Paris oder auf den Straßen von Teheran abspielen. Statt die Unmöglichkeit der kommunistischen Revolution anzunehmen, stelle ich mich lieber ganz in die sich weiter vollziehende Geschichte und betrachte die stattfindenden Revolten auch als die meinen. Was, außer die unantastbare Überzeugung, dass diese Gesellschaft überwunden werden kann, sollte sonst mein Antrieb sein, Kritik zu betreiben?

Von Benjamin Böhm

  1. Dieser Text könnte auch Antideutsch für Deppen Teil 2 heißen. Die Drohungen und Schmäh-SMS, die mir nach meinem Antideutsch-für-Deppen Teil 1 vor mittlerweile fast drei Jahren geschickt wurden, habe ich als Erinnerung an den bayerischen Antifa-Kindergarten noch in meinem Handy gespeichert und kann immer noch herzhaft über sie lachen. Ich frage mich manchmal, was aus ihnen geworden ist, den Bauchantideutschen aus Ober- oder Unterammergau.[zurück]
  2. Danke an meine Mitmieter in der Zellerau! Diese haben mir zur EM abwechselnd durch Egotronic und „Schlaaaaand“-Rufe den Schlaf geraubt und mir erst verdeutlicht, dass beides zusammen möglich ist. [zurück]
  3. Kann man es der jugendlichen Fanbase wirklich verübeln, wenn sie die feinen musikalischen und textlichen Unterschiede zwischen den Partyatzen, der Musik für junge Leute mit Vergewaltigungsphantasien, und Frittenbude, nicht erkennen kann? [zurück]
  4. Ich habe schon interessantere Schülerzeitungen gelesen. Der emanzipatorische Gehalt eines Interviews mit KIZ bleibt mir bis heute unbekannt. [zurück]
  5. Es gilt hier zu betonen, dass dieser Text nicht dazu verwenden werden soll, im Namen von Internet-Antiimps als Kronzeuge gegen die Antideutschen zu fungieren. Die Antideutschen sind tot, und erbärmlich die geistigen Ausdünstungen der meisten ihrer einstigen RepräsentantInnen. Die antideutsche Kritik hat jedoch keinesfalls ihre Berechtigung verloren. Im Rahmen von linken Zusammenhängen lässt es sich aber wohl schwer vermeiden, dass ein Text wie dieser als Anklage gegen die Antideutschen verwendet wird, genauso wie Robert Kurz auch heute noch von den dümmsten unter den AntiimperialistInnen rezipiert wird. [zurück]
  6. Dieser Absatz macht eigentlich zwei Fässer auf, die nur bedingt miteinander in Verbindung stehen. Zum einen wird hier das kontemplative Element der antideutschen Kritik angesprochen. Zum anderen aber auch die Lebensflucht und Todesehnsucht, die hinter dem Selbstbild deren stehen, die man als postantideutsche RevolutionsverfechterInnen bezeichnen könnte. Justus Wertmüller hat darüber vor wenigen Monaten einen ganz lesbaren Text geschrieben. Es wird im Hype #15, noch einmal darauf zurückzukommen sein. [zurück]
  7. Gegen diese Ungeduld richtete sich bereits Lenin, als er den Linksradikalismus als Kinderkrankheit bezeichnete. Ich halte mich da lieber an den Genossen Herman Gorter. [zurück]
  8. Dieser Text wäre ohne die Gspräche mit Asok und Phil_Ill nicht möglich gewesen. Ich hoffe, ihr findet unsere damaligen geteilten Ansichten ein wenig in diesem Text wieder… [zurück]

Neuer abgefahrener Fetisch?

Welcher Hirni googelt eigentlich jetzt schon zum zweiten mal

„Antideutsche Idioten aus Würzburg beim Ficken ertappt“?

Handelt es sich hierbei um einen neuen abgefahrenen Fetisch, wegen dem sich der ein oder andere doch noch Rolläden an die Fenster machen muss?

Interview mit dem Verschmutzer

1/3 Schnaps – 2/3 Bier

Adam B.(1) ist stolzer Verursacher von Kotze, Kot und Urin in der Würzburger Innenstadt. Er entschloss sich kurzfristig für ein Interview mit dem Letzten Hype. Adam B. studiert Soziale Arbeit an der FH Würzburg und sieht seine Taten als eine bittere Notwendigkeit. Das riecht nach Konflikt. Seit 3 Monaten mobilisiert die „Bürgerinitiative Würzburger Altstadt“ (BIWA), angeführt von dem Waffenladeninhaber Snickers – gegen die Verschmutzung und Eigentumsbeschädigungen, die in frühen Morgenstunden von Feiernden ausgehen.

F: Als Verursacher von Dreck und Lärm agieren Sie bereits seit geraumer Zeit. Was veranlasst Sie in die letzten Ecken der Innenstadt ihren Urin abzugeben, den eben eingeschmissenen Döner wieder loszuwerden oder dem Waffenhändler Snickers ein Präsent zu hinterlassen?
A: Was muss, das muss. Was raus muss erst recht. Wo wenn nicht hier, wann wenn nicht jetzt oder wieso erst jetzt? Das hätte schon viel früher passieren müssen. Ich sehe das als Akt zivilen Ungehorsams, gegen das Würzburger Spießbürgertum und im Speziellen das Urinieren an Geschäften eines Waffenhändlers als antimilitaristische Praxis.

F: Ihrer Antwort zu entnehmen sind sie ein politischer Mensch. Wieso vollenden Sie gerade ihre Taten bei Nacht und Nebel und hinterlassen keine Hinweise oder Forderungen?
A: Nein, ich würde mich nicht als politischen Mensch betrachten. Politik betreibt eben gerade die Bürgerinitiative. Ich hingegen bekämpfe nicht Wasser mit Wasser sondern mit Feuer. Politik ist eben nicht mit Politik zu bekämpfen. Aus diesem Grund hinterlasse ich auch keine Hinweise oder Forderungen, da die Tat einzig und allein für sich spricht.

F: Wie kann denn der Otto-Normal-Verbraucher erkennen, dass es sich bei der Kotze nicht um herkömmliche Kotze handelt, sondern um eine Art des Protests. Spricht man dann von einer Protest-Kotze?
A: Das soll er doch im ersten Moment gar nicht. Die meisten werden jetzt denken, es ist doch gar nicht so schwer so zu kotzen als ob man vom feiern käme, aber in Wirklichkeit habe ich fast ein halbes Jahr gebraucht bis ich die richtige Mixtur gefunden habe, die es mir ermöglicht die Kotze genauso aussehen zu lassen. Erfahrungsgemäß ist es wichtig, den Döner schnell in großen Happen zu essen, damit die Brocken, die ja später wieder raus sollen, möglichst groß bleiben. Diese Technik musste ich mir durch stundenlange Beobachtungen von Betrunkenen aneignen. Mittlerweile läuft es ganz gut.

F: Das Aussehen scheint eine große Rolle einzunehmen, aber wie bekommen Sie es denn so hin, damit das Erbrochene auch echtheitsgemäß riecht?
A: Dazu habe ich nach langem probieren die richtige Mischung gefunden. Ein drittel Schnaps, zwei drittel Bier (diese Mischung riecht ganz toll). Aber nicht nur der Duft ist ausschlaggebend für den Erfolg, sondern auch das Umrühren wie es beim Tanzen in der Disco geschieht. Dazu schlage ich kurz vor, dem eigentlichen Kotzakt schnell fünf Purzelbäume hintereinander um mir dann den Finger in den Hals zu stecken. Das ist ein wichtiger Faktor der selten beachtet wird.

F: Die Sperrstunde macht die BIWA zu ihrem Hauptthema. Wie gehen sie mit dieser Problematik um? Es scheint so, als beträfe sie diese gar nicht bzw. Sie machen diese nicht zu Ihrem Hauptanliegen.
A: Die Sperrstunde geht mir links am Arsch vorbei. Pinkeln und Kotzen kann ich so oder so. Doch wenn die Sperrstunde eintreten sollte, werde ich wesentlich mehr zu tun haben, da unwissentliche Unterstützter in Form von betrunkenen Feiernden wegfallen würden und ich deren Arbeit auch noch übernehmen müsste. Dazu trainiere ich jetzt schon dreimal die Woche um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Das zerrt zwar ganz schön an der Substanz, aber um das Notwendige zu tun muss man manchmal Opfer bringen.

F: Sie sprechen gerade so, als ob Sie in ihren Aktionen stets alleine zu gegen sind.
A: Ich arbeite generell alleine. Nehme aber einmal im Monat mit anderen Aktiven an einem Treffen teil um Methoden und Erfahrungen auszutauschen.

F: Vielen Dank! Noch ein letztes Wort an unsere LeserInnen?
A: Lasst uns pinkeln, lasst uns kotzen und dreimal von oben auf Würzburg rotzen!

Das Interview führten Asok und Karl von Medina
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1: Name von der Redaktion geändert

Linksradikalismus und Fußball

Linksradikalismus und Fußball

Über einen Zusammenhang, den man mir noch einmal erklären muss

Mein Onkel wippte ungeduldig auf seinem Sitz umher, nippte hastig an seinem Bierchen. Kein Tor für den Club, seit etlichen Spieltagen. Kein Sieg für den Club: wie sooft. Fluchende Papas und aufgeregte Söhne überall um mich herum. Wir schreiben den Frühling des Jahres 1991 und es war das letzte Mal, dass ich mit einem Verein fieberte.
Ich habe das Interesse am Fußball seit Langem verloren. Umherstreifende Männerhorden, die am Wochenende dann und wann die Innenstädte bevölkern und Dinge rufen, die ich nicht verstehe, machen mir mittlerweile eher Angst. Und die Zeit, die viele Menschen einem simplen Ballsport widmen, scheint mir sinnvoller genutzt, wenn ich Nachmittags noch im Bett liege. Dennoch zählen sich einige meiner Bekannten, mit denen ich auch politisch d‘accord gehe, zu Anhängern von diesem oder jenem Verein. Und mehr als das: Es scheint für sie ein Zusammenhang zu bestehen zwischen linksradikalem Sein und dem Selbstverständnis als Ultra. Seit vielen Jahren versuche ich, diesen Zusammenhang nachzuvollziehen. Es klappt einfach nicht. Dieser Text versucht nachzuzeichnen, was mir so widersprüchlich vorkommt an der Gleichzeitigkeit von emanzipatorischem Linksradikalismus und Fußballfanatismus. Er ist eindeutig als Aufforderung zu verstehen, im nächsten Hype auf die Unterstellungen zu reagieren, die den ganzen Artikel durchziehen.
Linke Lokalpatrioten tun, was linke Lokalpatrioten eben tun: Am Wochenende stehen sie in der Innenstadt, um gegen das böse neue Einkaufszentrum zu demonstrieren, das vollgestopft sein wird mit seelenlosen Fastfood-Ketten. Montag ein Gruppentreffen im Stadtteilladen xy, Dienstag das Engagement für das Bürgerbegehren „Rettet den Feldhamster!“ und am Donnerstag ein Gespräch mit dem Stadtrat der Linkspartei. Wenn sich mal Nazis in der Stadt breit machen, dann steht man auf: Für seine Stadt. Für die Heimat. Sitzt man mit „Zugereisten“ am Tisch, so redet man gerne über seine Stadt: Über das köstliche Essen, die glorreiche Geschichte, die herzlichen Leute, den tollen Verein. Am Wochenende geht man ins Stadion, aber nicht nur um die Mannschaft anzufeuern. Man geht auch ins Stadion um „gegen den modernen Fußball“ zu sein oder gegen den Umbau des Stadions zu einer „Kommerzarena“.
Alles schön und gut. Man nennt das Ganze „zivilgesellschaftliches Engagement“ und ich will ja den jungen PolitikantInnen nicht ihren Spaß verderben. Selbstverständlich ist es gut, wenn bestimmte Ultrasgruppen zum Beispiel rassistische Sprüche aus dem Block verbannen. Die Revolution ist das aber nicht, sondern es ist Lokalpolitik. Heimataktivismus, der zwangsläufig die gleichen verkürzten Formen annehmen muss, wie jedes andere Anliegen, dass seine Polis liebt, anstatt sie in Stücke reißen zu wollen. Man könnte näher auf Sprüche der Ultras eingehen – wie z.B. „Gegen den modernen Fußball“- was genauso sinnvoll ist wie sich gegen den modernen Kapitalismus zu stellen, weil der alte doch so wohlfühlwarm war- aber darum soll es im Folgenden nicht gehen.
Schauen wir erst auf den Mikronationalismus, den Fußballfans ausüben: Die Stadt ist der positive Bezugspunkt, für den Gesungen und sich ab und zu auch geprügelt wird. Aus einer loser Ansammlung von Menschen, die nur das Elend der Wertverwertung eint, wird eine Gottheit: der Verein, die Stadt. Heimatidentität, die Sicherheit und Geborgenheit stiftet in dieser ach so kalten Welt. Im Stadion geht es ja eben nicht nur um eine Mannschaft von 11 Leuten, die man ganz sympathisch findet, sondern es geht um die Ehre der Stadt. Und so agiert man aus der Masse der Fans heraus, lässt sich mitreißen mit einer Masseneuphorie im Block, in der das Individuum verschwindet und der Verein alles ist. Weil man so viel von seiner Stadt hält, fährt man hunderte, zum Europapokal sogar tausende Kilometer weit, um diese zu verteidigen wider die fremden Mächte. Dann und wann, je nachdem, welche Erlebnisse man in dieser Stadt bereits erlebt hat, wird die Fanszene zu einem Mob, der die gegnerischen Fans nur aufgrund ihres Wohnsitzes verabscheut, auch mal die feindliche Innenstadt verwüstet oder Menschen mit unpassenden Fanschals auf die Fresse haut. Im kleinen kommunalen Rahmen vollzieht sich das, was man doch im Großen so verabscheut: eine Art von Mikronationalismus. Die Identifikation mit seiner „Scholle“ und Kultur. Wie kann ich also jemanden ernst nehmen, der am Freitag auf einer Demo „Nie wieder Deutschland!“ ruft, und am Samstag „Kniet nieder ihr Bauern- denn Frankfurt ist zu Gast“ gröhlt? Wie kann man Nazis dafür verurteilen, dass sie das Ausland hassen, wenn für einen das verhasste Ausland schon in der nächsten Großstadt anfängt? Welcher Zusammenhang zwischem antinationalem Linksradikalismus und Fanszene bleibt also, wenn man die MobAction-Jäckchen, Carhartt-Hosen und Antifa-Buttons weg lässt? Eigentlich gar keiner. Gerade die Linke besitzt seit jeher eine naive Symphatie für das „Volk“, dass doch nur von den bösen Kapitalisten verführt werde, ansonsten aber die Freiheit wolle. Dieser linke Antiimperialismus wird zum Glück von vielen mittlerweile verlacht bis verhasst. Die linke Fanszene würde sofort auseinander brechen, wenn sie damit aufhören würde, ihre Stadt zu lieben. Denn wer kann sich eine Fanszene ohne positiven Bezug auf die Heimat denken? Ich zumindest nicht.
Verstörend ist für mich auch die empfundene Gemeinsamkeit der Ultrasszene. Ein Großteil der Ultras in Deutschland versteht sich eher als unpolitisch, dann und wann schmückt man die Tribüne mit etwas wie einem Che-Guevara-Doppelhalter. Che Guevara passt in diesem Zusammenhang ziemlich gut zu den meisten Ultras, gibt es doch kein bedeutungsleereres popkulturelles Symbol als das Konterfei des gefallenen Revolutionärs. Im Fanblock aber, da gehören alle zusammen. Da schließt es sich nicht aus, dass man an einem Tag zusammen seine Stadt supportet, während anderntags die einen Antifas sind, die anderen im Freien Widerstand. Und laut meiner spärlichen Internetrecherche trifft sich die Szene sogar bei nationalen Ultraskonferenzen. Offenbar scheint vielen Ultras die „Bewegung“ derart wichtig zu sein, dass man die politischen Fragen außen vor lässt, um die „Sache“ an sich nicht zu gefährden. Kann man sich ein Skinheadtreffen vorstellen, bei dem Redskins friedlich neben den Skinheads Sächsische Schweiz sitzen und in gemeinsamen Workshops über die Skinheadbewegung debattieren? Oder ein Skinheadfestival, bei dem Sharpskins gemeinsam mit Combat 18 die Ehre ihrer Stadt verteidigen? Wohl eher nicht. Wenn die Verbindung von bestimmten Ultras und dem Linksradikalismus mehr als Mode wäre, müsste man sich dann nicht von einem Großteil der eigenen Fans und der deutschen Ultrasszene distanzieren?Mehr noch: Müsste man dann nicht schreiend aus dem Stadion laufen?
Abgesehen vom Aspekt des Lokalpatriotismus besitzt die Szene noch einen weiteren Aspekt, der doch eher an rechte Stammtischbrüder erinnert als an eine Gruppe mit emanzipatorischem Potential: Ultras sind zum größten Teil Männerbünde. In der Antifa-Szene, die ebenso als männerbündelnder Kreis zu verstehen ist, wird wenigstens noch über Geschlechterrollen und Mackermilitanz diskutiert. Dem Selbstverständnis von überwiegend männlichen Ultrasgruppen unterstelle ich, dass ihre männliche Selbstidentität stark von Selbstzuschreibungen wie „Stärke“ und „Aggressives Auftreten“ gekennzeichnet ist. In Gruppen und natürlich oft nach ein paar Bier verhält sich dann die ach so linksfühlende Szene doch wie eine Horde rechter Dorfgesichter auf der Weinfest, die auf jede Gelegenheit warten, um jemandem auf’s Maul zu hauen. Frauen scheinen nur am Rande eine Rolle zu spielen: Als Freundinnen, die vielleicht mal zu einem Spiel mitfahren, meistens aber zuhause bleibe. Wie fundiert kann das linksradikale Selbstbild eines Ultras sein, wenn die männliche Virilität, die man selbst verkörpern möchte, so überaus unangetastet bleibt? Wenn ich bei Ultras in Horden nichts erkennen kann außer eine männliche Identität, die sich selbst auf Muskeln und Samenstränge reduziert?
Der einzige Zusammenhang zwischen emanzipatorischem Linksradikalismus und Fußball ist wohl der modische Aspekt. Die Absage an jegliche Form von Lokalpatriotismus, Heimatduselei und Männergepose ist ein Ziel, dass mit Fußballfanatismus recht wenig zu tun hat.
Love minigolf, hate football!

Benjamin Böhm

Der Räuber im Gendarmen

Der Räuber im Gendarmen

Überlegungen zum Innenleben der Ordnungsmacht während der Verkehrskontrolle

Würzburg bei Nacht. Geruhsam vor sich hin schlummernd, und trotzdem, geradezu auf eine paranoide Art und Weise, wachsam, ängstlich und stets bis auf die Zähne bewaffnet. Die einzigen Automobile, die mir in an diesem frühen Dienstagmorgen begegnen, sind Taxis und Streifenwagen. Und glauben sie mir: Ich leide nicht an Wahnvorstellungen, wenn ich auch alle anderen Autos, die mir entgegenkommen, für zivile Einsatzfahrzeuge halte. Das zeigt die bittere Erfahrung unzähliger Verkehrskontrollen, inklusive Drogentests, Autodurchsuchungen und weiteren Demütigungen. Aber das ist eine andere Geschichte. Sollte es dennoch einmal passieren, dass eine Privatperson des Nachts den öffentlichen Raum benutzt, um von A nach B zu gelangen, stürzt sich die Ordnung auf diese wie eine Meute hungriger Wölfe, denen du ein Stück Fleisch vor die Füße wirfst.
Und so werde auch ich, in meinem Kleinwagen mit kaputtem Bremslicht, ein Hors d‘oevre für das grüne Rudel. Nur kein Hauptgang werden. Eine Polizeistreife stand an ihrer Lieblingsstelle und ließ sich das berühmte „wir-folgen-Dir-einige-hundert-Meter-und-hoffen-dass-du-nervös-wirst-Psychospiel“ nicht entgehen. Nun leuchtet „Stop-Polizei“, wie immer in Blutrot. Zwei junge, engagierte Ordnungshüter steigen aus. Es sind alte Bekannte, obwohl ich die beiden Jungspunde noch nie gesehen habe. Was ich an ihnen wiedererkenne ist dieses selbstsichere, furchteinflößende und doch so leere Grinsen, das Polizisten, die die Schnauzbartzeit noch nicht erreicht haben, kennzeichnet. Und noch etwas kommt mir bekannt vor: die Gelfrisur. Niemand sonst schmiert sich eine solch übertriebene Menge Pomade in die Borsten und formt diese zu einer „Frisur“, die selbst David Beckham hätte sein lassen sollen.
Ein erster Feindkontakt. Langsam kurbele ich das Fenster hinunter. „Guten Morgen, Polizeikontrolle. Führerschein und Fahrzeugpapiere!“ Wortlos übergebe ich meine Papiere. Auch sein unterfränkischer Zungenschlag hört sich für mich vertraut an. Ich muss an meine Schulzeit auf dem Dorfe zurückdenken, an Fünfer in Latein und Mathe, an Händchenhalten in der Geisterbahn, an Brausestäbchenessen im Freibad und an all die einstigen Klassenkameraden, die heute ihrem beschissenen Job nachgehen.Und ich muss auch an Coco und Ralle1 denken. Sie waren die Coolen von der Schule2, mit einer Attraktivität für das weibliche Geschlecht ausgestattet, die eben nur auf dem Lande existiert: Die coolen Fußballtypen, stets mit abgedroschenen Sprüchen auf den Lippen, kleinen Prügeleien auf dem Pausenhof nie abgeneigt. Immer auf eine Art und Weise bedrohlich auftretend, vor allem gegenüber dummen Strebern oder Fettsäcken wie mir. Die typischen Halbstarken also, die auch mit 20 Jahren noch ihre 15 Jahre alte Freundin mit dem GTI von der Schule abholen werden. Damals, in der fünften oder sechsten Klasse, gingen bestimmt einige Eltern davon aus, dass den beiden Fußballhelden, denen die Faust so locker sitzt, eine kleinkriminelle Zukunft bevorstehe. Es kam anders: Beide wurden Polizisten.
„Herr Arthur, schon mal was mit der Polizei zutun gehabt?“ Ich hasse diese rhetorischen Fragen, diese vorhersehbaren Spielchen auf den Nerven verängstigter Autofahrer. Sollte ich wirklich einen Eintrag in irgendeinem Polizeiregister haben, so wissen dies die Ordnungshüter spätestens nach der Überprüfung meiner Daten per Funk. Aber zurück zu Coco und Ralle: Ich habe mich oft gefragt, wie sich ein Polizist im Moment der Verkehrskontrolle fühlt. Ob er es befriedigend findet, Leuten von Berufswegen psychisch, manchmal auch körperlich, zu schaden. Ob er zu Hause seiner Freundin stolz davon erzählt, wie vielen Kiffern er diese Woche ihren Führerschein entzogen hat, genauso wie ein Jäger damit prahlt, wie viel Wild er des Nachts erlegt hat. Und wenn ja, woher stammt der Antrieb, selbst den kleinsten Delikten nachzugehen? Coco und Ralle wurden Gendarmen- aber in ihrer Kindheit und Jugend waren sie eher die Räuber. Die Clique, die sich aufspielte, als gehörten ihr alle hübschen Mädchen, DFB-Pokale und dein Pausenbrot. Ihre Allmachtsphantasien wurden Realität: Coco und Ralle müssen sich heute nicht mehr einbilden, ihnen gehöre die Welt: Der Polizei gehört sie zumindest mehr als mir, wie ich in diesem Moment erneut feststellen muss.
„Haben die heute Abend Alkohol getrunken oder illegale Drogen konsumiert?“. „Nein“. Der eine Polizist holt eine Taschenlampe und leuchtet mir damit in meine Augen. „Ihre Pupillen reagieren überhaupt nicht!“, faucht es aus ihm heraus. Die Tricks der Ordnung sind derart vorhersehbar, derart dämlich, dass ich darüber nicht einmal mehr lachen kann. Hat man diese Prozedur einige Male mitgemacht, dann verwandelt sich die Angst vor der Polizei irgendwann in Häme oder blanken Hass. Es handelt sich um die Masche, einfach zu behaupten, dass man keine Reaktion zeige, um Menschen nervös zu machen. Und dieses Herumfuchteln mit der Taschenlampe erinnert mich erneut an einen Halbstarken, der sein Springmesser an meine Kehle legt. Und meine Schulkameraden Coco und Ralle? Aus zwei jugendlichen Räubern wurden am Ende Gendarmen. Woher der Antrieb, woher die Akribie rührt, Kleinkriminellen ihr Dope wegzunehmen oder das Wort „Bulle“ als Beleidigung zu registrieren, konnte ich nie verstehen. Vielleicht habe ich nun endlich eine Antwort gefunden. Aus Räubern wurden Gendarmen. Gendarmen jagen Räuber und jagen dadurch die eigene Lust am Ganoventum. Verdrängen durch ihre Arbeit den gesetzeslosen Teil ihrer selbst, der tief unter der Oberfläche ihres Ichvergraben liegt.
Wie aus dem Nichts reicht mir der Polizist auf einmal meine Papiere und verabschiedet sich mit „OK, alles klar, einen schönen Morgen noch!“ in die Nacht. Danke auch. Wenigstens war ich der Polizei kein Hauptgang. Ich habe mich nie mit ihnen versöhnen können, mit den Herren in Grün, obwohl ich es mir längst abgewöhnt habe, irgendeinen Beruf, den die bürgerliche Gesellschaft gebärt, moralisch verurteilen zu wollen. Außer den Polizeiberuf.
Die Erkenntnis aber, dass auch Polizisten vermutlich nur kleine Ganoven wie du und ich sind, macht mich seitdem froh.

