Archiv der Kategorie 'hunter s. heumann'

Ein Nekrolog auf die Punkerseite

Nie wieder Klarer mit Orangensaft an der Leonhard-Frank-Promenade

In Würzburg setzt man sich nicht einfach auf diese oder jene Wiese am Fluss. Es war von jeher eine politische Entscheidung, an welchen Plätzen man die warme Jahreszeit verbringen wollte. Niemand, der klar von Verstand und reich an klaren Schnäpsen ist, kann es nur eine Sekunde an den Mainwiesen in der Sanderau oder am Alten Kranen aushalten. Zu unerträglich sind die akademisch Verwahrlosten, die zwischen zwei Proseminaren mal wieder das Jonglieren üben oder mit Proseccofläschchen um sich werfen, wenn mal wieder ein Junggesellenabend ansteht. Sowohl auf den Grünflächen der Sanderau als auch am Alten Kranen haben sich über die Jahre unterschiedliche Szenen angesiedelt, mit denen erlebnisorientierte Jugendliche, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, wenig zu tun haben wollen.
In der Sanderau haust das alternative und sportive akademische Milieu. Man spielt Federball, sitzt auf Batikpicknickdecken oder liest Hermann Hesse. Mensagänger und andere Steppenwölfe führen hier die tödlich langweiligen Gespräche des Nachmittags fort und ab und zu packt jemand die Gitarre aus, um die Anwohner mit dem Liedgut von Manu Chao zu geißeln.
Am Alten Kranen hingegen sitzt derjenige Teil der Studentenschaft, der sich, statt Gerstensaft zu trinken, lieber einen Prosecco hinter die Binde kippt, und am späteren Abend erfolglos versucht, sich rhythmisch zu Musik zu bewegen. Neben dem Homo Freibieriensis findet man am Alten Kranen noch eine schlimmere Spezies Mensch, besonders am Wochenende: Junggesellen auf Abschiedstour. Die unmanierlichen Jungs vom Lande kommen in die große Stadt, um Frauen an den Hintern zu fassen. Der einzige zivilisatorische Lichtblick ist die Tatsache, dass die stockbesoffenen Herrenrunden im Laufe des Abends auf andere aggressive Junggesellenabschiede treffen. Im besten Fall springen ein paar blutige Lippen dabei heraus, im noch besseren Fall muss der Bräutigam die Nacht sogar in der Ausnüchterungszelle verbringen.
Und jetzt hat es die Stadt untersagt, sich weiterhin an der Leonhard-Frank-Promenade zu betrinken. An der einzigen Stelle, die der Hässlichkeit Würzburgs entsprach. Hier spielte man nicht auf der Gitarre, sondern mit dem Feuer. Hier jaulte kein Singersongwriter, sondern Hassi, der Straßenköter. Damit ist es nun zu Ende. Im Spätsommer des letzten Jahres – freilich völlig ohne eine leiseste Vorahnung, dass es der letzte Schweinesuff dieser Art werden würde- besuchte ich das letzte Mal das Ufer am Fuße des Mainviertels. Blicken sie mit mir zurück auf einen typischen Abend an Unterfrankens beliebtesten Punkerstrand.
Eigentlich war es schon bitter kalt am Ende des letzten Septembers. Dennoch kam die fixe Idee auf, mal wieder an den Main zu gehen. Um zehn nach acht standen wir, zur großen Freude der mürrischen Einzelhandelskauffrau, an der Lidlkasse, mit einer Buddel Korn, einer Flasche Klaren und etwas, das vorgaugelte, Orangensaft zu enthalten, bewaffnet. Eine sehr wichtige, wenn nicht die wichtigste, Kulturtechnik, die die Menschheit jemals hervorgebracht hat, ist die Beschaffung von Alkohol zu billigen Preisen. Gerade in den Zeiten kriselnder Weltmärkte ist es unverzichtbar, für unter 3,50 Euro sternhagelvoll zu werden. Neben einigen eher unempfehlenswerten Methoden, die blind machen oder Lähmungserscheinungen hervorrufen können, eignet sich Branntwein vom Discounter. Da es jedoch schwierig ist, das Zeug hinunterwürgen, sollte man den Schnaps stets mit süßen Getränken mischen. Wichtig ist das Mischverhältnis: Bei zwei Teilen Saft und einem Teil Getränk liegt die Schmerzgrenze. Die notwendige Flüssigkeitsmenge richtet sich nach dem Körpergewicht. Lange Rede kurzer Sinn: Wir begaben uns zur Leonhard-Frank-Promenade, um ein paar Freunde zu treffen. Hier und da saßen andere Runden am Main, es roch nach verbranntem Karton, das ein paar Menschen in ihrer Mitte angezündet hatten, um sich Dosenravioli warm zu machen (was selbstverständlich von geringem Erfolg gekrönt war). Einige Menschen spielten Knochenfabrik, Eisenpimmel oder Räuberhöhle auf ihrem Casio, und wie ein gespenstischer Nebel lag ein Klangteppich aus Hundegebell, klirrenden Flaschen und Gegröhle über den finsteren Wiesen. Es klang wie Musik. Wie die Musik eines Orchesters, das keine Musikinstrumente benötigt, da der Sound einer zerberstenden Flasche auf dem Asphalt einen viel schöneren, reineren Klang erzeugen kann. Heute Abend zählte nur die Flucht, nur die Verweigerung gegenüber dem Rest dieser Stadt, nur das Chaos inmitten der verwalteten Welt. Wir saßen und tranken. Obwohl es in dieser Nacht bitterkalt wurde, wärmte uns die hochprozentige Glut. Leonhard Frank wäre entzückt gewesen, hätte er die Räuberbande beobachtet, die von einem Schiff, das am Main seinen Anker gesetzt hatte, einen Kasten Bier vom Deck entwendete. Die prägendste Erinnerung an diese Nacht ist jedoch der junge Ausreißer, mit dem wir Bekanntschaft machten: Er hatte sich ein zerfetztes Sofa vom Sperrmüll organisiert. Er wohnte auf dem Möbelstück, seit Wochen. Das schmucke Einfamilienhaus seiner Eltern war wie eine Gummizelle für ihn geworden. Hier in Würzburg, inmitten der anderen Suchenden, hat er etwas gefunden, das er Freiheit nannte. Trotz des Alkohols bibberte er vor Kälte. Doch irgendwann des Nachts übermannte ihn dennoch irgendwann der Schlaf. Ein Freund von mir holte ihm eine Rettungsdecke aus dem Auto, mit dem wir ihn einpackten.
Da schlief er nun. Wie ein Kind. Sollten wir jemals in einer Welt leben, in der die Guten gewonnen haben, würde eine Statue an den jungen Ausreißer aus Mittelfranken erinnern. Denn er und die anderen zweifelhaften Gestalten am Main standen für eine Freiheit, die diesen Frühling verboten wurde.
Leonhard-Frank-Promenade: Es war schön mit dir. Ruhe in Frieden.

Von Hunter S. Heumann

Kann man denn nicht mal mehr in Ruhe seine Bratwurst essen?

