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Ordnung, Disziplin und Lagerfeuerromantik

Aufgrund von drastischen Kürzungen in der kommenden Print-Ausgabe (14b/15) werden wir einige (auch längere) Artikel lediglich online veröffentlichen. Es folgt ein Gastbeitrag.

Ordnung, Disziplin und Lagerfeuerromantik
Katholische BootCamps in Unterfranken

Als vor einiger Zeit die Medienöffentlichkeit auf die neofaschistische Jugendorganisation
Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) aufmerksam wurde, war das entsetzte Erstaunen groß. Berichte über Sommerlager im Stil der HJ und die neofaschistische Indoktrinierung von Kindern machten genauso die Runde wie Bilder von uniformierten Kindern, Fackelzügen und „Führerbunker“-Zelten. Nach anhaltender Berichterstattung ist die HDJ mittlerweile verboten. Keineswegs unbemerkt von der Provinzöffentlichkeit, vielmehr mit deren Wohlwollen aufgenommen fühlen sich hingegen seit Jahrzehnten Jugendlager in Unterfranken, die zwar aus einer gänzlich anderen ideologischen Spielrichtung des Bürgertums kommen, nämlich dem Katholizismus, deren gesellschaftliche Funktion aber die gleiche ist: Brutale Disziplinierung und Einbindung von Kindern in sexistische und rassistische Kategorien. Die Rede ist von Zeltlagern, die jahrjährlich von Jugendorganisationen des Katholizismus, namentlich vor allem den Ministranten, abgehalten werden. Dort erfahren Kinder ab dem Grundschulalter, abgeschieden von jeglicher Rest- Zivilistation, bei Lagerfeuerromantik Disziplin, Ordnung und Drill. Im folgenden soll ein Aussteigerbericht dokumentiert werden, der die Geschehnisse in diesen Lagern treffend schildert:

>> Die Teilnehmer eines Ministranten-Zeltlagers sind in der Regel zwischen 8 und 20, in Ausnahmefällen bis 25 Jahre alt. Sie organisieren die Lager selbst, theologische sowie organisatorische Hilfe bekommen sie dabei von der Pfarrgemeinde als auch dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Die Lager finden oftmals in den Pfingstferien, einer Jahreszeit, die von sehr unsteter, nass-kalter Witterung geprägt ist, auf Wiesen oder Waldlichtungen fernab jeder Rest-Zivilisation statt. Diese Abgeschiedenheit ist bereits Teil des reaktionären Programms. Im Zeichen der Lagerfeuerromantik wird so ein naturwüchsiges, anti-modernes Leben idealisiert.
Errungenschaften der Unterhaltungselektronik sind während des Lagers genauso verboten, wie Kommunikation zur Außenwelt und Duschen. Vielmehr wird sich bei militaristischen Spielen „amüsiert“: Inszenierte und gewünschte Schlägereien, bei welchen die Konstruktion maskuliner Stärke nur einen ihrer vielen Ausdrücke auf solchen Lagern findet, gehören genauso zum
Programm, wie Tagesmärsche und der sog. nächtliche Überfall. Dabei versuchen befreundete Jugendorganisationen die Zelte des Lagers einzuwerfen und die zuvor im Stile einer militaristischen Zeremonie gehisste Lager-Fahne zu stehlen. Verhindert werden soll das durch die Aufstellung von Kindersoldaten, die verängstigt in stockfinsterer Nacht Wache halten müssen, und dem kämpferischen Eingreifen älterer Lagerteilnehmer, deren heldenhafter Einsatz ihnen Ehre und Ansehen in der Lagergemeinschaft einbringt. Dabei wird den Kindern spielerisch die Idealisierung eines kriegsähnlichen Zustandes und militärischer Riten nahe gebracht. Zur Lagerfeuerromantik des Lagerlebens gehören selbstredend auch gemeinsame Liederabende am Lagerfeuer. Aus einem vorgegebenen Repertoire an Liedern wünschen sich die Lagerteilnehmer ihre Lieblingsstücke. Die Wahl fällt dabei oftmals auf sexistische und/oder rassistische Lieder, die auch gerne mehrmals am
Abend gesungen werden. So wird in einem beliebtem Lied die Vergewaltigung eines Mädchens/jungen Frau am Donauufer glorifiziert. Ein anderes handelt von angeblichen „Negeraufständen in Kuba“, bei welchem die „Neger“ als brutale, Weiße massakrierende Kannibalen dargestellt werden. Die Lieder werden so oft gesungen und ihre Melodien sind so eingängig, dass ich sie selbst heute nach Jahren noch auswendig singen könnte. Kinder im Grundschulalter werden so unterbewusst mit rassistischen und sexistischen Kategorien vertraut gemacht, Ältere können dabei ungestört ihren Ressentiment freien Lauf lassen.
Eine weitere Form der Disziplinierung von Kindern und Jugendlichen bei Ministranten Zeltlagern sind Abhärtungsrituale. Die schon erwähnten Dauermärsche, die fester Bestandteil der Lagerwoche sind, finden bei jedem Wetter statt. So marschieren die Kinder, unabhängig ihrer körperlichen Verfassung und Vermögens, sowohl bei frühsommerlicher Hitze als auch bei klirrender Kälte, Regen und Hagel von Morgens bis Spätabends über Feldwege. Eine Freistellung wird nur in Ausnahmefällen gegeben. Eine andere Form der körperlichen Abhärtung stellt der allmorgendliche Morgensport- und Waschritus dar. Direkt nach dem Weckruf, der gegen 7:30 Uhr erfolgt, gilt es sich zum Morgensport aufzustellen. Die Teilnahme daran ist verpflichtend. Danach gehen die weiblichen Lagerteilnehmer in ein Waschzelt, während der männliche Teil sich unter freiem Himmel bei kältesten Temperaturen oberkörperfrei mit eisigem Wasser waschen müssen. Wer diesem Ritual nicht nachkommt muss mit Disziplinierungsmaßnahmen rechnen, die bis zur brutalen Zwangswäsche gegen den Willen des Einzelnen führen. Keine Beachtung finden natürliches Schamgefühl vor der öffentlichen Entblößung oder Angst, sondern werden als Schwäche und
fehlende männliche Härte diskreditiert. Kernstück der Disziplinierungs- und Konditionierungsfunktion der katholischen BootCamps ist eine ausdifferenzierte Hierarchie, die sich sowohl in zwischenmenschlichen Beziehungen per se gleichgestellter Mitglieder vor allem in Formen des Mobbings zeigt, als auch in der Ausübung offizieller Ämter. Mobbing, ein gesamtgesellschaftliches Problem, tritt bei den abgeschotteten Lagern der katholischen Jugendorganisation in besonderer Härte auf, weil, analog zu Geschehnissen in Kasernen, die Opfer hier zum einen keine Chance haben ihren Peinigern aus dem
Weg zu gehen, zum anderen sich das Mobbing mit den Erlebnissen der offiziellen Hierarchie verzahnt. Diese definiert sich in erster Linie durch Alter und Ansehen. Das Lager wird durch eine sog. Gruppenleiterrunde geleitet, der ein oder zwei Oberministranten vorstehen. Sowohl bei den Gruppenleitern als auch den Oberministranten handelt es sich um ältere und angesehene Ministranten. Deren Ernennung erfolgt intern durch Cliquenbeziehungen und ohne jede demokratische Legitimierung. Dazu kommen noch hierarchische Ämter während des Lagers wie den sog. Zeltleitern oder Leitern bei den Tagesmärschen, die sich allerdings mit den Gruppenleitern überschneiden können. Unter dieser kleinen Zahl an Führungspersonal steht die Masse der jungen Teilnehmern. Die skizzierte Hierarchie funktioniert als System absolutem Befehl und Gehorsams. Den Anweisungen der Gruppenleitern ist Folge zu leisten. Darüber hinaus gibt es appellähnliche Aufstellungen, sowohl zu festgelegten Uhrzeiten als auch bei dem Trillerpfeifenton der Lagerleitung.

Am deutlichsten und brutalsten tritt die Disziplinierung der jungen Lagerteilnehmer durch Hierarchie jedoch beim bereits erwähnten Waschritus als auch beim gemeinsamen Essen auf. Während des Essens darf der Tisch nicht verlassen werden. Kindern, die ihren Harndrang (noch) nicht entsprechend kontrollieren können, werden so brutal zu absoluter Disziplin erzogen. Ebenso ist es Pflicht seinen Teller leer zu essen. Keine Rücksicht genommen wird auf Sättigung oder
Ekelgefühlen. Weigerung wird nicht akzeptiert, und zieht nur größere Aufmerksamkeit auf sich. Letztendlich muss der Teller leer gegessen werden, was bis zum Brechreiz durchgesetzt wird. Beide Regelungen erfolgen offen und ausdrücklich mit dem Bestreben die Kinder zu Ordnung und Disziplin zu erziehen. Dabei spielen Ältere und höhergestellte Ministranten offen sadistisch ihre Macht aus. < <

Die hier dargestellten Geschehnisse müssen als Spiegel der gesellschaftlichen Realität begriffen werden. Diese steht dem Individuum als feindliches Umfeld gegenüber, das soziale Disziplinierung, Ausrichtung und Einpferchung vielleicht noch subtiler täglich erfahrbar macht.
Gehorsam, Disziplin und Ordnung, sind aber nicht nur deutscheste Tugenden, sie sind die absolute soziale Notwendigkeit einer totalitären Vergesellschaftung durch Arbeit. Eine Gesellschaft, die einerseits so umfassend auf das Individuum zugreift, ihm Härten abverlangt, in Kollektive presst und deren Glücksversprechen andererseits ein ums andere mal als himmelschreiende Farce erscheint, ist notwendigerweise auf innere Disziplinierung seiner Objekte angewiesen. Seit Kaiserszeiten übt das Militär als „Schule der Nation“ diese Funktion passend aus, mit Brandts Regierungserklärung «69 kommen folgerichtig auch die Bildungsanstalten als geeignete Institution zur Disziplinierung hinzu. Der dokumentierte Aussteigerbericht stellt die katholischen Jugendlager ebenfalls in diese Kategorie. Sie erscheinen als BootCamps, als Institutionen psychischer und physischer Disziplinierungsgewalt. Als Inbegriff Roland Kochs feuchtester Träume. Die soziale Funktion der Disziplinierung ist die Vorbereitung auf ein Leben als Objekt einer totalen Gesellschaft. Gemeinsam mit der Schule ist diesen Camps, dass hier auf jüngste Mitglieder der Gesellschaft zugegriffen wird. Durch Angst, Druck und Befehl und Gehorsam werden sie autoritär
sozialisiert. Das Produkt dieser Erziehung zum Gehorsam ist ein rassistischer, sexistischer, obrigkeitshöriger autoritärer Charakter. Ein Untertan im Mannschen Sinne, der nach Unten tritt und nach Oben buckelt, der sich in agressiven Kollektiven wohl fühlt, der die Obrigkeit nur kritisiert, wenn er das Kollektiv gefährdet sieht. Der bereitwillig und aufopfernd seinen Teil zum Wohl des Kollektivs beiträgt. In anderen Worten, und dem Schrecken der gegenwärtigen Tage geschuldet,
kšnnte man ihn auch einen ‚Schland‘-Fan nennen. Die katholischen BootCamps in Unterfrankens Wäldern und Auen sind also nicht nur Spiegel des barbarischen Zustandes der Gesellschaft sondern auch Vorbereitung auf die Hörten, die diese
Gesellschaft vom Individuum abverlangt. In ihrer sozialen Funktion der Disziplinierung des Einzelnen vereinen sie notwendigerweise beides, nach dem Motto:
„Disziplin und Gehorsam wirst du überall finden, mein Kind. Es ist also wirklich nicht schlecht sie in jungen Jahren zu erfahren.“ (1)

