Archiv der Kategorie 'das wetter'

argh.

Welch entspannender Tag im Hugendubel in der Innenstadt:

Gefolgt von dem hier:

Dafür aber das hier gesehen und mich doch noch ein wenig gefreut:

Ach und wer Zeit hat (nicht so wie der Leiter des Kulturressorts des Letzten Hypes) aber kein Geld wie der Prakti, meldet sich halt da:

Arghhh. Schrecklich.

Ordnung, Disziplin und Lagerfeuerromantik

Aufgrund von drastischen Kürzungen in der kommenden Print-Ausgabe (14b/15) werden wir einige (auch längere) Artikel lediglich online veröffentlichen. Es folgt ein Gastbeitrag.

Ordnung, Disziplin und Lagerfeuerromantik
Katholische BootCamps in Unterfranken

Als vor einiger Zeit die Medienöffentlichkeit auf die neofaschistische Jugendorganisation
Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) aufmerksam wurde, war das entsetzte Erstaunen groß. Berichte über Sommerlager im Stil der HJ und die neofaschistische Indoktrinierung von Kindern machten genauso die Runde wie Bilder von uniformierten Kindern, Fackelzügen und „Führerbunker“-Zelten. Nach anhaltender Berichterstattung ist die HDJ mittlerweile verboten. Keineswegs unbemerkt von der Provinzöffentlichkeit, vielmehr mit deren Wohlwollen aufgenommen fühlen sich hingegen seit Jahrzehnten Jugendlager in Unterfranken, die zwar aus einer gänzlich anderen ideologischen Spielrichtung des Bürgertums kommen, nämlich dem Katholizismus, deren gesellschaftliche Funktion aber die gleiche ist: Brutale Disziplinierung und Einbindung von Kindern in sexistische und rassistische Kategorien. Die Rede ist von Zeltlagern, die jahrjährlich von Jugendorganisationen des Katholizismus, namentlich vor allem den Ministranten, abgehalten werden. Dort erfahren Kinder ab dem Grundschulalter, abgeschieden von jeglicher Rest- Zivilistation, bei Lagerfeuerromantik Disziplin, Ordnung und Drill. Im folgenden soll ein Aussteigerbericht dokumentiert werden, der die Geschehnisse in diesen Lagern treffend schildert:

>> Die Teilnehmer eines Ministranten-Zeltlagers sind in der Regel zwischen 8 und 20, in Ausnahmefällen bis 25 Jahre alt. Sie organisieren die Lager selbst, theologische sowie organisatorische Hilfe bekommen sie dabei von der Pfarrgemeinde als auch dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Die Lager finden oftmals in den Pfingstferien, einer Jahreszeit, die von sehr unsteter, nass-kalter Witterung geprägt ist, auf Wiesen oder Waldlichtungen fernab jeder Rest-Zivilisation statt. Diese Abgeschiedenheit ist bereits Teil des reaktionären Programms. Im Zeichen der Lagerfeuerromantik wird so ein naturwüchsiges, anti-modernes Leben idealisiert.
Errungenschaften der Unterhaltungselektronik sind während des Lagers genauso verboten, wie Kommunikation zur Außenwelt und Duschen. Vielmehr wird sich bei militaristischen Spielen „amüsiert“: Inszenierte und gewünschte Schlägereien, bei welchen die Konstruktion maskuliner Stärke nur einen ihrer vielen Ausdrücke auf solchen Lagern findet, gehören genauso zum
Programm, wie Tagesmärsche und der sog. nächtliche Überfall. Dabei versuchen befreundete Jugendorganisationen die Zelte des Lagers einzuwerfen und die zuvor im Stile einer militaristischen Zeremonie gehisste Lager-Fahne zu stehlen. Verhindert werden soll das durch die Aufstellung von Kindersoldaten, die verängstigt in stockfinsterer Nacht Wache halten müssen, und dem kämpferischen Eingreifen älterer Lagerteilnehmer, deren heldenhafter Einsatz ihnen Ehre und Ansehen in der Lagergemeinschaft einbringt. Dabei wird den Kindern spielerisch die Idealisierung eines kriegsähnlichen Zustandes und militärischer Riten nahe gebracht. Zur Lagerfeuerromantik des Lagerlebens gehören selbstredend auch gemeinsame Liederabende am Lagerfeuer. Aus einem vorgegebenen Repertoire an Liedern wünschen sich die Lagerteilnehmer ihre Lieblingsstücke. Die Wahl fällt dabei oftmals auf sexistische und/oder rassistische Lieder, die auch gerne mehrmals am
Abend gesungen werden. So wird in einem beliebtem Lied die Vergewaltigung eines Mädchens/jungen Frau am Donauufer glorifiziert. Ein anderes handelt von angeblichen „Negeraufständen in Kuba“, bei welchem die „Neger“ als brutale, Weiße massakrierende Kannibalen dargestellt werden. Die Lieder werden so oft gesungen und ihre Melodien sind so eingängig, dass ich sie selbst heute nach Jahren noch auswendig singen könnte. Kinder im Grundschulalter werden so unterbewusst mit rassistischen und sexistischen Kategorien vertraut gemacht, Ältere können dabei ungestört ihren Ressentiment freien Lauf lassen.
Eine weitere Form der Disziplinierung von Kindern und Jugendlichen bei Ministranten Zeltlagern sind Abhärtungsrituale. Die schon erwähnten Dauermärsche, die fester Bestandteil der Lagerwoche sind, finden bei jedem Wetter statt. So marschieren die Kinder, unabhängig ihrer körperlichen Verfassung und Vermögens, sowohl bei frühsommerlicher Hitze als auch bei klirrender Kälte, Regen und Hagel von Morgens bis Spätabends über Feldwege. Eine Freistellung wird nur in Ausnahmefällen gegeben. Eine andere Form der körperlichen Abhärtung stellt der allmorgendliche Morgensport- und Waschritus dar. Direkt nach dem Weckruf, der gegen 7:30 Uhr erfolgt, gilt es sich zum Morgensport aufzustellen. Die Teilnahme daran ist verpflichtend. Danach gehen die weiblichen Lagerteilnehmer in ein Waschzelt, während der männliche Teil sich unter freiem Himmel bei kältesten Temperaturen oberkörperfrei mit eisigem Wasser waschen müssen. Wer diesem Ritual nicht nachkommt muss mit Disziplinierungsmaßnahmen rechnen, die bis zur brutalen Zwangswäsche gegen den Willen des Einzelnen führen. Keine Beachtung finden natürliches Schamgefühl vor der öffentlichen Entblößung oder Angst, sondern werden als Schwäche und
fehlende männliche Härte diskreditiert. Kernstück der Disziplinierungs- und Konditionierungsfunktion der katholischen BootCamps ist eine ausdifferenzierte Hierarchie, die sich sowohl in zwischenmenschlichen Beziehungen per se gleichgestellter Mitglieder vor allem in Formen des Mobbings zeigt, als auch in der Ausübung offizieller Ämter. Mobbing, ein gesamtgesellschaftliches Problem, tritt bei den abgeschotteten Lagern der katholischen Jugendorganisation in besonderer Härte auf, weil, analog zu Geschehnissen in Kasernen, die Opfer hier zum einen keine Chance haben ihren Peinigern aus dem
Weg zu gehen, zum anderen sich das Mobbing mit den Erlebnissen der offiziellen Hierarchie verzahnt. Diese definiert sich in erster Linie durch Alter und Ansehen. Das Lager wird durch eine sog. Gruppenleiterrunde geleitet, der ein oder zwei Oberministranten vorstehen. Sowohl bei den Gruppenleitern als auch den Oberministranten handelt es sich um ältere und angesehene Ministranten. Deren Ernennung erfolgt intern durch Cliquenbeziehungen und ohne jede demokratische Legitimierung. Dazu kommen noch hierarchische Ämter während des Lagers wie den sog. Zeltleitern oder Leitern bei den Tagesmärschen, die sich allerdings mit den Gruppenleitern überschneiden können. Unter dieser kleinen Zahl an Führungspersonal steht die Masse der jungen Teilnehmern. Die skizzierte Hierarchie funktioniert als System absolutem Befehl und Gehorsams. Den Anweisungen der Gruppenleitern ist Folge zu leisten. Darüber hinaus gibt es appellähnliche Aufstellungen, sowohl zu festgelegten Uhrzeiten als auch bei dem Trillerpfeifenton der Lagerleitung.

Am deutlichsten und brutalsten tritt die Disziplinierung der jungen Lagerteilnehmer durch Hierarchie jedoch beim bereits erwähnten Waschritus als auch beim gemeinsamen Essen auf. Während des Essens darf der Tisch nicht verlassen werden. Kindern, die ihren Harndrang (noch) nicht entsprechend kontrollieren können, werden so brutal zu absoluter Disziplin erzogen. Ebenso ist es Pflicht seinen Teller leer zu essen. Keine Rücksicht genommen wird auf Sättigung oder
Ekelgefühlen. Weigerung wird nicht akzeptiert, und zieht nur größere Aufmerksamkeit auf sich. Letztendlich muss der Teller leer gegessen werden, was bis zum Brechreiz durchgesetzt wird. Beide Regelungen erfolgen offen und ausdrücklich mit dem Bestreben die Kinder zu Ordnung und Disziplin zu erziehen. Dabei spielen Ältere und höhergestellte Ministranten offen sadistisch ihre Macht aus. < <

Die hier dargestellten Geschehnisse müssen als Spiegel der gesellschaftlichen Realität begriffen werden. Diese steht dem Individuum als feindliches Umfeld gegenüber, das soziale Disziplinierung, Ausrichtung und Einpferchung vielleicht noch subtiler täglich erfahrbar macht.
Gehorsam, Disziplin und Ordnung, sind aber nicht nur deutscheste Tugenden, sie sind die absolute soziale Notwendigkeit einer totalitären Vergesellschaftung durch Arbeit. Eine Gesellschaft, die einerseits so umfassend auf das Individuum zugreift, ihm Härten abverlangt, in Kollektive presst und deren Glücksversprechen andererseits ein ums andere mal als himmelschreiende Farce erscheint, ist notwendigerweise auf innere Disziplinierung seiner Objekte angewiesen. Seit Kaiserszeiten übt das Militär als „Schule der Nation“ diese Funktion passend aus, mit Brandts Regierungserklärung «69 kommen folgerichtig auch die Bildungsanstalten als geeignete Institution zur Disziplinierung hinzu. Der dokumentierte Aussteigerbericht stellt die katholischen Jugendlager ebenfalls in diese Kategorie. Sie erscheinen als BootCamps, als Institutionen psychischer und physischer Disziplinierungsgewalt. Als Inbegriff Roland Kochs feuchtester Träume. Die soziale Funktion der Disziplinierung ist die Vorbereitung auf ein Leben als Objekt einer totalen Gesellschaft. Gemeinsam mit der Schule ist diesen Camps, dass hier auf jüngste Mitglieder der Gesellschaft zugegriffen wird. Durch Angst, Druck und Befehl und Gehorsam werden sie autoritär
sozialisiert. Das Produkt dieser Erziehung zum Gehorsam ist ein rassistischer, sexistischer, obrigkeitshöriger autoritärer Charakter. Ein Untertan im Mannschen Sinne, der nach Unten tritt und nach Oben buckelt, der sich in agressiven Kollektiven wohl fühlt, der die Obrigkeit nur kritisiert, wenn er das Kollektiv gefährdet sieht. Der bereitwillig und aufopfernd seinen Teil zum Wohl des Kollektivs beiträgt. In anderen Worten, und dem Schrecken der gegenwärtigen Tage geschuldet,
kšnnte man ihn auch einen ‚Schland‘-Fan nennen. Die katholischen BootCamps in Unterfrankens Wäldern und Auen sind also nicht nur Spiegel des barbarischen Zustandes der Gesellschaft sondern auch Vorbereitung auf die Hörten, die diese
Gesellschaft vom Individuum abverlangt. In ihrer sozialen Funktion der Disziplinierung des Einzelnen vereinen sie notwendigerweise beides, nach dem Motto:
„Disziplin und Gehorsam wirst du überall finden, mein Kind. Es ist also wirklich nicht schlecht sie in jungen Jahren zu erfahren.“ (1)

A to the Teo

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(1) Karl v. Medina

Kann man denn nicht mal mehr in Ruhe seine Bratwurst essen?

Es hätte alles so schön werden können. Die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen. Mein träger, unförmiger Körper lechzte nach irgendeiner Art von Bewegung. Selbstverständlich denke ich dabei nicht an sportliche Aktivitäten. Es ist das alte Dilemma, das meine Lust auf frische Luft schmälert: Der Winter ist mir viel zu kalt und der Sommer viel zu warm. In einer solchen Jahreszeit schließen mein Hunger und mein spärlicher Bewegungsdrang aber einen Kompromiss: Ich laufe ein paar Schritte. Dies ist gut für die Gesundheit, sagt man ja. Ich laufe zum Bratwurststand am Markt und esse ein paar Geknickte Mit Senf. Das macht satt, sagt man ja.
Es hätte alles so schön werden können. Wurde es aber nicht. Im Moment des Verzehrs der vier Bratwurstbrötchen, die ich zur Sättigung benötige, habe ich mir in den Jahren meinen eigenen Freiraum geschaffen. Alle Gedanken drehen sich in diesem Moment nur um das köstliche Schweinefleisch. Alle Sorgen existieren in diesem Augenblick für mich nicht. Die Welt steht still. Keine störenden Menschen, keine Politik, ich filtere alles aus. Lasse das Chi fließen. Es gibt nur mich und die Schweinsbratwurst. Manche machen Joga, ich verschlinge ein Stück Fleisch um meine innere Ruhe zu finden. Zwar war mir das Brötchen, das eine fettige geknickte Bratwurst in seinem Herzen trägt, wie immer vergönnt. Bei der zweiten Geknickten blieb mir aber die Wurst im Halse stecken. Durch meinen Raum der Idylle trampelte eine politische Demonstration. Mit einem Banner. „Ihr seid nicht vergessen!“ stand darauf. Ein Soldatengedenken zu Afghanistan. Viele Deutschlandfahnen. Alberne Korporierte. Der Aufmarsch kam einer Kriegserklärung gleich. Niemand, absolut niemand hat das Recht, mich beim Essen zu stören. Und schon gar nicht zu einem Thema, das weder mich noch den Rest der Leute an ihrem Einkaufssamstag interessiert. Am liebsten hätte ich laut geschrien, aber mein Mund war voll. Am liebsten hätte ich die Veranstaltungsteilnehmer vollgekotzt, aber dafür war mir das Essen zu schade. Ich kaufte hastig eine dritte Geknickte Mit und folgte dem Zug zum Vierröhrenbrunnen, um die Veranstaltung auszumischen.
Und genau hier wendete sich das Blatt. Auf der Schlusskundgebung am Brunnen lauschte ich den Worten des Veranstaltungsanmelders Torsten Heinrich und wurde nachdenklich. Nicht etwa, weil ich mich auf einmal für die Bundeswehr interessierte. Sondern weil mich die Rede von „Opferbereitschaft“ und „Solidarität“ an die vielen süßen Schweinchen erinnerte, die ich in den Jahren verschlungen hatte. Tausende Schweine, die für mich ihr Leben gelassen hatten. Und nie zuvor war ich ihnen so dankbar gewesen wie an diesem warmen Frühlingstag. Welche großes Opfer sie doch erbrachen, damit ich satt werde. Ich lauschte den Worten Herrn Heinrichs, doch in meiner Vorstellung sprach er zu den Schweinen, denen ich doch dankbar sein musste, dass sie mich stets satt gemacht haben. Und so nahm ich die Worte der Rede zwar wahr, aber dichtete sie in meinem Kopf für die Schweine um. Und auf einmal wusste ich, warum auch ich zu gedenken hatte:

Ich war hier, um ein Zeichen der Solidarität zu den Schweinen zu schicken. Solidarität nicht für die Schweine als solche, zu denen jeder anders steht, sondern Solidarität für ihre erbrachten Leistungen. Weit weg vom heimischen Stall, immer wieder unter Bolzengerätebeschuss im Schlachthof, außerhalb des Lagers durch verseuchtes Tiermehl oder die Schweinegrippe bedroht, befinden sich die Schweine und Eber in einer Ausnahmesituation, die wir uns am Bratwurststand kaum vorstellen können.Während ich morgens aufstehe und die Nachrichten bei einem guten Mettbrötchen lese, werden einige Kilometer weiter Schweine geschlachtet, damit ich sie essen kann. Während ich hier stand, waren viele unserer Hausschweine gerade in diesem Moment weit weg von zu Hause einer permanenten Bedrohung ausgesetzt. Diese sollen wissen, dass wir an sie denken, hinter ihnen stehen und sie in unseren Mägen bei uns sind. Sie sollen wissen, dass sie als Schweine, sie als Fleisch- und Wurstwaren mehr Rückhalt in der Gesellschaft haben als sie manchmal gezeigt bekommen, auch wenn ihr Einsatz heftig umstritten ist und von vielen Tierfreunden abgelehnt wird. Ob wir es wollen oder nicht, ob wir den Einsatz unterstützen oder nicht, die Schweine haben ihr Leben bei einem Einsatz gegeben, der in unserem Magen endete. Ungeachtet der Frage unserer eigenen Haltung, die Schweine gaben ihr Leben als Qualitätsfleisch der Bundesrepublik Deutschland. Sie waren Zuchtschweine, ja, doch das darf uns kein Grund sein, ihnen die Verantwortung ihres Schicksals zuzuschieben, erfüllten sie doch ihre Pflicht in unserem Namen, dem des hungrigen Bürgers. Im Namen aller deutschen Bratwurstesser.

Tränen kullerten meine Wange hinunter. Ich sang statt „ich hatt‘ einen Kamerad“, das auf der Trompete gespielt wurde, lieber „drei Schweine saßen an der Leine“. Es störte niemanden. Ich muss Torsten Heinrich danken, dass ich an seinem Gedenkmarsch teilnehmen durfte. Er bescherte mir einen der emotionalsten Augenblicke in meinem Leben. Daher kann ich nur danke sagen. Danke. Und quiekquiek.

Hunter S. Heumann

Olé, olé, Antideutschland, Antideutschland!

Ein Ausgehtipp:

Heute gehen wir in die Würzburger Innenstadt und schauen stolzen Deutschen beim weinen zu. Mit einem Lächeln auf den Lippen fotographieren wir die Fußballfans, die am meisten ihre Selbstachtung verloren haben. Ob potthässliches Outfit oder Trikot vollgekotzt: Alles muss heute auf die Linse.

Die besten Fotos werden, natürlich mit Balken vor den Augen, im Letzten Hype #15 veröffentlicht.

Wenn sie nur noch tanzen können, ist das keine Revolution

(hier wird ein Artikel aus dem letzten Hype Nr. 14 nachgereicht:)

Wenn sie nur noch tanzen können, ist das keine Revolution1
Von antideutschen Fanmeilen und dem Verlust der radikalen Lebenswirklichkeit

Raven gegen Deutschland. Hunderte zuckende Leiber scheinen den Text zu kennen, wippen im Takt, fühlen sich synthiewohl. Raven gegen Deutschland, an einem Ort namens Posthalle. Es ist interessant, wie sich die Zeiten ändern: Hätte man vor fünf Jahren ein Projekt wie Egotronic in das Autonome Kulturzentrum holen wollen, gewisse Leute wären in schallendes Gelächter ausgebrochen. Zu wenig Publikum, zu linksradikal, zu antideutsch, whatever. Heute veranstalten die selben Menschen, die damals das AKW zugrunde gerichtet haben, in ihrer Posthalle ein Festival mit- wie sollte es anders sein- Egotronic, samt ihrer FreundInnen vom Label Audiolith. Es scheint etwas passiert zu sein, das ich nicht ganz nachvollziehen kann: Linksradikales Parolenrufen wurde in den letzten Jahren zum Chique geadelt, hat die Autonomen Zentren verlassen und findet jetzt selbst an einem gottverlassenen Ort wie Würzburg statt, inklusive hunderter Kids, die die Texte in- und auswendig lallen können.

Be cool- be antideutsch. Es gibt keinen abgedroscheneren Werbespruch, der mir gerade in den Sinn kommt, um die seichte Elektrowelle zu beschreiben, die von Flensburg bis Fürstenfeldbruck Jugendliche in ihren Bann zieht. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass es sich bei diesem Phänomen um die Speerspitze einer neuen kritischen Bewegung handelt. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Wer tanzende Elektrokids beim Audiolith-Festival beobachtet, fühlt sich eher an das Grauen der deutschen Fanmeilen zurück erinnert. Und plötzlich schließt es sich nicht mehr aus, dass jemand „Raven gegen Deutschland“ ruft und in ein paar Monaten „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“2. Es besteht ein Zusammenhang zwischen einfach zugänglicher Elektromusik und einfach zugänglichem, alles nach plapperndem Publikum3. Würden Egotronic ihre bisherigen Texte durch die Zeilen von Alexander Marcus ersetzen, so würden sich wahrscheinlich nur die Oldschoolfans darüber ärgern. Und man kann noch so viele Versuche unternehmen, das Saufen und PEP-durch-die-Nase-Ziehen mit politischem Gehalt aufzuladen, es bleibt nichts anderes als Saufen und PEP-durch-die-Nase-Ziehen, Wirklichkeitsflucht und Enthemmung eben, wie sie größtenteils auch vom Rest der Bevölkerung dann und wann betrieben wird.

In dem Moment, als aus einer radikalen Richtung ein popkultureller Lifestyle wurde, hat auch das Label „Antideutsch“ voll und ganz seine Bedeutung verloren10. Popkultureller Lifestyle bedeutet nämlich: Man hat sich eingerichtet. Man bewegt sich unbeschwert in den Formen der Kulturindustrie, als ob die bürgerliche Gesellschaft eine Klaviatur sei, auf der man locker-leicht das Lied der Emanzipation klimpern könne. Man betreibt ein linksradikales Zine wie das Hate-Magazin, in dem sich gelangweilte GrafikdesignerInnen austoben dürfen, gibt eine ach so kreative Schülerzeitung wie „Straßen aus Zucker“ heraus 4und rezipiert ein wenig Adorno zur Steigerung der sexuellen Attraktivität. Nichts anderes ist dieser Lifestyle aber als die Flucht in eine wohlige Nische, in der es sich gut Leben lässt. Die Revolution kommt später oder nie, zuerst kommt das Projekt. Und egal wie viele Drogen man am Wochenende konsumiert hat, am Montag ist die Arbeitskraft wieder hergestellt, damit man in die Uni gehen kann, in der Uni lehren kann, in der Schule sitzen kann, im Betrieb schwitzen kann, in der Werbeagentur kreativ sein kann.

Ich weiß nicht, wie oft ich von Kids „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ gehört habe. Was wollen sie eigentlich damit legitimieren? Ist es das jämmerliche Leben, dass auch ihre 68er-Eltern führten und das auch sie führen werden? Der Gang durch die Institutionen, diesmal aber nicht mit der naiven Vorstellung, dass man diese von Innen heraus verändern könne, sondern mit der Überzeugung, dass es kein Vita Activa gibt, sondern nur die Einsamkeit der/der KritikerIn? Was die jungen AnhängerInnen des neuen postantideutschen Hedonismus5 eint ist die feste Überzeugung, dass die Revolution auf später verschoben werden muss und das emanzipatorische Begehren solange im Lustprinzip aufbewahrt werden muss, bis diese Gesellschaft in ein paar Jahrzehnten, in ein paar Jahrhunderten oder nie an ihren Widersprüchen zerberstet. Mir kommt es so vor, als müsse man sich an nichts mehr in ihrem/seinen Umfeld stoßen, weil ja kein richtiges Leben im Falschen gibt. Es ist die postantideutsche Lifestyleszene, die die Dialektik der Aufklärung nicht als Handbuch der Revolution gebrauchen kann, sondern zur persönlichen Erbauung nutzt.

Sie mögen damit glücklich werden, Kiddies die noch zur Schule gehen und bereits jetzt zu wissen scheinen, dass sie den Kommunismus nicht mehr erleben werden, einen postantideutschen Elektrolifestyle leben und ansonsten die Versuche, das Falsche im Falschen zu verhindern, verlachen. Schade ist es um sie nicht. Was linksradikal sozialisierten Kids abhanden kam ist die Ungeduld des revolutionären Begehrens6, eine radikale Lebenswirklichkeit, die sich an seinem/ihrem Umfeld und den Lebensformen, die die bürgerliche Gesellschaft anbietet, stößt, anstatt sie als notwendiges Übel anzuerkennen. Dabei ist die Frage zu stellen nach dem Ausgangspunkt der Kritik. Wozu betreiben wir Kritik? Zur Selbstvergewisserung, dass man die Gesellschaft verstanden habe, während die anderen Menschen auf der Linken Seite noch immer im Trüben fischten? Radikale Kritik, die mehr ist als das Jargon der akademischen Seminare, hat bei sich selbst und bei ihrer/seiner eigenen Lebenswirklichkeit anzufangen. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang von Lebenswirklichkeit und Kritik. Kritik taugt zu nichts, wenn hinter ihr nicht das Begehren steckt, das eigene geknechtete, unwürdige Leben hinter sich zu lassen. Die Einforderung des schönen Lebens, und zwar jetzt und sofort, ist eine notwendige Bedingung jeder Kritik, die in den letzten zwanzig Jahren aus dem Bewusstsein der Radikalen Linken scheinbar verschwunden ist. Wir wissen, dass die Theorie der Autonomen mehr als dürftig war. Die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen aber hat die Lebenswirklichkeit der Autonomen umwoben. Die Bank passt mir nicht, dann wird die Bank eben platt gemacht. Das Haus gefällt mir, also besetze ich es. Es geht mir hier nicht um die Glorifizierung von Bankenanzünden oder Freiraumkampagnen, sondern um die Einforderung der Revolution im Jetzt und Hier. Es geht um die empfundene Unerträglichkeit der Zustände, die mit einem Handeln verknüpft bleibt. Kritik, die nie als Erbauung diente, sondern zur Handlung trieb. Nahm die Verknüpfung von Lebenswirklichkeit und Kritik bei den Autonomen eher politische Formen an, hat es die Ungeduld der Punks gar nicht mehr nötig, als „Politik“ wahrgenommen zu werden: Kritik als Praxis muss nicht die Formen von politischen Kampagnen annehmen, sondern beginnt damit, dem Polizisten ins Gesicht zu rotzen oder mit dem Casio durch die sonst so leise Innenstadt zu ziehen. Diese Fuck-Off-Mentalität, das Begehren, den Kampf gegen diese Gesellschaft nicht nur auf einer kritisch-reflektierten Ebene zu führen, sondern gegen jede Einrichtung, die uns diese Gesellschaft anbietet, sei es die Familie, die Arbeit, die Klasse oder das Studium, ist dem trendigen postantideutschen Lifestyle fremd. Man sucht die Kritik stattdessen im Strobo, nimmt sich selbst zurück und verfällt der Lethargie, die den Linksradikalismus seit Jahren umgibt7.