Es hätte alles so schön werden können. Die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen. Mein träger, unförmiger Körper lechzte nach irgendeiner Art von Bewegung. Selbstverständlich denke ich dabei nicht an sportliche Aktivitäten. Es ist das alte Dilemma, das meine Lust auf frische Luft schmälert: Der Winter ist mir viel zu kalt und der Sommer viel zu warm. In einer solchen Jahreszeit schließen mein Hunger und mein spärlicher Bewegungsdrang aber einen Kompromiss: Ich laufe ein paar Schritte. Dies ist gut für die Gesundheit, sagt man ja. Ich laufe zum Bratwurststand am Markt und esse ein paar Geknickte Mit Senf. Das macht satt, sagt man ja.
Es hätte alles so schön werden können. Wurde es aber nicht. Im Moment des Verzehrs der vier Bratwurstbrötchen, die ich zur Sättigung benötige, habe ich mir in den Jahren meinen eigenen Freiraum geschaffen. Alle Gedanken drehen sich in diesem Moment nur um das köstliche Schweinefleisch. Alle Sorgen existieren in diesem Augenblick für mich nicht. Die Welt steht still. Keine störenden Menschen, keine Politik, ich filtere alles aus. Lasse das Chi fließen. Es gibt nur mich und die Schweinsbratwurst. Manche machen Joga, ich verschlinge ein Stück Fleisch um meine innere Ruhe zu finden. Zwar war mir das Brötchen, das eine fettige geknickte Bratwurst in seinem Herzen trägt, wie immer vergönnt. Bei der zweiten Geknickten blieb mir aber die Wurst im Halse stecken. Durch meinen Raum der Idylle trampelte eine politische Demonstration. Mit einem Banner. „Ihr seid nicht vergessen!“ stand darauf. Ein Soldatengedenken zu Afghanistan. Viele Deutschlandfahnen. Alberne Korporierte. Der Aufmarsch kam einer Kriegserklärung gleich. Niemand, absolut niemand hat das Recht, mich beim Essen zu stören. Und schon gar nicht zu einem Thema, das weder mich noch den Rest der Leute an ihrem Einkaufssamstag interessiert. Am liebsten hätte ich laut geschrien, aber mein Mund war voll. Am liebsten hätte ich die Veranstaltungsteilnehmer vollgekotzt, aber dafür war mir das Essen zu schade. Ich kaufte hastig eine dritte Geknickte Mit und folgte dem Zug zum Vierröhrenbrunnen, um die Veranstaltung auszumischen.
Und genau hier wendete sich das Blatt. Auf der Schlusskundgebung am Brunnen lauschte ich den Worten des Veranstaltungsanmelders Torsten Heinrich und wurde nachdenklich. Nicht etwa, weil ich mich auf einmal für die Bundeswehr interessierte. Sondern weil mich die Rede von „Opferbereitschaft“ und „Solidarität“ an die vielen süßen Schweinchen erinnerte, die ich in den Jahren verschlungen hatte. Tausende Schweine, die für mich ihr Leben gelassen hatten. Und nie zuvor war ich ihnen so dankbar gewesen wie an diesem warmen Frühlingstag. Welche großes Opfer sie doch erbrachen, damit ich satt werde. Ich lauschte den Worten Herrn Heinrichs, doch in meiner Vorstellung sprach er zu den Schweinen, denen ich doch dankbar sein musste, dass sie mich stets satt gemacht haben. Und so nahm ich die Worte der Rede zwar wahr, aber dichtete sie in meinem Kopf für die Schweine um. Und auf einmal wusste ich, warum auch ich zu gedenken hatte:

Ich war hier, um ein Zeichen der Solidarität zu den Schweinen zu schicken. Solidarität nicht für die Schweine als solche, zu denen jeder anders steht, sondern Solidarität für ihre erbrachten Leistungen. Weit weg vom heimischen Stall, immer wieder unter Bolzengerätebeschuss im Schlachthof, außerhalb des Lagers durch verseuchtes Tiermehl oder die Schweinegrippe bedroht, befinden sich die Schweine und Eber in einer Ausnahmesituation, die wir uns am Bratwurststand kaum vorstellen können.Während ich morgens aufstehe und die Nachrichten bei einem guten Mettbrötchen lese, werden einige Kilometer weiter Schweine geschlachtet, damit ich sie essen kann. Während ich hier stand, waren viele unserer Hausschweine gerade in diesem Moment weit weg von zu Hause einer permanenten Bedrohung ausgesetzt. Diese sollen wissen, dass wir an sie denken, hinter ihnen stehen und sie in unseren Mägen bei uns sind. Sie sollen wissen, dass sie als Schweine, sie als Fleisch- und Wurstwaren mehr Rückhalt in der Gesellschaft haben als sie manchmal gezeigt bekommen, auch wenn ihr Einsatz heftig umstritten ist und von vielen Tierfreunden abgelehnt wird. Ob wir es wollen oder nicht, ob wir den Einsatz unterstützen oder nicht, die Schweine haben ihr Leben bei einem Einsatz gegeben, der in unserem Magen endete. Ungeachtet der Frage unserer eigenen Haltung, die Schweine gaben ihr Leben als Qualitätsfleisch der Bundesrepublik Deutschland. Sie waren Zuchtschweine, ja, doch das darf uns kein Grund sein, ihnen die Verantwortung ihres Schicksals zuzuschieben, erfüllten sie doch ihre Pflicht in unserem Namen, dem des hungrigen Bürgers. Im Namen aller deutschen Bratwurstesser.

Tränen kullerten meine Wange hinunter. Ich sang statt „ich hatt‘ einen Kamerad“, das auf der Trompete gespielt wurde, lieber „drei Schweine saßen an der Leine“. Es störte niemanden. Ich muss Torsten Heinrich danken, dass ich an seinem Gedenkmarsch teilnehmen durfte. Er bescherte mir einen der emotionalsten Augenblicke in meinem Leben. Daher kann ich nur danke sagen. Danke. Und quiekquiek.

Hunter S. Heumann

Angst und Verzweiflung in Würzburg

„Wir sind der Meinung, dass in der Würzburger Altstadt seit einiger Zeit eine Unkultur des Lärms, der Verschmutzung und der Verrohung Platz greift.“ (Bürgerinitiative Würzburger Altstadt)

„Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.“ (Hunter S. Heumann, Grillanzünder ausverkauft)

Mich plagten Magenbeschwerden an diesem trägen Dienstagabend. Doch das Grummeln und Murren, dass unter den Bürgern dieser Stadt ausgebrochen war, übertraf das Wehklagen meines Verdauungsorgans bei Weitem. Eine Welle der Empörung über lärmende Jugendliche, urinierende Studenten und kotzende Marienkäfer war unter dem Plebs ausgebrochen. Und ausgerechnet heute, zum Termin dieser unterhaltsamen Versammlung in Rathaus, wollte ich mein Essen auch am liebsten wieder heraus brechen. Ganz tapfer schleppte ich mich dennoch in den Ratssaal, um der Aussprache über den „Zielkonflikt“ zwischen Gastronomie und Anwohnern der Innenstadt beizuwohnen, zu der der Herr Oberbürgermeister geladen hatte.
Die Ankunft im Ratssaal entpuppte sich als herbe Enttäuschung: Keine Lachshäppchen, kein Frankenwein, keine weichen Sessel mit Massagefunktion. Und keine Begrüßung mit Handschlag durch Herrn Rosenthal oder wenigstens durch irgendeine B-Prominenz der Linkspartei. Und die Kollegen der Presse saßen bereits weich in ihren Sesseln, ohne dass sie mir einen Platz vorgewärmt hätten. Na gut. Gezwungenermaßen nahm ich also auf der Empore Platz. Beim Blick in die Runde erblickte ich recht wenige sympathische Gesichter, zu denen ich mich gesellen wollte. Überall bedrohlich wirkende Würzburger, in deren Gesichtern der Zorn mehrerer Jahrhunderte Unterfranken gezeichnet stand. Das sympathischste Eck befand sich rechts des Rednerpultes. Hier roch es nach Tabak und Schweinsbraten. Die Männer hatten dicke Bäuche und wilde Bärte. Ohne Zweifel: Hier mussten die Wirte sitzen. Ich ließ mich nieder.
Im Vorfeld stellte ich mir die Versammlung wie folgt vor: Gastronomen und die Bürgerinitiative Würzburger Altstadt würden sich anschreien, ein kurzes Handgemenge, am Ende würde sich Bernd Mars zur Volkstribunen ausrufen lassen und das wehrhafte Bürgertum mit Waffen ausstatten. Es kam ganz anders. Herr Oberbürgermeister Rosenthal ergriff das Wort. Unter anderen Themen, die mich nicht weiter interessierten, gehe es heute über den „Zielkonflikt“ Wohnen vs. Gastronomie. Rosenthals Stimme klang sanft, aber bestimmt. Dabei immer sichtlich bemüht, die aufgebrachten Menschen zu beruhigen. Ob der Bürgermeister ebenso wie ich fürchtete, dass der Plebs heute nacht noch zu einem brandschatzenden Mob werde, der Imbissbuden plündere und Tankstellen, die noch immer Branntwein verkauften, abfackele? Ich weiß es nicht. „Es ist nicht so, dass die Stadtverwaltung nicht handelt.“ Man habe ein engmaschiges Informationsnetz gebildet, jeder Vorfall werde dem Ordnungsreferat mitgeteilt. Mein Magen rumorte. Sollte das Ordnungsreferat schon morgen früh wissen, wohin ich mein Mittagessen gespuckt haben werde? Ein furchterregender Gedanke, wahrlich. Und dann entpuppte sich Rosenthal als ein Mann der politischen Visionen, die doch in einer Zeit, in der viel geredet, aber nichts gesagt wird, so fehlen. Es werde immer Zielkonflikte geben, wir müssten aber „ein anderes Miteinander organisieren“ in dieser Stadt. We need a change. Ein neues Bewusstsein. Rosenthal: Wird er als Mann der großen Utopien Würzburg, vielleicht aber auch die deutsche Sozialdemokratie, erretten?
Nun sprach Ordnungsreferent Kleiner. Die schwarzen Schafe in der Gastronomie seien bekannt. Man werde die Kontrollen verstärken. Und noch mehr: die Wirte scheinen unter Bewährung zu stehen. Denn in den nächsten Wochen stünde die Gastronomie unter besonderer Beobachtung, gegen jede Störung würden rechtliche Schritte unternommen werden. Ein Würzburg mit noch mehr Kontrollen? Wie viele Polizisten und Ordnungsdienste will man denn noch zu Tode langweilen? Ich malte mir kurz aus, wie eine Bürgerwehr des Schreckens in den Straßen patrouilliert, mir mit einer Peitsche das Pils aus der Hand schlägt und mich zum Lachen in eigens dafür eingerichtete Keller schickt.
Als nächstes sprach Polizeidirektor Ehmann und legte die schockierende Statistik auf den Tisch: Im Vergleich zu 2008 gab es 48 Ruhestörungen mehr! 48! Und dass in einem Jahr ohne Fußballweltmeisterschaft! Ich kenne Menschen, die in einer Nacht 48 Ruhestörungen verursachen könnten. Ganz alleine und ohne Mittäter. Vielleicht sollte ich meinen Freundeskreis wechseln. Aber das ist eine andere Geschichte. Als Herr Ehmann ankündigte, man werde in Zukunft vermehrt Fußstreifen einsetzen, setzte zum ersten Male an diesem Abend ein spontaner Applaus ein. „Wir wollen berittene Polizei!“, fauchte ein Mann neben mir. Wo, zur Hölle, saß ich hier? Die Menge wirkte auf mich immer furchteinflößender, morastiger, blutrünstiger. Hier und da vollzogen sich spontane Wutausbrüche. Eine Frau mittleren Alters mit einer an sich schönen Handtasche stotterte etwas, von dem ich lediglich „Studenten“ und „Frechheit!“ verstand. Eine bedrohliche Situation. Zum Glück war ich kein Student, sondern freier Journalist und PSI-Forscher, aber würde mir das der Mob glauben?
Endlich begann der vielversprechendste Teil der Versammlung: die Wortmeldungen des Publikums. Für einen erlebnisorientierten Jugendlichen wie mich waren diese eine herbe Enttäuschung. Kein Geschrei, keine Prügelei und verdammt noch mal keine Lachshäppchen. Wobei ich auch froh sein kann, dass es so ruhig blieb: Wer weiß was passiert wäre, wenn die Stimmung in Saal umgekippt wäre? Vielleicht hätten mich schlaflose Bürger als potentiellen Ruhestörer ausgemacht, mich in ihre mittelalterlichen Keller gezerrt und mich dort mit glühenden Eisenstangen bearbeitet? Zurück zum Thema: Nach einigen eher unwesentlichen Wortmeldungen ergriff endlich eine Person das Wort, deren Tonfall auch endlich so hysterisch klang wie die Wortwahl der Bürgerinitiative. „Ham sie schon mal den Inneren Graben gesehen?“ fragt Frau R. „Es ist furchtbar!“ Sie klagt über Müll und Ratten. Eine Frau, die den Würzburgern anscheinend aus der Seele spricht. Und wieder ertönt dieser spontane Applaus, der mit Angst machte. Große politische Visionen können Zorn in Zuversicht verwandeln. Und Hass in Liebe. Daher spricht Herr Rosenthal auch hier vom Change. Vom neuen Bewusstsein, dass uns alle betrifft. „Jeder kehrt vor seiner eigenen Haustüre.“ Jeder ist mitverantwortlich, dass die Straßen sauber bleiben. Yes, Wü can!

