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Ein weiteres Mal: „It´s time to say goodbye.“

oder: wie verängstigte Einhörner vom Mond aus niederstarren und die Welt sich in der Neigung von 23,5° ringsum dreht.

„Wir meinen zunächst, daß die Welt verändert werden muß. Wir wollen die größtmögliche emanzipatorische Veränderung der Gesellschaft und des Lebens, in die wir eingeschlossen sind. Wir wissen, daß es möglich ist, diese Veränderung mit geeigneten Aktionen durchzusetzen.“ – Guy Debord, Rapport zur Konstruktion von Situationen

Wer mich kennt, weiß – dass die oben genannten Worte schon einmal im World Wide Web Einzug erhielten. Für den Rest: Es spielt eigentlich keine weitere Bedeutung. Sie wurden damals eingemeißelt, weil sie nimmer mehr vergessen werden durften. Eingehämmert, damit jeder sich erinnern wird und ich aus heutiger Sicht sagen kann, dass es nicht schlecht tat, die Brüche zu begehen, die eben – so bitter wie sie sein mochten – unumgänglich waren. Havarien werden einer Notwendigkeit der Unkenntnis über das Unheil vorausgeschickt. Es scheint kein großer Verlust zu sein, dass ich hinfort bin. Es war eben auch kein immenser Gewinn für eine schreckliche „Szene“. Ich bin draußen. Weg. Auf nimmer wiedersehen könnte man sagen oder es auch lassen. In Anbetracht der aktuellen Lage ist dieses Vorgehen eine Unabwendbarkeit – mehr noch – ein Obligatorium.

Die letzten Trümmer eines Irrglaube an die Restvernunft der Linken, wurde von der Langeweile besiegt. Ihr habt nichts das euch berechtigt den Unsinn zu treiben, den ihr treibt. Alle anderen können mit ihrem Erfolg prahlen – ihr lasst es tatsächlich besser. Ihr versteht eure Rolle nicht, die ihr mit eurem Handeln einnehmen wollt. Die ihr mit eurem Dasein fristet. Ihr habt noch nie die Notwendigkeit einer historische[n] Verantwortung verstanden, die man als freiheitsliebender Mensch verstehen sollte. Endlich die „Notbremse“ zu ziehen, daran gilt es festzuhalten. (0) Die Vorbereitungen zu machen! Ihr versauert dort, wo sich niemand um euch kümmert. Warum sollte es auch jemand? Eure lapidaren Ausschweifungen zu Themen, die altbacken sind, sind nicht die Belange, die unseren grässlichen Alltag bestimmen und uns tagtäglich zu das machen, was wir sind. Ihr quält euch mit deplatzierten Gedanken – statt euch tatsächlich mit dem zu beschäftigen, das etwas verändern wird. Und selbst ihr kauft euch eure Postulate (ja, nichts anderes scheinen sie zu sein) mehr ab. (1) „Szenetalk“ ist es, wie es Kriegstheater als sinnentleertes „Geplänkel“ zu Recht als solches bezeichnet. (2)

Warum ist man nicht in der Bewandtnis das zu tun, das doch so unentbehrlich scheint? Ihr steht morgens auf um euch die Schuhe zu binden, das Frühstück zu verzehren, zu lüften und den Weg zur Straßenbahn zu finden – trotz der Müdigkeit die euch doch so quält. Ihr steht mittags in der Kantine um euer Mittagessen zu verzehren, um den Tag physisch zu überstehen – trotz der psychischen Qual. Ihr liegt nachts im Bett um eure Ruhe zu finden; vor dem Alltag, der noch Schlimmer nicht zu drohen scheint? Und ihr könnt noch schlafen? Trotz der Strapazen um die ihr angeblich bescheid wisst, entscheidet ihr euch täglich für das Selbige? Diesem Trott des Alltags hingegeben, scheint man solch große Übung in den Abläufen zu haben, dass man sie selbst im Schlaf beherrscht. Nicht sonst würde der Spruch eines alten Griechen auch heute noch an Aktualität verlieren, der besagt: „Auch die Schlafenden halten die Ordnung der Welt aufrecht.“

Die Welt in der die Existenz unserer zu finden ist, erkennt ihr als eine schreckliche an, doch das was ihr tut ist alles was es aufzubringen gilt? Dann werde man auch euch den Kampf ansagen müssen. Es gilt nämlich: „All dem muss in offener Feindschaft entgegengetreten werden, um endlich das Leben selbst herauszufordern.“(3) Die Gefahr dabei ist gen Ende gänzlich die, alleine in der Backstube als Lehrling auszuharren. Alleingelassen von der „Ersatzfamilie“ von den Leuten die einen zeitweiligen Lebensabschnitt mit uns teilen und sich wie so oft Freunde schimpfen. Die Dinge so hinzunehmen scheint jedoch auch für euch nicht ganz in Ordnung, dieser letzte Keim muss sprießen, damit es wenigstens Unkraut wird. So arrogant bin ich!

Es nämlich einfach so hinzunehmen wäre fatal und mit dem Bewusstsein, der Dringlichkeit auf Veränderung hin zu einer emanzipatorischen Tagesordnung nicht vereinbar. Warten können wir nicht länger. Warten wollen wir nicht länger. Und während die isländische Vulkanwolke zeigt, wer die Krise ist, schafft man hier keine Zuspitzung. (4) Vielleicht ist noch nicht die Zeit gekommen es begreiflich zu machen, dass unser Anliegen derzeit keine revolutionäre Bewegung sein kann. Immerhin dient noch die Poesie der Toten für eine Nordwestpassage zu den Ansätzen einer möglichen emanzipatorischen Gesellschaft, und solange dies so ist, werden sie viel lebendiger sein als die Lebenden selbst.

In den Nervenzellen meines Gehirns spielen sich im Gleichtakt Illustrationen ab, die keine Photothek aufnehmen könnte, da sie endlos sind. Ohne Anfang, ohne Ende – und ständig wäre ein Einschub, ein Schnappschuss möglich. Doch niemand findet augenblicklich den Auslöser. Das Stativ ist bereits auf drei Beine gestemmt. Das Objektiv scheint jedoch noch in Bauplanung und für das Kameramodell gar nicht gerüstet. Der Fotograf muss erkennen, dass nur er alleine den Auslöser zu aktivieren hat, denn das Objekt der Begierde schreitet immer weiter Richtung Horizont. Und trotzdem scheint es wichtiger als ehemalig, „je unmöglicher der Kommunismus ist, desto verzweifelter gilt es, für ihn einzutreten.(5)

Damit das Blitzlichtgewitter endlich Einzug erhält!

Karl von Irgendwo oder so.

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(0) Der Terminus der Notbremse ist Walter Benjamin entlehnt: „Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ – Walter Benjamin. Angesichts der Züge die nach Auschwitz rollten, mag es tatsächlich eine revolutionäre Tat gewesen sein, diese Notbremse spätestens (!) an Ort und Stelle zu ziehen.
(1) Nebenbei könnt ihr sie ja nicht einmal formulieren und würgt bei genauerem nachfragen kleinlaut ab: „Ja, ich weiß das ja auch nicht so genau. Kann schon sein.“
(2) www.kriegstheater.blogsport.de in dem Beitrag mit der merkwürdigen Überschrift: „Manifest (Entwurf)“
(3) Carlo Raimondo Michelstaedter. In offener Feindschaft mit dem Bestehenden, seinen Verteidigern und seinen falschen Kritikern
(4) Ich möchte natürlich die Annahme – die derzeit eher einer Tatsache entspricht – nicht abstreiten, dass die deutsche Bestie gerade derzeit so schrecklich barbarisch daherkommt und eine Konterrevolution viel wahrscheinlicher als alles andere wäre. Solange diese Befürchtungen bestehen, darf man getrost auf keinen Umsturz hoffen. Mehr noch, man muss gegen ihn Stellung beziehen.
(5) Max Horkheimer. Um mich auch einmal bei den beliebten Zitateonkeln zu bedienen.

Würzburger Schandtaten.

Die Freundinnen und Freunde des Post-Prä-Bikri haben Mut bewiesen! Sie haben die Qual über sich ergehen lassen, dass „Pferd-Tret-Festival“ zu besuchen und darüber auch noch ihre Eindrücke der Welt zu präsentieren. Aber liest selbst:

Es ist manchmal sehr interessant, wie manche Menschen dem Sog des Sommerlochs in Würgtown zu entkommen versuchen. Kaum zu glauben, ist einmal die übliche Klientel des Bildungsstreiks aus der Stadt, geschehen durchaus amüsante Sachen. Zu unserer Schande müssen wir gestehen, bei Critical Mass waren wir nicht und können folglich auch nicht einschätzen, was das für Menschen sind und ob sie mit dieser Stadt und diesem Sommer mehr Probleme haben, als dass in Würgtown kein nötiger Respekt den FahrradfahrerInnen entgegengebracht wird.

PS: Der Hype steckt in der Klemme, pardon (!) – Presse fest. Nächste Woche ist es soweit.

Ordnung, Disziplin und Lagerfeuerromantik

Aufgrund von drastischen Kürzungen in der kommenden Print-Ausgabe (14b/15) werden wir einige (auch längere) Artikel lediglich online veröffentlichen. Es folgt ein Gastbeitrag.

Ordnung, Disziplin und Lagerfeuerromantik
Katholische BootCamps in Unterfranken

Als vor einiger Zeit die Medienöffentlichkeit auf die neofaschistische Jugendorganisation
Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) aufmerksam wurde, war das entsetzte Erstaunen groß. Berichte über Sommerlager im Stil der HJ und die neofaschistische Indoktrinierung von Kindern machten genauso die Runde wie Bilder von uniformierten Kindern, Fackelzügen und „Führerbunker“-Zelten. Nach anhaltender Berichterstattung ist die HDJ mittlerweile verboten. Keineswegs unbemerkt von der Provinzöffentlichkeit, vielmehr mit deren Wohlwollen aufgenommen fühlen sich hingegen seit Jahrzehnten Jugendlager in Unterfranken, die zwar aus einer gänzlich anderen ideologischen Spielrichtung des Bürgertums kommen, nämlich dem Katholizismus, deren gesellschaftliche Funktion aber die gleiche ist: Brutale Disziplinierung und Einbindung von Kindern in sexistische und rassistische Kategorien. Die Rede ist von Zeltlagern, die jahrjährlich von Jugendorganisationen des Katholizismus, namentlich vor allem den Ministranten, abgehalten werden. Dort erfahren Kinder ab dem Grundschulalter, abgeschieden von jeglicher Rest- Zivilistation, bei Lagerfeuerromantik Disziplin, Ordnung und Drill. Im folgenden soll ein Aussteigerbericht dokumentiert werden, der die Geschehnisse in diesen Lagern treffend schildert:

>> Die Teilnehmer eines Ministranten-Zeltlagers sind in der Regel zwischen 8 und 20, in Ausnahmefällen bis 25 Jahre alt. Sie organisieren die Lager selbst, theologische sowie organisatorische Hilfe bekommen sie dabei von der Pfarrgemeinde als auch dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Die Lager finden oftmals in den Pfingstferien, einer Jahreszeit, die von sehr unsteter, nass-kalter Witterung geprägt ist, auf Wiesen oder Waldlichtungen fernab jeder Rest-Zivilisation statt. Diese Abgeschiedenheit ist bereits Teil des reaktionären Programms. Im Zeichen der Lagerfeuerromantik wird so ein naturwüchsiges, anti-modernes Leben idealisiert.
Errungenschaften der Unterhaltungselektronik sind während des Lagers genauso verboten, wie Kommunikation zur Außenwelt und Duschen. Vielmehr wird sich bei militaristischen Spielen „amüsiert“: Inszenierte und gewünschte Schlägereien, bei welchen die Konstruktion maskuliner Stärke nur einen ihrer vielen Ausdrücke auf solchen Lagern findet, gehören genauso zum
Programm, wie Tagesmärsche und der sog. nächtliche Überfall. Dabei versuchen befreundete Jugendorganisationen die Zelte des Lagers einzuwerfen und die zuvor im Stile einer militaristischen Zeremonie gehisste Lager-Fahne zu stehlen. Verhindert werden soll das durch die Aufstellung von Kindersoldaten, die verängstigt in stockfinsterer Nacht Wache halten müssen, und dem kämpferischen Eingreifen älterer Lagerteilnehmer, deren heldenhafter Einsatz ihnen Ehre und Ansehen in der Lagergemeinschaft einbringt. Dabei wird den Kindern spielerisch die Idealisierung eines kriegsähnlichen Zustandes und militärischer Riten nahe gebracht. Zur Lagerfeuerromantik des Lagerlebens gehören selbstredend auch gemeinsame Liederabende am Lagerfeuer. Aus einem vorgegebenen Repertoire an Liedern wünschen sich die Lagerteilnehmer ihre Lieblingsstücke. Die Wahl fällt dabei oftmals auf sexistische und/oder rassistische Lieder, die auch gerne mehrmals am
Abend gesungen werden. So wird in einem beliebtem Lied die Vergewaltigung eines Mädchens/jungen Frau am Donauufer glorifiziert. Ein anderes handelt von angeblichen „Negeraufständen in Kuba“, bei welchem die „Neger“ als brutale, Weiße massakrierende Kannibalen dargestellt werden. Die Lieder werden so oft gesungen und ihre Melodien sind so eingängig, dass ich sie selbst heute nach Jahren noch auswendig singen könnte. Kinder im Grundschulalter werden so unterbewusst mit rassistischen und sexistischen Kategorien vertraut gemacht, Ältere können dabei ungestört ihren Ressentiment freien Lauf lassen.
Eine weitere Form der Disziplinierung von Kindern und Jugendlichen bei Ministranten Zeltlagern sind Abhärtungsrituale. Die schon erwähnten Dauermärsche, die fester Bestandteil der Lagerwoche sind, finden bei jedem Wetter statt. So marschieren die Kinder, unabhängig ihrer körperlichen Verfassung und Vermögens, sowohl bei frühsommerlicher Hitze als auch bei klirrender Kälte, Regen und Hagel von Morgens bis Spätabends über Feldwege. Eine Freistellung wird nur in Ausnahmefällen gegeben. Eine andere Form der körperlichen Abhärtung stellt der allmorgendliche Morgensport- und Waschritus dar. Direkt nach dem Weckruf, der gegen 7:30 Uhr erfolgt, gilt es sich zum Morgensport aufzustellen. Die Teilnahme daran ist verpflichtend. Danach gehen die weiblichen Lagerteilnehmer in ein Waschzelt, während der männliche Teil sich unter freiem Himmel bei kältesten Temperaturen oberkörperfrei mit eisigem Wasser waschen müssen. Wer diesem Ritual nicht nachkommt muss mit Disziplinierungsmaßnahmen rechnen, die bis zur brutalen Zwangswäsche gegen den Willen des Einzelnen führen. Keine Beachtung finden natürliches Schamgefühl vor der öffentlichen Entblößung oder Angst, sondern werden als Schwäche und
fehlende männliche Härte diskreditiert. Kernstück der Disziplinierungs- und Konditionierungsfunktion der katholischen BootCamps ist eine ausdifferenzierte Hierarchie, die sich sowohl in zwischenmenschlichen Beziehungen per se gleichgestellter Mitglieder vor allem in Formen des Mobbings zeigt, als auch in der Ausübung offizieller Ämter. Mobbing, ein gesamtgesellschaftliches Problem, tritt bei den abgeschotteten Lagern der katholischen Jugendorganisation in besonderer Härte auf, weil, analog zu Geschehnissen in Kasernen, die Opfer hier zum einen keine Chance haben ihren Peinigern aus dem
Weg zu gehen, zum anderen sich das Mobbing mit den Erlebnissen der offiziellen Hierarchie verzahnt. Diese definiert sich in erster Linie durch Alter und Ansehen. Das Lager wird durch eine sog. Gruppenleiterrunde geleitet, der ein oder zwei Oberministranten vorstehen. Sowohl bei den Gruppenleitern als auch den Oberministranten handelt es sich um ältere und angesehene Ministranten. Deren Ernennung erfolgt intern durch Cliquenbeziehungen und ohne jede demokratische Legitimierung. Dazu kommen noch hierarchische Ämter während des Lagers wie den sog. Zeltleitern oder Leitern bei den Tagesmärschen, die sich allerdings mit den Gruppenleitern überschneiden können. Unter dieser kleinen Zahl an Führungspersonal steht die Masse der jungen Teilnehmern. Die skizzierte Hierarchie funktioniert als System absolutem Befehl und Gehorsams. Den Anweisungen der Gruppenleitern ist Folge zu leisten. Darüber hinaus gibt es appellähnliche Aufstellungen, sowohl zu festgelegten Uhrzeiten als auch bei dem Trillerpfeifenton der Lagerleitung.

Am deutlichsten und brutalsten tritt die Disziplinierung der jungen Lagerteilnehmer durch Hierarchie jedoch beim bereits erwähnten Waschritus als auch beim gemeinsamen Essen auf. Während des Essens darf der Tisch nicht verlassen werden. Kindern, die ihren Harndrang (noch) nicht entsprechend kontrollieren können, werden so brutal zu absoluter Disziplin erzogen. Ebenso ist es Pflicht seinen Teller leer zu essen. Keine Rücksicht genommen wird auf Sättigung oder
Ekelgefühlen. Weigerung wird nicht akzeptiert, und zieht nur größere Aufmerksamkeit auf sich. Letztendlich muss der Teller leer gegessen werden, was bis zum Brechreiz durchgesetzt wird. Beide Regelungen erfolgen offen und ausdrücklich mit dem Bestreben die Kinder zu Ordnung und Disziplin zu erziehen. Dabei spielen Ältere und höhergestellte Ministranten offen sadistisch ihre Macht aus. < <

Die hier dargestellten Geschehnisse müssen als Spiegel der gesellschaftlichen Realität begriffen werden. Diese steht dem Individuum als feindliches Umfeld gegenüber, das soziale Disziplinierung, Ausrichtung und Einpferchung vielleicht noch subtiler täglich erfahrbar macht.
Gehorsam, Disziplin und Ordnung, sind aber nicht nur deutscheste Tugenden, sie sind die absolute soziale Notwendigkeit einer totalitären Vergesellschaftung durch Arbeit. Eine Gesellschaft, die einerseits so umfassend auf das Individuum zugreift, ihm Härten abverlangt, in Kollektive presst und deren Glücksversprechen andererseits ein ums andere mal als himmelschreiende Farce erscheint, ist notwendigerweise auf innere Disziplinierung seiner Objekte angewiesen. Seit Kaiserszeiten übt das Militär als „Schule der Nation“ diese Funktion passend aus, mit Brandts Regierungserklärung «69 kommen folgerichtig auch die Bildungsanstalten als geeignete Institution zur Disziplinierung hinzu. Der dokumentierte Aussteigerbericht stellt die katholischen Jugendlager ebenfalls in diese Kategorie. Sie erscheinen als BootCamps, als Institutionen psychischer und physischer Disziplinierungsgewalt. Als Inbegriff Roland Kochs feuchtester Träume. Die soziale Funktion der Disziplinierung ist die Vorbereitung auf ein Leben als Objekt einer totalen Gesellschaft. Gemeinsam mit der Schule ist diesen Camps, dass hier auf jüngste Mitglieder der Gesellschaft zugegriffen wird. Durch Angst, Druck und Befehl und Gehorsam werden sie autoritär
sozialisiert. Das Produkt dieser Erziehung zum Gehorsam ist ein rassistischer, sexistischer, obrigkeitshöriger autoritärer Charakter. Ein Untertan im Mannschen Sinne, der nach Unten tritt und nach Oben buckelt, der sich in agressiven Kollektiven wohl fühlt, der die Obrigkeit nur kritisiert, wenn er das Kollektiv gefährdet sieht. Der bereitwillig und aufopfernd seinen Teil zum Wohl des Kollektivs beiträgt. In anderen Worten, und dem Schrecken der gegenwärtigen Tage geschuldet,
kšnnte man ihn auch einen ‚Schland‘-Fan nennen. Die katholischen BootCamps in Unterfrankens Wäldern und Auen sind also nicht nur Spiegel des barbarischen Zustandes der Gesellschaft sondern auch Vorbereitung auf die Hörten, die diese
Gesellschaft vom Individuum abverlangt. In ihrer sozialen Funktion der Disziplinierung des Einzelnen vereinen sie notwendigerweise beides, nach dem Motto:
„Disziplin und Gehorsam wirst du überall finden, mein Kind. Es ist also wirklich nicht schlecht sie in jungen Jahren zu erfahren.“ (1)

A to the Teo

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(1) Karl v. Medina

Solidarität mit dem Riot Dog!

„Was aber seine gut erzogenen Artgenossen in Deutschland auszeichnet, fehlt Louk völlig: Gehorsam und Disziplin. Aber dafür lebt er ja auch in Griechenland.“
Spiegel TV, scheiße Mann, dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Interview mit dem Verschmutzer

1/3 Schnaps – 2/3 Bier

Adam B.(1) ist stolzer Verursacher von Kotze, Kot und Urin in der Würzburger Innenstadt. Er entschloss sich kurzfristig für ein Interview mit dem Letzten Hype. Adam B. studiert Soziale Arbeit an der FH Würzburg und sieht seine Taten als eine bittere Notwendigkeit. Das riecht nach Konflikt. Seit 3 Monaten mobilisiert die „Bürgerinitiative Würzburger Altstadt“ (BIWA), angeführt von dem Waffenladeninhaber Snickers – gegen die Verschmutzung und Eigentumsbeschädigungen, die in frühen Morgenstunden von Feiernden ausgehen.

F: Als Verursacher von Dreck und Lärm agieren Sie bereits seit geraumer Zeit. Was veranlasst Sie in die letzten Ecken der Innenstadt ihren Urin abzugeben, den eben eingeschmissenen Döner wieder loszuwerden oder dem Waffenhändler Snickers ein Präsent zu hinterlassen?
A: Was muss, das muss. Was raus muss erst recht. Wo wenn nicht hier, wann wenn nicht jetzt oder wieso erst jetzt? Das hätte schon viel früher passieren müssen. Ich sehe das als Akt zivilen Ungehorsams, gegen das Würzburger Spießbürgertum und im Speziellen das Urinieren an Geschäften eines Waffenhändlers als antimilitaristische Praxis.

F: Ihrer Antwort zu entnehmen sind sie ein politischer Mensch. Wieso vollenden Sie gerade ihre Taten bei Nacht und Nebel und hinterlassen keine Hinweise oder Forderungen?
A: Nein, ich würde mich nicht als politischen Mensch betrachten. Politik betreibt eben gerade die Bürgerinitiative. Ich hingegen bekämpfe nicht Wasser mit Wasser sondern mit Feuer. Politik ist eben nicht mit Politik zu bekämpfen. Aus diesem Grund hinterlasse ich auch keine Hinweise oder Forderungen, da die Tat einzig und allein für sich spricht.

F: Wie kann denn der Otto-Normal-Verbraucher erkennen, dass es sich bei der Kotze nicht um herkömmliche Kotze handelt, sondern um eine Art des Protests. Spricht man dann von einer Protest-Kotze?
A: Das soll er doch im ersten Moment gar nicht. Die meisten werden jetzt denken, es ist doch gar nicht so schwer so zu kotzen als ob man vom feiern käme, aber in Wirklichkeit habe ich fast ein halbes Jahr gebraucht bis ich die richtige Mixtur gefunden habe, die es mir ermöglicht die Kotze genauso aussehen zu lassen. Erfahrungsgemäß ist es wichtig, den Döner schnell in großen Happen zu essen, damit die Brocken, die ja später wieder raus sollen, möglichst groß bleiben. Diese Technik musste ich mir durch stundenlange Beobachtungen von Betrunkenen aneignen. Mittlerweile läuft es ganz gut.

F: Das Aussehen scheint eine große Rolle einzunehmen, aber wie bekommen Sie es denn so hin, damit das Erbrochene auch echtheitsgemäß riecht?
A: Dazu habe ich nach langem probieren die richtige Mischung gefunden. Ein drittel Schnaps, zwei drittel Bier (diese Mischung riecht ganz toll). Aber nicht nur der Duft ist ausschlaggebend für den Erfolg, sondern auch das Umrühren wie es beim Tanzen in der Disco geschieht. Dazu schlage ich kurz vor, dem eigentlichen Kotzakt schnell fünf Purzelbäume hintereinander um mir dann den Finger in den Hals zu stecken. Das ist ein wichtiger Faktor der selten beachtet wird.

F: Die Sperrstunde macht die BIWA zu ihrem Hauptthema. Wie gehen sie mit dieser Problematik um? Es scheint so, als beträfe sie diese gar nicht bzw. Sie machen diese nicht zu Ihrem Hauptanliegen.
A: Die Sperrstunde geht mir links am Arsch vorbei. Pinkeln und Kotzen kann ich so oder so. Doch wenn die Sperrstunde eintreten sollte, werde ich wesentlich mehr zu tun haben, da unwissentliche Unterstützter in Form von betrunkenen Feiernden wegfallen würden und ich deren Arbeit auch noch übernehmen müsste. Dazu trainiere ich jetzt schon dreimal die Woche um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Das zerrt zwar ganz schön an der Substanz, aber um das Notwendige zu tun muss man manchmal Opfer bringen.

F: Sie sprechen gerade so, als ob Sie in ihren Aktionen stets alleine zu gegen sind.
A: Ich arbeite generell alleine. Nehme aber einmal im Monat mit anderen Aktiven an einem Treffen teil um Methoden und Erfahrungen auszutauschen.

F: Vielen Dank! Noch ein letztes Wort an unsere LeserInnen?
A: Lasst uns pinkeln, lasst uns kotzen und dreimal von oben auf Würzburg rotzen!

Das Interview führten Asok und Karl von Medina
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1: Name von der Redaktion geändert

Zum Wert der Arroganz

10 Thesen zum Wert der Arroganz

1.Die Gegenwart wird durch die Ideologie der Postideologie bestimmt. Unversöhnliche Standpunkte scheinen nicht mehr zu existieren, jede Debatte wird zum Diskurs, der zum Konsens treibt.

2.Die Addition aller Debatten, die keine Unversöhnlichkeit kennen, nennt sich Postmoderne. In ihr vollendet sich die unbewusste Demut gegenüber dem Kapitalverhältnis.

3.Die Folge des Absterbens der Unversöhnlichkeit ist ein empfundenes Wir. Dieses Wir ist als verinnerlichte Ressource zu betrachten, an die in (ökonomischen) Krisenzeiten appelliert werden kann, um vereinzelte Menschen zu VolksgenossInnen zu machen.

4.Die Postideologie hat sich längst alle öffentlichen und privaten Debatten zu eigen gemacht: Was früher Authentizität oder Prinzipientreue war, wird heute als Arroganz bezeichnet und geächtet. Eine Diskussionshaltung, die nicht von vorne herein konsensual wirkt, kann wegen der postideologischen Deutungshoheit über die Begriffe als ideologisch gebrandmarkt werden, wobei die Ideologie des Kapitalismus unbehelligt bleibt.

5.Die Gegenwart hat die Fähigkeit verloren, Arroganz und Unversöhnlichkeit zu unterscheiden. Beide Begriffe sind ihrer einstigen Bedeutung beraubt und fallen zusammen.

6.Hochmut ist eine Haltung, die soziale Distanz verdeutlicht. Eine Gegenwart, die keinen Streit ohne Versöhnung kennt, strebt daher danach, die Arroganz als Feind des Friedens auszumerzen.

7.Anstand ist die zur Tugend erhobene Akzeptanz der Umgangsformen, die die Herrschaft des falschen Wir über das Ich möglich machen. Arroganz ist eine Haltung, die keinen Anstand kennt.

8.Wer als arrogant bezeichnet wird, verweigert sich der konsensualen, postideologischen Debattenkultur, in der jede Feindschaft zur Freundschaft werden kann, und Krieg zu Frieden wird.

9.Wer als arrogant bezeichnet wird, kann als VerneinerIn des postideologischen Konsenses angesehen werden. Hochmütig vorgetragene Standpunkte nämlich stehen für sich selbst und für ihre Wahrheit, statt in der Beliebigkeit der postmodernen Wahrheiten zu verschwinden.

10.Arroganz ist daher keine negative Eigenschaft, sondern ein Prädikat, das sich der Selbstverneinung gegenüber dem Kollektiv verweigert und auf die Möglichkeit der Emanzipation hinweist.

