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Hören und Schmecken

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Die Seite für moderne Kultur

Heute: Vom übermüdeten Kochkommu, äh, lumnisten

Oh, wie sind doch die Fingerlein so steif! Und oh, oh, wie schmerzt das Kreuz!! Und oh, oh weh, wie verschwommen ist das Bild trotz des übergroßen Bildschirms!!! So wird das alles nichts, es bedarf einer kräftigen Ermunterung. Nach der gestrigen schweren Not ist zwar doch der Morgen gekommen, aber nun braucht es endlich auch einen Kaffee! Doppelespresso mit wenig, doch sehr(!) cremigem Milchschaum, dazu ein Croisant und: „Möchten der Herr vielleicht noch eine kleine Aufmunterung?“. „???“. „Cognac??!“. Meine Zweifel an der Seriosität des eigenen Erscheinungsbildes wachsen ins Unermessliche. Das Hemd ist doch nicht zerknittert? Der Bart ist sauber fortrasiert, die Haare gekämmt, was will der Mensch?? Erkennt der mich???? Ich verstecke mich hinter dem Feuilleton des lokalen Tagblattes und sinniere über die Spuren, welche die Zeit auf meinem sorgsam gepflegten Arbeitskraftbehälter hinterlassen hat. Ach, da schau her! „Elisabeth Kulman gewinnt Schallplattenpreis Toblacher Komponierhäuschen 2010″1 So, so. Mit dem exotischen Reiz eines Akkordeon und dem erotischen eines roten Kleides und dazu noch der Beihilfe des statthabenden Mahlerjahres, da müssen die Preise ja purzeln. Mich hat die Idee, das große Mahlersche Orchester durch eine, so hat’s der bayerische Rundfunk mal genannt, Wirtshauskapelle zu ersetzen, sofort eingenommen. Wirtshaus, das kenne ich immerhin sehr gut – und der Welt bin ich auch schon öfter abhanden gekommen2; mit Akkordeon ist der Himmel dann auch recht schön instrumentiert. Die Kulturseite der werten Kollegen ist zwar ein prima Sichtschutz, doch recht öde und der nunmehr gelangweilt aufgeschlagene Meinungsteil zitiert gar den mittels Fußballs endlich gelockerten Umgang mit der Nation samt Flagge herbei, um sich so gewappnet für mehr Einigkeit und Volksnähe in der Politik, sowie mehr Sauberkeit in der Innenstadt stark zu machen. Außer Hundehaufen habe ich vor dem Lokal keine größeren Verunreinigungen wahrgenommen – und will mir schon gar nicht vorstellen, was noch volksgemäßere Einigkeit sein mag, als es jener einstimmig gefasste Entschluß unserer geliebten Volksvertretung bereits war, Jerusalem auch mal offiziell mitzuteilen, daß die Interessen des jüdischen Staates wohl doch besser in Berlin aufgehoben seien. Mein allmorgendliches Unwohlsein weicht einer allgemeinen Angewidertheit; es hat schon seinen Grund, weshalb mir die Seite vom Schönen, Guten und Wahren untersteht und nicht ich diese grausliche Politik am Hals habe! Leise grummelnd bezahle ich Kaffee und Hörnchen und strebe zum nächsten Lebensmittelladen. Haben sich doch die Mitglieder der Anderen gelehrten Gesellschaft für den heutigen Abend zum Dinér angemeldet und, das weiß ich aus Erfahrung, die geistreichen Gespräche finden seit je erst nach einem reichlichen Menü und einer gewissen Menge geistiger Getränke statt. Der Einkauf gestaltet sich stets ein wenig diffizil, da die Mitglieder dieses Vereins – ebenso wie jene der kleinen Vereinigung zur Beförderung der versöhnten Gesellschaft und der mainfränkischen Sektion des Kulturbunds – einerseits diverse Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten in sich vereinen, andererseits sich insbesondere auf diejenigen ihrer persönlichen Idiosynkrasien kaprizieren, welche mit der Nahrungsaufnahme zu tun haben. Das Menü möge doch bitte keine allzu scharfen Speisen, keine rohen Karotten oder auch Tomaten enthalten und ganz besonders ist auf die Abwesenheit von Gluten zu achten; es muß vegetarisch sein und sollte exotische Gemüsesorten eher meiden. Letzten Sommer war der versammelte Kulturbund zu einer Wanderung in die Alpen aufgebrochen. Für eine der auf Camping-Kochern zu verfertigenden Mahlzeiten hatte eine der Damen und ich die ehrenvolle Aufgabe des Einkaufs übernommen. Die Findigkeit, mit der besagte Dame selbst im Allgäuer Landstädtchen Sojaprodukte und glutenfreies Brot aufzutreiben wußte, beeindruckte mich nachhaltig. Die Auflösung der Unterschiede zwischen Stadt und Land waren denn auch eines der Themen auf unserer Wanderung – nicht nur daß Vegetarismus und Lebensmittelreform bis in abgelegene Bergregionen vorgedrungen waren, auch die zeitgenössische Kunst hat Einzug in die Natur genommen. Eine ganze Klamm, also ein von einem Gebirgsbach in den Fels geschnittene enge Schlucht, war zu einem künstlerischen Monument gegen Krieg und Herrschaft des Mammon gestaltet worden3. Aufgestiegen in luftigere Höhen, dabei vertieft in Betrachtungen über die unangenehmen Seiten des Landlebens, wie etwa die unverständliche Sprache der lokalen Bevölkerung, Rinderbremsen, weite Wege und ein gewisser Zwang zu rustikaler Kleidung, zielten wir bereits auf eine weiter ausgreifende Exkursion, nämlich einer, später dann auch durchgeführten, Bildungsreise nach Israel. Inmitten einer Debatte, ob alpine Ausrüstung bei einer Wanderung auf dem Israel National Trail vonnöten sei und inwieweit der Mangel an Gebirgslandschaft die Rezeption des Mahlerschen Werkes beeinflusse, ertönt der Ruf: „Ein Kamel!!!“ Tatsächlich stand inmitten einer der zahllosen Weideflächen ein Kamel, samt Höcker und dem für diese Spezies typischen, uns skeptisch erscheinenden, Gesichtsausdruck. Der Tourismus, das konnte uns ganz flugs die zweite Dame referieren, gebärt die seltsamsten Früchte, also auch Kameltouren durch das Allgäu. So war dann jener Teil des Grüppchens, welcher einige Wochen später dem überlieferten Weg des christlichen Messias vom Har Arbel hinab zum Kineret nach Kefar Nahum folgte, wenig überrascht, direkt am Fuße des senkrecht abstürzenden Hangs des Arbel zuerst alpin anmutendes Glockengeläut zu hören, alsbald dann Rinderdung auf dem Wanderweg vorzufinden, um endlich einer Herde Kühe gewahr zu werden, die so gemächlich wie raumgreifend den schmalen Weg uns entgegen trottete. Die von mir nun ebenfalls erwarteten Rinder treibenden Bergbauernjungen und jodelnden Sennerinnen blieben Hirngespinst. Das Dorf, zu dem der Weg führt, heißt Hamaam, das könnte schon auch ein süddeutsches dialektales Wortgebilde sein, doch dort steht eine große nagelneue Moschee und um diese nachmittäglich heiße Zeit läßt sich außer Touristen kein Mensch, draußen blicken – schon gar kein Allgäuer Alpenwirt mit einem Tafelanschrieb, der eine große Auswahl an Kuchen verspricht, und der auf Anfrage dann wortlos durchgestrichen wird. Hier müssen Kühe und Touristen alleine zurecht kommen, nicht einmal ein Eisstand oder ein Limonadenverkäufer ist weit und breit zu sehen. Am See angekommen wich dann das lauthals bemängelte Fehlen einer touristischen Infrastruktur einem gewissen Überangebot: Besichtigung jenes vom Grunde des Kineret geborgenen Schiffleins des Petrus (welchselbiges, das weiß ich noch aus dem Religionsuntericht, doch der Jesus laut Matthäus 14 / 31 vorm Untergang errettet hat), Predigten auf dem Wasser in sämtlichen Sprachen (aramäisch und altgriechisch inklusive), Kurse im Aufdemwasserwandeln und ein mysteriöser Wegweiser in die Richtung einer von der Abendsonne dunkelrot illuminierten Bergkette: „See where MADONNA found her inspiration. Find your personal way to calm and wisdom. Visit Sefad“. Da mussten wir selbstredend dann auch noch hin. Ein bißchen so wie Lourdes mit Blick auf Zitrusplantagen und galiläischem Meerlein. Aber Madonna war nicht da und die Damen wollten auch nicht wirklich am Meditationskurs mit Schnelleinweisung in Zahlenmystik (nur für Frauen) auf garantiert schon von Madonna persönlich besessenen Sitzkissen teilnehmen. Nun waren wir ja nicht eigentlich zwecks all dem multireligiösen Kitsch gekommen, sondern wollten uns von Dromedaren in einer diesen Tieren zukommenden Umgebung durch malerische – das muss sie als sinnlicher Inbegriff des Orients ja doch sein – Landschaft tragen lassen. So begab es sich dann, daß wir in der Wüste, genau gesagt in Mitspe Ramon ziemlich tief im Negev, in einem echten Wüstenzelt Quartier nahmen, um Gluthitze und Trockenheit pur zu erleben. Blöd war lediglich, daß das Wüstenhostel zwar die versprochenen Zelte vorweisen konnte, es sich aber gar nicht um Beduinenzelte, sondern um recht hippieske Imitationen handelte, deren wichtigster Ausstattungsbestandteil der indianische Traumfänger zu sein schien; noch blöder war, daß wir exactement an einem der vom statistischen Jahresquerschnitt gesehenen fünf Regentage angekommen waren – es somit saukalt gewesen war und die auf google earth zu bestaunende, gigantische Schlucht unter einer, dem heimischen Herbstnebel in Nichts nachstehenden, grauen Wattedecke verborgen blieb. Und Kamele gab es dort auch keine, wir haben aber später auf der Busfahrt noch welche zu sehen bekommen. Das Schlimmste jedoch war die tibetische Musik, die ja als solche nicht zwangsläufig von so großem Übel sein muß, doch durch die Begleitung eines Didgeridoos und eingesampelter Walgesänge sich zu einer musikalischen Form der Folter auswachsen kann. Bei der Erinnerung an dieses wahre Höllenorchester gerate ich in helle Panik. Der Basmatireis in meinen Händen beginnt höhnisch zu grinsen und mit dem diversen Grünzeug und den Gewürzen im Einkaufskorb eine Wüstenpolka zu summen. „Alles OK? Die Petersilie geb‘ ich Dir noch so mit.“ „Äh. Ja.“ Verwirrt blickend deute ich auf das Regal. „Baklava?“ Steht zwar groß und deutlich drauf, aber naja. Der Einkauf ist fast geschafft, beim Fußweg durch die Stadt versuche ich noch, mich über das Kulturangebot der nächsten Tage kundig zu machen. In letzter Zeit bin ich ja öfter mal hinüber nach Schweinfurt gefahren, wo im dortigen Theater regelmäßig die Bamberger Symphoniker gastieren. Deren Aufführung der fünften Symphonie von Gustav Mahler hatte ich zu meinem großen Leidwesen verpasst, doch dafür die Symphonien Nr. 2 (D-Dur op.73) und Nr. 4 (e-Moll op. 98) von Johannes Brahms unter der Leitung von Jonathan Nott gehört und hatte als besonderen Höhepunkt dieses Abends, dank der überaus umfassenden Verbindungen des Kulturbunds, die Pause in der Cafeteria des Theaters inmitten der Damen und Herren Musici verbringen dürfen. Der Glanz, der von all den Braten mit Knödel, Leberkäsweck oder auch Schnitzel mit Pommes Frittes verzehrenden Künstlerinnen und Künstler – „Da, schau! Da ist doch der Hornist.“ – auf mich abfiel, war mir ein schöner Ausklang meines doch immerhin schon 49ten Geburtstages. Noch in derselben Woche waren wir dann gemeinsam in Würzburg, wo wir dann doch die Mahlersche Fünfte hörten. Das war auch sehr gelungen, lediglich die Protzereien jenes Kollegen mit den guten Verbindungen in die Schweinfurter Theaterkantine, er habe ja die Bamberger gehört, „gar kein Vergleich!!“, störten ein bißchen die festliche Stimmung – was dann die Entscheidung zwischen dem Besuch des Theater-Cafes oder dem etwas jugendlicher daher kommenden „schönen René“ zu einer regelrechten Kampfabstimmung werden ließ. Jetzt muß der Kulturbund erst einmal ohne mich ins Konzert, allzu lange werden die das aber ohne meinen großen Sachverstand nicht aushalten, das ist schon klar! Aber wo ist denn jetzt dieses Plakat, das dieses überaus interessante Akkordeontrio angekündigt hat, bloß hingekommen? Ich finde es nicht wieder, statt dessen stoße ich direkt vor dem Dom auf die vergilbte Annonce einer längst stattgefundenen Veranstaltung aus jener, zum großen Glück nicht von mir zu verantwortenden Sparte, nämlich der Politik: Kundgebung mit Bürgerfest. Würzburg gegen NPD. Unter anderem sprach dort die Frau Dr. Stamm von der CSU, die, das weiß ich noch aus meiner Jugend, einen äußerst schlechten Ruf bei der hiesigen Linken genoss. Ich erinnerte mich natürlich sofort an die zahlreichen Aufkleber auf dem Ampelmast direkt vor meiner Haustür, wo deutlich martialischer – „Kein Fußbreit den Faschisten“ – für doch wohl dieselbe Veranstaltung geworben worden war. Aber über die Tatsache, daß die bedauernswerte Frau Dr. Stamm jetzt gar für die Antifaschistische Aktion reden muß, werden sicher der Heumann und die Evi einen gut recherchierten Hintergrundbericht abliefern. Ich hingegen muß jetzt hinaus in die richtige Welt, die so gar nichts von hehrer Kultur und vom großen Schatz des modernen Wissens hören mag. Um mir die wilden Umtriebe, die der Beruf des leitenden Kulturredakteurs einer sehr angesehenen Vierteljahreszeitschrift so mit sich bringt, überhaupt erlauben zu können, bin ich zu meinem übergroßen Mißvergnügen gezwungen, meinen Körper und auch meinen Geist auf eher unabsehbare Zeit zu Markte zu tragen; weniger poetisch: Ich habe noch einen zweiten und dritten Job in der Gastronomie angenommen. Das Problem besteht nun darin, daß ich mir zwar die vielen Konzertbesuche samt anschließenden Kaffeehausbesuch leisten können würde, wenn ich bloß zu den Zeiten, an denen Konzerte dem usus nach veranstaltet werden, nicht gerade zwischen Herd, Fritteuse und Saladette hin und her hetzte, um auf Zuruf die leckersten Speisen zuzubereiten. Ein zusätzlicher lästiger Umstand, der beim Überlassen eines (nicht zu knappen) Teils meiner Lebenszeit für Geld auftritt, ist mit der Quälbarkeit meines Leibes verbunden. Das gute Stück (also ich rede von meinem Körper, der ist immerhin der einzige den ich habe) ist eh‘ schon ein wenig ramponiert und im Moment, dank der guten Nachfrage nach meiner einzigen Ware, ziemlich überbeansprucht. Die richtige Welt, das habe ich mir in den letzten Tagen doch zugestehen müssen, ist zu anstrengend, ja, ich würde sogar sagen, sie behagt mir nicht. Es scheint jedoch dummerweise wohl keinen Ausweg mehr zu geben. Stand ich doch dieser Tage einmal, es geschieht ja aus vorgenannten Gründen nur mehr selten, im Begriffe, mich ins Büro – jenem vom Finkenberger und mir behausten Kellerloch im Hotelturm – zu begeben. Selbst eine Fliege hatte ich mir umgebunden, nicht bloß so einen bunten Kulturstrick von Krawatte, doch mir blieb der Einlass verwehrt! Der Schlüssel, der immer hinter der, ja doch lediglich zur Tarnung aufgestellten, Bautafel hing, war nicht an seinem Ort. Ich ächzte mich über die provisorische Absperrung, zerriss mir dabei auch noch das Jackett und rüttelte an der Bautüre, die in den Keller führt. Nichts. Oh! Doch!!! Ein dickes und sichtlich neues, sehr massives Schloß verriegelte die, zudem mit zusätzlichen Schalbrettern verstärkte, Türe. Sofort rief ich die Evi Schmitt, die immer sämtliche die Redaktion betreffende Neuigkeiten zuerst weiß, an. „Ihr Gesprächspartner ist momentan nicht erreichbar“. Beim Heuberger das gleiche Spiel, aber das ist ja normal, der lässt sein i phone sowieso immer irgendwo liegen. Ich ging die gesamte Liste durch, versandte Kurzmitteilungen und besprach Anrufbeantworter sonder Zahl. Tja, der Vertrag war ganz einfach ausgelaufen. Der Chef hatte nämlich den Turm lediglich geleast gehabt – allen hat er erzählt, er wäre gekauft – und war jetzt auch noch von seinem Vorstandsposten zurück getreten. Die Redaktion war wieder obdachlos und tagte im Moment an dem Grillplatz beim Graf Luckner Weiher und keine Sau hatte auch nur daran gedacht, mich zu informieren. Im Hintergrund des kreischenden Tumults von „Redaktionssitzung“ hörte ich den vorlauten Praktikanten: „Der brät doch sowieso den ganzen Tag Curry Wurst, was will der hier am Grillplatz?“

Doch keine Sorge, die Kollumne gibt sich nicht so einfach geschlagen:
bis zum nächsten Mal!
Ihr stets zu Diensten stehender
Rainer Bakonyi

Das Rezept des (dann ganz wirklich den Damen und Herren vom Lesekreis aufgetischten) Mahls:

Iranischen Reis mit Safrankruste:
4 Tassen Basmati-Reis, ½ Teelöffel Safranfäden, Salz, Butterflocken, Butterschmalz.
Den Reis mehrmals mit kaltem Wasser waschen, dann in eine Schüssel mit reichlich Wasser geben, einen Esslöffel Salz zufügen und mindestens eine ½ Stunde quellen lassen. Nun in einem großen Topf 2-3l. gesalzenes Wasser aufkochen lassen und den abgetropften Reis zugeben. Kochen bis der Reis gar, aber noch bißfest ist (5-7min.), in der Zwischenzeit den Safran mit etwas Zucker im Mörser zerstoßen, den Reis in ein Sieb gießen und den Topf wieder auf die Flamme stellen; Butterschmalz und ½ Tasse Wasser darin erhitzen. Nun in die Wasser-Fett Mischung den Safran geben und kräftig umrühren. Wenn die Brühe kocht, den Reis hinein geben, dabei zur Mitte hin einen leichten Hügel formen. Nun mit dem Stil eines Kochlöffels gleichmäßig verteilt 6-8 Löcher bis zum Topfboden bohren und sobald nach einigen Minuten der Reis zu dampfen beginnt, den Topfdeckel fest in ein Geschirrtuch einschlagen und auf den Topf setzen. Sobald der Deckel richtig heiß ist, die Hitze auf die niedrigste mögliche Stufe reduzieren und eine Stunde stehen lassen. Nicht vor Ablauf der Stunde öffnen! Jetzt in einem Spülbecken eine halbe Hand hoch kaltes Wasser einlaufen lassen und den Topf entschlossen hinein setzen. Mit Zischen und einem lauten Krachen wird sich die Reiskruste vom Topfboden lösen! Nun den Reiskuchen vorsichtig auf eine große Platte stürzen. Die leuchtend gelbe Kruste ist Zierde genug, doch verspielte Gemüter mögen nunmehr gerne mit Kräutern und Gemüsestückchen an einer Dekoration basteln.

Vegetarischer Bohnentopf. (Im Original besteht dieses Gericht zur Hälfte aus mitgekochtem Fleisch. Ich weigere mich, hier mit Sojaersatz rumzupfuschen. Es bleibt bei Hülsenfrüchten pur)
80g. Kichererbsen, 80g. Kidney-Bohnen, 80 g. weiße Bohnen; 3 getrocknete Limetten (kann man selber ganz einfach trocknen lassen, geht zur Not auch mit frischen), 1 Gemüsezwiebel, 2 Kartoffeln, 1großer Bund glatte Petersilie, 1 Bund Schnittlauch, 1 Bund Koriander, 2 El. Bockshornkleesamen, 2 Teelöffel Kurkuma, Salz, Pfeffer.

Die Hülsenfrüchte über Nacht (mind. 8 Stunden) einweichen, abgießen und gründlich ausspülen. Mit einem Holzspieß die Limetten mehrfach durchbohren, die Zwiebel halbieren und eine Hälfte sehr fein hacken. In einer Pfanne etwas Öl erhitzen und die Zwiebel darin bräunen, danach die fein gewiegten Kräuter dazu geben, gelegentlich rühren und mit dem Bockshornkleesamen würzen. Die Masse in einem Schüsselchen zur Seite stellen. Nun die Hülsenfrüchte in einem großen Topf mit reichlich Wasser aufkochen. Die zweite Zwiebelhälfte am Stück beigeben, die Limetten, das Kurkuma, Pfeffer und Salz zugeben und etwa 2 Stunden köcheln lassen; jetzt die geschälten und geviertelten Kartoffel und die Kräuter- Zwiebel Mischung dazu geben, eine weitere Stunde köcheln lassen. Jetzt alles durch ein Sieb geben, die Brühe als Suppe auffangen und warm stellen, die Limetten wieder aus den Hülsenfrüchten herausfischen, diese abschmecken und dann zu einem Brei pürieren.