(Im Übrigen: Yes-Wü-Can-T-Shirts gibt es für „saugünstige“ 14.50 € beim Udo an der Theke. Aber das ist ein anderes Thema)

Was darf bei keiner Diskussion, die die deutsche Volksseele betrifft, fehlen? Richtig erraten, die Junge Union! Peter Schlecht ergriff das Wort für diese. Als erstes forderte er statt einer Verlängerung der Sperrzeiten mehr Toilettenhäuschen und Mülltonnen. Löblich. Ich fordere dagegen Spätsupermärkte, Gewalterlebniszonen und mehr Kneipen mit durchgehend warmer Küche. In der Welt, wie sie sich Peter Schlecht vorstellt, herrscht Ordnung: Er wohne schon sehr lange in der Innenstadt. Aber er sei nicht ein einziges Mal in der Innenstadt kontrolliert worden. Hat er das wirklich gerade gesagt? Eine als Aussage getarnte Forderung, ohne erkennbaren Grund des Nachts kontrolliert zu werden? Die Welt, die sich Peter Schlecht im Kopf ausmalt: ich wage nicht einmal zu erahnen, was da so in den Träumen der jungen Politikanten vorgeht. Und dann kam sie doch tatsächlich noch, die Forderung, dass private Bürgerdienste zum Wohle der Ordnung eingesetzt werden. Die Bürgerwehr also. „Ich habe die schönsten Momente nachts erlebt“, schloss Herr Schlecht seine Rede. Auch ich habe die schönsten Momente nachts erlebt. Aber zum Glück ohne die Bürgerwehr. Und ohne Peter Schlecht.
Eine tiefe, sonore Stimme erschütterte meinen Magen. Er sprach: Bernd Mars. Von der Bürgerinitiative Würzburger Altstadt (BIWA), der Hüterin von Zucht und Ordnung, der Rächerin der Entrechteten. Würde Bernd Mars nun seine Kandidatur zum Bürgermeisteramt bekanntgeben und getragen von einer Welle des Applaus‘ die Rebellion des Volkes ausrufen? Es kam anders. Herr Mars bemühte nicht das Jargon der Bildzeitung, dass die BIWA bisher an den Tag gelegt hatte. Konkrete Forderungen wurden dargelegt: Er wolle keine Disko am alten Kranen, sondern einen runden Tisch wie in Heidelberg. Was auch immer dieser runde Tisch in Heidelberg sein mag. Doch Herr Mars ist nicht nur ein Aktivbürger, sondern auch ein Mahner, das moralische Gewissen dieser Stadt. Es handele sich um ein gesellschaftliches Problem. Das Problem seien die jungen Leute, die „Vorglühen“, und „Party haben wollen“. Es gelte die Missstände auszumerzen, schloss Herr Mars seine Rede. Ein kalter Schauer fuhr mir über den Rücken. Wenn zornige Bürger vom Ausmerzen reden, fürchte ich das Schlimmste. Was oder gar wer soll hier ausgemerzt werden, und wie? Diese Frage lässt Herr Mars offen. Die BIWA- sie wird uns noch das Fürchten lehren.
Dann war das Schauspiel irgendwann zu Ende. Sperrzeiten, Diskolizenzen, Fußstreifen, Bürgerwehr. Irgendetwas bedrohliches vollzieht sich in dieser Stadt. Irgendetwas unheilvolles geht in Würzburg vor. Es wird nicht nur mir Magenschmerzen bereiten. Guten Appetit!

Hunter S. Heumann

Intro #14

Als Vorgeschmack auf die Printausgabe #14 finden sie hier bereits das Intro der Ausgabe. So in einer Woche liegt der Hype dann an den (un)bekannten Stellen aus.

Intro Nr. 14

Ein dreifaches Oi und herzlich willkommen zur Schneeglöckchenausgabe des Letzten Hypes. Seit unserer letzten Ausgabe ist in Würzburg bestimmt sehr viel passiert. Nur werden sie hier nichts davon lesen. Und auch wenn noch so viele StudentInnen „Würzburg brennt!“ rufen: Ein Feuer habe ich noch nicht gesehen.

„Gähnende Langeweile, dies ist der Boden, auf dem Punkrock entstand!“ Ein Zitat, das ich irgend woher aufgeschnappt habe. Ich bin mir aber sicher, dass auf dem Boden der gähnenden Langeweile auch die Meerscheinchenzucht entstanden ist. Mit Schlonzo dem Geachteten in einem Hasenkostüm und einer ungenierten Schwäbin machte ich mich doch im Herbst tatsächlich nach Veitshöchheim auf, um eine Meerschweinchenschau zu besuchen. Fragen sie mich nicht warum, höchstwahrscheinlich wegen dieser gähnenden Langeweile. Ich habe mich nie für Meerschweinchen interessiert, und tue es auch jetzt nicht. Wie verdammt noch mal kann es sein, dass ich bei einer Tombola, in der die Gewinnchance angeblich 50/50 beträgt, fünf mal hintereinander die Niete ziehe? Wenigstens habe ich dann beim sechsten Male einen Schwimmreifen gewonnen. Wussten sie eigentlich, dass Meerschweinchen einen Stopfdarm besitzen? Sie müssen ununterbrochen Fressen, und wenn einmal das Futter ausbleibt, dann bilden sich Blähungen, die über Tage anhalten und sehr schmerzhaft für die Tierchen sind. Ich stelle mir das so vor wie eine Überdosis Sojasteaks im menschlichen Magen. Oder in meinem zumindest. Bei dieser Ausstellung hing auch ein Grußwort des Bürgermeisters, der davon berichtete, dass Touristen sich an den Gardasee erinnert fühlen, wenn sie in Veitshöchheim am Main spazieren gehen. Ich war zwar noch nie am Gardasee, aber ich glaube jetzt weiß ich, dass ich dort niemals hin will.