Gruppe Arrogante KommunistInnen

Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters III

An diesem Abend lief ich unter am Fluss vor der Stadt und hing meinen Gedanken nach; ich stand unter den Bäumen, und sah zu, wie es langsam dunkel wurde. Vor mir, über dem Fluss, hing die alte Brücke mit der Autobahn; neben mir, hinter den Bäumen, die Strasse. Hinter mir irgendwo die Stadt.

Die Scheinwerfer der einzelnen Autos verwandelten, von der Bewegung verschmolzen, die Strassen in leuchtende Bänder, die wie Schlangen durch die Gegend liefen; irgendwo vorne im Dunkeln kreuzten sie sich, umwanden sich, mündeten ineinander und teilten sich, und tanzten ein seltsames Ballet.

Das Schauspiel blieb sich zu lange selber gleich, und ich wollte weitergehen, um meine Gedanken zu zerstreuen, aber ich zögerte erst, und dann betrachtete weiter, erst unwillig, dann interessiert die niemals endende Bewegung des Wurmes.

Ich bin so oft selbst entlanggefahren, hier oder anderswo, zur Arbeit oder zurück, die Strassen entlang, die die einzige Verbindung meines zerrissenen Lebens sind, und so oft habe ich mit sehnsüchtigem Blick etwa abseits der Strasse, hier neben dem Fluss, das grüne und gelbe Gras im Wind wehen sehen, unter den schattigen Bäumen, und das Wasser, das in der Sonne um die Steine glitzerte. Und wie oft habe ich gewünscht, ich wäre dort, und nicht da, wo ich herkomme, oder wo ich hingehe. Und nie war ich dort.

Jetzt stand ich an einem ganz ähnlichen Ort und sah den Leuten zu, denen es vielleicht gerade genauso ging. Was dachten sie wohl gerade? Wohin gingen sie, woher kamen sie, warum passierte das alles?

Und ich sah dem stählernen Tanz weiter zu, der wie sich zu den Schlägen eines unsichtbaren Taktstockes blind weiter bewegte, manchmal rascher, manchmal stockend und stossweise. Was trieb diese gespenstische Maschine an?

In den Autos, wusste ich, sassen Menschen, die zur Arbeit oder von der Arbeit heim fuhren; in den Lkw Waren, die zum Verkauf oder zur Produktion fuhren. Eine gigantische rollende Lagerhalle für Industrie und Handel, pulsierend unter einem rauchigen orangenen Nachthimmel. Und zum Verkauf oder zur Produktion fuhren auch die Menschen. Oder nach Hause.

Wie Batterien, wie Leergut, das gefüllt werden muss, und alles, was sie ihr Leben nennen, ist nur das Auffüllen. Und morgend früh werden sie wieder zur Arbeit fahren, fast wie freiwillig, aus eigenem Antrieb, und werden glauben, sie seien das selbst, was das Auto fährt; dabei ist es nur eine Ware. Die sind sie selbst.

Dinge, und Menschen, und die Menschen sind auch Dinge. Sie zirkulieren, auf dem Markt. Sie haben alle ihre Wünsche und Träume, und wollen vielleicht, dass es anders ist, und alles ist ihnen sehr persönlich, was sie tun, aber in Wirklichkeit interessiert nicht,was sie wollen, sondern was sie müssen. Und es ist, wie wenn ein Schleier vor mir zerreisst, und kreischend erscheint die Wirklichkeit vor mir.

Der unfassbar riesenhafte Kreislauf pulsiert vor mir wie das Blut in den Adern eines gigantischen Ungeheuers, von dessen Willen alleine bestimmt; ich sehe, wie er sich aus den Strassen, den Ansiedlungen, den bewohnten Häusern, aus dem Fluss und den Bergen, aus der Stadt und den anderen Städten zusammensetzt, wie vor meinen Augen; ein riesenhafter organischer Leib, der die ganze Wirklichkeit in sich begreift, aus allen ihren Bewegungen besteht; er ist um uns, und wir sind in ihm, nur ein Teil von ihm; alles Land um mich ist, als ob es sich zu seiner Gestalt wölbt; höher als die Berge, ich sehe, wie er sich vor dem Nachthimmel erhebt; ich schreie vor Furcht, ich begreife mit Entsetzen, was vor mir geschieht: ich sehe den grossen Leviathan, in seiner wahren Gestalt. — Ich sehe ihn, ich kann ihn sehen, seht ihr ihn denn nicht? Sieht es niemand? Packt niemanden das Grauen, vor der Bestie, dem grossen Drachen? Ich sehe, wie er sich bewegt, ich höre ihn zischen! ---

Zu Hilfe! Zu Hilfe! Der Absolute ist hier! —

Als das Entsetzen über das, was ich begriffen habe, nachlässt, bin ich schon wieder auf dem Weg in Richtung Stadt, aus allen Kräften rennend: nur weg von diesem Ort, nur schnell weiter, schnell.

Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters, Teil II

1
Ich bin auf der Arbeit und warte auf den Abend, besser noch auf den Freitagabend, denn dann habe ich, wie man es wohl nennt, frei. Dann kann ich gehen, der Druck weicht von mir, langsamer, als es mir gut tut, und, mit weniger Freude als man glauben sollte, gehe ich nach Hause.

Das sind jetzt meine freien Abende, meine freien Tage, wenn ich den allgemeinen Redensarten glauben darf.

Während der Arbeit denke ich ab und zu an meine Freunde draussen, in der Freiheit: was tun sie wohl gerade? Und ich sehe den weichen Regen niedergehen, oder eine feine dünne Sonne strahlen, und kann nicht anders, als sie beneiden.

Dort draussen, in der Freiheit, dort passiert wohl gerade dieses Leben, von dem man mir immer erzählt hat, und das mir wohl, wie es aussieht, verwehrt bleibt.

Ich rechne mein Alter gegen den wahrscheinlichen Zeitpunkt, wann mich diese Maschine mit einem geringen Alterseinkommen wieder freisetzen wird, und erschrecke: dass ich dreissig Jahre die Sonne nicht mehr sehen soll! Ich kann es nicht begreifen, was habe ich verbrochen? Für dreissig Jahre hätte ich, bei den gängigen Tarifen, zweieinhalb Menschen ermorden können, ich aber habe niemandem etwas getan.

2
Nach der Arbeit gehe ich einkaufen, in ein grosses Kaufhaus nahe wo ich wohne, das heisst Kaufland. Ein abscheulicher, sogar irgendwie abstossender Name, aber irgendwie in seiner Verblödung ziemlich ehrlich und mir sofort sympathisch. Etwas weiter entfernt liegt der Wertkauf, da gehe ich noch lieber hin, denn sein Name ist dermassen hirnverbrannt, ein seltenes Beispiel eines tautologischen, dabei völlig sinnlosen Wortes. Ausserdem erinnert seine Fahne von ferne an die der Hizb Allah. (Die des Spar dagegen an die libanesischen Falangisten.)

Es ist nicht so, dass ich nicht Härte gelernt hätte und Disziplin, und ich habe auch schon ganz andere Dinge gesehen und überstanden; aber es ist mir passiert, dass ich im Kaufhaus haltlos in Tränen ausgebrochen bin, als ich eine Tüte Chips, die nach Basilikum schmecken sollten, in die Hand nahm, und darauf stand: „Ein Stück Lebensfreude“. Vor lauter Wut und Enttäuschung.

Mit einiger Hast raffe ich Waren zusammen und gehe zur Kasse; ich schaue zurück, über eine einförmig bunte Landschaft aus Regalen: der Reichtum in denjenigen Gesellschaften, in denen die kapitalistische Produktionsweise vorherrscht, erscheint als eine ungeheure Anhäufung von Waren; und ich schüttle hilflos den Kopf: Todfeind der Gesellschaft der Ware will ich sein, und ihres Staates, und werde es wohl bleiben müssen, solange Leben in mir ist. Ich ziehe den Kopf ein und laufe eilig weiter ins Dunkle, in den Nieselregen: wie auf der Flucht, in Furcht, man könnte mich erkennen.

Niemand ist mir gefolgt, und als ich dort ankomme, wo ich, wie es heisst, zuhause bin, öffne ich eine Flasche Bier, trinke zwei Schlucke und falle in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

3
Manchmal packt mich ein Gefühl von Ungeduld, es ist manchmal ein düsterer Gram, manchmal eine jubelnde Euforie, und sie treibt mich in die Nacht hinaus. Ich kann dann ganze Nächte durch wandern, von einer Unruhe getrieben, als warte dort irgendetwas auf mich im Dunklen; dann stehe ich auf den Hügeln vor der Stadt und bin selbst das, was im Dunkeln wartet.

Es scheint manchmal, in diesen Nächten, als sei der Bann schon gebrochen, die entsetzliche Verkettung der leeren Hantierungen. Dachte wirklich einmal jemand, dass ausgerechnet die Nächte verwunschen seien, und es dort umgehe? Es muss das böse Gewissen der allzu Betriebsamen gewesen sein; und ich betrachte die Spinne, die im Mondlicht ihr Netz webt: so gut kennen sie ihre grauenvollen verwunschenen Tage, dass sie wenigstens die Nächte fürchten.

Aber auch die Nächte machen die Lüge nicht unwahr, dass diese Welt mir nicht gehört, nur die sie bewachen, schlafen, und die, die noch wachen, kennen meine Pfade nicht; und nass vom Tau kehre ich zurück.

4
Dort draussen, bei meinen Freunden, passiert in Wirklichkeit, wie ich wohl weiss, gar nichts. Es gibt nichts, was ich verpasse; jeden Freitag Abend beeile ich mich, dorthin zu kommen, wo ich sie finde.

Es ist jedesmal wieder ein Schlag. Die Zeit, die mir von der Maschine so qualvoll leer in die Länge gezogen ist, geht dort draussen, in der Freizeit, ebenso leer, nur rasch vorbei; es ist gar nicht Zeit genug, in den kurzen Tagen dazwischen, dass etwas passieren kann, das ich verpassen könnte.

Ich sitze mit ihnen dann, an immer den selben Orten, und wir führen immer dieselben Gespräche; meine Sehnsucht nach ihnen bleibt ungestillt; irgendetwas hält uns alle voneinander fern. Wir können nicht miteinander reden, es sei denn, wir sind betrunken, aber, oh Unglück, dann können wir nicht mehr zuhören.

Es ist keine Freude in dieser Trunkenheit, nicht einmal Flucht, unweigerlich kommt irgendwann eine Traurigkeit, aber wenn wir anfangen, einander unsere tiefsten Gedanken mitzuteilen, finden wir uns leer an Worten dafür; in unserer Not klammern wir uns an zwei drei wie gestanzte Sätze, die wir wie auswendig immer wiederholen, wie als ob uns jemand verstehen sollte, wo wir doch nur unsere eigene Furcht damit bannen.

Wenn wir betrunken sind, gehen wir in die Disco, wo die Musik so laut ist, dass wir uns nicht mehr unterhalten müssen. Früh im Morgenlicht gehen wir nach Hause, einzeln oder zu zweien; den nächsten Tag verschlafen wir, das macht man zweimal so, dann fängt die Arbeit wieder an.

Wenn es die Wochenenden nicht gäbe, man müsste sie erfinden, um zu beweisen, dass es noch ganz anderes zu fürchten und zu hassen gibt als die Arbeit. Wie sollten wir nicht verurteilt sein, unter der Arbeit zu leben, wenn jede Stunde, die wir ohne sie verbringen, beweist, dass wir es nicht können?

5
Am Montagmorgen erwache ich aus dem schlechten Traum der leeren Freizeit in die schrecklichere Leere einer Woche der Arbeit. Manchmal habe ich keine Hoffnung mehr. In den letzten 2 Jahren haben sich 2 gute Freunde umgebracht; ausser meiner Entschlossenheit, mich nicht umbringen zu lassen, und meinem Hass habe ich nichts. Ich bin, fich weiss es, leer; ich habe nicht mehr viel, das ich noch geben könnte; ich erschrecke, wenn ich daran denke, was die Welt aus mir gemacht hat; aber ich bin nicht gewohnt, aufzugeben; und sie werden mich nicht bekommen, weder tot noch lebendig.

Der Tag soll kommen, wo wir wieder auferstehen.

Subkultur ist die neue Bionade

Warum den Menschen, die sich über die Schwäche der alternativen Szene beklagen, am stärksten zu misstrauen ist

Was ist eigentlich eine Subkultur? Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.
Kann man eine Subkultur anfassen, kaufen, küssen oder gar morgens ins Müsli kippen? Wer ist mehr Subkultur, Aldi oder Lidl? Gibt es bei Joeys oder bei PizzaBlitz mehr Subkultur für’s Geld? Welche Subkultur bietet mir möglichst viele Frei-SMS bei einer kurzen Mindestvertragslaufzeit?
„Das Eis der (Sub)kultur wird dünner“, schreibt es beim Würzblog, und gemeint ist damit dennoch weder Cornetto noch Minimilk. Aber eigentlich fehlt ein gutes Speiseeis in der Reihe der Dinge, die Ralf Thees zu festen Bestandteilen der Subkultur zählt. Denn scheinbar gehören alle Dinge, die Ralf Thees mag, zum leckeren Potpourri der Subkultur. Über den Wegfall der Programmkinos wird sich beschwert, ebenso wie über den „soziokulturellen Ausnahmeort“ namens Propeller. Soziokulturell, wieder ein Begriff, mit dem jongliert wird, ohne einen Begriff zu besitzen. Die Posthallen,welch subkultureller Ort, werden genannt, denen es die Stadt aber nicht leicht mache. Keine Institution passt besser in Würzblogs Subkultur-Charts als die Posthallen, sitzen dort doch Leute am Ruder, deren Begriff von Subkultur schon zu AKW-Zeiten nach Verwesung roch. Weiter im Text: Schließlich sind auch AKW und Immerhin Teil von Ralf Thees‘ subkulturellen Visionen, und die gibt’s ja jetzt beide nicht mehr. X Ware Kultur ist gleich y Ware Schweinsbraten, alles ist mit allem vergleichbar, wie man längst weiß. Zum Glück hat Bionade letztes Jahr die neue Geschmacksrichtung Quitte eingeführt, und bald kommen ja auch die Kassierer in die Posthallen.
Und am Ende wird auch die Stadt Teil dieser Subkultur. Denn die muss dieser Subkultur ja helfen, weil sie ja auch irgendwie dieser Subkultur verpflichtet sein muss, damit die StudentInnen brav subkulturen können. „Man kann fast den Eindruck bekommen, als wolle die Stadt Würzburg eine kulturberuhigte Zone im weiteren Innenstadtbereich.“ Subkultur- weil Würzburg es sich wert ist. Nicht umsonst schreibt Herr Thees, dass wir keine “Provinz auf Weltniveau” [brauchen], um uns nach Außen lächerlich zu machen, das schaffen wir mit dem derzeitigen Trend an Möglichkeiten der (Sub)Kultur und Nachleben auch so.“ Herr Rosenthal, für das Image dieser schönen Stadt: Man schenke jedem Menschen täglich einen Happen Subkultur!

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Was ist eigentlich eine Subkultur? Für den Würzblog wohl alle Lokalitäten, in denen vor allem 20- 40 jährige verkehren. Je mehr es nötig wird, sich einer nicht vorhandenen Subkultur, oder gar alternativen Szene, zuzuschreiben, desto weniger wird man die Frage wagen, was Subkultur überhaupt bedeutet hat. Sogar Wikipedia weiß, dass der Begriff Subkultur einst Personenzusammenhänge bezeichnete, die sich hinsichtlich zentraler Werte und Normen von der herrschenden Kultur unterschieden haben und sich als Gegenkultur definierten. Heute dient der Begriff wohl eher dazu, sich selbst zu vergewissern, dass man cooler als der Rest ist, noch nicht zum alten Eisen gehört. Er dient der Verdrängung der Tatsache, dass man selbst keine anderen Vorstellungen von gesellschaftlicher Organisation besitzt als die Mühle des Immergleichen. Anders ist es nicht zu erklären, dass man bei jedem beliebigen Begehr die Stadt in Gefahr sieht und ihre Politiker bittet, in die Presche zu springen. Warum organisiert man sich nicht selbst, wie das vielleicht die Freaks, Alternativen und Autonomen der 80iger Jahre getan haben? Genau deshalb, weil man dann die Selbstlüge aufgeben müsste, Teil einer Gegenkultur zu sein. Weil man dann feststellen müsste, dass das Label „Alternativ“ nicht mehr Elemente von einem Umsturz des Bestehenden beinhaltet als eine eisgekühlte Coke Zero Cherry. Wenn sich in dieser Stadt die vereinzelten Individuen zusammenraufen wollen, die eine tiefe Unzufriedenheit mit den Zumutungen des alltäglichen Lebens eint, so müssen diese zuerst verstehen, dass sowohl dem Wort „Szene“ als auch dem Wort „Subkultur“ keine gesellschaftliche Realität (mehr) zukommt.

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Subkultur- die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. Probieren sie jetzt!

Benjamin Böhm

Würzburger Lagerphantasien

Presseschau: Würzburger Lagerphantasien

Solange es opportun ist, verarbeitet die Mainpost die Äußerungen ihrer Leserschaft. Per SMS soll diese an Umfragen teilnehmen und harmlose Online-Leserkommentare werden gerne zu redaktionellen Artikeln zusammengefasst, Gar nicht wird jedoch reflektiert, wenn die Leser in den Online-Kommentaren rassistische oder faschistische Äußerungen von sich geben – was eher Regel als Ausnahme ist. Diese Arbeit nehmen wir gerne ab: Eine Sonderausgabe der Presseschau, Schwerpunkt „Lagerphantasien“.

Das erste Beispiel: Am 14.12.2008 übernahm die Mainpost einen Polizeibericht, druckte ihn unter der Überschrift „Krawalle bei Demo: Polizist verletzt“ ab. Innerhalb weniger Stunden entwickelte sich eine rege Diskussion (die heute nicht mehr auf der Homepage zu finden ist).
- Der Mainpost-Leser Mr. Anton reagiert auf den Zwischenfall auf dem Weihnachtsmarkt geschockt: „Diese Unruhestifter gehören sofort aus dem Weg gezogen! Schlagstock raus und drauf! Die sollen arbeiten gehen und ihre Energie dort einsetzen, assoziales Pack!“.
- Dieser Meinung schließt sich der User dreckschlame ungeteilt an: „Dieses Asoziale Pack müsste im Steinbruch arbeiten! Dann wären sie spät Abends zu müde um „Scheisse“ zu bauen. Bei solchem Gesindel sollte keine Rücksicht genommen werden wenn es ums Prügeln geht-denn die nehmen auch keine! Gute Genesung dem verletzten Polizeibeamten, denn der kann am allerwenigsten dazu!“
- Auch eine Person namens Wahrheit verfügt über ein ungetrübtes Rechtsempfinden und verlangt größere Handlungsspielräume für die Staatsmacht: „Leider muß die Polizei solche Deppen mit Samthandschuhen anfassen, normalerweise gehört da richtig draufgedroschen, daß die sich nicht mehr rühren“.
- Es ist jedoch Bratbaecker, der die prägnanteste Antwort auf die Greueltaten der Chaoten findet: „ES LEBE UNSER HEILIGES DEUTSCHES VATERLAND“.
- Konkreter setzt sich wiederum der Leser Frankenstrasse mit den Ereignissen auseinander und bemängelt die fehlende Effizienz der Exekutive: „Leider wurden von diesem Gesindel nicht mal 10% festgenommen!!!Von diesem Asozialem Panks hatte man 90% einbuchten müssen“.

Zweites Beispiel: Am 4.5.2009 veröffentlichte mainpost.de eine Reportage über die Bedingungen im Flüchtlingslager in der Veitshöchheimer Strasse: „Gemeinschaftsunterkunft: Schlimme Kindheit im Lager“. Bei diesem Thema konnten die Mainpost-Leser damit punkten, dass sie zumeist schon eigene Lagererfahrungen hinter sich haben.
- Schaefer55 etwa schreibt: „Erzählt mir nicht, dass Kasernen menschenunwürdig sind. Ich mußte meine Wehrpflicht ableisten“. Er vertritt den Standpunkt: „Die erwachsenen Flüchtlinge können daher von mir aus gerne unter einem Lagerchef aufräumen, putzen, streichen, Kinderspielgeräte zusammenbauen und andere Arbeiten machen. Das sind schließlich nicht alles Kinder“.
- Auch maggy1414 ist des Aufhebens um Depressionen, Lagerkindheit, Enge, Lärm, Angstzustände, Schimmel, etc. überdrüssig: „Die sollen froh sein, dass sie überhaupt hier in unserem Land leben dürfen. Die Wohnverhältnisse in der Unterkunft sind vielleicht bescheiden (für unsere Maßstäbe), aber garantiert in mind 90% der Fälle immer noch besser als wie in dem Land, woher die meisten von denen kommen (ein Teil des Kommentars wurde von der Redaktion gelöscht)“. Den „Gutmenschen“ stellt er die berechtigte Frage: „Ist bei euch jetzt auch mal die Krise angekommen? Oder wieso habt ihr morgens Zeit solche Aufsätze hier zu schreiben?“
- Schimmel18 nimmt dagegen die Asylsuchenden teilweise in Schutz und fordert zu einer differenzierteren Diskussion auf. Er gibt seinem Vorredner Schafer55 zu bedenken: „Ich denke, mehr Hartz 4 Empfänger bekommen Geld vom Staat als Asylsuchende. So geh erst mal auf die los, die zum Teil zu faul sind zu arbeiten“.

Drittes Beispiel: Vollkommen einhellig war die Lesermeinung zu dem Artikel „28-Jähriger tritt Polizeibeamtem (sic) ins Gesicht“ vom 8.8.2009. Laut Polizeibericht/Mainpost habe ein „mit körperlichem Zwang“ in den Dienstwagen verbrachter Mann von der Rückbank aus den Fahrer an der rechten Backe getroffen. Dieser „konnte leichtverletzt mit einer Prellung und Kopfschmerzen seinen Dienst fortsetzen“.
- Der User steehawer reagierte am schnellsten auf den Riesen-Skandal und schrieb: „Vor solchen Zeitgenossen muß die Bevölkerung unbedingt geschützt werden,hier hilft leider nur wegsperren und nochmals wegsperren“.
- Der Leser bastihd kennt ebenfalls genau die Gefahren, die von Alkoholisierten ausgehen, weiß jedoch auch um das laxe Justizwesen in Deutschland: „Statt zum Richter Gnädig direkt ab in den Knast… Solche verwahrlosten Typen gehören sofort in den Knast, egal ob sie einen festen Wohnsitz und gesoffen haben oder nicht. Stattdessen werden sie einem deutschen Richter vorgeführt, der gleich wieder ausreichend viele Milderungsgründe findet, um diesen Ratz sofort wieder laufen zu lassen. Hat der erst seinen Rausch ausgeschlafen und sich über die Einfalt von Richter Gnadenreich amüsiert, wird die nächste Flasche Wodka reingezogen, damit man nach der nächsten Schlägerei erneut als vermindert zurechnungsfähig eingestuft und gleich wieder laufen gelassen wird. So ist es halt mal in Deutschland“.
- Waldi69 findet, man kann die Forderungen seiner Gesinnungsgenossen nicht oft genug wiederholen: „Wegsperren und nie wieder rauslassen !!!! Solche Typen liegen uns nur auf der Tasche. Wie lange solen die Deutschen noch zuschauen bevor sich hier was ändert ?!?!“
- An dieser Stelle schaltet sich DarthVader mit einem interessanten Vorschlag in die Diskussion ein (ob es sich bei DarthVader um Jürgen Elsässer handelt, konnte nicht restlos geklärt werden): „Wegsperren auf immer muß nicht immer die beste Lösung sein. Kostet auch uns – dem Steuerzahler – sehr viel Geld! Und da setzt die USA – wie oben beschrieben – auch bessere Mittel ein. Dort gibt es s.g. Erziehungslager. Das bedeutet: 05:00 Uhr aufstehen, Morgensport, Duschen, 06:00 Uhr Frühstück und um 06:30 Uhr gehrt´s dann ran an gemeinnützige Aufgaben. Das ganze erfolgt unter einem Drill, der unsere Bundeswehr in einem gemütlichen Sanatorium erscheinen läßt. Wir haben in unserem Land auch viele Aufgaben! Wir könnten z.B. den Borkenkäfer in unseren Wäldern bekämpfen. Diese Jungs (leider auch Mädels) müssten nur die umgefallenen Baumstämme aus unseren Wäldern herrausziehen und somit einen sehr guten Beitrag für unseren Naturschutz tätigen. Nach 12 Stunden sollte dann aber schon Schluss sein. 18:00Uhr duchen, 18:30Uhr Abendessen 19:00Uhr gemeinschaftliches Fernsehn und 20:00Uhr Bettruhe. Schließlich muß man am nächsten Tag wieder fit sein! Mindestaufenthalt: 1 Jahr!“
- Dieser Vorschlag löst allgemeine Zustimmung aus. Innowep möchte nur eine kleine Verbesserung berücksichtigt wissen: „Sie haben perfekt recht mit dem was sie schreiben. Fernsehen? Nicht einmal das würde ich solchen Kanalien gestatten!!“
- Auch winnem hat einige Verbesserungsvorschläge für die Bestrafung von betrunkenen Rückbanktretern zu bieten: „Perfekt! Nur das TV würde ich streichen, statt dessen eine Stunde Sport – als Ausgleich für die schwere körperliche Arbeit. Danach, direkt vor dem zu Bett gehen, noch einmal kalt duschen.“
- Ein gewisser grayjohn, offenbar Ökonom, äußert sich ebenfalls zur Zwangsarbeit: „Liebe Vorredner/innen, bitte nehmen Sie’s mir nicht übel (im Grundsatz stimme ich mit Ihnen überein, was unbelehrbare Zeitgenossen angeht), aber früher waren so etwas einmal REGULÄRE JOBS. Die sind (leider) im Rahmen der Mechanisierung weggefallen (…) Eigentlich sollten wir nach Konzepten (nennen wir’s von mir aus Gemeinnützige Beschäftigung) verlangen, die dem Müßiggang von vorneherein vorbauen und eben nicht als Strafe, sondern als sinnvolle Tätigkeit gelten.“
- Baerchi lässt die ausgefeilte Müßiggang-Theorie grayjohns links liegen und fordert kurz und schmerzlos: „Der Typ gehört in einem Raum ohne Zeugen und dann drauf auf die Nase aber richtig“ (kurz darauf von der Redaktion gelöscht).

Ein Gedanke zum Schluss: Diese Presseschau zeigt recht gut, mit welch Eifer und Kreativität unsere Mitbürger von den Möglichkeiten der Kommentarfunktion Gebrauch machen, wenn man sie nur lässt. Allein zum Thema Lager und Zwangsarbeit! „Den Borkenkäfer bekämpfen“, „Schlagstock raus und drauf“ oder „dem Müßiggang von vorneherein vorbauen“ waren nur die drei geistreichsten Ideen. Dies sollte für die Politik Ansporn sein, basisdemokratische Elemente überall in unserer Gesellschaft voranzutreiben. Warum nicht über die Höhe des Hartz 4-Satzes in einem Volkbegehren abstimmen lassen? Oder über die Befugnisse der Polizei? Und weshalb sollte nicht die Mehrheit über die Einführung der Todesstrafe (für Kindesmißbrauch o.Ä.) abstimmen dürfen?