Von Arthur Anna
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1: Namen von der Readaktion geändert

Antifadebatte

Der Hype heißt (noch) nicht Phase 3. Trotzdem hier eine kleine Antifadebatte….

(So Gott will, wird der Hype 14 bald erscheinen. Da ich sehr ungeduldig bin, werde ich jetzt ein paar Texte aus dem Hype 14 hochstellen. So.)
Im Hype Nr. 11 formulierte ich einige Thesen über Scheitern, Konsequenz und Gebrauchswert des Autonomen Antifaschismus, die aber bisher nicht online gestellt wurden. Hier wird auf einige der Thesen geantwortet, was auch im Hype 14 nachzulesen sein wird. Wenn ich Lust darauf habe, werde ich im Hype 15 eine Antwort formulieren.
Anbei der Text über den Autonomen Antifaschismus aus der #11:

Thesen über Scheitern, Konsequenz und Gebrauchswert des Autonomen Antifaschismus

Totgesagte leben länger: Weder durch die rot-grüne Institutionalisierung des Antifaschismus ab 2000 noch durch die Spaltung der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite (AA/BO) scheint das Konzept der Autonomen Antifa als letztes popkulturelles Phänomen der radikalen Linken für Jugendliche seine Bedeutung verloren zu haben. Die folgenden Thesen sind eher an diejenigen gerichtet, die sich im Antifa-Umfeld bewegten und bewegen. Diskussionen über das Für und Wider des Konzeptes Autonome Antifa veranlassten mich, diese niederzuschreiben, um vielleicht auch in anderen Kreisen Debatten anzustoßen oder wenigstens, um ein paar Dogmatiker zu ärgern.

1.Das Konzept der Autonomen Antifa als Nachhall der autonomen Bewegung hat sich selbst ad absurdum geführt. Nicht die Vollendung der linken Staatswerdung durch die rot-grüne Regierung und die damit einhergehende Institutionalisierung des Antifaschismus, sondern die Unfähigkeit, Rassismus, Faschismus und insbesondere offenen und strukturellen Antisemitismus nicht als pathologische, sondern als aus dem Wesen der deutschen Gesellschaft selbst hervor kommende Erscheinungen zu begreifen, nimmt dem Autonomen Antifaschismus seinen Gebrauchswert als eines der letzten Milieus, in dem der Gedanke der Überwindung des Staates hauste und haust.

2.Das Zerbrechen der bundesweiten Organisationsversuche, insbesondere in Form der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Aktion (AA/BO), und die Konfliktlinie des Nahost-Konfliktes führten dazu, dass es heute nicht mehr möglich ist, von der Antifaschistischen Bewegung als Ganzes zu sprechen, geschweige denn, diese begrifflich zu fassen. Alle Versuche, den Begriff „Antifa“ als Kitt zu verwenden, um die Bewegung als Ganzes zu mobilisieren, ist lediglich der Versuch, die legitimen Brüche und Gedankengänge der radikalen Linken glattzubügeln und eine diffuse antifaschistische Bewegungslinke auf dem theoretischen Stand von 1989/90/91 zu erschaffen.

3.In Gegenden ohne offensiv in Erscheinung tretende Nazi-Szene ist das Label Antifa kaum mehr als eine Beschäftigungstherapie für gelangweilte Jugendliche. Antifa-Recherche und antifaschistischer Lifestyle in Form bestimmter jugendkultureller Symbolsprache haben natürlich in Regionen mit einer festen Neonazis-Struktur ihre Berechtigung. In gewisser Weise drückt sie aber in Gegenden ohne rechtsradikale Szene die Unfähigkeit der Antifas aus, eine radikale Kritik an der gesellschaftlichen Gesamtheit zu artikulieren. Durch die Fixierung auf den Feind Neonazismus meint man, ein klar auszumachendes Subjekt des falschen Ganzen gefunden zu haben, gegen das es zu kämpfen gilt, ohne sich gegen dieses Falsche Ganze selbst zu stellen.

4.Die zahlreichen Neugründungen von Antifa-Gruppen haben wenig mit einem neuerlichen Revival des klassischen Konzeptes der Autonomen Antifa zutun, sondern zum einen mit der Tatsache, dass aktionistische Jugendliche das Web 2.0. für sich entdeckt haben und es viel leichter geworden ist, durch Internet-Präsens seinen Freundeskreis als eine verfassungsfeindliche Gruppe namens Antifa XY hochzustilisieren, zum anderen mit der Kult-Werdung des Konzeptes Antifa und einem damit verbundenen ästhetisierten Militanzfetisch, der als bloße Drohung im Raum steht und sich somit zum Kitsch geriert.

5.Was Fragen von Geschlechterverhältnis und Sexismus angeht, ist der Autonome Antifaschismus sogar hinter die Autonomen der 80er zurückgefallen. Die Antifa blieb ein heterosexuelles Männerphänomen. Aus der vermeintlichen Präsenz von Stärke gegen die Neonaziszene wurde und wird nicht selten ein Fetisch von proletenhafter Virilität, und in Verbindung mit Alkohol wird aus Antifa-Freundeskreisen oftmals nichts anderes als ein aggressiver Männerbund.

6.Mit der Krise der Wertverwertung, besonders deutlich durch die dritte industrielle Revolution, verschwand nicht nur die klassische fordistische Arbeiterklasse als vermeintliches revolutionäres Subjekt der StaatskommunistInnen, sondern es verflüchtigte sich auch das links-bürgerliche Milieu samt seiner Lebensweise, aus dem ein Großteil der AntifaschistInnen stammen. Ob bewusst oder unbewusst, so stellen bestimmte „Ideale“, die in der Antifaschistischen Bewegung hochgehalten werden, nichts anderes dar als eine bürgerliche Krisenideologie, nichts anderes als den Versuch, das kleinbürgerliche Idyll gegen die aktuelle ökonomische Realität zu verteidigen, statt beide als Kehrseite der kapitalistischen Medaille zu betrachten. Beispielhaft seien zum einen der Versuch der meisten Antifas genannt, an der Universität Fuß zu fassen oder LehrerIn zu werden und somit fleißig am eigenen Hineinwachsen in den Staat zu arbeiten , zum anderen die Verteidigung der eheähnlichen bürgerlichen Zweierbeziehung und die damit einhergehende Ablehnung andere Formen von Sexualität, im schlimmsten Fall die pauschale Bezeichnung derer als sexistisch.

7.Wer sich heute noch autonomeR AntifaschistIn nennt, muss sich spätestens seit den Brüchen von 2000 bis 2003 bewusst sein, dass der Ausspruch „dieser Ort ist bunt!“ nichts anderes ist als der Schutzreflex der Heimatidentität, deren Klima den (Neo-)Faschismus selbst hervorgebracht hat. Im dem Moment, in dem sich auch Antifa-Gruppen an die Seite einer bürgerlichen Protestkundgebung stellen, die behauptet, die Region sei bunt, spricht sie zur Erhaltung der Kaffharmonie eine offene Lüge aus, noch mehr: Sie macht sich selbst zum Teil des gesellschaftlichen Klimas, aus dem heraus der Nationalsozialismus und Neonazismus entstanden.

8.Jede Gruppe, die sich in irgendeiner Weise antifaschistisch definiert und sich auf den Autonomen Antifaschismus bezieht, müsste die Kritik an strukturellem Antisemitismus und an Antizionismus mit einschließen, nicht ohne den Bruch mit jenen Linken, die den Kapitalismus auf der Grundlage von Verkürzungen kritisieren, die leicht an antisemitische Denkmuster andocken, zu scheuen. Die Unfähigkeit, das Gros der Bewegungslinken zu verlassen, hat viel dazu beigetragen, dass man die meisten Antifa-Gruppen als eine Art von militantem Arm des sozialdemokratischen Antifaschismus bezeichnen kann.

9.Genauso wie viele die kommunistische Kritik teilen, ohne sich mit den Überbleibseln des Staatsmarxismus als Bewegung zu identifizieren, müssen AntifaschistInnen fähig sein, den Kitt mit Namen „Antifaschistische Bewegung“, der nichts zu bieten hat als die Erinnerung an die 90er Jahre und der längst die historische Relevanz für KritikerInnen verloren hat, aufzukündigen. Einfach und allein aus dem Grund, um auf der Grundlage einer radikalen Kritik an den Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft wie Wert, Nation, Staat und Arbeit, die bereits im Autonomen Antifaschismus, aber in unklarer Form, enthalten war, das Projekt der Emanzipation voran zu treiben, statt Staat machen zu wollen.

Yvonne Hegel

Angst und Verzweiflung in Würzburg

„Wir sind der Meinung, dass in der Würzburger Altstadt seit einiger Zeit eine Unkultur des Lärms, der Verschmutzung und der Verrohung Platz greift.“ (Bürgerinitiative Würzburger Altstadt)

„Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.“ (Hunter S. Heumann, Grillanzünder ausverkauft)

Mich plagten Magenbeschwerden an diesem trägen Dienstagabend. Doch das Grummeln und Murren, dass unter den Bürgern dieser Stadt ausgebrochen war, übertraf das Wehklagen meines Verdauungsorgans bei Weitem. Eine Welle der Empörung über lärmende Jugendliche, urinierende Studenten und kotzende Marienkäfer war unter dem Plebs ausgebrochen. Und ausgerechnet heute, zum Termin dieser unterhaltsamen Versammlung in Rathaus, wollte ich mein Essen auch am liebsten wieder heraus brechen. Ganz tapfer schleppte ich mich dennoch in den Ratssaal, um der Aussprache über den „Zielkonflikt“ zwischen Gastronomie und Anwohnern der Innenstadt beizuwohnen, zu der der Herr Oberbürgermeister geladen hatte.
Die Ankunft im Ratssaal entpuppte sich als herbe Enttäuschung: Keine Lachshäppchen, kein Frankenwein, keine weichen Sessel mit Massagefunktion. Und keine Begrüßung mit Handschlag durch Herrn Rosenthal oder wenigstens durch irgendeine B-Prominenz der Linkspartei. Und die Kollegen der Presse saßen bereits weich in ihren Sesseln, ohne dass sie mir einen Platz vorgewärmt hätten. Na gut. Gezwungenermaßen nahm ich also auf der Empore Platz. Beim Blick in die Runde erblickte ich recht wenige sympathische Gesichter, zu denen ich mich gesellen wollte. Überall bedrohlich wirkende Würzburger, in deren Gesichtern der Zorn mehrerer Jahrhunderte Unterfranken gezeichnet stand. Das sympathischste Eck befand sich rechts des Rednerpultes. Hier roch es nach Tabak und Schweinsbraten. Die Männer hatten dicke Bäuche und wilde Bärte. Ohne Zweifel: Hier mussten die Wirte sitzen. Ich ließ mich nieder.
Im Vorfeld stellte ich mir die Versammlung wie folgt vor: Gastronomen und die Bürgerinitiative Würzburger Altstadt würden sich anschreien, ein kurzes Handgemenge, am Ende würde sich Bernd Mars zur Volkstribunen ausrufen lassen und das wehrhafte Bürgertum mit Waffen ausstatten. Es kam ganz anders. Herr Oberbürgermeister Rosenthal ergriff das Wort. Unter anderen Themen, die mich nicht weiter interessierten, gehe es heute über den „Zielkonflikt“ Wohnen vs. Gastronomie. Rosenthals Stimme klang sanft, aber bestimmt. Dabei immer sichtlich bemüht, die aufgebrachten Menschen zu beruhigen. Ob der Bürgermeister ebenso wie ich fürchtete, dass der Plebs heute nacht noch zu einem brandschatzenden Mob werde, der Imbissbuden plündere und Tankstellen, die noch immer Branntwein verkauften, abfackele? Ich weiß es nicht. „Es ist nicht so, dass die Stadtverwaltung nicht handelt.“ Man habe ein engmaschiges Informationsnetz gebildet, jeder Vorfall werde dem Ordnungsreferat mitgeteilt. Mein Magen rumorte. Sollte das Ordnungsreferat schon morgen früh wissen, wohin ich mein Mittagessen gespuckt haben werde? Ein furchterregender Gedanke, wahrlich. Und dann entpuppte sich Rosenthal als ein Mann der politischen Visionen, die doch in einer Zeit, in der viel geredet, aber nichts gesagt wird, so fehlen. Es werde immer Zielkonflikte geben, wir müssten aber „ein anderes Miteinander organisieren“ in dieser Stadt. We need a change. Ein neues Bewusstsein. Rosenthal: Wird er als Mann der großen Utopien Würzburg, vielleicht aber auch die deutsche Sozialdemokratie, erretten?
Nun sprach Ordnungsreferent Kleiner. Die schwarzen Schafe in der Gastronomie seien bekannt. Man werde die Kontrollen verstärken. Und noch mehr: die Wirte scheinen unter Bewährung zu stehen. Denn in den nächsten Wochen stünde die Gastronomie unter besonderer Beobachtung, gegen jede Störung würden rechtliche Schritte unternommen werden. Ein Würzburg mit noch mehr Kontrollen? Wie viele Polizisten und Ordnungsdienste will man denn noch zu Tode langweilen? Ich malte mir kurz aus, wie eine Bürgerwehr des Schreckens in den Straßen patrouilliert, mir mit einer Peitsche das Pils aus der Hand schlägt und mich zum Lachen in eigens dafür eingerichtete Keller schickt.
Als nächstes sprach Polizeidirektor Ehmann und legte die schockierende Statistik auf den Tisch: Im Vergleich zu 2008 gab es 48 Ruhestörungen mehr! 48! Und dass in einem Jahr ohne Fußballweltmeisterschaft! Ich kenne Menschen, die in einer Nacht 48 Ruhestörungen verursachen könnten. Ganz alleine und ohne Mittäter. Vielleicht sollte ich meinen Freundeskreis wechseln. Aber das ist eine andere Geschichte. Als Herr Ehmann ankündigte, man werde in Zukunft vermehrt Fußstreifen einsetzen, setzte zum ersten Male an diesem Abend ein spontaner Applaus ein. „Wir wollen berittene Polizei!“, fauchte ein Mann neben mir. Wo, zur Hölle, saß ich hier? Die Menge wirkte auf mich immer furchteinflößender, morastiger, blutrünstiger. Hier und da vollzogen sich spontane Wutausbrüche. Eine Frau mittleren Alters mit einer an sich schönen Handtasche stotterte etwas, von dem ich lediglich „Studenten“ und „Frechheit!“ verstand. Eine bedrohliche Situation. Zum Glück war ich kein Student, sondern freier Journalist und PSI-Forscher, aber würde mir das der Mob glauben?
Endlich begann der vielversprechendste Teil der Versammlung: die Wortmeldungen des Publikums. Für einen erlebnisorientierten Jugendlichen wie mich waren diese eine herbe Enttäuschung. Kein Geschrei, keine Prügelei und verdammt noch mal keine Lachshäppchen. Wobei ich auch froh sein kann, dass es so ruhig blieb: Wer weiß was passiert wäre, wenn die Stimmung in Saal umgekippt wäre? Vielleicht hätten mich schlaflose Bürger als potentiellen Ruhestörer ausgemacht, mich in ihre mittelalterlichen Keller gezerrt und mich dort mit glühenden Eisenstangen bearbeitet? Zurück zum Thema: Nach einigen eher unwesentlichen Wortmeldungen ergriff endlich eine Person das Wort, deren Tonfall auch endlich so hysterisch klang wie die Wortwahl der Bürgerinitiative. „Ham sie schon mal den Inneren Graben gesehen?“ fragt Frau R. „Es ist furchtbar!“ Sie klagt über Müll und Ratten. Eine Frau, die den Würzburgern anscheinend aus der Seele spricht. Und wieder ertönt dieser spontane Applaus, der mit Angst machte. Große politische Visionen können Zorn in Zuversicht verwandeln. Und Hass in Liebe. Daher spricht Herr Rosenthal auch hier vom Change. Vom neuen Bewusstsein, dass uns alle betrifft. „Jeder kehrt vor seiner eigenen Haustüre.“ Jeder ist mitverantwortlich, dass die Straßen sauber bleiben. Yes, Wü can!

(Im Übrigen: Yes-Wü-Can-T-Shirts gibt es für „saugünstige“ 14.50 € beim Udo an der Theke. Aber das ist ein anderes Thema)

Was darf bei keiner Diskussion, die die deutsche Volksseele betrifft, fehlen? Richtig erraten, die Junge Union! Peter Schlecht ergriff das Wort für diese. Als erstes forderte er statt einer Verlängerung der Sperrzeiten mehr Toilettenhäuschen und Mülltonnen. Löblich. Ich fordere dagegen Spätsupermärkte, Gewalterlebniszonen und mehr Kneipen mit durchgehend warmer Küche. In der Welt, wie sie sich Peter Schlecht vorstellt, herrscht Ordnung: Er wohne schon sehr lange in der Innenstadt. Aber er sei nicht ein einziges Mal in der Innenstadt kontrolliert worden. Hat er das wirklich gerade gesagt? Eine als Aussage getarnte Forderung, ohne erkennbaren Grund des Nachts kontrolliert zu werden? Die Welt, die sich Peter Schlecht im Kopf ausmalt: ich wage nicht einmal zu erahnen, was da so in den Träumen der jungen Politikanten vorgeht. Und dann kam sie doch tatsächlich noch, die Forderung, dass private Bürgerdienste zum Wohle der Ordnung eingesetzt werden. Die Bürgerwehr also. „Ich habe die schönsten Momente nachts erlebt“, schloss Herr Schlecht seine Rede. Auch ich habe die schönsten Momente nachts erlebt. Aber zum Glück ohne die Bürgerwehr. Und ohne Peter Schlecht.
Eine tiefe, sonore Stimme erschütterte meinen Magen. Er sprach: Bernd Mars. Von der Bürgerinitiative Würzburger Altstadt (BIWA), der Hüterin von Zucht und Ordnung, der Rächerin der Entrechteten. Würde Bernd Mars nun seine Kandidatur zum Bürgermeisteramt bekanntgeben und getragen von einer Welle des Applaus‘ die Rebellion des Volkes ausrufen? Es kam anders. Herr Mars bemühte nicht das Jargon der Bildzeitung, dass die BIWA bisher an den Tag gelegt hatte. Konkrete Forderungen wurden dargelegt: Er wolle keine Disko am alten Kranen, sondern einen runden Tisch wie in Heidelberg. Was auch immer dieser runde Tisch in Heidelberg sein mag. Doch Herr Mars ist nicht nur ein Aktivbürger, sondern auch ein Mahner, das moralische Gewissen dieser Stadt. Es handele sich um ein gesellschaftliches Problem. Das Problem seien die jungen Leute, die „Vorglühen“, und „Party haben wollen“. Es gelte die Missstände auszumerzen, schloss Herr Mars seine Rede. Ein kalter Schauer fuhr mir über den Rücken. Wenn zornige Bürger vom Ausmerzen reden, fürchte ich das Schlimmste. Was oder gar wer soll hier ausgemerzt werden, und wie? Diese Frage lässt Herr Mars offen. Die BIWA- sie wird uns noch das Fürchten lehren.
Dann war das Schauspiel irgendwann zu Ende. Sperrzeiten, Diskolizenzen, Fußstreifen, Bürgerwehr. Irgendetwas bedrohliches vollzieht sich in dieser Stadt. Irgendetwas unheilvolles geht in Würzburg vor. Es wird nicht nur mir Magenschmerzen bereiten. Guten Appetit!

