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Neues aus dem Vatikan

In den geheimen Archiven des Vatikan lassen sich so manche interessanten Thesen und Papiere finden, deren Geheimhaltung schon die abstrusesten Fantasien und Verschwörungstheorien heraufbeschworen hat. Dunkles Wissen soll hier verborgen sein, versteckt vor dem Angesicht der Welt, damit „sie nicht dem Chaos verfalle und der finsteren Verzweiflung“ (Guiseppe Garampi, Kardinalbibliothekar und Archivar des Vatikanischen Geheimarchivs von 1751-1772) Seit dem 19. Jahrhundert werden seine Bestände einer immer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht, immer wieder werden neue Dokumente offengelegt und neue Geheimnisse gelüftet.
Nachdem im Januar dieses Jahres Studenten und Dozenten der römischen Universität „La Sapienza“ gegen eine Eröffnungslesung des Papstes demonstriert haben, u. a. wegen seiner Behauptung Galileis Verurteilung sei aus damaliger Sicht der Kirche „rational und gerecht“, wurden geheime Gerichtsakten zum Prozess gegen den berühmten Wissenschaftler Galileo Galilei aus dem Jahre 1633 offengelegt, darunter Galileis bislang verschollenes Schlussplädoyer. Was dort steht, ist ebenso fantastisch wie bizarr. Und es erklärt, warum die Kirche es als nötig befand, diesen schon damals berühmten und angesehnen Wissenschaftler zu verbrennen.
Galileo Galilei ist weithin bekannt für seine Behauptung, dass die Erde sich drehe. Er war Verfechter des heliozentrischen Weltbildes und stellte – wie Kopernikus bereits vor ihm – das bislang unbestrittene geozentrische Weltbild in Frage. „Und sie dreht sich doch“* lautet der berühmte Ausspruch, den er beim Verlassen des Gerichtssaal in seinen Bart gemurmelt haben soll.Vieles von dem wenigen, das über diese historische Persönlichkeit berichtet und überliefert wurde, ist fraglich, und die neuesten Entdeckungen aus den Vatikanischen Archiven werfen ebenfalls mehr Fragen auf, anstatt Antworten zu geben.
Kaum bekannt ist, dass Galilei unter seinen Zeitgenossen als wahnsinnig galt. So schreibt ein besorgter Freund, Pietro Castelli, in einem Brief, dass Galilei nun den Lehren des Kopernikus nachhänge (also einem heliozentrischen Weltbild) und wie zur Untermalung dieser These ständig umfalle. Frage man ihn nach diesem seltsamen Gebaren, so behaupte er, es sei die Rotationskraft der Erde, die ihn (und nur ihn!) zu Boden werfe.
Auch in den Schlussakten des Inquisitionsprozesses findet sich so ein Verhalten wieder. Laut Protokoll musste die Sitzung für kurze Zeit unterbrochen werden, da der Angeklagte, „wie vom Wind gestoßen durch den Saal wirbelte“, dabei laut „die Erde, die Erde“ rief und gewaltsam zurück auf seinen Stuhl gesetzt werden musste.
Das mögen nur die kleinen Albernheiten eines genialen Wissenschaftlers sein, den die beständige Ignoranz und Borniertheit der Kirche um den Verstand brachten. Doch wer sein Schlussplädoyer liest, kann sich da nicht mehr ganz sicher:
Die Einleitung beginnt mit jenem oft zitierten Ausspruch Galileis, dass zwei Wahrheiten sich nicht widersprechen könnten. (er findet sich in einem Brief an Pietro Castelli vom 21. Dezember 1613 wieder) Seine Wahrheit sei die der Sterne und sie lautete: die Erde ist rund und dreht sich. Wie wir wissen, hielt die Kirche dagegen. Sie vertrat die Wahrheit Gottes und sagte: Die Erde ist eine Scheibe und sie dreht sich nicht.
Also schlug Galilei einen brillanten Kompromiss vor: die Erde sei ein kegelförmiges, das sich nicht drehe, sondern das man (z. B. Gott) wende!
Die ungeheuerliche Konsequenz daraus wurde auch offen von ihm ausgesprochen: „Also ist die Erde eine Wurst.“**
Das war Blasphemie sondergleichen. Natürlich kann man streiten, ob Galilei tatsächlich an diese Wursttheorie glaubte. Auch wenn er für wahnsinnig gehalten wurde, ist es nicht unwahrscheinlich, dass er angesichts des Scheiterhaufens – seine christlichen Henker schürten das Feuer bereits – zu einer letzten triumphalen Beleidigung gegen die Kirche ausholte.

Die Frage bleibt: warum wurden diese Akten so lange unter Verschluss gehalten? Sie zeichnen das Bild eines durchgeknallten Wissenschaftlers und Ketzers, dem man nicht leicht Glauben schenken mag. Wo liegt also ihre Brisanz, die Gefahr für die Gemeinschaft?
Die interessanteste Antwort darauf lautet: Weil die Kirche nach anfänglichem Zögern den Vorschlag Galileis aufgriff und bald darauf selbst propagierte!
Untermauert wird diese These durch den Fund eines päpstlichen Rundschreibens mit dem Titel „De salsicio dei“*** von 1644, worin Papst Urban VIII (er war als Förderer Galileis bekannt!) die Wursttheorie Galileis mit Bibelstellen belegen will. Es galt bislang als senil- poetischer Entwurf dieses extravaganten Papstes…
Im selben Jahr starb Urban VIII. und sein Nachfolger Innozenz X., der die Geschmacklosigkeit dieser Theorie erkannte, blies zur Kehrtwende. Um der Nachwelt diese himmelsschreiende Peinlichkeit zu ersparen, verschwand das päpstliche Rundschreiben, zusammen mit Galileis Prozessakten in den Bleikammern des Vatikans, andere Beweismittel, ( Protestbriefe der Kurie oder Spottschriften der Protestanten?) sollen angeblich verbrannt worden sein. Und natürlich wurde eine Fehlinformationskampagne gestartet, um alles Wissen über Galilei und seine seltsame Theorie zu schwärzen und zu verwischen. Wie erfolgreich sie war, erkennt man darin, dass wir bis heute glauben, Galilei sei dem Scheiterhaufen entkommen… aus den Prozessakten geht klar hervor, dass er am 8. Januar 1643 auf dem Scheiterhaufen landete.

Von Bernd Köhler
(Neues aus dem Vatikan – das nächste Mal: Das Stirnband des Philosophen.)

* lat. tamensi movetur kann auch passivisch übersetzt werden: sie wird doch gedreht !!!
**Der Originalausspruch aus den Protokollakten hierzu lautet: Tum salsicium est.
*** Über Gottes Wurst

Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur

Willkommen verehrte Freundinnen und Freunde gehobener Gaumenfreuden. Diesmal gibt es wieder mal etwas für den sehr geschätzten Kollegen Benny. Na ja, auch andere Leserinnen und Leser könnten sich angesprochen fühlen. Aber vor allem doch der Herr Böhm. Weil: den öde ich derzeit ein wenig an. Immer erzähle ich von albernen Konzerten, wo gar keine Bands spielen, sondern Orchester und wo man gar nicht den neuesten Tratsch über die anderen Kolleginnen und Kollegen erzählen kann, weil einem gerade Kunst präsentiert wird. Und das ist halt sehr langweilig – also nicht für mich, ich habe ja was Spannendes zu erzählen, aber für den armen Benny, der mangels anderen Publikums halt aus lauter Höflichkeit zuhören muß. Dafür suche ich aus meinem neuen libanesischen Kochbuch heute bloß vegetarische Gerichte aus! Aber zuvor, wie sich das für diese Kochkolumne so gehört, gibt es noch ein wenig Bericht von dieser dingsda, Hochkultur, ja; da kenne ich kein Erbarmen! Hähähä.