Je direkter desto besser,
sagt Sebastian Loschert

Von Liberalen und anderen Balzvögeln

Hunter S. Heumanns Bericht zweier blau-weißer Festivitäten

Nun, es passiert ja nicht gerade viel in der Gegend. Die Langeweile ist derart groß, dass ich den Polizeibericht eines vergangenen Wochenendes als kleines Highlight für mich entdeckt habe. Ein paar Schlägereien, Vandalismus, Exibitionisten und ab und zu sogar eine brennende Mülltonne. Dieser Öde entkommt man schwer.
Es sei denn, man schafft es, sie zu verdrängen. Hilfsmittel ist dabei entweder der liebe Herr Alkohol oder der Besuch von absurden Veranstaltungen. Das größte Vergnügen ist jedoch die Kombination beider. Und so kam es, dass ich zwei ganz besondere Highlights in meinem Kalender der gepflegten Unterhaltung eingetragen hatte, bei denen den Farben blau und weiß eine besondere Bedeutung zukam.
Die erste Veranstaltung, der ich beiwohnte, war ein Umzug gegen Deutschland. Als Ort für diese vielversprechende Demonstration hatten sich die Veranstalter das brodelnde Herz Germaniens ausgesucht: Kitzingen. Es gibt viele Gründe, gegen Deutschland zu sein, Kitzingen ist aber mit Sicherheit einer der besten.
Nach einer schlimmen Nacht, vernebelt von dichtem, schwerem Tabakduft, klingelte es am Morgen an meiner Türe. Auf meinen Synapsen spielte der Obstler noch immer Punkrock. Das Aufstehen fiel mir wahrlich schwer. Bevor ich die Türe erreichte, schnappte ich mir noch mein Pfefferspray- denn man kann ja nie wissen, welche Freaks schon wieder vor der Wohnung stehen. Was sich mir darbot, kam tatsächlich einer Freakshow relativ nahe. Da standen drei Leute mit verquollenen Gesichtern und Augenrändern bis zum Allerwertesten. Einer stammelte irgendetwas von „Elektroparty“ und „Nacht durchgetanzt“. Ach richtig, das waren die Herren, die mich zur Demo abholen wollten. Mit flauem Gefühl im Magen stieg ich also ins Auto. Im Nachhinein frage ich mich, ob es der Gesamtsituation zuträglich war, dass ich es genoss dem Fahrer während der Fahrt vom hinteren Sitz permanent meine Knie in den Rücken zu rammen. Vielleicht war dies aber auch die einzige Möglichkeit, ihn wach zu halten. Wir werden es nie erfahren.
Wir kamen in Kitzingen an. Die Sonne schien, die Tiere am Mainufer freuten sich über diesen wunderschönen Frühlingstag. Zumindest nahm ich es so wahr. Ein böser Mann mit blauen Adiletten und feuerrotem Kopf schimpfte von seinem Balkon herab. Seine Stimme klang wie ein Polizeiauto, inklusive Doppler-Effekt. Er schien nicht sehr erfreut darüber, dass die Abschlusskundgebung dieser Demonstration vor seinem Haus stattfinden sollte. Dicke Luft, ich hätte auffallen können, nur raus hier. Mir war das ganze Theater sowieso recht egal. Ein Freund und ich setzten uns bis zum Anfang der Demo an den Main und schauten Enten beim Geschlechtsverkehr zu. Ein faszinierendes Schauspiel! Der Umzug sollte am Bahnhof beginnen, und so begaben wir uns in seine Richtung. Was gehört zu einer guten Bahnhofskneipe, in der man sich schon um die Mittagszeit volllaufen lassen will? Das rustikales Ambiente, Sportwimpel, Faßbier- sonst nichts. Und genau eine solche fanden wir auch vor, was uns zum Konsum von einem, zwei oder auch drei Hopfengetränken verleitete. Von den gemütlichen Stühlen im Hof der Trinkhalle konnten wir dann auch beobachten, wie lange vor den Demonstranten die Ordnungshüter den Platz inspizierten- und mit Ihnen dieser Herr vom Staatsschutz mit dem schönen Holzfällerhemd und der modischen Sonnebrille. Irgendwann ging die Demo dann auch los. Es gab 100 Israel-Fähnchen, 50 Demonstranten und kaum jemanden auf den Straßen. Ein paar Kids freuten sich über die Bonbons und Plätzchen, die von Antifas verteilt wurden. Lächelnde Kinder waren dann aber auch schon die ganze Außenwirkung dieser antideutschen Hateparade. Die Musik vom Lautsprecherwagen war schlimm. Ich wünschte mir Schleimkeim, aber niemand wusste, was ich damit meinte. Punk ist halt auch nicht mehr, was er mal war. Angekommen bei der Abschlusskundgebung trank ich noch ein paar Vodka-Redbull. Mir wurde schwindelig. Betrunken in Kitzingen. Die Reise war’s wert.
Wenige Tage später hatte meine Leber bereits das nächste weiß-blaue Großereignis zu befürchten: Die Kanzlerin sollte in unsere gottverlassene Stadt kommen. Aber niemand hatte ihr einen Thron gebaut. Bewaffnet mit einer Flasche Apfelkorn und einer Hubschraubermütze begab ich mich barfüßig zum Marktplatz. Und verdammt, dieses unentwegte Augenzucken. Hunderte, wenn nicht tausende Menschen, viele mit Lederhosen an, fast alle mit Schaum um den Mund, warteten gespannt auf die Rede der Fürstbischöfin. Ich setzte mich an den Obelisken, an dem sich am Wochenende normalerweise die Punks treffen, und versuchte, mein zuckendes Auge in den Griff zu kriegen. Keine Punks in Sicht. Deren Rolle sollten heute die Milchbauern spielen. Die Landwirte protestierten gegen den niedrigen Milchpreis und riefen unverständliche Dinge, die wie ein lautes „Muuh!“ klangen. Wenn mich meine Sinne nicht täuschten, hatten die Milchbauern sogar eine Kuh mitgebracht, die stark nach Stall roch. Die freundliche Kuh schmatzte zufrieden vor sich hin. Kurz überlegte ich mir, ob ich ihr ein paar Pommes vom Marktstand holen sollte. Die Widerkäuerin war zweifellos die sympathischste Person auf dem gesamten Platz. Aber ein Ereignis machte meine Pläne zu nichte: Da stand er wieder, der Mann vom Staatsschutz. Er hatte immer noch das selbe Holzfällerhemd an. Ob er es zwischendurch wenigstens mal gewaschen hatte? Eine Angstattacke überkam mich. Kann es sein, dass dieser Mann mich verfolgt? Dass es weiß, dass ich selten vor zwölf Uhr aufstehe, dass er mich beim umziehen beobachtet? Ich versuchte, mich hinter der Kuh zu verstecken, die vielleicht gar keine Kuh war. Die Rede der Königin hatte bereits angefangen. Ich kann mich an kein einziges Wort mehr erinnern. Im Schatten der Kuh drückte mir ein junger Mann ein Flugblatt einer liberalen Partei in die Hand. Seine Art und Weise, um die Leute herumzutänzeln und Wahlpropaganda zu verteilen ähnelte dem Balztanz der Enten bis ins Detail. Bei genauerem hinsehen erinnerte mich der junge Mann aber nicht mehr an ein süßes Entchen, sondern eher an einen Kampfhahn mit etlichen Schmissen im Gesicht. Da waren noch mehr Menschen, die Flugblätter verteilten. Eine bedrohliche Situation. Sie hätten mich mit ihren Schnäbeln zerhacken können. Sollte dies mein Ende sein? Panisch rannte ich davon, schreiend stieg ich in die erste Straßenbahn, der ich begegnete. Zufälligweise war es die richtige. Ich schleppte mich in mein Bett und schlief 20 Stunden am Stück. Ich bin wirklich froh, noch am Leben zu sein.

Hunter S. Heumann

Codex Cairo

Codex Cairo

Über die freiwillige Selbstkontrolle der sogenannten Jugend- und Subkultur Würzburgs

Es gibt wohl wenige weitere Städte über 100.000 Einwohner in Deutschland, in denen die selbst ernannte Subkultur derart gut abgehangen daherkommt. Je weniger dem Begriff Subkultur eine gesellschaftliche Realität zukommt, desto mehr scheint man der Lüge, dass eine Integration in städtische Jugendarbeit irgendetwas mit alternativer Subkultur gemein haben könnte, als Selbstbestätigung zu bedürfen. Jegliches negative Potential, das in in einer Subkultur vielleicht einst steckte, ist und wird verbraucht. Das Autonome Kulturzentrum hatte es verloren und sich damit selbst ad absurdum geführt, das Cairo als neues AKW mit besserer Organisationsstruktur und perfektionierten Integrationsmechanismen betreibt die Konsensstiftung mit dem Bestehenden nahezu perfekt.

Subkultur brought to you by Stadtsparkasse Würzburg

Als sich ein paar Leute vor einem viertel Jahrhundert entschlossen, das Autonome Kulturzentrum zu errichten, war es mit Sicherheit noch möglich, den Begriff Subkultur zu verwenden, ohne dabei an staatlich eingehegte Vergnügungstempel zu denken. Denn es schwang ein kritisches Potential mit, das eine Realität besaß: Nämlich die Perspektive, dass die Geschichte noch gar nicht begonnen habe, dass ein gesellschaftlicher Umbruch möglich sei, der die Mauern der alten Welt einreißen werde, und damit die Gewissheit, dass sich eine Bewegung gegen das Alte stellen könne, die nicht nur aus ein paar Linksradikalinskis bestehen würde, sondern aus einer breiten Gegenbewegung, zusammengesetzt aus, im weitesten Sinne, alternativen Kulturschaffenden.
Die Geschichte zog einem solchen Verständnis von Subkultur den historisch-realen Boden unter den Füßen weg. Was sich in den 80ern als alternative Subkultur verstand, wurde spätestens in den 90ern die Avantgarde der neubürgerlichen Produktivkraftentwicklung. Wer sich vorgestern noch im subkulturellen Sumpf bewegte, verstand sich gestern schon als kommunaler Anwalt eines verstümmelten, herrschaftsaffimativen Verständnisses eben dieser Subkultur. Im AKW mag bis vor ein paar Jahren noch der eine oder andere kritische Gedanke konserviert worden sein, der einst in der Subkultur steckte, am Ende blieb davon nicht mehr übrig als eine schwache Erinnerung. Interessanterweise, und im Nachhinein wohl auch fatalerweise, fand in Würzburg nicht das „Outsourcing“ des kritischen Potentials statt. Denn die Marginalisierung der linken Herrschaftskritik führte in anderen Städten durchaus zu zahlreichen Neugründungen von kleineren autonomen oder alternativen Kulturzentren. Im Nachhinein ist es schwer nachzuzeichnen, weshalb dies in Würzburg nicht geschah. Mit Sicherheit spielte die Wahrnehmung des AKWs als das eigentliche subkulturelle Kulturzentrum, das aber längst keines mehr war, eine bedeutende Rolle. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die gesellschaftliche Entwicklung den kritischen Begriff von Subkultur zunichte gemacht hat, und dass genau deshalb städtische Jugendzentren wie das Cairo oder der B-Hof(1) eigeninitiative „Kulturschaffende“ anziehen können, die sich als Teil einer wie auch immer gearteten alternativen Subkultur verstehen, obwohl das kritische Potential beim Eintritt in die ehrenwerte Gesellschaft der Jugendarbeit an der Garderobe abgegeben werden muss.

Du bist Würzburg

Die Ironie an der Sache ist, dass durch das Ende des AKWs eine Wahrheit endgültig ans Licht kommt: städtischen Kulturzentren kommt die Deutungshoheit über den Begriff von Jugend- und Subkultur zu. Während sich die so genannte Hochkultur noch einbildet, eine eigenständige, unabhängige Sphäre zu sein, hat dies die Jugendkultur überhaupt nicht mehr nötig: Was „Independent“ ist, das bestimmt nun die Stadtkultur. Dabei darf eine Sache nicht falsch verstanden werden: obwohl es das Cairo natürlich bewusst intendiert, den Extremismus aus dem Jugendkulturhaus heraus zu halten, kann die Abmilderung von jeder kulturellen Veranstaltung nicht an einzelnen Menschen festgemacht werden: Es sind die Charaktermasken der städtischen Sozialpädagogik, welche ihren Sinn immer in der gesellschaftlichen Integration der Jugend hatte und hat. Diese Rolle spielt das Cairo nahezu perfekt. Das Jugendkulturzentrum stellt die Scharnierfunktion zwischen selbstinitiativem Engagement und der Konsensstiftung mit kommunaler Kultur dar.
Und so kommt es, dass die Stadt nicht mehr als Gegnerin, sondern als Partnerin wahrgenommen wird. Die AgentInnen der städtischen Jugendarbeit treten dabei als Anwalt der sich selbst zähmenden Jugend- und Subkultur auf, während die Kulturbeauftragten der Stadt Würzburg dieser Art von Kultur zum größten Teil Wohlwollen entgegenbringen, solange nach deren Spielregeln gespielt wird. Und es wird nach den Spielregeln gespielt.
Die VeranstalterInnen müssen nicht dazu gewungen werden, unerwünschte Veranstaltungen zu unterlassen. Dadurch, dass man sich in der Sphäre der städtischen Jugendkultur bewegt, lernt man automatisch, was man zu tun und zu lassen hat. Es handelt sich um eine Freiwillige Selbstkontrolle zugunsten des Würzburger Images.
Während der Begriff von Subkultur, wenn auch in einer völlig verstümmelten Variante, noch Bedeutung für gewisse Leute besitzt, ist der Begriff der Selbstorganisation anscheinend völlig aus dem Vokabular der Würzburger „Szenekultur“ verschwunden. Die Vorstellung, dass es möglich sein kann, ohne die Vermittlung von jugendkulturellen Anwälten der „Szene“ und ohne das Wohlwollen der Stadt etwas auf die Beine zu stellen: Sie scheint den Leuten, die in Ihrer Jugend vielleicht mal Revoluzzer spielten und heute Kulturschaffende sind, völlig abhanden gekommen zu sein. Keinen Begriff mehr von kritischen Interventionen und Gegenkultur zu haben bringt die Zufriedenheit mit dem totalitären Unheil zum Vorschein, die die sozialpädagogische Selbstzähmung geschaffen hat.

Die schlechteste Ausrede

In Debatten über die Möglichkeit, in Würzburg etwas zu schaffen, das sich der kulturellen Standortlogik entzieht, hat sich bei vielen Menschen eine Argumentationsweise eingeschlichen, um die eigene Resignation zu rechtfertigen oder ganz zu vertuschen: Würzburg sei eben Würzburg, hier gebe es weder eine linke Szene noch die Möglichkeit, etwas kritischeres als das Cairo zu errichten.
Ich halte dieses Argument für eine schlechte Ausrede, um der eigenen Lethargie einen höheren Sinn zu geben. Würzburg ist weder zu klein (in kleineren Städten wie Gießen, Hanau oder Göttingen gibt es auch alternative Zentren), noch zu bayerisch (selbst in einem Kaff wie Sulzbach-Rosenberg gibt es ein selbstverwaltetes Jugendzentrum), noch sind alle Zufrieden mit der gesellschaftlichen Totalität. Man kann scheitern, selbstverständlich. Aber um Scheitern zu können, muss man zuerst einmal begonnen haben. Was den Leuten fehlt, ist das Anfangen-können, das tiefe innere Vertrauen, dass man am Ende seine Ziele erreichen wird.
Es gilt, die Fragen, die scheinbar nicht mehr gestellt werden, neu zu stellen. Was will, was kann Jugendkultur? Welche Funktion erfüllt städtisch subventionierte Kultur? Die Geschichte hat das kritische Potential von Begriffen wie Kultur, Politik und Kunst unter sich begraben. Es gilt, dieses freizubuddeln. Nicht für Würzburg, sondern für diejenigen, die ihren Frieden mit dem falschen Ganzen noch nicht geschlossen haben.

Jetzt ist die Zeit, hier ist der Ort.

Benjamin Böhm

(1) Interessant ist die unterschiedliche Art und Weise, wie Jugendkultur im B-Hof und im Cairo stattfindet. Im B-Hof besteht noch ein offener Jugendbereich, es wird ein jüngeres Publikum angesprochen und die veranstalteten Konzerte dürfen auch ZuschauerInnen vom linken Rand ansprechen, um diese durch die Sozialpädagogik gesellschaftlich zu integrieren. Im Cairo hingegen wäre es schwer möglich, ein Konzert mit Antifa-Emblem auf dem Flyer zu veranstalten. Ein wesentlich älteres Publikum wird angesprochen, dem man natürlich die anarchistischen Kindereien aus dem B-Hof nicht zutrauen möchte. Die Revolution, eine Sache für pubertierende Teenies.

Die letzen paar neuen grossen Dinger

Falls es jemanden interessiert, hier sind ein paar Dinger, die in den letzten Monaten in gewissen internationalen Kreisen gelesen worden sind:

Ein Ding namens „The Call“ („The Left is periodically routed. This amuses
us but it is not enough. We want its rout to be final. With no remedy. May the spectre of a reconcilable opposition never again come to haunt the minds of those who know they won’t fit into the capitalist process.“),
eine anarchistische Kritik daran,
die berühmte Schrift Über die kommende Insurrektion („The flames of November 2005 still flicker in everyone’s minds. Those first joyous fires were the baptism of a decade full of promise. The media fable of “banlieue vs. the Republic” may work, but what it gains in effectiveness it loses in truth. Fires were lit in the city centers, but this news was methodically suppressed. Whole streets in Barcelona burned in solidarity, but no one knew about it apart from the people living there. And it’s not even true that the country has stopped burning.“),
(französisches Original hier, nicht zu verwechseln mit unserer eigenen Artikelserie Über die kommende Revolte),
und die Diskussion darüber auf libcom.org

Auf dem Beatabend… mit Hunter S. Heumann

Wenn Stromgitarren das Grunzen der Mastschweine übertönen, wenn sich das köchelnde Testosteron junger Milchbauern durch Faustschläge an die Oberfläche kämpft und es nach erbrochenem Cola-Asbach (1 €, 50/50-Mischung) riecht, dann ist Beatabend.
Dieses den Stadtbewohnern völlig zurecht unbekannte Ritual bäuerlicher Selbstentwürdigung erfreut sich seit Jahrzehnten ungebrochener Beliebtheit bei jung und alt. Das Konzept ist denkbar einfach. Man nehme:

1.Eine schlechte Coverband. Wichtig für eine gute Show ist dabei, dass die Musiker die kulturelle Vielfältigkeit ausstrahlen, die das Dorf kennzeichnet: nämlich gar keine. Würde eine Beatabendband größtenteils eigene Stücke zum Besten geben: die Menge wäre verwirrt, sie würde womöglich sogar anfangen, mit Gülle zu werfen.
Ein fetziger Gruppenname ist ebenso unverzichtbar. Da gibt es „geile“ Bandnamen, die bereits nach dem ersehnten wilden Geschlechtsverkehr alkoholdurchströmter Leiber klingen, den sich so viele Beatabendbesucher versprechen: S.E.X. als Abkürzung für „Sau Extrem“ oder die „Hard- & Heavyband“ F.U.C.K. beispielsweise. Andererseits darf der Bandname auch klingen, als werde die Dorfidylle durch schmetterndes Todesmetall erschüttert: so wie Acid Rain, Justice oder Angel Landing beispielsweise.
Die Beatabendbands lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Zum einen gibt es die Gruppen, die es niemals geschafft haben, außerhalb einer Radius‘ von 15 Kilometer ihres Brunftgebietes aufzutreten. Die Gründe sind alkoholbedingte Trägheit, Angst vor Ausländern oder einfach mangelnde musikalische Fähigkeiten. Zum anderen schaffen es tatsächlich manche Bands, frankenweit oder gar deutschlandweit aufzutreten- es gibt schließlich nicht nur in Unterfranken öde Gegenden, in denen der Auftritt einer Metal-Coverband gefeiert gefeiert wird wie die Anschaffung eines neuen Traktors.

2.Billiger Alkohol. Das seit Jahrtausenden beliebte Konzept zum Abbau von Hemmungen wäre ohne eine kleine Auswahl besonders auf dem Kaff beliebter Getränke undenkbar: Selbstverständlich wird Bier gereicht- aber charakteristisch wird ein Beatabend erst durch den Asbach Uralt.
Asbach ist ein übelschmeckender Fusel aus Rüdesheim am Rhein, der schon beim ersten Schluck an Brechdurchfall und schmerzhafte Blasendysfunktionalität erinnert. Die Leidenschaft der Dörfler für Asbach wird von Dr. Hartmut Bömmele, Professor für biologische Psychologie, auf eine Veränderung der Geschmacksknospen, verursacht durch die Einatmung von Kunstdüngerdämpfen, zurückgeführt. Der Dörfler versucht, den üblen Geschmack des Schnapses durch Cola zu überdecken- was nur in begrenztem Maße von Erfolg gekrönt ist.

Ein Beatabend kann schwer beschrieben werden, ohne die spezifische Stimmung zu beleuchten. Der dumpfe Covermetal motiviert die Gäste kaum zu ausgelassener und fröhlicher Stimmung, sondern eher zu teutonischer Kampfeslust, halb-rülpsenden, halb-gröhlenden Lauten aus dem tiefsten Innern der barbarischen Dorfnatur und zu Tanzbewegungen, die eher an schnitzelklopfende Metzgermeister als an passionierte Diskogänger erinnern. Oft kommt es im Tanzsaal zu Grüppchenbildungen, die bereits darüber entscheiden, welche zwei Fraktionen am Ende des Abends aufeinander losgehen. Die Gründe sind meistens eher unwesentlich- ob jetzt der Michl mit der Lisl geknutscht hat, der Ändi den Peter „schwul“ genannt hat oder der Manni aus Knetzgau den Maibaum aus Hofheim entwendet haben soll spielt eigentlich keine Rolle- wichtig ist am Ende, dass irgendwer auf die Fresse bekommt. So fallen die Enthemmten übereinander her, spätestens wenn die Musik aufhört. Man lässt mal so richtig die Wut heraus- damit man ruhig und ausgelassen die nächste Woche wieder zur Arbeit gehen oder die Rüben ernten kann. Solange, bis das Wochenende wieder beginnt, die Musik wieder spielt und das bizarre Schauspiel erneut seinen tragischen Anfang nimmt.

Ihr Hunter S. Heumann

P.S:Das Labyrinth in Würzburg kann zweifellos als urbaner Arm der Beatabendbewegung bezeichnet werden!

Was fehlt

„Wir zahlen nicht für eure Krise!“ hechelt ein Sammelsurium aus Gewerkschaften, Parteien und linken Gruppen und ruft zu großen Demonstrationen für die viel beschworene und diffus-bestimmbare solidarische Gemeinschaft auf. Was die Reststücke dieser links Fühlenden vereint ist ihre Begriffslosigkeit, ihr Mangel an Kritik der kapitalistischen Kategorien und der unbedingte Wille, eine linke Krisenbewältigung via Rekeynesianisierung, also durch den Staat als vermeintlichen autonomen Agenten, einzufordern.
Der gemeinsame Aufruf zu den Demonstrationen in Berlin und Frankfurt am 28. März beweist auf ein neues, dass die Krise auch eine Krise der Linken ist. Der Aufruf ist ein Zeugnis des diffusen Mix‘ aus bürgerlicher Staatsauffassung und nie überwundenen Konzeptionen des ökonomistischen Basis-Überbau-Theorems. „Die Entfesselung des Kapitals und der erpresserische Druck der Finanzmärkte haben sich als zerstörerisch erwiesen“ meint der Aufruf, wobei zugleich suggeriert wird, jene Entfesselung sei nicht in der Logik der Wertverwertung selbst angelegt und sei durch eine Sphäre der Einfachen Warenproduktion in Verbindung mit einem autonomen Staat zu einer freien Gesellschaft umkehrbar. Man möchte, dass „Bildung, Gesundheit, Alterssicherung, Kultur und Mobilität, Energie, Wasser und Infrastruktur nicht als Waren behandelt werden“ und begreift anscheinend nicht, dass gerade Begriffe wie Gesundheit, Bildung und Kultur in der kapitalistischen Gesellschaft negativ gefasst sind und die Bedingung der Reproduktion der Ware Arbeitskraft sind, es sei denn man würde sich vom Kapitalismus in emanzipatorischer Weise befreien. In nahezu jeder Formulierung der Aufrufs schwingt die Sehnsucht nach dem guten alten Keynesianismus mit, in dem das Kapital noch Nation vermittelt war, und man tatsächlich noch von einer Volkswirtschaft in Verbindung mit der sich damals schon im Niedergang befindenden Realakkumulation sprechen konnte. „Die Regierungsberater, Wirtschaftsvertreter und Lobbyisten sind nicht vor Scham im Boden versunken, sondern betreiben weiter ihre Interessenpolitik. Um Alternativen durchzusetzen, sind weltweite und lokale Kämpfe und Bündnisse (wie z.B. das Weltsozialforum) nötig – für soziale, demokratische und ökologische Perspektiven.“ Hier kommt klar die Unfähigkeit zum Ausdruck, den Staat als politische Form der kapitalistischen Gesellschaft zu betrachten. Stattdessen wird einerseits in den Kategorien der bürgerlichen Staatskonzeption gedacht- denn der Staat wird als eine allgemeine Instanz betrachtet, die mit der Wertverwertung an sich wenig zu tun hat und sich selbstständig entfaltet, während gesellschaftliche Veränderungen als Kampf zwischen verschiedenen Interessengruppen um die Staatsmacht wahrgenommen werden- andererseits sieht man den Staat durchsetzt von Agenten des Kapitals, die den Niedergang der Gesellschaft betreiben- was eher daran erinnert, den Staat in ökonomistischer Weise als eine bloße Überbauerscheinung seiner kapitalistischen Realität zu begreifen. Die Forderungen der Demonstration sind, gelinde ausgedrückt, eher gruselig. Man appelliert- wenn man schon nicht selbst die Staatsmacht erobern kann- an die Regierung, die Verursacher der Krise zu Bestrafen. Man ist „Dafür, dass die Profiteure die Kosten der Krise bezahlen“. „Die Steueroasen sind endlich zu schließen; Banken, die dort arbeiten müssen  bestraft werden.“ Man appelliert an einen starken Staat und unterscheidet sich dabei grundsätzlich nicht von den Forderungen des Staatsoberhauptes.
Was in den zahlreichen Forderungen an den Staat zum Ausdruck kommt, ist im Grunde genommen zweierlei: Zum einen die Absage an die Marx’sche Kritik der Politischen Ökonomie und zum anderen der Beweis, dass man anscheinend kein angemessenes Verständnis der Krise besitzt. Der Staat soll eine konsequente Krisenbewältigung bewerkstelligen. Jedoch hängt der Realitätsgrad des Staates auch, wie es Agnoli treffend skizzierte, von seiner „Fähigkeit, Befreiungsbewegungen und die Tendenz zur Freiheit einzudämmen und zu neutralisieren“ ab. Der Staat soll dafür sorgen, die Reproduktion der Ware Arbeitskraft wieder herstellen zu können. Damit einher geht eine Absage an die Überwindung der staatlichen Herrschaft seitens der Linken einerseits und ein mangelndes Verständnis der Verhältnisses von Ökonomie und Staat andererseits. Die Perspektivenwahl der Politik erfolgt nicht, wie der Aufruf zur Demo glauben lassen will, nach dem freien und autonomen Ermessen der Politik, sondern auch nach dem Druck in der Akkumulation. Dadurch, dass die Wertverwertung durch die Produktivkraftentwicklung mit dem Ende des Fordismus in eine schwere Krise geraten ist, verließ das Kapital mit der dritten industriellen Revolution seinen nationalen Rahmen, um überhaupt noch wettbewerbsfähig zu sein. Der Staat als Reproduktionsverwirklicher trat in eine Krise, die durch Hartz IV und Konsorten erst begonnen hat. Die Transnationalisierung des Kapitals wird von der Linken nicht als Folge der krisenhaften Wertverwertung aufgefasst, sondern ebenso wie vom bürgerlichen Alltagsverstand als von gierigen Managern und ihren politischen Agenten herbeigeführte Krise, die mit einem Rückgriff auf einen starken Staat bewältigt werden könne. Skizzenhaft wird in die Diskussion der Linken immer wieder Marx eingebracht, ohne seine Kategorialkritik an Staat, Ware und Wert zu begreifen.
Dabei stellt sich die Frage, ob eine kommunistische Begierde, die die bürgerlichen, aber auch die staatskapitalistisch-sozialistischen Aprioritäten hinter sich lässt, in der Krise die Chance hat, zum Vorschein zu kommen. Klar müsste dabei sein, dass mit dieser Begierde nicht die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand, die panische Massenstimmungen anscheinend als revolutionäre Situation betrachtet und die die damit verbundene Gefahr, hinter den Kapitalismus in die Barbarei zurückzufallen, beinhaltet, gemeint ist. Von jener Kategorialkritik ist weit und breit nichts zu sehen. Jeder Versuch, sie zu formulieren, sie sogar in das Spannungsfeld zwischen Spontaneität und Theorie zu bringen, ist solange zum Scheitern verurteilt, wie mit den Begriffen an die alte Linke angedockt wird und versucht wird, Menschen etwas zu erklären, die anscheinend von nichts einen Begriff haben. Selbst diejenigen anarcho-syndikalistischen und antinational-kommunistischen Gruppen, denen man eine emanzipatorische Restvernunft zusprechen kann, schaffen es schwer, sich von der staatsaffirmativen Linken zu distanzieren und laufen zum Beispiel am 28. März in einem sozialrevolutionären Block auf der besagten Demonstration. Zum anderen bleibt ihre Sehnsucht der Zerschlagung von Staat.Nation.Kapital (Aufruftext) solange eine Randerscheinung, wie die Gruppen nicht fähig sind, die Sprache der alten Linken zu verlassen und damit nicht mehr zu klingen wie ein Aufruftext aus den Zeiten, in denen man noch einen Begriff davon hatte, was Links ist und was nicht. Sich als antinationale KommunistInnen gegen das Ganze zu stellen, müsste bedeuten jeden Versuch von Organisation hinter hinter sich lassen. Denn jedem noch so kümmerlichen Versuch, sich bürgerlich-interessengruppenspezifisch zu organisieren, wohnt bereits die Konterrevolution inne, kriecht der Staat, schlimmer noch, die Nation, in die Struktur. Dazu folgerte bereits der Rätekommunist Paul Mattick: „Hier, in der Frage der Organisation, offenbart sich das Dilemma der Radikalen: Um gesellschaftliche Veränderungen zu bewerkstelligen, müssen Aktionen organisiert werden; organisierte Aktionen aber nehmen immer auch Züge dessen an, wogegen sie sich richten. Es scheint, als könne man immer nur das Falsche oder, aus Angst vor dem Falschen, gar nichts tun. Selbst eine oberflächliche Betrachtung organisierten Handelns offenbart, daß alle bedeutenden Organisationen, gleich welcher Ideologie, den Status Quo stützen […]“.Die Lösung der RätekommunistInnen war die Spontaneität der ArbeiterInnen. Ohne eine Fetischkritik wird jener Hoffnung auf die Spontaneität jedoch schnell zu jener befürchteten Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand in Verbindung mit einer barbarischen Massendynamik, denn auch den meisten ArbeiterInnen stellte sich der Staat bisher als Erhalter seiner Reproduktion dar, und nicht als Aufrechterhalter ihrer Unterdrückung. Eine emanzipatorische Nicht-Organisation muss fähig sein, den oben bereits skizzierten Widerspruch von Kritik des Wesens und Spontaneität beziehungsweise Sabotage auszuhalten. Die ArbeiterInnen müssten, „um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigene bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben. Sie befinden sich daher auch in direktem Gegensatz zu der Form, in der die Individuen der Gesellschaft sich bisher einen Gesamtausdruck gegeben, zum Staat, und müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen.“ (Wer wohl? Marx)
Betrachtet man die Krise in ihrem historischen Kontext, so stellt sich klassedynamisch und staatlich einiges anders dar als in vergangenen Krisen (wobei die ökonomische Realität beweisen wird, ob es sich bei der aktuellen Krise und eine zyklische oder um eine, in wertkritischer Manier gesprochen, Zusammenbruchskrise handelt). Es ist davon auszugehen, dass der Staat die gesellschaftliche Reproduktion nur dann trägt, wenn er selbst ökonomische Potenz ist, wenn er seine eigene national-ökonomische Basis beinhaltet. Das Kapital hat jedoch längst den nationalen Rahmen verlassen, um der Krise der Realakkumulation zu entgehen. Man kann von keinem Unternehmen von Größe sprechen, das die Grenzen der Volkswirtschaft nicht verlassen musste, um seinem Untergang zu entgehen. Und so müsste der Staat in jenen Krisenzeiten das Rad Richtung Keynesianismus zurückdrehen, was die Realität der Krise von abstrakter Arbeit, Wertverwertung und die Fixierung des Kapitals auf fiktives Kapital schwer möglich machen wird, es sei denn man nähme eine Forcierung der Krise in Kauf und schafft es, die Ideologisierung von Nation und Volk auf ein barbarisches Maximum zu hieven. Dabei tut sich die Frage auf, was mit den ArbeiterInnen passiert, wenn der Staat nicht mehr dazu fähig ist, als Bewahrer der Reproduktion in Erscheinung zu treten? Wenn der Staat seit Jahren, genötigt durch die Anpassungen an die Umwälzung der ökonomischen Struktur, seinen Nutzen als Ermöglicher von Reproduktion verloren hat und auch so schnell nicht mehr zurückerobern kann? Mehr als das: es scheint, als sei ein großer Teil des sogenannten Subproletariats gar nicht mehr in der „Genuss“ der autoritären Vollzeitbeschäftigung namens staatlich-schulische Sozialisation gekommen. Droht dann die Fixierung der Bevölkerung auf barbarische Formen der Krisenlösung in Form von Religion, antisemitischem Wahn und Racketbildung? Auch in klassenstruktureller Hinsicht unterscheidet sich die Krise von zurückliegenden Ereignissen. Der Postfordismus hat die traditionelle Arbeiterklasse zersetzt, um bei der sogenannten Mittelschicht und dem akademischen Milieu weiterzumachen. Was so diffus als Prekariat bezeichnet wird, erfasste die Gesellschaft als Ganzes. Der Klassenkampf als Beschwörungsformel der Linken ist nichts anderes als ein atavistischer Begriff geworden, dem man keine Chance auf Vermittlung mehr unterstellen kann. Wenn weder Staat noch die Klasse Chancen haben, den Kapitalismus zu retten oder als Retter für sich aufzutreten, so kann man den Umschwung in die Barbarei befürchten.
Jedoch: Wenn sowohl akademisches Milieu als auch Arbeiterschaft, vor allem aber das „abgehängte Prekariat“ den Staat nicht mehr als Problemlöser wahrnehmen können, weil alle in der gleichen Scheiße sitzen und dies auch so wahrgenommen werden könnte, wäre dann die Zeit der Verbindung von Spontaneität und Kategorialkritik gekommen? Wäre es dann möglich, ein kommunistisches Ziel zu formulieren, das sich nicht auf die bürgerlichen Aprioritäten einlässt, weil diese Ihren Bedeutungsgehalt längst verloren haben?