Soviel zu den Meerscheinchen. Ein Vogelo hat mir erzählt, dass angeblich Jojo Schulz in Zukunft das AKW-Gelände als Zweigstelle der Posthalle nutzen darf. Wurden da die geheimen Begehren des Jojo S. Am Ende doch noch wahr? Erst brennt man das Dorf nieder, nach dem Bürgerkrieg reitet man auf einem Maulesel wieder in das zerstörte Kaff und will als Held gefeiert werden? Zum Glück wissen noch ein paar Menschen, wer sich da als Retter darstellen wird, und werfen hoffentlich statt Rosenblüten faule Früchte.

Und ich habe nicht die geringste Ahnung, was diese Anekdote mit der kommenden Ausgabe zu tun haben soll. Aber irgendwer muss ja ein Intro schreiben. Also zumindest ich wäre enttäuscht, wenn es keines gäbe. Jörg Finkenberger glaube ich wäre ganz froh, wenn man das Intro weglassen würde. Den Gefallen werde ich ihm nicht tun. Nie!

Für immer Ihr
Hunter S. Heumann

Du mieses Speziesistenschwein!

Als unser Hunter S. Heumann irgendwann um 2004 das erste mal das Wort „Speziesistenschwein“ benutzte, das er eigens zu dem Zweck erfunden hatte, Tierrechtler zu verwirren (Tip: das Wort ist in sich widersprüchlich), wusste niemand, wie furchtbar ihm dies Geschäft gelingen würde.

Grillanzünder ausverkauft

Hartmut Feuerteufel (48) bestreitet Vorwürfe

Als unschuldige Autos im Juli diesen Jahres von einem Mann namens Feuerteufel heimgesucht wurden, entschied ich mich, für meine Recherche tief in das Milieu einzutauchen, das sie die Zellerau nennen. Ich nahm eine neue Identität an und zog zwei Monate in das Herzen eines von inneren Widersprüchen zerrissenen, nach lodernden Brandbeschleunigern riechenden Stadtteils. Welche Motive und Schallplatten besitzt der Täter? Warum brannten bisher nur Mülltonnen, aber noch nie ein Altkleidercontainer? Wer ist der Mann, der mir gegenüber auf der Couch sitzt und was gibt es morgen zum Mittagessen? Das alles sind Fragen, die mich überhaupt nicht interessieren und deren Antworten sie in diesem Artikel vergeblich suchen werden. Mein Interesse galt einzig und alleine der 2000-€-Belohnung, die mir die Polizei schenken würde, wenn ich zur Ergreifung des Täters beitrüge.
Zellerauer Plunder, entkoffeinierter Kaffee, eine geblühmelte Tischdecke, die ihre besten Tage hinter sich hat. Ich sitze in Roswitha Murgelhofers Esszimmer, zu dem ich mir mit Hilfe des Enkeltricks Zutritt verschafft habe. Frau Murgelhofer ist an die 80 Jahre alt, eine kleine, hagere Dame. Ihr Kleid sieht ihrer Tischdecke täuschend ähnlich und sie riecht aus dem Mund. Aber das ist eher unwichtig. Seit 80 Jahren lebt sie in der Zellerau, seit 80 Jahren glotzt sie aus dem selben verdammten Fenster. Wenn jemand weiß, wie der Feuerteufel aussieht, dann sie. Die sympathische Dame erzählt viel, freut sich über einen Besuch ihres Enkels- ich habe sogar einen Blumenstrauß mitgebracht- und weiß auch über den Brandstifter zu berichten. Da sei manchmal einer nachts unterwegs gewesen- der habe mit Akzent gesprochen und sei wohl auch nicht von hier gewesen. Ich lege Frau Murgelhofer einen Kugelschreiber in ihre tattrigen Händchen und bitte sie, ein Phantombild des Verdächtigen anzufertigen. Als sie nach einer halben Stunde fertig ist, weiß ich, dass das eine Scheißidee war. Ich bedanke mich, lasse mir noch ein paar Stückchen Kuchen einpacken, „leihe“ mir 500 € und ziehe von Dannen.
Nächste Station Dosenbier. In der Tankstelle fallen mir zwei Dinge auf: Zum einen braucht man sehr große Einkaufstüten, wenn man für 500 € dänisches Dosenbier kaufen möchte. Zum anderen sind zwar Instant-Grills vorrätig, die Grillanzünder jedoch sind ausverkauft. Ausverkauft!Verdächtig!! (Lass das mit den ständigen Ausrufezeichen, Trottel!) Hat sich der Täter etwa mit Wunderblitz Grillanzündern bevorratet, um noch mehr unschuldige Kraftfahrzeuge mit in den Tod zu reißen? Etwas verwirrt teilt mir die Dame von der Tanke mit, wie der typische Grillanzünderkäufer in etwa aussieht: Bierbauch, Jogging-Hose, meistens kaufe er sich noch ein paar Bratmaxe. Endlich mit einem Täterprofil im Kopf verlasse ich zufrieden die Tankstelle.
In den folgenden Tagen hänge ich an den einschlägigen Treffpunkten der Zellerauer Jugend ab und stelle mich als neuer Sozialpädagoge vor. Mir wird deshalb, völlig zurecht, stündlich in den Bauch geboxt. Einen Boxenstop legen die Jungs aber sofort ein, als die furchteinflößenden Herren mit Kampfhund und Schneetarnbomberjacke auftauchen. Man habe eine Zellerauer Bürgerwehr gegründet, da es so ja nicht weitergehe, erläutert mir wenig später einer der drei jungen Männer, während die anderen beiden fieberhaft damit beschäftigt sind, böse zu gucken. Einen guten Tipp, wer denn der Feuerteufel sein könnte, können mir die Halbstarken aber auch nicht geben.
Etwas zynisch finde ich es, dass man in einer Metzgerei „Feuerteufeli“ bekommt. Das sind Landjäger, die neben Schweinefleisch und Nitritpökelsalz auch eine gehörige Portion scharfes Paprikapulver enthalten. Noch viel zynischer wird die Angelegenheit, als ich einen fettleibigen Polizisten dabei ertappe, wie er sich mit seinem Landjugendgrinsen eine solche Wurst bestellt, diese an einem Stück in seinen Rachen rammt, einen Schluck Selters trinkt und anschließend „Brand gelöscht“ albert. Sein Kollege und er lachen, wie Polizisten eben lachen.
Ich komme so nicht weiter. Keine heiße Spur, auch nach Wochen nicht. Die Verzweiflung bringt mich sogar soweit, dass ich eines abends mit einem eher weniger schlauen Hippie im Denklerblock sitze, Dosenbier trinke und mir seine Fabeln über Hohlwelten, Naziufos und geheime Weltregierungen anhöre. Plötzlich bringt mich die Vertonung von geistigem Dünnschiss, die unentwegt aus seinem Mund sprudelt, auf eine Idee: Sein Gebrabbel von Menschen, deren Körper einfach verbrennen, ohne erkennbaren Grund, die These von der Spontanen Menschlichen Selbstentzündung (SMS) also, macht mich nachdenklich. Laut SMS-Theorie sei es möglich, dass Menschen einfach so anfangen zu brennen, einfach so nebenbei beim Abendessen zum Beispiel. Wenn die SMS-Theorie war wäre- was sie nicht ist- könnte es dann sein, dass auch Mülltonnen, Autos oder Kruzifixe spontan Lust darauf haben, in Flammen aufzugehen?
Diese Gedanken rauben mir den Schlaf. Eines morgens mache ich mich auf den Weg nach Kulmbach, um den weltbekannten, zurecht unanerkannten Parapsychologen Kasimir von Pützlitz zu besuchen. Von Pützlitz wohnt in einem stattlichen fränkischen Fachwerkhaus, das die besten Tage hinter sich hat und an dessen Westseite das Wort „Karma“ geschrieben steht. Eine nach Patchoulie duftende, in geheimnisvollem Ton flüsternde Frau sitzt im Foyer an einem Couchtisch. Auf dem Tisch: Tarot-Karten, eine Flasche Absinth, ein Streichholzschächtelchen, auf dem „Zünftiges aus Zirndorf“ steht. „Wir haben sie bereits erwartet“, zischt die aufregende Dame in geheimnisvoller Weise und zeigt auf eine Türe hinter sich. In diesem schwach beleuchteten Raum sitzt Kasimir von Pützlitz, welcher ein Gewand aus Kartoffelsackstoff an hat. Auf diesem Gewand steht „vorwiegend festkochend“. Von Pützlitz spricht in einem penetranten schwäbischen Akzent, was mich zum einen verwirrt, zum anderen an Käsespatzen mit Röstzwiebeln erinnert.

