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argh.

Welch entspannender Tag im Hugendubel in der Innenstadt:

Gefolgt von dem hier:

Dafür aber das hier gesehen und mich doch noch ein wenig gefreut:

Ach und wer Zeit hat (nicht so wie der Leiter des Kulturressorts des Letzten Hypes) aber kein Geld wie der Prakti, meldet sich halt da:

Arghhh. Schrecklich.

Ein weiteres Mal: „It´s time to say goodbye.“

oder: wie verängstigte Einhörner vom Mond aus niederstarren und die Welt sich in der Neigung von 23,5° ringsum dreht.

„Wir meinen zunächst, daß die Welt verändert werden muß. Wir wollen die größtmögliche emanzipatorische Veränderung der Gesellschaft und des Lebens, in die wir eingeschlossen sind. Wir wissen, daß es möglich ist, diese Veränderung mit geeigneten Aktionen durchzusetzen.“ – Guy Debord, Rapport zur Konstruktion von Situationen

Wer mich kennt, weiß – dass die oben genannten Worte schon einmal im World Wide Web Einzug erhielten. Für den Rest: Es spielt eigentlich keine weitere Bedeutung. Sie wurden damals eingemeißelt, weil sie nimmer mehr vergessen werden durften. Eingehämmert, damit jeder sich erinnern wird und ich aus heutiger Sicht sagen kann, dass es nicht schlecht tat, die Brüche zu begehen, die eben – so bitter wie sie sein mochten – unumgänglich waren. Havarien werden einer Notwendigkeit der Unkenntnis über das Unheil vorausgeschickt. Es scheint kein großer Verlust zu sein, dass ich hinfort bin. Es war eben auch kein immenser Gewinn für eine schreckliche „Szene“. Ich bin draußen. Weg. Auf nimmer wiedersehen könnte man sagen oder es auch lassen. In Anbetracht der aktuellen Lage ist dieses Vorgehen eine Unabwendbarkeit – mehr noch – ein Obligatorium.

Die letzten Trümmer eines Irrglaube an die Restvernunft der Linken, wurde von der Langeweile besiegt. Ihr habt nichts das euch berechtigt den Unsinn zu treiben, den ihr treibt. Alle anderen können mit ihrem Erfolg prahlen – ihr lasst es tatsächlich besser. Ihr versteht eure Rolle nicht, die ihr mit eurem Handeln einnehmen wollt. Die ihr mit eurem Dasein fristet. Ihr habt noch nie die Notwendigkeit einer historische[n] Verantwortung verstanden, die man als freiheitsliebender Mensch verstehen sollte. Endlich die „Notbremse“ zu ziehen, daran gilt es festzuhalten. (0) Die Vorbereitungen zu machen! Ihr versauert dort, wo sich niemand um euch kümmert. Warum sollte es auch jemand? Eure lapidaren Ausschweifungen zu Themen, die altbacken sind, sind nicht die Belange, die unseren grässlichen Alltag bestimmen und uns tagtäglich zu das machen, was wir sind. Ihr quält euch mit deplatzierten Gedanken – statt euch tatsächlich mit dem zu beschäftigen, das etwas verändern wird. Und selbst ihr kauft euch eure Postulate (ja, nichts anderes scheinen sie zu sein) mehr ab. (1) „Szenetalk“ ist es, wie es Kriegstheater als sinnentleertes „Geplänkel“ zu Recht als solches bezeichnet. (2)

Warum ist man nicht in der Bewandtnis das zu tun, das doch so unentbehrlich scheint? Ihr steht morgens auf um euch die Schuhe zu binden, das Frühstück zu verzehren, zu lüften und den Weg zur Straßenbahn zu finden – trotz der Müdigkeit die euch doch so quält. Ihr steht mittags in der Kantine um euer Mittagessen zu verzehren, um den Tag physisch zu überstehen – trotz der psychischen Qual. Ihr liegt nachts im Bett um eure Ruhe zu finden; vor dem Alltag, der noch Schlimmer nicht zu drohen scheint? Und ihr könnt noch schlafen? Trotz der Strapazen um die ihr angeblich bescheid wisst, entscheidet ihr euch täglich für das Selbige? Diesem Trott des Alltags hingegeben, scheint man solch große Übung in den Abläufen zu haben, dass man sie selbst im Schlaf beherrscht. Nicht sonst würde der Spruch eines alten Griechen auch heute noch an Aktualität verlieren, der besagt: „Auch die Schlafenden halten die Ordnung der Welt aufrecht.“

Die Welt in der die Existenz unserer zu finden ist, erkennt ihr als eine schreckliche an, doch das was ihr tut ist alles was es aufzubringen gilt? Dann werde man auch euch den Kampf ansagen müssen. Es gilt nämlich: „All dem muss in offener Feindschaft entgegengetreten werden, um endlich das Leben selbst herauszufordern.“(3) Die Gefahr dabei ist gen Ende gänzlich die, alleine in der Backstube als Lehrling auszuharren. Alleingelassen von der „Ersatzfamilie“ von den Leuten die einen zeitweiligen Lebensabschnitt mit uns teilen und sich wie so oft Freunde schimpfen. Die Dinge so hinzunehmen scheint jedoch auch für euch nicht ganz in Ordnung, dieser letzte Keim muss sprießen, damit es wenigstens Unkraut wird. So arrogant bin ich!

Es nämlich einfach so hinzunehmen wäre fatal und mit dem Bewusstsein, der Dringlichkeit auf Veränderung hin zu einer emanzipatorischen Tagesordnung nicht vereinbar. Warten können wir nicht länger. Warten wollen wir nicht länger. Und während die isländische Vulkanwolke zeigt, wer die Krise ist, schafft man hier keine Zuspitzung. (4) Vielleicht ist noch nicht die Zeit gekommen es begreiflich zu machen, dass unser Anliegen derzeit keine revolutionäre Bewegung sein kann. Immerhin dient noch die Poesie der Toten für eine Nordwestpassage zu den Ansätzen einer möglichen emanzipatorischen Gesellschaft, und solange dies so ist, werden sie viel lebendiger sein als die Lebenden selbst.

In den Nervenzellen meines Gehirns spielen sich im Gleichtakt Illustrationen ab, die keine Photothek aufnehmen könnte, da sie endlos sind. Ohne Anfang, ohne Ende – und ständig wäre ein Einschub, ein Schnappschuss möglich. Doch niemand findet augenblicklich den Auslöser. Das Stativ ist bereits auf drei Beine gestemmt. Das Objektiv scheint jedoch noch in Bauplanung und für das Kameramodell gar nicht gerüstet. Der Fotograf muss erkennen, dass nur er alleine den Auslöser zu aktivieren hat, denn das Objekt der Begierde schreitet immer weiter Richtung Horizont. Und trotzdem scheint es wichtiger als ehemalig, „je unmöglicher der Kommunismus ist, desto verzweifelter gilt es, für ihn einzutreten.(5)

Damit das Blitzlichtgewitter endlich Einzug erhält!

Karl von Irgendwo oder so.

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(0) Der Terminus der Notbremse ist Walter Benjamin entlehnt: „Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ – Walter Benjamin. Angesichts der Züge die nach Auschwitz rollten, mag es tatsächlich eine revolutionäre Tat gewesen sein, diese Notbremse spätestens (!) an Ort und Stelle zu ziehen.
(1) Nebenbei könnt ihr sie ja nicht einmal formulieren und würgt bei genauerem nachfragen kleinlaut ab: „Ja, ich weiß das ja auch nicht so genau. Kann schon sein.“
(2) www.kriegstheater.blogsport.de in dem Beitrag mit der merkwürdigen Überschrift: „Manifest (Entwurf)“
(3) Carlo Raimondo Michelstaedter. In offener Feindschaft mit dem Bestehenden, seinen Verteidigern und seinen falschen Kritikern
(4) Ich möchte natürlich die Annahme – die derzeit eher einer Tatsache entspricht – nicht abstreiten, dass die deutsche Bestie gerade derzeit so schrecklich barbarisch daherkommt und eine Konterrevolution viel wahrscheinlicher als alles andere wäre. Solange diese Befürchtungen bestehen, darf man getrost auf keinen Umsturz hoffen. Mehr noch, man muss gegen ihn Stellung beziehen.
(5) Max Horkheimer. Um mich auch einmal bei den beliebten Zitateonkeln zu bedienen.

Ungewöhnliche Ansichten #3: 2007 محلة الكبرى

[E]verything changed in December 2006. A new phenomenon appeared: militant workers, though lacking political background. Many women stood out among them. In general, they belong to no organization or party. There was a need to start from scratch, to create active committees with the aim of educating the workers, giving lectures and organizing leadership courses.

Artikel im israelisch-arabischen Magazin Challenge über die Arbeiterunruhen im ägyptischen Mahalla im April.

The awakening of labor has surprised not just the regime but also the various leftist movements. The Egyptian Left includes a broad spectrum of national Nasserites and socialist organizations.

Until now, in the absence of a workers‘ movement, the section of the Left that sought to distance itself from Mubarak had no population to work with, so it limited its activity to supporting the Palestinian national movement. In the year 2000 it backed the Intifada, and especially Hamas, which it saw as leading the resistance. Now, however, the workers‘ struggle has made a new approach possible, neither national nor Islamic. It is opening a third, internationalist alternative. Since the start of the awakening, the labor movement has provided the Left with its natural environment, and there is the feeling that leftist forces are again on their feet.

Es ist natürlich immer gut, wenn die Linken von der Zündelei mit der nationalen Sache abgelenkt werden; den Arbeitern von Mahalla und anderswo ist trotzdem zu raten, diese nationale Linke und andere Recuperateure lieber nicht anzufassen (die offizielle ägyptische Linke ist, was ihre Stellung zur allgemeinen Befreiung betrifft, mit der offiziellen deutschen vergleichbar; und in etwa so fossil.)

