Archiv der Kategorie 'heft 7'

Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur

An dieser Stelle pflege ich mich ja für gewöhnlich über die Höhen und Tiefen des Kulturlebens dieses geschätzten Städtchens auszulassen, euch alle an meinen vielen Exkursionen in die Tiefen des Punkrocks und die Höhen der errnsten Mosik teilnehmen zu lassen und tiefschürfende Betrachtungen über das Kleinstadtleben anzustellen. Aber all das, also der Firnis der Zivilisation, zusammengerührt auf Theaterbühnen und in Konzertsälen, egal ob underground oder staatlich bestallt, ging in den letzten Wochen unter in einer einzigen großen Woge Nationalgefühl. So lauschte ich vor dem Mainfrankentheater dem von einem honorigen Herrn gepfiffenen Kaiserquartett, in der Sanderstraße war es dann das nach stattgehabter deutscher Geschichte von diesem Haydn’schen Werk nicht mehr zu trennende Horst-Wessel-Lied, gegrölt von trunkenen Studierenden, aus den Kneipen erscholl ein lallendes „überalleindärwält“ und im Fernsehen war dann die Kanzlerin beim Mitsingen der „richtigen“ Strophe zu bestaunen. Die Höhen und Tiefen der musikalischen Darbietungen erstreckten sich ausnahmslos auf Variationen der deutschen Hymne – aus Richtung der Musikalisch-Akademischen-Verbindung erscholl gar ein im Chore gesungenes „Heil Dir im Siegerkranz“. Die dramatische Kunst schnurzelte zusammen zu einer allseits geübten wilden Gestikulierei, stets verbunden mit unartikuliertem Gegrunze, aus welchem allüberall ein gurgelndes „tschland“ herauszuhöhren war, die Malerei brach mit einem ubiquitären Schwarzrotgold in bisher kaum geahnte Dimensionen vor, doch der größte Sieg gelang der Dichtkunst: „Silber iss besser wie Gold“ (Mit vollem Ernst und in fränkischem Tonfall skandiert von jungen Damen beim frühmorgendlichen Abzug von der Sanderstraße). Ach ja, die Gastronomie: Danke Babette! In deiner Weinstube durfte ich die Zeit während des allentscheidenden letzten Spiels der deutschen Herrenfußballnationalmannschaft ohne jedes „Hurah. Das ist schön“ und auch gänzlich ohne jedes Bild von schwitzenden halbnackten Männern verbringen. Die übrigen Wirtsleute dieser Stadt sollen sich alle schämen!

Jetzt, wo alles vorbei ist, werde ich in einer der vielen großen Kirchen dieser Stadt – vielleicht, wenn noch wer mitmacht, gleich in sämtlichen – dem heiligen Florian (der ist zuständig für Feuersbrünste, Wasserfluten und derlei Nöte mehr) eine Kerze stiften, damit niemals mehr ein deutsches Sportteam oder auch einzlechte Athleten und auch -innen jemals in einem internationalen Vergleich auf einen höheren als den vorletzten Platz gelangen mögen. Und weil ich gefühlte zehn Wochen lang nicht ausgehen konnte, hatte ich viel Zeit allerlei exotische Gerichte auszuprobieren und hier ist eines aus einer Gegend, wo Fußball „soccer“ heißt und nicht sehr beliebt ist und die Namen der deutschen Herrenauswahl vermutlich gar niemandem geläufig sind: Das Mississippi-Delta. Dort stießen (zugegebenermasen nicht immer glücklich) spanische, französische, afrikanische und indianische Esskulturen aufeinander.
Voila:

Alligatoren-Bohnen-Eintopf dazu Kartoffel-Ingwer-Puffer und Reis

Für den Eintopf:
Ein Pfund Gulasch vom Alligator (Das beste Fleisch ist vom Schwanz)
Zwei Tassen schwarze Bohnen, über Nacht (10-12 Stunden) eingeweicht
Etwa 200g grobe Rindersalami
Zwei große rote Paprika
½ Kürbis
Etwas Sellerie
Vier rote Zwiebeln
½ Knolle Knoblauch
Schalotten, Koriandergrün, Glattpetersilie

Für die Puffer:
Zwei große Kartoffel
Zwei große Süßkartoffel
Ein etwa daumengroßes Stück Ingwer
Eine Zwiebel
Zwei bis Vier grüne Chillischoten
Etwas Kartoffelmehl

Zunächst die Bohnen im gesalzenen Einweichwasser zum Kochen aufsetzen, den Sellerie fein würfeln, zugeben. Wenn das Wasser kocht, auf niedriger Flamme garen lassen. Das Fleisch waschen, trocken tupfen und in nicht zu kleine Würfel schneiden. Die roten Zwiebeln sehr fein würfeln, den Knoblauch fein hacken, die Salami würfeln und alles gemeinsam zur Seite stellen. Das Fleisch in einem großen Topf in reichlich Bratfett unter Rühren sehr scharf anbraten, mit Salz, Pfeffer, Chillipulver würzen, nun die Flamme herunterdrehen, den Topf bedecken und weiter schmoren lassen. (Evtl. gelegentlich Flüssigkeit zugeben – die Bohnenbrühe etwa ist zur Hand, Rindsboullion ist ganz super) Den Kürbis in grobe Würfel schneiden und zur Seite stellen. Die Paprika waschen und unter regelmäßigem Wenden im Ofen oder unter dem Grill so lange backen bis die Haut Blasen wirft und beginnt sich zu verfärben; dann unter kaltem Wasser abschrecken und häuten, nun die Paprika in grobe Streifen schneiden und ebenfalls zur Seite stellen. Die Salami mit den Zwiebeln und dem Knoblauch in einer Pfanne scharf anbraten, salzen und pfeffern, einige Minuten unter Rühren weiter dünsten, dann zum Fleisch geben. Jetzt die Bohnen ebenfalls zugeben, danach die Schalotten, den Koriander und die Petersilie fein wiegen und mit dem Kürbis in den Eintopf geben, alles unter gelegentlichem Rühren garen bis die Bohnen weich und das Fleisch zart ist, jetzt die Paprikastreifen hinein und mit Petersilienblätter garniert servieren.

Für die Puffer die Kartoffeln schälen und pürieren, die Süßkartoffeln unter Wasser kräftig bürsten und ebenfalls pürieren, den Ingwer schälen und reiben, die Zwiebel sehr fein würfeln, die Chillischoten hälften, von den Kernen befreien und in feine Streifen schneiden, Glattpetersilie und Koriander fein wiegen. Alles zu einem Brei rühren, kräftig salzen und in ein engmaschiges Sieb geben, so gut wie möglich entwässern. Jetzt je nach Feuchte ein bis zwei Esslöffel Kartoffelmehl unterrühren und etwas stehen lassen. Tischtennisballgroße Bällchen formen, platt drücken und frittieren. Auf eine Platte anrichten und mit etwas Zwiebelgrün und Korianderblätter dekorieren.

Weißen Langkornreis vorquellen lassen, die doppelte Menge Wasser zum Kochen bringen, salzen und den Reis zugeben, den Topf bedecken und auf möglichst kleiner Flamme kochen lassen bis das Wasser verkocht ist (etwa 7 min.), den Topf bedeckt zur Seite stellen, nach einigen Minuten den Deckel entfernen, den Reis vorsichtig umrühren und auf einer Platte angehäuft servieren.