Jamjamjam, Käsespatzen mit knusprigen Röstzwiebeln. Ein Gedicht.

Auf die Frage nach der Möglichkeit, dass sich nicht nur Menschen spontan selbst entzünden könnten, sondern auch Gegenstände, muss der langhaarige Parapsycho lange nachdenken. Er muss sogar so lange nachdenken, dass ich kurzzeitig denke er sei eingeschlafen oder gar verstorben. Plötzlich blickt er hastig auf seinen „Astro-Kalender 2009“, sagt mir, dass gerade Jahr des Büffels sei und dass er Schlimmes befürchte. Auch der schiefe Turm von Kitzingen oder das Thomas-Gottschalk-Denkmal in Bamberg seien von Feuerteufel bedroht, wenn nicht eine Kraft erscheine, sie alle zu knechten, sie alle zu finden ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden blablabla. Selbst Frau Murgelhofer oder der Hippie scheinen mir vertrauenswürdiger als dieser schwäbische Scharlatan mit schmutzigen Fingernägeln, jedoch genügt mir für meine Recherche, dass er meiner zweifelhaften These zugestimmt hat.
Zurück in der Zellerau erschrecke ich, als ich den Namen Hartmut Feuerteufel auf einem Klingelschild in der Nähe meiner Wohnung entdecke. Sollte die Lösung so einfach sein? Wohnt hier der Feuerteufel höchstpersönlich? Und bekomme ich jetzt endlich die 2000 €? Was schmeckt besser, Soja oder Seitan? Ich klingele an seiner Türe, mir erscheint ein Mann Ende 40 mit einem stattlichen Schnauzbart und einem Morgenmantel an. „Entschuldigen sie, sind sie der Feuerteufel?“ „Gewiss doch.“ Kann man dies schon als Geständnis werten? Ich bohre weiter nach: „Wissen sie, wer in dieser Stadt jedes Wochenende Brände legt?“ Herr Feuerteufel guckt verdutzt, sein an sich freundliches Wesen zerfällt in Windeseile und seine Mundwinkel werden wie von einem Amboss nach unten gezogen. „Falls sie zu dene Menschn g‘hörn, die wo stündlich bei mir anrufen und die wo Scherzchen mit meinem Namen treiben: Ich ruf des nächste mal die Bolizei!“ schreit er und wirft die Türe zu. Polizei kann er haben, denke ich mir und rufe die Ordnungshüter an, um sie zu Hartmut Feuerteufels Wohnung zu schicken. Doch sie kommt nicht. Nie ist die Polizei da, wenn man sie braucht. Auch auf meine 2000 € warte ich bis heute. Tja. Resigniert verlasse ich die Zellerau. Für immer.
Der Feuerteufel, er lebt noch immer mitten unter uns. Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.

Hunter S. Heumann

Das AKW in Würzburg….

ist auch nicht mehr das, was es mal war….
Xavier Naidoo? Die da hinten in der Zellerau haben wohl jetzt endgültig ihren alternativen Anspruch verloren!
Na wartet mal auf die nächste Vereinssitzung, da wird’s Ärger geben!

Von Liberalen und anderen Balzvögeln

Hunter S. Heumanns Bericht zweier blau-weißer Festivitäten

Nun, es passiert ja nicht gerade viel in der Gegend. Die Langeweile ist derart groß, dass ich den Polizeibericht eines vergangenen Wochenendes als kleines Highlight für mich entdeckt habe. Ein paar Schlägereien, Vandalismus, Exibitionisten und ab und zu sogar eine brennende Mülltonne. Dieser Öde entkommt man schwer.
Es sei denn, man schafft es, sie zu verdrängen. Hilfsmittel ist dabei entweder der liebe Herr Alkohol oder der Besuch von absurden Veranstaltungen. Das größte Vergnügen ist jedoch die Kombination beider. Und so kam es, dass ich zwei ganz besondere Highlights in meinem Kalender der gepflegten Unterhaltung eingetragen hatte, bei denen den Farben blau und weiß eine besondere Bedeutung zukam.
Die erste Veranstaltung, der ich beiwohnte, war ein Umzug gegen Deutschland. Als Ort für diese vielversprechende Demonstration hatten sich die Veranstalter das brodelnde Herz Germaniens ausgesucht: Kitzingen. Es gibt viele Gründe, gegen Deutschland zu sein, Kitzingen ist aber mit Sicherheit einer der besten.
Nach einer schlimmen Nacht, vernebelt von dichtem, schwerem Tabakduft, klingelte es am Morgen an meiner Türe. Auf meinen Synapsen spielte der Obstler noch immer Punkrock. Das Aufstehen fiel mir wahrlich schwer. Bevor ich die Türe erreichte, schnappte ich mir noch mein Pfefferspray- denn man kann ja nie wissen, welche Freaks schon wieder vor der Wohnung stehen. Was sich mir darbot, kam tatsächlich einer Freakshow relativ nahe. Da standen drei Leute mit verquollenen Gesichtern und Augenrändern bis zum Allerwertesten. Einer stammelte irgendetwas von „Elektroparty“ und „Nacht durchgetanzt“. Ach richtig, das waren die Herren, die mich zur Demo abholen wollten. Mit flauem Gefühl im Magen stieg ich also ins Auto. Im Nachhinein frage ich mich, ob es der Gesamtsituation zuträglich war, dass ich es genoss dem Fahrer während der Fahrt vom hinteren Sitz permanent meine Knie in den Rücken zu rammen. Vielleicht war dies aber auch die einzige Möglichkeit, ihn wach zu halten. Wir werden es nie erfahren.
Wir kamen in Kitzingen an. Die Sonne schien, die Tiere am Mainufer freuten sich über diesen wunderschönen Frühlingstag. Zumindest nahm ich es so wahr. Ein böser Mann mit blauen Adiletten und feuerrotem Kopf schimpfte von seinem Balkon herab. Seine Stimme klang wie ein Polizeiauto, inklusive Doppler-Effekt. Er schien nicht sehr erfreut darüber, dass die Abschlusskundgebung dieser Demonstration vor seinem Haus stattfinden sollte. Dicke Luft, ich hätte auffallen können, nur raus hier. Mir war das ganze Theater sowieso recht egal. Ein Freund und ich setzten uns bis zum Anfang der Demo an den Main und schauten Enten beim Geschlechtsverkehr zu. Ein faszinierendes Schauspiel! Der Umzug sollte am Bahnhof beginnen, und so begaben wir uns in seine Richtung. Was gehört zu einer guten Bahnhofskneipe, in der man sich schon um die Mittagszeit volllaufen lassen will? Das rustikales Ambiente, Sportwimpel, Faßbier- sonst nichts. Und genau eine solche fanden wir auch vor, was uns zum Konsum von einem, zwei oder auch drei Hopfengetränken verleitete. Von den gemütlichen Stühlen im Hof der Trinkhalle konnten wir dann auch beobachten, wie lange vor den Demonstranten die Ordnungshüter den Platz inspizierten- und mit Ihnen dieser Herr vom Staatsschutz mit dem schönen Holzfällerhemd und der modischen Sonnebrille. Irgendwann ging die Demo dann auch los. Es gab 100 Israel-Fähnchen, 50 Demonstranten und kaum jemanden auf den Straßen. Ein paar Kids freuten sich über die Bonbons und Plätzchen, die von Antifas verteilt wurden. Lächelnde Kinder waren dann aber auch schon die ganze Außenwirkung dieser antideutschen Hateparade. Die Musik vom Lautsprecherwagen war schlimm. Ich wünschte mir Schleimkeim, aber niemand wusste, was ich damit meinte. Punk ist halt auch nicht mehr, was er mal war. Angekommen bei der Abschlusskundgebung trank ich noch ein paar Vodka-Redbull. Mir wurde schwindelig. Betrunken in Kitzingen. Die Reise war’s wert.
Wenige Tage später hatte meine Leber bereits das nächste weiß-blaue Großereignis zu befürchten: Die Kanzlerin sollte in unsere gottverlassene Stadt kommen. Aber niemand hatte ihr einen Thron gebaut. Bewaffnet mit einer Flasche Apfelkorn und einer Hubschraubermütze begab ich mich barfüßig zum Marktplatz. Und verdammt, dieses unentwegte Augenzucken. Hunderte, wenn nicht tausende Menschen, viele mit Lederhosen an, fast alle mit Schaum um den Mund, warteten gespannt auf die Rede der Fürstbischöfin. Ich setzte mich an den Obelisken, an dem sich am Wochenende normalerweise die Punks treffen, und versuchte, mein zuckendes Auge in den Griff zu kriegen. Keine Punks in Sicht. Deren Rolle sollten heute die Milchbauern spielen. Die Landwirte protestierten gegen den niedrigen Milchpreis und riefen unverständliche Dinge, die wie ein lautes „Muuh!“ klangen. Wenn mich meine Sinne nicht täuschten, hatten die Milchbauern sogar eine Kuh mitgebracht, die stark nach Stall roch. Die freundliche Kuh schmatzte zufrieden vor sich hin. Kurz überlegte ich mir, ob ich ihr ein paar Pommes vom Marktstand holen sollte. Die Widerkäuerin war zweifellos die sympathischste Person auf dem gesamten Platz. Aber ein Ereignis machte meine Pläne zu nichte: Da stand er wieder, der Mann vom Staatsschutz. Er hatte immer noch das selbe Holzfällerhemd an. Ob er es zwischendurch wenigstens mal gewaschen hatte? Eine Angstattacke überkam mich. Kann es sein, dass dieser Mann mich verfolgt? Dass es weiß, dass ich selten vor zwölf Uhr aufstehe, dass er mich beim umziehen beobachtet? Ich versuchte, mich hinter der Kuh zu verstecken, die vielleicht gar keine Kuh war. Die Rede der Königin hatte bereits angefangen. Ich kann mich an kein einziges Wort mehr erinnern. Im Schatten der Kuh drückte mir ein junger Mann ein Flugblatt einer liberalen Partei in die Hand. Seine Art und Weise, um die Leute herumzutänzeln und Wahlpropaganda zu verteilen ähnelte dem Balztanz der Enten bis ins Detail. Bei genauerem hinsehen erinnerte mich der junge Mann aber nicht mehr an ein süßes Entchen, sondern eher an einen Kampfhahn mit etlichen Schmissen im Gesicht. Da waren noch mehr Menschen, die Flugblätter verteilten. Eine bedrohliche Situation. Sie hätten mich mit ihren Schnäbeln zerhacken können. Sollte dies mein Ende sein? Panisch rannte ich davon, schreiend stieg ich in die erste Straßenbahn, der ich begegnete. Zufälligweise war es die richtige. Ich schleppte mich in mein Bett und schlief 20 Stunden am Stück. Ich bin wirklich froh, noch am Leben zu sein.

