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Szene verrecke

1.
Dass dieses Leben, das wir führen, keines ist, ist mittlerweile hinlänglich bewiesen. Und ebenso klar ist, dass die Mittel dafür vorhanden wären, die tägliche Degradation hinter sich zu lassen und etwas neues anzufangen, der niemals endenden Zumutung einen Angriff entgegenzusetzen, der überraschend sein könnte, weil er unberechenbar wäre.

Alles, dessen es bedürfte, wäre, die Lethargie abzuschütteln, die uns freilich in ihrem Würgegriff hält; jeder Widerstand gegen die unfassbare Stummheit des Zwanges realisiert sich unter diesen Verhältnissen in der Selbstzerstörung. Die erstaunliche Stabilität der gesellchaftlichen Herrschaft hat kein anderes Geheimnis: wer sich unfähig fühlt, sich ihr anzupassen, ist damit noch lange nicht unerschrocken genug, ihr wirklich zu widerstehen.

Noch das Bewusstsein der Unerträglichkeit bewegt nicht, es lähmt. Und je klarer das Bewusstsein, desto gefährdeter das Überleben. Die Isolation der Einzelnen verdichtet sich, wo sie bewusst und schmerzhaft wird, zur völligen Einsamkeit. Und noch in unserer Mitte kann man sehr einsam sein.

2.
Natürlich müsste man nämlich Konsequenzen ziehen, und natürlich könnte man das auch. Wir hätten in der Tat nichts zu verlieren als unsere Ketten, aber wir hätten eine Welt zu gewinnen. Lieber aber ertragen wir unser so genanntes Leben, mit einer Attitude, die unseren Kollegen in den Fabriken gar nicht mehr so unähnlich ist: die erzwungene Bohemität unserer Existenz mit Stolz, statt mit Abscheu, zur Schau stellend, in den eigenen Beschränkungen uns mit Stolz einrichtend; wir klammern uns noch an die ödesten Tröstungen, mit dem sicheren Bewusstsein, dass, wer sich daran nicht mehr festhalten kann, abstürzen wird.

Nichts liegt den Verzweifelten ferner als die gemeinsame Aktion. Das letzte, weil unwiderlegliche Argument ist immer dies, dass alle anderen sicher nicht mitmachen würden. Man muss sie sich doch nur einmal anschauen! Und in der Tat. Aber die Isolation wird damit im selben Akt, in dem sie als zu zerbrechend erkannt wird, heilig gesprochen.

Dieses Produktionsverhältnis der Lethargie nenne ich die Szene. Diese Szene als Lebensweise ist als erstes abzuschaffen; der falsche Frieden, der ihr Betriebsklima ist, ist aufzukündigen. Sie ist nichts anderes als das Verhältnis, in dem Vereinsamte zueinander stehen, wenn sie sich in dem dürftigen Rest von Leben, das sie führen, bestätigen; sie ist, als unbedingt konterrevolutionärer Faktor, insofern eine staatsnotwendige Einrichtung mit unbestreitbarem pädagogischem Wert.

Nicht alle sind übrigens verloren, man kann auch aus der Szene heraus die Integration in die bürgerliche Geschäftswelt erlernen, denn sie ist selbst nach der Logik der Ware geordnet; eine blosse Filiale der Gesellschaft, mit ihrer eigenen Hierarchie und ihren eigenen Intrigen; sogar die Kunst, das Theater, jede falsche Münze ist hier noch in Kurs. Die Szene erweist sich so als in allen Punkten unter dem Niveau ihrer Zeit, nur nicht in dem einen, dass sie vollkommen ohne jedes Gedächtnis ist.

Es sagt viel, dass Punk heute unter der Rubrik Jugendkultur verwaltet werden kann, und dies offensichtlich nicht Lüge genug ist, als dass gegen eine solcher Erniedrigung handgreiflich vorgegangen würde.