Dazu passen frische Salate und sauer eingelegtes kaltes Gemüse (Pickles).

Tja, äh. Nun ja.
Ihr mögt keine Krokodile essen?
Alligatoren schwimmen noch nicht im Main – und wenn, stünden sie bestimmt unter Naturschutz??
Das ganze sei ein schlächter Schärz???
Aber nicht doch. Mir wurde versichert, das mit dem Alligator tät, wenn man sie nicht gerade vor der Haustür gezüchtet kriegt, per „internet“ (ihr wißt schon) durchaus gehen. Ich selber habe aber doch ganz einfach zu Rinderhals gegriffen – schon aus Kostengründen. Phantasiebegabte VegetarierInnen mögen dann halt Sojaworschd und Räuchertofu nehmen und die Garzeiten anpassen.

Viel Vergnügen und… Äh halt! Stopp! Aber das geht doch nicht!!
Es ist vielleicht nicht wirklich eine gute Idee, den putzigen kleinen Alligator aus Nachbars Terrarium zu klauen…

Kopfschüttelnd euer geschätzter
Rainer Bakonyi

Hype 7 ist draußen!

Hurra! PDF-Version kann unter Printversion heruntergeladen werden. Auf Papier gibts denhype dann ab nächster Woche in der Metzgerei deines Vertrauens.

Illuminate my Nights – Die Racaille und der Kärcher

Über die kommenden Revolten, Teil 3

Illuminate my Nights
Die Racaille und der Kärcher (1)

Über die kurze und heftige Revolte von Ende 2005 in den französischen Vorstädten ist bereits genug geschrieben worden; sogar kluges. Ich meine nicht die offizielle Presse, auch nicht die Pädagogen und andere Polizisten, die die Revoltierenden entweder der fürsorgenden Aufmerksamkeit des sozialen Staates, oder des religiösen Establishments empfahlen; nicht die lächerliche Linke, die ihnen allen Ernstes riet, sich als Wähler zu registrieren, um die Sozialistische Partei zu wählen; es ist wichtig, zu begreifen, dass die Revolte sich zu allererst gegen alle diese richten musste, und gerichtet hat, und jedes Wort aus dieser Richtung ist zuletzt nichts anderes als ein Appell an den Kärcher.

Pädagogen und andere Polizisten
Die Parteien der Ordnung haben sich alle Mühe gegeben, der Bewegung alle nur denkbaren Ursachen unterzuschieben, um sich selbst zur Behebung dieser Ursachen zu empfehlen; die Revoltierenden indessen haben geschiegen, sieht man von den überdeutlich-unlesbaren Chiffren ihrer Taten ab (2). Sie haben keine Forderungen aufgestellt, als ob sie wüssten, nichts von dieser Ordnung zu erwarten zu haben; sie haben keinem derer, die so gerne ihre Fürsprecher geworden wären, das Wort erteilt. Man weiss nicht recht, war es eine gewisse staunenswerte Klugheit der Revolte, die sie gelehrt hat, dass jedes falsche Wort eine Waffe sein wird, ihnen die Rede wieder zu entziehen; oder war es die Sprachlosigkeit, die sie mit uns allen teilen; oder haben sie etwa den Weg vom einen zum anderen gefunden?

Sie haben sich nicht von den Pädagogen einfangen lassen, nicht von den Trotzkisten, nicht von den Imamen, sie haben es vorgezogen, niemandem als dem Kärcher zu weichen, und haben der Republik dessen Maschinisten Sarkozy, diesem halb Clown, halb Cavaignac, als Präsidenten aufgezwungen.

Sie haben damit, als letzte von den Akteuren, die Bühne der gegenwärtigen sozialen Kämpfe in Frankreich betreten und gleichzeitig schon die Regeln des ganzen Spiels geändert. Wo sich, seit 2002, eine breite demokratische und reformistische Bewegung entfaltete, unter den prekär Beschäftigten im Kultursektor, unter den Studierenden und Gymnasiast/innen und im öffentlichen Dienst, und wo sich in einer gewissen quälenden Monotonie eine Neuinszenierung aller der honetten, der anständigen, der demokratischen Aspekte des offiziellen 1968 zu entfalten schien, haben sie in Erinnerung gebracht, dass 1968 nicht zu denken ist ohne die Riots in der Rue Gay-Lussac.

Was die sozialen Bewegungen der Jahre vorher, in denen sich rein gar nichts bewegt hatte, so geräuschvoll verschwiegen hatten, ist jetzt zu ihrem Schrecken ausgesprochen. Die Revolte hat keine Forderungen aufgestellt, über die verhandelt werden konnte, sie hat, wie ein Irrlicht, für einen flackernden Moment sich aufgerichtet, und ist wieder verschwunden, ein Gespenst im Morgengrauen; aber sie war da, es gibt keinen Zweifel, und sie hat, ebenso ohne Zweifel, festgestellt, dass entweder sie oder die Ordnung bestehen können, aber nicht beide.

Die wirkliche Spaltung des Proletariats
Die sogenannten sozialen Bewegungen in Frankreich sind Bündnisse von Organisationen, in denen der grössere Teil des Proletariats seine besonderen Interessen in der Weise geltend macht, dass die Kämpfe für die einzelnen, getrennten Interessen auf äusserliche Weise mehr oder weniger zusammenfallen. Diese Strategie gibt den einzelnen Sonderinteressen mehr Gewicht, ohne die Tatsache aufzuheben, dass es sich um getrennte Interessen handelt. Das heisst: ein Teil des Proletariats kämpft einen politischen Kampf um seinen Platz in der herrschenden Ordnung. Die sozialen Bewegungen, weit davon entfernt, die Ordnung zu bedrohen, setzen sie vielmehr voraus. Das ist die Geschäftsgrundlage ihres Bündnisses untereinander und mit dem Staat.

Gegenüber diesem Teil des Proletariats repräsentieren die Jugendlichen aus den Banlieus dasjenige, was die Bewegungen an den Staat verraten haben. Sie haben durch ihre eigenständige Aktion eine wirkliche Spaltung des Proletariats zum Ausdruck gebracht. Die sozialen Bewegungen, die seit 2002 ihre Aktivität immer weiter ausgeweitet haben, sind an eine historische Schranke gestossen: jede weitere Ausdehnung der Aktion hat zur Voraussetzung, diese Spaltung aufzuheben, aber der Preis dafür wäre die Aufkündigung ihrer eigenen Geschäftsgrundlage. Die erfolgreiche Bewegung gegen den Ersteinstellungsvertrag (die Abschaffung des Kündigungsschutzes für Jugendliche) hat das auf eine Weise gezeigt, die unter der bloss politischen Linken für Entsetzen gesorgt haben muss.

Im März und April 2006 haben sich dort, wo Studierende die Aktionsformen der Banlieus übernommen haben, die Jugendlichen der Banlieus ihnen angeschlossen. Dort, wo an den traditionellen Formen des politischen Protestes festgehalten worden ist, haben sie die Demonstrationen angegriffen. Es ist völlig klar, dass die Auseinandersetzung damit an einem Punkt war, wo es gar nicht mehr um den Ersteinstellungsvertrag ging, sondern um die Frage, ob man sich gegen die Ordnung zur Wehr setzt oder ihr angehört.