Damit man mich nicht missversteht: „Wir wählen immer nur zwischen dem Falschen und dem Versuch, das Falsche nicht zu wiederholen und es wird in den bestehenden Verhältnissen nicht mehr als diesen nie zum Ziel gelangenden Versuch geben.“ Der Moment aber, in dem ich versuche, das Falsche nicht zu wiederholen, weist auf die Möglichkeit hin, mich eines Tages vom Ganzen zu emanzipieren. Er weist auf die Möglichkeit hin – sei sie auch noch so unwahrscheinlich- zu Handeln, einen Bezug zwischen sich und der Geschichte herzustellen. Die Gelegenheiten, in denen wir dennoch immer wieder die zum Scheitern verurteilten Versuche vollziehen, Dinge radikal zu verändern, verknüpfen uns selbst mit dieser Welt. Wenn der Quell der Kritik die Unerträglichkeit des eigenen Lebens ist, so muss sie zur Handlung treiben. Und wenn für eineN so genannteN KritikerIn jedes Handeln zum Scheitern verurteilt ist, dann hat sie/er bereits die politikwissenschaftliche Verkürzung akzeptiert, dass jegliches Handeln Politik sei. Die Lethargie des Kritikers ist die säkularisierte Form des Vita Contemplativa. Das Gegenteil dieser ist die Natalität des Menschen, „der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt“ (Arendt) und das Handeln erst ermöglicht. Die Überzeugung, als Mensch in die Geschichte eingreifen zu können, macht das Handeln zu emanzipatorischen Zwecken erst möglich.

Die Kritik ist kein Lebensgefühl, mit dem es sich gut Leben lässt, sondern die Unzufriedenheit mit dem hier und jetzt, dass dem Bestehenden produktiv zu schaden gedenkt. Für wen die Kritik nur aus akademischem Jargon und Lifestylehedonismus besteht, die/der hat den Bezug zur kommenden Revolte längst verloren. Die/der nimmt die Aufstände nicht einmal mehr wahr, die sich in den Banlieues von Paris oder auf den Straßen von Teheran abspielen. Statt die Unmöglichkeit der kommunistischen Revolution anzunehmen, stelle ich mich lieber ganz in die sich weiter vollziehende Geschichte und betrachte die stattfindenden Revolten auch als die meinen. Was, außer die unantastbare Überzeugung, dass diese Gesellschaft überwunden werden kann, sollte sonst mein Antrieb sein, Kritik zu betreiben?

Von Benjamin Böhm

  1. Dieser Text könnte auch Antideutsch für Deppen Teil 2 heißen. Die Drohungen und Schmäh-SMS, die mir nach meinem Antideutsch-für-Deppen Teil 1 vor mittlerweile fast drei Jahren geschickt wurden, habe ich als Erinnerung an den bayerischen Antifa-Kindergarten noch in meinem Handy gespeichert und kann immer noch herzhaft über sie lachen. Ich frage mich manchmal, was aus ihnen geworden ist, den Bauchantideutschen aus Ober- oder Unterammergau.[zurück]
  2. Danke an meine Mitmieter in der Zellerau! Diese haben mir zur EM abwechselnd durch Egotronic und „Schlaaaaand“-Rufe den Schlaf geraubt und mir erst verdeutlicht, dass beides zusammen möglich ist. [zurück]
  3. Kann man es der jugendlichen Fanbase wirklich verübeln, wenn sie die feinen musikalischen und textlichen Unterschiede zwischen den Partyatzen, der Musik für junge Leute mit Vergewaltigungsphantasien, und Frittenbude, nicht erkennen kann? [zurück]
  4. Ich habe schon interessantere Schülerzeitungen gelesen. Der emanzipatorische Gehalt eines Interviews mit KIZ bleibt mir bis heute unbekannt. [zurück]
  5. Es gilt hier zu betonen, dass dieser Text nicht dazu verwenden werden soll, im Namen von Internet-Antiimps als Kronzeuge gegen die Antideutschen zu fungieren. Die Antideutschen sind tot, und erbärmlich die geistigen Ausdünstungen der meisten ihrer einstigen RepräsentantInnen. Die antideutsche Kritik hat jedoch keinesfalls ihre Berechtigung verloren. Im Rahmen von linken Zusammenhängen lässt es sich aber wohl schwer vermeiden, dass ein Text wie dieser als Anklage gegen die Antideutschen verwendet wird, genauso wie Robert Kurz auch heute noch von den dümmsten unter den AntiimperialistInnen rezipiert wird. [zurück]
  6. Dieser Absatz macht eigentlich zwei Fässer auf, die nur bedingt miteinander in Verbindung stehen. Zum einen wird hier das kontemplative Element der antideutschen Kritik angesprochen. Zum anderen aber auch die Lebensflucht und Todesehnsucht, die hinter dem Selbstbild deren stehen, die man als postantideutsche RevolutionsverfechterInnen bezeichnen könnte. Justus Wertmüller hat darüber vor wenigen Monaten einen ganz lesbaren Text geschrieben. Es wird im Hype #15, noch einmal darauf zurückzukommen sein. [zurück]
  7. Gegen diese Ungeduld richtete sich bereits Lenin, als er den Linksradikalismus als Kinderkrankheit bezeichnete. Ich halte mich da lieber an den Genossen Herman Gorter. [zurück]
  8. Dieser Text wäre ohne die Gspräche mit Asok und Phil_Ill nicht möglich gewesen. Ich hoffe, ihr findet unsere damaligen geteilten Ansichten ein wenig in diesem Text wieder… [zurück]

Auch ein interessanter Beitrag (warum finde ich sowas immer so spät):

Das hier.

Solidarität mit dem Riot Dog!

„Was aber seine gut erzogenen Artgenossen in Deutschland auszeichnet, fehlt Louk völlig: Gehorsam und Disziplin. Aber dafür lebt er ja auch in Griechenland.“
Spiegel TV, scheiße Mann, dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Nie, nie, nie wieder Deutschpunk!

Ja, am Wochenende war es mal wieder soweit. Nazis marschierten durch Unterfranken, und die Antifas haben mal wieder ein wenig Sport getrieben.
Im Hype #14 wird es einige Reflexionen geben. Bis dahin müsst ihr Euch mit folgendem Text begnügen, den wir im Netz gefunden haben (auch wenn sich die Frage stellen lässt, ob die Produktion eines solch langen Textes die Mühe wirklich wert war):
Maifeuer.

Eure Yvonne Hegel

Griechenland

Die Krise frisst sich weiter, und es ist alles noch lange nicht vorbei, im Gegenteil, es fängt erst an. Was mit dem griechischen Staat passiert, ist nichts anderes, als dass die europäische Währungsunion, und damit die gesamte politische Verfassung dieses Weltteils, an den Nähten auseinandergeht.

Zwei Dinge darf man nicht vergessen, und diese zwei Dinge werden von der offiziellen Presse, wie es sich gehört, so selten wie nur möglich erwähnt:

1. Die gesamte innere Ausrichtung dieses Landes hier, Deutschland, beruht auf einer fast räuberischen Exportpolitik nach aussen und auf Disziplinierung nach innen. Die stagnierenden Löhne, die Überstunden, die Ausgliederungen, die Entlassungen, die Überstunden, das Zusammenstreichen bei Rente, Gesundheit und Arbeitslosenversicherung, die Exportweltmeisterschaft, die Panik um die immer hart zu haltende Währung, das Fehlen jeder Opposition, die das alles nicht noch besser, noch fleissiger, noch wettbewerbsfähiger machen will: alles das, was dieses fleissige Land so auszeichnet, und uns das Leben so schwer macht (und es geht noch weiter: die Harmoniesucht, das neue nationale Selbstbewusstsein, der Konformismus überall) haben aus diesem Land ein Monster an Produktivität gemacht, das aus jeder Krise immer nur mit einer neuen gemeinsamen Anstrengung herauswachsen will.

Und dieses Monster ist gewachsen, indem es die mitkonkurrierenden Nationen ruiniert. Deutschland ist in dieser Krise, wir haben es schon einmal gesagt, eine akute Gefahr für den Rest der Welt. Und die Disziplin und der Konformismus in diesem Land sind eine Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus, die aus ihrem Herzen auszurotten die Pflicht der deutschen Lohnarbeiterschaft gegenüber den Menschen in Griechenland und anderswo wäre.

Die offizielle und demokratische Linke hat solche Zusammenhänge vor 1o Jahren einmal gewusst, aber vergessen müssen, weil sie nicht antideutsch sein wollte, und die Antideutschen verstehen nichts von Ökonomie.

2. Die Griechen haben diese Krise nicht als ein von aussen kommendes Schicksal erlitten, sondern die Krise ist auch die Fortsetzung des griechischen Aufstandes. Ein nicht kleiner Teil des griechischen proletariats wehrt sich gegen die Disziplinierung und gegen die Unterwerfung, und tritt damit nicht nur direkt gegen den eigenen Staat und den Weltmarkt, sondern auch gegen die Dominanz Deutschlands, und gegen die erdrückenden Verhältnisse hier in Aktion. Das ist eine bewusste Entscheidung gewesen. Wenn Griechenland sich heute als unregierbar erweisen sollte, dann liegt das daran, dass die Aufständischen in Griechenland die Krise provoziert haben, d.h. eine Arbeit auf sich genommen haben, die wir als Aufgabe der revolutionären Kritik kennen.

Das allgemeine Schweigen der sogenannten Linken in Deutschland zu dieser Krise, und das Fehlen jeder Solidarität, lassen in Umrissen die nächste welthistorische Katastrofe sichtbar werden. So wie sie den iranischen Aufstand alleine gelassen haben, lassen sie den griechischen Aufstand alleine. Sie nehmen Partei für die bestehende Ordnung der Dinge, und bereiten die autoritäre Lösung dieser Krise vor. Aber heute muss jeder wissen, was das bedeuten kann.

Ein Sieg der Konterrevolution in Griechenland und im Iran bedeutet das Ende jeder Hoffnung auf Veränderung in unserer Zeit, das Ende der vielleicht letzten Chance (wenn es denn überhaupt noch eine gibt) für die Menschheit. Die griechische Krise rückt uns dieses Problem bedeutend näher, wenn auch vielleicht nicht seine Lösung: Nieder mit der Disziplin, dem Konformismus, dem Fleiss, nieder mit der nationalen Formierung, nieder mit der Ordnung, nieder mit Deutschland!

Zur Kritik der Langeweile II

In den vergangenen Tagen lösten die Ergebnisse einer dpa-Studie Bestürzung aus – in den Medien, der Politik und erst recht in unserer kleinen Arbeitsgruppe zur empirischen Erforschung der Langeweile in Würzburg (AG EEL). „Das Komatrinken unter Jugendlichen ist vor allem in mittelgroßen Städten verbreitet – besonders in Bayern“, lautet das ernüchternde Fazit.
Unsere Analysten stürzten sich umgehend auf die Datenkolonnen, schließlich ist neben der Videotheken-Rate der Koma-Index der wichtigste Faktor für die Messung der Langeweile. Es stellte sich allerdings heraus: Die Daten sind alles andere als berauschend. So finden sich unter den 15 komatösesten Städten neun bayerische. Bundesweiter Spitzenreiter ist demnach Bamberg, Hof liegt auf Platz drei, Nürnberg auf zwölf, Schweinfurt auf 13. Es wurden unsere schlimmsten Ahnungen vom Stand der Langeweile in Würzburg erneut empirisch bestätigt: Würzburg taucht in der Liste überhaupt nicht auf.
In unserem Institut meinten wir bis dato, in teilweise heftigen Beschwerden seitens der Polizei oder gewisser Bürgerinitiativen über jugendliche Trinker einen Hoffnungsschimmer für diese Stadt zu erblicken. Jetzt zeigt sich: Es waren schamlose Übertreibungen.

Ach, mit eurem ganzen Würzburg
Wird nie ein Mensch glücklich werden
Weil zu viel Ruhe herrscht
Und zu viel Eintracht
Und weil’s zu viel gibt
Woran man sich halten kann
(B. Brecht)

Down w/ Islamic Fascism! Diskussionsveranstaltung, hier: Mitschnitt

Einen Mitschnitt der Veranstaltung, auf der u.a. hype-Redakteur Jörg Finkenberger gesprochen hat, gibt es hier.

„Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht?“ (George b. Shaw)

Kaputt und zerstört, erniedrigt und beschmutzt, langweilig und angespannt, schon halb tot und trotzdem noch hier.

Es ist Abend, schon spät. Ich enttäuscht, sitze an meinem Schreibtisch. Denke an großes und kleines. Weiß nicht was ich machen soll.Weiß nicht was ich tun soll. Die Fliege, die sich in dem kleinen 8 qm Zimmer verirrt hat, lässt mich zu Anfang wahnsinnig werden. Eine kleine Stubenfliege. Nicht besonders groß, auch nicht so besonders klein. Nicht wie eine Essigfliege. Sie summt, entdeckt die letzte funktionierende Birne der Nachttischlampe als ihre Bühne. Sie tanzt. Zu so später Stunde. Eine Uraufführung ihres ersten Stückes, so sagt sie zu Beginn. Ihres vielleicht letzten Stückes. Und sie tanzt so, als wäre es ihr letzter Tag auf Erden. Und sie weiß es nicht. Sie kann es nicht wissen. Ich könnte einwirken, aber lasse es. Lass sie leben. Nun bewegt sie sich zu fantastischen Tönen des Sommers der Vierjahreszeiten von Vivaldi. Sie begeistert mich.Verbrennt sich nicht an der Lampe. Sie schwebt, eine verblüffende Leichtigkeit. Benimmt sich, als wäre es der letzte Tanz. Und ich?
Ich sitze hier, in einer gering beleuchteten Kammer vor meinem PC. Versuche über das World Wide Web Kontakte zu schließen, mich zu informieren, zu diskutieren, mein Leben zu planen und es gleichzei- tig weg zu schmeißen. Versuche mich abzulenken. Von was? Ich kann es nicht sagen. Sitze wie aber- tausende vor diesem Dreck. Probiere meine Nöte und Ängste loszuwerden – schaffe es nicht.An niemanden, vielleicht eine oder zwei Personen.Verachtend! Der Kontakt zur Außenwelt bleibt mir ver- wehrt. Kann mich nicht mehr artikulieren. Kann mich nicht mehr hören.Weiß nicht wo ich bin. Bleibe verwirrt. Und wenn doch, dann nur mit den „einzig wirklichen Menschen [,die für] mich die Ver- rückten [sind], die verrückt danach sind zu leben, verrückt danach zu sprechen, verrückt danach, er- löst zu werden, und nach allem gleichzeitig gieren – jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen, wie phantastisch gelbe Wunderkerzen, die gegen den Sternenhimmel explodieren wie Feuerräder, in deren Mitte man einen blauen Lichtkern zerspringen sieht, so dass jeder „Aahh!“ ruft.“1 Und wenn mir auch diese Momente der Verrücktheit noch so gut gefallen. So bleiben sie kein Dauerzustand. Es wäre zu leicht. Es wäre zu schwer. Wieso? – Ich kann es nicht sagen. Ich lasse nichts aus. Raste bald aus. Ich brenne, und nicht wie ein Osterfeuer. Sondern wie vier Flugzeugträger, drei Space-Shuttles und ein Würzburg 1945. Ich tue mir schwer. Kann dir und dir nicht sagen was ich für dich empfinde. Sei es Abneigung, sei es Zuneigung. Kann dich nicht so sehen wie du bist. Sondern nur wie durch meine stets verdreckte Brille von Fielmann.Werde meine Gefühle nicht los. Ich habe Angst, ein leben lang. Vermassele ich es wieder? Sollte ich mit dir reden? Sag mir es doch! Du bist so kompliziert. Ich bin so kompliziert.Wir – wer auch immer das ist – sind kompliziert. Ich kann es nicht verstehen. Ich handele nicht als ich.Vielleicht als wir.Wahrscheinlich wäre es prozentual auszurechnen.Vielleicht aber auch nicht.Warum nicht? Warum sind wir so schrecklich verklemmt. Kann nicht reden. Es ist nicht einfach. Ich verstehe es nicht. Komme damit nicht klar.Will dir etwas sagen, kann es nicht. Meine Zuneigung dir gegenüber äußern? Puhhh. Ich habe Angst.Weine. Ziehe mich zurück.Ablenkung. Finde mich wieder vor dem PC.Verstecke mich vor der Langeweile. Die Langeweile, die so schrecklich erdrückend ist. Die mich fertig macht. Die mir Kummer bereitet. Ein Leben lang. Bis auf, es verändert sich etwas. Ich kann nicht hoffen. Nicht so lange warten. Und die Aussicht ist so trüb!
Raste irgendwann aus. Zünde alles an.Verweigere mich allem. Und das werde nicht nur ich sein. Das werden wir sein! Wir, die Individuen und wir können tanzen. Die Ballnacht ruft! Nächte lang, wie diese Fliege vor mir.Wie diese, die so glücklich schwebt und summt. Ihres Lebenswillen hier ist. Und es wird noch davon berichtet werden.Von einem Tanz um die Welt.
So lasst uns die Platte sanft und vorsichtig zum Plattenspieler tragen. Die Boxen zur Straße. Und in einer unvorstellbaren Lautstärke, die die Welt noch nicht gehört hat, dass Lied der Tanzenden zum Tanze spielen. Tanzen und trampeln, bis die Beine vor Müdigkeit zurückschrecken und das Pflaster frei gemacht wird.Wir den Strand zu Gesicht bekommen. „Sous les pavés, la plage“. Oder wir werden konform.

Karl von Medina
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1 Jack Kerouac – On the Road

Interview mit dem Verschmutzer

1/3 Schnaps – 2/3 Bier

Adam B.(1) ist stolzer Verursacher von Kotze, Kot und Urin in der Würzburger Innenstadt. Er entschloss sich kurzfristig für ein Interview mit dem Letzten Hype. Adam B. studiert Soziale Arbeit an der FH Würzburg und sieht seine Taten als eine bittere Notwendigkeit. Das riecht nach Konflikt. Seit 3 Monaten mobilisiert die „Bürgerinitiative Würzburger Altstadt“ (BIWA), angeführt von dem Waffenladeninhaber Snickers – gegen die Verschmutzung und Eigentumsbeschädigungen, die in frühen Morgenstunden von Feiernden ausgehen.

F: Als Verursacher von Dreck und Lärm agieren Sie bereits seit geraumer Zeit. Was veranlasst Sie in die letzten Ecken der Innenstadt ihren Urin abzugeben, den eben eingeschmissenen Döner wieder loszuwerden oder dem Waffenhändler Snickers ein Präsent zu hinterlassen?
A: Was muss, das muss. Was raus muss erst recht. Wo wenn nicht hier, wann wenn nicht jetzt oder wieso erst jetzt? Das hätte schon viel früher passieren müssen. Ich sehe das als Akt zivilen Ungehorsams, gegen das Würzburger Spießbürgertum und im Speziellen das Urinieren an Geschäften eines Waffenhändlers als antimilitaristische Praxis.

F: Ihrer Antwort zu entnehmen sind sie ein politischer Mensch. Wieso vollenden Sie gerade ihre Taten bei Nacht und Nebel und hinterlassen keine Hinweise oder Forderungen?
A: Nein, ich würde mich nicht als politischen Mensch betrachten. Politik betreibt eben gerade die Bürgerinitiative. Ich hingegen bekämpfe nicht Wasser mit Wasser sondern mit Feuer. Politik ist eben nicht mit Politik zu bekämpfen. Aus diesem Grund hinterlasse ich auch keine Hinweise oder Forderungen, da die Tat einzig und allein für sich spricht.

F: Wie kann denn der Otto-Normal-Verbraucher erkennen, dass es sich bei der Kotze nicht um herkömmliche Kotze handelt, sondern um eine Art des Protests. Spricht man dann von einer Protest-Kotze?
A: Das soll er doch im ersten Moment gar nicht. Die meisten werden jetzt denken, es ist doch gar nicht so schwer so zu kotzen als ob man vom feiern käme, aber in Wirklichkeit habe ich fast ein halbes Jahr gebraucht bis ich die richtige Mixtur gefunden habe, die es mir ermöglicht die Kotze genauso aussehen zu lassen. Erfahrungsgemäß ist es wichtig, den Döner schnell in großen Happen zu essen, damit die Brocken, die ja später wieder raus sollen, möglichst groß bleiben. Diese Technik musste ich mir durch stundenlange Beobachtungen von Betrunkenen aneignen. Mittlerweile läuft es ganz gut.

F: Das Aussehen scheint eine große Rolle einzunehmen, aber wie bekommen Sie es denn so hin, damit das Erbrochene auch echtheitsgemäß riecht?
A: Dazu habe ich nach langem probieren die richtige Mischung gefunden. Ein drittel Schnaps, zwei drittel Bier (diese Mischung riecht ganz toll). Aber nicht nur der Duft ist ausschlaggebend für den Erfolg, sondern auch das Umrühren wie es beim Tanzen in der Disco geschieht. Dazu schlage ich kurz vor, dem eigentlichen Kotzakt schnell fünf Purzelbäume hintereinander um mir dann den Finger in den Hals zu stecken. Das ist ein wichtiger Faktor der selten beachtet wird.

F: Die Sperrstunde macht die BIWA zu ihrem Hauptthema. Wie gehen sie mit dieser Problematik um? Es scheint so, als beträfe sie diese gar nicht bzw. Sie machen diese nicht zu Ihrem Hauptanliegen.
A: Die Sperrstunde geht mir links am Arsch vorbei. Pinkeln und Kotzen kann ich so oder so. Doch wenn die Sperrstunde eintreten sollte, werde ich wesentlich mehr zu tun haben, da unwissentliche Unterstützter in Form von betrunkenen Feiernden wegfallen würden und ich deren Arbeit auch noch übernehmen müsste. Dazu trainiere ich jetzt schon dreimal die Woche um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Das zerrt zwar ganz schön an der Substanz, aber um das Notwendige zu tun muss man manchmal Opfer bringen.

F: Sie sprechen gerade so, als ob Sie in ihren Aktionen stets alleine zu gegen sind.
A: Ich arbeite generell alleine. Nehme aber einmal im Monat mit anderen Aktiven an einem Treffen teil um Methoden und Erfahrungen auszutauschen.

F: Vielen Dank! Noch ein letztes Wort an unsere LeserInnen?
A: Lasst uns pinkeln, lasst uns kotzen und dreimal von oben auf Würzburg rotzen!

Das Interview führten Asok und Karl von Medina
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1: Name von der Redaktion geändert

Zum Wert der Arroganz

10 Thesen zum Wert der Arroganz

1.Die Gegenwart wird durch die Ideologie der Postideologie bestimmt. Unversöhnliche Standpunkte scheinen nicht mehr zu existieren, jede Debatte wird zum Diskurs, der zum Konsens treibt.

2.Die Addition aller Debatten, die keine Unversöhnlichkeit kennen, nennt sich Postmoderne. In ihr vollendet sich die unbewusste Demut gegenüber dem Kapitalverhältnis.

3.Die Folge des Absterbens der Unversöhnlichkeit ist ein empfundenes Wir. Dieses Wir ist als verinnerlichte Ressource zu betrachten, an die in (ökonomischen) Krisenzeiten appelliert werden kann, um vereinzelte Menschen zu VolksgenossInnen zu machen.

4.Die Postideologie hat sich längst alle öffentlichen und privaten Debatten zu eigen gemacht: Was früher Authentizität oder Prinzipientreue war, wird heute als Arroganz bezeichnet und geächtet. Eine Diskussionshaltung, die nicht von vorne herein konsensual wirkt, kann wegen der postideologischen Deutungshoheit über die Begriffe als ideologisch gebrandmarkt werden, wobei die Ideologie des Kapitalismus unbehelligt bleibt.

5.Die Gegenwart hat die Fähigkeit verloren, Arroganz und Unversöhnlichkeit zu unterscheiden. Beide Begriffe sind ihrer einstigen Bedeutung beraubt und fallen zusammen.

6.Hochmut ist eine Haltung, die soziale Distanz verdeutlicht. Eine Gegenwart, die keinen Streit ohne Versöhnung kennt, strebt daher danach, die Arroganz als Feind des Friedens auszumerzen.

7.Anstand ist die zur Tugend erhobene Akzeptanz der Umgangsformen, die die Herrschaft des falschen Wir über das Ich möglich machen. Arroganz ist eine Haltung, die keinen Anstand kennt.

8.Wer als arrogant bezeichnet wird, verweigert sich der konsensualen, postideologischen Debattenkultur, in der jede Feindschaft zur Freundschaft werden kann, und Krieg zu Frieden wird.

9.Wer als arrogant bezeichnet wird, kann als VerneinerIn des postideologischen Konsenses angesehen werden. Hochmütig vorgetragene Standpunkte nämlich stehen für sich selbst und für ihre Wahrheit, statt in der Beliebigkeit der postmodernen Wahrheiten zu verschwinden.