3. Was hat die Welt uns noch zu bieten? Wenn dies kein Leben ist, das wir führen, was hindert uns, das unsere da zu suchen, wo man es nicht vermutet, und wo man nicht vorhersieht, dass wir es suchen? Das Proletariat hat in der Vergangenheit aus diesem Paradox seine Revolten gemacht. Wer garantiert, dass nicht hier ein Punkt liegt, von dem aus an diese Revolten anzuknüpfen wäre?

Worin, ich habe es nicht begriffen, besteht die besondere Notwendigkeit, zu lernen und zu arbeiten, damit man sich einen Plasmafernseher kaufen kann? Kompensiert die Erniedrigung, vom Fernsehprogramm für einen Idioten erklärt zu werden, die Erniedrigung, durch die Arbeit tatsächlich zum Idioten sich zu machen? Warum ein Studium auch noch bezahlen, wenn man dadurch im besten Falle zu einem Lehrer oder zu einem Anwalt wird? Die Knechtschaft der Lohnarbeit setzt uns in den Stand, uns nichts anderes als Waren zu kaufen: aber gibt es, was wir brauchen, auf dem Markt?

Nicht einmal plündern möchte ich diese Städte. Sie haben nichts, was zu irgend etwas nütze ist. Die Schaufenster locken mich nicht, ich habe nie etwas gekauft, das keine Unverschämtheit gewesen wäre. Das sind die Produkte dieser Menschheit: nutzloser Schrott. Das ist der Inhalt ihrer Arbeit. Wenn ich riskiere, dies alles zu verlieren: was riskiere ich?

Alles könnte möglich sein, jede Drohung hätte ihren Schrecken verloren.

4. Aber der Schrecken, den uns die Verhältnisse einjagen, bleibt uns, als ein Mal der Gewalt. In ihm macht sich auf verdrehte Weise die Wahrheit geltend, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen ist; Freiheit für die Einzelnen wäre nur möglich in einer befreiten Gesellschaft, denn die wirkliche falsche Gesellschaft duldet kein Leben neben sich.

Die abstrakte Stärke, nichts zu verlieren zu haben, erweist sich als wirkliche Schwäche, ja als Schatten der Katastrofe; diejenigen, die nicht einverstanden sind, sind gezeichnet.

Der Druck nimmt zu, und es sind zunächst die bewusstesten, die an ihm zerbrechen; die anderen können sich noch eine Weile die Illusion machen, dass es noch einen Weg zurück gäbe, und manche mögen ihn auch finden; um diese ist es uns nicht schade. Der Weg, den wir gehen, nicht weil wir ihn gewählt haben, sondern weil es an einem bestimmten Punkt keinen anderen gegeben hat, führt aber nur in eine Richtung, und von den vielen Möglichkeiten bleibt nur noch eine.

Was hat solche Gewalt über uns, und das zu nehmen, was uns doch möglich wäre? Wieso erscheint der Suizid als derartig konsequent? Wieso, in einem Satz, geht einer von uns eines Tages aus dem Haus und springt von einer Brücke?

Dieses entsetzliche Rätsel macht uns hilflos, weil es unsere wirkliche Hilflosigkeit auf den Punkt bringt: nichts unterscheidet uns nämlich von ihm, und sein Tod hat ein Urteil über unser Leben gesprochen, das wir nicht mehr widerlegen können. Ich wünschte, nur dies eine Mal, dass er Unrecht gehabt haben könnte: aber ich sehe es noch nicht.

Der Schluss, den er getroffen hat, macht mich ratlos; die Voraussetzungen aber kann ich nicht bestreiten. Ja, es lohnt sich nicht, dieses Leben zu führen. Und die Mittel, es zu ändern, liegen nicht in unserer Hand. Die Konsequenz daraus macht mich irre, weil ich sie nicht will. Aber sie ist gezogen. So weit ist es gekommen.

5. Ausgerechnet dieser eine wird nicht mehr bei uns sein. Der bürgerliche Zynismus hat den Satz erfunden, dass das Leben weitergeht: aber was für ein Leben? Dass alles weitergeht, das ist die Katastrofe.