Hunter S. Heumann

Grillanzünder ausverkauft

Hartmut Feuerteufel (48) bestreitet Vorwürfe

Als unschuldige Autos im Juli diesen Jahres von einem Mann namens Feuerteufel heimgesucht wurden, entschied ich mich, für meine Recherche tief in das Milieu einzutauchen, das sie die Zellerau nennen. Ich nahm eine neue Identität an und zog zwei Monate in das Herzen eines von inneren Widersprüchen zerrissenen, nach lodernden Brandbeschleunigern riechenden Stadtteils. Welche Motive und Schallplatten besitzt der Täter? Warum brannten bisher nur Mülltonnen, aber noch nie ein Altkleidercontainer? Wer ist der Mann, der mir gegenüber auf der Couch sitzt und was gibt es morgen zum Mittagessen? Das alles sind Fragen, die mich überhaupt nicht interessieren und deren Antworten sie in diesem Artikel vergeblich suchen werden. Mein Interesse galt einzig und alleine der 2000-€-Belohnung, die mir die Polizei schenken würde, wenn ich zur Ergreifung des Täters beitrüge.
Zellerauer Plunder, entkoffeinierter Kaffee, eine geblühmelte Tischdecke, die ihre besten Tage hinter sich hat. Ich sitze in Roswitha Murgelhofers Esszimmer, zu dem ich mir mit Hilfe des Enkeltricks Zutritt verschafft habe. Frau Murgelhofer ist an die 80 Jahre alt, eine kleine, hagere Dame. Ihr Kleid sieht ihrer Tischdecke täuschend ähnlich und sie riecht aus dem Mund. Aber das ist eher unwichtig. Seit 80 Jahren lebt sie in der Zellerau, seit 80 Jahren glotzt sie aus dem selben verdammten Fenster. Wenn jemand weiß, wie der Feuerteufel aussieht, dann sie. Die sympathische Dame erzählt viel, freut sich über einen Besuch ihres Enkels- ich habe sogar einen Blumenstrauß mitgebracht- und weiß auch über den Brandstifter zu berichten. Da sei manchmal einer nachts unterwegs gewesen- der habe mit Akzent gesprochen und sei wohl auch nicht von hier gewesen. Ich lege Frau Murgelhofer einen Kugelschreiber in ihre tattrigen Händchen und bitte sie, ein Phantombild des Verdächtigen anzufertigen. Als sie nach einer halben Stunde fertig ist, weiß ich, dass das eine Scheißidee war. Ich bedanke mich, lasse mir noch ein paar Stückchen Kuchen einpacken, „leihe“ mir 500 € und ziehe von Dannen.
Nächste Station Dosenbier. In der Tankstelle fallen mir zwei Dinge auf: Zum einen braucht man sehr große Einkaufstüten, wenn man für 500 € dänisches Dosenbier kaufen möchte. Zum anderen sind zwar Instant-Grills vorrätig, die Grillanzünder jedoch sind ausverkauft. Ausverkauft!Verdächtig!! (Lass das mit den ständigen Ausrufezeichen, Trottel!) Hat sich der Täter etwa mit Wunderblitz Grillanzündern bevorratet, um noch mehr unschuldige Kraftfahrzeuge mit in den Tod zu reißen? Etwas verwirrt teilt mir die Dame von der Tanke mit, wie der typische Grillanzünderkäufer in etwa aussieht: Bierbauch, Jogging-Hose, meistens kaufe er sich noch ein paar Bratmaxe. Endlich mit einem Täterprofil im Kopf verlasse ich zufrieden die Tankstelle.
In den folgenden Tagen hänge ich an den einschlägigen Treffpunkten der Zellerauer Jugend ab und stelle mich als neuer Sozialpädagoge vor. Mir wird deshalb, völlig zurecht, stündlich in den Bauch geboxt. Einen Boxenstop legen die Jungs aber sofort ein, als die furchteinflößenden Herren mit Kampfhund und Schneetarnbomberjacke auftauchen. Man habe eine Zellerauer Bürgerwehr gegründet, da es so ja nicht weitergehe, erläutert mir wenig später einer der drei jungen Männer, während die anderen beiden fieberhaft damit beschäftigt sind, böse zu gucken. Einen guten Tipp, wer denn der Feuerteufel sein könnte, können mir die Halbstarken aber auch nicht geben.
Etwas zynisch finde ich es, dass man in einer Metzgerei „Feuerteufeli“ bekommt. Das sind Landjäger, die neben Schweinefleisch und Nitritpökelsalz auch eine gehörige Portion scharfes Paprikapulver enthalten. Noch viel zynischer wird die Angelegenheit, als ich einen fettleibigen Polizisten dabei ertappe, wie er sich mit seinem Landjugendgrinsen eine solche Wurst bestellt, diese an einem Stück in seinen Rachen rammt, einen Schluck Selters trinkt und anschließend „Brand gelöscht“ albert. Sein Kollege und er lachen, wie Polizisten eben lachen.
Ich komme so nicht weiter. Keine heiße Spur, auch nach Wochen nicht. Die Verzweiflung bringt mich sogar soweit, dass ich eines abends mit einem eher weniger schlauen Hippie im Denklerblock sitze, Dosenbier trinke und mir seine Fabeln über Hohlwelten, Naziufos und geheime Weltregierungen anhöre. Plötzlich bringt mich die Vertonung von geistigem Dünnschiss, die unentwegt aus seinem Mund sprudelt, auf eine Idee: Sein Gebrabbel von Menschen, deren Körper einfach verbrennen, ohne erkennbaren Grund, die These von der Spontanen Menschlichen Selbstentzündung (SMS) also, macht mich nachdenklich. Laut SMS-Theorie sei es möglich, dass Menschen einfach so anfangen zu brennen, einfach so nebenbei beim Abendessen zum Beispiel. Wenn die SMS-Theorie war wäre- was sie nicht ist- könnte es dann sein, dass auch Mülltonnen, Autos oder Kruzifixe spontan Lust darauf haben, in Flammen aufzugehen?
Diese Gedanken rauben mir den Schlaf. Eines morgens mache ich mich auf den Weg nach Kulmbach, um den weltbekannten, zurecht unanerkannten Parapsychologen Kasimir von Pützlitz zu besuchen. Von Pützlitz wohnt in einem stattlichen fränkischen Fachwerkhaus, das die besten Tage hinter sich hat und an dessen Westseite das Wort „Karma“ geschrieben steht. Eine nach Patchoulie duftende, in geheimnisvollem Ton flüsternde Frau sitzt im Foyer an einem Couchtisch. Auf dem Tisch: Tarot-Karten, eine Flasche Absinth, ein Streichholzschächtelchen, auf dem „Zünftiges aus Zirndorf“ steht. „Wir haben sie bereits erwartet“, zischt die aufregende Dame in geheimnisvoller Weise und zeigt auf eine Türe hinter sich. In diesem schwach beleuchteten Raum sitzt Kasimir von Pützlitz, welcher ein Gewand aus Kartoffelsackstoff an hat. Auf diesem Gewand steht „vorwiegend festkochend“. Von Pützlitz spricht in einem penetranten schwäbischen Akzent, was mich zum einen verwirrt, zum anderen an Käsespatzen mit Röstzwiebeln erinnert.

Jamjamjam, Käsespatzen mit knusprigen Röstzwiebeln. Ein Gedicht.

Auf die Frage nach der Möglichkeit, dass sich nicht nur Menschen spontan selbst entzünden könnten, sondern auch Gegenstände, muss der langhaarige Parapsycho lange nachdenken. Er muss sogar so lange nachdenken, dass ich kurzzeitig denke er sei eingeschlafen oder gar verstorben. Plötzlich blickt er hastig auf seinen „Astro-Kalender 2009“, sagt mir, dass gerade Jahr des Büffels sei und dass er Schlimmes befürchte. Auch der schiefe Turm von Kitzingen oder das Thomas-Gottschalk-Denkmal in Bamberg seien von Feuerteufel bedroht, wenn nicht eine Kraft erscheine, sie alle zu knechten, sie alle zu finden ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden blablabla. Selbst Frau Murgelhofer oder der Hippie scheinen mir vertrauenswürdiger als dieser schwäbische Scharlatan mit schmutzigen Fingernägeln, jedoch genügt mir für meine Recherche, dass er meiner zweifelhaften These zugestimmt hat.
Zurück in der Zellerau erschrecke ich, als ich den Namen Hartmut Feuerteufel auf einem Klingelschild in der Nähe meiner Wohnung entdecke. Sollte die Lösung so einfach sein? Wohnt hier der Feuerteufel höchstpersönlich? Und bekomme ich jetzt endlich die 2000 €? Was schmeckt besser, Soja oder Seitan? Ich klingele an seiner Türe, mir erscheint ein Mann Ende 40 mit einem stattlichen Schnauzbart und einem Morgenmantel an. „Entschuldigen sie, sind sie der Feuerteufel?“ „Gewiss doch.“ Kann man dies schon als Geständnis werten? Ich bohre weiter nach: „Wissen sie, wer in dieser Stadt jedes Wochenende Brände legt?“ Herr Feuerteufel guckt verdutzt, sein an sich freundliches Wesen zerfällt in Windeseile und seine Mundwinkel werden wie von einem Amboss nach unten gezogen. „Falls sie zu dene Menschn g‘hörn, die wo stündlich bei mir anrufen und die wo Scherzchen mit meinem Namen treiben: Ich ruf des nächste mal die Bolizei!“ schreit er und wirft die Türe zu. Polizei kann er haben, denke ich mir und rufe die Ordnungshüter an, um sie zu Hartmut Feuerteufels Wohnung zu schicken. Doch sie kommt nicht. Nie ist die Polizei da, wenn man sie braucht. Auch auf meine 2000 € warte ich bis heute. Tja. Resigniert verlasse ich die Zellerau. Für immer.
Der Feuerteufel, er lebt noch immer mitten unter uns. Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.

Hunter S. Heumann

Subkultur ist die neue Bionade

Warum den Menschen, die sich über die Schwäche der alternativen Szene beklagen, am stärksten zu misstrauen ist

Was ist eigentlich eine Subkultur? Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.
Kann man eine Subkultur anfassen, kaufen, küssen oder gar morgens ins Müsli kippen? Wer ist mehr Subkultur, Aldi oder Lidl? Gibt es bei Joeys oder bei PizzaBlitz mehr Subkultur für’s Geld? Welche Subkultur bietet mir möglichst viele Frei-SMS bei einer kurzen Mindestvertragslaufzeit?
„Das Eis der (Sub)kultur wird dünner“, schreibt es beim Würzblog, und gemeint ist damit dennoch weder Cornetto noch Minimilk. Aber eigentlich fehlt ein gutes Speiseeis in der Reihe der Dinge, die Ralf Thees zu festen Bestandteilen der Subkultur zählt. Denn scheinbar gehören alle Dinge, die Ralf Thees mag, zum leckeren Potpourri der Subkultur. Über den Wegfall der Programmkinos wird sich beschwert, ebenso wie über den „soziokulturellen Ausnahmeort“ namens Propeller. Soziokulturell, wieder ein Begriff, mit dem jongliert wird, ohne einen Begriff zu besitzen. Die Posthallen,welch subkultureller Ort, werden genannt, denen es die Stadt aber nicht leicht mache. Keine Institution passt besser in Würzblogs Subkultur-Charts als die Posthallen, sitzen dort doch Leute am Ruder, deren Begriff von Subkultur schon zu AKW-Zeiten nach Verwesung roch. Weiter im Text: Schließlich sind auch AKW und Immerhin Teil von Ralf Thees‘ subkulturellen Visionen, und die gibt’s ja jetzt beide nicht mehr. X Ware Kultur ist gleich y Ware Schweinsbraten, alles ist mit allem vergleichbar, wie man längst weiß. Zum Glück hat Bionade letztes Jahr die neue Geschmacksrichtung Quitte eingeführt, und bald kommen ja auch die Kassierer in die Posthallen.
Und am Ende wird auch die Stadt Teil dieser Subkultur. Denn die muss dieser Subkultur ja helfen, weil sie ja auch irgendwie dieser Subkultur verpflichtet sein muss, damit die StudentInnen brav subkulturen können. „Man kann fast den Eindruck bekommen, als wolle die Stadt Würzburg eine kulturberuhigte Zone im weiteren Innenstadtbereich.“ Subkultur- weil Würzburg es sich wert ist. Nicht umsonst schreibt Herr Thees, dass wir keine “Provinz auf Weltniveau” [brauchen], um uns nach Außen lächerlich zu machen, das schaffen wir mit dem derzeitigen Trend an Möglichkeiten der (Sub)Kultur und Nachleben auch so.“ Herr Rosenthal, für das Image dieser schönen Stadt: Man schenke jedem Menschen täglich einen Happen Subkultur!

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Was ist eigentlich eine Subkultur? Für den Würzblog wohl alle Lokalitäten, in denen vor allem 20- 40 jährige verkehren. Je mehr es nötig wird, sich einer nicht vorhandenen Subkultur, oder gar alternativen Szene, zuzuschreiben, desto weniger wird man die Frage wagen, was Subkultur überhaupt bedeutet hat. Sogar Wikipedia weiß, dass der Begriff Subkultur einst Personenzusammenhänge bezeichnete, die sich hinsichtlich zentraler Werte und Normen von der herrschenden Kultur unterschieden haben und sich als Gegenkultur definierten. Heute dient der Begriff wohl eher dazu, sich selbst zu vergewissern, dass man cooler als der Rest ist, noch nicht zum alten Eisen gehört. Er dient der Verdrängung der Tatsache, dass man selbst keine anderen Vorstellungen von gesellschaftlicher Organisation besitzt als die Mühle des Immergleichen. Anders ist es nicht zu erklären, dass man bei jedem beliebigen Begehr die Stadt in Gefahr sieht und ihre Politiker bittet, in die Presche zu springen. Warum organisiert man sich nicht selbst, wie das vielleicht die Freaks, Alternativen und Autonomen der 80iger Jahre getan haben? Genau deshalb, weil man dann die Selbstlüge aufgeben müsste, Teil einer Gegenkultur zu sein. Weil man dann feststellen müsste, dass das Label „Alternativ“ nicht mehr Elemente von einem Umsturz des Bestehenden beinhaltet als eine eisgekühlte Coke Zero Cherry. Wenn sich in dieser Stadt die vereinzelten Individuen zusammenraufen wollen, die eine tiefe Unzufriedenheit mit den Zumutungen des alltäglichen Lebens eint, so müssen diese zuerst verstehen, dass sowohl dem Wort „Szene“ als auch dem Wort „Subkultur“ keine gesellschaftliche Realität (mehr) zukommt.

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Subkultur- die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. Probieren sie jetzt!

Benjamin Böhm

Von den Kartoffelkanonen

Wahnsinn,
wie gelangweilt die Polizei sein muss, wenn es Ihr schon eine Pressemeldung wert ist, eine „Kartoffelkanone“ in einem Kofferraum gefunden zu haben.

Mal ehrlich Herr Wachtmeister: Es könnte durchaus sein, dass auch einige Ihrer KollegInnen in ihrer Landkreisjugend solche Teufelsdinger gebaut haben!
Aber denken Sie doch mal positiv: Wer in seiner Jugend seinen Spaß an Waffen entdeckt, will vielleicht später auch beruflich welche am Gürtel tragen!
Ihr Nachwuchsteam vom Letzten Hype

Anmerkungen zum Bildungsstreik

Wer hätte gedacht, dass es noch einmal nötig sei, in diesem Magazin die Proteste der StudentInnen mit einem Wort zu erwähnen. Doch die Ereignisse beim kürzlich stattgefundenen so genannten Bildungsstreik verdeutlichen zu viel, als dass man sie ignorieren könne.
Zuerst einmal: Es handelte sich um keinen wirklichen Bildungsstreik. Die 2000-3000 SchülerInnen und StudentInnen, die sich der großen Demonstration anschlossen sind nichts gegen die restlichen tausenden Studierenden, die zur gleichen Zeit in den Hörsälen saßen, weil sie zutiefst zufrieden mit dem Status Quo sind. Die Mehrheit der Damen und Herren Studierenden interessiert sich nicht für die Forderungen, einfach und alleine aus dem Grund, weil sie mit der Situation zufrieden sind. Genau deshalb kann eine Aktion nicht im isolierten Kreis der zukünftigen und gegenwärtigen Studierenden stattfinden, wenn der Protest zu einer Revolte werden soll.
Die Art und Weise, wie es die OrganisatorInnen schafften, der Demo einen revolutionären Charme zu verleihen, um sich am Ende zu beschweren, wenn ein paar hundert Menschen diesen Anspruch ernst nehmen, war zutiefst zynisch. An gewissen Orten wurden Sitzstreiks simuliert, bis ein Ordner die Leute aufforderte, bitte wieder aufzustehen- und sie folgten zunächst noch. „Was ist das Problem? Das System!“ wurde durch das Megaphon gebrüllt, um den DemonstrantInnen das Gefühl zu geben, hier handele es sich nicht um eine Wahlkampfveranstaltung des SDS, der Jusos oder Grünen, sondern um einen Aufruhr gegen das große Ganze. Weit gefehlt! Am Ende kamen ein paar Leute dann doch auf einen vernünftigen Gedanken: Sie hatten keine Lust mehr, sich von OrdnerInnen vorschreiben zu lassen, was zu tun sei, und brachen aus der Demonstration aus. Im Nachhinein wäre die Sabotage wirkungsvoller gewesen, wenn man den Röntgen-Ring besetzt hätte. Aus Mangel an Mut und Menschen musste man dieses Unternehmen wieder aufgeben, bis Verstärkung angerückt war. Die Sitzblockade, die anschließend an der Juliuspromenade stattfand, war zweifellos das Beste, was Studierende Im Kontext der Proteste in den letzten Jahren hervorgebracht haben, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens trennte die Sitzblockade denjenigen Teil der StudentInnen, der die Generalprobe für die große Politik spielen möchte, von denen, die die Demoparole „Wenn wir wollen, steht alles still!“ ernst nehmen. Dazu im nächsten Absatz mehr. Zum anderen hat die Aktion dazu geführt, auch in Würzburg ein paar Studierenden den Sinn von Sabotage zu verdeutlichen. In Frankfurt am Main besetzte man während der Studiengebührenproteste Plätze, Gebäude und Autobahnen, während im braven Würzburg 2005 ein einziges Polizeiauto genügte, um tausende Menschen in Zaum zu halten. Über das Ende des Sitzstreiks muss nicht viel verloren werden- die OrdnungshüterInnen rückten nicht nur mit StreifenpolizistInnen, sondern auch mit Bereitschaftspolizei und Staatsschutz an, filmten die Kundgebung und lösten letztendlich den Sitzstreik auf. Die Staatsmacht war sich des Ernstes der Lage durchaus bewusst.
Im Nachhinein kam das Aktionsbündnis Bildungsstreik in Würzburg zu einer klugen Einschätzung, die ich den OrgansatorInnen in dieser Klarheit gar nicht zugetraut hätte: Natürlich distanzierte man sich zuerst einmal vom Sitzstreik. Wer ein sauberes Image als PolitikerIn haben möchte, darf natürlich die WürzburgerInnen nicht mit einem Sitzstreik erzürnen. Daher kommt man zum Schluss, dass es sich bei der Splittergruppe um eine Gruppe mit antideutschen Parolen gegen den Staat gehandelt habe. Das Aktionsbündnis selbst richte ihre Forderungen aber nicht gegen, sondern an den Staat. Sehr richtig! Die Trennung zwischen JungpolitikantInnen und revolutionären Kräften unternehmen also auch die OrganisatorInnen. Natürlich hat man auch gleich das passende Schimpfwort parat, um die anderen von den SaboteurInnen fernzuhalten: es seien Antideutsche. Wenn jede Agitation gegen die politische Form der kapitalistischen Gesellschaft, den Staat, antideutsch ist, dann scheint es für die offiziöse Studierendenpolitik nur noch sie oder die Antideutschen zu geben. Mir soll das recht sein. Zwei Tage später versuchte man dann, den Berliner Ring zu besetzen. Zweifellos eine gute Idee.
Es stellt sich die Frage, was der Sitzstreik bedeutet, und ob er überhaupt irgendetwas zu bedeuten hat. Vielleicht war er nicht mehr als ein spontaner Einfall und eine Verkettung von Zufällen. Vielleicht ist der Sitzstreik aber auch ein Anfang für einen neuen Zweifel an offizieller Unipolitik und den ausgelatschen Pfaden ihrer Agitation. Wenn es in Würzburg auch, im Vergleich zu anderen Städten, kein linksradikales akademisches Milieu gibt, so könnten doch einige Leute für zukünftige Aktionen ihre Lehren aus dem Sitzstreik gezogen haben. Nicht vergessen werden darf dabei jedoch, dass die Revolte erst eine sein wird, wenn man das akademische Milieu verlässt, um das Öl dorthin zu bringen, wo Feuer ist.

Yvonne Hegel

Kritik des Poststrukturalismus

Weil es im Hype-Umfeld in letzter Zeit ein paar Debatten über das Verhältnis von Kritischer Theorie und Poststrukturalismus gab, hier der Mitschnitt einer Vorlesung Alex Grubers und Florian Ruttners mit dem Thema „zur Unmöglichkeit poststrukturalistischer Gesellschaftskritik“.

Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters. Teil I

1
Ich habe eine gut bezahlte Stelle, der Job ist ziemlich sicher, ich kann meine Zeit selbst einteilen, man schaut mir nicht besonders genau über die Schulter, und ich habe eigentlich ganz gute Chancen, Karriere zu machen. Die Arbeit ist nicht besonders stumpf, im Gegenteil, sogar anregend und herausfordernd.

Ich hasse meinen Job mehr als alles andere auf der Welt.

Er ist wie ein grosses Tier, das alle meine Energie und alle meine Zeit frisst, und am anderen Ende kommt raus, was eben bei so Tieren am anderen Ende rauskommt. Es ist ganz gutes Geld, ich sag es nochmal, und ich habe eigentlich nie viel Geld gehabt, und es ist wirklich nicht schlecht, Geld zu haben, und sich Sachen kaufen zu können, die scheinbar alle Leute haben, oder richtig gutes Essen.

Ein Ersatz ist es nicht.

2
Das schlimmste ist, wenn man früh aufsteht, zu wissen, in soundsoviel Stunden muss ich auf der Arbeit sein. Es ist ein Terror, der seinen Schatten schon voraus wirft, es lähmt mich, es lässt mich nicht los, die kommende Stunde ist wie ein Strudel, und ich weiss, ich habe noch Frist, aber nicht mehr viel. Vielleicht noch ein bisschen lesen, bisschen Tee trinken, wenn ich ganz früh dran bin und das Wetter schön vielleicht bisschen vor die Tür, oder wenns kalt ist ein Bad; manchmal auch einfach noch weiterschlafen, gierig, und dann ganz schnell aus dem Haus.

Wie ich den Schlaf lieben gelernt habe, er ist mein Beschützer, wenn ich schlafe, muss ich nicht daran denken, dass die Stunde kommt, bald, die bedeutet, dass mein Körper und auch meine Gedanken nicht mehr mir gehören, dass ich sie verpfänden muss, um mir Zeit zu kaufen hier im Leben, Zeit, in der ich nicht verkomme.

Und ich habe gelernt, grimmig und entschlossen zu schlafen. Jede Minute ist kostbar, die man dem Tag, dem Feindesland, entreisst. Der Preis dafür, dass es nicht denen in die Hände fällt, ist der Schlaf, oder der Rausch.

3
Zeit, in der man nicht verkommt, ganz körperlich nicht verkommt, dass ist, was man bekommt. Überleben. Dafür tauscht man die Zeit ein, in der man leben könnte, wenn man das könnte.

Ich tausche mein Leben ein für Geld, und von dem Geld kann ich mir angeblich mein Leben leisten. Ich glaube keine Sekunde, dass das so ist. Für mein Geld bekomme ich nicht mein Leben, sondern etwas, das so aussieht wie ein Leben, aber eher so, wie ein Werbespot ausschaut wie ein Leben, nur dreckiger.

Mein Leben, davon kann ich nur im Konjunktiv reden: was ich tun könnte, wenn nicht und so weiter. Wenn ich zur Arbeit fahre, und die frühe Sonne scheint: wie schön wäre es, wenn ich es nicht eilig hätte, denn meine Zeit gehört mir nicht, sowenig mir die Sonne gehört und die Felder und die Wälder, über die sie scheint, und noch weniger die Städte. Oder der Mond des Nachts, wenn ich heimfahre: ich wollte, ich wäre eine kleine Fledermaus. Aber meine Zeit gehört nicht mir, und ich muss jetzt essen und schlafen, denn morgen muss ich auf die Arbeit. Auf Wiedersehen, kleiner Mond, auf Wiedersehen, schwarzer Wald, ich wollte, ich hätte euch nicht gesehen.

4
Aber so muss es wohl sein, denn das alles ist nicht meines, und meine Frist auf dieser Welt kaufe ich, indem ich mein Leben verpfände. Diese Welt gehört mir nicht, es ist schon Diebstahl, dass ich nur einen Blick auf sie werfe, im Vorbeieilen. Wem aber gehört sie? Ich sehen niemanden, der einen sinnvollen Nutzen von ihr hätte, ich sehe nur Sklaven wie mich.