Wir können es noch nicht wissen.

Benjamin Böhm

Über München und seine Leut‘

Dieser Text handelt von München und hat trotzdem mehr mit faulig vor sich hin modernden Provinzsümpfen wie Gerbrunn, Ochsenfurt, Hemmersheim oder Gollhofen zutun, als sie vielleicht zuerst annehmen würden.
Stellen sie sich einfach vor, zwei Ochsenfurter Gestalten mit kurzen Hosen kommen in Düsseldorf in eine Kneipe und bestellen, ohne vorher auf die Karte gesehen zu haben, ein Öchsner Bier aus Ochsenfurt. Und wenn der Herr Wirt den beiden antwortet, dass es kein Öchsner Bier gebe, bestellen sie ein Kauzen Bier, ebenfalls aus Ochsenfurt. Abermals teilt der Wirt den beiden Dorfkreaturen mit, dass es auch kein Kauzen Bier in seiner Kneipe gebe. Die beiden Ochsenfurter gucken verdutzt und ein wenig erzürnt, besprechen sich kurz, einer von beiden verdreht die Augen und schnaubt dann in lautem Ton „Habt ihr denn überhaupt irgendein Bier?“ vor sich hin. Wenn die Geschichte wirklich passiert wäre, dann fänden sie das Verhalten der beiden jungen Leute etwas merkwürdig, nicht wahr?
Eine weitere Geschichte zur Veranschaulichung: Ein volkstümlicher Sonderhöfer, engagiert im Krieger- und Kameradschaftsverein Sonderhofen, liebt jedes Element seiner Ochsenfurter Gautracht. Er liebt seinen albernen Spitzhut, sein schwarzes Lederwestchen, sein Hoserl, dessen Bund er knapp unter der Brust trägt und seine grauen Wollsocken, in die er sein Hoserl gesteckt hat. Eines Tages kommt er auf die Idee, dass seine Tracht womöglich nicht nur volkstümliches Zeug, sondern neuer Schick ist, auf den die Welt gewartet hat. Also zieht er los in die Metropolen dieser Welt, nach Paris, London, New York, Tokio und viele weitere Städte, und lässt seine Tracht an. Und wenn die Leute über seinen merkwürdigen Anzug scherzen, ihn sogar verspotten, dann kann er diese Menschen nicht verstehen. Nein, er verlangt sogar, dass die Welt ihn zu verstehen habe. Er bettelt um Akzeptanz, mehr noch, er verlangt Bewunderung für sein Volkstum. Auch ein solches Verhalten fänden sie durchaus merkwürdig, oder?
Oder stellen sie sich vor, ein Großlangheimer Autohändler zieht in eine Millionenstadt. In Großlangheim wurden ihm einige Ehren zuteil: als Sohn eines armen Landwirts arbeitete er sich nach oben und gilt für die Dorfbewohner als „Macher“. Er saß für die Freien Wähler zwei Jahrzehnte im Stadtrat, engagierte sich im Verein zur Heimatpflege und im Vogelschutzverein, ist Ehrenbürger seines Kaffs und mehrjähriger Gewinner des Kitzinger Tenniscups in der Klasse der Jungsenioren. Auch sein Habitus entspricht seinem sozialen Status: Familienfeste werden prunkvoll gefeiert, Giorgio Armani Sonnenbrille, Kitzinger Maßanzug und sein kleinbürgerlicher Machismo gehören genauso dazu wie sein sabberndes Gelaber über seine liebreizende fränkische Heimat. Jetzt kommt der Großlangheimer Kleinbürger also in die große Stadt und möchte mit offenen Armen empfangen werden. Er war der Held seines Dorfes, und genau deshalb muss er auch der Held der Großstadt sein. Das merkwürdige an der Metropole, in die er zieht, ist, dass er dort auf tausende Gleichgesinnte trifft. Dass sich dort fast alle Leute wie Bauern im Anzug aufführen, denen trotz ihres schicken Anzugs noch ab und zu Ackerdreck von den Stiefeln bröckelt. Auch diese Vorstellung kommt ihnen womöglich etwas merkwürdig vor…
München, besser gesagt seine Leute, das ist Ochsenfurt mal 1000 oder Iphofen mal 2000. Wenn zwei Münchner in eine Kneipe oberhalb des Weißwurstäquators kommen, dann wird auch ein Erdinger oder ein Paulaner verlangt, ansonsten ist man eingeschnappt wie ein Bauernjunge, dem man sein Leberwurstbrot weggenommen hat. Wenn man nach München kommt, so darf man nur ganz leise lachen, wenn einem ein Mensch in bayerischer Tracht begegnet, denn die Münchner haben es ja zum Schick erklärt, sich zu kleiden wie elbgermanische Sumpfbewohner ohne Schriftkenntnis. Und wann immer sie ein Sportwagen auf der A3 ausbremst, sie können sich sicher sein, dass das Auto ein Münchner Nummernschild trägt.
München ist ein merkwürdiger Ort. Es scheint mir, als hätten sich hier 1,3 Millionen geklonte Veitshöchheimer Kleinbürger versammelt, um eine überdimensionierten Dorfdisko zu errichten1. Die Würzburger bilden sich ein, in einer Stadt zu leben. Die Münchner machen sich nicht einmal mehr die Mühe und bezeichnen ihre Stadt stolz als „Großes Dorf“, ohne jedes Schamgefühl. Die Mentalität eines Kartoffelroders, das Sozialverhalten einer Rübenziehmaschine und der Habitus eines Dreschflegels: All Das wird in München geadelt statt getadelt. Meiden sie München!

Für immer Ihr Hunter S. Heumann

Die Dialektik der Anrede

Gedanken über das Duzen und das Siezen

Die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft eingerichtet ist, die omnipräsente Herrschaft, bestimmt die Formen unseres Handelns, formt unser Selbst und überwölbt ebenfalls die Formen zwischenmenschlicher Kommunikation. Sowohl das Duzen, als Gemeinschaftsgefühl stiftende Form der Anrede, scheinbar ohne Statusunterschiede zwischen den sich duzenden Personen, als auch das Siezen, als Höflichkeitsform, die sich gar nicht die Mühe macht, die Rangunterschiede zwischen Menschen zu überdecken, sind ohne das Prinzip der Herrschaft nicht zu denken und würden in dem Moment, in dem eine Gesellschaft für den Menschen mit all seinen Möglichkeiten geschaffen würde, nichtig werden.
Schon in frühester Kindheit wird die Fratze der Fremdbestimmung artikuliert: Vor gar nicht allzu langer Zeit sprachen die Kinder ihre Eltern, vor allem ihren Vater als autoritären Patriarchen, noch mit „Sie“ an. Damit verbunden war die Vorstellung einer strengen Erziehung, die dem kindlichen Individuum keinen Platz einräumte und den Rangunterschied klar vor Augen führte. Heute duzt man sich in der Familie, stiftet damit Gemeinschaftsgefühl und kuschelige Wärme in einer eisigen Verwertungsgesellschaft. Aber auch das Duzen innerhalb der Familie ist an die Herrschaft gebunden: Eine Gesellschaft, die so etwas wie die Familie nötig hat, um den Wahnsinn der Verwertungslogik ertragen zu können, ist noch immer die Verneinung des Menschen. Mit dem „Du“ in der Familie werden zugleich Besitzansprüche geltend gemacht, die dem Individuum äußerlich sind: „Du bist eineR von uns“. Die gemeinsame Abstammung, der Lebensweg, den sich die Eltern für ihre Kinder imaginieren, er wird zur Kette für die Emanzipation des Individuums. Die Aussprache dieser Geißel ist das Duzen, das im familiären Bereich, ebenso wie im Arbeitsleben, Gemeinschaftsgefühl stiftet und doch die Knechtschaft beinhaltet.
Das Herrschaftsverhältnis zwischen „Erwachsenen“ und „Kindern“ bzw. „Jugendlichen“ kommt auch in Ausbildung und Beruf zur Sprache: Der Lehrer, der die Schülerin duzt, die Meisterin, die den Stift wie ein verschüchtertes Kind behandelt und mit „Du“ anredet: Die materielle Überlegenheit drängt zum Gedanken, drängt zur Artikulation. Das Individuum wird infantilisiert, bis weit ins Erwachsenenalter hinein. Wer genug Kulturkapital anhäuft, darf sich letztendlich selbst Siezen lassen, darf die Herrschaft dann selbst ausüben und hat damit auch den Status erworben, den anderen die gleiche Gewalt anzutun, die einem/einer in der Schul- oder Ausbildungszeit selbst widerfuhr.
Eine liberale Gesellschaft, die das Pursuit Of Happiness für jedeN EinzelneN proklamiert, muss auch zwangsläufig die Statusunterschiede in der Kommunikation verwischen. Im Anglo-Amerikanischen Raum ist es längt gang und gäbe, dass man sich im Betrieb mit dem Vornamen anspricht. Dieses Konzept der „Formlosigkeit“ greift mittlerweile auch nach Deutschland über. Durch diese persönliche Anrede wird ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt, als ob alle zusammen an einem Strang zögen. Die Lüge, dass es keine Statusunterschiede gebe, die Falschheit, dass alle zusammen arbeiteten und nicht jedeR für sich, wird durch das familiäre „Du“ verewigt, bis die Menschen selbst davon überzeugt sind, dass es die Individuen sind, die gemeinsam den Markt gestalten, und nicht das automatische Subjekt der kapitalistischen Wertgesellschaft. Die Formulierung von Herrschaftsverhältnissen und die moderne Version der Verschleierung treibt im deutschsprachigen Raum die absurdesten Blüten: Mit dem so genannten „Hamburger Sie“ Siezt man sich und verwendet trotzdem den Vornamen, in anderen Betriebe duzt man sich und spricht sich trotzdem mit dem Nachnamen an. Es stellt sich also in Betrieben die Frage, ob man sich im Arbeitsleben nach wie vor Siezt und somit die reale Entfremdung zum Ausdruck bringt, oder diese durch das Duzen mit einer Lüge überdeckt.
Am dreistesten ist die Attitüde der hippiesquen One Family, die durch das Duzen jeden Menschen zu ihrem/ihrer FreundIn machen möchte. Der Vergemeinschaftung der Menschheit durch die Sprache liegt daher eine Geisteshaltung zugrunde, die keine Widersprüche zulässt, sondern jede Form des Unterschieds zwischen den Individuen übertünchen möchte. Auch in linken und subkulturellen Kreisen spricht man sich von Vorneherein mit „Du“ an. Auch dadurch wird ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen, mit dem das Eigene und das Fremde formuliert und definiert wird. Auch dieses gruppeninterne Duzen ist einer Gesellschaft geschuldet, die sich eine familiäre Umgebung nach innen schaffen muss, um die Zumutungen des Kapitalismus zu ertragen.
Man kann dem Siezen durchaus unterstellen, die ehrlichere Form der Anrede zu sein- nicht jedoch die bessere, die unter den Bedingungen der Herrschaft nicht zu bestimmen ist. In einer Gesellschaft, die als Klassengesellschaft konzipiert ist und auch nur so funktionieren kann, hat das Siezen als Zeichen des Statusunterschiedes seine Berechtigung. Noch mehr als das: Das Siezen drückt direkt aus, in welch entfremdeter Form sich zwischenmenschliche Beziehungen unter kapitalistischen Bedingungen abspielen. Wir können Fremden nicht per-Du sein, solange jedeR um das materielles Interesse für sich und allein für sich kämpft.
Das Duzen und das Siezen, beide sind Kehrseiten der wertgesellschaftlichen Medaille: Ob die Sprache nun ausdrückt, dass es Herrschaftsverhältnisse gibt, oder sie sich einbildet, wir alle seien eine Familie: der Kapitalismus benötigt keine Sprache, sondern ist rohe Gewalt. Was zwischenmenschliche Beziehung, was Freundschaft, was Menschlichkeit sein könnte, dies alles können wir unter den Bedingungen der Herrschaft der Wertverwertung nicht einmal erahnen. Und welche Formen der Kommunikation ohne die Formulierung von Statusunterschieden oder ohne die Lüge ihrer Nicht-Existenz möglich sein werden, ebenso. Sowohl das Siezen, als offen entfremdete Form der Anrede, als auch das Duzen, als versöhnende Lüge, würden in einer klassenlosen Gesellschaft ihre Bedeutung verlieren.

von Yvonne Hegel

Katzencasino – das Haushaltscanasta

Ziel dieses Kartenspiels ist es sog. Haushaltstrios zu sammeln, oder auch nicht. In der ersten Phase des Spiels, der Vorrunde, werden an jeden Spieler sieben Karten ausgeteilt. Der jüngste Spieler beginnt. Er zieht eine Karte vom Stapel und legt eine andere (oder dieselbe) wieder ab. Sobald er ein Trio hat, wird es ebenfalls abgelegt und dafür gleich drei neue Karten auf die Hand genommen. Pro Zug darf nur ein Trio abgelegt werden. Ist der Spielzug beendet, ist der nächste Spieler an der Reihe.
In dieser Phase des Spiels ist es gut, die Haushaltstrios zu sammeln, aber nicht nötig. Punkte gibt es nicht.

Erst in der zweiten Phase, wenn sich einer der Spieler in eine Katze verwandelt (die anderen tun es ihm gleich), zählt das Spiel: Ab jetzt dürfen keine Trios mehr gesammelt werden!

Alle Karten werden abgelegt und neu gemischt. Jede Katze erhält drei neue Karten. Pro Spielzug wird weiterhin eine Karte gezogen und abgeworfen. Ziel ist es nun, anders als in der Vorphase, keine Trios zu bekommen. Geschieht es dennoch, fängt die Katze, ganz nach Art der Katzen, zu jammern an. Sie muss sofort drei neue Karten auf die Hand nehmen. Die Katze, die als erste drei Haushaltstrios zusammen hat, hat das Spiel verloren, wobei die Trios aus der Vorphase des Spiels, als die Spieler noch keine Katzen waren, nicht mitgezählt werden. Gewonnen hat die Katze mit den wenigsten Haushaltstrios.

Anmerkung: In sehr seltenen Fällen kann es geschehen, dass sich kein Spieler in eine Katze verwandelt. Sollte nach Stunden noch immer keine Verwandlung gegeben haben, ist es ratsam, das Spiel abzubrechen.

Kartentrios:
Bügeleisen – Bügelbrett – Hemd
Fön – Kamm – Spange
Staubsauger – Besen – Schaufel

Von Homer Berndl

Spielkarten können über die Redaktion bezogen werden.

Was tun?

Teil I: Wie man die Sprache der Vögel lernt und ein beliebter Gesellschafter wird

Es ist nicht ganz unwichtig, folgende Verhaltensempfehlungen sorgfältig durchzulesen. Sie werden, wenn sorgfältig appliziert, hervorragende Ergebnisse erzielen. Wir dokumentieren den ersten Teil der Reihe von Gernot Riesenkäfer.

1. Wachen Sie eines Tages auf, um entsetzt festzustellen, dass Sie die Sprache der Vögel sprechen. Machen Sie Ihre Mitwelt auf diese höchst bedeutende und verstörende Veränderung aufmerksam, indem Sie laut piepend die Strasse entlangflattern.

2. Versuchen Sie, die schlechten Angewohnheiten, mit denen Sie Ihrer Mitwelt oft ohne jede Absicht auf die Nerven steigen, zu erkennen und abzulegen. Viel bessere Ergebnisse können Sie erzielen, wenn Sie sich irritierende neue Angewohnheiten zulegen, um Ihrer Mitwelt bewusst und gezielt auf die Nerven zu steigen.
Blicken Sie zum Beispiel während eines Gespräches öfter angestrengt an Ihrem Gesprächspartner vorbei an einen bestimmten Punkt ins Leere. Entgegen dem allgemeinen Glauben ist es auch jemandem, der die Angewohnheit genau kennt, unmöglich, nicht in ein unbehagliches Gefühl zu verfallen. Es hängt allerdings von der eigenen Übung ab.
Kündigen Sie einen Satz mit gewichtigem Tonfall an, vergessen Sie aber nach drei Worten, was Sie sagen wollten, und gehen wortlos (und vielleicht kopfschüttelnd) davon.

3. Erzeugen Sie mysteriöse Geräusche, um in Ihrem Gesprächspartner das Gefühl zu erwecken, er höre Dinge, die nur in seinem Kopf stattfinden. Leugnen Sie strikt und erstaunt ab, das Geräusch selbst gehört zu haben. Die besten Resultate erzielen mit einem Minimum an Lippenbewegungen hervorgerufene Geräusche, die an panische Schreie in der Ferne oder ähnliches erinnern, oder der leise gesprochene Vorname des Gesprächspartners (üben Sie das vor dem Spiegel!). Oder erfinden Sie seltsame kleine Sätze ohne Sinn, aber mit debil-faszinierend eingängigem Rhythmus.

4. Fangen Sie, wenn man Ihnen etwas erzählt, plötzlich breit an zu grinsen. Bitten Sie darum, einen willkürlich ausgewählten Satz zu wiederholen, grinsen Sie erneut. Hören Sie dann bis zum Ende weiter zu, ohne ein Zeichen von Interesse zu zeigen. Oder wiederholen Sie ein Wort Ihrer Wahl selbst, mit allen Anzeichen der Erleichterung, und lassen Sie danach den Vortrag seinen Fortgang nehmen. Sie verleihen damit den Gesprächen mit Ihrer Umgebung den Zauber der Abwechslung.

5. Lernen Sie, ungenau zu hören und zu sehen. Wer nicht genau wahrnimmt, nimmt wesentlich bessere Sachen wahr. Vergessen Sie nicht, sofort nachzufragen, ob die von ihnen grotesk misshörte Stelle wirklich so gelautet haben kann. Unterbrechen Sie hierfür ohne Zögern jede angeblich noch so wichtige Ansprache. So werden Sie lernen, wirklich wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden.

6. Sprechen Sie bestimmte seltenere Worte auf eigentümliche Art falsch aus. Tun Sie, darauf angesprochen, so, als sei ihnen den Unterschied gar nicht bewusst. Benutzen Sie für manche seltenere Worte selbst erfundene, fremdartig klingende dialektale Wendungen. Damit beweisen Sie zugleich weitläufige Weltkenntnis und rührende Bodenständigkeit.

7. Achten Sie bei Leuten, die mit Ihnen sprechen, immer auf die Ohrläppchen oder andere Teile des Gesichtes. Unterbrechen Sie auch längere Ausführungen, wenn nötig, um auf Ihrer Meinung nach auffällige Besonderheiten dieser Körperpartien hinzuweisen. Sie vermitteln damit allenthalben das beruhigende Gefühl, Sie nähmen Interesse an Ihren Gesprächspartnern als menschlichen Wesen in allen ihren Eigenheiten.

8. Üben Sie langweilige Wortspiele und Witze, die sich reimen. Wenn Ihnen ein scheinbar belangloser Satz im Kopf herumgeht, und das wird oft der Fall sein, scheuen Sie sich nicht, ihn zu einer Fantasiemelodie zu singen. Meistens wird sich dadurch auch sein bisher verborgener Sinn rasch erweisen.
Erklären Sie jede Pointe. Gute Witze gewinnen mit jeder Erklärung bisher unbekannte Aspekte und neue Facetten.
Als Ideal muss Ihnen vor Augen stehen, schliesslich ein Mensch zu werden, mit dem kein vernünftiges Wort mehr zu reden ist.

9. Benennen Sie die Dinge Ihrer Umgebung mit Anreden, z.B. Herr Messer oder Frau Gabel. Unterhalten Sie sich mit den Dingen, mit denen Sie zusammenarbeiten. Sie werden feststellen, dass es dem Arbeitsklima gut tut und beide Seiten erfreut. Entschuldigen Sie sich, wenn Sie einem Ding unrecht getan haben. Es wäre nicht gut, unversöhnt von einem Ding zu scheiden.
Entwickeln Sie so Ihre Fähigkeit zur Empathie zu grotesken Dimensionen.

10. Beginnen Sie zuletzt, harmlose Gegenstände zum Zentrum kultischer Verehrung zu machen. Fahren Sie damit fort, absolut idiosynkratisch auf gewisse Kombinationen von Worten, Geräuschen, Abläufen zu reagieren. Sie werden schliesslich zu völlig unerwartetem Handeln fähig sein. Erklären Sie Ihrer Mitwelt auf Nachfrage die Beweggründe ausführlich, aber ohne jede Hoffnung auf Verständnis.

Nächste Folgen:
- Wie man einen riesigen Turm baut
- Wie man in seiner Wohnung einen Kraken hält
- Wie man die Menschen für seine Sache gewinnt

Φρóνιμον ἔστι τὸ πῦρ (1)

Zur Bewegung in Griechenland

Es liesse sich sagen, dass die neuerlichen griechischen Ereignisse, ob nun ganz oder zum Teil, einige in diesem Heft bisher geäusserte Thesen beweisen (2). Gerade so gut liesse es sich übrigens auch umgekehrt sagen.

Wieder, wie zuletzt 2005, redet eine ganze Weile niemand von etwas anderem, und wieder formiert sich eine auf subtile Weise gemeinsame Front derer, gegen die sich die griechischen riots ihrer innersten Tendenz nach richtet: das ganze Geschmeiss von links bis rechts, von Sozialarbeitern bis Polizisten.

Das erste gemeinsame Interesse dieser Front ist die unbedingte Wahrung des status quo, ihr erstes gemeinsamen Mittel, der Bewegung falsche Motive unterzuschieben. Wenn die Linke, weil sie es gerne so hätte, die Bewegung für eine nur leider etwas zu unpolitische Bewegung gegen den „Neoliberalismus“ hält (und gegen deren angebliche Mängel, die in Wahrheit das beste sind, sich selbst als Remedur anbietet), dann erklärt die Rechte, im letzten zu Grunde läge der Sache der Verfall der Werte, der Sicherheit und der Verlässlichkeit, denn nur diese könnten Jugendlichen eine Perspektive bieten (gegen welchen Verfall sich die Rechte selbst als Remedur anbietet).

Die Linke fälscht die Motive, um die Bewegung zu beherrschen, die Rechte, um ihre Gegner zu einigen. Das ist sehr natürlich, zu genau diesen Zwecken hält sich der Staat diese beiden Alternativen.