Nichts ist mehr unschuldig. Alles harmlose ist verächtlich. Oberflächliches Gelaber. Unerträgliche Scheisse. Die bisherige Szene ist unmöglich geworden, von einem Tag auf den anderen.

Aber wir betreiben sie immer noch, wie wenn nichts gewesen wäre. Und in der Tat: war denn etwas? Das Weiterbestehen der Dinge sagt: es ist nichts gewesen. Wenn wir, und sei es nur dies eine Mal, etwas dagegen geltend machen wollen, dann, und sei es nur aus einem Rest von Selbstrespekt: zerbrecht eure Gefängnisse, es ist höchste Zeit, nein, es ist schon darüber hinaus.

Es ist Zeit, dass Konsequenzen gezogen werden, andere, als er sie gezogen hat, aber Konsequenzen. Es ist Zeit, dass wir uns unsere Leben zurückholen, und wenn wir dafür durch das Land unserer Selbsttäuschungen zurück wandern müssen. Es ist nötig, sich darüber klar zu werden, dass alles, womit wir es schaffen, zu ertragen, was nicht zu ertragen ist, uns nur stumm gemacht hat und wehrlos.

Die Macht, die die Gesellschaft nach allem über uns hat, besteht darin, dass die Einzelnen ihren Zwang an sich selbst vollstrecken. Und ihr Urteil über die Auflehnung ist, dass sie nicht sein soll. Nichts, was wir bisher getan haben, geht darüber hinaus.

Sich dem nicht beugen, was über uns verhängt ist, hiesse, auch von den teuersten Illusionen Abschied zu nehmen und wirklich unberechenbar zu werden. Nichts garantiert, dass unsere Unruhe das Vorzeichen kommender Unruhen wird; garantiert ist nur, was aus uns wird, wenn es weitergeht wie bisher.

Jörg Finkenberger

Die Inszenierung des Nichts- Polemik zur journalistischen Kritiklosigkeit der Main-Post-Medien