Die Regierung hat des Gesetzesvorschlag weise wieder fallen lassen, und Sarkozy zieht es vor, die Eisenbahner gegen sich aufzubringen; vielleicht erinnert er sich, dass de Gaulle 1968 mehr als nur einen Kärcher nötig hatte. In der Zwischenzeit hat er paradoxerweise nahezu freie Hand gegen die Gewerkschaften; es scheint, als ob seit 2005 kein Teil des Proletariats mehr sich bewegen könnte, wenn sich nicht das ganze Proletariat bewegt. Das aber werden schon, wohlweislich, die Organisationen des Proletariats zu verhindern wissen.

Revolte oder Pogrom?
Es ist viel Unsinn geschrieben worden über die Revolte von 2005, nicht nur in der offiziellen Presse. Dass etwa ein gewisser Uli Krug glaubt, in der bahamas – in einem Nebensatz – von „pogromartigen Ausschreitungen moslemischer Vorstadtjugendlicher“ sprechen zu müssen: geschenkt. Dass er das in einem Artikel schreibt, in dem er die Bewegung in Frankreich wegen ihrer Anbetung des Staates kritisieren will: äusserst spasshaft. Dass sich so etwas noch „antideutscher Kommunist“ nennt, ist allerdings ein Ärgernis, dem vorerst noch nicht abgeholfen werden kann.(3) Er hätte, wenn er nur gewollt hätte, darauf kommen können, dass es in den fraglichen 3 Wochen weniger antisemitsche Übergriffe als sonst gab. Wenn die Jugendlichen Pogrome vorgehabt hätten, hätten sie welche gemacht, und nichts hätte sie daran gehindert.

Es ist auch gutes und richtiges geschrieben worden. Die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft in Berlin haben eine Broschüre „Rauchzeichen aus den Banlieus“ herausgebracht, die im wesentlichen Texte von unabhängigen linksradikalen Gruppen aus Frankreich enthält.(4) Sie ist uneingeschränkt lesenswert, aber nicht vollständig.

Es empfiehlt sich, den Artikel von Caroline Dubois aus dem „Magazin“ #3 dazu zu lesen; (5) Dubois behandelt den äusserst beunruhigenden Aspekt, dass an den Riots fast nur Männer teilgenommen haben. Das ist eine der wichtigsten Fragen, denn an ihr entscheidet sich, wie Dubois mit aller Klarheit zeigt, der Charakter der ganzen Angelegenheit: nicht, dass die jungen Frauen nicht gewollt haben, man hat sie daran gehindert. Wer aber ja sagt zur Herrschaft zwischen den Geschlechtern, mag wollen oder nicht, er sagt ja zur Herrschaft in allen ihren Formen.

Gegenüber den abgestandenen sozialen Bewegungen vertreten die Riots auf jeden Fall das bessere; gemessen an der Herrschaft, wo sie ihnen in vertrauten Gestalt der Familie und ihrer eigenen Persönlichkeitsstrukur erscheint, bleibt das Bewusstsein ihrer Akteure völlig unzulänglich. Dubois hat völlig recht: „Dadurch transformierte sich die berechtigte Infragestellung der herrschenden Ordnung durch die Jugendlichen in die Berechtigung der herrschenden Infragestellung der Jugendlichen durch die herrschende Ordnung. Mit anderen Worten: Die Jugendlichen haben gezeigt, daß sie die Niederschlagung ihres Aufstandes verdient hatten.“

Mögen sie es das nächste Mal nicht mehr verdienen: sie haben uns gezeigt, wie man Feste beleuchtet; mögen sie uns auch noch zeigen, wie man sie feiert.

Jörg Finkenberger

1 Sarkozy hatte bei den Riots von 2005 erklärt, er werde die Strassen von der Racaille (=vom Gesindel) mit dem Kärcher (=Hochdruckreiniger) reinigen.
2 Sie haben in 3 Wochen 28.000 Autos angezündet, in ihren eigenen Wohnviertel, sie haben Kirchen und Schulen zerstört, Fabriken abgebrannt, kurz und gut, alles, was brannte und allgemein, gegen jede Vernunft, als nützlich und gut gilt. Sie haben, ausserdem, als erste in der bisherigen Geschichte, die Waren in den Geschäften nicht geplündert, sondern zerstört, wie wenn sie wüssten, dass die Waren weniger als nutzlos sind. Habe ich gesagt, wie wenn sie wüssten? Sie wussten es natürlich, es kann niemandem verborgen bleiben. – Unlesbar sind die Chiffren für die Herrschaft. Für uns sind sie gut lesbar.
3 „Dadaist kann sich jeder nennen, dafür, dass man auch dafür hält, muss er selbst sorgen“ (Raoul Haussmann). Das gilt im Prinzip auch für den Begriff antideutsch. Vielleicht ist die Schande, die man empfinden muss, wenn man solche Leute mit solchen Worten hantieren sieht, ein genügender Antrieb, mit der Spaltung der antideutschen Strömung ernst zu machen.
4 http://www.klassenlos.tk/data/pdf/rauchzeichen_aus_den_banlieues_texte_2_auflage.pdf
5 http://www.magazinredaktion.tk/h3-dubois.php

1/4: Das Würzburger Verbindungswesen- eine kritische Bestandsaufnahme

Der AK Kritische StudentInnen und damit auch dieser Text entstanden durch das Fehlen einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Verbindungswesen in Würzburg. Obgleich mittlerweile das „Sprachrohr“ einen ähnlichen Artikel veröffentlicht hat, soll es hier ausführlicher um das studentische Korporationswesen gehen und sowohl eine allgemeine Kritik am Verbindungswesen geübt, als auch im Speziellen seine Würzburger Ausprägung unter die Lupe genommen werden.
Leider ist uns bei Gesprächen mit KommilitonInnen und FreundInnen aufgefallen, dass eine Kritik an Studentenverbindungen kaum mehr artikuliert werden kann, da schlichtweg das Wissen über diese fehlt, sofern eine kritische Haltung überhaupt vorhanden ist. Wenn dieser Text dazu beitragen kann, die Kritik am Verbindungswesen wieder hörbarer und grundlegender zu machen, hat sich für uns die Mühe gelohnt.
Obgleich sich der AK Kritische StudentInnen einer materialistischen Gesellschaftskritik verpflichtet fühlt, richtet er sich an alle InteressentInnen, die schon immer wissen wollten, was es mit Verbindungen auf sich hat. Die Zuspitzungen aus Burschi-Readern anderer Städte sollen hier nicht stattfinden, sondern unser Text soll vielmehr aufzeigen, in wie fern antimoderne Inhalte durch bestimmte Studentenverbindungen transportiert werden, die z.T. antiemanzipatorische, revisionistische, völkische, sexistische, antisemitische und homophobe Ausprägungen annehmen.
Ursprünglich war die Serie als Reader geplant. Aus Kostengründen veröffentlichen wir nun im Letzten Hype eine stark gekürzte Version des Readers in drei Teilen. Der erste Teil gibt den LeserInnen einen groben Überblick über das Verbindungswesen in Würzburg. Der zweite Teil wird sich mit der allgemeinen Kritik daran beschäftigen, und im dritten Teil werden die in der Deutschen Burschenschaft organisierten Würzburger Verbindungen, aber auch die Landsmannschaft Teutonia genauer unter die Lupe genommen. Zum besseren Verständnis der Phraseologie des Studentenverbindungsmilieus befindet sich im Anhang ein Glossar.
Viel Spaß beim Lesen…