Wie auch immer, wir hatten ja in der Printausgabe irgendwas kurzes dazu geschrieben.

Via Wartezeit überbrücken und Entdinglichung.

Der Stumpfsinn der universitären Lehre

Einige Anmerkungen zum Studium in Jahre 2008

Wir leben in einer Welt, in der wir zuerst gehen und sprechen lernen.
Später lernen wir dann still zu sitzen und den Mund zu halten.

Manche Momente fühlen sich wie der Eintritt in das Reich der Freiheit an – und sind es leider nur bis zu dem Moment, in dem wir zu realisieren beginnen, dass alles, was uns die bürgerliche Gesellschaft verspricht, eine bloße Lüge, nämlich die Verneinung der menschlichen Vielheit, zu sein scheint. Haben wir wieder einmal eine Hürde erklommen, die uns die Gesellschaft in den Weg gelegt hat und die einzig und alleine aus dem Grund existiert, um die Klassenstruktur zu erhalten und uns in die Verwertungsmaschinerie zu integrieren – das Abitur oder ein universitärer Abschluss zum Beispiel – so kann das befreite Gefühl, die ganze Welt vor sich zu haben und alle Möglichkeiten zu besitzen, nur von kurzer Dauer sein. Denn genauso, wie wir in unserer Schulzeit lediglich zu einem fleißigen Bürgerchen erzogen werden, geht es in der Universität weiter – still zu sitzen, den Mund zu halten und im richtigen Moment universitäre Lehrmeinungen wie vom Tonband abzuspielen, bleibt die beste Devise.
Beginnt man das Studium aus Interesse am Fach und nicht von Vorneherein mit einem festen Berufsziel, so wird man bereits nach den ersten Tagen als StudentIn enttäuscht: studentische Freiheit ist nichts anderes als eine Worthülse, die keinen Inhalt besitzt oder besaß – nicht vor 40 Jahren und schon gar nicht im Jahre 2008. Dies fing bereits bei meiner ersten Vorlesung an, die als Frontalvortrag knapp zwei Stunden dauert und meist Fragen keine einzige Minute einräumt – von kritischen Zwischentönen, die den/die ProfessorIn aus dem akademischen Elfenbeinturm führen könnten, ganz zu schweigen. Genauso wie die Gesellschaft ist auch die Universität eine Maschinerie, in der um Machtpositionen gerungen wird und in der Autorität benutzt wird um kritische Töne möglichst klein zu halten. So mag das Interesse am Fach noch so groß sein: Entweder man legt den Enthusiasmus ab, stellt die eigenen Suchbewegungen größtenteils ein und schleimt sich bei möglichst vielen mächtigen Menschen ein, oder die/der scheinbar Freie entdeckt seine Unfreiheit, die Eindimensionalität des gesellschaftlich anerkannten Zusammenlebens und der akademischen Lehre. Eigentlich kann man sich vom ersten Semester an nur „hoffentlich komme ich hier unbeschadet hindurch!“ denken.
Mit den Bologna-Prozessen und der Einführung von Bachelor/Master-Studiengängen werden Studierende noch viel weniger über die Grundlagen ihrer Wissenschaft und einer möglichen kritischen Auseinandersetzung mit dem Unibetrieb in Berührung kommen. Universitäre Abschlüsse sind nichts anderes als Berufsausbildungen. Die Unterwerfung der akademischen Lehre unter die Gesetze des Marktes ist nur die logische Konsequenz aus einer Wissenschaft, die bei Strafe ihres eigenen Untergangs dem Kapital zur Verfügung stehen muss. Die Tatsache, dass jene Umstrukturierungsmaßnahmen sowohl bei der so genannten organisierten StudentenInnenschaft als auch beim Lehrpersonal auf kaum Widerstand stießen, verdeutlicht, das die Lehre keineswegs frei ist, sondern sich wie alle anderen Elemente der Gesellschaft lediglich um die Sonne des Kapitals dreht. Das Bild einer kritischen Masse von Studierenden, das sich vom Jahre 1968 bis in die Gegenwart erhalten hat, ist reiner Kitsch geworden. Wenn Solidarität unter den Studierenden eingefordert wird, dann klingt dies für mich wie ein schlechter Witz. Ich werde einen Teufel tun, mich mit den deutschen Eliten von morgen zu verbrüdern.
Das Problem der Menschen, die erkannt haben, dass sie in der verkehrten Gesellschaft leben und die richtige Gesellschaft wollen, ist, das sie zuviel zu verlieren haben. Man fühlt sich teilweise pudelwohl als KritikerIn der bürgerlichen Gesellschaft und bewegt sich doch in den spießbürgerlichsten Kreisen. Den vorgezeichneten Weg seiner eigenen Klasse zu verlassen und auf die Meinung seiner Verwandten zu pfeifen – dazu haben nur wenige den Mut, und jenen AussteigeInnen gilt mein vollster Respekt. Für die restlichen Studierenden gilt nur, das positive aus der Studienzeit schätzen zu wissen: Ein bisschen vom unbeschwerten Leben der Jugend in die Erwachsenenzeit zu tragen. Man kann nur hoffen, die Unizeit möglicht unbeschadet zu überstehen, denn Platz für eine kritische Lehrmeinung bietet die Gegenwart kaum. Die Aussage, dass die Universität nichts anderes ist, als eine Ausbildungsstätte für Eliten, kann in Zukunft niemanden mehr verwundern.

Wir leben in einer Welt, in der wir zuerst gehen und sprechen lernen,
Später lernen wir dann still zu sitzen und den Mund zu halten.
Es ist die Reihenfolge, in der man die Dinge lernt,
die uns zu dem machen was wir sind.

Von Yvonne Hegel

Die Antideutschen und die Militanz der kritischen Theorie

Die kommende Revolte, Teil 2

Die Revolution, die bisher nicht gelungen ist, ist mit jeder Niederlage immer nur dringlicher geworden; sie ist heute ein unabweisbares Bedürfnis. Jede Partei, die jemals erklärt hat, die Bedingungen seien nicht reif, hat in der Folge gezeigt, dass sie statt der alten Herrschaft im Höchstfall eine neue zu errichten gedachte; in Wahrheit ist die Zeit immer schon reif, seit das Kapital in der Welt ist.

Kritik und Krise
Das Kapital hat nicht nur alle voraufgegangene Herrschaft beseitigt. Es hat sie beerbt und bewahrt sie in sich auf. Das Kapital kann nicht gebrochen werden, ohne jede Form der Herrschaft zu brechen. Es geht um nichts anderes als das Ende von 12.000 Jahren von Knechtschaft. Es ist hier kein Kompromiss möglich: diejenigen Bewegungen, die etwa das Kapital abzuschaffen gedachten, aber die Familie, diese ältere und finsterste Unterwerfung, stehen lassen wollten, haben nichts erreicht als den Fortbestand der Herrschaft im barbarischen Kostüm der alten Formen.

Die vorgebliche Rücksicht auf die sogenannten Massen und ihr angeblich rückständiges Bewusstsein war immer das ruchloseste und deutlichste Abzeichen derer, die herrschen wollen. Die Liebe dieser Linken zu den „Massen“ war immer die Liebe des Reiters zu seinem Pferd. Dem Bewusstsein der Massen sich andienen wird nur, wer schon plant, sie zu betrügen. Die Populisten, auch die in der Opposition, sind bereits Teil der Herrschaft, wenn nicht sogar ihre Avantgarde.

In Wahrheit muss man davon ausgehen, dass unsere Ideen schon in allen Köpfen sind. Die Massen sind nicht zu einem richtigen Bewusstsein erst hinzuführen, nicht behutsam oder diktatorisch oder durch vernünftiges Zureden; sie sind nicht unreif, nicht unwissend, sie wissen sehr gut. Ihre Trägheit ist nicht Trägheit, sondern bewusste Parteinahme für die Herrschaft. Wenn sie diese Parteinahme aufkündigten, begänne die Krise. Diese Krise durch Kritik zu provozieren, ist die revolutionäre Aufgabe.

In eigenem Namen, auf eigene Rechnung
Die Perspektiven der Revolution abzuschätzen, wird also nur gelingen, wenn man sich bewusst bleibt, dass sie völlig unmöglich ist. Die sie machen müssen, wollen sie nicht. Dieses Bewusstsein, weit davon entfernt, zur Versöhnung mit dem Bestehenden einzuladen, wird im Gegenteil den Bruch mit diesem zur Unumkehrbarkeit vertiefen; es ist nichts anderes als das Bewusstsein davon, welche tiefen Brüche nötig sein werden. Damit und nur damit vertritt es den Platz des abwesenden besseren, der praktischen Negation, die alleine die materielle Gewalt stürzen könnte durch materielle Gewalt.

Das Bewusstsein der Unmöglichkeit der Revolution ist damit im selben das Bewusstsein von ihrer Notwendigkeit. Seine praktische Seite ist die Kritik, und sein Fluchtpunkt und Attraktor der Moment der Befreiung, mit dem es sich erledigt hätte. Auf diesen Moment arbeitet es hin, nicht als auf seinen Beweis, sondern als auf seine Widerlegung; denn eines Beweises bedarf es nicht. Die Tätigkeit der Kritik, der Verneinung, ist ein Geschäft in eigenem Namen und auf eigene Rechnung und nicht im Auftrag der Geschichte, des Proletariats oder irgendeiner anderen Kategorie der Herrschaft; ihre Arbeit ist getan, wenn alle bisherige Geschichte endet, und die Proletarisierten ihre proletarische Existenz abschütteln, um eine andere Geschichte zu beginnen.