Jede Stadt bekommt die Zeitung, die sie verdient. Gerade über Würzburg schwebt der graue Schleier der Selbstzufriedenheit, dessen Kritiklosigkeit ganz Deutschland ergriffen hat und sich in der Main-Post-Presse voll entfalten kann. Kritische Standpunkte, die die WürzburgerInnen in ihrer Eitelkeit kränken könnten, werden unter den Teppich gekehrt und stattdessen heimattümelnde Selbstliebe praktiziert. Dieses Jahr musste der Beitrag zum Jahrestag der Reichspogromnacht leider schmaler Ausfallen: es stand ja schließlich die närrische Jahreszeit vor der Tür.
Die Main-Post hat längst entdeckt, dass ihre mainfränkischen Schäfchen viel lieber von ihrer flauschigen Heimat- endlich dürfen sie wieder Heimat sagen – lesen, als vom Elend derer, die sich aufgrund ihres gesellschaftlichen Status nicht zuhause fühlen dürfen. Man will ja die LeserInnen nicht überfordern. So liest man die Überschrift „Tracht gegen Globalisierung“ in einem Artikel über das Jubiläumsfest des Burschenvereins Sommerhausen. Die Heimat zählt also wieder als Identitätsstifter wider die fremden Mächte. Auch dem „Tag der Heimat“ der Vertriebenenverbände fügt sich in das Wohlfühlvergnügen ein. Der BdV-Bezirksvorsitzende Albert Krohn darf zu Wort kommen: „Das im Grundgesetz ursprünglich verankerte Wiedervereinigungsgebot zielte auf ganz Deutschland, und Deutschland endete bekanntlich nicht an der Oder-Neiße-Linie“. Mir ist nicht bekannt, dass die Main-Post jemals ein kritisches Wort über die Vertriebenenverbände verloren hat. Im Juli, inmitten der Diskussion um NSDAP-Zwangsrekrutierungen, bietet die Main-Post Herrn und Frau Musterfranke die Möglichkeit, 62 Jahre nach Kriegsende in der Zeitung ihre Seele rein zu waschen . Am peinlichsten jedoch war die diesjährige Berichterstattung zu den Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Reichspogromnacht: auf der Titelseite des Würzburger Teils vom 10.11. war der Main-Post das Anbrechen der fünften Jahreszeit anscheinend wichtiger. Würzburg Alaaf!
Will man die allgegenwärtige journalistische Kritiklosigkeit verstehen, die nicht nur Presseerzeugnisse der Main-Post-Gruppe, sondern auch die sonstigen Stadtmagazine aller Couleur, beherrscht, so muss man die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte betrachten. Man kann den JournalistInnen der Main-Post gar nicht vorwerfen, oder zumindest einem Großteil von ihnen nicht, dass die neue Freude am gesellschaftlichen Sein und der fehlende kritische Blick einer bewussten Intention entsprungen sind. Die bürgerliche „kritischen Öffentlichkeit“, und mit ihm der/die klassische links-liberale JournalistIn, ist nahezu ausgestorben und wurde durch einen gesellschaftlichen Zustand abgelöst, der mit der Kritik an den Zuständen nichts mehr anzufangen weiß. Das Unbehagen von damals geht in einem Fahnenmeer aus Freudentaumel über die deutschen Zustände unter, sei es durch Lokal-Patriotismus, sei es durch die bloße Beschreibung des Seienden.
Doch gerade in Würzburg prägt die Main-Post der öffentlichen Meinung ihren Stempel auf, nicht nur umgekehrt. Die Presse und die Lokalpolitik bedingen sich dabei gegenseitig. Die Allgegenwärtigkeit der Main-Post-Gruppe, die mit dem konservativen Volksblatt, der liberaleren Main-Post und dem Popmagazin neun7 alle ihre potentiellen LeserInnen bedient, bauscht marginale Meldungen zu kolossalen Themen auf und füllt so die provinzielle Leere mit vorsätzlichem Inhalt . So kann man sich bezüglich der penetranten Fokussierung auf die „Randale“ Betrunkener nach der Shuttle-Party fragen, wen jene Ausschweifungen mehr gestört haben: die Main-Post oder die AnwohnerInnen? Jedenfalls hat sich mittlerweile der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Würzburger CSU, Thomas Schmitt, das Verbot der Shuttle-Partys auf die Fahne geschrieben. Auch die Übernahme von Polizeimeldungen zeigt die völlige Unfähigkeit, die Zeitung mit Gehaltvollerem zu füllen. Die Überbesetzung der Polizeistationen in Würzburg führt dazu, dass mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Polizeiarbeit in Würzburg ist zumeist nichts anderes als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für gelangweilte PolizistInnen. Die OrdnungshüterInnen tragen durch ihre Presseberichte wiederum dazu bei, dass die Journalisten der Main-Post den Lokalteil füllen können. Menschen mit kleinbürgerlichem Bewusstsein wird so das Gefühl vermittelt, in einer gefährlichen Stadt zu leben: die Inszenierung des Nichts ist perfekt.
Auch um die Kundengruppe unter dreißig Jahren wird gebuhlt. Aus Boulevard Würzburg, einer Art Bild-Zeitung für Mainfranken, wurde die neun7, eine Zeitung für die Popkultur. Doch die Konzert-Reviews und Reportagen entkommen ihrer fortwährenden Selbstbestätigung nicht. Im Moment baut die Main-Post ein privates Internet-Portal mit Hilfe von StudentInnen der Sozialwissenschaften auf und schafft sich so ihren eigenen Nachwuchs: Wer ausreichend Credit-Points sammeln möchte, muss einen Artikel für die Main-Post im Internet veröffentlichen. Diese Verknüpfung von Privatunternehmen und offiziellem Uni-Betrieb bleibt fragwürdig, auch wenn sie in den nächsten Jahren zur Normalität werden wird. Einer der ersten Artikel, der auf jenem Online-Portal erschien, handelte vom 25sten Geburtstag des reaktionären Instituts für Schlesien-Forschung: anscheinend bleibt auch ein Portal wie dieses dem Abfeiern des Status Quo verpflichtet .
Jede Stadt bekommt die Zeitung, die sie verdient. Und der graue Schleier der Selbstzufriedenheit liegt über fast allem, was JournalistInnen in Würzburg zu Papier bringen. Es gilt, diesen falschen Frieden zu entlarven. Eine Publikation mit kritischem Anspruch kann daher kein „anderes“ Würzburg repräsentieren, sondern nur die Verneinung der Selbstgefälligkeit sein. Ein Text wie dieser kann nicht vorsichtig kritisieren und sich damit in den journalistischen Nihilismus einreihen, er muss polemisieren. „Gutmütige Enthusiasten dagegen, Deutschtümler von Blut und Freisinnige von Reflexion, suche unserer Geschichte der Freiheit […] in den teutonischen Urwäldern. […] Die Kritik jedoch […] ist die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Resignation zu gönnen. Man muss den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewusstsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert.“