Und sie sind es, scheint es, zufrieden. Mit grossen Augen betrachten sie die Wunder, die sie für ihr Geld kaufen können, die grosse Welt des Fernsehens, über die sie nicht genug reden können, den Urlaub in einem anderen Land, das ihnen auch nicht gehört, neue Vorhänge und die Wurstplatte in irgendeinem Ausflugslokal. Das sind ihre Gespräche, wenn ich richtig zugehört habe, bei den anderen auf der Arbeit.

Manchmal erwischt man einen davon in einer stillen gedrückten Minute, und dann macht man einen Blick in eine Seele, die genauso verzweifelt ist, aber sie haben keine Idee, dass es nicht so sein muss.

Diese Welt würde ihnen gehören, wenn sie sich nähmen. Wenn im Sommer der Asfalt Blasen wirft und die Luft stillsteht, und der Himmel über der Stadt hängt wie ein Ozean, dann träume ich davon, dass wirklich diese ganze nutzlose Maschine stillsteht, dass wir lachend aus den Betrieben gehen und den Wohnkasernen, und dass nichts mehr so sein wird, wie es war.

Ich werde mir kein Haus kaufen und mich niederlassen, ich werde hier mein Glück nicht finden, ich werde es nicht einmal suchen, denn ich weiss, dass hier nur die Hölle zu finden ist; ich habe nur diesen Traum meiner Sommernachmittage, und er erfüllt mich mit rasendem Glück, und ich will ihn Wirklichkeit werden sehen.

Auf dem Beatabend… mit Hunter S. Heumann

Wenn Stromgitarren das Grunzen der Mastschweine übertönen, wenn sich das köchelnde Testosteron junger Milchbauern durch Faustschläge an die Oberfläche kämpft und es nach erbrochenem Cola-Asbach (1 €, 50/50-Mischung) riecht, dann ist Beatabend.
Dieses den Stadtbewohnern völlig zurecht unbekannte Ritual bäuerlicher Selbstentwürdigung erfreut sich seit Jahrzehnten ungebrochener Beliebtheit bei jung und alt. Das Konzept ist denkbar einfach. Man nehme:

1.Eine schlechte Coverband. Wichtig für eine gute Show ist dabei, dass die Musiker die kulturelle Vielfältigkeit ausstrahlen, die das Dorf kennzeichnet: nämlich gar keine. Würde eine Beatabendband größtenteils eigene Stücke zum Besten geben: die Menge wäre verwirrt, sie würde womöglich sogar anfangen, mit Gülle zu werfen.
Ein fetziger Gruppenname ist ebenso unverzichtbar. Da gibt es „geile“ Bandnamen, die bereits nach dem ersehnten wilden Geschlechtsverkehr alkoholdurchströmter Leiber klingen, den sich so viele Beatabendbesucher versprechen: S.E.X. als Abkürzung für „Sau Extrem“ oder die „Hard- & Heavyband“ F.U.C.K. beispielsweise. Andererseits darf der Bandname auch klingen, als werde die Dorfidylle durch schmetterndes Todesmetall erschüttert: so wie Acid Rain, Justice oder Angel Landing beispielsweise.
Die Beatabendbands lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Zum einen gibt es die Gruppen, die es niemals geschafft haben, außerhalb einer Radius‘ von 15 Kilometer ihres Brunftgebietes aufzutreten. Die Gründe sind alkoholbedingte Trägheit, Angst vor Ausländern oder einfach mangelnde musikalische Fähigkeiten. Zum anderen schaffen es tatsächlich manche Bands, frankenweit oder gar deutschlandweit aufzutreten- es gibt schließlich nicht nur in Unterfranken öde Gegenden, in denen der Auftritt einer Metal-Coverband gefeiert gefeiert wird wie die Anschaffung eines neuen Traktors.

2.Billiger Alkohol. Das seit Jahrtausenden beliebte Konzept zum Abbau von Hemmungen wäre ohne eine kleine Auswahl besonders auf dem Kaff beliebter Getränke undenkbar: Selbstverständlich wird Bier gereicht- aber charakteristisch wird ein Beatabend erst durch den Asbach Uralt.
Asbach ist ein übelschmeckender Fusel aus Rüdesheim am Rhein, der schon beim ersten Schluck an Brechdurchfall und schmerzhafte Blasendysfunktionalität erinnert. Die Leidenschaft der Dörfler für Asbach wird von Dr. Hartmut Bömmele, Professor für biologische Psychologie, auf eine Veränderung der Geschmacksknospen, verursacht durch die Einatmung von Kunstdüngerdämpfen, zurückgeführt. Der Dörfler versucht, den üblen Geschmack des Schnapses durch Cola zu überdecken- was nur in begrenztem Maße von Erfolg gekrönt ist.

Ein Beatabend kann schwer beschrieben werden, ohne die spezifische Stimmung zu beleuchten. Der dumpfe Covermetal motiviert die Gäste kaum zu ausgelassener und fröhlicher Stimmung, sondern eher zu teutonischer Kampfeslust, halb-rülpsenden, halb-gröhlenden Lauten aus dem tiefsten Innern der barbarischen Dorfnatur und zu Tanzbewegungen, die eher an schnitzelklopfende Metzgermeister als an passionierte Diskogänger erinnern. Oft kommt es im Tanzsaal zu Grüppchenbildungen, die bereits darüber entscheiden, welche zwei Fraktionen am Ende des Abends aufeinander losgehen. Die Gründe sind meistens eher unwesentlich- ob jetzt der Michl mit der Lisl geknutscht hat, der Ändi den Peter „schwul“ genannt hat oder der Manni aus Knetzgau den Maibaum aus Hofheim entwendet haben soll spielt eigentlich keine Rolle- wichtig ist am Ende, dass irgendwer auf die Fresse bekommt. So fallen die Enthemmten übereinander her, spätestens wenn die Musik aufhört. Man lässt mal so richtig die Wut heraus- damit man ruhig und ausgelassen die nächste Woche wieder zur Arbeit gehen oder die Rüben ernten kann. Solange, bis das Wochenende wieder beginnt, die Musik wieder spielt und das bizarre Schauspiel erneut seinen tragischen Anfang nimmt.

Ihr Hunter S. Heumann

P.S:Das Labyrinth in Würzburg kann zweifellos als urbaner Arm der Beatabendbewegung bezeichnet werden!

Über München und seine Leut‘

Dieser Text handelt von München und hat trotzdem mehr mit faulig vor sich hin modernden Provinzsümpfen wie Gerbrunn, Ochsenfurt, Hemmersheim oder Gollhofen zutun, als sie vielleicht zuerst annehmen würden.
Stellen sie sich einfach vor, zwei Ochsenfurter Gestalten mit kurzen Hosen kommen in Düsseldorf in eine Kneipe und bestellen, ohne vorher auf die Karte gesehen zu haben, ein Öchsner Bier aus Ochsenfurt. Und wenn der Herr Wirt den beiden antwortet, dass es kein Öchsner Bier gebe, bestellen sie ein Kauzen Bier, ebenfalls aus Ochsenfurt. Abermals teilt der Wirt den beiden Dorfkreaturen mit, dass es auch kein Kauzen Bier in seiner Kneipe gebe. Die beiden Ochsenfurter gucken verdutzt und ein wenig erzürnt, besprechen sich kurz, einer von beiden verdreht die Augen und schnaubt dann in lautem Ton „Habt ihr denn überhaupt irgendein Bier?“ vor sich hin. Wenn die Geschichte wirklich passiert wäre, dann fänden sie das Verhalten der beiden jungen Leute etwas merkwürdig, nicht wahr?
Eine weitere Geschichte zur Veranschaulichung: Ein volkstümlicher Sonderhöfer, engagiert im Krieger- und Kameradschaftsverein Sonderhofen, liebt jedes Element seiner Ochsenfurter Gautracht. Er liebt seinen albernen Spitzhut, sein schwarzes Lederwestchen, sein Hoserl, dessen Bund er knapp unter der Brust trägt und seine grauen Wollsocken, in die er sein Hoserl gesteckt hat. Eines Tages kommt er auf die Idee, dass seine Tracht womöglich nicht nur volkstümliches Zeug, sondern neuer Schick ist, auf den die Welt gewartet hat. Also zieht er los in die Metropolen dieser Welt, nach Paris, London, New York, Tokio und viele weitere Städte, und lässt seine Tracht an. Und wenn die Leute über seinen merkwürdigen Anzug scherzen, ihn sogar verspotten, dann kann er diese Menschen nicht verstehen. Nein, er verlangt sogar, dass die Welt ihn zu verstehen habe. Er bettelt um Akzeptanz, mehr noch, er verlangt Bewunderung für sein Volkstum. Auch ein solches Verhalten fänden sie durchaus merkwürdig, oder?
Oder stellen sie sich vor, ein Großlangheimer Autohändler zieht in eine Millionenstadt. In Großlangheim wurden ihm einige Ehren zuteil: als Sohn eines armen Landwirts arbeitete er sich nach oben und gilt für die Dorfbewohner als „Macher“. Er saß für die Freien Wähler zwei Jahrzehnte im Stadtrat, engagierte sich im Verein zur Heimatpflege und im Vogelschutzverein, ist Ehrenbürger seines Kaffs und mehrjähriger Gewinner des Kitzinger Tenniscups in der Klasse der Jungsenioren. Auch sein Habitus entspricht seinem sozialen Status: Familienfeste werden prunkvoll gefeiert, Giorgio Armani Sonnenbrille, Kitzinger Maßanzug und sein kleinbürgerlicher Machismo gehören genauso dazu wie sein sabberndes Gelaber über seine liebreizende fränkische Heimat. Jetzt kommt der Großlangheimer Kleinbürger also in die große Stadt und möchte mit offenen Armen empfangen werden. Er war der Held seines Dorfes, und genau deshalb muss er auch der Held der Großstadt sein. Das merkwürdige an der Metropole, in die er zieht, ist, dass er dort auf tausende Gleichgesinnte trifft. Dass sich dort fast alle Leute wie Bauern im Anzug aufführen, denen trotz ihres schicken Anzugs noch ab und zu Ackerdreck von den Stiefeln bröckelt. Auch diese Vorstellung kommt ihnen womöglich etwas merkwürdig vor…
München, besser gesagt seine Leute, das ist Ochsenfurt mal 1000 oder Iphofen mal 2000. Wenn zwei Münchner in eine Kneipe oberhalb des Weißwurstäquators kommen, dann wird auch ein Erdinger oder ein Paulaner verlangt, ansonsten ist man eingeschnappt wie ein Bauernjunge, dem man sein Leberwurstbrot weggenommen hat. Wenn man nach München kommt, so darf man nur ganz leise lachen, wenn einem ein Mensch in bayerischer Tracht begegnet, denn die Münchner haben es ja zum Schick erklärt, sich zu kleiden wie elbgermanische Sumpfbewohner ohne Schriftkenntnis. Und wann immer sie ein Sportwagen auf der A3 ausbremst, sie können sich sicher sein, dass das Auto ein Münchner Nummernschild trägt.
München ist ein merkwürdiger Ort. Es scheint mir, als hätten sich hier 1,3 Millionen geklonte Veitshöchheimer Kleinbürger versammelt, um eine überdimensionierten Dorfdisko zu errichten1. Die Würzburger bilden sich ein, in einer Stadt zu leben. Die Münchner machen sich nicht einmal mehr die Mühe und bezeichnen ihre Stadt stolz als „Großes Dorf“, ohne jedes Schamgefühl. Die Mentalität eines Kartoffelroders, das Sozialverhalten einer Rübenziehmaschine und der Habitus eines Dreschflegels: All Das wird in München geadelt statt getadelt. Meiden sie München!

Für immer Ihr Hunter S. Heumann

Merry Crisis and a Happy New Fear

Am 13.12.2008 zogen 70 Leute durch die Stadt Würzburg, ohne sich die Mühe zu machen, diesen Umzug anzumelden. Wenn man den Artikeln auf Indymedia und in den Schweineblättern der Republik glauben darf,(1) wurde die zunächst spärliche Polizeitruppe, die die Demo begleitete, aus dem Zug heraus mit Feuerwerkskörpern beschossen oder beworfen. Als die Polizei versuchte, die Demo aufzuhalten und aufzulösen, durchbrachen die 70 die Sperre; dabei wurde ein Polizist leicht verletzt.

Nun ist die Empörung verständlicherweise gross, und einige Bewohner der Stadt können es gar nicht glauben, dass jemand auf die Idee kommen kann, ausgerechnet einen bayerischen Polizisten anzugreifen. Der Zorn über die Übeltat hält sich aber noch in Grenzen, denn immerhin ermittelt die Justiz, und die Gesetze sind wohl den meisten hart genug.(2)

Wieso die Polizei dazu kommt, fremde Leute erst ohne deren Willen zu fotografieren, sie zu belästigen, ihnen ungebeten zu folgen, und einen Umzug schliesslich einfach anzuhalten, fragt, ebenso verständlich, auch niemand. Und dass eine solche (vergleichsweise harmlose) Eskalation die Folge davon ist, wenn man den Leuten das Recht nimmt, legal langweilige Demos abzuhalten, ist der sogenannten Öffentlichkeit auch nicht beizubringen.

Auch ich, ich gestehe es ein, stelle mir solche Fragen nicht mehr. So ist es, und das muss man begreifen: die Städte gehören uns nicht, sie sind Feindesland; der öffentliche Friede, das ist unsere Enteignung von den Mitteln des Ausdrucks; so muss es sein, oder der Staat und diese Gesellschaftsordnung bestünde nicht mehr; und die überwiegende Mehrheit ist bereit, diese Herrschaft, die ihre Enteignung bedeutet, mit aller Macht zu verteidigen.

Das unterscheidet unsere Lage von der im Griechenland unserer Tage. Dort hat diese Herrschaft derzeit so wenig die Zustimmung der Mehrheit, dass sie die entscheidende Probe nicht wagen durfte. (Man darf nie vergessen, wozu die Mehrheit dieser, der deutschen, Nation einmal bereit gewesen ist; die ausserordentliche Stabilität in Deutschland ist das Erbe des Nationalsozialismus. Für die Revolte ist Deutschland immer Feindesland.)

„Der Feind steht rechts“
Das „Antifaschistische Bündnis“ wiederum, bekanntermassen ein Arm der Linkspartei, hat, man hätte es vorhersehen können, den griechischen Aufstand natürlich als eine Gelegenheit begreifen müssen, um wieder einmal seine eigenen Überflüssigkeit zu beweisen. In einem Flugblatt, das an Peinlichkeit kaum zu überbieten sein dürfte, versuchte es, irgendeinem Publikum die Bewegung in Griechenland zu erklären. Die hintergründige Komik dürfte ihnen nicht aufgegangen sein, dass sie sich mühen mussten, Deutschen etwas zu erklären, was in Griechenland nicht nur auch ohne Erklärung verstanden worden ist, sondern überhaupt die einfachste und unkomplizierteste Sache der Welt ist.

Dass sie sich dieser fruchtlosen Mühe unterziehen mussten, ist nicht nur die gerechte Strafe dafür, nichts verstanden zu haben und dennoch weiterzumachen; es ist die bündige Widerlegung ihres ganzen sinnlosen Treibens. Es gibt einen konstanten, fast tragischen Zug darin, entweder eine Ahnung von der tiefen Vergeblichkeit dieser sinnlosen Arbeit, bei einer feindlichen Öffentlichkeit um Sympathie zu betteln; eine Art von taqiyah, als ob man seine wahren Absichten ständig tarnen muss. Oder aber man hat sie vielleicht zuletzt gar nie gehabt: ein staatsbürgerliches Selbstmissverständnis. So oder so, tragisch, ergreifend und ganz und gar überflüssig.

Wie sinnlos, den besorgten Bürger zu spielen, nur um den besorgten Bürgern weiszumachen, man sei einer von ihnen. Andere Sozialdemokraten, so gesehen auf einer IG Metall-Demo, haben vor ein paar Jahren auf Transparenten „französische Verhältnisse“ gefordert. Gefordert! Wie enorm. In Frankreich hat man, was sie damit meinten, jedenfalls nicht gefordert.

Warum und was eigentlich demonstrieren?
Schweigen wir von den Seelenfängern. Fragen wir uns stattdessen, was die 70 Leute dazu treibt, sich am 13.12.2008 in diesem Umzug zu bewegen. Man fragt sich das nicht ohne Sympathie, gewiss. Es ist nur kein gutes Zeichen, dass nach allem die Fantasie gerade für einen Umzug reicht, für das ödeste von allen öden Relikten aus einer heroischen bürgerlichen Zeit, als es noch eine Öffentlichkeit gab und eine Tyrannei, und beides noch Gegensätze und nicht unmittelbar das selbe waren. Warum aus dem Arsenal der bürgerlichen Gesellschaft eine solche entfremdete Ausdrucksform entleihen, auch wenn man sie mit etwas entfremdeter Militanz aus dem Arsenal einer ebenfalls schon angeschimmelten autonomen Linken ausstaffiert?

Demonstrationen, auch militante, sind eine entfremdete Sache. Sie sind Abbild eines Widerstandes, den es nicht gibt, den man auch im alltäglichen Leben nicht praktiziert. Sie sind keine Sprache, sondern Ausdruck von Sprachlosigkeit.

Demonstrationen dienen in der Lehre des Staatsrechts der Äusserung von Meinungen. In der Geschichte der Revolution waren sie oft auch Demonstration von Macht, oft genug auch deren direkte Ausübung: fast auf den Tag genau 80 Jahre vorher z.B. besetzten bewaffnete Arbeiter in einer millionenstarken Demonstration Berlin, so dass die Konterrrevolution keine 20 Mann unter Waffen mehr in Berlin hatte.(3) Friedrich Ebert versteckte sich bei Freunden im Umland. (Die Bühne hätte Spartakus gehören können, aber Karl Liebknecht zog es vor, über Weihnachten mit seinen Kindern Klavier zu spielen.)

Diese Zeit ist endgültig vorbei. Macht kann die Sache der Revolte heute nicht mehr demonstrieren. Was demonstriert man dann? Entschlossenheit, Furchtlosigkeit, überhaupt die schiere Existenz; dass noch nicht vergessen und vergeben ist, dass noch keineswegs alle einverstanden sind, dass man sich nicht fürchet, auch nicht gegen die Übermacht, dass man sich nicht dumm machen lassen will und nicht sprachlos; dass die Herrschaft noch nicht gesiegt hat und dass, solange sie nicht hat, die Geschichte anzusehen ist als eine Geschichte mit immer noch offenem Ende, trotz allem.

Mir scheint, der Wert einer solchen Demonstration liegt, diesseits der Frage, ob man nicht etwas besseres findet als einen Umzug, genau darin. Man darf sich freuen: so etwas wäre nicht mehr zu erwarten gewesen. Ob, was ich mir hier denke, zugetroffen hat, wird sich, wie man vielleicht hoffen darf, noch zeigen.

„Wir haben kaum begonnen, ihnen zu zeigen, dass wir ihr Spiel nicht mehr mitspielen.“

Von Vince O‘Brien

Zur Überschrift: So stand es in diesen Tagen in Griechenland zu lesen.
1 Man sollte nicht glauben, welche Menge an Blättern die dpa-Meldung abdruckten, einfach weil sie so froh waren, dass man überhaupt einmal irgendwas über Würzburg abdrucken konnte; wie um zu bestätigen, dass es diese Stadt, anders lautenden Gerüchten zum Trotz, wirklich gibt; und sie sich nicht ein unterausgelasteter Humorist ausgedacht hat, um die Legenden über die Stadt Schilda in die Gegenwart zu holen.
2 Ausser einigen Lesern der Mainpost, die sich genötigt fühlen, in den Kommentarspalten auf der web site dieser ganz erstaunlichen Zeitung die Wiedereinführung von Arbeitslagern vorzuschlagen. – Die Polizei war offenbar in grosser Panik, sie fürchtete tatsächlich athenische Verhältnisse, wo sie nur würzburgische zu erwarten hatte.
3 Nach Schätzung des kaiserlichen Generals Groener.