Neulich habe ich was ganz tolles Neues (also für mich halt neu) mitbekommen. Musik publik. Das ist umsonst und meistens richtig prima! Da hat mich meine Herzliebste mal mitgenommen, die ist da regelmäßig. Und zwar ist während des Semesters in der Musikhochschule in der Bibrastraße jeden Mittwoch und Freitag mittags um 12 Uhr ein öffentliches Konzert. Tja, was angeboten wird, erfährt man entweder am vorangegangenen Konzert – falls man halt da war – oder eben an der Eingangstür. Da kann man dann mal eine Preisverleihung für ein Akkordeon-Duo miterleben und zuvor ganz neue Dimensionen des Musizierens auf diesem von mir bislang eher wenig beachteten Instrument erleben, oder mal drei Klaviersonaten von Schubert hören, auch ein Konzert für 10 Blasinstrumente ist schon mal dabei. Also: Lohnt sich! Am gleichen Ort sind übrigens auch regelmäßig die Meisterklassen Podien. So als Tipp. Und jetzt muß ich noch eine Lanze für meine neue Wohngegend brechen: Bloß eine einzige Fußminute von mir weg ist das Champinsky. Da ist Theater mit Komödien, da muß man nicht unbedingt hin, das stimmt schon. Aber: Dienstags ist recht regelmäßig Jazz. Da kann man dann schon mal hin! Zum am Tresen lümmeln übrigens auch!!! Und noch ein paar Meter am Friedrich Ebert Ring gelaufen und man steht am Luisengarten mit manchmal auch interessantem Programm – aber bei der Winterreise von Schubert war ich zulange auf der Arbeit und hab’s verpaßt…
Wirklich richtig großartig war aber eine andere Darbietung in der Nachbarschaft: Das Orchester Jakobsplatz München gastierte am 10. 4. im Shalom Europa in der Valentin Becker Straße. Claude Debussy, dann Gustav Mahler, die Kindertotenlieder – gesungen von Ann-Katrin Naidu und nach der Pause die „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ nach einem Text von R. M. Rilke komponiert von Viktor Ullmann kurz vor seiner Ermordung in Auschwitz. Der Text wurde von Jochen Striebeck gesprochen. Dieses Konzert war sicherlich eines der ganz großen highlights in Würzburg, bloß am Publikum hat es stark gemangelt, der Saal war nicht einmal zu einem Viertel gefüllt. Schade für dieses exzellente Orchester unter Daniel Grossmann und die beiden herausragenden Solisten!

So, jetzt eile ich dann mal in die Küche und schwinge den Kochlöffel…

Mit Feta gefüllte Teigröllchen in Tomaten Minze Sauce, dicke Bohnen, gefüllte Zucchini, Taboulih, Salat.

Für die Teigröllchen aus 250g Mehl und 150-200ml Wasser und ein Kaffeelöffel Salz einen Nudelteig zubereiten und ein paar Minuten kaltstellen. Eine rote Zwiebel sehr fein würfeln und in etwas Olivenöl glasig dünsten. 200g Feta zerbröseln, mit der Zwiebel vermischen, mit Paprikapulver, Cumin und etwas grob gemahlenem Pfeffer würzen. Auf bemehlter Fläche den Nudelteig ausziehen und Quadrate formen (etwa wie für Maultaschen!), die Füllung darauf geben und die Röllchen formen. Die Teigröllchen in eine gebutterte Auflaufform geben und im Ofen bei 180° goldgelb backen. In einem Topf 250g Tomatenmark, 3 klein gewürfelte, sehr reife Tomaten sowie eine Tasse Wasser unter Rühren erhitzen. Jetzt den Saft von ½ Zitrone dazu geben. In einer kleinen Pfanne etwas Butter schmelzen und darin 3 feingehackte Zehen Knoblauch und 3 Eßlöffel getrocknete Minze anbraten und in die Soße geben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und über die fertigen Teigröllchen gießen, mit frischer Minze dekorieren und servieren.

200g dicke braune Bohnen (auf dem Lande als Saubohnen bekannt) über Nacht einweichen, abgießen, das Einweichwasser auffangen und in einem großen Topf zum Kochen bringen, etwas Öl beigeben, kräftig salzen und 1 ½ h garen, bis sie wirklich weich sind. Die Brühe abgießen, in einem Topf Öl erhitzen und eine fein gewürfelte Zwiebel und zwei ebenfalls fein gewürfelte Tomaten kurz anbraten, die Flamme reduzieren und die Bohnen zugeben. ½ Bund Glattpetersilie fein hacken und zugeben, Saft aus ½ Zitrone angießen mit Salz und etwas getrocknetem Chili abschmecken. Mit Zitronenscheiben und Glattpetersilieblätter dekorieren.

Zwei eher kleine Zucchini waschen, den Stielansatz und die Blüte kappen und in der Mitte (nicht längs, quer!!!) halbieren. Die vier Hälften aushöhlen (Apfelschäler) und den Inhalt sehr fein hacken. Eine Zehe Knoblauch sehr fein hacken, eine ½ rote Paprika in sehr feine Streifen schneiden. Alles mit einer Tasse gewaschenem und etwas vorgequollenem Reis (weiß und geschält, sehr gut ist Bruchreis), etwas Salz, Pfeffer und etwas Fenchelsamen gut vermischen. Die Zucchini füllen, in einem Topf mit Siebeinsatz Gemüsebrühe aufkochen und die Zucchini in das Sieb geben, die Flamme herunterdrehen und zugedeckt etwa ½ h köcheln lassen.

Für den Taboulih vier ziemlich reife Tomaten sehr fein würfeln (noch feiner, das geht schon!), eine kleine rote Zwiebel ebenfalls sehr fein wiegen und zu den Tomaten geben. Zwei Tassen sehr feinen Couscous dazu geben und quellen lassen. Reichlich frische Minze sehr fein schneiden, mit ½ Bund Glattpetersilie genauso verfahren. Zwei Zitronen pressen, den Saft mit der Minze und der Petersilie, sowie Salz vermischen und über den Salat geben, einen Schuß Olivenöl dazu, gut vermengen und etwa 1h kalt stellen.

Für den Salat eine Schale Feldsalat gründlich waschen und abtropfen. Einen kleinen Kopf Bataviasalat waschen, trocken schleudern und in etwa 1cm breite Streifen schneiden. ½ Gurke schälen und würfeln, eine rote Paprika in feine Ringe schneiden, zwei Frühlingszwiebeln in feine Ringe schneiden, einige Zweigchen Thymian vom holzigen Stiel befreien, etwas Glattpetersilie klein zupfen. Alles vermischen und kurz vor dem Servieren mit dem Dressing (Saft von ½ Zitrone, etwas Olivenöl, eine gepreßte Zehe Knoblauch, Salz) übergießen.

Dazu unbedingt geröstetes arabisches Fladenbrot, etwas Joghurt, Oliven, Peperoni und gesalzene Kichererbsen reichen.

Mahlzeit!

Ich gehe jetzt noch mal flott die paar Meter zum Omnibus und höre mir die Studiosi beim Session machen an.

Bis demnächst
Rainer Bakonyi

(Anmerkung des Lektors: Die Rechtschreibung wurde, namentlich im Hinblick auf das Wort „tabouleh“, behutsam den ausserhalb der Gaststätte Kult üblichen Gepflogenheiten angepasst. Die Schreibung „tabouhli“ ist dem Kult nicht auszutreiben, aber man darf ihnen nicht auch noch helfen, „Beweise“ via googlefight zu finden.)

