Archiv der Kategorie 'drama und tanz'

Würzburger Schandtaten.

Die Freundinnen und Freunde des Post-Prä-Bikri haben Mut bewiesen! Sie haben die Qual über sich ergehen lassen, dass „Pferd-Tret-Festival“ zu besuchen und darüber auch noch ihre Eindrücke der Welt zu präsentieren. Aber liest selbst:

Es ist manchmal sehr interessant, wie manche Menschen dem Sog des Sommerlochs in Würgtown zu entkommen versuchen. Kaum zu glauben, ist einmal die übliche Klientel des Bildungsstreiks aus der Stadt, geschehen durchaus amüsante Sachen. Zu unserer Schande müssen wir gestehen, bei Critical Mass waren wir nicht und können folglich auch nicht einschätzen, was das für Menschen sind und ob sie mit dieser Stadt und diesem Sommer mehr Probleme haben, als dass in Würgtown kein nötiger Respekt den FahrradfahrerInnen entgegengebracht wird.

PS: Der Hype steckt in der Klemme, pardon (!) – Presse fest. Nächste Woche ist es soweit.

Kann man denn nicht mal mehr in Ruhe seine Bratwurst essen?

Es hätte alles so schön werden können. Die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen. Mein träger, unförmiger Körper lechzte nach irgendeiner Art von Bewegung. Selbstverständlich denke ich dabei nicht an sportliche Aktivitäten. Es ist das alte Dilemma, das meine Lust auf frische Luft schmälert: Der Winter ist mir viel zu kalt und der Sommer viel zu warm. In einer solchen Jahreszeit schließen mein Hunger und mein spärlicher Bewegungsdrang aber einen Kompromiss: Ich laufe ein paar Schritte. Dies ist gut für die Gesundheit, sagt man ja. Ich laufe zum Bratwurststand am Markt und esse ein paar Geknickte Mit Senf. Das macht satt, sagt man ja.
Es hätte alles so schön werden können. Wurde es aber nicht. Im Moment des Verzehrs der vier Bratwurstbrötchen, die ich zur Sättigung benötige, habe ich mir in den Jahren meinen eigenen Freiraum geschaffen. Alle Gedanken drehen sich in diesem Moment nur um das köstliche Schweinefleisch. Alle Sorgen existieren in diesem Augenblick für mich nicht. Die Welt steht still. Keine störenden Menschen, keine Politik, ich filtere alles aus. Lasse das Chi fließen. Es gibt nur mich und die Schweinsbratwurst. Manche machen Joga, ich verschlinge ein Stück Fleisch um meine innere Ruhe zu finden. Zwar war mir das Brötchen, das eine fettige geknickte Bratwurst in seinem Herzen trägt, wie immer vergönnt. Bei der zweiten Geknickten blieb mir aber die Wurst im Halse stecken. Durch meinen Raum der Idylle trampelte eine politische Demonstration. Mit einem Banner. „Ihr seid nicht vergessen!“ stand darauf. Ein Soldatengedenken zu Afghanistan. Viele Deutschlandfahnen. Alberne Korporierte. Der Aufmarsch kam einer Kriegserklärung gleich. Niemand, absolut niemand hat das Recht, mich beim Essen zu stören. Und schon gar nicht zu einem Thema, das weder mich noch den Rest der Leute an ihrem Einkaufssamstag interessiert. Am liebsten hätte ich laut geschrien, aber mein Mund war voll. Am liebsten hätte ich die Veranstaltungsteilnehmer vollgekotzt, aber dafür war mir das Essen zu schade. Ich kaufte hastig eine dritte Geknickte Mit und folgte dem Zug zum Vierröhrenbrunnen, um die Veranstaltung auszumischen.
Und genau hier wendete sich das Blatt. Auf der Schlusskundgebung am Brunnen lauschte ich den Worten des Veranstaltungsanmelders Torsten Heinrich und wurde nachdenklich. Nicht etwa, weil ich mich auf einmal für die Bundeswehr interessierte. Sondern weil mich die Rede von „Opferbereitschaft“ und „Solidarität“ an die vielen süßen Schweinchen erinnerte, die ich in den Jahren verschlungen hatte. Tausende Schweine, die für mich ihr Leben gelassen hatten. Und nie zuvor war ich ihnen so dankbar gewesen wie an diesem warmen Frühlingstag. Welche großes Opfer sie doch erbrachen, damit ich satt werde. Ich lauschte den Worten Herrn Heinrichs, doch in meiner Vorstellung sprach er zu den Schweinen, denen ich doch dankbar sein musste, dass sie mich stets satt gemacht haben. Und so nahm ich die Worte der Rede zwar wahr, aber dichtete sie in meinem Kopf für die Schweine um. Und auf einmal wusste ich, warum auch ich zu gedenken hatte:

Ich war hier, um ein Zeichen der Solidarität zu den Schweinen zu schicken. Solidarität nicht für die Schweine als solche, zu denen jeder anders steht, sondern Solidarität für ihre erbrachten Leistungen. Weit weg vom heimischen Stall, immer wieder unter Bolzengerätebeschuss im Schlachthof, außerhalb des Lagers durch verseuchtes Tiermehl oder die Schweinegrippe bedroht, befinden sich die Schweine und Eber in einer Ausnahmesituation, die wir uns am Bratwurststand kaum vorstellen können.Während ich morgens aufstehe und die Nachrichten bei einem guten Mettbrötchen lese, werden einige Kilometer weiter Schweine geschlachtet, damit ich sie essen kann. Während ich hier stand, waren viele unserer Hausschweine gerade in diesem Moment weit weg von zu Hause einer permanenten Bedrohung ausgesetzt. Diese sollen wissen, dass wir an sie denken, hinter ihnen stehen und sie in unseren Mägen bei uns sind. Sie sollen wissen, dass sie als Schweine, sie als Fleisch- und Wurstwaren mehr Rückhalt in der Gesellschaft haben als sie manchmal gezeigt bekommen, auch wenn ihr Einsatz heftig umstritten ist und von vielen Tierfreunden abgelehnt wird. Ob wir es wollen oder nicht, ob wir den Einsatz unterstützen oder nicht, die Schweine haben ihr Leben bei einem Einsatz gegeben, der in unserem Magen endete. Ungeachtet der Frage unserer eigenen Haltung, die Schweine gaben ihr Leben als Qualitätsfleisch der Bundesrepublik Deutschland. Sie waren Zuchtschweine, ja, doch das darf uns kein Grund sein, ihnen die Verantwortung ihres Schicksals zuzuschieben, erfüllten sie doch ihre Pflicht in unserem Namen, dem des hungrigen Bürgers. Im Namen aller deutschen Bratwurstesser.

Tränen kullerten meine Wange hinunter. Ich sang statt „ich hatt‘ einen Kamerad“, das auf der Trompete gespielt wurde, lieber „drei Schweine saßen an der Leine“. Es störte niemanden. Ich muss Torsten Heinrich danken, dass ich an seinem Gedenkmarsch teilnehmen durfte. Er bescherte mir einen der emotionalsten Augenblicke in meinem Leben. Daher kann ich nur danke sagen. Danke. Und quiekquiek.

Hunter S. Heumann

Was Ernstes

Vorabdruck aus Heft 16

Unter der Betreffzeile „mal was ernstes“ fand sich in meinem Postfach diese Meldung: „ich halte es für unverzichtbar, dass jemand etwas zu israel schreibt. “. Nun ja, die Wogen schlugen hoch, waren doch mit den Damen Annette Groth und Inge Höger zwei leibhaftige Abgeordnete des Bundestages, sowie mit Herrn Norman Paech ein gewesener solcher von der israelischen Marine an Bord eines von türkischen Unterstützern der Hamas gestellten Schiffes beim Versuch, die Seeblockade vor Gaza zu durchbrechen aufgegriffen und kurzfristig in Israel in Gewahrsam genommen worden. Seither kam es zu der bereits seit den Tagen der sogenannten zweiten Intifada allseits bekannten anti-israelischen Medienwelle und jenen mittlerweile ebenfalls als üblich zu bezeichnenden ausgesprochen ekelhaften Zusammenrottungen deutscher Linker mit islamistischen Gruppen wie auch türkischen und arabischen faschistischen Banden. „Hoch die inter…Allahuakbar…Juden ins Gas…Babymörder Israel…“ ist die auf jede beliebige wackelige Videosequenz passende Tonspur dieser im Netz bequem zu betrachtenden Lynchmob-versammlungen. Dieses Phänomen ist nun zwar wahrhaft widerlich (und für einzelne als Juden, Israelis, US-Bürgerinnen und auch neurechte Antideutsche „erkannte“ Menschen, die in so etwas geraten etwa so bedrohlich wie eine Pinkelpause in der sächsischen Schweiz für eine afrikanische Fußballmannschaft), doch nicht eben neu und vor allem sehr deutsch – über Israel sagt es nur so viel aus: Wüßte ich auch überhaupt nichts über diesen Staat und dessen Volk, diese wären schon lediglich ihrer versammelten Feinde wegen meiner innigsten Sympathie sicher.
Nachdem sich der Staub ein wenig gelichtet hat und es einen gewissen Überblick über das Geschehen gibt, lässt sich über Israel nun vor allem sagen, daß der demonstrative Einsatz gemäßigter Mittel – jenes von Obama, Ban Ki Moon und auch Herrn Westerwelle stets unisono eingeforderte „restraint!“ – gegen Leute, die unbedingt „Märtyrer“ werden wollen in taktischer Hinsicht das genau gegenteilige Ergebnis zeitigt, und als strategisches Mittel gegenüber einer zutiefst antisemitisch grundierten „Weltöffentlichkeit“ bestenfalls hilflos bleibt.
Das in der äußeren Gestalt der „flotilla“ wie in der (selbst)mörderischen Aktionsform in seinem Wesen aufscheinende, geostrategisch bedeutsamste Ereignis: die offene Abwendung der Türkei vom westlichen Bündnis und sein Bekenntnis zur – sei’s auch als um die Führungsrolle konkurrierende Macht – Mitgliedschaft im pro-iranischen Club, ist im israelischen Außenamt schon zu Zeiten der Regierung Olmert registriert worden; daß dies in Washington unter Obama noch immer nicht in seiner Bedeutung erfasst wird und bei deutschen Linken, könnten sie wenigstens noch in politischen Kategorien denken und somit den Braten riechen, mit Sicherheit zu Solidaritätsbekundungen führen würde, lässt sich bloß noch kopfschüttelnd konstatieren.
„zu israel“ möchte ich ansonsten noch anmerken, daß dort das Bewußtsein es mit einer ernstzunehmenden Bedrohung und nicht lediglich mit weltfremden „peace activists“ zu tun zu haben deutlich ausgeprägt ist und zu einer erstaunlich breiten Unterstützung für die Regierungspolitik und auch zu hohen persönlichen Beurteilungswerten für Premierminister Benyamin Netanjahu geführt hat; alle internationalen Akteure, welche auf den baldigen Zusammenbruch der doch recht widersprüchlichen Koalition gesetzt hatten, sollten sich auf eine längere Wartezeit einrichten.

Von Rainer Bakonyi

Wenn sie nur noch tanzen können, ist das keine Revolution

(hier wird ein Artikel aus dem letzten Hype Nr. 14 nachgereicht:)

Wenn sie nur noch tanzen können, ist das keine Revolution1
Von antideutschen Fanmeilen und dem Verlust der radikalen Lebenswirklichkeit

Raven gegen Deutschland. Hunderte zuckende Leiber scheinen den Text zu kennen, wippen im Takt, fühlen sich synthiewohl. Raven gegen Deutschland, an einem Ort namens Posthalle. Es ist interessant, wie sich die Zeiten ändern: Hätte man vor fünf Jahren ein Projekt wie Egotronic in das Autonome Kulturzentrum holen wollen, gewisse Leute wären in schallendes Gelächter ausgebrochen. Zu wenig Publikum, zu linksradikal, zu antideutsch, whatever. Heute veranstalten die selben Menschen, die damals das AKW zugrunde gerichtet haben, in ihrer Posthalle ein Festival mit- wie sollte es anders sein- Egotronic, samt ihrer FreundInnen vom Label Audiolith. Es scheint etwas passiert zu sein, das ich nicht ganz nachvollziehen kann: Linksradikales Parolenrufen wurde in den letzten Jahren zum Chique geadelt, hat die Autonomen Zentren verlassen und findet jetzt selbst an einem gottverlassenen Ort wie Würzburg statt, inklusive hunderter Kids, die die Texte in- und auswendig lallen können.

Be cool- be antideutsch. Es gibt keinen abgedroscheneren Werbespruch, der mir gerade in den Sinn kommt, um die seichte Elektrowelle zu beschreiben, die von Flensburg bis Fürstenfeldbruck Jugendliche in ihren Bann zieht. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass es sich bei diesem Phänomen um die Speerspitze einer neuen kritischen Bewegung handelt. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Wer tanzende Elektrokids beim Audiolith-Festival beobachtet, fühlt sich eher an das Grauen der deutschen Fanmeilen zurück erinnert. Und plötzlich schließt es sich nicht mehr aus, dass jemand „Raven gegen Deutschland“ ruft und in ein paar Monaten „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“2. Es besteht ein Zusammenhang zwischen einfach zugänglicher Elektromusik und einfach zugänglichem, alles nach plapperndem Publikum3. Würden Egotronic ihre bisherigen Texte durch die Zeilen von Alexander Marcus ersetzen, so würden sich wahrscheinlich nur die Oldschoolfans darüber ärgern. Und man kann noch so viele Versuche unternehmen, das Saufen und PEP-durch-die-Nase-Ziehen mit politischem Gehalt aufzuladen, es bleibt nichts anderes als Saufen und PEP-durch-die-Nase-Ziehen, Wirklichkeitsflucht und Enthemmung eben, wie sie größtenteils auch vom Rest der Bevölkerung dann und wann betrieben wird.

In dem Moment, als aus einer radikalen Richtung ein popkultureller Lifestyle wurde, hat auch das Label „Antideutsch“ voll und ganz seine Bedeutung verloren10. Popkultureller Lifestyle bedeutet nämlich: Man hat sich eingerichtet. Man bewegt sich unbeschwert in den Formen der Kulturindustrie, als ob die bürgerliche Gesellschaft eine Klaviatur sei, auf der man locker-leicht das Lied der Emanzipation klimpern könne. Man betreibt ein linksradikales Zine wie das Hate-Magazin, in dem sich gelangweilte GrafikdesignerInnen austoben dürfen, gibt eine ach so kreative Schülerzeitung wie „Straßen aus Zucker“ heraus 4und rezipiert ein wenig Adorno zur Steigerung der sexuellen Attraktivität. Nichts anderes ist dieser Lifestyle aber als die Flucht in eine wohlige Nische, in der es sich gut Leben lässt. Die Revolution kommt später oder nie, zuerst kommt das Projekt. Und egal wie viele Drogen man am Wochenende konsumiert hat, am Montag ist die Arbeitskraft wieder hergestellt, damit man in die Uni gehen kann, in der Uni lehren kann, in der Schule sitzen kann, im Betrieb schwitzen kann, in der Werbeagentur kreativ sein kann.

Ich weiß nicht, wie oft ich von Kids „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ gehört habe. Was wollen sie eigentlich damit legitimieren? Ist es das jämmerliche Leben, dass auch ihre 68er-Eltern führten und das auch sie führen werden? Der Gang durch die Institutionen, diesmal aber nicht mit der naiven Vorstellung, dass man diese von Innen heraus verändern könne, sondern mit der Überzeugung, dass es kein Vita Activa gibt, sondern nur die Einsamkeit der/der KritikerIn? Was die jungen AnhängerInnen des neuen postantideutschen Hedonismus5 eint ist die feste Überzeugung, dass die Revolution auf später verschoben werden muss und das emanzipatorische Begehren solange im Lustprinzip aufbewahrt werden muss, bis diese Gesellschaft in ein paar Jahrzehnten, in ein paar Jahrhunderten oder nie an ihren Widersprüchen zerberstet. Mir kommt es so vor, als müsse man sich an nichts mehr in ihrem/seinen Umfeld stoßen, weil ja kein richtiges Leben im Falschen gibt. Es ist die postantideutsche Lifestyleszene, die die Dialektik der Aufklärung nicht als Handbuch der Revolution gebrauchen kann, sondern zur persönlichen Erbauung nutzt.

Sie mögen damit glücklich werden, Kiddies die noch zur Schule gehen und bereits jetzt zu wissen scheinen, dass sie den Kommunismus nicht mehr erleben werden, einen postantideutschen Elektrolifestyle leben und ansonsten die Versuche, das Falsche im Falschen zu verhindern, verlachen. Schade ist es um sie nicht. Was linksradikal sozialisierten Kids abhanden kam ist die Ungeduld des revolutionären Begehrens6, eine radikale Lebenswirklichkeit, die sich an seinem/ihrem Umfeld und den Lebensformen, die die bürgerliche Gesellschaft anbietet, stößt, anstatt sie als notwendiges Übel anzuerkennen. Dabei ist die Frage zu stellen nach dem Ausgangspunkt der Kritik. Wozu betreiben wir Kritik? Zur Selbstvergewisserung, dass man die Gesellschaft verstanden habe, während die anderen Menschen auf der Linken Seite noch immer im Trüben fischten? Radikale Kritik, die mehr ist als das Jargon der akademischen Seminare, hat bei sich selbst und bei ihrer/seiner eigenen Lebenswirklichkeit anzufangen. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang von Lebenswirklichkeit und Kritik. Kritik taugt zu nichts, wenn hinter ihr nicht das Begehren steckt, das eigene geknechtete, unwürdige Leben hinter sich zu lassen. Die Einforderung des schönen Lebens, und zwar jetzt und sofort, ist eine notwendige Bedingung jeder Kritik, die in den letzten zwanzig Jahren aus dem Bewusstsein der Radikalen Linken scheinbar verschwunden ist. Wir wissen, dass die Theorie der Autonomen mehr als dürftig war. Die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen aber hat die Lebenswirklichkeit der Autonomen umwoben. Die Bank passt mir nicht, dann wird die Bank eben platt gemacht. Das Haus gefällt mir, also besetze ich es. Es geht mir hier nicht um die Glorifizierung von Bankenanzünden oder Freiraumkampagnen, sondern um die Einforderung der Revolution im Jetzt und Hier. Es geht um die empfundene Unerträglichkeit der Zustände, die mit einem Handeln verknüpft bleibt. Kritik, die nie als Erbauung diente, sondern zur Handlung trieb. Nahm die Verknüpfung von Lebenswirklichkeit und Kritik bei den Autonomen eher politische Formen an, hat es die Ungeduld der Punks gar nicht mehr nötig, als „Politik“ wahrgenommen zu werden: Kritik als Praxis muss nicht die Formen von politischen Kampagnen annehmen, sondern beginnt damit, dem Polizisten ins Gesicht zu rotzen oder mit dem Casio durch die sonst so leise Innenstadt zu ziehen. Diese Fuck-Off-Mentalität, das Begehren, den Kampf gegen diese Gesellschaft nicht nur auf einer kritisch-reflektierten Ebene zu führen, sondern gegen jede Einrichtung, die uns diese Gesellschaft anbietet, sei es die Familie, die Arbeit, die Klasse oder das Studium, ist dem trendigen postantideutschen Lifestyle fremd. Man sucht die Kritik stattdessen im Strobo, nimmt sich selbst zurück und verfällt der Lethargie, die den Linksradikalismus seit Jahren umgibt7.

Damit man mich nicht missversteht: „Wir wählen immer nur zwischen dem Falschen und dem Versuch, das Falsche nicht zu wiederholen und es wird in den bestehenden Verhältnissen nicht mehr als diesen nie zum Ziel gelangenden Versuch geben.“ Der Moment aber, in dem ich versuche, das Falsche nicht zu wiederholen, weist auf die Möglichkeit hin, mich eines Tages vom Ganzen zu emanzipieren. Er weist auf die Möglichkeit hin – sei sie auch noch so unwahrscheinlich- zu Handeln, einen Bezug zwischen sich und der Geschichte herzustellen. Die Gelegenheiten, in denen wir dennoch immer wieder die zum Scheitern verurteilten Versuche vollziehen, Dinge radikal zu verändern, verknüpfen uns selbst mit dieser Welt. Wenn der Quell der Kritik die Unerträglichkeit des eigenen Lebens ist, so muss sie zur Handlung treiben. Und wenn für eineN so genannteN KritikerIn jedes Handeln zum Scheitern verurteilt ist, dann hat sie/er bereits die politikwissenschaftliche Verkürzung akzeptiert, dass jegliches Handeln Politik sei. Die Lethargie des Kritikers ist die säkularisierte Form des Vita Contemplativa. Das Gegenteil dieser ist die Natalität des Menschen, „der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt“ (Arendt) und das Handeln erst ermöglicht. Die Überzeugung, als Mensch in die Geschichte eingreifen zu können, macht das Handeln zu emanzipatorischen Zwecken erst möglich.

Die Kritik ist kein Lebensgefühl, mit dem es sich gut Leben lässt, sondern die Unzufriedenheit mit dem hier und jetzt, dass dem Bestehenden produktiv zu schaden gedenkt. Für wen die Kritik nur aus akademischem Jargon und Lifestylehedonismus besteht, die/der hat den Bezug zur kommenden Revolte längst verloren. Die/der nimmt die Aufstände nicht einmal mehr wahr, die sich in den Banlieues von Paris oder auf den Straßen von Teheran abspielen. Statt die Unmöglichkeit der kommunistischen Revolution anzunehmen, stelle ich mich lieber ganz in die sich weiter vollziehende Geschichte und betrachte die stattfindenden Revolten auch als die meinen. Was, außer die unantastbare Überzeugung, dass diese Gesellschaft überwunden werden kann, sollte sonst mein Antrieb sein, Kritik zu betreiben?