Wir basteln uns ein „schwarzes Volk“

Mit der Zirkusshow „AfrikaAfrika!“ gastiert die moderne Version der kolonialen Völkerschau in Würzburg

Die KritikerInnen scheinen sich einig zu sein, auch die KulturrelativistInnen jauchzen vor Freude: Am 23. und 24. Januar kommt André Hellers Zirkusshow „AfrikaAfrika!“ nach Würzburg. „Das magische Zirkusereignis vom Kontinent des Staunens1“ tue laut ZDF „dem Publikum, den Künstlern und einem ganzen Kontinent etwas Gutes“. Der Einspruch, dass die Show kaum etwas zur Verbesserung des Verhältnisses von EuropäerInnen und AfrikanerInnen beitragen kann, sondern stattdessen altbekannte Klischees der afrikanischen Fremde aus Urgroßomas kolonialer Klamottenkiste hervorkramt , geht im Applaus der exotistischen Begierde unter. „AfrikaAfrika!“ ist nichts anderes als ein moderner Völkerbaukasten.
Betrachtet man die Konstruktionen von Fremdheit, die die Zirkusshow entwirft, so muss ein kurzer Blick auf die Völkerschauen, welche am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstanden, gerichtet werden: Denn Stereotypen wie ausgeprägte Körperlichkeit, Mystizismus, typische Lebensfreude, unberührte Stammeskultur, Rohheit und Flexibilität der Gelenke, welche sich alle in der Zirkusshow widerspiegeln, kamen auch in den kolonialen Völkerschauen vor. Auf Jahrmärkten oder in Zoos wurden damals die „Fremden“ präsentiert, wobei besonders exotisch anmutende Bräuche, physische Besonderheiten und besondere körperliche Belastungen die europäischen BesucherInnen in Scharen herbei lockten. Die eigenen verborgenen Wünsche der BesucherInnen und SchaustellerInnen wurden dabei auf die „Fremden“ übertragen. Besonders deutlich wurde dies bei der Projektion erotischer Wünsche auf die AfrikanerInnen. Zeichen von „Zivilisiertheit“, so etwa die Beherrschung von europäischen Sprachen oder die Beherrschung von europäischen Umgangsformen, waren bei den VeranstalterInnen der Völkerschauen nicht erwünscht, da man ja das „Fremde“ ausstellen wollte und damit möglichst authentisch bleiben. So musste man den AfrikanerInnen oftmals die als „typisch afrikanisch“ charakterisierten Fähigkeiten beibringen. Damit verbunden war selbstverständlich, dass die einzelnen KünstlerInnen nicht als Individuen wahrgenommen wurden, sondern stattdessen deren Körperlichkeit oder ihre Stammesidentität in den Vordergrund gerückt wurden. Ein ganzer Kontinent sollte erfahrbar werden, aber eben nur durch die Zerrbilder, die die psychischen Projektionen der EuropäerInnen zuließen.
Die exotistischen Konstruktionen der Kolonialzeit sind nachwievor vorhanden- daran lassen sowohl die Selbstdarstellung von „AfrikaAfrika!“ als auch das Medienecho keine Zweifel. Bereits die Bezeichnung Afrikas als „Kontinent des Staunens“ lässt erahnen, dass den ZuschauerInnen kein Einblick in die Komplexität der modernen Gesellschaften Afrikas gewährt werden soll, sondern ein stereotyper Mystizismus entworfen wird. Die Entindividualisierung der ArtistInnen, die Lust an der Konstruktion von körperlicher Fremdheit, wird bereits in der Showbeschreibung deutlich: „Körperexzentriker biegen sich stolz und geschmeidig wie Schlangen, Füße werden zu Händen, Hände zu Füßen ? ein seltenes Schauspiel, wie es nur die afrikanische Tradition kultisch perfekter Körperbeherrschung erlaubt.2“ Wenn Heller von den ArtistInnen der Show gelernt haben will, „ganz im Augenblick zu leben“3, dann klingt dies ganz nach der Begierde, die AfrikanerInnen zu Kindern zu machen, denen eine planende, rationale Entscheidung nicht zuzutrauen ist, denen die Lebensfreude aber niemals abhanden kommt. Auch die Zeitungen geizen nicht mit solcherlei Zuschreibungen. Das „Königreich der Gaukler und Paradies der Lebensfreude“ entdeckt der Spiegel, und das angeblich originäre Afrika kommt auch in der Passauer Neuen Presse nicht zu kurz: „Bunte Farben, wilde Tänze, Lachen – was ‘afrikanisch’ bedeutet, das können alle Darsteller ohne Mühe zeigen.” Die Vorstellung einer tiefen afrikanischen Verbundenheit mit der Natur, bereits von Rousseau beschrieben und als Zeichen der Überlegenheit der EuropäerInnen gedeutet, weshalb die AfrikanerInnen als Kinder zu betrachten seien, spiegelt sich in der Darstellung der tanzenden ArtistInnen wider, denn sie „können fließen wie Wasser, wie der Wind fliegen oder wie Feuer flackern.“ Immer wieder taucht in der Presse das altbekannte Motiv der maximalen körperlichen Belastbarkeit, als typisch afrikanisch charakterisiert, auf. „Das Tempo ist atemberaubend, die Biegsamkeit der schwarzen Körper schier unfassbar […]” jubelt die NZZ, „er steckt im Froschkostüm, hat unglaubliche Kulleraugen und kann sich verrenken, dass es beim Zusehen weh tut.”, berichtet der Stern über die Performance eines Künstlers. Selbstverständlich lässt sich auch die BILD nicht nehmen, eine Ladung Stumpfsinn im Blätterwald zu verkippen. „Die Staaten des dunklen Kontinents dürfen ihre teuren Botschafter jetzt getrost in Pension schicken. Es gibt keinen besseren Botschafter Afrikas als diese tanzende, turnende, tobende Truppe. In zwei Stunden ersingen und erspielen sie so viel Sympathie für ihre Heimat, wie Diplomaten nicht in zwei Jahrzehnten erdienern und erdinnern können.“ BILD rückt also wieder ein paar europäische Weltbilder zurecht: Der Afrikaner an sich tanzt und tobt, und auch die afrikanischen PolitikerInnen scheinen zu nichts weiter fähig als zur Unvernunft.
„AfrikaAfrika!“ ist europäischer Exotismus gepaart mit einer in Afrika nicht existenten Zirkustradition. André Hellers angeblicher Anspruch, ein anderes Bild von Afrika zu entwerfen, als das der Krisen, Krankheiten und Kriege, trägt absolut nichts zum Abbau von Stereotypen bei. Die Darstellung von Menschen als „edle Wilde“ bietet den Nährboden für einen „umgekehrten Rassismus“, der nicht das Individuum in den Vordergrund stellt, sondern die scheinbar unentrinnbare kulturelle Identität, die in diesem Falle eine Konstruktion seiner europäischen BetrachterInnen ist. Man darf gespannt sein, welche Glanzleistungen die Main-Post bei ihrer Berichterstattung über „AfrikaAfrika!“ vollbringen wird. Bei Überschriften wie „Tracht gegen Globalisierung“ befürchte ich das Schlimmste.

Benjamin Böhm

1 Aus der Online-Selbstbeschreibung der Zirkussshow
2 ebenda
3 ebenda

Robert Kurz im Kribbel Krabbel Mäusehaus

Auch die MitarbeiterInnen bei Amazon scheinen Humor zu haben, oder stimmt es tatsächlich, dass der Wertkritiker Robert Kurz seit kurzem Kinderbücher für die ganz jungen WertkritikerInnen entwirft?
Sehen sie selbst: Die Welt als Wille und Design.

Ein Kinderbuch von Robert Kurz wäre dann auch ein sicheres Zeichen dafür, dass sich das Konzept des Letzten Hypes, nämlich Schwachsinn und radikale Kritik zu verbinden, herum gesprochen hat….

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1.
Follow the white rabbit, war in dem mail gestanden, das ich aus meinem Junkordner gefischt hatte, und da stieg ich also um 2300 in der Nacht aus der Strassenbahn in Grombühl aus und folgte in der Tat einem weissen Hasen: der Abend fing eigentlich ganz gut an.

Der weisse Hase war gar kein richtiger weisser Hase, mupfeln konnte er auch nicht, aber dafür lächelte er weise und gütig und (geben wir es ruhig zu) etwas debil. Er war ganz aus Kreide gebacken und sass auf der Strasse. Dort ging es ihm gut. Er mupfelte zufrieden und knabberte an meinen Ohren.

Etwas verlegen folgte ich dem merkwürdigen Tier tiefer in den zerklüfteten Grombühl. Er führte mich sanft und sicher, und ich fürchtete mich nicht. Tiefer stieg der Weg, schweigsam klommen wir hangab: auf vieren er, auf zweien ich, gebe der gütige und gerechte Gott, dass es dereinst, wenn wir uns wiedersehen, umgekehrt sein wird.

Am Fusse des Hügels angekommen, wies der weisse Hase hinab in einen Schacht, in den Treppen hinunterführten, und sagte mit leiser Stimme: Auf diesem Weg kann ich dich nicht begleiten. Diese Schwelle darf ich nicht überschreiten. Sprachs und hüpfte davon.

Verwirrt stieg ich die Treppe hinab. Die schmale Treppe führte in einen schmalen, grünen, hell erleuchteten Gang, der sich vor mir wand. Betäubender Lärm schien aus ihm zu dringen. Ich folgte seinen Windungen weiter: und siehe, da weitete sich der schmale Gang wie zu einem grünen Saal, und in diesem standen merkwürdige Männer und Frauen und hiessen mich willkommen.

2.
Der Saal sah aus wie die Donnerstagsdisco im akw, nur mit besserer Musik, besserer Akustik, besserer Deko, billigeren Getränken und weniger Idioten.

In der Mitte der Unterführung sassen Leute auf Barhockern (?) und Sofas. Am Rand stand ein Tisch mit Schnittchen, um den sich eine Wasserschlange ringelte. Eine junge Frau tanzte alarmierend eng mit einem riesigen Wal. Zwei Bären waren nirgendwo zu sehen.

An der Wand stand, von ungelenker Hand, mit Kreide eine grausige Warnung.

Nach rechts bog eine Treppe, dort ging es zum Europastern, diesem monströsen Fehlbau; die Lkw verschluckten draussen fast den Lärm der Musik. In den grauen Fenstern des gegenüberliegenden Grombühl war nirgends ein Licht. Nichts war dort draussen, nirgendwo, das einzige, was sich in dieser Nacht verbarg, war die lustige Gesellschaft in der Unterführung.

Es war wunderschön, und bizarr.

Am Tage sind die Strassen Feindesland; wir betreten sie ungern. Unwohl und beklommen fühlt man sich, unter unfrohen und feindlichen Menschen. Aber es reicht nicht, die Strassen nicht zu betreten; solange sie uns nicht gehören, sind unsere Wohnungen unsere Gefängnisse.

Wenn wirklich das grausigste, was diese Nacht birgt, wir sind: wie konnten wir jemals eine Macht neben uns dulden?

3.
Als, nach Stunden, zwei Polizisten eintrafen, die sich sprachlos die Szenerie anschauten und endlich die Worte fanden: „Irgendeiner macht das hier wieder sauber,“ stob die Menge bemerkenswert unkoordiniert davon, kehrte zurück, stob wieder davon, verlor sich irgendwo im Gewirr der Gassen, kehrte zurück oder auch nicht, während tatsächlich sich eine Handvoll Leute bereit fand, mit Besen, die die Exekutive eigens aus dem Burger King ausleihen liess, den Boden zu fegen; wohl auch, weil die Polizei (die rasch Verstärkung gerufen zu haben schien) einen oder zwei Leute in Handschellen gelegt hatte. Dabei bekam noch jemand Pfefferspray ins Gesicht.

Die Reste der Gesellschaft zogen danach, die Musikanlage im Schlepptau, grimmig und mit ensetzlich entschlossenen Gesichtern die Schweinfurter Strasse entlang in die Stadt hinein, wo sie dem Vernehmen nach noch ein paar Male mit der Polizei Katz und Maus spielten, bis diese ihnen die Soundanlage abgenommen hatten, mit denen sie die Bürger um den Schlaf zu bringen drohten.

Was weiter? Nächstes Mal erstens besser vorbereiten. Denn es wird und muss ein nächstes Mal geben, öfter und wilder noch, es ist nicht der Funke eines Lebens zu sehen, wenn nicht so. Aber besser vorbereiten; es müssen die Leute wissen, was zu tun ist, wenn die Party zu Ende geht.

Zweitens: der überflüssige Beweis, dass man auch Spass haben kann, ohne die dafür lizensierten Anstalten zu besuchen, wäre erbracht; aber man sollte sich hüten, die Formen, die das in der Spassindustrie annimmt, zu kopieren. Eine Disco in eine Unterführung einbauen ist lustig, weil es die Perspektive bricht; aber eine Disco ist es zuletzt trotzdem, und wenn man zu anderen Formen des Lebens finden will, wird man keine neue Disco aufmachen wollen, nicht in der Frankfurter Strasse, nicht am Europastern.

Und, meine Damen und Herren, eine weniger lange und träge Planung bitte, und etwas mehr Unberechenbarkeit, wenn ich bitten darf.

Vince O‘Brian

Anmerkungen zum Keil als Zirkus der sieben Sensationen

Vorab: Der Autor dieses kurzen Gedankenfragments würde weder behaupten, irgendetwas von der Schauspielkunst zu verstehen, noch nimmt er sich heraus, die dramatische Gestaltung des aktuellen Stücks „Bis einer heult“ zu bewerten. Um eine explizite Kritik des Stücks soll es in den Anmerkungen daher gerade nicht gehen. Stattdessen wird hier die Frage angerissen, ob der Keil einen Platz als verrücktes Huhn der bürgerlichen „Kulturszene“ einnehmen möchte, oder lieber außen vor bleibt.

„Bis einer heult“ war ein nettes Stück: Die ZuschauerInnen strömten in Scharen herbei und befanden es als nett. Die Kinder, die das Stück besuchten, lachten und klatschen zu nettem Slapstick, die Main-Post hatte nichts am netten Keil auszusetzen und so manch einer/einem ZuschauerIn kamen Tränen vor lauter netten Gags.

Es ist nachvollziehbar, dass eine positive Kritik selbst in der Lokalpresse und ein reges Zuschauerinteresse an Shakespeare Balsam auf der Seele der ArtistInnen des Keils sind. Und ich kann ebenfalls verstehen, dass aus rein wirtschaftlichen Erwägungen, denen man sich nicht entziehen kann, drei nahezu ausverkaufte Vorstellungen und großzügige Spenden bei der Aufführung im Kult großartige Ereignisse für den Zirkus der sieben Sensationen sind.

Mir und noch einigen anderen dem Keil nahe stehenden Personen stellte sich jedoch nach den letzten beiden Stücken die Frage, ob der Zirkus der sieben Sensationen einen Platz in der ehrenwerten Gesellschaft der Kulturschaffenden einnehmen möchte und zwei- bis dreimal im Jahr StudentInnen und sonstige BildungsbürgerInnen belustigen möchte, oder die Kulturszene selbst zu verstören gedenkt.

Im Klartext lautet die Frage: Habe ich es, als Zuschauer, lediglich mit einer Laienschauspielergruppe familiären Charakters zutun, deren Mitglieder vielleicht irgendwann den Sprung auf die weltberühmten Bretter, die die Welt bedeuten, vollbringen und die, solange dies noch nicht geglückt ist, die Paradiesvögel der Kulturszene mimen, oder hegt der Keil einen anderen Anspruch an sich selbst und an sein Publikum?

Es macht den Keil aus, dass er stets macht, wozu er Lust hat. Jedoch stellt sich für mich die Frage, weshalb das Bedürfnis, den offiziellen Kulturschaffenden vor ihre Füße zu rotzen, nicht mehr zu bestehen scheint (oder irre ich mich?)? Vielleicht hilft bei der Beantwortung der Frage ein Bezug auf die familienartige Form, in der sich die ArtistInnen des Zirkus’ präsentieren. Indem man sich auf der Suche nach familienartiger Freundschaft als Gruppe wahrnimmt und sich so künstlich von äußeren Einflüssen abschottet, könnte das Harmoniebedürfnis irgendwann über allen anderen Intentionen des Keils stehen. Und damit könnte auch die Fähigkeit verloren gehen, sich mit der Entsetzlichkeit der nur scheinbar getrennten Formen Kultur, Politik und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Je mehr der Zirkus der sieben Sensationen sich also als Familie versteht, desto weniger wird man sich wohl mit solchen Fragen auseinandersetzen. Man darf jedenfalls nicht vergessen, dass Theater niemals in der nichtexistenten kulturellen Luftleere steht, sondern zwangsläufig mit dem gesellschaftlichen Formgeflecht verwoben bleibt. Darüber hinaus muss angeführt werden, dass es zwar nicht verwerflich ist, sich untereinander blendend zu verstehen (ganz im Gegenteil), aber dass mit einer heimeligen Gruppenidentität auch eine Formierung nach innen stattfinden könnte, durch die erstens solche kontroversen Fragen über den Sinn und Zweck der eigenen Theatergruppe nicht mehr diskutiert werden, zweitens man kaum mehr fähig sein wird, etwas anderes als ganz nettes Theater zur Bespaßung von seichtem Publikum zu machen.

Zuletzt muss festgehalten werden, dass Theater stets auch die Interaktion zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen bedeutet. Der Keil hat nicht umsonst nach wie vor ein Publikum, das fähig ist, Fragen wie die meinigen zu stellen. Durch die in der Vergangenheit ungewöhnliche Art, nicht nur schallenden Applaus, sondern auch tiefe Empörung beim Publikum auszulösen, umgibt den Zirkus der sieben Sensationen zumindest für mich noch immer eine Aura der Subversion. Je mehr die SchauspielerInnen nur den Anspruch hegen, nettes Familientheater zu machen, desto weniger werden Mitglieder und ZuschauerInnen des Keils dazu fähig sein, den Zirkus der sieben Sensationen nicht nur als ganz normales Theater zu verstehen. Egal, ob in Würzburg, Leipzig oder anderswo.

Benjamin Böhm

Froschhöhle. Kritische Masse. Stützpunkt und Schandfleck.

In Würzburg, diesem gärendem Morast, gibt es keine Hoffnung und kein Entrinnen, und keine Luft zum Atmen. Man muss schon so über jedes Mass bescheiden sein, wie es die Leser/innen des hype wohl sind, um hier sein Genügen und Auskommen zu finden.

Es reicht dabei noch nicht einmal aus, das allgemeine Elend zu dulden, das man mit dem Rest des Proletariats, namentlich des schlechtbezahlten, gemeinsam hat. Nein, es muss zum Schaden auch die Schande kommen, und es muss auch noch diese Stadt sein, ausgerechnet, und dazu die Szenerie, in der man lebt, ausgerechnet der letzte und fauligste Sumpf, den man lethargisch erduldet.

Sub-Kultur nennen manche es noch, dieses immergleiche, ohne jedes Bewusstsein für die böse Ironie des Wortes: nichts anderes als Kultur, nur unterhalb davon. Die letzte Schwundstufe einer Gegenkultur, die einmal gegen die offizielle Kultur, diese Hyäne, aufgestanden war.

Die betäubende Langeweile in dieser Stadt geht nicht vom katholisch-konservativen Milieu aus, sondern längst vom studentischen Milieu und der ihm eigenen Lebensweise, den vielfältigen und immergleichen Kulturangeboten, die von denen, denen das Wort Jugendkultur nicht mehr die Schamesröte ins Gesicht treibt, gerne angenommen werden; einer Szene insbesondere, der man mit dem Stumpfsinn, auf den die sogenannten Massen hereinfallen, nicht mehr kommen braucht, weil sie einen eigenen, verfeinerten Stumpfsinn verlangen.

Die Subkultur derer, die sich mit der Hoffnungslosigkeit ihrer Existenz anscheinend abgefunden haben, ist nichts anderes als der Garant der Fortdauer dieser Hoffnungslosigkeit. Sie anzugreifen, ist heute eine unmittelbare Überlebensfrage, wenn aus der Verzweiflung doch noch etwas anderes kommen soll als Selbstzerstörung.

Dabei ist doch in Würzburg alles so schön eingerichtet, und es hat alles seinen Platz. Selbst einen Infoladen haben die Stadtoberen, in weiser Voraussicht, geduldet, den die Infoladengruppe freilich aus guten Gründen nicht mehr haben will. Zwischen Jugendkulturhaus und Autonomem Kulturzentrum ist für alle ein Ort, vorausgesetzt natürlich, man hat nichts dagegen, dass die Voraussetzung für Teilnahme an dieser Art der Öffentlichkeit die eigene Alkoholisierung ist, über die sich diese Einrichtungen zum grossen Teil auch finanzieren. Und vorausgesetzt natürlich, dass in Einrichtungen dieser Art generell nur Dinge ablaufen, die auf die eine oder andere Weise für die Zwecke der Stadt förderungswürdig sind, wodurch sich diese Einrichtungen zum anderen Teil finanzieren. Wenn und solange die Zwecke der Stadt Dinge sind, mit denen man gut leben kann, ist das alles schön und gut.

Einige können das aber nicht so gut, und wieder einige unter diesen diskutieren mit Unterbrechungen seit mittlerweile 2 Jahren über die Frage, ob nicht in Würzburg bereits viel zuviele Einzelne oder Gruppen unterwegs sind, die mit Grund für unruhig genug gehalten werden dürfen, als dass man sich das alles noch bieten lassen dürfte. Ob nicht, mit einem Wort, das Potential dafür vorhanden wäre, etwas ganz anderes auf die Beine zu stellen, und wie das gehen könnte.

Wie das aussehen könnte, ist noch völlig unklar, klar ist allerdings, dass schon viel, sogar zuviel Zeit verstrichen ist. Nicht mehr alle, die damals mit einem solchen Vorhaben einverstanden waren, leben noch. Es ist spät, vielleicht zu spät. Die Strukturen lösen sich auf, aus denen heraus solche Schritte einmal hätten getan werden sollen, sei es durch die allgemeine Verschlechterung, sei es durch weitere Anpassung, sei es durch den gewöhnlichen Lauf der Dinge, den Stumpfsinn, der wohl nicht wütend, sondern träge macht. Und durch Wegzug aus der Stadt, nur allzu berechtigt; es sind wie immer nicht die schlechtesten, die weggehen.

Am Anfang stand der einfache Gedanke, alle bisher auf verschiedene Einrichtungen verteilten Aktivitäten zusamenzufassen und in einen gemeinsamen Betrieb zu verlegen. Das akw war zu dieser Zeit von jedem Anspruch auf unabhängige Kultur abgerückt, und dieser Mangel war 2006 deutlich zu spüren. Folgerichtig wurde diskutiert, ob und wie ein wirklich autonomes Kulturzentrum zu schaffen wäre.

Nach dem Abtritt des damaligen Vorstandes allerdings schien einigen Beteiligte die Chance sich zu ergeben, diese Pläne doch noch im akw verwirklichen zu können. Man darf das im Rückblick als eine naive Illusion bezeichnen, für die sich mit Recht viele gar nicht erst in Bewegung setzen liessen. Diejenigen, die sich in die akw-Strukturen begaben, hatten dort keine Chance, die tiefgehenden Veränderungen einzuleiten, die notwendig gewesen wären. Das akw ist heute die traurige Ruine einer Singlebörse, deren einziger Gebrauchswert in vergleichsweise billigem Alkohol in Gesellschaft vergleichsweise erträglicher Leute besteht; erträglich allerdings vor allem dann, wenn man sich das mit dem Alkohol gründlich hat gesagt sein lassen. Was aber der Sinn einer Ansammlung von Personen sein soll, die sich nur mit Alkohol gegenseitig ertragen, wissen allein die Götter.

Das Elend jeder Art von „Kultur“, die eine Ware ist, ist aber genau an dieser Karikatur eines Kulturzentrums abzulesen. Jede Einrichtung, die, um sich zu finanzieren, von der Gunst eines Publikums abhängt, das sich in seinen Gewohnheiten bestätigt sehen will, wird nichts anderes können, als dieses Publikum auf seiner rasanten Abwärtsspirale zu begleiten. Nichts anderes gilt für Theater, für Musik, für Film, für jede Art von Kunst: sie wird Kunst bleiben müssen, sie wird nicht den Anspruch stellen dürfen, ins Leben auszugreifen, sie wird für uns ebenso sinnlos sein, wie sie für die städtische Kulturlandschaft zweifellos eine Bereicherung darstellen wird. Sie wird keine Folgen haben ausser der, das, was ist, ein weiteres Mal zu bestätigen. So wird solche Kultur entweder die Erwartungen des Publikums bedienen oder untergehen, niemals jedoch das Publikum zu verändern versuchen. Zuletzt verkommt sie zu ihrer Grundform, und das ist in Würzburg immer noch der blinde Suff.

Aus genau diesem Grund erwies sich die urprüngliche Idee nicht mehr haltbar. Es kann nicht darum gehen, das selbe wie bisher in neuer Verpackung zu liefern. Nicht aus der einfachen Addition bisheriger Aktivitäten, sondern aus ihrer gemeinsamen Umschmelzung, aus ihrer Entfesselung ins Unerwartete ergäbe sich bestenfalls die kritische Masse, um das immergleiche aufzusprengen. Nicht ein Zentrum für Politik und Kultur, sondern ein Stützpunkt dagegen; jenseits der Gunst von Stadt und Schweineblatt; alles andere als eine Bereicherung des Kulturangebots, und mit Sicherheit nichts, was man zwecks Freizeitvollzugs Erstsemestern zum Ausgehen anempfiehlt, Gott bewahre; kein Farbtupfer, sondern ein Schandfleck.

Mit welchen Kräften so etwas angefasst werden könnte, in welchen Formen so etwas vorgestellt werden könnte, das alles ist noch offen, und die Leser/innen/schaft ist sicher gut beraten, sich dazu eigene Gedanken zu machen, bevor wir es tun.

Illuminate my Nights – Die Racaille und der Kärcher

Über die kommenden Revolten, Teil 3

Illuminate my Nights
Die Racaille und der Kärcher (1)

Über die kurze und heftige Revolte von Ende 2005 in den französischen Vorstädten ist bereits genug geschrieben worden; sogar kluges. Ich meine nicht die offizielle Presse, auch nicht die Pädagogen und andere Polizisten, die die Revoltierenden entweder der fürsorgenden Aufmerksamkeit des sozialen Staates, oder des religiösen Establishments empfahlen; nicht die lächerliche Linke, die ihnen allen Ernstes riet, sich als Wähler zu registrieren, um die Sozialistische Partei zu wählen; es ist wichtig, zu begreifen, dass die Revolte sich zu allererst gegen alle diese richten musste, und gerichtet hat, und jedes Wort aus dieser Richtung ist zuletzt nichts anderes als ein Appell an den Kärcher.