Der Stumpfsinn der universitären Lehre

Einige Anmerkungen zum Studium in Jahre 2008

Wir leben in einer Welt, in der wir zuerst gehen und sprechen lernen.
Später lernen wir dann still zu sitzen und den Mund zu halten.

Manche Momente fühlen sich wie der Eintritt in das Reich der Freiheit an – und sind es leider nur bis zu dem Moment, in dem wir zu realisieren beginnen, dass alles, was uns die bürgerliche Gesellschaft verspricht, eine bloße Lüge, nämlich die Verneinung der menschlichen Vielheit, zu sein scheint. Haben wir wieder einmal eine Hürde erklommen, die uns die Gesellschaft in den Weg gelegt hat und die einzig und alleine aus dem Grund existiert, um die Klassenstruktur zu erhalten und uns in die Verwertungsmaschinerie zu integrieren – das Abitur oder ein universitärer Abschluss zum Beispiel – so kann das befreite Gefühl, die ganze Welt vor sich zu haben und alle Möglichkeiten zu besitzen, nur von kurzer Dauer sein. Denn genauso, wie wir in unserer Schulzeit lediglich zu einem fleißigen Bürgerchen erzogen werden, geht es in der Universität weiter – still zu sitzen, den Mund zu halten und im richtigen Moment universitäre Lehrmeinungen wie vom Tonband abzuspielen, bleibt die beste Devise.
Beginnt man das Studium aus Interesse am Fach und nicht von Vorneherein mit einem festen Berufsziel, so wird man bereits nach den ersten Tagen als StudentIn enttäuscht: studentische Freiheit ist nichts anderes als eine Worthülse, die keinen Inhalt besitzt oder besaß – nicht vor 40 Jahren und schon gar nicht im Jahre 2008. Dies fing bereits bei meiner ersten Vorlesung an, die als Frontalvortrag knapp zwei Stunden dauert und meist Fragen keine einzige Minute einräumt – von kritischen Zwischentönen, die den/die ProfessorIn aus dem akademischen Elfenbeinturm führen könnten, ganz zu schweigen. Genauso wie die Gesellschaft ist auch die Universität eine Maschinerie, in der um Machtpositionen gerungen wird und in der Autorität benutzt wird um kritische Töne möglichst klein zu halten. So mag das Interesse am Fach noch so groß sein: Entweder man legt den Enthusiasmus ab, stellt die eigenen Suchbewegungen größtenteils ein und schleimt sich bei möglichst vielen mächtigen Menschen ein, oder die/der scheinbar Freie entdeckt seine Unfreiheit, die Eindimensionalität des gesellschaftlich anerkannten Zusammenlebens und der akademischen Lehre. Eigentlich kann man sich vom ersten Semester an nur „hoffentlich komme ich hier unbeschadet hindurch!“ denken.
Mit den Bologna-Prozessen und der Einführung von Bachelor/Master-Studiengängen werden Studierende noch viel weniger über die Grundlagen ihrer Wissenschaft und einer möglichen kritischen Auseinandersetzung mit dem Unibetrieb in Berührung kommen. Universitäre Abschlüsse sind nichts anderes als Berufsausbildungen. Die Unterwerfung der akademischen Lehre unter die Gesetze des Marktes ist nur die logische Konsequenz aus einer Wissenschaft, die bei Strafe ihres eigenen Untergangs dem Kapital zur Verfügung stehen muss. Die Tatsache, dass jene Umstrukturierungsmaßnahmen sowohl bei der so genannten organisierten StudentenInnenschaft als auch beim Lehrpersonal auf kaum Widerstand stießen, verdeutlicht, das die Lehre keineswegs frei ist, sondern sich wie alle anderen Elemente der Gesellschaft lediglich um die Sonne des Kapitals dreht. Das Bild einer kritischen Masse von Studierenden, das sich vom Jahre 1968 bis in die Gegenwart erhalten hat, ist reiner Kitsch geworden. Wenn Solidarität unter den Studierenden eingefordert wird, dann klingt dies für mich wie ein schlechter Witz. Ich werde einen Teufel tun, mich mit den deutschen Eliten von morgen zu verbrüdern.
Das Problem der Menschen, die erkannt haben, dass sie in der verkehrten Gesellschaft leben und die richtige Gesellschaft wollen, ist, das sie zuviel zu verlieren haben. Man fühlt sich teilweise pudelwohl als KritikerIn der bürgerlichen Gesellschaft und bewegt sich doch in den spießbürgerlichsten Kreisen. Den vorgezeichneten Weg seiner eigenen Klasse zu verlassen und auf die Meinung seiner Verwandten zu pfeifen – dazu haben nur wenige den Mut, und jenen AussteigeInnen gilt mein vollster Respekt. Für die restlichen Studierenden gilt nur, das positive aus der Studienzeit schätzen zu wissen: Ein bisschen vom unbeschwerten Leben der Jugend in die Erwachsenenzeit zu tragen. Man kann nur hoffen, die Unizeit möglicht unbeschadet zu überstehen, denn Platz für eine kritische Lehrmeinung bietet die Gegenwart kaum. Die Aussage, dass die Universität nichts anderes ist, als eine Ausbildungsstätte für Eliten, kann in Zukunft niemanden mehr verwundern.

Wir leben in einer Welt, in der wir zuerst gehen und sprechen lernen,
Später lernen wir dann still zu sitzen und den Mund zu halten.
Es ist die Reihenfolge, in der man die Dinge lernt,
die uns zu dem machen was wir sind.

Von Yvonne Hegel

Heinrich Marschner Der Vampyr

Das Begleitheft des Mainfrankentheaters Würzburg (Hg.) zur romantischen Oper in zwei Akten, Redaktion: Sebastian Hanusa.
Beinahe, ja: ums Haar, und dieses Schriftstück wäre überhaupt nicht in meine Finger gelangt. An der Garderobe war ich bereits genötigt, nach der obligaten 1 Euromünze in meiner Hosentasche zu kramen und hatte die zwei Euren für besagtes Programmheft schlicht nicht vorrätig. Meine Liebste half mir mal wieder großzügig aus der Patsche und bestand trotz meines achselzuckend vorgetragenen: „Dann halt nicht!“ auf dem Erwerb. Wie gut! Bereits auf Seite 3 steht dort, vor etwaiger Nichtbeachtung durch eine graue Markierung effizient geschützt, folgendes Zitat zu lesen: „Das Verbrechen, durch die stets neuen Mittel des Angriffs auf das Eigentum, ruft stets neue Verteidigungsmittel ins Leben und wirkt damit ganz so produktiv wie strikes auf die Erfindung von Maschinen. Und verläßt man die Sphäre des Privatverbrechens: Ohne nationale Verbrechen, wäre je der Weltmarkt entstanden?“ Das ist von einem gewissen Herrn Karl Marx, den die Deutschen vor kurzem zu einem ihrer Größten erkoren hatten. Etwas weiter erfahren wir unter dem Titel „Handlung“ den plot der Oper. Der Vampir muß zwecks einer einjährigen Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung auf der Erde, und zwar um genau zu sein: den schottischen highlands, binnen 24 Stunden drei Jungfrauen vermittels eines Bisses in den Hals dem Vampirmeister zuführen. Er ist guten Mutes, hat er doch bereits zwei junge Damen am Wickel und ist zuversichtlich eine dritte auch noch zu erreichen. And so on. Es gibt, wie ja stets im Leben, selbstredend auch lästige Gegenspieler, insbesondere ein ehemaliger Freund, dessen heimliche Geliebte eines der prospektiven Opfer ist. Der Vampir beißt, wird erstochen, rettet sich mit Mondlicht, beißt, wird erschossen, rettet sich mit Mondlicht, setzt zur verruchten letzten Tat an, wird daran aber in letzter Sekunde gehindert; der Vampirmeister holt ihn in die Hölle, die Gerettete und ihr Geliebter bleiben auf dieser Welt. Vorhang fällt – äh, steht da gar nicht, ist aber im Theater seit alters Brauch.