10.Arroganz ist daher keine negative Eigenschaft, sondern ein Prädikat, das sich der Selbstverneinung gegenüber dem Kollektiv verweigert und auf die Möglichkeit der Emanzipation hinweist.

Gruppe Arrogante KommunistInnen

Antifadebatte

Der Hype heißt (noch) nicht Phase 3. Trotzdem hier eine kleine Antifadebatte….

(So Gott will, wird der Hype 14 bald erscheinen. Da ich sehr ungeduldig bin, werde ich jetzt ein paar Texte aus dem Hype 14 hochstellen. So.)
Im Hype Nr. 11 formulierte ich einige Thesen über Scheitern, Konsequenz und Gebrauchswert des Autonomen Antifaschismus, die aber bisher nicht online gestellt wurden. Hier wird auf einige der Thesen geantwortet, was auch im Hype 14 nachzulesen sein wird. Wenn ich Lust darauf habe, werde ich im Hype 15 eine Antwort formulieren.
Anbei der Text über den Autonomen Antifaschismus aus der #11:

Thesen über Scheitern, Konsequenz und Gebrauchswert des Autonomen Antifaschismus

Totgesagte leben länger: Weder durch die rot-grüne Institutionalisierung des Antifaschismus ab 2000 noch durch die Spaltung der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite (AA/BO) scheint das Konzept der Autonomen Antifa als letztes popkulturelles Phänomen der radikalen Linken für Jugendliche seine Bedeutung verloren zu haben. Die folgenden Thesen sind eher an diejenigen gerichtet, die sich im Antifa-Umfeld bewegten und bewegen. Diskussionen über das Für und Wider des Konzeptes Autonome Antifa veranlassten mich, diese niederzuschreiben, um vielleicht auch in anderen Kreisen Debatten anzustoßen oder wenigstens, um ein paar Dogmatiker zu ärgern.

1.Das Konzept der Autonomen Antifa als Nachhall der autonomen Bewegung hat sich selbst ad absurdum geführt. Nicht die Vollendung der linken Staatswerdung durch die rot-grüne Regierung und die damit einhergehende Institutionalisierung des Antifaschismus, sondern die Unfähigkeit, Rassismus, Faschismus und insbesondere offenen und strukturellen Antisemitismus nicht als pathologische, sondern als aus dem Wesen der deutschen Gesellschaft selbst hervor kommende Erscheinungen zu begreifen, nimmt dem Autonomen Antifaschismus seinen Gebrauchswert als eines der letzten Milieus, in dem der Gedanke der Überwindung des Staates hauste und haust.

2.Das Zerbrechen der bundesweiten Organisationsversuche, insbesondere in Form der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Aktion (AA/BO), und die Konfliktlinie des Nahost-Konfliktes führten dazu, dass es heute nicht mehr möglich ist, von der Antifaschistischen Bewegung als Ganzes zu sprechen, geschweige denn, diese begrifflich zu fassen. Alle Versuche, den Begriff „Antifa“ als Kitt zu verwenden, um die Bewegung als Ganzes zu mobilisieren, ist lediglich der Versuch, die legitimen Brüche und Gedankengänge der radikalen Linken glattzubügeln und eine diffuse antifaschistische Bewegungslinke auf dem theoretischen Stand von 1989/90/91 zu erschaffen.

3.In Gegenden ohne offensiv in Erscheinung tretende Nazi-Szene ist das Label Antifa kaum mehr als eine Beschäftigungstherapie für gelangweilte Jugendliche. Antifa-Recherche und antifaschistischer Lifestyle in Form bestimmter jugendkultureller Symbolsprache haben natürlich in Regionen mit einer festen Neonazis-Struktur ihre Berechtigung. In gewisser Weise drückt sie aber in Gegenden ohne rechtsradikale Szene die Unfähigkeit der Antifas aus, eine radikale Kritik an der gesellschaftlichen Gesamtheit zu artikulieren. Durch die Fixierung auf den Feind Neonazismus meint man, ein klar auszumachendes Subjekt des falschen Ganzen gefunden zu haben, gegen das es zu kämpfen gilt, ohne sich gegen dieses Falsche Ganze selbst zu stellen.

4.Die zahlreichen Neugründungen von Antifa-Gruppen haben wenig mit einem neuerlichen Revival des klassischen Konzeptes der Autonomen Antifa zutun, sondern zum einen mit der Tatsache, dass aktionistische Jugendliche das Web 2.0. für sich entdeckt haben und es viel leichter geworden ist, durch Internet-Präsens seinen Freundeskreis als eine verfassungsfeindliche Gruppe namens Antifa XY hochzustilisieren, zum anderen mit der Kult-Werdung des Konzeptes Antifa und einem damit verbundenen ästhetisierten Militanzfetisch, der als bloße Drohung im Raum steht und sich somit zum Kitsch geriert.

5.Was Fragen von Geschlechterverhältnis und Sexismus angeht, ist der Autonome Antifaschismus sogar hinter die Autonomen der 80er zurückgefallen. Die Antifa blieb ein heterosexuelles Männerphänomen. Aus der vermeintlichen Präsenz von Stärke gegen die Neonaziszene wurde und wird nicht selten ein Fetisch von proletenhafter Virilität, und in Verbindung mit Alkohol wird aus Antifa-Freundeskreisen oftmals nichts anderes als ein aggressiver Männerbund.

6.Mit der Krise der Wertverwertung, besonders deutlich durch die dritte industrielle Revolution, verschwand nicht nur die klassische fordistische Arbeiterklasse als vermeintliches revolutionäres Subjekt der StaatskommunistInnen, sondern es verflüchtigte sich auch das links-bürgerliche Milieu samt seiner Lebensweise, aus dem ein Großteil der AntifaschistInnen stammen. Ob bewusst oder unbewusst, so stellen bestimmte „Ideale“, die in der Antifaschistischen Bewegung hochgehalten werden, nichts anderes dar als eine bürgerliche Krisenideologie, nichts anderes als den Versuch, das kleinbürgerliche Idyll gegen die aktuelle ökonomische Realität zu verteidigen, statt beide als Kehrseite der kapitalistischen Medaille zu betrachten. Beispielhaft seien zum einen der Versuch der meisten Antifas genannt, an der Universität Fuß zu fassen oder LehrerIn zu werden und somit fleißig am eigenen Hineinwachsen in den Staat zu arbeiten , zum anderen die Verteidigung der eheähnlichen bürgerlichen Zweierbeziehung und die damit einhergehende Ablehnung andere Formen von Sexualität, im schlimmsten Fall die pauschale Bezeichnung derer als sexistisch.

7.Wer sich heute noch autonomeR AntifaschistIn nennt, muss sich spätestens seit den Brüchen von 2000 bis 2003 bewusst sein, dass der Ausspruch „dieser Ort ist bunt!“ nichts anderes ist als der Schutzreflex der Heimatidentität, deren Klima den (Neo-)Faschismus selbst hervorgebracht hat. Im dem Moment, in dem sich auch Antifa-Gruppen an die Seite einer bürgerlichen Protestkundgebung stellen, die behauptet, die Region sei bunt, spricht sie zur Erhaltung der Kaffharmonie eine offene Lüge aus, noch mehr: Sie macht sich selbst zum Teil des gesellschaftlichen Klimas, aus dem heraus der Nationalsozialismus und Neonazismus entstanden.

8.Jede Gruppe, die sich in irgendeiner Weise antifaschistisch definiert und sich auf den Autonomen Antifaschismus bezieht, müsste die Kritik an strukturellem Antisemitismus und an Antizionismus mit einschließen, nicht ohne den Bruch mit jenen Linken, die den Kapitalismus auf der Grundlage von Verkürzungen kritisieren, die leicht an antisemitische Denkmuster andocken, zu scheuen. Die Unfähigkeit, das Gros der Bewegungslinken zu verlassen, hat viel dazu beigetragen, dass man die meisten Antifa-Gruppen als eine Art von militantem Arm des sozialdemokratischen Antifaschismus bezeichnen kann.

9.Genauso wie viele die kommunistische Kritik teilen, ohne sich mit den Überbleibseln des Staatsmarxismus als Bewegung zu identifizieren, müssen AntifaschistInnen fähig sein, den Kitt mit Namen „Antifaschistische Bewegung“, der nichts zu bieten hat als die Erinnerung an die 90er Jahre und der längst die historische Relevanz für KritikerInnen verloren hat, aufzukündigen. Einfach und allein aus dem Grund, um auf der Grundlage einer radikalen Kritik an den Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft wie Wert, Nation, Staat und Arbeit, die bereits im Autonomen Antifaschismus, aber in unklarer Form, enthalten war, das Projekt der Emanzipation voran zu treiben, statt Staat machen zu wollen.

Yvonne Hegel

Angst und Verzweiflung in Würzburg

„Wir sind der Meinung, dass in der Würzburger Altstadt seit einiger Zeit eine Unkultur des Lärms, der Verschmutzung und der Verrohung Platz greift.“ (Bürgerinitiative Würzburger Altstadt)

„Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.“ (Hunter S. Heumann, Grillanzünder ausverkauft)

Mich plagten Magenbeschwerden an diesem trägen Dienstagabend. Doch das Grummeln und Murren, dass unter den Bürgern dieser Stadt ausgebrochen war, übertraf das Wehklagen meines Verdauungsorgans bei Weitem. Eine Welle der Empörung über lärmende Jugendliche, urinierende Studenten und kotzende Marienkäfer war unter dem Plebs ausgebrochen. Und ausgerechnet heute, zum Termin dieser unterhaltsamen Versammlung in Rathaus, wollte ich mein Essen auch am liebsten wieder heraus brechen. Ganz tapfer schleppte ich mich dennoch in den Ratssaal, um der Aussprache über den „Zielkonflikt“ zwischen Gastronomie und Anwohnern der Innenstadt beizuwohnen, zu der der Herr Oberbürgermeister geladen hatte.
Die Ankunft im Ratssaal entpuppte sich als herbe Enttäuschung: Keine Lachshäppchen, kein Frankenwein, keine weichen Sessel mit Massagefunktion. Und keine Begrüßung mit Handschlag durch Herrn Rosenthal oder wenigstens durch irgendeine B-Prominenz der Linkspartei. Und die Kollegen der Presse saßen bereits weich in ihren Sesseln, ohne dass sie mir einen Platz vorgewärmt hätten. Na gut. Gezwungenermaßen nahm ich also auf der Empore Platz. Beim Blick in die Runde erblickte ich recht wenige sympathische Gesichter, zu denen ich mich gesellen wollte. Überall bedrohlich wirkende Würzburger, in deren Gesichtern der Zorn mehrerer Jahrhunderte Unterfranken gezeichnet stand. Das sympathischste Eck befand sich rechts des Rednerpultes. Hier roch es nach Tabak und Schweinsbraten. Die Männer hatten dicke Bäuche und wilde Bärte. Ohne Zweifel: Hier mussten die Wirte sitzen. Ich ließ mich nieder.
Im Vorfeld stellte ich mir die Versammlung wie folgt vor: Gastronomen und die Bürgerinitiative Würzburger Altstadt würden sich anschreien, ein kurzes Handgemenge, am Ende würde sich Bernd Mars zur Volkstribunen ausrufen lassen und das wehrhafte Bürgertum mit Waffen ausstatten. Es kam ganz anders. Herr Oberbürgermeister Rosenthal ergriff das Wort. Unter anderen Themen, die mich nicht weiter interessierten, gehe es heute über den „Zielkonflikt“ Wohnen vs. Gastronomie. Rosenthals Stimme klang sanft, aber bestimmt. Dabei immer sichtlich bemüht, die aufgebrachten Menschen zu beruhigen. Ob der Bürgermeister ebenso wie ich fürchtete, dass der Plebs heute nacht noch zu einem brandschatzenden Mob werde, der Imbissbuden plündere und Tankstellen, die noch immer Branntwein verkauften, abfackele? Ich weiß es nicht. „Es ist nicht so, dass die Stadtverwaltung nicht handelt.“ Man habe ein engmaschiges Informationsnetz gebildet, jeder Vorfall werde dem Ordnungsreferat mitgeteilt. Mein Magen rumorte. Sollte das Ordnungsreferat schon morgen früh wissen, wohin ich mein Mittagessen gespuckt haben werde? Ein furchterregender Gedanke, wahrlich. Und dann entpuppte sich Rosenthal als ein Mann der politischen Visionen, die doch in einer Zeit, in der viel geredet, aber nichts gesagt wird, so fehlen. Es werde immer Zielkonflikte geben, wir müssten aber „ein anderes Miteinander organisieren“ in dieser Stadt. We need a change. Ein neues Bewusstsein. Rosenthal: Wird er als Mann der großen Utopien Würzburg, vielleicht aber auch die deutsche Sozialdemokratie, erretten?
Nun sprach Ordnungsreferent Kleiner. Die schwarzen Schafe in der Gastronomie seien bekannt. Man werde die Kontrollen verstärken. Und noch mehr: die Wirte scheinen unter Bewährung zu stehen. Denn in den nächsten Wochen stünde die Gastronomie unter besonderer Beobachtung, gegen jede Störung würden rechtliche Schritte unternommen werden. Ein Würzburg mit noch mehr Kontrollen? Wie viele Polizisten und Ordnungsdienste will man denn noch zu Tode langweilen? Ich malte mir kurz aus, wie eine Bürgerwehr des Schreckens in den Straßen patrouilliert, mir mit einer Peitsche das Pils aus der Hand schlägt und mich zum Lachen in eigens dafür eingerichtete Keller schickt.
Als nächstes sprach Polizeidirektor Ehmann und legte die schockierende Statistik auf den Tisch: Im Vergleich zu 2008 gab es 48 Ruhestörungen mehr! 48! Und dass in einem Jahr ohne Fußballweltmeisterschaft! Ich kenne Menschen, die in einer Nacht 48 Ruhestörungen verursachen könnten. Ganz alleine und ohne Mittäter. Vielleicht sollte ich meinen Freundeskreis wechseln. Aber das ist eine andere Geschichte. Als Herr Ehmann ankündigte, man werde in Zukunft vermehrt Fußstreifen einsetzen, setzte zum ersten Male an diesem Abend ein spontaner Applaus ein. „Wir wollen berittene Polizei!“, fauchte ein Mann neben mir. Wo, zur Hölle, saß ich hier? Die Menge wirkte auf mich immer furchteinflößender, morastiger, blutrünstiger. Hier und da vollzogen sich spontane Wutausbrüche. Eine Frau mittleren Alters mit einer an sich schönen Handtasche stotterte etwas, von dem ich lediglich „Studenten“ und „Frechheit!“ verstand. Eine bedrohliche Situation. Zum Glück war ich kein Student, sondern freier Journalist und PSI-Forscher, aber würde mir das der Mob glauben?
Endlich begann der vielversprechendste Teil der Versammlung: die Wortmeldungen des Publikums. Für einen erlebnisorientierten Jugendlichen wie mich waren diese eine herbe Enttäuschung. Kein Geschrei, keine Prügelei und verdammt noch mal keine Lachshäppchen. Wobei ich auch froh sein kann, dass es so ruhig blieb: Wer weiß was passiert wäre, wenn die Stimmung in Saal umgekippt wäre? Vielleicht hätten mich schlaflose Bürger als potentiellen Ruhestörer ausgemacht, mich in ihre mittelalterlichen Keller gezerrt und mich dort mit glühenden Eisenstangen bearbeitet? Zurück zum Thema: Nach einigen eher unwesentlichen Wortmeldungen ergriff endlich eine Person das Wort, deren Tonfall auch endlich so hysterisch klang wie die Wortwahl der Bürgerinitiative. „Ham sie schon mal den Inneren Graben gesehen?“ fragt Frau R. „Es ist furchtbar!“ Sie klagt über Müll und Ratten. Eine Frau, die den Würzburgern anscheinend aus der Seele spricht. Und wieder ertönt dieser spontane Applaus, der mit Angst machte. Große politische Visionen können Zorn in Zuversicht verwandeln. Und Hass in Liebe. Daher spricht Herr Rosenthal auch hier vom Change. Vom neuen Bewusstsein, dass uns alle betrifft. „Jeder kehrt vor seiner eigenen Haustüre.“ Jeder ist mitverantwortlich, dass die Straßen sauber bleiben. Yes, Wü can!

(Im Übrigen: Yes-Wü-Can-T-Shirts gibt es für „saugünstige“ 14.50 € beim Udo an der Theke. Aber das ist ein anderes Thema)

Was darf bei keiner Diskussion, die die deutsche Volksseele betrifft, fehlen? Richtig erraten, die Junge Union! Peter Schlecht ergriff das Wort für diese. Als erstes forderte er statt einer Verlängerung der Sperrzeiten mehr Toilettenhäuschen und Mülltonnen. Löblich. Ich fordere dagegen Spätsupermärkte, Gewalterlebniszonen und mehr Kneipen mit durchgehend warmer Küche. In der Welt, wie sie sich Peter Schlecht vorstellt, herrscht Ordnung: Er wohne schon sehr lange in der Innenstadt. Aber er sei nicht ein einziges Mal in der Innenstadt kontrolliert worden. Hat er das wirklich gerade gesagt? Eine als Aussage getarnte Forderung, ohne erkennbaren Grund des Nachts kontrolliert zu werden? Die Welt, die sich Peter Schlecht im Kopf ausmalt: ich wage nicht einmal zu erahnen, was da so in den Träumen der jungen Politikanten vorgeht. Und dann kam sie doch tatsächlich noch, die Forderung, dass private Bürgerdienste zum Wohle der Ordnung eingesetzt werden. Die Bürgerwehr also. „Ich habe die schönsten Momente nachts erlebt“, schloss Herr Schlecht seine Rede. Auch ich habe die schönsten Momente nachts erlebt. Aber zum Glück ohne die Bürgerwehr. Und ohne Peter Schlecht.
Eine tiefe, sonore Stimme erschütterte meinen Magen. Er sprach: Bernd Mars. Von der Bürgerinitiative Würzburger Altstadt (BIWA), der Hüterin von Zucht und Ordnung, der Rächerin der Entrechteten. Würde Bernd Mars nun seine Kandidatur zum Bürgermeisteramt bekanntgeben und getragen von einer Welle des Applaus‘ die Rebellion des Volkes ausrufen? Es kam anders. Herr Mars bemühte nicht das Jargon der Bildzeitung, dass die BIWA bisher an den Tag gelegt hatte. Konkrete Forderungen wurden dargelegt: Er wolle keine Disko am alten Kranen, sondern einen runden Tisch wie in Heidelberg. Was auch immer dieser runde Tisch in Heidelberg sein mag. Doch Herr Mars ist nicht nur ein Aktivbürger, sondern auch ein Mahner, das moralische Gewissen dieser Stadt. Es handele sich um ein gesellschaftliches Problem. Das Problem seien die jungen Leute, die „Vorglühen“, und „Party haben wollen“. Es gelte die Missstände auszumerzen, schloss Herr Mars seine Rede. Ein kalter Schauer fuhr mir über den Rücken. Wenn zornige Bürger vom Ausmerzen reden, fürchte ich das Schlimmste. Was oder gar wer soll hier ausgemerzt werden, und wie? Diese Frage lässt Herr Mars offen. Die BIWA- sie wird uns noch das Fürchten lehren.
Dann war das Schauspiel irgendwann zu Ende. Sperrzeiten, Diskolizenzen, Fußstreifen, Bürgerwehr. Irgendetwas bedrohliches vollzieht sich in dieser Stadt. Irgendetwas unheilvolles geht in Würzburg vor. Es wird nicht nur mir Magenschmerzen bereiten. Guten Appetit!

Hunter S. Heumann

Studentenbewegung abschalten!

Es ist nur noch peinlich, es ist nicht mehr zum aushalten. Fast jeden Tag „witzige Aktionen“, sie haben wirklich nichts verstanden. Wollt ihr euchjetzt endlich eurer Haut wehren, oder wollt ihr es bleiben lassen? Wollt ihr die Tretmühle abschaffen, oder wollt ihr es nicht? Eure Aktionen verraten es: sie hat euch längst abgeschafft.

Sich tot hinlegen („die freie Bildung ist tot!“)! „Free hugs!“ Bildungsmärchen! „BOLOGNAise!“ „Uni räumen!“ FUCK!

Ja, oder nein, zur Uni, zum Fleiss, zur entfremdeten Wissenschaft, zur Arbeitsteilung, zum Standort, zu Deutschland. Und weil ihr zu schwach seid, nein zu sagen, frisst euch euer „ja mit Einschränkungen“ auf, und ihr habt es verdient. Mit dem Teufel wettet man nicht. Und dass ihr zu bekloppt seid, das zu verstehen, das wissen ja wir, aber damit es alle wissen, deswegen habt ihr eure Aktionen.

Wenn man keinen Geschmack hat, und keinen Verstand, aber dafür genug Frohsinn, denn man für „Kreativität“ hält, und wenn man derart stumpf ist, solche Aktionen für „witzig“ zu halten, und derart unbeleckt, solche Kalauer von 1987 für „mal was neues“ – Herrgott, dann soll man es halt machen, aber bitte, bitte, bitte:

: verschont mich damit! Das Gefühl der Fremdpeinlichkeit, und die Scham, solche Trottel wie euch einmal fast, aber auch nur fast, für satisfaktionsfähig gehalten zu haben, bringen mich um.

Auf der anderen Seite: wir alle wissen, dass man solche Anfälle von biederer „Kreativität“ wie diesen auf, wie es unser Hunter S. Heumann ausdrücken würde, einer Arschbacke absitzen kann. In einem halben Jahr ist das vergessen, und ihr furzlangweiligen Existenzen verausgabt euren funkelnden Humor wieder darauf, wo er herkommt, und macht eine witzige Präsentation für eine verschissene Seminararbeit, von der ihr nicht einmal ahnt, dass sie euch eigentlich genausowenig interessiert; weil euch überhaupt nichts interessieren kann. Ihr seid, und bleibt, Studenten, und wollt, zu eurer Schande, auch nichts besseres sein.

Ich erfriere lieber eines Tages unter einer Brücke, als auch nur einen weiteren Tag eine von euch zu sein.

Herzlichst:

Evi Schmitt

Zur Kritik der Langeweile

Einer wissenschaftlichen, endlich einmal echt empirischen, Kritik der Langeweile in Würzburg gelten von jeher unsere Anstrengungen. Eine dankenswerte Unterstützung unserer Theoriearbeit erfuhren wir in der vergangenen Woche durch ein Blättchen aus Hamburg. Eine „Landkarte der Langeweile“ erstellten die Kollegen, wobei sie den Grad der Langeweile interessanterweise anhand der Videotheken-Rate bestimmten: „Die Kraft, die einen in Videotheken treibt, ist die Langeweile“. Wie zu erwarten kommt auch diese Studie zu dem Ergebnis, dass Würzburg die langweiligste Stadt Deutschlands ist: „Ganz vorne liegen Städte, die popkulturell eher unauffällig sind: Würzburg, Fürth, Oldenburg, Hagen, Hamm“.

Iran

Es ist weitergegangen, und es geht immer noch weiter. All zu lange wird es nicht mehr dauern. Ab diesen Sonntag sind die unseren im Iran kein jagbares Wild mehr, sondern stellen selbst dem Jäger nach.

Am Sonntag (Ashura) haben vor allem die mittleren Schichten gekämpft. Die Arbeiterschaft wird es sich mit Interesse angesehen haben. Sie wird ihren Teil beitragen.

Ab jetzt sollte man sich, was den Iran betrifft, offiziell über nichts mehr wundern.

Bis man in Europa aber soweit ist, zu revoltieren, das wird noch eine Weile dauern. Und namentlich die Deutschen werden nie revoltieren, wie uns zur Zeit eindringlich die Studenten vorführen, unter denen noch niemand ausgelacht worden ist, der für sein Land streiten möchte.

Wie wahr

und wie treffend:

Besetzung des Audimax Würzburg

Man kann den übriggebliebenen BesetzerInnen des Audimax nur wünschen, klüger zu handeln, als gestern Nachmittag: Eine Besetzung ist ein Akt des Ungehorsams, gegen den sich die Mehrheit zur Wehr setzen wird, und vor allem die Mehrheit der StudentInnen.

Wenn man als BesetzerInnen ernst genommen werden will, dann sollte man sich nicht, wie heute geschehen, von WirtschaftswissenschaftlerInnen aus dem Hörsaal vertreiben lassen.

Kuscheln war vorgestern.