Von Benjamin Böhm

  1. Dieser Text könnte auch Antideutsch für Deppen Teil 2 heißen. Die Drohungen und Schmäh-SMS, die mir nach meinem Antideutsch-für-Deppen Teil 1 vor mittlerweile fast drei Jahren geschickt wurden, habe ich als Erinnerung an den bayerischen Antifa-Kindergarten noch in meinem Handy gespeichert und kann immer noch herzhaft über sie lachen. Ich frage mich manchmal, was aus ihnen geworden ist, den Bauchantideutschen aus Ober- oder Unterammergau.[zurück]
  2. Danke an meine Mitmieter in der Zellerau! Diese haben mir zur EM abwechselnd durch Egotronic und „Schlaaaaand“-Rufe den Schlaf geraubt und mir erst verdeutlicht, dass beides zusammen möglich ist. [zurück]
  3. Kann man es der jugendlichen Fanbase wirklich verübeln, wenn sie die feinen musikalischen und textlichen Unterschiede zwischen den Partyatzen, der Musik für junge Leute mit Vergewaltigungsphantasien, und Frittenbude, nicht erkennen kann? [zurück]
  4. Ich habe schon interessantere Schülerzeitungen gelesen. Der emanzipatorische Gehalt eines Interviews mit KIZ bleibt mir bis heute unbekannt. [zurück]
  5. Es gilt hier zu betonen, dass dieser Text nicht dazu verwenden werden soll, im Namen von Internet-Antiimps als Kronzeuge gegen die Antideutschen zu fungieren. Die Antideutschen sind tot, und erbärmlich die geistigen Ausdünstungen der meisten ihrer einstigen RepräsentantInnen. Die antideutsche Kritik hat jedoch keinesfalls ihre Berechtigung verloren. Im Rahmen von linken Zusammenhängen lässt es sich aber wohl schwer vermeiden, dass ein Text wie dieser als Anklage gegen die Antideutschen verwendet wird, genauso wie Robert Kurz auch heute noch von den dümmsten unter den AntiimperialistInnen rezipiert wird. [zurück]
  6. Dieser Absatz macht eigentlich zwei Fässer auf, die nur bedingt miteinander in Verbindung stehen. Zum einen wird hier das kontemplative Element der antideutschen Kritik angesprochen. Zum anderen aber auch die Lebensflucht und Todesehnsucht, die hinter dem Selbstbild deren stehen, die man als postantideutsche RevolutionsverfechterInnen bezeichnen könnte. Justus Wertmüller hat darüber vor wenigen Monaten einen ganz lesbaren Text geschrieben. Es wird im Hype #15, noch einmal darauf zurückzukommen sein. [zurück]
  7. Gegen diese Ungeduld richtete sich bereits Lenin, als er den Linksradikalismus als Kinderkrankheit bezeichnete. Ich halte mich da lieber an den Genossen Herman Gorter. [zurück]
  8. Dieser Text wäre ohne die Gspräche mit Asok und Phil_Ill nicht möglich gewesen. Ich hoffe, ihr findet unsere damaligen geteilten Ansichten ein wenig in diesem Text wieder… [zurück]

Nie, nie, nie wieder Deutschpunk!

Ja, am Wochenende war es mal wieder soweit. Nazis marschierten durch Unterfranken, und die Antifas haben mal wieder ein wenig Sport getrieben.
Im Hype #14 wird es einige Reflexionen geben. Bis dahin müsst ihr Euch mit folgendem Text begnügen, den wir im Netz gefunden haben (auch wenn sich die Frage stellen lässt, ob die Produktion eines solch langen Textes die Mühe wirklich wert war):
Maifeuer.

Eure Yvonne Hegel

Der Preis für junge Kultur der Stadt Würzburg

geht u.a. an Joachim Schulz, dem ehemaligen Vorsitzenden des akw und wahrscheinlichem Pächter des Geländes, sowie Betreiber der Posthallen. Wir nehmen das zunächst einfach einmal zu Protokoll, ohne es weiter zu kommentieren. Zunächst jedenfalls.

„Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht?“ (George b. Shaw)

Kaputt und zerstört, erniedrigt und beschmutzt, langweilig und angespannt, schon halb tot und trotzdem noch hier.

Es ist Abend, schon spät. Ich enttäuscht, sitze an meinem Schreibtisch. Denke an großes und kleines. Weiß nicht was ich machen soll.Weiß nicht was ich tun soll. Die Fliege, die sich in dem kleinen 8 qm Zimmer verirrt hat, lässt mich zu Anfang wahnsinnig werden. Eine kleine Stubenfliege. Nicht besonders groß, auch nicht so besonders klein. Nicht wie eine Essigfliege. Sie summt, entdeckt die letzte funktionierende Birne der Nachttischlampe als ihre Bühne. Sie tanzt. Zu so später Stunde. Eine Uraufführung ihres ersten Stückes, so sagt sie zu Beginn. Ihres vielleicht letzten Stückes. Und sie tanzt so, als wäre es ihr letzter Tag auf Erden. Und sie weiß es nicht. Sie kann es nicht wissen. Ich könnte einwirken, aber lasse es. Lass sie leben. Nun bewegt sie sich zu fantastischen Tönen des Sommers der Vierjahreszeiten von Vivaldi. Sie begeistert mich.Verbrennt sich nicht an der Lampe. Sie schwebt, eine verblüffende Leichtigkeit. Benimmt sich, als wäre es der letzte Tanz. Und ich?
Ich sitze hier, in einer gering beleuchteten Kammer vor meinem PC. Versuche über das World Wide Web Kontakte zu schließen, mich zu informieren, zu diskutieren, mein Leben zu planen und es gleichzei- tig weg zu schmeißen. Versuche mich abzulenken. Von was? Ich kann es nicht sagen. Sitze wie aber- tausende vor diesem Dreck. Probiere meine Nöte und Ängste loszuwerden – schaffe es nicht.An niemanden, vielleicht eine oder zwei Personen.Verachtend! Der Kontakt zur Außenwelt bleibt mir ver- wehrt. Kann mich nicht mehr artikulieren. Kann mich nicht mehr hören.Weiß nicht wo ich bin. Bleibe verwirrt. Und wenn doch, dann nur mit den „einzig wirklichen Menschen [,die für] mich die Ver- rückten [sind], die verrückt danach sind zu leben, verrückt danach zu sprechen, verrückt danach, er- löst zu werden, und nach allem gleichzeitig gieren – jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen, wie phantastisch gelbe Wunderkerzen, die gegen den Sternenhimmel explodieren wie Feuerräder, in deren Mitte man einen blauen Lichtkern zerspringen sieht, so dass jeder „Aahh!“ ruft.“1 Und wenn mir auch diese Momente der Verrücktheit noch so gut gefallen. So bleiben sie kein Dauerzustand. Es wäre zu leicht. Es wäre zu schwer. Wieso? – Ich kann es nicht sagen. Ich lasse nichts aus. Raste bald aus. Ich brenne, und nicht wie ein Osterfeuer. Sondern wie vier Flugzeugträger, drei Space-Shuttles und ein Würzburg 1945. Ich tue mir schwer. Kann dir und dir nicht sagen was ich für dich empfinde. Sei es Abneigung, sei es Zuneigung. Kann dich nicht so sehen wie du bist. Sondern nur wie durch meine stets verdreckte Brille von Fielmann.Werde meine Gefühle nicht los. Ich habe Angst, ein leben lang. Vermassele ich es wieder? Sollte ich mit dir reden? Sag mir es doch! Du bist so kompliziert. Ich bin so kompliziert.Wir – wer auch immer das ist – sind kompliziert. Ich kann es nicht verstehen. Ich handele nicht als ich.Vielleicht als wir.Wahrscheinlich wäre es prozentual auszurechnen.Vielleicht aber auch nicht.Warum nicht? Warum sind wir so schrecklich verklemmt. Kann nicht reden. Es ist nicht einfach. Ich verstehe es nicht. Komme damit nicht klar.Will dir etwas sagen, kann es nicht. Meine Zuneigung dir gegenüber äußern? Puhhh. Ich habe Angst.Weine. Ziehe mich zurück.Ablenkung. Finde mich wieder vor dem PC.Verstecke mich vor der Langeweile. Die Langeweile, die so schrecklich erdrückend ist. Die mich fertig macht. Die mir Kummer bereitet. Ein Leben lang. Bis auf, es verändert sich etwas. Ich kann nicht hoffen. Nicht so lange warten. Und die Aussicht ist so trüb!
Raste irgendwann aus. Zünde alles an.Verweigere mich allem. Und das werde nicht nur ich sein. Das werden wir sein! Wir, die Individuen und wir können tanzen. Die Ballnacht ruft! Nächte lang, wie diese Fliege vor mir.Wie diese, die so glücklich schwebt und summt. Ihres Lebenswillen hier ist. Und es wird noch davon berichtet werden.Von einem Tanz um die Welt.
So lasst uns die Platte sanft und vorsichtig zum Plattenspieler tragen. Die Boxen zur Straße. Und in einer unvorstellbaren Lautstärke, die die Welt noch nicht gehört hat, dass Lied der Tanzenden zum Tanze spielen. Tanzen und trampeln, bis die Beine vor Müdigkeit zurückschrecken und das Pflaster frei gemacht wird.Wir den Strand zu Gesicht bekommen. „Sous les pavés, la plage“. Oder wir werden konform.

Karl von Medina
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1 Jack Kerouac – On the Road

Linksradikalismus und Fußball

Linksradikalismus und Fußball

Über einen Zusammenhang, den man mir noch einmal erklären muss

Mein Onkel wippte ungeduldig auf seinem Sitz umher, nippte hastig an seinem Bierchen. Kein Tor für den Club, seit etlichen Spieltagen. Kein Sieg für den Club: wie sooft. Fluchende Papas und aufgeregte Söhne überall um mich herum. Wir schreiben den Frühling des Jahres 1991 und es war das letzte Mal, dass ich mit einem Verein fieberte.
Ich habe das Interesse am Fußball seit Langem verloren. Umherstreifende Männerhorden, die am Wochenende dann und wann die Innenstädte bevölkern und Dinge rufen, die ich nicht verstehe, machen mir mittlerweile eher Angst. Und die Zeit, die viele Menschen einem simplen Ballsport widmen, scheint mir sinnvoller genutzt, wenn ich Nachmittags noch im Bett liege. Dennoch zählen sich einige meiner Bekannten, mit denen ich auch politisch d‘accord gehe, zu Anhängern von diesem oder jenem Verein. Und mehr als das: Es scheint für sie ein Zusammenhang zu bestehen zwischen linksradikalem Sein und dem Selbstverständnis als Ultra. Seit vielen Jahren versuche ich, diesen Zusammenhang nachzuvollziehen. Es klappt einfach nicht. Dieser Text versucht nachzuzeichnen, was mir so widersprüchlich vorkommt an der Gleichzeitigkeit von emanzipatorischem Linksradikalismus und Fußballfanatismus. Er ist eindeutig als Aufforderung zu verstehen, im nächsten Hype auf die Unterstellungen zu reagieren, die den ganzen Artikel durchziehen.
Linke Lokalpatrioten tun, was linke Lokalpatrioten eben tun: Am Wochenende stehen sie in der Innenstadt, um gegen das böse neue Einkaufszentrum zu demonstrieren, das vollgestopft sein wird mit seelenlosen Fastfood-Ketten. Montag ein Gruppentreffen im Stadtteilladen xy, Dienstag das Engagement für das Bürgerbegehren „Rettet den Feldhamster!“ und am Donnerstag ein Gespräch mit dem Stadtrat der Linkspartei. Wenn sich mal Nazis in der Stadt breit machen, dann steht man auf: Für seine Stadt. Für die Heimat. Sitzt man mit „Zugereisten“ am Tisch, so redet man gerne über seine Stadt: Über das köstliche Essen, die glorreiche Geschichte, die herzlichen Leute, den tollen Verein. Am Wochenende geht man ins Stadion, aber nicht nur um die Mannschaft anzufeuern. Man geht auch ins Stadion um „gegen den modernen Fußball“ zu sein oder gegen den Umbau des Stadions zu einer „Kommerzarena“.
Alles schön und gut. Man nennt das Ganze „zivilgesellschaftliches Engagement“ und ich will ja den jungen PolitikantInnen nicht ihren Spaß verderben. Selbstverständlich ist es gut, wenn bestimmte Ultrasgruppen zum Beispiel rassistische Sprüche aus dem Block verbannen. Die Revolution ist das aber nicht, sondern es ist Lokalpolitik. Heimataktivismus, der zwangsläufig die gleichen verkürzten Formen annehmen muss, wie jedes andere Anliegen, dass seine Polis liebt, anstatt sie in Stücke reißen zu wollen. Man könnte näher auf Sprüche der Ultras eingehen – wie z.B. „Gegen den modernen Fußball“- was genauso sinnvoll ist wie sich gegen den modernen Kapitalismus zu stellen, weil der alte doch so wohlfühlwarm war- aber darum soll es im Folgenden nicht gehen.
Schauen wir erst auf den Mikronationalismus, den Fußballfans ausüben: Die Stadt ist der positive Bezugspunkt, für den Gesungen und sich ab und zu auch geprügelt wird. Aus einer loser Ansammlung von Menschen, die nur das Elend der Wertverwertung eint, wird eine Gottheit: der Verein, die Stadt. Heimatidentität, die Sicherheit und Geborgenheit stiftet in dieser ach so kalten Welt. Im Stadion geht es ja eben nicht nur um eine Mannschaft von 11 Leuten, die man ganz sympathisch findet, sondern es geht um die Ehre der Stadt. Und so agiert man aus der Masse der Fans heraus, lässt sich mitreißen mit einer Masseneuphorie im Block, in der das Individuum verschwindet und der Verein alles ist. Weil man so viel von seiner Stadt hält, fährt man hunderte, zum Europapokal sogar tausende Kilometer weit, um diese zu verteidigen wider die fremden Mächte. Dann und wann, je nachdem, welche Erlebnisse man in dieser Stadt bereits erlebt hat, wird die Fanszene zu einem Mob, der die gegnerischen Fans nur aufgrund ihres Wohnsitzes verabscheut, auch mal die feindliche Innenstadt verwüstet oder Menschen mit unpassenden Fanschals auf die Fresse haut. Im kleinen kommunalen Rahmen vollzieht sich das, was man doch im Großen so verabscheut: eine Art von Mikronationalismus. Die Identifikation mit seiner „Scholle“ und Kultur. Wie kann ich also jemanden ernst nehmen, der am Freitag auf einer Demo „Nie wieder Deutschland!“ ruft, und am Samstag „Kniet nieder ihr Bauern- denn Frankfurt ist zu Gast“ gröhlt? Wie kann man Nazis dafür verurteilen, dass sie das Ausland hassen, wenn für einen das verhasste Ausland schon in der nächsten Großstadt anfängt? Welcher Zusammenhang zwischem antinationalem Linksradikalismus und Fanszene bleibt also, wenn man die MobAction-Jäckchen, Carhartt-Hosen und Antifa-Buttons weg lässt? Eigentlich gar keiner. Gerade die Linke besitzt seit jeher eine naive Symphatie für das „Volk“, dass doch nur von den bösen Kapitalisten verführt werde, ansonsten aber die Freiheit wolle. Dieser linke Antiimperialismus wird zum Glück von vielen mittlerweile verlacht bis verhasst. Die linke Fanszene würde sofort auseinander brechen, wenn sie damit aufhören würde, ihre Stadt zu lieben. Denn wer kann sich eine Fanszene ohne positiven Bezug auf die Heimat denken? Ich zumindest nicht.
Verstörend ist für mich auch die empfundene Gemeinsamkeit der Ultrasszene. Ein Großteil der Ultras in Deutschland versteht sich eher als unpolitisch, dann und wann schmückt man die Tribüne mit etwas wie einem Che-Guevara-Doppelhalter. Che Guevara passt in diesem Zusammenhang ziemlich gut zu den meisten Ultras, gibt es doch kein bedeutungsleereres popkulturelles Symbol als das Konterfei des gefallenen Revolutionärs. Im Fanblock aber, da gehören alle zusammen. Da schließt es sich nicht aus, dass man an einem Tag zusammen seine Stadt supportet, während anderntags die einen Antifas sind, die anderen im Freien Widerstand. Und laut meiner spärlichen Internetrecherche trifft sich die Szene sogar bei nationalen Ultraskonferenzen. Offenbar scheint vielen Ultras die „Bewegung“ derart wichtig zu sein, dass man die politischen Fragen außen vor lässt, um die „Sache“ an sich nicht zu gefährden. Kann man sich ein Skinheadtreffen vorstellen, bei dem Redskins friedlich neben den Skinheads Sächsische Schweiz sitzen und in gemeinsamen Workshops über die Skinheadbewegung debattieren? Oder ein Skinheadfestival, bei dem Sharpskins gemeinsam mit Combat 18 die Ehre ihrer Stadt verteidigen? Wohl eher nicht. Wenn die Verbindung von bestimmten Ultras und dem Linksradikalismus mehr als Mode wäre, müsste man sich dann nicht von einem Großteil der eigenen Fans und der deutschen Ultrasszene distanzieren?Mehr noch: Müsste man dann nicht schreiend aus dem Stadion laufen?
Abgesehen vom Aspekt des Lokalpatriotismus besitzt die Szene noch einen weiteren Aspekt, der doch eher an rechte Stammtischbrüder erinnert als an eine Gruppe mit emanzipatorischem Potential: Ultras sind zum größten Teil Männerbünde. In der Antifa-Szene, die ebenso als männerbündelnder Kreis zu verstehen ist, wird wenigstens noch über Geschlechterrollen und Mackermilitanz diskutiert. Dem Selbstverständnis von überwiegend männlichen Ultrasgruppen unterstelle ich, dass ihre männliche Selbstidentität stark von Selbstzuschreibungen wie „Stärke“ und „Aggressives Auftreten“ gekennzeichnet ist. In Gruppen und natürlich oft nach ein paar Bier verhält sich dann die ach so linksfühlende Szene doch wie eine Horde rechter Dorfgesichter auf der Weinfest, die auf jede Gelegenheit warten, um jemandem auf’s Maul zu hauen. Frauen scheinen nur am Rande eine Rolle zu spielen: Als Freundinnen, die vielleicht mal zu einem Spiel mitfahren, meistens aber zuhause bleibe. Wie fundiert kann das linksradikale Selbstbild eines Ultras sein, wenn die männliche Virilität, die man selbst verkörpern möchte, so überaus unangetastet bleibt? Wenn ich bei Ultras in Horden nichts erkennen kann außer eine männliche Identität, die sich selbst auf Muskeln und Samenstränge reduziert?
Der einzige Zusammenhang zwischen emanzipatorischem Linksradikalismus und Fußball ist wohl der modische Aspekt. Die Absage an jegliche Form von Lokalpatriotismus, Heimatduselei und Männergepose ist ein Ziel, dass mit Fußballfanatismus recht wenig zu tun hat.
Love minigolf, hate football!

Benjamin Böhm

Der Räuber im Gendarmen

Der Räuber im Gendarmen

Überlegungen zum Innenleben der Ordnungsmacht während der Verkehrskontrolle

Würzburg bei Nacht. Geruhsam vor sich hin schlummernd, und trotzdem, geradezu auf eine paranoide Art und Weise, wachsam, ängstlich und stets bis auf die Zähne bewaffnet. Die einzigen Automobile, die mir in an diesem frühen Dienstagmorgen begegnen, sind Taxis und Streifenwagen. Und glauben sie mir: Ich leide nicht an Wahnvorstellungen, wenn ich auch alle anderen Autos, die mir entgegenkommen, für zivile Einsatzfahrzeuge halte. Das zeigt die bittere Erfahrung unzähliger Verkehrskontrollen, inklusive Drogentests, Autodurchsuchungen und weiteren Demütigungen. Aber das ist eine andere Geschichte. Sollte es dennoch einmal passieren, dass eine Privatperson des Nachts den öffentlichen Raum benutzt, um von A nach B zu gelangen, stürzt sich die Ordnung auf diese wie eine Meute hungriger Wölfe, denen du ein Stück Fleisch vor die Füße wirfst.
Und so werde auch ich, in meinem Kleinwagen mit kaputtem Bremslicht, ein Hors d‘oevre für das grüne Rudel. Nur kein Hauptgang werden. Eine Polizeistreife stand an ihrer Lieblingsstelle und ließ sich das berühmte „wir-folgen-Dir-einige-hundert-Meter-und-hoffen-dass-du-nervös-wirst-Psychospiel“ nicht entgehen. Nun leuchtet „Stop-Polizei“, wie immer in Blutrot. Zwei junge, engagierte Ordnungshüter steigen aus. Es sind alte Bekannte, obwohl ich die beiden Jungspunde noch nie gesehen habe. Was ich an ihnen wiedererkenne ist dieses selbstsichere, furchteinflößende und doch so leere Grinsen, das Polizisten, die die Schnauzbartzeit noch nicht erreicht haben, kennzeichnet. Und noch etwas kommt mir bekannt vor: die Gelfrisur. Niemand sonst schmiert sich eine solch übertriebene Menge Pomade in die Borsten und formt diese zu einer „Frisur“, die selbst David Beckham hätte sein lassen sollen.
Ein erster Feindkontakt. Langsam kurbele ich das Fenster hinunter. „Guten Morgen, Polizeikontrolle. Führerschein und Fahrzeugpapiere!“ Wortlos übergebe ich meine Papiere. Auch sein unterfränkischer Zungenschlag hört sich für mich vertraut an. Ich muss an meine Schulzeit auf dem Dorfe zurückdenken, an Fünfer in Latein und Mathe, an Händchenhalten in der Geisterbahn, an Brausestäbchenessen im Freibad und an all die einstigen Klassenkameraden, die heute ihrem beschissenen Job nachgehen.Und ich muss auch an Coco und Ralle1 denken. Sie waren die Coolen von der Schule2, mit einer Attraktivität für das weibliche Geschlecht ausgestattet, die eben nur auf dem Lande existiert: Die coolen Fußballtypen, stets mit abgedroschenen Sprüchen auf den Lippen, kleinen Prügeleien auf dem Pausenhof nie abgeneigt. Immer auf eine Art und Weise bedrohlich auftretend, vor allem gegenüber dummen Strebern oder Fettsäcken wie mir. Die typischen Halbstarken also, die auch mit 20 Jahren noch ihre 15 Jahre alte Freundin mit dem GTI von der Schule abholen werden. Damals, in der fünften oder sechsten Klasse, gingen bestimmt einige Eltern davon aus, dass den beiden Fußballhelden, denen die Faust so locker sitzt, eine kleinkriminelle Zukunft bevorstehe. Es kam anders: Beide wurden Polizisten.
„Herr Arthur, schon mal was mit der Polizei zutun gehabt?“ Ich hasse diese rhetorischen Fragen, diese vorhersehbaren Spielchen auf den Nerven verängstigter Autofahrer. Sollte ich wirklich einen Eintrag in irgendeinem Polizeiregister haben, so wissen dies die Ordnungshüter spätestens nach der Überprüfung meiner Daten per Funk. Aber zurück zu Coco und Ralle: Ich habe mich oft gefragt, wie sich ein Polizist im Moment der Verkehrskontrolle fühlt. Ob er es befriedigend findet, Leuten von Berufswegen psychisch, manchmal auch körperlich, zu schaden. Ob er zu Hause seiner Freundin stolz davon erzählt, wie vielen Kiffern er diese Woche ihren Führerschein entzogen hat, genauso wie ein Jäger damit prahlt, wie viel Wild er des Nachts erlegt hat. Und wenn ja, woher stammt der Antrieb, selbst den kleinsten Delikten nachzugehen? Coco und Ralle wurden Gendarmen- aber in ihrer Kindheit und Jugend waren sie eher die Räuber. Die Clique, die sich aufspielte, als gehörten ihr alle hübschen Mädchen, DFB-Pokale und dein Pausenbrot. Ihre Allmachtsphantasien wurden Realität: Coco und Ralle müssen sich heute nicht mehr einbilden, ihnen gehöre die Welt: Der Polizei gehört sie zumindest mehr als mir, wie ich in diesem Moment erneut feststellen muss.
„Haben die heute Abend Alkohol getrunken oder illegale Drogen konsumiert?“. „Nein“. Der eine Polizist holt eine Taschenlampe und leuchtet mir damit in meine Augen. „Ihre Pupillen reagieren überhaupt nicht!“, faucht es aus ihm heraus. Die Tricks der Ordnung sind derart vorhersehbar, derart dämlich, dass ich darüber nicht einmal mehr lachen kann. Hat man diese Prozedur einige Male mitgemacht, dann verwandelt sich die Angst vor der Polizei irgendwann in Häme oder blanken Hass. Es handelt sich um die Masche, einfach zu behaupten, dass man keine Reaktion zeige, um Menschen nervös zu machen. Und dieses Herumfuchteln mit der Taschenlampe erinnert mich erneut an einen Halbstarken, der sein Springmesser an meine Kehle legt. Und meine Schulkameraden Coco und Ralle? Aus zwei jugendlichen Räubern wurden am Ende Gendarmen. Woher der Antrieb, woher die Akribie rührt, Kleinkriminellen ihr Dope wegzunehmen oder das Wort „Bulle“ als Beleidigung zu registrieren, konnte ich nie verstehen. Vielleicht habe ich nun endlich eine Antwort gefunden. Aus Räubern wurden Gendarmen. Gendarmen jagen Räuber und jagen dadurch die eigene Lust am Ganoventum. Verdrängen durch ihre Arbeit den gesetzeslosen Teil ihrer selbst, der tief unter der Oberfläche ihres Ichvergraben liegt.
Wie aus dem Nichts reicht mir der Polizist auf einmal meine Papiere und verabschiedet sich mit „OK, alles klar, einen schönen Morgen noch!“ in die Nacht. Danke auch. Wenigstens war ich der Polizei kein Hauptgang. Ich habe mich nie mit ihnen versöhnen können, mit den Herren in Grün, obwohl ich es mir längst abgewöhnt habe, irgendeinen Beruf, den die bürgerliche Gesellschaft gebärt, moralisch verurteilen zu wollen. Außer den Polizeiberuf.
Die Erkenntnis aber, dass auch Polizisten vermutlich nur kleine Ganoven wie du und ich sind, macht mich seitdem froh.