Dazu werden Salate, gebratene Gemüse und geröstete Nüsse gereicht.

Als Nachspeisen eignet sich Obst, Eis und eigentlich alles, was sehr süß ist.

Ihr Rainer Bakonyi

Was Ernstes

Vorabdruck aus Heft 16

Unter der Betreffzeile „mal was ernstes“ fand sich in meinem Postfach diese Meldung: „ich halte es für unverzichtbar, dass jemand etwas zu israel schreibt. “. Nun ja, die Wogen schlugen hoch, waren doch mit den Damen Annette Groth und Inge Höger zwei leibhaftige Abgeordnete des Bundestages, sowie mit Herrn Norman Paech ein gewesener solcher von der israelischen Marine an Bord eines von türkischen Unterstützern der Hamas gestellten Schiffes beim Versuch, die Seeblockade vor Gaza zu durchbrechen aufgegriffen und kurzfristig in Israel in Gewahrsam genommen worden. Seither kam es zu der bereits seit den Tagen der sogenannten zweiten Intifada allseits bekannten anti-israelischen Medienwelle und jenen mittlerweile ebenfalls als üblich zu bezeichnenden ausgesprochen ekelhaften Zusammenrottungen deutscher Linker mit islamistischen Gruppen wie auch türkischen und arabischen faschistischen Banden. „Hoch die inter…Allahuakbar…Juden ins Gas…Babymörder Israel…“ ist die auf jede beliebige wackelige Videosequenz passende Tonspur dieser im Netz bequem zu betrachtenden Lynchmob-versammlungen. Dieses Phänomen ist nun zwar wahrhaft widerlich (und für einzelne als Juden, Israelis, US-Bürgerinnen und auch neurechte Antideutsche „erkannte“ Menschen, die in so etwas geraten etwa so bedrohlich wie eine Pinkelpause in der sächsischen Schweiz für eine afrikanische Fußballmannschaft), doch nicht eben neu und vor allem sehr deutsch – über Israel sagt es nur so viel aus: Wüßte ich auch überhaupt nichts über diesen Staat und dessen Volk, diese wären schon lediglich ihrer versammelten Feinde wegen meiner innigsten Sympathie sicher.
Nachdem sich der Staub ein wenig gelichtet hat und es einen gewissen Überblick über das Geschehen gibt, lässt sich über Israel nun vor allem sagen, daß der demonstrative Einsatz gemäßigter Mittel – jenes von Obama, Ban Ki Moon und auch Herrn Westerwelle stets unisono eingeforderte „restraint!“ – gegen Leute, die unbedingt „Märtyrer“ werden wollen in taktischer Hinsicht das genau gegenteilige Ergebnis zeitigt, und als strategisches Mittel gegenüber einer zutiefst antisemitisch grundierten „Weltöffentlichkeit“ bestenfalls hilflos bleibt.
Das in der äußeren Gestalt der „flotilla“ wie in der (selbst)mörderischen Aktionsform in seinem Wesen aufscheinende, geostrategisch bedeutsamste Ereignis: die offene Abwendung der Türkei vom westlichen Bündnis und sein Bekenntnis zur – sei’s auch als um die Führungsrolle konkurrierende Macht – Mitgliedschaft im pro-iranischen Club, ist im israelischen Außenamt schon zu Zeiten der Regierung Olmert registriert worden; daß dies in Washington unter Obama noch immer nicht in seiner Bedeutung erfasst wird und bei deutschen Linken, könnten sie wenigstens noch in politischen Kategorien denken und somit den Braten riechen, mit Sicherheit zu Solidaritätsbekundungen führen würde, lässt sich bloß noch kopfschüttelnd konstatieren.
„zu israel“ möchte ich ansonsten noch anmerken, daß dort das Bewußtsein es mit einer ernstzunehmenden Bedrohung und nicht lediglich mit weltfremden „peace activists“ zu tun zu haben deutlich ausgeprägt ist und zu einer erstaunlich breiten Unterstützung für die Regierungspolitik und auch zu hohen persönlichen Beurteilungswerten für Premierminister Benyamin Netanjahu geführt hat; alle internationalen Akteure, welche auf den baldigen Zusammenbruch der doch recht widersprüchlichen Koalition gesetzt hatten, sollten sich auf eine längere Wartezeit einrichten.

Von Rainer Bakonyi

Hören und Schmecken

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Heute: Die In- und Retrospektive Kochkolumne

Ja. Aua! Der Herr Redakteur hat einen Kater. Halt wirklich; ja, und er hat einen lichten Moment – zumindest kurz gehabt. Weil: Gestern Nacht ist er dem ehrwürdigen Vater, Kardinal Ratz- äh seiner Merkwürden, Johannespaul Zwo über den Weg gelaufen. Der hatte seinen rubinroten Ring verloren gehabt und forderte das dumme Ding im (sehr) kurzen Stewardessenkleidchen auf, sich an der Suche zu beteiligen. „Bück dich…“ „Aber ihro Durchlaucht“ hob ich an. „Hier geht doch alles durcheinander“. Nun, da stand ich also zwischen den Herren Damen und den strammen Marinefrolleins im mindestens vier Konfektionsgrößen zu klein ausgefallenen Militärstewardessenfummel mitten im Tuntenball, ein Servierblech mit Pizza in der Hand. Die geschätzten beiden Kollegen an meiner Seite hatte es nicht besser getroffen.

Warum bloß bin ich nicht in der geliebten Redaktionsstube unten im Keller vom unvollendeten Hotelturm geblieben??? Faul auf meinen günstig erworbenen Drehstuhl gefläzt und dem guten Finkenberger zugeschaut wie er laut kichernd dümmliche Leserkommentare zu seinen eigenen Artikeln verfasst, um sie sodann mit wichtiger Miene zu beantworten. Warum? Zum Teuf…

Doch als ich so gedankenverloren an meiner Pizzaundchilliverkaufsstation stand, trat der Heilige Vater auf mich zu – und ich hatte jenen vorhin erwähnten hellen Moment. Der bayerische Papst hat das im Trubel natürlich gar nicht mitbekommen, der wollte sich lediglich hinter mir vorbei zwängen, um in die ausschließlich dem Personal vorbehaltenen Gemächer zu eilen. „Es ist ja alles gar nicht wahr, bloß eine Geschichte, ganz und gar fiktiv.“ Dies in etwa war der Kerngehalt des letzten klaren Gedankens bevor ich dann doch auf das schon seit längerem bestehende Angebot des Herren Kollegen zurück kam und die mir dargebotene Flasche Augustinerbräu in einem tiefen Zug in mich hinein leerte.

Mit schmerzendem Kopf und großem Durst überquere ich am Berliner Ring die Nürnberger Straße; die Aktentasche in der Hand strebe ich dem Kellerloch, also dem Büro der Kultur- und Politikredaktionen (aus Einsparungsgründen in einem noch unausgebauten Kellerraum untergebracht) entgegen, wo ich statt eines Konterbieres einen gut gelagerten schottischen Whiskey als Antikatermedikament zu mir zu nehmen gedenke. Ja, der Hotelturm und seine Schätze! Seit der Chef in einem Geniestreich den Turm für einen Euro gekauft hat, sitzt er in einem provisorisch eingerichteten, dafür aber riesigen Büroraum mit Panoramablick auf Residenz, Dom, Festung und Käppele und zählt die unten durchfahrenden Güterzüge. Die Evi Schmitt kocht ihm immer Kaffee, damit ihre besserwisserischen Kommentare auch stets ungeändert abgedruckt werden und der Heumann bringt die Semmeln und erklärt geduldig die neuesten Finessen des Redaktionshauptrechners. Blöderweise hat es im ganzen Turm keinen einzigen Aufzug, sondern lediglich die Bautreppe und so macht es dem Chef noch mehr Spaß, mich wegen eines ihm von der Tendenz her missliebigen Artikels persönlich hoch zu zitieren. Ansonsten haben der Finkenberger und ich aber unsere Ruhe und es ist schön behaglich warm hier unten – die richtige Trinktemperatur für meinen Whiskey!

„Drei mal den Burger, zweimal mit Pommes und dann noch mal Fritten, aber bloß rot und, ja, auf den Soloburger dürfen keine Zwiebel.“ „Kommen doch sowieso keine drauf. Hey, bleib da, die Schnitzel sind gleich fertig – hau doch den Salat schon mal raus!“ Die Bestellleiste ist voller Bons, der Spülberg wächst ins Unermessliche, in zehn Minuten beginnt der Tatort und ich stehe dort, wo ich im echten Leben fast immer und ganz sicher jeden zweiten Sonntag stehe: Am Herd. Mein Kater wird nicht besser, an ein Bier oder gar einen Whisky (schottisch, irisch oder aus den USA; steht alles friedlich beisammen am Tresen) ist nicht zu denken; morgen ist Montag, montags haben beide Läden, in denen ich an Herd und Ofen werkele, für gewöhnlich geschlossen, doch am morgigen Rosenmontag ist hier Eurodance und „Ja, die Küche ist regulär geöffnet.“

Es gibt gar keine Redaktion, keinen Heumann, keine Evi, keinen Finkenberger – und eine Zeitung, die mich als leitenden Kulturredaktör arbeiten ließe, wäre in der Welt, die wir als einzig wahre kennen, der fröhlichen Warenwelt nämlich, längst bankerotte und noch toter als die Frankfurter Rundschau und das Mitgliederheft der SPD zusammen. Das Heft, das beinahe auf den wunderschönen Namen ANTIFAINFOMAG getauft worden wäre, lediglich eine Ausgabe unter der stolzen Aufschrift „Letzter Hieb“ erlebte und nun als „HYPE“ sein Unwesen treibt, ist schiere Illusion. Wozu auch sollte es existieren? Das akw!-info (das gab es mal vor Jahrzehnten, da war ich mal tatsächlich Redakteur) hat immerhin Werbung für das AKW gemacht, ganz wie sich das gehört. Da Politik eine Sparte im vielfältigen Angebot dieses Lokals darstellte, wurde ein gehöriger Teil des Heftes mit politisiertem Zeug vollgepackt und die Kochkolumne machte Werbung für den Vegetarismus und damit für die vegetarische Küche des AKW. Meine Arbeit an den Texten wurde mit dem gleichen schlechten Lohn wie jede andere Arbeit bezahlt und diente – als Werbung – dem „Erhalt des Standorts“. Gäbe es den HYPE, er wäre völlig widersinnig: Die Politisiererei nähme sich selber ernst und denunzierte dabei doch stets das Elend des Politikantentums; die Kritik träte im Gewand des Kritisierten1 auf und bemerkte es noch nicht einmal. Der Versuch, die zerrissenen Teile des Ganzen welche etwa unter „Kultur“, „Kunst“, „Politik“, „Wissenschaft“ und „Ökonomie“ rubriziert sind in der Kritik wieder zu einen, fände ausgerechnet in der albernen Gestalt einer Kochkolumne statt.

Der Tatort läuft, die Gäste sind versorgt, ich trage mal den Geschirrberg ab und wische Herd und Arbeitsflächen. Der gute Kollege vom Service kommt auf ein Schwätzchen kurz in die Küche, doch entschwindet er bald wieder; ich summe ein Liedchen aus der Hand des guten Franz Schubert.

Auf dem Wasser zu singen2
Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen
Gleitet wie Schwäne der wankende Kahn;
Ach, auf der Freude sanftschimmernden Wellen
Gleitet die Seele dahin wie der Kahn;
Denn von dem Himmel herab auf die Wellen
Tanzet das Abendrot rund um den Kahn.

Über den Wipfeln des westlichen Haines
Winket uns freundlich der rötliche Schein;
Unter den Zweigen des östlichen Haines
Säuselt der Kalmus im rötlichen Schein;
Freude des Himmels und Ruhe des Haines
Atmet die Seel im errötenden Schein.

Ach, es entschwindet mit traurigem Flügel
Mir auf den wiegenden Wellen die Zeit.
Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel
Wieder wie gestern und heute die Zeit,
Bis ich auf höherem strahlenden Flügel
Selber entschwinde der wechselnden Zeit.

Tja, die Christen fasten nun volle vierzig Tage und sind schrecklich mißgelaunt weil ihr Heiland vor etwa zweitausend Jahren umgebracht worden sei – was zwar irgendwie die Welt gerettet hat, aber anscheinend doch nicht gut war. Sei’s drum, heute wissen die lieben Kleinen ja eh‘ nicht mehr weshalb eigentlich am Aschermittwoch so was hübsches wie Vergnügungsverbot herrscht und mir dient das sowieso lediglich als Vorwand endlich mal Fisch und anderes Meeresgetier auf den Teller zu bringen. Fisch gilt als Fastenspeise, die spinnen die Christen…

Cous-Cous mit dreierlei Fisch und Meeresfrüchten

Ein bis zwei Meerbarben, einen Wolfsbarsch und einige kleinere Sardinen (zusammen so um die 1½kg. Fisch) filetieren, die Karkassen für einen Fischfond aufheben; von vier Kaisergarnelen den Schwanz vom Kopfteil abdrehen, den Panzer aufbiegen und das Fleisch vorsichtig herausziehen, danach längs des Rückens aufschneiden und den Darm entfernen. Kopfteil und Schale ebenfalls für den Fond zurücklegen. Zwei Dutzend Miesmuscheln sorgfältig waschen. Ein Pfund Tomaten kreuzweise einschneiden, kurz in kochendes Wasser geben und schälen; das Fruchtfleisch sehr klein würfeln, zwei bis drei Selleriestangen fein schneiden, zwei rote Zwiebeln fein würfeln, vier Zehen Knoblauch pressen, ein halbes Bund Glattpetersilie fein wiegen. Nun in einem großen Topf Olivenöl erhitzen und die Zwiebeln und den Sellerie andünsten, nach kurzer Zeit Hitze reduzieren, Knoblauch und Petersilie dazu geben, nun die Tomaten zugeben und aufkochen. Die Fischabschnitte (ohne Kiemen und Eingeweide) und die Kopfteile der Garnelen unterrühren und nach und nach 1½l Wasser zugießen. Mit Salz und Pfeffer sehr kräftig abschmecken, in einem Teebeutel einige Lorbeerblätter und etwas Zimtrinde sowie einige Nelken mit kochen lassen. Nach einer halben Stunde den Sud erst durch ein grobes und dann durch ein Haarsieb geben. Etwa einen Liter der Suppe zurück in den Topf geben und zugedeckt leicht köcheln lassen, den Rest für das Garen der Fische verwenden. 400g Cous-Cous in eine Schüssel geben. In zwei Tassen der Brühe ein Döschen Safran auflösen, etwas Butter dazu geben und gründlich mit dem Cous-Cous vermischen, diesen nun in einem Einsatzsieb über die Fischsuppe hängen und regelmäßig mit einer Gabel lockern. Nach etwa zehn Minuten das Cous-Cous auf einem sauberen großen Küchentuch ausbreiten, dieses zusammenrollen und wieder ausbreiten, danach wieder in das Sieb geben und weitere 10-15 Minuten dämpfen. Währenddessen in einer großen, tiefen Pfanne den zurückbelassenen Fischsud aufkochen und wieder etwas abkühlen lassen (soll ganz knapp unter der Siedetemperatur sein), etwas Zitronensaft dazu geben und die Fischfilets darin garen, dabei erst die größeren und nach und nach die kleineren zugeben(Größere Filetstücke 12-15min, kleinere 8-10min). Gleichzeitig die Muscheln in Salzwasser mit etwas Weißwein ca. zehn Minuten kochen, bis sich alle geöffnet haben (Muscheln die sich nicht geöffnet haben wegwerfen). Die Garnelen in Olivenöl mit etwas Knoblauch und Ingwer anbraten. Das Sieb mit dem Cous-Cous von der Brühe nehmen und diese mit etwas Cayennepfeffer würzen und mit Butter binden und einkochen lassen. Nun die zweite Hälfte der Glattpetersilie und ½ rote Paprika hacken. Auf einer großen heißen Platte das Couscous ausbreiten, die Soße angießen und die Fische, die Garnelen und die Muscheln darauf anrichten, mit der Petersilie und den Paprikastückchen bestreuen.

Dazu passen Salate, Muhamara und Tahine, Fladenbrot ist kein Schaden und mit einem guten Arrak vorneweg und einem sizilianischen Marsala dazu werdet ihr auch schön betrunken; mit Baklava und Mokka als Abschluss seid ihr wieder fit für das nächtliche Hinwegsetzen über Sperrstunde und Tanzverbot…

Für immer ihr ergebenster
Rainer Bakonyi

Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur

Alldiweil zu Würzburg am schönen Maine die „Refolution“ ihr wildes Haupt erhob (Der rasende Reporter Heumann wird sicher davon berichten) und das übermütig gewordene fränkische Proletariat lediglich durch eine Überzahl wackerer bayerischer Gendarmen daran gehindert werden konnte, die weihnachtlich geschmückten Straßen und Plätze zu verwüsten, saß ich unbeschwert und vergnügt im Zuge – unterwegs in die Landeshauptstadt, wo ich liebe Freundinnen und Freunde zu treffen gedachte. Dabei ließ mich die Vorfreude auf eine kulinarische Vorwegnahme des befreiten Zustandes die fränkisch-bayerisch-oberpfälzerischen Dummschwätzereien („do iss enner mit enener Grawadde!“ „Des iss sicher e Mänädscher, der muss jedsd hald a amal aweng schbaar“) meiner geschätzten Mitreisenden milde überhören. Dazu kam eine gewisse Zufriedenheit: hatte doch nach Jahren der Stagnation und der Ereignislosigkeit in der hiesigen Kulturszene, was, nebenbei bemerkt, einem leitenden Kulturredakteur in diesen Tagen ja schnell einmal den Job kosten kann – also die, nennen wir’s beim Wort: eben Abwesenheit von Kultur, über die man schreiben könnte – ja also, da hatte sich gerade endlich ein veritabler Skandal am Theater dieser Stadt ereignet! Jetzt wurde meine Meinung zur fristlosen Kündigung des Generalmusikdirektors gar aus Theaterkreisen unter der Hand nachgefragt und, soviel stand damals schon fest, ist die (von mir zu verantwortende) Positionierung dieser Zeitung in der Affaire Wang von extraordinärer Bedeutung! Ha! Die Presse! Die vierte Gewalt! Und ICH mittendrin! Nun, das alles würde bäldigst gebührend gefeiert werden.

Zu München wurde ich dann aufgeregt empfangen und gab ich selbstverständlich ausführlich Bericht von meinen ausschweifenden Exkursionen. Gelegenheit dazu bekam ich bei einem Event; ganz nach der im schicken München aktuellen Mode war zum Dinner geladen worden, wobei der Clou der ganzen Angelegenheit ist, daß alle Beteiligten je einen Gang zum Menü beizusteuern haben – also die Hälfte des Spaßes darin besteht, sich in eine einzige Küche zu zwängen, den anderen möglichst viel im Wege zu stehen und ihnen auch noch mit sachkundiger Miene in die Rezeptur und Zubereitung dreinzureden. Das war ganz nach meinem Geschmack! (Lediglich die Tatsache, daß der Hauptgang von meinem alten Freund und Rivalen D. an sich gerissen worden ist, hat die Freude etwas geschmälert. Außer gelegentlichen Bemerkungen zu seiner etwas chaotischen Arbeitsweise habe ich mir zwar nichts anmerken lassen, aber unter uns: der D. dürfte in meiner Küche lediglich den Salat waschen!) Zwischen dem kunstvollen Frittieren von Wan-Tans und dem Pürieren von Nüssen erzählte ich, wie ich beim Konzert der Philharmoniker fast neben dem abgesetzten GMD zu sitzen kam und die Aktivistinnen des Wagnerfanclubs ihrem Helden tapfer im Kampf gegen das Theaterestablishment zur Seite standen. Ach, wie dramatisch sich die Hochkultur in der fränkischen Provinz doch geben kann – puterrote Köpfe, böse Blicke und ein gefüllter Konzertsaal, dessen Auditorium Füße scharrend und hüstelnd einem öffentlichen Affront beizuwohnen hofft. Nun ja, trotz der Delikatesse der Situation meisterte das Philharmonische Orchester, dirigiert von Roman Brogli-Sacher, sein Programm – Felix Mendelssohn Bartholdy Ouvertüre „Die Hebriden“ op. 26, Robert Schumann Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 129, Johannes Brahms Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90 – und ich genoss die volle Dosis deutscher Romantik im neu renovierten Konzertsaal der Würzburger Musikhochschule. In der Woche zuvor war ich ja bereits zu Schuberts Unvollendeten und Schumanns 4ter in der Hofstallstraße gewesen und hatte mich inmitten dieses frisch renovierten Denkmals der Moderne sitzend dann doch gefragt, ob die musikalische Moderne – gar nicht erst zu reden von zeitgenössischer Avantgarde – jemals hier Gehör bekommen würde. In Schweinfurt, dessen Theatersaal ja geradezu ein Geschwister des mitleidlos „grosser Saal des Gebäudes der Musikhochschule Hofstallstrasse“ getauften Würzburger Konzertsaals ist, durfte ich dann Schönbergs Konzert für Streichquartett und Orchester von den Bamberger Symphonikern unter Jonathan Nott erleben. Das noch etwas fränkischere Publikum dort war allerdings mit dem Hinweis auf die „echte Stradivari“, auf welcher die Solistin Lisa Batiashvill spielte, ins Theater gelockt worden und wurde für das Erdulden der Schönbergschen Zumutung und des etwas experimentellen V&V für Violine, Streichorchester und Tonband des georgischen Komponisten Giya Kancheli mit Bachs Konzert für Oboe, Violine, Streicher und Basso continuo und Schuberts Unvollendeten entschädigt. In kleinen Dosen und eingestreut zwischen bravourös dargebrachtem Altbekannten ist die Moderne selbst dem unterfränkischen Kulturpöbel unterzuschieben. Tags darauf saß ich dann in der „Rotationshalle“ im „Vogel Convention Center“, wo die einstige Verwendung des Raums als Standort für Druckmaschinen unübersehbar geblieben ist und dabei sehr schön von der bei aller Moderne doch recht steifen Feierlichkeit der Theater- und Konzertsäle absticht. Das äußerst brillante Pariser Ysaÿe Quatuor spielte sich mit Anton Weberns Langsamer Satz, Johannes Brahms Streichquartett Nr. 13, Beethovens Streichquartett Nr.15 immer weiter in die Historie zurück, bis dann – als Zugabe – mit einem Satz aus einem Quartett Joseph Haydns der Urvater beschworen wurde. Ein grandioses Konzert! Die geradezu körperlich zu spürende schiere Verzweiflung, die aus dem 3ten Satz Beethovens opus 132 spricht, hat mich vollkommen in den Bann geschlagen.