Intro 13

Wir dürfen sie herzlich zur 13. Ausgabe des Letzten Hypes willkommen heißen und ihnen auch gleich einen redaktionellen Neuzugang vorstellen: Zum ersten Male haben wir einen Unipraktikanten eingestellt, der sowohl im redaktionellen als auch im Layoutbereich mitwirken wird: Klaus von Medina studiert im dritten Semester Neuere Demagogie und asoziale Arbeit an der Universität Eichstätt und wird für seine Arbeit bei uns mit keinem Cent entlohnt. In den nächsten zwei Jahre wird er v.a. Kaffee kochen, Sojasteaks braten und unsere Homepage betreuen. Bereits in dieser Ausgabe finden sie einen Artikel unseres jungen, engagierten und unglaublich gut aussehenden Praktikanten.
Klaus muss im Moment im alten Infoladengebäude schlafen, wo es keine Heizung gibt und es nach pisse stinkt. Wenn ihr eine Wohnung für ihn habt, so meldet euch doch bitte unter letzterhieb@gmx.de.
Was hat die Redaktion den Sommer über getrieben? Hunter S. Heumann trieb es zu Recherchezwecken nicht nur in die Zellerau, sondern er unternahm auch eine Wanderung nach Greußenheim, wo man Elektrozäune, Bäume mit hübschen Vornamen und Olivenhaine bestaunen kann. Es sei jedem Menschen mit Unternehmungslust empfohlen, eine Wanderung um das Gut Greußenheim zu unternehmen, um sich das Mahnmal gegen Intoleranz und Ausgrenzung anzusehen, riesige Kreuze und Engelsstatuen zu bestaunen und sich von Jeeps aus Neu Jerusalem verfolgen zu lassen. Auch Urlaubsvideos werden für sie unentgeltlich auf Überwachungskameras aufgenommen. Schlonzo der Geachtete hat im September eine Ausbildung zum Ranger absolviert und weiß jetzt, wie man Feuer mit Stöckchen macht oder man einen Rhönbären erlegt. Sebastian Loschert dagegen hat nicht nur selbst Unfug getrieben, sondern auch den von anderen bestaunt: Er schrieb in der JungleWorld Nr. 38 einen Artikel über Jürgen Elsässers Volksinitiative.
Und was macht eigentlich Rainer Bakonyi? Nach der letzten Ausgabe fragten uns viele Menschen, ob es denn nun keine Kochkolumnen mit Rainer Bakonyi mehr gehen werde. Hmm, ja, das ist eine längere Geschichte, denn Herr Bakonyi war ein wenig eingeschnappt, nachdem Hunter S, Heumann behauptet hatte, dass Herr Bakonyis Gerichte zum Kotzen schmeckten. Es wird der Stimmung in unserer Redaktion nicht zuträglich sein, dass Jörg Finkenberger in dieser Ausgabe mit seiner „Kotzkolumne“ erneut die Kochkünste Herrn Bakonyis durch den Kakao zieht.
Wir wünschen Ihnen nun viel Freude beim Lesen unserer neuen Ausgabe. Für wütende Reaktionen stehen wir Ihnen weiterhin gerne zur Verfügung.
Für immer ihr
Letzter Hype

P.S: Eine kleine Geschichte noch: Wir haben im Frizz gelesen, dass jemand eine Frau sucht, um sich „physisch und psychisch“ auf die Zeitenwende 2012 vorzubereiten, denn da geht ja laut Maya die Welt unter ( Laut Nostradamus ging die Welt übrigens gerade eben schon wieder unter). Was wir uns jetzt fragen: Wie bereitet man sich bitte physisch auf die Zeitenwende vor? Springt man Fallschirm und bleibt möglichst lange im freien Fall, um während des Herabsinkens in ein Schwarzes Loch nicht ohnmächtig zu werden? Stellt man bereits jetzt seinen Speiseplan auf Lichtnahrung um, um während der Apokalypse keinen qualvollen Hungertod zu sterben? Oder lässt man jetzt schon für das Überleben im atomaren Winter alle Körperhaare sprießen, egal wie arg die Arbeitskollegen lästern? Wir werden es nie erfahren.

Das AKW in Würzburg….

ist auch nicht mehr das, was es mal war….
Xavier Naidoo? Die da hinten in der Zellerau haben wohl jetzt endgültig ihren alternativen Anspruch verloren!
Na wartet mal auf die nächste Vereinssitzung, da wird’s Ärger geben!

Von den Kartoffelkanonen

Wahnsinn,
wie gelangweilt die Polizei sein muss, wenn es Ihr schon eine Pressemeldung wert ist, eine „Kartoffelkanone“ in einem Kofferraum gefunden zu haben.

Mal ehrlich Herr Wachtmeister: Es könnte durchaus sein, dass auch einige Ihrer KollegInnen in ihrer Landkreisjugend solche Teufelsdinger gebaut haben!
Aber denken Sie doch mal positiv: Wer in seiner Jugend seinen Spaß an Waffen entdeckt, will vielleicht später auch beruflich welche am Gürtel tragen!
Ihr Nachwuchsteam vom Letzten Hype

Würzburger Lagerphantasien

Presseschau: Würzburger Lagerphantasien

Solange es opportun ist, verarbeitet die Mainpost die Äußerungen ihrer Leserschaft. Per SMS soll diese an Umfragen teilnehmen und harmlose Online-Leserkommentare werden gerne zu redaktionellen Artikeln zusammengefasst, Gar nicht wird jedoch reflektiert, wenn die Leser in den Online-Kommentaren rassistische oder faschistische Äußerungen von sich geben – was eher Regel als Ausnahme ist. Diese Arbeit nehmen wir gerne ab: Eine Sonderausgabe der Presseschau, Schwerpunkt „Lagerphantasien“.

Das erste Beispiel: Am 14.12.2008 übernahm die Mainpost einen Polizeibericht, druckte ihn unter der Überschrift „Krawalle bei Demo: Polizist verletzt“ ab. Innerhalb weniger Stunden entwickelte sich eine rege Diskussion (die heute nicht mehr auf der Homepage zu finden ist).
- Der Mainpost-Leser Mr. Anton reagiert auf den Zwischenfall auf dem Weihnachtsmarkt geschockt: „Diese Unruhestifter gehören sofort aus dem Weg gezogen! Schlagstock raus und drauf! Die sollen arbeiten gehen und ihre Energie dort einsetzen, assoziales Pack!“.
- Dieser Meinung schließt sich der User dreckschlame ungeteilt an: „Dieses Asoziale Pack müsste im Steinbruch arbeiten! Dann wären sie spät Abends zu müde um „Scheisse“ zu bauen. Bei solchem Gesindel sollte keine Rücksicht genommen werden wenn es ums Prügeln geht-denn die nehmen auch keine! Gute Genesung dem verletzten Polizeibeamten, denn der kann am allerwenigsten dazu!“
- Auch eine Person namens Wahrheit verfügt über ein ungetrübtes Rechtsempfinden und verlangt größere Handlungsspielräume für die Staatsmacht: „Leider muß die Polizei solche Deppen mit Samthandschuhen anfassen, normalerweise gehört da richtig draufgedroschen, daß die sich nicht mehr rühren“.
- Es ist jedoch Bratbaecker, der die prägnanteste Antwort auf die Greueltaten der Chaoten findet: „ES LEBE UNSER HEILIGES DEUTSCHES VATERLAND“.
- Konkreter setzt sich wiederum der Leser Frankenstrasse mit den Ereignissen auseinander und bemängelt die fehlende Effizienz der Exekutive: „Leider wurden von diesem Gesindel nicht mal 10% festgenommen!!!Von diesem Asozialem Panks hatte man 90% einbuchten müssen“.

Zweites Beispiel: Am 4.5.2009 veröffentlichte mainpost.de eine Reportage über die Bedingungen im Flüchtlingslager in der Veitshöchheimer Strasse: „Gemeinschaftsunterkunft: Schlimme Kindheit im Lager“. Bei diesem Thema konnten die Mainpost-Leser damit punkten, dass sie zumeist schon eigene Lagererfahrungen hinter sich haben.
- Schaefer55 etwa schreibt: „Erzählt mir nicht, dass Kasernen menschenunwürdig sind. Ich mußte meine Wehrpflicht ableisten“. Er vertritt den Standpunkt: „Die erwachsenen Flüchtlinge können daher von mir aus gerne unter einem Lagerchef aufräumen, putzen, streichen, Kinderspielgeräte zusammenbauen und andere Arbeiten machen. Das sind schließlich nicht alles Kinder“.
- Auch maggy1414 ist des Aufhebens um Depressionen, Lagerkindheit, Enge, Lärm, Angstzustände, Schimmel, etc. überdrüssig: „Die sollen froh sein, dass sie überhaupt hier in unserem Land leben dürfen. Die Wohnverhältnisse in der Unterkunft sind vielleicht bescheiden (für unsere Maßstäbe), aber garantiert in mind 90% der Fälle immer noch besser als wie in dem Land, woher die meisten von denen kommen (ein Teil des Kommentars wurde von der Redaktion gelöscht)“. Den „Gutmenschen“ stellt er die berechtigte Frage: „Ist bei euch jetzt auch mal die Krise angekommen? Oder wieso habt ihr morgens Zeit solche Aufsätze hier zu schreiben?“
- Schimmel18 nimmt dagegen die Asylsuchenden teilweise in Schutz und fordert zu einer differenzierteren Diskussion auf. Er gibt seinem Vorredner Schafer55 zu bedenken: „Ich denke, mehr Hartz 4 Empfänger bekommen Geld vom Staat als Asylsuchende. So geh erst mal auf die los, die zum Teil zu faul sind zu arbeiten“.

Drittes Beispiel: Vollkommen einhellig war die Lesermeinung zu dem Artikel „28-Jähriger tritt Polizeibeamtem (sic) ins Gesicht“ vom 8.8.2009. Laut Polizeibericht/Mainpost habe ein „mit körperlichem Zwang“ in den Dienstwagen verbrachter Mann von der Rückbank aus den Fahrer an der rechten Backe getroffen. Dieser „konnte leichtverletzt mit einer Prellung und Kopfschmerzen seinen Dienst fortsetzen“.
- Der User steehawer reagierte am schnellsten auf den Riesen-Skandal und schrieb: „Vor solchen Zeitgenossen muß die Bevölkerung unbedingt geschützt werden,hier hilft leider nur wegsperren und nochmals wegsperren“.
- Der Leser bastihd kennt ebenfalls genau die Gefahren, die von Alkoholisierten ausgehen, weiß jedoch auch um das laxe Justizwesen in Deutschland: „Statt zum Richter Gnädig direkt ab in den Knast… Solche verwahrlosten Typen gehören sofort in den Knast, egal ob sie einen festen Wohnsitz und gesoffen haben oder nicht. Stattdessen werden sie einem deutschen Richter vorgeführt, der gleich wieder ausreichend viele Milderungsgründe findet, um diesen Ratz sofort wieder laufen zu lassen. Hat der erst seinen Rausch ausgeschlafen und sich über die Einfalt von Richter Gnadenreich amüsiert, wird die nächste Flasche Wodka reingezogen, damit man nach der nächsten Schlägerei erneut als vermindert zurechnungsfähig eingestuft und gleich wieder laufen gelassen wird. So ist es halt mal in Deutschland“.
- Waldi69 findet, man kann die Forderungen seiner Gesinnungsgenossen nicht oft genug wiederholen: „Wegsperren und nie wieder rauslassen !!!! Solche Typen liegen uns nur auf der Tasche. Wie lange solen die Deutschen noch zuschauen bevor sich hier was ändert ?!?!“
- An dieser Stelle schaltet sich DarthVader mit einem interessanten Vorschlag in die Diskussion ein (ob es sich bei DarthVader um Jürgen Elsässer handelt, konnte nicht restlos geklärt werden): „Wegsperren auf immer muß nicht immer die beste Lösung sein. Kostet auch uns – dem Steuerzahler – sehr viel Geld! Und da setzt die USA – wie oben beschrieben – auch bessere Mittel ein. Dort gibt es s.g. Erziehungslager. Das bedeutet: 05:00 Uhr aufstehen, Morgensport, Duschen, 06:00 Uhr Frühstück und um 06:30 Uhr gehrt´s dann ran an gemeinnützige Aufgaben. Das ganze erfolgt unter einem Drill, der unsere Bundeswehr in einem gemütlichen Sanatorium erscheinen läßt. Wir haben in unserem Land auch viele Aufgaben! Wir könnten z.B. den Borkenkäfer in unseren Wäldern bekämpfen. Diese Jungs (leider auch Mädels) müssten nur die umgefallenen Baumstämme aus unseren Wäldern herrausziehen und somit einen sehr guten Beitrag für unseren Naturschutz tätigen. Nach 12 Stunden sollte dann aber schon Schluss sein. 18:00Uhr duchen, 18:30Uhr Abendessen 19:00Uhr gemeinschaftliches Fernsehn und 20:00Uhr Bettruhe. Schließlich muß man am nächsten Tag wieder fit sein! Mindestaufenthalt: 1 Jahr!“
- Dieser Vorschlag löst allgemeine Zustimmung aus. Innowep möchte nur eine kleine Verbesserung berücksichtigt wissen: „Sie haben perfekt recht mit dem was sie schreiben. Fernsehen? Nicht einmal das würde ich solchen Kanalien gestatten!!“
- Auch winnem hat einige Verbesserungsvorschläge für die Bestrafung von betrunkenen Rückbanktretern zu bieten: „Perfekt! Nur das TV würde ich streichen, statt dessen eine Stunde Sport – als Ausgleich für die schwere körperliche Arbeit. Danach, direkt vor dem zu Bett gehen, noch einmal kalt duschen.“
- Ein gewisser grayjohn, offenbar Ökonom, äußert sich ebenfalls zur Zwangsarbeit: „Liebe Vorredner/innen, bitte nehmen Sie’s mir nicht übel (im Grundsatz stimme ich mit Ihnen überein, was unbelehrbare Zeitgenossen angeht), aber früher waren so etwas einmal REGULÄRE JOBS. Die sind (leider) im Rahmen der Mechanisierung weggefallen (…) Eigentlich sollten wir nach Konzepten (nennen wir’s von mir aus Gemeinnützige Beschäftigung) verlangen, die dem Müßiggang von vorneherein vorbauen und eben nicht als Strafe, sondern als sinnvolle Tätigkeit gelten.“
- Baerchi lässt die ausgefeilte Müßiggang-Theorie grayjohns links liegen und fordert kurz und schmerzlos: „Der Typ gehört in einem Raum ohne Zeugen und dann drauf auf die Nase aber richtig“ (kurz darauf von der Redaktion gelöscht).

Ein Gedanke zum Schluss: Diese Presseschau zeigt recht gut, mit welch Eifer und Kreativität unsere Mitbürger von den Möglichkeiten der Kommentarfunktion Gebrauch machen, wenn man sie nur lässt. Allein zum Thema Lager und Zwangsarbeit! „Den Borkenkäfer bekämpfen“, „Schlagstock raus und drauf“ oder „dem Müßiggang von vorneherein vorbauen“ waren nur die drei geistreichsten Ideen. Dies sollte für die Politik Ansporn sein, basisdemokratische Elemente überall in unserer Gesellschaft voranzutreiben. Warum nicht über die Höhe des Hartz 4-Satzes in einem Volkbegehren abstimmen lassen? Oder über die Befugnisse der Polizei? Und weshalb sollte nicht die Mehrheit über die Einführung der Todesstrafe (für Kindesmißbrauch o.Ä.) abstimmen dürfen?

Je direkter desto besser,
sagt Sebastian Loschert

Jeder Tag ist der 2. Juni, und jede Stadt ist West-Berlin

Über zwei Polizisten, die die Seite nicht gewechselt haben, und anderes

Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg, der gegen den Shah von Persien demonstrierte, erschoss, und damit eine Radikalisierung der 1968er Studierendenbewegung provozierte, hat für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet. Mit gewohnt professionellen Timing hat das Amt Birthler rechtzeitig zum Jahrestag 2009 mit der Veröffentlichung dieser Neuigkeit seine eigene Relevanz unterstrichen, und das Feuilleton, die Staatsagentur für dynamische Neuinterpretation historischer Lasten, nutzt die Gelegenheit, um die Frage aufzuwerfen, ob jetzt die Geschichte von 1968 umgeschrieben muss.

1. Das das muss sie allerdings. Immer und immer wieder. Ein ganzer Industriezweig ist mit nichts anderem beschäftigt.(1) Die Geschichte von 1968 muss ständig umgeschrieben werden, nach den Erfordernissen des Tages, wie jeder Teil der deutschen Geschichte. Anders könnte kaum jeder vergangene Mord zum Argument für die Fortdauer dieser Gesellschaft, die ihn begangen hat, dienen, statt, was er ist, zum Argument für ihre Abschaffung. Man übersetze, wenn man diesen Satz nicht versteht, Gesellschaft mit Herrschaft: es ist das gleiche.

Diese Gesellschaft erschafft sich ihre Geschichte, zu ihrem eigenen höheren Ruhme, und die so entstehende offizielle Geschichte ist genau dafür da, dass, was die wirkliche Geschichte angetrieben hat, nicht mehr darin vorkommt. Nachdem die westberliner Studenten wieder vernünftig geworden waren und freudig nach der ihnen dargebotenen Bestimmung gegriffen hatten, nämlich kleine und mittlere Funktionäre der Herrschaft zu werden, erfanden sie die Geschichte von 1968 als einer Bewegung westberliner Studenten;(2) es ist die historischer Schuld des damaligen jungen Proletariats, unserer Eltern, dass sie die Revolte von Anfang an, durch ihre Passivität, in den Händen dieser Studenten haben fallen lassen, in welche Hände sie nämlich als allerletztes gehört hat. Sie haben auch ihren Preis dafür zahlen müssen, nämlich lebenslange Arbeit, und noch wir nach ihnen.

Andere Ideologen haben, zu verschiedenen Zeiten und für verschiedene Zwecke, 1968 in der überfälligen Modernisierung des rückständigen Adenauer-Staates, in der Erneuerung der SPD, in der anti-imperialistischen Reaktion gegen die amerikanische Dominanz, im Verfassungspatriotismus oder (zuletzt) der endgültigen „West-Bindung“ der Bundesrepublik enden lassen, also eigentlich in der Neugründung der Republik; was links oder rechts über diesen Konsens überstand, bemühte sich, nachzuweisen, dass die Bewegung von 1968 eigentlich (für die Nationalen der Richtung Dutschke) die Volksbefreiung als revolutionäre Wiedervereinigung, oder (für die Relikte des Leninismus) die Errichtung irgendeines „sozialistischen Staates“ im Sinn hatte; in jedem Falle aber gerade das, was die eigene Partei gerade als politische Ware im Angebot hatte, aber nie das, was man, nach Abzug aller Irrtümer, von 1968 übrig behält: den Aufstand, und die Verweigerung, und nicht zu vergessen: die Rache für den vergangenen Mord.

Um genau das aus der tatsächlichen Geschichte zu streichen, dazu bedarf es der offiziellen Geschichte. Und sie muss, unabhängig von Kurras, tatsächlich umgeschrieben werden, immer, jederzeit. Ob sie wahr ist, diese Frage ist so sinnvoll, wie, ob sie blau ist oder rund.

2. Und jetzt hat also ein Agent der DDR Ohnesorg erschossen. Wenn man das nur damals gewusst hätte; vielleicht wäre man weniger radikal gewesen! Immerhin, der geschossen hat, ist zweimal dafür freigesprochen worden, und man wusste: sie können, und werden, jederzeit nochmals schiessen, straflos. Wir sind jagbares Wild. Und so ist es geblieben. Und in der Tat, sie haben ja weitergeschossen.

Für diejenigen, gegen die sich der Staat, der rechtmässige Monolpolist der Gewalt, jede Gewalttat herausnehmen kann, spielt es keine Rolle, ob Kurras für die DDR gearbeitet hat. Für solche ist jeden Tag der 2. Juni.

Kein Teil der sogenannten Gesellschaft dieses Landes, der im Ernst jemals die Entwaffnung der Polizei gefordert hätte. Undenkbar, dass irgendein Teil dieser sogenannten Gesellschaft jemals die Schande, die Erniedrigung sich aussprechen lassen dürfte, alltäglich mit der kostümierten Staatsgewalt konfrontiert zu sein, der das Gesetz das Recht, ja die Pflicht zuspricht, durch das offene Tragen und, ja, den Gebrauch der Waffe sichtbar darzustellen, was das Wesen von Recht und von Staat ist: das Recht über Leben und Tod derjenigen, die der Staatsgewalt unterworfen sind.

Wenn noch ein Gedanke da wäre, dass es ein Leben ohne den Staat geben könnte, müsste die Bewaffnung der Polizei als eine unerträgliche, absichtliche und alltägliche Provokation, als zynische Machtdemonstration denen gegenüber erscheinen, denen das Gesetz das Tragen von Waffen verbietet.

Der Staat, das ist auf den Strassen die Polizei, und die ist allmächtig und wird, wie alle wissen, niemals für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden. Niemals. Sie ist im Ernstfall bewaffnet und anonym, sie nennt keine Namen, verhüllt ihre Gesichter und hinterlässt keine Spuren, keine Zeugen und keine verwertbaren Beweise. Sie kann foltern oder töten, und es wird nie aufgeklärt werden, warum man an Händen und Füssen gefesselt auf einer Matratze in in der Zelle im Polizeigewahrsam verbrannt ist. Und keine grössere Auseinandersetzung seit 1967, durch die sich nicht die Spur ihrer nicht geahndeten Gewalttaten zieht.

Kein Missverständnis! Gegen diese Willkür hälfe nichts, keine liberale Justiz, keine Refom des Polizeikörpers. Das ist so, und kann nicht anders sein. Dieses (unsichtbare, nicht nachweisbare) Unrecht ist notwendig. Keine Gesellschaft, die Privateigentum und Staat zu verteidigen hat, kann ihr Recht auf etwas anderes stützen als auf dieses Substratum, den alltäglichen Übergriff der Polizeimacht.(3)

3. Hat also dieser Kurras die Seiten gewechselt? Nein. Für uns ist es egal, zu welcher Partei und zu welchem Regime sich der hält, der die Waffe tragen darf. Mehr noch, war nicht Kurras seiner Sache, der Ordnung und dem Staat treuer, als der Staat es selbst war? Die Ordnung, kennt sie wirklich Grenzen? Sind nicht alle Regime, namentlich zwei deutsche Regime, Brüder? Hatten nicht beide deutsche Staaten das grösste Interesse daran, diesen Sturm zu brechen?

Die BRD hätte de Gaulle im Mai darauf, im Falle des Falles, geholfen, französische Panzer auf Paris zu werfen; Ulbricht hatte seine Panzer, im August, sogar schon auf Prag rollen. Nein, Kurras hat die Seiten nicht gewechselt.

Das führt uns zur nächsten Frage: hat Jürgen Cain Külbel, wer immer das auch sein mag, die Seiten gewechselt? Külbel war, wie Kurras, bei der Kriminalpolizei, aber in der DDR, und vertreibt sich die Zeit damit, dicke Bücher mit Gerüchten vollzuschreiben, die er aus einem gewissen libanesischen Aounisten-Forum holt, und in denen es hauptsächlich um den Mossad geht. Dieser Polizist im Ruhestand gilt deswegen als Nahost-Experte und schreibt, man hat es schon erraten, in der „jungen Welt“, über gewisse andere, neuere Strassendemonstrationen, Sätze wie diese:

„Nach dem Erdrutschsieg des amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei den iranischen Präsidentschaftswahlen am vergangenen Freitag ist es am Wochenende in Teheran zu Zusammenstößen zwischen gewaltbereiten jungen Oppositionellen, angestachelt durch zahlreiche Vermummte, und der Polizei gekommen. Die Randalierer, wütend ob der Niederlage ihres Favoriten, des 68jährigen Politveteranen Mirhossein Mussawi, riefen »Tod dem Diktator«, »Nieder mit der Diktatur« oder »Freiheit«. Sie zündeten Mülltonnen, Parkbänke und Autoreifen an, Fensterscheiben von Geschäften und Banken gingen zu Bruch. Der arabische TV-Sender Al Dschasira berichtete, die Demonstranten hätten Polizisten mit Steinen beworfen, die daraufhin mit Stöcken zurückgeschlagen, Tränengas eingesetzt und Warnschüsse abgefeuert hätten. Nach Polizeiangaben wurden rund 60 Demonstranten festgenommen.“

Gewaltbereite, vermummte Randalierer jugendlichen Alters, die Park- und andere Bänke anzünden, das uralte Feindbild wessen? Liegt es an der verfassungsschutzberichtenen Sprache, an der Unglaubwürdigkeit der gespielten Neutralität des Berichterstatters, oder an der kuriosen Verdrehung und Entstellung des Sachverhalts, dass man gar nicht auf den Gedanken kommen kann, als könnten solche Zeilen von einem anderen geschrieben worden sein als von einem Polizisten?

Er hat natürlich Recht, er steht auf der Seite der Ordnung in Tehran, er stand auf der Seite der Ordnung in der DDR, auf welcher Seite würde er am 2. Juni 1967 gestanden haben? Wir haben es, glaube ich, schon erraten. Hat der die Seiten gewechselt? Nein. Und die linke Zeitung, in der er schreibt? Ersparen wir uns die Frage.

Ersparen wir uns auch, diese Zeilen, die wie ein Lagebericht der westberliner Polizei für den 2. Juni 1967 klingen, mit der iranischen Wirklichkeit zu vergleichen. Der Ohnesorg erschossen hat, hat für die DDR gearbeitet? Wen interessiert es.

4. Jeder Tag ist ein 2. Juni, und jede Stadt ist West-Berlin. An diesem 2. Juni leben wir. Der Feind ist noch, und überall, derselbe: die Gesellschaft der Ware und der Staat. Die zu unserer Seite gehören, erkennen wir überall, und das geübte Auge des Polizisten erkennt es auch. Wenn es läuft wie eine Ente, und aussieht wie eine Ente, und quakt wie eine Ente, dann ist es eine Ente: der Aufstand im Iran ein Aufstand, und die „junge Welt“ ein Fachblatt für Polizisten.

Nichts, was man nicht schon wusste. Soll ich noch den hier aufführen, und ihr müsst raten: „Der Präsident hat klar gewonnen. Und die Leute, die dagegen demonstrieren, sind erkennbar eine kleine Minderheit: Die Jubelperser von USA und NATO. Hat jemand die Girlies gesehen, die da in bestem Englisch in die Mikrofone von CNN und BBC heulen? Das sollen die Repräsentanten des iranischen Volkes sein, oder auch nur der iranischen Opposition? Da lachen die Hühner im Capitol! Hier wollen Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und die Strichjungen des Finanzkapitals eine Party feiern. Gut, dass Ahmidenedschads Leute ein bisschen aufpassen und den einen oder anderen in einen Darkroom befördert haben.“

Die Mordfantasien, sobald es um Schwule geht, und die seltsame Neigung, es immer auch dann um Schwule gehen zu lassen, wenn es grade nicht um Schwule geht, geben schon die allgemeine Richtung an: der das geschrieben hat, ist ungefähr Jürgen Elsässer und nennt sich einen Linken. Vor ein paar Jahren hat er noch gewusst, dass, wenn es einmal dazu kommen sollte, der Kommunismus gegen die Mehrheit der sogenannten Kommunisten erkämpft werden müsste; heute ist er das beste Beispiel dafür, dass jeder Aufstand der Sorte, die es für den Kommunismus bräuchte, immer auch ein Aufstand gegen die Linken sein muss.