Hunter S. Heumann

Ein kleiner Vorgeschmack auf den Hype 12

Willkommen zur Kotzkolumne- es gibt vegane blaue Zipfel

Die Kochkolumne ist ja Rainer Bakonyis heilige Kuh. Da ich selten Fleisch esse, fällt es mir wirklich schwer sie zu schlachten. Aber es muss sein. Seit zwei Jahren hält er uns zum Narren. Seine Gerichte kann man entweder besoffen nicht kochen, weil man dabei einschläft, oder die Produkte gibt’s nicht beim Discounter. Und mal ehrlich, was soll am Gaisburger Marsch gut sein? Nein, so geht das nicht!
Die Drohung stand schon lange im Raum, jetzt mache ich’s wahr und schreibe meine eigene Kochkolumne. Im Gegensatz zu Rainer Bakonyi („Rainer Bakonyi lebt in Würzberg. Er schreibt regelmäßig für das akw! info und ist Wirt.“ Phase 2) behaupte ich gar nicht, dass mein Gericht gut schmecke. Ganz im Gegenteil, der Versuch, vegane Blaue Zipfel zuzubereiten, war mit Abstand das ekelhafteste, das ich je gekocht habe. Betrachtet es deshalb als Chance, ungeliebte Gäste loszuwerden, mit eurer Freundin oder eurem Freund Schluss zu machen oder einfach mal gepflegt zu kotzen. Et voilà:

Sie brauchen:
Für die blauen Zipfel: vegane Sojawürste, Wacholderbeeren, Lorbeerblätter, Essig, Öl, Salz, Pfeffer;
Für das bayrisch Kraut: Weißkohl, Gemüsebrühe, Kümmel, Räuchertofu, Essig, Zucker, Öl, Zwiebeln
Für den Kartoffelbrei: Kartoffelbreipulver, Sojamilch ungesüßt

Zubereitung:
Schneidet das Kraut in riesige Stücke, so dass sie nicht gar werden können. Verwendet den Stumpf am besten auch. Zwiebeln würfeln. Räuchertofu (wichtig: viel Räuchertofu verwenden, vielleicht sogar mehr als Kraut. Das macht die Sache besonders widerlich.) würfeln und frittieren. Die Zwiebeln andünsten, mit Wasser, Essig und Zucker ablöschen. Das Kraut und den Kümmel mit einer übertriebenen Menge Gemüsebrühe aufkochen, bis kein Wasser mehr übrig ist. Am Ende Räuchertofu hinzufügen.

Wasser, Essig und Öl zu gleichen Teilen, Sojawürste, Wacholderbeeren, Lorbeerblätter und Sojawürste in einen Topf geben und köcheln. Nicht vergessen werden darf dabei, dass der Sud bitter werden muss. Ich habe keine Ahnung, wie ich das hinbekommen habe. Es soll auf jeden Fall wie Lebertran schmecken. Die Sojawürste nehmen den Geschmack des Suds nicht auf, egal wie lange ihr sie köchelt. Versucht’s erst gar nicht. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Den Kartoffelbrei so zubereiten, wie es auf der Packung steht. Statt Muhmilch Sojamilch verwenden.
Ich wünsche ein gutes Erbrechen!

Hunter S. Heumann,
welcher an dieser Stelle weiterhin noch folgende Kochbücher empfiehlt, um das Kochen im Gesamtzusammenhang der Verhältnisse zu begreifen:

- das große Buch vom Fleisch von Nikolai Buroh
- Wo unser essen herkommt von Willi Spatz
- Natural born Killer von Rainer Bakonyi im akw-info August 1994
- Schnaps brennen. Rezepte für Obstbrände und Ansatzschnäpse. Schritt-für-Schritt-Anleitungen von Herbert Herbst

Auf dem Beatabend… mit Hunter S. Heumann

Wenn Stromgitarren das Grunzen der Mastschweine übertönen, wenn sich das köchelnde Testosteron junger Milchbauern durch Faustschläge an die Oberfläche kämpft und es nach erbrochenem Cola-Asbach (1 €, 50/50-Mischung) riecht, dann ist Beatabend.
Dieses den Stadtbewohnern völlig zurecht unbekannte Ritual bäuerlicher Selbstentwürdigung erfreut sich seit Jahrzehnten ungebrochener Beliebtheit bei jung und alt. Das Konzept ist denkbar einfach. Man nehme:

1.Eine schlechte Coverband. Wichtig für eine gute Show ist dabei, dass die Musiker die kulturelle Vielfältigkeit ausstrahlen, die das Dorf kennzeichnet: nämlich gar keine. Würde eine Beatabendband größtenteils eigene Stücke zum Besten geben: die Menge wäre verwirrt, sie würde womöglich sogar anfangen, mit Gülle zu werfen.
Ein fetziger Gruppenname ist ebenso unverzichtbar. Da gibt es „geile“ Bandnamen, die bereits nach dem ersehnten wilden Geschlechtsverkehr alkoholdurchströmter Leiber klingen, den sich so viele Beatabendbesucher versprechen: S.E.X. als Abkürzung für „Sau Extrem“ oder die „Hard- & Heavyband“ F.U.C.K. beispielsweise. Andererseits darf der Bandname auch klingen, als werde die Dorfidylle durch schmetterndes Todesmetall erschüttert: so wie Acid Rain, Justice oder Angel Landing beispielsweise.
Die Beatabendbands lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Zum einen gibt es die Gruppen, die es niemals geschafft haben, außerhalb einer Radius‘ von 15 Kilometer ihres Brunftgebietes aufzutreten. Die Gründe sind alkoholbedingte Trägheit, Angst vor Ausländern oder einfach mangelnde musikalische Fähigkeiten. Zum anderen schaffen es tatsächlich manche Bands, frankenweit oder gar deutschlandweit aufzutreten- es gibt schließlich nicht nur in Unterfranken öde Gegenden, in denen der Auftritt einer Metal-Coverband gefeiert gefeiert wird wie die Anschaffung eines neuen Traktors.

2.Billiger Alkohol. Das seit Jahrtausenden beliebte Konzept zum Abbau von Hemmungen wäre ohne eine kleine Auswahl besonders auf dem Kaff beliebter Getränke undenkbar: Selbstverständlich wird Bier gereicht- aber charakteristisch wird ein Beatabend erst durch den Asbach Uralt.
Asbach ist ein übelschmeckender Fusel aus Rüdesheim am Rhein, der schon beim ersten Schluck an Brechdurchfall und schmerzhafte Blasendysfunktionalität erinnert. Die Leidenschaft der Dörfler für Asbach wird von Dr. Hartmut Bömmele, Professor für biologische Psychologie, auf eine Veränderung der Geschmacksknospen, verursacht durch die Einatmung von Kunstdüngerdämpfen, zurückgeführt. Der Dörfler versucht, den üblen Geschmack des Schnapses durch Cola zu überdecken- was nur in begrenztem Maße von Erfolg gekrönt ist.

