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Die Bewegung im Iran

Was passiert eigentlich, fragt man sich, im Iran? Dort, verkünden die Nachrichtenagenturen und die Analysten aller Dienste, passiert gar nichts. Die Bewegung ist vorbei, der Umsturz wird nicht kommen, so wie er niemals kommen wird, und nirgendwo.

Die Stille nach dem plötzlichen Aufruhr quält uns, weil sie uns so genau an die Hoffnungslosigkeit und die Monotonie erinnert, die vorher herrschte, und die für eine kurze Zeit unterbrochen schien. Es sah einen Moment so aus, als wäre das Ende einer Fase der Stagnation, des allgemeinen Stillstandes erreicht, die jetzt an die 5 Jahre herrscht, in denen buchstäblich Nichts geschehen ist ausser der langsamen Verschlechterung aller Dinge.

Man kann eine beliebige Tageszeitung von vor 5 Jahren aufschlagen und sie mit einer von vor 2 Wochen vergleichen. Man wird in der Regel keinen Anhaltspunkt finden, welche davon welche ist.

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Aber die Bewegung ist nicht zu Ende. Sie ist unterirdisch geworden, und wühlt weiter. In ihrer ersten Fase, der der grossen öffentlichen Massendemonstrationen, hat sie mehr erreicht, als man ahnen konnte, aber ist aus Gründen, die wir in früheren Ausgaben versucht haben zu analysieren, gescheitert. Sie hat danach ausführlich Gelegenheit gehabt, ihre Taktik zu verändern, sogar ihre Gestalt.

Sie hat in dieser erstan Fase eine grosse Sturmwelle über die Oberfläche dieser Gesellschaft gejagt, und hat danach sich zersplittert, ist scheinbar von der Oberfläche verschwunden, um in den Tiefen die Fundamente des iranischen Systems zu zermürben. Der grosse Sturm ist nicht einfach vergangen, er hat sich auf die Fläche, in die Kleinstädte, die Betriebe, Schulen und Hochschulen, sogar in die Familien verteilt.

Solidarische Aktivisten, die das ganze von aussen betrachten, werden in solchen Fasen dazu tendieren, aufzugeben und sich anderer Dinge anzunehmen; so wie die Tätigkeit des Aktivisten immer nur darin bestehen kann, sich rein äusserlich auf etwas zu beziehen, sich zu solidarisieren oder auch nicht, aber immer nur mit einer Sache, die nicht die seine ist und nicht sein kann. Auch unsere iranischen Exil-Bolschewiki sind nichts anderes als solche Aktivisten; sie werden diese Sache aufgeben, wie Lenin die russische Revolution 1905 aufgegeben hatte, als sie ihn nicht unverzüglich zur Macht trug.

Diesen Gefallen wird, wie ich hoffe, die iranische Revolution unseren heutigen Bolschwiki auch niemals tun.

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Die Bewegung hat jetzt, in ihrer Verborgenheit, bereits schon einige hervorragende Ergebnisse gebracht. Es gibt Gegenden, in denen Vollzugskräfte des Staates nicht mehr wagen dürfen, von ihren Befugnissen Gebrauch zu machen, weil sie sonst spontanen und massenhaften Widerstand provozieren; solche Vorkommnisse scheinen sich auffällig zu häufen, in der Hauptsache in Arbeitervierteln.

Es gab und gibt eine Vielzahl von Streiks, sei es um ausstehende Löhne, die das System nicht mehr in der Lage ist, zu bezahlen; und es gibt ausserdem, wie es aussieht, eine völlig neue Erscheinung, nämlich offenkundig Sabotage durch die Arbeiter, eingesetzt als bewusstes Kampfmittel.

Es gab zuletzt, endlich, einen Streik der Bazar-Händler gegen eine Steuerreform, den man wohl verstehen muss als eine Aktion des Teils der Mittelklasse, die Montazeris Richtung anhängt.

Noch aber reicht die Macht der Pasdaran, die den Staat und die Wirtschaft immer mehr beherrschen, hin, um die Massen zu kontern. In allen Fällen, in denen es zu grösseren Aktionen kommt, schlagen die Pasdaran und ihre Hilfsorgane sofort und gnadenlos zu, und das Proletariat wird es nicht leicht haben, Taktiken zu ersinnen, wie es ihnen den strategischen Vorteil der überwältigenden Feuerkraft aus der Hand nimmt.

Eine Front des Kampfes ist zur Zeit interessanterweise anscheinend völlig offen, nämlich der Kampf der Frauen. Hier hat es das System geschafft, sich auf beispiellose Weise selbst zu blockieren. Keine Fraktion der Herrschenden will es derzeit auf sich nehmen, die öffentliche Durchsetzung der sogenannten Sittsamkeit zu betreiben. Stattdessen schiebt die allgemeine Polizei es der Geistlichkeit zu, die diese Zuständigkeit empört an die nächste unzuständige Stelle weiterverweist, und so fort, bis zuletzt der Präsident zum allgemeinen Erstaunen erklärt, der Staat habe sich grundsätzlich nicht darin einzumischen, wenn zwei Leute, verheiratet oder nicht, zusammen auf der Strasse unterwegs sind. Nicht, dass der grosse Mann plötzlich seine Liberalität entdeckt hätte; sondern dem System ist eines seiner Grundprinzipien, die mehrfache Zuständigkeit verschiedener konkurrierender Unterdrückungsapparate, an einer, vielleicht entscheidenden Stelle einfach aus dem Gleis gesprungen.

Die Konkurrenz der einzelnen Apparate, in der bisher derjenige den Vorteil davontrug, der als erster zugriff, hat sich offenkundig an dieser Front in einen Nachteil verwandelt. Wenn dies so ist, und nicht etwa das dicke Ende noch nachkommt (auch dafür spricht einiges), dann hat das iranische Proletariat einen Weg gefunden, in ein System wie das iranische eine Bresche zu sprengen, und man muss ihm wünschen, das es genau studieren wird, wie ihm das gelungen ist. Zur Zeit kursieren jedenfalls Bilder von völlig unverschleierten Frauen in Tehraner Bussen.

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Ansonsten scheint die iranische Arbeiterbewegung ein wichtiges Hindernis ausgemacht zu haben, das der Zusammenführung ihrer getrennten Kämpfe entgegensteht. Ein grosser Teil des iranischen Kapitals ist in den Händen der Pasdaran, der Repressionstruppe selbst; jeder Streik ruft sofort den bewaffneten Eigentümer auf den Plan, ob er die öffentliche Sicherheit beeinträchtigt oder nicht. Eine verallgemeinerte Streikbewegung ist unter diesen Umständen ohne den sofortigen Bürgerkrieg, oder wahrscheinlicher ohne ein grosses Massaker schwer denkbar.

Wenn aber die Hinweise nicht trügen, die man vorsichtig übermittelt bekommt, dann suchen die Lohnarbeiter in der Sabotage ein vorläufiges Kampfmittel und Ausdrucksmittel, mit dem sie, wenn es gut gemacht ist, sowohl den ökonomischen Effekt eines grossen Streiks gleichsam simulieren, als auch ihresgleichen sich zu erkennen geben könnten.

So etwas funktioniert am wirkungsvollsten naturgemäss in Industrien wie der Erdölindustrie, genau dieser bis jetzt anscheinden für die Opposition uneinnehmbaren Festung, deren Aktion, so wie die des Bazars, nach der gängigen Logik der Analysten unausweichlich, wie 1978, das Ende des Regimes ankündigen muss. Und genau dort werden, zu ihrem Unglück, die Analysten die Sabotage nicht erkennen, wenn sie sie sehen. Die Sabotage, weil sie genau in der Mitte zwischen dem einfachen Versagen der ermüdeten und überanstrengten Arbeitskraft und ihrem genauen Gegenteil, dem Aufstand, steht; in der unerforschten und unergründlichen Zone zwischen der immer krisenhaften Reproduktion dieser Gesellschaft und ihrer Abschüttelung, das heisst: zwischen Schlaf und Wachen; die Arbeitersabotage können sie nicht erkennen, weil sie dazu mehr über die Grundlagen ihrer Gesellschaft wissen müssten, als man wissen kann, wenn man Analyst sein will.

Nach einem verheerenden Brand in einer Erdölanlage, die den Pasdaran gehört, erklärt z.B. ein Arbeiter schulterzuckend die Unzufriedenheit der Arbeiter zur Ursache; und schlägt eine Parallele zu anderen Katastrofen, die Einrichtungen der Pasdaran neuerdings befallen haben, unter anderem den Absturz eines Flugzeuges mit hohen Offizieren, der weithin dem Mossad zugeschrieben wird. Offiziell gilt der Brand als Naturereignis, er soll geologische Gründe haben, aber der Mann sagt: wegen der Unzufriedenheit. Er sagt nicht: wegen der Überarbeitung oder der Ermüdung. Es sind 4 Arbeiter bei diesem Brand gestorben, aber der Arbeiter sagt nichts, was auf etwas anderes als Arbeitersabotage hindeutet.

Ein seltsames Zeugnis; warum sollte er so etwas sagen? Sind es Trotz und Hilflosigkeit? Erinnert sich der Mann an Mossadegh, der dem amerikanischen Gesandten sagte: eher zünde ich das Erdöl an, als dass ich es den Briten zurückgebe? Glaubt er, dass eine Sabotageaktion grauenvoll fehlging? Man wird es nicht so schnell erfahren, bevor man, nach dieser ersten rätselhaften Meldung aus dem Erdölsektor nicht noch weitere, wahrscheinlich ebenso rätselhafte gehört hat.(1)

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Das Exil, das neben lebensrettender Flucht auch noch etwas anderes ist: nämlich Anhäufung aller zu Recht gescheiterten Tendenzen der Opposition, hat sich noch einmal gespalten, und endlich über die israelische Frage. Vorher gab es schon zu Recht die Spaltung zwischen den Linken und den Monarchisten; jetzt haben sich die Linken gespalten, und werden sich noch weiter spalten, weil eine Reihe alter Linker nicht begreifen konnte, dass es nicht mehr 1979 ist und der antiimperialistische Traum schon lange ausgeträumt.

Diese Herren haben es für nötig gehalten, in einem längeren, auch sonst unerträglichen Manifest die palästinensische Intifada zum Vorbild des iranischen Aufstandes erklärt. Auf diese Niederträchtigkeit ist ihnen aber Antwort gegeben worden, ebenfalls aus dem Exil, und mit Worten, denen man anmerkt, dass sie entschiedener gewesen wären, wenn ihre Autoren nicht glaubten, in der Defensive zu sein; nämlich mit einer Verurteilung der palästinensischen Gewaltpolitik und der Erklärung zum Existenzrecht Israels und einer friedlichen Lösung des Konfliktes. Das klingt nach wenig, und ist doch, wenn man die Existenz derer, die es verfasst haben, in Betracht zieht, viel. Sie haben damit die Idiotie der Ganji und Genossen endgültig desavouiert, die das antiisraelische Regime antiisraelisch überschreien wollen.

Sie sprechen immer noch in allgemeinen Redensarten über die Gewaltlosigkeit des Widerstands, als ob der iranischen Revolution die Gewalt erspart bleiben könnte; und als ob die palästinensische Gewaltkampagne plötzlich gerechtfertigt wäre, wenn die iranischen Arbeiter sich eines Tages genötigt sähen, sich zu bewaffnen. Die Autoren des zweiten Briefes sprechen zuletzt, wie die des ersten, nur für sich selbst.

Damit ist aber zugleich zum ersten Male öffentlich den Herren Akbar Ganji und Genossen, der Generation, die die Pasdaran aufgebaut haben, das Recht bestritten worden, für die iranische Opposition zu sprechen. Diese neuerliche Spaltung kann man als Freund des iranischen Aufstandes nur begrüssen, ausser dass man sich deutlichere Worte wünscht, zu denen aber bei den neuen Linken vielleicht der Wille, aber nicht der Mut da ist. Diejenigen, deren Bestrebungen die neuen Linken zu vertreten beanspruchen, werden, wie wir hoffen, diesen Mut haben; sie werden ihn auch brauchen.

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Insgesamt erscheint die iranische Bewegung als erstaunlich unbeschädigt, unfassbar trotzig und auf eine hintergründige Weise kreativ; jedenfalls aber lebendig und voller Zorn. Ich spare mir Bemerkungen über das Treiben der Eliten, ausser der, dass die Fraktionen nicht nur unverändert im Stellungskrieg miteinander liegen, sondern, kaum dass der unmittelbare Choque der Massenmilitanz nachgelassen hat, sogar noch in umso mehr Fraktionen zerfallen ist. Die Gerichtsbarkeit und die Polizei, Geistlichkeit und Pasdaran, Präsident und Parlament, eine Vielzahl eigener Körperschaften sind einander bereits an den Kehlen; das ist normal für einen Staat wie die Islamische Republik, aber die Vehemenz ist neu; sie ist die von Ertrinkenden, die um ein Rettungsboot kämpfen.

Was vor einem Jahr im Iran seinen Kopf gehoben hat, wird das noch einmal tun. Es wird noch etwas dauern, zu lange, aber es hat alles schon zu lange gedauert. Die Trägheit, zu der wir durch die Ereignislosigkeit und Aussichtslosigkeit verurteilt sind, und in der unsere besten Fähigkeiten verkümmern, kann man jedenfalls den Iranern nicht zum Vorwurf machen. Sondern allein uns, die wir unfähig geworden sind, ohne ein leuchtendes Beispiel zu revoltieren. Und hier ist noch nicht einmal die Rede von denjenigen Linken, die so einverstanden sind mit allem, dass sie die Revolution, wo sie ausnahmsweise wirklich ansteht, nur für eine Manipulation des Mossad zu halten vermögen; so als ob, wie bekanntlich die Antideutschen meinen, wirklich nichts gutes auf der Welt mehr wäre, hinter dem nicht der Mossad steckt.

1 Die andere Frage ist, ob man sie verstehen wird, ohne Antideutscher und Operaist gleichzeitig zu sein, was aber unmöglich ist.

Erwiderung auf Ndejra

(auf seinen Beitrag aus hype#15)

Die Höflichkeiten, die mein sehr geschätzter Gegner mir zuteil werden lässt, nehme ich dankend entgegen; in meiner Entgegnung will ich mich auf zwei Dinge konzentrieren, die mir unter vielem nutzlosen in der Debatte untergegangen zu sein scheinen. Vielleicht genügt es ja dazu , ihn nochmals zu einer Erwiderung zu provozieren; und vielleicht gewänne die Debatte dadurch eine gewisse Tiefe, die ihr bisher fehlt.

1. Adorniten, gar Antideutsche: ich habe es nach ausführlichem Studium der Sache dahin gebracht, nicht mehr zu wissen, was das sein soll. Ich kann nur schwer auf Sätze antworten, in denen über diese beiden Personengruppen Vermutungen angestellt oder Urteile ausgesprochen werden. Ich bekäme sonst das Gefühl, ich redete über Gespenster.

„Gewisse Antideutsche“ haben diese oder jene Ansichten über den Nationalsozialismus, das kann sogar sein, aber was interessiert es mich? Ist damit garantiert, dass es sich um auch nur diskussionswürdige Ansichten handelt? Wohl kaum. Das ISF aber „z.B.“ habe erklärt, der Nationalsozialismus sei eine eigenständige Gesellschaftsformation; aber genügt die Ungeheurlichkeit dieses Gedankens, ohne Ansehen eventueller Gründe, um ihn schon zu widerlegen? Wohl kaum.

„Ausblenden lässt sich die Katastrofe nicht“, erklärt Ndejra apodiktisch; aber was soll ich von solchen Sätzen halten, wenn ich doch in einer Wirklichkeit lebe, in der die Katastrofe sehr wohl ausgeblendet ist?

Vor allem in der Linken, wie man weiss, und auch in ihren vernünftigsten Teilen. Man lese doch nur mal in ihren Diskussionsforen nach, und sei es libcom.org oder ähnliches! Man bekommt dort vielleicht einen Begriff davon, was unter „Verblendung“ verstanden werden könnte.

Ndejras Kritik ist nach der einen Seite eine Kritik einer mehr oder minder wahllosen Menge von Einzelansichten. Das ist mässig sinnvoll, soweit sie nicht die Kritik des Ganzen ist, wie es sich meinetwegen in den Köpfen einer bestimmten Schule widerspiegelt.

2. Ndejra zielt auf der anderen Seite deshalb auch auf eine grundsätzliche Kritik der Frankfurter Schule; er will ihr eine Art von Komplizenschaft nachweisen mit dem Denken der Gesellschaft, die sie vorgeblich bekämpfe, und zwar in der Weise, dass sie ausgesprochen oder nicht von denselben Grundannahmen wie dieses ausgehe. Er nennt ausdrücklich das Grundverständnis über die Herrschaft über die Natur und die Herrschaft des Menschen über den Menschen.

Der Vorwurf erstaunt mich immer noch; weil er erstens nicht weiter ausgeführt wird (es müssten sich doch Spuren in Adornos oder Horkheimers Schriften anführen lassen), und zweitens, weil er sich mit dem Gegeneinwand nicht auseinandersetzt, der sich doch aufdrängt: dass gerade diese beiden die Begriffe geschaffen und in Anschlag gebracht haben, die Ndejra jetzt gegen die kritische Theorie einsetzen will.

Nichts gegen die radikale Kritik von allem und jedem! Die Kritik darf vor nichts haltmachen, sie muss sich zuletzt auch gegen ihre eigenen Voraussetzungen wenden; aber mir scheint Ndejras Kritik, gesetzt, sie hätte Substanz, eigenartig ihre eigene Herkunft zu verleugnen.

Hat nicht die kritische Theorie als erste die Naturbeherrschung überhaupt als ein Problem gefasst? Hat sie nicht als erste klar ausgesprochen, dass sich im Drang zur Beherrschung der Natur die Herrschaft des Menschen über den Menschen immer reproduziert, so dass beides als zwei Seiten desselben Verhältnisses verstanden werden muss?

Nimmt Ndejra Anstoss an den Formulierungen, in denen Horkheimer und Adorno die fehlgeschlagene Emanzipation des Individuums zum Subjekt in der Dialektik der Aufklärung beschreiben? Enthalten diese ambivalenten Formulierung seiner Ansicht nach etwa eine Bejahung der Naturbeherrschung, oder machen sie sie nicht gerade zuerst als Problem fassbar, das unlösbar in die Strukturen dieser Gesellschaft eingelassen ist, und nur mit diesen aus der Welt zu schaffen?

Ich habe es immer so verstanden.

3. Ndejra stützt sein kategorisches Urteil über die kritische Theorie auch auf die einfache Ausflucht, die sie beflissenen Studenten zu bieten scheint; er macht aber damit auch die Tür auf zu einer anderen einfachen Ausflucht, und scheint es nicht zu sehen.

Wenn man die kritische Theorie beiseiteschiebt, dann gibt es keinen Grund mehr, sich Rechenschaft abzulegen über die historischen Bedingungen der Vernunft, das heisst der Möglichkeit, überhaupt zu denken; und über den ebenso historischen Prozess der Zerstörung genau dieser Bedingungen. Es ist dann desto leichter, sich um das zu betrügen, was Rosa Luxenburg seit 1914 gefordert hat, nämlich die grausam gründliche Selbstkritik des Proletariats.

In mehr als einer Weise ist die kritische Theorie die Form, und zwar nahezu die einzige Form, in der diese Selbstkritik Wirklichkeit geworden ist. Sie ist nichts, an dem man leichthin vorbeigeht. Ihre Aporien sind noch die unseren. Ihr Programm ist noch lange nicht abgearbeitet, es wird uneingelöst bleiben, solange diese Weltordnung Bestand hat.

Arbeite man also weiter daran! Aber auf einer vernünftigen Grundlage.

4. Hat nicht die Negative Dialektik noch einiges zu bieten, was Ndejra brauchen könnte? Gibt es eine tiefer gehende Ausführung des logischen Problems des Verhältnisses von Allgemeinem und Besonderem, von konkretem Einzelding und abstraktem Begriff? Ist nicht für die anti-politische Tendenz, die Ndejra und ich ja, nehme ich an, teilen, diese Frage von allergrösstem Interesse?

Wenn Adorno die Identität, die den Dingen unter der Herrschalt des Begriffes aufgezwungen wird, als Identität des (Identischen mit dem) Nichtidentischen sichtbar macht: ist das für einen Begriff der Herrschaft oder der Befreiung etwa gleichgültig? Hat irgendein Logiker jemals vorher einen Begriff vom Nichtidentischen auszuführen versucht, vom dem also, was in seinem Begriff gerade nicht aufgeht?(1) Dem also, wovon nie gesprochen worden ist, dem, was in jeder Sprache immer nur verraten und beschwiegen worden ist, dem zertretenen und zerschlagenen, genau dem, was zu befreien wäre?

Können wir uns nicht, allgemein gesprochen, alle Versuche, eine Sprache oder irgendein Mittel des Ausdrucks zu erobern, in die Fuge streichen, wenn wir zu genau diesem logischen Versuch nicht in der einen oder anderen Weise einen Zugang finden?

Die Negative Dialektik ist nicht die grosse Methode. Aber weil ihre Probleme noch die unseren sind, weil seither so vieles nicht passiert ist, enthält sie schon, im wesentlichen, alle Fragen, die sich uns aufdrängen, die wir aber nur mit Mühe wieder aus ihr herauszuarbeiten haben.

Was also ist denn „die wirkliche Bewegung, die den gegenwärtigen Zustand aufhebt“, von der Ndejra redet? Wo sieht er sie? Besteht sie (wenn sie denn überhaupt besteht) unabhängig von der Selbstkritik des Proletariats, die Rosa Luxenburg gefordert hat? Ist sie nicht zwingend zurückverwiesen an eine „Filosofie, die einmal erledigt schien“, aber sich am Leben erhält, „weil der Zeitpunkt ihrer Verwirklichung versäumt ward“? Mehr noch, fällt sie nicht mit dieser in eins? Wenn nicht, um so schlimmer!

(1) Warum bloss hat man nie eine Kritik an der kritischen Theorie gehört, die sich explizit darauf gestützt hätte, die Negative Dialektik immanent, d.h. entlang ihres eigenen (kommunistischen) Anspruchs zu kritisieren?

Frieden? Dass ich nicht lache!

Die Linkspartei hat kein Antisemitismusproblem. Sie ist selbst das Problem.

Von Jörg Finkenberger

Am 19.7.2010 veranstaltet die Linkspartei in Würzburg einen Vortrag, auf dem eine ihrer Bundestagsabgeordneten Propaganda gegen Israel macht. Zu etwas anderem ist die Linkspartei zwar nicht gut; in jeder anderen Hinsicht ist jedenfalls in Würzburg absolut nichts von ihr zu hören; ich weiss nicht, vielleicht gibt es ja auch keine anderen Dinge, die sie interessieren; aber eine Veranstaltung gegen Israel ist für diesen Verein immer gut, sowas zieht ja komischerweise immer. Warum bloss?

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Die Bundestagsabegordnete, eine herzlich unwichtige Person, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, war an Bord eines Schiffes namens „Mavi Marmara“, mit dem eine sog. Hilfsorganisation namens IHH, eine Organisation von Islamisten in der Türkei, versucht hat, die israelische Seeblockade vor Ghaza zu durchbrechen.

In Ghaza herscht, seit einem innerpalästinensischen Bürgerkrieg, die Hamas. Ihre Regierung erkennt Israel nicht an und befindet sich im Kriegszustand mit diesem Staat. Israel versucht seither, in Zusammenarbeit mit Ägypten, die Aufrüstung der Hamas-Regierung zu unterbinden. Zu diesem Zweck gibt es im internationalen Recht das Instrument der See-Blockade.

Eine Seeblockade besteht darin, dass alle eingeführten Güter danach kontrolliert werden, ob sie kriegsverwendbar sind. Diese dürfen beschlagnahmt werden, auch bei Schiffen, die unter neutraler Flagge fahren, und auch in internationalen Gewässern. Das ist nach allegemeiner Ansicht zulässig, ausser bei einem gewissen hamburger Fachhochschuldozenten, der zu Unrecht für einen Experten des Internationalen Rechts gilt, namens Norman Paech, und selbst nach dessen Meinung ist so etwas offenbar nur dann unzulässig, wenn Israel das tut.

Dieser Herr Paech hat irgendwann Verwaltungsrecht gelehrt und hält sich deshalb für einen Völkerrechtler; als Deutscher ist er sowieso allzuständig; und weil er etwas gegen Israel hat, wird er seit langer Zeit für einen Linken gehalten. Er sitzt denn auch dort, wo er hin gehört, in der Fraktion der Linkspartei im Bundestag, und war natürlich auch an Bord der „Mavi Marmara“.