Das verspricht doch einen Heidenspaß mit laut tönendem Bariton „Jetzt ist sie MEIHEIN!!“ und dazu im Duette ein getrillertes „Zu Hülfe! ZU HÜLLLFE!! S’ist einVAMPÜRRR!!!“.

Zuvor allerdings erst mal Ernstes zum Vampirprinzip. Auf Seite 9 muß ich lesen: „Alles irdische Leben ist im Grunde einem Vampirprinzip untergeordnet: Um sich am Leben zu erhalten muß man etwas einsaugen, sich anderes Leben einverleiben. Und im Regelfall beruht das vampiristische Gedeihen des einen Lebens auf dem Nichtgedeihen des einverleibten Lebens.“ Tja. Vom Bakterium über die Qualle bis zur Krone der Schöpfung, dem Eisbären Knut, schlingt die Schöpfung allenthalben. Pflanzen? Naja, die sind womöglich keine irdische Lebensform; aber ach, das Krux mit der Logik liegt ja im „Leben“ – ist der Vampir doch eben eines nicht: lebendig. Aber sei’s drum, ist ja alles bloß Theater. Und der Autor dieser Zeilen hat ein höheres, ein volkspädagogisches Ziel, welches er über folgende Stichwörter: Lustfraß, sublimiert, Sexualität, Nietzsche pfeilgerade ansteuert: „Die Verkörperung von ewigem Leben, (…etc, pp…) bei einer gleichzeitig vollkommen unzensierten Befriedigung der elementaren Triebe, wirkt (…) nicht nur verführerisch, sondern hat bei einigen Mitbürgern sogar den Wahn aufkommen lassen, sich tatsächlich für so etwas Ähnliches wie Graf Dracula zu halten.“ Oh weh, oh ach. Es ist ein Graus! Oh! Welch ein Graus, ja welch ein Grauuuus!

Überspringen wir die doch sehr eigenwillig zusammengestellte „Zeittafel Vampirismus“, sowie die künstlerische Einordnung Heinrich Marschners durch Florian Reichart: „Vergessen zwischen Weber und Wagner“ und auch Sebastian Hanusas Beitrag zu „Richard Wagners Zeit am Würzburger Theater“ und lauschen dem Interview mit dem Regisseur Stephan Suschke, der sich zunächst als Sozialhistoriker versucht: „Mich interessiert … der historische Hintergrund, der viel mit heute zu tun hat. Die Aufklärung hatte Gott abgeschafft und die Welt säkularisiert. … Gleichzeitig wurden die Menschen aus sehr familiären Produktionsprozessen in die Fabriken hinausgeschleudert, aus relativ geschützten, befriedeten Räumen in eine angstbesetzte, sich atomisierende Gesellschaft…eine erste Globalisierung…“ Nach kurzem Geplänkel über das Bühnenbild geht es um den Vampirmythos: „Der Vampirglauben löste den Hexenglauben… Vampire waren…viel schwerer zu erkennen. Man konnte dem Bösen nicht mehr ansehen, daß es Böse war… Die katholischen Serben(das steht da so!) haben das benutzt: natürlich waren immer Moslems Vampire. Das ist sehr heutig … Feindbilder … Manson … Gangster- und Horrorfilme …Holocaust – ist menschlich.“ Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu bestehen, daß, wo über Moral, also die Bestimmung von Gut und (insbesondere) Böse schwadroniert wird, stets die Auslöschung der europäischen Judenheit durch die Deutschen den Bezugspunkt abzugeben hat. So gut wie stets dient, sei es nun der Holocaust oder die Shoah, dieses Herbeizitieren des Schlimmsten, einer mittels dieses Kniffs unantastbar gemachten Anthropologie: „Es gibt nichts Unmenschliches, alles – auch der Holocaust – ist menschlich“ Geschenkt, daß hier „menschlich“ nicht als human, sondern als von Menschen gemacht zu lesen ist. Der ideologische Zweck läßt in seinem ganzen Irrwitz wohl keine andere sprachliche Form mehr zu: „Im Moment ist es wichtig, Feindbilder zu unterminieren, weil sie die Verbände auf den eigentlichen Wunden sind.“ Statt nun dem Meister die bisher notierten Zitate unter Höllengelächter vorzulesen und das Ganze in einer Zechrunde aufzulösen, fahren die Herren Hanusa, Macha und Reichart munter fort mit dem Stichwortgeben: „…Der Vampir der Romantik hat ein anziehendes Äußeres und – bewusst oder unbewusst – denen ähnlich, die ihn erschaffen…Spiegelbild…“. Wat mut, dat mut: „Müller -Metapher „Im Spiegel das Feindbild“…11. September in Indien … amerikanische Actionfilme … Ich hatte das sichere Gefühl, dass die wirklichen Terroristen diese Filme sehr gut gekannt haben“ Da ist sie, die geradezu mit Notwendigkeit zu erwartende nine-eleven-conspiracy-theory. Chapot! Wer die wirklichen Terroristen wohl sein mögen? Die Studio Chefs der kalifornischen Filmindustrie? Wir werden es aus der vorliegenden Schrift leider nicht entnehmen, doch die Herren Interviewer spinnen eifrig den Faden vom Vampir Ruthven zu Hannibal Lecter und wieder kommt es, wie es kommen muß: „…Man sollte einfach davon ausgehen, dass derjenige, der einem aus dem Spiegel entgegenblickt, als SS-Mann in Auschwitz auch einen ordentlichen Job gemacht hätte. Möglicherweise wäre das Spiegelbild auch ins Gas gegangen…“ Alles ist halt eben doch irgendwie gleich: Der Mörder, nennen wir ihn Sturmmann Meier, Müller oder Schulze, der ohne allzu große Nachteile hinzunehmen den ordentlichen Job nicht hätte tun müssen, ist so sehr das Spiegelbild (ja wessen bloß?) wie seine in Viehwaggons durch ganz Europa verschleppten Opfer, denen mit den Kleidern und den Haaren auch die Namen geraubt worden waren und die als Asche endeten. Den weiteren zwei Seiten Geplauder entnahm ich noch, daß dem Regisseur irgendwie doch bewußt ist, es mit einer eher simplen Liebesgeschichte – die einzige überlebende Jungfrau, Malvina, wird vom ihr in wahrer Liebe zugewandten Jüngling errettet; die aus Lüsternheit fehlende Emmy stirbt ebenso, wie die arglistig getäuschte Janthe – zu tun zu haben. Doch verborgen muß ihm bleiben, daß hier überhaupt gar kein globalisierungsskeptischer Subtext vorliegt, sondern höchstens eine – und das nicht versteckt, sondern explizit geäußert – Kritik der väterlichen Gewalt, daß, wenn sich hier ein kritischer Geist manifestiert, dieser sich also gegen patriarchale Verhältnisse richtet, die eben nicht so idyllisch waren, wie sich das Stephan Suschke zu Beginn des Interviews so ausmalte. Auf die Idee zu verfallen, die unheroische Truppe der Bediensteten des Herrn Berkley, der seine Tochter am Vorabend ihrer zwangsweisen Verheiratung entführt glaubt und im Wald zur Suche unterwegs ist, mit Geldscheinen zu motivieren und auch im weiteren Verlauf eifrig mit Scheinen werfen zu lassen, zeugt nicht lediglich von einer anachronistischen Sicht auf feudale Verhältnisse, sondern von – und dann natürlich in die vorkapitalistische Zeit rückprojizierten –Vorstellungen einer quasi magischen Macht des Geldes, welches die einst (eben in der romantisierten patriarchalen Gesellschaft) vermeintlich natürliche Gemeinsamkeit korrumpiert und sich die Lebenskraft der Menschen vampirisch aneignet. So sah das einst auch ein ganz spezieller Sozialist, der wackere Bruno Bauer, der dem Vampyr auch den richtigen und so gar nicht katholischen Namen gab: Nicht Sir Ruthven, sondern einfach Jud’. Jener Herr, dessen Zitat die Eingangsseite ziert, eben der Herr Marx, hat ihm 1843 Bescheid gegeben. In seiner Schrift „Zur Judenfrage“, einer Kritik des gleichnamigen Pamphlets Bauers, liefert er eine Staatskritik, eine Kritik der Politik und eben eine Kritik des Geldes: „Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an.“ (MEW Bd.1, S.374). Wie aber diese Herrschaft zustande kommt, wie es in der Wirklichkeit möglich sein kann, daß sich das Produkt menschlicher Arbeit zu eigenem Selbstbewußtsein aufschwingen kann und als blind rasendes automatisches Subjekt die Vergesellschaftung in einer noch immer nicht emanzipierten Welt zu bewerkstelligen vermag, vermochte er 1843 noch nicht zu sagen. Die eifrigen Marxzitierer hätten sich dies jedoch bei einer Lektüre des Kapitals verdeutlichen können. Die Marx’sche Bestimmung des Rätsels des Geldfetischs als das sichtbar gewordene, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs entzieht Vorstellungen von heimlicher, untergründig wühlender Macht, die hinter dem Gelde stünde, den Boden und verweißt auf die täglich aufs neue von sämtlichen Beteiligten im eigenen Hirnkasten vollbrachte logisch unmögliche Vergleichung gänzlich unvergleichbarer Dinge im Warentausch: Ein kleines Glas Bier ist ein Programmheft des Mainfrankentheaters ist zwei beliebige Objekte im 1€Shop ist ein belegtes Brötchen ist… Daß es notwendig ist, die völlige Unsinnigkeit dieser Gleichsetzung erst darzulegen, zeigt die Wirkungsmächtigkeit dieses, unsere sämtlichen Regungen bestimmenden, fetischisierten „Denkens“. In zynischem Sinn ist also Wahrheit in der Geste allseitiger Beliebigkeit: Gut und Böse, Opfer und Verfolger, SS-Mann und Spiegelbild, alles muß auf dem Markt vergleichbar sein und schon das Sprichwort weiß: Jeder hat seinen Preis.