Soweit kommt man, mit Notwendigkeit, wenn man nationale Unabhängigkeit und ökonomische Autarkie gegen globales Kapital und Imperialismus verteidigt, man applaudiert der Despotie, und man applaudiert vor allem den Folterern.

Neben Leuten, die akzentfrei Englisch sprechen, und Schwulen, die gerade noch nicht in Gefängniskellern totgefoltert werden, hat Elsässer noch ein weiteres Feindbild. Noch mal Ratespiel? Man kann es sich tatsächlich denken. Paar Tage vorher schreibt er über – na? – vermummte gewaltbereite Randalierer, die in Berlin Autos anzünden: „Demgegenüber halte ich fest, dass solche Kriminellen mit links NICHTS zu tun haben und in JEDEM sozialistischen Staat in den Bau gekommen wären. Bißchen Uranerz kloppen in Wismut/Aue. Bißchen Schneeschippen in Sibirien.“

Der Satzbau ist ein bisschen zu flexibel, die Rede zu beschwingt, die Konzentrationslagerfantasien zu konkret und zu vordringlich: für die Aufnahme in den regulären Polizeidienst wird es nicht langen, aber vielleicht zu irgendeiner Todesschwadron? Wie nannte man nochmal die irregulären Schläger- und Jagdtruppen des persischen Shah in Zivil, die beim Staatsbesuch erst das persische Volk darstellen durften, das seinen Despoten bejubelt, und die danach zusammen mit der Berliner Polizei am 2. Juni 1967 mit Messern und Stöcken Jagd auf jugendliche Randalierer machten? Ach Gott, ja, die Jubelperser. (4)

Polizisten und Jubelperser, wohin man sieht. Jeden Tag ist der 2. Juni, in der Tat, jedes Jahr ist 1967, und jede Stadt ist West-Berlin.

Von Jörg Finkenberger

1 Man geht heute freilich etwas geschickter vor als unter Stalin. Man retuschiert heute keine Fotos mehr, es gibt auch zuviele. Die Pointe ist, dass man es auch gar nicht muss.
2 Dieser Prozess beginnt genau 1969, als die Studenten aufhören, gegen diese ihnen dargebotene Bestimmung zu rebellieren, und sich als linke Intellektuelle dem revolutionären Aufbau widmen. Die leninistischen Gruppen, die sie gegründet und angeleitet haben, sind das Aufbaustudium Menschenverwalter II, eine Zusatzqualifikation. Wer erst einmal die Rolle des Intellektuellen, der den Massen die richtige Theorie vermitteln muss, gefressen hat, ist selbst schon der Staat, mag wollen oder nicht.
3 Aber wiederum, wie Jochen Bruhn zu Recht sagt, das ist nicht etwa „das wirkliche Gesicht des Staates“, das er von Zeit zu Zeit zeigt und ansonsten hinter dem Bürgerlichen Gesetzbuch verhüllt; sondern das Gesetzbuch ist das wirkliche Gesicht, und wer daran kein Argument gegen die Abschaffung des Staates findet, dem konnte auch der 2. Juni die Augen nicht öffnen.
4 Diesem Elsässer hat sein alter Genosse Bernhard Schmid genau hierfür übrigens öffentlich was auf die Fresse angeboten. Wir können, aus angeborener Grossherzigkeit, nicht anders, als uns dem anzuschliessen.

Codex Cairo

Codex Cairo

Über die freiwillige Selbstkontrolle der sogenannten Jugend- und Subkultur Würzburgs

Es gibt wohl wenige weitere Städte über 100.000 Einwohner in Deutschland, in denen die selbst ernannte Subkultur derart gut abgehangen daherkommt. Je weniger dem Begriff Subkultur eine gesellschaftliche Realität zukommt, desto mehr scheint man der Lüge, dass eine Integration in städtische Jugendarbeit irgendetwas mit alternativer Subkultur gemein haben könnte, als Selbstbestätigung zu bedürfen. Jegliches negative Potential, das in in einer Subkultur vielleicht einst steckte, ist und wird verbraucht. Das Autonome Kulturzentrum hatte es verloren und sich damit selbst ad absurdum geführt, das Cairo als neues AKW mit besserer Organisationsstruktur und perfektionierten Integrationsmechanismen betreibt die Konsensstiftung mit dem Bestehenden nahezu perfekt.

Subkultur brought to you by Stadtsparkasse Würzburg

Als sich ein paar Leute vor einem viertel Jahrhundert entschlossen, das Autonome Kulturzentrum zu errichten, war es mit Sicherheit noch möglich, den Begriff Subkultur zu verwenden, ohne dabei an staatlich eingehegte Vergnügungstempel zu denken. Denn es schwang ein kritisches Potential mit, das eine Realität besaß: Nämlich die Perspektive, dass die Geschichte noch gar nicht begonnen habe, dass ein gesellschaftlicher Umbruch möglich sei, der die Mauern der alten Welt einreißen werde, und damit die Gewissheit, dass sich eine Bewegung gegen das Alte stellen könne, die nicht nur aus ein paar Linksradikalinskis bestehen würde, sondern aus einer breiten Gegenbewegung, zusammengesetzt aus, im weitesten Sinne, alternativen Kulturschaffenden.
Die Geschichte zog einem solchen Verständnis von Subkultur den historisch-realen Boden unter den Füßen weg. Was sich in den 80ern als alternative Subkultur verstand, wurde spätestens in den 90ern die Avantgarde der neubürgerlichen Produktivkraftentwicklung. Wer sich vorgestern noch im subkulturellen Sumpf bewegte, verstand sich gestern schon als kommunaler Anwalt eines verstümmelten, herrschaftsaffimativen Verständnisses eben dieser Subkultur. Im AKW mag bis vor ein paar Jahren noch der eine oder andere kritische Gedanke konserviert worden sein, der einst in der Subkultur steckte, am Ende blieb davon nicht mehr übrig als eine schwache Erinnerung. Interessanterweise, und im Nachhinein wohl auch fatalerweise, fand in Würzburg nicht das „Outsourcing“ des kritischen Potentials statt. Denn die Marginalisierung der linken Herrschaftskritik führte in anderen Städten durchaus zu zahlreichen Neugründungen von kleineren autonomen oder alternativen Kulturzentren. Im Nachhinein ist es schwer nachzuzeichnen, weshalb dies in Würzburg nicht geschah. Mit Sicherheit spielte die Wahrnehmung des AKWs als das eigentliche subkulturelle Kulturzentrum, das aber längst keines mehr war, eine bedeutende Rolle. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die gesellschaftliche Entwicklung den kritischen Begriff von Subkultur zunichte gemacht hat, und dass genau deshalb städtische Jugendzentren wie das Cairo oder der B-Hof(1) eigeninitiative „Kulturschaffende“ anziehen können, die sich als Teil einer wie auch immer gearteten alternativen Subkultur verstehen, obwohl das kritische Potential beim Eintritt in die ehrenwerte Gesellschaft der Jugendarbeit an der Garderobe abgegeben werden muss.

Du bist Würzburg

Die Ironie an der Sache ist, dass durch das Ende des AKWs eine Wahrheit endgültig ans Licht kommt: städtischen Kulturzentren kommt die Deutungshoheit über den Begriff von Jugend- und Subkultur zu. Während sich die so genannte Hochkultur noch einbildet, eine eigenständige, unabhängige Sphäre zu sein, hat dies die Jugendkultur überhaupt nicht mehr nötig: Was „Independent“ ist, das bestimmt nun die Stadtkultur. Dabei darf eine Sache nicht falsch verstanden werden: obwohl es das Cairo natürlich bewusst intendiert, den Extremismus aus dem Jugendkulturhaus heraus zu halten, kann die Abmilderung von jeder kulturellen Veranstaltung nicht an einzelnen Menschen festgemacht werden: Es sind die Charaktermasken der städtischen Sozialpädagogik, welche ihren Sinn immer in der gesellschaftlichen Integration der Jugend hatte und hat. Diese Rolle spielt das Cairo nahezu perfekt. Das Jugendkulturzentrum stellt die Scharnierfunktion zwischen selbstinitiativem Engagement und der Konsensstiftung mit kommunaler Kultur dar.
Und so kommt es, dass die Stadt nicht mehr als Gegnerin, sondern als Partnerin wahrgenommen wird. Die AgentInnen der städtischen Jugendarbeit treten dabei als Anwalt der sich selbst zähmenden Jugend- und Subkultur auf, während die Kulturbeauftragten der Stadt Würzburg dieser Art von Kultur zum größten Teil Wohlwollen entgegenbringen, solange nach deren Spielregeln gespielt wird. Und es wird nach den Spielregeln gespielt.
Die VeranstalterInnen müssen nicht dazu gewungen werden, unerwünschte Veranstaltungen zu unterlassen. Dadurch, dass man sich in der Sphäre der städtischen Jugendkultur bewegt, lernt man automatisch, was man zu tun und zu lassen hat. Es handelt sich um eine Freiwillige Selbstkontrolle zugunsten des Würzburger Images.
Während der Begriff von Subkultur, wenn auch in einer völlig verstümmelten Variante, noch Bedeutung für gewisse Leute besitzt, ist der Begriff der Selbstorganisation anscheinend völlig aus dem Vokabular der Würzburger „Szenekultur“ verschwunden. Die Vorstellung, dass es möglich sein kann, ohne die Vermittlung von jugendkulturellen Anwälten der „Szene“ und ohne das Wohlwollen der Stadt etwas auf die Beine zu stellen: Sie scheint den Leuten, die in Ihrer Jugend vielleicht mal Revoluzzer spielten und heute Kulturschaffende sind, völlig abhanden gekommen zu sein. Keinen Begriff mehr von kritischen Interventionen und Gegenkultur zu haben bringt die Zufriedenheit mit dem totalitären Unheil zum Vorschein, die die sozialpädagogische Selbstzähmung geschaffen hat.

Die schlechteste Ausrede

In Debatten über die Möglichkeit, in Würzburg etwas zu schaffen, das sich der kulturellen Standortlogik entzieht, hat sich bei vielen Menschen eine Argumentationsweise eingeschlichen, um die eigene Resignation zu rechtfertigen oder ganz zu vertuschen: Würzburg sei eben Würzburg, hier gebe es weder eine linke Szene noch die Möglichkeit, etwas kritischeres als das Cairo zu errichten.
Ich halte dieses Argument für eine schlechte Ausrede, um der eigenen Lethargie einen höheren Sinn zu geben. Würzburg ist weder zu klein (in kleineren Städten wie Gießen, Hanau oder Göttingen gibt es auch alternative Zentren), noch zu bayerisch (selbst in einem Kaff wie Sulzbach-Rosenberg gibt es ein selbstverwaltetes Jugendzentrum), noch sind alle Zufrieden mit der gesellschaftlichen Totalität. Man kann scheitern, selbstverständlich. Aber um Scheitern zu können, muss man zuerst einmal begonnen haben. Was den Leuten fehlt, ist das Anfangen-können, das tiefe innere Vertrauen, dass man am Ende seine Ziele erreichen wird.
Es gilt, die Fragen, die scheinbar nicht mehr gestellt werden, neu zu stellen. Was will, was kann Jugendkultur? Welche Funktion erfüllt städtisch subventionierte Kultur? Die Geschichte hat das kritische Potential von Begriffen wie Kultur, Politik und Kunst unter sich begraben. Es gilt, dieses freizubuddeln. Nicht für Würzburg, sondern für diejenigen, die ihren Frieden mit dem falschen Ganzen noch nicht geschlossen haben.

Jetzt ist die Zeit, hier ist der Ort.

Benjamin Böhm

(1) Interessant ist die unterschiedliche Art und Weise, wie Jugendkultur im B-Hof und im Cairo stattfindet. Im B-Hof besteht noch ein offener Jugendbereich, es wird ein jüngeres Publikum angesprochen und die veranstalteten Konzerte dürfen auch ZuschauerInnen vom linken Rand ansprechen, um diese durch die Sozialpädagogik gesellschaftlich zu integrieren. Im Cairo hingegen wäre es schwer möglich, ein Konzert mit Antifa-Emblem auf dem Flyer zu veranstalten. Ein wesentlich älteres Publikum wird angesprochen, dem man natürlich die anarchistischen Kindereien aus dem B-Hof nicht zutrauen möchte. Die Revolution, eine Sache für pubertierende Teenies.

Kritik des Poststrukturalismus

Weil es im Hype-Umfeld in letzter Zeit ein paar Debatten über das Verhältnis von Kritischer Theorie und Poststrukturalismus gab, hier der Mitschnitt einer Vorlesung Alex Grubers und Florian Ruttners mit dem Thema „zur Unmöglichkeit poststrukturalistischer Gesellschaftskritik“.

Ein kleiner Vorgeschmack auf den Hype 12

Willkommen zur Kotzkolumne- es gibt vegane blaue Zipfel

Die Kochkolumne ist ja Rainer Bakonyis heilige Kuh. Da ich selten Fleisch esse, fällt es mir wirklich schwer sie zu schlachten. Aber es muss sein. Seit zwei Jahren hält er uns zum Narren. Seine Gerichte kann man entweder besoffen nicht kochen, weil man dabei einschläft, oder die Produkte gibt’s nicht beim Discounter. Und mal ehrlich, was soll am Gaisburger Marsch gut sein? Nein, so geht das nicht!
Die Drohung stand schon lange im Raum, jetzt mache ich’s wahr und schreibe meine eigene Kochkolumne. Im Gegensatz zu Rainer Bakonyi („Rainer Bakonyi lebt in Würzberg. Er schreibt regelmäßig für das akw! info und ist Wirt.“ Phase 2) behaupte ich gar nicht, dass mein Gericht gut schmecke. Ganz im Gegenteil, der Versuch, vegane Blaue Zipfel zuzubereiten, war mit Abstand das ekelhafteste, das ich je gekocht habe. Betrachtet es deshalb als Chance, ungeliebte Gäste loszuwerden, mit eurer Freundin oder eurem Freund Schluss zu machen oder einfach mal gepflegt zu kotzen. Et voilà:

Sie brauchen:
Für die blauen Zipfel: vegane Sojawürste, Wacholderbeeren, Lorbeerblätter, Essig, Öl, Salz, Pfeffer;
Für das bayrisch Kraut: Weißkohl, Gemüsebrühe, Kümmel, Räuchertofu, Essig, Zucker, Öl, Zwiebeln
Für den Kartoffelbrei: Kartoffelbreipulver, Sojamilch ungesüßt

Zubereitung:
Schneidet das Kraut in riesige Stücke, so dass sie nicht gar werden können. Verwendet den Stumpf am besten auch. Zwiebeln würfeln. Räuchertofu (wichtig: viel Räuchertofu verwenden, vielleicht sogar mehr als Kraut. Das macht die Sache besonders widerlich.) würfeln und frittieren. Die Zwiebeln andünsten, mit Wasser, Essig und Zucker ablöschen. Das Kraut und den Kümmel mit einer übertriebenen Menge Gemüsebrühe aufkochen, bis kein Wasser mehr übrig ist. Am Ende Räuchertofu hinzufügen.

Wasser, Essig und Öl zu gleichen Teilen, Sojawürste, Wacholderbeeren, Lorbeerblätter und Sojawürste in einen Topf geben und köcheln. Nicht vergessen werden darf dabei, dass der Sud bitter werden muss. Ich habe keine Ahnung, wie ich das hinbekommen habe. Es soll auf jeden Fall wie Lebertran schmecken. Die Sojawürste nehmen den Geschmack des Suds nicht auf, egal wie lange ihr sie köchelt. Versucht’s erst gar nicht. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Den Kartoffelbrei so zubereiten, wie es auf der Packung steht. Statt Muhmilch Sojamilch verwenden.
Ich wünsche ein gutes Erbrechen!

Hunter S. Heumann,
welcher an dieser Stelle weiterhin noch folgende Kochbücher empfiehlt, um das Kochen im Gesamtzusammenhang der Verhältnisse zu begreifen:

- das große Buch vom Fleisch von Nikolai Buroh
- Wo unser essen herkommt von Willi Spatz
- Natural born Killer von Rainer Bakonyi im akw-info August 1994
- Schnaps brennen. Rezepte für Obstbrände und Ansatzschnäpse. Schritt-für-Schritt-Anleitungen von Herbert Herbst

Die letzen paar neuen grossen Dinger

Falls es jemanden interessiert, hier sind ein paar Dinger, die in den letzten Monaten in gewissen internationalen Kreisen gelesen worden sind:

Ein Ding namens „The Call“ („The Left is periodically routed. This amuses
us but it is not enough. We want its rout to be final. With no remedy. May the spectre of a reconcilable opposition never again come to haunt the minds of those who know they won’t fit into the capitalist process.“),
eine anarchistische Kritik daran,
die berühmte Schrift Über die kommende Insurrektion („The flames of November 2005 still flicker in everyone’s minds. Those first joyous fires were the baptism of a decade full of promise. The media fable of “banlieue vs. the Republic” may work, but what it gains in effectiveness it loses in truth. Fires were lit in the city centers, but this news was methodically suppressed. Whole streets in Barcelona burned in solidarity, but no one knew about it apart from the people living there. And it’s not even true that the country has stopped burning.“),
(französisches Original hier, nicht zu verwechseln mit unserer eigenen Artikelserie Über die kommende Revolte),
und die Diskussion darüber auf libcom.org

Auf dem Beatabend… mit Hunter S. Heumann

Wenn Stromgitarren das Grunzen der Mastschweine übertönen, wenn sich das köchelnde Testosteron junger Milchbauern durch Faustschläge an die Oberfläche kämpft und es nach erbrochenem Cola-Asbach (1 €, 50/50-Mischung) riecht, dann ist Beatabend.
Dieses den Stadtbewohnern völlig zurecht unbekannte Ritual bäuerlicher Selbstentwürdigung erfreut sich seit Jahrzehnten ungebrochener Beliebtheit bei jung und alt. Das Konzept ist denkbar einfach. Man nehme:

1.Eine schlechte Coverband. Wichtig für eine gute Show ist dabei, dass die Musiker die kulturelle Vielfältigkeit ausstrahlen, die das Dorf kennzeichnet: nämlich gar keine. Würde eine Beatabendband größtenteils eigene Stücke zum Besten geben: die Menge wäre verwirrt, sie würde womöglich sogar anfangen, mit Gülle zu werfen.
Ein fetziger Gruppenname ist ebenso unverzichtbar. Da gibt es „geile“ Bandnamen, die bereits nach dem ersehnten wilden Geschlechtsverkehr alkoholdurchströmter Leiber klingen, den sich so viele Beatabendbesucher versprechen: S.E.X. als Abkürzung für „Sau Extrem“ oder die „Hard- & Heavyband“ F.U.C.K. beispielsweise. Andererseits darf der Bandname auch klingen, als werde die Dorfidylle durch schmetterndes Todesmetall erschüttert: so wie Acid Rain, Justice oder Angel Landing beispielsweise.
Die Beatabendbands lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Zum einen gibt es die Gruppen, die es niemals geschafft haben, außerhalb einer Radius‘ von 15 Kilometer ihres Brunftgebietes aufzutreten. Die Gründe sind alkoholbedingte Trägheit, Angst vor Ausländern oder einfach mangelnde musikalische Fähigkeiten. Zum anderen schaffen es tatsächlich manche Bands, frankenweit oder gar deutschlandweit aufzutreten- es gibt schließlich nicht nur in Unterfranken öde Gegenden, in denen der Auftritt einer Metal-Coverband gefeiert gefeiert wird wie die Anschaffung eines neuen Traktors.

2.Billiger Alkohol. Das seit Jahrtausenden beliebte Konzept zum Abbau von Hemmungen wäre ohne eine kleine Auswahl besonders auf dem Kaff beliebter Getränke undenkbar: Selbstverständlich wird Bier gereicht- aber charakteristisch wird ein Beatabend erst durch den Asbach Uralt.
Asbach ist ein übelschmeckender Fusel aus Rüdesheim am Rhein, der schon beim ersten Schluck an Brechdurchfall und schmerzhafte Blasendysfunktionalität erinnert. Die Leidenschaft der Dörfler für Asbach wird von Dr. Hartmut Bömmele, Professor für biologische Psychologie, auf eine Veränderung der Geschmacksknospen, verursacht durch die Einatmung von Kunstdüngerdämpfen, zurückgeführt. Der Dörfler versucht, den üblen Geschmack des Schnapses durch Cola zu überdecken- was nur in begrenztem Maße von Erfolg gekrönt ist.

Ein Beatabend kann schwer beschrieben werden, ohne die spezifische Stimmung zu beleuchten. Der dumpfe Covermetal motiviert die Gäste kaum zu ausgelassener und fröhlicher Stimmung, sondern eher zu teutonischer Kampfeslust, halb-rülpsenden, halb-gröhlenden Lauten aus dem tiefsten Innern der barbarischen Dorfnatur und zu Tanzbewegungen, die eher an schnitzelklopfende Metzgermeister als an passionierte Diskogänger erinnern. Oft kommt es im Tanzsaal zu Grüppchenbildungen, die bereits darüber entscheiden, welche zwei Fraktionen am Ende des Abends aufeinander losgehen. Die Gründe sind meistens eher unwesentlich- ob jetzt der Michl mit der Lisl geknutscht hat, der Ändi den Peter „schwul“ genannt hat oder der Manni aus Knetzgau den Maibaum aus Hofheim entwendet haben soll spielt eigentlich keine Rolle- wichtig ist am Ende, dass irgendwer auf die Fresse bekommt. So fallen die Enthemmten übereinander her, spätestens wenn die Musik aufhört. Man lässt mal so richtig die Wut heraus- damit man ruhig und ausgelassen die nächste Woche wieder zur Arbeit gehen oder die Rüben ernten kann. Solange, bis das Wochenende wieder beginnt, die Musik wieder spielt und das bizarre Schauspiel erneut seinen tragischen Anfang nimmt.

Ihr Hunter S. Heumann

P.S:Das Labyrinth in Würzburg kann zweifellos als urbaner Arm der Beatabendbewegung bezeichnet werden!