Teil 1:Würzburger Studentenverbindungen: fragwürdige Solidarität und kritikwürdige Tradition

Ein kritischen Artikel 1 über die Deutsche Burschenschaft (DB) in der Zeitung „Sprachrohr“, dem Presseorgan der Studierendenvertretung, löste in diesem Frühling wüste Reaktionen aus. Obwohl sich der besagte Text mit dem Titel „Deutschland über alles!“ v.a. auf Burschenschaften in der Deutschen Burschenschaft bezog, reagierten einige Verbindungen hysterisch auf diesen, nur nicht die Verbindungen in der DB selbst 2 . Eine Kritik am Artikel lautete, dass man sich unfähig gezeigt habe 3 , zwischen Studentenverbindungen unterschiedlichen Typs zu unterscheiden, obwohl wir nicht das Gefühl hatten, dass der Artikel alle Verbindungen über einen Kamm scherte.
Obgleich es vereinfachend wäre, alle Verbindungen als die gleiche deutsch-nationale Brühe zu bezeichnen, muss festgestellt werden, dass bei einem großen Anteil der Studentenverbindungen eine Abgrenzung zum Rechtsaußen-Spektrum der Verbindungen fehlt. Die schlagenden Verbindungen sind nicht nur zwangsläufig über den Würzburger Waffenring verbunden, der als Arbeitsgemeinschaft der schlagenden Studentenverbindungen fungiert und gemeinsame Waffenringkommerse (= festliche und repräsentative Form der studentischen Kneipe) und Pauktage (= Veranstaltung, an denen gefochten wird) abhält, sondern sowohl die liberaleren als auch die rechten Verbindungen finden sich nahezu alle durch ihre Korporationsverbände (= Dachverbände bestimmter Studentenverbindungsarten) im Convent Deutscher Korporationsverbände (CDK) zusammen, der sich als Arbeitsgemeinschaft aller Studentenverbindungen versteht. Durch eine ausbleibende Abgrenzung des CDK von revisionistischen Elementen wird dadurch antidemokratischen Kräften Vorschub geleistet.
Mit den völkischen Weltbildern, die die Deutsche Burschenschaft vertritt, wird auch im Würzburger Verbindungsleben nicht deutlich gebrochen. Die Reaktionen auf Kritik am Verbindungswesen, erneut veranschaulicht durch den besagten Artikel, verdeutlichen vielmehr, dass sich wohl viele Mitglieder der Verbindungen als gemeinschaftliche IN-Group verstehen, zu der alle anderen Würzburger VerbindungsstudentInnen gehören. Auf Kritik aus der OUT-Group, die an Mitgliedern des Verbindungswesens geäußert wird, wird extrem sensibel reagiert. Anders, als durch eine gemeinsame Gruppenidentität, ist es und nicht zu erklären, weshalb eine Androhung von physischer Gewalt wegen des erwähnten Artikels ausgerechnet von einer eher gemäßigten Verbindung kam 4. Zudem zeigen sich durch die im Magazin Max&Junius veröffentlichten Stellungnahmen von Verbindungsseite, dass die Weltbilder der Verbindungen scheinbar noch immer so aussehen, wie man es vorurteils belastet von ihnen erwarten würde: Die KritikerInnen, das sind die Linken, die SozialistInnen oder KommunistInnen. Dass auch ein liberales Bürgertum durchaus gegen bestimmte Teile des Verbindungswesens seine Vorbehalte halten kann, kommt den Korporierten anscheinend kaum in den Sinn.

„Nichts gibt mir mehr Glauben an die Richtigkeit unserer Idee, als die Siege der Nationalsozialisten auf der Hochschule.“ 5

In Würzburg existieren viele verschiedene Ausprägungen von Studentenverbindungen: Von Burschenschaften über Landsmannschaften, Corps, Sängerschaften, Turnerschaften, Mädelschaften bis hin zu Gildenschaften. Selbstverständlich teilen nicht alle die gleichen Werte. In der oben skizzierten DB, dem wohl rechtslastigsten burschenschaftlichen Verband, sind die Würzburger Burschenschaften Cimbria, Adelphia und Germania organisiert. Auf diese soll im dritten Teil der Serie genauer eingegangen werden. Um allerdings nicht dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, man analysiere nur drei besondere Verbindungen, soll auch die Landsmannschaft Teutonia im Coburger Convent (CC) näher betrachtet werden.
Ein kleiner geschichtlicher Abriss über die Rolle der Studentenverbindungen in der Weimarer Republik und der Nazizeit zeigt leider, dass gerade für Würzburg nicht immer galt, dass die konfessionell gebundenen Verbindungen eher gegen den studentischen Antisemitismus gefeit waren. Würzburg gehörte zu den wenigen Städten, in denen der katholische Cartellverband (KV) zusammen mit dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) im Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) dem Antrag der Nazis zustimmte, eine Numerus-Clausus-Regelung nur für Jüdinnen und Juden einzuführen, und das bereits 1929 6. Jedoch bedeutete dies noch nicht, dass die katholischen Studentenverbindungen derart vom NSDStB durchdrungen wurden wie die schlagenden Verbindungen. Die Hochschulgruppe der Nazis, obgleich 1929 erst 50 Mitglieder zählend, bestand dort bereits aus 30 Waffenstudenten 7 . Dem Antrag des NSDStB stimmte auch ein Großteil der Waffenstudenten im AStA zu und ab 1930 bildeten diese eine studentische Arbeitsgemeinschaft mit den Nazis, wobei man sich Vorstandsposten teilte 8 . Dem Druck der zunehmend radikaleren Stimmung in Deutschland gaben im Jahre 1932 sogar die Katholischen Verbindungen nach und es kam im AStA-Vorstand zu einem Arrangement zwischen Katholiken und Nazis. „Der Wille der Nationalsozialisten zur Zusammenarbeit mit den Katholiken, und die Bereitschaft der katholischen Liste, eine Einigung mit dem nationalen Block herbeizuführen, zeigt, daß zwischen beiden Blöcken- und zwar erstmals seit 1928- eine gemeinsame Basis für die ersprießliche Arbeit im AStA gefunden war: die Nationale Erneuerung.“ 9 Nach der Machtergreifung 1933 wurde die Würzburger Studentenschaft nach dem Führerprinzip umgebildet, wobei hinzuzufügen ist, dass die DB bereits im Jahre 1932 den Nationalsozialismus „bejahte“. 10 „Die bis zum heutigen Tag anzutreffende Auffassung, wonach die DB als Gegner des NS verboten worden sei, ist historisch nicht haltbar. Die DB löste sich- anders als etwa die katholischen Verbindungen- freiwillig auf und trat dem NSDStB korporativ bei.“ 11 Erwähnenswert bleibt dabei, dass der Bundesführer der DB, Otto Schwab, im Jahre 1934 den Austritt aus dem Allgemeinen Waffenring befahl, da manche Verbindungen noch immer „Judenstämmlinge“ duldeten. Daraufhin kam es zu zahlreichen Austritten aus der DB- eine Würzburger Burschenschaft war jedoch nicht unter ihnen . 12