Von Benjamin Böhm

Warum Punk noch nicht einmal tot ist- 30 Jahre 1977

Die Realität, die uns umgibt, ist in den wesentlichen Grundzügen um 1977 entstanden, wenn man unter Realität den konkreten Verlauf der Linien zwischen der konterrevolutionären Ordnung einerseits und den rapide kleiner werdenden Freiräumen dessen meint, was einmal eine Revolte war. Der Begriff konterrevolutionär hat in diesem Sinne eine sehr präzise Bedeutung, und die heutige Ordnung ist nichts anderes als die Antwort der Herrschaft auf eine konkrete Bedrohung, ein zur gesellschaftlichen Form gewordene permanenter Gegenangriff. Dass diese Ordnung noch erkennbar ist als der tägliche Terror, aus dem sie im Grunde besteht, ist die Voraussetzung dafür, dass sie abgeschafft werden kann.

1. 1968 war keine Angelegenheit der westberliner Studenten, und nur aus der zweifach bornierten Perspektive, der provinzielldeutschen und der sozialen der neuen Mittelklasse, kann es erscheinen, als sei es damals um die Notstandsgesetze oder um die Universitätsreform gegangen. Leider hat genau diese neue Mittelklasse der früheren Studenten die Geschichte geschrieben; sie bildet sich nämlich auch ein, sie gemacht zu haben. Im italienischen gibt es den Begriff vom „68 der Arbeiter“, und ein kurzer Blick auf die internationalen Gleichzeitigkeiten zeigt den französischen Mai 1968 als einen blossen Kulminationspunkt einer Angelegenheit, die von Argentinien bis Zaire im wesentlichen gleiche Züge trug, weil sie gegen ein Leben gerichtet war, das im wesentlichen überall gleich geführt wurde.

Unterschiedlich war allerdings von Land zu Land die spezifischen Formen der Niederlage, die spezifischen Verlaufsformen des Gegenangriffs. Die Staatsstreiche und die Massaker, die Deindustialisierung und die Verelendung, die Postmoderne und die New Economy haben der heutigen Gesellschaft ihre Züge aufgedrückt: sie scheinen ewig, aber sie sind nicht viel älter als ich. Ewig scheinen sie, weil mit der Revolte immer auch die Erinnerung daran ausgelöscht worden ist. Diese Gesellschaft hat kein Gedächtnis, sie lebt immer auf der Höhe der Katastrofe, und jede Panik ist in ihr ständig abrufbereit. Was namentlich vor 1977 war, ist schon völlig unvorstellbar geworden, hinter einer verspiegelten Wand verschwunden.