Von Arthur Anna
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1: Namen von der Readaktion geändert

Angst und Verzweiflung in Würzburg

„Wir sind der Meinung, dass in der Würzburger Altstadt seit einiger Zeit eine Unkultur des Lärms, der Verschmutzung und der Verrohung Platz greift.“ (Bürgerinitiative Würzburger Altstadt)

„Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.“ (Hunter S. Heumann, Grillanzünder ausverkauft)

Mich plagten Magenbeschwerden an diesem trägen Dienstagabend. Doch das Grummeln und Murren, dass unter den Bürgern dieser Stadt ausgebrochen war, übertraf das Wehklagen meines Verdauungsorgans bei Weitem. Eine Welle der Empörung über lärmende Jugendliche, urinierende Studenten und kotzende Marienkäfer war unter dem Plebs ausgebrochen. Und ausgerechnet heute, zum Termin dieser unterhaltsamen Versammlung in Rathaus, wollte ich mein Essen auch am liebsten wieder heraus brechen. Ganz tapfer schleppte ich mich dennoch in den Ratssaal, um der Aussprache über den „Zielkonflikt“ zwischen Gastronomie und Anwohnern der Innenstadt beizuwohnen, zu der der Herr Oberbürgermeister geladen hatte.
Die Ankunft im Ratssaal entpuppte sich als herbe Enttäuschung: Keine Lachshäppchen, kein Frankenwein, keine weichen Sessel mit Massagefunktion. Und keine Begrüßung mit Handschlag durch Herrn Rosenthal oder wenigstens durch irgendeine B-Prominenz der Linkspartei. Und die Kollegen der Presse saßen bereits weich in ihren Sesseln, ohne dass sie mir einen Platz vorgewärmt hätten. Na gut. Gezwungenermaßen nahm ich also auf der Empore Platz. Beim Blick in die Runde erblickte ich recht wenige sympathische Gesichter, zu denen ich mich gesellen wollte. Überall bedrohlich wirkende Würzburger, in deren Gesichtern der Zorn mehrerer Jahrhunderte Unterfranken gezeichnet stand. Das sympathischste Eck befand sich rechts des Rednerpultes. Hier roch es nach Tabak und Schweinsbraten. Die Männer hatten dicke Bäuche und wilde Bärte. Ohne Zweifel: Hier mussten die Wirte sitzen. Ich ließ mich nieder.
Im Vorfeld stellte ich mir die Versammlung wie folgt vor: Gastronomen und die Bürgerinitiative Würzburger Altstadt würden sich anschreien, ein kurzes Handgemenge, am Ende würde sich Bernd Mars zur Volkstribunen ausrufen lassen und das wehrhafte Bürgertum mit Waffen ausstatten. Es kam ganz anders. Herr Oberbürgermeister Rosenthal ergriff das Wort. Unter anderen Themen, die mich nicht weiter interessierten, gehe es heute über den „Zielkonflikt“ Wohnen vs. Gastronomie. Rosenthals Stimme klang sanft, aber bestimmt. Dabei immer sichtlich bemüht, die aufgebrachten Menschen zu beruhigen. Ob der Bürgermeister ebenso wie ich fürchtete, dass der Plebs heute nacht noch zu einem brandschatzenden Mob werde, der Imbissbuden plündere und Tankstellen, die noch immer Branntwein verkauften, abfackele? Ich weiß es nicht. „Es ist nicht so, dass die Stadtverwaltung nicht handelt.“ Man habe ein engmaschiges Informationsnetz gebildet, jeder Vorfall werde dem Ordnungsreferat mitgeteilt. Mein Magen rumorte. Sollte das Ordnungsreferat schon morgen früh wissen, wohin ich mein Mittagessen gespuckt haben werde? Ein furchterregender Gedanke, wahrlich. Und dann entpuppte sich Rosenthal als ein Mann der politischen Visionen, die doch in einer Zeit, in der viel geredet, aber nichts gesagt wird, so fehlen. Es werde immer Zielkonflikte geben, wir müssten aber „ein anderes Miteinander organisieren“ in dieser Stadt. We need a change. Ein neues Bewusstsein. Rosenthal: Wird er als Mann der großen Utopien Würzburg, vielleicht aber auch die deutsche Sozialdemokratie, erretten?
Nun sprach Ordnungsreferent Kleiner. Die schwarzen Schafe in der Gastronomie seien bekannt. Man werde die Kontrollen verstärken. Und noch mehr: die Wirte scheinen unter Bewährung zu stehen. Denn in den nächsten Wochen stünde die Gastronomie unter besonderer Beobachtung, gegen jede Störung würden rechtliche Schritte unternommen werden. Ein Würzburg mit noch mehr Kontrollen? Wie viele Polizisten und Ordnungsdienste will man denn noch zu Tode langweilen? Ich malte mir kurz aus, wie eine Bürgerwehr des Schreckens in den Straßen patrouilliert, mir mit einer Peitsche das Pils aus der Hand schlägt und mich zum Lachen in eigens dafür eingerichtete Keller schickt.
Als nächstes sprach Polizeidirektor Ehmann und legte die schockierende Statistik auf den Tisch: Im Vergleich zu 2008 gab es 48 Ruhestörungen mehr! 48! Und dass in einem Jahr ohne Fußballweltmeisterschaft! Ich kenne Menschen, die in einer Nacht 48 Ruhestörungen verursachen könnten. Ganz alleine und ohne Mittäter. Vielleicht sollte ich meinen Freundeskreis wechseln. Aber das ist eine andere Geschichte. Als Herr Ehmann ankündigte, man werde in Zukunft vermehrt Fußstreifen einsetzen, setzte zum ersten Male an diesem Abend ein spontaner Applaus ein. „Wir wollen berittene Polizei!“, fauchte ein Mann neben mir. Wo, zur Hölle, saß ich hier? Die Menge wirkte auf mich immer furchteinflößender, morastiger, blutrünstiger. Hier und da vollzogen sich spontane Wutausbrüche. Eine Frau mittleren Alters mit einer an sich schönen Handtasche stotterte etwas, von dem ich lediglich „Studenten“ und „Frechheit!“ verstand. Eine bedrohliche Situation. Zum Glück war ich kein Student, sondern freier Journalist und PSI-Forscher, aber würde mir das der Mob glauben?
Endlich begann der vielversprechendste Teil der Versammlung: die Wortmeldungen des Publikums. Für einen erlebnisorientierten Jugendlichen wie mich waren diese eine herbe Enttäuschung. Kein Geschrei, keine Prügelei und verdammt noch mal keine Lachshäppchen. Wobei ich auch froh sein kann, dass es so ruhig blieb: Wer weiß was passiert wäre, wenn die Stimmung in Saal umgekippt wäre? Vielleicht hätten mich schlaflose Bürger als potentiellen Ruhestörer ausgemacht, mich in ihre mittelalterlichen Keller gezerrt und mich dort mit glühenden Eisenstangen bearbeitet? Zurück zum Thema: Nach einigen eher unwesentlichen Wortmeldungen ergriff endlich eine Person das Wort, deren Tonfall auch endlich so hysterisch klang wie die Wortwahl der Bürgerinitiative. „Ham sie schon mal den Inneren Graben gesehen?“ fragt Frau R. „Es ist furchtbar!“ Sie klagt über Müll und Ratten. Eine Frau, die den Würzburgern anscheinend aus der Seele spricht. Und wieder ertönt dieser spontane Applaus, der mit Angst machte. Große politische Visionen können Zorn in Zuversicht verwandeln. Und Hass in Liebe. Daher spricht Herr Rosenthal auch hier vom Change. Vom neuen Bewusstsein, dass uns alle betrifft. „Jeder kehrt vor seiner eigenen Haustüre.“ Jeder ist mitverantwortlich, dass die Straßen sauber bleiben. Yes, Wü can!

(Im Übrigen: Yes-Wü-Can-T-Shirts gibt es für „saugünstige“ 14.50 € beim Udo an der Theke. Aber das ist ein anderes Thema)

Was darf bei keiner Diskussion, die die deutsche Volksseele betrifft, fehlen? Richtig erraten, die Junge Union! Peter Schlecht ergriff das Wort für diese. Als erstes forderte er statt einer Verlängerung der Sperrzeiten mehr Toilettenhäuschen und Mülltonnen. Löblich. Ich fordere dagegen Spätsupermärkte, Gewalterlebniszonen und mehr Kneipen mit durchgehend warmer Küche. In der Welt, wie sie sich Peter Schlecht vorstellt, herrscht Ordnung: Er wohne schon sehr lange in der Innenstadt. Aber er sei nicht ein einziges Mal in der Innenstadt kontrolliert worden. Hat er das wirklich gerade gesagt? Eine als Aussage getarnte Forderung, ohne erkennbaren Grund des Nachts kontrolliert zu werden? Die Welt, die sich Peter Schlecht im Kopf ausmalt: ich wage nicht einmal zu erahnen, was da so in den Träumen der jungen Politikanten vorgeht. Und dann kam sie doch tatsächlich noch, die Forderung, dass private Bürgerdienste zum Wohle der Ordnung eingesetzt werden. Die Bürgerwehr also. „Ich habe die schönsten Momente nachts erlebt“, schloss Herr Schlecht seine Rede. Auch ich habe die schönsten Momente nachts erlebt. Aber zum Glück ohne die Bürgerwehr. Und ohne Peter Schlecht.
Eine tiefe, sonore Stimme erschütterte meinen Magen. Er sprach: Bernd Mars. Von der Bürgerinitiative Würzburger Altstadt (BIWA), der Hüterin von Zucht und Ordnung, der Rächerin der Entrechteten. Würde Bernd Mars nun seine Kandidatur zum Bürgermeisteramt bekanntgeben und getragen von einer Welle des Applaus‘ die Rebellion des Volkes ausrufen? Es kam anders. Herr Mars bemühte nicht das Jargon der Bildzeitung, dass die BIWA bisher an den Tag gelegt hatte. Konkrete Forderungen wurden dargelegt: Er wolle keine Disko am alten Kranen, sondern einen runden Tisch wie in Heidelberg. Was auch immer dieser runde Tisch in Heidelberg sein mag. Doch Herr Mars ist nicht nur ein Aktivbürger, sondern auch ein Mahner, das moralische Gewissen dieser Stadt. Es handele sich um ein gesellschaftliches Problem. Das Problem seien die jungen Leute, die „Vorglühen“, und „Party haben wollen“. Es gelte die Missstände auszumerzen, schloss Herr Mars seine Rede. Ein kalter Schauer fuhr mir über den Rücken. Wenn zornige Bürger vom Ausmerzen reden, fürchte ich das Schlimmste. Was oder gar wer soll hier ausgemerzt werden, und wie? Diese Frage lässt Herr Mars offen. Die BIWA- sie wird uns noch das Fürchten lehren.
Dann war das Schauspiel irgendwann zu Ende. Sperrzeiten, Diskolizenzen, Fußstreifen, Bürgerwehr. Irgendetwas bedrohliches vollzieht sich in dieser Stadt. Irgendetwas unheilvolles geht in Würzburg vor. Es wird nicht nur mir Magenschmerzen bereiten. Guten Appetit!

Hunter S. Heumann

Das AKW in Würzburg….

ist auch nicht mehr das, was es mal war….
Xavier Naidoo? Die da hinten in der Zellerau haben wohl jetzt endgültig ihren alternativen Anspruch verloren!
Na wartet mal auf die nächste Vereinssitzung, da wird’s Ärger geben!

Würzburger Lagerphantasien

Presseschau: Würzburger Lagerphantasien

Solange es opportun ist, verarbeitet die Mainpost die Äußerungen ihrer Leserschaft. Per SMS soll diese an Umfragen teilnehmen und harmlose Online-Leserkommentare werden gerne zu redaktionellen Artikeln zusammengefasst, Gar nicht wird jedoch reflektiert, wenn die Leser in den Online-Kommentaren rassistische oder faschistische Äußerungen von sich geben – was eher Regel als Ausnahme ist. Diese Arbeit nehmen wir gerne ab: Eine Sonderausgabe der Presseschau, Schwerpunkt „Lagerphantasien“.

Das erste Beispiel: Am 14.12.2008 übernahm die Mainpost einen Polizeibericht, druckte ihn unter der Überschrift „Krawalle bei Demo: Polizist verletzt“ ab. Innerhalb weniger Stunden entwickelte sich eine rege Diskussion (die heute nicht mehr auf der Homepage zu finden ist).
- Der Mainpost-Leser Mr. Anton reagiert auf den Zwischenfall auf dem Weihnachtsmarkt geschockt: „Diese Unruhestifter gehören sofort aus dem Weg gezogen! Schlagstock raus und drauf! Die sollen arbeiten gehen und ihre Energie dort einsetzen, assoziales Pack!“.
- Dieser Meinung schließt sich der User dreckschlame ungeteilt an: „Dieses Asoziale Pack müsste im Steinbruch arbeiten! Dann wären sie spät Abends zu müde um „Scheisse“ zu bauen. Bei solchem Gesindel sollte keine Rücksicht genommen werden wenn es ums Prügeln geht-denn die nehmen auch keine! Gute Genesung dem verletzten Polizeibeamten, denn der kann am allerwenigsten dazu!“
- Auch eine Person namens Wahrheit verfügt über ein ungetrübtes Rechtsempfinden und verlangt größere Handlungsspielräume für die Staatsmacht: „Leider muß die Polizei solche Deppen mit Samthandschuhen anfassen, normalerweise gehört da richtig draufgedroschen, daß die sich nicht mehr rühren“.
- Es ist jedoch Bratbaecker, der die prägnanteste Antwort auf die Greueltaten der Chaoten findet: „ES LEBE UNSER HEILIGES DEUTSCHES VATERLAND“.
- Konkreter setzt sich wiederum der Leser Frankenstrasse mit den Ereignissen auseinander und bemängelt die fehlende Effizienz der Exekutive: „Leider wurden von diesem Gesindel nicht mal 10% festgenommen!!!Von diesem Asozialem Panks hatte man 90% einbuchten müssen“.

Zweites Beispiel: Am 4.5.2009 veröffentlichte mainpost.de eine Reportage über die Bedingungen im Flüchtlingslager in der Veitshöchheimer Strasse: „Gemeinschaftsunterkunft: Schlimme Kindheit im Lager“. Bei diesem Thema konnten die Mainpost-Leser damit punkten, dass sie zumeist schon eigene Lagererfahrungen hinter sich haben.
- Schaefer55 etwa schreibt: „Erzählt mir nicht, dass Kasernen menschenunwürdig sind. Ich mußte meine Wehrpflicht ableisten“. Er vertritt den Standpunkt: „Die erwachsenen Flüchtlinge können daher von mir aus gerne unter einem Lagerchef aufräumen, putzen, streichen, Kinderspielgeräte zusammenbauen und andere Arbeiten machen. Das sind schließlich nicht alles Kinder“.
- Auch maggy1414 ist des Aufhebens um Depressionen, Lagerkindheit, Enge, Lärm, Angstzustände, Schimmel, etc. überdrüssig: „Die sollen froh sein, dass sie überhaupt hier in unserem Land leben dürfen. Die Wohnverhältnisse in der Unterkunft sind vielleicht bescheiden (für unsere Maßstäbe), aber garantiert in mind 90% der Fälle immer noch besser als wie in dem Land, woher die meisten von denen kommen (ein Teil des Kommentars wurde von der Redaktion gelöscht)“. Den „Gutmenschen“ stellt er die berechtigte Frage: „Ist bei euch jetzt auch mal die Krise angekommen? Oder wieso habt ihr morgens Zeit solche Aufsätze hier zu schreiben?“
- Schimmel18 nimmt dagegen die Asylsuchenden teilweise in Schutz und fordert zu einer differenzierteren Diskussion auf. Er gibt seinem Vorredner Schafer55 zu bedenken: „Ich denke, mehr Hartz 4 Empfänger bekommen Geld vom Staat als Asylsuchende. So geh erst mal auf die los, die zum Teil zu faul sind zu arbeiten“.

Drittes Beispiel: Vollkommen einhellig war die Lesermeinung zu dem Artikel „28-Jähriger tritt Polizeibeamtem (sic) ins Gesicht“ vom 8.8.2009. Laut Polizeibericht/Mainpost habe ein „mit körperlichem Zwang“ in den Dienstwagen verbrachter Mann von der Rückbank aus den Fahrer an der rechten Backe getroffen. Dieser „konnte leichtverletzt mit einer Prellung und Kopfschmerzen seinen Dienst fortsetzen“.
- Der User steehawer reagierte am schnellsten auf den Riesen-Skandal und schrieb: „Vor solchen Zeitgenossen muß die Bevölkerung unbedingt geschützt werden,hier hilft leider nur wegsperren und nochmals wegsperren“.
- Der Leser bastihd kennt ebenfalls genau die Gefahren, die von Alkoholisierten ausgehen, weiß jedoch auch um das laxe Justizwesen in Deutschland: „Statt zum Richter Gnädig direkt ab in den Knast… Solche verwahrlosten Typen gehören sofort in den Knast, egal ob sie einen festen Wohnsitz und gesoffen haben oder nicht. Stattdessen werden sie einem deutschen Richter vorgeführt, der gleich wieder ausreichend viele Milderungsgründe findet, um diesen Ratz sofort wieder laufen zu lassen. Hat der erst seinen Rausch ausgeschlafen und sich über die Einfalt von Richter Gnadenreich amüsiert, wird die nächste Flasche Wodka reingezogen, damit man nach der nächsten Schlägerei erneut als vermindert zurechnungsfähig eingestuft und gleich wieder laufen gelassen wird. So ist es halt mal in Deutschland“.
- Waldi69 findet, man kann die Forderungen seiner Gesinnungsgenossen nicht oft genug wiederholen: „Wegsperren und nie wieder rauslassen !!!! Solche Typen liegen uns nur auf der Tasche. Wie lange solen die Deutschen noch zuschauen bevor sich hier was ändert ?!?!“
- An dieser Stelle schaltet sich DarthVader mit einem interessanten Vorschlag in die Diskussion ein (ob es sich bei DarthVader um Jürgen Elsässer handelt, konnte nicht restlos geklärt werden): „Wegsperren auf immer muß nicht immer die beste Lösung sein. Kostet auch uns – dem Steuerzahler – sehr viel Geld! Und da setzt die USA – wie oben beschrieben – auch bessere Mittel ein. Dort gibt es s.g. Erziehungslager. Das bedeutet: 05:00 Uhr aufstehen, Morgensport, Duschen, 06:00 Uhr Frühstück und um 06:30 Uhr gehrt´s dann ran an gemeinnützige Aufgaben. Das ganze erfolgt unter einem Drill, der unsere Bundeswehr in einem gemütlichen Sanatorium erscheinen läßt. Wir haben in unserem Land auch viele Aufgaben! Wir könnten z.B. den Borkenkäfer in unseren Wäldern bekämpfen. Diese Jungs (leider auch Mädels) müssten nur die umgefallenen Baumstämme aus unseren Wäldern herrausziehen und somit einen sehr guten Beitrag für unseren Naturschutz tätigen. Nach 12 Stunden sollte dann aber schon Schluss sein. 18:00Uhr duchen, 18:30Uhr Abendessen 19:00Uhr gemeinschaftliches Fernsehn und 20:00Uhr Bettruhe. Schließlich muß man am nächsten Tag wieder fit sein! Mindestaufenthalt: 1 Jahr!“
- Dieser Vorschlag löst allgemeine Zustimmung aus. Innowep möchte nur eine kleine Verbesserung berücksichtigt wissen: „Sie haben perfekt recht mit dem was sie schreiben. Fernsehen? Nicht einmal das würde ich solchen Kanalien gestatten!!“
- Auch winnem hat einige Verbesserungsvorschläge für die Bestrafung von betrunkenen Rückbanktretern zu bieten: „Perfekt! Nur das TV würde ich streichen, statt dessen eine Stunde Sport – als Ausgleich für die schwere körperliche Arbeit. Danach, direkt vor dem zu Bett gehen, noch einmal kalt duschen.“
- Ein gewisser grayjohn, offenbar Ökonom, äußert sich ebenfalls zur Zwangsarbeit: „Liebe Vorredner/innen, bitte nehmen Sie’s mir nicht übel (im Grundsatz stimme ich mit Ihnen überein, was unbelehrbare Zeitgenossen angeht), aber früher waren so etwas einmal REGULÄRE JOBS. Die sind (leider) im Rahmen der Mechanisierung weggefallen (…) Eigentlich sollten wir nach Konzepten (nennen wir’s von mir aus Gemeinnützige Beschäftigung) verlangen, die dem Müßiggang von vorneherein vorbauen und eben nicht als Strafe, sondern als sinnvolle Tätigkeit gelten.“
- Baerchi lässt die ausgefeilte Müßiggang-Theorie grayjohns links liegen und fordert kurz und schmerzlos: „Der Typ gehört in einem Raum ohne Zeugen und dann drauf auf die Nase aber richtig“ (kurz darauf von der Redaktion gelöscht).