Grund genug für diejenigen, die sich dieser Bewegung verbunden fühlen, ihre wahren Motive darzulegen. Es zeigt sich jedoch bei näherer Betrachtung, dass die wahren Motive bereits offen zu Tage liegen, und selbst von den verzerrten und verständnislosen Versionen, die in der offiziellen Presse umlaufen, nicht ganz ausgetilgt werden konnten.(3)

Die unaufhaltsame Logik, mit der die Bewegung nach der Tötung eines 15jährigen durch die Polizei dahin übergriff, gezielt und liebevoll genau die Innenstädte zu verwüsten, zeigt ein erstaunlich scharfes Bewusstsein der gesellschaftlichen Totalität. Sie hat sich nicht, wie es eher linke Blätter auch gerne berichtet haben (weil sie es eben gerne so hätten), auf die Niederlassungen grosser Banken und Konzerne beschränkt; offensichtlich teilt sie nicht das idiotische Verlangen der Linken, das Volk gegen das grosse Kapital zu einigen, sondern erkennt in der Einrichtung der Stadt eine direkte, steingewordene Verlängerung der Gewalt des Staates, und in öffentlichem Raum und privatem Eigentum nichts als die eigene Enteignung.(4)

Diese überraschende Überschreitung des Horizonts einer selbst versteinerten autonomen Linken fällt zusammen mit einem Ausgreifen der Bewegung weit über die Ufer dieser autonomen Linken. Die Bewegung war von Anfang an von der autonomen Linken emanzipiert; man darf sich gewiss sein, dass sie mit ihrem langsamen Rückgang wieder in die Schranken der autonomen Linken gezwängt werden wird; man ersieht daraus, in welchem Masse die autonome Linke ein Fänomen der Konterrevolution ist.(5)

Die Bewegung folgt keiner politischen Lehre, keiner der hergebrachten vorgefertigten Tendenzen, sie ist überhaupt nicht politisch, sowenig sie ökonomisch ist. Sie ist keine Folge der Krise, sie ist die Krise selbst. Mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit holt sie das Gründungsverbrechen der heutigen griechischen Gesellschaft, den Militärputsch von 1967 und die Diktatur bis 1974, wieder in die Gegenwart, indem sie tastend auf den Ausnahmezustand zu drängen scheint; sie sieht an der Gesellschaft überhaupt nur ihr wahres Gesicht, das Bürgerliche Gesetzbuch ist ihr eine nicht weniger deutliche Hieroglyphe der Herrschaft ist als der Militärputsch; sie scheint es vorzuziehen, den einmal verlorenen Kampf noch einmal zu führen, um ihn diesmal zu gewinnen, statt sich von der Republik mit der Drohung der Diktatur weiter erpressen zu lassen.

Sie beweist damit ein Wissen über den Staat und das gewaltsame Zustandekommen seiner Gesellschaft, über den Zusammenhang von Souverainität und Staatsstreich, und ein Geschichtsbewusstsein, dass im heutigen Europa ohne Beispiel ist. Damit qualifiziert sie sich als das erste Leuchtfeuer der kommenden Revolten; denn keine Revolte kann sein, die nicht vom Bewusstsein getragen wird, dass die Aufgabe darin besteht, den „wirklichen Ausnahmezustand“ herbeizuführen, von dem Walter Benjamin spricht (6).

Dass die Bewegung in Griechenland zum wirklichen Ausnahmezustand nicht vordringen konnte, ist ihr nicht vorzuwerfen; wäre sie stark genug gewesen, den Staat zu einer Erprobung seiner Souverainität zu zwingen, hätte sich das Gesicht nicht nur dieses Kontinents verändert. Die Regierung hat sich freilich auffallend klug herausgehalten; man darf annehmen, nicht ohne sich mit den Regierungen des Kontinents beraten zu haben.

Und mehr noch als das: in Griechenland hat sich das Proletariat eine Form des Widerstands geschaffen und gleichzeitig allgemein bekannt gemacht, die als einzige avanciert genug, resistent genug, modern genug ist, um universal zu sein; universal in dem Sinne, dass sie einerseits die Umrisse des Proletariats als einer rächenden Klasse wieder sichtbar machen kann, und dass dieses Beispiel, wie durch eine allgemeine Sprache, überall unmittelbar verständlich ist.(7)

Der offene Ausbruch der Krise in der Ökonomie stellt der Herrschaft, der Gesellschaft, die Aufgabe, sie zu bewältigen; das, was auseinanderstrebt, wieder zusammen zu zwingen; die Revolte in Griechenland hat zum erstenmal ausgesprochen, dass das auseinanderstrebende sich gegen den Zwang zur Wehr setzen könnte. Sie hat als erste die Krise nicht als ein Verhängnis gezeigt, dem man stumm sich zu fügen hat, sondern als das andere, das seiner selbst noch nicht bewusste Gesicht der Revolte; welch letztere die wirkliche finale Krise des Kapitals sein kann, wenn man es nur endlich will. (8)

Von Jörg Finkenberger

1 Nach Heracleitus, DK 17 B 64a.

2 Man vergleiche hierzu die Reihe „Über die kommende Revolte“, die seit #2 im letzten hype weiterführt wird.

3 Manche eher rechten Teile der Presse erfinden natürlich ganz speziell griechische Gründe, um sich zu versichern, dass das ganze vielleicht ein Problem der griechischen Gesellschaft sei, aber ganz sicher niemanden sonst beträfe. Etwa den Klientelismus, die Abhängigkeit der einzelnen von einflussreichen Beziehungen – wir sagen lieber: Rackets –; aber sie können natürlich nicht erklären, wie derartige partikulare Herrschaftsformen zu einem allgemeinen Widerstand führen sollen. Unter der Hand machen sie den realen Aufstand gegen den Staat und die bürgerliche Gesellschaft zu einem Aufstand für den Staat, nämlich gegen seine Korruption. Die libanesischen oder ägyptischen Verhältnisse lehren uns anderes. – Oder aber: die Inflation habe die Waren unerschwinglich gemacht, wie ein besonders schlauer meinte, der sich damit die Revolte gegen die Warenanhäufung erklären will. Aber wieviel ist tatsächlich geplündert worden? Er hat es nicht untersucht.

4 Es ist den Linken, wie man sogar zB auf libcom.org sehen kann, vorbehalten geblieben, hier eine besonders grelle Episode im Verteidigungskampf um Arbeiterrechte zu sehen. Diese Leute, Aktivisten der Theorie, können aus der unstreitigen massenhaften Beteiligung von Lohnabhängigen nicht klug werden, wenn sie ihnen nicht im weitesten Sinne gewerkschaftliche Ziele unterschieben. Letztlich sind solche Deutungen nichts anderes als gutgemeinte Vorschläge an die Herrschaft, wie die Situation wieder zu befrieden sei. Ein Proletariat aber, das seine Gefängnisse, die Städte, zu zertrümmern begänne, wäre schon jenseits der Reichweite solcher Ideen. – Gewissen Kreisen der radikalen Linken in Griechenland ist übrigens tatsächlich eingefallen, im Namen der Revoltierenden Forderungen zu stellen. Man darf da die altbekannten Sachen lesen: bedingungsloses Grundeinkommen, Sozialversicherung für alle, und was sonst noch die letzte Mode ist. Der grelle Kontrast, in dem solche wildgewordene Sozialdemokratie zur wirklichen Bewegung steht, muss nicht eigens ausgeführt werden: die Bewegung hat diesen Unsinn bereits desavouiert, und desavouiert ihn noch.

5 Diese Zeilen wurden vor dem Ghaza-Krieg geschrieben. Ich hätte präzisieren können, und tue dies hiermit: jedesmal, wenn eine solche Bewegung scheitert, werden einige ihrer Aktiven, weil sie hinterher nicht mehr begreifen wollen, was sie eine Sekunde lang gewusst haben, sich der autonomen Linken anschliessen; jedesmal wächst die Zahl derer, die bereit sind, israelische Botschaften oder irgendwann Synagogen anzuzünden. Das ist die in Europa übliche Art, sich vom Aufstand abzuwenden und eine unbegriffene Erkenntnis zu vergessen; und die Linke erschafft sich jedesmal aufs Neue als diejenige Instanz, die dieses Vergessen verwaltet.

6 „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern.“
(http://www.mxks.de/files/phil/Benjamin.GeschichtsThesen.html)

7 Griechenland ist das östlichste Land Europas und das westlichste Land des Mittleren Ostens. Für alle die, die glauben, es hier mit zwei verschiedenen Kulturkreisen zu tun zu haben, könnte sich die unverhoffte Chance bieten, umzulernen; nämlich in dem Masse, in dem sich das griechische Beispiel als einzige Lösung der ägyptischen, libanesischen, syrischen, und eines Tages der iranischen Misere erweist.

8 Die unauslotbare Ironie des beliebten Graffito dieser Tage : Merry crisis and a happy new fear! bringt das sehr schön zum Ausdruck. Vor allem wird man, vermute ich, auch im neu-griechischen noch das Gefühl dafür haben, dass Krisis von κρίνειν (entscheiden) kommt und Entscheidung bedeutet.

Operation Cast Lead – Israel im Kampf gegen den Dschihad

Der zur Zeit der Abfassung dieses Textes noch im Gange befindliche Krieg im Gasastreifen ist die logisch konsequente Fortsetzung des Krieges vom Sommer 2006 gegen die Hisbollah im Libanon. Wie auch in jenem Krieg führen die israelischen Streitkräfte einen Kampf mit einem nichtstaatlichen Gegner, dessen Kämpfer sich bis zur völligen Ununterscheidbarkeit mit der umgebenden Bevölkerung vermengt haben und der die zivile Infrastruktur, also Wohnhäuser, Verwaltungsgebäude, Sportplätze, Krankenhäuser und Schulen, ganz gezielt in seine militärischen Operationen einbezieht. Die dabei zu erwartenden Opfer unter der Zivilbevölkerung sind kaltblütig einkalkulierter Bestandteil der Operationsstrategie dieser Organisationen. Das höhere Ziel der Beseitigung der „zionistischen Besatzung“ – womit der Staat Israel und überhaupt alles jüdische Leben auf als islamisch definiertem Territorium gemeint ist – rechtfertigt sämtliche Leiden der Bevölkerung, welche ja als Bestandteil der islamischen Gemeinschaft und somit als das eigentliche Subjekt des Kampfs gegen die Ungläubigen gilt. Sind die Menschen in der Reichweite der islamistischen Gruppen nicht bereit, sich vollkommen den Zielen der Dschihadisten zu unterwerfen, gelten sie als Abtrünnige und werden gefoltert und/oder ermordet. Im Gegensatz zur Hisbollah, die sich derzeit im politischen Kampf um die Macht im Libanon befindet, hat die Hamas die Macht in Gaza längst erobert und sich jeder Konkurrenz entledigt. Der Charakter der Hamas als Vereinigung bewaffneter Kämpfer für ein weltweites Kalifat ist unvereinbar mit dem Aufbau und Unterhalt einer irgend staatsförmigen Ordnung; das systematische Herausreißen von Wasserrohren zum Zwecke des Raketenbaus mag hier als besonders augenfälliges Beispiel dienen. Der Glaube an den von Allah zu bewerkstelligenden endgültigen Sieg der durch ihre Kampfbereitschaft ausgewiesenen Rechtgläubigen lässt selbst kurze Ruhepausen im Dschihad nicht zu.

Die Aufgabe, welche die Politik in Israel dem Militär gestellt hat, nämlich für ein Ende der Raketenangriffe, sowie der andauernden Mörser- und Schußwaffenattacken aus dem Gasastreifen zu sorgen, ist dadurch von vornherein nur zu erfüllen, wenn der Hamas die taktischen Möglichkeiten, also sowohl Waffen und Munition, wie auch die Logistik entzogen werden. Die Tatsache, daß sich sämtliche militärischen Einrichtungen der Hamas in zivilen Orten verbergen und die Operationslogistik sich der gesamten zivilen Infrastruktur bedient, bestimmt die Form und den Verlauf des Feldzugs. Sowohl aus moralischen als auch strategischen Erwägungen muß dieser mit so geringen Opfern (selbst unter den gegnerischen Kämpfern) wie möglich geführt werden. Dies wurde bisher durch sehr genaue Aufklärung, exakte Vorbereitung und diverse taktische Raffinessen erreicht, ob das Ziel einer Zerschlagung der operativen Fähigkeiten der Hamas erreicht werden kann, ist derzeit noch offen. Mit der Dauer der Kampfhandlungen und der Zunahme des Aufwands für ihre Fortführung wächst der politische Druck, zu einer möglichst dauerhaften Lösung des Problems zu kommen. Die genaue Definition des Problems ist nun allerdings ein Dilemma ganz eigener Dimension.

Die Hamas ist nicht lediglich ein Haufen wild gewordener islamischer Fundamentalisten, sondern Teil eines globalen Kampfes für ein Gottesreich und sie wird dabei von zwei Staaten ausgerüstet, finanziert und weitgehend auch gelenkt, die ihre eigenen (sich dabei durchaus widerstreitenden) Interessen sowohl in der Region als auch weltweit verfechten. Syrien, das für sich eine regionale Vormachtstellung beansprucht und dabei im Libanon und im Irak territoriale Ansprüche geltend macht, ist spätestens seit dem Mord am ehemaligen libanesischen Präsidenten Hariri in einer offenen Auseinandersetzung mit Ägypten und Saudi-Arabien (der Streit mit Jordanien ist seit dem Überfall Syriens im Jahr 1973 niemals abgeflaut). In Damaskus sitzt die militärische Führung der Hamas, von dort wird der Schmuggel der von Teheran gesponsorten Waffen durch Ägypten nach Gasa organisiert. Der Iran finanziert dabei das Regime in Syrien und die Hamas und übernimmt auch die militärische Ausbildung der aus Gasa heraus geschleusten Militanten. Das taktische Ziel des Iran ist eine, wenn auch kurzfristige, Ablenkung von seinen atomaren Bewaffnungsanstrengungen, sein strategisches Ziel ist die Vormachtstellung in der islamischen Welt, der Export seiner islamischen Revolution und letztendlich die Islamisierung der Welt. Die, egal wie wahnsinnigen, Endziele Irans und der Hamas sind – auch über die sunnitisch-schiitische Spaltung hinweg – identisch und gerade der Aspekt, daß das Ziel der Vernichtung Israels integraler Bestandteil ihres jeweiligen politischen Willens1 ist, zementiert diese Allianz. Syriens ausschließliches strategisches Ziel ist die Fortdauer der Macht des Assad-Clans. Das Bündnis mit Iran ist diesem Ziel ebenso unterworfen wie die Unterstützung für die diversen rivalisierenden libanesischen und palästinensischen (nebenbei auch irakischen) Milizen und die penible Einhaltung der Waffenruhe am Golan. Den Krieg des Sommers 2006 konnte die syrische Führung zu einer Verstärkung ihres Einflusses im Libanon nutzen, indem sie die angeschlagene Hisbollah mit iranischen Waffen wieder aufrüstete und diese im monatelangen kalten Bürgerkrieg stützte. Nach dessen letztjährigen Finale in einem Operettenputsch garantierte Syrien den fragilen status quo und konnte sich damit zudem noch aus der internationalen Isolation befreien, was allerdings (vor allem wegen der Aufnahme indirekter Verhandlungen mit Israel via Türkei) zu starken Irritationen in Teheran führte. Die Durchführung dieser Taktik auf dem Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörden scheiterte zum einen an der trotz israelischer und amerikanischer Unterstützung militärischen Unterlegenheit der Fatah, zum anderen an der ideologischen Verbissenheit der Hamas-Angehörigen, welche die hochrangigen Fatah-Militanten lieber von Hochhäusern warfen, als sich mit ihnen das Innenministerium eines Staates „Palästina“ zu teilen. Sollte es der Hamas ähnlich wie der Hisbollah gelingen, auch nach dem Krieg mit Israel die dominierende politische Kraft im Gasastreifen zu bleiben – auch nach den bisherigen heftigen Verlusten gälte dies als „historischer Sieg“ – , wird Syrien aus seiner Unterstützung politisches Kapital in Teheran herausschlagen und zugleich seinen Einfluß auf die Hamas in den Auseinandersetzungen mit der arabischen Liga als Druckmittel verwenden. Wird die Hamas zerschlagen, hat Syrien mit verschiedenen Fraktionen innerhalb der Fatah verläßliche und nicht von Teheran abhängige Klienten und wäre somit in der Lage, ein etwaiges Friedensabkommen der PA mit Israel (das dann zur Gründung „Palästinas“ führen würde) effektiv zu obstruieren und könnte sich zugleich dem Westen als Bündnispartner gegen den Terror empfehlen, ohne relevante Zugeständnisse an Israel machen zu müssen. Dabei müßte Damaskus nicht einmal völlig auf die (wegen des sinkenden Ölpreises sowieso rückläufigen) Spenden aus Teheran verzichten, da Iran bei der Unterstützung der Hisbollah auf die Mithilfe Syriens angewiesen ist.

Aber nicht lediglich die Gegner Israels bereiten bei der Analyse erhebliche Kopfschmerzen, auch die Zusammensetzung der Bündnispartner Jerusalems ist von einiger Delikatesse. Am deutlichsten (und dort auch am schmerzlichsten empfunden) ist die Kooperation Ägyptens. Der größte arabische Staat, der mit seinem säkularen und national-arabischen Präsidialregime den Anspruch auf die Führungsrolle in der arabischen Welt und damit auch die ideelle Vorreiterschaft in der Abwehr der „zionistischen Aggression“ als Staatsräson hat, ist seit geraumer Zeit in einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Syrien verstrickt. Die Unterstützung Kairos für die Zukunftsbewegung im Libanon, welche zur „Zedernrevolution“ und der Loslösung des Libanon von Syrien geführt hatte, wurde von Damaskus gekontert mit der Unterstützung des Putsches der Hamas, der die von Ägypten und Saudi-Arabien garantierte palästinensische Einheitsregierung beseitigte. Dies war nicht lediglich eine zuvor kaum vorstellbare diplomatische Blamage Ägyptens und Saudi-Arabiens, sondern auch das praktische Ende aller Bemühungen dieser Staaten, gemeinsam mit Jordanien, einen allgemeinen Friedensvertrag der arabischen Liga, einschließlich des, im selben Prozeß aus der Taufe zu hebenden, Staates „Palästina“, mit Israel zu bewerkstelligen. Der Beweggrund dieser ursprünglich saudischen Initiative liegt im rapiden Anstieg der iranischen Bedrohung und in der nach 9/11 auch in Saudi-Arabien eingesetzten Erkenntnis, daß die bisher großzügig unterstützten radikalen islamischen Gruppen eine strategische Bedrohung nicht nur der säkularen arabischen Regimes, sondern eben auch des eigenen Königshauses darstellen. Ein weiterer glückloser Bündnispartner ist der – seit einigen Tagen auch nicht mehr durch Wahlen legitimierte – „Palästinenserpräsident“ Mahmud Abbas, dessen von der Fatah gestellte Regierung auf israelisches Militär und amerikanische finanzielle Unterstützung angewiesen ist. Diese vier Regimes, Ägypten, die PA, Jordanien und Saudi-Arabien, sind brennend an einer Beseitigung der Hamas interessiert, wollen und können aber bei Strafe des eigenen Untergangs nicht offen Partei ergreifen. Zudem steht selbst die Unterstützung durch den einzigen langfristigen und offenen Bündnispartner, die USA, unter einem Vorbehalt: Das baldige Ende der Amtszeit George W. Bushs lässt seiner Regierung nur geringen außenpolitischen Spielraum, zudem sind die USA angesichts der ökonomischen Krise zu kostenintensiven Unternehmungen kaum in der Lage und schon seit längerem außenpolitisch in der Defensive. (Im stets prekären Gefüge des Nahen Ostens wurde sehr genau zur Kenntnis genommen, daß die USA dem Bündnispartner Georgien in der Not nicht beigesprungen sind)

Die israelische Regierung scheint derzeit offensichtlich noch auf eine große Lösung zu hoffen; ihre Emmisäre versuchen in Kairo eine Verhandlungslösung zu erreichen, die der Hamas ihre militärischen Möglichkeiten nimmt und eine multinationale (aber muslimische) Truppe – sei sie nun in Gasa selbst stationiert oder aber auf der ägyptischen Seite der Grenze – mit der Sicherung des Waffenstillstand betraut. Dies böte die Möglichkeit, in absehbarer Zukunft eine Vereinbarung sämtlicher Beteiligten zu erreichen. Weit wahrscheinlicher aber ist ein Ende der Kampfhandlungen ohne Verhandlungen und ohne die Hamas wirklich aus dem Sattel geworfen zu haben, allerdings mit dem für Israel bedeutenden Ergebnis, daß sich die Wiederbewaffnung der Terrorgruppen deutlich schwieriger gestalten dürfte und daß die durchaus erheblichen Zerstörungen, welche die Streitkräfte im Gasastreifen bewirkt haben, wahrscheinlich auch die „Infrastruktur des Terrors“, also die Fähigkeit der Militanten, bewaffnete Aktionen aus einem zivilen Umfeld heraus durchzuführen, auf längere Sicht beschädigt hat. Das Risiko einer erweiterten Militäroperation, die jetzt die in Gasa-Stadt unter dem Krankenhaus verschanzten Hamas-Führer ins Visier nehmen und zudem in Haus-zu-Haus Razzien Waffen und Munition beschlagnahmen müßte, ist erheblich und wird sehr genau gegen die erhofften diplomatischen Erfolge abgewogen werden. Bereits jetzt ist deutlich, daß Jordanien und vor allem Ägypten sich mit aller Macht gegen die Muslimbrüder wenden werden und Ägypten nunmehr ein eigenes Interesse an der Verhinderung des Waffenschmuggels und vor allem der Unterbindung der Infiltration durch islamistische Militante zeigen wird. Das für Israel durchaus unbefriedigende Ergebnis der „Operation gegossenes Blei“ wird kaum eine Neuordnung des Nahen Ostens herbeiführen, nicht einmal eine wirkliche Wende in Gasa, etwa nach dem Modell der Operation Schutzschild, in deren Gefolge seit 2002 das Westjordanland recht effektiv befriedet wurde, sondern der jüdische Staat wird eine Atempause haben vor der nächsten Auseinandersetzung und kann, und dies alleine rechtfertigt diesen Feldzug allemal, zunächst einmal die relative Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger gewährleisten, daß eben nicht jeden Augenblick ein Geschoß neben ihnen einschlagen könnte. Die größte Bedrohung für Israel bleibt der Iran. Der läßt zwar durch hektische Diplomatie erkennen, daß ihm eine Niederlage der Hamas höchst unangenehm ist, stellt jedoch über die Hisbollah und Syrien noch immer eine direkte Bedrohung dar und treibt unterdessen seine atomare Rüstung unbehindert weiter voran.

Von Rainer Bakonyi

Anticomunista.net / dümmer geht ümmer

In Zeiten, in denen man nur den Kopf schütteln kann über die Staatsvergötterung der LINKEN, über den neuen Versuch, eine weitere SPD zu gründen, schaffen es die deutschen GegnerInnen dieser LINKEN tatsächlich, der Dummheit die Krone aufzusetzen.

Denn in Würzburg fühlen sich antikommunistische AktivbürgerInnen tatsächlich dazu gedrängt, über die wahren Absichten der „Linkspartei“ aufzuklären. Deshalb schmücken sie Plakate und Sticker der Linkspartei, ganz im Stile der Kommunikationsguerilla, mit Sprüchen wie „Weil Fleiß nun einmal bestraft gehört: DIE LINKE“.
Die Deutschen bleiben eben fleißig dem Wahn der deutschen Arbeit verpflichtet. Sehen sie selbst, welche geistigen Ausdünstungen die selbsternannten AntikommunistInnen produzieren.
hxxp://anticomunista.net/index.php?option=com_content&task=view&id=22&Itemid=27

Unterfrankens hässlichste Orte: Rauhenebrach

Rauhenebrach

Einwohner: ca. 3000
Landkreis: Hassberge
Bürgermeister: Kunibert von Hochdrachenstein
Feste: Dämonenkirchweih, das Fest der fränkischen Hexenküche, Tag der deutschen Einheit
Sehenswürdigkeiten: Orakelbaum, Freyadenkmal

Geschichte: Die Geschichte Rauhenebrachs ist ohne den Film Tanz der Teufel nicht zu verstehen. Im Jahre 1980 begannen die Dreharbeiten des besagten Horrorfilms des Regisseurs Sam Raimi. Der Filmemacher ist bekannt für seine Affinität zu deutschen Hexensagen und Spukgeschichten aus Mitteleuropa. Auf der Suche nach einem geeigneten Drehplatz waren zuerst andere deutsche Waldgebiete wie der Spessart oder der Schwarzwald als potentielle Schauplätze des Films geplant. Aufgrund der „beeindruckenden germanischen Bräuche der fränkischen Waldbewohner und einer unglaublich intensiven finsteren Magie, die die Leute im Steigerwald ausstrahlen“, entschied sich Sam Raimi für den Dreh im Steigerwald. Dazu muss man sagen, dass es die Gemarkung Rauhenebrach bis 1980 nicht gab. Sie existierte lediglich als Bezeichnung eines öden Landstriches, den bereits die Kaufmänner im 15. Jahrhundert mieden, da „Irrlichter des Nachts den Weg säumen und viele fromme Menschen so einen grsusamen Tod fanden“ [Geschichte der Frammersbacher Kaufmannsgilde, Detlef Reuß, Spessart-Verlag, 1965].

Bei den Dreharbeiten des durch drastische Gewaltszenen bekannt gewordenen Films spielten ca. 2500 Laienschauspieler mit, die in den umliegenden Dörfern, hauptsächlich aus Schlüsselfeld und Herper, angeworben wurden. Während der Dreharbeiten bildete sich ein faszinierendes gruppendynamisches Phänomen: ein Großteil der Laienschauspieler identifizierte sich derart intensiv mit der Rolle, dass man die Fiktion des Films und die Realität nicht mehr unterscheiden konnte. Als Anfang 1982 das Film-Set abgebaut werden sollte, ereignete sich eine Revolte gegen die Zerstörung der „dunklen Gemeinschaft, die durch die Kraft des Waldes zusammengehalten wird wie die Hexen der Walpurgisnacht“ [Zitat aus: Rauhenebrach- ein Dorf und seine Kraft, Kunibert von Hochdrachenstein, Rauhenebrach 1987]. Der noch immer amtierende Bürgermeister Kunibert von Hochdrachenstein rief sich selbst als Fürst der Finsternis aus und forderte die „Autonomie der Rauhen Ebrach“. Alle Zufahrtstraßen und Feldwege wurden unpassierbar gemacht, und jeder „Menschling“ wird bis zum heutigen Tage vom Stadtfürsten gewarnt, Rauhenebrach zu betreten. Die Reaktion der Kommunalverwaltung der Hassberge ist bis zum heutigen Tag zögerlich- zu sehr fürchtet man die scheinbar dämonischen Kräfte, die die Rauhenebracher zu besitzen scheinen. Böse Zungen jedoch behaupten, dass die gesamte Verwaltungsstruktur der Hassberge von Rauhenebracher Lobbyisten unterwandert werde.

Politische Organisation: Die Gemeindeverwaltung ist von derart archaischer, undurchschaubarer Struktur, dass sie schwer mit politikwissenschaftlichen Begriffen zu fassen ist. Hinzu kommt, dass es in den letzten 26 Jahren lediglich einen Aussteiger gab, der es wagte, sich kritisch gegenüber Rauhenebrach zu äußern. Fest steht, dass Kunibert von Drachenstein jährlich legitimiert wird: Bei der fränkischen Dämonenkirchweih unter dem Orakelbaum. In einer langen Zeremonie, in der alle erwachsenen Männer einen Tee aus Engelstrompeten und Spitzwegerich zu sich nehmen, wird der weise Baum um Rat gefragt. In der Wahrnehmung aller Männer von Rauhenebrach hat der Orakelbaum jedes Mal entschieden, dass Kunibert von Hochdrachenstein auch weiterhin der Fürst über den „Wald der Barmherzlosigkeit“ bleibt. Politische Parteien gibt es nach unserem demokratischen Verständnis in Rauhenebrach nicht. Interessenkonfikte werden mit roher Gewalt vor dem Freyadenkmal ausgetragen. In ritualisierten Weise treten sich dabei die Kämpfer, beschmiert mit Blut, Lehm und weiteren Körpersekreten, gegenüber und Kämpfen auf Leben und Tod.

Brauchtum und Tracht: Interessant bei einem Blick auf die kulturellen Aspekte in Rauhenebrach ist die Vermischung aus Filmelementen und fränkischen Bräuchen. So ist das Fest der fränkischen Hexenküche eine Abwandlung des Festes der fränkischen Schlachtschüssel aus dem benachbarten Schlüsselfeld. Nach einer langen Fastenzeit im Frühling und Sommer wird beim Hexenküchenfest viel Fleischhaltiges gereicht, das für zivilisiertere Kreise abstoßend aussieht und schmeckt. Eiterbeutele oder Fingerli vom Fuchs seien hier als Beispiel für die ausgefallene Küche Rauhenebrachs genannt.
Die Tracht der Rauhenebracher ist ebenfalls eine Mixtur aus den fantastischen Elementen des Horrofilm-Genres und fränkischen Traditionen. Getragen wird eine Gautracht des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Doch als Schmuck werden Menschen- und Tierknochen oder auch Teile von für magisch gehaltenen Bäumen getragen. Am merkwürdigsten sind aber die Tätowierungen der Rauhenebracher: Angsteinflößende Runen und Zeichen trägt jeder Rauhenebracher ab 5 Jahren auf seiner Stirn. Mitglieder der Familie Hochdrachenstein tragen als Zeichen ihres höheren Ranges ein drittes Auge auf der Stirn.