„War dem deutschen Volke der Sieg auch nicht beschieden, so hält ihr Tod doch in uns das Bewusstsein wach, dass sie für uns gestorben sind.“ 13

Man könnte die damalige Affinität der Würzburger Burschenschaften und einiger anderer Verbindungen zum Nationalsozialismus als bloßen schwarzen Fleck betrachten, sofern die dunkle Vergangenheit aufgearbeitet worden wäre und man sich offensiv mit völkische, revisionistische und nationalistische Tendenzen in der Vergangenheit und Gegenwart auseinandergesetzt hätte.
In der Tat findet man aber, v.a. bei den waffenstudentischen Verbindungen im DB, aber nicht nur dort, kaum Hinweise auf eine grundlegende Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Im Gegenteil: durch den DB, den CC oder andere Verbindungen pflegt man direkt oder indirekt Kontakte zu Verbindungen, die die völkische Neue Rechte hofieren, sofern man sich nicht selbst durch Verlautbarungen oder Vorträge am rechten Rand bewegt. So schrieben in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur Mitglieder der DB in den von dieser herausgegebene Zeitschrift Burschenschaftliche Blätter (BB), wobei zu bemerken ist, dass in fast jeder Ausgabe Mitglieder der Burschenschaft Danubia München, die bis zum Jahre 2007 vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, zu Wort kommen, sondern auch ein Mitglied der Walhalla publizierte in der besagten Zeitschrift, in der oftmals völkische und revisionistische Meinungen zum Ausdruck kommen. Hätte man vorher von der katholischen Studentenverbindung Walhalla eher Gemäßigtes erwartet, so äußert sich Carsten Kießwetter zur Krise der Bundeswehr in einer Mischung aus völkischem Gedankengut und neuer Dolchstoßlegende: „Erst in der Nation, die als Idee im Staat verwirklicht wird, findet er [der Soldat] und sein Volk zu sich selbst. […] Der Mangel an Identität, an Wissen wofür, ist eine der Ursachen […] für die tiefe Krise, in der die Bundeswehr steckt. […] Wenn sich die oberste Führung einer Armee auf das antifaschistische Glatteis ziehen lässt, dann ist es um die Gesamtverteidigung eines Landes geschehen. Die Ausstellung über die `Verbrechen der Wehrmacht` […] und die derzeitige Kampagne gegen die Bundeswehr haben vielleicht genau dieses Ziel […]“. 14 Man beachte dabei, dass die Verbrechen der Wehrmacht in Anführungszeichen gesetzt wurden und man beachte ebenfalls die neuerliche Dolchstoßlegende, dass die Vaterlandverräter erneut die Moral der Truppe brechen. Carsten Kießwetter hat jenen Artikel gewiss in seinem Namen geschrieben, doch mit Stolz präsentieren die Autoren in den BB stets den Namen ihrer Verbindung, wobei man darauf schließen könnte, dass solch völkisch-militaristischen Ansichten durchaus der Sozialisation in einer Würzburger Verbindung geschuldet sind. Auch Mitglieder der Würzburger Burschenschaft Arminia veröffentlichten bis zum Austritt aus der DB 1996 Artikel in den BB. In 4/95 verteidigt Wolf-Otto Schmidt von den Arminen das Singen aller drei Strophen der Nationalhymne. In „Das Lied ist unser!“ prangert er „moderne Tabus“ […] wie Vaterland, Ehre, Volksgemeinschaft“ 15 an. Die Arminia ist noch in anderer Hinsicht von Interesse. Sie verband sich im Juni 1954 mit der Brünner Burschenschaft Moravia und übernahm dadurch die Verpflichtung, „für den Fall der Wiederzulassung deutscher Studenten in Brünn eine Burschenschaft in Brünn […] wieder zu gründen.“ 16 Brünn heißt heute Brno und liegt in der Tschechischen Republik. Offenbar verschwand der Anspruch der Burschenschaft, das Deutschtum über die Landesgrenzen hinaus zu verbreiten, auch nach 1945 nicht.
Zu erwähnen bleibt weiterhin, dass sich viele der Würzburger Verbindungen an den oben geschilderten klassischen Geschlechterrollenorientierungen, durch nicht Aufnahme von Frauen und die Heroisierung von soldatischen Tugenden, auszeichnen. Traditionen und Codes wurden auch nach dem Zweiten Weltkrieg unhinterfragt übernommen, was auch der Bezug der Gildenschaft Ernst-Moritz-Arndt (kein Aktivenbetrieb) auf den völkischen Antisemiten Arndt exemplarisch verdeutlicht.

AK Kritische StudentInnen
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1 Vgl. Sprachrohr April 2008
2 Vg.. Sprachrohr Mai 2008
3 Vgl. Max&Junius Mai 2008
4 vgl. Sprachrohr Mai 2008.
5 Adolf Hitler, in: Die Bewegung Nr. 16 vom 19. August 1930, S. 4.
6 vgl. D. Heither/M. Gehler/A. Kurth/G. Schäfer, Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. Main 1997, S. 97.
7 Vgl. Peter Spitznagel, Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg 1927-1933, Diss. phil. Würzburg 1974, S. 31.
8 Vgl. ebenda, S. 90 f.
9 ebenda, S. 250.
10 Bericht vom Burschentag 1932, S. 196. In: Burschenschaftliche Blätter, 46. Jg. (1932), S. 195 f. Zitiert nach: Heither / Lemling, Verbindungen, S. 131 f.
11 vgl. D. Heither/M. Gehler/A. Kurth/G. Schäfer, Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. Main 1997, S. 274
12 vgl. Spitznagel, Peter: Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg, 1927-1936. IN: 1503-1982 Studentenschaft und Korporationswesen an der Universität Würzburg, 1982, S. 124.
13 Burschenschaft Adelphia, 100 Jahre Burschenschaft Adelphia. 1867 – 1967. Herausgegeben anläßlich des 100. Stiftungsfestes 12. – 15. Mai 1967 in Würzburg, 1967.
14 Burschenschaftliche Blätter 01/98
15 vgl. Burschenschaftliche Blätter 04/95
16 arminia-wuerzburg.de

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edit 30.07.08:
Hallo, die Arbeitsgemeinschaft, in der nahezu alle Studentenverbindungen (bis auf die katholischen) durch ihre Korporationsverbände vertreten sind, ist der Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA) und nicht der Convent Deutscher Korporationsverbände.

Zur aktuellen Lage im Nahen Osten

Zur aktuellen Situation im Nahen Osten

Jerusalem war dieses Jahr Schauplatz der seit langem vorbereiteten Feierlichkeiten zum 60sten Jahrestag der Unabhängigkeit Israels. Mit reger internationaler Beteiligung sollte ein Zeichen des Erfolgs sowohl des Aufbaus einer modernen Gesellschaft, als auch der Integration des jüdischen Staats in die Gemeinschaft der Nationen gesetzt werden. Doch kurz vor dem festlichen Anlass gab die Staatsanwaltschaft bekannt, sie ermittele wegen Korruptionsvorwürfen gegen Ministerpräsidenten Olmert. Der Gegenstand der Ermittlungen sind Briefe mit Bargeld von einem US-amerikanischen Lobbyisten, welcher diese dem Regierungschef über die Jahre hinweg zukommen ließ. Die israelische Öffentlichkeit, obschon seit langem an Ermittlungen gegen hohe Offizielle gewohnt, reagierte ausgesprochen allergisch, die Regierung, die bereits zuvor die wohl unpopulärste in der Geschichte des Landes war, verlor jedes noch verbliebene Vertrauen. Mit taktischer Raffinesse, die den Kommentatoren im Lande glatt die Sprache verschlug, gelang es Ehud Olmert sowohl seine Koalitionspartner als auch die anwachsende Opposition in der eigenen Partei gegenseitig auszuspielen und hinter sich zu einigen und zudem hektische diplomatische Manöver an sämtlichen Konfliktlinien zugleich zu initiieren. Dadurch gelang ihm zumindest vorläufig die Stabilisierung seiner Regierung, die geschaffenen Fakten allerdings werden nicht lediglich die Handlungen künftiger israelischer Regierungen beeinflussen, sondern haben bereits eine über die Region hinaus gehende Dynamik in Gang gesetzt.