Pädagogen und andere Polizisten
Die Parteien der Ordnung haben sich alle Mühe gegeben, der Bewegung alle nur denkbaren Ursachen unterzuschieben, um sich selbst zur Behebung dieser Ursachen zu empfehlen; die Revoltierenden indessen haben geschiegen, sieht man von den überdeutlich-unlesbaren Chiffren ihrer Taten ab (2). Sie haben keine Forderungen aufgestellt, als ob sie wüssten, nichts von dieser Ordnung zu erwarten zu haben; sie haben keinem derer, die so gerne ihre Fürsprecher geworden wären, das Wort erteilt. Man weiss nicht recht, war es eine gewisse staunenswerte Klugheit der Revolte, die sie gelehrt hat, dass jedes falsche Wort eine Waffe sein wird, ihnen die Rede wieder zu entziehen; oder war es die Sprachlosigkeit, die sie mit uns allen teilen; oder haben sie etwa den Weg vom einen zum anderen gefunden?

Sie haben sich nicht von den Pädagogen einfangen lassen, nicht von den Trotzkisten, nicht von den Imamen, sie haben es vorgezogen, niemandem als dem Kärcher zu weichen, und haben der Republik dessen Maschinisten Sarkozy, diesem halb Clown, halb Cavaignac, als Präsidenten aufgezwungen.

Sie haben damit, als letzte von den Akteuren, die Bühne der gegenwärtigen sozialen Kämpfe in Frankreich betreten und gleichzeitig schon die Regeln des ganzen Spiels geändert. Wo sich, seit 2002, eine breite demokratische und reformistische Bewegung entfaltete, unter den prekär Beschäftigten im Kultursektor, unter den Studierenden und Gymnasiast/innen und im öffentlichen Dienst, und wo sich in einer gewissen quälenden Monotonie eine Neuinszenierung aller der honetten, der anständigen, der demokratischen Aspekte des offiziellen 1968 zu entfalten schien, haben sie in Erinnerung gebracht, dass 1968 nicht zu denken ist ohne die Riots in der Rue Gay-Lussac.

Was die sozialen Bewegungen der Jahre vorher, in denen sich rein gar nichts bewegt hatte, so geräuschvoll verschwiegen hatten, ist jetzt zu ihrem Schrecken ausgesprochen. Die Revolte hat keine Forderungen aufgestellt, über die verhandelt werden konnte, sie hat, wie ein Irrlicht, für einen flackernden Moment sich aufgerichtet, und ist wieder verschwunden, ein Gespenst im Morgengrauen; aber sie war da, es gibt keinen Zweifel, und sie hat, ebenso ohne Zweifel, festgestellt, dass entweder sie oder die Ordnung bestehen können, aber nicht beide.

Die wirkliche Spaltung des Proletariats
Die sogenannten sozialen Bewegungen in Frankreich sind Bündnisse von Organisationen, in denen der grössere Teil des Proletariats seine besonderen Interessen in der Weise geltend macht, dass die Kämpfe für die einzelnen, getrennten Interessen auf äusserliche Weise mehr oder weniger zusammenfallen. Diese Strategie gibt den einzelnen Sonderinteressen mehr Gewicht, ohne die Tatsache aufzuheben, dass es sich um getrennte Interessen handelt. Das heisst: ein Teil des Proletariats kämpft einen politischen Kampf um seinen Platz in der herrschenden Ordnung. Die sozialen Bewegungen, weit davon entfernt, die Ordnung zu bedrohen, setzen sie vielmehr voraus. Das ist die Geschäftsgrundlage ihres Bündnisses untereinander und mit dem Staat.

Gegenüber diesem Teil des Proletariats repräsentieren die Jugendlichen aus den Banlieus dasjenige, was die Bewegungen an den Staat verraten haben. Sie haben durch ihre eigenständige Aktion eine wirkliche Spaltung des Proletariats zum Ausdruck gebracht. Die sozialen Bewegungen, die seit 2002 ihre Aktivität immer weiter ausgeweitet haben, sind an eine historische Schranke gestossen: jede weitere Ausdehnung der Aktion hat zur Voraussetzung, diese Spaltung aufzuheben, aber der Preis dafür wäre die Aufkündigung ihrer eigenen Geschäftsgrundlage. Die erfolgreiche Bewegung gegen den Ersteinstellungsvertrag (die Abschaffung des Kündigungsschutzes für Jugendliche) hat das auf eine Weise gezeigt, die unter der bloss politischen Linken für Entsetzen gesorgt haben muss.

Im März und April 2006 haben sich dort, wo Studierende die Aktionsformen der Banlieus übernommen haben, die Jugendlichen der Banlieus ihnen angeschlossen. Dort, wo an den traditionellen Formen des politischen Protestes festgehalten worden ist, haben sie die Demonstrationen angegriffen. Es ist völlig klar, dass die Auseinandersetzung damit an einem Punkt war, wo es gar nicht mehr um den Ersteinstellungsvertrag ging, sondern um die Frage, ob man sich gegen die Ordnung zur Wehr setzt oder ihr angehört.

Die Regierung hat des Gesetzesvorschlag weise wieder fallen lassen, und Sarkozy zieht es vor, die Eisenbahner gegen sich aufzubringen; vielleicht erinnert er sich, dass de Gaulle 1968 mehr als nur einen Kärcher nötig hatte. In der Zwischenzeit hat er paradoxerweise nahezu freie Hand gegen die Gewerkschaften; es scheint, als ob seit 2005 kein Teil des Proletariats mehr sich bewegen könnte, wenn sich nicht das ganze Proletariat bewegt. Das aber werden schon, wohlweislich, die Organisationen des Proletariats zu verhindern wissen.

Revolte oder Pogrom?
Es ist viel Unsinn geschrieben worden über die Revolte von 2005, nicht nur in der offiziellen Presse. Dass etwa ein gewisser Uli Krug glaubt, in der bahamas – in einem Nebensatz – von „pogromartigen Ausschreitungen moslemischer Vorstadtjugendlicher“ sprechen zu müssen: geschenkt. Dass er das in einem Artikel schreibt, in dem er die Bewegung in Frankreich wegen ihrer Anbetung des Staates kritisieren will: äusserst spasshaft. Dass sich so etwas noch „antideutscher Kommunist“ nennt, ist allerdings ein Ärgernis, dem vorerst noch nicht abgeholfen werden kann.(3) Er hätte, wenn er nur gewollt hätte, darauf kommen können, dass es in den fraglichen 3 Wochen weniger antisemitsche Übergriffe als sonst gab. Wenn die Jugendlichen Pogrome vorgehabt hätten, hätten sie welche gemacht, und nichts hätte sie daran gehindert.

Es ist auch gutes und richtiges geschrieben worden. Die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft in Berlin haben eine Broschüre „Rauchzeichen aus den Banlieus“ herausgebracht, die im wesentlichen Texte von unabhängigen linksradikalen Gruppen aus Frankreich enthält.(4) Sie ist uneingeschränkt lesenswert, aber nicht vollständig.

Es empfiehlt sich, den Artikel von Caroline Dubois aus dem „Magazin“ #3 dazu zu lesen; (5) Dubois behandelt den äusserst beunruhigenden Aspekt, dass an den Riots fast nur Männer teilgenommen haben. Das ist eine der wichtigsten Fragen, denn an ihr entscheidet sich, wie Dubois mit aller Klarheit zeigt, der Charakter der ganzen Angelegenheit: nicht, dass die jungen Frauen nicht gewollt haben, man hat sie daran gehindert. Wer aber ja sagt zur Herrschaft zwischen den Geschlechtern, mag wollen oder nicht, er sagt ja zur Herrschaft in allen ihren Formen.

Gegenüber den abgestandenen sozialen Bewegungen vertreten die Riots auf jeden Fall das bessere; gemessen an der Herrschaft, wo sie ihnen in vertrauten Gestalt der Familie und ihrer eigenen Persönlichkeitsstrukur erscheint, bleibt das Bewusstsein ihrer Akteure völlig unzulänglich. Dubois hat völlig recht: „Dadurch transformierte sich die berechtigte Infragestellung der herrschenden Ordnung durch die Jugendlichen in die Berechtigung der herrschenden Infragestellung der Jugendlichen durch die herrschende Ordnung. Mit anderen Worten: Die Jugendlichen haben gezeigt, daß sie die Niederschlagung ihres Aufstandes verdient hatten.“

Mögen sie es das nächste Mal nicht mehr verdienen: sie haben uns gezeigt, wie man Feste beleuchtet; mögen sie uns auch noch zeigen, wie man sie feiert.

Jörg Finkenberger

1 Sarkozy hatte bei den Riots von 2005 erklärt, er werde die Strassen von der Racaille (=vom Gesindel) mit dem Kärcher (=Hochdruckreiniger) reinigen.
2 Sie haben in 3 Wochen 28.000 Autos angezündet, in ihren eigenen Wohnviertel, sie haben Kirchen und Schulen zerstört, Fabriken abgebrannt, kurz und gut, alles, was brannte und allgemein, gegen jede Vernunft, als nützlich und gut gilt. Sie haben, ausserdem, als erste in der bisherigen Geschichte, die Waren in den Geschäften nicht geplündert, sondern zerstört, wie wenn sie wüssten, dass die Waren weniger als nutzlos sind. Habe ich gesagt, wie wenn sie wüssten? Sie wussten es natürlich, es kann niemandem verborgen bleiben. – Unlesbar sind die Chiffren für die Herrschaft. Für uns sind sie gut lesbar.
3 „Dadaist kann sich jeder nennen, dafür, dass man auch dafür hält, muss er selbst sorgen“ (Raoul Haussmann). Das gilt im Prinzip auch für den Begriff antideutsch. Vielleicht ist die Schande, die man empfinden muss, wenn man solche Leute mit solchen Worten hantieren sieht, ein genügender Antrieb, mit der Spaltung der antideutschen Strömung ernst zu machen.
4 http://www.klassenlos.tk/data/pdf/rauchzeichen_aus_den_banlieues_texte_2_auflage.pdf
5 http://www.magazinredaktion.tk/h3-dubois.php

25. Mai im akw! – Das neue Versammlungsgesetz

Eine politische Demonstration ist zunächst einmal eine furchtbar langweilige, unergiebige und entfremdete Angelegenheit. Der Gesetzgeber hat diesen Übelstand erkannt und trägt Sorge dafür, dass politische Demonstrationen in Zukunft eine noch viel langweiligere, unergiebigere und entfremdetere Angelegenheit werden sollen.

Nachdem seit neuestem die Länder für das Versammlungsrecht zuständig sind, konnte man sich schon denken, dass das neue Bayerische Versammlungsgesetz das reaktionärste ungefähr seit den Karlsbader Beschlüssen sein wird. Der vorgelegte Entwurf hat die ausschweifendsten Fantasien sogar noch übertroffen.

Die gute Nachricht soll man am Anfang bringen: die Versammlungsfreiheit von Stadtverschönerungsvereinen, Elterninitiativen, Friedensbündnissen oder Bauernverbänden ist nach wie vor gewährleistet. Auf der anderen Seite sind Vorkehrungen getroffen, den Feind/inn/en der Verfassung die öffentliche Versammlung jedenfalls deutlich schwerer zu machen.

Letzteres mag man, von einem zugegeben etwas ungewöhnlichen Standpunkt aus, sogar begrüssen: gibt es doch nichts alberneres, als zur Äusserung von Feindschaft gegen die Verfassung von einem bloss verfassungsmässigen Recht Gebrauch machen zu wollen. Und namentlich, wie schon erwähnt, nichts langweiligeres und entfremdeteres.

Die Demos von mehr oder weniger vielen mehr oder weniger schwarzgekleideten Personen mit mehr oder weniger sinnigen radikalen Parolen zu mehr oder weniger wichtigen Anlässen waren jedenfalls nie mehr als ein kümmerlicher Ersatz für wirkliche Unruhen, und es zeugt entweder von übermässiger Siegesgewissheit des Staates oder von blankem Realismus, wenn er meint, inskünftige dieser Form von Beschäftigungstherapie für auffällige Jugendliche nicht mehr zu bedürfen. Was von beidem genau: das herauszubekommen wird Aufgabe der radikalen Elemente selbst sein.

Der Entwurf des Bayerischen Versammlungsgesetzes bietet absurde Komik ebenso wie Anlass zum Nachdenken für alle die, die sich einer radikal linken Sache verpflichtet fühlen. Er bietet ausserdem, auch das soll nicht verschwiegen werden, Anlass zu begründeter Sorge. Es wird in Zukunft noch leichter werden, Protest zu kriminalisieren, und die Entscheidung darüber wird noch willkürlicher werden können. Auch wenn man die paar wirklich hirnrissigen Bestimmungen abzieht, die ohnehin der parlamentarischen Opposition zum Frasse vorgeworfen werden dürften (was dem Gesetz einen Teil seines humoristischen Wertes rauben wird), bleibt ein Monstrum übrig, das nicht nur die bisher schon repressive bayerische Praxis legalisiert, sondern sie ins völlig ungewisse hinein erweitert.

Kurz gesagt stellt die Staatsregierung die ernste und durchaus nicht unsachliche Frage, ob radikale Linke im Stande sein können, wie Kleintierzüchter zu demonstrieren, oder ob sie ihre Hinausdefinition aus der Legalität für eine Einladung zu neuen, vollständig irregulären (und etwas kreativeren) Formen der Äusserung halten müssen.

Dieser Frage versucht am 25.Mai 2008 um 19.00 Uhr im akw Herr Frosch nachzugehen, den wir als Referenten gewonnen haben. Herr Frosch lässt ausrichten, dass alle kommen sollen, dass aber eine Gesichtkontrolle am Einlass stattfinden wird und dass Kartenspiel oder Geschrei während des Vortrags nicht geduldet wird. Kaffee gibts wenn, dann nur aus einer Thermoskanne, und Essen muss man wahrscheinlich selber mitbringen.

Ein Trip im Blätterwald

Innovation und Vielfalt – das ist das Pfund, mit dem Würzburg wuchern kann. Gerade die facettenreiche Medienlandschaft Würzburgs zeugt von der Kreativität und Innovationsfreude unserer Mitbürger. Kein Bäcker, kein Café, kein Hauseingang, in dem nicht eine mannigfaltige Auswahl lesenswerter Gratis-Heftchen bereitläge.
Prisma-Magazin, zuckerkick, prima Sonntag, wob, Der Kessener, Würzburg spezial, TOP Magazin, Meeviertel Anzeiger, usw., usf.: Es gibt viele gute Gründe, einen Blick auf die Presseerzeugnisse unserer pulsierenden Mainfranken-Metropole zu werfen.
In der ersten Folge des Presseclubs interessiert uns besonders Prisma, Der Kessener, zuckerkick sowie der Meeviertel Anzeiger.

Beginnen wir die Umschau mit der Zeitschrift Prisma, die sich für „Heilung und Bewusstsein in Franken“ einsetzt. Im Editorial zur April/Mai-Ausgabe (18.500 Exemplare) schreibt Herausgeber André Hammon: „Es werden wohl noch Jahrzehnte vergehen, bis der Mensch seine wahre Sinnlichkeit entdeckt und einen natürlichen Umgang damit gefunden hat. Mit der neuen Prisma-Ausgabe können Sie schon mal einen Vorgeschmack bekommen, was uns erwartet und wie Lust und Sinnlichkeit zu einem seelenreichen und erfüllten Leben beitragen können“.

Diesem Versprechen, erscheint es zunächst auch etwas sehr ehrgeizig, wird tatsächlich schon auf der ersten Seite entsprochen: „Seid gegrüßt meine Freunde des Lichtes, OMAR TA SATT, ich BIN KRYON vom magnetischen Dienst“, begrüßt uns die Anzeige der Kryon-Schule. „Ich – KRYON, sowie auch einige andere Engelwesen des Universums haben uns dazu entschlossen, diese Schule zu gründen, um euch auf dem Weg des Erwachens zu lehren, zu leiten und zu führen“. Auch eine zweite Anzeige, die für die Internationalen Engeltage 2008 in Müchen wirbt, hilft uns, unsere wahre Sinnlichkeit zu entdecken.

Die Artikel sind ebenfalls sehr aufschlussreich: Die Redaktion hält „Die Rückkehr der Weißen Büffelfrau“ aufgrund von zuverlässigen indianischen Quellen für wahrscheinlich, und auch die hoffnungsvolle Partei „Die Violetten“ sei im Kommen („Würde jede/r bayerische Prisma-Leser/in eine Unterschrift leisten, […] dann würden 50.000 spirituell interessierte Menschen die Teilnahme der Violetten an den Landtagswahlen bestätigen“).
Es zieht sich ein sympathischer emanzipatorischer Grundton durch Prisma: Es sei, schreibt etwa Heide Marie Heimard, „an der Zeit, die sexuelle Energie aus der Verpanzerung in unseren Körpern zu befreien und zum Fließen zu bringen. Dann kann sie zum Segen der ganzen Menschheit ihre heilige Kraft entfalten und uns die Glückseligkeit schenken, zu der wir geboren sind“. In anderen Artikeln wird die Linkspartei, neben den Violetten, als neuer Hoffnungsträger gelobt, ebenso wird das Grundeinkommen befürwortet.
Das bayerische Reinheitsgebot für Bier von 1516 wird hingegen als bloßes „Keuschheitsgebot“ verteufelt, als „besänftigendes Gebräu, damit uns auch ordentlich die Lust auf Liebe vergeht!“.

Nicht weniger Freigeist als André Hammon ist Bernhard A.W. Kessener (M.A.), seines Zeichens Herausgeber von Der Kessener. 10.000 Exemplare wurden für März und April kostenlos verteilt, mit der Warnung: NOCH KOSTENLOS. Der Kessener will „Würzburg zur Marke“ machen und „Impulse für Gesellschaft, Politik, Hochschule, Ökonomie und Kultur“ geben.
Im Editorial der März/April-Ausgabe thematisiert B.A.W. Kessener (M.A.), ob nicht auch für unsere Stadt gelte, was Hegel damals bemerkte: Eine „Entzweiung zwischen der Poesie des Herzens und der Prosa der Verhältnisse“. Herr B.A.W.K. (M.A.) erläutert: „Es kann doch nicht angehen, dass Kunst, Geisteswissenschaft und auch die Geschichte ihrer Aufgabe beraubt werden, uns in dieser entzauberten Welt eine vorübergehende Befriedigung zu verschaffen“.

Der interessanten Einleitung sind zwei Fotos angefügt: Eines mit zwei Geistlichen darauf und eines mit Wowereit, der einen Kessener in der Hand hält. Der Text dazu: „Es gibt zwar Aussagen, dass Würzburg nur sich selbst genügt. Andererseits aber bringen Persönlichkeiten wie Erzbischof Zollitsch, Kardinal Lehmann und Berlins regierender Bürgermeister Wowereit ganz andere Horizonte in die fränkischen Gefilde. Die Öffentlichkeit wartet auf glaubwürdige Aussagen in allen Bereichen der Gesellschaft und alle Drei machten bei ihrem Auftreten Aussagen, die verkrustete Strukturen aufbrechen und in Frage stellen“.

Diesem Aufruf zur Revolte folgen dann viele Infos zu Kunst und Kultur in Würzburg (sympathischerweise ohne chronologische Ordnung) und ein Special für alle U2-Fans unter uns: Der Kessener verlost 3×2 Tickets für einen neuen 3D-Film in Dettelbach, der ein U2-Konzert in Südamerika zeigt!
Diese Wohltat für den Leser passt wunderbar in das Konzept der Zeitschrift, denn das Motto von B.A.W.K.M.A. lautet: „Gewinn und Wachstum müssen nicht immer Selbstzweck sein, sondern man könnte sie einbinden, als Folgen sinnvoller Dienstleistungen“.

Kommen wir von diesem ambitionierten Philosophen-Magazin zu einer echten Sternschnuppe am Kulturhimmel Würzburgs. Das Design vom zuckerkick 03/08 ist mal wieder so schön, dass man meinen könnte, der Inhalt müsse dagegen ja verblassen. In Wahrheit aber ist auch der Inhalt, etwa die Bildstrecke mit den Model-Geschwistern Anna und Ali in den Weinbergen, sehr gut gelungen: die Instore-Markenklamotten von only, ltb, diesel, mogul, itchi und freeman t. porter stehen den Beiden mindestens so gut wie die darunter gesetzten Liedzeilen von Dirk von Lowtzow: „imitationen von dir/ befinden sich in mir/ imitationen von dir/ verbünden sich mit mir/ wir sind so leicht, dass wir fliegen“.

Neben der Schönheit findet, wie in einem guten Tocotronic-Song, aber immer auch die Traurigkeit einen Platz im zuckerkick. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte über eine Würzburger Studentin, die ihr Studium mit Prostitution finanzieren muss und tragischerweise dem eigenen Vater im Hotelzimmer begegnet. Oder das bedrückende Märchen aus der spießigen Arbeitersiedlung Maierfilz in Niederbayern, in der alles „ordentlich, gleich und grau“ ist. Wo sich der ungeliebte Spast Hermann schließlich einen Tunnel bis Australien gräbt, um mit einem kanariengelben Autobus vor dem sozialistischen Patriarchen und Monopolisten Gustav Laubenthal zu fliehen. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ schleudert Hermann dem Planwirtschaftler entgegen, bevor er die Reise in die Freiheit antritt.

Bodenständiger geht es da im – ebenfalls kostenlosen – Meeviertel Anzeiger zu. „Wo sind die Kasernenkatzen geblieben?“, fragt etwa die Januar-Ausgabe auf ihrer Titelseite. Die packende Reportage geht der Frage nach, was mit den Katzen geschehen ist, die „sich nach der Räumung der US-Kasernen rund um Würzburg mit einem Mal in einer Betonwüste ausgesetzt sahen“. Das Blatt gibt Entwarnung: „Für die meisten von ihnen endete die schreckliche Erfahrung […] mit einem Happy End: Sie fanden 280 km entfernt, nahe der Schweizer Grenze, ein neues liebevolles Zuhause“.

Besonders spannend ist im Meeviertel Anzeiger stets auch die regelmäßige Kolumne „Neues aus dem Kindergarten St. Burkard“, in der sowohl die Erlebnisse der Frosch- und Käfergruppe nachempfunden werden können wie die Fortschritte der Vorschulkinder. Die „Aufregung um den Besuch des Nikolaus“ (Januar 08) war in dieser Rubrik ebenso Thema wie die „turbulente Faschingszeit“ oder das anstehende Osterfest (März 08). Die April-Ausgabe gibt bekannt, dass nach den nasskalten Tagen nun wieder Spaziergänge geplant seien und alle Kinder deshalb „auf laues sonniges Wetter“ hofften.
Die journalistischen Standards, die hier gesetzt werden, müssen auch von hervorragenden Magazinen wie zuckerkick, Der Kessener oder auch Prisma erst noch erfüllt werden.

Im nächsten Letzten Hype hoffe ich Sie wieder zum Presseclub begrüßen zu dürfen.
Freundlichst,
Ihr Sebastian Loschert.

Privacy Enhancing Techniques

Linkliste von Qassim Störtz

Es ist sinnvoll, den folgenden Adressen, wo möglich, jeweils https:// statt http:// voranzustellen. Damit bekommt man eine SSL-verschlüsselte Verbindung zur Seite.