Was fehlt

„Wir zahlen nicht für eure Krise!“ hechelt ein Sammelsurium aus Gewerkschaften, Parteien und linken Gruppen und ruft zu großen Demonstrationen für die viel beschworene und diffus-bestimmbare solidarische Gemeinschaft auf. Was die Reststücke dieser links Fühlenden vereint ist ihre Begriffslosigkeit, ihr Mangel an Kritik der kapitalistischen Kategorien und der unbedingte Wille, eine linke Krisenbewältigung via Rekeynesianisierung, also durch den Staat als vermeintlichen autonomen Agenten, einzufordern.
Der gemeinsame Aufruf zu den Demonstrationen in Berlin und Frankfurt am 28. März beweist auf ein neues, dass die Krise auch eine Krise der Linken ist. Der Aufruf ist ein Zeugnis des diffusen Mix‘ aus bürgerlicher Staatsauffassung und nie überwundenen Konzeptionen des ökonomistischen Basis-Überbau-Theorems. „Die Entfesselung des Kapitals und der erpresserische Druck der Finanzmärkte haben sich als zerstörerisch erwiesen“ meint der Aufruf, wobei zugleich suggeriert wird, jene Entfesselung sei nicht in der Logik der Wertverwertung selbst angelegt und sei durch eine Sphäre der Einfachen Warenproduktion in Verbindung mit einem autonomen Staat zu einer freien Gesellschaft umkehrbar. Man möchte, dass „Bildung, Gesundheit, Alterssicherung, Kultur und Mobilität, Energie, Wasser und Infrastruktur nicht als Waren behandelt werden“ und begreift anscheinend nicht, dass gerade Begriffe wie Gesundheit, Bildung und Kultur in der kapitalistischen Gesellschaft negativ gefasst sind und die Bedingung der Reproduktion der Ware Arbeitskraft sind, es sei denn man würde sich vom Kapitalismus in emanzipatorischer Weise befreien. In nahezu jeder Formulierung der Aufrufs schwingt die Sehnsucht nach dem guten alten Keynesianismus mit, in dem das Kapital noch Nation vermittelt war, und man tatsächlich noch von einer Volkswirtschaft in Verbindung mit der sich damals schon im Niedergang befindenden Realakkumulation sprechen konnte. „Die Regierungsberater, Wirtschaftsvertreter und Lobbyisten sind nicht vor Scham im Boden versunken, sondern betreiben weiter ihre Interessenpolitik. Um Alternativen durchzusetzen, sind weltweite und lokale Kämpfe und Bündnisse (wie z.B. das Weltsozialforum) nötig – für soziale, demokratische und ökologische Perspektiven.“ Hier kommt klar die Unfähigkeit zum Ausdruck, den Staat als politische Form der kapitalistischen Gesellschaft zu betrachten. Stattdessen wird einerseits in den Kategorien der bürgerlichen Staatskonzeption gedacht- denn der Staat wird als eine allgemeine Instanz betrachtet, die mit der Wertverwertung an sich wenig zu tun hat und sich selbstständig entfaltet, während gesellschaftliche Veränderungen als Kampf zwischen verschiedenen Interessengruppen um die Staatsmacht wahrgenommen werden- andererseits sieht man den Staat durchsetzt von Agenten des Kapitals, die den Niedergang der Gesellschaft betreiben- was eher daran erinnert, den Staat in ökonomistischer Weise als eine bloße Überbauerscheinung seiner kapitalistischen Realität zu begreifen. Die Forderungen der Demonstration sind, gelinde ausgedrückt, eher gruselig. Man appelliert- wenn man schon nicht selbst die Staatsmacht erobern kann- an die Regierung, die Verursacher der Krise zu Bestrafen. Man ist „Dafür, dass die Profiteure die Kosten der Krise bezahlen“. „Die Steueroasen sind endlich zu schließen; Banken, die dort arbeiten müssen  bestraft werden.“ Man appelliert an einen starken Staat und unterscheidet sich dabei grundsätzlich nicht von den Forderungen des Staatsoberhauptes.
Was in den zahlreichen Forderungen an den Staat zum Ausdruck kommt, ist im Grunde genommen zweierlei: Zum einen die Absage an die Marx’sche Kritik der Politischen Ökonomie und zum anderen der Beweis, dass man anscheinend kein angemessenes Verständnis der Krise besitzt. Der Staat soll eine konsequente Krisenbewältigung bewerkstelligen. Jedoch hängt der Realitätsgrad des Staates auch, wie es Agnoli treffend skizzierte, von seiner „Fähigkeit, Befreiungsbewegungen und die Tendenz zur Freiheit einzudämmen und zu neutralisieren“ ab. Der Staat soll dafür sorgen, die Reproduktion der Ware Arbeitskraft wieder herstellen zu können. Damit einher geht eine Absage an die Überwindung der staatlichen Herrschaft seitens der Linken einerseits und ein mangelndes Verständnis der Verhältnisses von Ökonomie und Staat andererseits. Die Perspektivenwahl der Politik erfolgt nicht, wie der Aufruf zur Demo glauben lassen will, nach dem freien und autonomen Ermessen der Politik, sondern auch nach dem Druck in der Akkumulation. Dadurch, dass die Wertverwertung durch die Produktivkraftentwicklung mit dem Ende des Fordismus in eine schwere Krise geraten ist, verließ das Kapital mit der dritten industriellen Revolution seinen nationalen Rahmen, um überhaupt noch wettbewerbsfähig zu sein. Der Staat als Reproduktionsverwirklicher trat in eine Krise, die durch Hartz IV und Konsorten erst begonnen hat. Die Transnationalisierung des Kapitals wird von der Linken nicht als Folge der krisenhaften Wertverwertung aufgefasst, sondern ebenso wie vom bürgerlichen Alltagsverstand als von gierigen Managern und ihren politischen Agenten herbeigeführte Krise, die mit einem Rückgriff auf einen starken Staat bewältigt werden könne. Skizzenhaft wird in die Diskussion der Linken immer wieder Marx eingebracht, ohne seine Kategorialkritik an Staat, Ware und Wert zu begreifen.
Dabei stellt sich die Frage, ob eine kommunistische Begierde, die die bürgerlichen, aber auch die staatskapitalistisch-sozialistischen Aprioritäten hinter sich lässt, in der Krise die Chance hat, zum Vorschein zu kommen. Klar müsste dabei sein, dass mit dieser Begierde nicht die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand, die panische Massenstimmungen anscheinend als revolutionäre Situation betrachtet und die die damit verbundene Gefahr, hinter den Kapitalismus in die Barbarei zurückzufallen, beinhaltet, gemeint ist. Von jener Kategorialkritik ist weit und breit nichts zu sehen. Jeder Versuch, sie zu formulieren, sie sogar in das Spannungsfeld zwischen Spontaneität und Theorie zu bringen, ist solange zum Scheitern verurteilt, wie mit den Begriffen an die alte Linke angedockt wird und versucht wird, Menschen etwas zu erklären, die anscheinend von nichts einen Begriff haben. Selbst diejenigen anarcho-syndikalistischen und antinational-kommunistischen Gruppen, denen man eine emanzipatorische Restvernunft zusprechen kann, schaffen es schwer, sich von der staatsaffirmativen Linken zu distanzieren und laufen zum Beispiel am 28. März in einem sozialrevolutionären Block auf der besagten Demonstration. Zum anderen bleibt ihre Sehnsucht der Zerschlagung von Staat.Nation.Kapital (Aufruftext) solange eine Randerscheinung, wie die Gruppen nicht fähig sind, die Sprache der alten Linken zu verlassen und damit nicht mehr zu klingen wie ein Aufruftext aus den Zeiten, in denen man noch einen Begriff davon hatte, was Links ist und was nicht. Sich als antinationale KommunistInnen gegen das Ganze zu stellen, müsste bedeuten jeden Versuch von Organisation hinter hinter sich lassen. Denn jedem noch so kümmerlichen Versuch, sich bürgerlich-interessengruppenspezifisch zu organisieren, wohnt bereits die Konterrevolution inne, kriecht der Staat, schlimmer noch, die Nation, in die Struktur. Dazu folgerte bereits der Rätekommunist Paul Mattick: „Hier, in der Frage der Organisation, offenbart sich das Dilemma der Radikalen: Um gesellschaftliche Veränderungen zu bewerkstelligen, müssen Aktionen organisiert werden; organisierte Aktionen aber nehmen immer auch Züge dessen an, wogegen sie sich richten. Es scheint, als könne man immer nur das Falsche oder, aus Angst vor dem Falschen, gar nichts tun. Selbst eine oberflächliche Betrachtung organisierten Handelns offenbart, daß alle bedeutenden Organisationen, gleich welcher Ideologie, den Status Quo stützen […]“.Die Lösung der RätekommunistInnen war die Spontaneität der ArbeiterInnen. Ohne eine Fetischkritik wird jener Hoffnung auf die Spontaneität jedoch schnell zu jener befürchteten Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand in Verbindung mit einer barbarischen Massendynamik, denn auch den meisten ArbeiterInnen stellte sich der Staat bisher als Erhalter seiner Reproduktion dar, und nicht als Aufrechterhalter ihrer Unterdrückung. Eine emanzipatorische Nicht-Organisation muss fähig sein, den oben bereits skizzierten Widerspruch von Kritik des Wesens und Spontaneität beziehungsweise Sabotage auszuhalten. Die ArbeiterInnen müssten, „um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigene bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben. Sie befinden sich daher auch in direktem Gegensatz zu der Form, in der die Individuen der Gesellschaft sich bisher einen Gesamtausdruck gegeben, zum Staat, und müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen.“ (Wer wohl? Marx)
Betrachtet man die Krise in ihrem historischen Kontext, so stellt sich klassedynamisch und staatlich einiges anders dar als in vergangenen Krisen (wobei die ökonomische Realität beweisen wird, ob es sich bei der aktuellen Krise und eine zyklische oder um eine, in wertkritischer Manier gesprochen, Zusammenbruchskrise handelt). Es ist davon auszugehen, dass der Staat die gesellschaftliche Reproduktion nur dann trägt, wenn er selbst ökonomische Potenz ist, wenn er seine eigene national-ökonomische Basis beinhaltet. Das Kapital hat jedoch längst den nationalen Rahmen verlassen, um der Krise der Realakkumulation zu entgehen. Man kann von keinem Unternehmen von Größe sprechen, das die Grenzen der Volkswirtschaft nicht verlassen musste, um seinem Untergang zu entgehen. Und so müsste der Staat in jenen Krisenzeiten das Rad Richtung Keynesianismus zurückdrehen, was die Realität der Krise von abstrakter Arbeit, Wertverwertung und die Fixierung des Kapitals auf fiktives Kapital schwer möglich machen wird, es sei denn man nähme eine Forcierung der Krise in Kauf und schafft es, die Ideologisierung von Nation und Volk auf ein barbarisches Maximum zu hieven. Dabei tut sich die Frage auf, was mit den ArbeiterInnen passiert, wenn der Staat nicht mehr dazu fähig ist, als Bewahrer der Reproduktion in Erscheinung zu treten? Wenn der Staat seit Jahren, genötigt durch die Anpassungen an die Umwälzung der ökonomischen Struktur, seinen Nutzen als Ermöglicher von Reproduktion verloren hat und auch so schnell nicht mehr zurückerobern kann? Mehr als das: es scheint, als sei ein großer Teil des sogenannten Subproletariats gar nicht mehr in der „Genuss“ der autoritären Vollzeitbeschäftigung namens staatlich-schulische Sozialisation gekommen. Droht dann die Fixierung der Bevölkerung auf barbarische Formen der Krisenlösung in Form von Religion, antisemitischem Wahn und Racketbildung? Auch in klassenstruktureller Hinsicht unterscheidet sich die Krise von zurückliegenden Ereignissen. Der Postfordismus hat die traditionelle Arbeiterklasse zersetzt, um bei der sogenannten Mittelschicht und dem akademischen Milieu weiterzumachen. Was so diffus als Prekariat bezeichnet wird, erfasste die Gesellschaft als Ganzes. Der Klassenkampf als Beschwörungsformel der Linken ist nichts anderes als ein atavistischer Begriff geworden, dem man keine Chance auf Vermittlung mehr unterstellen kann. Wenn weder Staat noch die Klasse Chancen haben, den Kapitalismus zu retten oder als Retter für sich aufzutreten, so kann man den Umschwung in die Barbarei befürchten.
Jedoch: Wenn sowohl akademisches Milieu als auch Arbeiterschaft, vor allem aber das „abgehängte Prekariat“ den Staat nicht mehr als Problemlöser wahrnehmen können, weil alle in der gleichen Scheiße sitzen und dies auch so wahrgenommen werden könnte, wäre dann die Zeit der Verbindung von Spontaneität und Kategorialkritik gekommen? Wäre es dann möglich, ein kommunistisches Ziel zu formulieren, das sich nicht auf die bürgerlichen Aprioritäten einlässt, weil diese Ihren Bedeutungsgehalt längst verloren haben?

Wir können es noch nicht wissen.

Benjamin Böhm

Über München und seine Leut‘

Dieser Text handelt von München und hat trotzdem mehr mit faulig vor sich hin modernden Provinzsümpfen wie Gerbrunn, Ochsenfurt, Hemmersheim oder Gollhofen zutun, als sie vielleicht zuerst annehmen würden.
Stellen sie sich einfach vor, zwei Ochsenfurter Gestalten mit kurzen Hosen kommen in Düsseldorf in eine Kneipe und bestellen, ohne vorher auf die Karte gesehen zu haben, ein Öchsner Bier aus Ochsenfurt. Und wenn der Herr Wirt den beiden antwortet, dass es kein Öchsner Bier gebe, bestellen sie ein Kauzen Bier, ebenfalls aus Ochsenfurt. Abermals teilt der Wirt den beiden Dorfkreaturen mit, dass es auch kein Kauzen Bier in seiner Kneipe gebe. Die beiden Ochsenfurter gucken verdutzt und ein wenig erzürnt, besprechen sich kurz, einer von beiden verdreht die Augen und schnaubt dann in lautem Ton „Habt ihr denn überhaupt irgendein Bier?“ vor sich hin. Wenn die Geschichte wirklich passiert wäre, dann fänden sie das Verhalten der beiden jungen Leute etwas merkwürdig, nicht wahr?
Eine weitere Geschichte zur Veranschaulichung: Ein volkstümlicher Sonderhöfer, engagiert im Krieger- und Kameradschaftsverein Sonderhofen, liebt jedes Element seiner Ochsenfurter Gautracht. Er liebt seinen albernen Spitzhut, sein schwarzes Lederwestchen, sein Hoserl, dessen Bund er knapp unter der Brust trägt und seine grauen Wollsocken, in die er sein Hoserl gesteckt hat. Eines Tages kommt er auf die Idee, dass seine Tracht womöglich nicht nur volkstümliches Zeug, sondern neuer Schick ist, auf den die Welt gewartet hat. Also zieht er los in die Metropolen dieser Welt, nach Paris, London, New York, Tokio und viele weitere Städte, und lässt seine Tracht an. Und wenn die Leute über seinen merkwürdigen Anzug scherzen, ihn sogar verspotten, dann kann er diese Menschen nicht verstehen. Nein, er verlangt sogar, dass die Welt ihn zu verstehen habe. Er bettelt um Akzeptanz, mehr noch, er verlangt Bewunderung für sein Volkstum. Auch ein solches Verhalten fänden sie durchaus merkwürdig, oder?
Oder stellen sie sich vor, ein Großlangheimer Autohändler zieht in eine Millionenstadt. In Großlangheim wurden ihm einige Ehren zuteil: als Sohn eines armen Landwirts arbeitete er sich nach oben und gilt für die Dorfbewohner als „Macher“. Er saß für die Freien Wähler zwei Jahrzehnte im Stadtrat, engagierte sich im Verein zur Heimatpflege und im Vogelschutzverein, ist Ehrenbürger seines Kaffs und mehrjähriger Gewinner des Kitzinger Tenniscups in der Klasse der Jungsenioren. Auch sein Habitus entspricht seinem sozialen Status: Familienfeste werden prunkvoll gefeiert, Giorgio Armani Sonnenbrille, Kitzinger Maßanzug und sein kleinbürgerlicher Machismo gehören genauso dazu wie sein sabberndes Gelaber über seine liebreizende fränkische Heimat. Jetzt kommt der Großlangheimer Kleinbürger also in die große Stadt und möchte mit offenen Armen empfangen werden. Er war der Held seines Dorfes, und genau deshalb muss er auch der Held der Großstadt sein. Das merkwürdige an der Metropole, in die er zieht, ist, dass er dort auf tausende Gleichgesinnte trifft. Dass sich dort fast alle Leute wie Bauern im Anzug aufführen, denen trotz ihres schicken Anzugs noch ab und zu Ackerdreck von den Stiefeln bröckelt. Auch diese Vorstellung kommt ihnen womöglich etwas merkwürdig vor…
München, besser gesagt seine Leute, das ist Ochsenfurt mal 1000 oder Iphofen mal 2000. Wenn zwei Münchner in eine Kneipe oberhalb des Weißwurstäquators kommen, dann wird auch ein Erdinger oder ein Paulaner verlangt, ansonsten ist man eingeschnappt wie ein Bauernjunge, dem man sein Leberwurstbrot weggenommen hat. Wenn man nach München kommt, so darf man nur ganz leise lachen, wenn einem ein Mensch in bayerischer Tracht begegnet, denn die Münchner haben es ja zum Schick erklärt, sich zu kleiden wie elbgermanische Sumpfbewohner ohne Schriftkenntnis. Und wann immer sie ein Sportwagen auf der A3 ausbremst, sie können sich sicher sein, dass das Auto ein Münchner Nummernschild trägt.
München ist ein merkwürdiger Ort. Es scheint mir, als hätten sich hier 1,3 Millionen geklonte Veitshöchheimer Kleinbürger versammelt, um eine überdimensionierten Dorfdisko zu errichten1. Die Würzburger bilden sich ein, in einer Stadt zu leben. Die Münchner machen sich nicht einmal mehr die Mühe und bezeichnen ihre Stadt stolz als „Großes Dorf“, ohne jedes Schamgefühl. Die Mentalität eines Kartoffelroders, das Sozialverhalten einer Rübenziehmaschine und der Habitus eines Dreschflegels: All Das wird in München geadelt statt getadelt. Meiden sie München!

Für immer Ihr Hunter S. Heumann

Was tun?

Teil I: Wie man die Sprache der Vögel lernt und ein beliebter Gesellschafter wird

Es ist nicht ganz unwichtig, folgende Verhaltensempfehlungen sorgfältig durchzulesen. Sie werden, wenn sorgfältig appliziert, hervorragende Ergebnisse erzielen. Wir dokumentieren den ersten Teil der Reihe von Gernot Riesenkäfer.

1. Wachen Sie eines Tages auf, um entsetzt festzustellen, dass Sie die Sprache der Vögel sprechen. Machen Sie Ihre Mitwelt auf diese höchst bedeutende und verstörende Veränderung aufmerksam, indem Sie laut piepend die Strasse entlangflattern.

2. Versuchen Sie, die schlechten Angewohnheiten, mit denen Sie Ihrer Mitwelt oft ohne jede Absicht auf die Nerven steigen, zu erkennen und abzulegen. Viel bessere Ergebnisse können Sie erzielen, wenn Sie sich irritierende neue Angewohnheiten zulegen, um Ihrer Mitwelt bewusst und gezielt auf die Nerven zu steigen.
Blicken Sie zum Beispiel während eines Gespräches öfter angestrengt an Ihrem Gesprächspartner vorbei an einen bestimmten Punkt ins Leere. Entgegen dem allgemeinen Glauben ist es auch jemandem, der die Angewohnheit genau kennt, unmöglich, nicht in ein unbehagliches Gefühl zu verfallen. Es hängt allerdings von der eigenen Übung ab.
Kündigen Sie einen Satz mit gewichtigem Tonfall an, vergessen Sie aber nach drei Worten, was Sie sagen wollten, und gehen wortlos (und vielleicht kopfschüttelnd) davon.

3. Erzeugen Sie mysteriöse Geräusche, um in Ihrem Gesprächspartner das Gefühl zu erwecken, er höre Dinge, die nur in seinem Kopf stattfinden. Leugnen Sie strikt und erstaunt ab, das Geräusch selbst gehört zu haben. Die besten Resultate erzielen mit einem Minimum an Lippenbewegungen hervorgerufene Geräusche, die an panische Schreie in der Ferne oder ähnliches erinnern, oder der leise gesprochene Vorname des Gesprächspartners (üben Sie das vor dem Spiegel!). Oder erfinden Sie seltsame kleine Sätze ohne Sinn, aber mit debil-faszinierend eingängigem Rhythmus.

4. Fangen Sie, wenn man Ihnen etwas erzählt, plötzlich breit an zu grinsen. Bitten Sie darum, einen willkürlich ausgewählten Satz zu wiederholen, grinsen Sie erneut. Hören Sie dann bis zum Ende weiter zu, ohne ein Zeichen von Interesse zu zeigen. Oder wiederholen Sie ein Wort Ihrer Wahl selbst, mit allen Anzeichen der Erleichterung, und lassen Sie danach den Vortrag seinen Fortgang nehmen. Sie verleihen damit den Gesprächen mit Ihrer Umgebung den Zauber der Abwechslung.

5. Lernen Sie, ungenau zu hören und zu sehen. Wer nicht genau wahrnimmt, nimmt wesentlich bessere Sachen wahr. Vergessen Sie nicht, sofort nachzufragen, ob die von ihnen grotesk misshörte Stelle wirklich so gelautet haben kann. Unterbrechen Sie hierfür ohne Zögern jede angeblich noch so wichtige Ansprache. So werden Sie lernen, wirklich wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden.

6. Sprechen Sie bestimmte seltenere Worte auf eigentümliche Art falsch aus. Tun Sie, darauf angesprochen, so, als sei ihnen den Unterschied gar nicht bewusst. Benutzen Sie für manche seltenere Worte selbst erfundene, fremdartig klingende dialektale Wendungen. Damit beweisen Sie zugleich weitläufige Weltkenntnis und rührende Bodenständigkeit.

7. Achten Sie bei Leuten, die mit Ihnen sprechen, immer auf die Ohrläppchen oder andere Teile des Gesichtes. Unterbrechen Sie auch längere Ausführungen, wenn nötig, um auf Ihrer Meinung nach auffällige Besonderheiten dieser Körperpartien hinzuweisen. Sie vermitteln damit allenthalben das beruhigende Gefühl, Sie nähmen Interesse an Ihren Gesprächspartnern als menschlichen Wesen in allen ihren Eigenheiten.

8. Üben Sie langweilige Wortspiele und Witze, die sich reimen. Wenn Ihnen ein scheinbar belangloser Satz im Kopf herumgeht, und das wird oft der Fall sein, scheuen Sie sich nicht, ihn zu einer Fantasiemelodie zu singen. Meistens wird sich dadurch auch sein bisher verborgener Sinn rasch erweisen.
Erklären Sie jede Pointe. Gute Witze gewinnen mit jeder Erklärung bisher unbekannte Aspekte und neue Facetten.
Als Ideal muss Ihnen vor Augen stehen, schliesslich ein Mensch zu werden, mit dem kein vernünftiges Wort mehr zu reden ist.

9. Benennen Sie die Dinge Ihrer Umgebung mit Anreden, z.B. Herr Messer oder Frau Gabel. Unterhalten Sie sich mit den Dingen, mit denen Sie zusammenarbeiten. Sie werden feststellen, dass es dem Arbeitsklima gut tut und beide Seiten erfreut. Entschuldigen Sie sich, wenn Sie einem Ding unrecht getan haben. Es wäre nicht gut, unversöhnt von einem Ding zu scheiden.
Entwickeln Sie so Ihre Fähigkeit zur Empathie zu grotesken Dimensionen.

10. Beginnen Sie zuletzt, harmlose Gegenstände zum Zentrum kultischer Verehrung zu machen. Fahren Sie damit fort, absolut idiosynkratisch auf gewisse Kombinationen von Worten, Geräuschen, Abläufen zu reagieren. Sie werden schliesslich zu völlig unerwartetem Handeln fähig sein. Erklären Sie Ihrer Mitwelt auf Nachfrage die Beweggründe ausführlich, aber ohne jede Hoffnung auf Verständnis.

Nächste Folgen:
- Wie man einen riesigen Turm baut
- Wie man in seiner Wohnung einen Kraken hält
- Wie man die Menschen für seine Sache gewinnt

Φρóνιμον ἔστι τὸ πῦρ (1)

Zur Bewegung in Griechenland

Es liesse sich sagen, dass die neuerlichen griechischen Ereignisse, ob nun ganz oder zum Teil, einige in diesem Heft bisher geäusserte Thesen beweisen (2). Gerade so gut liesse es sich übrigens auch umgekehrt sagen.

Wieder, wie zuletzt 2005, redet eine ganze Weile niemand von etwas anderem, und wieder formiert sich eine auf subtile Weise gemeinsame Front derer, gegen die sich die griechischen riots ihrer innersten Tendenz nach richtet: das ganze Geschmeiss von links bis rechts, von Sozialarbeitern bis Polizisten.

Das erste gemeinsame Interesse dieser Front ist die unbedingte Wahrung des status quo, ihr erstes gemeinsamen Mittel, der Bewegung falsche Motive unterzuschieben. Wenn die Linke, weil sie es gerne so hätte, die Bewegung für eine nur leider etwas zu unpolitische Bewegung gegen den „Neoliberalismus“ hält (und gegen deren angebliche Mängel, die in Wahrheit das beste sind, sich selbst als Remedur anbietet), dann erklärt die Rechte, im letzten zu Grunde läge der Sache der Verfall der Werte, der Sicherheit und der Verlässlichkeit, denn nur diese könnten Jugendlichen eine Perspektive bieten (gegen welchen Verfall sich die Rechte selbst als Remedur anbietet).

Die Linke fälscht die Motive, um die Bewegung zu beherrschen, die Rechte, um ihre Gegner zu einigen. Das ist sehr natürlich, zu genau diesen Zwecken hält sich der Staat diese beiden Alternativen.

Grund genug für diejenigen, die sich dieser Bewegung verbunden fühlen, ihre wahren Motive darzulegen. Es zeigt sich jedoch bei näherer Betrachtung, dass die wahren Motive bereits offen zu Tage liegen, und selbst von den verzerrten und verständnislosen Versionen, die in der offiziellen Presse umlaufen, nicht ganz ausgetilgt werden konnten.(3)

Die unaufhaltsame Logik, mit der die Bewegung nach der Tötung eines 15jährigen durch die Polizei dahin übergriff, gezielt und liebevoll genau die Innenstädte zu verwüsten, zeigt ein erstaunlich scharfes Bewusstsein der gesellschaftlichen Totalität. Sie hat sich nicht, wie es eher linke Blätter auch gerne berichtet haben (weil sie es eben gerne so hätten), auf die Niederlassungen grosser Banken und Konzerne beschränkt; offensichtlich teilt sie nicht das idiotische Verlangen der Linken, das Volk gegen das grosse Kapital zu einigen, sondern erkennt in der Einrichtung der Stadt eine direkte, steingewordene Verlängerung der Gewalt des Staates, und in öffentlichem Raum und privatem Eigentum nichts als die eigene Enteignung.(4)

Diese überraschende Überschreitung des Horizonts einer selbst versteinerten autonomen Linken fällt zusammen mit einem Ausgreifen der Bewegung weit über die Ufer dieser autonomen Linken. Die Bewegung war von Anfang an von der autonomen Linken emanzipiert; man darf sich gewiss sein, dass sie mit ihrem langsamen Rückgang wieder in die Schranken der autonomen Linken gezwängt werden wird; man ersieht daraus, in welchem Masse die autonome Linke ein Fänomen der Konterrevolution ist.(5)

Die Bewegung folgt keiner politischen Lehre, keiner der hergebrachten vorgefertigten Tendenzen, sie ist überhaupt nicht politisch, sowenig sie ökonomisch ist. Sie ist keine Folge der Krise, sie ist die Krise selbst. Mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit holt sie das Gründungsverbrechen der heutigen griechischen Gesellschaft, den Militärputsch von 1967 und die Diktatur bis 1974, wieder in die Gegenwart, indem sie tastend auf den Ausnahmezustand zu drängen scheint; sie sieht an der Gesellschaft überhaupt nur ihr wahres Gesicht, das Bürgerliche Gesetzbuch ist ihr eine nicht weniger deutliche Hieroglyphe der Herrschaft ist als der Militärputsch; sie scheint es vorzuziehen, den einmal verlorenen Kampf noch einmal zu führen, um ihn diesmal zu gewinnen, statt sich von der Republik mit der Drohung der Diktatur weiter erpressen zu lassen.

Sie beweist damit ein Wissen über den Staat und das gewaltsame Zustandekommen seiner Gesellschaft, über den Zusammenhang von Souverainität und Staatsstreich, und ein Geschichtsbewusstsein, dass im heutigen Europa ohne Beispiel ist. Damit qualifiziert sie sich als das erste Leuchtfeuer der kommenden Revolten; denn keine Revolte kann sein, die nicht vom Bewusstsein getragen wird, dass die Aufgabe darin besteht, den „wirklichen Ausnahmezustand“ herbeizuführen, von dem Walter Benjamin spricht (6).