Wenigstens strebt die kommunistische Kritik nicht danach, die Massen zu beherrschen; sie geht darauf aus, dass die Massen sich in befreite Einzelne auflösen. Zu ihrem Werk der Konfrontation stehen ihr alle Mittel offen, die sie sich zu erobern oder zu erfinden versteht.

Nichts als ihre Ketten
Die kommunistische Kritik weiss sich im absoluten Gegensatz mit allen geheiligten Grundsätzen des geordneten Gemeinwesens. Sie durchschaut das gesellschaftliche Bewusstsein als das Bewusstsein eines Unwesens, und sie darf es nicht versäumen, gerade seine heiligsten Lügen zu attackieren. Da sie niemandem verpflichtet ist als sich selbst, wird sie auf keine Macht Rücksicht nehmen. Sie weiss, dass sie ein allgemeines geheimes Begehren ausdrückt, ohne sich darüber zu täuschen, dass sie mit diesem nicht in einem sicheren Bunde steht, sondern Gefahr läuft, genauso zertreten zu werden wie dieses geheime Begehren; unter denen zu sein, die es täglich zertreten, fürchtet sie, von ihnen sich zu isolieren, nicht.

Die kommunistische Kritik begreift das Bestehende als den bloss vorläufigen Endpunkt einer Geschichte, in der noch jedesmal die Herrschaft den Sieg davongetragen hat. Sie hat sich jedesmal verändert, in derselben Weise, wie es ihr gelungen ist, die Beherrschten zu verändern, so wie sie überhaupt nur durch die Handlungen der Beherrschten existiert. Die Herrschaft ist keine feste Eigenschaft, die irgendeiner herrschenden Klasse zukommt, sie ist eine Verhaltensweise der beherrschten Klasse, sie ist unmittelbar die Unterwerfung, verstanden als aktive Handlung, selbst. Man kann es sich also erlauben, von der Existenz einer herrschenden Klasse zu abstrahieren; nicht deren Machinationen sind entscheidend, sondern allein die Handlungen der Beherrschten, die in ihrer Unterwerfung heute das entscheidende Problem sind. Solange dies so bleibt, wird man es nicht mit der Klasse zu tun bekommen, die Panzer in Bewegung zu setzen im Stande ist.

Diese Geschichte, die eine Geschichte der Katastrofen ist, und immer grösseren Katastrofen zustrebt, ist von dem gegenwärtigen Verblendungszusammenhang nicht zu trennen, der das Bestehende konstituiert und am Leben erhält. Das Vergangene, weit davon, vergangen zu sein, hält die Lebenden in seinem Bann, weil seine Macht nicht gebrochen ist. Das Bestehende, Erbe aller bisherigen Siege der Herrschaft, wird nicht beendet werden, ohne dass gleichzeitig alle vergangene Gewalt aufgehoben und der verborgenen Geschichte der Zertretenen zu ihrem Recht verholfen wird. Die Revolution ist immer anachronistisch: weil sie das Selbstopfer nicht akzeptiert, kann sie nicht akzeptieren, dass ihre Toten tot sind, und ihre Sache viele Male verloren. Die Befreiung kann niemanden hinter sich lassen, sie muss das Zerschlagene retten und das Zerbrochene zusammenfügen, oder sie wird nicht sein.

Das Vergangene steht zum Bestehenden im selben Verhältnis wie das Unbewusste zum Bewussten. Die Revolution wäre derjenige Akt der durch vieltausenjährige Herrschaft deformierten Menschheit, in dem sie ihre Deformationen abschüttelt; das Verdrängte zur Erinnerung bringt, und damit den Bann, unter den sie sich gestellt hat, löst; eine grosse kollektive Therapie ohne von ihr getrennten Therapeuten, und damit die endlich entdeckte und gerettete Wahrheit der Psychoanalyse.

Denn er weiss, dass er wenig Zeit hat
Der Name der Herrschaft aber ist Nation. In ihr erscheint die Unterworfenheit als Natureigenschaft, und man ist zum Beispiel deutsch mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es nicht der schiere Irrsinn. Die Nation ist die Form, in der das Kapital unter seinem Staat selbst Gesellschaft wird, die einzige Instanz, die die Krise bannen und das Auseinanderstrebende zusammenhalten kann. In der Nation, soweit sie existiert, heben sich die Widersprüche auf, die das Ganze auseinanderzujagen drohen: die Nation ist deshalb keine blosse kollektive Wahnvorstellung, sie ist der Wahnsinn selbst als Realität.

Die Nation kann nicht existieren, wenn sie nicht das auseinanderstrebende zusammzwingt, wenn sie nicht gewaltsam gegen die besonderen Interessen der Klassen die Einheit der Gesellschaft geltend macht. Auf den höchsten Punkten der Zuspitzung muss sie die besondere Existenz der Klassen insgesamt vernichten. Die Klassenkämpfe überlebt die Nation nur, wenn sie zur Volksgemeinschaft wird. Das Dritte Reich hat die Revolution tatsächlich zerschmettert; der Antisemitismus hat nicht aufgehört, eine Macht zu sein, und die Revolution hat es nicht wieder angefangen.

Dass die wirkliche Grenzlinie nicht zwischen den Nationen verlaufe, sondern zwischen den Klassen, war einmal vielleicht der fromme Traum einer antinationalen Linken, wahrscheinlich aber schon ein Versuch der Täuschung. Sowenig je eine Klasse da war, auf die sich positiv bezogen werden konnte, so wenig hockte hinter der Volksgemeinschaft ein Proletariat quasi verborgen, das es nur der Manipulation einer herrschenden Klasse zu entreissen galt. Die Befreiung des Proletariats hätte immer zur Mindestvoraussetzung, dass es den Arbeiter wie den Deutschen zerreisst.

Das Vorhaben des Nationalsozialismus, die Klassen in der Nation aufzuheben und damit die besonderen, getrennten Kategorien der Herrschaft zu einer einzigen zu vereinen, der bisherigen Geschichte die innere Spannung auszutreiben und sie in einen stabilen Zustand der Singularität zu katapultieren, ist der eminente deutsche Beitrag zur Geschichte. Daraus ergibt sich mit Notwendigkeit, dass kommunistische Kritik antideutsch sein muss und als ihren Erzfeind alle Bewegungen und Mächte erkennt und erklärt, an dem sie die Spur des Nationalsozialismus erkennt. Zuvörderst sind dies heute die europäischen Mächte und die jihadistische Bewegung.

Die unglaubliche Kälte, mit der die Linke dagegen den Opfern der Shoah gegenüberstand und heute den Israelis gegenübersteht, ist das genaue Mass, in dem sie längst zur Konterrevolution übergewechselt ist: würde sie zur Kenntnis nehmen, wie die revolutionäre Frage spätestens nach Auschwitz zu stellen ist, müsste sie ihr eigenes hergebrachtes Unwesen angreifen. Die Antideutschen sind nichts anderes als diejenigen ehemaligen Linken, die genau das getan haben. Ihnen gegenüber steht heute die ganze trostlose Gesellschaft, als eine einzige reaktionäre Masse.

Die Antideutschen haben nach 2000 den besseren Teil des revolutionären Denkens gerettet. Vielleicht erschöpft sich der Gebrauchswert dieser Strömung darin schon. Sie hat ihr bleibendes Verdienst: sie hat in diesem Teil der Welt den Horizont offengehalten für das Denken der kommenden Revolten. Keine Revolte wird bestehen können, die unter die Marke zurückfällt, die diese gezeichnet haben; so wie kein kritisches Denken wird bestehen können, das von der wirklichen Revolte getrennt ist.

Man muss das Öl dahin bringen, wo das Feuer ist. 1

Von Jörg Finkenberger

1 Ich danke Theodor Adorno, Walter Benjamin, Andre Breton, Jochen Bruhn, Guy Debord, Sigmund Freud, Richard Huelsenbeck, Hans-Jürgen Krahl, Karl Marx für die unverzichtbare Mitarbeit. Auf keinen einzigen Satz erhebe ich den Anspruch der Originalität. „Unsere Gedanken sind bereits in allen Köpfen, und eines Tages werden sie herauskommen“ (Debord).

Ein Trip im Blätterwald

Innovation und Vielfalt – das ist das Pfund, mit dem Würzburg wuchern kann. Gerade die facettenreiche Medienlandschaft Würzburgs zeugt von der Kreativität und Innovationsfreude unserer Mitbürger. Kein Bäcker, kein Café, kein Hauseingang, in dem nicht eine mannigfaltige Auswahl lesenswerter Gratis-Heftchen bereitläge.
Prisma-Magazin, zuckerkick, prima Sonntag, wob, Der Kessener, Würzburg spezial, TOP Magazin, Meeviertel Anzeiger, usw., usf.: Es gibt viele gute Gründe, einen Blick auf die Presseerzeugnisse unserer pulsierenden Mainfranken-Metropole zu werfen.
In der ersten Folge des Presseclubs interessiert uns besonders Prisma, Der Kessener, zuckerkick sowie der Meeviertel Anzeiger.

Beginnen wir die Umschau mit der Zeitschrift Prisma, die sich für „Heilung und Bewusstsein in Franken“ einsetzt. Im Editorial zur April/Mai-Ausgabe (18.500 Exemplare) schreibt Herausgeber André Hammon: „Es werden wohl noch Jahrzehnte vergehen, bis der Mensch seine wahre Sinnlichkeit entdeckt und einen natürlichen Umgang damit gefunden hat. Mit der neuen Prisma-Ausgabe können Sie schon mal einen Vorgeschmack bekommen, was uns erwartet und wie Lust und Sinnlichkeit zu einem seelenreichen und erfüllten Leben beitragen können“.