Ach ja, wie denn die Aufführung so war? Ja schön. Schaurig lustig und mit Stefan Stoll als Lord Ruthven ein verführerischer, bösartiger und höchst überzeugender Vampir. Solistinnen und Solisten, wie auch Chor gefielen mir gut (Anja Eichhorn als Malvina sei hier noch herausgehoben), das Orchester unter Wang war hervorragend, die zurückgenommene Schauspielerei – ohne Gefuchtel, Gespucke und Gekreisch – war sehr angenehm, das Bühnenbild ebenfalls gelungen, die Kostüme – vor allem bei den Gestalten der Unterwelt – leider teils albern, teils kitschig. Und bei dem glorreichen Regie-gag: Wir werfen mit Scheinen und lassen sie vom bedauernswerten Chor wieder einsammeln, habe ich mir Schokoladentaler vorgestellt – wozu ist man schließlich im Theater? Und noch etwas zu Heinrich Maschners Stück: Das hat schon ein paar Längen und mit heutigen Ohren ist die Musik nicht soo originell – und doch läßt sich die Faszination, welches es wohl einst auf das Publikum hatte, noch nachvollziehen, und zwar sowohl bezogen auf die Handlung wie auch musikalisch. Vor allem hat der Librettist Wilhelm August Wohlbrück in einer Zeit, in der gerade die enge Verbindung des Stereotyps vom wuchernden Juden („Wucher“ und „Schacher“, also Kredit und Handel, waren zu Beginn des 19ten Jahrhunderts gar nicht anders denn als „jüdisch“ zu denken; Wucherer und Jude galten als Synonyme) mit dem Mythos vom Vampir statthatte, sich solcher Bezüge enthalten und das Loblied der Liebe gesungen – das hält denn auch die Zumutung aus, daß sich die Braut – Malvina – dem wackeren Aubry, welcher sich allzu schnell dem despotischen Vater Davenout angleicht, schlußendlich dann doch verweigert.

Von Rainer Bakonyi

25. Mai im akw! – Das neue Versammlungsgesetz

Eine politische Demonstration ist zunächst einmal eine furchtbar langweilige, unergiebige und entfremdete Angelegenheit. Der Gesetzgeber hat diesen Übelstand erkannt und trägt Sorge dafür, dass politische Demonstrationen in Zukunft eine noch viel langweiligere, unergiebigere und entfremdetere Angelegenheit werden sollen.

Nachdem seit neuestem die Länder für das Versammlungsrecht zuständig sind, konnte man sich schon denken, dass das neue Bayerische Versammlungsgesetz das reaktionärste ungefähr seit den Karlsbader Beschlüssen sein wird. Der vorgelegte Entwurf hat die ausschweifendsten Fantasien sogar noch übertroffen.

Die gute Nachricht soll man am Anfang bringen: die Versammlungsfreiheit von Stadtverschönerungsvereinen, Elterninitiativen, Friedensbündnissen oder Bauernverbänden ist nach wie vor gewährleistet. Auf der anderen Seite sind Vorkehrungen getroffen, den Feind/inn/en der Verfassung die öffentliche Versammlung jedenfalls deutlich schwerer zu machen.

Letzteres mag man, von einem zugegeben etwas ungewöhnlichen Standpunkt aus, sogar begrüssen: gibt es doch nichts alberneres, als zur Äusserung von Feindschaft gegen die Verfassung von einem bloss verfassungsmässigen Recht Gebrauch machen zu wollen. Und namentlich, wie schon erwähnt, nichts langweiligeres und entfremdeteres.

Die Demos von mehr oder weniger vielen mehr oder weniger schwarzgekleideten Personen mit mehr oder weniger sinnigen radikalen Parolen zu mehr oder weniger wichtigen Anlässen waren jedenfalls nie mehr als ein kümmerlicher Ersatz für wirkliche Unruhen, und es zeugt entweder von übermässiger Siegesgewissheit des Staates oder von blankem Realismus, wenn er meint, inskünftige dieser Form von Beschäftigungstherapie für auffällige Jugendliche nicht mehr zu bedürfen. Was von beidem genau: das herauszubekommen wird Aufgabe der radikalen Elemente selbst sein.

Der Entwurf des Bayerischen Versammlungsgesetzes bietet absurde Komik ebenso wie Anlass zum Nachdenken für alle die, die sich einer radikal linken Sache verpflichtet fühlen. Er bietet ausserdem, auch das soll nicht verschwiegen werden, Anlass zu begründeter Sorge. Es wird in Zukunft noch leichter werden, Protest zu kriminalisieren, und die Entscheidung darüber wird noch willkürlicher werden können. Auch wenn man die paar wirklich hirnrissigen Bestimmungen abzieht, die ohnehin der parlamentarischen Opposition zum Frasse vorgeworfen werden dürften (was dem Gesetz einen Teil seines humoristischen Wertes rauben wird), bleibt ein Monstrum übrig, das nicht nur die bisher schon repressive bayerische Praxis legalisiert, sondern sie ins völlig ungewisse hinein erweitert.