Dieweil ich munter weiter referierte, waren die Kochereien so gegen Mitternacht beendet und nachdem wir die Kochschürzen mit der Abendgarderobe vertauscht hatten, konnte das eigentliche Dinner nun endlich beginnen. Auf das Entre war verzichtet worden und wir begannen mit einer Thai-Basilikum-Creme-Suppe, zu der ein 2007er Rheingau Riesling Kabinett trocken „Weingut Angulus“ gereicht wurde, gefolgt von einem Salat mit Wan Tans und Nuss-Pesto. Der vorzügliche Hauptgang (bei allem Neid muß ich das doch festhalten) war ein Wildhasenrücken im Crêpe-Mantel, den ein sehr gut passender 2002er Cahors „Domaine Du Théron“ begleitete. Nun war dann doch ein doppelter Espresso nötig, die beiden Damen rauchten und huldigten erwartungsgemäß nicht mir, sondern dem nun eifrig küchenfachsimpelnden D., der nicht eher ruhte, als daß die Gastgeberin aus ihren Spirituosenvorräten einen ungarischen Likör „Betyar Barack“ hervorzog, den wir dann auf der Stelle verköstigten um dann A.s (deren neue Küche mit dieser Kochorgie „eingeweiht“ worden war) unglaubliche Schoko-Tarte mit Himbeer-Granité zu genießen. Sämtliche Flaschen des Domaine Du Théron waren bereits geleert; D. hatte noch einen nicht mehr zu eruierenden weiteren Rotwein aufgetan und selbst der etwas dubiose Aprikosenlikör neigte sich dem Ende zu, während ich noch die Genialität Sofia Gubaidulinas pries, deren Akkordeonwerk De profundis ich beim 277ten Musik publik in der Musikhochschule zu hören bekommen hatte. K. war bereits eingeschlafen und die Gastgeberin hatte sich diskret an die Beseitigung der Geschirrtürme gemacht, als D. das letzte Glas Wein leerte und von seiner, in nur wenigen Stunden beginnenden, Arbeit lallte und nun sehr plötzlich zum Aufbruch drängte. Den Rest der Nacht verbrachte ich dann mit dem Beseitigen von Fettspritzern auf den nagelneuen Schieferkacheln sowie dem Polieren von Weingläsern und Silberbesteck.

Hier seien die Rezepte für das Menü verraten:

Thai-Basilikum-Creme-Suppe:
Am Vortag 75g getrocknete Tomaten und eine getrocknete rote Pepperonischote in genügend Wasser kochen, abgießen, trocken tupfen und sehr klein schneiden. In einem Topf die Tomaten in etwas Olivenöl dünsten, nach einigen Minuten eine Tasse Olivenöl zugießen und langsam auf Siedetemperatur erhitzen, den Topf von der Flamme nehmen und abkühlen lassen. Nach einigen Stunden pürieren und das Öl durch ein Sieb geben.
Zwei kleine rote Zwiebeln sehr fein würfeln, Butter in einem Topf erhitzen und darin die Zwiebeln andünsten, eine Tasse Mehl einrühren und mit 1/8l Weißwein ablöschen, glatt rühren. ¼l Milch zugießen und unter gelegentlichem Rühren ½ Stunde kochen. Die Blätter von einem Bund Thai-Basilikum in einer hohen Pfanne oder einem Topf frittieren, umgehend wieder aus dem Öl nehmen und mit einem Küchenkrepp abtupfen. 12 Blätter zur Seite legen, den Rest in die Suppe geben, diese nun pürieren und weiter köcheln lassen (regelmäßig rühren!), einen Becher Sahne steif schlagen. Die Suppe in tiefe Teller geben, je einen Löffel Sahne oben auf geben und mit je drei Basilikumblätter dekorieren, auf den Tellerrand das Tomatenöl träufeln.

Salat mit Wan Tans und Nuss-Pesto
100g Walnüsse ohne Fett anrösten und nach dem Abkühlen mit 3 Eßlöffel Walnußöl und 2 Eßlöffel Olivenöl, etwas Salz, Pfeffer und einer Prise Chili pürieren. 12 gefrorene Wan-Tan Blätter auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech auftauen lassen. 250g Ziegenfrischkäse mit 1 Eßlöffel Semmelbrösel und 1 Zehe feingehacktem Knoblauch gut vermischen und auf die Teigblätter verteilen. Ein Ei trennen und mit dem Eiweiß die Teigränder bepinseln, die Blätter zu Dreiecken klappen (fest andrücken), mit dem Eigelb bestreichen und in der Pfanne, in der zuvor die Basilikumblätter frittiert worden waren goldbraun backen, mit Honig beträufeln. Verschiedene Salate waschen, trocken schleudern und klein zupfen. Ein Eßlöffel des Pestos mit weißem Balsamikoessig und etwas Honig zu einem Dressing verrühren. Den Salat auf Tellern anrichten, das Dressing drüber geben, die Wan-Tans darauf legen und das Pesto auf je einem Salatblatt dazu dekorieren.

Wildhasenrücken im Crêpe-Mantel
Zwei Hasenrücken abbrausen und trocken tupfen. Die Filets vom Knochen lösen, Sehnen und Haut entfernen. Das verbliebene Knochengerüst in kleine Stücke hacken und in einem großen Topf mit Butterschmalz anbraten. Eine Möhre, eine kleine Kartoffel, ein Stück Sellerie, eine Petersilienwurzel und eine kleine Zwiebel fein würfeln und zugeben, mit Pfeffer und Salz würzen. Nach 10 min. etwas Tomatenmark unterrühren und mit ¼l. trockenem Rotwein ablöschen und mit ½l. Wildfond auffüllen. Die Soße etwa eine Stunde leicht köcheln lassen und dann 3-4 Zweige Rosmarin, einige Nelken, Pimentkörner und Wacholderbeeren zugeben und mindestens eine weitere Stunde köcheln lassen. Eine Knolle Sellerie und eine Zwiebel würfeln. Die Zwiebel glasig dünsten, ½ l. Brühe zugießen, den Sellerie hinein geben und weich kochen. Nun die Brühe abgießen, das Gemüse in einem Sieb auffangen und mit etwas Pfeffer und Muskat gewürzt zu einem steifen Brei pürieren. Zwei Eier, zwei Tassen Milch und zwei Tassen Mehl mit etwas Salz und wenig Zucker zu einem Pfannkuchenteig verrühren und einige Zeit stehen lassen. In einer Crêpe-Pfanne vier Pfannkuchen ausbacken und zur Seite stellen. 4 Schalotten sehr fein würfeln und in Butterschmalz glasig dünsten, mit 1 Eßlöffel Mehl bestäuben und unter Rühren 1/4l. Brühe und einer Tasse Sahne zugießen. Einen Kopf Wirsing in feine Streifen schneiden und blanchieren, dann kalt abschrecken und ausdrücken, dann in die erkaltete Sahnesoße mischen und kräftig mit Salz, Pfeffer und Muskat würzen. Die Hasenfilets mit Salz und Pfeffer sowie ein wenig Knoblauch einreiben und einzeln in einer Pfanne in reichlich Butterschmalz rundum anbraten. Den Wirsing auf die Pfannkuchen verteilen, je ein Filet darauf legen, die Pfannkuchen rollen und im vorgeheizten Ofen bei 170° etwa 20 min. backen. Inzwischen die Wildsoße durch ein Sieb geben noch einmal aufkochen lassen und mit 1 Eßlöffel Speisestärke (in eine Tasse Wasser eingerührt) binden, die Hitze reduzieren und nach einigen Minuten eine Tasse geschlagene Sahne und ½ Glas Preiselbeeren gleichmäßig unterrühren, die Soße abschmecken. Die Pfannkuchen aus dem Ofen nehmen, in breite Streifen geschnitten mit der Soße und Selleriepüree auf einem Teller anrichten, ein Sahneklecks und etwas Preiselbeeren zur Verschönerung dazu und servieren.

Schoko-Tarte mit Himbeer-Granité
Am Vortag 500g gefrorene Himbeeren mit einer Tasse Zitronensaft und 150g. Puderzucker pürieren, dann kurz aufkochen lassen, von der Flamme nehmen und 50ml. Himbeerbrand einrühren. In einer Metallschüssel abkühlen lassen und dann unter gelegentlichem Umrühren im Gefrierfach gefrieren lassen.
Am nächsten Tag aus 125g. Butter, 100g. Puderzucker, 200g. Mehl, einem Ei und dem Mark aus einer Vanilleschote einen Mürbteig kneten und mehrere Stunden im Kühlschrank ruhen lassen. Teig zwischen zwei Backpapieren ausrollen und in eine eingefettete Form geben, mit einer Gabel einstechen und im Ofen bei 150° ½ Stunde backen. 250 g. gefrorene Himbeeren mit 200g. Schlagsahne kurz pürieren. 270g. Kuvertüre in eine Stahlschüssel geben und im heißen Wasserbad schmelzen. Die Himbeersahnemasse in einem Topf zum Kochen bringen, sofort die Hitze reduzieren, die Kuvertüre einrühren, den Topf von der Flamme nehmen, 50ml. Himbeerbrand zugeben und unter Rühren etwas erkalten lassen. Nun auf den Teig geben, glatt streichen und im Kühlschrank kalt stellen. Mit Puderzucker und einer ayurwedischen Kräutermischung (Inhalt ist leider unbekannt) bestreuen, in 12 Stücke schneiden. Je eines mit einem Schüsselchen der Granité auf einem Dessertteller servieren.

Das meine Damen und Herren war mein ganz konkreter Tatbeitrag zur Herbeiführung der Revolution! Das ausgiebige Konsumieren erlesener Speisen und Alkoholika im Kreise lieber Menschen bei angenehmen Gesprächen gilt mir als praktische Vorwegnahme jenes Zustandes, welcher der Beseitigung der allfältigen Herrschaft eines subjektlosen Verhältnisses folgen sollte – des Kommunismus halt. Das erscheint mir mindestens so sinnhaft wie das widerrechtliche Zusammenrotten auf der hässlichsten Partymeile des Universums – und war für jene wackeren Kommunisten, welche zuweilen edlen Sekt warm aus bereits gebrauchten Bierkrügen zu trinken pflegen, die Nacht auf einer Würzburger Wache die drohende Strafe für die Vorwegnahme des Aspekts der Regellosigkeit, so war das nächtliche Abtragen eines unermesslichen Spülberges meine von der weisen Vorsehung schon immer bestimmte Strafe für die Vorwegnahme des Aspekts des allgemeinen Überflusses und der Abwesenheit von Arbeit als Produzentin von Wert.

Hurraah! So spricht der Koch.

In diesem Sinne: auf zu neuen Taten!
(Ich geh‘ jetzt in die Oper; ja, wirklich und im (hihi) echten Leben)

Von Rainer Bakonyi

Operation Cast Lead – Israel im Kampf gegen den Dschihad

Der zur Zeit der Abfassung dieses Textes noch im Gange befindliche Krieg im Gasastreifen ist die logisch konsequente Fortsetzung des Krieges vom Sommer 2006 gegen die Hisbollah im Libanon. Wie auch in jenem Krieg führen die israelischen Streitkräfte einen Kampf mit einem nichtstaatlichen Gegner, dessen Kämpfer sich bis zur völligen Ununterscheidbarkeit mit der umgebenden Bevölkerung vermengt haben und der die zivile Infrastruktur, also Wohnhäuser, Verwaltungsgebäude, Sportplätze, Krankenhäuser und Schulen, ganz gezielt in seine militärischen Operationen einbezieht. Die dabei zu erwartenden Opfer unter der Zivilbevölkerung sind kaltblütig einkalkulierter Bestandteil der Operationsstrategie dieser Organisationen. Das höhere Ziel der Beseitigung der „zionistischen Besatzung“ – womit der Staat Israel und überhaupt alles jüdische Leben auf als islamisch definiertem Territorium gemeint ist – rechtfertigt sämtliche Leiden der Bevölkerung, welche ja als Bestandteil der islamischen Gemeinschaft und somit als das eigentliche Subjekt des Kampfs gegen die Ungläubigen gilt. Sind die Menschen in der Reichweite der islamistischen Gruppen nicht bereit, sich vollkommen den Zielen der Dschihadisten zu unterwerfen, gelten sie als Abtrünnige und werden gefoltert und/oder ermordet. Im Gegensatz zur Hisbollah, die sich derzeit im politischen Kampf um die Macht im Libanon befindet, hat die Hamas die Macht in Gaza längst erobert und sich jeder Konkurrenz entledigt. Der Charakter der Hamas als Vereinigung bewaffneter Kämpfer für ein weltweites Kalifat ist unvereinbar mit dem Aufbau und Unterhalt einer irgend staatsförmigen Ordnung; das systematische Herausreißen von Wasserrohren zum Zwecke des Raketenbaus mag hier als besonders augenfälliges Beispiel dienen. Der Glaube an den von Allah zu bewerkstelligenden endgültigen Sieg der durch ihre Kampfbereitschaft ausgewiesenen Rechtgläubigen lässt selbst kurze Ruhepausen im Dschihad nicht zu.

Die Aufgabe, welche die Politik in Israel dem Militär gestellt hat, nämlich für ein Ende der Raketenangriffe, sowie der andauernden Mörser- und Schußwaffenattacken aus dem Gasastreifen zu sorgen, ist dadurch von vornherein nur zu erfüllen, wenn der Hamas die taktischen Möglichkeiten, also sowohl Waffen und Munition, wie auch die Logistik entzogen werden. Die Tatsache, daß sich sämtliche militärischen Einrichtungen der Hamas in zivilen Orten verbergen und die Operationslogistik sich der gesamten zivilen Infrastruktur bedient, bestimmt die Form und den Verlauf des Feldzugs. Sowohl aus moralischen als auch strategischen Erwägungen muß dieser mit so geringen Opfern (selbst unter den gegnerischen Kämpfern) wie möglich geführt werden. Dies wurde bisher durch sehr genaue Aufklärung, exakte Vorbereitung und diverse taktische Raffinessen erreicht, ob das Ziel einer Zerschlagung der operativen Fähigkeiten der Hamas erreicht werden kann, ist derzeit noch offen. Mit der Dauer der Kampfhandlungen und der Zunahme des Aufwands für ihre Fortführung wächst der politische Druck, zu einer möglichst dauerhaften Lösung des Problems zu kommen. Die genaue Definition des Problems ist nun allerdings ein Dilemma ganz eigener Dimension.

Die Hamas ist nicht lediglich ein Haufen wild gewordener islamischer Fundamentalisten, sondern Teil eines globalen Kampfes für ein Gottesreich und sie wird dabei von zwei Staaten ausgerüstet, finanziert und weitgehend auch gelenkt, die ihre eigenen (sich dabei durchaus widerstreitenden) Interessen sowohl in der Region als auch weltweit verfechten. Syrien, das für sich eine regionale Vormachtstellung beansprucht und dabei im Libanon und im Irak territoriale Ansprüche geltend macht, ist spätestens seit dem Mord am ehemaligen libanesischen Präsidenten Hariri in einer offenen Auseinandersetzung mit Ägypten und Saudi-Arabien (der Streit mit Jordanien ist seit dem Überfall Syriens im Jahr 1973 niemals abgeflaut). In Damaskus sitzt die militärische Führung der Hamas, von dort wird der Schmuggel der von Teheran gesponsorten Waffen durch Ägypten nach Gasa organisiert. Der Iran finanziert dabei das Regime in Syrien und die Hamas und übernimmt auch die militärische Ausbildung der aus Gasa heraus geschleusten Militanten. Das taktische Ziel des Iran ist eine, wenn auch kurzfristige, Ablenkung von seinen atomaren Bewaffnungsanstrengungen, sein strategisches Ziel ist die Vormachtstellung in der islamischen Welt, der Export seiner islamischen Revolution und letztendlich die Islamisierung der Welt. Die, egal wie wahnsinnigen, Endziele Irans und der Hamas sind – auch über die sunnitisch-schiitische Spaltung hinweg – identisch und gerade der Aspekt, daß das Ziel der Vernichtung Israels integraler Bestandteil ihres jeweiligen politischen Willens1 ist, zementiert diese Allianz. Syriens ausschließliches strategisches Ziel ist die Fortdauer der Macht des Assad-Clans. Das Bündnis mit Iran ist diesem Ziel ebenso unterworfen wie die Unterstützung für die diversen rivalisierenden libanesischen und palästinensischen (nebenbei auch irakischen) Milizen und die penible Einhaltung der Waffenruhe am Golan. Den Krieg des Sommers 2006 konnte die syrische Führung zu einer Verstärkung ihres Einflusses im Libanon nutzen, indem sie die angeschlagene Hisbollah mit iranischen Waffen wieder aufrüstete und diese im monatelangen kalten Bürgerkrieg stützte. Nach dessen letztjährigen Finale in einem Operettenputsch garantierte Syrien den fragilen status quo und konnte sich damit zudem noch aus der internationalen Isolation befreien, was allerdings (vor allem wegen der Aufnahme indirekter Verhandlungen mit Israel via Türkei) zu starken Irritationen in Teheran führte. Die Durchführung dieser Taktik auf dem Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörden scheiterte zum einen an der trotz israelischer und amerikanischer Unterstützung militärischen Unterlegenheit der Fatah, zum anderen an der ideologischen Verbissenheit der Hamas-Angehörigen, welche die hochrangigen Fatah-Militanten lieber von Hochhäusern warfen, als sich mit ihnen das Innenministerium eines Staates „Palästina“ zu teilen. Sollte es der Hamas ähnlich wie der Hisbollah gelingen, auch nach dem Krieg mit Israel die dominierende politische Kraft im Gasastreifen zu bleiben – auch nach den bisherigen heftigen Verlusten gälte dies als „historischer Sieg“ – , wird Syrien aus seiner Unterstützung politisches Kapital in Teheran herausschlagen und zugleich seinen Einfluß auf die Hamas in den Auseinandersetzungen mit der arabischen Liga als Druckmittel verwenden. Wird die Hamas zerschlagen, hat Syrien mit verschiedenen Fraktionen innerhalb der Fatah verläßliche und nicht von Teheran abhängige Klienten und wäre somit in der Lage, ein etwaiges Friedensabkommen der PA mit Israel (das dann zur Gründung „Palästinas“ führen würde) effektiv zu obstruieren und könnte sich zugleich dem Westen als Bündnispartner gegen den Terror empfehlen, ohne relevante Zugeständnisse an Israel machen zu müssen. Dabei müßte Damaskus nicht einmal völlig auf die (wegen des sinkenden Ölpreises sowieso rückläufigen) Spenden aus Teheran verzichten, da Iran bei der Unterstützung der Hisbollah auf die Mithilfe Syriens angewiesen ist.