Die offizielle Aufnahme von Friedensverhandlungen mit Syrien, wenn auch lediglich über türkische Vermittlung, hat das Regime in Damaskus erheblich aufgewertet und Baschar Assad die so dringlich gewünschte Aufhebung der nach dem massenmörderischen Anschlag auf den ehemaligen libanesischen Regierungschef Rafik Hariri über ihn verhängten diplomatischen Isolation beschert. Mit der Einladung sowohl Assads als auch Olmerts zur Konferenz der Mittelmeeranrainer(1) in Paris hat Nicolas Sarkozy in aller Deutlichkeit Frankreich wieder als bestimmende Macht zur Geltung gebracht. Die Verhandlungen(2) mit der Hisbollah über die Herausgabe der 2006 entführten und wahrscheinlich getöteten israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev gegen die Entlassung des wegen der Ermordung von Dany Haran und dessen vier Monate alten Tochter seit 1979 in israelischer Haft sitzenden Samir Kuntar, sowie einer unklaren Anzahl weiter Häftlinge und der Überreste von in den Kämpfen getöteten Kämpfern der Hisbollah hilft dieser in ihrem Machtkampf im Libanon und erhöht auch das Risiko für alle Israelis, die in die Hände der diversen Terrororganisationen geraten sollten, sofort getötet zu werden. Vielleicht noch problematischer könnte die mit der Hamas abgeschlossene Waffenruhe(3) sein. Die – angesichts der zahlreichen Verletzungen seitens der arabischen Gruppierungen sowieso nur relative – Ruhe der israelischen Bevölkerung entlang des Gazastreifens vor dem täglichen Beschuß mit Raketen, Mörsergranaten und Gewehrfeuer wurde durch den Verzicht auf militärische Operationen in Gaza, sowie die bedingungslose Lieferung von Strom, Trinkwasser, Öl und Lebensmittel aus Israel erkauft. Die politische Position der Hamas in ihrer Auseinandersetzung mit der Fatah wurde gestärkt und, was wesentlich schwerer wiegt, ihre Akzeptanz als „gewöhnliche“ politische Partei erhöht, mit welcher Verhandlungen ohne größere Skrupel geführt werden könnten. Die Freilassung des vor mehr als zwei Jahren verschleppten jungen Soldaten Gilad Schalit war nicht Bestandteil der Vereinbarungen und steht noch immer aus.

Im benachbarten Libanon – im Übrigen der neben dem Irak (und selbstredend Israel) einzige Staat der Region ohne die autokratische Herrschaft eines Königs oder Präsidenten – hat Ministerpräsident Fuad Saniora ebenfalls handfeste politische Probleme. Zwar steht er seit kurzem einer neu gebildeten „Regierung der nationalen Einheit“ vor(4), doch wurde ihm und seiner bis dahin regierenden Koalition die Wiederaufnahme der Hisbollah und der Patriotischen Bewegung in die Regierung mit Gewalt aufgezwungen. Anfang Mai hatte die Regierungskoalition der Kräfte des 14ten März sich entschieden, ernsthafte Schritte gegen die sich immer stärker bewaffnende Hisbollah einzuleiten. Whalid Dschumblat war mit der Behauptung an die Öffentlichkeit gegangen(5), auf dem Beiruter Flughafen, dessen Sicherheitschef von der Hisbollah gestellt wird, seien Kameras zur Ausspähung von Regierungspolitikern bzw. ausländischen (i.e. US-Amerikanische) Vertretern eingerichtet worden und es sei ein Anschlag auf seine eigene Person vereitelt worden, zudem hätte er Informationen, nach denen der in Syrien erfolgte tödliche Anschlag auf den Militärchef der Hisbollah Imad Mughniyeh (für den die “Partei Gottes” sogleich Israel gräßliche Rache angedroht hatte) von Damaskus selbst besorgt worden sein soll. Er forderte die Ausweisung des iranischen Botschafters und die Sperrung des Flughafens für Flüge aus dem Iran. Daraufhin besetzten die bewaffneten Kämpfer der Hisbollah den Westen Beiruts(6), sowie Tripoli und versuchten die drusischen Dörfer(7) (dem Rückhalt W. Dschumblatts) zu stürmen. Nach drei Tagen der Straßenkämpfe, in denen die Armee unter Michel Suleiman nicht eingegriffen hatte, gab die Regierung nach, stellte den entlassenen Sicherheitschef des Flughafens wieder ein und verzichtete auf das Verbot des Hizbollah-eigenen Kommunikationsnetzes. Nach einer von Quatar vermittelten Gesprächsrunde wurde ein durch Saudi-Arabien und Ägypten garantiertes und mittels der Saudis mit dem Iran(8) abgesprochenes Abkommen erreicht, welches die Lösung des seit zwei Jahren andauernden Konflikts um die Besetzung des Amts des Präsidenten mit der Wahl des bisherigen Militärchefs Suleiman beilegte und schließlich zur Bildung jener am 10ten Juli vereidigten Regierung führte, in welcher die bisherige Opposition, also die Hisbollah, die Amal und Michel Auons Patriotische Bewegung über ein Drittel der Sitze und damit über ein Vetorecht verfügt(9). Das Tauziehen der von Saudi-Arabien und dem Westen unterstützten Gruppierungen mit den von Syrien und dem Iran gestützten Kräften ist damit in einer weiteren Runde.