Ein Gedanke zum Schluss: Diese Presseschau zeigt recht gut, mit welch Eifer und Kreativität unsere Mitbürger von den Möglichkeiten der Kommentarfunktion Gebrauch machen, wenn man sie nur lässt. Allein zum Thema Lager und Zwangsarbeit! „Den Borkenkäfer bekämpfen“, „Schlagstock raus und drauf“ oder „dem Müßiggang von vorneherein vorbauen“ waren nur die drei geistreichsten Ideen. Dies sollte für die Politik Ansporn sein, basisdemokratische Elemente überall in unserer Gesellschaft voranzutreiben. Warum nicht über die Höhe des Hartz 4-Satzes in einem Volkbegehren abstimmen lassen? Oder über die Befugnisse der Polizei? Und weshalb sollte nicht die Mehrheit über die Einführung der Todesstrafe (für Kindesmißbrauch o.Ä.) abstimmen dürfen?

Je direkter desto besser,
sagt Sebastian Loschert

Donnerstag, 07.05: Letzter Hype Party!

Was machst du am nächsten Donnerstag?

Du gehst zuerst auf das Konzert von Airpeople, Tschilp und 80 KM vor Bagdad, das dir von XyeahX präsentiert wird.

Danach bleibst du gleich da, denn draußen gibt es sowieso zuviele Schweine mit Grippe. Das Virus, das die Armee der Twelve Monkeys freigesetzt hat, scheint sich auf dem ganzen Erdball zu verbreiten. Den wenigsten von uns wird es möglich sein, in die sicheren Schutzräume unter der Erde zu fliehen, wenn das Virus auch hier ausgebrochen ist. Daher feiere mit uns die allerletzte Party der Menschheit.
Futter aus Schweinetrögel, Desinfektionsspray und auch Mundschutz wird genügend vorhanden sein. Djs aus den Hype-/XyeayX-Teams geben Ihre Sets zum Besten. Es gibt ausreichend veganes und keimfreies Essen, und ein albernes Gewinnspiel.

Nach uns die Schweinepest… oder so.

party

Zum Ende des Autonomen Kulturzentrums Würzburgs

Eine notwendige Richtigstellung

Das Insolvenzverfahrens über das Vermögen des Vereins für Bildung und Kultur Würzburg e.V. ist eröffnet, das akw! ist offiziell insolvent. Und schon haben sich im offiziellen Kulturbetrieb der Stadt Legenden darüber gebildet, woran es gelegen haben dürfte, und insbesondere natürlich, wer zuletzt daran schuld war.

Denn es ist ja eine mittlere Katastrofe für ein verschissenes Kaff: diejenige Location, in der sich der alternative Teil des studentischen Milieus seit Anfang der 90er gesellig die Laternen ausknipsen durfte, ist jetzt zu. Hier haben einige den besseren Teil der Vortäuschung ihrer wilden Jugend verbracht, bevor sie wurden, was sie sind.

Wer keine teuren Erinnerungen an eine vergangene Jugend braucht, wer den Hass und die Beweglichkeit nicht verlernt hat, wird der Bumsbude in der Frankfurter Strasse keine Träne hinterherweinen müssen. Zuletzt war es sowieso nur noch eine Quälerei. Und schon vor zweieinhalb Jahren, als der Verfasser dieser Zeilen die Ehre hatte, ein Vierteljahr im Vorstand des Vereins dabeizusein, hat man sehen können, dass es zwecklos ist. Damals wäre wohl der richtige Zeitpunkt gewesen, zuzumachen.

Damals, 2006, hatten wir den Vorstand übernommen, nachdem der damalige Erste Vorsitzende mit dem Rest seines Vorstandes zurückgetreten war. Der Laden, den wir übernommen haben, war so verschuldet, dass wir schon damals geprüft haben, ob wir verpflichtet sind, Insolvenz anzumelden; der Laden war hoch verschuldet, die Reserven aufgefressen, und der Investitionsrückstand war auch ganz beträchtlich. Es war ganz einfach im Durchschnitt seit 2004, und zwar sich zyklisch verschärfend, weniger Geld reingekommen als rausgegangen war, und darauf wurde in verschiedener Weise falsch reagiert.

Ein Laden wie das akw! betreibt grundsätzlich Wertschöpfung wie folgt: Bier zu Einkaufspreisen wird durch Bespielung mit der Art von Kultur, die die Kundschaft mag, veredelt zu Bier zu Thekenpreisen. Die geheime Zutat, die den Preisaufschlag (der ca. 200% betragen sollte) rechtfertigt, ist genau das kulturelle Profil. Kultur und Bier kommt rein, Pisse und Mehrwert (aus dem die Löhne und die Zinsen gezahlt werden) kommt raus.

Man verzeihe meine rauhe Sprache angesichts einer rauhen Realität, aber süsslich tun war nie meines, und abgesehen davon ist die Zeit dafür vorbei.

Der vorherige Erste Vorsitzende hat zunächst den grundsätzlichen Fehler begangen, die Linie, die er dem Laden auferlegte, nicht aus dessen Profil zu entwickeln, weniger süsslich ausgedrückt: er war des Irrtums, dass es dem Laden egal sein könnte, was für Musik man dem Bier zusetzt, wenn sie nur insgesamt genug Leute zieht, durch deren Nieren das Bier wieder zu Pisse wird. Er hat aber übersehen, dass das akw! steht und fällt mit einer Stammkundschaft, die gehalten, und ständiger Neukundschaft, die erst einmal kulturell erzogen werden muss (ja, erzogen. Ein Laden wie das akw! hat niemals einfach spielen können, was das Publikum sich so wünscht. Er lebt davon, es auf gewisse Weise herauszufordern.) . Wer aber ernsthaft „Knorkator“ ins akw! holt, muss sich über nichts mehr wundern. Es begann das Stammpublikum massiv wegzubleiben und die Neukundschaft derart beliebig zu werden, dass man sich wirklich auf das Niveau herunterbegeben hatte, mit dem Zauberberg und dem Labyrinth konkurrieren zu müssen; eine Konkurrenz, die für das akw! nur ruinös sein konnte. Das akw! hat eine Marktlücke abseits des main streams, oder es hat keine.

Wir haben das alles schon Ende 2005 gesagt. Damals konnte man noch drüber streiten.

Er war des weiteren unfähig, mit den alten Mitarbeitern des akw! umzugehen. Er hielt sich einfach für den Chef. Befehlen kann man anderswo, vor allem, wo einem der Laden gehört. Im akw! holt man sich damit gelegentlich Streit ins Haus, vor allem dann, wenn man unrecht hat, was ja gelegentlich vorkommen soll. Dann kann man natürlich die entsprechenden Mitarbeiter auch einfach rausschmeissen, solange, bis man selber vom wirklichen Chef, der Vereinsversammlung, rausgeschmissen wird.

Zuletzt war er unfähig, die Notbremse zu ziehen, als es noch Zeit war. Stattdessen wurde weitergemacht, bis es schon lange zu spät war. Man hätte es wahrscheinlich abwenden können, aber er war dazu nicht der richtige.

Die nach ihm kamen, haben es ja auch nicht geschafft, eine konsistente Linie zu entwickeln. Sie waren aber auch, was für ihn nicht gilt, durch die finanzielle Lage an Händen und Füssen gefesselt. Eigene Fehler haben sie natürlich auch gemacht.

Man muss bedenken, dass nicht nur viele unter ihnen sind, die z.B. Indie für eine Musikrichtung halten (also im Grunde für etwas weicheren Rock) statt für ein ökonomisches Segment (independent, dh unterhalb der major-Label). Die Qualität des Publikums war dann auch danach. (Hauptsach, sie tanzen, pflegte der weisse Wal zu sagen, wie er so vieles zu sagen pflegte.)

Sie haben aber durch unbezahlte Arbeit eine ganz konsiderable finanzielle Entspannung geschafft, und waren zunächst auf dem Wege einer wirklichen Besserung, bevor ihnen eine unvorhersehbare Nachforderung der Stadtwerke das Genick gebrochen hat. Und schon erzählten gewisse Idioten in Würzburg (und das akw! war noch gar nicht tot!), dass diese angeblich unfähigen neuen Leute das akw! zu Grunde gerichtet hätten. Unter dem vorherigen Vorstand wäre es ja noch gutgegangen.

Witzig, denn der Schuldenstand, den wir damals übernommen haben, hat sich eigentlich gar nicht besonders erhöht. Die jetzige Insolvenzlage des akw! gab es genausogut schon vor zweieinhalb Jahren, und wir hätten damals Insolvenz anmelden müssen; wenn, ja wenn nicht die Gläubiger selbst, zu deren Schutz es das Insolvenzrecht ja gibt, darauf verzichtet hätten und uns gebeten hätten, weiterzumachen. Ich wusste damals bald nicht mehr so ganz, weswegen man das eigentlich macht, für die Zinsen der Bank, und um die Blösse der Stadt zu bedecken, oder für uns, und bin dann auch wieder raus; andere haben weitergemacht, irgendwann hat es sie eingeholt. Hätten sie es zuletzt besser machen können? Sicherlich. Hätten sie eine Chance gehabt? Ich glaube nicht.

Jörg Finkenberger

Auf dem Beatabend… mit Hunter S. Heumann

Wenn Stromgitarren das Grunzen der Mastschweine übertönen, wenn sich das köchelnde Testosteron junger Milchbauern durch Faustschläge an die Oberfläche kämpft und es nach erbrochenem Cola-Asbach (1 €, 50/50-Mischung) riecht, dann ist Beatabend.
Dieses den Stadtbewohnern völlig zurecht unbekannte Ritual bäuerlicher Selbstentwürdigung erfreut sich seit Jahrzehnten ungebrochener Beliebtheit bei jung und alt. Das Konzept ist denkbar einfach. Man nehme:

1.Eine schlechte Coverband. Wichtig für eine gute Show ist dabei, dass die Musiker die kulturelle Vielfältigkeit ausstrahlen, die das Dorf kennzeichnet: nämlich gar keine. Würde eine Beatabendband größtenteils eigene Stücke zum Besten geben: die Menge wäre verwirrt, sie würde womöglich sogar anfangen, mit Gülle zu werfen.
Ein fetziger Gruppenname ist ebenso unverzichtbar. Da gibt es „geile“ Bandnamen, die bereits nach dem ersehnten wilden Geschlechtsverkehr alkoholdurchströmter Leiber klingen, den sich so viele Beatabendbesucher versprechen: S.E.X. als Abkürzung für „Sau Extrem“ oder die „Hard- & Heavyband“ F.U.C.K. beispielsweise. Andererseits darf der Bandname auch klingen, als werde die Dorfidylle durch schmetterndes Todesmetall erschüttert: so wie Acid Rain, Justice oder Angel Landing beispielsweise.
Die Beatabendbands lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Zum einen gibt es die Gruppen, die es niemals geschafft haben, außerhalb einer Radius‘ von 15 Kilometer ihres Brunftgebietes aufzutreten. Die Gründe sind alkoholbedingte Trägheit, Angst vor Ausländern oder einfach mangelnde musikalische Fähigkeiten. Zum anderen schaffen es tatsächlich manche Bands, frankenweit oder gar deutschlandweit aufzutreten- es gibt schließlich nicht nur in Unterfranken öde Gegenden, in denen der Auftritt einer Metal-Coverband gefeiert gefeiert wird wie die Anschaffung eines neuen Traktors.

2.Billiger Alkohol. Das seit Jahrtausenden beliebte Konzept zum Abbau von Hemmungen wäre ohne eine kleine Auswahl besonders auf dem Kaff beliebter Getränke undenkbar: Selbstverständlich wird Bier gereicht- aber charakteristisch wird ein Beatabend erst durch den Asbach Uralt.
Asbach ist ein übelschmeckender Fusel aus Rüdesheim am Rhein, der schon beim ersten Schluck an Brechdurchfall und schmerzhafte Blasendysfunktionalität erinnert. Die Leidenschaft der Dörfler für Asbach wird von Dr. Hartmut Bömmele, Professor für biologische Psychologie, auf eine Veränderung der Geschmacksknospen, verursacht durch die Einatmung von Kunstdüngerdämpfen, zurückgeführt. Der Dörfler versucht, den üblen Geschmack des Schnapses durch Cola zu überdecken- was nur in begrenztem Maße von Erfolg gekrönt ist.

Ein Beatabend kann schwer beschrieben werden, ohne die spezifische Stimmung zu beleuchten. Der dumpfe Covermetal motiviert die Gäste kaum zu ausgelassener und fröhlicher Stimmung, sondern eher zu teutonischer Kampfeslust, halb-rülpsenden, halb-gröhlenden Lauten aus dem tiefsten Innern der barbarischen Dorfnatur und zu Tanzbewegungen, die eher an schnitzelklopfende Metzgermeister als an passionierte Diskogänger erinnern. Oft kommt es im Tanzsaal zu Grüppchenbildungen, die bereits darüber entscheiden, welche zwei Fraktionen am Ende des Abends aufeinander losgehen. Die Gründe sind meistens eher unwesentlich- ob jetzt der Michl mit der Lisl geknutscht hat, der Ändi den Peter „schwul“ genannt hat oder der Manni aus Knetzgau den Maibaum aus Hofheim entwendet haben soll spielt eigentlich keine Rolle- wichtig ist am Ende, dass irgendwer auf die Fresse bekommt. So fallen die Enthemmten übereinander her, spätestens wenn die Musik aufhört. Man lässt mal so richtig die Wut heraus- damit man ruhig und ausgelassen die nächste Woche wieder zur Arbeit gehen oder die Rüben ernten kann. Solange, bis das Wochenende wieder beginnt, die Musik wieder spielt und das bizarre Schauspiel erneut seinen tragischen Anfang nimmt.

Ihr Hunter S. Heumann

P.S:Das Labyrinth in Würzburg kann zweifellos als urbaner Arm der Beatabendbewegung bezeichnet werden!

7.5.2009: party des letzten hype

party des letzten hype, 7.5.2009, 22.30 uhr
immerhin (würzburg), nach dem konzert
djs von xyeahx und dem letzten hype

2 jahre letzter hype? es gibt nichts zu feiern

Die Party des letzten hype könnte die Geburtstagsparty des hype sein: vor 2 Jahren erschien die erste Ausgabe. Immerhin: dass wir 2 Jahre durchhalten würden, hätten wir nicht gedacht.

Die „neue Area“, die wir vor 2 Jahren grossmäulig ausgerufen haben, hat immer noch nicht geendet. Soll sie denn ewig dauern? Was wir damals angefangen haben, mag sein, dass es gar nicht schlecht war. Es muss aber etwas besseres geben als den letzten hype.

Zu feiern gibt es nichts. Die Verhältnisse, die etwas wie den hype nötig gemacht haben, sind verflucht. Und immer noch geht alles weiter, und es wird nicht besser, sondern schlechter, und wenn alles, was bleiben soll, die Verzweiflung ist, dann können wir weitermachen wie bisher.

Versprochen haben wir einmal etwas anderes. Es wird auch nicht so bleiben, wie es ist. Die Sache muss mehr sein als ein Heft, und wird mehr sein als ein Heft, oder sie wird gar nicht sein.

Es ist auch an euch, zu entscheiden.

Über München und seine Leut‘

Dieser Text handelt von München und hat trotzdem mehr mit faulig vor sich hin modernden Provinzsümpfen wie Gerbrunn, Ochsenfurt, Hemmersheim oder Gollhofen zutun, als sie vielleicht zuerst annehmen würden.
Stellen sie sich einfach vor, zwei Ochsenfurter Gestalten mit kurzen Hosen kommen in Düsseldorf in eine Kneipe und bestellen, ohne vorher auf die Karte gesehen zu haben, ein Öchsner Bier aus Ochsenfurt. Und wenn der Herr Wirt den beiden antwortet, dass es kein Öchsner Bier gebe, bestellen sie ein Kauzen Bier, ebenfalls aus Ochsenfurt. Abermals teilt der Wirt den beiden Dorfkreaturen mit, dass es auch kein Kauzen Bier in seiner Kneipe gebe. Die beiden Ochsenfurter gucken verdutzt und ein wenig erzürnt, besprechen sich kurz, einer von beiden verdreht die Augen und schnaubt dann in lautem Ton „Habt ihr denn überhaupt irgendein Bier?“ vor sich hin. Wenn die Geschichte wirklich passiert wäre, dann fänden sie das Verhalten der beiden jungen Leute etwas merkwürdig, nicht wahr?
Eine weitere Geschichte zur Veranschaulichung: Ein volkstümlicher Sonderhöfer, engagiert im Krieger- und Kameradschaftsverein Sonderhofen, liebt jedes Element seiner Ochsenfurter Gautracht. Er liebt seinen albernen Spitzhut, sein schwarzes Lederwestchen, sein Hoserl, dessen Bund er knapp unter der Brust trägt und seine grauen Wollsocken, in die er sein Hoserl gesteckt hat. Eines Tages kommt er auf die Idee, dass seine Tracht womöglich nicht nur volkstümliches Zeug, sondern neuer Schick ist, auf den die Welt gewartet hat. Also zieht er los in die Metropolen dieser Welt, nach Paris, London, New York, Tokio und viele weitere Städte, und lässt seine Tracht an. Und wenn die Leute über seinen merkwürdigen Anzug scherzen, ihn sogar verspotten, dann kann er diese Menschen nicht verstehen. Nein, er verlangt sogar, dass die Welt ihn zu verstehen habe. Er bettelt um Akzeptanz, mehr noch, er verlangt Bewunderung für sein Volkstum. Auch ein solches Verhalten fänden sie durchaus merkwürdig, oder?
Oder stellen sie sich vor, ein Großlangheimer Autohändler zieht in eine Millionenstadt. In Großlangheim wurden ihm einige Ehren zuteil: als Sohn eines armen Landwirts arbeitete er sich nach oben und gilt für die Dorfbewohner als „Macher“. Er saß für die Freien Wähler zwei Jahrzehnte im Stadtrat, engagierte sich im Verein zur Heimatpflege und im Vogelschutzverein, ist Ehrenbürger seines Kaffs und mehrjähriger Gewinner des Kitzinger Tenniscups in der Klasse der Jungsenioren. Auch sein Habitus entspricht seinem sozialen Status: Familienfeste werden prunkvoll gefeiert, Giorgio Armani Sonnenbrille, Kitzinger Maßanzug und sein kleinbürgerlicher Machismo gehören genauso dazu wie sein sabberndes Gelaber über seine liebreizende fränkische Heimat. Jetzt kommt der Großlangheimer Kleinbürger also in die große Stadt und möchte mit offenen Armen empfangen werden. Er war der Held seines Dorfes, und genau deshalb muss er auch der Held der Großstadt sein. Das merkwürdige an der Metropole, in die er zieht, ist, dass er dort auf tausende Gleichgesinnte trifft. Dass sich dort fast alle Leute wie Bauern im Anzug aufführen, denen trotz ihres schicken Anzugs noch ab und zu Ackerdreck von den Stiefeln bröckelt. Auch diese Vorstellung kommt ihnen womöglich etwas merkwürdig vor…
München, besser gesagt seine Leute, das ist Ochsenfurt mal 1000 oder Iphofen mal 2000. Wenn zwei Münchner in eine Kneipe oberhalb des Weißwurstäquators kommen, dann wird auch ein Erdinger oder ein Paulaner verlangt, ansonsten ist man eingeschnappt wie ein Bauernjunge, dem man sein Leberwurstbrot weggenommen hat. Wenn man nach München kommt, so darf man nur ganz leise lachen, wenn einem ein Mensch in bayerischer Tracht begegnet, denn die Münchner haben es ja zum Schick erklärt, sich zu kleiden wie elbgermanische Sumpfbewohner ohne Schriftkenntnis. Und wann immer sie ein Sportwagen auf der A3 ausbremst, sie können sich sicher sein, dass das Auto ein Münchner Nummernschild trägt.
München ist ein merkwürdiger Ort. Es scheint mir, als hätten sich hier 1,3 Millionen geklonte Veitshöchheimer Kleinbürger versammelt, um eine überdimensionierten Dorfdisko zu errichten1. Die Würzburger bilden sich ein, in einer Stadt zu leben. Die Münchner machen sich nicht einmal mehr die Mühe und bezeichnen ihre Stadt stolz als „Großes Dorf“, ohne jedes Schamgefühl. Die Mentalität eines Kartoffelroders, das Sozialverhalten einer Rübenziehmaschine und der Habitus eines Dreschflegels: All Das wird in München geadelt statt getadelt. Meiden sie München!