Diesem Versprechen, erscheint es zunächst auch etwas sehr ehrgeizig, wird tatsächlich schon auf der ersten Seite entsprochen: „Seid gegrüßt meine Freunde des Lichtes, OMAR TA SATT, ich BIN KRYON vom magnetischen Dienst“, begrüßt uns die Anzeige der Kryon-Schule. „Ich – KRYON, sowie auch einige andere Engelwesen des Universums haben uns dazu entschlossen, diese Schule zu gründen, um euch auf dem Weg des Erwachens zu lehren, zu leiten und zu führen“. Auch eine zweite Anzeige, die für die Internationalen Engeltage 2008 in Müchen wirbt, hilft uns, unsere wahre Sinnlichkeit zu entdecken.

Die Artikel sind ebenfalls sehr aufschlussreich: Die Redaktion hält „Die Rückkehr der Weißen Büffelfrau“ aufgrund von zuverlässigen indianischen Quellen für wahrscheinlich, und auch die hoffnungsvolle Partei „Die Violetten“ sei im Kommen („Würde jede/r bayerische Prisma-Leser/in eine Unterschrift leisten, […] dann würden 50.000 spirituell interessierte Menschen die Teilnahme der Violetten an den Landtagswahlen bestätigen“).
Es zieht sich ein sympathischer emanzipatorischer Grundton durch Prisma: Es sei, schreibt etwa Heide Marie Heimard, „an der Zeit, die sexuelle Energie aus der Verpanzerung in unseren Körpern zu befreien und zum Fließen zu bringen. Dann kann sie zum Segen der ganzen Menschheit ihre heilige Kraft entfalten und uns die Glückseligkeit schenken, zu der wir geboren sind“. In anderen Artikeln wird die Linkspartei, neben den Violetten, als neuer Hoffnungsträger gelobt, ebenso wird das Grundeinkommen befürwortet.
Das bayerische Reinheitsgebot für Bier von 1516 wird hingegen als bloßes „Keuschheitsgebot“ verteufelt, als „besänftigendes Gebräu, damit uns auch ordentlich die Lust auf Liebe vergeht!“.

Nicht weniger Freigeist als André Hammon ist Bernhard A.W. Kessener (M.A.), seines Zeichens Herausgeber von Der Kessener. 10.000 Exemplare wurden für März und April kostenlos verteilt, mit der Warnung: NOCH KOSTENLOS. Der Kessener will „Würzburg zur Marke“ machen und „Impulse für Gesellschaft, Politik, Hochschule, Ökonomie und Kultur“ geben.
Im Editorial der März/April-Ausgabe thematisiert B.A.W. Kessener (M.A.), ob nicht auch für unsere Stadt gelte, was Hegel damals bemerkte: Eine „Entzweiung zwischen der Poesie des Herzens und der Prosa der Verhältnisse“. Herr B.A.W.K. (M.A.) erläutert: „Es kann doch nicht angehen, dass Kunst, Geisteswissenschaft und auch die Geschichte ihrer Aufgabe beraubt werden, uns in dieser entzauberten Welt eine vorübergehende Befriedigung zu verschaffen“.

Der interessanten Einleitung sind zwei Fotos angefügt: Eines mit zwei Geistlichen darauf und eines mit Wowereit, der einen Kessener in der Hand hält. Der Text dazu: „Es gibt zwar Aussagen, dass Würzburg nur sich selbst genügt. Andererseits aber bringen Persönlichkeiten wie Erzbischof Zollitsch, Kardinal Lehmann und Berlins regierender Bürgermeister Wowereit ganz andere Horizonte in die fränkischen Gefilde. Die Öffentlichkeit wartet auf glaubwürdige Aussagen in allen Bereichen der Gesellschaft und alle Drei machten bei ihrem Auftreten Aussagen, die verkrustete Strukturen aufbrechen und in Frage stellen“.

Diesem Aufruf zur Revolte folgen dann viele Infos zu Kunst und Kultur in Würzburg (sympathischerweise ohne chronologische Ordnung) und ein Special für alle U2-Fans unter uns: Der Kessener verlost 3×2 Tickets für einen neuen 3D-Film in Dettelbach, der ein U2-Konzert in Südamerika zeigt!
Diese Wohltat für den Leser passt wunderbar in das Konzept der Zeitschrift, denn das Motto von B.A.W.K.M.A. lautet: „Gewinn und Wachstum müssen nicht immer Selbstzweck sein, sondern man könnte sie einbinden, als Folgen sinnvoller Dienstleistungen“.

Kommen wir von diesem ambitionierten Philosophen-Magazin zu einer echten Sternschnuppe am Kulturhimmel Würzburgs. Das Design vom zuckerkick 03/08 ist mal wieder so schön, dass man meinen könnte, der Inhalt müsse dagegen ja verblassen. In Wahrheit aber ist auch der Inhalt, etwa die Bildstrecke mit den Model-Geschwistern Anna und Ali in den Weinbergen, sehr gut gelungen: die Instore-Markenklamotten von only, ltb, diesel, mogul, itchi und freeman t. porter stehen den Beiden mindestens so gut wie die darunter gesetzten Liedzeilen von Dirk von Lowtzow: „imitationen von dir/ befinden sich in mir/ imitationen von dir/ verbünden sich mit mir/ wir sind so leicht, dass wir fliegen“.

Neben der Schönheit findet, wie in einem guten Tocotronic-Song, aber immer auch die Traurigkeit einen Platz im zuckerkick. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte über eine Würzburger Studentin, die ihr Studium mit Prostitution finanzieren muss und tragischerweise dem eigenen Vater im Hotelzimmer begegnet. Oder das bedrückende Märchen aus der spießigen Arbeitersiedlung Maierfilz in Niederbayern, in der alles „ordentlich, gleich und grau“ ist. Wo sich der ungeliebte Spast Hermann schließlich einen Tunnel bis Australien gräbt, um mit einem kanariengelben Autobus vor dem sozialistischen Patriarchen und Monopolisten Gustav Laubenthal zu fliehen. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ schleudert Hermann dem Planwirtschaftler entgegen, bevor er die Reise in die Freiheit antritt.

Bodenständiger geht es da im – ebenfalls kostenlosen – Meeviertel Anzeiger zu. „Wo sind die Kasernenkatzen geblieben?“, fragt etwa die Januar-Ausgabe auf ihrer Titelseite. Die packende Reportage geht der Frage nach, was mit den Katzen geschehen ist, die „sich nach der Räumung der US-Kasernen rund um Würzburg mit einem Mal in einer Betonwüste ausgesetzt sahen“. Das Blatt gibt Entwarnung: „Für die meisten von ihnen endete die schreckliche Erfahrung […] mit einem Happy End: Sie fanden 280 km entfernt, nahe der Schweizer Grenze, ein neues liebevolles Zuhause“.

Besonders spannend ist im Meeviertel Anzeiger stets auch die regelmäßige Kolumne „Neues aus dem Kindergarten St. Burkard“, in der sowohl die Erlebnisse der Frosch- und Käfergruppe nachempfunden werden können wie die Fortschritte der Vorschulkinder. Die „Aufregung um den Besuch des Nikolaus“ (Januar 08) war in dieser Rubrik ebenso Thema wie die „turbulente Faschingszeit“ oder das anstehende Osterfest (März 08). Die April-Ausgabe gibt bekannt, dass nach den nasskalten Tagen nun wieder Spaziergänge geplant seien und alle Kinder deshalb „auf laues sonniges Wetter“ hofften.
Die journalistischen Standards, die hier gesetzt werden, müssen auch von hervorragenden Magazinen wie zuckerkick, Der Kessener oder auch Prisma erst noch erfüllt werden.

Im nächsten Letzten Hype hoffe ich Sie wieder zum Presseclub begrüßen zu dürfen.
Freundlichst,
Ihr Sebastian Loschert.

Privacy Enhancing Techniques

Linkliste von Qassim Störtz

Es ist sinnvoll, den folgenden Adressen, wo möglich, jeweils https:// statt http:// voranzustellen. Damit bekommt man eine SSL-verschlüsselte Verbindung zur Seite.

Mailverschlüsselung

GPG
Windows: http://gpg4win.de
Mac: http://macgpg.sourceforge.net
Ubuntu: vorinstalliert

GPG-Plugin für Thunderbird http://enigmail.mozdev.org

Verschlüsseltes Chatten

Windows (s.a. Plugin unten) http://miranda-im.org
Mac: http://adiumx.org
Ubuntu: pidgin, vorinstalliert

Jabber benutzen, soweit möglich; ICQ nur noch mit dem OTR-Plugin:

OTR-Plugin für miranda http://scottellis.com.au

Verschlüsselung (Partitionen, Loops, Festplatten, Verzeichnisse):

Truecrypt: http://www.truecrypt.org
OSXCrypt for Mac: http://www.osxcrypt.org

Filesharing

Grundsätzlich sog. Filehoster benutzen, verschlüsselte -> Rar-Archive benutzen, Klarnamen für Dateien vermeiden

Dateiverschlüsselung

Rar:
Windows: http://www.winrar.de
Mac: http://unrarx.sourceforge.net
Ubuntu: http://www.rarlab.com

Vidalia/Tor http://vidalia-project.net
http://torproject.org

Plugin für Mozilla http://torbutton.torproject.org

Baustellen:

Freenet http://freenetproject.org
Gnuneth ttp://gnunet.org
I2P http://i2p.de

Für Fetischisten:

Phantomix http://phantomix.ytternhagen.de
Anonym.OS http://sourceforge.net/projects/anonym-os

Nachtrag zu den Studiengebühren

Die Studiengebühren sind eingeführt, und es ist immer noch nicht ersichtlich, dass die Angehörigen der weniger zahlungsfähigen Schichten in Massen die Universität verlassen oder gar nicht erst betreten. Diejenigen Linken, die sich auf das Feindbild der sogenannten Eliten eingeschossen haben, bringen nur zum Ausdruck, dass sie nie irgendetwas begriffen hatten: die Studiengebühren sind nicht zuerst ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Privilegien irgendeiner Schicht, sie sind vor allem ein Mittel der Disziplinierung, oder vielmehr der Konsekration der Disziplin, aller Studierenden gleich welcher Schicht.