Kurz gesagt stellt die Staatsregierung die ernste und durchaus nicht unsachliche Frage, ob radikale Linke im Stande sein können, wie Kleintierzüchter zu demonstrieren, oder ob sie ihre Hinausdefinition aus der Legalität für eine Einladung zu neuen, vollständig irregulären (und etwas kreativeren) Formen der Äusserung halten müssen.

Dieser Frage versucht am 25.Mai 2008 um 19.00 Uhr im akw Herr Frosch nachzugehen, den wir als Referenten gewonnen haben. Herr Frosch lässt ausrichten, dass alle kommen sollen, dass aber eine Gesichtkontrolle am Einlass stattfinden wird und dass Kartenspiel oder Geschrei während des Vortrags nicht geduldet wird. Kaffee gibts wenn, dann nur aus einer Thermoskanne, und Essen muss man wahrscheinlich selber mitbringen.

Die Antideutschen und die Militanz der kritischen Theorie

Die kommende Revolte, Teil 2

Die Revolution, die bisher nicht gelungen ist, ist mit jeder Niederlage immer nur dringlicher geworden; sie ist heute ein unabweisbares Bedürfnis. Jede Partei, die jemals erklärt hat, die Bedingungen seien nicht reif, hat in der Folge gezeigt, dass sie statt der alten Herrschaft im Höchstfall eine neue zu errichten gedachte; in Wahrheit ist die Zeit immer schon reif, seit das Kapital in der Welt ist.

Kritik und Krise
Das Kapital hat nicht nur alle voraufgegangene Herrschaft beseitigt. Es hat sie beerbt und bewahrt sie in sich auf. Das Kapital kann nicht gebrochen werden, ohne jede Form der Herrschaft zu brechen. Es geht um nichts anderes als das Ende von 12.000 Jahren von Knechtschaft. Es ist hier kein Kompromiss möglich: diejenigen Bewegungen, die etwa das Kapital abzuschaffen gedachten, aber die Familie, diese ältere und finsterste Unterwerfung, stehen lassen wollten, haben nichts erreicht als den Fortbestand der Herrschaft im barbarischen Kostüm der alten Formen.

Die vorgebliche Rücksicht auf die sogenannten Massen und ihr angeblich rückständiges Bewusstsein war immer das ruchloseste und deutlichste Abzeichen derer, die herrschen wollen. Die Liebe dieser Linken zu den „Massen“ war immer die Liebe des Reiters zu seinem Pferd. Dem Bewusstsein der Massen sich andienen wird nur, wer schon plant, sie zu betrügen. Die Populisten, auch die in der Opposition, sind bereits Teil der Herrschaft, wenn nicht sogar ihre Avantgarde.

In Wahrheit muss man davon ausgehen, dass unsere Ideen schon in allen Köpfen sind. Die Massen sind nicht zu einem richtigen Bewusstsein erst hinzuführen, nicht behutsam oder diktatorisch oder durch vernünftiges Zureden; sie sind nicht unreif, nicht unwissend, sie wissen sehr gut. Ihre Trägheit ist nicht Trägheit, sondern bewusste Parteinahme für die Herrschaft. Wenn sie diese Parteinahme aufkündigten, begänne die Krise. Diese Krise durch Kritik zu provozieren, ist die revolutionäre Aufgabe.

In eigenem Namen, auf eigene Rechnung
Die Perspektiven der Revolution abzuschätzen, wird also nur gelingen, wenn man sich bewusst bleibt, dass sie völlig unmöglich ist. Die sie machen müssen, wollen sie nicht. Dieses Bewusstsein, weit davon entfernt, zur Versöhnung mit dem Bestehenden einzuladen, wird im Gegenteil den Bruch mit diesem zur Unumkehrbarkeit vertiefen; es ist nichts anderes als das Bewusstsein davon, welche tiefen Brüche nötig sein werden. Damit und nur damit vertritt es den Platz des abwesenden besseren, der praktischen Negation, die alleine die materielle Gewalt stürzen könnte durch materielle Gewalt.

Das Bewusstsein der Unmöglichkeit der Revolution ist damit im selben das Bewusstsein von ihrer Notwendigkeit. Seine praktische Seite ist die Kritik, und sein Fluchtpunkt und Attraktor der Moment der Befreiung, mit dem es sich erledigt hätte. Auf diesen Moment arbeitet es hin, nicht als auf seinen Beweis, sondern als auf seine Widerlegung; denn eines Beweises bedarf es nicht. Die Tätigkeit der Kritik, der Verneinung, ist ein Geschäft in eigenem Namen und auf eigene Rechnung und nicht im Auftrag der Geschichte, des Proletariats oder irgendeiner anderen Kategorie der Herrschaft; ihre Arbeit ist getan, wenn alle bisherige Geschichte endet, und die Proletarisierten ihre proletarische Existenz abschütteln, um eine andere Geschichte zu beginnen.

Wenigstens strebt die kommunistische Kritik nicht danach, die Massen zu beherrschen; sie geht darauf aus, dass die Massen sich in befreite Einzelne auflösen. Zu ihrem Werk der Konfrontation stehen ihr alle Mittel offen, die sie sich zu erobern oder zu erfinden versteht.

Nichts als ihre Ketten
Die kommunistische Kritik weiss sich im absoluten Gegensatz mit allen geheiligten Grundsätzen des geordneten Gemeinwesens. Sie durchschaut das gesellschaftliche Bewusstsein als das Bewusstsein eines Unwesens, und sie darf es nicht versäumen, gerade seine heiligsten Lügen zu attackieren. Da sie niemandem verpflichtet ist als sich selbst, wird sie auf keine Macht Rücksicht nehmen. Sie weiss, dass sie ein allgemeines geheimes Begehren ausdrückt, ohne sich darüber zu täuschen, dass sie mit diesem nicht in einem sicheren Bunde steht, sondern Gefahr läuft, genauso zertreten zu werden wie dieses geheime Begehren; unter denen zu sein, die es täglich zertreten, fürchtet sie, von ihnen sich zu isolieren, nicht.

Die kommunistische Kritik begreift das Bestehende als den bloss vorläufigen Endpunkt einer Geschichte, in der noch jedesmal die Herrschaft den Sieg davongetragen hat. Sie hat sich jedesmal verändert, in derselben Weise, wie es ihr gelungen ist, die Beherrschten zu verändern, so wie sie überhaupt nur durch die Handlungen der Beherrschten existiert. Die Herrschaft ist keine feste Eigenschaft, die irgendeiner herrschenden Klasse zukommt, sie ist eine Verhaltensweise der beherrschten Klasse, sie ist unmittelbar die Unterwerfung, verstanden als aktive Handlung, selbst. Man kann es sich also erlauben, von der Existenz einer herrschenden Klasse zu abstrahieren; nicht deren Machinationen sind entscheidend, sondern allein die Handlungen der Beherrschten, die in ihrer Unterwerfung heute das entscheidende Problem sind. Solange dies so bleibt, wird man es nicht mit der Klasse zu tun bekommen, die Panzer in Bewegung zu setzen im Stande ist.