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Die Seeblockade hat aber noch eine Eigenheit: sie ist nur dann zulässig, wenn sie „effektiv“ ist, das heisst, wenn sie ausnahmslos durchgesetzt wird. Das Internationale Recht zwingt also den israelischen Staat, entweder zuzulassen, dass der Iran aus Ghaza einen schwerbewaffneten Vorposten macht, oder aber die Seeblockade konsequent und auch über die Schiffe neutraler Staaten durchzuhalten. Und genau an dieser Schwachstelle setzt die Geschichte an.

Hätte Israel das Schiff durchgelassen, wäre die Blockade unrechtmässig geworden. Israel hätte dann kein Recht mehr gehabt, iranische Rüstungslieferungen zu verhindern. Wusste das eigentlich Norman Paech, der Völkerrechtler? Nach seinen Schriften zu urteilen, versteht er von diesem Fach nicht besonders viel (eigentlich gar nichts), aber konnte es sogar ihm verborgen bleiben, wass er da tat?

Ein Schiff, das mit Unterstützung der türkischen Regierung, und mit deutschen Bundestagsabgeordneten an Bord versucht, eine Seeblockade zu brechen: das hätte man auch anders nennen können, nämlich Intervention. Zwei Regierungen, nämlich die türkische und die deutsche, die zuvor neutral waren, greifen in den Krieg zwischen Israel und der Hamas-Regierung ein, und zwar auf Seiten der Hamas.

Die deutsche Friedensbewegung hat ihre Absicht kundgetan, in einen bewaffneten Konflikt einzugreifen. Und zwar natürlich gegen Israel. Und diese Schande für die deutsche Linke muss nun natürlich gefeiert werden. Die beteiligten Bundestagsabgeordneten müssen jetzt im ganzen Land herumreisen, um sich für ihren Mut feiern zu lassen, und allen erzählen, dass sie sich „wie im Krieg“ gefühlt haben.

Ja zum Teufel, meine Damen und Herren, wo meinen Sie denn, dass Sie gewesen sind? Sie waren doch im Krieg! Sie haben an einer Kriegshandlung teilgenommen! Sie haben die Intervention der Türkei in den Konflikt um Ghaza vorbereitet! Nicht als Kombattanten natürlich, sondern eher in der etwas dümmlichen Rolle des nützlichen Idioten, oder auch des lebenden Schutzschilds.

Sie kommen tatsächlich aus dem Krieg, aber Sie waren auf der Seite derer, die ungerufen in den Krieg interveniert haben, oder, wie man auch sagt, der Aggressoren. Und jetzt erzählen Sie mit Leidensmiene, wie schlimm alles war. Friedensbewegung? Mein Arsch!

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Und was ist denn passiert auf der „Mavi Marmara“? Wissen Sie es? Sie waren, gut versteckt, auf dem Unterdeck. Man hat Sie benützt, Ihre parlamentarische Funktion und Ihren idealistischen Unverstand, aber als Zeugen hat man Sie natürlich nicht gebraucht. Und Sie haben sich auch gerne dazu hergegeben.

Die israelische Armee hat das Schiff geentert, das weder beidrehen noch sich der Kontrolle unterziehen wollte. Dass das passieren würde, musste jedem klar sein, denn damit steht oder fällt die Blockade. Das musste auch den Aktivisten der deutschen „Friedens“-Bewegung klar sein, vor allem ihrem so ungemein fähigen Herrn Professor.

Und man hätte auch wissen können, dass die israelische Armee nie wieder, unter keinen Umständen, zulassen kann, dass ihre Soldaten als Geiseln genommen werden. Haben Sie dagegegen protestiert, dass die gefangenen israelischen Soldaten unter Deck gebracht wurden? Haben Sie vielleicht sogar gegen den völlig aussichtslosen Versuch, gewaltsam Widerstand zu leisten, protestiert, der nur sinnlos Menschenleben gefährden würde?

Nein, ich vergesse, Sie hatten sich ja schon vorsorglich in den VIP-Bereich verbringen lassen, um solcher moralischer Skrupel enthoben zu bleiben. Stimmt es übrigens, dass sie hingenommen haben, nach Geschlechtern separiert zu werden?

Die israelische Armee hat 9 sogenannte Friedensaktivisten getötet, um ihre eigenen Leute zu befreien, die von diesen „Friedensaktivisten“ gefangengenommen worden waren.

Es ging übrigens nie um zivile Hilfsgüter, die nach Ghaza gebracht werden sollten, sondern nach den Worten der Organisatoren von der IHH genau um den Bruch der Blockade. Die Ladung wurde anschliessend in Ashdod ausgeladen und die zivilen Hilfsgüter von Israel auf dem Landweg zur Grenze nach Ghaza gebracht; wo die Hamas-Regierung sich weigerte, sie zu übernehmen. Weil sie sie nicht haben wollte. Der Rest ist Propaganda.

Was für eine Schande für deutsche Linke, was für eine unendliche Schande, an dieser Aktion teilgenommen zu haben. Nach allem, was man schon gesehen hat, ist das nocheinmal ein weiterer Tiefpunkt.

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Ist diese Partei und das Milieu, das sie trägt, eigentlich zu irgendetwas gut? Die grösste Krise des Kapitals seit 1929 ist ausgebrochen; furchtbare neue Kriege stehen am Horizont; die Frage des Überlebens der Menschheit stellt sich in einer furchtbaren neuen Weise. Wenn die Linkspartei auch nur ein bisschen ein Teil der Lösung wäre, und nicht selber ein Teil des Problems, müsste man ihr vorwerfen, in jeder einzelnen Hinsicht katastrofal versagt zu haben.

Da sie aber wirklich nichts ist als eine Kraft der Regression, eine im Wortsinn reaktionäre Kraft, muss man ihr zuerkennen, dass sie alles richtig gemacht hat. Wenn die Geschichte der Menschheit einer Eisenbahn zu vergleichen ist, die auf den Abgrund hinführt, dann braucht es genau solche – nun, nicht Zugführer, aber Servicekräfte.

Mitten in dieser Krise, mit der wieder heraufzukommen droht, woran man bei der Krise von 1929 als erstes denkt, wissen sie nichts besseres anzufangen als Propaganda gegen Israel zu machen. Ja mehr noch: die Kriegspropagande und sogar die Kriegshandlungen der proiranischen Allianz, zu der seit neuerem die Türkei dazugekommen ist, nach besten Kräften zu unterstützen.

Das nennt man ja nicht mehr Antisemitismus, sondern Israelkritik; und ich mag gar nicht mehr fragen, ob irgendjemanden auffällt, wie ausgiebig, ja manisch Israel kritisiert wird, und wie selten etwa Uganda (das liesse sich mit guten Gründen machen). Und ich will auch nicht mehr fragen, was für Gründe das hat.

Die Linkspartei, die keine grösseren Sorgen hat als das, was Israel alles tut oder nicht tut, zwingt mir auf, diese Frage präziser zu stellen: entweder ist Israel tatsächlich das grösste Problem, dass die Menschheit hat (und ich weiss zufällig, dass das nicht so ist), oder die Linkspartei bildet sich das nur ein. Wie nennt man aber ein Denken, dass sich einbildet, ausgerechnet vom jüdischen Staat Israel (und nicht etwa von z.B. Uganda) ginge eine ungeheuere Bedrohung der Menschheit aus?

Diese Partei, dieses Milieu ist heute nicht nur mehr zu nichts gut, sondern in seiner idealistischen Mischung aus Unverstand und Ressentiment direkt gefährlich.

Die Ordnung herrscht in Tehran

Über den iranischen Juni-Aufstand

Anscheinend geht alles weiter; der Aufstand ist vorbei, die ihn gemacht haben, sind auf der Flucht oder gefangen oder tot. Die sogenannte Welt, die nichts ist als ein Monster, hat längst wieder neue Neuigkeiten; es scheint, es war alles nur ein Traum.

Überall arbeitet die grosse Maschine weiter daran, dass vergessen wird, was zehn Tage Wirklichkeit war: der Iran im offenen Aufstand. Szenen, in denen tatsächlich die Aufstände von 2005 in Frankreich und 2008 in Griechenland kollidieren mit der unvollendeten, blutig von den Islamisten beendeten iranischen Revolution von 1978. (1)

Diese glückliche Formulierung beschreibt ausreichend genau, womit wir es zu tun haben: einerseits steht die Revolte vollständig auf dem Boden der bisherigen iranischen Geschichte, indem sie deren Abgründe wieder aufreisst und das, was nach dem Willen der Sieger dieser bisherigen Geschichte vergangen sein soll, wieder an den Tag wirft; andererseits ist die Revolte vollständig heutig, sie teilt mit den bezeichneten neueren Revolten dieselbe innere Tendenz, dieselbe Verlaufsform, denselben Feind; sie zeigt sogar erst die Umrisse dieser neuen Kette von Revolten in ihrem ganzen Ausmass, und weist ihr als erste den Rang einer welthistorischen Tatsache zu.

Die ganze Ordnung der Welt seit der Niederschlagung des 1968er Zyklus, dieser ganze niemals endende Gegenangriff, diese grosse alles umfassende konterrevolutionäre Totalität, wird nunmehr, da der Angriff darauf offen erwogen worden ist, erst sichtbar: in dem Masse, wie diese Ordnung, die man kurz als das bezeichnen kann, was man Normalität zu nennen gelernt hat, als abschaffbar erscheint, verliert sie ihren amorphen Charakter und wird sichtbar als das, was wir den Feind nennen wollen.

Dass dieser Feind noch nicht gesiegt haben könnte: das ist die Hoffnung, zu der der iranische Aufstand berechtigt, und sein Versprechen: dass die verlorenen Kämpfe wiederaufgenommen werden können, dass die Katastrofe, in der wir leben, nicht das Ende der Geschichte sein muss, dass ein Ausbrechen aus der Katastrofe und damit der Beginn der wahren menschlichen Geschichte möglich ist.

1. Wir sehen natürlich, es ist kaum der Rede wert, in der iranischen Revolte mehr und anderes als das Heer derjenigen Spezialisten es tut, die gewerbsmässig diejenige Form von Ignoranz produzieren, die man Information nennt.(2) Diese Leute haben über die Erkenntnisbedingungen in ihrem Beschäftszweig alles gesagt, wenn sie einstimmig erklären, niemand habe diese Revolte vorhersehen können, wo man im Gegenteil nicht anders konnte, als sie vorherzusehen; vorausgesetzt, man sieht das Versteinerte unter der Voraussetzung an, dass es wieder flüssig werden könne, das heisst: vorausgesetzt, man ist kein Spezialist, sondern Revolutionär.

Die Analysten aller Dienste, die Soziologen, die Strategen und die Journalisten, diese ganze Armada erweist sich als nutzlos gegenüber einem ofensichtlichen Faktum, das sie nicht vorhersehen konnten. Die iranische Revolte hat ihnen, für einen kurzen unvergesslichen Moment, das Wort entzogen.

Wir reden nicht von der Elitenkonkurrenz im iranischen Regime, nicht vom Modernisierungsproblem, nicht vom Legitimitätsschwund. Uns interessiert nicht der Orakelspruch dieses oder jenes Ayatallah und nicht die Umtrieben der roten Eminenz. Uns interessiert der unausbleibliche Crash dieses Systems, und dass er nur dann unausbleiblich sein wird, wenn die Revolte ihn unausbleiblich macht; und interessiert die zur Krise radikalisierte Kritik.

Musavi und Ahmadi Nejad, Khamenei und Rafsanjani, interessieren uns nur soweit, dass sie einander auffressen sollen; und dass sie, wie wir wissen, es sofort täten, wenn sie nicht eines fürchten müssten: die Revolte, und dass sie es nur deswegen doch tun, weil sie vor allem eines fürchten müssen: die Revolte.

Die Revolte, sogar das Gespenst der Revolte ist es, ein böser Traum von denen, die das Regime seit 1978 gehenkt und erschossen hat, vor dem sie davonlaufen müssen; der Revolte, die den Zerfall der iranischen Elite, dann den Zerfall der Partei Gottes und zuletzt den Zerfall der Ordnung der Dinge im ganzen Mittleren Osten möglich machen kann, wenn sie siegt. Und sie wird damit diejenige Bühne einreissen, auf der die Menschheit sich im verdrehten Abbild der Konflikte, die sie zerreissen, betrachtet, und das Schauspiel beenden.

2. Eine Analyse des Gefüges der iranischen Macht werden wir nicht schreiben. Aber wir verstehen, dass die unseren eine Landkarte brauchen, um die Ereignisse einzuordnen und die Schlüsse, die wir aus ihnen ziehen, kritisieren zu können.

Nach der Revolution von 1978 löschten der Imam Khomeini und seine Partei Gottes die bürgerlichen Kräfte und die Linke in einem zweijährigen Bürgerkrieg aus und errichteten ihre neue Ordnung. Sie konnten das, weil, wie sich zeigte, die Linke keine gesellschaftliche Kraft mehr repräsentierte. Das Proletariat, das zu führen sie einmal vorgeben konnte, hatte den Pakt im Laufe der 1970er Jahre aufgekündigt, und es war gut beraten daran, denn die Linke hatte nichts zu versprechen als die Hölle der Fabrikgesellschaft auf nationaler Grundlage. Das ist die Wahrheit des Anti-Imperialismus.

Niemand ausser dem Imam, einem Genie der Konterrevolution, wenn je eines war, fiel eine Antwort der Ordnung auf das revoltierende Proletariat ein, das den sofortigen Eingang ins Paradies verlangte. Er verkündete eine abstrakte Erlösung, die das menschliche Glück durchstrich und zusammenfiel mit dem Opfertod im vaterländischen Krieg. Es gelang ihm, die Krise stillzustellen. Gelöst hat er sie nicht.

Die Ordnung, die er gegründet hat, ist ein ständiger Parallelismus zwischen einer Republik, mit Gesetzen und Parlament, und einer islamischen Umwälzung, die nicht vollendet werden kann, und deren Einrichtungen neben dem Staat her bestehen, in ihn eingreifen, im Zweifel ihn bestimmen; eine ständige Gleichzeitigkeit von Republik und Ausnahmezustand.

Die Republik bedarf der Stabilität, Berechenbarkeit, des ruhigen Gangs der Geschäfte. Aber nur die Einrichtungen des permanenten Ausnahmezustands garantieren den Bestand des ganzen Systems. Die Kapitalistenklasse kann den permanenten Krieg und die Mobilisierung der Entrechteten nicht brauchen; aber sie abstreifen, wie eine vergangene Epoche, kann sie auch nicht, denn ohne den Gewaltapparat kann sie nicht herrschen. Die derzeitigen Repräsentanten dieser Partei sind Leute wie Rafsanjani. Die andere Partei ist die Partei der Revolutionsgarden, der Pasdaran.

Die Pasdaran und Ahmadi Nejad sehen in Rafsanjani die Verkörperung der Korruption, die das ganze System eines Tages den Amerikanern verkaufen wird. Rafsanjani und die reformistischen Mulahs sehen in Ahmadi Nejad und seinen Leuten gefährliche Fanatiker, die die Legitimation des Systems in Frage stellen. Beide Seiten wissen, dass die andere Seite auf ihren Tod ausgeht, und beide wissen, dass sie die andere Seite selbst treffen müssen, bevor sie zuschlägt. Aber keine Seite kann zuschlagen, ohne den Obersten Rechtsgelehrten zu beseitigen und damit das ganze System in Frage zu stellen.(3)

3. Das ist die Situation, in der dieses System unglücklicherweise Wahlen abhalten muss.(4) Zur Kandidatur zugelassen wurden wie immer nur erprobte Männer des Systems, ausnahmslos hochrangige Mörder. Einer davon hiess Ahmadi Nejad, ein anderer Musavi: jeder stand für eine der beiden grosse Parteien.

Dass nun die offiziellen Ergebnisse dem einen einen derart unverschämten Sieg zusprechen würden, konnte man tatsächlich nicht wissen, und Gott allein mag wissen, warum seine Partei so ungeschickt manipuliert hat. Dass Musavi die rasende Tollkühnheit besitzen sollte, das Ergebnis nicht zu akzeptieren und „seine“ Anhänger für den nächsten Tag zu einer „Siegesfeier“ aufzurufen, am Abend, auf den Strassen: das hätte man wissen können, wenn man gewusst hätte, wie tief der Riss zwischen den Herrschenden schon ist; wenn man es nicht gewusst hat, weiss man es danach.(5) Dass aber dann mehrere Millionen sich diese Einladung zum Tanz nicht zweimal sagen liessen, das hat man unbedingt wissen müssen. Sie wären auch ungebeten gekommen. Zwei Tage später zeigte Musavi schon, dass er gar nicht in der Lage war, sie zu kommandieren, sondern ihr folgen musste.

Ausgerechnet Musavi, der kalte harte Hizballahi, in der spasshaften Lage, Geisel mehrer Millionen Menschen zu sein, die nicht nur forderten: Nieder mit dem Diktator!, sondern immer mehr: Nieder mit Khamenei!, und das heisst: nieder mit der islamischen Republik. Das hätte er sich nicht träumen lassen, als er noch die Linken hat ausrotten helfen, in den 1980ern.

4. Und nein, das ganze war keine Bewegung für mehr Demokratie, mehr Transparenz, und für eine bürgerliche Ordnung, und schon gar kein von den USA unterstützer Plan des Regime Change, und niemand wird es schaffen, dieser Revolte das lächerliche Epitheton „twitter revolution“ umzuhängen.

Was im Iran ausgebrochen ist, war nicht eine prowestliche „Demokratie-Bewegung“, hier wartet keine Glasnost auf ihren Yeltsin, und auch kein Protest von Studenten mit gutgemeinten Vorschlägen zur Verbesserung des Gemeinwesens, den man, wie in Peking auf dem Tian-a-Men vor 20 Jahren, mit Panzern niederwalzen könnte.

Und nein, es war keine Bewegung der Mittelklasse aus dem Norden Tehrans, keine städtische Bewegung, die an der Mehrheit der Iraner vorbeigegangen wäre, und was des Unsinns allses sonst noch ist, der zentimeterdick über diese paar Tage geschrieben worden ist. Wenn bei Iran Khodro gestreikt wird, während die proletarische Jugend aus der Südstadt zusammen mit den Studenten auf den von brennenden Autos und Banken erleuchteten Strassen Tehrans ihr Fest feiert, dann geht es offensichtlich um etwas anderes als um eine gefälschte Wahl.

Ein gewisser Mulah(6) hat einen grossen Teil dieser Bewegung zu muharibun erklärt, zu solchen, die gegen Gott und seine Gesellschaft Krieg führen; das ist etwas, worauf im iranischen Recht der Tod steht. Und man muss ihm recht geben: wie gross war aber dieser Teil? Hat man tatsächlich für seine Stimme gekämpft, für die Republik, gar für den Kandidaten Musavi? Man hat dessen Einladung angenommen, die Gesten und die Parolen der Revolution von 1978 zu wiederholen; aber hat man sich damit begnügt? Man hat sich damit von Musavi das Recht an der Erbschaft der Revolution abtreten lassen, und man schon hat angefangen, damit ernst zu machen.(7) Als er die Demonstrationen zur Gewaltlosigkeit aufrief und damit zuliess, dass nur die Milizen schossen, hat ihn der grösste Teil verlassen. Das Lager der Revolte ist nicht das Lager seiner Anhänger, und die Konflikte der Elite, zu der er gehört, sind den Revoltierenden schon egal; sie wollen das Ende des Regimes, und sie haben nur vorerst die Schlacht verloren.

Und das heisst: es ist keine politische Macht heute sichtbar, die den Iran nach diesem Regime regieren könnte, und was als grosser Nachteil dieser Bewegung verhandelt wird, dass sie nämlich keinen Führer hatte, wie damals der Imam einer war, das ist für uns ihr grösster Vorteil. Denn die Sache, die heute einzig zu verhandeln lohnt, kann keine Führer haben.

Jede der Mächte ist davor zurückgeschreckt, die Entscheidung zu suchen, weil keine dieser Mächte die Entscheidung überleben würde. Und der einzige Akteur, der die Entscheidung herbeiführen könnte, die in Bewegung geratenen Massen, haben sich von der Bühne zurückgezogen. Aus Gründen, wie man weiss, und nicht für immer. Diese Revolte wird ihre Fortsetzung finden, und bald finden.(8)

5. Was danach kam, war die Repression der Miliz, der Schlägertruppen und der Todesschwadrone. Man weiss nur die Umrisse: aber sie werden sich furchtbar rächen für das, was ihnen getan worden ist. Man hatte sie angegriffen, gleich zu Anfang und ganz offen, ganz gezielt, man hat sogar ihre Kasernern angezündet, sie hatten in den ersten Tagen nicht viel weniger Tote als die Revolte, man hat, was am schlimmsten ist, ihre Macht in Frage gestellt.

Noch weiss man nicht, wie viele von den unseren sie mitgenommen haben, wieviele sie noch foltern, wieviele schon heimlich vergraben sind und wieviele verschwunden bleiben werden. Noch weiss man nicht, ob bei denen, die noch frei sind und am Leben, die Wut schon der blanke Verzweiflung gewichen ist, oder ob sie bereit sind für einen neuen Anlauf.

Aber dass gegen die rechtmässigen Inhaber der Gewalt, gegen die Hüter der Ordnung jede Massregel erlaubt ist, das weiss man bereits.

Die Ordnung herrscht wieder in Tehran; wie lange noch, wie lange! Wir aber erklären, muharibun zu sein, und zu bleiben; das ist unser Gruss an die Genossinnen und Genossen im Iran, unsere Pflicht ist, alles zu tun, dass ihr Beispiel nicht verloren sein wird; und sie nicht allein lassen zu wollen, bis der Tag kommt, wo wir niemanden der unseren mehr alleine lassen müssen.

von Jörg Finkenberger

1 Nach der nicht zu übertreffenden Formulierung der Gruppe um insurrectioniran.wordpress.com.
2 Wenn die Ware das Gegenteil von Reichtum ist, und alles drängt uns, das annehmen zu müssen, dann ist die Information das Gegenteil von Wissen: der informierte Mensch ist derjenige Trottel, der, statt zu verstehen, darauf angewiesen ist, die Produkte der Spezialisten zu kaufen.
3 Ich habe davon abgesehen, diese sehr oberflächliche Darstellung wirklich, mit einer Erörterung der wirklichen Gründe für das iranische Dilemma der Herrschaft, zu vertiefen; ich habe das vor eineinhalb Jahren schon geliefert, http://letzterhieb.blogsport.de/2007/11/29/die-kommenden-revolten-und-ihre-bedingungen/.
Kurz gefasst: das iranische Regime muss versuchen, die zunächst immer unregierbaren Massen zu disziplinieren, und zwar in einer Zeit, in der nicht alle mehr in den Fabriken gebraucht werden können. Das ist seine historische Mission, und wenn es scheitert, weiss niemand, was danach passiert. Es braucht gleichzeitig Krieg, und tiefgreifende Modernisierung, um der Massen Herr zu werden; und das zweite geht nur durch Verständigung mit den USA. Es geht nie beides, und es muss doch beides geben, das erzwingt die Furcht vor den Massen; das Regime muss in zwei Parteien zerfallen, die sich auf den Tod bekriegen und die andere doch nicht besiegen werden wollen, weil sie wissen, dass diese sie mitreisst. Und die es, ich beobachte es aufmerksam, doch vielleicht tut, wenn die Revolte sie dazu zwingt.
Ich habe, übrigens, auch davon abgesehen, die Revolte nach strategischen Gesichtspunkten zu analysieren. Ich zeige kurz auf, was noch zu tun wäre: die Revolte hat sich am Anlass, der Wahl, genüge sein lassen, sie hat den Versuch, sich hinter rein politische Forderungen zu bringen, nicht ausdrücklich zurückgewiesen, sie hat nur symbolisch gezeigt, dass sie nach der Entscheidung gravitiert, und sie blieb vor den alles entscheidenden Punkten stehen: der Bewaffnung und der Besetzung der Fabriken. Die Erdölarbeiterschft ist, das ist vielleicht der entscheidende Mangel, völlig ruhig geblieben. Wahrscheinlich wird einer der nächsten Akte des Dramas, mehr oder weniger erfolgreich, das nachzuholen versuchen.
4 Es ist ein Grundmangel der iranischen Demokratie, dass die Kandidaten vom sog. Wächterrat vorher überprüft und zugelassen werden müssen; in vollends integrierten, dh. vollständig unterworfenen Gesellschaften wie der unseren oder der amerikanischen passiert so etwas spontan, ohne Zutun einer besonderen Stelle. Hier ist Rousseaus Vision schon Wirklichkeit, dass im Wahlakt der einzelne Wähler nicht als Privatmann, sondern gewissermassen als Agent des Gesamtwillens handelt; dass es tatsächlich Leute gibt, die dazu tendieren, den zu wählen, der in Umfragen vorne liegt, lässt sich auch gar nicht anders erklären.
5 Und das musste man wissen! Rafsanjani hat Ahmadi Nejad mit den monfeghin verglichen, den mujahedin e khalq, mit Leuten, die man gehenkt hat; und ist umgekehrt mit ähnlichem belegt worden, zwei Tage vor der Wahl, und die Leute haben gelacht und getanzt dazu auf den Strassen. Wieviel fehlt, und sie erklären sich gegenseitig takfir und verurteilen sich zum Tod?
6 Namens Ahmad Khatami, im zentralen Freitagsgebet, am 25.6.
7 Man hat Allah akbar! gerufen; aber man hat Marg bar Khamenei! dazugesetzt. Das ist das se ut dominum gerere der Revolte: wenn nicht die Republik, sondern die Revolte Erbin von 1978 ist, sind alle Kämpfe wieder offen, und die islamische Republik muss verschwinden.
8 Und der Konflikt zwischen den Herrschenden wird tiefer. Immer noch, und täglich. Es ist ihnen für jetzt gelungen, die Strasse aus ihrem Konflikt herauszuhalten. Es wird nicht bestehen.