Bloß nicht: Es ist nicht möglich, mit motorisierten Fahrzeugen nach Rauhenebrach zu kommen- und das ist wohl auch besser so. Bis auf den Aussteiger Dragon Mortalitas ist es keinem einzigen Bewohner Rauhenebrachs jemals gelungen, das Dorf zu verlassen. Ausländische Reiseführer warnen gar davor, den nördlichen Steigerwald überhaupt zu besuchen: Zu groß scheint die Gefahr, von Rauhenebracher Menschenjägern, die angeblich in mondlosen Nächten im Steigerwald umherstreifen, gefangen genommen zu werden.
Daher sei jedem Menschen, dem sein Leib und Leben etwas wert ist, geraten, Rauhenebrach großräumig zu meiden.

Mit mahnenden Grüßen, Ihr Hunter S. Heumann

2/4: Allgemeine Klassifikation, Funktionen und autoritäre Erziehungsgemeinschaft

Allgemeine Klassifikation, Funktionen und autoritäre Erziehungsgemeinschaft

Bei der Vielzahl kritischer Reader über das Verbindungswesen haben wir uns den aus unserer Sicht besten herausgepickt. Der folgende Text aus Marburg erscheint daher mit freundlicher Genehmigung der AntifaGruppe5. Er wurde stark gekürzt und erscheint hier in zwei Teilen, kann aber im Netz unter http://www.ag5.de.vu in voller Länge abgerufen werden.
Besonders wichtig war uns bei der allgemeinen Kritik am Verbindungswesen der Blick auf den geschichtlichen Kontext (Siehe Teil 3 von 4), aus dem die Verbindungen stammen und dessen Traditionslinien sich auch im heutigen Korporationswesen widerspiegeln. Zum anderen ist für uns die Trennung in die „guten“ eher liberalen Studentenverbindungen und in die „bösen“ Burschenschaften, wie sie gerne (siehe die vielen Kommentare zum ersten Teil auf unserem Blog) von aufgeschreckten Korporierten vollzogen wird, nicht haltbar. Eliteformierung, Lebensbundprinzip und Brauchtum sind derart grundlegend mit dem Verbindungsleben verwoben, dass man sie bei einer kritischen Analyse nicht ausklammern kann. Daher werden hier auch die wichtigen „erzieherischen“ Praktiken skizziert, die der Herausbildung eines elitären Habitus im Korporationsmilieu dienen.
Ursprünglich als dreiteilige Serie geplant, nimmt die allgemeine Kritik am Verbindungswesen mehr Platz in Anspruch, als wir vorgesehen hatten. Daher beschäftigen wir uns im Teil 2 mit einer allgemeinen Klassifikation der Verbindungen und ihrer Funktionen. Im dritten Teil der Serie, der in der Dezember/Januar-Ausgabe des Letzten Hypes erscheinen wird, geht es um die Eliteformation in der BRD, den Revisionismus des Korporationsmilieus und um die Konservative Revolution.
Bevor es mit dem Text der AntifaGruppe5 losgeht, schildern wir euch kurz die Verbindungen aus Würzburg, die an den dargestellten korporierten Netzwerken partizipieren:

Deutsche Burschenschaft: Adelphia, Cimbria
Coburger Convent: Teutonia, Asciburgia, Alemannia Makaria
Kösener Senioren-Convents Verband: Bavaria, Franconia, Nassovia, Rhenania, Moenania, Makaria-Guestphalia
Cartellverband der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen: Gothia, Thuringia, Guelfia, Markomannia, Cheruscia, Franco-Raetia
Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine: Walhalla, Rheno-Franconia, Normannia
Wingolfsbund: Chattia

Nun zum eigentlichen Text, et voila:

Klassifikation
Korporierte Netzwerke in der BRD
Unter den Verbindungen lassen sich drei Zentraltypen klassifizieren:
1. schlagende und nichtschlagende Verbindungen: Schlagend heißt, dass ihre Mitglieder die Mensur fechten. Bei einigen schlagenden Verbindungen ist das Fechten der Mensur freigestellt [fakultativschlagend].
2. farbentragende [Coleur] und nichtfarbentragende [schwarze] Verbindungen: Farbentragend bedeutet, dass die Korporationsmitglieder die Farben des Verbindungswappens an Mützen und Bändern mit den Uniformen zu bestimmten Anlässen tragen müssen.
3. konfessionell gebundene oder nicht konfessionell gebundene Verbindungen: In der BRD existieren ca. 1000 Studentenverbindungen mit 22.000 aktiven Mitgliedern und 135.000 Alten Herren. Darunter befinden sich 140 Burschenschaften mit insgesamt ca. 19.000 Mitgliedern [Stand 1997].
Das rechtskonservative bis nazistische Spektrum umfasst primär den 1881 gebildeten, fakultativ schlagenden Dachverband der Deutschen Burschenschaft [DB] mit ca.14.000 Mitgliedern in 130 Verbindungen. Es kann von keinem monolithischen Block gesprochen werden. Ideologische Basis ist allerdings ein völkischer Nationalismus. Die Bezeichnung „Burschenschaft“ wird fälschlicherweise oft als Sammelbegriff für Studentenverbindungen verwendet. Burschenschaften berufen sich meist auf die1815 in Jena gegründete Urburschenschaft, sowie das Wartburgfest 1817. Sie stehen damit in einer Tradition der Bücherverbrennungen und des völkischen Antisemitismus. Während die meisten Burschenschaften in der DB organisiert sind, hat sie anders als der Name vermuten lässt auch Mitgliedsbünde in Österreich und Chile. Frauen, Nicht-Deutsche, Homosexuelle und Kriegsdienstverweigerer werden nicht aufgenommen.
Die ideologischen Affinitäten der rechtskonservativen Landsmannschaften und Turnerschaften hierzu sind fließend. […] [Die Landsmannschaften und Turnerschaften] schlossen sich 1951 zum Coburger Convent [CC] zusammen, in dem etwa 100 pflichtschlagende Korporationen mit insgesamt 1900 Aktiven/Inaktiven und 12.000 Alten Herren versammelt sind. Der CC versteht sich selbst als „tolerant“, da die Verbindungen im CC ab 1995 „Ausländer“, Juden oder Kriegsdienstverweigerer aufnehmen dürfen. Mit dem Toleranzprinzip werden gleichzeitig Kontakte zur rechtsextremen Szene gerechtfertigt.
Turnerschaften sind Studentenverbindungen, die sich über Sport und Leibesertüchtigung definieren. Man kann sie den nicht-schlagenden und nicht-farbentragenden Verbindungen zuordnen, die im Akademischen Turnbund organisiert sind.
Die Vorläufer der studentischen Verbindungen sind seit dem 17.Jahrhundert die alten Landsmannschaften, aus denen sich die Corps entwickelten. Ihre Mitglieder waren fast ausschließlich adelige Studenten. In den feudal-aristokratischen Corps, mit dem Hohen Kösener Senioren-Convents Verband als Dachverband, befanden sich fast ausschließlich Studenten aus dem Adel, Offiziersfamilien und Familien von Industriellen, Bankiers, hohen Beamten oder Großgrundbesitzern. Heute sind die meisten Corps in den farbentragenden, schlagenden Kartellen Kösener Senioren-Convents-Verband [KSCV] und Weinheimer Senioren Convent [WSC] organisiert. Im KSCV sind in 101 Verbindungen 2600 Aktive und Inaktive sowie12.220 Alte Herren versammelt. Der WSC beherbergt hingegen 65 Verbindungen, 1550Aktive / Inaktive und 7552 Alte Herren. Politisch stehen sie, auch wenn sie sich selbst als unpolitisch bezeichnen, tendenziell rechts. Der KSCV schloss als einer der ersten Verbände Juden aus, begrüßte die Machtübernahme durch die NSDAP und erklärte am 1.6.1933: „Das deutsche Corpsstudententum hat in einer einmütigen Kundgebung den Willen dargetan, sich ohne jeden Vorbehalt einzugliedern in die nationalsozialistische Bewegung.“
Der konservativ orientierte Block wird hauptsächlich vom Cartellverband der katholischen
deutschen Studentenverbindungen [CV] – darunter für ihre emanzipative Progressivität bekannte Figuren wie Edmund Stoiber, Friedrich Merz [BavariaBonn], Jürgen Rüttgers und Joseph Ratzinger[Churpfalz, Alemania und Rupertia] – getragen. Der CV ist mit ca. 32.000 Mitgliedern der größte deutsche Korporationsdachverband mit ca. 6000 Studierenden und 26.000 Alten Herren in 127 Verbindungen. Diese Zahlen können mittlerweile nur durch die Aufnahme von FH-Mitgliedern gehalten werden. Die CV Verbindungen sind farbentragend, aber nichtschlagend, da das Fechten im Widerspruch zu den Grundsätzen der katholischen Kirche stehe. Die Prinzipien der CV-Bünde lauten Religio [Glaube], Scientia [Wissenschaft], Amicitia [Freundschaft] und Patria [Vaterland]. Das Katholizitätsprinzip ist Grundlage der gemeinsamen Lebensgestaltung, Gottesdienstbesuche sind festes Element des CV-Alltags. Den Vorwurf, nationale Vorstellungen zu vertreten, entgegnen CV-Mitglieder gerne mit einem Verweis auf die europäischen Verbandsaktivitäten– „Patria“ wird also mit Europa identifiziert. Der CV weist dennoch personelle Überschneidungen im ideologisch komplementären Bereich der Neuen Rechten auf: Herbert Hupka war als Mitglied der Landsmannschaft Silesia [“Schlesien“] von 1968 bis 1996 Präsidiumsmitglied des Bundesvorstandes des Bundes der Vertriebenen [BdV]. Weitere Beispiele sind Clemens Josephus Neumann [Rheno-Franconia], gestorben 1995, erster Pressesprecher des BdV, Gustav Wabro [TuiskoniaMünchen], Landesvorsitzender in Baden-Württemberg, Wolfgang Thüne [Borussa-Saxonia u.Hasso Rhenania Mainz], zeitweise Landesvorsitzenderin Rheinland-Pfalz. Bis zu seinem Tod 2000 war der [Würzburger] Professor Prof. Lothar Bossle – selbst Korporierter– permanenter Referent bei CV Verbindungen und in der CV-Akademie. Ein Mitarbeiter seines 1972 in Bonn gegründeten Instituts für Demokratieforschung [IfD] arbeitete an der Verfassung für die faschistische Folterdiktaturin Chile unter A. Pinochet. Der Sitz war zunächst Mainz, wurde aber von Franz-Josef Strauß [Tuiskonia München] gegen den Widerstand der Universität nach Würzburg verlegt. Er selbst pflegte Kontakte zu antikommunistisch semifaschistischen Organisationen wie der Mun-Sekte, Colonia Dignidad und den Grabesrittern.
Der Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine[KV] wurde 1866 gegründet und ist gegenwärtig mit 80 Verbindungen, 2.050 Aktiven/Inaktiven sowie 16.500 Alten Herren, der drittgrößte korporationsstudentische Dachverband. Er ist nicht-schlagend und nicht farbentragend. Im Gegensatz zum CV werden auch nicht-katholische Christen aufgenommen. Frauen sind ausgeschlossen. Ähnlich wie der CV bekennt sich der KV zum Katholizismus als Grundlage.
Sängerschaften sind Studentenverbindungen, die sich „die Musik auf ihre Fahnen geschrieben haben“. Die meisten sind in der farbentragenden, fakultativ-schlagenden Deutschen Sängerschaft [DS]mit 550 Aktiven/Inaktiven und 2400 AltenHerren organisiert. Bei ihnen lässt sich ein volkstumsbezogenes Verhältnis zu Deutschland nachweisen. Wichtigste Aktivitäten der DS sind die Grenzlandfahrten und Volkstumsarbeit in früheren deutschen Gebieten oder von deutschsprachigen Minderheiten bewohnten Regionen.
Der protestantische, formal ökumenische Wingolfsbund wurde 1860 gegründet. Seine Ideale basieren auf dem christlichen Glauben [“uns eint das Bekenntnis zum Glauben an Jesus Christus“], daher gehört der Wingolf zu den nichtschlagenden Verbindungen. Die anderen üblichen Sitten und Gebräuche des Verbindungsstudententums werden auch vom Wingolf gepflegt. Der Wingolfsbund unterstützte den Kapp-Putsch, bei dem er die Bildung eines beweglichen Stoßtrupps übernommen hatte. In einer gemeinsamen Erklärung von Wingolf, DB und anderen studentischen Bünden kamen 1927 rassistische Elemente zum Ausdruck: „Die dem Deutschen Volkstum im Grenz- und Auslande drohenden Gefahren verlangen eine unbedingte Reinhaltung der Hochschulen von volksfremden Elementen, um die Lebensfähigkeit des Deutschtums in diesen Gebieten zu wahren.“
Seit den 1980er Jahren versuchen einige Burschenschaften sich an den Schulen zu betätigen,
um frühzeitig ihren Nachwuchs zu rekrutieren. Schülerverbindungen sind im 1989 gegründeten
Dachverband Allgemeiner Pennäler Ring zusammengeschlossen. Schülerverbindungen sind
ähnlich organisiert wie Burschenschaften. Die meisten teilen den Wahlspruch „Ehre, Freiheit,
Vaterland“ mit der DB, verlangen von ihren Mitgliedern die Bereitschaft, das studentische Fechten zu erlernen, sind farbentragend, hierarchisch organisiert und pflegen die Bräuche von studentischen Verbindungen. Wie in studentischen Verbindungen gilt auch in den Schülerverbindungen das Lebensbundprinzip.

Funktionen

Zentrales Prinzip ist die Konzeption des Lebensbundes als pädagogisch-moralischer
Prägeinstanz mit einem elitären Selbstverständnis. Die Mitglieder verpflichten sich, der Gemeinschaft auf Lebenszeit anzugehören, sofern es zu keiner Ausweisung [Dimission] aufgrund
einer Verletzung des rigiden Wertekanons kommt.
Die Anwerbung [Keilen] eines Interessenten erfolgt über günstige Zimmervermietung, Einladungen zu einem Mittagessen oder den Trinkgelagen auf den Häusern, die sich als später Ausläufer einer deutschen Tradition bis ins 16./17. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Bei der Rekrutierung ihres Nachwuchses werben Studentenverbindungen, Corps und Burschenschaften mit den beruflichen Vorteilen, die eine Mitgliedschaft mit sich führen kann. Deshalb werden neben der Vergabe von Stipendien oft berufliche Einstiegsmöglichkeiten geboten. Im Studienzyklus müssen obligatorische erzieherische Etappen durchlaufen werden: Kommt es zur Aufnahme, gilt der Novize /Spefuchs im Verbindungsjargon als Fuchs, der innerhalb der Korporationsorgane mit eingeschränkten Rechten und gleichzeitig vollen Pflichten dem mit Machtprivilegien ausgestatteten Fuchsmajor unterstellt wird. Seine Anweisungen sind mit unbedingtem Gehorsam auszuführen. Jeder Fuchs wählt sich zur Erleichterung der Integration als Vertrauensperson einen Leibburschen, der ihn in schwierigen Lagen vertritt. Nach dieser Phase über ein bis max. zwei Semester wird der Fuchs mit der Burschung zum Vollmitglied und gilt als Bursche. Zur Teilnahme an allen offiziellen Veranstaltungen verpflichtete Füchse und Burschen werden als Aktive bezeichnet– sie bilden die Aktivitas. Aus dem Kreis der aktiven Burschen werden jeweils für ein Semester Chargierte gewählt. Der erste Chargierte ist der Sprecher/Senior, der zweite Chargierte der Fechtwart oder [bei vielen nicht schlagenden Verbindungen] der Damensenior, der Festlichkeiten, Ausflüge etc. zu organisieren hat. Hinzu kommt der Schriftwart. Nach der Examinierung und dem ansetzenden beruflichen Werdegang wird der Angehörige einer Verbindung mit der Philistrierung durch Beschluss der Mitgliederversammlung [Convent] in den Altherren-Zirkel integriert, der die Corpsgemeinschaft finanziell subventioniert und beratende Funktionen ausübt.
Das Zusammenleben ist von strikt eingeschriebenen Codizes der Ehrerbietung geprägt, die das Mitglied introjeziert. Durch die demonstrative, minuziös artikulierte Verhaltensabstimmung sowie die Einordnung in die Disziplinapparatur eines hierarchisch gestaffelten Macht- und Dressursystems erhält es den Zugang zur Gemeinschaft. Ein solcher Lebensbund bildet eine Instanz, die über dem Individuum angesiedelt sein soll und für eine inszenierte Sakralatmosphäre verantwortlich ist, die durch ein formaliertes Wertesystem aus Sprechweisen, Gesten, Grußpflichten und dem Tragen von Uniformen sowie spezieller Insignien immer wieder aktualisiert werden muss. In dieser erzieherischen Mikrozelle werden Zugehörigkeitsgefühle zur Gemeinschaft über die emotionale Dimension der Initiationsriten und den Vergemeinschaftungsmythos hergestellt. Dies zeigt sich z.B. beim Singen während eines Bier- und Kneipcomments, wenn die Stimmen zum Chor verschmelzen und kollektiv harmonieren. Das reglementierte Wett- und Zutrinken soll dazu beitragen, zur „wahren Männlichkeit“ zu erziehen. Überschreitet der Neuling bestimmte Grenzen, wird er abgestraft – und muss zumeist noch mehr trinken.
Während seiner aktiven Zeit muss sich der Einzelne durch martialische Kampfrituale wie den Fechtduellen/Mensuren behaupten. Bis in die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts hatten die Studentenmensuren noch den Charakter eines verabredeten Duells, das Gelegenheit bot, reelle Streitigkeiten unter Studenten der Offizieren mit den blanken Waffen auszutragen. Sie waren zugleich ein Mittel der gehobenen Kreise, um Zorn und Hass aufeinander in Begrenzung zum „menschlich minderwertigen Pöbel“ in einer ihrem Stande angemesseneren Weise auszuagieren. Die zeremoniellen Zweikämpfe des satisfaktionsfähigen Etablishments waren also von einer Dynamik aus Schicht- und Rangverhältnissen durchzogen, mit der persönlicher Stolz, Selbstwertempfinden und soziale Höherstellung konserviert werden sollten. Der exakte Ablauf einer Mensur ist im Paukcomment festgelegt. Die scharfen Hiebwaffen, mit denen die Bestimmungsmensuren ausgefochten werden müssen, sind so eingerichtet, dass sich mit ihnen Haut, Gesicht und Schädel und die darunter liegenden Blutgefäße durchschneiden lassen. Die aus den Verletzungen resultierenden Narben werden Schmisse genannt. Diese Duellierungsprozeduren dienen als Legitimationsmittel der eigenen Statusansprüche und gelten als Beweis der „Mannhaftigkeit“. Hier wird der Konkurrenz- und Rivalitätsdruck der Verbindungsmitglieder untereinander sichtbar .In der Duellsymbolik ist das Axiom des Männlichkeitsbildes von Burschenschaften – die von nibelungentreuem Kriegerethos beseelte „Einsatz- und Opferbereitschaft für das Vaterland“, welche sie als nationale Elite qualifiziere – bereits angelegt.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass jene mit [Selbst-]Zwang gepanzerten kapillaren Macht- und Kontrolltaktiken das korporierte Individuum zur „Führungspersönlichkeit“ domestizieren, um über rückwirkende Strategien die Gesellschaft den eigenen autoritären Vorstellungen entsprechend formieren zu können.

Und nächstes Mal: Teil 3
Mittendrin statt nur dabei: Eliteformation und Konservative Revolution im Korporationsmilieu

AK Kritische StudentInnen

Für ein neues Autonomes Zentrum!

„Junge: Wer mit zwanzig kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat“ (Die Goldenen Zitronen)

Wer auch immer in Würzburg sich noch für den Ort interessiert, der einst von einer Autonomen Szene geschaffen worden ist und längst die besten Zeiten hinter sich hat, mag dieses Flugblatt aufmerksam lesen, vielleicht sogar ihre/seine Schlüsse daraus ziehen.

Nach dem zweijährigen Versuch, den Infoladen Würzburg aus seinem Winterschlaf zu wecken und linke Strukturen in Würzburg zu reaktivieren, glauben wir, durch den Bruch mit dem Autonomen Kulturzentrum mehr erreichen zu können, als weiterhin auf ein vor sich hin dümpelndes AKW! zu setzen. Den Ansatz früherer Polit-Gruppen, trotz eines gespaltenen Verhältnisses zum AKW! den Infoladen weiter zu führen, halten wir für wenig sinnvoll, da Aktivitäten auf dem Gelände für uns nur durch einen gewissen Grundkonsens zwischen uns und der Mitarbeiterschaft des AKW! möglich ist. Dieser Grundkonsens über den Sinn und Zweck des Autonomen Kulturzentrums existiert nicht mehr.

Als aus einem alten Holzlager einer Brauerei am Anfang der neunziger Jahre der Infoladen aus dem Boden gestampft wurde, ahnte wohl noch kaum jemand, dass es irgendwann den politischen Teil des AKW! nicht mehr geben würde. Was anfangs als Zentrum gedacht war, in dem verschiedene Gruppen einen Platz finden und in dem der Infoladen nicht als Exil für Polit-Gruppen, als linkes Gewissen, fungieren sollte, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem Autonomen Zentrum ohne Autonome, zu einem Kulturzentrum ohne Gegenkultur. Man gewinnt fast den Eindruck, dass das AKW! ca. zwei Jahrzehnte den Anarchisterich gemimt hat, um sich letztendlich doch an den deutschen Konsens zu kuscheln. Der klägliche Rest der Szene, aus der das AKW! ursprünglich entstand, und der mit einer gewissen Naivität hoffte, für ihn sei im AKW! noch irgendetwas zu retten, sind wir.

Der Entschluss, das alte Bürgerbräu-Gelände zu verlassen, fußt weder auf einem besonderen Ereignis, noch auf persönlichen Zerwürfnissen. Wir meinen schlichtweg, dass sich die Schnittmengen zwischen dem AKW! und dem Infoladen auf ein Minimum reduziert haben. Seit Jahren wird der Infoladen wohl eher als Klotz am Bein des AKW! betrachtet. Gewiss spielen für uns einzelne Ereignisse, wie die Übertragung der Fußball-EM ohne jedweden Versuch, sich anders darzustellen, eine gewisse Rolle, jedoch ergibt erst die Summe der Rückschläge und Enttäuschungen beim Umgang mit dem AKW! das Ergebnis: Es ist besser, das AKW! im Jahre 2008 das AKW! im Jahre 2008 sein zu lassen. Und es ist ebenfalls besser, auf eine andere Weise die Würzburger Langeweile zu stören.

Zuletzt sollte sich nicht nur für uns, sondern auch für alle diejenigen Menschen, die viel früher ihre Lehren aus dem Leeren gezogen haben, die Frage stellen: Soll es das gewesen sein? Für uns lautet die Antwort: Mitnichten! Das Bedürfnis, aus diesem System auszubrechen, ist viel zu drängend, als dass wir uns in den weichen Sessel der links-bürgerlichen Existenz zurücklehnen könnten. Vielmehr gilt es für uns, einen neuen Ort zu schaffen, neue Weg zu finden. Dabei können wir nicht nur auf uns selbst vertrauen: die Diskussion darüber, was in Zukunft in Würzburg passieren soll, muss mit denjenigen geführt werden, die sich auf die Fahne geschrieben haben, den Würzburger Kultur- und Politbetrieb zu (ver-)stören. Diejenigen müssen zusammen gebracht werden, denen das blanke Entsetzen über die Zumutungen der Verhältnisse ins Gesicht geschrieben steht. Wir treten für eine lebhafte Debatte über die Perspektiven einer alternativen (Gegen-)Kultur ein, die sich nicht nur auf den Sektor Politik beschränkt.

Für uns soll der Auszug aus dem Infoladen nicht nur ein Abschluss sein, sondern auch eine neue Perspektive bieten: Wir wollen ein neues Autonomes Zentrum, für das die Anbiederung an den Mainstream ein NoGo darstellen soll. Aktuelle Beispiele aus anderen Städten der Umgebung zeigen, dass mit der nötigen Portion Entschlossenheit unser Vorhaben erreicht werden kann. Dafür müssten wir in dieser Stadt wieder genügend Unordnung und Verwirrung erzeugen, die u.a. durch die Bindung an diesen oder jenen Szeneschuppen zur Erliegen kam. Ob auch außerhalb der „Szene“ das Bedürfnis besteht, einen neuen Ort für (Anti-)Politik und Aktion jenseits des kulturindustriellen Mainstreams zu schaffen, wird sich zeigen müssen.

Wir jedenfalls sind für allerlei Unfug zu haben und wollen einen neuen selbstverwalteten Raum für ungezähmte Bewegung schaffen.

Infoladengruppe Würzburg, September 2008

infoladenwuerzburg.blogsport.de

P.S: die Homepage bleibt bestehen, so dass über zukünftige Aktionen zu lesen sein wird.

Zur Landtagswahl in Bayern (Germany)

Es war ja nicht einfach, den hübschesten rauszuwählen, aber unsere Leser/innen haben es trotzdem fast geschafft (Stand 22:39 Uhr, vor Auszählung des für seine Volatilität bekannten Stimmkreises Hassberge).

Wir gratulieren den beiden sozialistischen Parteien zu ihrem hart erarbeiteten und wohlverdienten Ergebnis und grüssen namentlich Markus Schneider, den Spitzenkandidaten der Herzen, und den wackeren Peter Baumann. Schade, dass es nicht gereicht hat! Beide hätte man lieber nach München gewünscht, und namentlich dem von der USPD wäre von Herzen zu gönnen gewesen, was unser gemeinsamer Freund Holger Grünwedel im würzburger Stadtrat schon erreicht hat: ein Sitz neben den Freien Wählern.

25. Mai im akw! – Das neue Versammlungsgesetz

Eine politische Demonstration ist zunächst einmal eine furchtbar langweilige, unergiebige und entfremdete Angelegenheit. Der Gesetzgeber hat diesen Übelstand erkannt und trägt Sorge dafür, dass politische Demonstrationen in Zukunft eine noch viel langweiligere, unergiebigere und entfremdetere Angelegenheit werden sollen.

Nachdem seit neuestem die Länder für das Versammlungsrecht zuständig sind, konnte man sich schon denken, dass das neue Bayerische Versammlungsgesetz das reaktionärste ungefähr seit den Karlsbader Beschlüssen sein wird. Der vorgelegte Entwurf hat die ausschweifendsten Fantasien sogar noch übertroffen.

Die gute Nachricht soll man am Anfang bringen: die Versammlungsfreiheit von Stadtverschönerungsvereinen, Elterninitiativen, Friedensbündnissen oder Bauernverbänden ist nach wie vor gewährleistet. Auf der anderen Seite sind Vorkehrungen getroffen, den Feind/inn/en der Verfassung die öffentliche Versammlung jedenfalls deutlich schwerer zu machen.

Letzteres mag man, von einem zugegeben etwas ungewöhnlichen Standpunkt aus, sogar begrüssen: gibt es doch nichts alberneres, als zur Äusserung von Feindschaft gegen die Verfassung von einem bloss verfassungsmässigen Recht Gebrauch machen zu wollen. Und namentlich, wie schon erwähnt, nichts langweiligeres und entfremdeteres.

Die Demos von mehr oder weniger vielen mehr oder weniger schwarzgekleideten Personen mit mehr oder weniger sinnigen radikalen Parolen zu mehr oder weniger wichtigen Anlässen waren jedenfalls nie mehr als ein kümmerlicher Ersatz für wirkliche Unruhen, und es zeugt entweder von übermässiger Siegesgewissheit des Staates oder von blankem Realismus, wenn er meint, inskünftige dieser Form von Beschäftigungstherapie für auffällige Jugendliche nicht mehr zu bedürfen. Was von beidem genau: das herauszubekommen wird Aufgabe der radikalen Elemente selbst sein.