In Damaskus dürften die Sorgen der benachbarten Regierungschefs mit zufriedener Genugtuung registriert werden. Noch vor Wochen war Baschar Assad, der den arabisch-sozialistischen Präsidentenstuhl von seinem Vater geerbt hat, diplomatisch nahezu vollständig isoliert, hatten ihm gar sowohl der ägyptische Präsident Mubarak als auch der saudische König demonstrativ die Türe gewiesen, doch in diesen Tagen steht er im Zentrum eines diplomatischen Reigens. In Paris ließ er sich vom neuen libanesischen Präsidenten besuchen und vereinbarte einen Austausch von Botschaftern zwischen Damaskus und Beirut(10) – zum ersten Mal in der Geschichte der beiden Staaten und angesichts der Tatsache, daß Syrien den Libanon bisher als Provinz des eigenen Landes angesehen hatte, eine Aufsehen erregende Geste. Die Entscheidung, den kleinen Nachbarn offiziell als gleichberechtigten Partner anzuerkennen und die Einflußnahme auf dessen Politik neben der stummen Drohung mit Gewalt vor allem durch die in dessen Regierung vertretenen treuen Handlanger zu bewerkstelligen, hatte sofortige Früchte gezeitigt: Französische, deutsche und britische Vertreter priesen lautstark die neue Linie und selbst aus Washington kam, wenn auch grummelnd, Lob. Assad jr. scheint noch einmal den Beweis antreten zu wollen, daß er zugleich in der Rolle des Paten der Terrororganisationen und des rechtschaffenen Bewahrers der Ordnung in der Region glaubhaft auftreten kann. Durch seine enge Bindung an die islamische Republik Iran, welche als Sponsor des Sozialismus Assad’scher Prägung für die dahingeschiedene Sowjetunion in die Bresche sprang, ist Damaskus innerhalb der arabischen Liga, deren stärkste Mitglieder – Ägypten und Saudi-Arabien – sich längst stärker vom Iran denn von Israel bedroht sehen, ein erklärter Gegner; nach dem Coup in Gaza, mit dem die Bemühungen der arabischen Liga zu einer vertraglichen Einigung mit Israel zu kommen vorerst obsolet geworden waren, hatten die Saudis und Ägypter Syrien vollständig isoliert und mit Hilfe Frankreichs und der UNO massiven Druck ausgeübt. Die Antwort des syrischen Regimes war zum einen die Unterstützung der Hisbollah, die in einer Art von low-intense-Aufstand den Libanon in politische Agonie versetzt hatte (bei gleichzeitigem Einsatz von Autobomben gegen Abgeordnete der Regierungsfraktionen und als besonders gefährlich angesehene Einzelpersonen) und die Eröffnung von Friedensgesprächen mit Israel. Sollte sich Israel zu einem Separatfrieden mit Syrien bereitfinden, wäre die gegen den Iran (und somit immer auch gegen das syrische Regime) gerichtete von der Arabischen Union angestrebte Verhandlungslösung mit Israel keine Bedrohung mehr für die Assads. Um dem iranischen Druck gegen eine (vom Iran selbstverständlich als sehr erheblichen Vertrauensbruch angesehene) Annäherung an Israel und den Westen zu begegnen und gleichzeitig seinen Einfluß im für Syrien höchst bedeutenden Libanon nicht schwinden zu lassen, musste die militärische Ausrüstung(11) (nicht die Ausbildung, das ist Sache der iranischen Revolutionsgarden) der Hisbollah völlig von Syrien abhängen. Der Streit um die Kontrolle des Beiruter Flughafens hat für die Hisbollah eine strategische Bedeutung(12), nur über ihn wäre eine direkte Versorgung mit Waffen aus dem Iran möglich – der gezielt gestreute und auch durchaus nicht abwegige Verdacht, die Ermordung des, dem Iran sehr eng verbundenen, „Militärchefs“ Mughniyeh(13) sei das Werk Syriens, dürfte den Willen der Führung der Hisbollah sich von Syrien freizuschwimmen noch angestachelt haben, doch hat Baschar Assad noch immer bewiesen, daß er Willens und in der Lage ist, mitten im Rennen die Pferde zu wechseln: Die ausgesucht freundliche Behandlung von Präsident Suleiman mag einen Wink darstellen.

Das tatsächlich hohe Risiko, daß die Verhandlungen mit Syrien zu einem Vertrag führen, Damaskus aber dennoch über die Hamas und Hisbollah eine dauerhafte Bedrohung Israels darstellt(14), dürfte in Jerusalem bekannt sein, die Verhandlungen lediglich mit dem verzweifelten Versuch Ehud Olmerts zu erklären seinen Posten zu behalten(15), ist eher albern. Die Verhandlungen mit Syrien stehen vielmehr im Zusammenhang mit dem Scheitern, oder besser, der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der Verhandlungen mit den diversen arabischen Staaten. Die Einheit aller, oder wenigstens der meisten, Staaten der Region in einer Koalition gegen den Iran – was in Verbindung mit ökonomischem Druck dessen Regime destabilisieren könnte – ist derzeit weniger in Sicht als je zuvor, die Handlungsfähigkeit der US-Regierung ist angesichts des Wahlkampfs sehr stark geschrumpft und Israel versucht nun offensichtlich auf eigene Faust so viele Fronten zu beruhigen wie möglich. Syrien in einem Krieg mit dem Iran neutral halten zu können, wäre ein wichtiges strategisches Ziel; ein Friedensvertrag mit einem auf die Westbank beschränkten arabisch-palästinensischen Staat, würde ebenfalls erheblichen Nutzen bringen. Die Vorteile eines solchen Szenarios kämen allerdings lediglich dann zum Tragen, wenn die Option der Bedrohung durch den Iran mit anderen als kriegerischen Mitteln zu begegnen, also eben jene Kombination aus arabischer Zusammenarbeit mit Israel und USA und ernsthaften Sanktionen an die nicht einmal mehr Berufsoptimisten glauben, endgültig ausgereizt sind und ein Krieg unvermeidlich scheint. Daß Jerusalem eine atomare Bewaffnung des Iran nicht zulassen kann und auch nicht wird, hat die massive Drohung mit Langstreckenflügen der israelischen Luftstreitkräfte(16) und der gezielt lancierten Indiskretionen bezüglich neuer Waffenbeschaffungen gemeinsam mit der erfolgreichen Bombardierung des geheimen syrischen Atomprojekts(17) im Winter 2007 hinreichend demonstriert. Die Antwort der Iraner in Form von Mittelstreckenraketentests(18) hat deren Nervosität bewiesen.

Das Hofieren Bashar Assads durch die Europäer könnte als Versuch gelesen werden, dem Iran durch das Abwerben seines Klienten die Lust am Großmachtspielen auszutreiben. Doch anders als in Israel, hat in Europa weder die Politik, noch die Bevölkerung verstanden, welcher Art die Gegner sind. Der Iran ist nicht lediglich eine mit hohem Risiko spielende, aber dabei logisch-rational planende Regionalmacht unter einem starken Mann, sondern (zugleich) eine revolutionäre Bewegung mit einer apokalyptischen Ideologie(19). Die beiden Charaktere mögen sich widerstreiten und mal der eine, dann der andere in der Öffentlichkeit erscheinen; ja, es mag sogar einen realen Konflikt in der Führung darüber geben, doch genau das Mittel, mit dem sowohl die Apokalyptiker, als auch die Anhänger strategischer Machtausübung ihr jeweiliges Ziel – die Zerstörung Israels und die Unterwerfung der Ungläubigen durch das Erscheinen des Mahdi; der Aufstieg zur Großmacht durch überlegene Rüstung – zu erreichen gedenken, also die iranische Atomwaffe, hält beide Seiten zusammen. Der Illusion, brave persisch-nationale Generäle hielten dann aus Angst vor der Vergeltung die islamistische Regierung vom atomaren Erstschlag ab, können deutsche Kommentatoren sich hingeben, für Israel wäre das suizidal. Das Säbelrasseln in Jerusalem ist ernst gemeint, die Mittel für einen Schlag gegen den Iran werden Stück für Stück zusammen getragen. In Israel ist man sich der womöglich verheerenden Folgen eines solchen Kriegs auch im eigenen Land bewußt – doch der vernichtenden Wirkung eines atomaren Schlags wird sich der jüdische Staat nicht aussetzen.