Gott ist untot

Zur Kritik der Religion. Von den kommenden Revolten, Teil 6

Seit der letzte bürgerliche Filosof den Tod Gottes proklamiert hatte, reissen dennoch die teilweise bestätigten, teilweise unbestätigten Nachrichten von neuerlichen Sichtungen nicht ab; dergestalt, dass es heute wahrscheinlich niemanden Wunder nähme, wenn in den Zeitungen, unter den übrigen Überschriften, auch die Nachricht vom Wiedererscheinen Jesu über Damaskus vermeldet würde.

Der Atheismus gerät in einer solchen Zeit in die äusserst spasshafte Lage, eine Wahrheit verkünden zu müssen, die niemand hören will oder, wie es sogar scheint, verstehen kann. Dass es keinen Gott gibt, erscheint angesichts der Massen, die finster entschlossen zu sein scheinen, an ihn zu glauben, als absurd, fast diskreditiert; er ist doch eine Realität, wenn auch reiner Wahn.

1
Gott bedeutet nichts anderes als die Knechtschaft des Menschen, weil der Begriff zwei Tatsachen ausdrückt: die, dass der Mensch unfrei, unvollkommen ist; dann die, dass ein freies und vollkommenes Wesen für den Menschen aber denkbar ist. Was denkbar ist, ist aber auch immer möglich; aus der tatsächlichen Unfreiheit und Unvollkommenheit des Menschen folgt zwingend die Freiheit und Vollkommenheit Gottes. Der Begriff Gott erweist sich also als eine verrätselte Abbreviatur eines Begriffes von gesellschaftlichen Herrschaft. Löst man ihn ins Negative auf, erhält man unmittelbar alle Ergebnisse der Religionskritik nach Feuerbach und ganz deutlich den Imperativ nach Marx, alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch und so weiter. (1)

Die Aufklärung, die das Bürgertum im Sinn hatte, hat nun angeblich, nach dem Wort eines zweifelhaften Gelehrten, die Welt entzaubert. Ihre Wissenschaft erklärte, Gott sei eine Hypothese, derer sie nicht mehr bedürfe. Von der Vernunft, die seine Stelle einnehmen sollte,(2) ist aber nichts zu sehen. Die aufgeklärte bürgerliche Gesellschaft entfaltet sich stattdessen nicht nach Massgabe einer allgemeinen menschlichen Vernunft, sondern unter dem Gesetz des Kapitals und des Staates.

Hier lebt die Menschheit nun, unter der Herrschaft eines Gedankendings, das nichtsdestoweniger eine Realität ist, und sogar in einem gewissen Sinne die einzige Realität: denn das Produktionsionsverhältnis des Kapitals, der Wert, der sich selbst verwertet, ist zum einzigen geworden, was an dieser Geschichte noch kontinuierlich ist, zum einzigen Subjekt der Geschichte. Der sich verwertende Wert schreitet durch die Geschichte, die nur noch die Geschichte seiner eigenen Entfaltung ist. In ihm ist Hegels Weltgeist, diese filosofische Fassung des Gottes der Christen, zu einer schrecklichen Wirklichkeit geworden.

2
Der religiöse Fanatismus unserer Tage ist nicht das einfache Fortleben der Religion der Vorzeit, sondern eine Neubildung; die Religion selbst ist erledigt, das Kapital ist ihr Erbe. Die Religion erhält sich aber am Leben, weil ihre Abschaffung misslang. Der Atheismus der bürgerlichen Revolution konnte sie nicht abschaffen, denn man kann die Religion nicht abschaffen, ohne sie, auf eine gewisse Weise, zu verwirklichen. Und die Abschaffung der Religion, in diesem Sinn, ist die Voraussetzung der Abschaffung von Staat und Kapital.

Der Atheismus hat nun an der Religion nicht das fundamentale Rätsel durchzustreichen vermocht, dass der Mensch unfrei, unvollkommen ist, aber frei und vollkommen sein müsste; er hat nur die Existenz Gottes ausgestrichen, die scheinbare Lösung des Rätsels. Er hat jene Auflösung ins Negative nicht betrieben, dass der Mensch die Vollkommenheiten, die er Gott zugeschoben hatte, in sich selbst zurückholen müsste; mit einem Wort, er hat mit dem Begriff Gott auch den Gedanken durchgestrichen, was der Mensch sein könnte. Die Verwirklichung dieses Gedankens wäre die wirkliche Lösung des Rätsels gewesen, nämlich die befreite Menschheit.

3
Jede Religion bedarf einer Mythologie, die auseinandersetzt, warum die Vollkommenheit und Freiheit, die dem Menschen doch denkbar und damit möglich sind, von diesem getrennt sind und allein Gott zukommen. Und keine Religion kann ohne ein Versprechen auskommen, dass diese Trennung, aus deren paradoxer Plausibilität sie doch ihre Kraft bezieht, einmal aufgehoben werden würde. Der Begriff Gott selbst enthält diese Spannung, die allerdings je nach Religion verschieden aufgelöst wird. Die Religion, die Lehre vom wirklichen Elend, erscheint so als Lehre von der vorgestellten Erlösung.

Das bürgerliche Zeitalter, das den christlichen Gott zum Staat und zum Kapital säkularisiert hat, hat sich besonders leicht getan, diese bloss vorgestellte Erlösung zum Spott zu machen; es hat schliesslich auch, aus der christlichen Religion, die Vorstellung übernommen, Gott, der erlösende, wirke bereits in der Geschichte. Aus dem Hereintreten eines Mensch gewordenen Gottes in die menschliche Geschichte, als Erlöser, ergab sich schon immer die schliessliche Erlösung als Gewissheit, als unabwendbare Tatsache, auf die die Geschichte hindränge. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, in der Idiotie des Glaubens an einen Fortschritt noch die Figurationen des christlichen Heilsgeschehens am Werk zu sehen; ein weiteres Zeichen, wie wenig diese angeblich so säkularisierte Welt von der Theologie sich emanzipiert hat.

Die christliche Lehre von der Erlösung, wie sie in Gegensatz zur jüdischen Lehre tritt, erklärt die Erlösung für eigentlich schon geschehen, den Zwiespalt zwischen der erlösungsbedürftigen Schöpfung und dem Gesetz, unter dem sie steht, schon für aufgelöst. Dem gegenüber entwickelt sich in den gleichen Jahrhunderten die jüdische Lehre dazu, an dem Gegensatz als einem unversöhnten festzuhalten. Der Islam hat später versucht, in diesem historischen Gegensatz als Synthese aufzutreten; aber in der entscheidenden Frage, ob nämlich Jesus der Messias gewesen sein soll, hat er sich auf die christliche Seite geschlagen.

4
Die Infamie der dreisten Behauptung, der Messias sei schon gekommen, ist für die Zwecke, die die Kritik der Religion verfolgt, keineswegs nebensächlich. Es zeigt sich nämlich, dass aus der christlichen Lehre kein Begriff der Erlösung zu gewinnen ist, der von dieser Grundlüge nicht betroffen wäre. Die christliche Lehre, für die die Erlösung nicht etwas ungewisses, erwartetes ist, sondern etwas gewisses und zwangsläufiges, spricht nicht nur unmittelbar das jetzt bestehende Elend selbst schon heilig; sie verspricht in letzter Konsequenz auch nicht die Aufhebung des Gesetzes, das den Menschen von seiner Vollkommenheit trennt, sondern sie erklärt es schon für aufgehoben.

Die ganze junghegelische Schule der Religionskritik bis hin zu Marx, die das Christentum für die äusserste Entfaltung der Idee der Religion gehalten hat, hat ihren Gegenstand verfehlen müssen. Das Christentum ist unterhalb der Kritik,(3) es ist gleichzeitig noch ein heidnischer Opferkult und schon ein abgefeimter Betrug um den einzigen Gedanken, den die Religion der Menschheit hätte schenken können: dass sie im Elend lebt, aus dem sie befreit werden müsse.

Die jüdische Lehre allein hat am untröstlichen Gedanken festgehalten, dass der Messias noch nicht gekommen ist. In dieser übrigens unwiderleglichen Gewissheit bewahrt sich ein Bewusstsein davon auf, was für ein radikaler Bruch mit der bisherigen Geschichte das Kommen des Messias und die Erlösung sein müssten; und um so mehr, wie wenig zwangsläufig dieses Kommen des Messias sein kann: es kann jederzeit geschehen, von einer Sekunde auf die andere, es tritt wie von aussen in die Geschichte ein. Die Geschichte ist nicht die einer zwangsläufigen Entwicklung zur Erlösung vom Elend, sondern sie wird sichtbar als das Elend selbst, von dem die Menschheit erlöst werden müsste.

5
Der heutige religiösen Fanatismus drückt heute sehr wohl noch das wirkliche Elend der Menschheit aus, aber längst nicht mehr auch nur eine illusionäre Erlösung. Zur wirklich massenhaften Plage eigenen sich, wie man deutlich sieht, nur diejenigen Religionen, die genau um den radikalen Bruch mit der bisherigen Geschichte betrügen, der auch für eine nur vorgestellte Erlösung heute denknotwendig wäre. In den apokalyptischen Vorstellungen der heutigen Fanatiker spiegelt sich nicht der befreiende Bruch, sondern wird die Katastrofe, auf die die Welt ohnehin hintreibt, ausdrücklich heiliggesprochen.

Die radikale Kritik, der es selbst genau um den Bruch mit aller bisherigen Geschichte, die zu den Katastrofen treibt, zu tun ist, wird dagegen viel von der jüdischen Lehre zu lernen haben; ihre Lehre vom Messias, der erst kommen soll, ist ja bereits der religiöse Traum von einer Sache, von der die Menschheit nur das Bewusstsein haben müsste, um die Sache selbst zu haben. Walter Benjamin hat in seinen Thesen zur Geschichte das nötige gesagt, es hat nur niemand gelesen, und die es gelesen haben, haben es nicht verstanden.(4)

Die Revolution wird, wenn die die bestehende Herrschaft abschaffen will, auch die vergangenen Kämpfe wiederaufnehmen müssen, sie wird die bestehende Herrschaft nicht besiegen, wenn sie nicht auch alle vergangene Herrschaft überwindet, alle vergangene Gewalt ungeschehen macht, alles Zerschlagene zusammenfügt; die Revolution findet sich also, kurz gesagt, vor der Herausforderung, das Programm des Messias erfüllen zu müssen, nämlich die Auferstehung der Toten, und das ewige Leben.

Dieser völlig wahnsinnige Anspruch kann aus denselben Gründen nur in Begriffe der Theologie gefasst werden, wie Marx in seiner Kritik des Kapitals auf solche zurückgreifen musste; das ist kein Zufall, und eine Revolte, die unterhalb dieses wahnsinnigen Anspruchs bleibt, wird nicht bestehen. Die Revolte hat sich als der wahrhaftige Messias zu begreifen, ja sogar jeder einzelne, der an ihr teilnimmt,(5) nur so wird sich ein radikaler Begriff der Befreiung aus der Verklammerung mit dem Religiösen retten lassen; es gibt in diesen Zeiten keine anderen Worte als diese; erst der wahre Messias, der niemand anders sein kann, als die ganze Menschheit selbst in dem Moment, in dem sie sich befreit, wird die verrückten Profezeiungen erfüllen und die erfüllte Zeit einleiten, in der nicht Gott, sondern der Mensch wirklich das höchste Wesen für den Menschen ist.
Anmerkungen

1 …in denen der Mensch ein verlassenenes, geknechtetes, verächtliches Wesen ist, Marx, Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsfilosofie.
2 Genosse Anaxagoras Chaumette hat sie damals in einer, glaube ich, sehr geschmackvollen Zeremonie inthronisieren lassen. Es war freilich gar nicht die wirkliche Dame Vernunft, die auf dem Thron in der Kathedrale de Notre Dame Platz nahm, wie man heute weiss, sondern eine Schauspielerin. Die Vernunft selbst ist unbekannten Aufenthalts.
3 Aber sehr wohl ein Gegner, den es zu treffen gilt.
4 Walter Benjamin, Thesen zum Begriff der Geschichte, www.google.com
5 Um heute an die einfachste Sache der Welt auch nur zu denken: dass man in die Revolte eintreten könnte, dazu bedarf es eines an Grössenwahn grenzenden Selbstverständnisses, das demjenigen gleichkommt, sich selbst für den Messias auszurufen. Was aber garantiert uns, dass wir es nicht sind?

Von Jörg Finkenberger

Zum Ende des Autonomen Kulturzentrums Würzburgs

Eine notwendige Richtigstellung

Das Insolvenzverfahrens über das Vermögen des Vereins für Bildung und Kultur Würzburg e.V. ist eröffnet, das akw! ist offiziell insolvent. Und schon haben sich im offiziellen Kulturbetrieb der Stadt Legenden darüber gebildet, woran es gelegen haben dürfte, und insbesondere natürlich, wer zuletzt daran schuld war.

Denn es ist ja eine mittlere Katastrofe für ein verschissenes Kaff: diejenige Location, in der sich der alternative Teil des studentischen Milieus seit Anfang der 90er gesellig die Laternen ausknipsen durfte, ist jetzt zu. Hier haben einige den besseren Teil der Vortäuschung ihrer wilden Jugend verbracht, bevor sie wurden, was sie sind.

Wer keine teuren Erinnerungen an eine vergangene Jugend braucht, wer den Hass und die Beweglichkeit nicht verlernt hat, wird der Bumsbude in der Frankfurter Strasse keine Träne hinterherweinen müssen. Zuletzt war es sowieso nur noch eine Quälerei. Und schon vor zweieinhalb Jahren, als der Verfasser dieser Zeilen die Ehre hatte, ein Vierteljahr im Vorstand des Vereins dabeizusein, hat man sehen können, dass es zwecklos ist. Damals wäre wohl der richtige Zeitpunkt gewesen, zuzumachen.

Damals, 2006, hatten wir den Vorstand übernommen, nachdem der damalige Erste Vorsitzende mit dem Rest seines Vorstandes zurückgetreten war. Der Laden, den wir übernommen haben, war so verschuldet, dass wir schon damals geprüft haben, ob wir verpflichtet sind, Insolvenz anzumelden; der Laden war hoch verschuldet, die Reserven aufgefressen, und der Investitionsrückstand war auch ganz beträchtlich. Es war ganz einfach im Durchschnitt seit 2004, und zwar sich zyklisch verschärfend, weniger Geld reingekommen als rausgegangen war, und darauf wurde in verschiedener Weise falsch reagiert.

Ein Laden wie das akw! betreibt grundsätzlich Wertschöpfung wie folgt: Bier zu Einkaufspreisen wird durch Bespielung mit der Art von Kultur, die die Kundschaft mag, veredelt zu Bier zu Thekenpreisen. Die geheime Zutat, die den Preisaufschlag (der ca. 200% betragen sollte) rechtfertigt, ist genau das kulturelle Profil. Kultur und Bier kommt rein, Pisse und Mehrwert (aus dem die Löhne und die Zinsen gezahlt werden) kommt raus.

Man verzeihe meine rauhe Sprache angesichts einer rauhen Realität, aber süsslich tun war nie meines, und abgesehen davon ist die Zeit dafür vorbei.

Der vorherige Erste Vorsitzende hat zunächst den grundsätzlichen Fehler begangen, die Linie, die er dem Laden auferlegte, nicht aus dessen Profil zu entwickeln, weniger süsslich ausgedrückt: er war des Irrtums, dass es dem Laden egal sein könnte, was für Musik man dem Bier zusetzt, wenn sie nur insgesamt genug Leute zieht, durch deren Nieren das Bier wieder zu Pisse wird. Er hat aber übersehen, dass das akw! steht und fällt mit einer Stammkundschaft, die gehalten, und ständiger Neukundschaft, die erst einmal kulturell erzogen werden muss (ja, erzogen. Ein Laden wie das akw! hat niemals einfach spielen können, was das Publikum sich so wünscht. Er lebt davon, es auf gewisse Weise herauszufordern.) . Wer aber ernsthaft „Knorkator“ ins akw! holt, muss sich über nichts mehr wundern. Es begann das Stammpublikum massiv wegzubleiben und die Neukundschaft derart beliebig zu werden, dass man sich wirklich auf das Niveau herunterbegeben hatte, mit dem Zauberberg und dem Labyrinth konkurrieren zu müssen; eine Konkurrenz, die für das akw! nur ruinös sein konnte. Das akw! hat eine Marktlücke abseits des main streams, oder es hat keine.

Wir haben das alles schon Ende 2005 gesagt. Damals konnte man noch drüber streiten.

Er war des weiteren unfähig, mit den alten Mitarbeitern des akw! umzugehen. Er hielt sich einfach für den Chef. Befehlen kann man anderswo, vor allem, wo einem der Laden gehört. Im akw! holt man sich damit gelegentlich Streit ins Haus, vor allem dann, wenn man unrecht hat, was ja gelegentlich vorkommen soll. Dann kann man natürlich die entsprechenden Mitarbeiter auch einfach rausschmeissen, solange, bis man selber vom wirklichen Chef, der Vereinsversammlung, rausgeschmissen wird.

Zuletzt war er unfähig, die Notbremse zu ziehen, als es noch Zeit war. Stattdessen wurde weitergemacht, bis es schon lange zu spät war. Man hätte es wahrscheinlich abwenden können, aber er war dazu nicht der richtige.

Die nach ihm kamen, haben es ja auch nicht geschafft, eine konsistente Linie zu entwickeln. Sie waren aber auch, was für ihn nicht gilt, durch die finanzielle Lage an Händen und Füssen gefesselt. Eigene Fehler haben sie natürlich auch gemacht.

Man muss bedenken, dass nicht nur viele unter ihnen sind, die z.B. Indie für eine Musikrichtung halten (also im Grunde für etwas weicheren Rock) statt für ein ökonomisches Segment (independent, dh unterhalb der major-Label). Die Qualität des Publikums war dann auch danach. (Hauptsach, sie tanzen, pflegte der weisse Wal zu sagen, wie er so vieles zu sagen pflegte.)

Sie haben aber durch unbezahlte Arbeit eine ganz konsiderable finanzielle Entspannung geschafft, und waren zunächst auf dem Wege einer wirklichen Besserung, bevor ihnen eine unvorhersehbare Nachforderung der Stadtwerke das Genick gebrochen hat. Und schon erzählten gewisse Idioten in Würzburg (und das akw! war noch gar nicht tot!), dass diese angeblich unfähigen neuen Leute das akw! zu Grunde gerichtet hätten. Unter dem vorherigen Vorstand wäre es ja noch gutgegangen.

Witzig, denn der Schuldenstand, den wir damals übernommen haben, hat sich eigentlich gar nicht besonders erhöht. Die jetzige Insolvenzlage des akw! gab es genausogut schon vor zweieinhalb Jahren, und wir hätten damals Insolvenz anmelden müssen; wenn, ja wenn nicht die Gläubiger selbst, zu deren Schutz es das Insolvenzrecht ja gibt, darauf verzichtet hätten und uns gebeten hätten, weiterzumachen. Ich wusste damals bald nicht mehr so ganz, weswegen man das eigentlich macht, für die Zinsen der Bank, und um die Blösse der Stadt zu bedecken, oder für uns, und bin dann auch wieder raus; andere haben weitergemacht, irgendwann hat es sie eingeholt. Hätten sie es zuletzt besser machen können? Sicherlich. Hätten sie eine Chance gehabt? Ich glaube nicht.

Jörg Finkenberger

Die Liebe und ihr Gegenteil

Die Liebe ist gleichzeitig Protest dagegen, verlassene, verächtliche Wesen zu sein, und Ausdruck der Zustände, die die Einzelnen genau dazu machen. Sie ist einerseits die bloss teilweise, illusorische Aufhebung der Verlassenheit, und gleichzeitig ihre wirkliche Bestätigung; sie kann die Trennung zu einem Menschen nicht einmal teilweise aufheben, ohne zum Werkzeug der Trennung zu allen anderen Menschen zu werden. Dabei ist das letzte nicht einmal nur der Preis, mit dem das erste erkauft wird, es wird immer mehr zum eigentlichen Zweck des Geschäfts.

Die Liebe wird damit nicht mehr nur bloss illusorisches Mittel der Befreiung von unerträglichen Zuständen, sondern selbst Grund ihrer Fortdauer; nicht mehr unzulängliche Tröstung, sondern das Produktionsverhältnis des Unglück selbst. Sie wird dies in dem Masse, in dem sie den Charakter eines plötzlichen Wahnsinns und Fieberschubs ablegt und zu dem beizutragen anfängt, was der bürgerliche Zynismus „vernünftig werden“ nennt.

Sie spielt damit zuletzt eine katalysatorische Rolle bei der sogenannten Reifung des sogenannten Charakters, also der Karriere von der unfreiwilligen Unfreiheit des Kindes zur freiwilligen Unfreiheit derer, die deshalb Erwachsene heissen, weil ihnen keine Entfaltung mehr möglich ist. Nicht zuletzt fängt sie einen guten Teil dessen, was der „Jugend“ als „Rebellion“ zugestanden wird, im unglaublich dummen Triumf darüber auf, doch noch unvermutet selbst zu genau dem geworden zu sein, was an den eigenen Eltern einmal verächtlich, mindestens bedauernswert war.

Die steinige, aber unvermeidliche Wegstrecke zwischen zwei Fasen der Unfreiheit, von Familie zu Familie, ist diejenige einer mehr oder weniger kurzen Zeit der sexuellen Freiheit, die dem ganzen das Aussehen von etwas selbstgewählten gibt; wo doch, wenn man nur die Kraft hätte, die Augen offen zu behalten, der ganze langweilige Prozess von Anfang an nicht einmal den Anschein von Selbstbestimmung hat. Dazu ist die traumwandlerische Sicherheit zu offensichtlich, mit der die Liebe ihre Schritte setzt; von Anfang an ist sie ein Schatten der Ehe und der Familie, als deren Einübung oder Ersatz.

Dieser Weg wird zurückgelegt in einer quälenden Bewusstheit, in der sogar noch die kurze Zwischenzeit einer angeblichen sexuellen Freiheit selbst inszeniert ist als diejenige „Jugend“, an die man sich später einmal zu erinnert hofft und an der man in der Einsamkeit der Beziehung seine Gedanken wird wärmen können. Gleichzeitig ist sie selbst die Einübung dieser Einsamkeit, in der man den Verzicht und Entsagung kennenlernt, die man später noch brauchen wird. Ein anderer, eigener Sinn kann dieser Zwischenzeit nicht unterstellt werden. Dazu ist sie viel zu beschissen.

Diese „Jugend“, der das Versprechen der Freiheit anhängt wie ein Dreck, ist eine Rebellion, von der man weiss, dass man sie verraten wird, sobald man sie erst kennenlernt, denn man kann nicht übersehen, dass das Versprechen ein Betrug ist. Die versprochene Freiheit wird nicht gewährt werden. Sie realisiert sich nur in der immerwährenden Konkurrenz um Sex, der von jeder auch nur mitmenschlichen Liebe so leer ist wie die gespenstischen Diskos, auf deren Marktplätzen diese Konkurrenz ausgetragen wird.

Über diese angebliche Freiheit braucht kein Wort verloren werden. Niemand ist dazu fähig. So geizig sind wir mit uns, dass uns Liebe, Nähe nicht möglich ist ohne den Ausschluss aller anderen von der nächsten Nähe zu unseren Herzen; weil die Ausschliesslichkeit, so verblendet sind wir, die einzige Form ist, in der wir uns gestatten, unsere eigene Einzigartigkeit und die des anderen zu sehen und zu lieben, wie sie geliebt werden müsste, wenn sie nur richtig gesehen wird. Und so verwirklicht sich unser Reichtum als Armut und unsere Sehnsucht als Verzicht; was wir in uns trügen, die ganze unerschöpfliche Liebe, verkümmert mit uns.