2. In dieser Welt hat der Irrtum eine gewisse Plausibilität, als habe Punk die Negation erfunden. Er hat sie nur geerbt, nachdem die wirkliche Revolte aus der Welt getrieben war. Punk ist in einem die nur illusorische Revolte, und im selben Platzhalter der wirklichen Revolte. Daraus erklärt sich seine zweideutige Stellung. Punk findet sich einer Welt gegenüber, die über alle Einwände schon hinweggegangen ist; Widerstand ist bereits zwecklos, mit den Zuständen ist nicht mehr zu rechten. Die Trennung des Menschen von seinem gesellschaftlichen Wesen ist eine Tatsache, über die kein ernsthafter Streit mehr möglich ist. Die vollendete Isolation ist ein fait accompli. Ein gemeinsames mit der Gesellschaft gibt es nicht mehr. An Punk erscheint noch einmal die wütende Negation der vorangegangenen Revolte, nur abstrakter und eben deshalb selbst zerstörerischer; im Stande ihrer völligen Aussichtslosigkeit. Gegenüber dem Punk erscheinen alle Klassen tatsächlich als eine einzige reaktionäre Masse; mit Wut fällt er ein Gesellschaft an, mit der sich bereits alle abgefunden haben, und genau deshalb verfällt er ihr zuletzt. Vom Punk nimmt die Neuerrichtung der Musikindustrie ihren Anfang, die bis heute in den verschiedenen Spielarten ihrer gleichermassen reduzierten Musikrichtungen eine zur verlängerten Infantilität verdammte Jugend in ihrem Bann hält.

3. Um 1968 hatte noch ein junges Proletariat tatsächlich mit einer genauso wütenden, nur massenhafteren Konsequenz die Grundlagen dieser Gesellschaftsordnung angegriffen, und zwar von innen her, aus den Fabriken, und nicht weil sie wollte, sondern weil sie musste. Die Fabrik, das war damals das Schicksal der überwiegenden Mehrzahl; erst später besass das Kapital die Vorsicht, die meisten und vor allem die unruhigsten gar nicht erst in die Fabriken zulassen, sondern ihnen woanders eine genauso stumpfsinnige Rolle zuzuweisen, wo sie nicht soviel Schaden anrichten konnten.

Die Revolte war so unberechenbar, wie sie den heutigen bemühten Historikern unerklärlich ist; sie wird deshalb am besten peinlich verschwiegen. Wie soll man auch erklären, dass damals Streiks geführt worden sind für keine oder nur für lächerlich unerfüllbare Forderungen, erbittert und lange, mit Strassenschlachten und Fabrikbesetzungen, offenbar aus keinem anderen Grund, als weil man die Arbeit genau sosehr hasste wie ihre erbärmliche nutzlosen Produkte, die man für ihren Lohn kaufen sollte? Dass Streiks ausgebrochen sind, unmittelbar nachdem die wohlüberlegten Forderungen einer Gewerkschaft vom Management bedingungslos angenommen worden waren: weil es viel zu klar war, dass kein Geld jemals ersetzen konnte, was die Arbeit einem wirklich nahm? Und dass jede Forderung sinnlos war, die nicht auf unerfüllbares zielte?

Es war keine einfache Niederlage; denjenigen, hinter denen sich die Fabriktore nach einem solchen Fest wieder schlossen, waren in der Tat nicht mehr zu helfen. In Italien, wo die Sache unter der Parole der Autonomie länger und heftiger gefochten wurde als anderswo, schieden sich die Elemente in der Bewegung von 1977. Sie ist der Beginn von allem, was wir kennen.