Mailverschlüsselung

GPG
Windows: http://gpg4win.de
Mac: http://macgpg.sourceforge.net
Ubuntu: vorinstalliert

GPG-Plugin für Thunderbird http://enigmail.mozdev.org

Verschlüsseltes Chatten

Windows (s.a. Plugin unten) http://miranda-im.org
Mac: http://adiumx.org
Ubuntu: pidgin, vorinstalliert

Jabber benutzen, soweit möglich; ICQ nur noch mit dem OTR-Plugin:

OTR-Plugin für miranda http://scottellis.com.au

Verschlüsselung (Partitionen, Loops, Festplatten, Verzeichnisse):

Truecrypt: http://www.truecrypt.org
OSXCrypt for Mac: http://www.osxcrypt.org

Filesharing

Grundsätzlich sog. Filehoster benutzen, verschlüsselte -> Rar-Archive benutzen, Klarnamen für Dateien vermeiden

Dateiverschlüsselung

Rar:
Windows: http://www.winrar.de
Mac: http://unrarx.sourceforge.net
Ubuntu: http://www.rarlab.com

Vidalia/Tor http://vidalia-project.net
http://torproject.org

Plugin für Mozilla http://torbutton.torproject.org

Baustellen:

Freenet http://freenetproject.org
Gnuneth ttp://gnunet.org
I2P http://i2p.de

Für Fetischisten:

Phantomix http://phantomix.ytternhagen.de
Anonym.OS http://sourceforge.net/projects/anonym-os

Der Verdacht

Heute macht man sich nicht mehr strafbar, man macht sich verdächtig. Der Zweck, zu terrorisieren, dem einmal die Strafe diente, wird heute erreicht durch die Befürchtung, einen Verdacht auf sich zu ziehen.

Dass unschuldig ist, wem eine Schuld noch nicht nachgewiesen worden ist, das steht noch im Gesetz, ein letztes stolzes Standbild eines versunkenen Liberalismus; die heutige Epoche, ohne mit der äusseren Form des Liberalismus brechen zu müssen, bringt die dunkle Umkehrung dieses Satzes zur Erscheinung. Es nützt nichts mehr, unschuldig zu sein. Nur, wer sich nichts vorzuwerfen hat, muss etwas befürchten.

Es ist, nach den Grundsätzen des liberalen Staates, Sache des Staates, den Beweis der Schuld zu führen; der/die Beschuldigte ist nicht einmal zur Mitwirkung verpflichtet. Er/sie hat aber, und das macht den Unterschied, jede nur denkbare Belästigung zu dulden: man kann ihm/ihr die Wohnung durchsuchen und überwachen, das Telefon überwachen, das Fahrzeug mit einem Peilsender versehen, sein Mobiltelefon orten, seine Kartenzahlungen überwachen, das Verbindungsdaten im Internet auswerten, alle seine/ihre Bekannten derselben Durchleuchtung unterziehen. Bald wird man Autobahnfahrten nachverfolgen, Fussgänge in den Städten elektronisch auf den Kameras verfolgen und auf die Inhalte seiner/ihrer Festplatten zugreifen können.

Und so gerät der/die Verdächtige in die Lage, seine/ihre Unschuld erweisen zu müssen, nicht einmal oder zweimal vor einem Gericht, sondern 24 Stunden am Tag. Und niemand weiss, ob und wann man sich verdächtig macht, denn niemand kennt die auffälligen Merkmale; nicht einmal die, die nach ihnen suchen. (Nur wer sich etwas vorzuwerfen hat, weiss ohne weiteres, was er/sie zu verbergen hat. Alle anderen müssen raten.)(1)

Neu an alle dem ist, dass das Regime des Verdachts für den Zweck, zu terrorisieren, ausreicht. Das liegt nicht nur an den völlig neuen technischen Möglichkeiten; das sind sowieso nur gegenständliche Erscheinungen gesellschaftlicher Kämpfe. Es liegt, und daraufhin sind die technischen Mittel zu dechiffrieren, an einer völlig neuen Stufe der Verinnerlichung gesellschaftlicher Herrschaft, die seit einigen Jahrzehnten im Lauf ist; an einer gewissen Verlagerung des Punktes, an dem die Kontrolle ansetzt, in das Innere der Einzelnen hinein. Ohne das in voller Schärfe zu erkennen, ist keine Gegenwehr möglich.

Die so genannte Vorratsdatenspeicherung wurde nötig, weil es für den Staat immer schwieriger ist, die Inhalte der Kommunikation zu überwachen. Heute ist es, ohne jeden Aufwand, möglich, Kommunikation vollständig zu verschlüsseln; zwar mit geheimdienstlichen Mitteln zu knacken, aber nicht für die alltägliche Ermittlungsarbeit. Das ist das Ergebnis eines Kampfes, in dem der Staat eine Runde verloren hat; damit ist der Kampf auf dem nächsten Level.

Die akkumulierten Verkehrsdaten (grob gesagt: wer kontaktiert wen?) lassen sich, zu anderen Zwecken, genausogut gebrauchen. Werden sie, in riesigen Datenbanken, zusammengebracht und mit den Mitteln des data mining sortiert, liefern sie Aufschlüsse über Kommunikationsstrukturen, die das gesellschaftliche Verhalten der Einzelnen wahrscheinlich durchsichtiger machen, als es diesen selbst ist.

Es ist gerade die Eigenart von Methoden wie data mining, Merkmale zu finden, auch ohne zu wissen, nach welchen Merkmalen gesucht werden muss. Das zu Daten formatierte akkumulierte Wissen zeigt die Strukturen auf, auf deren Grundlage erst klar wird, was als normal und was als abweichend zu gelten hat. In einer längst (auch ein Ergebnis bisheriger Kämpfe) nicht mehr eindeutig normierten Gesellschaft ist diese Methode der Datenverarbeitung eine Herrschaftswissenschaft im Wortsinne. Ihr ist im Übrigen noch anzusehen, dass sie aus dem Marketing stammt.

Noch bestehen die rechtlichen Möglichkeiten nicht, die anfallenden Daten auf eine solche Weise zu nutzen; aber es wäre naiv, zu glauben, dass das so bleiben wird. Die Daten fallen ab 1.1.2008 an; nach der Logik der Dinge werden sie , nach ihren Möglichkeiten, nutzbar gemacht werden.

Das selbe gilt von den Daten der Überwachungskameras in den Städten und und an den Autbahnen, die biometrische Merkmale und Autokennzeichen elektronisch erkennbar machen. Sie sind überhaupt zu keinem anderen Zweck nutzbar, als Bewegungsprofile zu erzeugen; ausser vielleicht dazu, Propagandavideos für gescheiterte Wahlkämpfer zu liefern.

Niemand weiss, wie das Verfassungsgericht über die Vorratsdatenspeicherung entscheiden wird; nach der juristischen Literatur zu urteilen, wird sie sie verbieten oder stark einschränken. Nach der bisherigen Erfahrung mit eineinhalb Jahrzehnten sogenannter Sicherheitspolitik wird man jetzt schon sagen können, dass sich die Innenminister davon nicht werde aufhalten lassen.

Es ist ohnehin nicht ein Frage dieser oder jener einzelnen Regelung. Data mining liefert denen, die es angeht, längst die Möglichkeiten, mehr über irgendeine Person zu wissen, als diese selbst. Die Hotlines, in denen gute und schlechte Risiken bereits nach ihrer Postleitzahl sortiert werden, sind nur das sprichwörtliche Beispiel; insgesamt tut man gut daran, die erwünschten Merkmale aufzuweisen, welche das auch immer sein mögen. Man hat natürlich besser keine Brüche im Lebenslauf, man hat besser geputzte Schuhe, wenn der Durchschnitt das auch hat. Man liefert besser ein Bild, das im Rahmen der Erwartung bleibt. Ausgefallen darf man sein, denn das sind alle. Aber es gibt überall eine für alle unsichtbare Linie, hinter der man ausserhalb der Norm steht. Man muss es nicht wissen, es reicht, dass man es ist.

Man entwickelt besser, mit einem Satz gesagt, selbst ein Gespür dafür, was akzeptabel ist und was nicht. Man nimmt besser, das ist das selbe, die Masstäbe der Unterwerfung ganz, und freiwillig, in sich auf. Nicht die äusserliche Kontrolle, die blosse Disziplinierung: die innere Unterwerfung allein befähigt, angesichts völlig unbestimmbarer Kriterien dennoch immer auf der richtigen Seite zu stehen.

Man kann dem Kapital und dem Staat das alles nicht ernsthaft zum Vorwurf machen. Katzen (sit venia verbo) fangen Mäuse. Das das Proletariat dergleichen mit sich machen lässt; die zum Speien erbärmliche Bereitschaft der Massen, sich zu unterwerfen, das ist der eigentliche Gegner. Nicht die Herrschaft definiert die Kriterien normalen oder abweichenden Verhaltens, sondern die Masse der Beherrschten; durch ebendiese, je nachdem mehr oder weniger grosse, Bereitschaft zur Unterwerfung.

Nur zu spät gekommene Liberale, wie der Chaos Computer Club, hoffen darauf, dass die Gesellschaft ihre Freiheiten verteidigen werden; sie lassen sich sogar auf die alberne Abwägung von „Freiheit“ gegen „Sicherheit“ ein, als ob nicht alle wüssten, dass die „Sicherheit“ nicht nur unsere Sicherheit nicht ist, sondern sogar das Gegenteil davon. Die bürgerlichen Freiheiten mögen unerlässlich sein, um in dieser Gesellschaft zu überleben; sie werden nur nicht zu halten sein. Die Gesellschaft wird sich nicht gegen die autoritären Tendenzen des Staates liberal auflehnen; sie befindet sich nicht in Opposition zu ihm, ihre Ziele sind die seinen. Der Staat vollzieht nur nach, was sie vorgemacht hat: er ist die juristische Form ihres freiwilligen Konformismus.

Nicht nur unschuldig, sondern verdächtig ist, wessen Schuld nicht bewiesen ist. Und glücklich, wer weiss, wessen er/sie sich verdächtig machen könnte; er kann Vorkehrungen treffen. Die Unschuldigen aber haben keine Chance: ihnen kann man alles anhängen, sie können das Gegenteil nicht beweisen. Es empfiehlt sich nicht mehr, unschuldig zu sein.

Soll man also, im blinden Vertrauen darauf, dass der Staat mit den neuen Befugnissen nur denen Ärger bereiten werde, bei denen es ihm gerade gelegen kommt; soll man sich auf das dreckige Spiel einlassen, und versuchen, keinen Anlass zu geben? Dann soll man velleicht dieses Heft aus der Hand legen; ich hoffe, es könnte dereinst Teil einer realen Bedrohung zu werden. Es käme darauf an, keine verdächtige Bewegung mehr zu vermeiden; bewusst abzuweichen; Möglichkeiten von Unbeugsamkeit und Unberechenbarkeit auszuloten.

Für den beschränkten Bereich der Kommunikation im Internet heisst das, dafür zu sorgen, dass möglichst grosse Mengen an Entropie entstehen. Je grösser, grob gesagt, die Menge an verschlüsselten oder nicht zuordenbaren Daten gegenüber den brauchbaren, desto geringer die Möglichkeiten der Überwachung. Unverschlüsselte Kommunkation ist auch dann nicht mehr akzeptabel, wenn wir richtigerweise davon ausgehen, dass uns wahrscheinlich niemand nachstellt. Im Gegenteil ist die bewusste Verdunkelung, die Verweigerung der freiwilligen Transparenz, die angemessene Form von Widerstand einer Gesellschaft gegenüber, die keine wirklichen Feinde, sondern nur mehr oder weniger konformierende Unterworfene kennt.

Jenseits des elektronischen Horizonts, im real life, sind, nach dem selben Prinzip, weiter greifende Folgerungen zu ziehen. Sie sind oft genug erörtert worden und werden von mir auch noch bis zum Ekel, und in der selben abstrakten Form, erörtert werden. Man soll nicht erwarten, in einem Organ der bloss theoretischen Kritik praktische Vorschläge zu finden; wir werden uns hüten. Die praktische Kritik entsteht, für jetzt, in denen, die lesen, oder nirgendwo.

Von Jörg Finkenberger

1 Jede technische Massnahme kann, mit Aufwand, umgangen werden. Wer sich nichts konkretes vorzuwerfen hat, wird in der Regel den Aufwand scheuen. Daraus ergibt sich die wirkliche Zielrichtung der Massnahme: die Unschuldigen. Die Unschuldigen sind selbst schuld: sie sind selbst die, die noch jede Massnahme rechtfertigen. Woraus man ersieht, dass das Verbrechen auch nicht der wirkliche Feind dieser Unschuldigen ist, sondern die Abweichung in den eigenen Reihen.

Warum Punk noch nicht einmal tot ist- 30 Jahre 1977

Die Realität, die uns umgibt, ist in den wesentlichen Grundzügen um 1977 entstanden, wenn man unter Realität den konkreten Verlauf der Linien zwischen der konterrevolutionären Ordnung einerseits und den rapide kleiner werdenden Freiräumen dessen meint, was einmal eine Revolte war. Der Begriff konterrevolutionär hat in diesem Sinne eine sehr präzise Bedeutung, und die heutige Ordnung ist nichts anderes als die Antwort der Herrschaft auf eine konkrete Bedrohung, ein zur gesellschaftlichen Form gewordene permanenter Gegenangriff. Dass diese Ordnung noch erkennbar ist als der tägliche Terror, aus dem sie im Grunde besteht, ist die Voraussetzung dafür, dass sie abgeschafft werden kann.

1. 1968 war keine Angelegenheit der westberliner Studenten, und nur aus der zweifach bornierten Perspektive, der provinzielldeutschen und der sozialen der neuen Mittelklasse, kann es erscheinen, als sei es damals um die Notstandsgesetze oder um die Universitätsreform gegangen. Leider hat genau diese neue Mittelklasse der früheren Studenten die Geschichte geschrieben; sie bildet sich nämlich auch ein, sie gemacht zu haben. Im italienischen gibt es den Begriff vom „68 der Arbeiter“, und ein kurzer Blick auf die internationalen Gleichzeitigkeiten zeigt den französischen Mai 1968 als einen blossen Kulminationspunkt einer Angelegenheit, die von Argentinien bis Zaire im wesentlichen gleiche Züge trug, weil sie gegen ein Leben gerichtet war, das im wesentlichen überall gleich geführt wurde.

Unterschiedlich war allerdings von Land zu Land die spezifischen Formen der Niederlage, die spezifischen Verlaufsformen des Gegenangriffs. Die Staatsstreiche und die Massaker, die Deindustialisierung und die Verelendung, die Postmoderne und die New Economy haben der heutigen Gesellschaft ihre Züge aufgedrückt: sie scheinen ewig, aber sie sind nicht viel älter als ich. Ewig scheinen sie, weil mit der Revolte immer auch die Erinnerung daran ausgelöscht worden ist. Diese Gesellschaft hat kein Gedächtnis, sie lebt immer auf der Höhe der Katastrofe, und jede Panik ist in ihr ständig abrufbereit. Was namentlich vor 1977 war, ist schon völlig unvorstellbar geworden, hinter einer verspiegelten Wand verschwunden.

2. In dieser Welt hat der Irrtum eine gewisse Plausibilität, als habe Punk die Negation erfunden. Er hat sie nur geerbt, nachdem die wirkliche Revolte aus der Welt getrieben war. Punk ist in einem die nur illusorische Revolte, und im selben Platzhalter der wirklichen Revolte. Daraus erklärt sich seine zweideutige Stellung. Punk findet sich einer Welt gegenüber, die über alle Einwände schon hinweggegangen ist; Widerstand ist bereits zwecklos, mit den Zuständen ist nicht mehr zu rechten. Die Trennung des Menschen von seinem gesellschaftlichen Wesen ist eine Tatsache, über die kein ernsthafter Streit mehr möglich ist. Die vollendete Isolation ist ein fait accompli. Ein gemeinsames mit der Gesellschaft gibt es nicht mehr. An Punk erscheint noch einmal die wütende Negation der vorangegangenen Revolte, nur abstrakter und eben deshalb selbst zerstörerischer; im Stande ihrer völligen Aussichtslosigkeit. Gegenüber dem Punk erscheinen alle Klassen tatsächlich als eine einzige reaktionäre Masse; mit Wut fällt er ein Gesellschaft an, mit der sich bereits alle abgefunden haben, und genau deshalb verfällt er ihr zuletzt. Vom Punk nimmt die Neuerrichtung der Musikindustrie ihren Anfang, die bis heute in den verschiedenen Spielarten ihrer gleichermassen reduzierten Musikrichtungen eine zur verlängerten Infantilität verdammte Jugend in ihrem Bann hält.

3. Um 1968 hatte noch ein junges Proletariat tatsächlich mit einer genauso wütenden, nur massenhafteren Konsequenz die Grundlagen dieser Gesellschaftsordnung angegriffen, und zwar von innen her, aus den Fabriken, und nicht weil sie wollte, sondern weil sie musste. Die Fabrik, das war damals das Schicksal der überwiegenden Mehrzahl; erst später besass das Kapital die Vorsicht, die meisten und vor allem die unruhigsten gar nicht erst in die Fabriken zulassen, sondern ihnen woanders eine genauso stumpfsinnige Rolle zuzuweisen, wo sie nicht soviel Schaden anrichten konnten.

Die Revolte war so unberechenbar, wie sie den heutigen bemühten Historikern unerklärlich ist; sie wird deshalb am besten peinlich verschwiegen. Wie soll man auch erklären, dass damals Streiks geführt worden sind für keine oder nur für lächerlich unerfüllbare Forderungen, erbittert und lange, mit Strassenschlachten und Fabrikbesetzungen, offenbar aus keinem anderen Grund, als weil man die Arbeit genau sosehr hasste wie ihre erbärmliche nutzlosen Produkte, die man für ihren Lohn kaufen sollte? Dass Streiks ausgebrochen sind, unmittelbar nachdem die wohlüberlegten Forderungen einer Gewerkschaft vom Management bedingungslos angenommen worden waren: weil es viel zu klar war, dass kein Geld jemals ersetzen konnte, was die Arbeit einem wirklich nahm? Und dass jede Forderung sinnlos war, die nicht auf unerfüllbares zielte?

Es war keine einfache Niederlage; denjenigen, hinter denen sich die Fabriktore nach einem solchen Fest wieder schlossen, waren in der Tat nicht mehr zu helfen. In Italien, wo die Sache unter der Parole der Autonomie länger und heftiger gefochten wurde als anderswo, schieden sich die Elemente in der Bewegung von 1977. Sie ist der Beginn von allem, was wir kennen.

4. 1977 begann die Flucht aus den Fabriken. Es war kein Bleiben mehr in der Hölle, komme, was wolle. Das Kapital seinerseits bemühte sich nach Kräften, die gefürchtete rebellische Ware Arbeitskraft durch Automaten zu ersetzen: so entstanden die Grundlagen der New Economy wie der Massenarbeitslosigkeit. Die Revolte in den Fabriken war von der Gesellschaft getrennt gewesen, das war ihre Schwäche; in den besetzten Fabriken ist einmal tatsächlich anders gelebt worden, aber ausserhalb ging alles weiter seinen Gang. Die aus den Fabriken auszogen, wollten die Revolte in das alltägliche Leben tragen; und es war auch höchste Zeit dafür. Aber als sie gingen, verschwand die Revolte aus der Fabrik. Die 1977er Bewegung schuf ein Netzwerk kleiner Verlage und Zeitschriften; sie misstraute der Kommunikation der so genannten Öffentlichkeit und zog daraus den Schluss, Gegenkultur und Gegenöffentlichkeit müssten selbst organisiert werden. Sie wandte sich von der Politik ab, weil Politik auf einer Logik der Repräsentation beruht, die selbst nur wieder Herrschaft erzeugt. Die 1977er Bewegung war die erste offiziell antipolitische Massenbewegung der Geschichte. Sie betrieb ihre Sache zum ersten Mal nur im eigenen Namen und auf ihren eigenen Titel hin. Die Negation dieser Gesellschaft erscheint nicht mehr an einer bestimmten Klasse der Gesellschaft. Sie erscheint an einem bestimmten Sektor der Gesellschaft, und die Logik der Repräsentation hat auch die Gegenkultur eingeholt: sie ist nur die Darstellung einer Bewegung der Aufhebung, klar und deutlich getrennt und in sicherer Entfernung von den tragenden Pfeilern. Es ist seither wenig anders geworden.

5. Punk, in der 1977er Konstellation entstanden und mit allen ihren Widersprüchen geschlagen, hat nicht fertig bringen können, was nicht zu machen ist: dem Verdrängten eine Stimme zugeben, eine universale Sprache der Negation. Die Zersplitterung, die vordringlichste Leistung der Konterrevoltion, setzt sich in Punk und durch Punk fort: die Trennung der Revolte von der Gesellschaft und ihre Abspaltung in eine Subkultur setzt sich fort in die Trennungen voneinander fremd gegenüber stehenden Subkulturen, die zu Identitäten erstarren. Die Logik der Abspaltung erzeugt verarmte Stile von verräterischer Eindeutigkeit, klar abgegrenzte Subkulturen, denen schon anzusehen ist, dass sie Marktsegmente sein werden und sonst nichts: ideales Futter für eine Musikindustrie, die ihrer Kundschaft ohnehin nichts anderes verkaufen kann als leere Identität. Punk hat vielleicht nur für einen Moment gelebt, vielleicht auch gar nicht. In der geglätterten Geschichte der glitzernden Ödnis namens Kunst erscheint er als unerklärliche Episode, als Einbruch von etwas völlig Anderem in diese schöne Welt; wie entlarvend, immer noch! Er verweist auf etwas, das nicht gewesen sein soll. Die Revolte ist aus den Geschichtsbüchern gestrichen: sie ist schon nicht einmal gewesen.

Aber ihre Trümmer stehen noch, wir wohnen darin; und schon die Erinnerung kann in dieser Welt ohne Gedächtnis eine Bedrohung sein. Denn das versteinerte weiss, dass es wieder flüssig werden kann. Nur noch in diesem Sinne kann Punk wieder eine Bedrohung werden.

von Jörg Finkenberger

Staatsfeind Nummer 1: Der Sprayer, oder: warum Kunst nichts taugt und was „öffentlich“ bedeutet

Der deutsche Staat hat gegenüber der EU die Tabakwirtschaft einmal mit der denkwürdigen Argumentation verteidigt, ein Verbot der Tabakwerbung verstosse gegen die Freiheit der Meinungsäusserung. Gemeint war die Meinungsäusserung der sogenannten freien Presse, welche beeinträchtigt wäre, wenn sie nicht mehr durch Tabakwerbung finanziert würde.

Damit ist alles über die Freiheit der Meinungsäusserung gesagt. Gehen wir nun zum nächsten Thema über. Deutsche Behörden haben den denkwürdigen Versuch unternommen, Sprayer mit Helikoptern zu verfolgen. Nichts ist zu dumm, um das höchste Gut der Moderne vor Kontamination zu verteidigen: den grauen Beton, der schliesslich den ganzen Dreck zusammenhält, strukturiert, und, mehr noch als das, symbolisiert.