A to the Teo

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(1) Karl v. Medina

Vorabveröffentlichung: Intro #15

(da der Hype #15 noch ein bisschen auf sich wartet lässt- ob er in ein paar Tagen oder in in paar Jahren herauskommt wissen nur die Götter- könnt ihr hier ein kleines Schmankerl lesen: das Intro der neuen Ausgabe)

Intro 15

Vor drei Jahren saßen ein paar Leute in einer Kneipe und tranken Bier. Im AKW! standen die Zeichen gerade mal nicht auf Insolvenz, sondern eher auf Neuanfang. Die Idee kam auf, das AKW-Infoheft wieder ins Leben zu rufen. Irgendwie hat das dann doch nicht funktioniert. Aus Gründen, an die wir uns nicht mehr erinnern können, starteten wir dennoch ein Zeitschriftenprojekt. Unter anderem mit dem Anspruch, so steht es jedenfalls im Intro, „ausgewählte Aspekte dessen, was zwischen Hardcore und Indie sich tut“ zu liefert. Naja.
Nach drei Jahren lassen wir nun ganz unsere LeserInnen sprechen und auf die Redaktionsarbeit zurück blicken. Viel Vergnügen mit der Ausgabe #15…

„Ich finde dieses komische Linke Kampfblatt schlicht bescheuert und pseudointelektuell… das is genau das richtig für diese „Ich bin gegen alles und Jeden weils alles Faschisten sind, aber Mama zahlt mein Studium“ Studenten“
El Camel im Szene-forum

„ Ich kenn sowohl die Zeitschrift als auch ein/zwei ihrer Macher. Die Artikel wollen einfach mit aller Gewalt provozieren – ansich nichts schlimmes, aber wenn man weiß wer dahinter hockt (Leute die keinen Deut besser sind als das worüber sie schimpfen) verliert die Sache schnell ihren Glanz.“
Szene-Forum

„Wuerzburger Kunst & Lebezeitschrift“
Der Keil

„Weißt, immer dieselbe Scheiße. Andere machen was und werden von denen, die nichts machen, auch noch beschimpft aus einer zynisch distanzierten pseudo-intellektuellen Haltung heraus.“
Kommetar auf wuerzburg-brennt.de

„ich kenne auch einen redakteur – dieser lebt seine meinung und publiziert sie
jedem das seine würde ich sagen. aber so „underground“ zeitungen sind doch lustig und eine wahre alternative zu boulevard würzburg, fritz oder sonstigem schund“
Szene Forum

„Ich habe den Letzten Hieb an der Araltankstelle in der Zellerau das erste Mal am Stehtisch in den Händen gehalten. Dort kann man gut Bier trinken. Wenn es Jörg Finkenberger schafft, in einem Satz weniger als zwei Kommas zu verwenden, spendier ich ein Bier.“
Danny, Falcon Five

„Wir lieben kritische Geister, am liebsten, wenn sie sich beteiligen. neun7 ist eine offene Redaktion.“
Ivo Knahn

„Schaut mal, der Letzte Hype versucht schon wieder in seiner ekelhaften, arroganten Art zu provozieren.“
Kommentar auf wuerzburg-brennt.de

„Interessieren täte mich nur mit was dieser Homepage-Verfasser sein Geld verdient. Wenn es die Dummheit ist, dann ist er Multi-Millionär.“
Kurt Müller auf dem Hypeblog

„Ihr Verfasser seid Deutschlands armseligste Menschen.Ihr könnt Gott (falls ihr wisst was dass ist) danken, dass ihr in Deutschland leben dürft.“
Kurt Müller auf dem Hypeblog

„Ey cheff wenn ich du wär würd ich die seite löschen!“
Tja auf dem Hypeblog

„geschrieben von ein paar Provinzzweitsemestern“
Fernando auf dem Hypeblog

„Ein nobler Ansatz, jedoch sollte ein bisschen mehr Rücksicht auf Orthographie genommen werden. Vielleicht mal einen ausgebildeten Lektor einstellen.“
Labse, Falcon Five

Designer töten!

Ahhhhhhhhhhhhhhhhhh! Dieses neue Design! Das kann doch nur ein Praktikant verbrechen! Mach das weg oder du bist gefeuert!

Hören und Schmecken

Hören und Schmecken
Die Seite für moderne Kultur

Heute: Die In- und Retrospektive Kochkolumne

Ja. Aua! Der Herr Redakteur hat einen Kater. Halt wirklich; ja, und er hat einen lichten Moment – zumindest kurz gehabt. Weil: Gestern Nacht ist er dem ehrwürdigen Vater, Kardinal Ratz- äh seiner Merkwürden, Johannespaul Zwo über den Weg gelaufen. Der hatte seinen rubinroten Ring verloren gehabt und forderte das dumme Ding im (sehr) kurzen Stewardessenkleidchen auf, sich an der Suche zu beteiligen. „Bück dich…“ „Aber ihro Durchlaucht“ hob ich an. „Hier geht doch alles durcheinander“. Nun, da stand ich also zwischen den Herren Damen und den strammen Marinefrolleins im mindestens vier Konfektionsgrößen zu klein ausgefallenen Militärstewardessenfummel mitten im Tuntenball, ein Servierblech mit Pizza in der Hand. Die geschätzten beiden Kollegen an meiner Seite hatte es nicht besser getroffen.

Warum bloß bin ich nicht in der geliebten Redaktionsstube unten im Keller vom unvollendeten Hotelturm geblieben??? Faul auf meinen günstig erworbenen Drehstuhl gefläzt und dem guten Finkenberger zugeschaut wie er laut kichernd dümmliche Leserkommentare zu seinen eigenen Artikeln verfasst, um sie sodann mit wichtiger Miene zu beantworten. Warum? Zum Teuf…

Doch als ich so gedankenverloren an meiner Pizzaundchilliverkaufsstation stand, trat der Heilige Vater auf mich zu – und ich hatte jenen vorhin erwähnten hellen Moment. Der bayerische Papst hat das im Trubel natürlich gar nicht mitbekommen, der wollte sich lediglich hinter mir vorbei zwängen, um in die ausschließlich dem Personal vorbehaltenen Gemächer zu eilen. „Es ist ja alles gar nicht wahr, bloß eine Geschichte, ganz und gar fiktiv.“ Dies in etwa war der Kerngehalt des letzten klaren Gedankens bevor ich dann doch auf das schon seit längerem bestehende Angebot des Herren Kollegen zurück kam und die mir dargebotene Flasche Augustinerbräu in einem tiefen Zug in mich hinein leerte.

Mit schmerzendem Kopf und großem Durst überquere ich am Berliner Ring die Nürnberger Straße; die Aktentasche in der Hand strebe ich dem Kellerloch, also dem Büro der Kultur- und Politikredaktionen (aus Einsparungsgründen in einem noch unausgebauten Kellerraum untergebracht) entgegen, wo ich statt eines Konterbieres einen gut gelagerten schottischen Whiskey als Antikatermedikament zu mir zu nehmen gedenke. Ja, der Hotelturm und seine Schätze! Seit der Chef in einem Geniestreich den Turm für einen Euro gekauft hat, sitzt er in einem provisorisch eingerichteten, dafür aber riesigen Büroraum mit Panoramablick auf Residenz, Dom, Festung und Käppele und zählt die unten durchfahrenden Güterzüge. Die Evi Schmitt kocht ihm immer Kaffee, damit ihre besserwisserischen Kommentare auch stets ungeändert abgedruckt werden und der Heumann bringt die Semmeln und erklärt geduldig die neuesten Finessen des Redaktionshauptrechners. Blöderweise hat es im ganzen Turm keinen einzigen Aufzug, sondern lediglich die Bautreppe und so macht es dem Chef noch mehr Spaß, mich wegen eines ihm von der Tendenz her missliebigen Artikels persönlich hoch zu zitieren. Ansonsten haben der Finkenberger und ich aber unsere Ruhe und es ist schön behaglich warm hier unten – die richtige Trinktemperatur für meinen Whiskey!

„Drei mal den Burger, zweimal mit Pommes und dann noch mal Fritten, aber bloß rot und, ja, auf den Soloburger dürfen keine Zwiebel.“ „Kommen doch sowieso keine drauf. Hey, bleib da, die Schnitzel sind gleich fertig – hau doch den Salat schon mal raus!“ Die Bestellleiste ist voller Bons, der Spülberg wächst ins Unermessliche, in zehn Minuten beginnt der Tatort und ich stehe dort, wo ich im echten Leben fast immer und ganz sicher jeden zweiten Sonntag stehe: Am Herd. Mein Kater wird nicht besser, an ein Bier oder gar einen Whisky (schottisch, irisch oder aus den USA; steht alles friedlich beisammen am Tresen) ist nicht zu denken; morgen ist Montag, montags haben beide Läden, in denen ich an Herd und Ofen werkele, für gewöhnlich geschlossen, doch am morgigen Rosenmontag ist hier Eurodance und „Ja, die Küche ist regulär geöffnet.“

Es gibt gar keine Redaktion, keinen Heumann, keine Evi, keinen Finkenberger – und eine Zeitung, die mich als leitenden Kulturredaktör arbeiten ließe, wäre in der Welt, die wir als einzig wahre kennen, der fröhlichen Warenwelt nämlich, längst bankerotte und noch toter als die Frankfurter Rundschau und das Mitgliederheft der SPD zusammen. Das Heft, das beinahe auf den wunderschönen Namen ANTIFAINFOMAG getauft worden wäre, lediglich eine Ausgabe unter der stolzen Aufschrift „Letzter Hieb“ erlebte und nun als „HYPE“ sein Unwesen treibt, ist schiere Illusion. Wozu auch sollte es existieren? Das akw!-info (das gab es mal vor Jahrzehnten, da war ich mal tatsächlich Redakteur) hat immerhin Werbung für das AKW gemacht, ganz wie sich das gehört. Da Politik eine Sparte im vielfältigen Angebot dieses Lokals darstellte, wurde ein gehöriger Teil des Heftes mit politisiertem Zeug vollgepackt und die Kochkolumne machte Werbung für den Vegetarismus und damit für die vegetarische Küche des AKW. Meine Arbeit an den Texten wurde mit dem gleichen schlechten Lohn wie jede andere Arbeit bezahlt und diente – als Werbung – dem „Erhalt des Standorts“. Gäbe es den HYPE, er wäre völlig widersinnig: Die Politisiererei nähme sich selber ernst und denunzierte dabei doch stets das Elend des Politikantentums; die Kritik träte im Gewand des Kritisierten1 auf und bemerkte es noch nicht einmal. Der Versuch, die zerrissenen Teile des Ganzen welche etwa unter „Kultur“, „Kunst“, „Politik“, „Wissenschaft“ und „Ökonomie“ rubriziert sind in der Kritik wieder zu einen, fände ausgerechnet in der albernen Gestalt einer Kochkolumne statt.