Ein Beatabend kann schwer beschrieben werden, ohne die spezifische Stimmung zu beleuchten. Der dumpfe Covermetal motiviert die Gäste kaum zu ausgelassener und fröhlicher Stimmung, sondern eher zu teutonischer Kampfeslust, halb-rülpsenden, halb-gröhlenden Lauten aus dem tiefsten Innern der barbarischen Dorfnatur und zu Tanzbewegungen, die eher an schnitzelklopfende Metzgermeister als an passionierte Diskogänger erinnern. Oft kommt es im Tanzsaal zu Grüppchenbildungen, die bereits darüber entscheiden, welche zwei Fraktionen am Ende des Abends aufeinander losgehen. Die Gründe sind meistens eher unwesentlich- ob jetzt der Michl mit der Lisl geknutscht hat, der Ändi den Peter „schwul“ genannt hat oder der Manni aus Knetzgau den Maibaum aus Hofheim entwendet haben soll spielt eigentlich keine Rolle- wichtig ist am Ende, dass irgendwer auf die Fresse bekommt. So fallen die Enthemmten übereinander her, spätestens wenn die Musik aufhört. Man lässt mal so richtig die Wut heraus- damit man ruhig und ausgelassen die nächste Woche wieder zur Arbeit gehen oder die Rüben ernten kann. Solange, bis das Wochenende wieder beginnt, die Musik wieder spielt und das bizarre Schauspiel erneut seinen tragischen Anfang nimmt.

Ihr Hunter S. Heumann

P.S:Das Labyrinth in Würzburg kann zweifellos als urbaner Arm der Beatabendbewegung bezeichnet werden!

Über München und seine Leut‘

Dieser Text handelt von München und hat trotzdem mehr mit faulig vor sich hin modernden Provinzsümpfen wie Gerbrunn, Ochsenfurt, Hemmersheim oder Gollhofen zutun, als sie vielleicht zuerst annehmen würden.
Stellen sie sich einfach vor, zwei Ochsenfurter Gestalten mit kurzen Hosen kommen in Düsseldorf in eine Kneipe und bestellen, ohne vorher auf die Karte gesehen zu haben, ein Öchsner Bier aus Ochsenfurt. Und wenn der Herr Wirt den beiden antwortet, dass es kein Öchsner Bier gebe, bestellen sie ein Kauzen Bier, ebenfalls aus Ochsenfurt. Abermals teilt der Wirt den beiden Dorfkreaturen mit, dass es auch kein Kauzen Bier in seiner Kneipe gebe. Die beiden Ochsenfurter gucken verdutzt und ein wenig erzürnt, besprechen sich kurz, einer von beiden verdreht die Augen und schnaubt dann in lautem Ton „Habt ihr denn überhaupt irgendein Bier?“ vor sich hin. Wenn die Geschichte wirklich passiert wäre, dann fänden sie das Verhalten der beiden jungen Leute etwas merkwürdig, nicht wahr?
Eine weitere Geschichte zur Veranschaulichung: Ein volkstümlicher Sonderhöfer, engagiert im Krieger- und Kameradschaftsverein Sonderhofen, liebt jedes Element seiner Ochsenfurter Gautracht. Er liebt seinen albernen Spitzhut, sein schwarzes Lederwestchen, sein Hoserl, dessen Bund er knapp unter der Brust trägt und seine grauen Wollsocken, in die er sein Hoserl gesteckt hat. Eines Tages kommt er auf die Idee, dass seine Tracht womöglich nicht nur volkstümliches Zeug, sondern neuer Schick ist, auf den die Welt gewartet hat. Also zieht er los in die Metropolen dieser Welt, nach Paris, London, New York, Tokio und viele weitere Städte, und lässt seine Tracht an. Und wenn die Leute über seinen merkwürdigen Anzug scherzen, ihn sogar verspotten, dann kann er diese Menschen nicht verstehen. Nein, er verlangt sogar, dass die Welt ihn zu verstehen habe. Er bettelt um Akzeptanz, mehr noch, er verlangt Bewunderung für sein Volkstum. Auch ein solches Verhalten fänden sie durchaus merkwürdig, oder?
Oder stellen sie sich vor, ein Großlangheimer Autohändler zieht in eine Millionenstadt. In Großlangheim wurden ihm einige Ehren zuteil: als Sohn eines armen Landwirts arbeitete er sich nach oben und gilt für die Dorfbewohner als „Macher“. Er saß für die Freien Wähler zwei Jahrzehnte im Stadtrat, engagierte sich im Verein zur Heimatpflege und im Vogelschutzverein, ist Ehrenbürger seines Kaffs und mehrjähriger Gewinner des Kitzinger Tenniscups in der Klasse der Jungsenioren. Auch sein Habitus entspricht seinem sozialen Status: Familienfeste werden prunkvoll gefeiert, Giorgio Armani Sonnenbrille, Kitzinger Maßanzug und sein kleinbürgerlicher Machismo gehören genauso dazu wie sein sabberndes Gelaber über seine liebreizende fränkische Heimat. Jetzt kommt der Großlangheimer Kleinbürger also in die große Stadt und möchte mit offenen Armen empfangen werden. Er war der Held seines Dorfes, und genau deshalb muss er auch der Held der Großstadt sein. Das merkwürdige an der Metropole, in die er zieht, ist, dass er dort auf tausende Gleichgesinnte trifft. Dass sich dort fast alle Leute wie Bauern im Anzug aufführen, denen trotz ihres schicken Anzugs noch ab und zu Ackerdreck von den Stiefeln bröckelt. Auch diese Vorstellung kommt ihnen womöglich etwas merkwürdig vor…
München, besser gesagt seine Leute, das ist Ochsenfurt mal 1000 oder Iphofen mal 2000. Wenn zwei Münchner in eine Kneipe oberhalb des Weißwurstäquators kommen, dann wird auch ein Erdinger oder ein Paulaner verlangt, ansonsten ist man eingeschnappt wie ein Bauernjunge, dem man sein Leberwurstbrot weggenommen hat. Wenn man nach München kommt, so darf man nur ganz leise lachen, wenn einem ein Mensch in bayerischer Tracht begegnet, denn die Münchner haben es ja zum Schick erklärt, sich zu kleiden wie elbgermanische Sumpfbewohner ohne Schriftkenntnis. Und wann immer sie ein Sportwagen auf der A3 ausbremst, sie können sich sicher sein, dass das Auto ein Münchner Nummernschild trägt.
München ist ein merkwürdiger Ort. Es scheint mir, als hätten sich hier 1,3 Millionen geklonte Veitshöchheimer Kleinbürger versammelt, um eine überdimensionierten Dorfdisko zu errichten1. Die Würzburger bilden sich ein, in einer Stadt zu leben. Die Münchner machen sich nicht einmal mehr die Mühe und bezeichnen ihre Stadt stolz als „Großes Dorf“, ohne jedes Schamgefühl. Die Mentalität eines Kartoffelroders, das Sozialverhalten einer Rübenziehmaschine und der Habitus eines Dreschflegels: All Das wird in München geadelt statt getadelt. Meiden sie München!

Für immer Ihr Hunter S. Heumann

Robert Kurz im Kribbel Krabbel Mäusehaus

Auch die MitarbeiterInnen bei Amazon scheinen Humor zu haben, oder stimmt es tatsächlich, dass der Wertkritiker Robert Kurz seit kurzem Kinderbücher für die ganz jungen WertkritikerInnen entwirft?
Sehen sie selbst: Die Welt als Wille und Design.

Ein Kinderbuch von Robert Kurz wäre dann auch ein sicheres Zeichen dafür, dass sich das Konzept des Letzten Hypes, nämlich Schwachsinn und radikale Kritik zu verbinden, herum gesprochen hat….