Wer das erste kritisiert, kann das zweite nicht mehr kritisieren. In der Auseinandersetzung zwischen fleissigen und arbeitsamen Angehörigen aufstiegsorientierter Schichten und den privilegierten rich kids haben jedenfalls Kommunist/innen keine Stimme. Die Disziplin ist es, die angegriffen werden muss, die bedrückende Arbeitsamkeit, diese gemeinsame Sache des Staates und der passiven Mehrheit.

Wer nichts anderes gefordert hat als mehr und bessere Bildung, wird nichts anderes bekommen als mehr und bessere Bildung. Der tiefe Konformismus solcher Forderungen mag für das lähmende Bewusstsein mit verantwortlich gewesen sein, dass es ja doch nichts bringe; denn es war zu greifen, dass man sich in dieser Auseinandersetzung auf demselben Boden bewegte. (1)

Der eigentliche Kampf wäre nicht der zweier Schichten, sondern der gegen die Disziplin; sowohl gegen die Unterwerfung als auch gegen die Tatsache, dass alles immer weitergeht. Diesen Kampf hat die Linke nicht verloren, sie hat ihn nicht geführt und konnte ihn nicht führen. Lässt er sich besser führen jetzt, nach ihrer Niederlage? Man wird es wissen, wenn man es versucht hat.

Immer und immer das selbe zu sagen, wie ich es hasse. How many nights I prayed for this: to let my work begin.

Von Jörg Finkenberger

1 Neoliberalismus nennen sie das ganze, Herr G*tt! Und fordern, dass Bildung keine Ware sei; dabei meinen sie nur, dass sie ihnen zu teuer ist. Kann man die Segnungen des Staates zu anderen Bedingungen haben, als er sie gibt? Genauer gesagt: mit welchem Argument will man andere Bedingungen der Hauptsache, solange man sie für eine Segnung hält.

Akademische Bildung ist nicht nur schon immer eine Ware, sie ist schlimmeres: sie ist eine Veranstaltung, mit der jedem Gegenstand noch das letzte Negative ausgetrieben wird und werden muss. Ob die Universitäten, gegen den Willen ihrer Herren, sinnvoll zweckentfremdet werden können: das ist freilich eine andere, praktische Frage. Kämpfe der Studierenden für, statt gegen, das Studium jedenfalls sind nicht verallgemeinerungsfähig und damit direkt konterrevolutionär: sie richten sich nicht gegen die Gesellschaft der Klassen, sondern bestätigen sie.

Das Elend der studentischen Politik. Über die schon lange absehbare Niederlage der angeblichen Protestbewegung gegen die Studiengebühren

Nach 10 Jahren ist der Widerstand gegen die Einführung von Studiengebühren nunmehr wohl endgültig gescheitert. Das sollte, namentlich für die an diesem Widerstand beteiligten, ein Grund sein, einen Blick zurück zu werfen, und zwar im Zorn.

Ich habe an anderer Stelle und nicht allzu selten schon über die innere Schwäche und Halbheit dieser sogenannten Protestbewegung und der sie tragenden Organisationen geprochen, und kann mich deshalb hier mit einer kurzen Zusammenfassung begnügen.

Dass seit 1997 die Einführung von Studiengebühren bevorsteht, war damals und später allen klar. Ebenso war allen klar, welche Folgen das für Struktur des Studiums, die Zusammensetzung der Studierenden und die Autonomie des studentischen Milieus hat.

Dass es dann doch fast 10 Jahre gedauert hat, ist nicht im mindesten irgendeinem ernsthaften Widerstand der Studierenden zu verdanken. Denn dieser Widerstand existierte praktisch nicht.

Es sei denn natürlich, man bezeichnet die alle paar Jahre, wann immer es der parlamentarische Zeitplan diktiert, stattfindenden langweiligen und folgenlosen Grossdemos oder die nicht minder öden sporadischen „Aktionswochen“ als einen solchen. Letztgenannte Aktionen waren regelmässig darauf angelegt, das Verständnis der sogenannten Öffentlichkeit zu bemühen, indem man an den vermeintlich gemeinsamen Wert der „Bildung“ appelliert – ohne freilich zu sehen, dass man damit einem jämmerlichen Wortspiel aufsitzt, von dem niemand getäuscht wird als lediglich die Studierenden allein. Denn „Bildung“ bedeutet zweierlei für einen Kultusminister und für die Studierenden.

Man hat unbedingt Bildungspolitik treiben wollen, dem Staat gute Ratschläge geben wollen; man hat nicht die eigene Haut, sondern „die Bildung“ retten wollen, darunter tat mans nicht; man hat nicht wahrhaben wollen, dass der Staat Studiengebühren haben wollte zur Rettung eben der Bildung, welche im Kapitalismus alles andere bedeutet als die freie Entfaltung von Fähigkeiten und Bedürfnissen. Man wollte mitspielen beim grossen Spiel der Interessen und meinte, sein eigenes Interesse als Wohl der Allgemeinheit verkleiden zu müssen, wie es bei diesem Spiel so der Fall ist: nämlich zur Täuschung. Und man war dabei so ungeschickt, gerade als einzige Klasse auf diese eigene Täuschung hereinzufallen.

Die namenlosen Idioten, die auf Studierendendemos mit Transparenten herumliefen, auf denen der Verfall des Bildungsstandortes Bayern beklagt wurde, waren einfach nur gute Studenten. Und das wollten sie bleiben. Dass dergleichen Äusserungen im Namen irgendeines wertlosen Pluralismus geduldet wurden, ist ein Argument gegen die studentischen Aktivisten aus allen denkbaren irgendwie linken oder alternativen Gruppen.

Während solchermassen die Studierenden nichts anderes demonstrierten als ihre masslose Selbstzufriedenheit, die überschlug in die Wahnidee, sie seien tatsächlich in irgendeiner Weise gesellschaftlich besonders nützlich, taten die verschiedenen Fraktionen der studentischen Linken, sofern sie überhaupt irgendetwas zusammenhängendes taten, nichts anderes, als Politik zu spielen. Sie nutzten, genügsame Resteverwerter, noch das geringe Interesse an dem Vorgang überhaupt für kleinere oder grössere Intrigen um die Studierendenvertretung herum, sie warfen sich in Pose, um bei der Presse Profil zu gewinnen, sie luden auf den ohnehin halbtoten Widerstand ihre bildungspolitischen oder globalisierungskritischen Konzepte, um aus der geringen Zahl derer, die überhaupt aktiv waren, Rekruten für ihre schwindsüchtigen Organisationen zu machen.

Diesen Leuten ging naturgemäss jede Idee ab, dass die sogenannte Bewegung, die sie gemeinsam verwalteten und vertraten, auf diesem Weg kein anderes Ziel nehmen konnte als das erbärmlichste Scheitern. Denn jeder andere, bessere Weg hätte erfordert, den schwachsinnigen Stolz der Studierenden auf ihre sogenannte Bildung, und das heisst: ihre völlige Identifikation mit ihrer gesellschaftlichen Rolle, anzugreifen.

Die Studenten können nicht rebellieren, ohne gegen ihre Studien zu rebellieren, schrieb Mustafa Khayati 1967, und hat bis heute recht.

Widerstand gegen die Studiengebühren hätte bedeutet, das einzige sinnvolle am Studium zu verteidigen, nämlich den kurzzeitigen Freiraum und die kurzfristige Position, dem Getriebe der Ökonomie nicht ganz so hart ausgeliefert zu sein wie alle anderen. Die Niederlage bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die Austrocknung dieses Biotops.

Dass der Irrglaube, das Studium sei wegen der tollen Inhalte etwas zu verteidigendes, im Kern nichts anderes ist als Konformismus, und zu nichts anderem führen kann als zur Unterwerfung, das zu sehen haben die wenigsten die Augen. Gerade für die kritischsten im Übrigen hat die unergründliche Weisheit nämlich die Politikwissenschaft erfunden; und dort bringen es, unter der gütigen Anleitung eines gewissen für radikal versehenen Dozenten, noch die hoffnungslosesten Fälle zur nicht zu unterdrückende Leichtigkeit und dem Glück, ein Student zu sein.

Es gilt, teils aus Kalkül, teils aus Dummheit, als ungeschriebenes Prinzip der Linken, dass man den Massen nach dem Maul zu reden habe; so als ob nicht deren unbegreifliche Geduld noch der einzige Grund wäre, warum weiterbesteht, was doch nicht mehr zu rechtfertigen ist. Niemals also wird man die Linken erleben, wie sie etwas anderes treiben, als die Leute dort abzuholen, wo sie stehen. In besseren Zeiten nannte man so etwas Opportunismus. Nichts liegt diesen Leuten ferner als der Skandal, nichts fürchten sie mehr als die Isolation.

Als Gefangene einer opportunistischen Strategie müssen sie Gefangene der Formen bleiben, in denen sich der offizielle Betrieb abspielt. Ob sich daher unter der vollendeten Passivität der sogenannten Massen eine ebenso vollendete Unzufriedenheit verbirgt, werden sie nie herausfinden. Im Falle der Studiengebühren haben sie es jedenfalls geschafft, die Studierenden mit dem Versuch, ihr Anliegen der Öffentlichkeit nahezubringen, tatsächlich völlig zu isolieren. Das Beharren auf der Verteidigung der Bildung war zwar sehr gut der sogenannten Mitte zu verkaufen, aber muss für die anderen Klassen völlig ohne Interesse bleiben, wenn nicht schlimmeres. Jeder Versuch dagegen, sich lediglich im eigenen Namen und auf keinen gefälschten allgemeinen Titel hin seiner Haut zu erwehren, hätte namentlich seit den Hartz-Reformen möglicherweise eine gänzlich unvermutete Sympathie bei breiten Schichten hervorgerufen, die die linken Kader selbst schon durch ihre völlig vergessene Existenz überrascht hätten.