Mehr noch, so ökonomisch gehen wir mit uns um, dass die ausschliessliche Nähe der Körper zum Pfand werden muss für die Ausschliesslichkeit der Nähe der Seelen; zu genau wissen wir alle, wie wir funktionieren, zu genau wissen wir, wie man geliebte Menschen verliert. Die Sexualität ist nicht frei, alles andere als das, sie ist Sklavin unserer Ängste und schlimmen Träume.

Was heute Liebe heisst, ist für gewöhnlich ihr Gegenteil. Sie ist die Flucht vor der sicheren Gewissheit, verloren zu sein, die sich um den Preis erkauft, freiwillig nein zu sagen zu dem grossen, weltumfassenden und völlig wahnsinnigen Unterfangen, was wirklich Liebe zu heissen verdiente, und von dem man weiss, dass man es doch nie erleben wird.

Sie ist die grosse Lehrerin der Disziplin der Körper. Sie ist die Macht, die aus Begehren Reihenhäuser wachsen lässt. Nicht der mächtigste Dämon im Pantheon der Macht, sicher, aber ein unverzichtbares Element der Herrschaft.

Die Vertrautheit und Nähe sind nur die andere Seite der Trennung, die zwischen den Menschen herrscht, und die um so bewusster und um so unnachgiebiger nachgezogen werden kann. Nichts ist brutaler und gleichgültiger als ein „glückliches Paar“. Nichts ist ein grösserer Verrat an alledem, was als flüchtiges Glück einmal die Alpträume einer unruhigen Jugend beleuchtet hat. Die verdiente Strafe dafür ist, einmal selbst Kinder auszubrüten, denen gegenüber man die Autorität zu vertreten hat, wie man es gegen sich selber eingeübt hat.

Wenn es wenigstens amour fou wäre, ein flackerndes Irrlicht am Rande des Weges, trügerisch und verheissungsvoll, aber wenigstens ein wahrer Reflex des Glückes, weil es ganz und gar nicht von dieser Welt zu sein scheint; wenn es uns wenigstens irre machen würde statt verständig. Wenn es wenigstens noch die Gefahr mit sich brächte, sich selbst zu verlieren, statt nur die selbstzufriedene Gewissheit, sich selbst ganz zu besitzen. Wenn es wenigstens nicht so allzu offen gesellschaftlich nützlich wäre wie sonst nur die Arbeit.

Das Glück ist flüchtig, weil wir eingesperrt bleiben. Eine blanke Tatsache, immerhin, das kann man zur Kenntnis nehmen, aber für das Paradies braucht man sowas nicht ausgeben. Das „kleine Glück“, das die Innenminister schützen, ist das Gefängnis selbst. Es gibt überhaupt keinen Anlass, besonders romantisch zu glotzen.

Von Jörg Finkenberger

Φρóνιμον ἔστι τὸ πῦρ (1)

Zur Bewegung in Griechenland

Es liesse sich sagen, dass die neuerlichen griechischen Ereignisse, ob nun ganz oder zum Teil, einige in diesem Heft bisher geäusserte Thesen beweisen (2). Gerade so gut liesse es sich übrigens auch umgekehrt sagen.

Wieder, wie zuletzt 2005, redet eine ganze Weile niemand von etwas anderem, und wieder formiert sich eine auf subtile Weise gemeinsame Front derer, gegen die sich die griechischen riots ihrer innersten Tendenz nach richtet: das ganze Geschmeiss von links bis rechts, von Sozialarbeitern bis Polizisten.

Das erste gemeinsame Interesse dieser Front ist die unbedingte Wahrung des status quo, ihr erstes gemeinsamen Mittel, der Bewegung falsche Motive unterzuschieben. Wenn die Linke, weil sie es gerne so hätte, die Bewegung für eine nur leider etwas zu unpolitische Bewegung gegen den „Neoliberalismus“ hält (und gegen deren angebliche Mängel, die in Wahrheit das beste sind, sich selbst als Remedur anbietet), dann erklärt die Rechte, im letzten zu Grunde läge der Sache der Verfall der Werte, der Sicherheit und der Verlässlichkeit, denn nur diese könnten Jugendlichen eine Perspektive bieten (gegen welchen Verfall sich die Rechte selbst als Remedur anbietet).

Die Linke fälscht die Motive, um die Bewegung zu beherrschen, die Rechte, um ihre Gegner zu einigen. Das ist sehr natürlich, zu genau diesen Zwecken hält sich der Staat diese beiden Alternativen.

Grund genug für diejenigen, die sich dieser Bewegung verbunden fühlen, ihre wahren Motive darzulegen. Es zeigt sich jedoch bei näherer Betrachtung, dass die wahren Motive bereits offen zu Tage liegen, und selbst von den verzerrten und verständnislosen Versionen, die in der offiziellen Presse umlaufen, nicht ganz ausgetilgt werden konnten.(3)

Die unaufhaltsame Logik, mit der die Bewegung nach der Tötung eines 15jährigen durch die Polizei dahin übergriff, gezielt und liebevoll genau die Innenstädte zu verwüsten, zeigt ein erstaunlich scharfes Bewusstsein der gesellschaftlichen Totalität. Sie hat sich nicht, wie es eher linke Blätter auch gerne berichtet haben (weil sie es eben gerne so hätten), auf die Niederlassungen grosser Banken und Konzerne beschränkt; offensichtlich teilt sie nicht das idiotische Verlangen der Linken, das Volk gegen das grosse Kapital zu einigen, sondern erkennt in der Einrichtung der Stadt eine direkte, steingewordene Verlängerung der Gewalt des Staates, und in öffentlichem Raum und privatem Eigentum nichts als die eigene Enteignung.(4)

Diese überraschende Überschreitung des Horizonts einer selbst versteinerten autonomen Linken fällt zusammen mit einem Ausgreifen der Bewegung weit über die Ufer dieser autonomen Linken. Die Bewegung war von Anfang an von der autonomen Linken emanzipiert; man darf sich gewiss sein, dass sie mit ihrem langsamen Rückgang wieder in die Schranken der autonomen Linken gezwängt werden wird; man ersieht daraus, in welchem Masse die autonome Linke ein Fänomen der Konterrevolution ist.(5)

Die Bewegung folgt keiner politischen Lehre, keiner der hergebrachten vorgefertigten Tendenzen, sie ist überhaupt nicht politisch, sowenig sie ökonomisch ist. Sie ist keine Folge der Krise, sie ist die Krise selbst. Mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit holt sie das Gründungsverbrechen der heutigen griechischen Gesellschaft, den Militärputsch von 1967 und die Diktatur bis 1974, wieder in die Gegenwart, indem sie tastend auf den Ausnahmezustand zu drängen scheint; sie sieht an der Gesellschaft überhaupt nur ihr wahres Gesicht, das Bürgerliche Gesetzbuch ist ihr eine nicht weniger deutliche Hieroglyphe der Herrschaft ist als der Militärputsch; sie scheint es vorzuziehen, den einmal verlorenen Kampf noch einmal zu führen, um ihn diesmal zu gewinnen, statt sich von der Republik mit der Drohung der Diktatur weiter erpressen zu lassen.

Sie beweist damit ein Wissen über den Staat und das gewaltsame Zustandekommen seiner Gesellschaft, über den Zusammenhang von Souverainität und Staatsstreich, und ein Geschichtsbewusstsein, dass im heutigen Europa ohne Beispiel ist. Damit qualifiziert sie sich als das erste Leuchtfeuer der kommenden Revolten; denn keine Revolte kann sein, die nicht vom Bewusstsein getragen wird, dass die Aufgabe darin besteht, den „wirklichen Ausnahmezustand“ herbeizuführen, von dem Walter Benjamin spricht (6).

Dass die Bewegung in Griechenland zum wirklichen Ausnahmezustand nicht vordringen konnte, ist ihr nicht vorzuwerfen; wäre sie stark genug gewesen, den Staat zu einer Erprobung seiner Souverainität zu zwingen, hätte sich das Gesicht nicht nur dieses Kontinents verändert. Die Regierung hat sich freilich auffallend klug herausgehalten; man darf annehmen, nicht ohne sich mit den Regierungen des Kontinents beraten zu haben.

Und mehr noch als das: in Griechenland hat sich das Proletariat eine Form des Widerstands geschaffen und gleichzeitig allgemein bekannt gemacht, die als einzige avanciert genug, resistent genug, modern genug ist, um universal zu sein; universal in dem Sinne, dass sie einerseits die Umrisse des Proletariats als einer rächenden Klasse wieder sichtbar machen kann, und dass dieses Beispiel, wie durch eine allgemeine Sprache, überall unmittelbar verständlich ist.(7)

Der offene Ausbruch der Krise in der Ökonomie stellt der Herrschaft, der Gesellschaft, die Aufgabe, sie zu bewältigen; das, was auseinanderstrebt, wieder zusammen zu zwingen; die Revolte in Griechenland hat zum erstenmal ausgesprochen, dass das auseinanderstrebende sich gegen den Zwang zur Wehr setzen könnte. Sie hat als erste die Krise nicht als ein Verhängnis gezeigt, dem man stumm sich zu fügen hat, sondern als das andere, das seiner selbst noch nicht bewusste Gesicht der Revolte; welch letztere die wirkliche finale Krise des Kapitals sein kann, wenn man es nur endlich will. (8)

Von Jörg Finkenberger

1 Nach Heracleitus, DK 17 B 64a.

2 Man vergleiche hierzu die Reihe „Über die kommende Revolte“, die seit #2 im letzten hype weiterführt wird.

3 Manche eher rechten Teile der Presse erfinden natürlich ganz speziell griechische Gründe, um sich zu versichern, dass das ganze vielleicht ein Problem der griechischen Gesellschaft sei, aber ganz sicher niemanden sonst beträfe. Etwa den Klientelismus, die Abhängigkeit der einzelnen von einflussreichen Beziehungen – wir sagen lieber: Rackets –; aber sie können natürlich nicht erklären, wie derartige partikulare Herrschaftsformen zu einem allgemeinen Widerstand führen sollen. Unter der Hand machen sie den realen Aufstand gegen den Staat und die bürgerliche Gesellschaft zu einem Aufstand für den Staat, nämlich gegen seine Korruption. Die libanesischen oder ägyptischen Verhältnisse lehren uns anderes. – Oder aber: die Inflation habe die Waren unerschwinglich gemacht, wie ein besonders schlauer meinte, der sich damit die Revolte gegen die Warenanhäufung erklären will. Aber wieviel ist tatsächlich geplündert worden? Er hat es nicht untersucht.

4 Es ist den Linken, wie man sogar zB auf libcom.org sehen kann, vorbehalten geblieben, hier eine besonders grelle Episode im Verteidigungskampf um Arbeiterrechte zu sehen. Diese Leute, Aktivisten der Theorie, können aus der unstreitigen massenhaften Beteiligung von Lohnabhängigen nicht klug werden, wenn sie ihnen nicht im weitesten Sinne gewerkschaftliche Ziele unterschieben. Letztlich sind solche Deutungen nichts anderes als gutgemeinte Vorschläge an die Herrschaft, wie die Situation wieder zu befrieden sei. Ein Proletariat aber, das seine Gefängnisse, die Städte, zu zertrümmern begänne, wäre schon jenseits der Reichweite solcher Ideen. – Gewissen Kreisen der radikalen Linken in Griechenland ist übrigens tatsächlich eingefallen, im Namen der Revoltierenden Forderungen zu stellen. Man darf da die altbekannten Sachen lesen: bedingungsloses Grundeinkommen, Sozialversicherung für alle, und was sonst noch die letzte Mode ist. Der grelle Kontrast, in dem solche wildgewordene Sozialdemokratie zur wirklichen Bewegung steht, muss nicht eigens ausgeführt werden: die Bewegung hat diesen Unsinn bereits desavouiert, und desavouiert ihn noch.

5 Diese Zeilen wurden vor dem Ghaza-Krieg geschrieben. Ich hätte präzisieren können, und tue dies hiermit: jedesmal, wenn eine solche Bewegung scheitert, werden einige ihrer Aktiven, weil sie hinterher nicht mehr begreifen wollen, was sie eine Sekunde lang gewusst haben, sich der autonomen Linken anschliessen; jedesmal wächst die Zahl derer, die bereit sind, israelische Botschaften oder irgendwann Synagogen anzuzünden. Das ist die in Europa übliche Art, sich vom Aufstand abzuwenden und eine unbegriffene Erkenntnis zu vergessen; und die Linke erschafft sich jedesmal aufs Neue als diejenige Instanz, die dieses Vergessen verwaltet.

6 „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern.“
(http://www.mxks.de/files/phil/Benjamin.GeschichtsThesen.html)

7 Griechenland ist das östlichste Land Europas und das westlichste Land des Mittleren Ostens. Für alle die, die glauben, es hier mit zwei verschiedenen Kulturkreisen zu tun zu haben, könnte sich die unverhoffte Chance bieten, umzulernen; nämlich in dem Masse, in dem sich das griechische Beispiel als einzige Lösung der ägyptischen, libanesischen, syrischen, und eines Tages der iranischen Misere erweist.

8 Die unauslotbare Ironie des beliebten Graffito dieser Tage : Merry crisis and a happy new fear! bringt das sehr schön zum Ausdruck. Vor allem wird man, vermute ich, auch im neu-griechischen noch das Gefühl dafür haben, dass Krisis von κρίνειν (entscheiden) kommt und Entscheidung bedeutet.

Nach dem Weltende

Die kommenden Revolten. Teil IV (1)

Für einen, den ich nicht vergessen will

1.
Die Welt, in der wir heute leben, wird nicht mehr untergehen. Denn wir leben bereits nach dem Ende der Welt. Die Katastrofe, vor der doch alle sich fürchten müssen, braucht nicht eigens mehr eintreten; dass immer noch alles so weitergeht, nach allem, das ist bereits die Katastrofe.

Die früheste kommunistische Kritik des Kapitals knüpfte an den Aufweis, dass das Kapital unter dem Gesetz der Krise stehe, die Hoffung auf dessen mögliche Abschaffung; das Kapital stellte, mit Weltmarkt und Proletariat und der Ausdehnung der Produktivkräfte, die Grundlagen seiner Aufhebung her, der allgemeinen Befreiung; und seine inneren Widersprüche, die sich in der Krise gewaltsam geltend machten und sich im Laufe der Entwicklung ständig verschärfen mussten, machten seinen Untergang notwendig.

Aus der doppelten Notwendigkeit, der der Kämpfe der Klassen, und der der Zusammbruchskrise, ergab sich die Verheissung einer Weltrevolution, in der das Proletariat als befreiende Klasse die Grundlagen der Ordnung, Staat und Familie und Kapital, abschaffen und die Errungenschaften ihrer Zivilisation, auf ihrem höchsten Niveau, zugleich als Grundlage für eine endlich befreite Menschheit retten würde. Diese Verheissung ist nicht eingetroffen, aber nicht, weil sie falsch gewesen wäre, sondern weil die Revolutionäre nicht gesiegt haben.

Denn die Weltkrise ist wirklich gekommen, und auch der Weltkrieg und der Anfang der Revolution, die ihn endlich beendet hat, aber als der Kapitalismus 1929 tatsächlich in seine finale Krise gekommen war, versagte die Revolution. Im Nationalsozialismus gelangte die Gesellschaft des Kapitals schliesslich zum Punkt ihrer völligen Entfaltung: als antisemitische Volksgemeinschaft, der die Krise wie die Widersprüche vollends ausgetrieben sind, weil sie das Geschäft der Krise gleich selbst betreibt, fugenlos mit sich selbst identisch und mit nichts als Vernichtung im Sinn.

Damit endet eigentlich die Geschichte von Krise und Revolution, der Nachweis ist erbracht, dass die Gesellschaft des Kapitals keineswegs die Bedingungen des Kommunismus produziert. Mit dem Klassenkampf, sogar mit der Zusammenbruchskrise sind die Deutschen fertig geworden, so sehr haben sie die Herrschaft geliebt. In dem Masse, in dem der deutsche Nationalsozialismus sich globalisiert, von anderen Gesellschaften zum Modell genommen wird, kann die bisherige Geschichte nicht mehr als Vorgeschichte einer befreiten Menschheit angesehen werden, sondern als die der nunmehr verewigten Katastrofe.

2.
Der Revolutionsversuch von 1968 geschah schon in einer Zeit, die zur Wiederkehr des Gleichen verurteilt schien, völlig präzedenzlos und ohne jede Erklärung, die sich aus den objektiven Tendenzen ableiten liess. Ein Aufstand gegen die Geschichte, fast ein Mirakel. Die Bewegungsgesetze des Kapitals lassen zwar keinen Zweifel, dass das Verhängnis der Krise auch für die nachfaschistischen Gesellschaften gelten muss; die Revolte von 1968, allen Erklärungsversuchen einer Linken zum Trotz, die selbst nichts verstanden hat, war aber keine Reaktion auf eine ökonomische Krise.

Die ökonomische Krise kam im Gegenteil nach der Revolte, und zwar die längste und tiefste Krise in der Geschichte der kapitalistischen Ökonomie. Sie hat bis heute nicht geendet. Dass sie mehr als dreissig Jahre dauert, dass sie überhaupt eine Krise ist, ist nicht mehr allgemein bekannt, dermassen ist sie Normalität geworden. Wir leben in ihr. Alle ökonomischen Erklärungen sind an ihr zuschanden geworden: die immer heftigeren Ausschläge der Konjunkturen in immer kürzeren Zyklen, die von Zyklus zu Zyklus beschleunigte Freisetzung von Arbeitskräften, die immer intensivere Vernutzung der Arbeitskraft bei gleichzeitiger Massenarbeitslosigkeit, ungeheuerste Akkumulation, dabei Verelendung ganzer Weltgegenden; über allem aber ein katastrofales Sinken der Wachstumsraten über die Zyklen hinweg.

Unter denen, die nicht Ökonomie betreiben wollen, sondern deren Kritik, gibt es zwei Richtungen. Die eine Schule, nennen wir sie die objektive, greift zurück auf den dritten Band des Kapital; dort finden z.B. Bischoff, Huffschmidt und Kurz die Erklärung, dass mit steigender Kapitalszusammensetzung, d.h. fortschreitender Ersetzung von menschlicher Arbeitskraft durch Maschine, die Profitrate sinken muss, und ziehen daraus den Schluss, dass beim heutigen Stand der Produktivkräfte reale Produktion weniger profitabel sein müsse als die sogenannte Spekulation auf den sogenannten Finanzmärkten. Anlagesuchendes Kapital und unbeschäftigte Arbeitskraft ständen sich gegenüber, ihr Austausch lohnte aber für das Kapital immer weniger. Die unterschiedliche Pointe besteht nun darin, dass Bischoff und Huffschmidt das Dilemma durch Dazwischengreifen des Staates lösen wollen, während Kurz den Zusammbruch der kapitalistischen Produktionsweise sehen will.

Die andere Schule, die operaistische, beschreibt die Massenerwerbslosigkeit als Ergebnis der radikalen Fabrikkämpfe der 1960er und 1970er. Die Herrschaft in den Fabriken, und damit die gesamte Verfassung der kapitalistischen Reichtumsproduktion, war nur durch tiefgreifende Disziplinierung der Arbeitschaft, durch Umstrukturierung der Produktion aufrechtzuerhalten; durch massenhafte Freisetzung von Arbeitskraft, durch eine neue Welle der Automation, durch Auslagerung von Produktionsschritten, in der Konsequenz durch die Politik der Austerität, und das heisst durch die Krise. Die Operaisten beschreiben im einzelnen, und durchaus umständlich, wie die kapitalistische Umstrukturierung durch Arbeiterwiderstand erzwungen wurde; Widerstand, der (übrigens entgegen der Intentionen dieser Schule) verblüffend wenig ökonomisch motiviert war, sondern fast anti-ökonomisch, weniger als Kampf um mehr Lohn denn als Kampf gegen Lohnarbeit.

Die objektive Schule hat dagegen zwar genau den ökonomischen Zusammenhang zwischen der kapitalistischen Umstrukturierung und der Krise der Weltökonomie analysiert, ohne sich jedoch die Frage zu stellen, was die Umstrukurierung erzwungen hat. Wo die objektive Schule (und man lese meinetwegen das bei Bischoff nach) seit ehedem dieselben Sätze aus dem dritten Band zitiert, und seit ehedem ihre Tatsachen danach biegt, dass sie darunter passen, kann man (man lese es bei Moroni/Balestrini oder bei Wright) die operaistische Schule dabei beobachten, wie ihr ihr eigener Leninismus, zu ihrer eigenen Überraschung, im selben Masse in Stücke bricht, in dem sich die Disziplin der Fabrik auflöst; wie sich aus dem historischen Geschehen, statt des erhofften Aufbaus einer neuen bolshevikischen Partei, unter ihren Händen nichts herausschält als eine Tendenz im Proletariat, dass es einfach genug ist und dass es nicht mehr geht. Die Angelegenheit endigt vorläufig mit der 1977er Bewegung, die im Keim alle unsere gegenwärtige Realität enthält.

Es blieb den Operaisten nicht erspart, das, was sie daran kaum verstanden, sofort zu einer neuen revolutionären Subjektivität zu erklären. Man lese beim Verrückten Negri nach, zu welchen Exzessen gar ein Nietzscheaner in dem Zusammenhang fähig ist. Sie haben aber Zeugnis abgelegt von einer Wirklichkeit, die von der objektiven Schule gar nicht erst zur Kenntnis genommen worden ist. Uns heute sind sie allein deshalb unschätzbar, weil sie den Gedanken haben denkbar werden lassen, es könne die Krise, und zwar diesmal die wirklich finale des Kapitals, durch autonomes Handeln des Proletariats provoziert werden, und nur dadurch.

3.
Die Ordnung hat gesiegt, aber zu recht wollen ihre paranoiden Verwalter davon nichts wissen. Der Preis für den Sieg war die unabsehbare Fortdauer der Krise. Gelöst, also entschieden, ist sie nicht; und das ist einigermassen erstaunlich. Im Gegenteil war die Krise immer gegenwärtig, schon vor ihrer heutigen Zuspitzung.

Heute brechen amerikanische Banken zusammen, weil die amerikanischen Mittelklassen sich ruiniert haben; deren Bereitschaft, ihren Konsum durch Kredite zu finanzieren, war aber der treibende Motor der Weltökonomie. Einen anderen gibt es seit mindestens 15 Jahren nicht mehr: das ist die Wahrheit der Krise. Was diese Ökonomie an Waren ausstösst, ist mit dem, was sie als Löhne ausstösst, nicht zu bezahlen. Die tugendhafte Entrüstung der scheinheiligen Deutschen und anderen Gesindels über derart spekulatives Treiben müsste man eigentlich nicht kommentieren, sie entlarvt sich als geschäftstüchtige Niedertracht derer, die 15 Jahre an den Amerikanern gut verdient haben.

Die Deutschen aber sind leider gefährliche Irre, und man muss nur die Kommentare aus allen Teilen ihrer Eliten über die amerikanischen Versuche hören, die Banken zu retten: da reitet welche die Lust am Untergang; man muss einmal mit Entsetzen feststellen, wie jenseits aller vier Grundrechenarten die Elite und das Volk genau das gleiche denken, das gleiche sagen5: sie wären bereit, geschlossen in die Katastrofe zu ziehen, nicht weil sie 1929 vergessen hätten, oh im Gegenteil. Die deutsche Elite jedenfalls rüstet sich auf den Tag, an dem die amerikanische Ordnung zusammenbricht; es lohnt sich, hierzulande, sich das gesagt sein zu lassen. Dass die Krise von den Amerikanern käme: das wird ihnen hier jeder glauben, und was dann zu tun ist, weiss ein Deutscher, wenn er auch sonst nichts weiss.

Nicht die Finanzmärkte haben aber die Krise gemacht, nicht die Amerikaner, nicht der Neoliberalismus, sondern das Proletariat, das heisst wir haben sie gemacht, wenn auch nicht aus freien Stücken; in ihr drückt sich nichts aus als die Unmöglichkeit, dass die Menschheit in dieser Gesellschaftsordnung weiter existiert. Die Revolte von 1968, und sie ist die Flamme, von der wir erloschenen heute allesamt kommen, hat die Krise gemacht, sie hat die kapitalistische Moderne zertrümmert, nach ihr ist die Menschheit nie wieder regierbar geworden, und selbst die konterrevolutionäre Ordnung muss die Form eines unaufhörlichen Gegenangriffs annehmen. Die Krise ist unsere Krise, und wir können es nicht begreifen, weil wir unsere eigenen Krisen für ein privates Unglück halten müssen statt für ein gesellschaftliches Verhängnis; und die Gewalt, die wir uns antun müssen, um weiter zu funktionieren, ist dieselbe Gewalt, die uns angetan wird, damit die Maschine weiter funktioniert.