Aber nicht lediglich die Gegner Israels bereiten bei der Analyse erhebliche Kopfschmerzen, auch die Zusammensetzung der Bündnispartner Jerusalems ist von einiger Delikatesse. Am deutlichsten (und dort auch am schmerzlichsten empfunden) ist die Kooperation Ägyptens. Der größte arabische Staat, der mit seinem säkularen und national-arabischen Präsidialregime den Anspruch auf die Führungsrolle in der arabischen Welt und damit auch die ideelle Vorreiterschaft in der Abwehr der „zionistischen Aggression“ als Staatsräson hat, ist seit geraumer Zeit in einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Syrien verstrickt. Die Unterstützung Kairos für die Zukunftsbewegung im Libanon, welche zur „Zedernrevolution“ und der Loslösung des Libanon von Syrien geführt hatte, wurde von Damaskus gekontert mit der Unterstützung des Putsches der Hamas, der die von Ägypten und Saudi-Arabien garantierte palästinensische Einheitsregierung beseitigte. Dies war nicht lediglich eine zuvor kaum vorstellbare diplomatische Blamage Ägyptens und Saudi-Arabiens, sondern auch das praktische Ende aller Bemühungen dieser Staaten, gemeinsam mit Jordanien, einen allgemeinen Friedensvertrag der arabischen Liga, einschließlich des, im selben Prozeß aus der Taufe zu hebenden, Staates „Palästina“, mit Israel zu bewerkstelligen. Der Beweggrund dieser ursprünglich saudischen Initiative liegt im rapiden Anstieg der iranischen Bedrohung und in der nach 9/11 auch in Saudi-Arabien eingesetzten Erkenntnis, daß die bisher großzügig unterstützten radikalen islamischen Gruppen eine strategische Bedrohung nicht nur der säkularen arabischen Regimes, sondern eben auch des eigenen Königshauses darstellen. Ein weiterer glückloser Bündnispartner ist der – seit einigen Tagen auch nicht mehr durch Wahlen legitimierte – „Palästinenserpräsident“ Mahmud Abbas, dessen von der Fatah gestellte Regierung auf israelisches Militär und amerikanische finanzielle Unterstützung angewiesen ist. Diese vier Regimes, Ägypten, die PA, Jordanien und Saudi-Arabien, sind brennend an einer Beseitigung der Hamas interessiert, wollen und können aber bei Strafe des eigenen Untergangs nicht offen Partei ergreifen. Zudem steht selbst die Unterstützung durch den einzigen langfristigen und offenen Bündnispartner, die USA, unter einem Vorbehalt: Das baldige Ende der Amtszeit George W. Bushs lässt seiner Regierung nur geringen außenpolitischen Spielraum, zudem sind die USA angesichts der ökonomischen Krise zu kostenintensiven Unternehmungen kaum in der Lage und schon seit längerem außenpolitisch in der Defensive. (Im stets prekären Gefüge des Nahen Ostens wurde sehr genau zur Kenntnis genommen, daß die USA dem Bündnispartner Georgien in der Not nicht beigesprungen sind)

Die israelische Regierung scheint derzeit offensichtlich noch auf eine große Lösung zu hoffen; ihre Emmisäre versuchen in Kairo eine Verhandlungslösung zu erreichen, die der Hamas ihre militärischen Möglichkeiten nimmt und eine multinationale (aber muslimische) Truppe – sei sie nun in Gasa selbst stationiert oder aber auf der ägyptischen Seite der Grenze – mit der Sicherung des Waffenstillstand betraut. Dies böte die Möglichkeit, in absehbarer Zukunft eine Vereinbarung sämtlicher Beteiligten zu erreichen. Weit wahrscheinlicher aber ist ein Ende der Kampfhandlungen ohne Verhandlungen und ohne die Hamas wirklich aus dem Sattel geworfen zu haben, allerdings mit dem für Israel bedeutenden Ergebnis, daß sich die Wiederbewaffnung der Terrorgruppen deutlich schwieriger gestalten dürfte und daß die durchaus erheblichen Zerstörungen, welche die Streitkräfte im Gasastreifen bewirkt haben, wahrscheinlich auch die „Infrastruktur des Terrors“, also die Fähigkeit der Militanten, bewaffnete Aktionen aus einem zivilen Umfeld heraus durchzuführen, auf längere Sicht beschädigt hat. Das Risiko einer erweiterten Militäroperation, die jetzt die in Gasa-Stadt unter dem Krankenhaus verschanzten Hamas-Führer ins Visier nehmen und zudem in Haus-zu-Haus Razzien Waffen und Munition beschlagnahmen müßte, ist erheblich und wird sehr genau gegen die erhofften diplomatischen Erfolge abgewogen werden. Bereits jetzt ist deutlich, daß Jordanien und vor allem Ägypten sich mit aller Macht gegen die Muslimbrüder wenden werden und Ägypten nunmehr ein eigenes Interesse an der Verhinderung des Waffenschmuggels und vor allem der Unterbindung der Infiltration durch islamistische Militante zeigen wird. Das für Israel durchaus unbefriedigende Ergebnis der „Operation gegossenes Blei“ wird kaum eine Neuordnung des Nahen Ostens herbeiführen, nicht einmal eine wirkliche Wende in Gasa, etwa nach dem Modell der Operation Schutzschild, in deren Gefolge seit 2002 das Westjordanland recht effektiv befriedet wurde, sondern der jüdische Staat wird eine Atempause haben vor der nächsten Auseinandersetzung und kann, und dies alleine rechtfertigt diesen Feldzug allemal, zunächst einmal die relative Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger gewährleisten, daß eben nicht jeden Augenblick ein Geschoß neben ihnen einschlagen könnte. Die größte Bedrohung für Israel bleibt der Iran. Der läßt zwar durch hektische Diplomatie erkennen, daß ihm eine Niederlage der Hamas höchst unangenehm ist, stellt jedoch über die Hisbollah und Syrien noch immer eine direkte Bedrohung dar und treibt unterdessen seine atomare Rüstung unbehindert weiter voran.

Von Rainer Bakonyi

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Heute auf kulinarischer Spurensuche in Unterfranken

„Also was soll ich sach, s‘is alles a weng annerschder.“ Dieser zentrale Erkenntnisgewinn wurde mir auf einer jüngst gemeinsam mit meiner Liebsten unternommenen, denkwürdigen Exkursion auf den Spuren des umtriebigen jungen Journalisten Hunter S. Heumann zuteil. Mit einer Hand zugleich die Mütze vorrückend und dabei den spärlich behaarten Schädel reibend, sprach der sichtlich erstaunte Herr aus seinem verschmutzten allradgetriebenen Fahrzeug: „Der Fußwech der geht da nauf un nit da rü. Da kömmd ihr jedenfalls nit weider“. Der Einwand es stünde aber so in unserem wirklich tollen Franken-Wanderbuch (1) verhallte im Aufheulen des Gefährts. Wir stapften durch die frisch aufgewühlte Spur zurück zu unserem idyllisch ruhigen Waldweg mit der lustigen „Kelten-Erlebnisweg-Markierung“, der doch eigentlich ein Milansymbol zeigen und vor allem genau in die andere Richtung führen sollte. Nach daraufhin erst einmal zelebrierter Brotzeit und dem Anstellen einiger Betrachtungen über die wirklich spürbar stattgefundenen Veränderungen im ländlichen unterfränkischen Raum – wurden doch die umgemachten Baumstämme gar nicht mehr romantisch mit Hilfe stampfender Kaltblüter aus dem Wald gezogen, sondern gleich im Dutzend abgefahren und waren die schönen Tiersymbole als Wegmarkierungen Lehrtafeln über umweltgerechte Mischwaldnutzung und designeten Plaketten mit irgendwie keltisch sein sollenden Bildlich gewichen – irrten wir ein Weilchen auf neu angelegten Pfaden durch den Iphöfer Stadtforst, um dann die angestrebten Sehenswürdigkeiten: die Beckahanseiche und die Ruine Speckfeld doch noch vorzufinden (keine Neubausiedlung davor gebaut und auch nicht aufwendig restauriert) und den Weg in das schöne Örtchen Markt Einersheim zu finden. Dort trafen wir vor der Bäckerei tatsächlich einige echte Cowboys hoch zu Rosse und zogen daraufhin eilends, doch unter Absingen einiger gebräuchlicher Wanderlieder über die allerdings recht befahrene Straße nach Iphofen ( 2), woselbst wir uns im „Cafè & Weinstube 99er“ (Pfarrgasse 18) sehr eßbaren Kuchen und richtigen Cappuccino (ganz ohne die Frage: „mit Milchschaum oder Sahne“) auftischen ließen bevor wir den Wegweisern nach dem Schwanberg folgten, wo wir unser Automobil abgestellt hatten. Dieses hatte eigentlich auf einem groß in unserer Wanderkarte von 1978 markierten Parkplatz in Rödelsee seinen Platz finden sollen, an dessen ursprünglichem Orte nun aber die wohl häßlichste Neubausiedlung des Universums gerade im Entstehen begriffen ist. (Was übrigens ein echtes Fressen für den Herrn Heumann gewesen wäre, wo er realiter vorhandene Scheußlichkeiten zuhauf hätte finden können.) Tja, so fuhren wir auf der Suche nach einem Wanderparkplatz, weil ja sonst das Wandern nicht gehen tut, bis hinauf auf den Schwanberg, der doch schon die Zwischenetappe hätte sein sollen und wo wir dem schönen Milanwanderpfad weiter hätten folgen wollen. Naja. Ein etwas aktuelleres Kartenmaterial hätten wir doch gebraucht. Aber bei der Vorbereitung dieser Erkundungsreise ins unbekannte Umland der mainfränkischen Metropole Würzburg war uns das bereits erwähnte wirklich tolle Wanderbuch mit Karten aus alten Wohngemeinschaftsbeständen in die Hände geraten. Das Bild vom Bauern mit dem dampfenden Pferdegespann in der frühen Morgensonne hatte den Ausschlag gegeben: „Wir machen eine Landpartie!“ Gesagt getan; noch einmal in Herrn Heumanns Reportage über die schröckliche Kreisstadt Kitzingen nachgeschlagen, das Buch vom Staub befreit und uns grob orientiert: „Das ist doch da, wo man im Zug nach Nürnberg immer bloß an der Gipsfabrik langfährt?“ „Naja, ein Stück weiter oben halt.“ „Aber da ist doch ein Bahnhof, da könnten wir doch die Bahn nehmen.“ „Pff! Ich habe mir aber extra ein Auto ausgeliehen! Und ich will auf der Hinfahrt diese zwei schiefen Türme von Kitzingen sehen, ich war da noch überhaupt nie!“ Und da hat dann meine Freundschaft mit dem jungen Kollegen Heumann doch einen leichten Knacks abbekommen. Denn da steht, wie wir bei unserer Fahrt durch die baustellengeplagte Kreisstadt ganz einwandfrei feststellen konnten, lediglich ein – allerdings „scho g’scheid“ – schiefer Turm herum und bei der Frage nach dem weltberühmten Butterbrotmuseum wollte kein einziger der einheimischen Jugendlichen von dessen Existenz gehört haben, die Erwachsenen hatten sich gar nicht erst mit uns abgegeben. Aber ehrlich, diese Stadt ist so häßlich, warum muß er da noch schmähendes dazu erfinden? Und dann noch in unserem Blatt, das doch für seine journalistische Akkuratesse weithin gerühmt wird?? Und wieso bloß habe ich ihm nach so vielen Jahren im Geschäft aufs Wort geglaubt??? Doch die Freuden des ländlichen Wanderns und die trotz maschinisierter Landwirtschaft noch recht ursprüngliche fränkische Landschaft mit ihren freundlichen und aufgeschlossenen Einheimischen hatten mich bald wieder friedlich gestimmt. Er hat ja schon recht, der Heumann: Man muß gelegentlich mal aus der Hektik der Großstadt hinaus und das Land anschauen. Zurück in Würzburg hat mich dann am nächsten Tag erst einmal der Schlag getroffen: Noch bevor ich meinen Frühstückskaffee zu mir nehmen konnte, erreichte mich die Schlagzeile der Konkurrenz: „Kaiman Charly unter mysteriösen Umständen entführt. Verschwundener Kulturredaktör unter dringendem Tatverdacht“. Der Kollege gab mir noch den Tipp: „Hau mal besser ab, da kommt sicher gleich jemand von der Polizei hier vorbei!“ Ich hielt mich dann ein paar Tage versteckt, bis ich am 27ten August in der Mainpost den reißerisch aufgemachten Artikel einer ehemaligen Praktikantin unseres Blattes lesen mußte, nun ja unter den gegebenen Umständen: lesen durfte: „Ein Küßchen für Kaiman Charly. Gesundheits-Beamte überrascht: Verschwundener Alligator sitzt im Innenhof“ (3). Das verschwundene Mistvieh von Krokodil ist ausgerechnet auf dem Parkplatz des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit wieder aufgetaucht. Mann! Wollte der verhinderte Alligatorkoch wohl auch noch einen Fleischbeschaustempel auf dem armen Tierchen haben? Und ich schreib noch: Nicht den Alligator aus dem Terrarium nehmen! Und der Herr Wolfgang Glücker, der als Polizeisprecher so etwas von Amts wegen zu Journalisten sagt, hat versprochen, daß wenn der Täter gefaßt werden würde, dieser mit Geld oder Freiheitsstrafe bedroht sei. Nun gut, jetzt wo das Tier wieder bei seiner Tiertrainerin Diana Antoine sein darf, sucht die unterfränkische Polizei vielleicht nicht mehr so dolle nach dem Täter – Gefahr für Leib und Leben des Kaimans scheint ja gebannt – und sie lesen nicht doch noch alle meine alten Rezepte durch. Uijuijui. Noch mal richtig Glück gehabt. Pffft!
Deshalb gibt es dieses Mal wirklich bloß vegetarisch – und auch ausschließlich von solchem Gemüse, das nicht auf irgendwelchen Reptilienshows vorgeführt werden kann, sondern hier wächst und alle längst langweilt. Der Job hier ist mir allmählich wirklich gefährlich genug.

Herbstliches Menü
Piroggen gefüllt mit Pilzen und Nüssen
Gemüsesuppe mit Pfannkuchenstreifen
Gebackener Blumenkohl, dazu gebratene Kartoffeln, Erbsen in weißer Sauce und gemischter Salat
Pfannkuchen gefüllt mit geeister Melone

Für die Piroggen eine Packung gefrorenen Blätterteig auf einem bemehlten Backbrett auftauen lassen, mit Mehl bestreuen und mit dem Nudelholz auf etwa die doppelte Größe auswellen; mit einer Milchkaffeetasse insgesamt 16 Teigkreise ausstechen. Teigüberschuß kann ganz einfach noch einmal geknetet und ausgewellt werden, ergibt zusammengerollt z.B. Hörnchen. Eine Packung Champignon in feine Scheiben schneiden, zwei rote Zwiebeln sehr fein würfeln, einen Bund Petersilie ebenfalls sehr fein hacken, etwa 100g. festen Käse (Peccorino etwa) fein reiben, ca. 16 Walnüsse grob hacken. Eine Pfanne mit Butter erhitzen, zunächst die Zwiebeln glasig dünsten, pfeffern und salzen, dann die Pilze dazu geben und kurz anbraten, einen Eßlöffel Mehl einstreuen, sehr stark umrühren, mit etwas Weißwein und einem halben Becher Sahne ablöschen und solange auf sehr kleiner Flamme garen bis die Masse eingedickt ist. Die Pfanne vom Herd nehmen, etwas abkühlen lassen, dann die Petersilie, den Käse und die gehackten Nüsse unterrühren. Zwei Eier trennen, Eigelb und Eiweiß jeweils etwas schlagen und getrennt aufbewahren. Die Hälfte der Teigkreise auf ein gefettetes Blech setzen und die Masse sorgfältig in die Mitte geben. Mit dem Eiweiß die frei gebliebene Fläche einstreichen, die restlichen Teigkreise als Deckel aufsetzen, festdrücken und vorsichtig in Bootsform ziehen. Jetzt mit dem Eigelb bestreichen und im vorgeheizten Ofen bei 170° backen bis die Piroggen aufgegangen und schön goldgelb sind, das dauert etwa 15-20min. Heiß servieren. (Das Gericht eignet sich auch ganz prima – dann eben kalt – als Partymitbringsel!)

Für die Gemüsesuppe zunächst fünf Pfannkuchen herstellen. Fünf Eier, fünf Tassen Mehl, fünf Tassen Milch, einen Eßlöffel Zucker, eine Prise Salz gründlich verquirlen und in einer flachen Pfanne eben die fünf Dingerda ausbacken. Vier Pfannkuchen für den Nachtisch aufheben, einen Pfannkuchen aufrollen und in dünne Scheiben schneiden. Vier Karotten schälen und in Würfel schneiden, mit einer Petersilienwurzel genauso verfahren, eine Kohlrabi schälen und in längliche Streifen schneiden, eine Stange Lauch in Ringe schneiden, in einem Sieb noch einmal gründlich waschen. In einem Topf reichlich Butter erhitzen, erst die Karotten, dann nach und nach die anderen Gemüse zugeben, mit einem Liter heißer Gemüsebrühe ablöschen und noch einige Zeit köcheln lassen; kurz vor dem Servieren die Pfannkuchenstreifen in einer Pfanne noch einmal kräftig anbraten und portionsweise in die Suppe geben, einige kleingezupfte Kräuter oben auf streuen und servieren.

Einen großen Blumenkohl in kochendem Salzwasser nur kurz ankochen. Den Kohlkopf herausnehmen und das Kochwasser aufbewahren. In einer Pfanne Butter erhitzen, darin vier Eßlöffel Semmelbrösel mit reichlich Salz anrösten, abkühlen lassen und mit 200g geriebenem Parmesan vermengen. Ein Backblech einfetten, den Blumenkohl darauf setzen, mit Butterflocken und der Semmelbrösel-Parmesanmischung bestreuen und im vorgeheizten Ofen bei 170° backen bis der Käse gut bräunt – so etwa 15min. Für die Sauce eine fein gewürfelte Zwiebel in Butter glasig dünsten, eine Tasse Mehl einrühren und bevor das Mehl braun wird ½ l. Milch angießen und unter ständigem Rühren aufkochen. Ein Pfund gefrorener Erbsen dazu geben und noch ca. einen ½ l. der Kochbrühe zugeben. Mit Muskat, Salz und weißem Pfeffer würzen und unter Rühren solange kochen, bis die Sauce dick und sämig ist. (Falls sie zu sehr eindickt etwas Kochbrühe zugeben). Ein Dutzend kleine Kartoffeln in der Schale kochen, abschrecken und pellen; in einer Pfanne langsam anbraten. Den Blumenkohl aus dem Ofen nehmen, in vier Teile schneiden und auf je einen vorgewärmten großen Teller geben, die Soße daneben gießen, die Kartoffeln daneben anrichten und mit grob gehackter Petersilie garnieren. Einen Salat werdet ihr schon selbst zustande bringen!

Für das Dessert eine nicht zu große Melone aufschneiden, entkernen und in recht kleine Schnitze schneiden und in einer Schüssel ins Eisfach geben, gelegentlich einmal umrühren und wieder zurückstellen. Schlagsahne herstellen. Die vier Pfannkuchen in der Pfanne noch einmal aufwärmen, evtl. im noch warmen Herd warmstellen. Die heißen Pfannkuchen mit den eiskalten Melonen füllen, hübsch zufalten und mit der Sahne umgehend auf einem Teller sevieren. Als Deko z.B. eine Banane in Streifen schneiden, etwas Karamelsoße über die Pfannkuchen geben und darauf die Bananen legen, jetzt noch etwas Puderzucker – wouwh!

Von Rainer Bakonyi

(1) Konrad Fleischmann: Das Frankenwanderbuch. Zwischen Main und Donau mit Begleitheft für alle Touren, zweite neubearbeitete Auflage München, Wien, Zürich 1981(zuerst 1978)
(2) Alles Wissenswerte über diese sympathische Stadt findet sich im: „Stadtplan Iphofen. Eine Weinstadt mit Kultur“ O.J.o.O.)
(3) MAIN POST Mittwoch, 27. August 2008 – Nr.199 WÜS – Seite 25, dort werden unter www.mainpost.de auch „Bilder und Video von der Fangaktion“ angeprießen.

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An dieser Stelle pflege ich mich ja für gewöhnlich über die Höhen und Tiefen des Kulturlebens dieses geschätzten Städtchens auszulassen, euch alle an meinen vielen Exkursionen in die Tiefen des Punkrocks und die Höhen der errnsten Mosik teilnehmen zu lassen und tiefschürfende Betrachtungen über das Kleinstadtleben anzustellen. Aber all das, also der Firnis der Zivilisation, zusammengerührt auf Theaterbühnen und in Konzertsälen, egal ob underground oder staatlich bestallt, ging in den letzten Wochen unter in einer einzigen großen Woge Nationalgefühl. So lauschte ich vor dem Mainfrankentheater dem von einem honorigen Herrn gepfiffenen Kaiserquartett, in der Sanderstraße war es dann das nach stattgehabter deutscher Geschichte von diesem Haydn’schen Werk nicht mehr zu trennende Horst-Wessel-Lied, gegrölt von trunkenen Studierenden, aus den Kneipen erscholl ein lallendes „überalleindärwält“ und im Fernsehen war dann die Kanzlerin beim Mitsingen der „richtigen“ Strophe zu bestaunen. Die Höhen und Tiefen der musikalischen Darbietungen erstreckten sich ausnahmslos auf Variationen der deutschen Hymne – aus Richtung der Musikalisch-Akademischen-Verbindung erscholl gar ein im Chore gesungenes „Heil Dir im Siegerkranz“. Die dramatische Kunst schnurzelte zusammen zu einer allseits geübten wilden Gestikulierei, stets verbunden mit unartikuliertem Gegrunze, aus welchem allüberall ein gurgelndes „tschland“ herauszuhöhren war, die Malerei brach mit einem ubiquitären Schwarzrotgold in bisher kaum geahnte Dimensionen vor, doch der größte Sieg gelang der Dichtkunst: „Silber iss besser wie Gold“ (Mit vollem Ernst und in fränkischem Tonfall skandiert von jungen Damen beim frühmorgendlichen Abzug von der Sanderstraße). Ach ja, die Gastronomie: Danke Babette! In deiner Weinstube durfte ich die Zeit während des allentscheidenden letzten Spiels der deutschen Herrenfußballnationalmannschaft ohne jedes „Hurah. Das ist schön“ und auch gänzlich ohne jedes Bild von schwitzenden halbnackten Männern verbringen. Die übrigen Wirtsleute dieser Stadt sollen sich alle schämen!