Unglücklicherweise bleiben die offiziellen Linken nur solange Herren der sogenannten Linken, solange die gefährlichen Klassen nicht erwacht sind. Und das unbewusste Wissen darum ist es, das sie ängstigt, und immer zuverlässig dazu treibt, nichts unbedachtes zu tun.

Dass die studentischen Kader von der Linken aus der Bewegung nichts machen konnten, mag ihr Schicksal sein, immerhin schon ein Einwand dagegen, solchen Leuten die Hand zu reichen. Wie sie aber, alle mit- und gegeneinander, die letzten Monate vor der Niederlage organisiert haben, das ist ihre Schuld, für die sie bei der nächsten würzburger Hochschulwahl die Antwort verdienen.

Nicht genug, dass die eine Fraktion (Jusos) jahrelang die opportunistischste Politik getrieben haben, die man sich denken kann, und zwar nach jeder Richtung; nicht genug, dass sich diese Fraktion zerlegte über einen unglaublichen persönlichen Streit; nicht genug damit, dass einer der schlimmsten Opportunisten, ein Mitarbeiter eines SPD-Landtagsabgeordneten, schliesslich zusammen mit Michael Kraus eine eigene „Alternative Liste“ gründete, welche den Widerstand nunmehr richtig zu führen versprach: die Damen und Herren (vor allem Herren) beider Fraktionen haben es geschafft, ihre theoretische gemeinsame Mehrheit zu verschenken, aus Gründen desselben persönlichen Streits.

Die „Alternative Liste“ jedenfalls, die seit den letzten Wahlen zusammen mit denselben Konservativen, Liberalen und Grünen, welche sie im Wahlkampf noch nicht zu Unrecht als „neoliberal“ bezeichnet hatte, die Studierendenvertretung stellt, verdient, wenn sie denn noch einmal anzutreten die Stirn haben sollte, keine einzige Stimme. Diese von Martin Bielwaski (SPD) und Michael Kraus (Attac) geschaffene Gruppierung hat ihren Kredit so derartig verspielt, dass sogar die völlig heruntergekommene SPD-Truppe daneben noch gut aussieht.

Zuletzt haben es diese Leute geschafft, die definitive Einführung der Studiengebühren durch den Akademischen Senat der Universität mit nichts anderem zu begleiten als einer Diskussionsveranstaltung, auf der Uni-Präsident Haase und andere Senatoren zum abermaligen sprachlosen Erstaunen der wenigen anwesenden Studierenden kundgeben durften, wie sehr richtig sie das finden, was sie jetzt anschliessend zu beschliessen gedächten; woraufhin dann, nach eineinhalb Stunden, die Studierenden allmählich heim in ihre WGs liefen und Haase die Versammlung beendete, um zusammen mit dem Senat in aller Ruhe zu beschliessen. Absurderweise hatte man ihm sogar die Leitung der Veranstaltug überlassen.

Es fällt einem nichts mehr ein: sogar die wenigen anwesenden Studis hätten ausgereicht, um die Senatssitzung zu stören. Man hat Haase bewusst solange labern lassen, bis sie sich zerstreuten. Richtig erleichtert müssen sie sich gefühlt haben, die Jüngelchen der AL und ihr Meister, als endlich alles vorbei war: die Nervosität, die das Erscheinen dreier angeblich scharz gekleideter bei ihnen und den anderen Funktionären der Ordung herrvorrief, war immerhin ein kleiner Trost. Ich betrachte diese Nervosität, die meine blosse Anwesenheit bei solchen hervorruft, jedenfalls als eine Verpflichtung.

Das bisher letztes Lebenszeichen von AL und Studierendenvertretung war der sogenannte Studiengebühren-Boykott, an dem sich um die 50 Leute beteiligten, was in etwa der Anzahl der Mitglieder der AL zuzüglich ihrer WG-Mitbewohner/innen entspricht; wer das eine Blamage nennt, untertreibt. Angepeilt waren 30% der Studierenden. Soviele wissen, legt man die bisherigen Wahlbeteiligungen zu Grunde, noch nicht einmal von der Existenz der Studierendenvertretung. Eine nutzlose Existenz im übrigen, die bisher nichts als Schaden angerichtet hat und jetzt, in den Händen der Konservativen, der Liberalen und ihrer Alternativen Steigbügelhalter, natürlich nicht besser geworden ist.

Angesichts einer Studierendenvertretung, die bloss entweder den linken oder den rechten Politikanten zur Tribüne dient, kann jede wirklich grundlegende Veränderung nur mit der Forderung anfangen, diese Studierendenvertretung einfach abzuschaffen.

Jörg Finkenberger

Iran, die Bombe und die linken Dr. Strangeloves

Pünktlich zum Frühling wird in der islamischen Republik Iran eine quasi rituelle Säuberungskampagne inszeniert: Frauen, die es wagen, das verordnete Verhüllungsdiktat nicht peinlichst einzuhalten, werden angehalten, im glücklicheren Falle lediglich auf das Beleidigendteste „ermahnt“, sehr oft jedoch festgenommen und in Polizeistationen verschleppt, wo sexuelle Übergriffe zu den regulären Befragungsmethoden gehören.