Unterfrankens hässlichste Orte: Rauhenebrach

Rauhenebrach

Einwohner: ca. 3000
Landkreis: Hassberge
Bürgermeister: Kunibert von Hochdrachenstein
Feste: Dämonenkirchweih, das Fest der fränkischen Hexenküche, Tag der deutschen Einheit
Sehenswürdigkeiten: Orakelbaum, Freyadenkmal

Geschichte: Die Geschichte Rauhenebrachs ist ohne den Film Tanz der Teufel nicht zu verstehen. Im Jahre 1980 begannen die Dreharbeiten des besagten Horrorfilms des Regisseurs Sam Raimi. Der Filmemacher ist bekannt für seine Affinität zu deutschen Hexensagen und Spukgeschichten aus Mitteleuropa. Auf der Suche nach einem geeigneten Drehplatz waren zuerst andere deutsche Waldgebiete wie der Spessart oder der Schwarzwald als potentielle Schauplätze des Films geplant. Aufgrund der „beeindruckenden germanischen Bräuche der fränkischen Waldbewohner und einer unglaublich intensiven finsteren Magie, die die Leute im Steigerwald ausstrahlen“, entschied sich Sam Raimi für den Dreh im Steigerwald. Dazu muss man sagen, dass es die Gemarkung Rauhenebrach bis 1980 nicht gab. Sie existierte lediglich als Bezeichnung eines öden Landstriches, den bereits die Kaufmänner im 15. Jahrhundert mieden, da „Irrlichter des Nachts den Weg säumen und viele fromme Menschen so einen grsusamen Tod fanden“ [Geschichte der Frammersbacher Kaufmannsgilde, Detlef Reuß, Spessart-Verlag, 1965].

Bei den Dreharbeiten des durch drastische Gewaltszenen bekannt gewordenen Films spielten ca. 2500 Laienschauspieler mit, die in den umliegenden Dörfern, hauptsächlich aus Schlüsselfeld und Herper, angeworben wurden. Während der Dreharbeiten bildete sich ein faszinierendes gruppendynamisches Phänomen: ein Großteil der Laienschauspieler identifizierte sich derart intensiv mit der Rolle, dass man die Fiktion des Films und die Realität nicht mehr unterscheiden konnte. Als Anfang 1982 das Film-Set abgebaut werden sollte, ereignete sich eine Revolte gegen die Zerstörung der „dunklen Gemeinschaft, die durch die Kraft des Waldes zusammengehalten wird wie die Hexen der Walpurgisnacht“ [Zitat aus: Rauhenebrach- ein Dorf und seine Kraft, Kunibert von Hochdrachenstein, Rauhenebrach 1987]. Der noch immer amtierende Bürgermeister Kunibert von Hochdrachenstein rief sich selbst als Fürst der Finsternis aus und forderte die „Autonomie der Rauhen Ebrach“. Alle Zufahrtstraßen und Feldwege wurden unpassierbar gemacht, und jeder „Menschling“ wird bis zum heutigen Tage vom Stadtfürsten gewarnt, Rauhenebrach zu betreten. Die Reaktion der Kommunalverwaltung der Hassberge ist bis zum heutigen Tag zögerlich- zu sehr fürchtet man die scheinbar dämonischen Kräfte, die die Rauhenebracher zu besitzen scheinen. Böse Zungen jedoch behaupten, dass die gesamte Verwaltungsstruktur der Hassberge von Rauhenebracher Lobbyisten unterwandert werde.

Politische Organisation: Die Gemeindeverwaltung ist von derart archaischer, undurchschaubarer Struktur, dass sie schwer mit politikwissenschaftlichen Begriffen zu fassen ist. Hinzu kommt, dass es in den letzten 26 Jahren lediglich einen Aussteiger gab, der es wagte, sich kritisch gegenüber Rauhenebrach zu äußern. Fest steht, dass Kunibert von Drachenstein jährlich legitimiert wird: Bei der fränkischen Dämonenkirchweih unter dem Orakelbaum. In einer langen Zeremonie, in der alle erwachsenen Männer einen Tee aus Engelstrompeten und Spitzwegerich zu sich nehmen, wird der weise Baum um Rat gefragt. In der Wahrnehmung aller Männer von Rauhenebrach hat der Orakelbaum jedes Mal entschieden, dass Kunibert von Hochdrachenstein auch weiterhin der Fürst über den „Wald der Barmherzlosigkeit“ bleibt. Politische Parteien gibt es nach unserem demokratischen Verständnis in Rauhenebrach nicht. Interessenkonfikte werden mit roher Gewalt vor dem Freyadenkmal ausgetragen. In ritualisierten Weise treten sich dabei die Kämpfer, beschmiert mit Blut, Lehm und weiteren Körpersekreten, gegenüber und Kämpfen auf Leben und Tod.

Brauchtum und Tracht: Interessant bei einem Blick auf die kulturellen Aspekte in Rauhenebrach ist die Vermischung aus Filmelementen und fränkischen Bräuchen. So ist das Fest der fränkischen Hexenküche eine Abwandlung des Festes der fränkischen Schlachtschüssel aus dem benachbarten Schlüsselfeld. Nach einer langen Fastenzeit im Frühling und Sommer wird beim Hexenküchenfest viel Fleischhaltiges gereicht, das für zivilisiertere Kreise abstoßend aussieht und schmeckt. Eiterbeutele oder Fingerli vom Fuchs seien hier als Beispiel für die ausgefallene Küche Rauhenebrachs genannt.
Die Tracht der Rauhenebracher ist ebenfalls eine Mixtur aus den fantastischen Elementen des Horrofilm-Genres und fränkischen Traditionen. Getragen wird eine Gautracht des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Doch als Schmuck werden Menschen- und Tierknochen oder auch Teile von für magisch gehaltenen Bäumen getragen. Am merkwürdigsten sind aber die Tätowierungen der Rauhenebracher: Angsteinflößende Runen und Zeichen trägt jeder Rauhenebracher ab 5 Jahren auf seiner Stirn. Mitglieder der Familie Hochdrachenstein tragen als Zeichen ihres höheren Ranges ein drittes Auge auf der Stirn.

Bloß nicht: Es ist nicht möglich, mit motorisierten Fahrzeugen nach Rauhenebrach zu kommen- und das ist wohl auch besser so. Bis auf den Aussteiger Dragon Mortalitas ist es keinem einzigen Bewohner Rauhenebrachs jemals gelungen, das Dorf zu verlassen. Ausländische Reiseführer warnen gar davor, den nördlichen Steigerwald überhaupt zu besuchen: Zu groß scheint die Gefahr, von Rauhenebracher Menschenjägern, die angeblich in mondlosen Nächten im Steigerwald umherstreifen, gefangen genommen zu werden.
Daher sei jedem Menschen, dem sein Leib und Leben etwas wert ist, geraten, Rauhenebrach großräumig zu meiden.

Mit mahnenden Grüßen, Ihr Hunter S. Heumann

Unterfrankens hässlichste Orte (#3): Sonderhofen

Einwohner: 846
Bürgermeister: Ludwig Zendter
Sehenswürdigkeiten: !der letzte Baum, der neue Dorfplatz, das Rübendenkmal
Beiname: „Heimat der unterfränkischen Zuckerfee 1961“

Lage:
Die Gemeinde Sonderhofen liegt im südlichen Landkreis Würzburg, in einem versteckten Winkel des Ochsenfurter Gaus. Bis zum Jahre 1945 war die Ortschaft auf keiner Karte verzeichnet und fand nur in der alten fränkischen Sage „der Bauer Zehnder vertreibt die Hühnerdiebe“ Erwähnung. Durch die landwirtschaftliche Erschließung der Gegend wohnen mehr Schweine als Menschen in Sonderhofen.
Land und Leute:
Da die Sonderhöfer selten ihre Siedlung verlassen, da sie Angst vor einem „Reiter ohne Kopf“ haben, der angeblich Menschen mit Haut und Haar verschlingt, sind diese von misstrauischer Natur. Fremde, besonders „Städter“, werden kritisch beäugt und zumeist mit Fackeln aus dem Dorf getrieben. Nimmt man jedoch an einem ihrer Dorffeste, die Jugend nennt sie „Beatabende“, teil, kann man durch den massenhaften Konsum von Bier ihren Respekt erwerben.
Sehenswürdigkeiten:
im Jahre 2005 wurde der neue Dorfplatz mit einem Brünnlein fertig gestellt. Der Bürgermeister selbst kümmert sich um die Pflege des Platzes, weil er ansonsten absolut nichts zutun hat. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist das „Rübendenkmal“. Da die meisten Landwirte von der Zuckerrübenproduktion leben, wurde ihnen zu Ehren ein Denkmal errichtet. Die Fünf Meter hohe Rübe aus Granit bedroht „den Reiter ohne Kopf“ mit einer Mistgabel. Gefertigt wurde das Denkmal von Albert Zehnter.
Anreise:
Bis heute führt keine befestigte Straße nach Sonderhofenund der Weg ist gefahrenvoll, da Wegelagerer sehr oft Reisende entführen und zur Arbeit auf den Feldern zwingen. Die sicherste Reise nach Sonderhofen findet in der Begleitung der Postkutsche statt, die jeden ersten Mittwoch im Monat nach Sonderhofen fährt.
Bloß nicht:
Die Fäuste fliegen schnell in Sonderhofen, vor allem auf „Beatabenden“!. Seien sie vor allem vor Menschen mit sehr kurzen Haaren auf der Hut!