Für immer Ihr Hunter S. Heumann

Die Dialektik der Anrede

Gedanken über das Duzen und das Siezen

Die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft eingerichtet ist, die omnipräsente Herrschaft, bestimmt die Formen unseres Handelns, formt unser Selbst und überwölbt ebenfalls die Formen zwischenmenschlicher Kommunikation. Sowohl das Duzen, als Gemeinschaftsgefühl stiftende Form der Anrede, scheinbar ohne Statusunterschiede zwischen den sich duzenden Personen, als auch das Siezen, als Höflichkeitsform, die sich gar nicht die Mühe macht, die Rangunterschiede zwischen Menschen zu überdecken, sind ohne das Prinzip der Herrschaft nicht zu denken und würden in dem Moment, in dem eine Gesellschaft für den Menschen mit all seinen Möglichkeiten geschaffen würde, nichtig werden.
Schon in frühester Kindheit wird die Fratze der Fremdbestimmung artikuliert: Vor gar nicht allzu langer Zeit sprachen die Kinder ihre Eltern, vor allem ihren Vater als autoritären Patriarchen, noch mit „Sie“ an. Damit verbunden war die Vorstellung einer strengen Erziehung, die dem kindlichen Individuum keinen Platz einräumte und den Rangunterschied klar vor Augen führte. Heute duzt man sich in der Familie, stiftet damit Gemeinschaftsgefühl und kuschelige Wärme in einer eisigen Verwertungsgesellschaft. Aber auch das Duzen innerhalb der Familie ist an die Herrschaft gebunden: Eine Gesellschaft, die so etwas wie die Familie nötig hat, um den Wahnsinn der Verwertungslogik ertragen zu können, ist noch immer die Verneinung des Menschen. Mit dem „Du“ in der Familie werden zugleich Besitzansprüche geltend gemacht, die dem Individuum äußerlich sind: „Du bist eineR von uns“. Die gemeinsame Abstammung, der Lebensweg, den sich die Eltern für ihre Kinder imaginieren, er wird zur Kette für die Emanzipation des Individuums. Die Aussprache dieser Geißel ist das Duzen, das im familiären Bereich, ebenso wie im Arbeitsleben, Gemeinschaftsgefühl stiftet und doch die Knechtschaft beinhaltet.
Das Herrschaftsverhältnis zwischen „Erwachsenen“ und „Kindern“ bzw. „Jugendlichen“ kommt auch in Ausbildung und Beruf zur Sprache: Der Lehrer, der die Schülerin duzt, die Meisterin, die den Stift wie ein verschüchtertes Kind behandelt und mit „Du“ anredet: Die materielle Überlegenheit drängt zum Gedanken, drängt zur Artikulation. Das Individuum wird infantilisiert, bis weit ins Erwachsenenalter hinein. Wer genug Kulturkapital anhäuft, darf sich letztendlich selbst Siezen lassen, darf die Herrschaft dann selbst ausüben und hat damit auch den Status erworben, den anderen die gleiche Gewalt anzutun, die einem/einer in der Schul- oder Ausbildungszeit selbst widerfuhr.
Eine liberale Gesellschaft, die das Pursuit Of Happiness für jedeN EinzelneN proklamiert, muss auch zwangsläufig die Statusunterschiede in der Kommunikation verwischen. Im Anglo-Amerikanischen Raum ist es längt gang und gäbe, dass man sich im Betrieb mit dem Vornamen anspricht. Dieses Konzept der „Formlosigkeit“ greift mittlerweile auch nach Deutschland über. Durch diese persönliche Anrede wird ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt, als ob alle zusammen an einem Strang zögen. Die Lüge, dass es keine Statusunterschiede gebe, die Falschheit, dass alle zusammen arbeiteten und nicht jedeR für sich, wird durch das familiäre „Du“ verewigt, bis die Menschen selbst davon überzeugt sind, dass es die Individuen sind, die gemeinsam den Markt gestalten, und nicht das automatische Subjekt der kapitalistischen Wertgesellschaft. Die Formulierung von Herrschaftsverhältnissen und die moderne Version der Verschleierung treibt im deutschsprachigen Raum die absurdesten Blüten: Mit dem so genannten „Hamburger Sie“ Siezt man sich und verwendet trotzdem den Vornamen, in anderen Betriebe duzt man sich und spricht sich trotzdem mit dem Nachnamen an. Es stellt sich also in Betrieben die Frage, ob man sich im Arbeitsleben nach wie vor Siezt und somit die reale Entfremdung zum Ausdruck bringt, oder diese durch das Duzen mit einer Lüge überdeckt.
Am dreistesten ist die Attitüde der hippiesquen One Family, die durch das Duzen jeden Menschen zu ihrem/ihrer FreundIn machen möchte. Der Vergemeinschaftung der Menschheit durch die Sprache liegt daher eine Geisteshaltung zugrunde, die keine Widersprüche zulässt, sondern jede Form des Unterschieds zwischen den Individuen übertünchen möchte. Auch in linken und subkulturellen Kreisen spricht man sich von Vorneherein mit „Du“ an. Auch dadurch wird ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen, mit dem das Eigene und das Fremde formuliert und definiert wird. Auch dieses gruppeninterne Duzen ist einer Gesellschaft geschuldet, die sich eine familiäre Umgebung nach innen schaffen muss, um die Zumutungen des Kapitalismus zu ertragen.
Man kann dem Siezen durchaus unterstellen, die ehrlichere Form der Anrede zu sein- nicht jedoch die bessere, die unter den Bedingungen der Herrschaft nicht zu bestimmen ist. In einer Gesellschaft, die als Klassengesellschaft konzipiert ist und auch nur so funktionieren kann, hat das Siezen als Zeichen des Statusunterschiedes seine Berechtigung. Noch mehr als das: Das Siezen drückt direkt aus, in welch entfremdeter Form sich zwischenmenschliche Beziehungen unter kapitalistischen Bedingungen abspielen. Wir können Fremden nicht per-Du sein, solange jedeR um das materielles Interesse für sich und allein für sich kämpft.
Das Duzen und das Siezen, beide sind Kehrseiten der wertgesellschaftlichen Medaille: Ob die Sprache nun ausdrückt, dass es Herrschaftsverhältnisse gibt, oder sie sich einbildet, wir alle seien eine Familie: der Kapitalismus benötigt keine Sprache, sondern ist rohe Gewalt. Was zwischenmenschliche Beziehung, was Freundschaft, was Menschlichkeit sein könnte, dies alles können wir unter den Bedingungen der Herrschaft der Wertverwertung nicht einmal erahnen. Und welche Formen der Kommunikation ohne die Formulierung von Statusunterschieden oder ohne die Lüge ihrer Nicht-Existenz möglich sein werden, ebenso. Sowohl das Siezen, als offen entfremdete Form der Anrede, als auch das Duzen, als versöhnende Lüge, würden in einer klassenlosen Gesellschaft ihre Bedeutung verlieren.

von Yvonne Hegel

Katzencasino – das Haushaltscanasta

Ziel dieses Kartenspiels ist es sog. Haushaltstrios zu sammeln, oder auch nicht. In der ersten Phase des Spiels, der Vorrunde, werden an jeden Spieler sieben Karten ausgeteilt. Der jüngste Spieler beginnt. Er zieht eine Karte vom Stapel und legt eine andere (oder dieselbe) wieder ab. Sobald er ein Trio hat, wird es ebenfalls abgelegt und dafür gleich drei neue Karten auf die Hand genommen. Pro Zug darf nur ein Trio abgelegt werden. Ist der Spielzug beendet, ist der nächste Spieler an der Reihe.
In dieser Phase des Spiels ist es gut, die Haushaltstrios zu sammeln, aber nicht nötig. Punkte gibt es nicht.

Erst in der zweiten Phase, wenn sich einer der Spieler in eine Katze verwandelt (die anderen tun es ihm gleich), zählt das Spiel: Ab jetzt dürfen keine Trios mehr gesammelt werden!

Alle Karten werden abgelegt und neu gemischt. Jede Katze erhält drei neue Karten. Pro Spielzug wird weiterhin eine Karte gezogen und abgeworfen. Ziel ist es nun, anders als in der Vorphase, keine Trios zu bekommen. Geschieht es dennoch, fängt die Katze, ganz nach Art der Katzen, zu jammern an. Sie muss sofort drei neue Karten auf die Hand nehmen. Die Katze, die als erste drei Haushaltstrios zusammen hat, hat das Spiel verloren, wobei die Trios aus der Vorphase des Spiels, als die Spieler noch keine Katzen waren, nicht mitgezählt werden. Gewonnen hat die Katze mit den wenigsten Haushaltstrios.

Anmerkung: In sehr seltenen Fällen kann es geschehen, dass sich kein Spieler in eine Katze verwandelt. Sollte nach Stunden noch immer keine Verwandlung gegeben haben, ist es ratsam, das Spiel abzubrechen.

Kartentrios:
Bügeleisen – Bügelbrett – Hemd
Fön – Kamm – Spange
Staubsauger – Besen – Schaufel

Von Homer Berndl

Spielkarten können über die Redaktion bezogen werden.

Wir basteln uns ein „schwarzes Volk“

Mit der Zirkusshow „AfrikaAfrika!“ gastiert die moderne Version der kolonialen Völkerschau in Würzburg

Die KritikerInnen scheinen sich einig zu sein, auch die KulturrelativistInnen jauchzen vor Freude: Am 23. und 24. Januar kommt André Hellers Zirkusshow „AfrikaAfrika!“ nach Würzburg. „Das magische Zirkusereignis vom Kontinent des Staunens1“ tue laut ZDF „dem Publikum, den Künstlern und einem ganzen Kontinent etwas Gutes“. Der Einspruch, dass die Show kaum etwas zur Verbesserung des Verhältnisses von EuropäerInnen und AfrikanerInnen beitragen kann, sondern stattdessen altbekannte Klischees der afrikanischen Fremde aus Urgroßomas kolonialer Klamottenkiste hervorkramt , geht im Applaus der exotistischen Begierde unter. „AfrikaAfrika!“ ist nichts anderes als ein moderner Völkerbaukasten.
Betrachtet man die Konstruktionen von Fremdheit, die die Zirkusshow entwirft, so muss ein kurzer Blick auf die Völkerschauen, welche am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstanden, gerichtet werden: Denn Stereotypen wie ausgeprägte Körperlichkeit, Mystizismus, typische Lebensfreude, unberührte Stammeskultur, Rohheit und Flexibilität der Gelenke, welche sich alle in der Zirkusshow widerspiegeln, kamen auch in den kolonialen Völkerschauen vor. Auf Jahrmärkten oder in Zoos wurden damals die „Fremden“ präsentiert, wobei besonders exotisch anmutende Bräuche, physische Besonderheiten und besondere körperliche Belastungen die europäischen BesucherInnen in Scharen herbei lockten. Die eigenen verborgenen Wünsche der BesucherInnen und SchaustellerInnen wurden dabei auf die „Fremden“ übertragen. Besonders deutlich wurde dies bei der Projektion erotischer Wünsche auf die AfrikanerInnen. Zeichen von „Zivilisiertheit“, so etwa die Beherrschung von europäischen Sprachen oder die Beherrschung von europäischen Umgangsformen, waren bei den VeranstalterInnen der Völkerschauen nicht erwünscht, da man ja das „Fremde“ ausstellen wollte und damit möglichst authentisch bleiben. So musste man den AfrikanerInnen oftmals die als „typisch afrikanisch“ charakterisierten Fähigkeiten beibringen. Damit verbunden war selbstverständlich, dass die einzelnen KünstlerInnen nicht als Individuen wahrgenommen wurden, sondern stattdessen deren Körperlichkeit oder ihre Stammesidentität in den Vordergrund gerückt wurden. Ein ganzer Kontinent sollte erfahrbar werden, aber eben nur durch die Zerrbilder, die die psychischen Projektionen der EuropäerInnen zuließen.
Die exotistischen Konstruktionen der Kolonialzeit sind nachwievor vorhanden- daran lassen sowohl die Selbstdarstellung von „AfrikaAfrika!“ als auch das Medienecho keine Zweifel. Bereits die Bezeichnung Afrikas als „Kontinent des Staunens“ lässt erahnen, dass den ZuschauerInnen kein Einblick in die Komplexität der modernen Gesellschaften Afrikas gewährt werden soll, sondern ein stereotyper Mystizismus entworfen wird. Die Entindividualisierung der ArtistInnen, die Lust an der Konstruktion von körperlicher Fremdheit, wird bereits in der Showbeschreibung deutlich: „Körperexzentriker biegen sich stolz und geschmeidig wie Schlangen, Füße werden zu Händen, Hände zu Füßen ? ein seltenes Schauspiel, wie es nur die afrikanische Tradition kultisch perfekter Körperbeherrschung erlaubt.2“ Wenn Heller von den ArtistInnen der Show gelernt haben will, „ganz im Augenblick zu leben“3, dann klingt dies ganz nach der Begierde, die AfrikanerInnen zu Kindern zu machen, denen eine planende, rationale Entscheidung nicht zuzutrauen ist, denen die Lebensfreude aber niemals abhanden kommt. Auch die Zeitungen geizen nicht mit solcherlei Zuschreibungen. Das „Königreich der Gaukler und Paradies der Lebensfreude“ entdeckt der Spiegel, und das angeblich originäre Afrika kommt auch in der Passauer Neuen Presse nicht zu kurz: „Bunte Farben, wilde Tänze, Lachen – was ‘afrikanisch’ bedeutet, das können alle Darsteller ohne Mühe zeigen.” Die Vorstellung einer tiefen afrikanischen Verbundenheit mit der Natur, bereits von Rousseau beschrieben und als Zeichen der Überlegenheit der EuropäerInnen gedeutet, weshalb die AfrikanerInnen als Kinder zu betrachten seien, spiegelt sich in der Darstellung der tanzenden ArtistInnen wider, denn sie „können fließen wie Wasser, wie der Wind fliegen oder wie Feuer flackern.“ Immer wieder taucht in der Presse das altbekannte Motiv der maximalen körperlichen Belastbarkeit, als typisch afrikanisch charakterisiert, auf. „Das Tempo ist atemberaubend, die Biegsamkeit der schwarzen Körper schier unfassbar […]” jubelt die NZZ, „er steckt im Froschkostüm, hat unglaubliche Kulleraugen und kann sich verrenken, dass es beim Zusehen weh tut.”, berichtet der Stern über die Performance eines Künstlers. Selbstverständlich lässt sich auch die BILD nicht nehmen, eine Ladung Stumpfsinn im Blätterwald zu verkippen. „Die Staaten des dunklen Kontinents dürfen ihre teuren Botschafter jetzt getrost in Pension schicken. Es gibt keinen besseren Botschafter Afrikas als diese tanzende, turnende, tobende Truppe. In zwei Stunden ersingen und erspielen sie so viel Sympathie für ihre Heimat, wie Diplomaten nicht in zwei Jahrzehnten erdienern und erdinnern können.“ BILD rückt also wieder ein paar europäische Weltbilder zurecht: Der Afrikaner an sich tanzt und tobt, und auch die afrikanischen PolitikerInnen scheinen zu nichts weiter fähig als zur Unvernunft.
„AfrikaAfrika!“ ist europäischer Exotismus gepaart mit einer in Afrika nicht existenten Zirkustradition. André Hellers angeblicher Anspruch, ein anderes Bild von Afrika zu entwerfen, als das der Krisen, Krankheiten und Kriege, trägt absolut nichts zum Abbau von Stereotypen bei. Die Darstellung von Menschen als „edle Wilde“ bietet den Nährboden für einen „umgekehrten Rassismus“, der nicht das Individuum in den Vordergrund stellt, sondern die scheinbar unentrinnbare kulturelle Identität, die in diesem Falle eine Konstruktion seiner europäischen BetrachterInnen ist. Man darf gespannt sein, welche Glanzleistungen die Main-Post bei ihrer Berichterstattung über „AfrikaAfrika!“ vollbringen wird. Bei Überschriften wie „Tracht gegen Globalisierung“ befürchte ich das Schlimmste.

Benjamin Böhm

1 Aus der Online-Selbstbeschreibung der Zirkussshow
2 ebenda
3 ebenda

Unterfrankens hässlichste Orte: Rauhenebrach

Rauhenebrach

Einwohner: ca. 3000
Landkreis: Hassberge
Bürgermeister: Kunibert von Hochdrachenstein
Feste: Dämonenkirchweih, das Fest der fränkischen Hexenküche, Tag der deutschen Einheit
Sehenswürdigkeiten: Orakelbaum, Freyadenkmal

Geschichte: Die Geschichte Rauhenebrachs ist ohne den Film Tanz der Teufel nicht zu verstehen. Im Jahre 1980 begannen die Dreharbeiten des besagten Horrorfilms des Regisseurs Sam Raimi. Der Filmemacher ist bekannt für seine Affinität zu deutschen Hexensagen und Spukgeschichten aus Mitteleuropa. Auf der Suche nach einem geeigneten Drehplatz waren zuerst andere deutsche Waldgebiete wie der Spessart oder der Schwarzwald als potentielle Schauplätze des Films geplant. Aufgrund der „beeindruckenden germanischen Bräuche der fränkischen Waldbewohner und einer unglaublich intensiven finsteren Magie, die die Leute im Steigerwald ausstrahlen“, entschied sich Sam Raimi für den Dreh im Steigerwald. Dazu muss man sagen, dass es die Gemarkung Rauhenebrach bis 1980 nicht gab. Sie existierte lediglich als Bezeichnung eines öden Landstriches, den bereits die Kaufmänner im 15. Jahrhundert mieden, da „Irrlichter des Nachts den Weg säumen und viele fromme Menschen so einen grsusamen Tod fanden“ [Geschichte der Frammersbacher Kaufmannsgilde, Detlef Reuß, Spessart-Verlag, 1965].

Bei den Dreharbeiten des durch drastische Gewaltszenen bekannt gewordenen Films spielten ca. 2500 Laienschauspieler mit, die in den umliegenden Dörfern, hauptsächlich aus Schlüsselfeld und Herper, angeworben wurden. Während der Dreharbeiten bildete sich ein faszinierendes gruppendynamisches Phänomen: ein Großteil der Laienschauspieler identifizierte sich derart intensiv mit der Rolle, dass man die Fiktion des Films und die Realität nicht mehr unterscheiden konnte. Als Anfang 1982 das Film-Set abgebaut werden sollte, ereignete sich eine Revolte gegen die Zerstörung der „dunklen Gemeinschaft, die durch die Kraft des Waldes zusammengehalten wird wie die Hexen der Walpurgisnacht“ [Zitat aus: Rauhenebrach- ein Dorf und seine Kraft, Kunibert von Hochdrachenstein, Rauhenebrach 1987]. Der noch immer amtierende Bürgermeister Kunibert von Hochdrachenstein rief sich selbst als Fürst der Finsternis aus und forderte die „Autonomie der Rauhen Ebrach“. Alle Zufahrtstraßen und Feldwege wurden unpassierbar gemacht, und jeder „Menschling“ wird bis zum heutigen Tage vom Stadtfürsten gewarnt, Rauhenebrach zu betreten. Die Reaktion der Kommunalverwaltung der Hassberge ist bis zum heutigen Tag zögerlich- zu sehr fürchtet man die scheinbar dämonischen Kräfte, die die Rauhenebracher zu besitzen scheinen. Böse Zungen jedoch behaupten, dass die gesamte Verwaltungsstruktur der Hassberge von Rauhenebracher Lobbyisten unterwandert werde.

Politische Organisation: Die Gemeindeverwaltung ist von derart archaischer, undurchschaubarer Struktur, dass sie schwer mit politikwissenschaftlichen Begriffen zu fassen ist. Hinzu kommt, dass es in den letzten 26 Jahren lediglich einen Aussteiger gab, der es wagte, sich kritisch gegenüber Rauhenebrach zu äußern. Fest steht, dass Kunibert von Drachenstein jährlich legitimiert wird: Bei der fränkischen Dämonenkirchweih unter dem Orakelbaum. In einer langen Zeremonie, in der alle erwachsenen Männer einen Tee aus Engelstrompeten und Spitzwegerich zu sich nehmen, wird der weise Baum um Rat gefragt. In der Wahrnehmung aller Männer von Rauhenebrach hat der Orakelbaum jedes Mal entschieden, dass Kunibert von Hochdrachenstein auch weiterhin der Fürst über den „Wald der Barmherzlosigkeit“ bleibt. Politische Parteien gibt es nach unserem demokratischen Verständnis in Rauhenebrach nicht. Interessenkonfikte werden mit roher Gewalt vor dem Freyadenkmal ausgetragen. In ritualisierten Weise treten sich dabei die Kämpfer, beschmiert mit Blut, Lehm und weiteren Körpersekreten, gegenüber und Kämpfen auf Leben und Tod.

Brauchtum und Tracht: Interessant bei einem Blick auf die kulturellen Aspekte in Rauhenebrach ist die Vermischung aus Filmelementen und fränkischen Bräuchen. So ist das Fest der fränkischen Hexenküche eine Abwandlung des Festes der fränkischen Schlachtschüssel aus dem benachbarten Schlüsselfeld. Nach einer langen Fastenzeit im Frühling und Sommer wird beim Hexenküchenfest viel Fleischhaltiges gereicht, das für zivilisiertere Kreise abstoßend aussieht und schmeckt. Eiterbeutele oder Fingerli vom Fuchs seien hier als Beispiel für die ausgefallene Küche Rauhenebrachs genannt.
Die Tracht der Rauhenebracher ist ebenfalls eine Mixtur aus den fantastischen Elementen des Horrofilm-Genres und fränkischen Traditionen. Getragen wird eine Gautracht des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Doch als Schmuck werden Menschen- und Tierknochen oder auch Teile von für magisch gehaltenen Bäumen getragen. Am merkwürdigsten sind aber die Tätowierungen der Rauhenebracher: Angsteinflößende Runen und Zeichen trägt jeder Rauhenebracher ab 5 Jahren auf seiner Stirn. Mitglieder der Familie Hochdrachenstein tragen als Zeichen ihres höheren Ranges ein drittes Auge auf der Stirn.

Bloß nicht: Es ist nicht möglich, mit motorisierten Fahrzeugen nach Rauhenebrach zu kommen- und das ist wohl auch besser so. Bis auf den Aussteiger Dragon Mortalitas ist es keinem einzigen Bewohner Rauhenebrachs jemals gelungen, das Dorf zu verlassen. Ausländische Reiseführer warnen gar davor, den nördlichen Steigerwald überhaupt zu besuchen: Zu groß scheint die Gefahr, von Rauhenebracher Menschenjägern, die angeblich in mondlosen Nächten im Steigerwald umherstreifen, gefangen genommen zu werden.
Daher sei jedem Menschen, dem sein Leib und Leben etwas wert ist, geraten, Rauhenebrach großräumig zu meiden.