Der Tatort läuft, die Gäste sind versorgt, ich trage mal den Geschirrberg ab und wische Herd und Arbeitsflächen. Der gute Kollege vom Service kommt auf ein Schwätzchen kurz in die Küche, doch entschwindet er bald wieder; ich summe ein Liedchen aus der Hand des guten Franz Schubert.

Auf dem Wasser zu singen2
Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen
Gleitet wie Schwäne der wankende Kahn;
Ach, auf der Freude sanftschimmernden Wellen
Gleitet die Seele dahin wie der Kahn;
Denn von dem Himmel herab auf die Wellen
Tanzet das Abendrot rund um den Kahn.

Über den Wipfeln des westlichen Haines
Winket uns freundlich der rötliche Schein;
Unter den Zweigen des östlichen Haines
Säuselt der Kalmus im rötlichen Schein;
Freude des Himmels und Ruhe des Haines
Atmet die Seel im errötenden Schein.

Ach, es entschwindet mit traurigem Flügel
Mir auf den wiegenden Wellen die Zeit.
Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel
Wieder wie gestern und heute die Zeit,
Bis ich auf höherem strahlenden Flügel
Selber entschwinde der wechselnden Zeit.

Tja, die Christen fasten nun volle vierzig Tage und sind schrecklich mißgelaunt weil ihr Heiland vor etwa zweitausend Jahren umgebracht worden sei – was zwar irgendwie die Welt gerettet hat, aber anscheinend doch nicht gut war. Sei’s drum, heute wissen die lieben Kleinen ja eh‘ nicht mehr weshalb eigentlich am Aschermittwoch so was hübsches wie Vergnügungsverbot herrscht und mir dient das sowieso lediglich als Vorwand endlich mal Fisch und anderes Meeresgetier auf den Teller zu bringen. Fisch gilt als Fastenspeise, die spinnen die Christen…

Cous-Cous mit dreierlei Fisch und Meeresfrüchten

Ein bis zwei Meerbarben, einen Wolfsbarsch und einige kleinere Sardinen (zusammen so um die 1½kg. Fisch) filetieren, die Karkassen für einen Fischfond aufheben; von vier Kaisergarnelen den Schwanz vom Kopfteil abdrehen, den Panzer aufbiegen und das Fleisch vorsichtig herausziehen, danach längs des Rückens aufschneiden und den Darm entfernen. Kopfteil und Schale ebenfalls für den Fond zurücklegen. Zwei Dutzend Miesmuscheln sorgfältig waschen. Ein Pfund Tomaten kreuzweise einschneiden, kurz in kochendes Wasser geben und schälen; das Fruchtfleisch sehr klein würfeln, zwei bis drei Selleriestangen fein schneiden, zwei rote Zwiebeln fein würfeln, vier Zehen Knoblauch pressen, ein halbes Bund Glattpetersilie fein wiegen. Nun in einem großen Topf Olivenöl erhitzen und die Zwiebeln und den Sellerie andünsten, nach kurzer Zeit Hitze reduzieren, Knoblauch und Petersilie dazu geben, nun die Tomaten zugeben und aufkochen. Die Fischabschnitte (ohne Kiemen und Eingeweide) und die Kopfteile der Garnelen unterrühren und nach und nach 1½l Wasser zugießen. Mit Salz und Pfeffer sehr kräftig abschmecken, in einem Teebeutel einige Lorbeerblätter und etwas Zimtrinde sowie einige Nelken mit kochen lassen. Nach einer halben Stunde den Sud erst durch ein grobes und dann durch ein Haarsieb geben. Etwa einen Liter der Suppe zurück in den Topf geben und zugedeckt leicht köcheln lassen, den Rest für das Garen der Fische verwenden. 400g Cous-Cous in eine Schüssel geben. In zwei Tassen der Brühe ein Döschen Safran auflösen, etwas Butter dazu geben und gründlich mit dem Cous-Cous vermischen, diesen nun in einem Einsatzsieb über die Fischsuppe hängen und regelmäßig mit einer Gabel lockern. Nach etwa zehn Minuten das Cous-Cous auf einem sauberen großen Küchentuch ausbreiten, dieses zusammenrollen und wieder ausbreiten, danach wieder in das Sieb geben und weitere 10-15 Minuten dämpfen. Währenddessen in einer großen, tiefen Pfanne den zurückbelassenen Fischsud aufkochen und wieder etwas abkühlen lassen (soll ganz knapp unter der Siedetemperatur sein), etwas Zitronensaft dazu geben und die Fischfilets darin garen, dabei erst die größeren und nach und nach die kleineren zugeben(Größere Filetstücke 12-15min, kleinere 8-10min). Gleichzeitig die Muscheln in Salzwasser mit etwas Weißwein ca. zehn Minuten kochen, bis sich alle geöffnet haben (Muscheln die sich nicht geöffnet haben wegwerfen). Die Garnelen in Olivenöl mit etwas Knoblauch und Ingwer anbraten. Das Sieb mit dem Cous-Cous von der Brühe nehmen und diese mit etwas Cayennepfeffer würzen und mit Butter binden und einkochen lassen. Nun die zweite Hälfte der Glattpetersilie und ½ rote Paprika hacken. Auf einer großen heißen Platte das Couscous ausbreiten, die Soße angießen und die Fische, die Garnelen und die Muscheln darauf anrichten, mit der Petersilie und den Paprikastückchen bestreuen.

Dazu passen Salate, Muhamara und Tahine, Fladenbrot ist kein Schaden und mit einem guten Arrak vorneweg und einem sizilianischen Marsala dazu werdet ihr auch schön betrunken; mit Baklava und Mokka als Abschluss seid ihr wieder fit für das nächtliche Hinwegsetzen über Sperrstunde und Tanzverbot…

Für immer ihr ergebenster
Rainer Bakonyi

Interview mit dem Verschmutzer

1/3 Schnaps – 2/3 Bier

Adam B.(1) ist stolzer Verursacher von Kotze, Kot und Urin in der Würzburger Innenstadt. Er entschloss sich kurzfristig für ein Interview mit dem Letzten Hype. Adam B. studiert Soziale Arbeit an der FH Würzburg und sieht seine Taten als eine bittere Notwendigkeit. Das riecht nach Konflikt. Seit 3 Monaten mobilisiert die „Bürgerinitiative Würzburger Altstadt“ (BIWA), angeführt von dem Waffenladeninhaber Snickers – gegen die Verschmutzung und Eigentumsbeschädigungen, die in frühen Morgenstunden von Feiernden ausgehen.

F: Als Verursacher von Dreck und Lärm agieren Sie bereits seit geraumer Zeit. Was veranlasst Sie in die letzten Ecken der Innenstadt ihren Urin abzugeben, den eben eingeschmissenen Döner wieder loszuwerden oder dem Waffenhändler Snickers ein Präsent zu hinterlassen?
A: Was muss, das muss. Was raus muss erst recht. Wo wenn nicht hier, wann wenn nicht jetzt oder wieso erst jetzt? Das hätte schon viel früher passieren müssen. Ich sehe das als Akt zivilen Ungehorsams, gegen das Würzburger Spießbürgertum und im Speziellen das Urinieren an Geschäften eines Waffenhändlers als antimilitaristische Praxis.

F: Ihrer Antwort zu entnehmen sind sie ein politischer Mensch. Wieso vollenden Sie gerade ihre Taten bei Nacht und Nebel und hinterlassen keine Hinweise oder Forderungen?
A: Nein, ich würde mich nicht als politischen Mensch betrachten. Politik betreibt eben gerade die Bürgerinitiative. Ich hingegen bekämpfe nicht Wasser mit Wasser sondern mit Feuer. Politik ist eben nicht mit Politik zu bekämpfen. Aus diesem Grund hinterlasse ich auch keine Hinweise oder Forderungen, da die Tat einzig und allein für sich spricht.

F: Wie kann denn der Otto-Normal-Verbraucher erkennen, dass es sich bei der Kotze nicht um herkömmliche Kotze handelt, sondern um eine Art des Protests. Spricht man dann von einer Protest-Kotze?
A: Das soll er doch im ersten Moment gar nicht. Die meisten werden jetzt denken, es ist doch gar nicht so schwer so zu kotzen als ob man vom feiern käme, aber in Wirklichkeit habe ich fast ein halbes Jahr gebraucht bis ich die richtige Mixtur gefunden habe, die es mir ermöglicht die Kotze genauso aussehen zu lassen. Erfahrungsgemäß ist es wichtig, den Döner schnell in großen Happen zu essen, damit die Brocken, die ja später wieder raus sollen, möglichst groß bleiben. Diese Technik musste ich mir durch stundenlange Beobachtungen von Betrunkenen aneignen. Mittlerweile läuft es ganz gut.

F: Das Aussehen scheint eine große Rolle einzunehmen, aber wie bekommen Sie es denn so hin, damit das Erbrochene auch echtheitsgemäß riecht?
A: Dazu habe ich nach langem probieren die richtige Mischung gefunden. Ein drittel Schnaps, zwei drittel Bier (diese Mischung riecht ganz toll). Aber nicht nur der Duft ist ausschlaggebend für den Erfolg, sondern auch das Umrühren wie es beim Tanzen in der Disco geschieht. Dazu schlage ich kurz vor, dem eigentlichen Kotzakt schnell fünf Purzelbäume hintereinander um mir dann den Finger in den Hals zu stecken. Das ist ein wichtiger Faktor der selten beachtet wird.

F: Die Sperrstunde macht die BIWA zu ihrem Hauptthema. Wie gehen sie mit dieser Problematik um? Es scheint so, als beträfe sie diese gar nicht bzw. Sie machen diese nicht zu Ihrem Hauptanliegen.
A: Die Sperrstunde geht mir links am Arsch vorbei. Pinkeln und Kotzen kann ich so oder so. Doch wenn die Sperrstunde eintreten sollte, werde ich wesentlich mehr zu tun haben, da unwissentliche Unterstützter in Form von betrunkenen Feiernden wegfallen würden und ich deren Arbeit auch noch übernehmen müsste. Dazu trainiere ich jetzt schon dreimal die Woche um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Das zerrt zwar ganz schön an der Substanz, aber um das Notwendige zu tun muss man manchmal Opfer bringen.