Rainer Bakonyi

PS. Wer sich in Europa über die israelische Drohungen erregt, möge die eigenen Regierungen dazu bringen ihre Unterstützung des iranischen Mordregimes einzustellen. Allein die Sperrung der Dieselzufuhr (Iran verfügt über sehr ungenügende Raffineriekapazitäten) würde die Mullah-Theokratie vor kaum zu bewältigende Probleme stellen.

1: Jerusalem Post vom 11ten Juni 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1212659707102&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter
2: Jerusalem Post vom 29ten Juni 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1214726151162&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter
3: Jerusalem Post vom 19ten Juni 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1213794286738&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter
4: Daily Star vom 12ten Juli 2008 http://www.dailystar.com.lb/article.asp?edition_id=1&categ_id=2&article_id=94050#
5: Jerusalem Post vom 3ten Mai 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1209626997460&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter
6: Times vom 10ten Mai 2008 http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/middle_east/article3904653.ece
7: Times vom 12ten Juni 2008 http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/middle_east/article3912957.ece
8: Daily Star vom 13ten Mai 2008 http://www.dailystar.com.lb/article.asp?edition_id=1&categ_id=2&article_id=93082#
9: Eine knappe amerikanische Einschätzung des Abkommens von Doha unter: http://www.washingtoninstitute.org/templateC05.php?CID=2883
10: Daily Star vom 14ten Juli 2008 http://www.dailystar.com.lb/article.asp?edition_id=1&categ_id=2&article_id=94083#
11: Jerusalem Post vom 9ten Juli 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1215330903869&pagename=JPost%2FJPArticle%2FShowFull
12: Dabei hat sie allerdings politisch nicht nur profitiert, ein weiterer Griff zu den Waffen in einer internen Auseinandersetzung wird sehr schwierig werden. http://www.jordantimes.com/?news=9282
13: Zu Mughniyeh der Artikel von Yaacov Katz und Khaled Abu Toameh in der Jerusalem Post vom 13ten Februar 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?pagename=JPost%2FJPArticle%2FShowFull&cid=1202742146147
14: Interessant die Einschätzung durch die Jordan Times vom 14ten Juli 2008 : http://www.jordantimes.com/?news=9281
15: Jerusalem Post vom 19ten Juni 2008 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1213794286744&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter
16: New York Times vom 20ten Juni 2008 http://www.nytimes.com/2008/06/20/washington/20iran.html?_r=1&ref=world&pagewanted=print&oref=slogin
17: Times vom 2ten Dezember 2007 http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/middle_east/article2983719.ece
18: Times vom 10ten Juli 2008 http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/middle_east/article4301278.ece?pgnum=5
Zur fingierten Anzahl der Raketen: New York Times vom 11ten Juli 2008 http://thelede.blogs.nytimes.com/2008/07/10/in-an-iranian-image-a-missile-too-many/
19: Dazu Amir Taheri: The Problem With Talking to Iran. http://online.wsj.com/article/SB121193151568724469.html

Feuchte Träume in der Sanderstraße

Diese Zeit, in der wir leben, ist vor allem geil. Die Autos, in denen wir fahren, die Häuser, in denen wir wohnen, die Zeitungen und Sendungen, in die wir uns vertiefen, und unsere Haut werden vor allem eines: immer geiler. Wie ein stahlhartes, bewusstloses, butterweiches Rein-und-Raus ist diese Zeit, ein glattrasiertes, betrunkenes rosa Mädchen, das die Grenzen zum Gegenüber vergisst. Dieses rosa Mädchen, mit am PC verlängerten Beinen, müsste unsere Flagge zieren, es ist unsere Gegenwart und Hoffnung: Ein Zustand, in dem sich Sadismus und Masochismus, Aggression und Devotion in einer Gleichzeitigkeit von Geben und Nehmen, im totalen Konsum aufheben. Wenn alle Dinge, Pflanzen, Tiere und Menschen, die uns umgeben, nur noch etwas geiler, glatter, weicher und härter gemacht würden, wäre unsere Erlösung gekommen. Wie auf das Parfum des Grenouille würden wir uns auf unsere Umwelt stürzen, sie endlich ganz verinnerlichen, sie verzehren und zurückkehren in den Mutterschoß der Selbstverständlichkeit. Unser Verstand wäre endlich in der Natur versenkt.

Die EURO2008™ war nahe dran an diesem Paradies. Die Dreieinigkeit von diesem Schwarz, diesem Rot und diesem geilen, geilen Gelb hatte die Kraft, uns die Mühsal des Alltags vergessen zu lassen, unsere Langeweile und Übermüdung auf das Signal der Uefa hin in eine einzige große Party münden zu lassen. Wir sind über das distanzierte Schwenken in der Hand hinausgegangen, haben die Trikolore auf unseren Wangen und in unseren Haaren getragen, uns in ihre Farben gehüllt, die Autos geschmückt, uns identifiziert mit ihr. Das Bundeskabinett auf der Tribüne verfolgte das selbe Ziel wie wir und auf der Straße musste man nur das Losungswort sagen, um Teil des Sommermärchens zu werden. Sexy, eindringlich, widerspruchslos und geil waren die Mitglieder dieser Bewegung, die ihre Tage ansonsten in Vorlesungssälen, Büros, Fabrikhallen oder auf Wohnzimmersofas zubrachten.

Christina Stürmer erriet unsere feuchten Träume: „Wir haben Fieber / Komm fieber mit / 100.000 / Folgen dir auf Schritt und Tritt / Wir haben Fieber / Komm sei dabei / Wir erleben Emotionen / Und heben ab denn wir sind frei“.

Auch Revolverheld traf es auf den Punkt: „Nanananananana / Wir geh’n zusammen in die Geschichte ein / Nanananananana / Lasst uns einmal alle Helden sein“.

Gerade weil der Anlass so nichtig war, konnten wir dem Vaterland unsere Liebe gestehen, ohne zu stottern oder uns zu schämen. Die Nichtigkeit nahm den Kritikern die Butter vom Brot und die Euro machte endlich wahr, wovon MIA schon 2003 schwärmten: „Ein Schluck vom schwarzen Kaffee macht mich wach. Dein roter Mund berührt mich sacht. In diesem Augenblick, es klickt, geht die gelbe Sonne auf“. MIA, Revolverheld und Christina Stürmer sind die größten Denker unser geilen Zeit und lassen keinen Zweifel mehr: Freiheit, Nation und Emotion sind ein untrennbarer Dreiklang. Deutschland, endlich: Du bist unsere große Liebe. Mehr noch: Wir sind Deutschland.

Nun, einige Tage nach der EM, ist wieder Ruhe in Würzburg eingekehrt. Fremde Leute fallen dir nicht mehr um den Hals, die Strassen sind abends verwaist, die Bähnchen durchfahren wieder ungestört die Sanderstraße und die allabendliche Unterhaltung wird wieder in den eigenen vier Wänden genossen. Die zu Werbezwecken initiierte Gemeinschaft ist wieder den deutschen Tugenden Distanz und Beherrschung gewichen. Sich beherrschen und sich beherrschen lassen sind jedoch zwei Seiten derselben Medaille. Deshalb wird sich die tote deutsche Öffentlichkeit zum nächsten Spektakel gerne wieder aufbahren lassen. Im Englischen bezeichnet „Public Viewing“ schließlich eine öffentliche Leichenschau.