Jetzt, wo alles vorbei ist, werde ich in einer der vielen großen Kirchen dieser Stadt – vielleicht, wenn noch wer mitmacht, gleich in sämtlichen – dem heiligen Florian (der ist zuständig für Feuersbrünste, Wasserfluten und derlei Nöte mehr) eine Kerze stiften, damit niemals mehr ein deutsches Sportteam oder auch einzlechte Athleten und auch -innen jemals in einem internationalen Vergleich auf einen höheren als den vorletzten Platz gelangen mögen. Und weil ich gefühlte zehn Wochen lang nicht ausgehen konnte, hatte ich viel Zeit allerlei exotische Gerichte auszuprobieren und hier ist eines aus einer Gegend, wo Fußball „soccer“ heißt und nicht sehr beliebt ist und die Namen der deutschen Herrenauswahl vermutlich gar niemandem geläufig sind: Das Mississippi-Delta. Dort stießen (zugegebenermasen nicht immer glücklich) spanische, französische, afrikanische und indianische Esskulturen aufeinander.
Voila:

Alligatoren-Bohnen-Eintopf dazu Kartoffel-Ingwer-Puffer und Reis

Für den Eintopf:
Ein Pfund Gulasch vom Alligator (Das beste Fleisch ist vom Schwanz)
Zwei Tassen schwarze Bohnen, über Nacht (10-12 Stunden) eingeweicht
Etwa 200g grobe Rindersalami
Zwei große rote Paprika
½ Kürbis
Etwas Sellerie
Vier rote Zwiebeln
½ Knolle Knoblauch
Schalotten, Koriandergrün, Glattpetersilie

Für die Puffer:
Zwei große Kartoffel
Zwei große Süßkartoffel
Ein etwa daumengroßes Stück Ingwer
Eine Zwiebel
Zwei bis Vier grüne Chillischoten
Etwas Kartoffelmehl

Zunächst die Bohnen im gesalzenen Einweichwasser zum Kochen aufsetzen, den Sellerie fein würfeln, zugeben. Wenn das Wasser kocht, auf niedriger Flamme garen lassen. Das Fleisch waschen, trocken tupfen und in nicht zu kleine Würfel schneiden. Die roten Zwiebeln sehr fein würfeln, den Knoblauch fein hacken, die Salami würfeln und alles gemeinsam zur Seite stellen. Das Fleisch in einem großen Topf in reichlich Bratfett unter Rühren sehr scharf anbraten, mit Salz, Pfeffer, Chillipulver würzen, nun die Flamme herunterdrehen, den Topf bedecken und weiter schmoren lassen. (Evtl. gelegentlich Flüssigkeit zugeben – die Bohnenbrühe etwa ist zur Hand, Rindsboullion ist ganz super) Den Kürbis in grobe Würfel schneiden und zur Seite stellen. Die Paprika waschen und unter regelmäßigem Wenden im Ofen oder unter dem Grill so lange backen bis die Haut Blasen wirft und beginnt sich zu verfärben; dann unter kaltem Wasser abschrecken und häuten, nun die Paprika in grobe Streifen schneiden und ebenfalls zur Seite stellen. Die Salami mit den Zwiebeln und dem Knoblauch in einer Pfanne scharf anbraten, salzen und pfeffern, einige Minuten unter Rühren weiter dünsten, dann zum Fleisch geben. Jetzt die Bohnen ebenfalls zugeben, danach die Schalotten, den Koriander und die Petersilie fein wiegen und mit dem Kürbis in den Eintopf geben, alles unter gelegentlichem Rühren garen bis die Bohnen weich und das Fleisch zart ist, jetzt die Paprikastreifen hinein und mit Petersilienblätter garniert servieren.

Für die Puffer die Kartoffeln schälen und pürieren, die Süßkartoffeln unter Wasser kräftig bürsten und ebenfalls pürieren, den Ingwer schälen und reiben, die Zwiebel sehr fein würfeln, die Chillischoten hälften, von den Kernen befreien und in feine Streifen schneiden, Glattpetersilie und Koriander fein wiegen. Alles zu einem Brei rühren, kräftig salzen und in ein engmaschiges Sieb geben, so gut wie möglich entwässern. Jetzt je nach Feuchte ein bis zwei Esslöffel Kartoffelmehl unterrühren und etwas stehen lassen. Tischtennisballgroße Bällchen formen, platt drücken und frittieren. Auf eine Platte anrichten und mit etwas Zwiebelgrün und Korianderblätter dekorieren.

Weißen Langkornreis vorquellen lassen, die doppelte Menge Wasser zum Kochen bringen, salzen und den Reis zugeben, den Topf bedecken und auf möglichst kleiner Flamme kochen lassen bis das Wasser verkocht ist (etwa 7 min.), den Topf bedeckt zur Seite stellen, nach einigen Minuten den Deckel entfernen, den Reis vorsichtig umrühren und auf einer Platte angehäuft servieren.

Dazu passen frische Salate und sauer eingelegtes kaltes Gemüse (Pickles).

Tja, äh. Nun ja.
Ihr mögt keine Krokodile essen?
Alligatoren schwimmen noch nicht im Main – und wenn, stünden sie bestimmt unter Naturschutz??
Das ganze sei ein schlächter Schärz???
Aber nicht doch. Mir wurde versichert, das mit dem Alligator tät, wenn man sie nicht gerade vor der Haustür gezüchtet kriegt, per „internet“ (ihr wißt schon) durchaus gehen. Ich selber habe aber doch ganz einfach zu Rinderhals gegriffen – schon aus Kostengründen. Phantasiebegabte VegetarierInnen mögen dann halt Sojaworschd und Räuchertofu nehmen und die Garzeiten anpassen.

Viel Vergnügen und… Äh halt! Stopp! Aber das geht doch nicht!!
Es ist vielleicht nicht wirklich eine gute Idee, den putzigen kleinen Alligator aus Nachbars Terrarium zu klauen…

Kopfschüttelnd euer geschätzter
Rainer Bakonyi

Zur aktuellen Lage im Nahen Osten

Zur aktuellen Situation im Nahen Osten

Jerusalem war dieses Jahr Schauplatz der seit langem vorbereiteten Feierlichkeiten zum 60sten Jahrestag der Unabhängigkeit Israels. Mit reger internationaler Beteiligung sollte ein Zeichen des Erfolgs sowohl des Aufbaus einer modernen Gesellschaft, als auch der Integration des jüdischen Staats in die Gemeinschaft der Nationen gesetzt werden. Doch kurz vor dem festlichen Anlass gab die Staatsanwaltschaft bekannt, sie ermittele wegen Korruptionsvorwürfen gegen Ministerpräsidenten Olmert. Der Gegenstand der Ermittlungen sind Briefe mit Bargeld von einem US-amerikanischen Lobbyisten, welcher diese dem Regierungschef über die Jahre hinweg zukommen ließ. Die israelische Öffentlichkeit, obschon seit langem an Ermittlungen gegen hohe Offizielle gewohnt, reagierte ausgesprochen allergisch, die Regierung, die bereits zuvor die wohl unpopulärste in der Geschichte des Landes war, verlor jedes noch verbliebene Vertrauen. Mit taktischer Raffinesse, die den Kommentatoren im Lande glatt die Sprache verschlug, gelang es Ehud Olmert sowohl seine Koalitionspartner als auch die anwachsende Opposition in der eigenen Partei gegenseitig auszuspielen und hinter sich zu einigen und zudem hektische diplomatische Manöver an sämtlichen Konfliktlinien zugleich zu initiieren. Dadurch gelang ihm zumindest vorläufig die Stabilisierung seiner Regierung, die geschaffenen Fakten allerdings werden nicht lediglich die Handlungen künftiger israelischer Regierungen beeinflussen, sondern haben bereits eine über die Region hinaus gehende Dynamik in Gang gesetzt.

Die offizielle Aufnahme von Friedensverhandlungen mit Syrien, wenn auch lediglich über türkische Vermittlung, hat das Regime in Damaskus erheblich aufgewertet und Baschar Assad die so dringlich gewünschte Aufhebung der nach dem massenmörderischen Anschlag auf den ehemaligen libanesischen Regierungschef Rafik Hariri über ihn verhängten diplomatischen Isolation beschert. Mit der Einladung sowohl Assads als auch Olmerts zur Konferenz der Mittelmeeranrainer(1) in Paris hat Nicolas Sarkozy in aller Deutlichkeit Frankreich wieder als bestimmende Macht zur Geltung gebracht. Die Verhandlungen(2) mit der Hisbollah über die Herausgabe der 2006 entführten und wahrscheinlich getöteten israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev gegen die Entlassung des wegen der Ermordung von Dany Haran und dessen vier Monate alten Tochter seit 1979 in israelischer Haft sitzenden Samir Kuntar, sowie einer unklaren Anzahl weiter Häftlinge und der Überreste von in den Kämpfen getöteten Kämpfern der Hisbollah hilft dieser in ihrem Machtkampf im Libanon und erhöht auch das Risiko für alle Israelis, die in die Hände der diversen Terrororganisationen geraten sollten, sofort getötet zu werden. Vielleicht noch problematischer könnte die mit der Hamas abgeschlossene Waffenruhe(3) sein. Die – angesichts der zahlreichen Verletzungen seitens der arabischen Gruppierungen sowieso nur relative – Ruhe der israelischen Bevölkerung entlang des Gazastreifens vor dem täglichen Beschuß mit Raketen, Mörsergranaten und Gewehrfeuer wurde durch den Verzicht auf militärische Operationen in Gaza, sowie die bedingungslose Lieferung von Strom, Trinkwasser, Öl und Lebensmittel aus Israel erkauft. Die politische Position der Hamas in ihrer Auseinandersetzung mit der Fatah wurde gestärkt und, was wesentlich schwerer wiegt, ihre Akzeptanz als „gewöhnliche“ politische Partei erhöht, mit welcher Verhandlungen ohne größere Skrupel geführt werden könnten. Die Freilassung des vor mehr als zwei Jahren verschleppten jungen Soldaten Gilad Schalit war nicht Bestandteil der Vereinbarungen und steht noch immer aus.

Im benachbarten Libanon – im Übrigen der neben dem Irak (und selbstredend Israel) einzige Staat der Region ohne die autokratische Herrschaft eines Königs oder Präsidenten – hat Ministerpräsident Fuad Saniora ebenfalls handfeste politische Probleme. Zwar steht er seit kurzem einer neu gebildeten „Regierung der nationalen Einheit“ vor(4), doch wurde ihm und seiner bis dahin regierenden Koalition die Wiederaufnahme der Hisbollah und der Patriotischen Bewegung in die Regierung mit Gewalt aufgezwungen. Anfang Mai hatte die Regierungskoalition der Kräfte des 14ten März sich entschieden, ernsthafte Schritte gegen die sich immer stärker bewaffnende Hisbollah einzuleiten. Whalid Dschumblat war mit der Behauptung an die Öffentlichkeit gegangen(5), auf dem Beiruter Flughafen, dessen Sicherheitschef von der Hisbollah gestellt wird, seien Kameras zur Ausspähung von Regierungspolitikern bzw. ausländischen (i.e. US-Amerikanische) Vertretern eingerichtet worden und es sei ein Anschlag auf seine eigene Person vereitelt worden, zudem hätte er Informationen, nach denen der in Syrien erfolgte tödliche Anschlag auf den Militärchef der Hisbollah Imad Mughniyeh (für den die “Partei Gottes” sogleich Israel gräßliche Rache angedroht hatte) von Damaskus selbst besorgt worden sein soll. Er forderte die Ausweisung des iranischen Botschafters und die Sperrung des Flughafens für Flüge aus dem Iran. Daraufhin besetzten die bewaffneten Kämpfer der Hisbollah den Westen Beiruts(6), sowie Tripoli und versuchten die drusischen Dörfer(7) (dem Rückhalt W. Dschumblatts) zu stürmen. Nach drei Tagen der Straßenkämpfe, in denen die Armee unter Michel Suleiman nicht eingegriffen hatte, gab die Regierung nach, stellte den entlassenen Sicherheitschef des Flughafens wieder ein und verzichtete auf das Verbot des Hizbollah-eigenen Kommunikationsnetzes. Nach einer von Quatar vermittelten Gesprächsrunde wurde ein durch Saudi-Arabien und Ägypten garantiertes und mittels der Saudis mit dem Iran(8) abgesprochenes Abkommen erreicht, welches die Lösung des seit zwei Jahren andauernden Konflikts um die Besetzung des Amts des Präsidenten mit der Wahl des bisherigen Militärchefs Suleiman beilegte und schließlich zur Bildung jener am 10ten Juli vereidigten Regierung führte, in welcher die bisherige Opposition, also die Hisbollah, die Amal und Michel Auons Patriotische Bewegung über ein Drittel der Sitze und damit über ein Vetorecht verfügt(9). Das Tauziehen der von Saudi-Arabien und dem Westen unterstützten Gruppierungen mit den von Syrien und dem Iran gestützten Kräften ist damit in einer weiteren Runde.

In Damaskus dürften die Sorgen der benachbarten Regierungschefs mit zufriedener Genugtuung registriert werden. Noch vor Wochen war Baschar Assad, der den arabisch-sozialistischen Präsidentenstuhl von seinem Vater geerbt hat, diplomatisch nahezu vollständig isoliert, hatten ihm gar sowohl der ägyptische Präsident Mubarak als auch der saudische König demonstrativ die Türe gewiesen, doch in diesen Tagen steht er im Zentrum eines diplomatischen Reigens. In Paris ließ er sich vom neuen libanesischen Präsidenten besuchen und vereinbarte einen Austausch von Botschaftern zwischen Damaskus und Beirut(10) – zum ersten Mal in der Geschichte der beiden Staaten und angesichts der Tatsache, daß Syrien den Libanon bisher als Provinz des eigenen Landes angesehen hatte, eine Aufsehen erregende Geste. Die Entscheidung, den kleinen Nachbarn offiziell als gleichberechtigten Partner anzuerkennen und die Einflußnahme auf dessen Politik neben der stummen Drohung mit Gewalt vor allem durch die in dessen Regierung vertretenen treuen Handlanger zu bewerkstelligen, hatte sofortige Früchte gezeitigt: Französische, deutsche und britische Vertreter priesen lautstark die neue Linie und selbst aus Washington kam, wenn auch grummelnd, Lob. Assad jr. scheint noch einmal den Beweis antreten zu wollen, daß er zugleich in der Rolle des Paten der Terrororganisationen und des rechtschaffenen Bewahrers der Ordnung in der Region glaubhaft auftreten kann. Durch seine enge Bindung an die islamische Republik Iran, welche als Sponsor des Sozialismus Assad’scher Prägung für die dahingeschiedene Sowjetunion in die Bresche sprang, ist Damaskus innerhalb der arabischen Liga, deren stärkste Mitglieder – Ägypten und Saudi-Arabien – sich längst stärker vom Iran denn von Israel bedroht sehen, ein erklärter Gegner; nach dem Coup in Gaza, mit dem die Bemühungen der arabischen Liga zu einer vertraglichen Einigung mit Israel zu kommen vorerst obsolet geworden waren, hatten die Saudis und Ägypter Syrien vollständig isoliert und mit Hilfe Frankreichs und der UNO massiven Druck ausgeübt. Die Antwort des syrischen Regimes war zum einen die Unterstützung der Hisbollah, die in einer Art von low-intense-Aufstand den Libanon in politische Agonie versetzt hatte (bei gleichzeitigem Einsatz von Autobomben gegen Abgeordnete der Regierungsfraktionen und als besonders gefährlich angesehene Einzelpersonen) und die Eröffnung von Friedensgesprächen mit Israel. Sollte sich Israel zu einem Separatfrieden mit Syrien bereitfinden, wäre die gegen den Iran (und somit immer auch gegen das syrische Regime) gerichtete von der Arabischen Union angestrebte Verhandlungslösung mit Israel keine Bedrohung mehr für die Assads. Um dem iranischen Druck gegen eine (vom Iran selbstverständlich als sehr erheblichen Vertrauensbruch angesehene) Annäherung an Israel und den Westen zu begegnen und gleichzeitig seinen Einfluß im für Syrien höchst bedeutenden Libanon nicht schwinden zu lassen, musste die militärische Ausrüstung(11) (nicht die Ausbildung, das ist Sache der iranischen Revolutionsgarden) der Hisbollah völlig von Syrien abhängen. Der Streit um die Kontrolle des Beiruter Flughafens hat für die Hisbollah eine strategische Bedeutung(12), nur über ihn wäre eine direkte Versorgung mit Waffen aus dem Iran möglich – der gezielt gestreute und auch durchaus nicht abwegige Verdacht, die Ermordung des, dem Iran sehr eng verbundenen, „Militärchefs“ Mughniyeh(13) sei das Werk Syriens, dürfte den Willen der Führung der Hisbollah sich von Syrien freizuschwimmen noch angestachelt haben, doch hat Baschar Assad noch immer bewiesen, daß er Willens und in der Lage ist, mitten im Rennen die Pferde zu wechseln: Die ausgesucht freundliche Behandlung von Präsident Suleiman mag einen Wink darstellen.

Das tatsächlich hohe Risiko, daß die Verhandlungen mit Syrien zu einem Vertrag führen, Damaskus aber dennoch über die Hamas und Hisbollah eine dauerhafte Bedrohung Israels darstellt(14), dürfte in Jerusalem bekannt sein, die Verhandlungen lediglich mit dem verzweifelten Versuch Ehud Olmerts zu erklären seinen Posten zu behalten(15), ist eher albern. Die Verhandlungen mit Syrien stehen vielmehr im Zusammenhang mit dem Scheitern, oder besser, der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der Verhandlungen mit den diversen arabischen Staaten. Die Einheit aller, oder wenigstens der meisten, Staaten der Region in einer Koalition gegen den Iran – was in Verbindung mit ökonomischem Druck dessen Regime destabilisieren könnte – ist derzeit weniger in Sicht als je zuvor, die Handlungsfähigkeit der US-Regierung ist angesichts des Wahlkampfs sehr stark geschrumpft und Israel versucht nun offensichtlich auf eigene Faust so viele Fronten zu beruhigen wie möglich. Syrien in einem Krieg mit dem Iran neutral halten zu können, wäre ein wichtiges strategisches Ziel; ein Friedensvertrag mit einem auf die Westbank beschränkten arabisch-palästinensischen Staat, würde ebenfalls erheblichen Nutzen bringen. Die Vorteile eines solchen Szenarios kämen allerdings lediglich dann zum Tragen, wenn die Option der Bedrohung durch den Iran mit anderen als kriegerischen Mitteln zu begegnen, also eben jene Kombination aus arabischer Zusammenarbeit mit Israel und USA und ernsthaften Sanktionen an die nicht einmal mehr Berufsoptimisten glauben, endgültig ausgereizt sind und ein Krieg unvermeidlich scheint. Daß Jerusalem eine atomare Bewaffnung des Iran nicht zulassen kann und auch nicht wird, hat die massive Drohung mit Langstreckenflügen der israelischen Luftstreitkräfte(16) und der gezielt lancierten Indiskretionen bezüglich neuer Waffenbeschaffungen gemeinsam mit der erfolgreichen Bombardierung des geheimen syrischen Atomprojekts(17) im Winter 2007 hinreichend demonstriert. Die Antwort der Iraner in Form von Mittelstreckenraketentests(18) hat deren Nervosität bewiesen.

Das Hofieren Bashar Assads durch die Europäer könnte als Versuch gelesen werden, dem Iran durch das Abwerben seines Klienten die Lust am Großmachtspielen auszutreiben. Doch anders als in Israel, hat in Europa weder die Politik, noch die Bevölkerung verstanden, welcher Art die Gegner sind. Der Iran ist nicht lediglich eine mit hohem Risiko spielende, aber dabei logisch-rational planende Regionalmacht unter einem starken Mann, sondern (zugleich) eine revolutionäre Bewegung mit einer apokalyptischen Ideologie(19). Die beiden Charaktere mögen sich widerstreiten und mal der eine, dann der andere in der Öffentlichkeit erscheinen; ja, es mag sogar einen realen Konflikt in der Führung darüber geben, doch genau das Mittel, mit dem sowohl die Apokalyptiker, als auch die Anhänger strategischer Machtausübung ihr jeweiliges Ziel – die Zerstörung Israels und die Unterwerfung der Ungläubigen durch das Erscheinen des Mahdi; der Aufstieg zur Großmacht durch überlegene Rüstung – zu erreichen gedenken, also die iranische Atomwaffe, hält beide Seiten zusammen. Der Illusion, brave persisch-nationale Generäle hielten dann aus Angst vor der Vergeltung die islamistische Regierung vom atomaren Erstschlag ab, können deutsche Kommentatoren sich hingeben, für Israel wäre das suizidal. Das Säbelrasseln in Jerusalem ist ernst gemeint, die Mittel für einen Schlag gegen den Iran werden Stück für Stück zusammen getragen. In Israel ist man sich der womöglich verheerenden Folgen eines solchen Kriegs auch im eigenen Land bewußt – doch der vernichtenden Wirkung eines atomaren Schlags wird sich der jüdische Staat nicht aussetzen.