F: Sie sprechen gerade so, als ob Sie in ihren Aktionen stets alleine zu gegen sind.
A: Ich arbeite generell alleine. Nehme aber einmal im Monat mit anderen Aktiven an einem Treffen teil um Methoden und Erfahrungen auszutauschen.

F: Vielen Dank! Noch ein letztes Wort an unsere LeserInnen?
A: Lasst uns pinkeln, lasst uns kotzen und dreimal von oben auf Würzburg rotzen!

Das Interview führten Asok und Karl von Medina
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1: Name von der Redaktion geändert

Die schwarze Edition

Viele Leute kommen neuerdings auf uns zu und wundern sich, dass sich das Cover seit Ausgabe 8 ganz in schwarz präsentiert.

Das ist kein Zufall. Mit der sogenannten Schwarzen Edition bringen wir die strukturelle Neuausrichtung, inspiriert durch Evi Schmitt, zum Ausdruck. Ab Ausgabe 8 legt die Redaktion größeren Wert auf Orthographie, v.a. aber auf Design. Ein schwarzes Cover hat aber auch einen praktischen Vorteil: denn Kaffee- oder Fettflecken fallen auf schwarz bedrucktem Papier kaum auf.

Für ein neues Autonomes Zentrum!

„Junge: Wer mit zwanzig kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat“ (Die Goldenen Zitronen)

Wer auch immer in Würzburg sich noch für den Ort interessiert, der einst von einer Autonomen Szene geschaffen worden ist und längst die besten Zeiten hinter sich hat, mag dieses Flugblatt aufmerksam lesen, vielleicht sogar ihre/seine Schlüsse daraus ziehen.

Nach dem zweijährigen Versuch, den Infoladen Würzburg aus seinem Winterschlaf zu wecken und linke Strukturen in Würzburg zu reaktivieren, glauben wir, durch den Bruch mit dem Autonomen Kulturzentrum mehr erreichen zu können, als weiterhin auf ein vor sich hin dümpelndes AKW! zu setzen. Den Ansatz früherer Polit-Gruppen, trotz eines gespaltenen Verhältnisses zum AKW! den Infoladen weiter zu führen, halten wir für wenig sinnvoll, da Aktivitäten auf dem Gelände für uns nur durch einen gewissen Grundkonsens zwischen uns und der Mitarbeiterschaft des AKW! möglich ist. Dieser Grundkonsens über den Sinn und Zweck des Autonomen Kulturzentrums existiert nicht mehr.

Als aus einem alten Holzlager einer Brauerei am Anfang der neunziger Jahre der Infoladen aus dem Boden gestampft wurde, ahnte wohl noch kaum jemand, dass es irgendwann den politischen Teil des AKW! nicht mehr geben würde. Was anfangs als Zentrum gedacht war, in dem verschiedene Gruppen einen Platz finden und in dem der Infoladen nicht als Exil für Polit-Gruppen, als linkes Gewissen, fungieren sollte, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem Autonomen Zentrum ohne Autonome, zu einem Kulturzentrum ohne Gegenkultur. Man gewinnt fast den Eindruck, dass das AKW! ca. zwei Jahrzehnte den Anarchisterich gemimt hat, um sich letztendlich doch an den deutschen Konsens zu kuscheln. Der klägliche Rest der Szene, aus der das AKW! ursprünglich entstand, und der mit einer gewissen Naivität hoffte, für ihn sei im AKW! noch irgendetwas zu retten, sind wir.

Der Entschluss, das alte Bürgerbräu-Gelände zu verlassen, fußt weder auf einem besonderen Ereignis, noch auf persönlichen Zerwürfnissen. Wir meinen schlichtweg, dass sich die Schnittmengen zwischen dem AKW! und dem Infoladen auf ein Minimum reduziert haben. Seit Jahren wird der Infoladen wohl eher als Klotz am Bein des AKW! betrachtet. Gewiss spielen für uns einzelne Ereignisse, wie die Übertragung der Fußball-EM ohne jedweden Versuch, sich anders darzustellen, eine gewisse Rolle, jedoch ergibt erst die Summe der Rückschläge und Enttäuschungen beim Umgang mit dem AKW! das Ergebnis: Es ist besser, das AKW! im Jahre 2008 das AKW! im Jahre 2008 sein zu lassen. Und es ist ebenfalls besser, auf eine andere Weise die Würzburger Langeweile zu stören.

Zuletzt sollte sich nicht nur für uns, sondern auch für alle diejenigen Menschen, die viel früher ihre Lehren aus dem Leeren gezogen haben, die Frage stellen: Soll es das gewesen sein? Für uns lautet die Antwort: Mitnichten! Das Bedürfnis, aus diesem System auszubrechen, ist viel zu drängend, als dass wir uns in den weichen Sessel der links-bürgerlichen Existenz zurücklehnen könnten. Vielmehr gilt es für uns, einen neuen Ort zu schaffen, neue Weg zu finden. Dabei können wir nicht nur auf uns selbst vertrauen: die Diskussion darüber, was in Zukunft in Würzburg passieren soll, muss mit denjenigen geführt werden, die sich auf die Fahne geschrieben haben, den Würzburger Kultur- und Politbetrieb zu (ver-)stören. Diejenigen müssen zusammen gebracht werden, denen das blanke Entsetzen über die Zumutungen der Verhältnisse ins Gesicht geschrieben steht. Wir treten für eine lebhafte Debatte über die Perspektiven einer alternativen (Gegen-)Kultur ein, die sich nicht nur auf den Sektor Politik beschränkt.

Für uns soll der Auszug aus dem Infoladen nicht nur ein Abschluss sein, sondern auch eine neue Perspektive bieten: Wir wollen ein neues Autonomes Zentrum, für das die Anbiederung an den Mainstream ein NoGo darstellen soll. Aktuelle Beispiele aus anderen Städten der Umgebung zeigen, dass mit der nötigen Portion Entschlossenheit unser Vorhaben erreicht werden kann. Dafür müssten wir in dieser Stadt wieder genügend Unordnung und Verwirrung erzeugen, die u.a. durch die Bindung an diesen oder jenen Szeneschuppen zur Erliegen kam. Ob auch außerhalb der „Szene“ das Bedürfnis besteht, einen neuen Ort für (Anti-)Politik und Aktion jenseits des kulturindustriellen Mainstreams zu schaffen, wird sich zeigen müssen.

Wir jedenfalls sind für allerlei Unfug zu haben und wollen einen neuen selbstverwalteten Raum für ungezähmte Bewegung schaffen.

Infoladengruppe Würzburg, September 2008

infoladenwuerzburg.blogsport.de

P.S: die Homepage bleibt bestehen, so dass über zukünftige Aktionen zu lesen sein wird.

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Für immer Euer l Letzter Hype

P.S: Man munkelt, dass der neue Hype bald herauskommt!

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Das monatelange Tauziehen hinter den Kulissen hat ein Ende! Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren an den Geräten, haben entschieden! Evi Schmitt, vielen von uns noch von Ihrer Zeit beim Keil als „Die unsichtbare Frau“ in Erinnerung, ist neue Chefredakteurin des Letzten Hype. Sie wird uns einer goldenen Zukunft entgegenführen. Zittert, schwache Erdlinge!

Die Antideutschen und die Militanz der kritischen Theorie

Die kommende Revolte, Teil 2

Die Revolution, die bisher nicht gelungen ist, ist mit jeder Niederlage immer nur dringlicher geworden; sie ist heute ein unabweisbares Bedürfnis. Jede Partei, die jemals erklärt hat, die Bedingungen seien nicht reif, hat in der Folge gezeigt, dass sie statt der alten Herrschaft im Höchstfall eine neue zu errichten gedachte; in Wahrheit ist die Zeit immer schon reif, seit das Kapital in der Welt ist.

Kritik und Krise
Das Kapital hat nicht nur alle voraufgegangene Herrschaft beseitigt. Es hat sie beerbt und bewahrt sie in sich auf. Das Kapital kann nicht gebrochen werden, ohne jede Form der Herrschaft zu brechen. Es geht um nichts anderes als das Ende von 12.000 Jahren von Knechtschaft. Es ist hier kein Kompromiss möglich: diejenigen Bewegungen, die etwa das Kapital abzuschaffen gedachten, aber die Familie, diese ältere und finsterste Unterwerfung, stehen lassen wollten, haben nichts erreicht als den Fortbestand der Herrschaft im barbarischen Kostüm der alten Formen.

Die vorgebliche Rücksicht auf die sogenannten Massen und ihr angeblich rückständiges Bewusstsein war immer das ruchloseste und deutlichste Abzeichen derer, die herrschen wollen. Die Liebe dieser Linken zu den „Massen“ war immer die Liebe des Reiters zu seinem Pferd. Dem Bewusstsein der Massen sich andienen wird nur, wer schon plant, sie zu betrügen. Die Populisten, auch die in der Opposition, sind bereits Teil der Herrschaft, wenn nicht sogar ihre Avantgarde.

In Wahrheit muss man davon ausgehen, dass unsere Ideen schon in allen Köpfen sind. Die Massen sind nicht zu einem richtigen Bewusstsein erst hinzuführen, nicht behutsam oder diktatorisch oder durch vernünftiges Zureden; sie sind nicht unreif, nicht unwissend, sie wissen sehr gut. Ihre Trägheit ist nicht Trägheit, sondern bewusste Parteinahme für die Herrschaft. Wenn sie diese Parteinahme aufkündigten, begänne die Krise. Diese Krise durch Kritik zu provozieren, ist die revolutionäre Aufgabe.

In eigenem Namen, auf eigene Rechnung
Die Perspektiven der Revolution abzuschätzen, wird also nur gelingen, wenn man sich bewusst bleibt, dass sie völlig unmöglich ist. Die sie machen müssen, wollen sie nicht. Dieses Bewusstsein, weit davon entfernt, zur Versöhnung mit dem Bestehenden einzuladen, wird im Gegenteil den Bruch mit diesem zur Unumkehrbarkeit vertiefen; es ist nichts anderes als das Bewusstsein davon, welche tiefen Brüche nötig sein werden. Damit und nur damit vertritt es den Platz des abwesenden besseren, der praktischen Negation, die alleine die materielle Gewalt stürzen könnte durch materielle Gewalt.

Das Bewusstsein der Unmöglichkeit der Revolution ist damit im selben das Bewusstsein von ihrer Notwendigkeit. Seine praktische Seite ist die Kritik, und sein Fluchtpunkt und Attraktor der Moment der Befreiung, mit dem es sich erledigt hätte. Auf diesen Moment arbeitet es hin, nicht als auf seinen Beweis, sondern als auf seine Widerlegung; denn eines Beweises bedarf es nicht. Die Tätigkeit der Kritik, der Verneinung, ist ein Geschäft in eigenem Namen und auf eigene Rechnung und nicht im Auftrag der Geschichte, des Proletariats oder irgendeiner anderen Kategorie der Herrschaft; ihre Arbeit ist getan, wenn alle bisherige Geschichte endet, und die Proletarisierten ihre proletarische Existenz abschütteln, um eine andere Geschichte zu beginnen.