Irans Griff nach der Weltmacht
Irans Griff nach der Weltmacht

So soll der vom „zionistischen Feind“ unterminierten Moral wieder zur Gültigkeit verholfen werden. Gleichzeitig hat das Regime die Straffreiheit bei dabei zuweilen vorkommenden Tötungen sichergestellt. Wer, auch ohne Amtsträger zu sein, Personen wegen unislamischen Handelns tötet, wird von der Strafe freigestellt. Diese gewaltsame Formierung im Inneren korrespondiert mit einer aggressiven Außenpolitik, welche mittels Handlangern wie den Klerikerkarikaturen al-Sadr junior und Nasrallah oder dem Diktatorendarsteller Baschar Assad die Region systematisch in einen Krieg nach dem Modell eines „low intensity conflict“ zieht und gleichzeitig eine bislang straflos gebliebene Serie von Provokationen gegen die führenden Staaten „des Westens“ lanciert. Weder die Tugenddiktatur des Klerus mit ihrem mörderischen Feldzug gegen Frauen, Homosexuelle, aufmüpfige Jugendliche und selbstverständlich auch Anders- bzw. Nichtgläubigen, noch die Militarisierung der Politik unter den Prärogativen eines islamisch aufgeladenen persischen Imperialanspruchs scheinen hierzulande den sonst überall Faschismus witternden linken Geschaftlhubern eine Bemühung des antifaschistischen Bekenntnisapparats wert. Wieso auch? Nazis sind und bleiben George W. Bush und die Israelis. Das Pfaffenregime in Teheran dagegen kann das Privileg des gerechten, weil „antikolonialen“ Kriegs für sich in Anspruch nehmen und seine Handpuppen gehen glatt als Führer von Befreiungsbewegungen gegen USA und Israel durch. Soweit von außen erkennbar ist die Theoriebildung in sämtlichen linken Fraktionen dabei lediglich in der Wahl der Termini verschieden, wobei die Schärfe der Urteilskraft mit der Weisheit deutscher Bischöfe konkurrieren muß, welche in Ramallah das wieder errichtete Warschauer Ghetto erkannten.
Wessen Ziel allerdings noch immer in der zu besorgenden Beseitigung aller Verhältnisse in denen der Mensch ein verächtliches und geknechtetes Wesen sei liegt, muß sich dringlich der Frage nach dem Wesen der „islamischen Republik“ stellen. Zeigt sich doch hier die Befähigung verbissener Feinde der Emanzipation des Menschen als Gattungswesen und Anhänger einer nach Geschlecht, Rasse und Religion hierarchisierten Gesellschaft (vulgo Barbarei) in das Gewand der Freiheit und des menschlichen Fortschritts zu schlüpfen. Gerade die Unterstützung der Ayatollahs durch die Internationale der Globalisierungsskeptiker und Multitudenvisionäre läßt die Wahrscheinlichkeit der Fortdauer – und damit Sieg – des Regimes auf ein immerhin zu beachtendes Maß wachsen. Was also, so lautet die hier zu stellende Frage, macht einen nach innen wie außen terroristisch agierenden Staat für westliche Linke so ungemein attraktiv? Diese Frage beinhaltet genau besehen zwei Fragen, und zwar nach den theoretischen Grundlagen dieser Linken auf der einen Seite, sowie nach der Beschaffenheit des iranischen Staates auf der anderen.
Die erste Antwort sei in gebotener Kürze erteilt: Denkverweigerung.(1)
Die Suche nach der zweiten Antwort erfordert deutlich mehr Kopfzerbrechen.
Die meisten Einschätzungen des Irans sehen in dem Regime lediglich ein weiteres Beispiel nahöstlicher Despotie, eine monolithische Diktatur, welche zynisch ihre Bevölkerung unterdrückt und lediglich am eigenen Machterhalt interessiert sei, jedoch deshalb auch mit geeigneten Lockangeboten zu einer gewissen Zusammenarbeit mit den führenden Industriestaaten zu bringen sei. Solcherlei kurzsichtige Erkenntnis liegt etwa der Forderung der Mehrheit des US Kongresses nach einer Verhandlungslösung mit Teheran zu Grunde. Ein anderer Ansatz bedient sich der Analogie mit dem historischen Faschismus bzw. dem Nationalsozialismus. Mit guten Gründen wird auf den aggressiven Antisemitismus, der nicht nur Achmadinedschads Reden durchzieht, sondern eine Grundlage der Staatsdoktrin darstellt, verwiesen. Auch die mit dem quasi-messianischen schiitischen Glauben an die Wiederkehr des „verborgenen Imams“ verbundene apokalyptische Weltsicht, die der Ministerpräsident nicht müde wird mittels Briefe an die politischen Führungen des Westens zu predigen, wird hier berücksichtigt. Dabei wird allerdings von einem zentralen Merkmal faschistischer Herrschaft abgesehen, nämlich der Basierung auf einer Massenbewegung, wie auch von der im Nationalsozialismus erreichten, absoluten Homogenisierung nicht lediglich der „Massen“ sondern restlos aller Angehörigen des Volkes. Weder ist der Iran eine Diktatur mit einheitlicher Führung – schon der verfassungsmäßige Widerspruch zwischen gewähltem Parlament und Regierung mit dem „Wächterrat“ spricht dem Hohn – , noch gibt es eine Massenorganisation, die wie im NS Deutschland mit dem staatlich bürokratischen Apparat in mörderischer Konkurrenz steht. Grundsätzlich opponierende Positionen sowohl zu zentralen Zielen in der Außenpolitik („Atomstreit“), als auch zum Umgang mit „unislamischen“ Tendenzen in der Bevölkerung werden innerhalb des Apparats und in den Medien vertreten und trotz rigider Repression existiert eine immer wieder aufflammende Opposition, die sich in wilden Streiks, Demonstrationen und recht handfesten Manifestationen bemerkbar macht. Zudem hat die durchgängige Kontrolle der öffentlichen Räume durch Anhänger des Regimes bei gleichzeitiger weitgehender Ignorierung der im Privaten sich abspielenden „unzüchtigen“ Tätigkeiten seiner Bürger (weniger seiner Bürgerinnen, wie die häufigen Steinigungen angeblicher Prostituierter zeigen) zu einer nahezu vermittlungslosen Auftrennung der Sphären des Privaten und des Politischen geführt. (2) Dennoch scheint das Regime gefestigt und der Griff nach der atomaren Waffe ohne allzu große Widerstände möglich. Mit der Geiselnahme der britischen Marineangehörigen und ihrer inszenierten Freilassung hat die Regierung einen gewaltigen politischen Erfolg zu verbuchen, der sich etwa auch in der Aufnahme direkter Kontakte zu den USA niederschlägt. Die regimeinternen Skeptiker, die sich über etwaige militärische Konsequenzen sorgten, wurden beruhigt, die bewegungsförmige Anhängerschaft wurde mit einem weiteren Sieg belohnt und das Bild des Iran als erfolgreichem Führer im internationalen Dschihad aufpoliert. Die militärischen Interventionen im Irak und im Libanon, die Gewinnung der Hamas als zusätzlichem Klienten und die zunehmend in ein Abhängigkeitsverhältnis sich wandelnde Allianz mit Syrien haben sich dank europäischer Gleichgültigkeit strategisch ausgezahlt und könnten dem Regime die Zeitspanne bis zur Erlangung der Bombe – und das bedeutet die Erreichung einer nahezu absoluten Abschreckungsfähigkeit – absichern. Angesichts der ernstzunehmenden Drohung, Israel von der Karte zu wischen und den nicht lediglich taktischen Bündnissen mit Hisbollah und Hamas, sowie Venezuelas Chavez und der Internationale der Holocaustleugner müßte es selbst den europäischen Linken spätestens jetzt gruseln.
Der historische Faschismus war der Kampf gegen die Moderne auf dem Boden und mit den Mitteln der Moderne; der Nationalsozialismus war die deutsche Revolte gegen das Kapital auf dem Boden des Kapitalverhältnisses. Der Antisemitismus, wiewohl nicht notwendiger Bestandteil des Faschismus, war Zentrum und Motor des nationalsozialistischen Amoklaufs. Der industriell längst im Atomzeitalter angekommene Iran wendet sich mit aller zur Verfügung stehender Kraft gegen die Moderne, der Antisemitismus ist in seinem Kostüm als Antizionismus ein Hauptbestandteil der offiziellen Ideologie. Es ist wohl zutreffend, dies als Rebellion der Postmoderne zu fassen. Israel als Jude unter den Staaten gerät in der antisemitischen Imagination an die Stelle des Juden; der Kampf gegen den als Weltenlenker phantasierten jüdischen Staat soll eben das bewirken, wozu dem modernen Antisemiten der Kampf gegen das Judentum dienen sollte: Die Wiedererlangung eines eingebildeten Zustandes vor der Verwandlung aller Dinge in Wertform. (Wobei sich genau hier die Herren Chavez, Achmadinedschad, Lafontaine und Mahler gemein machen.) Postmodern ist hier nicht lediglich die Objektwahl des Staates Israel bei gleichzeitiger Beseitigung staatlicher Strukturen im internationalen Dschihad, wie auch im, ja doch staatlich organisierten, Iran, sondern auch die – zumindest ohne Erlangung der Atomwaffe, welche alle apokalyptischen Wunschträume zur gräßlichen Realität geraten ließe – Verschiebung des direkten Kampfes auf unbestimmte spätere Zeiten ohne dabei die Bewegung der wahrhaft Gläubigen zu Zweifeln herauszufordern. Diese Form der institutionalisierten Krise bietet als ewiger Kampfzustand die Möglichkeit zur notwendigen ständig gesteigerten Radikalität und Aggressivität der Bewegung, ohne gleich den Weltenbrand entfachen zu müssen. Die dem Antisemiten eigene, irre Selbstsicht als hoffnungslos unterlegenes Opfer geheimer jüdischer Machenschaften, ist gewendet (und damit auch rationalisiert) zum Selbstbild des heroisch agierenden Kämpfers gegen koloniale Ausbeutung und imperiale Unterdrückung. Die wahren Anhänger Mohameds, also die seit Jahrhunderten geknechtete Partei Alis (die Schia), haben sich im Kampf gegen den großen und den kleinen Satan aus der Unterwürfigkeit befreit und treten aufrecht gegen die Übermacht der Feinde: Amerika, Israel sowie die arabischen Staaten, an. Die in der Realität bestehenden Grenzen einer so gearteten wahnhaften Politik stellen die Interventionen der (ja doch immerhin in der Wirklichkeit vorhandenen) benachbarten Staaten dar. Angesichts der für sie immer bedrohlicher werdenden Krise sind diese momentan sogar bereit, einen Hauptpfeiler ihrer Staatsdoktrinen, nämlich den ungebrochenen Haß auf Israel, zu opfern, um im Bündnis mit den USA gegen den Iran anzutreten. Das Mittel, mit dem die iranische Führung dem vorzugreifen gewillt ist, ist bekannt: Die iranische Bombe, abgeworfen auf Israel.
Rainer Bakonyi(3)

(1) Unter der Vorstellung einer Welt, die von persönlich konkreten Mächten beherrscht sei und in der es widerständige Residuen – die folkloristisch uniformierten „unterdrückten Völker“ – gebe, welche im Ringen um ihre vom Westen bedrohte Identität seien, ist jegliche Ahnung des realen Horrors einer zwangsweisen Vergesellschaftung unter einem prozessierenden Verhältnis: das Kapital, dahingeschwunden und angesichts der allgemeinen Akzeptanz der Relativität aller Dinge, also der Leugnung des Begriffs von Wahrheit, wird Denken, das gegen die irregegangene Realität aufgebracht werden muß, selbst verunmöglicht. Da hilft dann auch die Lektüre des „Kapitals“ nicht mehr weiter.
(2) Dies heißt auch: Es gibt noch ein vom staatlichen Zugriff freigehaltenes Privates, in das sich Opposition, ohne aufständisch zu werden, zurückziehen kann.
(3) Es sei hier knapp auf die theoretischen Grundlagen verwiesen: Das Marx’sche Werk der Kritik der politischen Ökonomie, die kulturtheoretischen Schriften Freuds und die im Gefolge der kritischen Theorie stattfindende Auseinandersetzung mit dem stattgehabten Rückfall in die Barbarei.

„Nazis unplugged“ – die Kampagne der bayerischen Antifa-Gruppen


An dieser Stelle wird die Antifa-Kampagne „Nazis unplugged- Rechten Strukturen den Saft abdrehen“ der in Bayern vernetzten Antifa-Gruppen vorgestellt. In der Region Mainfranken beteiligen sich die Würzburger Antifa Sin Patria und die Antifaschistische Linke Main-Spessart an der Unplugged-Kampagne .