Der Entwurf des Bayerischen Versammlungsgesetzes bietet absurde Komik ebenso wie Anlass zum Nachdenken für alle die, die sich einer radikal linken Sache verpflichtet fühlen. Er bietet ausserdem, auch das soll nicht verschwiegen werden, Anlass zu begründeter Sorge. Es wird in Zukunft noch leichter werden, Protest zu kriminalisieren, und die Entscheidung darüber wird noch willkürlicher werden können. Auch wenn man die paar wirklich hirnrissigen Bestimmungen abzieht, die ohnehin der parlamentarischen Opposition zum Frasse vorgeworfen werden dürften (was dem Gesetz einen Teil seines humoristischen Wertes rauben wird), bleibt ein Monstrum übrig, das nicht nur die bisher schon repressive bayerische Praxis legalisiert, sondern sie ins völlig ungewisse hinein erweitert.

Kurz gesagt stellt die Staatsregierung die ernste und durchaus nicht unsachliche Frage, ob radikale Linke im Stande sein können, wie Kleintierzüchter zu demonstrieren, oder ob sie ihre Hinausdefinition aus der Legalität für eine Einladung zu neuen, vollständig irregulären (und etwas kreativeren) Formen der Äusserung halten müssen.

Dieser Frage versucht am 25.Mai 2008 um 19.00 Uhr im akw Herr Frosch nachzugehen, den wir als Referenten gewonnen haben. Herr Frosch lässt ausrichten, dass alle kommen sollen, dass aber eine Gesichtkontrolle am Einlass stattfinden wird und dass Kartenspiel oder Geschrei während des Vortrags nicht geduldet wird. Kaffee gibts wenn, dann nur aus einer Thermoskanne, und Essen muss man wahrscheinlich selber mitbringen.

Die Antideutschen und die Militanz der kritischen Theorie

Die kommende Revolte, Teil 2

Die Revolution, die bisher nicht gelungen ist, ist mit jeder Niederlage immer nur dringlicher geworden; sie ist heute ein unabweisbares Bedürfnis. Jede Partei, die jemals erklärt hat, die Bedingungen seien nicht reif, hat in der Folge gezeigt, dass sie statt der alten Herrschaft im Höchstfall eine neue zu errichten gedachte; in Wahrheit ist die Zeit immer schon reif, seit das Kapital in der Welt ist.

Kritik und Krise
Das Kapital hat nicht nur alle voraufgegangene Herrschaft beseitigt. Es hat sie beerbt und bewahrt sie in sich auf. Das Kapital kann nicht gebrochen werden, ohne jede Form der Herrschaft zu brechen. Es geht um nichts anderes als das Ende von 12.000 Jahren von Knechtschaft. Es ist hier kein Kompromiss möglich: diejenigen Bewegungen, die etwa das Kapital abzuschaffen gedachten, aber die Familie, diese ältere und finsterste Unterwerfung, stehen lassen wollten, haben nichts erreicht als den Fortbestand der Herrschaft im barbarischen Kostüm der alten Formen.

Die vorgebliche Rücksicht auf die sogenannten Massen und ihr angeblich rückständiges Bewusstsein war immer das ruchloseste und deutlichste Abzeichen derer, die herrschen wollen. Die Liebe dieser Linken zu den „Massen“ war immer die Liebe des Reiters zu seinem Pferd. Dem Bewusstsein der Massen sich andienen wird nur, wer schon plant, sie zu betrügen. Die Populisten, auch die in der Opposition, sind bereits Teil der Herrschaft, wenn nicht sogar ihre Avantgarde.

In Wahrheit muss man davon ausgehen, dass unsere Ideen schon in allen Köpfen sind. Die Massen sind nicht zu einem richtigen Bewusstsein erst hinzuführen, nicht behutsam oder diktatorisch oder durch vernünftiges Zureden; sie sind nicht unreif, nicht unwissend, sie wissen sehr gut. Ihre Trägheit ist nicht Trägheit, sondern bewusste Parteinahme für die Herrschaft. Wenn sie diese Parteinahme aufkündigten, begänne die Krise. Diese Krise durch Kritik zu provozieren, ist die revolutionäre Aufgabe.

In eigenem Namen, auf eigene Rechnung
Die Perspektiven der Revolution abzuschätzen, wird also nur gelingen, wenn man sich bewusst bleibt, dass sie völlig unmöglich ist. Die sie machen müssen, wollen sie nicht. Dieses Bewusstsein, weit davon entfernt, zur Versöhnung mit dem Bestehenden einzuladen, wird im Gegenteil den Bruch mit diesem zur Unumkehrbarkeit vertiefen; es ist nichts anderes als das Bewusstsein davon, welche tiefen Brüche nötig sein werden. Damit und nur damit vertritt es den Platz des abwesenden besseren, der praktischen Negation, die alleine die materielle Gewalt stürzen könnte durch materielle Gewalt.

Das Bewusstsein der Unmöglichkeit der Revolution ist damit im selben das Bewusstsein von ihrer Notwendigkeit. Seine praktische Seite ist die Kritik, und sein Fluchtpunkt und Attraktor der Moment der Befreiung, mit dem es sich erledigt hätte. Auf diesen Moment arbeitet es hin, nicht als auf seinen Beweis, sondern als auf seine Widerlegung; denn eines Beweises bedarf es nicht. Die Tätigkeit der Kritik, der Verneinung, ist ein Geschäft in eigenem Namen und auf eigene Rechnung und nicht im Auftrag der Geschichte, des Proletariats oder irgendeiner anderen Kategorie der Herrschaft; ihre Arbeit ist getan, wenn alle bisherige Geschichte endet, und die Proletarisierten ihre proletarische Existenz abschütteln, um eine andere Geschichte zu beginnen.

Wenigstens strebt die kommunistische Kritik nicht danach, die Massen zu beherrschen; sie geht darauf aus, dass die Massen sich in befreite Einzelne auflösen. Zu ihrem Werk der Konfrontation stehen ihr alle Mittel offen, die sie sich zu erobern oder zu erfinden versteht.

Nichts als ihre Ketten
Die kommunistische Kritik weiss sich im absoluten Gegensatz mit allen geheiligten Grundsätzen des geordneten Gemeinwesens. Sie durchschaut das gesellschaftliche Bewusstsein als das Bewusstsein eines Unwesens, und sie darf es nicht versäumen, gerade seine heiligsten Lügen zu attackieren. Da sie niemandem verpflichtet ist als sich selbst, wird sie auf keine Macht Rücksicht nehmen. Sie weiss, dass sie ein allgemeines geheimes Begehren ausdrückt, ohne sich darüber zu täuschen, dass sie mit diesem nicht in einem sicheren Bunde steht, sondern Gefahr läuft, genauso zertreten zu werden wie dieses geheime Begehren; unter denen zu sein, die es täglich zertreten, fürchtet sie, von ihnen sich zu isolieren, nicht.

Die kommunistische Kritik begreift das Bestehende als den bloss vorläufigen Endpunkt einer Geschichte, in der noch jedesmal die Herrschaft den Sieg davongetragen hat. Sie hat sich jedesmal verändert, in derselben Weise, wie es ihr gelungen ist, die Beherrschten zu verändern, so wie sie überhaupt nur durch die Handlungen der Beherrschten existiert. Die Herrschaft ist keine feste Eigenschaft, die irgendeiner herrschenden Klasse zukommt, sie ist eine Verhaltensweise der beherrschten Klasse, sie ist unmittelbar die Unterwerfung, verstanden als aktive Handlung, selbst. Man kann es sich also erlauben, von der Existenz einer herrschenden Klasse zu abstrahieren; nicht deren Machinationen sind entscheidend, sondern allein die Handlungen der Beherrschten, die in ihrer Unterwerfung heute das entscheidende Problem sind. Solange dies so bleibt, wird man es nicht mit der Klasse zu tun bekommen, die Panzer in Bewegung zu setzen im Stande ist.

Diese Geschichte, die eine Geschichte der Katastrofen ist, und immer grösseren Katastrofen zustrebt, ist von dem gegenwärtigen Verblendungszusammenhang nicht zu trennen, der das Bestehende konstituiert und am Leben erhält. Das Vergangene, weit davon, vergangen zu sein, hält die Lebenden in seinem Bann, weil seine Macht nicht gebrochen ist. Das Bestehende, Erbe aller bisherigen Siege der Herrschaft, wird nicht beendet werden, ohne dass gleichzeitig alle vergangene Gewalt aufgehoben und der verborgenen Geschichte der Zertretenen zu ihrem Recht verholfen wird. Die Revolution ist immer anachronistisch: weil sie das Selbstopfer nicht akzeptiert, kann sie nicht akzeptieren, dass ihre Toten tot sind, und ihre Sache viele Male verloren. Die Befreiung kann niemanden hinter sich lassen, sie muss das Zerschlagene retten und das Zerbrochene zusammenfügen, oder sie wird nicht sein.

Das Vergangene steht zum Bestehenden im selben Verhältnis wie das Unbewusste zum Bewussten. Die Revolution wäre derjenige Akt der durch vieltausenjährige Herrschaft deformierten Menschheit, in dem sie ihre Deformationen abschüttelt; das Verdrängte zur Erinnerung bringt, und damit den Bann, unter den sie sich gestellt hat, löst; eine grosse kollektive Therapie ohne von ihr getrennten Therapeuten, und damit die endlich entdeckte und gerettete Wahrheit der Psychoanalyse.

Denn er weiss, dass er wenig Zeit hat
Der Name der Herrschaft aber ist Nation. In ihr erscheint die Unterworfenheit als Natureigenschaft, und man ist zum Beispiel deutsch mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es nicht der schiere Irrsinn. Die Nation ist die Form, in der das Kapital unter seinem Staat selbst Gesellschaft wird, die einzige Instanz, die die Krise bannen und das Auseinanderstrebende zusammenhalten kann. In der Nation, soweit sie existiert, heben sich die Widersprüche auf, die das Ganze auseinanderzujagen drohen: die Nation ist deshalb keine blosse kollektive Wahnvorstellung, sie ist der Wahnsinn selbst als Realität.

Die Nation kann nicht existieren, wenn sie nicht das auseinanderstrebende zusammzwingt, wenn sie nicht gewaltsam gegen die besonderen Interessen der Klassen die Einheit der Gesellschaft geltend macht. Auf den höchsten Punkten der Zuspitzung muss sie die besondere Existenz der Klassen insgesamt vernichten. Die Klassenkämpfe überlebt die Nation nur, wenn sie zur Volksgemeinschaft wird. Das Dritte Reich hat die Revolution tatsächlich zerschmettert; der Antisemitismus hat nicht aufgehört, eine Macht zu sein, und die Revolution hat es nicht wieder angefangen.

Dass die wirkliche Grenzlinie nicht zwischen den Nationen verlaufe, sondern zwischen den Klassen, war einmal vielleicht der fromme Traum einer antinationalen Linken, wahrscheinlich aber schon ein Versuch der Täuschung. Sowenig je eine Klasse da war, auf die sich positiv bezogen werden konnte, so wenig hockte hinter der Volksgemeinschaft ein Proletariat quasi verborgen, das es nur der Manipulation einer herrschenden Klasse zu entreissen galt. Die Befreiung des Proletariats hätte immer zur Mindestvoraussetzung, dass es den Arbeiter wie den Deutschen zerreisst.

Das Vorhaben des Nationalsozialismus, die Klassen in der Nation aufzuheben und damit die besonderen, getrennten Kategorien der Herrschaft zu einer einzigen zu vereinen, der bisherigen Geschichte die innere Spannung auszutreiben und sie in einen stabilen Zustand der Singularität zu katapultieren, ist der eminente deutsche Beitrag zur Geschichte. Daraus ergibt sich mit Notwendigkeit, dass kommunistische Kritik antideutsch sein muss und als ihren Erzfeind alle Bewegungen und Mächte erkennt und erklärt, an dem sie die Spur des Nationalsozialismus erkennt. Zuvörderst sind dies heute die europäischen Mächte und die jihadistische Bewegung.

Die unglaubliche Kälte, mit der die Linke dagegen den Opfern der Shoah gegenüberstand und heute den Israelis gegenübersteht, ist das genaue Mass, in dem sie längst zur Konterrevolution übergewechselt ist: würde sie zur Kenntnis nehmen, wie die revolutionäre Frage spätestens nach Auschwitz zu stellen ist, müsste sie ihr eigenes hergebrachtes Unwesen angreifen. Die Antideutschen sind nichts anderes als diejenigen ehemaligen Linken, die genau das getan haben. Ihnen gegenüber steht heute die ganze trostlose Gesellschaft, als eine einzige reaktionäre Masse.

Die Antideutschen haben nach 2000 den besseren Teil des revolutionären Denkens gerettet. Vielleicht erschöpft sich der Gebrauchswert dieser Strömung darin schon. Sie hat ihr bleibendes Verdienst: sie hat in diesem Teil der Welt den Horizont offengehalten für das Denken der kommenden Revolten. Keine Revolte wird bestehen können, die unter die Marke zurückfällt, die diese gezeichnet haben; so wie kein kritisches Denken wird bestehen können, das von der wirklichen Revolte getrennt ist.

Man muss das Öl dahin bringen, wo das Feuer ist. 1

Von Jörg Finkenberger

1 Ich danke Theodor Adorno, Walter Benjamin, Andre Breton, Jochen Bruhn, Guy Debord, Sigmund Freud, Richard Huelsenbeck, Hans-Jürgen Krahl, Karl Marx für die unverzichtbare Mitarbeit. Auf keinen einzigen Satz erhebe ich den Anspruch der Originalität. „Unsere Gedanken sind bereits in allen Köpfen, und eines Tages werden sie herauskommen“ (Debord).

Ein Trip im Blätterwald

Innovation und Vielfalt – das ist das Pfund, mit dem Würzburg wuchern kann. Gerade die facettenreiche Medienlandschaft Würzburgs zeugt von der Kreativität und Innovationsfreude unserer Mitbürger. Kein Bäcker, kein Café, kein Hauseingang, in dem nicht eine mannigfaltige Auswahl lesenswerter Gratis-Heftchen bereitläge.
Prisma-Magazin, zuckerkick, prima Sonntag, wob, Der Kessener, Würzburg spezial, TOP Magazin, Meeviertel Anzeiger, usw., usf.: Es gibt viele gute Gründe, einen Blick auf die Presseerzeugnisse unserer pulsierenden Mainfranken-Metropole zu werfen.
In der ersten Folge des Presseclubs interessiert uns besonders Prisma, Der Kessener, zuckerkick sowie der Meeviertel Anzeiger.

Beginnen wir die Umschau mit der Zeitschrift Prisma, die sich für „Heilung und Bewusstsein in Franken“ einsetzt. Im Editorial zur April/Mai-Ausgabe (18.500 Exemplare) schreibt Herausgeber André Hammon: „Es werden wohl noch Jahrzehnte vergehen, bis der Mensch seine wahre Sinnlichkeit entdeckt und einen natürlichen Umgang damit gefunden hat. Mit der neuen Prisma-Ausgabe können Sie schon mal einen Vorgeschmack bekommen, was uns erwartet und wie Lust und Sinnlichkeit zu einem seelenreichen und erfüllten Leben beitragen können“.

Diesem Versprechen, erscheint es zunächst auch etwas sehr ehrgeizig, wird tatsächlich schon auf der ersten Seite entsprochen: „Seid gegrüßt meine Freunde des Lichtes, OMAR TA SATT, ich BIN KRYON vom magnetischen Dienst“, begrüßt uns die Anzeige der Kryon-Schule. „Ich – KRYON, sowie auch einige andere Engelwesen des Universums haben uns dazu entschlossen, diese Schule zu gründen, um euch auf dem Weg des Erwachens zu lehren, zu leiten und zu führen“. Auch eine zweite Anzeige, die für die Internationalen Engeltage 2008 in Müchen wirbt, hilft uns, unsere wahre Sinnlichkeit zu entdecken.

Die Artikel sind ebenfalls sehr aufschlussreich: Die Redaktion hält „Die Rückkehr der Weißen Büffelfrau“ aufgrund von zuverlässigen indianischen Quellen für wahrscheinlich, und auch die hoffnungsvolle Partei „Die Violetten“ sei im Kommen („Würde jede/r bayerische Prisma-Leser/in eine Unterschrift leisten, […] dann würden 50.000 spirituell interessierte Menschen die Teilnahme der Violetten an den Landtagswahlen bestätigen“).
Es zieht sich ein sympathischer emanzipatorischer Grundton durch Prisma: Es sei, schreibt etwa Heide Marie Heimard, „an der Zeit, die sexuelle Energie aus der Verpanzerung in unseren Körpern zu befreien und zum Fließen zu bringen. Dann kann sie zum Segen der ganzen Menschheit ihre heilige Kraft entfalten und uns die Glückseligkeit schenken, zu der wir geboren sind“. In anderen Artikeln wird die Linkspartei, neben den Violetten, als neuer Hoffnungsträger gelobt, ebenso wird das Grundeinkommen befürwortet.
Das bayerische Reinheitsgebot für Bier von 1516 wird hingegen als bloßes „Keuschheitsgebot“ verteufelt, als „besänftigendes Gebräu, damit uns auch ordentlich die Lust auf Liebe vergeht!“.

Nicht weniger Freigeist als André Hammon ist Bernhard A.W. Kessener (M.A.), seines Zeichens Herausgeber von Der Kessener. 10.000 Exemplare wurden für März und April kostenlos verteilt, mit der Warnung: NOCH KOSTENLOS. Der Kessener will „Würzburg zur Marke“ machen und „Impulse für Gesellschaft, Politik, Hochschule, Ökonomie und Kultur“ geben.
Im Editorial der März/April-Ausgabe thematisiert B.A.W. Kessener (M.A.), ob nicht auch für unsere Stadt gelte, was Hegel damals bemerkte: Eine „Entzweiung zwischen der Poesie des Herzens und der Prosa der Verhältnisse“. Herr B.A.W.K. (M.A.) erläutert: „Es kann doch nicht angehen, dass Kunst, Geisteswissenschaft und auch die Geschichte ihrer Aufgabe beraubt werden, uns in dieser entzauberten Welt eine vorübergehende Befriedigung zu verschaffen“.

Der interessanten Einleitung sind zwei Fotos angefügt: Eines mit zwei Geistlichen darauf und eines mit Wowereit, der einen Kessener in der Hand hält. Der Text dazu: „Es gibt zwar Aussagen, dass Würzburg nur sich selbst genügt. Andererseits aber bringen Persönlichkeiten wie Erzbischof Zollitsch, Kardinal Lehmann und Berlins regierender Bürgermeister Wowereit ganz andere Horizonte in die fränkischen Gefilde. Die Öffentlichkeit wartet auf glaubwürdige Aussagen in allen Bereichen der Gesellschaft und alle Drei machten bei ihrem Auftreten Aussagen, die verkrustete Strukturen aufbrechen und in Frage stellen“.

Diesem Aufruf zur Revolte folgen dann viele Infos zu Kunst und Kultur in Würzburg (sympathischerweise ohne chronologische Ordnung) und ein Special für alle U2-Fans unter uns: Der Kessener verlost 3×2 Tickets für einen neuen 3D-Film in Dettelbach, der ein U2-Konzert in Südamerika zeigt!
Diese Wohltat für den Leser passt wunderbar in das Konzept der Zeitschrift, denn das Motto von B.A.W.K.M.A. lautet: „Gewinn und Wachstum müssen nicht immer Selbstzweck sein, sondern man könnte sie einbinden, als Folgen sinnvoller Dienstleistungen“.

Kommen wir von diesem ambitionierten Philosophen-Magazin zu einer echten Sternschnuppe am Kulturhimmel Würzburgs. Das Design vom zuckerkick 03/08 ist mal wieder so schön, dass man meinen könnte, der Inhalt müsse dagegen ja verblassen. In Wahrheit aber ist auch der Inhalt, etwa die Bildstrecke mit den Model-Geschwistern Anna und Ali in den Weinbergen, sehr gut gelungen: die Instore-Markenklamotten von only, ltb, diesel, mogul, itchi und freeman t. porter stehen den Beiden mindestens so gut wie die darunter gesetzten Liedzeilen von Dirk von Lowtzow: „imitationen von dir/ befinden sich in mir/ imitationen von dir/ verbünden sich mit mir/ wir sind so leicht, dass wir fliegen“.

Neben der Schönheit findet, wie in einem guten Tocotronic-Song, aber immer auch die Traurigkeit einen Platz im zuckerkick. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte über eine Würzburger Studentin, die ihr Studium mit Prostitution finanzieren muss und tragischerweise dem eigenen Vater im Hotelzimmer begegnet. Oder das bedrückende Märchen aus der spießigen Arbeitersiedlung Maierfilz in Niederbayern, in der alles „ordentlich, gleich und grau“ ist. Wo sich der ungeliebte Spast Hermann schließlich einen Tunnel bis Australien gräbt, um mit einem kanariengelben Autobus vor dem sozialistischen Patriarchen und Monopolisten Gustav Laubenthal zu fliehen. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ schleudert Hermann dem Planwirtschaftler entgegen, bevor er die Reise in die Freiheit antritt.

Bodenständiger geht es da im – ebenfalls kostenlosen – Meeviertel Anzeiger zu. „Wo sind die Kasernenkatzen geblieben?“, fragt etwa die Januar-Ausgabe auf ihrer Titelseite. Die packende Reportage geht der Frage nach, was mit den Katzen geschehen ist, die „sich nach der Räumung der US-Kasernen rund um Würzburg mit einem Mal in einer Betonwüste ausgesetzt sahen“. Das Blatt gibt Entwarnung: „Für die meisten von ihnen endete die schreckliche Erfahrung […] mit einem Happy End: Sie fanden 280 km entfernt, nahe der Schweizer Grenze, ein neues liebevolles Zuhause“.

Besonders spannend ist im Meeviertel Anzeiger stets auch die regelmäßige Kolumne „Neues aus dem Kindergarten St. Burkard“, in der sowohl die Erlebnisse der Frosch- und Käfergruppe nachempfunden werden können wie die Fortschritte der Vorschulkinder. Die „Aufregung um den Besuch des Nikolaus“ (Januar 08) war in dieser Rubrik ebenso Thema wie die „turbulente Faschingszeit“ oder das anstehende Osterfest (März 08). Die April-Ausgabe gibt bekannt, dass nach den nasskalten Tagen nun wieder Spaziergänge geplant seien und alle Kinder deshalb „auf laues sonniges Wetter“ hofften.
Die journalistischen Standards, die hier gesetzt werden, müssen auch von hervorragenden Magazinen wie zuckerkick, Der Kessener oder auch Prisma erst noch erfüllt werden.

Im nächsten Letzten Hype hoffe ich Sie wieder zum Presseclub begrüßen zu dürfen.
Freundlichst,
Ihr Sebastian Loschert.

Nachtrag zu den Studiengebühren

Die Studiengebühren sind eingeführt, und es ist immer noch nicht ersichtlich, dass die Angehörigen der weniger zahlungsfähigen Schichten in Massen die Universität verlassen oder gar nicht erst betreten. Diejenigen Linken, die sich auf das Feindbild der sogenannten Eliten eingeschossen haben, bringen nur zum Ausdruck, dass sie nie irgendetwas begriffen hatten: die Studiengebühren sind nicht zuerst ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Privilegien irgendeiner Schicht, sie sind vor allem ein Mittel der Disziplinierung, oder vielmehr der Konsekration der Disziplin, aller Studierenden gleich welcher Schicht.

Wer das erste kritisiert, kann das zweite nicht mehr kritisieren. In der Auseinandersetzung zwischen fleissigen und arbeitsamen Angehörigen aufstiegsorientierter Schichten und den privilegierten rich kids haben jedenfalls Kommunist/innen keine Stimme. Die Disziplin ist es, die angegriffen werden muss, die bedrückende Arbeitsamkeit, diese gemeinsame Sache des Staates und der passiven Mehrheit.

Wer nichts anderes gefordert hat als mehr und bessere Bildung, wird nichts anderes bekommen als mehr und bessere Bildung. Der tiefe Konformismus solcher Forderungen mag für das lähmende Bewusstsein mit verantwortlich gewesen sein, dass es ja doch nichts bringe; denn es war zu greifen, dass man sich in dieser Auseinandersetzung auf demselben Boden bewegte. (1)

Der eigentliche Kampf wäre nicht der zweier Schichten, sondern der gegen die Disziplin; sowohl gegen die Unterwerfung als auch gegen die Tatsache, dass alles immer weitergeht. Diesen Kampf hat die Linke nicht verloren, sie hat ihn nicht geführt und konnte ihn nicht führen. Lässt er sich besser führen jetzt, nach ihrer Niederlage? Man wird es wissen, wenn man es versucht hat.

Immer und immer das selbe zu sagen, wie ich es hasse. How many nights I prayed for this: to let my work begin.

Von Jörg Finkenberger

1 Neoliberalismus nennen sie das ganze, Herr G*tt! Und fordern, dass Bildung keine Ware sei; dabei meinen sie nur, dass sie ihnen zu teuer ist. Kann man die Segnungen des Staates zu anderen Bedingungen haben, als er sie gibt? Genauer gesagt: mit welchem Argument will man andere Bedingungen der Hauptsache, solange man sie für eine Segnung hält.

Akademische Bildung ist nicht nur schon immer eine Ware, sie ist schlimmeres: sie ist eine Veranstaltung, mit der jedem Gegenstand noch das letzte Negative ausgetrieben wird und werden muss. Ob die Universitäten, gegen den Willen ihrer Herren, sinnvoll zweckentfremdet werden können: das ist freilich eine andere, praktische Frage. Kämpfe der Studierenden für, statt gegen, das Studium jedenfalls sind nicht verallgemeinerungsfähig und damit direkt konterrevolutionär: sie richten sich nicht gegen die Gesellschaft der Klassen, sondern bestätigen sie.