Im Jahre 2005 änderte der Reichstag das StGB, weil es nicht mehr akzeptabel erschien, das Sprayer bis dahin nicht wegen Sachbeschädigung bestraft werden konnten, wenn sie keine dauerhaften Schäden an Gebäuden hinterliessen, sondern nur „deren Erscheinungsbild“ veränderten. Wiederum ein denkwürdiger Vorgang. Hörte man den Reden zu, die diesen Staatsakt begleiteten, konnte man zum Schluss kommen: Graffiti sind eine gesellschaftliche Gefahr ersten Ranges.

Auffälligerweise sind Grafitti dagegen heute Nichts. Die Orte, wo Grafitti legal aufgebracht werden können, überzeugen durch ihre nichtssagende Langeweile, der man ansieht, dass sie pädagogische Projekte sind, dazu verdammt, an Buntheit mit dem Beton selbst zu konkurrieren; und die illegalen beschränken sich schon längst auf Tags und andere grafische Geruchsmarken, deren Inhalt in ihrer stumpfen Existenz liegt: in der blossen Bestätigung ihrer Urheberschaft, hierin nicht unähnlich denjenigen Hiphop-Kapellen, welche in vollem Ernst über nichts anderes reden als über ihre eigenen skills, welche sich in dieser Rede allerdings auch schon erschöpfen.

Grafitti als Ausdrucksform sind, wie es aussieht, in einer ernsten Krise. Das einzige, was auf dem Beton noch blüht, gleicht dem Beton selbst; das einzige, was ausgedrückt wird, ist die Unfähigkeit, auszudrücken. Die Sprachlosigkeit, nicht die Helikopterstaffeln machen den Graffiti den Garaus.

Zu anderen Zeiten, und wer will ausschliessen, dass auch wieder andere Zeiten kommen, waren Grafitti einmal ein Mittel der Kommunikation. Der Beton konnte, gegen seinen Willen, als Tafel zweckentfremdet werden; aus dem Mittel der erzwungenen Stummheit konnte eines der Sprache gemacht werden. Der Angriff auf die Sprayer meint womöglich genau diese Möglichkeit: nicht eine vergangene Opposition, sondern eine künftige. Die Helikopterscheinwerfer suchen dann nicht mehr die Tagger, sondern schon uns.

Der leblose Beton, den sie verteidigen, ist der steinerne Garant versteinerter Verhältnisse und die konkret gewordene Gewalt, die die Einzelnen von ihresgleichen trennt. In den heutigen Städten sind die Menschen wirklich zu verlassenen, verächtlichen, geknechteten Wesen geworden.

Die Städte, in denen wir leben, sind menschenfeindlich. Mit solchem Erfolg hat die Herrschaft in den 30 Jahren der siegreichen Konterrevolution gearbeitet, dass jede Spur der Bedürfnisse der Einzelnen aus dem öffentlichen Raum zurückgedrängt ist; eingesperrt in entlegene, aus den Städten fast ausgelagerten Nachbarschaften; die Stadtteile nach Funktionen säuberlich getrennt, arbeiten einkaufen schlafen.

Auf den Strassen der Innenstädte ist heute am allerwenigsten eine „Öffentlichkeit“ zu finden; sie sind von allem entleert, was irgend ein Mensch brauchen könnte. Die Insassen der Stadt sind in die Aussenviertel verbracht; ein Zentrum, gar mit einer „kommunikativen Funktion“, gibt es nirgends mehr, am allerwenigsten in den Zentren.

Die Kontakte sind aufs zulässige beschränkt, die Gefahr unkontrollierter Begegnung der all zu vielen gebannt, in festen Händen das konzentriert, was die Bürger einmal „Öffentlichkeit“ nannten. Die Wahrheit der freien Meinungsäusserung, das ist die monopolisierte Presse; die Wahrheit der urbanen „Öffentlichkeit“, das ist der Beton.

Jedes Aufbrechen der versteinerten Verhältnisse setzt deshalb die Kritik dieser „Öffentlichkeit“ voraus, die nichts ist als ein gewaltsamer Ausschluss; ihre Voraussetzung ist die praktische Kritik des Betons.

Seit den 1990ern vollstrecken einige Graffiti-Künstler das Verdikt der Repression, dass der „öffentliche Raum“ der Herrschaft gehört und nicht den Einzelnen, indem sie die Strasse verlassen und in die Ateliers gehen. Damit sind sie ihren wenigen Kollegen draussen voraus, die noch die Anerkennung von Graffiti als Kunst fordern; denn bereits Kunst machen zu wollen heisst die Voraussetzung jeder Kunst akzeptieren, nämlich dass das Proletariat von den allen Mitteln des Ausdrucks getrennt ist.

Eine kollektive und anonyme Kunst wäre keine Kunst mehr, sondern bereits der Ansatz zu ihrer Überwindung. Unter dem Regime des Betons kann sich eine solche Kunst in der Fase ihrer Selbstaufhebung aber nicht auf ästhetische Applikationen auf dem Beton beschränken, sondern ist nur denkbar als Angriff auf den Beton, das heisst als Sachbeschädigung. Die geistlose Repression behält Recht gegen den bürgerlichen Einwand der Freiheit der Kunst, weil Kunst als Kunst schon, von jeher, ja gesagt hat zur Herrschaft. Die Revolte, oder das Atelier. Ein Drittes gibt es nicht.

Dabei sind die Städte, und hier vor allem die Avantgarde der Langeweile, die Provinznester, schon derart gebaut, dass jeder anderweitige, den menschlichen Bedürfnissen entsprechende Gebrauch ausgeschlossen zu scheint, und damit die Möglichkeit ihrer Zweckentfremdung, weil überhaupt nicht klar ist, zu welchem vernünftigen Zweck diese Monstrositäten denn in Gebrauch genommen werden sollen. Das Proletariat kann die heutigen Städte nicht einfach fertig in Besitz nehmen und für seine eigenen Zwecke in Bewegung setzen; das ganze Gefüge dieser Städte muss zerbrochen werden, und zwar hinsichtlich jeder einzelner seiner Funktionen.

Merkwürdige Klugheit des Feindes, zu ahnen, dass er mindestens Helikopterstaffeln nötig haben wird. Wenn solche Klugheit doch auch den unseren gegeben wäre.

Jörg Finkenberger

Nochmal Studi-Sachen

Im Nachgang zum Artikel, und im Hinblick auf die Uniwahlen:

Der AK Aktion bei der Studierendenvertretung gibt bekannt:

Der Boykott muss leider abgesagt werden.

Der Boykott muss leider abgesagt werden, denn es mangelte zu sehr an Helfern, die Anwaltskosten von 3000 Euro konnten nicht finanziert werden und bis auf drei positive und etwa fünf negative Ausnahmen waren die meisten Fachschaften noch nicht einmal bereit, überhaupt mitzuteilen, ob sie den Boykott unterstützen oder nicht.

Unter solchen Vorraussetzungen kann in diesem Semester nichts mehr erreicht werden.

Wir sind bekanntlich die, die immer nur kritisieren, während andere etwas tun. Nichts gegen den guten Willen der wenigen Aktiven, die irgendwann festgestellt haben, dass es mangels Masse nicht geht; aber alles gegen die Selbsttäuschung über eingeschlagene Irrwege, die von allen jenen aufrechterhalten wird, welche die Irrwege vor jeder Kritik in Schutz zu nehmen bemüht sind.

Solange sich die Sache im Getriebe einer Unipolitik befindet, die in den jetzigen Formen abläuft, wird nichts zu retten sein, und nichts zu holen, ausser für die wenigen umtriebigen Politikanten.

Das Elend der studentischen Politik. Über die schon lange absehbare Niederlage der angeblichen Protestbewegung gegen die Studiengebühren

Nach 10 Jahren ist der Widerstand gegen die Einführung von Studiengebühren nunmehr wohl endgültig gescheitert. Das sollte, namentlich für die an diesem Widerstand beteiligten, ein Grund sein, einen Blick zurück zu werfen, und zwar im Zorn.

Ich habe an anderer Stelle und nicht allzu selten schon über die innere Schwäche und Halbheit dieser sogenannten Protestbewegung und der sie tragenden Organisationen geprochen, und kann mich deshalb hier mit einer kurzen Zusammenfassung begnügen.

Dass seit 1997 die Einführung von Studiengebühren bevorsteht, war damals und später allen klar. Ebenso war allen klar, welche Folgen das für Struktur des Studiums, die Zusammensetzung der Studierenden und die Autonomie des studentischen Milieus hat.

Dass es dann doch fast 10 Jahre gedauert hat, ist nicht im mindesten irgendeinem ernsthaften Widerstand der Studierenden zu verdanken. Denn dieser Widerstand existierte praktisch nicht.

Es sei denn natürlich, man bezeichnet die alle paar Jahre, wann immer es der parlamentarische Zeitplan diktiert, stattfindenden langweiligen und folgenlosen Grossdemos oder die nicht minder öden sporadischen „Aktionswochen“ als einen solchen. Letztgenannte Aktionen waren regelmässig darauf angelegt, das Verständnis der sogenannten Öffentlichkeit zu bemühen, indem man an den vermeintlich gemeinsamen Wert der „Bildung“ appelliert – ohne freilich zu sehen, dass man damit einem jämmerlichen Wortspiel aufsitzt, von dem niemand getäuscht wird als lediglich die Studierenden allein. Denn „Bildung“ bedeutet zweierlei für einen Kultusminister und für die Studierenden.

Man hat unbedingt Bildungspolitik treiben wollen, dem Staat gute Ratschläge geben wollen; man hat nicht die eigene Haut, sondern „die Bildung“ retten wollen, darunter tat mans nicht; man hat nicht wahrhaben wollen, dass der Staat Studiengebühren haben wollte zur Rettung eben der Bildung, welche im Kapitalismus alles andere bedeutet als die freie Entfaltung von Fähigkeiten und Bedürfnissen. Man wollte mitspielen beim grossen Spiel der Interessen und meinte, sein eigenes Interesse als Wohl der Allgemeinheit verkleiden zu müssen, wie es bei diesem Spiel so der Fall ist: nämlich zur Täuschung. Und man war dabei so ungeschickt, gerade als einzige Klasse auf diese eigene Täuschung hereinzufallen.

Die namenlosen Idioten, die auf Studierendendemos mit Transparenten herumliefen, auf denen der Verfall des Bildungsstandortes Bayern beklagt wurde, waren einfach nur gute Studenten. Und das wollten sie bleiben. Dass dergleichen Äusserungen im Namen irgendeines wertlosen Pluralismus geduldet wurden, ist ein Argument gegen die studentischen Aktivisten aus allen denkbaren irgendwie linken oder alternativen Gruppen.

Während solchermassen die Studierenden nichts anderes demonstrierten als ihre masslose Selbstzufriedenheit, die überschlug in die Wahnidee, sie seien tatsächlich in irgendeiner Weise gesellschaftlich besonders nützlich, taten die verschiedenen Fraktionen der studentischen Linken, sofern sie überhaupt irgendetwas zusammenhängendes taten, nichts anderes, als Politik zu spielen. Sie nutzten, genügsame Resteverwerter, noch das geringe Interesse an dem Vorgang überhaupt für kleinere oder grössere Intrigen um die Studierendenvertretung herum, sie warfen sich in Pose, um bei der Presse Profil zu gewinnen, sie luden auf den ohnehin halbtoten Widerstand ihre bildungspolitischen oder globalisierungskritischen Konzepte, um aus der geringen Zahl derer, die überhaupt aktiv waren, Rekruten für ihre schwindsüchtigen Organisationen zu machen.

Diesen Leuten ging naturgemäss jede Idee ab, dass die sogenannte Bewegung, die sie gemeinsam verwalteten und vertraten, auf diesem Weg kein anderes Ziel nehmen konnte als das erbärmlichste Scheitern. Denn jeder andere, bessere Weg hätte erfordert, den schwachsinnigen Stolz der Studierenden auf ihre sogenannte Bildung, und das heisst: ihre völlige Identifikation mit ihrer gesellschaftlichen Rolle, anzugreifen.

Die Studenten können nicht rebellieren, ohne gegen ihre Studien zu rebellieren, schrieb Mustafa Khayati 1967, und hat bis heute recht.

Widerstand gegen die Studiengebühren hätte bedeutet, das einzige sinnvolle am Studium zu verteidigen, nämlich den kurzzeitigen Freiraum und die kurzfristige Position, dem Getriebe der Ökonomie nicht ganz so hart ausgeliefert zu sein wie alle anderen. Die Niederlage bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die Austrocknung dieses Biotops.

Dass der Irrglaube, das Studium sei wegen der tollen Inhalte etwas zu verteidigendes, im Kern nichts anderes ist als Konformismus, und zu nichts anderem führen kann als zur Unterwerfung, das zu sehen haben die wenigsten die Augen. Gerade für die kritischsten im Übrigen hat die unergründliche Weisheit nämlich die Politikwissenschaft erfunden; und dort bringen es, unter der gütigen Anleitung eines gewissen für radikal versehenen Dozenten, noch die hoffnungslosesten Fälle zur nicht zu unterdrückende Leichtigkeit und dem Glück, ein Student zu sein.

Es gilt, teils aus Kalkül, teils aus Dummheit, als ungeschriebenes Prinzip der Linken, dass man den Massen nach dem Maul zu reden habe; so als ob nicht deren unbegreifliche Geduld noch der einzige Grund wäre, warum weiterbesteht, was doch nicht mehr zu rechtfertigen ist. Niemals also wird man die Linken erleben, wie sie etwas anderes treiben, als die Leute dort abzuholen, wo sie stehen. In besseren Zeiten nannte man so etwas Opportunismus. Nichts liegt diesen Leuten ferner als der Skandal, nichts fürchten sie mehr als die Isolation.

Als Gefangene einer opportunistischen Strategie müssen sie Gefangene der Formen bleiben, in denen sich der offizielle Betrieb abspielt. Ob sich daher unter der vollendeten Passivität der sogenannten Massen eine ebenso vollendete Unzufriedenheit verbirgt, werden sie nie herausfinden. Im Falle der Studiengebühren haben sie es jedenfalls geschafft, die Studierenden mit dem Versuch, ihr Anliegen der Öffentlichkeit nahezubringen, tatsächlich völlig zu isolieren. Das Beharren auf der Verteidigung der Bildung war zwar sehr gut der sogenannten Mitte zu verkaufen, aber muss für die anderen Klassen völlig ohne Interesse bleiben, wenn nicht schlimmeres. Jeder Versuch dagegen, sich lediglich im eigenen Namen und auf keinen gefälschten allgemeinen Titel hin seiner Haut zu erwehren, hätte namentlich seit den Hartz-Reformen möglicherweise eine gänzlich unvermutete Sympathie bei breiten Schichten hervorgerufen, die die linken Kader selbst schon durch ihre völlig vergessene Existenz überrascht hätten.

Unglücklicherweise bleiben die offiziellen Linken nur solange Herren der sogenannten Linken, solange die gefährlichen Klassen nicht erwacht sind. Und das unbewusste Wissen darum ist es, das sie ängstigt, und immer zuverlässig dazu treibt, nichts unbedachtes zu tun.

Dass die studentischen Kader von der Linken aus der Bewegung nichts machen konnten, mag ihr Schicksal sein, immerhin schon ein Einwand dagegen, solchen Leuten die Hand zu reichen. Wie sie aber, alle mit- und gegeneinander, die letzten Monate vor der Niederlage organisiert haben, das ist ihre Schuld, für die sie bei der nächsten würzburger Hochschulwahl die Antwort verdienen.

Nicht genug, dass die eine Fraktion (Jusos) jahrelang die opportunistischste Politik getrieben haben, die man sich denken kann, und zwar nach jeder Richtung; nicht genug, dass sich diese Fraktion zerlegte über einen unglaublichen persönlichen Streit; nicht genug damit, dass einer der schlimmsten Opportunisten, ein Mitarbeiter eines SPD-Landtagsabgeordneten, schliesslich zusammen mit Michael Kraus eine eigene „Alternative Liste“ gründete, welche den Widerstand nunmehr richtig zu führen versprach: die Damen und Herren (vor allem Herren) beider Fraktionen haben es geschafft, ihre theoretische gemeinsame Mehrheit zu verschenken, aus Gründen desselben persönlichen Streits.

Die „Alternative Liste“ jedenfalls, die seit den letzten Wahlen zusammen mit denselben Konservativen, Liberalen und Grünen, welche sie im Wahlkampf noch nicht zu Unrecht als „neoliberal“ bezeichnet hatte, die Studierendenvertretung stellt, verdient, wenn sie denn noch einmal anzutreten die Stirn haben sollte, keine einzige Stimme. Diese von Martin Bielwaski (SPD) und Michael Kraus (Attac) geschaffene Gruppierung hat ihren Kredit so derartig verspielt, dass sogar die völlig heruntergekommene SPD-Truppe daneben noch gut aussieht.

Zuletzt haben es diese Leute geschafft, die definitive Einführung der Studiengebühren durch den Akademischen Senat der Universität mit nichts anderem zu begleiten als einer Diskussionsveranstaltung, auf der Uni-Präsident Haase und andere Senatoren zum abermaligen sprachlosen Erstaunen der wenigen anwesenden Studierenden kundgeben durften, wie sehr richtig sie das finden, was sie jetzt anschliessend zu beschliessen gedächten; woraufhin dann, nach eineinhalb Stunden, die Studierenden allmählich heim in ihre WGs liefen und Haase die Versammlung beendete, um zusammen mit dem Senat in aller Ruhe zu beschliessen. Absurderweise hatte man ihm sogar die Leitung der Veranstaltug überlassen.

Es fällt einem nichts mehr ein: sogar die wenigen anwesenden Studis hätten ausgereicht, um die Senatssitzung zu stören. Man hat Haase bewusst solange labern lassen, bis sie sich zerstreuten. Richtig erleichtert müssen sie sich gefühlt haben, die Jüngelchen der AL und ihr Meister, als endlich alles vorbei war: die Nervosität, die das Erscheinen dreier angeblich scharz gekleideter bei ihnen und den anderen Funktionären der Ordung herrvorrief, war immerhin ein kleiner Trost. Ich betrachte diese Nervosität, die meine blosse Anwesenheit bei solchen hervorruft, jedenfalls als eine Verpflichtung.

Das bisher letztes Lebenszeichen von AL und Studierendenvertretung war der sogenannte Studiengebühren-Boykott, an dem sich um die 50 Leute beteiligten, was in etwa der Anzahl der Mitglieder der AL zuzüglich ihrer WG-Mitbewohner/innen entspricht; wer das eine Blamage nennt, untertreibt. Angepeilt waren 30% der Studierenden. Soviele wissen, legt man die bisherigen Wahlbeteiligungen zu Grunde, noch nicht einmal von der Existenz der Studierendenvertretung. Eine nutzlose Existenz im übrigen, die bisher nichts als Schaden angerichtet hat und jetzt, in den Händen der Konservativen, der Liberalen und ihrer Alternativen Steigbügelhalter, natürlich nicht besser geworden ist.

Angesichts einer Studierendenvertretung, die bloss entweder den linken oder den rechten Politikanten zur Tribüne dient, kann jede wirklich grundlegende Veränderung nur mit der Forderung anfangen, diese Studierendenvertretung einfach abzuschaffen.

Jörg Finkenberger

„Nazis unplugged“ – die Kampagne der bayerischen Antifa-Gruppen


An dieser Stelle wird die Antifa-Kampagne „Nazis unplugged- Rechten Strukturen den Saft abdrehen“ der in Bayern vernetzten Antifa-Gruppen vorgestellt. In der Region Mainfranken beteiligen sich die Würzburger Antifa Sin Patria und die Antifaschistische Linke Main-Spessart an der Unplugged-Kampagne .


„Nazis unplugged – Rechten Strukturen den Saft abdrehen“ ist eine Kampagne von antifaschistischen Gruppen aus Bayern. Wir wenden uns offensiv gegen die sich weiter verbreitende und personell stärker werdende Naziszene in Bayern. Der Schwerpunkt der Kampagne liegt auf der Zurückdrängung und Bekämpfung extrem rechter Infrastruktur. Darunter verstehen wir zum einen die Rückzugsorte von Neonazis – wie Wohnprojekte, Kneipen und andere „private“ Treffpunkte – natürlich aber auch die Orte des rechten Lifestyles, in denen versucht wird, neue AnhängerInnen zu gewinnen, also: Läden, die neonazistische Kleidung und Musik vertreiben, (Internet-) Versände und politische Veranstaltungsorte.
Die bayerische Naziszene kann auf eine Vielzahl von organisatorischen und personellen Netzwerken zurückgreifen. Nahezu in allen Regionen Bayerns bestehen organisierte extrem rechte Strukturen. Neben den teilweise schon Jahrzehnte existierenden Parteien wie NPD, DVU oder REPUBLIKANER wuchs in den letzten Jahren die Zahl sogenannter „Freier Nationalisten“, welche sich meist in Form von Kameradschaften organisieren, stark an. Diese stellen, nachdem sich ihre Akteure vom Image des deutschen, dauerbesoffenen Naziskinhead weitestgehend verabschiedet haben und sich im Erscheinungsbild an „normale“ Jugendliche angepasst haben, gerade in Gegenden, in der keinerlei Art von progressiver Jugendkultur existiert, für viele Jugendliche eine Anziehung dar. Das bedeutet auch, dass sich nahezu in jeder Subkultur extrem Rechte finden und versuchen gerade auch in diesen Zusammenhängen neue AnhängerInnen für ihre menschenverachtenden Ziele zu gewinnen.
Einer derartigen Entwicklung kann nicht tatenlos zugesehen werden, sie gilt es mit allen Mitteln und auf allen Ebenen zu bekämpfen und zurückzudrängen. Mittels Aufklärungsarbeit, politischen und kulturellen Aktionen sowie Demonstrationen wollen wir deshalb die Knotenpunkte und AktivistInnen der rechten Szene öffentlich machen und sie in ihrem Treiben stoppen.
Wir setzen in unserer Aktionsformen auf Vielfalt und Kreativität: neben altbewährten Aktionsmustern wie Infoveranstaltungen oder überregionalen Demonstrationen setzen wir auf Ansätze, die sich von linken Einheitsbrei abheben und Resultate unseres emanzipatorischen Politverständnisses sind. Wir verstehen darunter kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerte, Agit-Prop-Aktionen. Hier sind die Ideen und Einfälle der beteiligten Gruppen gefragt, für Kritik und Vorschläge sind wir jederzeit offen.
Linksradikale Politik in Bayern gleicht häufig einem Kampf gegen Windmühlen. In einem Bundesland, in dem 2/3 der WählerInnen für eine Partei stimmen, „die rechts neben sich keine andere duldet“ (Zitat Franz Josef Strauß) und mit ihrer Politik all denen das Leben schwer macht, die keinen deutschen Pass haben oder sich nicht dem Kalkül aus Laptop und Lederhose unterwerfen wollen; für ein selbstbestimmtes Leben ohne Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Kapitalismus einzutreten, ist in Bayern eine prekäre Angelegenheit. Aber gerade deshalb ist es umso notwendiger.
Wir verstehen daher die Kampagne „Nazis unplugged“ auch als einen Versuch, die linksradikale, antifaschistische Bewegung in Bayern zu stärken, besser zu organisieren und aus ihrer gesellschaftlichen Isolation zu führen.

Rechten Strukturen den Saft abdrehen!

Für die antifaschistische Offensive!

Ein Leben ohne Nazis, Staat und Kapital erkämpfen!“

Weitere Infos unter:
>>> unplugged.nonazis.net (Kampagnen-Seite)
>>> wasp.antifa.net (Page der Würzburger Antifa Sin Patria)