Wenigstens strebt die kommunistische Kritik nicht danach, die Massen zu beherrschen; sie geht darauf aus, dass die Massen sich in befreite Einzelne auflösen. Zu ihrem Werk der Konfrontation stehen ihr alle Mittel offen, die sie sich zu erobern oder zu erfinden versteht.

Nichts als ihre Ketten
Die kommunistische Kritik weiss sich im absoluten Gegensatz mit allen geheiligten Grundsätzen des geordneten Gemeinwesens. Sie durchschaut das gesellschaftliche Bewusstsein als das Bewusstsein eines Unwesens, und sie darf es nicht versäumen, gerade seine heiligsten Lügen zu attackieren. Da sie niemandem verpflichtet ist als sich selbst, wird sie auf keine Macht Rücksicht nehmen. Sie weiss, dass sie ein allgemeines geheimes Begehren ausdrückt, ohne sich darüber zu täuschen, dass sie mit diesem nicht in einem sicheren Bunde steht, sondern Gefahr läuft, genauso zertreten zu werden wie dieses geheime Begehren; unter denen zu sein, die es täglich zertreten, fürchtet sie, von ihnen sich zu isolieren, nicht.

Die kommunistische Kritik begreift das Bestehende als den bloss vorläufigen Endpunkt einer Geschichte, in der noch jedesmal die Herrschaft den Sieg davongetragen hat. Sie hat sich jedesmal verändert, in derselben Weise, wie es ihr gelungen ist, die Beherrschten zu verändern, so wie sie überhaupt nur durch die Handlungen der Beherrschten existiert. Die Herrschaft ist keine feste Eigenschaft, die irgendeiner herrschenden Klasse zukommt, sie ist eine Verhaltensweise der beherrschten Klasse, sie ist unmittelbar die Unterwerfung, verstanden als aktive Handlung, selbst. Man kann es sich also erlauben, von der Existenz einer herrschenden Klasse zu abstrahieren; nicht deren Machinationen sind entscheidend, sondern allein die Handlungen der Beherrschten, die in ihrer Unterwerfung heute das entscheidende Problem sind. Solange dies so bleibt, wird man es nicht mit der Klasse zu tun bekommen, die Panzer in Bewegung zu setzen im Stande ist.

Diese Geschichte, die eine Geschichte der Katastrofen ist, und immer grösseren Katastrofen zustrebt, ist von dem gegenwärtigen Verblendungszusammenhang nicht zu trennen, der das Bestehende konstituiert und am Leben erhält. Das Vergangene, weit davon, vergangen zu sein, hält die Lebenden in seinem Bann, weil seine Macht nicht gebrochen ist. Das Bestehende, Erbe aller bisherigen Siege der Herrschaft, wird nicht beendet werden, ohne dass gleichzeitig alle vergangene Gewalt aufgehoben und der verborgenen Geschichte der Zertretenen zu ihrem Recht verholfen wird. Die Revolution ist immer anachronistisch: weil sie das Selbstopfer nicht akzeptiert, kann sie nicht akzeptieren, dass ihre Toten tot sind, und ihre Sache viele Male verloren. Die Befreiung kann niemanden hinter sich lassen, sie muss das Zerschlagene retten und das Zerbrochene zusammenfügen, oder sie wird nicht sein.

Das Vergangene steht zum Bestehenden im selben Verhältnis wie das Unbewusste zum Bewussten. Die Revolution wäre derjenige Akt der durch vieltausenjährige Herrschaft deformierten Menschheit, in dem sie ihre Deformationen abschüttelt; das Verdrängte zur Erinnerung bringt, und damit den Bann, unter den sie sich gestellt hat, löst; eine grosse kollektive Therapie ohne von ihr getrennten Therapeuten, und damit die endlich entdeckte und gerettete Wahrheit der Psychoanalyse.

Denn er weiss, dass er wenig Zeit hat
Der Name der Herrschaft aber ist Nation. In ihr erscheint die Unterworfenheit als Natureigenschaft, und man ist zum Beispiel deutsch mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es nicht der schiere Irrsinn. Die Nation ist die Form, in der das Kapital unter seinem Staat selbst Gesellschaft wird, die einzige Instanz, die die Krise bannen und das Auseinanderstrebende zusammenhalten kann. In der Nation, soweit sie existiert, heben sich die Widersprüche auf, die das Ganze auseinanderzujagen drohen: die Nation ist deshalb keine blosse kollektive Wahnvorstellung, sie ist der Wahnsinn selbst als Realität.

Die Nation kann nicht existieren, wenn sie nicht das auseinanderstrebende zusammzwingt, wenn sie nicht gewaltsam gegen die besonderen Interessen der Klassen die Einheit der Gesellschaft geltend macht. Auf den höchsten Punkten der Zuspitzung muss sie die besondere Existenz der Klassen insgesamt vernichten. Die Klassenkämpfe überlebt die Nation nur, wenn sie zur Volksgemeinschaft wird. Das Dritte Reich hat die Revolution tatsächlich zerschmettert; der Antisemitismus hat nicht aufgehört, eine Macht zu sein, und die Revolution hat es nicht wieder angefangen.

Dass die wirkliche Grenzlinie nicht zwischen den Nationen verlaufe, sondern zwischen den Klassen, war einmal vielleicht der fromme Traum einer antinationalen Linken, wahrscheinlich aber schon ein Versuch der Täuschung. Sowenig je eine Klasse da war, auf die sich positiv bezogen werden konnte, so wenig hockte hinter der Volksgemeinschaft ein Proletariat quasi verborgen, das es nur der Manipulation einer herrschenden Klasse zu entreissen galt. Die Befreiung des Proletariats hätte immer zur Mindestvoraussetzung, dass es den Arbeiter wie den Deutschen zerreisst.

Das Vorhaben des Nationalsozialismus, die Klassen in der Nation aufzuheben und damit die besonderen, getrennten Kategorien der Herrschaft zu einer einzigen zu vereinen, der bisherigen Geschichte die innere Spannung auszutreiben und sie in einen stabilen Zustand der Singularität zu katapultieren, ist der eminente deutsche Beitrag zur Geschichte. Daraus ergibt sich mit Notwendigkeit, dass kommunistische Kritik antideutsch sein muss und als ihren Erzfeind alle Bewegungen und Mächte erkennt und erklärt, an dem sie die Spur des Nationalsozialismus erkennt. Zuvörderst sind dies heute die europäischen Mächte und die jihadistische Bewegung.

Die unglaubliche Kälte, mit der die Linke dagegen den Opfern der Shoah gegenüberstand und heute den Israelis gegenübersteht, ist das genaue Mass, in dem sie längst zur Konterrevolution übergewechselt ist: würde sie zur Kenntnis nehmen, wie die revolutionäre Frage spätestens nach Auschwitz zu stellen ist, müsste sie ihr eigenes hergebrachtes Unwesen angreifen. Die Antideutschen sind nichts anderes als diejenigen ehemaligen Linken, die genau das getan haben. Ihnen gegenüber steht heute die ganze trostlose Gesellschaft, als eine einzige reaktionäre Masse.

Die Antideutschen haben nach 2000 den besseren Teil des revolutionären Denkens gerettet. Vielleicht erschöpft sich der Gebrauchswert dieser Strömung darin schon. Sie hat ihr bleibendes Verdienst: sie hat in diesem Teil der Welt den Horizont offengehalten für das Denken der kommenden Revolten. Keine Revolte wird bestehen können, die unter die Marke zurückfällt, die diese gezeichnet haben; so wie kein kritisches Denken wird bestehen können, das von der wirklichen Revolte getrennt ist.

Man muss das Öl dahin bringen, wo das Feuer ist. 1

Von Jörg Finkenberger

1 Ich danke Theodor Adorno, Walter Benjamin, Andre Breton, Jochen Bruhn, Guy Debord, Sigmund Freud, Richard Huelsenbeck, Hans-Jürgen Krahl, Karl Marx für die unverzichtbare Mitarbeit. Auf keinen einzigen Satz erhebe ich den Anspruch der Originalität. „Unsere Gedanken sind bereits in allen Köpfen, und eines Tages werden sie herauskommen“ (Debord).

Ein Trip im Blätterwald

Innovation und Vielfalt – das ist das Pfund, mit dem Würzburg wuchern kann. Gerade die facettenreiche Medienlandschaft Würzburgs zeugt von der Kreativität und Innovationsfreude unserer Mitbürger. Kein Bäcker, kein Café, kein Hauseingang, in dem nicht eine mannigfaltige Auswahl lesenswerter Gratis-Heftchen bereitläge.
Prisma-Magazin, zuckerkick, prima Sonntag, wob, Der Kessener, Würzburg spezial, TOP Magazin, Meeviertel Anzeiger, usw., usf.: Es gibt viele gute Gründe, einen Blick auf die Presseerzeugnisse unserer pulsierenden Mainfranken-Metropole zu werfen.
In der ersten Folge des Presseclubs interessiert uns besonders Prisma, Der Kessener, zuckerkick sowie der Meeviertel Anzeiger.

Beginnen wir die Umschau mit der Zeitschrift Prisma, die sich für „Heilung und Bewusstsein in Franken“ einsetzt. Im Editorial zur April/Mai-Ausgabe (18.500 Exemplare) schreibt Herausgeber André Hammon: „Es werden wohl noch Jahrzehnte vergehen, bis der Mensch seine wahre Sinnlichkeit entdeckt und einen natürlichen Umgang damit gefunden hat. Mit der neuen Prisma-Ausgabe können Sie schon mal einen Vorgeschmack bekommen, was uns erwartet und wie Lust und Sinnlichkeit zu einem seelenreichen und erfüllten Leben beitragen können“.

Diesem Versprechen, erscheint es zunächst auch etwas sehr ehrgeizig, wird tatsächlich schon auf der ersten Seite entsprochen: „Seid gegrüßt meine Freunde des Lichtes, OMAR TA SATT, ich BIN KRYON vom magnetischen Dienst“, begrüßt uns die Anzeige der Kryon-Schule. „Ich – KRYON, sowie auch einige andere Engelwesen des Universums haben uns dazu entschlossen, diese Schule zu gründen, um euch auf dem Weg des Erwachens zu lehren, zu leiten und zu führen“. Auch eine zweite Anzeige, die für die Internationalen Engeltage 2008 in Müchen wirbt, hilft uns, unsere wahre Sinnlichkeit zu entdecken.