Die Krise ist die Wiederkehr des Verdrängten, in ihr kehrt, was der Menschheit an Insubordination ausgetrieben wurde, als blindes ökonomisches Verhängnis wieder. Die Menschheit ist aber heute weit davon entfernt, die Unmöglichkeit des Fortbestehens dieser Ordnung bewusst zu produzieren und aus freien Stücken statt unter Zwang.

Deswegen werden, wenn es zum Zusammbruch der Weltmärkte kommt, die Deutschen wieder hinter ihren Eliten marschieren, die aus 1933 gelernt zu haben scheinen, dass sie sich vor der Konkurrenz der Faschisten nicht fürchten müssen, wenn sie den Faschismus gleich selbst organisieren. Die Welt ist aber nach wie vor so eingerichtet, dass nicht auszuschliessen ist, das Auschwitz sich wiederhole oder ähnliches geschehe. (2)

Untergehen wird diese infame Welt davon freilich sowenig, wie sie beim letztenmal davon untergegangen ist; sie ist ja bereits selbst die Katastrofe, und erst die Rettung wäre ihr Untergang. Ob aber der Menschheit der unwahrscheinliche Griff nach der Rettung, über den Rand des Abgrunds zurück, doch noch gelingt, ob sie sich überhaupt noch vor sich selbst Entsetzen kann, weiss ich nicht. Verdammte sind wir bereits, zu einem Leben nach dem Weltende; wenn unser eigenes Entsetzen nicht ausreicht, um Konsequenzen zu ziehen, haben wir der Menschheit schon nichts mehr mitzuteilen.

Von Jörg Finkenberger

Man kann folgendes gerne lesen:

Primo Moroni / Nanni Balestrini: L‘orda d‘oro (Dt.: Die Goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien. Verlag Assoziation A): Sehr lesenswert.

Steve Wright: Storming Heaven (Dt.: Den Himmel stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus. Verlag Assoziation A.): Achtung, schlecht. Trotzdem vll lesen.

Rene Vienet: Wütende und Situationisten in der Bewegung der Besetzungen, 1968. Bestellen bei klassenlos.tk oder Englisch unter cddc.vt.edu/sionline/si/enrages.html

Sergio Bologna: La tribu delle talpe (Engl.: The Tribe of Moles, etwa: Der Stamm der Maulwürfe), 1977, über die 1977er Bewegung, unter geocities.com/cordobakaf/moles.html

Wolfgang Pohrt: Über Vernunft und Geschichte bei Marx, 1978. Unter trend.infopartisan.net/trd0502/t300502.html.

Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, 1940. Unter mxks.de/files/phil/Benjamin.GeschichtsThesen.html

(1) Der folgende Text gibt einen Vortrag des Verfassers wieder, der im Sommer 2008 am Mainufer vor einem sixpack und einer Zuhörerin gehalten wurde. Der Verfasser dankt der Zuhörerin für ihre Geduld.
(2) Nicht ganz. Noch gibt es Israel. Solange Israel steht, ist die Katastrofe nicht ganz vollständig. Wenn Israel fällt, gehören wir alle dem Teufel. So einfach kann das sein mit der Solidarität mit Israel.

Froschhöhle. Kritische Masse. Stützpunkt und Schandfleck.

In Würzburg, diesem gärendem Morast, gibt es keine Hoffnung und kein Entrinnen, und keine Luft zum Atmen. Man muss schon so über jedes Mass bescheiden sein, wie es die Leser/innen des hype wohl sind, um hier sein Genügen und Auskommen zu finden.

Es reicht dabei noch nicht einmal aus, das allgemeine Elend zu dulden, das man mit dem Rest des Proletariats, namentlich des schlechtbezahlten, gemeinsam hat. Nein, es muss zum Schaden auch die Schande kommen, und es muss auch noch diese Stadt sein, ausgerechnet, und dazu die Szenerie, in der man lebt, ausgerechnet der letzte und fauligste Sumpf, den man lethargisch erduldet.

Sub-Kultur nennen manche es noch, dieses immergleiche, ohne jedes Bewusstsein für die böse Ironie des Wortes: nichts anderes als Kultur, nur unterhalb davon. Die letzte Schwundstufe einer Gegenkultur, die einmal gegen die offizielle Kultur, diese Hyäne, aufgestanden war.

Die betäubende Langeweile in dieser Stadt geht nicht vom katholisch-konservativen Milieu aus, sondern längst vom studentischen Milieu und der ihm eigenen Lebensweise, den vielfältigen und immergleichen Kulturangeboten, die von denen, denen das Wort Jugendkultur nicht mehr die Schamesröte ins Gesicht treibt, gerne angenommen werden; einer Szene insbesondere, der man mit dem Stumpfsinn, auf den die sogenannten Massen hereinfallen, nicht mehr kommen braucht, weil sie einen eigenen, verfeinerten Stumpfsinn verlangen.

Die Subkultur derer, die sich mit der Hoffnungslosigkeit ihrer Existenz anscheinend abgefunden haben, ist nichts anderes als der Garant der Fortdauer dieser Hoffnungslosigkeit. Sie anzugreifen, ist heute eine unmittelbare Überlebensfrage, wenn aus der Verzweiflung doch noch etwas anderes kommen soll als Selbstzerstörung.

Dabei ist doch in Würzburg alles so schön eingerichtet, und es hat alles seinen Platz. Selbst einen Infoladen haben die Stadtoberen, in weiser Voraussicht, geduldet, den die Infoladengruppe freilich aus guten Gründen nicht mehr haben will. Zwischen Jugendkulturhaus und Autonomem Kulturzentrum ist für alle ein Ort, vorausgesetzt natürlich, man hat nichts dagegen, dass die Voraussetzung für Teilnahme an dieser Art der Öffentlichkeit die eigene Alkoholisierung ist, über die sich diese Einrichtungen zum grossen Teil auch finanzieren. Und vorausgesetzt natürlich, dass in Einrichtungen dieser Art generell nur Dinge ablaufen, die auf die eine oder andere Weise für die Zwecke der Stadt förderungswürdig sind, wodurch sich diese Einrichtungen zum anderen Teil finanzieren. Wenn und solange die Zwecke der Stadt Dinge sind, mit denen man gut leben kann, ist das alles schön und gut.

Einige können das aber nicht so gut, und wieder einige unter diesen diskutieren mit Unterbrechungen seit mittlerweile 2 Jahren über die Frage, ob nicht in Würzburg bereits viel zuviele Einzelne oder Gruppen unterwegs sind, die mit Grund für unruhig genug gehalten werden dürfen, als dass man sich das alles noch bieten lassen dürfte. Ob nicht, mit einem Wort, das Potential dafür vorhanden wäre, etwas ganz anderes auf die Beine zu stellen, und wie das gehen könnte.

Wie das aussehen könnte, ist noch völlig unklar, klar ist allerdings, dass schon viel, sogar zuviel Zeit verstrichen ist. Nicht mehr alle, die damals mit einem solchen Vorhaben einverstanden waren, leben noch. Es ist spät, vielleicht zu spät. Die Strukturen lösen sich auf, aus denen heraus solche Schritte einmal hätten getan werden sollen, sei es durch die allgemeine Verschlechterung, sei es durch weitere Anpassung, sei es durch den gewöhnlichen Lauf der Dinge, den Stumpfsinn, der wohl nicht wütend, sondern träge macht. Und durch Wegzug aus der Stadt, nur allzu berechtigt; es sind wie immer nicht die schlechtesten, die weggehen.

Am Anfang stand der einfache Gedanke, alle bisher auf verschiedene Einrichtungen verteilten Aktivitäten zusamenzufassen und in einen gemeinsamen Betrieb zu verlegen. Das akw war zu dieser Zeit von jedem Anspruch auf unabhängige Kultur abgerückt, und dieser Mangel war 2006 deutlich zu spüren. Folgerichtig wurde diskutiert, ob und wie ein wirklich autonomes Kulturzentrum zu schaffen wäre.

Nach dem Abtritt des damaligen Vorstandes allerdings schien einigen Beteiligte die Chance sich zu ergeben, diese Pläne doch noch im akw verwirklichen zu können. Man darf das im Rückblick als eine naive Illusion bezeichnen, für die sich mit Recht viele gar nicht erst in Bewegung setzen liessen. Diejenigen, die sich in die akw-Strukturen begaben, hatten dort keine Chance, die tiefgehenden Veränderungen einzuleiten, die notwendig gewesen wären. Das akw ist heute die traurige Ruine einer Singlebörse, deren einziger Gebrauchswert in vergleichsweise billigem Alkohol in Gesellschaft vergleichsweise erträglicher Leute besteht; erträglich allerdings vor allem dann, wenn man sich das mit dem Alkohol gründlich hat gesagt sein lassen. Was aber der Sinn einer Ansammlung von Personen sein soll, die sich nur mit Alkohol gegenseitig ertragen, wissen allein die Götter.

Das Elend jeder Art von „Kultur“, die eine Ware ist, ist aber genau an dieser Karikatur eines Kulturzentrums abzulesen. Jede Einrichtung, die, um sich zu finanzieren, von der Gunst eines Publikums abhängt, das sich in seinen Gewohnheiten bestätigt sehen will, wird nichts anderes können, als dieses Publikum auf seiner rasanten Abwärtsspirale zu begleiten. Nichts anderes gilt für Theater, für Musik, für Film, für jede Art von Kunst: sie wird Kunst bleiben müssen, sie wird nicht den Anspruch stellen dürfen, ins Leben auszugreifen, sie wird für uns ebenso sinnlos sein, wie sie für die städtische Kulturlandschaft zweifellos eine Bereicherung darstellen wird. Sie wird keine Folgen haben ausser der, das, was ist, ein weiteres Mal zu bestätigen. So wird solche Kultur entweder die Erwartungen des Publikums bedienen oder untergehen, niemals jedoch das Publikum zu verändern versuchen. Zuletzt verkommt sie zu ihrer Grundform, und das ist in Würzburg immer noch der blinde Suff.

Aus genau diesem Grund erwies sich die urprüngliche Idee nicht mehr haltbar. Es kann nicht darum gehen, das selbe wie bisher in neuer Verpackung zu liefern. Nicht aus der einfachen Addition bisheriger Aktivitäten, sondern aus ihrer gemeinsamen Umschmelzung, aus ihrer Entfesselung ins Unerwartete ergäbe sich bestenfalls die kritische Masse, um das immergleiche aufzusprengen. Nicht ein Zentrum für Politik und Kultur, sondern ein Stützpunkt dagegen; jenseits der Gunst von Stadt und Schweineblatt; alles andere als eine Bereicherung des Kulturangebots, und mit Sicherheit nichts, was man zwecks Freizeitvollzugs Erstsemestern zum Ausgehen anempfiehlt, Gott bewahre; kein Farbtupfer, sondern ein Schandfleck.

Mit welchen Kräften so etwas angefasst werden könnte, in welchen Formen so etwas vorgestellt werden könnte, das alles ist noch offen, und die Leser/innen/schaft ist sicher gut beraten, sich dazu eigene Gedanken zu machen, bevor wir es tun.

Zum Zustand der post-antideutschen Szene: eine kleine langweilige Umschau

Bitte diesen Artikel nicht lesen. Danke.

So wahr man antideutsch sein muss , so wahr sollte man sich von dem grausam langweiligen Selbstgespräch fernhalten, das um die 2003er Antideutschen immer noch geführt wird, weil die Linke (dieses ewige Mittelmass) nichts anderes kann, als Abbilder von Denken konsumieren. Dazu ist sie da, das ist ihre Rolle, deswegen halte man sie sich vom Leib.

Die 2003er antideutsche Strömung ist seit 1.11.2003 tot, es hat sie gegeben, beides ist ersteinmal gut so, und dass beide, Protagonist/inn/en wie Feind, seither nicht notwendig klüger geworden sind, hat man sich denken können. Anschauen muss man sich das nicht, nicht in der immer enstetzlicheren jungle world noch in der linken Bloggerszene, über die der letzte Hype deswegen bisher keinen Artikel fertiggebracht hat, weil sie sich niemand freiwillig antun wollte.

Ich ärgere mich bereits jetzt, für solche Konformisten die Zeit, die ein Blog-Posting beansprucht, verschwendet zu haben

, sagt Wartezeit überbrücken, und hat, obschon selbst weblogger, vollkommen recht.

Illuminate my Nights – Die Racaille und der Kärcher

Über die kommenden Revolten, Teil 3

Illuminate my Nights
Die Racaille und der Kärcher (1)

Über die kurze und heftige Revolte von Ende 2005 in den französischen Vorstädten ist bereits genug geschrieben worden; sogar kluges. Ich meine nicht die offizielle Presse, auch nicht die Pädagogen und andere Polizisten, die die Revoltierenden entweder der fürsorgenden Aufmerksamkeit des sozialen Staates, oder des religiösen Establishments empfahlen; nicht die lächerliche Linke, die ihnen allen Ernstes riet, sich als Wähler zu registrieren, um die Sozialistische Partei zu wählen; es ist wichtig, zu begreifen, dass die Revolte sich zu allererst gegen alle diese richten musste, und gerichtet hat, und jedes Wort aus dieser Richtung ist zuletzt nichts anderes als ein Appell an den Kärcher.

Pädagogen und andere Polizisten
Die Parteien der Ordnung haben sich alle Mühe gegeben, der Bewegung alle nur denkbaren Ursachen unterzuschieben, um sich selbst zur Behebung dieser Ursachen zu empfehlen; die Revoltierenden indessen haben geschiegen, sieht man von den überdeutlich-unlesbaren Chiffren ihrer Taten ab (2). Sie haben keine Forderungen aufgestellt, als ob sie wüssten, nichts von dieser Ordnung zu erwarten zu haben; sie haben keinem derer, die so gerne ihre Fürsprecher geworden wären, das Wort erteilt. Man weiss nicht recht, war es eine gewisse staunenswerte Klugheit der Revolte, die sie gelehrt hat, dass jedes falsche Wort eine Waffe sein wird, ihnen die Rede wieder zu entziehen; oder war es die Sprachlosigkeit, die sie mit uns allen teilen; oder haben sie etwa den Weg vom einen zum anderen gefunden?

Sie haben sich nicht von den Pädagogen einfangen lassen, nicht von den Trotzkisten, nicht von den Imamen, sie haben es vorgezogen, niemandem als dem Kärcher zu weichen, und haben der Republik dessen Maschinisten Sarkozy, diesem halb Clown, halb Cavaignac, als Präsidenten aufgezwungen.

Sie haben damit, als letzte von den Akteuren, die Bühne der gegenwärtigen sozialen Kämpfe in Frankreich betreten und gleichzeitig schon die Regeln des ganzen Spiels geändert. Wo sich, seit 2002, eine breite demokratische und reformistische Bewegung entfaltete, unter den prekär Beschäftigten im Kultursektor, unter den Studierenden und Gymnasiast/innen und im öffentlichen Dienst, und wo sich in einer gewissen quälenden Monotonie eine Neuinszenierung aller der honetten, der anständigen, der demokratischen Aspekte des offiziellen 1968 zu entfalten schien, haben sie in Erinnerung gebracht, dass 1968 nicht zu denken ist ohne die Riots in der Rue Gay-Lussac.

Was die sozialen Bewegungen der Jahre vorher, in denen sich rein gar nichts bewegt hatte, so geräuschvoll verschwiegen hatten, ist jetzt zu ihrem Schrecken ausgesprochen. Die Revolte hat keine Forderungen aufgestellt, über die verhandelt werden konnte, sie hat, wie ein Irrlicht, für einen flackernden Moment sich aufgerichtet, und ist wieder verschwunden, ein Gespenst im Morgengrauen; aber sie war da, es gibt keinen Zweifel, und sie hat, ebenso ohne Zweifel, festgestellt, dass entweder sie oder die Ordnung bestehen können, aber nicht beide.

Die wirkliche Spaltung des Proletariats
Die sogenannten sozialen Bewegungen in Frankreich sind Bündnisse von Organisationen, in denen der grössere Teil des Proletariats seine besonderen Interessen in der Weise geltend macht, dass die Kämpfe für die einzelnen, getrennten Interessen auf äusserliche Weise mehr oder weniger zusammenfallen. Diese Strategie gibt den einzelnen Sonderinteressen mehr Gewicht, ohne die Tatsache aufzuheben, dass es sich um getrennte Interessen handelt. Das heisst: ein Teil des Proletariats kämpft einen politischen Kampf um seinen Platz in der herrschenden Ordnung. Die sozialen Bewegungen, weit davon entfernt, die Ordnung zu bedrohen, setzen sie vielmehr voraus. Das ist die Geschäftsgrundlage ihres Bündnisses untereinander und mit dem Staat.

Gegenüber diesem Teil des Proletariats repräsentieren die Jugendlichen aus den Banlieus dasjenige, was die Bewegungen an den Staat verraten haben. Sie haben durch ihre eigenständige Aktion eine wirkliche Spaltung des Proletariats zum Ausdruck gebracht. Die sozialen Bewegungen, die seit 2002 ihre Aktivität immer weiter ausgeweitet haben, sind an eine historische Schranke gestossen: jede weitere Ausdehnung der Aktion hat zur Voraussetzung, diese Spaltung aufzuheben, aber der Preis dafür wäre die Aufkündigung ihrer eigenen Geschäftsgrundlage. Die erfolgreiche Bewegung gegen den Ersteinstellungsvertrag (die Abschaffung des Kündigungsschutzes für Jugendliche) hat das auf eine Weise gezeigt, die unter der bloss politischen Linken für Entsetzen gesorgt haben muss.

Im März und April 2006 haben sich dort, wo Studierende die Aktionsformen der Banlieus übernommen haben, die Jugendlichen der Banlieus ihnen angeschlossen. Dort, wo an den traditionellen Formen des politischen Protestes festgehalten worden ist, haben sie die Demonstrationen angegriffen. Es ist völlig klar, dass die Auseinandersetzung damit an einem Punkt war, wo es gar nicht mehr um den Ersteinstellungsvertrag ging, sondern um die Frage, ob man sich gegen die Ordnung zur Wehr setzt oder ihr angehört.

Die Regierung hat des Gesetzesvorschlag weise wieder fallen lassen, und Sarkozy zieht es vor, die Eisenbahner gegen sich aufzubringen; vielleicht erinnert er sich, dass de Gaulle 1968 mehr als nur einen Kärcher nötig hatte. In der Zwischenzeit hat er paradoxerweise nahezu freie Hand gegen die Gewerkschaften; es scheint, als ob seit 2005 kein Teil des Proletariats mehr sich bewegen könnte, wenn sich nicht das ganze Proletariat bewegt. Das aber werden schon, wohlweislich, die Organisationen des Proletariats zu verhindern wissen.

Revolte oder Pogrom?
Es ist viel Unsinn geschrieben worden über die Revolte von 2005, nicht nur in der offiziellen Presse. Dass etwa ein gewisser Uli Krug glaubt, in der bahamas – in einem Nebensatz – von „pogromartigen Ausschreitungen moslemischer Vorstadtjugendlicher“ sprechen zu müssen: geschenkt. Dass er das in einem Artikel schreibt, in dem er die Bewegung in Frankreich wegen ihrer Anbetung des Staates kritisieren will: äusserst spasshaft. Dass sich so etwas noch „antideutscher Kommunist“ nennt, ist allerdings ein Ärgernis, dem vorerst noch nicht abgeholfen werden kann.(3) Er hätte, wenn er nur gewollt hätte, darauf kommen können, dass es in den fraglichen 3 Wochen weniger antisemitsche Übergriffe als sonst gab. Wenn die Jugendlichen Pogrome vorgehabt hätten, hätten sie welche gemacht, und nichts hätte sie daran gehindert.

Es ist auch gutes und richtiges geschrieben worden. Die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft in Berlin haben eine Broschüre „Rauchzeichen aus den Banlieus“ herausgebracht, die im wesentlichen Texte von unabhängigen linksradikalen Gruppen aus Frankreich enthält.(4) Sie ist uneingeschränkt lesenswert, aber nicht vollständig.

Es empfiehlt sich, den Artikel von Caroline Dubois aus dem „Magazin“ #3 dazu zu lesen; (5) Dubois behandelt den äusserst beunruhigenden Aspekt, dass an den Riots fast nur Männer teilgenommen haben. Das ist eine der wichtigsten Fragen, denn an ihr entscheidet sich, wie Dubois mit aller Klarheit zeigt, der Charakter der ganzen Angelegenheit: nicht, dass die jungen Frauen nicht gewollt haben, man hat sie daran gehindert. Wer aber ja sagt zur Herrschaft zwischen den Geschlechtern, mag wollen oder nicht, er sagt ja zur Herrschaft in allen ihren Formen.

Gegenüber den abgestandenen sozialen Bewegungen vertreten die Riots auf jeden Fall das bessere; gemessen an der Herrschaft, wo sie ihnen in vertrauten Gestalt der Familie und ihrer eigenen Persönlichkeitsstrukur erscheint, bleibt das Bewusstsein ihrer Akteure völlig unzulänglich. Dubois hat völlig recht: „Dadurch transformierte sich die berechtigte Infragestellung der herrschenden Ordnung durch die Jugendlichen in die Berechtigung der herrschenden Infragestellung der Jugendlichen durch die herrschende Ordnung. Mit anderen Worten: Die Jugendlichen haben gezeigt, daß sie die Niederschlagung ihres Aufstandes verdient hatten.“

Mögen sie es das nächste Mal nicht mehr verdienen: sie haben uns gezeigt, wie man Feste beleuchtet; mögen sie uns auch noch zeigen, wie man sie feiert.

Jörg Finkenberger

1 Sarkozy hatte bei den Riots von 2005 erklärt, er werde die Strassen von der Racaille (=vom Gesindel) mit dem Kärcher (=Hochdruckreiniger) reinigen.
2 Sie haben in 3 Wochen 28.000 Autos angezündet, in ihren eigenen Wohnviertel, sie haben Kirchen und Schulen zerstört, Fabriken abgebrannt, kurz und gut, alles, was brannte und allgemein, gegen jede Vernunft, als nützlich und gut gilt. Sie haben, ausserdem, als erste in der bisherigen Geschichte, die Waren in den Geschäften nicht geplündert, sondern zerstört, wie wenn sie wüssten, dass die Waren weniger als nutzlos sind. Habe ich gesagt, wie wenn sie wüssten? Sie wussten es natürlich, es kann niemandem verborgen bleiben. – Unlesbar sind die Chiffren für die Herrschaft. Für uns sind sie gut lesbar.
3 „Dadaist kann sich jeder nennen, dafür, dass man auch dafür hält, muss er selbst sorgen“ (Raoul Haussmann). Das gilt im Prinzip auch für den Begriff antideutsch. Vielleicht ist die Schande, die man empfinden muss, wenn man solche Leute mit solchen Worten hantieren sieht, ein genügender Antrieb, mit der Spaltung der antideutschen Strömung ernst zu machen.
4 http://www.klassenlos.tk/data/pdf/rauchzeichen_aus_den_banlieues_texte_2_auflage.pdf
5 http://www.magazinredaktion.tk/h3-dubois.php

Die Antideutschen und die Militanz der kritischen Theorie

Die kommende Revolte, Teil 2

Die Revolution, die bisher nicht gelungen ist, ist mit jeder Niederlage immer nur dringlicher geworden; sie ist heute ein unabweisbares Bedürfnis. Jede Partei, die jemals erklärt hat, die Bedingungen seien nicht reif, hat in der Folge gezeigt, dass sie statt der alten Herrschaft im Höchstfall eine neue zu errichten gedachte; in Wahrheit ist die Zeit immer schon reif, seit das Kapital in der Welt ist.

Kritik und Krise
Das Kapital hat nicht nur alle voraufgegangene Herrschaft beseitigt. Es hat sie beerbt und bewahrt sie in sich auf. Das Kapital kann nicht gebrochen werden, ohne jede Form der Herrschaft zu brechen. Es geht um nichts anderes als das Ende von 12.000 Jahren von Knechtschaft. Es ist hier kein Kompromiss möglich: diejenigen Bewegungen, die etwa das Kapital abzuschaffen gedachten, aber die Familie, diese ältere und finsterste Unterwerfung, stehen lassen wollten, haben nichts erreicht als den Fortbestand der Herrschaft im barbarischen Kostüm der alten Formen.

Die vorgebliche Rücksicht auf die sogenannten Massen und ihr angeblich rückständiges Bewusstsein war immer das ruchloseste und deutlichste Abzeichen derer, die herrschen wollen. Die Liebe dieser Linken zu den „Massen“ war immer die Liebe des Reiters zu seinem Pferd. Dem Bewusstsein der Massen sich andienen wird nur, wer schon plant, sie zu betrügen. Die Populisten, auch die in der Opposition, sind bereits Teil der Herrschaft, wenn nicht sogar ihre Avantgarde.