Dass die Bewegung in Griechenland zum wirklichen Ausnahmezustand nicht vordringen konnte, ist ihr nicht vorzuwerfen; wäre sie stark genug gewesen, den Staat zu einer Erprobung seiner Souverainität zu zwingen, hätte sich das Gesicht nicht nur dieses Kontinents verändert. Die Regierung hat sich freilich auffallend klug herausgehalten; man darf annehmen, nicht ohne sich mit den Regierungen des Kontinents beraten zu haben.

Und mehr noch als das: in Griechenland hat sich das Proletariat eine Form des Widerstands geschaffen und gleichzeitig allgemein bekannt gemacht, die als einzige avanciert genug, resistent genug, modern genug ist, um universal zu sein; universal in dem Sinne, dass sie einerseits die Umrisse des Proletariats als einer rächenden Klasse wieder sichtbar machen kann, und dass dieses Beispiel, wie durch eine allgemeine Sprache, überall unmittelbar verständlich ist.(7)

Der offene Ausbruch der Krise in der Ökonomie stellt der Herrschaft, der Gesellschaft, die Aufgabe, sie zu bewältigen; das, was auseinanderstrebt, wieder zusammen zu zwingen; die Revolte in Griechenland hat zum erstenmal ausgesprochen, dass das auseinanderstrebende sich gegen den Zwang zur Wehr setzen könnte. Sie hat als erste die Krise nicht als ein Verhängnis gezeigt, dem man stumm sich zu fügen hat, sondern als das andere, das seiner selbst noch nicht bewusste Gesicht der Revolte; welch letztere die wirkliche finale Krise des Kapitals sein kann, wenn man es nur endlich will. (8)

Von Jörg Finkenberger

1 Nach Heracleitus, DK 17 B 64a.

2 Man vergleiche hierzu die Reihe „Über die kommende Revolte“, die seit #2 im letzten hype weiterführt wird.

3 Manche eher rechten Teile der Presse erfinden natürlich ganz speziell griechische Gründe, um sich zu versichern, dass das ganze vielleicht ein Problem der griechischen Gesellschaft sei, aber ganz sicher niemanden sonst beträfe. Etwa den Klientelismus, die Abhängigkeit der einzelnen von einflussreichen Beziehungen – wir sagen lieber: Rackets –; aber sie können natürlich nicht erklären, wie derartige partikulare Herrschaftsformen zu einem allgemeinen Widerstand führen sollen. Unter der Hand machen sie den realen Aufstand gegen den Staat und die bürgerliche Gesellschaft zu einem Aufstand für den Staat, nämlich gegen seine Korruption. Die libanesischen oder ägyptischen Verhältnisse lehren uns anderes. – Oder aber: die Inflation habe die Waren unerschwinglich gemacht, wie ein besonders schlauer meinte, der sich damit die Revolte gegen die Warenanhäufung erklären will. Aber wieviel ist tatsächlich geplündert worden? Er hat es nicht untersucht.

4 Es ist den Linken, wie man sogar zB auf libcom.org sehen kann, vorbehalten geblieben, hier eine besonders grelle Episode im Verteidigungskampf um Arbeiterrechte zu sehen. Diese Leute, Aktivisten der Theorie, können aus der unstreitigen massenhaften Beteiligung von Lohnabhängigen nicht klug werden, wenn sie ihnen nicht im weitesten Sinne gewerkschaftliche Ziele unterschieben. Letztlich sind solche Deutungen nichts anderes als gutgemeinte Vorschläge an die Herrschaft, wie die Situation wieder zu befrieden sei. Ein Proletariat aber, das seine Gefängnisse, die Städte, zu zertrümmern begänne, wäre schon jenseits der Reichweite solcher Ideen. – Gewissen Kreisen der radikalen Linken in Griechenland ist übrigens tatsächlich eingefallen, im Namen der Revoltierenden Forderungen zu stellen. Man darf da die altbekannten Sachen lesen: bedingungsloses Grundeinkommen, Sozialversicherung für alle, und was sonst noch die letzte Mode ist. Der grelle Kontrast, in dem solche wildgewordene Sozialdemokratie zur wirklichen Bewegung steht, muss nicht eigens ausgeführt werden: die Bewegung hat diesen Unsinn bereits desavouiert, und desavouiert ihn noch.

5 Diese Zeilen wurden vor dem Ghaza-Krieg geschrieben. Ich hätte präzisieren können, und tue dies hiermit: jedesmal, wenn eine solche Bewegung scheitert, werden einige ihrer Aktiven, weil sie hinterher nicht mehr begreifen wollen, was sie eine Sekunde lang gewusst haben, sich der autonomen Linken anschliessen; jedesmal wächst die Zahl derer, die bereit sind, israelische Botschaften oder irgendwann Synagogen anzuzünden. Das ist die in Europa übliche Art, sich vom Aufstand abzuwenden und eine unbegriffene Erkenntnis zu vergessen; und die Linke erschafft sich jedesmal aufs Neue als diejenige Instanz, die dieses Vergessen verwaltet.

6 „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern.“
(http://www.mxks.de/files/phil/Benjamin.GeschichtsThesen.html)

7 Griechenland ist das östlichste Land Europas und das westlichste Land des Mittleren Ostens. Für alle die, die glauben, es hier mit zwei verschiedenen Kulturkreisen zu tun zu haben, könnte sich die unverhoffte Chance bieten, umzulernen; nämlich in dem Masse, in dem sich das griechische Beispiel als einzige Lösung der ägyptischen, libanesischen, syrischen, und eines Tages der iranischen Misere erweist.

8 Die unauslotbare Ironie des beliebten Graffito dieser Tage : Merry crisis and a happy new fear! bringt das sehr schön zum Ausdruck. Vor allem wird man, vermute ich, auch im neu-griechischen noch das Gefühl dafür haben, dass Krisis von κρίνειν (entscheiden) kommt und Entscheidung bedeutet.

13.12.2008

Es stellt sich zunächst eine grundsätzliche, strategische Frage, und sie ist vorgestern falsch beantwortet worden.

Zunächst macht man keinen Umzug. Punkt. So etwas macht man einfach nicht. Es gibt nichts dümmeres und nichts entfremdeteres, als in einem Umzug in der Gegend herumzulaufen und seine Meinung zu äussern. Und sie am besten noch den Leuten auf Flyern zu erklären. Es gibt hier nichts zu erklären. Es gibt keine Politik zu machen.

Sich solidarisch auf die Ereignisse Griechenland beziehen, und dann als Demo durch die Gegend laufen: das erinnert mich an jene IG Metall-Demo, vor 3 Jahren, auf der man biedere Bürger sehen konnte, die auf Transparenten französische Verhältnisse gefordert haben. Etwas lächerlich. Und vor allem sehr entfremdet.

Wenn ich dagegen in der Zeitung lese, es sei zu sinnloser Gewalt gekommen, dann lacht mein kleines Herz: denn ich weiss: so etwas verdirbt nicht nur den Herren von der Linkspartei ihr demokratisches Geschäft der Seelenfängerei, sondern gibt vielleicht auch – wird man doch hoffen dürfen – insgesamt ein schlechtes Beispiel.

Eine klare Linie zur Linkspartei aber ist noch nicht gezogen und kann nicht gezogen werden, solange sich die einzelnen Personen und Gruppen ihrer wirklichen Stärke noch nicht bewusst sind und vor allem sich nicht bewusst sind der Voraussetzungen dieser Stärke. Schluss mit der Politik.

Und dennoch: was vorgestern in Würzburg geschehen ist, ist in unserer Epoche neu, und eröffnet eine neue area. Wann man die Tragweite dieser Sache überschauen können wird, weiss ich noch nicht. Wir werden es, insha2 allah, sehen.

Anticomunista.net / dümmer geht ümmer

In Zeiten, in denen man nur den Kopf schütteln kann über die Staatsvergötterung der LINKEN, über den neuen Versuch, eine weitere SPD zu gründen, schaffen es die deutschen GegnerInnen dieser LINKEN tatsächlich, der Dummheit die Krone aufzusetzen.

Denn in Würzburg fühlen sich antikommunistische AktivbürgerInnen tatsächlich dazu gedrängt, über die wahren Absichten der „Linkspartei“ aufzuklären. Deshalb schmücken sie Plakate und Sticker der Linkspartei, ganz im Stile der Kommunikationsguerilla, mit Sprüchen wie „Weil Fleiß nun einmal bestraft gehört: DIE LINKE“.
Die Deutschen bleiben eben fleißig dem Wahn der deutschen Arbeit verpflichtet. Sehen sie selbst, welche geistigen Ausdünstungen die selbsternannten AntikommunistInnen produzieren.
hxxp://anticomunista.net/index.php?option=com_content&task=view&id=22&Itemid=27

Anmerkungen zum Keil als Zirkus der sieben Sensationen

Vorab: Der Autor dieses kurzen Gedankenfragments würde weder behaupten, irgendetwas von der Schauspielkunst zu verstehen, noch nimmt er sich heraus, die dramatische Gestaltung des aktuellen Stücks „Bis einer heult“ zu bewerten. Um eine explizite Kritik des Stücks soll es in den Anmerkungen daher gerade nicht gehen. Stattdessen wird hier die Frage angerissen, ob der Keil einen Platz als verrücktes Huhn der bürgerlichen „Kulturszene“ einnehmen möchte, oder lieber außen vor bleibt.

„Bis einer heult“ war ein nettes Stück: Die ZuschauerInnen strömten in Scharen herbei und befanden es als nett. Die Kinder, die das Stück besuchten, lachten und klatschen zu nettem Slapstick, die Main-Post hatte nichts am netten Keil auszusetzen und so manch einer/einem ZuschauerIn kamen Tränen vor lauter netten Gags.

Es ist nachvollziehbar, dass eine positive Kritik selbst in der Lokalpresse und ein reges Zuschauerinteresse an Shakespeare Balsam auf der Seele der ArtistInnen des Keils sind. Und ich kann ebenfalls verstehen, dass aus rein wirtschaftlichen Erwägungen, denen man sich nicht entziehen kann, drei nahezu ausverkaufte Vorstellungen und großzügige Spenden bei der Aufführung im Kult großartige Ereignisse für den Zirkus der sieben Sensationen sind.

Mir und noch einigen anderen dem Keil nahe stehenden Personen stellte sich jedoch nach den letzten beiden Stücken die Frage, ob der Zirkus der sieben Sensationen einen Platz in der ehrenwerten Gesellschaft der Kulturschaffenden einnehmen möchte und zwei- bis dreimal im Jahr StudentInnen und sonstige BildungsbürgerInnen belustigen möchte, oder die Kulturszene selbst zu verstören gedenkt.

Im Klartext lautet die Frage: Habe ich es, als Zuschauer, lediglich mit einer Laienschauspielergruppe familiären Charakters zutun, deren Mitglieder vielleicht irgendwann den Sprung auf die weltberühmten Bretter, die die Welt bedeuten, vollbringen und die, solange dies noch nicht geglückt ist, die Paradiesvögel der Kulturszene mimen, oder hegt der Keil einen anderen Anspruch an sich selbst und an sein Publikum?

Es macht den Keil aus, dass er stets macht, wozu er Lust hat. Jedoch stellt sich für mich die Frage, weshalb das Bedürfnis, den offiziellen Kulturschaffenden vor ihre Füße zu rotzen, nicht mehr zu bestehen scheint (oder irre ich mich?)? Vielleicht hilft bei der Beantwortung der Frage ein Bezug auf die familienartige Form, in der sich die ArtistInnen des Zirkus’ präsentieren. Indem man sich auf der Suche nach familienartiger Freundschaft als Gruppe wahrnimmt und sich so künstlich von äußeren Einflüssen abschottet, könnte das Harmoniebedürfnis irgendwann über allen anderen Intentionen des Keils stehen. Und damit könnte auch die Fähigkeit verloren gehen, sich mit der Entsetzlichkeit der nur scheinbar getrennten Formen Kultur, Politik und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Je mehr der Zirkus der sieben Sensationen sich also als Familie versteht, desto weniger wird man sich wohl mit solchen Fragen auseinandersetzen. Man darf jedenfalls nicht vergessen, dass Theater niemals in der nichtexistenten kulturellen Luftleere steht, sondern zwangsläufig mit dem gesellschaftlichen Formgeflecht verwoben bleibt. Darüber hinaus muss angeführt werden, dass es zwar nicht verwerflich ist, sich untereinander blendend zu verstehen (ganz im Gegenteil), aber dass mit einer heimeligen Gruppenidentität auch eine Formierung nach innen stattfinden könnte, durch die erstens solche kontroversen Fragen über den Sinn und Zweck der eigenen Theatergruppe nicht mehr diskutiert werden, zweitens man kaum mehr fähig sein wird, etwas anderes als ganz nettes Theater zur Bespaßung von seichtem Publikum zu machen.

Zuletzt muss festgehalten werden, dass Theater stets auch die Interaktion zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen bedeutet. Der Keil hat nicht umsonst nach wie vor ein Publikum, das fähig ist, Fragen wie die meinigen zu stellen. Durch die in der Vergangenheit ungewöhnliche Art, nicht nur schallenden Applaus, sondern auch tiefe Empörung beim Publikum auszulösen, umgibt den Zirkus der sieben Sensationen zumindest für mich noch immer eine Aura der Subversion. Je mehr die SchauspielerInnen nur den Anspruch hegen, nettes Familientheater zu machen, desto weniger werden Mitglieder und ZuschauerInnen des Keils dazu fähig sein, den Zirkus der sieben Sensationen nicht nur als ganz normales Theater zu verstehen. Egal, ob in Würzburg, Leipzig oder anderswo.

Benjamin Böhm

Zur Krise #1

Emanzipation oder Barbarei bespricht kurz ein paar Ansichten (Heinrich und Trenkle) zur gegenwärtigen Krise; wenn man die beiden Namen kennt, kennt man eigentlich auch schon die Ansichten, bevor man deren (dort verlinkte) Texte gelesen hat. Lohnen mag es sich trotzdem.

Einen brauchbaren Text darüber, was eigentlich eine Überakkumulationskrise sein, hat Emanzipation oder Barbarei aber genausowenig aus dem Netz fischen können wie wir; ausser einem wikipedia-link, der aber rein gar nicht weiterhilft, und Sachen hauptsächlich aus dem (Ex-)Krisis-Umfeld, die aber leider auch so ihre jeweilige Schlagseite haben.

Eine gute Zusammenfassung wird also nach wie vor gesucht.

Fruchtsalat

Art des Spiels: Ein deutsches Gesellschafts- Gruppenspiel. Als Familien- oder Partyspiel geeignet.

Gruppengröße: mind. 4 Leute

Altersbeschränkung: keine

Materialien: 1 funktionstüchtiger Toaster, 1 Stirnband beliebiger Farbe, 1 Stück Kreide, evtl. frisches Obst

Spielort: Hof oder Straße, kurz nach Sonnenaufgang

Hinweis: Dieses Spiel ist sehr geeignet für ausgezehrte, wassersüchtige Körper nach einer durchzechten Nacht.

Beschreibung:

1. Die Schüssel:
Der älteste oder erfahrenste Mitspieler setzt das Stirnband auf und nimmt das Stück Kreide in die Hand. Er malt auf den Boden einen Kreis. Dieser sollte angenehm rund und nicht zu klein sein, als Faustregel gilt:
Radius in m= Gruppengröße – 1
Dieser Kreis stellt die „Schüssel“ dar und wird auch so genannt. Sie darf, wenn alle damit einverstanden sind, mit kleinen Tierbildchen verziert werden.

2. Der Toaster
Der Toaster wird neben die Schüssel gestellt. Er muss über Verlängerungskabel sehr umständlich mit einer Steckdose verbunden sein. (siehe Abb. 1)

3. Die Früchte
Nun sind die übrigen Teilnehmer an der Reihe: Jeder von ihnen denkt sich eine Frucht aus, die er sein möchte, und spricht ihren Namen laut aus, z. B. so:
Spieler A: „Ich möchte eine Birne sein.“
Oder Spieler B: „Ich bin eine Traube.“
Sollte ein Spieler etwas unliebsames sagen („Ich bin eine Kartoffel“), darf der Spieler mit dem Stirnband ihn schlagen und anschließend fortjagen.
In der Zwischenzeit haben sich die anderen Spieler ihre neuen Früchtenamen auf ein Schild geschrieben und umgehängt. Sehr atmosphärisch ist es auch, wenn die Spieler ihre jeweilige Frucht vorher eingekauft haben und sich kunstvoll ins Haar stecken oder mittels Haarreif auf dem Kopf befestigen (siehe Abb. 2)

4. Beginn des Spieles:
Der Tanz:
Alle Früchte stellen sich nun im Kreis um die Schüssel herum und beginnen zu tanzen. Es darf gerne gesummt werden. Der tanz sollte immer charakteristisch für die jeweilige Frucht sein, d. h. eine Birne sollte einen bauchigen Tanz vorführen, während die Traube, den Kopf kreiselnd, kleine Schritte bevorzugt.
Für jede Frucht ist es ratsam, den Tanz vorher allein zuhause zu üben.

Die Zubereitung des Fruchtsalats:
Glücklich über die tanzenden Früchte stellt sich der Träger des Stirnbandes nun zwischen die Schüssel und den Toaster, wobei er unbedingt jeden Anflug von Neid vermeiden sollte. Er atmet tief durch und spricht folgende Worte:

„Ach, ich habe Hunger. Und wie immer kann ich mich nicht entscheiden. Esse ich Toast oder einen Fruchtsalat?“

Kaum wurde der Satz gesprochen, hören die Früchte zu tanzen auf. Sie fassen sich an der Hand und rufen: „Iss doch einen Fruchtsalat!“

Was nun folgt, ist der Höhepunkt des Spiels: Der Träger des Stirnbandes muss sich entscheiden. Wählt er den Fruchtsalat, wird das Spiel einen freudigen Ausklang finden. Wählt er den Toast, so ist das Spiel auf der Stelle vorbei. Und alles war umsonst.

Sollte sich der Stirnbandträger nach zähem Ringen für den Fruchtsalat entscheiden, ruft er feierlich verkündend aus: „Ich wünsche mir den Fruchtsalat!“
Darauf beginnt er einen ekstatischen Tanz um die kleinen Früchte herum und verpasst jeder von ihnen einen Klaps. Dabei nennte er sie einzeln beim Namen und lobpreist ihren Geschmack, ihren Liebreiz und die Energie. (siehe Abb. 3)
Die Früchte springen, sobald ihr Name fällt, voller Freude in die Schüssel und tanzen. Der Ausgelassenheit sind keine Grenzen gesetzt und Ausrufe der Freude und Jubels sind erwünscht. Und so tanzen alle bis sich der Tag zu ende neigt.

Von Homer Berndl

Nachtrag zu den Studiengebühren

Die Studiengebühren sind eingeführt, und es ist immer noch nicht ersichtlich, dass die Angehörigen der weniger zahlungsfähigen Schichten in Massen die Universität verlassen oder gar nicht erst betreten. Diejenigen Linken, die sich auf das Feindbild der sogenannten Eliten eingeschossen haben, bringen nur zum Ausdruck, dass sie nie irgendetwas begriffen hatten: die Studiengebühren sind nicht zuerst ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Privilegien irgendeiner Schicht, sie sind vor allem ein Mittel der Disziplinierung, oder vielmehr der Konsekration der Disziplin, aller Studierenden gleich welcher Schicht.

Wer das erste kritisiert, kann das zweite nicht mehr kritisieren. In der Auseinandersetzung zwischen fleissigen und arbeitsamen Angehörigen aufstiegsorientierter Schichten und den privilegierten rich kids haben jedenfalls Kommunist/innen keine Stimme. Die Disziplin ist es, die angegriffen werden muss, die bedrückende Arbeitsamkeit, diese gemeinsame Sache des Staates und der passiven Mehrheit.

Wer nichts anderes gefordert hat als mehr und bessere Bildung, wird nichts anderes bekommen als mehr und bessere Bildung. Der tiefe Konformismus solcher Forderungen mag für das lähmende Bewusstsein mit verantwortlich gewesen sein, dass es ja doch nichts bringe; denn es war zu greifen, dass man sich in dieser Auseinandersetzung auf demselben Boden bewegte. (1)

Der eigentliche Kampf wäre nicht der zweier Schichten, sondern der gegen die Disziplin; sowohl gegen die Unterwerfung als auch gegen die Tatsache, dass alles immer weitergeht. Diesen Kampf hat die Linke nicht verloren, sie hat ihn nicht geführt und konnte ihn nicht führen. Lässt er sich besser führen jetzt, nach ihrer Niederlage? Man wird es wissen, wenn man es versucht hat.

Immer und immer das selbe zu sagen, wie ich es hasse. How many nights I prayed for this: to let my work begin.

Von Jörg Finkenberger

1 Neoliberalismus nennen sie das ganze, Herr G*tt! Und fordern, dass Bildung keine Ware sei; dabei meinen sie nur, dass sie ihnen zu teuer ist. Kann man die Segnungen des Staates zu anderen Bedingungen haben, als er sie gibt? Genauer gesagt: mit welchem Argument will man andere Bedingungen der Hauptsache, solange man sie für eine Segnung hält.

Akademische Bildung ist nicht nur schon immer eine Ware, sie ist schlimmeres: sie ist eine Veranstaltung, mit der jedem Gegenstand noch das letzte Negative ausgetrieben wird und werden muss. Ob die Universitäten, gegen den Willen ihrer Herren, sinnvoll zweckentfremdet werden können: das ist freilich eine andere, praktische Frage. Kämpfe der Studierenden für, statt gegen, das Studium jedenfalls sind nicht verallgemeinerungsfähig und damit direkt konterrevolutionär: sie richten sich nicht gegen die Gesellschaft der Klassen, sondern bestätigen sie.

Der Verdacht

Heute macht man sich nicht mehr strafbar, man macht sich verdächtig. Der Zweck, zu terrorisieren, dem einmal die Strafe diente, wird heute erreicht durch die Befürchtung, einen Verdacht auf sich zu ziehen.

Dass unschuldig ist, wem eine Schuld noch nicht nachgewiesen worden ist, das steht noch im Gesetz, ein letztes stolzes Standbild eines versunkenen Liberalismus; die heutige Epoche, ohne mit der äusseren Form des Liberalismus brechen zu müssen, bringt die dunkle Umkehrung dieses Satzes zur Erscheinung. Es nützt nichts mehr, unschuldig zu sein. Nur, wer sich nichts vorzuwerfen hat, muss etwas befürchten.

Es ist, nach den Grundsätzen des liberalen Staates, Sache des Staates, den Beweis der Schuld zu führen; der/die Beschuldigte ist nicht einmal zur Mitwirkung verpflichtet. Er/sie hat aber, und das macht den Unterschied, jede nur denkbare Belästigung zu dulden: man kann ihm/ihr die Wohnung durchsuchen und überwachen, das Telefon überwachen, das Fahrzeug mit einem Peilsender versehen, sein Mobiltelefon orten, seine Kartenzahlungen überwachen, das Verbindungsdaten im Internet auswerten, alle seine/ihre Bekannten derselben Durchleuchtung unterziehen. Bald wird man Autobahnfahrten nachverfolgen, Fussgänge in den Städten elektronisch auf den Kameras verfolgen und auf die Inhalte seiner/ihrer Festplatten zugreifen können.

Und so gerät der/die Verdächtige in die Lage, seine/ihre Unschuld erweisen zu müssen, nicht einmal oder zweimal vor einem Gericht, sondern 24 Stunden am Tag. Und niemand weiss, ob und wann man sich verdächtig macht, denn niemand kennt die auffälligen Merkmale; nicht einmal die, die nach ihnen suchen. (Nur wer sich etwas vorzuwerfen hat, weiss ohne weiteres, was er/sie zu verbergen hat. Alle anderen müssen raten.)(1)

Neu an alle dem ist, dass das Regime des Verdachts für den Zweck, zu terrorisieren, ausreicht. Das liegt nicht nur an den völlig neuen technischen Möglichkeiten; das sind sowieso nur gegenständliche Erscheinungen gesellschaftlicher Kämpfe. Es liegt, und daraufhin sind die technischen Mittel zu dechiffrieren, an einer völlig neuen Stufe der Verinnerlichung gesellschaftlicher Herrschaft, die seit einigen Jahrzehnten im Lauf ist; an einer gewissen Verlagerung des Punktes, an dem die Kontrolle ansetzt, in das Innere der Einzelnen hinein. Ohne das in voller Schärfe zu erkennen, ist keine Gegenwehr möglich.

Die so genannte Vorratsdatenspeicherung wurde nötig, weil es für den Staat immer schwieriger ist, die Inhalte der Kommunikation zu überwachen. Heute ist es, ohne jeden Aufwand, möglich, Kommunikation vollständig zu verschlüsseln; zwar mit geheimdienstlichen Mitteln zu knacken, aber nicht für die alltägliche Ermittlungsarbeit. Das ist das Ergebnis eines Kampfes, in dem der Staat eine Runde verloren hat; damit ist der Kampf auf dem nächsten Level.

Die akkumulierten Verkehrsdaten (grob gesagt: wer kontaktiert wen?) lassen sich, zu anderen Zwecken, genausogut gebrauchen. Werden sie, in riesigen Datenbanken, zusammengebracht und mit den Mitteln des data mining sortiert, liefern sie Aufschlüsse über Kommunikationsstrukturen, die das gesellschaftliche Verhalten der Einzelnen wahrscheinlich durchsichtiger machen, als es diesen selbst ist.

Es ist gerade die Eigenart von Methoden wie data mining, Merkmale zu finden, auch ohne zu wissen, nach welchen Merkmalen gesucht werden muss. Das zu Daten formatierte akkumulierte Wissen zeigt die Strukturen auf, auf deren Grundlage erst klar wird, was als normal und was als abweichend zu gelten hat. In einer längst (auch ein Ergebnis bisheriger Kämpfe) nicht mehr eindeutig normierten Gesellschaft ist diese Methode der Datenverarbeitung eine Herrschaftswissenschaft im Wortsinne. Ihr ist im Übrigen noch anzusehen, dass sie aus dem Marketing stammt.