Die Artikel sind ebenfalls sehr aufschlussreich: Die Redaktion hält „Die Rückkehr der Weißen Büffelfrau“ aufgrund von zuverlässigen indianischen Quellen für wahrscheinlich, und auch die hoffnungsvolle Partei „Die Violetten“ sei im Kommen („Würde jede/r bayerische Prisma-Leser/in eine Unterschrift leisten, […] dann würden 50.000 spirituell interessierte Menschen die Teilnahme der Violetten an den Landtagswahlen bestätigen“).
Es zieht sich ein sympathischer emanzipatorischer Grundton durch Prisma: Es sei, schreibt etwa Heide Marie Heimard, „an der Zeit, die sexuelle Energie aus der Verpanzerung in unseren Körpern zu befreien und zum Fließen zu bringen. Dann kann sie zum Segen der ganzen Menschheit ihre heilige Kraft entfalten und uns die Glückseligkeit schenken, zu der wir geboren sind“. In anderen Artikeln wird die Linkspartei, neben den Violetten, als neuer Hoffnungsträger gelobt, ebenso wird das Grundeinkommen befürwortet.
Das bayerische Reinheitsgebot für Bier von 1516 wird hingegen als bloßes „Keuschheitsgebot“ verteufelt, als „besänftigendes Gebräu, damit uns auch ordentlich die Lust auf Liebe vergeht!“.

Nicht weniger Freigeist als André Hammon ist Bernhard A.W. Kessener (M.A.), seines Zeichens Herausgeber von Der Kessener. 10.000 Exemplare wurden für März und April kostenlos verteilt, mit der Warnung: NOCH KOSTENLOS. Der Kessener will „Würzburg zur Marke“ machen und „Impulse für Gesellschaft, Politik, Hochschule, Ökonomie und Kultur“ geben.
Im Editorial der März/April-Ausgabe thematisiert B.A.W. Kessener (M.A.), ob nicht auch für unsere Stadt gelte, was Hegel damals bemerkte: Eine „Entzweiung zwischen der Poesie des Herzens und der Prosa der Verhältnisse“. Herr B.A.W.K. (M.A.) erläutert: „Es kann doch nicht angehen, dass Kunst, Geisteswissenschaft und auch die Geschichte ihrer Aufgabe beraubt werden, uns in dieser entzauberten Welt eine vorübergehende Befriedigung zu verschaffen“.

Der interessanten Einleitung sind zwei Fotos angefügt: Eines mit zwei Geistlichen darauf und eines mit Wowereit, der einen Kessener in der Hand hält. Der Text dazu: „Es gibt zwar Aussagen, dass Würzburg nur sich selbst genügt. Andererseits aber bringen Persönlichkeiten wie Erzbischof Zollitsch, Kardinal Lehmann und Berlins regierender Bürgermeister Wowereit ganz andere Horizonte in die fränkischen Gefilde. Die Öffentlichkeit wartet auf glaubwürdige Aussagen in allen Bereichen der Gesellschaft und alle Drei machten bei ihrem Auftreten Aussagen, die verkrustete Strukturen aufbrechen und in Frage stellen“.

Diesem Aufruf zur Revolte folgen dann viele Infos zu Kunst und Kultur in Würzburg (sympathischerweise ohne chronologische Ordnung) und ein Special für alle U2-Fans unter uns: Der Kessener verlost 3×2 Tickets für einen neuen 3D-Film in Dettelbach, der ein U2-Konzert in Südamerika zeigt!
Diese Wohltat für den Leser passt wunderbar in das Konzept der Zeitschrift, denn das Motto von B.A.W.K.M.A. lautet: „Gewinn und Wachstum müssen nicht immer Selbstzweck sein, sondern man könnte sie einbinden, als Folgen sinnvoller Dienstleistungen“.

Kommen wir von diesem ambitionierten Philosophen-Magazin zu einer echten Sternschnuppe am Kulturhimmel Würzburgs. Das Design vom zuckerkick 03/08 ist mal wieder so schön, dass man meinen könnte, der Inhalt müsse dagegen ja verblassen. In Wahrheit aber ist auch der Inhalt, etwa die Bildstrecke mit den Model-Geschwistern Anna und Ali in den Weinbergen, sehr gut gelungen: die Instore-Markenklamotten von only, ltb, diesel, mogul, itchi und freeman t. porter stehen den Beiden mindestens so gut wie die darunter gesetzten Liedzeilen von Dirk von Lowtzow: „imitationen von dir/ befinden sich in mir/ imitationen von dir/ verbünden sich mit mir/ wir sind so leicht, dass wir fliegen“.

Neben der Schönheit findet, wie in einem guten Tocotronic-Song, aber immer auch die Traurigkeit einen Platz im zuckerkick. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte über eine Würzburger Studentin, die ihr Studium mit Prostitution finanzieren muss und tragischerweise dem eigenen Vater im Hotelzimmer begegnet. Oder das bedrückende Märchen aus der spießigen Arbeitersiedlung Maierfilz in Niederbayern, in der alles „ordentlich, gleich und grau“ ist. Wo sich der ungeliebte Spast Hermann schließlich einen Tunnel bis Australien gräbt, um mit einem kanariengelben Autobus vor dem sozialistischen Patriarchen und Monopolisten Gustav Laubenthal zu fliehen. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ schleudert Hermann dem Planwirtschaftler entgegen, bevor er die Reise in die Freiheit antritt.

Bodenständiger geht es da im – ebenfalls kostenlosen – Meeviertel Anzeiger zu. „Wo sind die Kasernenkatzen geblieben?“, fragt etwa die Januar-Ausgabe auf ihrer Titelseite. Die packende Reportage geht der Frage nach, was mit den Katzen geschehen ist, die „sich nach der Räumung der US-Kasernen rund um Würzburg mit einem Mal in einer Betonwüste ausgesetzt sahen“. Das Blatt gibt Entwarnung: „Für die meisten von ihnen endete die schreckliche Erfahrung […] mit einem Happy End: Sie fanden 280 km entfernt, nahe der Schweizer Grenze, ein neues liebevolles Zuhause“.

Besonders spannend ist im Meeviertel Anzeiger stets auch die regelmäßige Kolumne „Neues aus dem Kindergarten St. Burkard“, in der sowohl die Erlebnisse der Frosch- und Käfergruppe nachempfunden werden können wie die Fortschritte der Vorschulkinder. Die „Aufregung um den Besuch des Nikolaus“ (Januar 08) war in dieser Rubrik ebenso Thema wie die „turbulente Faschingszeit“ oder das anstehende Osterfest (März 08). Die April-Ausgabe gibt bekannt, dass nach den nasskalten Tagen nun wieder Spaziergänge geplant seien und alle Kinder deshalb „auf laues sonniges Wetter“ hofften.
Die journalistischen Standards, die hier gesetzt werden, müssen auch von hervorragenden Magazinen wie zuckerkick, Der Kessener oder auch Prisma erst noch erfüllt werden.

Im nächsten Letzten Hype hoffe ich Sie wieder zum Presseclub begrüßen zu dürfen.
Freundlichst,
Ihr Sebastian Loschert.

Nachtrag zu den Studiengebühren

Die Studiengebühren sind eingeführt, und es ist immer noch nicht ersichtlich, dass die Angehörigen der weniger zahlungsfähigen Schichten in Massen die Universität verlassen oder gar nicht erst betreten. Diejenigen Linken, die sich auf das Feindbild der sogenannten Eliten eingeschossen haben, bringen nur zum Ausdruck, dass sie nie irgendetwas begriffen hatten: die Studiengebühren sind nicht zuerst ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Privilegien irgendeiner Schicht, sie sind vor allem ein Mittel der Disziplinierung, oder vielmehr der Konsekration der Disziplin, aller Studierenden gleich welcher Schicht.

Wer das erste kritisiert, kann das zweite nicht mehr kritisieren. In der Auseinandersetzung zwischen fleissigen und arbeitsamen Angehörigen aufstiegsorientierter Schichten und den privilegierten rich kids haben jedenfalls Kommunist/innen keine Stimme. Die Disziplin ist es, die angegriffen werden muss, die bedrückende Arbeitsamkeit, diese gemeinsame Sache des Staates und der passiven Mehrheit.

Wer nichts anderes gefordert hat als mehr und bessere Bildung, wird nichts anderes bekommen als mehr und bessere Bildung. Der tiefe Konformismus solcher Forderungen mag für das lähmende Bewusstsein mit verantwortlich gewesen sein, dass es ja doch nichts bringe; denn es war zu greifen, dass man sich in dieser Auseinandersetzung auf demselben Boden bewegte. (1)

Der eigentliche Kampf wäre nicht der zweier Schichten, sondern der gegen die Disziplin; sowohl gegen die Unterwerfung als auch gegen die Tatsache, dass alles immer weitergeht. Diesen Kampf hat die Linke nicht verloren, sie hat ihn nicht geführt und konnte ihn nicht führen. Lässt er sich besser führen jetzt, nach ihrer Niederlage? Man wird es wissen, wenn man es versucht hat.

Immer und immer das selbe zu sagen, wie ich es hasse. How many nights I prayed for this: to let my work begin.

Von Jörg Finkenberger

1 Neoliberalismus nennen sie das ganze, Herr G*tt! Und fordern, dass Bildung keine Ware sei; dabei meinen sie nur, dass sie ihnen zu teuer ist. Kann man die Segnungen des Staates zu anderen Bedingungen haben, als er sie gibt? Genauer gesagt: mit welchem Argument will man andere Bedingungen der Hauptsache, solange man sie für eine Segnung hält.

Akademische Bildung ist nicht nur schon immer eine Ware, sie ist schlimmeres: sie ist eine Veranstaltung, mit der jedem Gegenstand noch das letzte Negative ausgetrieben wird und werden muss. Ob die Universitäten, gegen den Willen ihrer Herren, sinnvoll zweckentfremdet werden können: das ist freilich eine andere, praktische Frage. Kämpfe der Studierenden für, statt gegen, das Studium jedenfalls sind nicht verallgemeinerungsfähig und damit direkt konterrevolutionär: sie richten sich nicht gegen die Gesellschaft der Klassen, sondern bestätigen sie.

Der Verdacht

Heute macht man sich nicht mehr strafbar, man macht sich verdächtig. Der Zweck, zu terrorisieren, dem einmal die Strafe diente, wird heute erreicht durch die Befürchtung, einen Verdacht auf sich zu ziehen.

Dass unschuldig ist, wem eine Schuld noch nicht nachgewiesen worden ist, das steht noch im Gesetz, ein letztes stolzes Standbild eines versunkenen Liberalismus; die heutige Epoche, ohne mit der äusseren Form des Liberalismus brechen zu müssen, bringt die dunkle Umkehrung dieses Satzes zur Erscheinung. Es nützt nichts mehr, unschuldig zu sein. Nur, wer sich nichts vorzuwerfen hat, muss etwas befürchten.

Es ist, nach den Grundsätzen des liberalen Staates, Sache des Staates, den Beweis der Schuld zu führen; der/die Beschuldigte ist nicht einmal zur Mitwirkung verpflichtet. Er/sie hat aber, und das macht den Unterschied, jede nur denkbare Belästigung zu dulden: man kann ihm/ihr die Wohnung durchsuchen und überwachen, das Telefon überwachen, das Fahrzeug mit einem Peilsender versehen, sein Mobiltelefon orten, seine Kartenzahlungen überwachen, das Verbindungsdaten im Internet auswerten, alle seine/ihre Bekannten derselben Durchleuchtung unterziehen. Bald wird man Autobahnfahrten nachverfolgen, Fussgänge in den Städten elektronisch auf den Kameras verfolgen und auf die Inhalte seiner/ihrer Festplatten zugreifen können.