In Wahrheit muss man davon ausgehen, dass unsere Ideen schon in allen Köpfen sind. Die Massen sind nicht zu einem richtigen Bewusstsein erst hinzuführen, nicht behutsam oder diktatorisch oder durch vernünftiges Zureden; sie sind nicht unreif, nicht unwissend, sie wissen sehr gut. Ihre Trägheit ist nicht Trägheit, sondern bewusste Parteinahme für die Herrschaft. Wenn sie diese Parteinahme aufkündigten, begänne die Krise. Diese Krise durch Kritik zu provozieren, ist die revolutionäre Aufgabe.

In eigenem Namen, auf eigene Rechnung
Die Perspektiven der Revolution abzuschätzen, wird also nur gelingen, wenn man sich bewusst bleibt, dass sie völlig unmöglich ist. Die sie machen müssen, wollen sie nicht. Dieses Bewusstsein, weit davon entfernt, zur Versöhnung mit dem Bestehenden einzuladen, wird im Gegenteil den Bruch mit diesem zur Unumkehrbarkeit vertiefen; es ist nichts anderes als das Bewusstsein davon, welche tiefen Brüche nötig sein werden. Damit und nur damit vertritt es den Platz des abwesenden besseren, der praktischen Negation, die alleine die materielle Gewalt stürzen könnte durch materielle Gewalt.

Das Bewusstsein der Unmöglichkeit der Revolution ist damit im selben das Bewusstsein von ihrer Notwendigkeit. Seine praktische Seite ist die Kritik, und sein Fluchtpunkt und Attraktor der Moment der Befreiung, mit dem es sich erledigt hätte. Auf diesen Moment arbeitet es hin, nicht als auf seinen Beweis, sondern als auf seine Widerlegung; denn eines Beweises bedarf es nicht. Die Tätigkeit der Kritik, der Verneinung, ist ein Geschäft in eigenem Namen und auf eigene Rechnung und nicht im Auftrag der Geschichte, des Proletariats oder irgendeiner anderen Kategorie der Herrschaft; ihre Arbeit ist getan, wenn alle bisherige Geschichte endet, und die Proletarisierten ihre proletarische Existenz abschütteln, um eine andere Geschichte zu beginnen.

Wenigstens strebt die kommunistische Kritik nicht danach, die Massen zu beherrschen; sie geht darauf aus, dass die Massen sich in befreite Einzelne auflösen. Zu ihrem Werk der Konfrontation stehen ihr alle Mittel offen, die sie sich zu erobern oder zu erfinden versteht.

Nichts als ihre Ketten
Die kommunistische Kritik weiss sich im absoluten Gegensatz mit allen geheiligten Grundsätzen des geordneten Gemeinwesens. Sie durchschaut das gesellschaftliche Bewusstsein als das Bewusstsein eines Unwesens, und sie darf es nicht versäumen, gerade seine heiligsten Lügen zu attackieren. Da sie niemandem verpflichtet ist als sich selbst, wird sie auf keine Macht Rücksicht nehmen. Sie weiss, dass sie ein allgemeines geheimes Begehren ausdrückt, ohne sich darüber zu täuschen, dass sie mit diesem nicht in einem sicheren Bunde steht, sondern Gefahr läuft, genauso zertreten zu werden wie dieses geheime Begehren; unter denen zu sein, die es täglich zertreten, fürchtet sie, von ihnen sich zu isolieren, nicht.

Die kommunistische Kritik begreift das Bestehende als den bloss vorläufigen Endpunkt einer Geschichte, in der noch jedesmal die Herrschaft den Sieg davongetragen hat. Sie hat sich jedesmal verändert, in derselben Weise, wie es ihr gelungen ist, die Beherrschten zu verändern, so wie sie überhaupt nur durch die Handlungen der Beherrschten existiert. Die Herrschaft ist keine feste Eigenschaft, die irgendeiner herrschenden Klasse zukommt, sie ist eine Verhaltensweise der beherrschten Klasse, sie ist unmittelbar die Unterwerfung, verstanden als aktive Handlung, selbst. Man kann es sich also erlauben, von der Existenz einer herrschenden Klasse zu abstrahieren; nicht deren Machinationen sind entscheidend, sondern allein die Handlungen der Beherrschten, die in ihrer Unterwerfung heute das entscheidende Problem sind. Solange dies so bleibt, wird man es nicht mit der Klasse zu tun bekommen, die Panzer in Bewegung zu setzen im Stande ist.

Diese Geschichte, die eine Geschichte der Katastrofen ist, und immer grösseren Katastrofen zustrebt, ist von dem gegenwärtigen Verblendungszusammenhang nicht zu trennen, der das Bestehende konstituiert und am Leben erhält. Das Vergangene, weit davon, vergangen zu sein, hält die Lebenden in seinem Bann, weil seine Macht nicht gebrochen ist. Das Bestehende, Erbe aller bisherigen Siege der Herrschaft, wird nicht beendet werden, ohne dass gleichzeitig alle vergangene Gewalt aufgehoben und der verborgenen Geschichte der Zertretenen zu ihrem Recht verholfen wird. Die Revolution ist immer anachronistisch: weil sie das Selbstopfer nicht akzeptiert, kann sie nicht akzeptieren, dass ihre Toten tot sind, und ihre Sache viele Male verloren. Die Befreiung kann niemanden hinter sich lassen, sie muss das Zerschlagene retten und das Zerbrochene zusammenfügen, oder sie wird nicht sein.

Das Vergangene steht zum Bestehenden im selben Verhältnis wie das Unbewusste zum Bewussten. Die Revolution wäre derjenige Akt der durch vieltausenjährige Herrschaft deformierten Menschheit, in dem sie ihre Deformationen abschüttelt; das Verdrängte zur Erinnerung bringt, und damit den Bann, unter den sie sich gestellt hat, löst; eine grosse kollektive Therapie ohne von ihr getrennten Therapeuten, und damit die endlich entdeckte und gerettete Wahrheit der Psychoanalyse.

Denn er weiss, dass er wenig Zeit hat
Der Name der Herrschaft aber ist Nation. In ihr erscheint die Unterworfenheit als Natureigenschaft, und man ist zum Beispiel deutsch mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es nicht der schiere Irrsinn. Die Nation ist die Form, in der das Kapital unter seinem Staat selbst Gesellschaft wird, die einzige Instanz, die die Krise bannen und das Auseinanderstrebende zusammenhalten kann. In der Nation, soweit sie existiert, heben sich die Widersprüche auf, die das Ganze auseinanderzujagen drohen: die Nation ist deshalb keine blosse kollektive Wahnvorstellung, sie ist der Wahnsinn selbst als Realität.

Die Nation kann nicht existieren, wenn sie nicht das auseinanderstrebende zusammzwingt, wenn sie nicht gewaltsam gegen die besonderen Interessen der Klassen die Einheit der Gesellschaft geltend macht. Auf den höchsten Punkten der Zuspitzung muss sie die besondere Existenz der Klassen insgesamt vernichten. Die Klassenkämpfe überlebt die Nation nur, wenn sie zur Volksgemeinschaft wird. Das Dritte Reich hat die Revolution tatsächlich zerschmettert; der Antisemitismus hat nicht aufgehört, eine Macht zu sein, und die Revolution hat es nicht wieder angefangen.

Dass die wirkliche Grenzlinie nicht zwischen den Nationen verlaufe, sondern zwischen den Klassen, war einmal vielleicht der fromme Traum einer antinationalen Linken, wahrscheinlich aber schon ein Versuch der Täuschung. Sowenig je eine Klasse da war, auf die sich positiv bezogen werden konnte, so wenig hockte hinter der Volksgemeinschaft ein Proletariat quasi verborgen, das es nur der Manipulation einer herrschenden Klasse zu entreissen galt. Die Befreiung des Proletariats hätte immer zur Mindestvoraussetzung, dass es den Arbeiter wie den Deutschen zerreisst.

Das Vorhaben des Nationalsozialismus, die Klassen in der Nation aufzuheben und damit die besonderen, getrennten Kategorien der Herrschaft zu einer einzigen zu vereinen, der bisherigen Geschichte die innere Spannung auszutreiben und sie in einen stabilen Zustand der Singularität zu katapultieren, ist der eminente deutsche Beitrag zur Geschichte. Daraus ergibt sich mit Notwendigkeit, dass kommunistische Kritik antideutsch sein muss und als ihren Erzfeind alle Bewegungen und Mächte erkennt und erklärt, an dem sie die Spur des Nationalsozialismus erkennt. Zuvörderst sind dies heute die europäischen Mächte und die jihadistische Bewegung.

Die unglaubliche Kälte, mit der die Linke dagegen den Opfern der Shoah gegenüberstand und heute den Israelis gegenübersteht, ist das genaue Mass, in dem sie längst zur Konterrevolution übergewechselt ist: würde sie zur Kenntnis nehmen, wie die revolutionäre Frage spätestens nach Auschwitz zu stellen ist, müsste sie ihr eigenes hergebrachtes Unwesen angreifen. Die Antideutschen sind nichts anderes als diejenigen ehemaligen Linken, die genau das getan haben. Ihnen gegenüber steht heute die ganze trostlose Gesellschaft, als eine einzige reaktionäre Masse.

Die Antideutschen haben nach 2000 den besseren Teil des revolutionären Denkens gerettet. Vielleicht erschöpft sich der Gebrauchswert dieser Strömung darin schon. Sie hat ihr bleibendes Verdienst: sie hat in diesem Teil der Welt den Horizont offengehalten für das Denken der kommenden Revolten. Keine Revolte wird bestehen können, die unter die Marke zurückfällt, die diese gezeichnet haben; so wie kein kritisches Denken wird bestehen können, das von der wirklichen Revolte getrennt ist.

Man muss das Öl dahin bringen, wo das Feuer ist. 1

Von Jörg Finkenberger

1 Ich danke Theodor Adorno, Walter Benjamin, Andre Breton, Jochen Bruhn, Guy Debord, Sigmund Freud, Richard Huelsenbeck, Hans-Jürgen Krahl, Karl Marx für die unverzichtbare Mitarbeit. Auf keinen einzigen Satz erhebe ich den Anspruch der Originalität. „Unsere Gedanken sind bereits in allen Köpfen, und eines Tages werden sie herauskommen“ (Debord).

Nachtrag zu den Studiengebühren

Die Studiengebühren sind eingeführt, und es ist immer noch nicht ersichtlich, dass die Angehörigen der weniger zahlungsfähigen Schichten in Massen die Universität verlassen oder gar nicht erst betreten. Diejenigen Linken, die sich auf das Feindbild der sogenannten Eliten eingeschossen haben, bringen nur zum Ausdruck, dass sie nie irgendetwas begriffen hatten: die Studiengebühren sind nicht zuerst ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Privilegien irgendeiner Schicht, sie sind vor allem ein Mittel der Disziplinierung, oder vielmehr der Konsekration der Disziplin, aller Studierenden gleich welcher Schicht.

Wer das erste kritisiert, kann das zweite nicht mehr kritisieren. In der Auseinandersetzung zwischen fleissigen und arbeitsamen Angehörigen aufstiegsorientierter Schichten und den privilegierten rich kids haben jedenfalls Kommunist/innen keine Stimme. Die Disziplin ist es, die angegriffen werden muss, die bedrückende Arbeitsamkeit, diese gemeinsame Sache des Staates und der passiven Mehrheit.

Wer nichts anderes gefordert hat als mehr und bessere Bildung, wird nichts anderes bekommen als mehr und bessere Bildung. Der tiefe Konformismus solcher Forderungen mag für das lähmende Bewusstsein mit verantwortlich gewesen sein, dass es ja doch nichts bringe; denn es war zu greifen, dass man sich in dieser Auseinandersetzung auf demselben Boden bewegte. (1)

Der eigentliche Kampf wäre nicht der zweier Schichten, sondern der gegen die Disziplin; sowohl gegen die Unterwerfung als auch gegen die Tatsache, dass alles immer weitergeht. Diesen Kampf hat die Linke nicht verloren, sie hat ihn nicht geführt und konnte ihn nicht führen. Lässt er sich besser führen jetzt, nach ihrer Niederlage? Man wird es wissen, wenn man es versucht hat.

Immer und immer das selbe zu sagen, wie ich es hasse. How many nights I prayed for this: to let my work begin.

Von Jörg Finkenberger

1 Neoliberalismus nennen sie das ganze, Herr G*tt! Und fordern, dass Bildung keine Ware sei; dabei meinen sie nur, dass sie ihnen zu teuer ist. Kann man die Segnungen des Staates zu anderen Bedingungen haben, als er sie gibt? Genauer gesagt: mit welchem Argument will man andere Bedingungen der Hauptsache, solange man sie für eine Segnung hält.

Akademische Bildung ist nicht nur schon immer eine Ware, sie ist schlimmeres: sie ist eine Veranstaltung, mit der jedem Gegenstand noch das letzte Negative ausgetrieben wird und werden muss. Ob die Universitäten, gegen den Willen ihrer Herren, sinnvoll zweckentfremdet werden können: das ist freilich eine andere, praktische Frage. Kämpfe der Studierenden für, statt gegen, das Studium jedenfalls sind nicht verallgemeinerungsfähig und damit direkt konterrevolutionär: sie richten sich nicht gegen die Gesellschaft der Klassen, sondern bestätigen sie.

Der Verdacht

Heute macht man sich nicht mehr strafbar, man macht sich verdächtig. Der Zweck, zu terrorisieren, dem einmal die Strafe diente, wird heute erreicht durch die Befürchtung, einen Verdacht auf sich zu ziehen.

Dass unschuldig ist, wem eine Schuld noch nicht nachgewiesen worden ist, das steht noch im Gesetz, ein letztes stolzes Standbild eines versunkenen Liberalismus; die heutige Epoche, ohne mit der äusseren Form des Liberalismus brechen zu müssen, bringt die dunkle Umkehrung dieses Satzes zur Erscheinung. Es nützt nichts mehr, unschuldig zu sein. Nur, wer sich nichts vorzuwerfen hat, muss etwas befürchten.

Es ist, nach den Grundsätzen des liberalen Staates, Sache des Staates, den Beweis der Schuld zu führen; der/die Beschuldigte ist nicht einmal zur Mitwirkung verpflichtet. Er/sie hat aber, und das macht den Unterschied, jede nur denkbare Belästigung zu dulden: man kann ihm/ihr die Wohnung durchsuchen und überwachen, das Telefon überwachen, das Fahrzeug mit einem Peilsender versehen, sein Mobiltelefon orten, seine Kartenzahlungen überwachen, das Verbindungsdaten im Internet auswerten, alle seine/ihre Bekannten derselben Durchleuchtung unterziehen. Bald wird man Autobahnfahrten nachverfolgen, Fussgänge in den Städten elektronisch auf den Kameras verfolgen und auf die Inhalte seiner/ihrer Festplatten zugreifen können.

Und so gerät der/die Verdächtige in die Lage, seine/ihre Unschuld erweisen zu müssen, nicht einmal oder zweimal vor einem Gericht, sondern 24 Stunden am Tag. Und niemand weiss, ob und wann man sich verdächtig macht, denn niemand kennt die auffälligen Merkmale; nicht einmal die, die nach ihnen suchen. (Nur wer sich etwas vorzuwerfen hat, weiss ohne weiteres, was er/sie zu verbergen hat. Alle anderen müssen raten.)(1)

Neu an alle dem ist, dass das Regime des Verdachts für den Zweck, zu terrorisieren, ausreicht. Das liegt nicht nur an den völlig neuen technischen Möglichkeiten; das sind sowieso nur gegenständliche Erscheinungen gesellschaftlicher Kämpfe. Es liegt, und daraufhin sind die technischen Mittel zu dechiffrieren, an einer völlig neuen Stufe der Verinnerlichung gesellschaftlicher Herrschaft, die seit einigen Jahrzehnten im Lauf ist; an einer gewissen Verlagerung des Punktes, an dem die Kontrolle ansetzt, in das Innere der Einzelnen hinein. Ohne das in voller Schärfe zu erkennen, ist keine Gegenwehr möglich.

Die so genannte Vorratsdatenspeicherung wurde nötig, weil es für den Staat immer schwieriger ist, die Inhalte der Kommunikation zu überwachen. Heute ist es, ohne jeden Aufwand, möglich, Kommunikation vollständig zu verschlüsseln; zwar mit geheimdienstlichen Mitteln zu knacken, aber nicht für die alltägliche Ermittlungsarbeit. Das ist das Ergebnis eines Kampfes, in dem der Staat eine Runde verloren hat; damit ist der Kampf auf dem nächsten Level.

Die akkumulierten Verkehrsdaten (grob gesagt: wer kontaktiert wen?) lassen sich, zu anderen Zwecken, genausogut gebrauchen. Werden sie, in riesigen Datenbanken, zusammengebracht und mit den Mitteln des data mining sortiert, liefern sie Aufschlüsse über Kommunikationsstrukturen, die das gesellschaftliche Verhalten der Einzelnen wahrscheinlich durchsichtiger machen, als es diesen selbst ist.

Es ist gerade die Eigenart von Methoden wie data mining, Merkmale zu finden, auch ohne zu wissen, nach welchen Merkmalen gesucht werden muss. Das zu Daten formatierte akkumulierte Wissen zeigt die Strukturen auf, auf deren Grundlage erst klar wird, was als normal und was als abweichend zu gelten hat. In einer längst (auch ein Ergebnis bisheriger Kämpfe) nicht mehr eindeutig normierten Gesellschaft ist diese Methode der Datenverarbeitung eine Herrschaftswissenschaft im Wortsinne. Ihr ist im Übrigen noch anzusehen, dass sie aus dem Marketing stammt.

Noch bestehen die rechtlichen Möglichkeiten nicht, die anfallenden Daten auf eine solche Weise zu nutzen; aber es wäre naiv, zu glauben, dass das so bleiben wird. Die Daten fallen ab 1.1.2008 an; nach der Logik der Dinge werden sie , nach ihren Möglichkeiten, nutzbar gemacht werden.

Das selbe gilt von den Daten der Überwachungskameras in den Städten und und an den Autbahnen, die biometrische Merkmale und Autokennzeichen elektronisch erkennbar machen. Sie sind überhaupt zu keinem anderen Zweck nutzbar, als Bewegungsprofile zu erzeugen; ausser vielleicht dazu, Propagandavideos für gescheiterte Wahlkämpfer zu liefern.

Niemand weiss, wie das Verfassungsgericht über die Vorratsdatenspeicherung entscheiden wird; nach der juristischen Literatur zu urteilen, wird sie sie verbieten oder stark einschränken. Nach der bisherigen Erfahrung mit eineinhalb Jahrzehnten sogenannter Sicherheitspolitik wird man jetzt schon sagen können, dass sich die Innenminister davon nicht werde aufhalten lassen.

Es ist ohnehin nicht ein Frage dieser oder jener einzelnen Regelung. Data mining liefert denen, die es angeht, längst die Möglichkeiten, mehr über irgendeine Person zu wissen, als diese selbst. Die Hotlines, in denen gute und schlechte Risiken bereits nach ihrer Postleitzahl sortiert werden, sind nur das sprichwörtliche Beispiel; insgesamt tut man gut daran, die erwünschten Merkmale aufzuweisen, welche das auch immer sein mögen. Man hat natürlich besser keine Brüche im Lebenslauf, man hat besser geputzte Schuhe, wenn der Durchschnitt das auch hat. Man liefert besser ein Bild, das im Rahmen der Erwartung bleibt. Ausgefallen darf man sein, denn das sind alle. Aber es gibt überall eine für alle unsichtbare Linie, hinter der man ausserhalb der Norm steht. Man muss es nicht wissen, es reicht, dass man es ist.

Man entwickelt besser, mit einem Satz gesagt, selbst ein Gespür dafür, was akzeptabel ist und was nicht. Man nimmt besser, das ist das selbe, die Masstäbe der Unterwerfung ganz, und freiwillig, in sich auf. Nicht die äusserliche Kontrolle, die blosse Disziplinierung: die innere Unterwerfung allein befähigt, angesichts völlig unbestimmbarer Kriterien dennoch immer auf der richtigen Seite zu stehen.

Man kann dem Kapital und dem Staat das alles nicht ernsthaft zum Vorwurf machen. Katzen (sit venia verbo) fangen Mäuse. Das das Proletariat dergleichen mit sich machen lässt; die zum Speien erbärmliche Bereitschaft der Massen, sich zu unterwerfen, das ist der eigentliche Gegner. Nicht die Herrschaft definiert die Kriterien normalen oder abweichenden Verhaltens, sondern die Masse der Beherrschten; durch ebendiese, je nachdem mehr oder weniger grosse, Bereitschaft zur Unterwerfung.

Nur zu spät gekommene Liberale, wie der Chaos Computer Club, hoffen darauf, dass die Gesellschaft ihre Freiheiten verteidigen werden; sie lassen sich sogar auf die alberne Abwägung von „Freiheit“ gegen „Sicherheit“ ein, als ob nicht alle wüssten, dass die „Sicherheit“ nicht nur unsere Sicherheit nicht ist, sondern sogar das Gegenteil davon. Die bürgerlichen Freiheiten mögen unerlässlich sein, um in dieser Gesellschaft zu überleben; sie werden nur nicht zu halten sein. Die Gesellschaft wird sich nicht gegen die autoritären Tendenzen des Staates liberal auflehnen; sie befindet sich nicht in Opposition zu ihm, ihre Ziele sind die seinen. Der Staat vollzieht nur nach, was sie vorgemacht hat: er ist die juristische Form ihres freiwilligen Konformismus.

Nicht nur unschuldig, sondern verdächtig ist, wessen Schuld nicht bewiesen ist. Und glücklich, wer weiss, wessen er/sie sich verdächtig machen könnte; er kann Vorkehrungen treffen. Die Unschuldigen aber haben keine Chance: ihnen kann man alles anhängen, sie können das Gegenteil nicht beweisen. Es empfiehlt sich nicht mehr, unschuldig zu sein.

Soll man also, im blinden Vertrauen darauf, dass der Staat mit den neuen Befugnissen nur denen Ärger bereiten werde, bei denen es ihm gerade gelegen kommt; soll man sich auf das dreckige Spiel einlassen, und versuchen, keinen Anlass zu geben? Dann soll man velleicht dieses Heft aus der Hand legen; ich hoffe, es könnte dereinst Teil einer realen Bedrohung zu werden. Es käme darauf an, keine verdächtige Bewegung mehr zu vermeiden; bewusst abzuweichen; Möglichkeiten von Unbeugsamkeit und Unberechenbarkeit auszuloten.

Für den beschränkten Bereich der Kommunikation im Internet heisst das, dafür zu sorgen, dass möglichst grosse Mengen an Entropie entstehen. Je grösser, grob gesagt, die Menge an verschlüsselten oder nicht zuordenbaren Daten gegenüber den brauchbaren, desto geringer die Möglichkeiten der Überwachung. Unverschlüsselte Kommunkation ist auch dann nicht mehr akzeptabel, wenn wir richtigerweise davon ausgehen, dass uns wahrscheinlich niemand nachstellt. Im Gegenteil ist die bewusste Verdunkelung, die Verweigerung der freiwilligen Transparenz, die angemessene Form von Widerstand einer Gesellschaft gegenüber, die keine wirklichen Feinde, sondern nur mehr oder weniger konformierende Unterworfene kennt.

Jenseits des elektronischen Horizonts, im real life, sind, nach dem selben Prinzip, weiter greifende Folgerungen zu ziehen. Sie sind oft genug erörtert worden und werden von mir auch noch bis zum Ekel, und in der selben abstrakten Form, erörtert werden. Man soll nicht erwarten, in einem Organ der bloss theoretischen Kritik praktische Vorschläge zu finden; wir werden uns hüten. Die praktische Kritik entsteht, für jetzt, in denen, die lesen, oder nirgendwo.

Von Jörg Finkenberger

1 Jede technische Massnahme kann, mit Aufwand, umgangen werden. Wer sich nichts konkretes vorzuwerfen hat, wird in der Regel den Aufwand scheuen. Daraus ergibt sich die wirkliche Zielrichtung der Massnahme: die Unschuldigen. Die Unschuldigen sind selbst schuld: sie sind selbst die, die noch jede Massnahme rechtfertigen. Woraus man ersieht, dass das Verbrechen auch nicht der wirkliche Feind dieser Unschuldigen ist, sondern die Abweichung in den eigenen Reihen.

Szene verrecke

1.
Dass dieses Leben, das wir führen, keines ist, ist mittlerweile hinlänglich bewiesen. Und ebenso klar ist, dass die Mittel dafür vorhanden wären, die tägliche Degradation hinter sich zu lassen und etwas neues anzufangen, der niemals endenden Zumutung einen Angriff entgegenzusetzen, der überraschend sein könnte, weil er unberechenbar wäre.