Rainer Bakonyi

PS. Wer sich in Europa über die israelische Drohungen erregt, möge die eigenen Regierungen dazu bringen ihre Unterstützung des iranischen Mordregimes einzustellen. Allein die Sperrung der Dieselzufuhr (Iran verfügt über sehr ungenügende Raffineriekapazitäten) würde die Mullah-Theokratie vor kaum zu bewältigende Probleme stellen.

1: Jerusalem Post vom 11ten Juni 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1212659707102&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter
2: Jerusalem Post vom 29ten Juni 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1214726151162&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter
3: Jerusalem Post vom 19ten Juni 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1213794286738&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter
4: Daily Star vom 12ten Juli 2008 http://www.dailystar.com.lb/article.asp?edition_id=1&categ_id=2&article_id=94050#
5: Jerusalem Post vom 3ten Mai 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1209626997460&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter
6: Times vom 10ten Mai 2008 http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/middle_east/article3904653.ece
7: Times vom 12ten Juni 2008 http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/middle_east/article3912957.ece
8: Daily Star vom 13ten Mai 2008 http://www.dailystar.com.lb/article.asp?edition_id=1&categ_id=2&article_id=93082#
9: Eine knappe amerikanische Einschätzung des Abkommens von Doha unter: http://www.washingtoninstitute.org/templateC05.php?CID=2883
10: Daily Star vom 14ten Juli 2008 http://www.dailystar.com.lb/article.asp?edition_id=1&categ_id=2&article_id=94083#
11: Jerusalem Post vom 9ten Juli 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1215330903869&pagename=JPost%2FJPArticle%2FShowFull
12: Dabei hat sie allerdings politisch nicht nur profitiert, ein weiterer Griff zu den Waffen in einer internen Auseinandersetzung wird sehr schwierig werden. http://www.jordantimes.com/?news=9282
13: Zu Mughniyeh der Artikel von Yaacov Katz und Khaled Abu Toameh in der Jerusalem Post vom 13ten Februar 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?pagename=JPost%2FJPArticle%2FShowFull&cid=1202742146147
14: Interessant die Einschätzung durch die Jordan Times vom 14ten Juli 2008 : http://www.jordantimes.com/?news=9281
15: Jerusalem Post vom 19ten Juni 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1213794286744&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter
16: New York Times vom 20ten Juni 2008 http://www.nytimes.com/2008/06/20/washington/20iran.html?_r=1&ref=world&pagewanted=print&oref=slogin
17: Times vom 2ten Dezember 2007 http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/middle_east/article2983719.ece
18: Times vom 10ten Juli 2008 http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/middle_east/article4301278.ece?pgnum=5
Zur fingierten Anzahl der Raketen: New York Times vom 11ten Juli 2008 http://thelede.blogs.nytimes.com/2008/07/10/in-an-iranian-image-a-missile-too-many/
19: Dazu Amir Taheri: The Problem With Talking to Iran. http://online.wsj.com/article/SB121193151568724469.html

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Willkommen verehrte Freundinnen und Freunde gehobener Gaumenfreuden. Diesmal gibt es wieder mal etwas für den sehr geschätzten Kollegen Benny. Na ja, auch andere Leserinnen und Leser könnten sich angesprochen fühlen. Aber vor allem doch der Herr Böhm. Weil: den öde ich derzeit ein wenig an. Immer erzähle ich von albernen Konzerten, wo gar keine Bands spielen, sondern Orchester und wo man gar nicht den neuesten Tratsch über die anderen Kolleginnen und Kollegen erzählen kann, weil einem gerade Kunst präsentiert wird. Und das ist halt sehr langweilig – also nicht für mich, ich habe ja was Spannendes zu erzählen, aber für den armen Benny, der mangels anderen Publikums halt aus lauter Höflichkeit zuhören muß. Dafür suche ich aus meinem neuen libanesischen Kochbuch heute bloß vegetarische Gerichte aus! Aber zuvor, wie sich das für diese Kochkolumne so gehört, gibt es noch ein wenig Bericht von dieser dingsda, Hochkultur, ja; da kenne ich kein Erbarmen! Hähähä.

Neulich habe ich was ganz tolles Neues (also für mich halt neu) mitbekommen. Musik publik. Das ist umsonst und meistens richtig prima! Da hat mich meine Herzliebste mal mitgenommen, die ist da regelmäßig. Und zwar ist während des Semesters in der Musikhochschule in der Bibrastraße jeden Mittwoch und Freitag mittags um 12 Uhr ein öffentliches Konzert. Tja, was angeboten wird, erfährt man entweder am vorangegangenen Konzert – falls man halt da war – oder eben an der Eingangstür. Da kann man dann mal eine Preisverleihung für ein Akkordeon-Duo miterleben und zuvor ganz neue Dimensionen des Musizierens auf diesem von mir bislang eher wenig beachteten Instrument erleben, oder mal drei Klaviersonaten von Schubert hören, auch ein Konzert für 10 Blasinstrumente ist schon mal dabei. Also: Lohnt sich! Am gleichen Ort sind übrigens auch regelmäßig die Meisterklassen Podien. So als Tipp. Und jetzt muß ich noch eine Lanze für meine neue Wohngegend brechen: Bloß eine einzige Fußminute von mir weg ist das Champinsky. Da ist Theater mit Komödien, da muß man nicht unbedingt hin, das stimmt schon. Aber: Dienstags ist recht regelmäßig Jazz. Da kann man dann schon mal hin! Zum am Tresen lümmeln übrigens auch!!! Und noch ein paar Meter am Friedrich Ebert Ring gelaufen und man steht am Luisengarten mit manchmal auch interessantem Programm – aber bei der Winterreise von Schubert war ich zulange auf der Arbeit und hab’s verpaßt…
Wirklich richtig großartig war aber eine andere Darbietung in der Nachbarschaft: Das Orchester Jakobsplatz München gastierte am 10. 4. im Shalom Europa in der Valentin Becker Straße. Claude Debussy, dann Gustav Mahler, die Kindertotenlieder – gesungen von Ann-Katrin Naidu und nach der Pause die „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ nach einem Text von R. M. Rilke komponiert von Viktor Ullmann kurz vor seiner Ermordung in Auschwitz. Der Text wurde von Jochen Striebeck gesprochen. Dieses Konzert war sicherlich eines der ganz großen highlights in Würzburg, bloß am Publikum hat es stark gemangelt, der Saal war nicht einmal zu einem Viertel gefüllt. Schade für dieses exzellente Orchester unter Daniel Grossmann und die beiden herausragenden Solisten!

So, jetzt eile ich dann mal in die Küche und schwinge den Kochlöffel…

Mit Feta gefüllte Teigröllchen in Tomaten Minze Sauce, dicke Bohnen, gefüllte Zucchini, Taboulih, Salat.

Für die Teigröllchen aus 250g Mehl und 150-200ml Wasser und ein Kaffeelöffel Salz einen Nudelteig zubereiten und ein paar Minuten kaltstellen. Eine rote Zwiebel sehr fein würfeln und in etwas Olivenöl glasig dünsten. 200g Feta zerbröseln, mit der Zwiebel vermischen, mit Paprikapulver, Cumin und etwas grob gemahlenem Pfeffer würzen. Auf bemehlter Fläche den Nudelteig ausziehen und Quadrate formen (etwa wie für Maultaschen!), die Füllung darauf geben und die Röllchen formen. Die Teigröllchen in eine gebutterte Auflaufform geben und im Ofen bei 180° goldgelb backen. In einem Topf 250g Tomatenmark, 3 klein gewürfelte, sehr reife Tomaten sowie eine Tasse Wasser unter Rühren erhitzen. Jetzt den Saft von ½ Zitrone dazu geben. In einer kleinen Pfanne etwas Butter schmelzen und darin 3 feingehackte Zehen Knoblauch und 3 Eßlöffel getrocknete Minze anbraten und in die Soße geben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und über die fertigen Teigröllchen gießen, mit frischer Minze dekorieren und servieren.

200g dicke braune Bohnen (auf dem Lande als Saubohnen bekannt) über Nacht einweichen, abgießen, das Einweichwasser auffangen und in einem großen Topf zum Kochen bringen, etwas Öl beigeben, kräftig salzen und 1 ½ h garen, bis sie wirklich weich sind. Die Brühe abgießen, in einem Topf Öl erhitzen und eine fein gewürfelte Zwiebel und zwei ebenfalls fein gewürfelte Tomaten kurz anbraten, die Flamme reduzieren und die Bohnen zugeben. ½ Bund Glattpetersilie fein hacken und zugeben, Saft aus ½ Zitrone angießen mit Salz und etwas getrocknetem Chili abschmecken. Mit Zitronenscheiben und Glattpetersilieblätter dekorieren.

Zwei eher kleine Zucchini waschen, den Stielansatz und die Blüte kappen und in der Mitte (nicht längs, quer!!!) halbieren. Die vier Hälften aushöhlen (Apfelschäler) und den Inhalt sehr fein hacken. Eine Zehe Knoblauch sehr fein hacken, eine ½ rote Paprika in sehr feine Streifen schneiden. Alles mit einer Tasse gewaschenem und etwas vorgequollenem Reis (weiß und geschält, sehr gut ist Bruchreis), etwas Salz, Pfeffer und etwas Fenchelsamen gut vermischen. Die Zucchini füllen, in einem Topf mit Siebeinsatz Gemüsebrühe aufkochen und die Zucchini in das Sieb geben, die Flamme herunterdrehen und zugedeckt etwa ½ h köcheln lassen.

Für den Taboulih vier ziemlich reife Tomaten sehr fein würfeln (noch feiner, das geht schon!), eine kleine rote Zwiebel ebenfalls sehr fein wiegen und zu den Tomaten geben. Zwei Tassen sehr feinen Couscous dazu geben und quellen lassen. Reichlich frische Minze sehr fein schneiden, mit ½ Bund Glattpetersilie genauso verfahren. Zwei Zitronen pressen, den Saft mit der Minze und der Petersilie, sowie Salz vermischen und über den Salat geben, einen Schuß Olivenöl dazu, gut vermengen und etwa 1h kalt stellen.

Für den Salat eine Schale Feldsalat gründlich waschen und abtropfen. Einen kleinen Kopf Bataviasalat waschen, trocken schleudern und in etwa 1cm breite Streifen schneiden. ½ Gurke schälen und würfeln, eine rote Paprika in feine Ringe schneiden, zwei Frühlingszwiebeln in feine Ringe schneiden, einige Zweigchen Thymian vom holzigen Stiel befreien, etwas Glattpetersilie klein zupfen. Alles vermischen und kurz vor dem Servieren mit dem Dressing (Saft von ½ Zitrone, etwas Olivenöl, eine gepreßte Zehe Knoblauch, Salz) übergießen.

Dazu unbedingt geröstetes arabisches Fladenbrot, etwas Joghurt, Oliven, Peperoni und gesalzene Kichererbsen reichen.

Mahlzeit!

Ich gehe jetzt noch mal flott die paar Meter zum Omnibus und höre mir die Studiosi beim Session machen an.

Bis demnächst
Rainer Bakonyi

(Anmerkung des Lektors: Die Rechtschreibung wurde, namentlich im Hinblick auf das Wort „tabouleh“, behutsam den ausserhalb der Gaststätte Kult üblichen Gepflogenheiten angepasst. Die Schreibung „tabouhli“ ist dem Kult nicht auszutreiben, aber man darf ihnen nicht auch noch helfen, „Beweise“ via googlefight zu finden.)

Heinrich Marschner Der Vampyr

Das Begleitheft des Mainfrankentheaters Würzburg (Hg.) zur romantischen Oper in zwei Akten, Redaktion: Sebastian Hanusa.
Beinahe, ja: ums Haar, und dieses Schriftstück wäre überhaupt nicht in meine Finger gelangt. An der Garderobe war ich bereits genötigt, nach der obligaten 1 Euromünze in meiner Hosentasche zu kramen und hatte die zwei Euren für besagtes Programmheft schlicht nicht vorrätig. Meine Liebste half mir mal wieder großzügig aus der Patsche und bestand trotz meines achselzuckend vorgetragenen: „Dann halt nicht!“ auf dem Erwerb. Wie gut! Bereits auf Seite 3 steht dort, vor etwaiger Nichtbeachtung durch eine graue Markierung effizient geschützt, folgendes Zitat zu lesen: „Das Verbrechen, durch die stets neuen Mittel des Angriffs auf das Eigentum, ruft stets neue Verteidigungsmittel ins Leben und wirkt damit ganz so produktiv wie strikes auf die Erfindung von Maschinen. Und verläßt man die Sphäre des Privatverbrechens: Ohne nationale Verbrechen, wäre je der Weltmarkt entstanden?“ Das ist von einem gewissen Herrn Karl Marx, den die Deutschen vor kurzem zu einem ihrer Größten erkoren hatten. Etwas weiter erfahren wir unter dem Titel „Handlung“ den plot der Oper. Der Vampir muß zwecks einer einjährigen Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung auf der Erde, und zwar um genau zu sein: den schottischen highlands, binnen 24 Stunden drei Jungfrauen vermittels eines Bisses in den Hals dem Vampirmeister zuführen. Er ist guten Mutes, hat er doch bereits zwei junge Damen am Wickel und ist zuversichtlich eine dritte auch noch zu erreichen. And so on. Es gibt, wie ja stets im Leben, selbstredend auch lästige Gegenspieler, insbesondere ein ehemaliger Freund, dessen heimliche Geliebte eines der prospektiven Opfer ist. Der Vampir beißt, wird erstochen, rettet sich mit Mondlicht, beißt, wird erschossen, rettet sich mit Mondlicht, setzt zur verruchten letzten Tat an, wird daran aber in letzter Sekunde gehindert; der Vampirmeister holt ihn in die Hölle, die Gerettete und ihr Geliebter bleiben auf dieser Welt. Vorhang fällt – äh, steht da gar nicht, ist aber im Theater seit alters Brauch.

Das verspricht doch einen Heidenspaß mit laut tönendem Bariton „Jetzt ist sie MEIHEIN!!“ und dazu im Duette ein getrillertes „Zu Hülfe! ZU HÜLLLFE!! S’ist einVAMPÜRRR!!!“.

Zuvor allerdings erst mal Ernstes zum Vampirprinzip. Auf Seite 9 muß ich lesen: „Alles irdische Leben ist im Grunde einem Vampirprinzip untergeordnet: Um sich am Leben zu erhalten muß man etwas einsaugen, sich anderes Leben einverleiben. Und im Regelfall beruht das vampiristische Gedeihen des einen Lebens auf dem Nichtgedeihen des einverleibten Lebens.“ Tja. Vom Bakterium über die Qualle bis zur Krone der Schöpfung, dem Eisbären Knut, schlingt die Schöpfung allenthalben. Pflanzen? Naja, die sind womöglich keine irdische Lebensform; aber ach, das Krux mit der Logik liegt ja im „Leben“ – ist der Vampir doch eben eines nicht: lebendig. Aber sei’s drum, ist ja alles bloß Theater. Und der Autor dieser Zeilen hat ein höheres, ein volkspädagogisches Ziel, welches er über folgende Stichwörter: Lustfraß, sublimiert, Sexualität, Nietzsche pfeilgerade ansteuert: „Die Verkörperung von ewigem Leben, (…etc, pp…) bei einer gleichzeitig vollkommen unzensierten Befriedigung der elementaren Triebe, wirkt (…) nicht nur verführerisch, sondern hat bei einigen Mitbürgern sogar den Wahn aufkommen lassen, sich tatsächlich für so etwas Ähnliches wie Graf Dracula zu halten.“ Oh weh, oh ach. Es ist ein Graus! Oh! Welch ein Graus, ja welch ein Grauuuus!

Überspringen wir die doch sehr eigenwillig zusammengestellte „Zeittafel Vampirismus“, sowie die künstlerische Einordnung Heinrich Marschners durch Florian Reichart: „Vergessen zwischen Weber und Wagner“ und auch Sebastian Hanusas Beitrag zu „Richard Wagners Zeit am Würzburger Theater“ und lauschen dem Interview mit dem Regisseur Stephan Suschke, der sich zunächst als Sozialhistoriker versucht: „Mich interessiert … der historische Hintergrund, der viel mit heute zu tun hat. Die Aufklärung hatte Gott abgeschafft und die Welt säkularisiert. … Gleichzeitig wurden die Menschen aus sehr familiären Produktionsprozessen in die Fabriken hinausgeschleudert, aus relativ geschützten, befriedeten Räumen in eine angstbesetzte, sich atomisierende Gesellschaft…eine erste Globalisierung…“ Nach kurzem Geplänkel über das Bühnenbild geht es um den Vampirmythos: „Der Vampirglauben löste den Hexenglauben… Vampire waren…viel schwerer zu erkennen. Man konnte dem Bösen nicht mehr ansehen, daß es Böse war… Die katholischen Serben(das steht da so!) haben das benutzt: natürlich waren immer Moslems Vampire. Das ist sehr heutig … Feindbilder … Manson … Gangster- und Horrorfilme …Holocaust – ist menschlich.“ Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu bestehen, daß, wo über Moral, also die Bestimmung von Gut und (insbesondere) Böse schwadroniert wird, stets die Auslöschung der europäischen Judenheit durch die Deutschen den Bezugspunkt abzugeben hat. So gut wie stets dient, sei es nun der Holocaust oder die Shoah, dieses Herbeizitieren des Schlimmsten, einer mittels dieses Kniffs unantastbar gemachten Anthropologie: „Es gibt nichts Unmenschliches, alles – auch der Holocaust – ist menschlich“ Geschenkt, daß hier „menschlich“ nicht als human, sondern als von Menschen gemacht zu lesen ist. Der ideologische Zweck läßt in seinem ganzen Irrwitz wohl keine andere sprachliche Form mehr zu: „Im Moment ist es wichtig, Feindbilder zu unterminieren, weil sie die Verbände auf den eigentlichen Wunden sind.“ Statt nun dem Meister die bisher notierten Zitate unter Höllengelächter vorzulesen und das Ganze in einer Zechrunde aufzulösen, fahren die Herren Hanusa, Macha und Reichart munter fort mit dem Stichwortgeben: „…Der Vampir der Romantik hat ein anziehendes Äußeres und – bewusst oder unbewusst – denen ähnlich, die ihn erschaffen…Spiegelbild…“. Wat mut, dat mut: „Müller -Metapher „Im Spiegel das Feindbild“…11. September in Indien … amerikanische Actionfilme … Ich hatte das sichere Gefühl, dass die wirklichen Terroristen diese Filme sehr gut gekannt haben“ Da ist sie, die geradezu mit Notwendigkeit zu erwartende nine-eleven-conspiracy-theory. Chapot! Wer die wirklichen Terroristen wohl sein mögen? Die Studio Chefs der kalifornischen Filmindustrie? Wir werden es aus der vorliegenden Schrift leider nicht entnehmen, doch die Herren Interviewer spinnen eifrig den Faden vom Vampir Ruthven zu Hannibal Lecter und wieder kommt es, wie es kommen muß: „…Man sollte einfach davon ausgehen, dass derjenige, der einem aus dem Spiegel entgegenblickt, als SS-Mann in Auschwitz auch einen ordentlichen Job gemacht hätte. Möglicherweise wäre das Spiegelbild auch ins Gas gegangen…“ Alles ist halt eben doch irgendwie gleich: Der Mörder, nennen wir ihn Sturmmann Meier, Müller oder Schulze, der ohne allzu große Nachteile hinzunehmen den ordentlichen Job nicht hätte tun müssen, ist so sehr das Spiegelbild (ja wessen bloß?) wie seine in Viehwaggons durch ganz Europa verschleppten Opfer, denen mit den Kleidern und den Haaren auch die Namen geraubt worden waren und die als Asche endeten. Den weiteren zwei Seiten Geplauder entnahm ich noch, daß dem Regisseur irgendwie doch bewußt ist, es mit einer eher simplen Liebesgeschichte – die einzige überlebende Jungfrau, Malvina, wird vom ihr in wahrer Liebe zugewandten Jüngling errettet; die aus Lüsternheit fehlende Emmy stirbt ebenso, wie die arglistig getäuschte Janthe – zu tun zu haben. Doch verborgen muß ihm bleiben, daß hier überhaupt gar kein globalisierungsskeptischer Subtext vorliegt, sondern höchstens eine – und das nicht versteckt, sondern explizit geäußert – Kritik der väterlichen Gewalt, daß, wenn sich hier ein kritischer Geist manifestiert, dieser sich also gegen patriarchale Verhältnisse richtet, die eben nicht so idyllisch waren, wie sich das Stephan Suschke zu Beginn des Interviews so ausmalte. Auf die Idee zu verfallen, die unheroische Truppe der Bediensteten des Herrn Berkley, der seine Tochter am Vorabend ihrer zwangsweisen Verheiratung entführt glaubt und im Wald zur Suche unterwegs ist, mit Geldscheinen zu motivieren und auch im weiteren Verlauf eifrig mit Scheinen werfen zu lassen, zeugt nicht lediglich von einer anachronistischen Sicht auf feudale Verhältnisse, sondern von – und dann natürlich in die vorkapitalistische Zeit rückprojizierten –Vorstellungen einer quasi magischen Macht des Geldes, welches die einst (eben in der romantisierten patriarchalen Gesellschaft) vermeintlich natürliche Gemeinsamkeit korrumpiert und sich die Lebenskraft der Menschen vampirisch aneignet. So sah das einst auch ein ganz spezieller Sozialist, der wackere Bruno Bauer, der dem Vampyr auch den richtigen und so gar nicht katholischen Namen gab: Nicht Sir Ruthven, sondern einfach Jud’. Jener Herr, dessen Zitat die Eingangsseite ziert, eben der Herr Marx, hat ihm 1843 Bescheid gegeben. In seiner Schrift „Zur Judenfrage“, einer Kritik des gleichnamigen Pamphlets Bauers, liefert er eine Staatskritik, eine Kritik der Politik und eben eine Kritik des Geldes: „Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an.“ (MEW Bd.1, S.374). Wie aber diese Herrschaft zustande kommt, wie es in der Wirklichkeit möglich sein kann, daß sich das Produkt menschlicher Arbeit zu eigenem Selbstbewußtsein aufschwingen kann und als blind rasendes automatisches Subjekt die Vergesellschaftung in einer noch immer nicht emanzipierten Welt zu bewerkstelligen vermag, vermochte er 1843 noch nicht zu sagen. Die eifrigen Marxzitierer hätten sich dies jedoch bei einer Lektüre des Kapitals verdeutlichen können. Die Marx’sche Bestimmung des Rätsels des Geldfetischs als das sichtbar gewordene, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs entzieht Vorstellungen von heimlicher, untergründig wühlender Macht, die hinter dem Gelde stünde, den Boden und verweißt auf die täglich aufs neue von sämtlichen Beteiligten im eigenen Hirnkasten vollbrachte logisch unmögliche Vergleichung gänzlich unvergleichbarer Dinge im Warentausch: Ein kleines Glas Bier ist ein Programmheft des Mainfrankentheaters ist zwei beliebige Objekte im 1€Shop ist ein belegtes Brötchen ist… Daß es notwendig ist, die völlige Unsinnigkeit dieser Gleichsetzung erst darzulegen, zeigt die Wirkungsmächtigkeit dieses, unsere sämtlichen Regungen bestimmenden, fetischisierten „Denkens“. In zynischem Sinn ist also Wahrheit in der Geste allseitiger Beliebigkeit: Gut und Böse, Opfer und Verfolger, SS-Mann und Spiegelbild, alles muß auf dem Markt vergleichbar sein und schon das Sprichwort weiß: Jeder hat seinen Preis.