4. 1977 begann die Flucht aus den Fabriken. Es war kein Bleiben mehr in der Hölle, komme, was wolle. Das Kapital seinerseits bemühte sich nach Kräften, die gefürchtete rebellische Ware Arbeitskraft durch Automaten zu ersetzen: so entstanden die Grundlagen der New Economy wie der Massenarbeitslosigkeit. Die Revolte in den Fabriken war von der Gesellschaft getrennt gewesen, das war ihre Schwäche; in den besetzten Fabriken ist einmal tatsächlich anders gelebt worden, aber ausserhalb ging alles weiter seinen Gang. Die aus den Fabriken auszogen, wollten die Revolte in das alltägliche Leben tragen; und es war auch höchste Zeit dafür. Aber als sie gingen, verschwand die Revolte aus der Fabrik. Die 1977er Bewegung schuf ein Netzwerk kleiner Verlage und Zeitschriften; sie misstraute der Kommunikation der so genannten Öffentlichkeit und zog daraus den Schluss, Gegenkultur und Gegenöffentlichkeit müssten selbst organisiert werden. Sie wandte sich von der Politik ab, weil Politik auf einer Logik der Repräsentation beruht, die selbst nur wieder Herrschaft erzeugt. Die 1977er Bewegung war die erste offiziell antipolitische Massenbewegung der Geschichte. Sie betrieb ihre Sache zum ersten Mal nur im eigenen Namen und auf ihren eigenen Titel hin. Die Negation dieser Gesellschaft erscheint nicht mehr an einer bestimmten Klasse der Gesellschaft. Sie erscheint an einem bestimmten Sektor der Gesellschaft, und die Logik der Repräsentation hat auch die Gegenkultur eingeholt: sie ist nur die Darstellung einer Bewegung der Aufhebung, klar und deutlich getrennt und in sicherer Entfernung von den tragenden Pfeilern. Es ist seither wenig anders geworden.

5. Punk, in der 1977er Konstellation entstanden und mit allen ihren Widersprüchen geschlagen, hat nicht fertig bringen können, was nicht zu machen ist: dem Verdrängten eine Stimme zugeben, eine universale Sprache der Negation. Die Zersplitterung, die vordringlichste Leistung der Konterrevoltion, setzt sich in Punk und durch Punk fort: die Trennung der Revolte von der Gesellschaft und ihre Abspaltung in eine Subkultur setzt sich fort in die Trennungen voneinander fremd gegenüber stehenden Subkulturen, die zu Identitäten erstarren. Die Logik der Abspaltung erzeugt verarmte Stile von verräterischer Eindeutigkeit, klar abgegrenzte Subkulturen, denen schon anzusehen ist, dass sie Marktsegmente sein werden und sonst nichts: ideales Futter für eine Musikindustrie, die ihrer Kundschaft ohnehin nichts anderes verkaufen kann als leere Identität. Punk hat vielleicht nur für einen Moment gelebt, vielleicht auch gar nicht. In der geglätterten Geschichte der glitzernden Ödnis namens Kunst erscheint er als unerklärliche Episode, als Einbruch von etwas völlig Anderem in diese schöne Welt; wie entlarvend, immer noch! Er verweist auf etwas, das nicht gewesen sein soll. Die Revolte ist aus den Geschichtsbüchern gestrichen: sie ist schon nicht einmal gewesen.

Aber ihre Trümmer stehen noch, wir wohnen darin; und schon die Erinnerung kann in dieser Welt ohne Gedächtnis eine Bedrohung sein. Denn das versteinerte weiss, dass es wieder flüssig werden kann. Nur noch in diesem Sinne kann Punk wieder eine Bedrohung werden.

von Jörg Finkenberger

Unterfrankens hässlichste Orte (#3): Sonderhofen

Einwohner: 846
Bürgermeister: Ludwig Zendter
Sehenswürdigkeiten: !der letzte Baum, der neue Dorfplatz, das Rübendenkmal
Beiname: „Heimat der unterfränkischen Zuckerfee 1961“