Und so gerät der/die Verdächtige in die Lage, seine/ihre Unschuld erweisen zu müssen, nicht einmal oder zweimal vor einem Gericht, sondern 24 Stunden am Tag. Und niemand weiss, ob und wann man sich verdächtig macht, denn niemand kennt die auffälligen Merkmale; nicht einmal die, die nach ihnen suchen. (Nur wer sich etwas vorzuwerfen hat, weiss ohne weiteres, was er/sie zu verbergen hat. Alle anderen müssen raten.)(1)

Neu an alle dem ist, dass das Regime des Verdachts für den Zweck, zu terrorisieren, ausreicht. Das liegt nicht nur an den völlig neuen technischen Möglichkeiten; das sind sowieso nur gegenständliche Erscheinungen gesellschaftlicher Kämpfe. Es liegt, und daraufhin sind die technischen Mittel zu dechiffrieren, an einer völlig neuen Stufe der Verinnerlichung gesellschaftlicher Herrschaft, die seit einigen Jahrzehnten im Lauf ist; an einer gewissen Verlagerung des Punktes, an dem die Kontrolle ansetzt, in das Innere der Einzelnen hinein. Ohne das in voller Schärfe zu erkennen, ist keine Gegenwehr möglich.

Die so genannte Vorratsdatenspeicherung wurde nötig, weil es für den Staat immer schwieriger ist, die Inhalte der Kommunikation zu überwachen. Heute ist es, ohne jeden Aufwand, möglich, Kommunikation vollständig zu verschlüsseln; zwar mit geheimdienstlichen Mitteln zu knacken, aber nicht für die alltägliche Ermittlungsarbeit. Das ist das Ergebnis eines Kampfes, in dem der Staat eine Runde verloren hat; damit ist der Kampf auf dem nächsten Level.

Die akkumulierten Verkehrsdaten (grob gesagt: wer kontaktiert wen?) lassen sich, zu anderen Zwecken, genausogut gebrauchen. Werden sie, in riesigen Datenbanken, zusammengebracht und mit den Mitteln des data mining sortiert, liefern sie Aufschlüsse über Kommunikationsstrukturen, die das gesellschaftliche Verhalten der Einzelnen wahrscheinlich durchsichtiger machen, als es diesen selbst ist.

Es ist gerade die Eigenart von Methoden wie data mining, Merkmale zu finden, auch ohne zu wissen, nach welchen Merkmalen gesucht werden muss. Das zu Daten formatierte akkumulierte Wissen zeigt die Strukturen auf, auf deren Grundlage erst klar wird, was als normal und was als abweichend zu gelten hat. In einer längst (auch ein Ergebnis bisheriger Kämpfe) nicht mehr eindeutig normierten Gesellschaft ist diese Methode der Datenverarbeitung eine Herrschaftswissenschaft im Wortsinne. Ihr ist im Übrigen noch anzusehen, dass sie aus dem Marketing stammt.

Noch bestehen die rechtlichen Möglichkeiten nicht, die anfallenden Daten auf eine solche Weise zu nutzen; aber es wäre naiv, zu glauben, dass das so bleiben wird. Die Daten fallen ab 1.1.2008 an; nach der Logik der Dinge werden sie , nach ihren Möglichkeiten, nutzbar gemacht werden.

Das selbe gilt von den Daten der Überwachungskameras in den Städten und und an den Autbahnen, die biometrische Merkmale und Autokennzeichen elektronisch erkennbar machen. Sie sind überhaupt zu keinem anderen Zweck nutzbar, als Bewegungsprofile zu erzeugen; ausser vielleicht dazu, Propagandavideos für gescheiterte Wahlkämpfer zu liefern.

Niemand weiss, wie das Verfassungsgericht über die Vorratsdatenspeicherung entscheiden wird; nach der juristischen Literatur zu urteilen, wird sie sie verbieten oder stark einschränken. Nach der bisherigen Erfahrung mit eineinhalb Jahrzehnten sogenannter Sicherheitspolitik wird man jetzt schon sagen können, dass sich die Innenminister davon nicht werde aufhalten lassen.

Es ist ohnehin nicht ein Frage dieser oder jener einzelnen Regelung. Data mining liefert denen, die es angeht, längst die Möglichkeiten, mehr über irgendeine Person zu wissen, als diese selbst. Die Hotlines, in denen gute und schlechte Risiken bereits nach ihrer Postleitzahl sortiert werden, sind nur das sprichwörtliche Beispiel; insgesamt tut man gut daran, die erwünschten Merkmale aufzuweisen, welche das auch immer sein mögen. Man hat natürlich besser keine Brüche im Lebenslauf, man hat besser geputzte Schuhe, wenn der Durchschnitt das auch hat. Man liefert besser ein Bild, das im Rahmen der Erwartung bleibt. Ausgefallen darf man sein, denn das sind alle. Aber es gibt überall eine für alle unsichtbare Linie, hinter der man ausserhalb der Norm steht. Man muss es nicht wissen, es reicht, dass man es ist.

Man entwickelt besser, mit einem Satz gesagt, selbst ein Gespür dafür, was akzeptabel ist und was nicht. Man nimmt besser, das ist das selbe, die Masstäbe der Unterwerfung ganz, und freiwillig, in sich auf. Nicht die äusserliche Kontrolle, die blosse Disziplinierung: die innere Unterwerfung allein befähigt, angesichts völlig unbestimmbarer Kriterien dennoch immer auf der richtigen Seite zu stehen.

Man kann dem Kapital und dem Staat das alles nicht ernsthaft zum Vorwurf machen. Katzen (sit venia verbo) fangen Mäuse. Das das Proletariat dergleichen mit sich machen lässt; die zum Speien erbärmliche Bereitschaft der Massen, sich zu unterwerfen, das ist der eigentliche Gegner. Nicht die Herrschaft definiert die Kriterien normalen oder abweichenden Verhaltens, sondern die Masse der Beherrschten; durch ebendiese, je nachdem mehr oder weniger grosse, Bereitschaft zur Unterwerfung.

Nur zu spät gekommene Liberale, wie der Chaos Computer Club, hoffen darauf, dass die Gesellschaft ihre Freiheiten verteidigen werden; sie lassen sich sogar auf die alberne Abwägung von „Freiheit“ gegen „Sicherheit“ ein, als ob nicht alle wüssten, dass die „Sicherheit“ nicht nur unsere Sicherheit nicht ist, sondern sogar das Gegenteil davon. Die bürgerlichen Freiheiten mögen unerlässlich sein, um in dieser Gesellschaft zu überleben; sie werden nur nicht zu halten sein. Die Gesellschaft wird sich nicht gegen die autoritären Tendenzen des Staates liberal auflehnen; sie befindet sich nicht in Opposition zu ihm, ihre Ziele sind die seinen. Der Staat vollzieht nur nach, was sie vorgemacht hat: er ist die juristische Form ihres freiwilligen Konformismus.

Nicht nur unschuldig, sondern verdächtig ist, wessen Schuld nicht bewiesen ist. Und glücklich, wer weiss, wessen er/sie sich verdächtig machen könnte; er kann Vorkehrungen treffen. Die Unschuldigen aber haben keine Chance: ihnen kann man alles anhängen, sie können das Gegenteil nicht beweisen. Es empfiehlt sich nicht mehr, unschuldig zu sein.

Soll man also, im blinden Vertrauen darauf, dass der Staat mit den neuen Befugnissen nur denen Ärger bereiten werde, bei denen es ihm gerade gelegen kommt; soll man sich auf das dreckige Spiel einlassen, und versuchen, keinen Anlass zu geben? Dann soll man velleicht dieses Heft aus der Hand legen; ich hoffe, es könnte dereinst Teil einer realen Bedrohung zu werden. Es käme darauf an, keine verdächtige Bewegung mehr zu vermeiden; bewusst abzuweichen; Möglichkeiten von Unbeugsamkeit und Unberechenbarkeit auszuloten.

Für den beschränkten Bereich der Kommunikation im Internet heisst das, dafür zu sorgen, dass möglichst grosse Mengen an Entropie entstehen. Je grösser, grob gesagt, die Menge an verschlüsselten oder nicht zuordenbaren Daten gegenüber den brauchbaren, desto geringer die Möglichkeiten der Überwachung. Unverschlüsselte Kommunkation ist auch dann nicht mehr akzeptabel, wenn wir richtigerweise davon ausgehen, dass uns wahrscheinlich niemand nachstellt. Im Gegenteil ist die bewusste Verdunkelung, die Verweigerung der freiwilligen Transparenz, die angemessene Form von Widerstand einer Gesellschaft gegenüber, die keine wirklichen Feinde, sondern nur mehr oder weniger konformierende Unterworfene kennt.

Jenseits des elektronischen Horizonts, im real life, sind, nach dem selben Prinzip, weiter greifende Folgerungen zu ziehen. Sie sind oft genug erörtert worden und werden von mir auch noch bis zum Ekel, und in der selben abstrakten Form, erörtert werden. Man soll nicht erwarten, in einem Organ der bloss theoretischen Kritik praktische Vorschläge zu finden; wir werden uns hüten. Die praktische Kritik entsteht, für jetzt, in denen, die lesen, oder nirgendwo.

Von Jörg Finkenberger

1 Jede technische Massnahme kann, mit Aufwand, umgangen werden. Wer sich nichts konkretes vorzuwerfen hat, wird in der Regel den Aufwand scheuen. Daraus ergibt sich die wirkliche Zielrichtung der Massnahme: die Unschuldigen. Die Unschuldigen sind selbst schuld: sie sind selbst die, die noch jede Massnahme rechtfertigen. Woraus man ersieht, dass das Verbrechen auch nicht der wirkliche Feind dieser Unschuldigen ist, sondern die Abweichung in den eigenen Reihen.

Das Elend der studentischen Politik. Über die schon lange absehbare Niederlage der angeblichen Protestbewegung gegen die Studiengebühren

Nach 10 Jahren ist der Widerstand gegen die Einführung von Studiengebühren nunmehr wohl endgültig gescheitert. Das sollte, namentlich für die an diesem Widerstand beteiligten, ein Grund sein, einen Blick zurück zu werfen, und zwar im Zorn.

Ich habe an anderer Stelle und nicht allzu selten schon über die innere Schwäche und Halbheit dieser sogenannten Protestbewegung und der sie tragenden Organisationen geprochen, und kann mich deshalb hier mit einer kurzen Zusammenfassung begnügen.

Dass seit 1997 die Einführung von Studiengebühren bevorsteht, war damals und später allen klar. Ebenso war allen klar, welche Folgen das für Struktur des Studiums, die Zusammensetzung der Studierenden und die Autonomie des studentischen Milieus hat.