Alles, dessen es bedürfte, wäre, die Lethargie abzuschütteln, die uns freilich in ihrem Würgegriff hält; jeder Widerstand gegen die unfassbare Stummheit des Zwanges realisiert sich unter diesen Verhältnissen in der Selbstzerstörung. Die erstaunliche Stabilität der gesellchaftlichen Herrschaft hat kein anderes Geheimnis: wer sich unfähig fühlt, sich ihr anzupassen, ist damit noch lange nicht unerschrocken genug, ihr wirklich zu widerstehen.

Noch das Bewusstsein der Unerträglichkeit bewegt nicht, es lähmt. Und je klarer das Bewusstsein, desto gefährdeter das Überleben. Die Isolation der Einzelnen verdichtet sich, wo sie bewusst und schmerzhaft wird, zur völligen Einsamkeit. Und noch in unserer Mitte kann man sehr einsam sein.

2.
Natürlich müsste man nämlich Konsequenzen ziehen, und natürlich könnte man das auch. Wir hätten in der Tat nichts zu verlieren als unsere Ketten, aber wir hätten eine Welt zu gewinnen. Lieber aber ertragen wir unser so genanntes Leben, mit einer Attitude, die unseren Kollegen in den Fabriken gar nicht mehr so unähnlich ist: die erzwungene Bohemität unserer Existenz mit Stolz, statt mit Abscheu, zur Schau stellend, in den eigenen Beschränkungen uns mit Stolz einrichtend; wir klammern uns noch an die ödesten Tröstungen, mit dem sicheren Bewusstsein, dass, wer sich daran nicht mehr festhalten kann, abstürzen wird.

Nichts liegt den Verzweifelten ferner als die gemeinsame Aktion. Das letzte, weil unwiderlegliche Argument ist immer dies, dass alle anderen sicher nicht mitmachen würden. Man muss sie sich doch nur einmal anschauen! Und in der Tat. Aber die Isolation wird damit im selben Akt, in dem sie als zu zerbrechend erkannt wird, heilig gesprochen.

Dieses Produktionsverhältnis der Lethargie nenne ich die Szene. Diese Szene als Lebensweise ist als erstes abzuschaffen; der falsche Frieden, der ihr Betriebsklima ist, ist aufzukündigen. Sie ist nichts anderes als das Verhältnis, in dem Vereinsamte zueinander stehen, wenn sie sich in dem dürftigen Rest von Leben, das sie führen, bestätigen; sie ist, als unbedingt konterrevolutionärer Faktor, insofern eine staatsnotwendige Einrichtung mit unbestreitbarem pädagogischem Wert.

Nicht alle sind übrigens verloren, man kann auch aus der Szene heraus die Integration in die bürgerliche Geschäftswelt erlernen, denn sie ist selbst nach der Logik der Ware geordnet; eine blosse Filiale der Gesellschaft, mit ihrer eigenen Hierarchie und ihren eigenen Intrigen; sogar die Kunst, das Theater, jede falsche Münze ist hier noch in Kurs. Die Szene erweist sich so als in allen Punkten unter dem Niveau ihrer Zeit, nur nicht in dem einen, dass sie vollkommen ohne jedes Gedächtnis ist.

Es sagt viel, dass Punk heute unter der Rubrik Jugendkultur verwaltet werden kann, und dies offensichtlich nicht Lüge genug ist, als dass gegen eine solcher Erniedrigung handgreiflich vorgegangen würde.

3. Was hat die Welt uns noch zu bieten? Wenn dies kein Leben ist, das wir führen, was hindert uns, das unsere da zu suchen, wo man es nicht vermutet, und wo man nicht vorhersieht, dass wir es suchen? Das Proletariat hat in der Vergangenheit aus diesem Paradox seine Revolten gemacht. Wer garantiert, dass nicht hier ein Punkt liegt, von dem aus an diese Revolten anzuknüpfen wäre?

Worin, ich habe es nicht begriffen, besteht die besondere Notwendigkeit, zu lernen und zu arbeiten, damit man sich einen Plasmafernseher kaufen kann? Kompensiert die Erniedrigung, vom Fernsehprogramm für einen Idioten erklärt zu werden, die Erniedrigung, durch die Arbeit tatsächlich zum Idioten sich zu machen? Warum ein Studium auch noch bezahlen, wenn man dadurch im besten Falle zu einem Lehrer oder zu einem Anwalt wird? Die Knechtschaft der Lohnarbeit setzt uns in den Stand, uns nichts anderes als Waren zu kaufen: aber gibt es, was wir brauchen, auf dem Markt?

Nicht einmal plündern möchte ich diese Städte. Sie haben nichts, was zu irgend etwas nütze ist. Die Schaufenster locken mich nicht, ich habe nie etwas gekauft, das keine Unverschämtheit gewesen wäre. Das sind die Produkte dieser Menschheit: nutzloser Schrott. Das ist der Inhalt ihrer Arbeit. Wenn ich riskiere, dies alles zu verlieren: was riskiere ich?

Alles könnte möglich sein, jede Drohung hätte ihren Schrecken verloren.

4. Aber der Schrecken, den uns die Verhältnisse einjagen, bleibt uns, als ein Mal der Gewalt. In ihm macht sich auf verdrehte Weise die Wahrheit geltend, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen ist; Freiheit für die Einzelnen wäre nur möglich in einer befreiten Gesellschaft, denn die wirkliche falsche Gesellschaft duldet kein Leben neben sich.

Die abstrakte Stärke, nichts zu verlieren zu haben, erweist sich als wirkliche Schwäche, ja als Schatten der Katastrofe; diejenigen, die nicht einverstanden sind, sind gezeichnet.

Der Druck nimmt zu, und es sind zunächst die bewusstesten, die an ihm zerbrechen; die anderen können sich noch eine Weile die Illusion machen, dass es noch einen Weg zurück gäbe, und manche mögen ihn auch finden; um diese ist es uns nicht schade. Der Weg, den wir gehen, nicht weil wir ihn gewählt haben, sondern weil es an einem bestimmten Punkt keinen anderen gegeben hat, führt aber nur in eine Richtung, und von den vielen Möglichkeiten bleibt nur noch eine.

Was hat solche Gewalt über uns, und das zu nehmen, was uns doch möglich wäre? Wieso erscheint der Suizid als derartig konsequent? Wieso, in einem Satz, geht einer von uns eines Tages aus dem Haus und springt von einer Brücke?

Dieses entsetzliche Rätsel macht uns hilflos, weil es unsere wirkliche Hilflosigkeit auf den Punkt bringt: nichts unterscheidet uns nämlich von ihm, und sein Tod hat ein Urteil über unser Leben gesprochen, das wir nicht mehr widerlegen können. Ich wünschte, nur dies eine Mal, dass er Unrecht gehabt haben könnte: aber ich sehe es noch nicht.

Der Schluss, den er getroffen hat, macht mich ratlos; die Voraussetzungen aber kann ich nicht bestreiten. Ja, es lohnt sich nicht, dieses Leben zu führen. Und die Mittel, es zu ändern, liegen nicht in unserer Hand. Die Konsequenz daraus macht mich irre, weil ich sie nicht will. Aber sie ist gezogen. So weit ist es gekommen.

5. Ausgerechnet dieser eine wird nicht mehr bei uns sein. Der bürgerliche Zynismus hat den Satz erfunden, dass das Leben weitergeht: aber was für ein Leben? Dass alles weitergeht, das ist die Katastrofe.

Nichts ist mehr unschuldig. Alles harmlose ist verächtlich. Oberflächliches Gelaber. Unerträgliche Scheisse. Die bisherige Szene ist unmöglich geworden, von einem Tag auf den anderen.

Aber wir betreiben sie immer noch, wie wenn nichts gewesen wäre. Und in der Tat: war denn etwas? Das Weiterbestehen der Dinge sagt: es ist nichts gewesen. Wenn wir, und sei es nur dies eine Mal, etwas dagegen geltend machen wollen, dann, und sei es nur aus einem Rest von Selbstrespekt: zerbrecht eure Gefängnisse, es ist höchste Zeit, nein, es ist schon darüber hinaus.

Es ist Zeit, dass Konsequenzen gezogen werden, andere, als er sie gezogen hat, aber Konsequenzen. Es ist Zeit, dass wir uns unsere Leben zurückholen, und wenn wir dafür durch das Land unserer Selbsttäuschungen zurück wandern müssen. Es ist nötig, sich darüber klar zu werden, dass alles, womit wir es schaffen, zu ertragen, was nicht zu ertragen ist, uns nur stumm gemacht hat und wehrlos.

Die Macht, die die Gesellschaft nach allem über uns hat, besteht darin, dass die Einzelnen ihren Zwang an sich selbst vollstrecken. Und ihr Urteil über die Auflehnung ist, dass sie nicht sein soll. Nichts, was wir bisher getan haben, geht darüber hinaus.

Sich dem nicht beugen, was über uns verhängt ist, hiesse, auch von den teuersten Illusionen Abschied zu nehmen und wirklich unberechenbar zu werden. Nichts garantiert, dass unsere Unruhe das Vorzeichen kommender Unruhen wird; garantiert ist nur, was aus uns wird, wenn es weitergeht wie bisher.

Jörg Finkenberger

Warum Punk noch nicht einmal tot ist- 30 Jahre 1977

Die Realität, die uns umgibt, ist in den wesentlichen Grundzügen um 1977 entstanden, wenn man unter Realität den konkreten Verlauf der Linien zwischen der konterrevolutionären Ordnung einerseits und den rapide kleiner werdenden Freiräumen dessen meint, was einmal eine Revolte war. Der Begriff konterrevolutionär hat in diesem Sinne eine sehr präzise Bedeutung, und die heutige Ordnung ist nichts anderes als die Antwort der Herrschaft auf eine konkrete Bedrohung, ein zur gesellschaftlichen Form gewordene permanenter Gegenangriff. Dass diese Ordnung noch erkennbar ist als der tägliche Terror, aus dem sie im Grunde besteht, ist die Voraussetzung dafür, dass sie abgeschafft werden kann.

1. 1968 war keine Angelegenheit der westberliner Studenten, und nur aus der zweifach bornierten Perspektive, der provinzielldeutschen und der sozialen der neuen Mittelklasse, kann es erscheinen, als sei es damals um die Notstandsgesetze oder um die Universitätsreform gegangen. Leider hat genau diese neue Mittelklasse der früheren Studenten die Geschichte geschrieben; sie bildet sich nämlich auch ein, sie gemacht zu haben. Im italienischen gibt es den Begriff vom „68 der Arbeiter“, und ein kurzer Blick auf die internationalen Gleichzeitigkeiten zeigt den französischen Mai 1968 als einen blossen Kulminationspunkt einer Angelegenheit, die von Argentinien bis Zaire im wesentlichen gleiche Züge trug, weil sie gegen ein Leben gerichtet war, das im wesentlichen überall gleich geführt wurde.

Unterschiedlich war allerdings von Land zu Land die spezifischen Formen der Niederlage, die spezifischen Verlaufsformen des Gegenangriffs. Die Staatsstreiche und die Massaker, die Deindustialisierung und die Verelendung, die Postmoderne und die New Economy haben der heutigen Gesellschaft ihre Züge aufgedrückt: sie scheinen ewig, aber sie sind nicht viel älter als ich. Ewig scheinen sie, weil mit der Revolte immer auch die Erinnerung daran ausgelöscht worden ist. Diese Gesellschaft hat kein Gedächtnis, sie lebt immer auf der Höhe der Katastrofe, und jede Panik ist in ihr ständig abrufbereit. Was namentlich vor 1977 war, ist schon völlig unvorstellbar geworden, hinter einer verspiegelten Wand verschwunden.

2. In dieser Welt hat der Irrtum eine gewisse Plausibilität, als habe Punk die Negation erfunden. Er hat sie nur geerbt, nachdem die wirkliche Revolte aus der Welt getrieben war. Punk ist in einem die nur illusorische Revolte, und im selben Platzhalter der wirklichen Revolte. Daraus erklärt sich seine zweideutige Stellung. Punk findet sich einer Welt gegenüber, die über alle Einwände schon hinweggegangen ist; Widerstand ist bereits zwecklos, mit den Zuständen ist nicht mehr zu rechten. Die Trennung des Menschen von seinem gesellschaftlichen Wesen ist eine Tatsache, über die kein ernsthafter Streit mehr möglich ist. Die vollendete Isolation ist ein fait accompli. Ein gemeinsames mit der Gesellschaft gibt es nicht mehr. An Punk erscheint noch einmal die wütende Negation der vorangegangenen Revolte, nur abstrakter und eben deshalb selbst zerstörerischer; im Stande ihrer völligen Aussichtslosigkeit. Gegenüber dem Punk erscheinen alle Klassen tatsächlich als eine einzige reaktionäre Masse; mit Wut fällt er ein Gesellschaft an, mit der sich bereits alle abgefunden haben, und genau deshalb verfällt er ihr zuletzt. Vom Punk nimmt die Neuerrichtung der Musikindustrie ihren Anfang, die bis heute in den verschiedenen Spielarten ihrer gleichermassen reduzierten Musikrichtungen eine zur verlängerten Infantilität verdammte Jugend in ihrem Bann hält.

3. Um 1968 hatte noch ein junges Proletariat tatsächlich mit einer genauso wütenden, nur massenhafteren Konsequenz die Grundlagen dieser Gesellschaftsordnung angegriffen, und zwar von innen her, aus den Fabriken, und nicht weil sie wollte, sondern weil sie musste. Die Fabrik, das war damals das Schicksal der überwiegenden Mehrzahl; erst später besass das Kapital die Vorsicht, die meisten und vor allem die unruhigsten gar nicht erst in die Fabriken zulassen, sondern ihnen woanders eine genauso stumpfsinnige Rolle zuzuweisen, wo sie nicht soviel Schaden anrichten konnten.

Die Revolte war so unberechenbar, wie sie den heutigen bemühten Historikern unerklärlich ist; sie wird deshalb am besten peinlich verschwiegen. Wie soll man auch erklären, dass damals Streiks geführt worden sind für keine oder nur für lächerlich unerfüllbare Forderungen, erbittert und lange, mit Strassenschlachten und Fabrikbesetzungen, offenbar aus keinem anderen Grund, als weil man die Arbeit genau sosehr hasste wie ihre erbärmliche nutzlosen Produkte, die man für ihren Lohn kaufen sollte? Dass Streiks ausgebrochen sind, unmittelbar nachdem die wohlüberlegten Forderungen einer Gewerkschaft vom Management bedingungslos angenommen worden waren: weil es viel zu klar war, dass kein Geld jemals ersetzen konnte, was die Arbeit einem wirklich nahm? Und dass jede Forderung sinnlos war, die nicht auf unerfüllbares zielte?

Es war keine einfache Niederlage; denjenigen, hinter denen sich die Fabriktore nach einem solchen Fest wieder schlossen, waren in der Tat nicht mehr zu helfen. In Italien, wo die Sache unter der Parole der Autonomie länger und heftiger gefochten wurde als anderswo, schieden sich die Elemente in der Bewegung von 1977. Sie ist der Beginn von allem, was wir kennen.

4. 1977 begann die Flucht aus den Fabriken. Es war kein Bleiben mehr in der Hölle, komme, was wolle. Das Kapital seinerseits bemühte sich nach Kräften, die gefürchtete rebellische Ware Arbeitskraft durch Automaten zu ersetzen: so entstanden die Grundlagen der New Economy wie der Massenarbeitslosigkeit. Die Revolte in den Fabriken war von der Gesellschaft getrennt gewesen, das war ihre Schwäche; in den besetzten Fabriken ist einmal tatsächlich anders gelebt worden, aber ausserhalb ging alles weiter seinen Gang. Die aus den Fabriken auszogen, wollten die Revolte in das alltägliche Leben tragen; und es war auch höchste Zeit dafür. Aber als sie gingen, verschwand die Revolte aus der Fabrik. Die 1977er Bewegung schuf ein Netzwerk kleiner Verlage und Zeitschriften; sie misstraute der Kommunikation der so genannten Öffentlichkeit und zog daraus den Schluss, Gegenkultur und Gegenöffentlichkeit müssten selbst organisiert werden. Sie wandte sich von der Politik ab, weil Politik auf einer Logik der Repräsentation beruht, die selbst nur wieder Herrschaft erzeugt. Die 1977er Bewegung war die erste offiziell antipolitische Massenbewegung der Geschichte. Sie betrieb ihre Sache zum ersten Mal nur im eigenen Namen und auf ihren eigenen Titel hin. Die Negation dieser Gesellschaft erscheint nicht mehr an einer bestimmten Klasse der Gesellschaft. Sie erscheint an einem bestimmten Sektor der Gesellschaft, und die Logik der Repräsentation hat auch die Gegenkultur eingeholt: sie ist nur die Darstellung einer Bewegung der Aufhebung, klar und deutlich getrennt und in sicherer Entfernung von den tragenden Pfeilern. Es ist seither wenig anders geworden.

5. Punk, in der 1977er Konstellation entstanden und mit allen ihren Widersprüchen geschlagen, hat nicht fertig bringen können, was nicht zu machen ist: dem Verdrängten eine Stimme zugeben, eine universale Sprache der Negation. Die Zersplitterung, die vordringlichste Leistung der Konterrevoltion, setzt sich in Punk und durch Punk fort: die Trennung der Revolte von der Gesellschaft und ihre Abspaltung in eine Subkultur setzt sich fort in die Trennungen voneinander fremd gegenüber stehenden Subkulturen, die zu Identitäten erstarren. Die Logik der Abspaltung erzeugt verarmte Stile von verräterischer Eindeutigkeit, klar abgegrenzte Subkulturen, denen schon anzusehen ist, dass sie Marktsegmente sein werden und sonst nichts: ideales Futter für eine Musikindustrie, die ihrer Kundschaft ohnehin nichts anderes verkaufen kann als leere Identität. Punk hat vielleicht nur für einen Moment gelebt, vielleicht auch gar nicht. In der geglätterten Geschichte der glitzernden Ödnis namens Kunst erscheint er als unerklärliche Episode, als Einbruch von etwas völlig Anderem in diese schöne Welt; wie entlarvend, immer noch! Er verweist auf etwas, das nicht gewesen sein soll. Die Revolte ist aus den Geschichtsbüchern gestrichen: sie ist schon nicht einmal gewesen.

Aber ihre Trümmer stehen noch, wir wohnen darin; und schon die Erinnerung kann in dieser Welt ohne Gedächtnis eine Bedrohung sein. Denn das versteinerte weiss, dass es wieder flüssig werden kann. Nur noch in diesem Sinne kann Punk wieder eine Bedrohung werden.

von Jörg Finkenberger

Staatsfeind Nummer 1: Der Sprayer, oder: warum Kunst nichts taugt und was „öffentlich“ bedeutet

Der deutsche Staat hat gegenüber der EU die Tabakwirtschaft einmal mit der denkwürdigen Argumentation verteidigt, ein Verbot der Tabakwerbung verstosse gegen die Freiheit der Meinungsäusserung. Gemeint war die Meinungsäusserung der sogenannten freien Presse, welche beeinträchtigt wäre, wenn sie nicht mehr durch Tabakwerbung finanziert würde.

Damit ist alles über die Freiheit der Meinungsäusserung gesagt. Gehen wir nun zum nächsten Thema über. Deutsche Behörden haben den denkwürdigen Versuch unternommen, Sprayer mit Helikoptern zu verfolgen. Nichts ist zu dumm, um das höchste Gut der Moderne vor Kontamination zu verteidigen: den grauen Beton, der schliesslich den ganzen Dreck zusammenhält, strukturiert, und, mehr noch als das, symbolisiert.

Im Jahre 2005 änderte der Reichstag das StGB, weil es nicht mehr akzeptabel erschien, das Sprayer bis dahin nicht wegen Sachbeschädigung bestraft werden konnten, wenn sie keine dauerhaften Schäden an Gebäuden hinterliessen, sondern nur „deren Erscheinungsbild“ veränderten. Wiederum ein denkwürdiger Vorgang. Hörte man den Reden zu, die diesen Staatsakt begleiteten, konnte man zum Schluss kommen: Graffiti sind eine gesellschaftliche Gefahr ersten Ranges.

Auffälligerweise sind Grafitti dagegen heute Nichts. Die Orte, wo Grafitti legal aufgebracht werden können, überzeugen durch ihre nichtssagende Langeweile, der man ansieht, dass sie pädagogische Projekte sind, dazu verdammt, an Buntheit mit dem Beton selbst zu konkurrieren; und die illegalen beschränken sich schon längst auf Tags und andere grafische Geruchsmarken, deren Inhalt in ihrer stumpfen Existenz liegt: in der blossen Bestätigung ihrer Urheberschaft, hierin nicht unähnlich denjenigen Hiphop-Kapellen, welche in vollem Ernst über nichts anderes reden als über ihre eigenen skills, welche sich in dieser Rede allerdings auch schon erschöpfen.

Grafitti als Ausdrucksform sind, wie es aussieht, in einer ernsten Krise. Das einzige, was auf dem Beton noch blüht, gleicht dem Beton selbst; das einzige, was ausgedrückt wird, ist die Unfähigkeit, auszudrücken. Die Sprachlosigkeit, nicht die Helikopterstaffeln machen den Graffiti den Garaus.

Zu anderen Zeiten, und wer will ausschliessen, dass auch wieder andere Zeiten kommen, waren Grafitti einmal ein Mittel der Kommunikation. Der Beton konnte, gegen seinen Willen, als Tafel zweckentfremdet werden; aus dem Mittel der erzwungenen Stummheit konnte eines der Sprache gemacht werden. Der Angriff auf die Sprayer meint womöglich genau diese Möglichkeit: nicht eine vergangene Opposition, sondern eine künftige. Die Helikopterscheinwerfer suchen dann nicht mehr die Tagger, sondern schon uns.

Der leblose Beton, den sie verteidigen, ist der steinerne Garant versteinerter Verhältnisse und die konkret gewordene Gewalt, die die Einzelnen von ihresgleichen trennt. In den heutigen Städten sind die Menschen wirklich zu verlassenen, verächtlichen, geknechteten Wesen geworden.

Die Städte, in denen wir leben, sind menschenfeindlich. Mit solchem Erfolg hat die Herrschaft in den 30 Jahren der siegreichen Konterrevolution gearbeitet, dass jede Spur der Bedürfnisse der Einzelnen aus dem öffentlichen Raum zurückgedrängt ist; eingesperrt in entlegene, aus den Städten fast ausgelagerten Nachbarschaften; die Stadtteile nach Funktionen säuberlich getrennt, arbeiten einkaufen schlafen.

Auf den Strassen der Innenstädte ist heute am allerwenigsten eine „Öffentlichkeit“ zu finden; sie sind von allem entleert, was irgend ein Mensch brauchen könnte. Die Insassen der Stadt sind in die Aussenviertel verbracht; ein Zentrum, gar mit einer „kommunikativen Funktion“, gibt es nirgends mehr, am allerwenigsten in den Zentren.

Die Kontakte sind aufs zulässige beschränkt, die Gefahr unkontrollierter Begegnung der all zu vielen gebannt, in festen Händen das konzentriert, was die Bürger einmal „Öffentlichkeit“ nannten. Die Wahrheit der freien Meinungsäusserung, das ist die monopolisierte Presse; die Wahrheit der urbanen „Öffentlichkeit“, das ist der Beton.

Jedes Aufbrechen der versteinerten Verhältnisse setzt deshalb die Kritik dieser „Öffentlichkeit“ voraus, die nichts ist als ein gewaltsamer Ausschluss; ihre Voraussetzung ist die praktische Kritik des Betons.

Seit den 1990ern vollstrecken einige Graffiti-Künstler das Verdikt der Repression, dass der „öffentliche Raum“ der Herrschaft gehört und nicht den Einzelnen, indem sie die Strasse verlassen und in die Ateliers gehen. Damit sind sie ihren wenigen Kollegen draussen voraus, die noch die Anerkennung von Graffiti als Kunst fordern; denn bereits Kunst machen zu wollen heisst die Voraussetzung jeder Kunst akzeptieren, nämlich dass das Proletariat von den allen Mitteln des Ausdrucks getrennt ist.

Eine kollektive und anonyme Kunst wäre keine Kunst mehr, sondern bereits der Ansatz zu ihrer Überwindung. Unter dem Regime des Betons kann sich eine solche Kunst in der Fase ihrer Selbstaufhebung aber nicht auf ästhetische Applikationen auf dem Beton beschränken, sondern ist nur denkbar als Angriff auf den Beton, das heisst als Sachbeschädigung. Die geistlose Repression behält Recht gegen den bürgerlichen Einwand der Freiheit der Kunst, weil Kunst als Kunst schon, von jeher, ja gesagt hat zur Herrschaft. Die Revolte, oder das Atelier. Ein Drittes gibt es nicht.