Mit mahnenden Grüßen, Ihr Hunter S. Heumann

Presseschau: von Stilblüten und wirklich wichtigen Nachrichten

Als ich mich letzten Winter im Letzten Hype über die Mainpost auskotzte, konnte ich gewiss noch nicht ahnen, dass die besagte Zeitung mit dem Konrad-Adenauer-Preis ausgezeichnet worden war. Seit ich wusste, welche Ehren unserer Lokalzeitung zuteil geworden waren, wurden mir die Augen geöffnet: Die vielen Stilblüten, die Art und Weise, mit der deutschen Sprache zu jonglieren wie ein Artist von Welt: Dies alles war mir vor meiner Erleuchtung nicht klar gewesen. Daher lasse ich heute nur die Überschriften der Mainpost sprechen, die das journalistische Sahnehäubchen eines jeden Artikels darstellen.

Stilblüten

Der Wahlkampf ist zuende, und allen war klar: „Marco Schneider- Kandidat mit Schokokuss-Kuchen“- den musste man einfach wählen. Wichtige Erkenntnisse lieferten den LeserInnen die Überschriften „Probezeit ist die Zeit zum Ausprobieren“ und „Unfall-Kuh kam aus Bullenheim“. Es bleibt tierisch, wobei bei der Überschrift „aggressiver Bulle büxte aus“ nicht klar zu erkennen ist, ob nun die menschlichen oder widerkäuenden Artgenossen gemeint sind. Animalisch geht es weiter, denn der „Spatzen-Drummer bot Speck an“, was er hoffentlich nicht „Unter Drogen, doch ohne Führerschein“ tat. Schauen wir in die schöne Rhön. „Rhönfreunde bekennen sich zu ihrer Identität- der Rhön“ war da zu lesen, und ich bin sehr froh, dass sich die Rhönfreunde nicht zum Spessart bekennen.

Wirklich wichtige Nachrichten

Damit alles seine Ordnung hat in der Region, geht die Polizei allen Straftaten nach. „Alk zum Abendessen“ geht gar nicht klar, ebensowenig wie die „Mettwurst im Hosenbund“. „Bulgaren auf den Weingut“ gab es ebenso wie „Salmonellen im kleinen Badesee“, „Marinierte Makrelen auf Holzkohlen gegrillt“ und „Australier in er Rhön“ . Und das schlimmste war wohl folgendes Vergehen: „Mann macht Mann an“. Bei soviel kriminellen Energie kann einem wirklich Angst und Bange werden. Zum Glück gab es nicht nur negative Nachrichten zu vermelden. „Wie oft steht Gott sei Dank in der Bibel?“ habe ich mich auch schon immer gefragt. Solange wir dies nicht wissen, sollten wir wirklich alle „Gottes ausgestreckte Hand ergreifen“. Genug des Metaphysischen. Die Festzeit hat begonnen und „das Kartoffelfest beigeisterte“. Leider ist „kein Apfel mehr am Baum“, ob dies etwas mit dem Ungeziefer zutun hat? Denn „den Ratten geht’s gut“. Was wir schon immer geahnt haben, bestätigt uns endlich die Mainpost: „Mittelmaß ist in Schweinfurt Trumpf“, auch deshalb, weil „Günther Beckstein: Ein Wahlkämpfer oben ohne“ da war. „Neues Geschirr“ hat nun die Euernhofer Feuerwehr, aber das wird ihnen auch nicht mehr helfen, wenn die „Rache der Hornissen“ über sie herein bricht.
Ja, genug des meisterhaften Journalismus meiner Lieblingszeitung, ich nehme nun am „Tag des Butterbrotes“ noch einen „Biss ins Butterbrot“, und nächtes mal werde ich auch „vorm glücklichen Ende einen geglückten Anfang“ wählen. Bis zur nächsten Presseschau.

Benjamin Böhm

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1.
Follow the white rabbit, war in dem mail gestanden, das ich aus meinem Junkordner gefischt hatte, und da stieg ich also um 2300 in der Nacht aus der Strassenbahn in Grombühl aus und folgte in der Tat einem weissen Hasen: der Abend fing eigentlich ganz gut an.

Der weisse Hase war gar kein richtiger weisser Hase, mupfeln konnte er auch nicht, aber dafür lächelte er weise und gütig und (geben wir es ruhig zu) etwas debil. Er war ganz aus Kreide gebacken und sass auf der Strasse. Dort ging es ihm gut. Er mupfelte zufrieden und knabberte an meinen Ohren.

Etwas verlegen folgte ich dem merkwürdigen Tier tiefer in den zerklüfteten Grombühl. Er führte mich sanft und sicher, und ich fürchtete mich nicht. Tiefer stieg der Weg, schweigsam klommen wir hangab: auf vieren er, auf zweien ich, gebe der gütige und gerechte Gott, dass es dereinst, wenn wir uns wiedersehen, umgekehrt sein wird.

Am Fusse des Hügels angekommen, wies der weisse Hase hinab in einen Schacht, in den Treppen hinunterführten, und sagte mit leiser Stimme: Auf diesem Weg kann ich dich nicht begleiten. Diese Schwelle darf ich nicht überschreiten. Sprachs und hüpfte davon.

Verwirrt stieg ich die Treppe hinab. Die schmale Treppe führte in einen schmalen, grünen, hell erleuchteten Gang, der sich vor mir wand. Betäubender Lärm schien aus ihm zu dringen. Ich folgte seinen Windungen weiter: und siehe, da weitete sich der schmale Gang wie zu einem grünen Saal, und in diesem standen merkwürdige Männer und Frauen und hiessen mich willkommen.

2.
Der Saal sah aus wie die Donnerstagsdisco im akw, nur mit besserer Musik, besserer Akustik, besserer Deko, billigeren Getränken und weniger Idioten.

In der Mitte der Unterführung sassen Leute auf Barhockern (?) und Sofas. Am Rand stand ein Tisch mit Schnittchen, um den sich eine Wasserschlange ringelte. Eine junge Frau tanzte alarmierend eng mit einem riesigen Wal. Zwei Bären waren nirgendwo zu sehen.

An der Wand stand, von ungelenker Hand, mit Kreide eine grausige Warnung.

Nach rechts bog eine Treppe, dort ging es zum Europastern, diesem monströsen Fehlbau; die Lkw verschluckten draussen fast den Lärm der Musik. In den grauen Fenstern des gegenüberliegenden Grombühl war nirgends ein Licht. Nichts war dort draussen, nirgendwo, das einzige, was sich in dieser Nacht verbarg, war die lustige Gesellschaft in der Unterführung.

Es war wunderschön, und bizarr.

Am Tage sind die Strassen Feindesland; wir betreten sie ungern. Unwohl und beklommen fühlt man sich, unter unfrohen und feindlichen Menschen. Aber es reicht nicht, die Strassen nicht zu betreten; solange sie uns nicht gehören, sind unsere Wohnungen unsere Gefängnisse.

Wenn wirklich das grausigste, was diese Nacht birgt, wir sind: wie konnten wir jemals eine Macht neben uns dulden?

3.
Als, nach Stunden, zwei Polizisten eintrafen, die sich sprachlos die Szenerie anschauten und endlich die Worte fanden: „Irgendeiner macht das hier wieder sauber,“ stob die Menge bemerkenswert unkoordiniert davon, kehrte zurück, stob wieder davon, verlor sich irgendwo im Gewirr der Gassen, kehrte zurück oder auch nicht, während tatsächlich sich eine Handvoll Leute bereit fand, mit Besen, die die Exekutive eigens aus dem Burger King ausleihen liess, den Boden zu fegen; wohl auch, weil die Polizei (die rasch Verstärkung gerufen zu haben schien) einen oder zwei Leute in Handschellen gelegt hatte. Dabei bekam noch jemand Pfefferspray ins Gesicht.

Die Reste der Gesellschaft zogen danach, die Musikanlage im Schlepptau, grimmig und mit ensetzlich entschlossenen Gesichtern die Schweinfurter Strasse entlang in die Stadt hinein, wo sie dem Vernehmen nach noch ein paar Male mit der Polizei Katz und Maus spielten, bis diese ihnen die Soundanlage abgenommen hatten, mit denen sie die Bürger um den Schlaf zu bringen drohten.

Was weiter? Nächstes Mal erstens besser vorbereiten. Denn es wird und muss ein nächstes Mal geben, öfter und wilder noch, es ist nicht der Funke eines Lebens zu sehen, wenn nicht so. Aber besser vorbereiten; es müssen die Leute wissen, was zu tun ist, wenn die Party zu Ende geht.

Zweitens: der überflüssige Beweis, dass man auch Spass haben kann, ohne die dafür lizensierten Anstalten zu besuchen, wäre erbracht; aber man sollte sich hüten, die Formen, die das in der Spassindustrie annimmt, zu kopieren. Eine Disco in eine Unterführung einbauen ist lustig, weil es die Perspektive bricht; aber eine Disco ist es zuletzt trotzdem, und wenn man zu anderen Formen des Lebens finden will, wird man keine neue Disco aufmachen wollen, nicht in der Frankfurter Strasse, nicht am Europastern.

Und, meine Damen und Herren, eine weniger lange und träge Planung bitte, und etwas mehr Unberechenbarkeit, wenn ich bitten darf.

Vince O‘Brian

Bands, die Würzburg braucht #1

Heute: Styckwaerk. Besser kann man das studentische Milieu nicht verkörpern. Schon mit 20 klingen wie die Toten Hosen? Über Oberschülerprobleme zetern? Das Vollgefühl der eigenen Wichtigkeit hinter gefälschter Selbstironie verstecken?

Hörprobe.

Soll man dazu ernsthaft ein Wort sagen? Man lässt es lieber bleiben.

und keine Texte mehr von Borchert
über das, was einmal war.

Borchert! Poesie! Man schüttelt den Kopf. Was die gymnasiale Oberstufe für Schäden anrichten kann.

Bin ich überhaupt normal?

fragt sich der Sänger weiter. Gerne geben ihm den Bescheid: Ja, und wie. Du bist eine Durchschnittsexistenz in jeder Hinsicht. Mehr als das, du bist zum Entsetzen langweilig. Zustände, in denen so ein Haufen Tröpfe behaupten kann, „Punkrock“ zu machen, gehören bis aufs letzte bekämpft.

Nieder mit dem studentischen Milieu. Das ist die einzige Lehre aus diesem traurigen Kapitel.

Anmerkungen zum Keil als Zirkus der sieben Sensationen

Vorab: Der Autor dieses kurzen Gedankenfragments würde weder behaupten, irgendetwas von der Schauspielkunst zu verstehen, noch nimmt er sich heraus, die dramatische Gestaltung des aktuellen Stücks „Bis einer heult“ zu bewerten. Um eine explizite Kritik des Stücks soll es in den Anmerkungen daher gerade nicht gehen. Stattdessen wird hier die Frage angerissen, ob der Keil einen Platz als verrücktes Huhn der bürgerlichen „Kulturszene“ einnehmen möchte, oder lieber außen vor bleibt.

„Bis einer heult“ war ein nettes Stück: Die ZuschauerInnen strömten in Scharen herbei und befanden es als nett. Die Kinder, die das Stück besuchten, lachten und klatschen zu nettem Slapstick, die Main-Post hatte nichts am netten Keil auszusetzen und so manch einer/einem ZuschauerIn kamen Tränen vor lauter netten Gags.

Es ist nachvollziehbar, dass eine positive Kritik selbst in der Lokalpresse und ein reges Zuschauerinteresse an Shakespeare Balsam auf der Seele der ArtistInnen des Keils sind. Und ich kann ebenfalls verstehen, dass aus rein wirtschaftlichen Erwägungen, denen man sich nicht entziehen kann, drei nahezu ausverkaufte Vorstellungen und großzügige Spenden bei der Aufführung im Kult großartige Ereignisse für den Zirkus der sieben Sensationen sind.

Mir und noch einigen anderen dem Keil nahe stehenden Personen stellte sich jedoch nach den letzten beiden Stücken die Frage, ob der Zirkus der sieben Sensationen einen Platz in der ehrenwerten Gesellschaft der Kulturschaffenden einnehmen möchte und zwei- bis dreimal im Jahr StudentInnen und sonstige BildungsbürgerInnen belustigen möchte, oder die Kulturszene selbst zu verstören gedenkt.

Im Klartext lautet die Frage: Habe ich es, als Zuschauer, lediglich mit einer Laienschauspielergruppe familiären Charakters zutun, deren Mitglieder vielleicht irgendwann den Sprung auf die weltberühmten Bretter, die die Welt bedeuten, vollbringen und die, solange dies noch nicht geglückt ist, die Paradiesvögel der Kulturszene mimen, oder hegt der Keil einen anderen Anspruch an sich selbst und an sein Publikum?

Es macht den Keil aus, dass er stets macht, wozu er Lust hat. Jedoch stellt sich für mich die Frage, weshalb das Bedürfnis, den offiziellen Kulturschaffenden vor ihre Füße zu rotzen, nicht mehr zu bestehen scheint (oder irre ich mich?)? Vielleicht hilft bei der Beantwortung der Frage ein Bezug auf die familienartige Form, in der sich die ArtistInnen des Zirkus’ präsentieren. Indem man sich auf der Suche nach familienartiger Freundschaft als Gruppe wahrnimmt und sich so künstlich von äußeren Einflüssen abschottet, könnte das Harmoniebedürfnis irgendwann über allen anderen Intentionen des Keils stehen. Und damit könnte auch die Fähigkeit verloren gehen, sich mit der Entsetzlichkeit der nur scheinbar getrennten Formen Kultur, Politik und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Je mehr der Zirkus der sieben Sensationen sich also als Familie versteht, desto weniger wird man sich wohl mit solchen Fragen auseinandersetzen. Man darf jedenfalls nicht vergessen, dass Theater niemals in der nichtexistenten kulturellen Luftleere steht, sondern zwangsläufig mit dem gesellschaftlichen Formgeflecht verwoben bleibt. Darüber hinaus muss angeführt werden, dass es zwar nicht verwerflich ist, sich untereinander blendend zu verstehen (ganz im Gegenteil), aber dass mit einer heimeligen Gruppenidentität auch eine Formierung nach innen stattfinden könnte, durch die erstens solche kontroversen Fragen über den Sinn und Zweck der eigenen Theatergruppe nicht mehr diskutiert werden, zweitens man kaum mehr fähig sein wird, etwas anderes als ganz nettes Theater zur Bespaßung von seichtem Publikum zu machen.

Zuletzt muss festgehalten werden, dass Theater stets auch die Interaktion zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen bedeutet. Der Keil hat nicht umsonst nach wie vor ein Publikum, das fähig ist, Fragen wie die meinigen zu stellen. Durch die in der Vergangenheit ungewöhnliche Art, nicht nur schallenden Applaus, sondern auch tiefe Empörung beim Publikum auszulösen, umgibt den Zirkus der sieben Sensationen zumindest für mich noch immer eine Aura der Subversion. Je mehr die SchauspielerInnen nur den Anspruch hegen, nettes Familientheater zu machen, desto weniger werden Mitglieder und ZuschauerInnen des Keils dazu fähig sein, den Zirkus der sieben Sensationen nicht nur als ganz normales Theater zu verstehen. Egal, ob in Würzburg, Leipzig oder anderswo.

Benjamin Böhm

So gehts woanders zu #1

Dieses Mal: Nacht-Tanz-Demo in Frankfurt am Main/Germany. Blog mit interessanten Neuigkeiten. Kann man vll evtl so Schlüsse draus zieh.

Fruchtsalat

Art des Spiels: Ein deutsches Gesellschafts- Gruppenspiel. Als Familien- oder Partyspiel geeignet.

Gruppengröße: mind. 4 Leute

Altersbeschränkung: keine

Materialien: 1 funktionstüchtiger Toaster, 1 Stirnband beliebiger Farbe, 1 Stück Kreide, evtl. frisches Obst

Spielort: Hof oder Straße, kurz nach Sonnenaufgang

Hinweis: Dieses Spiel ist sehr geeignet für ausgezehrte, wassersüchtige Körper nach einer durchzechten Nacht.

Beschreibung:

1. Die Schüssel:
Der älteste oder erfahrenste Mitspieler setzt das Stirnband auf und nimmt das Stück Kreide in die Hand. Er malt auf den Boden einen Kreis. Dieser sollte angenehm rund und nicht zu klein sein, als Faustregel gilt:
Radius in m= Gruppengröße – 1
Dieser Kreis stellt die „Schüssel“ dar und wird auch so genannt. Sie darf, wenn alle damit einverstanden sind, mit kleinen Tierbildchen verziert werden.

2. Der Toaster
Der Toaster wird neben die Schüssel gestellt. Er muss über Verlängerungskabel sehr umständlich mit einer Steckdose verbunden sein. (siehe Abb. 1)

3. Die Früchte
Nun sind die übrigen Teilnehmer an der Reihe: Jeder von ihnen denkt sich eine Frucht aus, die er sein möchte, und spricht ihren Namen laut aus, z. B. so:
Spieler A: „Ich möchte eine Birne sein.“
Oder Spieler B: „Ich bin eine Traube.“
Sollte ein Spieler etwas unliebsames sagen („Ich bin eine Kartoffel“), darf der Spieler mit dem Stirnband ihn schlagen und anschließend fortjagen.
In der Zwischenzeit haben sich die anderen Spieler ihre neuen Früchtenamen auf ein Schild geschrieben und umgehängt. Sehr atmosphärisch ist es auch, wenn die Spieler ihre jeweilige Frucht vorher eingekauft haben und sich kunstvoll ins Haar stecken oder mittels Haarreif auf dem Kopf befestigen (siehe Abb. 2)

4. Beginn des Spieles:
Der Tanz:
Alle Früchte stellen sich nun im Kreis um die Schüssel herum und beginnen zu tanzen. Es darf gerne gesummt werden. Der tanz sollte immer charakteristisch für die jeweilige Frucht sein, d. h. eine Birne sollte einen bauchigen Tanz vorführen, während die Traube, den Kopf kreiselnd, kleine Schritte bevorzugt.
Für jede Frucht ist es ratsam, den Tanz vorher allein zuhause zu üben.

Die Zubereitung des Fruchtsalats:
Glücklich über die tanzenden Früchte stellt sich der Träger des Stirnbandes nun zwischen die Schüssel und den Toaster, wobei er unbedingt jeden Anflug von Neid vermeiden sollte. Er atmet tief durch und spricht folgende Worte:

„Ach, ich habe Hunger. Und wie immer kann ich mich nicht entscheiden. Esse ich Toast oder einen Fruchtsalat?“

Kaum wurde der Satz gesprochen, hören die Früchte zu tanzen auf. Sie fassen sich an der Hand und rufen: „Iss doch einen Fruchtsalat!“

Was nun folgt, ist der Höhepunkt des Spiels: Der Träger des Stirnbandes muss sich entscheiden. Wählt er den Fruchtsalat, wird das Spiel einen freudigen Ausklang finden. Wählt er den Toast, so ist das Spiel auf der Stelle vorbei. Und alles war umsonst.

Sollte sich der Stirnbandträger nach zähem Ringen für den Fruchtsalat entscheiden, ruft er feierlich verkündend aus: „Ich wünsche mir den Fruchtsalat!“
Darauf beginnt er einen ekstatischen Tanz um die kleinen Früchte herum und verpasst jeder von ihnen einen Klaps. Dabei nennte er sie einzeln beim Namen und lobpreist ihren Geschmack, ihren Liebreiz und die Energie. (siehe Abb. 3)
Die Früchte springen, sobald ihr Name fällt, voller Freude in die Schüssel und tanzen. Der Ausgelassenheit sind keine Grenzen gesetzt und Ausrufe der Freude und Jubels sind erwünscht. Und so tanzen alle bis sich der Tag zu ende neigt.

Von Homer Berndl

Der Stumpfsinn der universitären Lehre

Einige Anmerkungen zum Studium in Jahre 2008

Wir leben in einer Welt, in der wir zuerst gehen und sprechen lernen.
Später lernen wir dann still zu sitzen und den Mund zu halten.

Manche Momente fühlen sich wie der Eintritt in das Reich der Freiheit an – und sind es leider nur bis zu dem Moment, in dem wir zu realisieren beginnen, dass alles, was uns die bürgerliche Gesellschaft verspricht, eine bloße Lüge, nämlich die Verneinung der menschlichen Vielheit, zu sein scheint. Haben wir wieder einmal eine Hürde erklommen, die uns die Gesellschaft in den Weg gelegt hat und die einzig und alleine aus dem Grund existiert, um die Klassenstruktur zu erhalten und uns in die Verwertungsmaschinerie zu integrieren – das Abitur oder ein universitärer Abschluss zum Beispiel – so kann das befreite Gefühl, die ganze Welt vor sich zu haben und alle Möglichkeiten zu besitzen, nur von kurzer Dauer sein. Denn genauso, wie wir in unserer Schulzeit lediglich zu einem fleißigen Bürgerchen erzogen werden, geht es in der Universität weiter – still zu sitzen, den Mund zu halten und im richtigen Moment universitäre Lehrmeinungen wie vom Tonband abzuspielen, bleibt die beste Devise.
Beginnt man das Studium aus Interesse am Fach und nicht von Vorneherein mit einem festen Berufsziel, so wird man bereits nach den ersten Tagen als StudentIn enttäuscht: studentische Freiheit ist nichts anderes als eine Worthülse, die keinen Inhalt besitzt oder besaß – nicht vor 40 Jahren und schon gar nicht im Jahre 2008. Dies fing bereits bei meiner ersten Vorlesung an, die als Frontalvortrag knapp zwei Stunden dauert und meist Fragen keine einzige Minute einräumt – von kritischen Zwischentönen, die den/die ProfessorIn aus dem akademischen Elfenbeinturm führen könnten, ganz zu schweigen. Genauso wie die Gesellschaft ist auch die Universität eine Maschinerie, in der um Machtpositionen gerungen wird und in der Autorität benutzt wird um kritische Töne möglichst klein zu halten. So mag das Interesse am Fach noch so groß sein: Entweder man legt den Enthusiasmus ab, stellt die eigenen Suchbewegungen größtenteils ein und schleimt sich bei möglichst vielen mächtigen Menschen ein, oder die/der scheinbar Freie entdeckt seine Unfreiheit, die Eindimensionalität des gesellschaftlich anerkannten Zusammenlebens und der akademischen Lehre. Eigentlich kann man sich vom ersten Semester an nur „hoffentlich komme ich hier unbeschadet hindurch!“ denken.
Mit den Bologna-Prozessen und der Einführung von Bachelor/Master-Studiengängen werden Studierende noch viel weniger über die Grundlagen ihrer Wissenschaft und einer möglichen kritischen Auseinandersetzung mit dem Unibetrieb in Berührung kommen. Universitäre Abschlüsse sind nichts anderes als Berufsausbildungen. Die Unterwerfung der akademischen Lehre unter die Gesetze des Marktes ist nur die logische Konsequenz aus einer Wissenschaft, die bei Strafe ihres eigenen Untergangs dem Kapital zur Verfügung stehen muss. Die Tatsache, dass jene Umstrukturierungsmaßnahmen sowohl bei der so genannten organisierten StudentenInnenschaft als auch beim Lehrpersonal auf kaum Widerstand stießen, verdeutlicht, das die Lehre keineswegs frei ist, sondern sich wie alle anderen Elemente der Gesellschaft lediglich um die Sonne des Kapitals dreht. Das Bild einer kritischen Masse von Studierenden, das sich vom Jahre 1968 bis in die Gegenwart erhalten hat, ist reiner Kitsch geworden. Wenn Solidarität unter den Studierenden eingefordert wird, dann klingt dies für mich wie ein schlechter Witz. Ich werde einen Teufel tun, mich mit den deutschen Eliten von morgen zu verbrüdern.
Das Problem der Menschen, die erkannt haben, dass sie in der verkehrten Gesellschaft leben und die richtige Gesellschaft wollen, ist, das sie zuviel zu verlieren haben. Man fühlt sich teilweise pudelwohl als KritikerIn der bürgerlichen Gesellschaft und bewegt sich doch in den spießbürgerlichsten Kreisen. Den vorgezeichneten Weg seiner eigenen Klasse zu verlassen und auf die Meinung seiner Verwandten zu pfeifen – dazu haben nur wenige den Mut, und jenen AussteigeInnen gilt mein vollster Respekt. Für die restlichen Studierenden gilt nur, das positive aus der Studienzeit schätzen zu wissen: Ein bisschen vom unbeschwerten Leben der Jugend in die Erwachsenenzeit zu tragen. Man kann nur hoffen, die Unizeit möglicht unbeschadet zu überstehen, denn Platz für eine kritische Lehrmeinung bietet die Gegenwart kaum. Die Aussage, dass die Universität nichts anderes ist, als eine Ausbildungsstätte für Eliten, kann in Zukunft niemanden mehr verwundern.