Dass es dann doch fast 10 Jahre gedauert hat, ist nicht im mindesten irgendeinem ernsthaften Widerstand der Studierenden zu verdanken. Denn dieser Widerstand existierte praktisch nicht.

Es sei denn natürlich, man bezeichnet die alle paar Jahre, wann immer es der parlamentarische Zeitplan diktiert, stattfindenden langweiligen und folgenlosen Grossdemos oder die nicht minder öden sporadischen „Aktionswochen“ als einen solchen. Letztgenannte Aktionen waren regelmässig darauf angelegt, das Verständnis der sogenannten Öffentlichkeit zu bemühen, indem man an den vermeintlich gemeinsamen Wert der „Bildung“ appelliert – ohne freilich zu sehen, dass man damit einem jämmerlichen Wortspiel aufsitzt, von dem niemand getäuscht wird als lediglich die Studierenden allein. Denn „Bildung“ bedeutet zweierlei für einen Kultusminister und für die Studierenden.

Man hat unbedingt Bildungspolitik treiben wollen, dem Staat gute Ratschläge geben wollen; man hat nicht die eigene Haut, sondern „die Bildung“ retten wollen, darunter tat mans nicht; man hat nicht wahrhaben wollen, dass der Staat Studiengebühren haben wollte zur Rettung eben der Bildung, welche im Kapitalismus alles andere bedeutet als die freie Entfaltung von Fähigkeiten und Bedürfnissen. Man wollte mitspielen beim grossen Spiel der Interessen und meinte, sein eigenes Interesse als Wohl der Allgemeinheit verkleiden zu müssen, wie es bei diesem Spiel so der Fall ist: nämlich zur Täuschung. Und man war dabei so ungeschickt, gerade als einzige Klasse auf diese eigene Täuschung hereinzufallen.

Die namenlosen Idioten, die auf Studierendendemos mit Transparenten herumliefen, auf denen der Verfall des Bildungsstandortes Bayern beklagt wurde, waren einfach nur gute Studenten. Und das wollten sie bleiben. Dass dergleichen Äusserungen im Namen irgendeines wertlosen Pluralismus geduldet wurden, ist ein Argument gegen die studentischen Aktivisten aus allen denkbaren irgendwie linken oder alternativen Gruppen.

Während solchermassen die Studierenden nichts anderes demonstrierten als ihre masslose Selbstzufriedenheit, die überschlug in die Wahnidee, sie seien tatsächlich in irgendeiner Weise gesellschaftlich besonders nützlich, taten die verschiedenen Fraktionen der studentischen Linken, sofern sie überhaupt irgendetwas zusammenhängendes taten, nichts anderes, als Politik zu spielen. Sie nutzten, genügsame Resteverwerter, noch das geringe Interesse an dem Vorgang überhaupt für kleinere oder grössere Intrigen um die Studierendenvertretung herum, sie warfen sich in Pose, um bei der Presse Profil zu gewinnen, sie luden auf den ohnehin halbtoten Widerstand ihre bildungspolitischen oder globalisierungskritischen Konzepte, um aus der geringen Zahl derer, die überhaupt aktiv waren, Rekruten für ihre schwindsüchtigen Organisationen zu machen.

Diesen Leuten ging naturgemäss jede Idee ab, dass die sogenannte Bewegung, die sie gemeinsam verwalteten und vertraten, auf diesem Weg kein anderes Ziel nehmen konnte als das erbärmlichste Scheitern. Denn jeder andere, bessere Weg hätte erfordert, den schwachsinnigen Stolz der Studierenden auf ihre sogenannte Bildung, und das heisst: ihre völlige Identifikation mit ihrer gesellschaftlichen Rolle, anzugreifen.

Die Studenten können nicht rebellieren, ohne gegen ihre Studien zu rebellieren, schrieb Mustafa Khayati 1967, und hat bis heute recht.

Widerstand gegen die Studiengebühren hätte bedeutet, das einzige sinnvolle am Studium zu verteidigen, nämlich den kurzzeitigen Freiraum und die kurzfristige Position, dem Getriebe der Ökonomie nicht ganz so hart ausgeliefert zu sein wie alle anderen. Die Niederlage bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die Austrocknung dieses Biotops.

Dass der Irrglaube, das Studium sei wegen der tollen Inhalte etwas zu verteidigendes, im Kern nichts anderes ist als Konformismus, und zu nichts anderem führen kann als zur Unterwerfung, das zu sehen haben die wenigsten die Augen. Gerade für die kritischsten im Übrigen hat die unergründliche Weisheit nämlich die Politikwissenschaft erfunden; und dort bringen es, unter der gütigen Anleitung eines gewissen für radikal versehenen Dozenten, noch die hoffnungslosesten Fälle zur nicht zu unterdrückende Leichtigkeit und dem Glück, ein Student zu sein.

Es gilt, teils aus Kalkül, teils aus Dummheit, als ungeschriebenes Prinzip der Linken, dass man den Massen nach dem Maul zu reden habe; so als ob nicht deren unbegreifliche Geduld noch der einzige Grund wäre, warum weiterbesteht, was doch nicht mehr zu rechtfertigen ist. Niemals also wird man die Linken erleben, wie sie etwas anderes treiben, als die Leute dort abzuholen, wo sie stehen. In besseren Zeiten nannte man so etwas Opportunismus. Nichts liegt diesen Leuten ferner als der Skandal, nichts fürchten sie mehr als die Isolation.

Als Gefangene einer opportunistischen Strategie müssen sie Gefangene der Formen bleiben, in denen sich der offizielle Betrieb abspielt. Ob sich daher unter der vollendeten Passivität der sogenannten Massen eine ebenso vollendete Unzufriedenheit verbirgt, werden sie nie herausfinden. Im Falle der Studiengebühren haben sie es jedenfalls geschafft, die Studierenden mit dem Versuch, ihr Anliegen der Öffentlichkeit nahezubringen, tatsächlich völlig zu isolieren. Das Beharren auf der Verteidigung der Bildung war zwar sehr gut der sogenannten Mitte zu verkaufen, aber muss für die anderen Klassen völlig ohne Interesse bleiben, wenn nicht schlimmeres. Jeder Versuch dagegen, sich lediglich im eigenen Namen und auf keinen gefälschten allgemeinen Titel hin seiner Haut zu erwehren, hätte namentlich seit den Hartz-Reformen möglicherweise eine gänzlich unvermutete Sympathie bei breiten Schichten hervorgerufen, die die linken Kader selbst schon durch ihre völlig vergessene Existenz überrascht hätten.

Unglücklicherweise bleiben die offiziellen Linken nur solange Herren der sogenannten Linken, solange die gefährlichen Klassen nicht erwacht sind. Und das unbewusste Wissen darum ist es, das sie ängstigt, und immer zuverlässig dazu treibt, nichts unbedachtes zu tun.

Dass die studentischen Kader von der Linken aus der Bewegung nichts machen konnten, mag ihr Schicksal sein, immerhin schon ein Einwand dagegen, solchen Leuten die Hand zu reichen. Wie sie aber, alle mit- und gegeneinander, die letzten Monate vor der Niederlage organisiert haben, das ist ihre Schuld, für die sie bei der nächsten würzburger Hochschulwahl die Antwort verdienen.

Nicht genug, dass die eine Fraktion (Jusos) jahrelang die opportunistischste Politik getrieben haben, die man sich denken kann, und zwar nach jeder Richtung; nicht genug, dass sich diese Fraktion zerlegte über einen unglaublichen persönlichen Streit; nicht genug damit, dass einer der schlimmsten Opportunisten, ein Mitarbeiter eines SPD-Landtagsabgeordneten, schliesslich zusammen mit Michael Kraus eine eigene „Alternative Liste“ gründete, welche den Widerstand nunmehr richtig zu führen versprach: die Damen und Herren (vor allem Herren) beider Fraktionen haben es geschafft, ihre theoretische gemeinsame Mehrheit zu verschenken, aus Gründen desselben persönlichen Streits.

Die „Alternative Liste“ jedenfalls, die seit den letzten Wahlen zusammen mit denselben Konservativen, Liberalen und Grünen, welche sie im Wahlkampf noch nicht zu Unrecht als „neoliberal“ bezeichnet hatte, die Studierendenvertretung stellt, verdient, wenn sie denn noch einmal anzutreten die Stirn haben sollte, keine einzige Stimme. Diese von Martin Bielwaski (SPD) und Michael Kraus (Attac) geschaffene Gruppierung hat ihren Kredit so derartig verspielt, dass sogar die völlig heruntergekommene SPD-Truppe daneben noch gut aussieht.

Zuletzt haben es diese Leute geschafft, die definitive Einführung der Studiengebühren durch den Akademischen Senat der Universität mit nichts anderem zu begleiten als einer Diskussionsveranstaltung, auf der Uni-Präsident Haase und andere Senatoren zum abermaligen sprachlosen Erstaunen der wenigen anwesenden Studierenden kundgeben durften, wie sehr richtig sie das finden, was sie jetzt anschliessend zu beschliessen gedächten; woraufhin dann, nach eineinhalb Stunden, die Studierenden allmählich heim in ihre WGs liefen und Haase die Versammlung beendete, um zusammen mit dem Senat in aller Ruhe zu beschliessen. Absurderweise hatte man ihm sogar die Leitung der Veranstaltug überlassen.

Es fällt einem nichts mehr ein: sogar die wenigen anwesenden Studis hätten ausgereicht, um die Senatssitzung zu stören. Man hat Haase bewusst solange labern lassen, bis sie sich zerstreuten. Richtig erleichtert müssen sie sich gefühlt haben, die Jüngelchen der AL und ihr Meister, als endlich alles vorbei war: die Nervosität, die das Erscheinen dreier angeblich scharz gekleideter bei ihnen und den anderen Funktionären der Ordung herrvorrief, war immerhin ein kleiner Trost. Ich betrachte diese Nervosität, die meine blosse Anwesenheit bei solchen hervorruft, jedenfalls als eine Verpflichtung.

Das bisher letztes Lebenszeichen von AL und Studierendenvertretung war der sogenannte Studiengebühren-Boykott, an dem sich um die 50 Leute beteiligten, was in etwa der Anzahl der Mitglieder der AL zuzüglich ihrer WG-Mitbewohner/innen entspricht; wer das eine Blamage nennt, untertreibt. Angepeilt waren 30% der Studierenden. Soviele wissen, legt man die bisherigen Wahlbeteiligungen zu Grunde, noch nicht einmal von der Existenz der Studierendenvertretung. Eine nutzlose Existenz im übrigen, die bisher nichts als Schaden angerichtet hat und jetzt, in den Händen der Konservativen, der Liberalen und ihrer Alternativen Steigbügelhalter, natürlich nicht besser geworden ist.

Angesichts einer Studierendenvertretung, die bloss entweder den linken oder den rechten Politikanten zur Tribüne dient, kann jede wirklich grundlegende Veränderung nur mit der Forderung anfangen, diese Studierendenvertretung einfach abzuschaffen.

Jörg Finkenberger