Die Inszenierung des Nichts- Polemik zur journalistischen Kritiklosigkeit der Main-Post-Medien

Jede Stadt bekommt die Zeitung, die sie verdient. Gerade über Würzburg schwebt der graue Schleier der Selbstzufriedenheit, dessen Kritiklosigkeit ganz Deutschland ergriffen hat und sich in der Main-Post-Presse voll entfalten kann. Kritische Standpunkte, die die WürzburgerInnen in ihrer Eitelkeit kränken könnten, werden unter den Teppich gekehrt und stattdessen heimattümelnde Selbstliebe praktiziert. Dieses Jahr musste der Beitrag zum Jahrestag der Reichspogromnacht leider schmaler Ausfallen: es stand ja schließlich die närrische Jahreszeit vor der Tür.
Die Main-Post hat längst entdeckt, dass ihre mainfränkischen Schäfchen viel lieber von ihrer flauschigen Heimat- endlich dürfen sie wieder Heimat sagen – lesen, als vom Elend derer, die sich aufgrund ihres gesellschaftlichen Status nicht zuhause fühlen dürfen. Man will ja die LeserInnen nicht überfordern. So liest man die Überschrift „Tracht gegen Globalisierung“ in einem Artikel über das Jubiläumsfest des Burschenvereins Sommerhausen. Die Heimat zählt also wieder als Identitätsstifter wider die fremden Mächte. Auch dem „Tag der Heimat“ der Vertriebenenverbände fügt sich in das Wohlfühlvergnügen ein. Der BdV-Bezirksvorsitzende Albert Krohn darf zu Wort kommen: „Das im Grundgesetz ursprünglich verankerte Wiedervereinigungsgebot zielte auf ganz Deutschland, und Deutschland endete bekanntlich nicht an der Oder-Neiße-Linie“. Mir ist nicht bekannt, dass die Main-Post jemals ein kritisches Wort über die Vertriebenenverbände verloren hat. Im Juli, inmitten der Diskussion um NSDAP-Zwangsrekrutierungen, bietet die Main-Post Herrn und Frau Musterfranke die Möglichkeit, 62 Jahre nach Kriegsende in der Zeitung ihre Seele rein zu waschen . Am peinlichsten jedoch war die diesjährige Berichterstattung zu den Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Reichspogromnacht: auf der Titelseite des Würzburger Teils vom 10.11. war der Main-Post das Anbrechen der fünften Jahreszeit anscheinend wichtiger. Würzburg Alaaf!
Will man die allgegenwärtige journalistische Kritiklosigkeit verstehen, die nicht nur Presseerzeugnisse der Main-Post-Gruppe, sondern auch die sonstigen Stadtmagazine aller Couleur, beherrscht, so muss man die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte betrachten. Man kann den JournalistInnen der Main-Post gar nicht vorwerfen, oder zumindest einem Großteil von ihnen nicht, dass die neue Freude am gesellschaftlichen Sein und der fehlende kritische Blick einer bewussten Intention entsprungen sind. Die bürgerliche „kritischen Öffentlichkeit“, und mit ihm der/die klassische links-liberale JournalistIn, ist nahezu ausgestorben und wurde durch einen gesellschaftlichen Zustand abgelöst, der mit der Kritik an den Zuständen nichts mehr anzufangen weiß. Das Unbehagen von damals geht in einem Fahnenmeer aus Freudentaumel über die deutschen Zustände unter, sei es durch Lokal-Patriotismus, sei es durch die bloße Beschreibung des Seienden.
Doch gerade in Würzburg prägt die Main-Post der öffentlichen Meinung ihren Stempel auf, nicht nur umgekehrt. Die Presse und die Lokalpolitik bedingen sich dabei gegenseitig. Die Allgegenwärtigkeit der Main-Post-Gruppe, die mit dem konservativen Volksblatt, der liberaleren Main-Post und dem Popmagazin neun7 alle ihre potentiellen LeserInnen bedient, bauscht marginale Meldungen zu kolossalen Themen auf und füllt so die provinzielle Leere mit vorsätzlichem Inhalt . So kann man sich bezüglich der penetranten Fokussierung auf die „Randale“ Betrunkener nach der Shuttle-Party fragen, wen jene Ausschweifungen mehr gestört haben: die Main-Post oder die AnwohnerInnen? Jedenfalls hat sich mittlerweile der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Würzburger CSU, Thomas Schmitt, das Verbot der Shuttle-Partys auf die Fahne geschrieben. Auch die Übernahme von Polizeimeldungen zeigt die völlige Unfähigkeit, die Zeitung mit Gehaltvollerem zu füllen. Die Überbesetzung der Polizeistationen in Würzburg führt dazu, dass mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Polizeiarbeit in Würzburg ist zumeist nichts anderes als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für gelangweilte PolizistInnen. Die OrdnungshüterInnen tragen durch ihre Presseberichte wiederum dazu bei, dass die Journalisten der Main-Post den Lokalteil füllen können. Menschen mit kleinbürgerlichem Bewusstsein wird so das Gefühl vermittelt, in einer gefährlichen Stadt zu leben: die Inszenierung des Nichts ist perfekt.
Auch um die Kundengruppe unter dreißig Jahren wird gebuhlt. Aus Boulevard Würzburg, einer Art Bild-Zeitung für Mainfranken, wurde die neun7, eine Zeitung für die Popkultur. Doch die Konzert-Reviews und Reportagen entkommen ihrer fortwährenden Selbstbestätigung nicht. Im Moment baut die Main-Post ein privates Internet-Portal mit Hilfe von StudentInnen der Sozialwissenschaften auf und schafft sich so ihren eigenen Nachwuchs: Wer ausreichend Credit-Points sammeln möchte, muss einen Artikel für die Main-Post im Internet veröffentlichen. Diese Verknüpfung von Privatunternehmen und offiziellem Uni-Betrieb bleibt fragwürdig, auch wenn sie in den nächsten Jahren zur Normalität werden wird. Einer der ersten Artikel, der auf jenem Online-Portal erschien, handelte vom 25sten Geburtstag des reaktionären Instituts für Schlesien-Forschung: anscheinend bleibt auch ein Portal wie dieses dem Abfeiern des Status Quo verpflichtet .
Jede Stadt bekommt die Zeitung, die sie verdient. Und der graue Schleier der Selbstzufriedenheit liegt über fast allem, was JournalistInnen in Würzburg zu Papier bringen. Es gilt, diesen falschen Frieden zu entlarven. Eine Publikation mit kritischem Anspruch kann daher kein „anderes“ Würzburg repräsentieren, sondern nur die Verneinung der Selbstgefälligkeit sein. Ein Text wie dieser kann nicht vorsichtig kritisieren und sich damit in den journalistischen Nihilismus einreihen, er muss polemisieren. „Gutmütige Enthusiasten dagegen, Deutschtümler von Blut und Freisinnige von Reflexion, suche unserer Geschichte der Freiheit […] in den teutonischen Urwäldern. […] Die Kritik jedoch […] ist die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Resignation zu gönnen. Man muss den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewusstsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert.“

Von Benjamin Böhm

Warum Punk noch nicht einmal tot ist- 30 Jahre 1977

Die Realität, die uns umgibt, ist in den wesentlichen Grundzügen um 1977 entstanden, wenn man unter Realität den konkreten Verlauf der Linien zwischen der konterrevolutionären Ordnung einerseits und den rapide kleiner werdenden Freiräumen dessen meint, was einmal eine Revolte war. Der Begriff konterrevolutionär hat in diesem Sinne eine sehr präzise Bedeutung, und die heutige Ordnung ist nichts anderes als die Antwort der Herrschaft auf eine konkrete Bedrohung, ein zur gesellschaftlichen Form gewordene permanenter Gegenangriff. Dass diese Ordnung noch erkennbar ist als der tägliche Terror, aus dem sie im Grunde besteht, ist die Voraussetzung dafür, dass sie abgeschafft werden kann.

1. 1968 war keine Angelegenheit der westberliner Studenten, und nur aus der zweifach bornierten Perspektive, der provinzielldeutschen und der sozialen der neuen Mittelklasse, kann es erscheinen, als sei es damals um die Notstandsgesetze oder um die Universitätsreform gegangen. Leider hat genau diese neue Mittelklasse der früheren Studenten die Geschichte geschrieben; sie bildet sich nämlich auch ein, sie gemacht zu haben. Im italienischen gibt es den Begriff vom „68 der Arbeiter“, und ein kurzer Blick auf die internationalen Gleichzeitigkeiten zeigt den französischen Mai 1968 als einen blossen Kulminationspunkt einer Angelegenheit, die von Argentinien bis Zaire im wesentlichen gleiche Züge trug, weil sie gegen ein Leben gerichtet war, das im wesentlichen überall gleich geführt wurde.

Unterschiedlich war allerdings von Land zu Land die spezifischen Formen der Niederlage, die spezifischen Verlaufsformen des Gegenangriffs. Die Staatsstreiche und die Massaker, die Deindustialisierung und die Verelendung, die Postmoderne und die New Economy haben der heutigen Gesellschaft ihre Züge aufgedrückt: sie scheinen ewig, aber sie sind nicht viel älter als ich. Ewig scheinen sie, weil mit der Revolte immer auch die Erinnerung daran ausgelöscht worden ist. Diese Gesellschaft hat kein Gedächtnis, sie lebt immer auf der Höhe der Katastrofe, und jede Panik ist in ihr ständig abrufbereit. Was namentlich vor 1977 war, ist schon völlig unvorstellbar geworden, hinter einer verspiegelten Wand verschwunden.

2. In dieser Welt hat der Irrtum eine gewisse Plausibilität, als habe Punk die Negation erfunden. Er hat sie nur geerbt, nachdem die wirkliche Revolte aus der Welt getrieben war. Punk ist in einem die nur illusorische Revolte, und im selben Platzhalter der wirklichen Revolte. Daraus erklärt sich seine zweideutige Stellung. Punk findet sich einer Welt gegenüber, die über alle Einwände schon hinweggegangen ist; Widerstand ist bereits zwecklos, mit den Zuständen ist nicht mehr zu rechten. Die Trennung des Menschen von seinem gesellschaftlichen Wesen ist eine Tatsache, über die kein ernsthafter Streit mehr möglich ist. Die vollendete Isolation ist ein fait accompli. Ein gemeinsames mit der Gesellschaft gibt es nicht mehr. An Punk erscheint noch einmal die wütende Negation der vorangegangenen Revolte, nur abstrakter und eben deshalb selbst zerstörerischer; im Stande ihrer völligen Aussichtslosigkeit. Gegenüber dem Punk erscheinen alle Klassen tatsächlich als eine einzige reaktionäre Masse; mit Wut fällt er ein Gesellschaft an, mit der sich bereits alle abgefunden haben, und genau deshalb verfällt er ihr zuletzt. Vom Punk nimmt die Neuerrichtung der Musikindustrie ihren Anfang, die bis heute in den verschiedenen Spielarten ihrer gleichermassen reduzierten Musikrichtungen eine zur verlängerten Infantilität verdammte Jugend in ihrem Bann hält.

3. Um 1968 hatte noch ein junges Proletariat tatsächlich mit einer genauso wütenden, nur massenhafteren Konsequenz die Grundlagen dieser Gesellschaftsordnung angegriffen, und zwar von innen her, aus den Fabriken, und nicht weil sie wollte, sondern weil sie musste. Die Fabrik, das war damals das Schicksal der überwiegenden Mehrzahl; erst später besass das Kapital die Vorsicht, die meisten und vor allem die unruhigsten gar nicht erst in die Fabriken zulassen, sondern ihnen woanders eine genauso stumpfsinnige Rolle zuzuweisen, wo sie nicht soviel Schaden anrichten konnten.

Die Revolte war so unberechenbar, wie sie den heutigen bemühten Historikern unerklärlich ist; sie wird deshalb am besten peinlich verschwiegen. Wie soll man auch erklären, dass damals Streiks geführt worden sind für keine oder nur für lächerlich unerfüllbare Forderungen, erbittert und lange, mit Strassenschlachten und Fabrikbesetzungen, offenbar aus keinem anderen Grund, als weil man die Arbeit genau sosehr hasste wie ihre erbärmliche nutzlosen Produkte, die man für ihren Lohn kaufen sollte? Dass Streiks ausgebrochen sind, unmittelbar nachdem die wohlüberlegten Forderungen einer Gewerkschaft vom Management bedingungslos angenommen worden waren: weil es viel zu klar war, dass kein Geld jemals ersetzen konnte, was die Arbeit einem wirklich nahm? Und dass jede Forderung sinnlos war, die nicht auf unerfüllbares zielte?

Es war keine einfache Niederlage; denjenigen, hinter denen sich die Fabriktore nach einem solchen Fest wieder schlossen, waren in der Tat nicht mehr zu helfen. In Italien, wo die Sache unter der Parole der Autonomie länger und heftiger gefochten wurde als anderswo, schieden sich die Elemente in der Bewegung von 1977. Sie ist der Beginn von allem, was wir kennen.

4. 1977 begann die Flucht aus den Fabriken. Es war kein Bleiben mehr in der Hölle, komme, was wolle. Das Kapital seinerseits bemühte sich nach Kräften, die gefürchtete rebellische Ware Arbeitskraft durch Automaten zu ersetzen: so entstanden die Grundlagen der New Economy wie der Massenarbeitslosigkeit. Die Revolte in den Fabriken war von der Gesellschaft getrennt gewesen, das war ihre Schwäche; in den besetzten Fabriken ist einmal tatsächlich anders gelebt worden, aber ausserhalb ging alles weiter seinen Gang. Die aus den Fabriken auszogen, wollten die Revolte in das alltägliche Leben tragen; und es war auch höchste Zeit dafür. Aber als sie gingen, verschwand die Revolte aus der Fabrik. Die 1977er Bewegung schuf ein Netzwerk kleiner Verlage und Zeitschriften; sie misstraute der Kommunikation der so genannten Öffentlichkeit und zog daraus den Schluss, Gegenkultur und Gegenöffentlichkeit müssten selbst organisiert werden. Sie wandte sich von der Politik ab, weil Politik auf einer Logik der Repräsentation beruht, die selbst nur wieder Herrschaft erzeugt. Die 1977er Bewegung war die erste offiziell antipolitische Massenbewegung der Geschichte. Sie betrieb ihre Sache zum ersten Mal nur im eigenen Namen und auf ihren eigenen Titel hin. Die Negation dieser Gesellschaft erscheint nicht mehr an einer bestimmten Klasse der Gesellschaft. Sie erscheint an einem bestimmten Sektor der Gesellschaft, und die Logik der Repräsentation hat auch die Gegenkultur eingeholt: sie ist nur die Darstellung einer Bewegung der Aufhebung, klar und deutlich getrennt und in sicherer Entfernung von den tragenden Pfeilern. Es ist seither wenig anders geworden.

5. Punk, in der 1977er Konstellation entstanden und mit allen ihren Widersprüchen geschlagen, hat nicht fertig bringen können, was nicht zu machen ist: dem Verdrängten eine Stimme zugeben, eine universale Sprache der Negation. Die Zersplitterung, die vordringlichste Leistung der Konterrevoltion, setzt sich in Punk und durch Punk fort: die Trennung der Revolte von der Gesellschaft und ihre Abspaltung in eine Subkultur setzt sich fort in die Trennungen voneinander fremd gegenüber stehenden Subkulturen, die zu Identitäten erstarren. Die Logik der Abspaltung erzeugt verarmte Stile von verräterischer Eindeutigkeit, klar abgegrenzte Subkulturen, denen schon anzusehen ist, dass sie Marktsegmente sein werden und sonst nichts: ideales Futter für eine Musikindustrie, die ihrer Kundschaft ohnehin nichts anderes verkaufen kann als leere Identität. Punk hat vielleicht nur für einen Moment gelebt, vielleicht auch gar nicht. In der geglätterten Geschichte der glitzernden Ödnis namens Kunst erscheint er als unerklärliche Episode, als Einbruch von etwas völlig Anderem in diese schöne Welt; wie entlarvend, immer noch! Er verweist auf etwas, das nicht gewesen sein soll. Die Revolte ist aus den Geschichtsbüchern gestrichen: sie ist schon nicht einmal gewesen.

Aber ihre Trümmer stehen noch, wir wohnen darin; und schon die Erinnerung kann in dieser Welt ohne Gedächtnis eine Bedrohung sein. Denn das versteinerte weiss, dass es wieder flüssig werden kann. Nur noch in diesem Sinne kann Punk wieder eine Bedrohung werden.

von Jörg Finkenberger

Ein Gespenst geht um in Europa- das Gespenst des Schwarzen Blocks

Die heftigen Reaktionen auf die Ausschreitungen der so genannten Autonomen sagen viel über den reformistischen Zustand weiter Teile der GlobalisierungskritikerInnen aus. Und viele Argumente eben dieser KritikerInnen, voll bepackt mit fetischisierter Revolutionsromantik, ähneln der Politik der neuen Linkspartei bis ins Detail. Wo es trotzdem sinnvolle Ansätze gab, was ATTAC dazu zu sagen hatte und ob ein Stein ein Argument sein kann.
„Wir wollten, dass von Rostock diesmal andere Bilder ausgehen als jene Bilder, die die Pogrome von 1992 hervorbrachten. Dieses Ziel haben wir verfehlt.“ Monty Schädel muss es genau wissen. Er ist ja immerhin Sprecher der Deutschen Friedensgesellschaft. Im Stern-Interview mit Schädel ließ der Organisator der Großdemo in Rostock daher all seinen Frust heraus und kuschelte sich in die schützenden Arme der bürgerlichen Gesellschaft. Mit seinen Nazi-Vergleichen befand er sich dabei in guter Gesellschaft. Die mediale Hysterie, die die bundesdeutsche Presse schürte, hätte den Namen „Deutschland sucht die Nazi-Metapher“ redlich verdient. Auch ATTAC sah sich natürlich zu einer Reaktion gezwungen. Werner Rätz, Sprecher von ATTAC, schämte sich in Grund und Boden: „Wir müssen uns entschuldigen. Was geschehen ist, hätte so nicht passieren dürfen. Es tut uns mehr als leid.“
Nicht, dass es irgendjemanden verwundert hätte, dass die Schmusekätzchen unter den GlobalisierungskritikerInnen sich eilig von den „ Autonomen“ distanziert haben. Das ist ATTAC Mitgliedern wie Heiner Geißler auch schuldig. Realpolitische Forderungen wie die Einführung der Tobin-Steuer klingen sowieso eher nach einem Wahlprogramm als nach einem antikapitalistischen Manifest. Jedoch dürfte es einige von ihren roten Socken gehauen haben, als sich auch die Interventionistische Linke (IL), die als bundesweiter Zusammenschluss linksradikale Inhalte in die Bewegung tragen wollte, klar von der Gewalt distanzierte, die aus ihrem eigenen Demoblock kam. Spätestens nach den Reaktionen der IL müssen sich die letzten IdealistInnen von der Illusion verabschieden, dass irgendwer in einem großen Bündnis radikale Inhalte transportieren kann, sofern die Gemeinsamkeit nur ein diffuses Gefühl der Ablehnung ist.
Und dennoch gab es auch einen Teil bei den Protesten gegen die G8, der sich vornahm, eben nicht in der substanzlosen Masse der GlobalisierungskritikerInnen unterzugehen und trotzdem die Kritik am Bestehenden zu äußern. Zum Beispiel das Ums-Ganze-Bündnis , bestehend aus, nennen wir sie „Post-Antifa-Strukturen“, das zum „unversöhnlichen Akt der Negation“ aufrief und sich gegen strukturellen Antiamerikanismus und Antisemitismus aussprach. Die Reaktion des Ums-Ganze-Bündnis auf die Ausschreitungen war in Folge dessen auch die außergewöhnlichste: „Liebe Polizeibeamten, behindern sie keine antikapitalistischen Aktionen, machen sie sich nicht mit den Gewalttätern in ihren Reihen gemein und distanzieren sie sich vor allen Dingen auch räumlich von diesen Gewaltgeilen“, so die Pressesprecherin der Autonomen Antifa [f], die ebenfalls am Bündnis beteiligt ist. Das ein solcher Standpunkt im Rahmen der G8-Proteste geäußert wird, wäre zweifellos ohne antideutsche Prägung nicht möglich. Kaum einE jungeR ErwachseneR mit einer linksradikalen Sozialisation ist im Jahre 2007 nicht von antideutschen Positionen beeinflusst. Das ein Teil der damaligen antideutschen GesellschaftskritikerInnen heute dennoch alles, was sich Linksradikal nennt, zu einer antisemitischen Masse verwursten will, zeugt von einer klaren Rot-Braun-Farbenblindheit.
Wirklich leid taten mir im Rückblick nicht die Gruppen, die sich durch die militanten Aktionen in ihrem friedlich-bürgerlichen Selbstverständnis verletzt sahen, sondern diejenigen, die es gar nicht nötig hatten sich von den Ausschreitungen zu distanzieren und dennoch von den Medien zur substanzlosen Masse der „friedlichen DemonstrantInnen“ gemacht wurden. Gruppen wie die Clowns Army und die Hedonistische Internationale oder alternative Aktionsformen hatten somit kaum Chancen, von großen Medien wahrgenommen zu werden.

Kommen wir endlich zu den so genannten Autonomen selbst. Es ist unumgänglich, dass eine reformistische oder parlamentarische Linke sich stets von ihnen distanziert. Immerhin versucht sie, den bürgerlichen Mainstream auf ihre Seite zu bringen oder die Politik als NGO von ihren Anliegen zu überzeugen.
Ein Großteil der Linksradikalen, die sich an den Ausschreitungen beteiligten, hatten bereits vor dem Gipfel erlebt, dass die Repression und die staatliche Überwachung aller Lebensbereiche beachtliche Züge annimmt: Die Razzien in autonomen Zentren und angedrohte Sicherheitsverwahrungen von Linksradikalen sind nur wenige Beispiele dafür. Am 16. Juli, mittlerweile nach dem Gipfel, war es aufgrund polizeilicher Schikanen nicht einmal möglich, eine Antifa-Demonstration gegen das Sommerfest der bayerischen NPD in Schmidgaden durchzuführen. Es wird dabei zunehmend schwieriger, eine radikale Kritik zu formulieren, ohne daran von staatlichen Behörden gehindert zu werden. Der Ruf nach einer vollkommenen Gewaltfreiheit auf Demonstrationen ist für die Militanten eine Farce, da sie zum Einen durch die Repression nackte Gewalt erfahren, zum Anderen die strukturelle Gewalt des Kapitalismus für jedeN spührbar ist. Ein Teil der DemonstrantInnen hat sich entschieden, sich in Rostock nicht an die Demoabsprachen mit den StaatsschützerInnen zu halten, sondern den alltäglichen Krieg auf der Demo sichtbar zu machen, den das bürgerliche Bewusstsein ausblendet. Oder um es mit den Worten eines Mobilisierungsvideos des Ums-Ganze-Bündnisses zu sagen: „Was das System verdient, ist nicht der Dialog, sondern ein unmissverständliches FUCK YOU!“
Selbstverständlich ist durch die Militanz in Rostock keine Revolution ausgebrochen. Es wurde den Verhältnissen nur symbolisch der Krieg erklärt. Dieser Kriegserklärung wurde jedoch ein fabelhafter Sendeplatz in der Tagesschau am 02. Juli eingeräumt. Kein Oskar Lafontaine, kein Ströbele und schon gar keine ATTAC-Parteisoldaten durften über ihre großen Taten berichten, sondern Aktionen, die sich an keine Kooperationen mit der Polizei hielten und dem Volk keinen Honig ums Maul schmierten, bestimmten das Bild. Mittlerweile ist klar, dass von den 433 verletzten PolizistInnen, die in den ersten hysterischen Presseberichten gemeldet wurden, lediglich zwei ins Krankenhaus mussten.
Natürlich haben die Militanten keine gemeinsame theoretische Grundlage. Zu diffus ist ihre Zusammensetzung. Dennoch sind die Vergleiche mit Nazis vor allem aus dem Grund aus der Luft gegriffen, da gerade die Post-Autonomen und Post-AntifaschistInnen, welche wohl zum größten Teil an den Ausschreitungen beteiligt waren, eine konsequente Kritik am strukturellen Antisemitismus und Nationalismus einiger GlobalisierungskritikerInnen teilen. Ebenso wenig gehen sie im kollektivistischen Wir-Gefühl der GlobalisierungskritikerInnen unter und scheuen sich trotzdem nicht davor, im Sinne einer Politik der ersten Person ihre radikale Ablehnung des Kapitalismus zum Ausdruck zu bringen, auch bei Gipfeln wie dem G8-Meeting.
Logisch ist, dass die Vielfältigkeit der Aktionsformen, die immer wieder in den Reihen der GlobalisierungskritikerInnen geäußert wird, solange keine Militanz einschließt, wie sich die meisten am Protest beteiligten Gruppen als bürgerliche Interessengruppen innerhalb des Kontexts von Nation und Kapitalismus darstellen. Es stimmt zwar: Steine sind keine Argumente. Aber Reformismus ist auch keine Revolution, sondern lediglich die Bestätigung des Status Quo.

Von Yvonne Hegel

Ein weiterer Kunstgriff – Jetzt NEU: Kapitalismus rechtfertigt seine Existenz durch Umweltschutz

„Das wirkliche Meer ist kalt und schwarz, voller Tiere; es rumort unter diesem dünnen grünen Film, der dazu da ist, die Leute zu täuschen. Die Sylphen, die mich umgeben, sind darauf hereingefallen: sie sehen nur den dünnen Film, er beweist die Existenz Gottes.“ (Sartre, Der Ekel)

Seit langer Zeit war es nicht mehr so einfach, sich ruhigen Gewissens vom gerechten Lauf der Dinge treiben zu lassen, nachsichtig tadelnd zurück und zuversichtlich nach vorne blickend. Es wird alles gut! Der Kapitalismus ist ab sofort nicht nur das System, welches sich so oder so durchsetzt, es ist neuerdings auch unser Rettungsanker. Plakatwände, Hochglanz-Magazine, Mode-Zaren, Lokalbrauereien, MTV und Boris Becker: alle dürfen lokal und global die Botschaft verkünden, dass es nie einfacher war, etwas „gegen die Globalisierung“ zu tun. Und wie? Das Geheimrezept besteht darin, nichts zu ändern: Nur konsumieren. Ab sofort aber bitte folgendes: Die batterieschonende Uhr, das ökologische Huhn, den richtigen Kinofilm, das globale Musikspektakel, ein Distelhäuser, zwei Bionade, drei Hybrid-Autos.

Schlecht daran ist erst mal gar nichts. Da die Kundschaft, vom Proleten bis zum High-Society-Girl, grundsätzlich dazu verdammt ist, zu konsumieren, ist es immerhin besser, ihnen Umweltverträgliches einzuimpfen. Eine neue Qualität der Peinlichkeit erreicht dieses Schauspiel aber, wenn die neue Fütterung nun als vernünftige, bewusste Handlung der Abnehmer stilisiert werden soll. Jener Abnehmer, die sich so lange über die Ökos lustig gemacht haben, bis ihnen Hollywood ihre potenzielle Zukunft simpler buchstabierte. Als eine Welt ohne süße Eisbären zum Beispiel.

Unwahrscheinlich ist es nicht, dass sie gelingt. Diese Große Rettung, dieser lang ersehnte heroische Akt der Menschheit, der in den mächtigen Worten Al Gores nämlich das „Privileg einer Generation [ist], eine Mission zu haben“ . Die in der Vergangenheit oft bewunderte bzw. beneidete Flexibilität des kapitalistischen Systems würde sich nur ein weiteres Mal unter Beweis stellen. Leider macht diese ,Rettung’ aber (A) die jeweils vorrangegangene Not nicht rückgängig und kann (B) keinesfalls die Menschheit ,retten’, sondern lediglich ihre physische Existenz verlängern. Die ständige Notwendigkeit, auf die finanziellen Folgen hinzuweisen, die von der vermuteten Klimakatastrophe zu erwarten seien, beweist, dass in diesem Zusammenhang keine Rede von Vernunft, Gefühl oder anderen Nichtigkeiten sein kann . Das globale Umdenken erscheint somit als nichts weiteres als ein Manöver zur Rettung des Privatkapitals, welches einsetzt, wenn dieses aufgrund gewisser Gesetzmäßigkeiten in Gefahr gerät.

Die Katastrophe wird ihm gutgeschrieben

Jetzt grandioser Kunstgriff: Am 5.7.07 erschien in der Zeit ein Artikel mit der markigen Überschrift „Hollywood rettet die Welt“ (in der selben Ausgabe: „Auf in den Ökokapitalismus!“). Darin stellt Autor Robert Misik – nach einer unentschieden bis kritischen Darstellung der vor sich gehenden Inwertsetzung der Moral – die Dinge geschickt auf den Kopf. Kurz nach den grandios bescheuerten „Live Earth“-Konzerten hat er als Credo der „neuen Aktivisten“ ausgemacht: „Der Konsumkapitalismus hat das Problem verursacht? Macht nichts, der Konsumkapitalismus macht es wieder gut“. Dass sogar der Widerstand für eine bessere Welt vom Kulturkapitalismus vereinnahmt und mit Preisschildern versehen wird, ist für Misik ein hinnehmbares Übel im Kontext der Weltrettung. Was diese Inwertsetzung für Folgen in der Öffentlichkeit zeitigt, führt der Autor am Ende des Textes jedoch selbst vor: Hier wird die Katastrophe schließlich auf wundersame Weise der kapitalistischen Wirtschaftsform gutgeschrieben. Die Schuldzuweisung für die Umweltzerstörungen fällt ebenso unter den Teppich wie der Aspekt, dass gerade nicht-kapitalistische Bewegungen die Umweltthematik in der Öffentlichkeit präsent hielten. Misik versteigt sich – aufgrund eines Medienhypes – zu der Annahme, der Kapitalismus sei „moralisch gut für uns“. Andere Auswüchse dieser Wirtschaftsform, beispielsweise die Expansion des globalisierten Verbrechens, lässt er geblendet unter den Tisch fallen. Seiner Meinung nach gäbe es Anzeichen, dass sich die Vision Adam Smiths erfülle und der Kapitalismus zu seiner „philanthropischen Funktion“ komme: „Kapitalismus ist gut für uns, und die Moral ist gut für den Kapitalismus. In einer solchen Ordnung liegt es nahe, dass man der Moral den besten Dienst erweist, indem man sie zu einem Geschäft macht“.

Angesichts meiner Sprachlosigkeit sei diesem und ähnlichen Autoren lediglich nahegelegt, darüber nachzudenken, ob Kapitalismus nur Cameron Diaz, Leonardo di Caprio und der grüne Film ist oder vielleicht auch das tiefschwarze Meer?

Sebastian Loschert
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1 Zitiert nach: Robert Misik, „Hollywood rettet die Welt“, Die Zeit, 5. Juli 2007.
2 Wenn wir uns erinnern mögen: Die Verbesserung des elendigen Zustands der Arbeiterklasse ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert setzte natürlich nicht ein, weil das Elend des Proletariats Mitleid erzeugt hätte, sondern sie begann just mit der Erkenntnis des drohenden Elends der Kapitalistenklasse. Diese Erkenntnis führten z.B. Gewerkschaften vor Augen.
3 Als Folge dieser seltsam oberflächlichen Betrachtung der Welt ergibt sich bei Misik auch die Vorstellung, dass schon „viel gewonnen [wäre], wenn die goldenen Anbagger-Sprüche dereinst einmal lauten würden: ,Hey, schau dir meinen Pflanzenöl-Schlitten an, Süße!’“. Robert Misik, „Klimaschutzkonsum jetzt!“, Falter, 27. Juni 2007.