Wir leben in einer Welt, in der wir zuerst gehen und sprechen lernen,
Später lernen wir dann still zu sitzen und den Mund zu halten.
Es ist die Reihenfolge, in der man die Dinge lernt,
die uns zu dem machen was wir sind.

Von Yvonne Hegel

Heinrich Marschner Der Vampyr

Das Begleitheft des Mainfrankentheaters Würzburg (Hg.) zur romantischen Oper in zwei Akten, Redaktion: Sebastian Hanusa.
Beinahe, ja: ums Haar, und dieses Schriftstück wäre überhaupt nicht in meine Finger gelangt. An der Garderobe war ich bereits genötigt, nach der obligaten 1 Euromünze in meiner Hosentasche zu kramen und hatte die zwei Euren für besagtes Programmheft schlicht nicht vorrätig. Meine Liebste half mir mal wieder großzügig aus der Patsche und bestand trotz meines achselzuckend vorgetragenen: „Dann halt nicht!“ auf dem Erwerb. Wie gut! Bereits auf Seite 3 steht dort, vor etwaiger Nichtbeachtung durch eine graue Markierung effizient geschützt, folgendes Zitat zu lesen: „Das Verbrechen, durch die stets neuen Mittel des Angriffs auf das Eigentum, ruft stets neue Verteidigungsmittel ins Leben und wirkt damit ganz so produktiv wie strikes auf die Erfindung von Maschinen. Und verläßt man die Sphäre des Privatverbrechens: Ohne nationale Verbrechen, wäre je der Weltmarkt entstanden?“ Das ist von einem gewissen Herrn Karl Marx, den die Deutschen vor kurzem zu einem ihrer Größten erkoren hatten. Etwas weiter erfahren wir unter dem Titel „Handlung“ den plot der Oper. Der Vampir muß zwecks einer einjährigen Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung auf der Erde, und zwar um genau zu sein: den schottischen highlands, binnen 24 Stunden drei Jungfrauen vermittels eines Bisses in den Hals dem Vampirmeister zuführen. Er ist guten Mutes, hat er doch bereits zwei junge Damen am Wickel und ist zuversichtlich eine dritte auch noch zu erreichen. And so on. Es gibt, wie ja stets im Leben, selbstredend auch lästige Gegenspieler, insbesondere ein ehemaliger Freund, dessen heimliche Geliebte eines der prospektiven Opfer ist. Der Vampir beißt, wird erstochen, rettet sich mit Mondlicht, beißt, wird erschossen, rettet sich mit Mondlicht, setzt zur verruchten letzten Tat an, wird daran aber in letzter Sekunde gehindert; der Vampirmeister holt ihn in die Hölle, die Gerettete und ihr Geliebter bleiben auf dieser Welt. Vorhang fällt – äh, steht da gar nicht, ist aber im Theater seit alters Brauch.

Das verspricht doch einen Heidenspaß mit laut tönendem Bariton „Jetzt ist sie MEIHEIN!!“ und dazu im Duette ein getrillertes „Zu Hülfe! ZU HÜLLLFE!! S’ist einVAMPÜRRR!!!“.

Zuvor allerdings erst mal Ernstes zum Vampirprinzip. Auf Seite 9 muß ich lesen: „Alles irdische Leben ist im Grunde einem Vampirprinzip untergeordnet: Um sich am Leben zu erhalten muß man etwas einsaugen, sich anderes Leben einverleiben. Und im Regelfall beruht das vampiristische Gedeihen des einen Lebens auf dem Nichtgedeihen des einverleibten Lebens.“ Tja. Vom Bakterium über die Qualle bis zur Krone der Schöpfung, dem Eisbären Knut, schlingt die Schöpfung allenthalben. Pflanzen? Naja, die sind womöglich keine irdische Lebensform; aber ach, das Krux mit der Logik liegt ja im „Leben“ – ist der Vampir doch eben eines nicht: lebendig. Aber sei’s drum, ist ja alles bloß Theater. Und der Autor dieser Zeilen hat ein höheres, ein volkspädagogisches Ziel, welches er über folgende Stichwörter: Lustfraß, sublimiert, Sexualität, Nietzsche pfeilgerade ansteuert: „Die Verkörperung von ewigem Leben, (…etc, pp…) bei einer gleichzeitig vollkommen unzensierten Befriedigung der elementaren Triebe, wirkt (…) nicht nur verführerisch, sondern hat bei einigen Mitbürgern sogar den Wahn aufkommen lassen, sich tatsächlich für so etwas Ähnliches wie Graf Dracula zu halten.“ Oh weh, oh ach. Es ist ein Graus! Oh! Welch ein Graus, ja welch ein Grauuuus!

Überspringen wir die doch sehr eigenwillig zusammengestellte „Zeittafel Vampirismus“, sowie die künstlerische Einordnung Heinrich Marschners durch Florian Reichart: „Vergessen zwischen Weber und Wagner“ und auch Sebastian Hanusas Beitrag zu „Richard Wagners Zeit am Würzburger Theater“ und lauschen dem Interview mit dem Regisseur Stephan Suschke, der sich zunächst als Sozialhistoriker versucht: „Mich interessiert … der historische Hintergrund, der viel mit heute zu tun hat. Die Aufklärung hatte Gott abgeschafft und die Welt säkularisiert. … Gleichzeitig wurden die Menschen aus sehr familiären Produktionsprozessen in die Fabriken hinausgeschleudert, aus relativ geschützten, befriedeten Räumen in eine angstbesetzte, sich atomisierende Gesellschaft…eine erste Globalisierung…“ Nach kurzem Geplänkel über das Bühnenbild geht es um den Vampirmythos: „Der Vampirglauben löste den Hexenglauben… Vampire waren…viel schwerer zu erkennen. Man konnte dem Bösen nicht mehr ansehen, daß es Böse war… Die katholischen Serben(das steht da so!) haben das benutzt: natürlich waren immer Moslems Vampire. Das ist sehr heutig … Feindbilder … Manson … Gangster- und Horrorfilme …Holocaust – ist menschlich.“ Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu bestehen, daß, wo über Moral, also die Bestimmung von Gut und (insbesondere) Böse schwadroniert wird, stets die Auslöschung der europäischen Judenheit durch die Deutschen den Bezugspunkt abzugeben hat. So gut wie stets dient, sei es nun der Holocaust oder die Shoah, dieses Herbeizitieren des Schlimmsten, einer mittels dieses Kniffs unantastbar gemachten Anthropologie: „Es gibt nichts Unmenschliches, alles – auch der Holocaust – ist menschlich“ Geschenkt, daß hier „menschlich“ nicht als human, sondern als von Menschen gemacht zu lesen ist. Der ideologische Zweck läßt in seinem ganzen Irrwitz wohl keine andere sprachliche Form mehr zu: „Im Moment ist es wichtig, Feindbilder zu unterminieren, weil sie die Verbände auf den eigentlichen Wunden sind.“ Statt nun dem Meister die bisher notierten Zitate unter Höllengelächter vorzulesen und das Ganze in einer Zechrunde aufzulösen, fahren die Herren Hanusa, Macha und Reichart munter fort mit dem Stichwortgeben: „…Der Vampir der Romantik hat ein anziehendes Äußeres und – bewusst oder unbewusst – denen ähnlich, die ihn erschaffen…Spiegelbild…“. Wat mut, dat mut: „Müller -Metapher „Im Spiegel das Feindbild“…11. September in Indien … amerikanische Actionfilme … Ich hatte das sichere Gefühl, dass die wirklichen Terroristen diese Filme sehr gut gekannt haben“ Da ist sie, die geradezu mit Notwendigkeit zu erwartende nine-eleven-conspiracy-theory. Chapot! Wer die wirklichen Terroristen wohl sein mögen? Die Studio Chefs der kalifornischen Filmindustrie? Wir werden es aus der vorliegenden Schrift leider nicht entnehmen, doch die Herren Interviewer spinnen eifrig den Faden vom Vampir Ruthven zu Hannibal Lecter und wieder kommt es, wie es kommen muß: „…Man sollte einfach davon ausgehen, dass derjenige, der einem aus dem Spiegel entgegenblickt, als SS-Mann in Auschwitz auch einen ordentlichen Job gemacht hätte. Möglicherweise wäre das Spiegelbild auch ins Gas gegangen…“ Alles ist halt eben doch irgendwie gleich: Der Mörder, nennen wir ihn Sturmmann Meier, Müller oder Schulze, der ohne allzu große Nachteile hinzunehmen den ordentlichen Job nicht hätte tun müssen, ist so sehr das Spiegelbild (ja wessen bloß?) wie seine in Viehwaggons durch ganz Europa verschleppten Opfer, denen mit den Kleidern und den Haaren auch die Namen geraubt worden waren und die als Asche endeten. Den weiteren zwei Seiten Geplauder entnahm ich noch, daß dem Regisseur irgendwie doch bewußt ist, es mit einer eher simplen Liebesgeschichte – die einzige überlebende Jungfrau, Malvina, wird vom ihr in wahrer Liebe zugewandten Jüngling errettet; die aus Lüsternheit fehlende Emmy stirbt ebenso, wie die arglistig getäuschte Janthe – zu tun zu haben. Doch verborgen muß ihm bleiben, daß hier überhaupt gar kein globalisierungsskeptischer Subtext vorliegt, sondern höchstens eine – und das nicht versteckt, sondern explizit geäußert – Kritik der väterlichen Gewalt, daß, wenn sich hier ein kritischer Geist manifestiert, dieser sich also gegen patriarchale Verhältnisse richtet, die eben nicht so idyllisch waren, wie sich das Stephan Suschke zu Beginn des Interviews so ausmalte. Auf die Idee zu verfallen, die unheroische Truppe der Bediensteten des Herrn Berkley, der seine Tochter am Vorabend ihrer zwangsweisen Verheiratung entführt glaubt und im Wald zur Suche unterwegs ist, mit Geldscheinen zu motivieren und auch im weiteren Verlauf eifrig mit Scheinen werfen zu lassen, zeugt nicht lediglich von einer anachronistischen Sicht auf feudale Verhältnisse, sondern von – und dann natürlich in die vorkapitalistische Zeit rückprojizierten –Vorstellungen einer quasi magischen Macht des Geldes, welches die einst (eben in der romantisierten patriarchalen Gesellschaft) vermeintlich natürliche Gemeinsamkeit korrumpiert und sich die Lebenskraft der Menschen vampirisch aneignet. So sah das einst auch ein ganz spezieller Sozialist, der wackere Bruno Bauer, der dem Vampyr auch den richtigen und so gar nicht katholischen Namen gab: Nicht Sir Ruthven, sondern einfach Jud’. Jener Herr, dessen Zitat die Eingangsseite ziert, eben der Herr Marx, hat ihm 1843 Bescheid gegeben. In seiner Schrift „Zur Judenfrage“, einer Kritik des gleichnamigen Pamphlets Bauers, liefert er eine Staatskritik, eine Kritik der Politik und eben eine Kritik des Geldes: „Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an.“ (MEW Bd.1, S.374). Wie aber diese Herrschaft zustande kommt, wie es in der Wirklichkeit möglich sein kann, daß sich das Produkt menschlicher Arbeit zu eigenem Selbstbewußtsein aufschwingen kann und als blind rasendes automatisches Subjekt die Vergesellschaftung in einer noch immer nicht emanzipierten Welt zu bewerkstelligen vermag, vermochte er 1843 noch nicht zu sagen. Die eifrigen Marxzitierer hätten sich dies jedoch bei einer Lektüre des Kapitals verdeutlichen können. Die Marx’sche Bestimmung des Rätsels des Geldfetischs als das sichtbar gewordene, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs entzieht Vorstellungen von heimlicher, untergründig wühlender Macht, die hinter dem Gelde stünde, den Boden und verweißt auf die täglich aufs neue von sämtlichen Beteiligten im eigenen Hirnkasten vollbrachte logisch unmögliche Vergleichung gänzlich unvergleichbarer Dinge im Warentausch: Ein kleines Glas Bier ist ein Programmheft des Mainfrankentheaters ist zwei beliebige Objekte im 1€Shop ist ein belegtes Brötchen ist… Daß es notwendig ist, die völlige Unsinnigkeit dieser Gleichsetzung erst darzulegen, zeigt die Wirkungsmächtigkeit dieses, unsere sämtlichen Regungen bestimmenden, fetischisierten „Denkens“. In zynischem Sinn ist also Wahrheit in der Geste allseitiger Beliebigkeit: Gut und Böse, Opfer und Verfolger, SS-Mann und Spiegelbild, alles muß auf dem Markt vergleichbar sein und schon das Sprichwort weiß: Jeder hat seinen Preis.

Ach ja, wie denn die Aufführung so war? Ja schön. Schaurig lustig und mit Stefan Stoll als Lord Ruthven ein verführerischer, bösartiger und höchst überzeugender Vampir. Solistinnen und Solisten, wie auch Chor gefielen mir gut (Anja Eichhorn als Malvina sei hier noch herausgehoben), das Orchester unter Wang war hervorragend, die zurückgenommene Schauspielerei – ohne Gefuchtel, Gespucke und Gekreisch – war sehr angenehm, das Bühnenbild ebenfalls gelungen, die Kostüme – vor allem bei den Gestalten der Unterwelt – leider teils albern, teils kitschig. Und bei dem glorreichen Regie-gag: Wir werfen mit Scheinen und lassen sie vom bedauernswerten Chor wieder einsammeln, habe ich mir Schokoladentaler vorgestellt – wozu ist man schließlich im Theater? Und noch etwas zu Heinrich Maschners Stück: Das hat schon ein paar Längen und mit heutigen Ohren ist die Musik nicht soo originell – und doch läßt sich die Faszination, welches es wohl einst auf das Publikum hatte, noch nachvollziehen, und zwar sowohl bezogen auf die Handlung wie auch musikalisch. Vor allem hat der Librettist Wilhelm August Wohlbrück in einer Zeit, in der gerade die enge Verbindung des Stereotyps vom wuchernden Juden („Wucher“ und „Schacher“, also Kredit und Handel, waren zu Beginn des 19ten Jahrhunderts gar nicht anders denn als „jüdisch“ zu denken; Wucherer und Jude galten als Synonyme) mit dem Mythos vom Vampir statthatte, sich solcher Bezüge enthalten und das Loblied der Liebe gesungen – das hält denn auch die Zumutung aus, daß sich die Braut – Malvina – dem wackeren Aubry, welcher sich allzu schnell dem despotischen Vater Davenout angleicht, schlußendlich dann doch verweigert.

Von Rainer Bakonyi

25. Mai im akw! – Das neue Versammlungsgesetz

Eine politische Demonstration ist zunächst einmal eine furchtbar langweilige, unergiebige und entfremdete Angelegenheit. Der Gesetzgeber hat diesen Übelstand erkannt und trägt Sorge dafür, dass politische Demonstrationen in Zukunft eine noch viel langweiligere, unergiebigere und entfremdetere Angelegenheit werden sollen.

Nachdem seit neuestem die Länder für das Versammlungsrecht zuständig sind, konnte man sich schon denken, dass das neue Bayerische Versammlungsgesetz das reaktionärste ungefähr seit den Karlsbader Beschlüssen sein wird. Der vorgelegte Entwurf hat die ausschweifendsten Fantasien sogar noch übertroffen.

Die gute Nachricht soll man am Anfang bringen: die Versammlungsfreiheit von Stadtverschönerungsvereinen, Elterninitiativen, Friedensbündnissen oder Bauernverbänden ist nach wie vor gewährleistet. Auf der anderen Seite sind Vorkehrungen getroffen, den Feind/inn/en der Verfassung die öffentliche Versammlung jedenfalls deutlich schwerer zu machen.

Letzteres mag man, von einem zugegeben etwas ungewöhnlichen Standpunkt aus, sogar begrüssen: gibt es doch nichts alberneres, als zur Äusserung von Feindschaft gegen die Verfassung von einem bloss verfassungsmässigen Recht Gebrauch machen zu wollen. Und namentlich, wie schon erwähnt, nichts langweiligeres und entfremdeteres.

Die Demos von mehr oder weniger vielen mehr oder weniger schwarzgekleideten Personen mit mehr oder weniger sinnigen radikalen Parolen zu mehr oder weniger wichtigen Anlässen waren jedenfalls nie mehr als ein kümmerlicher Ersatz für wirkliche Unruhen, und es zeugt entweder von übermässiger Siegesgewissheit des Staates oder von blankem Realismus, wenn er meint, inskünftige dieser Form von Beschäftigungstherapie für auffällige Jugendliche nicht mehr zu bedürfen. Was von beidem genau: das herauszubekommen wird Aufgabe der radikalen Elemente selbst sein.

Der Entwurf des Bayerischen Versammlungsgesetzes bietet absurde Komik ebenso wie Anlass zum Nachdenken für alle die, die sich einer radikal linken Sache verpflichtet fühlen. Er bietet ausserdem, auch das soll nicht verschwiegen werden, Anlass zu begründeter Sorge. Es wird in Zukunft noch leichter werden, Protest zu kriminalisieren, und die Entscheidung darüber wird noch willkürlicher werden können. Auch wenn man die paar wirklich hirnrissigen Bestimmungen abzieht, die ohnehin der parlamentarischen Opposition zum Frasse vorgeworfen werden dürften (was dem Gesetz einen Teil seines humoristischen Wertes rauben wird), bleibt ein Monstrum übrig, das nicht nur die bisher schon repressive bayerische Praxis legalisiert, sondern sie ins völlig ungewisse hinein erweitert.

Kurz gesagt stellt die Staatsregierung die ernste und durchaus nicht unsachliche Frage, ob radikale Linke im Stande sein können, wie Kleintierzüchter zu demonstrieren, oder ob sie ihre Hinausdefinition aus der Legalität für eine Einladung zu neuen, vollständig irregulären (und etwas kreativeren) Formen der Äusserung halten müssen.

Dieser Frage versucht am 25.Mai 2008 um 19.00 Uhr im akw Herr Frosch nachzugehen, den wir als Referenten gewonnen haben. Herr Frosch lässt ausrichten, dass alle kommen sollen, dass aber eine Gesichtkontrolle am Einlass stattfinden wird und dass Kartenspiel oder Geschrei während des Vortrags nicht geduldet wird. Kaffee gibts wenn, dann nur aus einer Thermoskanne, und Essen muss man wahrscheinlich selber mitbringen.

Privacy Enhancing Techniques

Linkliste von Qassim Störtz

Es ist sinnvoll, den folgenden Adressen, wo möglich, jeweils https:// statt http:// voranzustellen. Damit bekommt man eine SSL-verschlüsselte Verbindung zur Seite.

Mailverschlüsselung

GPG
Windows: http://gpg4win.de
Mac: http://macgpg.sourceforge.net
Ubuntu: vorinstalliert

GPG-Plugin für Thunderbird http://enigmail.mozdev.org

Verschlüsseltes Chatten

Windows (s.a. Plugin unten) http://miranda-im.org
Mac: http://adiumx.org
Ubuntu: pidgin, vorinstalliert

Jabber benutzen, soweit möglich; ICQ nur noch mit dem OTR-Plugin:

OTR-Plugin für miranda http://scottellis.com.au

Verschlüsselung (Partitionen, Loops, Festplatten, Verzeichnisse):

Truecrypt: http://www.truecrypt.org
OSXCrypt for Mac: http://www.osxcrypt.org

Filesharing

Grundsätzlich sog. Filehoster benutzen, verschlüsselte -> Rar-Archive benutzen, Klarnamen für Dateien vermeiden

Dateiverschlüsselung

Rar:
Windows: http://www.winrar.de
Mac: http://unrarx.sourceforge.net
Ubuntu: http://www.rarlab.com

Vidalia/Tor http://vidalia-project.net
http://torproject.org

Plugin für Mozilla http://torbutton.torproject.org

Baustellen:

Freenet http://freenetproject.org
Gnuneth ttp://gnunet.org
I2P http://i2p.de

Für Fetischisten:

Phantomix http://phantomix.ytternhagen.de
Anonym.OS http://sourceforge.net/projects/anonym-os

Hahaha

Neues vom Keil

Der Monolog des Huoberbauern aus dem Bauernvergewaltiger: Jetzt auch in einer arabischen Fassung, vorgetragen vom erstaunlichen „Dr.“ Samir Geagea.