Ach ja, wie denn die Aufführung so war? Ja schön. Schaurig lustig und mit Stefan Stoll als Lord Ruthven ein verführerischer, bösartiger und höchst überzeugender Vampir. Solistinnen und Solisten, wie auch Chor gefielen mir gut (Anja Eichhorn als Malvina sei hier noch herausgehoben), das Orchester unter Wang war hervorragend, die zurückgenommene Schauspielerei – ohne Gefuchtel, Gespucke und Gekreisch – war sehr angenehm, das Bühnenbild ebenfalls gelungen, die Kostüme – vor allem bei den Gestalten der Unterwelt – leider teils albern, teils kitschig. Und bei dem glorreichen Regie-gag: Wir werfen mit Scheinen und lassen sie vom bedauernswerten Chor wieder einsammeln, habe ich mir Schokoladentaler vorgestellt – wozu ist man schließlich im Theater? Und noch etwas zu Heinrich Maschners Stück: Das hat schon ein paar Längen und mit heutigen Ohren ist die Musik nicht soo originell – und doch läßt sich die Faszination, welches es wohl einst auf das Publikum hatte, noch nachvollziehen, und zwar sowohl bezogen auf die Handlung wie auch musikalisch. Vor allem hat der Librettist Wilhelm August Wohlbrück in einer Zeit, in der gerade die enge Verbindung des Stereotyps vom wuchernden Juden („Wucher“ und „Schacher“, also Kredit und Handel, waren zu Beginn des 19ten Jahrhunderts gar nicht anders denn als „jüdisch“ zu denken; Wucherer und Jude galten als Synonyme) mit dem Mythos vom Vampir statthatte, sich solcher Bezüge enthalten und das Loblied der Liebe gesungen – das hält denn auch die Zumutung aus, daß sich die Braut – Malvina – dem wackeren Aubry, welcher sich allzu schnell dem despotischen Vater Davenout angleicht, schlußendlich dann doch verweigert.

Von Rainer Bakonyi

Rainer Bakonyis Lieblingsrezepte

heute:Tortillas in feuriger Schokosoße.
Kein Witz. Und ist überhaupt nicht süß.

Für die Sauce:
In einem Topf Butterschmalz – oder eben Bratmargarine– erhitzen und eine fein gewürfelte Zwiebel anbraten.
Nun 5-6 in sehr feine Streifen geschnittene rote und grüne Chilischoten dazu geben, mit zwei kleinen Dosen Pizzatomaten ablöschen. Mit Salz, Pfeffer, 1 Eßlöffel Paprika, ½ Teelöffel Kreuzkümmel, einer Prise Koriander, 1 Eßlöffel Oregano und etwas zerstoßener Nelke würzen. 2 Eßlöffel Kakao Pulver einrühren und mit 200ml Wasser auffüllen. Nun noch 6-8 gepreßte Zehen Knoblauch dazu geben und etwa eine halbe Stunde köcheln lassen. Darf nicht zusehr eindicken, evtl. etwas Wasser zugeben. Ohne Handwerker in der Küche ist das ein
recht einfaches und ziemlich schmackhaftes Menü.
„Mahlzeit“
sagt Rainer Bakonyi

Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur. Heute schauen wir sehr fern.

Soso meine Lieben. Das hier ist die dem Benjamin Böhm seit langem versprochene „fegedarische Gochgollumne“. Tja. Kein Fleisch, nicht einmal Knochen. Schon gar nicht: „Schweinebraten!?“ Und auch kein Fisch (der wäre dann wohl als nächstes an der Reihe…); Butter und Joghurt aber doch, die Damen und Herren von der Vega mößten sich mit den szeneüblichen Ersatzprodukten Margarine und Sojajoghurt behelfen. Die Rezepturen sind etwas umfangreicher, dennoch: Keine Kochkolumne ohne eben diese: Eine Kolumne! Wohlan:

Das kleine himalajanesische Kochstudio

Zappt man sich hierzulande durch die Sender, so stößt man nachts wie auch am Tage auf allerlei Gestalten im Schurz, welche mit Messer oder Kochlöffel bewehrt an großen Herden stehen und dem geschätzten Publikum allerlei Dreistigkeiten aufschwatzen. Die Kochkolumne vor laufender Kamera erfreut sich noch immer wachsender Beliebtheit, gleich ob der politisierende Altconferencier oder der gewesene junge Wilde mit vier Sternen das blanke Chrom mit Soße bekleckert. Dabei wird hierzulande kaum mehr gekocht. Jedenfalls daheim nicht. Die gute Holzofen-Pizza aus dem Tiefkühlregal lädt ein zum „Hjam-jam“. So ist das hier in Germany.
Aber es gibt ja auch Gegenden auf der Welt, da ist das Fernsehen ganz neu und die Kochsendung ein noch nie dagewesenes Konzept. Afghanistan etwa. Ja, in Kabul gibt es angeblich acht TV Stationen, Fernseher sind gefragt wie fast nirgends auf der Welt; und es gibt eine Kochsendung: In der eindeutig US-inspirierten „The Cooking Show“ steht eine junge Dame bewaffnet mit sowjetproduziertem Kochgerät am Herd, ein sehr chices Glitzerdings, das wohl ein Kopftuch darstellen soll, auf dem Kopf und kocht sich durch die nationale wie internationale Küche. Sie erklärt, was Pasta ist und wie die Sauce wirklich perfekt auf den Tisch kommt. Sie ist ein Star. Fast alle kennen ihr Gesicht. Tja, und das ist das Problem. Sie ist eine Frau. Alleine vor der Kamera, gelegentlich auch einmal ein Mann als Gast. Prominenz aus England etwa – ein Kochjournalist, der jetzt dem afghanischen Publikum zeigen darf, wie er Pesto macht… Statt Fanpost erhält die Moderatorin Morddrohungen. Nicht nur von den Taliban. Die eigene Familie ist auch gegen ihren Job. Frauen haben schließlich nur einen Beruf: Dem Mann viele Söhne zu schenken und natürlich das Essen zu bereiten. Aber doch nicht im Fernsehen!!!
Mir jedenfalls hat der kurze Ausschnitt den ich zu sehen bekam sehr gefallen. Drum hier ein wenig freestyle Afghan food. Vegetarisch für Fortgeschrittene:

Dal aus roten Linsen und Kichererbsen
In einem Topf einen Eßlöffel Butterschmalz zerlassen, darin eine fein gewürfelte rote Zwiebel glasig dünsten, eine Tasse rote Linsen zugeben und umrühren. Jetzt eine gewürfelte Fleischtomate und eine fein gewiegte Zehe Knoblauch kurz mit erhitzen und dann den Inhalt einer kleinen Dose Kichererbsen (Brühe inklusive) hinein geben und mit einer Tasse heißer Gemüsebrühe aufgießen. Mit etwas Muskat, Cumin, Salz und rotem Pfeffer abschmecken. Auf möglichst kleiner Flamme köcheln lassen. Das Dal ist fertig, wenn die Linsen fast verkocht sind. Mit Glattpetersilie garnieren und heiß servieren.

Pilaw. Reis mit Aprikosen, Mandeln und Paprika
Eine große Paprika im sehr heißen Ofen (Grill ist auch ganz hervorragend) auf einem Rost backen, bis die Haut Blasen wirft und zu verkohlen beginnt. Etwas warten und dann die Paprika häuten, entkernen und in feine Streifen schneiden. In einem Topf einen Eßlöffel Butterschmalz zerlassen und eine Tasse Basmati-Reis darin kurz erhitzen. Die Kerne aus vier Kardamonkapseln, etwas Fenchelkörner und schwarzen Sesam dazu geben (nicht scharf anbraten!!!) und mit zwei Tassen kochender Gemüsebrühe übergießen, einen Teelöffel türkischen Safran zugeben. Salzen, in einem Teebeutel drei Nelken und ein Stück Zimtrinde mitgeben, umrühren, den Deckel darauf setzen und bei niedriger Hitze ziehen lassen. Nach etwas über fünf Minuten die Paprika, fünf klein geschnittene Aprikosen und ein großzügig bemessener Eßlöffel blanchierte Mandeln zugeben, umrühren, den Teebeutel wieder heraus nehmen und den Topf zugedeckt von der Flamme nehmen und noch einige Minuten quellen lassen. Zwecks Dekoration und dem ja doch erwünschten „Hui“ kann das „quellenlassen“ in einer bedeckten Schüssel statthaben, welchselbige dann gestürzt wird und das Pilaw nun geformt auf einer Platte ruht. Mit etwas Sesam bestreuen und mit sehr fein gewiegter frischer Paprika und Glattpetersilie dekorieren.

Aubergine in Joghurt
Ein Glas Joghurt mit einem Teelöffel Dijonsenf, etwas fein geschnittenem frischen Coriander, etwas geriebener Ingwer und ein wenig abgeriebener Limettenschale verrühren. Eine mittelgroße Aubergine in ½ cm dicke Streifen schneiden, mit Salz bestreuen und mit dem Saft zweier Limetten beträufeln. Nach einer halben Stunde die Streifen zwischen Küchenpapier auspressen und in Würfel schneiden. In einem Topf etwas Olivenöl leicht erhitzen, darin eine geviertelte kleine Zwiebel und eine sehr fein gewiegte grüne Chilischote mit den Auberginenwürfel anbraten. Etwas salzen und gelegentlich umrühren. Nach einigen Minuten die Flamme herunter drehen und das vorbereitete Joghurt unter Rühren eingießen und eine viertel Stunde ziehen lassen. Das Joghurt darf nicht kochen! Mit Corianderblättern und Limettenscheibchen dekorieren.

Curry
Zwei große Zwiebeln quer halbieren und die Hälften jeweils längs vierteln. Einen nicht zu großen Kopf Blumenkohl in Röschen teilen. Vier mittelgroße Kartoffeln schälen und längs vierteln. Zwei große Möhren in grobe Würfel schneiden. In einem Mörser 1Tl. Coriandersamen, 1 Tl. rote Pfefferkörner, ½ Tl. Bockshornkleesamen, etwas schwarzer Sesam und Anis zerstoßen. In einen Teebeutel Curryblätter (geht auch Lorbeer), indische Zimtrinde, etwa 5 Nelken und etwa drei Kapseln Kardamon geben. Zwei Schoten Chalapenochili und zwei große rote Peperoni sehr fein wiegen. In einer hohen Pfanne 2 Eßlöffel Pflanzenöl stark erhitzen. Zuerst die Kartoffel schnell etwas anbräunen, nun die Möhren und die Zwiebel zugeben. Jetzt die zerstoßenen Gewürze, die Chili und Peperonischoten, sowie je einen Kaffeelöffel Kurkuma und mittelscharfes Paprika beifügen und dann den Blumenkohl unter Rühren hinein geben. Nun die Hitze reduzieren und das Gemüse mit einem Eßlöffel Mehl bestäuben, mehrfach wenden und mit ¼ l Gemüsebrühe ablöschen. Den Teebeutel dazu geben, salzen und das Curry unter gelegentlichem Rühren köcheln lassen, evtl. etwas Wasser nachgießen. Mit vier kleinen roten Chilischoten und Zwiebelringen dekorieren.

Joghurt mit Kresse und Paprika
Eine halbe grüne Paprika in hauchdünne Scheiben schneiden, diese etwas gröber quer schneiden. Eine halbe Packung Kresse fein wiegen. Zwei Radieschen sehr fein würfeln. Alles in ein Glas Joghurt einrühren, salzen und einige Zeit im Kühlschrank stehen lassen.

Pflaumen-Chutney
250g rote Pflaumen in dünne Streifen schneiden. Ein kleines Stück Ingwer schälen und in sehr dünne Streifen schneiden. Mit einer Zehe Knoblauch genauso verfahren. In einem kleinen Topf Butter schmelzen, den Knoblauch und Ingwer etwas anbräunen, die Pflaumen und einen Eßlöffel Zucker zugeben, die Flamme hochdrehen und heftig umrühren. Langsam etwa ¼ l heißes Wasser zugeben und die Hitze reduzieren. Wenn das Ganze nur noch leicht kocht einen Eßlöffel Rotweinessig und einen reichlichen Schuß Rotwein (Dem Taliban geht jetzt der Hut hoch!) dazu geben, etwas salzen und leicht pfeffern und alles einkochen lassen.

Zu diesem Menü noch unbedingt indisches Fladenbrot reichen und Oliven und Peperoni und Schafskäse und wer dann noch sagt: „Es hat mich nicht satt gemacht“, der soll den Regenbogen fressen!

Viel Glück beim Nachkochen. Pilaw, Dal und Curry gab es alles schon im Kult. Den ganz notorisch fleischlichen sei verraten: Ein Tandoori Hühnchen ist schnell gemacht. Und paßt. Oder doch lieber ein wenig Lamm ins Pilaw – ist auch särrr lecker. Ähem…
Auf Wiedersehn. (Vielleicht ja doch mal im Fernsehn mit dem kleinen KultKochStudio)

Rainer Bakonyi

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Die Seite für moderne Kultur

Heute gehen wir ins Konzert

Das Konzert als solches ist eine bemerkenswerte Veranstaltung. Viele Leute sitzen in einem mehr oder weniger großen Saal, seit einigen Jahren stehen diese – vor allem die jüngeren Leute – auch herum, und haben Freizeit, die sie mit dem Konsum von Geräuschen zu füllen gedenken. Diese Geräusche hinwiederum werden von anderen Leuten fabriziert, welche dabei zumeist arbeiten und zu diesem Zweck auf einem ausreichend großen Raum, der Bühne – idealerweise frontal zum Publikum ausgerichtet, mit allerlei Gerätschaften hantieren. Das Schallwellenausstoßen ist dann Kunst, das ist weder Arbeit noch Freizeit, aber doch auch irgendwie beides. Auf jeden Fall sollte alles so eingerichtet sein, daß das Auditorium hören kann, dabei ausreichend Platz hat und nicht über die Maßen durch harte Sitze oder Witterungseinflüsse gequält und so an der Hörtätigkeit gehindert wird. Die Künstlerinnen und Künstler dagegen dürfen gerne durch Scheinwerfer geblendet und in irgendwelche albernen Kostüme gesteckt werden, so sie nur ausreichend Raum für das Instrumentieren haben. Dieser Platz wiederum hängt von der Beschaffenheit des Klangerzeugers ab, der zum Einsatz kommen soll: Posaunen, gestrichene Kontrabässe und die beim Jazz und der Beatmusik stets vorausgesetzten Schlagzeuge brauchen mehr Fläche als so ein Hemd von Tenor der halt bloß nicht erkältet sein darf.

Ja, so ist das idealiter. Aber die Wirklichkeit! Beginnen wir mit der offiziellen Hochkultur. Das Stadttheater, ach ja äh, Mainfranken Theater, ist ein Ort, an dem man beim Lauschen der dort regelmäßig gegebenen Symphoniekonzerte sitzen und zudem ganz ruhig sein muß. Der Bau ist modern, die Sitze bequem, lästig bloß die Diskussionen unter den im Sonntagsstaat angerückten kunstbeflissenen Franken, ob das gute Eintrittsgeld nicht doch für eine Mundartkomödie hätte ausgegeben werden sollen. Der Beifall beim Einströmen des Ensembles und endlich auch des höchstselbst den Taktstock schwingenden Generalmusikdirektors beendet all solche Debatten. Jetzt wird aber nicht gekleckert, sondern mit Mahlers Auferstehungssymphonie richtig geklotzt: Große Besetzung, Chor, zweites Orchester vor der Türe, Gesangssolistinnen. Also etwa zweimal so viele Leute (die übrigens wirklich arbeiten und also auch Geld bekommen), wie die Bühne vernünftigerweise fassen könnte. Jetzt hebt ein Gerutsche und Füßetreten und Violinenbogengesteche an, das so schön mit der Feierlichkeit der Mahlerschen Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des irdischen Daseins und eben der Wiederauferstehung des Menschen kontrastiert, daß es eine wahre Freude ist. Nach knapp eineinhalb Stunden Sitzen, ohne Pause und mit einem zunehmend schmerzenden Knie und somit dem Verfall der Leiblichkeit schon dringlich gewahr, lausche ich andächtig dem Chor beim Schlußsatz:

Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst du,
mein Herz, in einem Nu!
Was du geschlagen,
zu Gott wirst du es tragen.

Mich trug mein Herz – am Arme meiner Liebsten – in den nächstgelegenen Biergarten… Aber sehr schön ist es gewesen, das Konzert mein ich; im Biergarten schon auch, aber das Konzert war halt so richtig schön.

Nächstens wollte ich zur Session der Studenten der Jazz Abteilung der Hochschule für Musik. Dies Ereignis findet jeden Montag in einem hiesigen Veranstaltungsort mit einiger Tradition, dem OMNIBUS statt. Wie immer etwa eine halbe Stunde nach dem offiziellen Termin – 21h – und somit etwa ½ Stunde vor den Musikern (so ist das dort Brauch) steuere ich zunächst zum Tresen. Nichts da! Eine unüberschaubare Menge Leute mit Blasinstrumenten aller Art drängen sich derart auf dem kleinen Bühnchen, daß sich ein Vorbeischleichen zum Bierausschank schwierig gestaltet. Im Kellergewölbe ist dann genug Platz für das Publikum, ausgiebig mit Gläsern herumzufuchteln und den Künstlern und der einen Künstlerin beim Tuten und Tröten zuzuhören und dabei zudem die Ausweichbewegungen der armen Saxophonisten, welchselbige direktemang vor den Posaunen zu sitzen gekommen waren, zu kommentieren. Die Big Band der Musikhochschule! Schon auch sehr schön. Also: Wirklich richtig gut! Aber ob die Studiosi auch gutes Geld bekommen – Eintritt wollten sie dieses Mal haben – weiß ich jetzt nicht, immerhin ist Studium ja nur Einüben von Arbeit…

Daß ich dann im IMMERHIN (Diese location muß ich hier ja nicht erst vorstellen) beim Konzert von Kids Explode wieder mal gestapelte Musiker auf zu kleiner Bühne vor einem Publikum mit ausreichend Platz für raumgreifende Tanzschritte (die niemand wagte) zu sehen bekam, kam nun nicht unerwartet. Das Konzert war ganz ausgezeichnet und ich trank noch am Tresen mit einem der Herren musici, der war auch sehr nett. Die Frage nach Kunst und Freizeit und Arbeit und dem Geld habe ich höflicherweise nicht gestellt. Es gab da noch eine zweite band, der Eintritt war niedrig und viel Leute waren nicht dorten gewesen; sonst hätten sie ja nicht getanzt weil sie nicht hätten können und nicht, weil sie nie nicht gewollt hatten.
Tja, aber jetzt endlich zur Küche: Alles durcheinander, aber doch etwas gemein: wenig Platz nämlich. Hm. Das muß ein Eintopf sein. Für einen Eintopf, an dem die entlegensten Dinge zusammen kommen, der auch noch, nun ja: günstig ist, und der zudem nur so ungefähren Regeln gehorcht, suche ich im Fundus meiner Rezepte aus der alten Heimat, von wo ich einst den Schritt in die Mainfrankenmetropole getan hatte: Schwaben. Ja, ein eigenartig Völklein mit noch eigenwilligerer lokaler Küche. Voila!