Lage:
Die Gemeinde Sonderhofen liegt im südlichen Landkreis Würzburg, in einem versteckten Winkel des Ochsenfurter Gaus. Bis zum Jahre 1945 war die Ortschaft auf keiner Karte verzeichnet und fand nur in der alten fränkischen Sage „der Bauer Zehnder vertreibt die Hühnerdiebe“ Erwähnung. Durch die landwirtschaftliche Erschließung der Gegend wohnen mehr Schweine als Menschen in Sonderhofen.
Land und Leute:
Da die Sonderhöfer selten ihre Siedlung verlassen, da sie Angst vor einem „Reiter ohne Kopf“ haben, der angeblich Menschen mit Haut und Haar verschlingt, sind diese von misstrauischer Natur. Fremde, besonders „Städter“, werden kritisch beäugt und zumeist mit Fackeln aus dem Dorf getrieben. Nimmt man jedoch an einem ihrer Dorffeste, die Jugend nennt sie „Beatabende“, teil, kann man durch den massenhaften Konsum von Bier ihren Respekt erwerben.
Sehenswürdigkeiten:
im Jahre 2005 wurde der neue Dorfplatz mit einem Brünnlein fertig gestellt. Der Bürgermeister selbst kümmert sich um die Pflege des Platzes, weil er ansonsten absolut nichts zutun hat. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist das „Rübendenkmal“. Da die meisten Landwirte von der Zuckerrübenproduktion leben, wurde ihnen zu Ehren ein Denkmal errichtet. Die Fünf Meter hohe Rübe aus Granit bedroht „den Reiter ohne Kopf“ mit einer Mistgabel. Gefertigt wurde das Denkmal von Albert Zehnter.
Anreise:
Bis heute führt keine befestigte Straße nach Sonderhofenund der Weg ist gefahrenvoll, da Wegelagerer sehr oft Reisende entführen und zur Arbeit auf den Feldern zwingen. Die sicherste Reise nach Sonderhofen findet in der Begleitung der Postkutsche statt, die jeden ersten Mittwoch im Monat nach Sonderhofen fährt.
Bloß nicht:
Die Fäuste fliegen schnell in Sonderhofen, vor allem auf „Beatabenden“!. Seien sie vor allem vor Menschen mit sehr kurzen Haaren auf der Hut!

Rainer Bakonyis Lieblingsrezepte

heute:Tortillas in feuriger Schokosoße.
Kein Witz. Und ist überhaupt nicht süß.

Für die Sauce:
In einem Topf Butterschmalz – oder eben Bratmargarine– erhitzen und eine fein gewürfelte Zwiebel anbraten.
Nun 5-6 in sehr feine Streifen geschnittene rote und grüne Chilischoten dazu geben, mit zwei kleinen Dosen Pizzatomaten ablöschen. Mit Salz, Pfeffer, 1 Eßlöffel Paprika, ½ Teelöffel Kreuzkümmel, einer Prise Koriander, 1 Eßlöffel Oregano und etwas zerstoßener Nelke würzen. 2 Eßlöffel Kakao Pulver einrühren und mit 200ml Wasser auffüllen. Nun noch 6-8 gepreßte Zehen Knoblauch dazu geben und etwa eine halbe Stunde köcheln lassen. Darf nicht zusehr eindicken, evtl. etwas Wasser zugeben. Ohne Handwerker in der Küche ist das ein
recht einfaches und ziemlich schmackhaftes Menü.
„Mahlzeit“
sagt Rainer Bakonyi

Berichtigung

Im Artikel „RAF – Eine Unterrichtung!“ in der vierten Ausgabe des Hypes ist mir ein Fehler bei der Recherche unterlaufen und zwar befand sich auf der Landshut weder eine israelische Staatsbürgerin, noch eine Jüdin. Folgende Darstellung entspricht der historischen Tatsache: Beim Durchsuchen des Gepäcks einer Passagierin entdecken die Terroristen einen Montblanc-Kugelschreiber mit einem weißen Stern auf der Kappe, dem Logo des Herstellers. Ein Terrorist unterstellte ihr darauf jüdisch zu sein und drohte aufgrund dessen sie zu erschießen.

Christian Stett

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Der vierte Hype

Als Extra, wie in der Printausgabe zu lesen: „Der Bundestrojaner – Die Abwehr“ hier auf unserer Homepage