Staatsfeind Nummer 1: Der Sprayer, oder: warum Kunst nichts taugt und was „öffentlich“ bedeutet

Der deutsche Staat hat gegenüber der EU die Tabakwirtschaft einmal mit der denkwürdigen Argumentation verteidigt, ein Verbot der Tabakwerbung verstosse gegen die Freiheit der Meinungsäusserung. Gemeint war die Meinungsäusserung der sogenannten freien Presse, welche beeinträchtigt wäre, wenn sie nicht mehr durch Tabakwerbung finanziert würde.

Damit ist alles über die Freiheit der Meinungsäusserung gesagt. Gehen wir nun zum nächsten Thema über. Deutsche Behörden haben den denkwürdigen Versuch unternommen, Sprayer mit Helikoptern zu verfolgen. Nichts ist zu dumm, um das höchste Gut der Moderne vor Kontamination zu verteidigen: den grauen Beton, der schliesslich den ganzen Dreck zusammenhält, strukturiert, und, mehr noch als das, symbolisiert.

Im Jahre 2005 änderte der Reichstag das StGB, weil es nicht mehr akzeptabel erschien, das Sprayer bis dahin nicht wegen Sachbeschädigung bestraft werden konnten, wenn sie keine dauerhaften Schäden an Gebäuden hinterliessen, sondern nur „deren Erscheinungsbild“ veränderten. Wiederum ein denkwürdiger Vorgang. Hörte man den Reden zu, die diesen Staatsakt begleiteten, konnte man zum Schluss kommen: Graffiti sind eine gesellschaftliche Gefahr ersten Ranges.

Auffälligerweise sind Grafitti dagegen heute Nichts. Die Orte, wo Grafitti legal aufgebracht werden können, überzeugen durch ihre nichtssagende Langeweile, der man ansieht, dass sie pädagogische Projekte sind, dazu verdammt, an Buntheit mit dem Beton selbst zu konkurrieren; und die illegalen beschränken sich schon längst auf Tags und andere grafische Geruchsmarken, deren Inhalt in ihrer stumpfen Existenz liegt: in der blossen Bestätigung ihrer Urheberschaft, hierin nicht unähnlich denjenigen Hiphop-Kapellen, welche in vollem Ernst über nichts anderes reden als über ihre eigenen skills, welche sich in dieser Rede allerdings auch schon erschöpfen.

Grafitti als Ausdrucksform sind, wie es aussieht, in einer ernsten Krise. Das einzige, was auf dem Beton noch blüht, gleicht dem Beton selbst; das einzige, was ausgedrückt wird, ist die Unfähigkeit, auszudrücken. Die Sprachlosigkeit, nicht die Helikopterstaffeln machen den Graffiti den Garaus.

Zu anderen Zeiten, und wer will ausschliessen, dass auch wieder andere Zeiten kommen, waren Grafitti einmal ein Mittel der Kommunikation. Der Beton konnte, gegen seinen Willen, als Tafel zweckentfremdet werden; aus dem Mittel der erzwungenen Stummheit konnte eines der Sprache gemacht werden. Der Angriff auf die Sprayer meint womöglich genau diese Möglichkeit: nicht eine vergangene Opposition, sondern eine künftige. Die Helikopterscheinwerfer suchen dann nicht mehr die Tagger, sondern schon uns.

Der leblose Beton, den sie verteidigen, ist der steinerne Garant versteinerter Verhältnisse und die konkret gewordene Gewalt, die die Einzelnen von ihresgleichen trennt. In den heutigen Städten sind die Menschen wirklich zu verlassenen, verächtlichen, geknechteten Wesen geworden.

Die Städte, in denen wir leben, sind menschenfeindlich. Mit solchem Erfolg hat die Herrschaft in den 30 Jahren der siegreichen Konterrevolution gearbeitet, dass jede Spur der Bedürfnisse der Einzelnen aus dem öffentlichen Raum zurückgedrängt ist; eingesperrt in entlegene, aus den Städten fast ausgelagerten Nachbarschaften; die Stadtteile nach Funktionen säuberlich getrennt, arbeiten einkaufen schlafen.

Auf den Strassen der Innenstädte ist heute am allerwenigsten eine „Öffentlichkeit“ zu finden; sie sind von allem entleert, was irgend ein Mensch brauchen könnte. Die Insassen der Stadt sind in die Aussenviertel verbracht; ein Zentrum, gar mit einer „kommunikativen Funktion“, gibt es nirgends mehr, am allerwenigsten in den Zentren.

Die Kontakte sind aufs zulässige beschränkt, die Gefahr unkontrollierter Begegnung der all zu vielen gebannt, in festen Händen das konzentriert, was die Bürger einmal „Öffentlichkeit“ nannten. Die Wahrheit der freien Meinungsäusserung, das ist die monopolisierte Presse; die Wahrheit der urbanen „Öffentlichkeit“, das ist der Beton.

Jedes Aufbrechen der versteinerten Verhältnisse setzt deshalb die Kritik dieser „Öffentlichkeit“ voraus, die nichts ist als ein gewaltsamer Ausschluss; ihre Voraussetzung ist die praktische Kritik des Betons.

Seit den 1990ern vollstrecken einige Graffiti-Künstler das Verdikt der Repression, dass der „öffentliche Raum“ der Herrschaft gehört und nicht den Einzelnen, indem sie die Strasse verlassen und in die Ateliers gehen. Damit sind sie ihren wenigen Kollegen draussen voraus, die noch die Anerkennung von Graffiti als Kunst fordern; denn bereits Kunst machen zu wollen heisst die Voraussetzung jeder Kunst akzeptieren, nämlich dass das Proletariat von den allen Mitteln des Ausdrucks getrennt ist.

Eine kollektive und anonyme Kunst wäre keine Kunst mehr, sondern bereits der Ansatz zu ihrer Überwindung. Unter dem Regime des Betons kann sich eine solche Kunst in der Fase ihrer Selbstaufhebung aber nicht auf ästhetische Applikationen auf dem Beton beschränken, sondern ist nur denkbar als Angriff auf den Beton, das heisst als Sachbeschädigung. Die geistlose Repression behält Recht gegen den bürgerlichen Einwand der Freiheit der Kunst, weil Kunst als Kunst schon, von jeher, ja gesagt hat zur Herrschaft. Die Revolte, oder das Atelier. Ein Drittes gibt es nicht.

Dabei sind die Städte, und hier vor allem die Avantgarde der Langeweile, die Provinznester, schon derart gebaut, dass jeder anderweitige, den menschlichen Bedürfnissen entsprechende Gebrauch ausgeschlossen zu scheint, und damit die Möglichkeit ihrer Zweckentfremdung, weil überhaupt nicht klar ist, zu welchem vernünftigen Zweck diese Monstrositäten denn in Gebrauch genommen werden sollen. Das Proletariat kann die heutigen Städte nicht einfach fertig in Besitz nehmen und für seine eigenen Zwecke in Bewegung setzen; das ganze Gefüge dieser Städte muss zerbrochen werden, und zwar hinsichtlich jeder einzelner seiner Funktionen.

Merkwürdige Klugheit des Feindes, zu ahnen, dass er mindestens Helikopterstaffeln nötig haben wird. Wenn solche Klugheit doch auch den unseren gegeben wäre.

Jörg Finkenberger

Letzter Hype Party

Flyer

Wer nicht kommt: Kommt nicht!

xyeahx und der letzte hype präsentieren eben diesen:

Am Freitag den 16.November 2007 in der akw! Kneipe.

Was ist das?

http://der-keil.org/wueterror.mov

Wir haben einen Gewinner

Zu unserem Annoyed-Rätsel in der Ausgabe #2 schrieb uns Daniel P. aus W..:

„aloha….

die „nie wieder deutschland“ lp ist von annoyed aber nicht von denen, sondern von einer würzburger combo aus den 80ern. hab sie vor ein paar jahren leider verscherbelt, punkrockgott i. sollte allerdings noch ein exemplar sein eigen nennen!

cheerio dope“

Danke, Daniel W. Dass die Annoyed von damals mit den Annoyed von heute nicht identisch sind, war uns bekannt (wie gesagt), nicht aber, wer noch eine solche Platte hat.

Ein Abonnement für Daniel P. aus W. auf Lebenszeit, meine Damen und Herren.

Der befreundete Gesangsverein

Der Keil führt sein neues Stück auf:
Die Bienen
Am Freitag und Samstag im Theaterensemble.
Nähere Infos auf der Homepage des Keils

Sing it so they hear: Let’s let this world know we were here!

Kein Konzertreview

I. Das allgemein verständliche ist nichts als ein Haufen Banalitäten, weil vom wirklich wichtigen längst nicht mehr gesprochen werden kann. Es wäre gar nicht verständlich. Verständlich ist eine Aussage der allgemein gebräuchlichen Sprache nur, soweit sie verallgemeinerbar ist; soweit sie also bereit ist, dasjenige zu verraten, dem sie eigentlich zum Ausdruck zu verhelfen hätte.

Denn das wirklich wichtige wäre die verborgene Wahrheit der Vereinzelten, das schmerzlich Lied ihrer Zerrissenheit und ihrer Sehnsüchte, ihrer Ängste und Finsternisse. Das, was als Kommunikation gilt, besteht aber gerade darin, davon abzusehen, was bloss die Vereinzelten betrifft. Ihnen ist die Sprache nicht sosehr geraubt als vielmehr nie gegeben; für das, was zu sagen wäre, ist die Sprache dieser Gesellschaft feindlich besetztes Gebiet.

Nach der Logik dieser Verhältnisse muss nun in der Tat über das geschwiegen werden, worüber nicht gesprochen werden kann. Uns kann es aber nur darum gehen, das zur Sprache zu bringen, worüber nicht länger geschwiegen werden kann.

Angesichts einer derart dehumanisierten gesellschaftlichen Vernunft ist jede halbwegs bewusste und widerständige Handlung, die das vereinzelt menschliche nicht verraten will, gezwungen, den Charakter einer Chiffre anzunehmen. Jeder Versuch, das auszudrücken, was verschwiegen werden soll, muss der allgemeinen Vernunft unverständlich, rätselhaft bleiben: um so schlimmer für die Vernunft.

Es kann dabei gar nicht entscheidend sein, ob sich dabei, auf einer noch nicht von der Gesellschaft in Beschlag genommenen, untergründigen Ebene des Verschwiegenen eine Gemeinsamkeit der Vereinzelten findet; entscheidend ist allein, sich nicht mehr dahin tyrannisieren zu lassen, an jede Handlung und noch an jeden Gedanken den Masstab anzulegen, ob er vor dem Gericht einer so widerlichen Ordnung der Dinge für vernünftig erkannt werden werde.

Eine solche bewusste und widerständige Handlung nannte Breton surrealistisch. Knochenfabrik drückten es lapidar dahingehend aus: „Wer mich so sieht, wird mich nicht mehr verstehn“. Kommunikation, die heute noch etwas von Belang ausdrücken will, muss in diesem Sinne surrealistisch sein.

Diese Kommunikation existiert, unter dem viel missbrauchten Namen Poesie, schon lange. Die Poesie führt nun allerdings eine vom Leben der vielen Vereinzelten getrennte Existenz, selber nur geduldet im Refugium der Kunst. Die Befreiung der Poesie, die Zerstörung ihres Käfigs und ihre Inbesitznahme durch die Massen, deren wahrhafter, aber vorenthaltener Ausdruck sie doch ist: das wäre, kurz skizziert, das situationistische Projekt der „Revolution im Dienste der Poesie“.

II. Poesie ist der Name, unter dem von dem gesprochen werden kann, worüber nicht länger geschwiegen werden kann. Sie war deshalb immer nahe dem Wahnsinn verwandt. Im letzten ist Poesie nicht anders möglich als in der vollständigen Auflehnung; die Revolte ist die erste und letzte und einzige Poesie. Niemand kann Ducasse und Rimbaud missverstehen. Baudelaire hat aus dem Gedächtnis ein Bild des verfemten Blanqui gemalt.

Wie das singende Glas zerspringt, wenn man seine Eigenfrequenz trifft: so muss man eine untergründige Verbindung fordern, welche die Trennung überwindet. In den Dingen schläft, wie die Romantiker glaubten, ein geheimes Lied. Man muss ihnen ihre eigene Melodie vorsingen. Man muss vollständig poetisch sein. Man erfüllt dadurch ein unabweisbares Bedürfnis der Massen.

Ein früher gebräuchlicher Name für das, was wir als Poesie bezeichnet haben, war Punk. Dieses Wort hat seine Bedeutung in dem Masse verloren, wie sich die Idioten seiner bemächtigt haben. Es gilt, immer und unter allen Umständen, gegen solche Beschlagnahme sich zur Wehr zu setzen mit allem, was zu Gebote steht.

Eine etwas lange Einleitung, um über ein Konzert zu reden, zugegeben.

III. Die sämtlichen Reviews, die an Paper Chase hervorzuheben wissen, dass die Texte zwar ziemlich seltsam seien, aber die Musik wenigstens fetzt, sind ganz offenbar von Idioten verfasst. Das Publikum, das auf solche Weise für dumm verkauft wird, ist selbst offenbar abgestumpft genug, um ein Konzert zu verlassen im selben Zustand, wie sie es betreten haben.

Immerhin, und das ist eine Hoffnung, nicht abgestumpft genug, um es nicht zuerst inmal betreten zu haben.

Paper Chase faszinieren. Die wenigsten stellen sich noch die Frage, warum etwas fasziniert; das ist eines der Male, die diese Welt an uns hinterlassen hat. Man hat sich von der vielen bedeutungslosen Musik sogar abgewöhnt, nach den Texten zu fragen. Man hat sich abgewöhnt, eine Bedeutung zu erwarten, weil man die Hoffnung aufgegeben hat, etwas von Bedeutung zu hören zu bekommen.

Die Texte von Paper Chase sind enttäuschend. Sie handeln vom Wahnsinn. Von grundlosem Hass. Vom grundlosen und nicht mitteilbaren Drang, andere zu erniedrigen. Von den beraubten Individuen im letzten Zustand ihrer Isolation, wo sie nichts mehr haben als den höhnischen Triumf, dass der Mensch für den Menschen das verächtlichste Wesen ist. Der letzte verzweifelte Aufschrei einer Menschlichkeit, die keine Wirklichkeit hat.

Paper Chase errichten vor unseren Augen ein bizarres Universum, in dem die Menschen sich genauso unbegreifliche Dinge antun wie im realen, nur ohne den Trost jener sogenannten Vernunft, die in der realen Welt den Einzelnen ihr Tun mit einer falschen Rechtfertigung vergoldet. Was sie sich antun: Mord und Verstümmelung, nichts anderes, und als Antrieb die begründete Furcht, spurlos gelebt zu haben. „Come hell or high water, this sick world will know I was here“.

In der Welt dieses Alptraumes, von dem Paper Chase handeln, leben wir. Dass uns kein Leben eingeräumt ist als das, was wir uns gegenseitig antun, macht den Alptraum so seltsam vertraut. Der Schrei aber danach, nicht spurlos unterzugehen, der auch unser Schrei ist, begründet unwiderleglich die Möglichkeit, das das Grauen ein Ende haben wird.

Hier beginnt eine Poesie, die nicht mehr verständlich sein wird für die, die gelernt haben, nicht mehr zu wissen, was aus ihnen gemacht worden ist.

Und eine Musik, die nichts mehr mit den Sparten gemein hat, in die gezwängt Musik harmlos geworden ist. Nichts ist hier noch harmlos. Vielleicht ein Teil eines neuen Anfangs, wer weiss.

(1) Zur Abgrenzung von Bretons Parole vom „Surrealismus im Dienste der Revolution“, der Erklärung seiner Unterordnung unter die entfremdete Logik der linken Politik.

Jörg Finkenberger

The Sicksteez are high and tight

„Du siehst , dass alle gleich aussehen. Alle haben die gleichen T-Shirts an. Alle folgen genau meinen Anweisungen. Das war eine krasse Erfahrung.“

steez
Das Meer des deutschsprachigen HipHops erlebt stürmische Zeiten. Ab und zu schlägt es große Wellen, denn die See ist seit Jahren rough und die Wogen glätten sich selten. Ungeachtet aller Stürme gleitet ein ruhiger Dampfer namens Sicksteez seit Jahren durch den Rap-Ozean. Während Andere längst Schiffbruch erlitten, gleiten Frank Sidata und PhiloPhilta weiter und unaufhaltsam über tiefgründige Beats.
Der Name Sicksteez steht seit vielen Jahren für eigenständige Musik aus dem Herzen der HipHop-Kultur. In Zeiten, in denen Straßen- und Gangsterrap einen Großteil der Plattenreleases im deutschsprachigen Raum ausmachen, blieben sich Philo und Frank stets treu und entwickelten ihren ganz eigenen Stil. Mal tiefgründiger, mal straighter Rap, aber niemals plump oder peinlich. Zwei Plattenreleases, „Kein Plan“ und die „Key-EP“, haben die beiden bereits hinter sich und diesen Herbst wird ihr erster Longplayer mit dem Namen „High&Tight“ erscheinen. Daher traf ich die Jungs in Philos Bude, in der sich gleichzeitig auch ihr Aufnahmestudio befindet.

Ich würde gerne ein wenig auf eure musikalische Entwicklung zu sprechen kommen. Eure erste Platte, Kein Plan, war „Straight-Forward-Rap-Musik“. Die Key-EP und auch Philos Beats vom Recyclin‘ Plastic Tape waren viel melancholischer. In welche Richtung wird das kommende Album gehen?

Philo: Ich denke das Album wird beides sein. Ich denke mal es ist ein Album das wirkliche Albumlänge hat. Daher wird es nicht so sein wie bei der „Key-EP“, die nur langsame Beats hatte. Es sind einige Sachen dabei die eher wieder zurückgehen zum straighter Rap.

Frank: Die Key-EP war einfach die Frage: Wer ist das? Der Key! Es war einfach ein persönliches Ding. Zwei Solotracks von ihm und von mir die sehr tief gingen. Das Album hat beides, wobei es eher straighter Rap nach vorne ist.

Philo: Der Fokus wird wieder auf dem klassischen Rap-Ding sein. Es sind ein paar nachdenkliche Sachen darauf, aber der Großteil werden klassische Representer-Dinge sein.

Wo wir gerade bei Reise sind, ich habe auf eurem Myspace-Account einen Track gehört der Plemplem hieß. Er beschäftigt sich mit der Tendenz von HipHop in Deutschland. Daher würde mich eure Meinung interessieren von der Richtung, in die Rap aus Deutschland gesteuert ist. Gerade vom Street- und Gangsterrap Ding. Lasst ihr euch davon beeinflussen?

Philo: Also man muss sagen Plem ist schon relativ alt. Bei der Anfangszeile mit „ihr seid die Coolsten“ kann man sich ja schon denken auf was sie anspielt. Daher war der Track vor der Aggro-Berlin-Welle. Da waren wir gerade im Airport als wir die Vorgruppe von der Sekte waren. Das hat uns schon ein bisschen beeinflusst. Für mich zumindest war dies ein krasser Gig. Du siehst, dass alle gleich aussehen. Alle haben die gleichen T-Shirts an. Alle folgen genau meinen Anweisungen. Das war eine krasse Erfahrung. Im Endeffekt würde ich aber sagen, dass wir davon nicht viel mitbekommen. Es ist auch nichts, was uns groß in unserem Leben beschäftigt. Ich bekomme hier nicht mal MTV. Vielleicht erzählt mir Frank mal davon wenn er irgendein Video sieht. Wenn ich sowas mitbekomme höre ichs mir klar an, weil ich Rap mache, aber es ist jetzt nicht so, dass ich jetzt in die Läden gehe und mir die ganzen neuen Sachen anhöre nur um auf dem neuesten Stand zu sein. Bei Ami-Rap ist es etwas anderes, weil man da schon noch guckt und genau weiß aus welcher Richtung Sachen kommen die mehr taugen. Da ist auch eine ganz andere Vermarktungsstruktur da. Dadurch kommen Sachen an mich ran. In Deutschland ist es so, dass es klar gute Sachen gibt, aber die bleiben uns leider verschlossen.

Ich bin als Rap-Kiddie durch die B-Hof-Jams auf euch aufmerksam geworden. Damals hatte eine echte Rap-Szene einen Bezugspunkt durch den B-Hof oder dann Pauls Boutique. Würdet ihr in Würzburg heute von einer aktiven Rap-Szene sprechen? Fühlt ihr euch zu dieser zugehörig oder macht ihr eher euer Ding?

Philo: Man kennt sich klar. Auf der anderen Seite gibt’s viele die man vielleicht vom sehen kennt und die auch was machen wollen, von denen mans aber gar nicht mitbekommt. Gerade weil es nicht mehr diesen Bezugspunkt gibt wie früher den B-Hof oder Pauls Boutique. Es ist daher auch nicht mehr der Zusammenhalt und Bezugspunkt da wie früher.

Frank: Szene an sich gibt’s keine. Es gibt eine Szene, die besteht aber aus den einzelnen Aktivisten. Es gibt also kein Zusammenspiel. Das ist auch der Grund warum wir unser Ding machen und der Rest macht sein Ding. Die traurige Geschichte ist, dass sich dann ein Szeneevent im Netz abspielt, in dem alle Freunde sind und alle geadded sind aber man sieht sich halt nie. (Anmerkung: die Seite www.myspace.com/wuehiphop ist gemeint) Da wird man dann auch aufmerksam auf Leute, von denen ich mir dann Sachen anhöre und denke: Guck mal da drauf Philo, da geht was! Von Leuten die man noch nie gehört und gesehen hat. Es kommt auf jeden Fall was nach aber es ist jetzt nicht so, dass es noch einen Punkt für die Szene gibt an dem man sich trifft und an dem diese Einheit da ist.

Ich kenne noch von früheren Tracks den Bezug auf CSU und Polizei in Würzburg. Stört euch das Überwachungsklima in Würzburg nach wie vor oder habt ihr euch damit arrangiert?

Philo: Ich denke mit der Zeit arrangiert man sich irgendwo. Klar ist es hier deutlich anders als in anderen Teilen Deutschlands. Das kriegt auch jeder mit der von woanders kommt und Wü besucht. Hier gibt’s einfach verdammt viel Polizei. So ist es einfach. Kann man gut oder schlecht finden, aber es gehört zu Würzburg. Man gewöhnt sich daran. Ich fühle mich nicht besonders überwacht.

Euer Album wird wieder an den altbekannten Stellen zu erwerben sein? Monophon, H20?

Frank: Ja klar, aber diesmal auch über hiphopvinyl.de.

Habt ihr noch ein letztes Statement am Ende des Interviews?

Frank: Herbst 2007! We‘re high and tight! Kaufen!

>> Checkt
www.ironcore.info
für mehr Infos über die Sicksteez.