Diese Geschichte, die eine Geschichte der Katastrofen ist, und immer grösseren Katastrofen zustrebt, ist von dem gegenwärtigen Verblendungszusammenhang nicht zu trennen, der das Bestehende konstituiert und am Leben erhält. Das Vergangene, weit davon, vergangen zu sein, hält die Lebenden in seinem Bann, weil seine Macht nicht gebrochen ist. Das Bestehende, Erbe aller bisherigen Siege der Herrschaft, wird nicht beendet werden, ohne dass gleichzeitig alle vergangene Gewalt aufgehoben und der verborgenen Geschichte der Zertretenen zu ihrem Recht verholfen wird. Die Revolution ist immer anachronistisch: weil sie das Selbstopfer nicht akzeptiert, kann sie nicht akzeptieren, dass ihre Toten tot sind, und ihre Sache viele Male verloren. Die Befreiung kann niemanden hinter sich lassen, sie muss das Zerschlagene retten und das Zerbrochene zusammenfügen, oder sie wird nicht sein.

Das Vergangene steht zum Bestehenden im selben Verhältnis wie das Unbewusste zum Bewussten. Die Revolution wäre derjenige Akt der durch vieltausenjährige Herrschaft deformierten Menschheit, in dem sie ihre Deformationen abschüttelt; das Verdrängte zur Erinnerung bringt, und damit den Bann, unter den sie sich gestellt hat, löst; eine grosse kollektive Therapie ohne von ihr getrennten Therapeuten, und damit die endlich entdeckte und gerettete Wahrheit der Psychoanalyse.

Denn er weiss, dass er wenig Zeit hat
Der Name der Herrschaft aber ist Nation. In ihr erscheint die Unterworfenheit als Natureigenschaft, und man ist zum Beispiel deutsch mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es nicht der schiere Irrsinn. Die Nation ist die Form, in der das Kapital unter seinem Staat selbst Gesellschaft wird, die einzige Instanz, die die Krise bannen und das Auseinanderstrebende zusammenhalten kann. In der Nation, soweit sie existiert, heben sich die Widersprüche auf, die das Ganze auseinanderzujagen drohen: die Nation ist deshalb keine blosse kollektive Wahnvorstellung, sie ist der Wahnsinn selbst als Realität.

Die Nation kann nicht existieren, wenn sie nicht das auseinanderstrebende zusammzwingt, wenn sie nicht gewaltsam gegen die besonderen Interessen der Klassen die Einheit der Gesellschaft geltend macht. Auf den höchsten Punkten der Zuspitzung muss sie die besondere Existenz der Klassen insgesamt vernichten. Die Klassenkämpfe überlebt die Nation nur, wenn sie zur Volksgemeinschaft wird. Das Dritte Reich hat die Revolution tatsächlich zerschmettert; der Antisemitismus hat nicht aufgehört, eine Macht zu sein, und die Revolution hat es nicht wieder angefangen.

Dass die wirkliche Grenzlinie nicht zwischen den Nationen verlaufe, sondern zwischen den Klassen, war einmal vielleicht der fromme Traum einer antinationalen Linken, wahrscheinlich aber schon ein Versuch der Täuschung. Sowenig je eine Klasse da war, auf die sich positiv bezogen werden konnte, so wenig hockte hinter der Volksgemeinschaft ein Proletariat quasi verborgen, das es nur der Manipulation einer herrschenden Klasse zu entreissen galt. Die Befreiung des Proletariats hätte immer zur Mindestvoraussetzung, dass es den Arbeiter wie den Deutschen zerreisst.

Das Vorhaben des Nationalsozialismus, die Klassen in der Nation aufzuheben und damit die besonderen, getrennten Kategorien der Herrschaft zu einer einzigen zu vereinen, der bisherigen Geschichte die innere Spannung auszutreiben und sie in einen stabilen Zustand der Singularität zu katapultieren, ist der eminente deutsche Beitrag zur Geschichte. Daraus ergibt sich mit Notwendigkeit, dass kommunistische Kritik antideutsch sein muss und als ihren Erzfeind alle Bewegungen und Mächte erkennt und erklärt, an dem sie die Spur des Nationalsozialismus erkennt. Zuvörderst sind dies heute die europäischen Mächte und die jihadistische Bewegung.

Die unglaubliche Kälte, mit der die Linke dagegen den Opfern der Shoah gegenüberstand und heute den Israelis gegenübersteht, ist das genaue Mass, in dem sie längst zur Konterrevolution übergewechselt ist: würde sie zur Kenntnis nehmen, wie die revolutionäre Frage spätestens nach Auschwitz zu stellen ist, müsste sie ihr eigenes hergebrachtes Unwesen angreifen. Die Antideutschen sind nichts anderes als diejenigen ehemaligen Linken, die genau das getan haben. Ihnen gegenüber steht heute die ganze trostlose Gesellschaft, als eine einzige reaktionäre Masse.

Die Antideutschen haben nach 2000 den besseren Teil des revolutionären Denkens gerettet. Vielleicht erschöpft sich der Gebrauchswert dieser Strömung darin schon. Sie hat ihr bleibendes Verdienst: sie hat in diesem Teil der Welt den Horizont offengehalten für das Denken der kommenden Revolten. Keine Revolte wird bestehen können, die unter die Marke zurückfällt, die diese gezeichnet haben; so wie kein kritisches Denken wird bestehen können, das von der wirklichen Revolte getrennt ist.

Man muss das Öl dahin bringen, wo das Feuer ist. 1

Von Jörg Finkenberger

1 Ich danke Theodor Adorno, Walter Benjamin, Andre Breton, Jochen Bruhn, Guy Debord, Sigmund Freud, Richard Huelsenbeck, Hans-Jürgen Krahl, Karl Marx für die unverzichtbare Mitarbeit. Auf keinen einzigen Satz erhebe ich den Anspruch der Originalität. „Unsere Gedanken sind bereits in allen Köpfen, und eines Tages werden sie herauskommen“ (Debord).

Ein Trip im Blätterwald

Innovation und Vielfalt – das ist das Pfund, mit dem Würzburg wuchern kann. Gerade die facettenreiche Medienlandschaft Würzburgs zeugt von der Kreativität und Innovationsfreude unserer Mitbürger. Kein Bäcker, kein Café, kein Hauseingang, in dem nicht eine mannigfaltige Auswahl lesenswerter Gratis-Heftchen bereitläge.
Prisma-Magazin, zuckerkick, prima Sonntag, wob, Der Kessener, Würzburg spezial, TOP Magazin, Meeviertel Anzeiger, usw., usf.: Es gibt viele gute Gründe, einen Blick auf die Presseerzeugnisse unserer pulsierenden Mainfranken-Metropole zu werfen.
In der ersten Folge des Presseclubs interessiert uns besonders Prisma, Der Kessener, zuckerkick sowie der Meeviertel Anzeiger.

Beginnen wir die Umschau mit der Zeitschrift Prisma, die sich für „Heilung und Bewusstsein in Franken“ einsetzt. Im Editorial zur April/Mai-Ausgabe (18.500 Exemplare) schreibt Herausgeber André Hammon: „Es werden wohl noch Jahrzehnte vergehen, bis der Mensch seine wahre Sinnlichkeit entdeckt und einen natürlichen Umgang damit gefunden hat. Mit der neuen Prisma-Ausgabe können Sie schon mal einen Vorgeschmack bekommen, was uns erwartet und wie Lust und Sinnlichkeit zu einem seelenreichen und erfüllten Leben beitragen können“.