Der Gaisburger Marsch.
In einem Topf etwa ein Pfund Fleisch mit zwei klein geschnittenen Zwiebeln kurz anbraten, dann mit Weißwein ablöschen mit etwa 2 l Brühe aufgießen und kochen. Nach etwa einer Stunde eine ganze Zwiebel, zwei grob gewürfelte Karotten, etwas Sellerie, reichlich Petersilie dazu geben. Etwa vier mittelgroße Kartoffeln schälen und in Schnitze schneiden und fast gar kochen. Aus drei Eiern, drei gehäuften Eßlöffeln Mehl, einem Kaffeelöffel Salz und einem Schuß Milch einen Spätzleteig rühren. Die Spätzle mit Hilfe eines „Spätzlehobels“ in kochendes Salzwasser tropfen lassen, aus dem Schaum heben und dann gemeinsam mit den Kartoffeln in die Fleischbrühe geben, darin noch ein Weilchen ziehen lassen, dann servieren.
Varianten mit diversem Gemüse sind zahllos denkbar und auch verbreitet.
Meine Damen und Herren, dieses Gericht existiert tatsächlich und wurde nicht von mir grad zur Gaudi erfunden. Bei unseren südwestlichen Nachbarn fällt es unter die Kategorie „faschd a g’scheids Ässa“.
Gell?

Mahlzeit wünscht
Rainer

Das nächste mal dann wirklich vegetarisch und mit verschiedenem Zeuchs in verschiedenen Töpfen und Pfannen. Ich versprechs!

Iran, die Bombe und die linken Dr. Strangeloves

Pünktlich zum Frühling wird in der islamischen Republik Iran eine quasi rituelle Säuberungskampagne inszeniert: Frauen, die es wagen, das verordnete Verhüllungsdiktat nicht peinlichst einzuhalten, werden angehalten, im glücklicheren Falle lediglich auf das Beleidigendteste „ermahnt“, sehr oft jedoch festgenommen und in Polizeistationen verschleppt, wo sexuelle Übergriffe zu den regulären Befragungsmethoden gehören.

Irans Griff nach der Weltmacht
Irans Griff nach der Weltmacht

So soll der vom „zionistischen Feind“ unterminierten Moral wieder zur Gültigkeit verholfen werden. Gleichzeitig hat das Regime die Straffreiheit bei dabei zuweilen vorkommenden Tötungen sichergestellt. Wer, auch ohne Amtsträger zu sein, Personen wegen unislamischen Handelns tötet, wird von der Strafe freigestellt. Diese gewaltsame Formierung im Inneren korrespondiert mit einer aggressiven Außenpolitik, welche mittels Handlangern wie den Klerikerkarikaturen al-Sadr junior und Nasrallah oder dem Diktatorendarsteller Baschar Assad die Region systematisch in einen Krieg nach dem Modell eines „low intensity conflict“ zieht und gleichzeitig eine bislang straflos gebliebene Serie von Provokationen gegen die führenden Staaten „des Westens“ lanciert. Weder die Tugenddiktatur des Klerus mit ihrem mörderischen Feldzug gegen Frauen, Homosexuelle, aufmüpfige Jugendliche und selbstverständlich auch Anders- bzw. Nichtgläubigen, noch die Militarisierung der Politik unter den Prärogativen eines islamisch aufgeladenen persischen Imperialanspruchs scheinen hierzulande den sonst überall Faschismus witternden linken Geschaftlhubern eine Bemühung des antifaschistischen Bekenntnisapparats wert. Wieso auch? Nazis sind und bleiben George W. Bush und die Israelis. Das Pfaffenregime in Teheran dagegen kann das Privileg des gerechten, weil „antikolonialen“ Kriegs für sich in Anspruch nehmen und seine Handpuppen gehen glatt als Führer von Befreiungsbewegungen gegen USA und Israel durch. Soweit von außen erkennbar ist die Theoriebildung in sämtlichen linken Fraktionen dabei lediglich in der Wahl der Termini verschieden, wobei die Schärfe der Urteilskraft mit der Weisheit deutscher Bischöfe konkurrieren muß, welche in Ramallah das wieder errichtete Warschauer Ghetto erkannten.
Wessen Ziel allerdings noch immer in der zu besorgenden Beseitigung aller Verhältnisse in denen der Mensch ein verächtliches und geknechtetes Wesen sei liegt, muß sich dringlich der Frage nach dem Wesen der „islamischen Republik“ stellen. Zeigt sich doch hier die Befähigung verbissener Feinde der Emanzipation des Menschen als Gattungswesen und Anhänger einer nach Geschlecht, Rasse und Religion hierarchisierten Gesellschaft (vulgo Barbarei) in das Gewand der Freiheit und des menschlichen Fortschritts zu schlüpfen. Gerade die Unterstützung der Ayatollahs durch die Internationale der Globalisierungsskeptiker und Multitudenvisionäre läßt die Wahrscheinlichkeit der Fortdauer – und damit Sieg – des Regimes auf ein immerhin zu beachtendes Maß wachsen. Was also, so lautet die hier zu stellende Frage, macht einen nach innen wie außen terroristisch agierenden Staat für westliche Linke so ungemein attraktiv? Diese Frage beinhaltet genau besehen zwei Fragen, und zwar nach den theoretischen Grundlagen dieser Linken auf der einen Seite, sowie nach der Beschaffenheit des iranischen Staates auf der anderen.
Die erste Antwort sei in gebotener Kürze erteilt: Denkverweigerung.(1)
Die Suche nach der zweiten Antwort erfordert deutlich mehr Kopfzerbrechen.
Die meisten Einschätzungen des Irans sehen in dem Regime lediglich ein weiteres Beispiel nahöstlicher Despotie, eine monolithische Diktatur, welche zynisch ihre Bevölkerung unterdrückt und lediglich am eigenen Machterhalt interessiert sei, jedoch deshalb auch mit geeigneten Lockangeboten zu einer gewissen Zusammenarbeit mit den führenden Industriestaaten zu bringen sei. Solcherlei kurzsichtige Erkenntnis liegt etwa der Forderung der Mehrheit des US Kongresses nach einer Verhandlungslösung mit Teheran zu Grunde. Ein anderer Ansatz bedient sich der Analogie mit dem historischen Faschismus bzw. dem Nationalsozialismus. Mit guten Gründen wird auf den aggressiven Antisemitismus, der nicht nur Achmadinedschads Reden durchzieht, sondern eine Grundlage der Staatsdoktrin darstellt, verwiesen. Auch die mit dem quasi-messianischen schiitischen Glauben an die Wiederkehr des „verborgenen Imams“ verbundene apokalyptische Weltsicht, die der Ministerpräsident nicht müde wird mittels Briefe an die politischen Führungen des Westens zu predigen, wird hier berücksichtigt. Dabei wird allerdings von einem zentralen Merkmal faschistischer Herrschaft abgesehen, nämlich der Basierung auf einer Massenbewegung, wie auch von der im Nationalsozialismus erreichten, absoluten Homogenisierung nicht lediglich der „Massen“ sondern restlos aller Angehörigen des Volkes. Weder ist der Iran eine Diktatur mit einheitlicher Führung – schon der verfassungsmäßige Widerspruch zwischen gewähltem Parlament und Regierung mit dem „Wächterrat“ spricht dem Hohn – , noch gibt es eine Massenorganisation, die wie im NS Deutschland mit dem staatlich bürokratischen Apparat in mörderischer Konkurrenz steht. Grundsätzlich opponierende Positionen sowohl zu zentralen Zielen in der Außenpolitik („Atomstreit“), als auch zum Umgang mit „unislamischen“ Tendenzen in der Bevölkerung werden innerhalb des Apparats und in den Medien vertreten und trotz rigider Repression existiert eine immer wieder aufflammende Opposition, die sich in wilden Streiks, Demonstrationen und recht handfesten Manifestationen bemerkbar macht. Zudem hat die durchgängige Kontrolle der öffentlichen Räume durch Anhänger des Regimes bei gleichzeitiger weitgehender Ignorierung der im Privaten sich abspielenden „unzüchtigen“ Tätigkeiten seiner Bürger (weniger seiner Bürgerinnen, wie die häufigen Steinigungen angeblicher Prostituierter zeigen) zu einer nahezu vermittlungslosen Auftrennung der Sphären des Privaten und des Politischen geführt. (2) Dennoch scheint das Regime gefestigt und der Griff nach der atomaren Waffe ohne allzu große Widerstände möglich. Mit der Geiselnahme der britischen Marineangehörigen und ihrer inszenierten Freilassung hat die Regierung einen gewaltigen politischen Erfolg zu verbuchen, der sich etwa auch in der Aufnahme direkter Kontakte zu den USA niederschlägt. Die regimeinternen Skeptiker, die sich über etwaige militärische Konsequenzen sorgten, wurden beruhigt, die bewegungsförmige Anhängerschaft wurde mit einem weiteren Sieg belohnt und das Bild des Iran als erfolgreichem Führer im internationalen Dschihad aufpoliert. Die militärischen Interventionen im Irak und im Libanon, die Gewinnung der Hamas als zusätzlichem Klienten und die zunehmend in ein Abhängigkeitsverhältnis sich wandelnde Allianz mit Syrien haben sich dank europäischer Gleichgültigkeit strategisch ausgezahlt und könnten dem Regime die Zeitspanne bis zur Erlangung der Bombe – und das bedeutet die Erreichung einer nahezu absoluten Abschreckungsfähigkeit – absichern. Angesichts der ernstzunehmenden Drohung, Israel von der Karte zu wischen und den nicht lediglich taktischen Bündnissen mit Hisbollah und Hamas, sowie Venezuelas Chavez und der Internationale der Holocaustleugner müßte es selbst den europäischen Linken spätestens jetzt gruseln.
Der historische Faschismus war der Kampf gegen die Moderne auf dem Boden und mit den Mitteln der Moderne; der Nationalsozialismus war die deutsche Revolte gegen das Kapital auf dem Boden des Kapitalverhältnisses. Der Antisemitismus, wiewohl nicht notwendiger Bestandteil des Faschismus, war Zentrum und Motor des nationalsozialistischen Amoklaufs. Der industriell längst im Atomzeitalter angekommene Iran wendet sich mit aller zur Verfügung stehender Kraft gegen die Moderne, der Antisemitismus ist in seinem Kostüm als Antizionismus ein Hauptbestandteil der offiziellen Ideologie. Es ist wohl zutreffend, dies als Rebellion der Postmoderne zu fassen. Israel als Jude unter den Staaten gerät in der antisemitischen Imagination an die Stelle des Juden; der Kampf gegen den als Weltenlenker phantasierten jüdischen Staat soll eben das bewirken, wozu dem modernen Antisemiten der Kampf gegen das Judentum dienen sollte: Die Wiedererlangung eines eingebildeten Zustandes vor der Verwandlung aller Dinge in Wertform. (Wobei sich genau hier die Herren Chavez, Achmadinedschad, Lafontaine und Mahler gemein machen.) Postmodern ist hier nicht lediglich die Objektwahl des Staates Israel bei gleichzeitiger Beseitigung staatlicher Strukturen im internationalen Dschihad, wie auch im, ja doch staatlich organisierten, Iran, sondern auch die – zumindest ohne Erlangung der Atomwaffe, welche alle apokalyptischen Wunschträume zur gräßlichen Realität geraten ließe – Verschiebung des direkten Kampfes auf unbestimmte spätere Zeiten ohne dabei die Bewegung der wahrhaft Gläubigen zu Zweifeln herauszufordern. Diese Form der institutionalisierten Krise bietet als ewiger Kampfzustand die Möglichkeit zur notwendigen ständig gesteigerten Radikalität und Aggressivität der Bewegung, ohne gleich den Weltenbrand entfachen zu müssen. Die dem Antisemiten eigene, irre Selbstsicht als hoffnungslos unterlegenes Opfer geheimer jüdischer Machenschaften, ist gewendet (und damit auch rationalisiert) zum Selbstbild des heroisch agierenden Kämpfers gegen koloniale Ausbeutung und imperiale Unterdrückung. Die wahren Anhänger Mohameds, also die seit Jahrhunderten geknechtete Partei Alis (die Schia), haben sich im Kampf gegen den großen und den kleinen Satan aus der Unterwürfigkeit befreit und treten aufrecht gegen die Übermacht der Feinde: Amerika, Israel sowie die arabischen Staaten, an. Die in der Realität bestehenden Grenzen einer so gearteten wahnhaften Politik stellen die Interventionen der (ja doch immerhin in der Wirklichkeit vorhandenen) benachbarten Staaten dar. Angesichts der für sie immer bedrohlicher werdenden Krise sind diese momentan sogar bereit, einen Hauptpfeiler ihrer Staatsdoktrinen, nämlich den ungebrochenen Haß auf Israel, zu opfern, um im Bündnis mit den USA gegen den Iran anzutreten. Das Mittel, mit dem die iranische Führung dem vorzugreifen gewillt ist, ist bekannt: Die iranische Bombe, abgeworfen auf Israel.
Rainer Bakonyi(3)

(1) Unter der Vorstellung einer Welt, die von persönlich konkreten Mächten beherrscht sei und in der es widerständige Residuen – die folkloristisch uniformierten „unterdrückten Völker“ – gebe, welche im Ringen um ihre vom Westen bedrohte Identität seien, ist jegliche Ahnung des realen Horrors einer zwangsweisen Vergesellschaftung unter einem prozessierenden Verhältnis: das Kapital, dahingeschwunden und angesichts der allgemeinen Akzeptanz der Relativität aller Dinge, also der Leugnung des Begriffs von Wahrheit, wird Denken, das gegen die irregegangene Realität aufgebracht werden muß, selbst verunmöglicht. Da hilft dann auch die Lektüre des „Kapitals“ nicht mehr weiter.
(2) Dies heißt auch: Es gibt noch ein vom staatlichen Zugriff freigehaltenes Privates, in das sich Opposition, ohne aufständisch zu werden, zurückziehen kann.
(3) Es sei hier knapp auf die theoretischen Grundlagen verwiesen: Das Marx’sche Werk der Kritik der politischen Ökonomie, die kulturtheoretischen Schriften Freuds und die im Gefolge der kritischen Theorie stattfindende Auseinandersetzung mit dem stattgehabten Rückfall in die Barbarei.

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Heute: „zirrrrrp“

Hi Folks, Gutentagverehrtedamenunherrn, Grüß Gott und auch ein Küssdiehandgnädigefrau.
Willkommen bei Rainers hochpolitischer Jazz und Kochkolumne.

Zunächst seien dem geneigten Publikum die verworrenen Wege aufgezeigt, welche der Autor zu gehen gezwungen ward, bis nun endlich wieder ein gedrucktes Wort von ihm zu lesen ist.
Also: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst…
Ach so! Nicht ganz so ausschweifend. Jaja. Also: Am Anfang… Ja, am Anfang saß ich wieder einmal im Kult. Vor mir ein dampfender Teller und ein gülden Glas redlich verdienten Feierabendbieres. Neben mir die Plätze frei und leergefegt von der Macht eines „reseviertab19Uhr“ Schildchens. Ich meditierte über die Ereignisse der letzten Tage, über entführte Soldaten und deutsche Kleriker im „heiligen Land“. „Da muß was Schlaues geschrieben werden! Und zwar – jawohl! – von MIR“. Es war deutlich nach Sieben, der Teller mittlerweile geleert. Mit einem frisch eingeschenkten Bier in der Hand richtet sich mein Blick in stetig schneller werdendem Takt auf die Uhr. Und plötzlich macht es „Plumps“. Das edle Antlitz des künftigen Herrn Oberredaktors erscheint mit einem Mal direkt neben mir und ich höre die bedeutenden Worte: „Da muß unbedingt etwas geschrieben werden!“ Es plumpste gleich noch mehrmals und die versammelten Herren wie auch eine Dame der Redaktion befanden sich im sofortigen wilden Dispute. So viele wichtige Dinge wollten alsbald geklärt sein. Name und musikalischer, wie auch POLITISCHER Standpunkt mußten sich in Kürze einstellen. „Klar, Hip-Hop. Könnenwirschonmachen“. „SchlechteLauneCore, so mit Ultragewalttexten, ja so“. „Antifainfomag“. „???“. „Halt als Name…“. „Aber DU kannst doch nicht ALLES mit POLITIK vollschmieren!!!“.
So ging das drei Stunden lang. Ja und über Jazz muß ich was schreiben, weil: „da kennt sich doch keiner aus“ – ich auch nicht, aber: „das macht doch nichts!“ Und: „Du machst das jetzt mit der Kochkolumne, schließlich riechst Du immer noch nach Fritten und du hast das schon mal gemacht!!!“ So war das.
Derweil wedelte der Jörg hohnlachend mit einem imaginierten Artikel, der gewiß den Vatikan zur erstmaligen Aussendung der Schweizer Garde zwecks Ergreifung eines Erzgegners auf gut Würzburg’schem Boden zwingen würde. Also gut; das Risiko, selber auf dem Scheiterhaufen zu landen, ist mir eh’ zu groß – da lasse ich doch lieber Irgend etwas eindrucksvoll im Ofen oder in der Pfanne in Rauch aufgehen.
„Lokalpolitik!!!“ Der Ruf erschallt mehrmals. Ja, Lokalpolitik, „kann man das denn essen???“ So frag ich vor mich hin. „Das isses! ZIRRRRP!! Ja! Heuschrecken!!! Aus der Pfanne!“
Sie verstehen nicht ganz? Das ging mir auch so. Aber es stellte sich als völlig logisch und in sich schlüssig heraus:
Der Herr Elsässer war für eine Veranstaltung über die Macht der Heuschrecken angekündigt; sie wissen schon: Jene Münteferingsche Plage von vor der letzten Wahl. Daß Heuschrecken in zu großen Mengen gefährlich seien, wußten wir schon aus der Bibel – aber das einfache und simple, global einzusetzende, doch lokal wirkende Gegenmittel finden Sie hier:
„In Honig karamelisierte Heuschrecken auf roter Chili Sauce“
(nach einem altorientalischen Rezept)
Man fahre nach Frankfurt am Maine und fange im Börsengebäude etwa 1 ½ Pfund der dort häufigen Acridida Amerikaniensis, und verwahre sie in einem mit ausreichend Atemlöcher versehenen Karton. Chilischoten, Honig, frischen Koriander, Tomaten, Zwiebel besorgt ihr ganz einfach im Tauschladen eurer Wahl.

Sie fühlen sich veralbert? Verzeihung. Nun gut; der Versuch, aus einer schieren Idiotie wenigstens noch einen Scherz herauszuzaubern, darf als gescheitert gelten. Selbst erwählter Dummheit ist mit Satire einfach nicht beizukommen.

Zum Beweiß der Aufrichtigkeit meiner Reue verrate ich hier, wie jenes griechische Rindsragout zubereitet wurde, welches von den Kult Gästen – so sie nicht der veganen Fraktion dieser Redaktion angehören – an diesem denkwürdigen Abend als „wirklich lecker“ gepriesen wurde. (Danke nochmals)

Stifàdo
800g Rindfleisch waschen, trocken tupfen und von Sehnen befreien. In nicht zu kleine Würfel schneiden.
Eine Gemüsezwiebel in kleine Würfel schneiden, zwei Zehen Knoblauch pressen.
In einem Topf das Fleisch mit Olivenöl erhitzen. Die Zwiebel und den Knoblauch mit ¼ l herbem Rotwein ablöschen, eine Dose Pizzatomaten zugeben und mit Wasser aufgießen, bis das Fleisch bedeckt ist. Salzen, pfeffern, mit etwas Cumin und Lorbeerblatt, sowie einer Stange Zimt würzen und etwa zwei Stunden bei leichter Hitze weich kochen.
800g kleine weiße Zwiebeln schälen und in einem Topf mit einer Tasse heißem Wasser und etwas Essig begießen, salzen und zugedeckt einige Minuten kochen lassen, den Sud abgießen und die Zwiebeln ¼ h vor dem Servieren zum Fleisch geben. Direkt vor dem Servieren noch ½ Bund gehackte Glattpetersilie zufügen und mit wenig Balsamicoessig abschmecken.
Dazu Reis reichen; als Vorspeise empfiehlt sich Fladenbrot, Salat aus weißen Riesenbohnen, Tsatsiki, sowie ein Kartoffel-Knoblauch-Püree. (Kartoffelbrei mit reichlich Zitronensaft, etwas frischem Koriander und gepreßtem Knoblauch). Eventuell noch gemischter Salat mit Feta.
Ohne Vorspeisen reichlich für vier Personen; mit Vorspeisen entweder weniger Fleisch, oder mehr hungrige Mäuler.
PS: Geht auch mit Fakefleisch – aber das Sojazeug vorher einige Stunden leicht sauer mit Zwiebel und Knoblauch einlegen.

Bis zum nächsten Mal!

Rainer Bakonyi