„Nazis unplugged – Rechten Strukturen den Saft abdrehen“ ist eine Kampagne von antifaschistischen Gruppen aus Bayern. Wir wenden uns offensiv gegen die sich weiter verbreitende und personell stärker werdende Naziszene in Bayern. Der Schwerpunkt der Kampagne liegt auf der Zurückdrängung und Bekämpfung extrem rechter Infrastruktur. Darunter verstehen wir zum einen die Rückzugsorte von Neonazis – wie Wohnprojekte, Kneipen und andere „private“ Treffpunkte – natürlich aber auch die Orte des rechten Lifestyles, in denen versucht wird, neue AnhängerInnen zu gewinnen, also: Läden, die neonazistische Kleidung und Musik vertreiben, (Internet-) Versände und politische Veranstaltungsorte.
Die bayerische Naziszene kann auf eine Vielzahl von organisatorischen und personellen Netzwerken zurückgreifen. Nahezu in allen Regionen Bayerns bestehen organisierte extrem rechte Strukturen. Neben den teilweise schon Jahrzehnte existierenden Parteien wie NPD, DVU oder REPUBLIKANER wuchs in den letzten Jahren die Zahl sogenannter „Freier Nationalisten“, welche sich meist in Form von Kameradschaften organisieren, stark an. Diese stellen, nachdem sich ihre Akteure vom Image des deutschen, dauerbesoffenen Naziskinhead weitestgehend verabschiedet haben und sich im Erscheinungsbild an „normale“ Jugendliche angepasst haben, gerade in Gegenden, in der keinerlei Art von progressiver Jugendkultur existiert, für viele Jugendliche eine Anziehung dar. Das bedeutet auch, dass sich nahezu in jeder Subkultur extrem Rechte finden und versuchen gerade auch in diesen Zusammenhängen neue AnhängerInnen für ihre menschenverachtenden Ziele zu gewinnen.
Einer derartigen Entwicklung kann nicht tatenlos zugesehen werden, sie gilt es mit allen Mitteln und auf allen Ebenen zu bekämpfen und zurückzudrängen. Mittels Aufklärungsarbeit, politischen und kulturellen Aktionen sowie Demonstrationen wollen wir deshalb die Knotenpunkte und AktivistInnen der rechten Szene öffentlich machen und sie in ihrem Treiben stoppen.
Wir setzen in unserer Aktionsformen auf Vielfalt und Kreativität: neben altbewährten Aktionsmustern wie Infoveranstaltungen oder überregionalen Demonstrationen setzen wir auf Ansätze, die sich von linken Einheitsbrei abheben und Resultate unseres emanzipatorischen Politverständnisses sind. Wir verstehen darunter kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerte, Agit-Prop-Aktionen. Hier sind die Ideen und Einfälle der beteiligten Gruppen gefragt, für Kritik und Vorschläge sind wir jederzeit offen.
Linksradikale Politik in Bayern gleicht häufig einem Kampf gegen Windmühlen. In einem Bundesland, in dem 2/3 der WählerInnen für eine Partei stimmen, „die rechts neben sich keine andere duldet“ (Zitat Franz Josef Strauß) und mit ihrer Politik all denen das Leben schwer macht, die keinen deutschen Pass haben oder sich nicht dem Kalkül aus Laptop und Lederhose unterwerfen wollen; für ein selbstbestimmtes Leben ohne Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Kapitalismus einzutreten, ist in Bayern eine prekäre Angelegenheit. Aber gerade deshalb ist es umso notwendiger.
Wir verstehen daher die Kampagne „Nazis unplugged“ auch als einen Versuch, die linksradikale, antifaschistische Bewegung in Bayern zu stärken, besser zu organisieren und aus ihrer gesellschaftlichen Isolation zu führen.

Rechten Strukturen den Saft abdrehen!

Für die antifaschistische Offensive!

Ein Leben ohne Nazis, Staat und Kapital erkämpfen!“

Weitere Infos unter:
>>> unplugged.nonazis.net (Kampagnen-Seite)
>>> wasp.antifa.net (Page der Würzburger Antifa Sin Patria)

Schreckliche Linke und heuschreckliche Kritik

Kaum einer anderen Person der deutschen Linken wurde während der letzten Monate so viel Kritik zuteil wie Jürgen Elsässer. Dabei warf man ihm unter anderem Nationalismus und Homophobie vor. Am 03. April lud das Würzburger Friedensbündnis Jürgen Elsässer in die Buchhandlung Neuer Weg ein, wo er sein Buch „Angriff der Heuschrecken und globaler Krieg“ vorstellte. Insekten mussten leider draußen bleiben.

Zirp Zirp
„Nie wieder Deutschland“- selbst siebzehn Jahre nach der Schöpfung dieser Parole werden Antifa-Kiddies nicht müde, ihren Gegnern diesen Spruch entgegen zu brüllen. Umso erstaunlicher ist, dass die Erfindung des Satzes einer Person zugeschrieben wird, die sich in diesen siebzehn Jahren vom antinationalen Protagonisten zu Oskar Lafontaines Schoßhündchen entwickelte.
Elsässer zählte sich in den Neunziger Jahren zum antideutschen Lager der radikalen Linken, schrieb bis 1997 für die Junge Welt und gründete nach dem Zerwürfnis mit dieser 1997 die Jungle World. Er beschäftigte sich insbesondere mit der deutschen Außen- und Balkanpolitik. Anfang dieses Jahrzehnts kam es zum Bruch mit dem antinationalen Spektrum und Elsässer schreibt seitdem wieder für die Tageszeitung JungeWelt, aber auch für die Parteizeitschrift der Linkspartei.
„Mit Staatsknete wird Multikulti, Gender-Mainstreaming und die schwule Subkultur gefördert, während die Proleten auf Hartz IV gesetzt werden und sich oft auch keine Kita, kein Schwimmbad und keine warme Wohnung mehr leisten können.“ Dieser Satz entstammt nicht etwa einem Artikel der NPD-Zeitung Deutschen Stimme von Jürgen Gansel, sondern einem Text von Jürgen Elsässer, der am 19.09. in der Jungen Welt erschien. Wer sich mit dessen Hinwendung zu einer nationalen Identität beschäftigt hat, wundert sich über solche Aussagen Elsässers schon lange nicht mehr. Er wendet sich seit längerem in populistischer Weise gegen den „US-Imperialismus“ und scheut dabei nicht zurück, Oskar Lafontaines Politik und dessen nationalistische Parolen über die „Inländerfeindlichkeit“ zu verteidigen. Dabei macht er auch vor rechtsradikalen Bewegungen nicht halt. „Zum ersten Mal seit der kapitalistischen Wende 1989/90 kommt in Donald Rumsfelds ‚neuem‘ Europa eine politische Kraft ans Ruder, die mit dem Neoliberalismus brechen will.“ Mit dieser Aussage bezieht sich Elsässer am 06. Juli in der Jungen Welt positiv auf das politische Bündnis zwischen der rechtsradikalen slowakischen Nationalpartei SNS und der sozialdemokratischen Partei SMER. Die SNS war in der Vergangenheit durch die Forderung von Ghettos für Sinti und Roma aufgefallen. Die wundersame Verwandlung des Jürgen Elsässer vom Staatsfeind zum Nationalbolschewisten beschäftigt seit 2006 auch die Antifaschistische Linke. Die Zeitschrift Der Rechte Rand widmete den rechten Tendenzen Jürgen Elsässers und seinen Kontakten zur rechten Presse sogar einen ganzen Artikel. Darin geht es unter anderem um ein fragwürdiges Interview, das Elsässer der rechtsradikalen Zeitschrift Choc Du Mois gab. In der gleichen Ausgabe der Zeitschrift wurde ein weiterer politisch Aktiver interviewt: Jean-Marie Le Pen.
Ortswechsel. Die würzburger Provinz scheint für kritische Stimmen an vermeintlich linker Politik ein unwegsames bis unpassierbares Terrain zu sein. Zumindest hatte das Würzburger Friedensbündnis keine Bedenken, Elsässer für die Vorstellung seines Buches „Angriff der Heuschrecken und globaler Krieg“ am 03. April nach Würzburg einzuladen. Insbesondere die Heuschreckenmetapher und die damit verbundene Personalisierung der Kapitalismuskritik, also die populistische Trennung zwischen gutem schaffenden und bösem raffenden Kapital, ohne das Produktionsverhältnis und den Kapitalismus an sich zu kritisieren, wird von Teilen der radikalen Linken scharf kritisiert. Wenn sich für den Autor „im Zeitalter der Globalisierung […] die nationale Frage neu“ stellt, „auch in Deutschland“, wie es im Buch heißt, dann müsste Linken spätestens bewusst werden, was in Elsässers Hirnwindungen vor sich geht. Die Tage vor der Veranstaltung machte sich jedoch Kritik bemerkbar: Ein „Internationaler Bund zum Schutz der Gemeinen, Vielscheckigen und Wallisischen Heuschrecke“ hatte um den Veranstaltungsort Informationstexte zum aktiven Schutz der Heuschrecken verteilt, die wohl einem Naturkundelexikon entlehnt waren. Am Veranstaltungstag selbst wollten es sich zwei als Heuschrecken verkleidete Elsässer-Kritiker nicht nehmen lassen, die Buchbesprechung anzuhören. Unter „Zirrrrrp!“- Lauten sprangen sie kurz vor der Veranstaltung im Neuen Weg umher. Das bereits anwesende Publikum zeigte sich anfangs durchaus belustigt und hielt die beiden für Einheizer der sensationellen Elsässershow. Dieser ergriff schleunigst die Flucht, als er das Ungeziefer zu Gesicht bekam. Als die Veranstalter bemerkten, dass es sich um Kritiker handelte, wurden diese aufgefordert zu gehen. Dadurch wurde der Zirkus beendet und Elsässer konnte mit seinem eigenen beginnen. Wenn konstruktive Argumente gegen einen linken Nationalismus ihre Wirkung verlieren, ist eine solch skurril-absurde Art von Kritik vielleicht das vernünftigste, was man tun kann.
Elsässer hat in letzter Zeit einen ganz neuen Unterstützer gefunden. So findet Jürgen Gansel, NPD-Mitglied des sächsischen Landtags, durchaus Anknüpfungspunkte zu Elsässer und schreibt dazu am 12.04. in der Deutschen Stimme, das für ihn das „entscheidende […] seine Absage an Randgruppenkult, US-Hörigkeit und Israel-Tümelei, sein Widerstand gegen Arbeitsmigration, Inländerfeindlichkeit, EU-Fremdbestimmung und Staatszerstörung“ ist. Von seiner einstigen Parole „Nie wieder Deutschland!“ hat sich Elsässer Lichtjahre entfernt. „Frei, sozial und national!“ würde da sicher besser passen.
Benjamin Böhm