Dabei sind die Städte, und hier vor allem die Avantgarde der Langeweile, die Provinznester, schon derart gebaut, dass jeder anderweitige, den menschlichen Bedürfnissen entsprechende Gebrauch ausgeschlossen zu scheint, und damit die Möglichkeit ihrer Zweckentfremdung, weil überhaupt nicht klar ist, zu welchem vernünftigen Zweck diese Monstrositäten denn in Gebrauch genommen werden sollen. Das Proletariat kann die heutigen Städte nicht einfach fertig in Besitz nehmen und für seine eigenen Zwecke in Bewegung setzen; das ganze Gefüge dieser Städte muss zerbrochen werden, und zwar hinsichtlich jeder einzelner seiner Funktionen.

Merkwürdige Klugheit des Feindes, zu ahnen, dass er mindestens Helikopterstaffeln nötig haben wird. Wenn solche Klugheit doch auch den unseren gegeben wäre.

Jörg Finkenberger

Kapitalistischer Schrott

Etwas mehr als 20 Jahre Cernobyl. Ein paar Jahre angeblicher Atomausstieg. Und unzählige Jahre des beleidigenden Geschwätzes von den sogenannten sichersten Reaktoren der Welt, die wir hier stehen hätten. Der sozialistische Schrott in Chernobyl war Schrott, ja, unbestritten; und dann, als er in die Luft geflogen war, hat Gorbatchevs Staat es erst zugegeben, als es schon überall messbar war.

Hier, bei „uns“, kann so etwas natürlich nicht passieren. Hier haben „wir“ sogenannte westliche Sicherheitstechnik. Hier wird kein Atomkraftwerk explodieren, nur weil sich zufällig herausstellt, dass die Kühlstäbe von unten in den Reaktor eingeschoben werden müssten, aber nicht mehr können.

Hier können höchstens Kühlstäbe nicht mehr in den Reaktor eingeschoben werden, weil sie sich in der Hitze verbogen haben. Hier wird man nicht die Fehler von Chernobyl nochmal machen. Wieso auch, es gibt genug eigene, die man machen kann.

Die kapitalistische Atomwirtschaft ist Mord, so wie die sozialistische Atomwirtschaft Mord war. Vattenfall hat in einer Handvoll Monaten fast 3 Kernschmelzen produziert, und das ist nur das, was man nachträglich erfahren hat; auch bei e.on hat es gebrannt, wie man heute weiss, und dabei ist noch lange nicht eingerechnet, was man nicht weiss.

Und auch hier war erst gar nichts, dann ein bisschen was, und dann kann man immer noch den Vattenfall-Chef feuern und hoffen, dass alle dann glauben, damit hätte sich irgendetwas geändert.

Das wirklich schlimme ist, dass es stimmt. Es glauben wirklich alle. Niemand erhebt Einspruch. Niemanden scheint es zu wundern, immerhin, es ist nichts neues; aber wo ist auch nur die mindeste Spur des Protestes?

Wo ist die ruhmreiche Anti-Atom-Bewegung? Wo sind die wackeren Kämpen, die immer Betroffenen, die Mütter gegen Atomkraft und die sonstigen Vereine für Umwelt- und Lebensschutz, die bisher noch nie vor einer Mahnwache zurückgeschreckt sind? 20 Jahre nach Chernobyl ist etwas passiert, nach dem auch der letzte Idiot nicht mehr glauben kann, dass so etwas nicht jederzeit auch hier passieren könnte. Und alles schweigt. Schweigend lassen sie die Verantwortlichen Schadensbegrenzung betreiben, das heisst: Vertuschung.

Die Wahrheit ist: es gibt da nichts mehr. Nicht mehr die Anti-Atom-Bewegung, nicht mehr die Linke, schon lange nicht mehr ihre wenigen Stärken und nicht einmal mehr ihre vielen Idiotien; nicht mehr als Objekt der Kritik, nicht einmal mehr des Spottes. Es gibt uns und sonst nichts, und das ist erschütternd wenig.

Die bisherige Anti-Atom-Bewegung hat gezeigt, dass sie in kritischen Momenten verstummt. Der Weg wäre also frei, immerhin, ohne die Kontamination des Lebens- und Heimatschutzes, der in dieser Bewegung niemals gefehlt hat, in Erinnerung zu bringen, dass eine Gesellschaftsordnung, in der solche Kraftwerke betrieben werden können, nichts anderes ist als die vollendete Verneinung des Menschen.

Jörg Finkenberger

Sing it so they hear: Let’s let this world know we were here!

Kein Konzertreview

I. Das allgemein verständliche ist nichts als ein Haufen Banalitäten, weil vom wirklich wichtigen längst nicht mehr gesprochen werden kann. Es wäre gar nicht verständlich. Verständlich ist eine Aussage der allgemein gebräuchlichen Sprache nur, soweit sie verallgemeinerbar ist; soweit sie also bereit ist, dasjenige zu verraten, dem sie eigentlich zum Ausdruck zu verhelfen hätte.

Denn das wirklich wichtige wäre die verborgene Wahrheit der Vereinzelten, das schmerzlich Lied ihrer Zerrissenheit und ihrer Sehnsüchte, ihrer Ängste und Finsternisse. Das, was als Kommunikation gilt, besteht aber gerade darin, davon abzusehen, was bloss die Vereinzelten betrifft. Ihnen ist die Sprache nicht sosehr geraubt als vielmehr nie gegeben; für das, was zu sagen wäre, ist die Sprache dieser Gesellschaft feindlich besetztes Gebiet.

Nach der Logik dieser Verhältnisse muss nun in der Tat über das geschwiegen werden, worüber nicht gesprochen werden kann. Uns kann es aber nur darum gehen, das zur Sprache zu bringen, worüber nicht länger geschwiegen werden kann.

Angesichts einer derart dehumanisierten gesellschaftlichen Vernunft ist jede halbwegs bewusste und widerständige Handlung, die das vereinzelt menschliche nicht verraten will, gezwungen, den Charakter einer Chiffre anzunehmen. Jeder Versuch, das auszudrücken, was verschwiegen werden soll, muss der allgemeinen Vernunft unverständlich, rätselhaft bleiben: um so schlimmer für die Vernunft.

Es kann dabei gar nicht entscheidend sein, ob sich dabei, auf einer noch nicht von der Gesellschaft in Beschlag genommenen, untergründigen Ebene des Verschwiegenen eine Gemeinsamkeit der Vereinzelten findet; entscheidend ist allein, sich nicht mehr dahin tyrannisieren zu lassen, an jede Handlung und noch an jeden Gedanken den Masstab anzulegen, ob er vor dem Gericht einer so widerlichen Ordnung der Dinge für vernünftig erkannt werden werde.

Eine solche bewusste und widerständige Handlung nannte Breton surrealistisch. Knochenfabrik drückten es lapidar dahingehend aus: „Wer mich so sieht, wird mich nicht mehr verstehn“. Kommunikation, die heute noch etwas von Belang ausdrücken will, muss in diesem Sinne surrealistisch sein.

Diese Kommunikation existiert, unter dem viel missbrauchten Namen Poesie, schon lange. Die Poesie führt nun allerdings eine vom Leben der vielen Vereinzelten getrennte Existenz, selber nur geduldet im Refugium der Kunst. Die Befreiung der Poesie, die Zerstörung ihres Käfigs und ihre Inbesitznahme durch die Massen, deren wahrhafter, aber vorenthaltener Ausdruck sie doch ist: das wäre, kurz skizziert, das situationistische Projekt der „Revolution im Dienste der Poesie“.

II. Poesie ist der Name, unter dem von dem gesprochen werden kann, worüber nicht länger geschwiegen werden kann. Sie war deshalb immer nahe dem Wahnsinn verwandt. Im letzten ist Poesie nicht anders möglich als in der vollständigen Auflehnung; die Revolte ist die erste und letzte und einzige Poesie. Niemand kann Ducasse und Rimbaud missverstehen. Baudelaire hat aus dem Gedächtnis ein Bild des verfemten Blanqui gemalt.

Wie das singende Glas zerspringt, wenn man seine Eigenfrequenz trifft: so muss man eine untergründige Verbindung fordern, welche die Trennung überwindet. In den Dingen schläft, wie die Romantiker glaubten, ein geheimes Lied. Man muss ihnen ihre eigene Melodie vorsingen. Man muss vollständig poetisch sein. Man erfüllt dadurch ein unabweisbares Bedürfnis der Massen.

Ein früher gebräuchlicher Name für das, was wir als Poesie bezeichnet haben, war Punk. Dieses Wort hat seine Bedeutung in dem Masse verloren, wie sich die Idioten seiner bemächtigt haben. Es gilt, immer und unter allen Umständen, gegen solche Beschlagnahme sich zur Wehr zu setzen mit allem, was zu Gebote steht.

Eine etwas lange Einleitung, um über ein Konzert zu reden, zugegeben.

III. Die sämtlichen Reviews, die an Paper Chase hervorzuheben wissen, dass die Texte zwar ziemlich seltsam seien, aber die Musik wenigstens fetzt, sind ganz offenbar von Idioten verfasst. Das Publikum, das auf solche Weise für dumm verkauft wird, ist selbst offenbar abgestumpft genug, um ein Konzert zu verlassen im selben Zustand, wie sie es betreten haben.

Immerhin, und das ist eine Hoffnung, nicht abgestumpft genug, um es nicht zuerst inmal betreten zu haben.

Paper Chase faszinieren. Die wenigsten stellen sich noch die Frage, warum etwas fasziniert; das ist eines der Male, die diese Welt an uns hinterlassen hat. Man hat sich von der vielen bedeutungslosen Musik sogar abgewöhnt, nach den Texten zu fragen. Man hat sich abgewöhnt, eine Bedeutung zu erwarten, weil man die Hoffnung aufgegeben hat, etwas von Bedeutung zu hören zu bekommen.

Die Texte von Paper Chase sind enttäuschend. Sie handeln vom Wahnsinn. Von grundlosem Hass. Vom grundlosen und nicht mitteilbaren Drang, andere zu erniedrigen. Von den beraubten Individuen im letzten Zustand ihrer Isolation, wo sie nichts mehr haben als den höhnischen Triumf, dass der Mensch für den Menschen das verächtlichste Wesen ist. Der letzte verzweifelte Aufschrei einer Menschlichkeit, die keine Wirklichkeit hat.

Paper Chase errichten vor unseren Augen ein bizarres Universum, in dem die Menschen sich genauso unbegreifliche Dinge antun wie im realen, nur ohne den Trost jener sogenannten Vernunft, die in der realen Welt den Einzelnen ihr Tun mit einer falschen Rechtfertigung vergoldet. Was sie sich antun: Mord und Verstümmelung, nichts anderes, und als Antrieb die begründete Furcht, spurlos gelebt zu haben. „Come hell or high water, this sick world will know I was here“.

In der Welt dieses Alptraumes, von dem Paper Chase handeln, leben wir. Dass uns kein Leben eingeräumt ist als das, was wir uns gegenseitig antun, macht den Alptraum so seltsam vertraut. Der Schrei aber danach, nicht spurlos unterzugehen, der auch unser Schrei ist, begründet unwiderleglich die Möglichkeit, das das Grauen ein Ende haben wird.

Hier beginnt eine Poesie, die nicht mehr verständlich sein wird für die, die gelernt haben, nicht mehr zu wissen, was aus ihnen gemacht worden ist.

Und eine Musik, die nichts mehr mit den Sparten gemein hat, in die gezwängt Musik harmlos geworden ist. Nichts ist hier noch harmlos. Vielleicht ein Teil eines neuen Anfangs, wer weiss.

(1) Zur Abgrenzung von Bretons Parole vom „Surrealismus im Dienste der Revolution“, der Erklärung seiner Unterordnung unter die entfremdete Logik der linken Politik.

Jörg Finkenberger

Nochmal Studi-Sachen

Im Nachgang zum Artikel, und im Hinblick auf die Uniwahlen:

Der AK Aktion bei der Studierendenvertretung gibt bekannt:

Der Boykott muss leider abgesagt werden.

Der Boykott muss leider abgesagt werden, denn es mangelte zu sehr an Helfern, die Anwaltskosten von 3000 Euro konnten nicht finanziert werden und bis auf drei positive und etwa fünf negative Ausnahmen waren die meisten Fachschaften noch nicht einmal bereit, überhaupt mitzuteilen, ob sie den Boykott unterstützen oder nicht.

Unter solchen Vorraussetzungen kann in diesem Semester nichts mehr erreicht werden.

Wir sind bekanntlich die, die immer nur kritisieren, während andere etwas tun. Nichts gegen den guten Willen der wenigen Aktiven, die irgendwann festgestellt haben, dass es mangels Masse nicht geht; aber alles gegen die Selbsttäuschung über eingeschlagene Irrwege, die von allen jenen aufrechterhalten wird, welche die Irrwege vor jeder Kritik in Schutz zu nehmen bemüht sind.

Solange sich die Sache im Getriebe einer Unipolitik befindet, die in den jetzigen Formen abläuft, wird nichts zu retten sein, und nichts zu holen, ausser für die wenigen umtriebigen Politikanten.

Das Elend der studentischen Politik. Über die schon lange absehbare Niederlage der angeblichen Protestbewegung gegen die Studiengebühren

Nach 10 Jahren ist der Widerstand gegen die Einführung von Studiengebühren nunmehr wohl endgültig gescheitert. Das sollte, namentlich für die an diesem Widerstand beteiligten, ein Grund sein, einen Blick zurück zu werfen, und zwar im Zorn.

Ich habe an anderer Stelle und nicht allzu selten schon über die innere Schwäche und Halbheit dieser sogenannten Protestbewegung und der sie tragenden Organisationen geprochen, und kann mich deshalb hier mit einer kurzen Zusammenfassung begnügen.

Dass seit 1997 die Einführung von Studiengebühren bevorsteht, war damals und später allen klar. Ebenso war allen klar, welche Folgen das für Struktur des Studiums, die Zusammensetzung der Studierenden und die Autonomie des studentischen Milieus hat.

Dass es dann doch fast 10 Jahre gedauert hat, ist nicht im mindesten irgendeinem ernsthaften Widerstand der Studierenden zu verdanken. Denn dieser Widerstand existierte praktisch nicht.

Es sei denn natürlich, man bezeichnet die alle paar Jahre, wann immer es der parlamentarische Zeitplan diktiert, stattfindenden langweiligen und folgenlosen Grossdemos oder die nicht minder öden sporadischen „Aktionswochen“ als einen solchen. Letztgenannte Aktionen waren regelmässig darauf angelegt, das Verständnis der sogenannten Öffentlichkeit zu bemühen, indem man an den vermeintlich gemeinsamen Wert der „Bildung“ appelliert – ohne freilich zu sehen, dass man damit einem jämmerlichen Wortspiel aufsitzt, von dem niemand getäuscht wird als lediglich die Studierenden allein. Denn „Bildung“ bedeutet zweierlei für einen Kultusminister und für die Studierenden.

Man hat unbedingt Bildungspolitik treiben wollen, dem Staat gute Ratschläge geben wollen; man hat nicht die eigene Haut, sondern „die Bildung“ retten wollen, darunter tat mans nicht; man hat nicht wahrhaben wollen, dass der Staat Studiengebühren haben wollte zur Rettung eben der Bildung, welche im Kapitalismus alles andere bedeutet als die freie Entfaltung von Fähigkeiten und Bedürfnissen. Man wollte mitspielen beim grossen Spiel der Interessen und meinte, sein eigenes Interesse als Wohl der Allgemeinheit verkleiden zu müssen, wie es bei diesem Spiel so der Fall ist: nämlich zur Täuschung. Und man war dabei so ungeschickt, gerade als einzige Klasse auf diese eigene Täuschung hereinzufallen.

Die namenlosen Idioten, die auf Studierendendemos mit Transparenten herumliefen, auf denen der Verfall des Bildungsstandortes Bayern beklagt wurde, waren einfach nur gute Studenten. Und das wollten sie bleiben. Dass dergleichen Äusserungen im Namen irgendeines wertlosen Pluralismus geduldet wurden, ist ein Argument gegen die studentischen Aktivisten aus allen denkbaren irgendwie linken oder alternativen Gruppen.

Während solchermassen die Studierenden nichts anderes demonstrierten als ihre masslose Selbstzufriedenheit, die überschlug in die Wahnidee, sie seien tatsächlich in irgendeiner Weise gesellschaftlich besonders nützlich, taten die verschiedenen Fraktionen der studentischen Linken, sofern sie überhaupt irgendetwas zusammenhängendes taten, nichts anderes, als Politik zu spielen. Sie nutzten, genügsame Resteverwerter, noch das geringe Interesse an dem Vorgang überhaupt für kleinere oder grössere Intrigen um die Studierendenvertretung herum, sie warfen sich in Pose, um bei der Presse Profil zu gewinnen, sie luden auf den ohnehin halbtoten Widerstand ihre bildungspolitischen oder globalisierungskritischen Konzepte, um aus der geringen Zahl derer, die überhaupt aktiv waren, Rekruten für ihre schwindsüchtigen Organisationen zu machen.

Diesen Leuten ging naturgemäss jede Idee ab, dass die sogenannte Bewegung, die sie gemeinsam verwalteten und vertraten, auf diesem Weg kein anderes Ziel nehmen konnte als das erbärmlichste Scheitern. Denn jeder andere, bessere Weg hätte erfordert, den schwachsinnigen Stolz der Studierenden auf ihre sogenannte Bildung, und das heisst: ihre völlige Identifikation mit ihrer gesellschaftlichen Rolle, anzugreifen.

Die Studenten können nicht rebellieren, ohne gegen ihre Studien zu rebellieren, schrieb Mustafa Khayati 1967, und hat bis heute recht.

Widerstand gegen die Studiengebühren hätte bedeutet, das einzige sinnvolle am Studium zu verteidigen, nämlich den kurzzeitigen Freiraum und die kurzfristige Position, dem Getriebe der Ökonomie nicht ganz so hart ausgeliefert zu sein wie alle anderen. Die Niederlage bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die Austrocknung dieses Biotops.

Dass der Irrglaube, das Studium sei wegen der tollen Inhalte etwas zu verteidigendes, im Kern nichts anderes ist als Konformismus, und zu nichts anderem führen kann als zur Unterwerfung, das zu sehen haben die wenigsten die Augen. Gerade für die kritischsten im Übrigen hat die unergründliche Weisheit nämlich die Politikwissenschaft erfunden; und dort bringen es, unter der gütigen Anleitung eines gewissen für radikal versehenen Dozenten, noch die hoffnungslosesten Fälle zur nicht zu unterdrückende Leichtigkeit und dem Glück, ein Student zu sein.

Es gilt, teils aus Kalkül, teils aus Dummheit, als ungeschriebenes Prinzip der Linken, dass man den Massen nach dem Maul zu reden habe; so als ob nicht deren unbegreifliche Geduld noch der einzige Grund wäre, warum weiterbesteht, was doch nicht mehr zu rechtfertigen ist. Niemals also wird man die Linken erleben, wie sie etwas anderes treiben, als die Leute dort abzuholen, wo sie stehen. In besseren Zeiten nannte man so etwas Opportunismus. Nichts liegt diesen Leuten ferner als der Skandal, nichts fürchten sie mehr als die Isolation.

Als Gefangene einer opportunistischen Strategie müssen sie Gefangene der Formen bleiben, in denen sich der offizielle Betrieb abspielt. Ob sich daher unter der vollendeten Passivität der sogenannten Massen eine ebenso vollendete Unzufriedenheit verbirgt, werden sie nie herausfinden. Im Falle der Studiengebühren haben sie es jedenfalls geschafft, die Studierenden mit dem Versuch, ihr Anliegen der Öffentlichkeit nahezubringen, tatsächlich völlig zu isolieren. Das Beharren auf der Verteidigung der Bildung war zwar sehr gut der sogenannten Mitte zu verkaufen, aber muss für die anderen Klassen völlig ohne Interesse bleiben, wenn nicht schlimmeres. Jeder Versuch dagegen, sich lediglich im eigenen Namen und auf keinen gefälschten allgemeinen Titel hin seiner Haut zu erwehren, hätte namentlich seit den Hartz-Reformen möglicherweise eine gänzlich unvermutete Sympathie bei breiten Schichten hervorgerufen, die die linken Kader selbst schon durch ihre völlig vergessene Existenz überrascht hätten.

Unglücklicherweise bleiben die offiziellen Linken nur solange Herren der sogenannten Linken, solange die gefährlichen Klassen nicht erwacht sind. Und das unbewusste Wissen darum ist es, das sie ängstigt, und immer zuverlässig dazu treibt, nichts unbedachtes zu tun.

Dass die studentischen Kader von der Linken aus der Bewegung nichts machen konnten, mag ihr Schicksal sein, immerhin schon ein Einwand dagegen, solchen Leuten die Hand zu reichen. Wie sie aber, alle mit- und gegeneinander, die letzten Monate vor der Niederlage organisiert haben, das ist ihre Schuld, für die sie bei der nächsten würzburger Hochschulwahl die Antwort verdienen.

Nicht genug, dass die eine Fraktion (Jusos) jahrelang die opportunistischste Politik getrieben haben, die man sich denken kann, und zwar nach jeder Richtung; nicht genug, dass sich diese Fraktion zerlegte über einen unglaublichen persönlichen Streit; nicht genug damit, dass einer der schlimmsten Opportunisten, ein Mitarbeiter eines SPD-Landtagsabgeordneten, schliesslich zusammen mit Michael Kraus eine eigene „Alternative Liste“ gründete, welche den Widerstand nunmehr richtig zu führen versprach: die Damen und Herren (vor allem Herren) beider Fraktionen haben es geschafft, ihre theoretische gemeinsame Mehrheit zu verschenken, aus Gründen desselben persönlichen Streits.

Die „Alternative Liste“ jedenfalls, die seit den letzten Wahlen zusammen mit denselben Konservativen, Liberalen und Grünen, welche sie im Wahlkampf noch nicht zu Unrecht als „neoliberal“ bezeichnet hatte, die Studierendenvertretung stellt, verdient, wenn sie denn noch einmal anzutreten die Stirn haben sollte, keine einzige Stimme. Diese von Martin Bielwaski (SPD) und Michael Kraus (Attac) geschaffene Gruppierung hat ihren Kredit so derartig verspielt, dass sogar die völlig heruntergekommene SPD-Truppe daneben noch gut aussieht.

Zuletzt haben es diese Leute geschafft, die definitive Einführung der Studiengebühren durch den Akademischen Senat der Universität mit nichts anderem zu begleiten als einer Diskussionsveranstaltung, auf der Uni-Präsident Haase und andere Senatoren zum abermaligen sprachlosen Erstaunen der wenigen anwesenden Studierenden kundgeben durften, wie sehr richtig sie das finden, was sie jetzt anschliessend zu beschliessen gedächten; woraufhin dann, nach eineinhalb Stunden, die Studierenden allmählich heim in ihre WGs liefen und Haase die Versammlung beendete, um zusammen mit dem Senat in aller Ruhe zu beschliessen. Absurderweise hatte man ihm sogar die Leitung der Veranstaltug überlassen.

Es fällt einem nichts mehr ein: sogar die wenigen anwesenden Studis hätten ausgereicht, um die Senatssitzung zu stören. Man hat Haase bewusst solange labern lassen, bis sie sich zerstreuten. Richtig erleichtert müssen sie sich gefühlt haben, die Jüngelchen der AL und ihr Meister, als endlich alles vorbei war: die Nervosität, die das Erscheinen dreier angeblich scharz gekleideter bei ihnen und den anderen Funktionären der Ordung herrvorrief, war immerhin ein kleiner Trost. Ich betrachte diese Nervosität, die meine blosse Anwesenheit bei solchen hervorruft, jedenfalls als eine Verpflichtung.

Das bisher letztes Lebenszeichen von AL und Studierendenvertretung war der sogenannte Studiengebühren-Boykott, an dem sich um die 50 Leute beteiligten, was in etwa der Anzahl der Mitglieder der AL zuzüglich ihrer WG-Mitbewohner/innen entspricht; wer das eine Blamage nennt, untertreibt. Angepeilt waren 30% der Studierenden. Soviele wissen, legt man die bisherigen Wahlbeteiligungen zu Grunde, noch nicht einmal von der Existenz der Studierendenvertretung. Eine nutzlose Existenz im übrigen, die bisher nichts als Schaden angerichtet hat und jetzt, in den Händen der Konservativen, der Liberalen und ihrer Alternativen Steigbügelhalter, natürlich nicht besser geworden ist.

Angesichts einer Studierendenvertretung, die bloss entweder den linken oder den rechten Politikanten zur Tribüne dient, kann jede wirklich grundlegende Veränderung nur mit der Forderung anfangen, diese Studierendenvertretung einfach abzuschaffen.

Jörg Finkenberger