Diesem Versprechen, erscheint es zunächst auch etwas sehr ehrgeizig, wird tatsächlich schon auf der ersten Seite entsprochen: „Seid gegrüßt meine Freunde des Lichtes, OMAR TA SATT, ich BIN KRYON vom magnetischen Dienst“, begrüßt uns die Anzeige der Kryon-Schule. „Ich – KRYON, sowie auch einige andere Engelwesen des Universums haben uns dazu entschlossen, diese Schule zu gründen, um euch auf dem Weg des Erwachens zu lehren, zu leiten und zu führen“. Auch eine zweite Anzeige, die für die Internationalen Engeltage 2008 in Müchen wirbt, hilft uns, unsere wahre Sinnlichkeit zu entdecken.

Die Artikel sind ebenfalls sehr aufschlussreich: Die Redaktion hält „Die Rückkehr der Weißen Büffelfrau“ aufgrund von zuverlässigen indianischen Quellen für wahrscheinlich, und auch die hoffnungsvolle Partei „Die Violetten“ sei im Kommen („Würde jede/r bayerische Prisma-Leser/in eine Unterschrift leisten, […] dann würden 50.000 spirituell interessierte Menschen die Teilnahme der Violetten an den Landtagswahlen bestätigen“).
Es zieht sich ein sympathischer emanzipatorischer Grundton durch Prisma: Es sei, schreibt etwa Heide Marie Heimard, „an der Zeit, die sexuelle Energie aus der Verpanzerung in unseren Körpern zu befreien und zum Fließen zu bringen. Dann kann sie zum Segen der ganzen Menschheit ihre heilige Kraft entfalten und uns die Glückseligkeit schenken, zu der wir geboren sind“. In anderen Artikeln wird die Linkspartei, neben den Violetten, als neuer Hoffnungsträger gelobt, ebenso wird das Grundeinkommen befürwortet.
Das bayerische Reinheitsgebot für Bier von 1516 wird hingegen als bloßes „Keuschheitsgebot“ verteufelt, als „besänftigendes Gebräu, damit uns auch ordentlich die Lust auf Liebe vergeht!“.

Nicht weniger Freigeist als André Hammon ist Bernhard A.W. Kessener (M.A.), seines Zeichens Herausgeber von Der Kessener. 10.000 Exemplare wurden für März und April kostenlos verteilt, mit der Warnung: NOCH KOSTENLOS. Der Kessener will „Würzburg zur Marke“ machen und „Impulse für Gesellschaft, Politik, Hochschule, Ökonomie und Kultur“ geben.
Im Editorial der März/April-Ausgabe thematisiert B.A.W. Kessener (M.A.), ob nicht auch für unsere Stadt gelte, was Hegel damals bemerkte: Eine „Entzweiung zwischen der Poesie des Herzens und der Prosa der Verhältnisse“. Herr B.A.W.K. (M.A.) erläutert: „Es kann doch nicht angehen, dass Kunst, Geisteswissenschaft und auch die Geschichte ihrer Aufgabe beraubt werden, uns in dieser entzauberten Welt eine vorübergehende Befriedigung zu verschaffen“.

Der interessanten Einleitung sind zwei Fotos angefügt: Eines mit zwei Geistlichen darauf und eines mit Wowereit, der einen Kessener in der Hand hält. Der Text dazu: „Es gibt zwar Aussagen, dass Würzburg nur sich selbst genügt. Andererseits aber bringen Persönlichkeiten wie Erzbischof Zollitsch, Kardinal Lehmann und Berlins regierender Bürgermeister Wowereit ganz andere Horizonte in die fränkischen Gefilde. Die Öffentlichkeit wartet auf glaubwürdige Aussagen in allen Bereichen der Gesellschaft und alle Drei machten bei ihrem Auftreten Aussagen, die verkrustete Strukturen aufbrechen und in Frage stellen“.

Diesem Aufruf zur Revolte folgen dann viele Infos zu Kunst und Kultur in Würzburg (sympathischerweise ohne chronologische Ordnung) und ein Special für alle U2-Fans unter uns: Der Kessener verlost 3×2 Tickets für einen neuen 3D-Film in Dettelbach, der ein U2-Konzert in Südamerika zeigt!
Diese Wohltat für den Leser passt wunderbar in das Konzept der Zeitschrift, denn das Motto von B.A.W.K.M.A. lautet: „Gewinn und Wachstum müssen nicht immer Selbstzweck sein, sondern man könnte sie einbinden, als Folgen sinnvoller Dienstleistungen“.

Kommen wir von diesem ambitionierten Philosophen-Magazin zu einer echten Sternschnuppe am Kulturhimmel Würzburgs. Das Design vom zuckerkick 03/08 ist mal wieder so schön, dass man meinen könnte, der Inhalt müsse dagegen ja verblassen. In Wahrheit aber ist auch der Inhalt, etwa die Bildstrecke mit den Model-Geschwistern Anna und Ali in den Weinbergen, sehr gut gelungen: die Instore-Markenklamotten von only, ltb, diesel, mogul, itchi und freeman t. porter stehen den Beiden mindestens so gut wie die darunter gesetzten Liedzeilen von Dirk von Lowtzow: „imitationen von dir/ befinden sich in mir/ imitationen von dir/ verbünden sich mit mir/ wir sind so leicht, dass wir fliegen“.

Neben der Schönheit findet, wie in einem guten Tocotronic-Song, aber immer auch die Traurigkeit einen Platz im zuckerkick. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte über eine Würzburger Studentin, die ihr Studium mit Prostitution finanzieren muss und tragischerweise dem eigenen Vater im Hotelzimmer begegnet. Oder das bedrückende Märchen aus der spießigen Arbeitersiedlung Maierfilz in Niederbayern, in der alles „ordentlich, gleich und grau“ ist. Wo sich der ungeliebte Spast Hermann schließlich einen Tunnel bis Australien gräbt, um mit einem kanariengelben Autobus vor dem sozialistischen Patriarchen und Monopolisten Gustav Laubenthal zu fliehen. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ schleudert Hermann dem Planwirtschaftler entgegen, bevor er die Reise in die Freiheit antritt.

Bodenständiger geht es da im – ebenfalls kostenlosen – Meeviertel Anzeiger zu. „Wo sind die Kasernenkatzen geblieben?“, fragt etwa die Januar-Ausgabe auf ihrer Titelseite. Die packende Reportage geht der Frage nach, was mit den Katzen geschehen ist, die „sich nach der Räumung der US-Kasernen rund um Würzburg mit einem Mal in einer Betonwüste ausgesetzt sahen“. Das Blatt gibt Entwarnung: „Für die meisten von ihnen endete die schreckliche Erfahrung […] mit einem Happy End: Sie fanden 280 km entfernt, nahe der Schweizer Grenze, ein neues liebevolles Zuhause“.

Besonders spannend ist im Meeviertel Anzeiger stets auch die regelmäßige Kolumne „Neues aus dem Kindergarten St. Burkard“, in der sowohl die Erlebnisse der Frosch- und Käfergruppe nachempfunden werden können wie die Fortschritte der Vorschulkinder. Die „Aufregung um den Besuch des Nikolaus“ (Januar 08) war in dieser Rubrik ebenso Thema wie die „turbulente Faschingszeit“ oder das anstehende Osterfest (März 08). Die April-Ausgabe gibt bekannt, dass nach den nasskalten Tagen nun wieder Spaziergänge geplant seien und alle Kinder deshalb „auf laues sonniges Wetter“ hofften.
Die journalistischen Standards, die hier gesetzt werden, müssen auch von hervorragenden Magazinen wie zuckerkick, Der Kessener oder auch Prisma erst noch erfüllt werden.

Im nächsten Letzten Hype hoffe ich Sie wieder zum Presseclub begrüßen zu dürfen.
Freundlichst,
Ihr Sebastian Loschert.