Noch bestehen die rechtlichen Möglichkeiten nicht, die anfallenden Daten auf eine solche Weise zu nutzen; aber es wäre naiv, zu glauben, dass das so bleiben wird. Die Daten fallen ab 1.1.2008 an; nach der Logik der Dinge werden sie , nach ihren Möglichkeiten, nutzbar gemacht werden.

Das selbe gilt von den Daten der Überwachungskameras in den Städten und und an den Autbahnen, die biometrische Merkmale und Autokennzeichen elektronisch erkennbar machen. Sie sind überhaupt zu keinem anderen Zweck nutzbar, als Bewegungsprofile zu erzeugen; ausser vielleicht dazu, Propagandavideos für gescheiterte Wahlkämpfer zu liefern.

Niemand weiss, wie das Verfassungsgericht über die Vorratsdatenspeicherung entscheiden wird; nach der juristischen Literatur zu urteilen, wird sie sie verbieten oder stark einschränken. Nach der bisherigen Erfahrung mit eineinhalb Jahrzehnten sogenannter Sicherheitspolitik wird man jetzt schon sagen können, dass sich die Innenminister davon nicht werde aufhalten lassen.

Es ist ohnehin nicht ein Frage dieser oder jener einzelnen Regelung. Data mining liefert denen, die es angeht, längst die Möglichkeiten, mehr über irgendeine Person zu wissen, als diese selbst. Die Hotlines, in denen gute und schlechte Risiken bereits nach ihrer Postleitzahl sortiert werden, sind nur das sprichwörtliche Beispiel; insgesamt tut man gut daran, die erwünschten Merkmale aufzuweisen, welche das auch immer sein mögen. Man hat natürlich besser keine Brüche im Lebenslauf, man hat besser geputzte Schuhe, wenn der Durchschnitt das auch hat. Man liefert besser ein Bild, das im Rahmen der Erwartung bleibt. Ausgefallen darf man sein, denn das sind alle. Aber es gibt überall eine für alle unsichtbare Linie, hinter der man ausserhalb der Norm steht. Man muss es nicht wissen, es reicht, dass man es ist.

Man entwickelt besser, mit einem Satz gesagt, selbst ein Gespür dafür, was akzeptabel ist und was nicht. Man nimmt besser, das ist das selbe, die Masstäbe der Unterwerfung ganz, und freiwillig, in sich auf. Nicht die äusserliche Kontrolle, die blosse Disziplinierung: die innere Unterwerfung allein befähigt, angesichts völlig unbestimmbarer Kriterien dennoch immer auf der richtigen Seite zu stehen.

Man kann dem Kapital und dem Staat das alles nicht ernsthaft zum Vorwurf machen. Katzen (sit venia verbo) fangen Mäuse. Das das Proletariat dergleichen mit sich machen lässt; die zum Speien erbärmliche Bereitschaft der Massen, sich zu unterwerfen, das ist der eigentliche Gegner. Nicht die Herrschaft definiert die Kriterien normalen oder abweichenden Verhaltens, sondern die Masse der Beherrschten; durch ebendiese, je nachdem mehr oder weniger grosse, Bereitschaft zur Unterwerfung.

Nur zu spät gekommene Liberale, wie der Chaos Computer Club, hoffen darauf, dass die Gesellschaft ihre Freiheiten verteidigen werden; sie lassen sich sogar auf die alberne Abwägung von „Freiheit“ gegen „Sicherheit“ ein, als ob nicht alle wüssten, dass die „Sicherheit“ nicht nur unsere Sicherheit nicht ist, sondern sogar das Gegenteil davon. Die bürgerlichen Freiheiten mögen unerlässlich sein, um in dieser Gesellschaft zu überleben; sie werden nur nicht zu halten sein. Die Gesellschaft wird sich nicht gegen die autoritären Tendenzen des Staates liberal auflehnen; sie befindet sich nicht in Opposition zu ihm, ihre Ziele sind die seinen. Der Staat vollzieht nur nach, was sie vorgemacht hat: er ist die juristische Form ihres freiwilligen Konformismus.

Nicht nur unschuldig, sondern verdächtig ist, wessen Schuld nicht bewiesen ist. Und glücklich, wer weiss, wessen er/sie sich verdächtig machen könnte; er kann Vorkehrungen treffen. Die Unschuldigen aber haben keine Chance: ihnen kann man alles anhängen, sie können das Gegenteil nicht beweisen. Es empfiehlt sich nicht mehr, unschuldig zu sein.

Soll man also, im blinden Vertrauen darauf, dass der Staat mit den neuen Befugnissen nur denen Ärger bereiten werde, bei denen es ihm gerade gelegen kommt; soll man sich auf das dreckige Spiel einlassen, und versuchen, keinen Anlass zu geben? Dann soll man velleicht dieses Heft aus der Hand legen; ich hoffe, es könnte dereinst Teil einer realen Bedrohung zu werden. Es käme darauf an, keine verdächtige Bewegung mehr zu vermeiden; bewusst abzuweichen; Möglichkeiten von Unbeugsamkeit und Unberechenbarkeit auszuloten.

Für den beschränkten Bereich der Kommunikation im Internet heisst das, dafür zu sorgen, dass möglichst grosse Mengen an Entropie entstehen. Je grösser, grob gesagt, die Menge an verschlüsselten oder nicht zuordenbaren Daten gegenüber den brauchbaren, desto geringer die Möglichkeiten der Überwachung. Unverschlüsselte Kommunkation ist auch dann nicht mehr akzeptabel, wenn wir richtigerweise davon ausgehen, dass uns wahrscheinlich niemand nachstellt. Im Gegenteil ist die bewusste Verdunkelung, die Verweigerung der freiwilligen Transparenz, die angemessene Form von Widerstand einer Gesellschaft gegenüber, die keine wirklichen Feinde, sondern nur mehr oder weniger konformierende Unterworfene kennt.

Jenseits des elektronischen Horizonts, im real life, sind, nach dem selben Prinzip, weiter greifende Folgerungen zu ziehen. Sie sind oft genug erörtert worden und werden von mir auch noch bis zum Ekel, und in der selben abstrakten Form, erörtert werden. Man soll nicht erwarten, in einem Organ der bloss theoretischen Kritik praktische Vorschläge zu finden; wir werden uns hüten. Die praktische Kritik entsteht, für jetzt, in denen, die lesen, oder nirgendwo.

Von Jörg Finkenberger

1 Jede technische Massnahme kann, mit Aufwand, umgangen werden. Wer sich nichts konkretes vorzuwerfen hat, wird in der Regel den Aufwand scheuen. Daraus ergibt sich die wirkliche Zielrichtung der Massnahme: die Unschuldigen. Die Unschuldigen sind selbst schuld: sie sind selbst die, die noch jede Massnahme rechtfertigen. Woraus man ersieht, dass das Verbrechen auch nicht der wirkliche Feind dieser Unschuldigen ist, sondern die Abweichung in den eigenen Reihen.

Auswertung der letzten Umfrage:

warum eine zeitung und kein riot?
naja…: 14% (4)
naja eben….: 14% (4)
gack: 48% (14)
naja.: 14% (4)
oi1: 10% (3)
Total Votes : 29
1 = Added by a guest

Letzter Hype Party

Flyer

Wer nicht kommt: Kommt nicht!

xyeahx und der letzte hype präsentieren eben diesen:

Am Freitag den 16.November 2007 in der akw! Kneipe.

Ein weiterer Kunstgriff – Jetzt NEU: Kapitalismus rechtfertigt seine Existenz durch Umweltschutz

„Das wirkliche Meer ist kalt und schwarz, voller Tiere; es rumort unter diesem dünnen grünen Film, der dazu da ist, die Leute zu täuschen. Die Sylphen, die mich umgeben, sind darauf hereingefallen: sie sehen nur den dünnen Film, er beweist die Existenz Gottes.“ (Sartre, Der Ekel)

Seit langer Zeit war es nicht mehr so einfach, sich ruhigen Gewissens vom gerechten Lauf der Dinge treiben zu lassen, nachsichtig tadelnd zurück und zuversichtlich nach vorne blickend. Es wird alles gut! Der Kapitalismus ist ab sofort nicht nur das System, welches sich so oder so durchsetzt, es ist neuerdings auch unser Rettungsanker. Plakatwände, Hochglanz-Magazine, Mode-Zaren, Lokalbrauereien, MTV und Boris Becker: alle dürfen lokal und global die Botschaft verkünden, dass es nie einfacher war, etwas „gegen die Globalisierung“ zu tun. Und wie? Das Geheimrezept besteht darin, nichts zu ändern: Nur konsumieren. Ab sofort aber bitte folgendes: Die batterieschonende Uhr, das ökologische Huhn, den richtigen Kinofilm, das globale Musikspektakel, ein Distelhäuser, zwei Bionade, drei Hybrid-Autos.

Schlecht daran ist erst mal gar nichts. Da die Kundschaft, vom Proleten bis zum High-Society-Girl, grundsätzlich dazu verdammt ist, zu konsumieren, ist es immerhin besser, ihnen Umweltverträgliches einzuimpfen. Eine neue Qualität der Peinlichkeit erreicht dieses Schauspiel aber, wenn die neue Fütterung nun als vernünftige, bewusste Handlung der Abnehmer stilisiert werden soll. Jener Abnehmer, die sich so lange über die Ökos lustig gemacht haben, bis ihnen Hollywood ihre potenzielle Zukunft simpler buchstabierte. Als eine Welt ohne süße Eisbären zum Beispiel.

Unwahrscheinlich ist es nicht, dass sie gelingt. Diese Große Rettung, dieser lang ersehnte heroische Akt der Menschheit, der in den mächtigen Worten Al Gores nämlich das „Privileg einer Generation [ist], eine Mission zu haben“ . Die in der Vergangenheit oft bewunderte bzw. beneidete Flexibilität des kapitalistischen Systems würde sich nur ein weiteres Mal unter Beweis stellen. Leider macht diese ,Rettung’ aber (A) die jeweils vorrangegangene Not nicht rückgängig und kann (B) keinesfalls die Menschheit ,retten’, sondern lediglich ihre physische Existenz verlängern. Die ständige Notwendigkeit, auf die finanziellen Folgen hinzuweisen, die von der vermuteten Klimakatastrophe zu erwarten seien, beweist, dass in diesem Zusammenhang keine Rede von Vernunft, Gefühl oder anderen Nichtigkeiten sein kann . Das globale Umdenken erscheint somit als nichts weiteres als ein Manöver zur Rettung des Privatkapitals, welches einsetzt, wenn dieses aufgrund gewisser Gesetzmäßigkeiten in Gefahr gerät.

Die Katastrophe wird ihm gutgeschrieben

Jetzt grandioser Kunstgriff: Am 5.7.07 erschien in der Zeit ein Artikel mit der markigen Überschrift „Hollywood rettet die Welt“ (in der selben Ausgabe: „Auf in den Ökokapitalismus!“). Darin stellt Autor Robert Misik – nach einer unentschieden bis kritischen Darstellung der vor sich gehenden Inwertsetzung der Moral – die Dinge geschickt auf den Kopf. Kurz nach den grandios bescheuerten „Live Earth“-Konzerten hat er als Credo der „neuen Aktivisten“ ausgemacht: „Der Konsumkapitalismus hat das Problem verursacht? Macht nichts, der Konsumkapitalismus macht es wieder gut“. Dass sogar der Widerstand für eine bessere Welt vom Kulturkapitalismus vereinnahmt und mit Preisschildern versehen wird, ist für Misik ein hinnehmbares Übel im Kontext der Weltrettung. Was diese Inwertsetzung für Folgen in der Öffentlichkeit zeitigt, führt der Autor am Ende des Textes jedoch selbst vor: Hier wird die Katastrophe schließlich auf wundersame Weise der kapitalistischen Wirtschaftsform gutgeschrieben. Die Schuldzuweisung für die Umweltzerstörungen fällt ebenso unter den Teppich wie der Aspekt, dass gerade nicht-kapitalistische Bewegungen die Umweltthematik in der Öffentlichkeit präsent hielten. Misik versteigt sich – aufgrund eines Medienhypes – zu der Annahme, der Kapitalismus sei „moralisch gut für uns“. Andere Auswüchse dieser Wirtschaftsform, beispielsweise die Expansion des globalisierten Verbrechens, lässt er geblendet unter den Tisch fallen. Seiner Meinung nach gäbe es Anzeichen, dass sich die Vision Adam Smiths erfülle und der Kapitalismus zu seiner „philanthropischen Funktion“ komme: „Kapitalismus ist gut für uns, und die Moral ist gut für den Kapitalismus. In einer solchen Ordnung liegt es nahe, dass man der Moral den besten Dienst erweist, indem man sie zu einem Geschäft macht“.

Angesichts meiner Sprachlosigkeit sei diesem und ähnlichen Autoren lediglich nahegelegt, darüber nachzudenken, ob Kapitalismus nur Cameron Diaz, Leonardo di Caprio und der grüne Film ist oder vielleicht auch das tiefschwarze Meer?

Sebastian Loschert
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1 Zitiert nach: Robert Misik, „Hollywood rettet die Welt“, Die Zeit, 5. Juli 2007.
2 Wenn wir uns erinnern mögen: Die Verbesserung des elendigen Zustands der Arbeiterklasse ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert setzte natürlich nicht ein, weil das Elend des Proletariats Mitleid erzeugt hätte, sondern sie begann just mit der Erkenntnis des drohenden Elends der Kapitalistenklasse. Diese Erkenntnis führten z.B. Gewerkschaften vor Augen.
3 Als Folge dieser seltsam oberflächlichen Betrachtung der Welt ergibt sich bei Misik auch die Vorstellung, dass schon „viel gewonnen [wäre], wenn die goldenen Anbagger-Sprüche dereinst einmal lauten würden: ,Hey, schau dir meinen Pflanzenöl-Schlitten an, Süße!’“. Robert Misik, „Klimaschutzkonsum jetzt!“, Falter, 27. Juni 2007.

Ungewöhnliche Ansichten Teil I: Ayasake

Heute: ein antijapanischer antideutscher Operaist. Und er hat einen Kommentar zu den Ereignissen in Ghaza, Filastin:

Klassenkampf gegen den Islamismus

Das sollte ungewöhnlich genug sein für den Anfang. Der seinerseits ungewöhnlich interessante Text findet sich erstens hinter dem Link , zweitens in Auszügen hier.

The Takeover

In a discussion with a German comrade awhile back, I brought up the appeal of Marwan Barghouti, jailed former leader of the Tanzim, and his political faction Al-Mustaqbal. Barghouti had abandoned the Tanzim after a series of suicide bombings, and has a history of collaboration with Israeli left groups such as: Women in Black, Gush Shalom, Yesh Gvul, Ta’ayush etc. My German friend wrote me back saying: „Yes, his politics sound good, but how many guns does he have?“

At the time I was skeptical of his response. The Palestinian intifada had proven (in its best moments) that popular resistance to occupation could overcome a more powerfully armed adversary. What relevance to emancipation would the side with the most weapons really have?

This question was in a way answered rather brutally two days ago in Gaza. By now the basic course of events should be well known: after Hamas‘ election and refusal to engage with the terms of the Quartet, i.e. ongoing negotiation based on the Oslo accords, tensions developed to explosion between Fatah and Hamas, leading to a state of civil war. What is less clear is what events led Hamas to enact an armed dictatorship of the Gaza strip. To understand this we have to return to the period directly after the Hamas election. The boycott of the Hamas government by the west had not gone on for very long when public sector workers in Gaza reacted against the new austerities imposed upon them by Hamas‘ rejectionism, staging strikes and demonstrations against the government late in 2006. Proving their democratic credentials, Hamas attempted to break the strike, firing on the demonstrators and encouraging students to scab against their teachers.

„As a protest against the attempts by the banks to confiscate part of the emergency money paid out to workers for loan repayments, demonstrators stormed offices of banks in the occupied territories. The industrial action taken by the workers resumed the the same day and rumours of an impending all out strike began to circulate
….
The strike included at its start, 37,000 teachers, 25,000 health workers, and 15,000 other public-services workers
…..
In front of the parliament there were continuous demonstrations with thousands demanding payment of wages, unemployment benefit and the creation of more jobs. They shouted slogans, threw stones at building and stormed the gates until they were brutally repressed by the riot police.

In Ramallah on the 30 August, a crowd of 3,000 people demonstrated outside a venue were Abass was meeting UN Secretary General, Kofi Anan. The demonstrators shouted “From today there is no government anymore. From this day on, there is no parliament anymore!” and “We have no money in our pockets.”

Less than a year ago the local Hamas leadership spoke about the possibility of an Intifada against the PNA. Now it is starting to understand that they themselves could be the target of such an event. The government is in negotiations with the strikers and it looks possible that the conflict will come to a negotiated end. The political direction is towards the formation of a unity government.

(Socialist World)

By the time tension between Hamas and Fatah was building towards explosion in the Gaza strip, Hamas had again to cope with the large-scale walkout of 15,000 public sector workers this April. The question was posed: how could Hamas slow this potential Intifada against its government? We could ask Rasem Al Bayari, Palestinian trade unionist of the PGFTU, one of many workers whose life was targeted by Palestinian security forces (led by Hamas). But sheer violence and repression were not adequate to contain the unrest. Hamas found other means more familiar to its activists. By firing or permitting the firing of rockets into southern Israel, Hamas could continue to make the eliminationist case for claims on Israeli territory, creating a focal point of ‚national resistance‘ through which the population could be distracted with the fantasy of evicting the Israeli population. The rockets also double as bait for Israeli counterattacks, which could be used to unify Palestinian factions on Hamas‘ terms (since this interplay has been one of Hamas‘ major strategies after disengagement, it is obvious why Olmert has refused to hit Gaza in any major way so far). The focal point of the rocket launches more importantly allowed the party to compete with rival factions in Gaza, where Hamas struggled to increase its influence in streets that it did not fully control.

Context of the Crisis

The insurgency against the US armed forces in Iraq has completely changed the coherency of American imperialism in the middle East and these changes are visible in the recent events in Gaza. In the midst of the largest crisis of American foreign policy in its history, Washington is increasingly trying to shelve not only the management of the Iraqi state in crisis, but also its stake in the proxy war waged by Saudi Arabia, Iran and Syria in Iraq onto American allied Arab states in the region. This ‚disengagement‘ could take the form of withdrawal with a political settlement negotiated among regional powers (including Iran) or an escalation into a wider regional Middle East war involving a mobilization of Saudi Arabia against Iran (the Iraqi civil war is an anticipation of this conflict). The results of the latter would be particularly grave for humanity. Washington has gone so far as to look the other way as Turkey invades Kurdistan to attack Kurdish nationalist militias like the PKK, with the Machiavellian logic that perhaps this pressure could produce a compromise on the bitterly contentious city of Kirkuk. Within this, the American ruling class is trying desperately to shore up its position in the Middle East in order to maintain a potential threat in the region.

That has meant in the context of Hamas‘ putsch in Gaza that the strip could be abandoned to Hamas while the West Bank and even camps in foreign countries like Lebanon are brought under the control of Fatah and the new PA. Under these conditions, the US will release funding for the newly established PA and Israel will release tax revenues withheld from the Hamas government. The ending of the sanctions will in some ways be an improvement, but only for those in the west bank. In this way, America tries to prop up a new Palestinian Authority, loosely federated with the remaining American-allied ruling classes in the region: Jordan, Saudi Arabia, Kuwait, UAE, Lebanon and Iraq (both shaky).

The shoring up of Fatah is primarily an effort by the Western ruling class to shore up its warfare against the emerging opposition belt from Lebanon to Iran to Syria. There have already been many arguments in the media for bringing both Fatah and Hamas into the ‚Sunni orbit‘, which refers to the American-allied states in the region. Hamas on the other hand is largely viewed as a lost cause due to its engagement with Iran and Syria.

By now much of the left is able to identify the ruthlessness of Hamas in the Gaza takeover. Some on the far left even take a clear position against both Hamas and Fatah, whom they argue will to varying degrees repress struggles within Palestinian society. In a discussion recently a comrade summarized this position succinctly:

„In other words, it’s a conflict between two completely reactionary forces and ideologies.“

The attacks against Israel on the plane of history and ideology present a particular danger in my view. Popular opinion is generally drifting towards the idea that Israel is a nation that deserves either abandonment, dissolution or, in the extreme, elimination. I‘m prepared to argue the exact opposite: that Israel is the only nation with a good reason to exist. That is, along with some on the German left, I think that an opposition to capitalism, imperialism and nationalism must include a solidarity with Israel, a nation whose creation was an inevitable result of the failure of the first revolutionary wave which could not prevent or defeat Europe’s lapse into anti-semetic barbarism. The subsequent history of Zionism and Israel is as much a history of liberation as it is a history of imperialism and colonialism.

Iran, die Bombe und die linken Dr. Strangeloves

Pünktlich zum Frühling wird in der islamischen Republik Iran eine quasi rituelle Säuberungskampagne inszeniert: Frauen, die es wagen, das verordnete Verhüllungsdiktat nicht peinlichst einzuhalten, werden angehalten, im glücklicheren Falle lediglich auf das Beleidigendteste „ermahnt“, sehr oft jedoch festgenommen und in Polizeistationen verschleppt, wo sexuelle Übergriffe zu den regulären Befragungsmethoden gehören.

Irans Griff nach der Weltmacht
Irans Griff nach der Weltmacht

So soll der vom „zionistischen Feind“ unterminierten Moral wieder zur Gültigkeit verholfen werden. Gleichzeitig hat das Regime die Straffreiheit bei dabei zuweilen vorkommenden Tötungen sichergestellt. Wer, auch ohne Amtsträger zu sein, Personen wegen unislamischen Handelns tötet, wird von der Strafe freigestellt. Diese gewaltsame Formierung im Inneren korrespondiert mit einer aggressiven Außenpolitik, welche mittels Handlangern wie den Klerikerkarikaturen al-Sadr junior und Nasrallah oder dem Diktatorendarsteller Baschar Assad die Region systematisch in einen Krieg nach dem Modell eines „low intensity conflict“ zieht und gleichzeitig eine bislang straflos gebliebene Serie von Provokationen gegen die führenden Staaten „des Westens“ lanciert. Weder die Tugenddiktatur des Klerus mit ihrem mörderischen Feldzug gegen Frauen, Homosexuelle, aufmüpfige Jugendliche und selbstverständlich auch Anders- bzw. Nichtgläubigen, noch die Militarisierung der Politik unter den Prärogativen eines islamisch aufgeladenen persischen Imperialanspruchs scheinen hierzulande den sonst überall Faschismus witternden linken Geschaftlhubern eine Bemühung des antifaschistischen Bekenntnisapparats wert. Wieso auch? Nazis sind und bleiben George W. Bush und die Israelis. Das Pfaffenregime in Teheran dagegen kann das Privileg des gerechten, weil „antikolonialen“ Kriegs für sich in Anspruch nehmen und seine Handpuppen gehen glatt als Führer von Befreiungsbewegungen gegen USA und Israel durch. Soweit von außen erkennbar ist die Theoriebildung in sämtlichen linken Fraktionen dabei lediglich in der Wahl der Termini verschieden, wobei die Schärfe der Urteilskraft mit der Weisheit deutscher Bischöfe konkurrieren muß, welche in Ramallah das wieder errichtete Warschauer Ghetto erkannten.
Wessen Ziel allerdings noch immer in der zu besorgenden Beseitigung aller Verhältnisse in denen der Mensch ein verächtliches und geknechtetes Wesen sei liegt, muß sich dringlich der Frage nach dem Wesen der „islamischen Republik“ stellen. Zeigt sich doch hier die Befähigung verbissener Feinde der Emanzipation des Menschen als Gattungswesen und Anhänger einer nach Geschlecht, Rasse und Religion hierarchisierten Gesellschaft (vulgo Barbarei) in das Gewand der Freiheit und des menschlichen Fortschritts zu schlüpfen. Gerade die Unterstützung der Ayatollahs durch die Internationale der Globalisierungsskeptiker und Multitudenvisionäre läßt die Wahrscheinlichkeit der Fortdauer – und damit Sieg – des Regimes auf ein immerhin zu beachtendes Maß wachsen. Was also, so lautet die hier zu stellende Frage, macht einen nach innen wie außen terroristisch agierenden Staat für westliche Linke so ungemein attraktiv? Diese Frage beinhaltet genau besehen zwei Fragen, und zwar nach den theoretischen Grundlagen dieser Linken auf der einen Seite, sowie nach der Beschaffenheit des iranischen Staates auf der anderen.
Die erste Antwort sei in gebotener Kürze erteilt: Denkverweigerung.(1)
Die Suche nach der zweiten Antwort erfordert deutlich mehr Kopfzerbrechen.
Die meisten Einschätzungen des Irans sehen in dem Regime lediglich ein weiteres Beispiel nahöstlicher Despotie, eine monolithische Diktatur, welche zynisch ihre Bevölkerung unterdrückt und lediglich am eigenen Machterhalt interessiert sei, jedoch deshalb auch mit geeigneten Lockangeboten zu einer gewissen Zusammenarbeit mit den führenden Industriestaaten zu bringen sei. Solcherlei kurzsichtige Erkenntnis liegt etwa der Forderung der Mehrheit des US Kongresses nach einer Verhandlungslösung mit Teheran zu Grunde. Ein anderer Ansatz bedient sich der Analogie mit dem historischen Faschismus bzw. dem Nationalsozialismus. Mit guten Gründen wird auf den aggressiven Antisemitismus, der nicht nur Achmadinedschads Reden durchzieht, sondern eine Grundlage der Staatsdoktrin darstellt, verwiesen. Auch die mit dem quasi-messianischen schiitischen Glauben an die Wiederkehr des „verborgenen Imams“ verbundene apokalyptische Weltsicht, die der Ministerpräsident nicht müde wird mittels Briefe an die politischen Führungen des Westens zu predigen, wird hier berücksichtigt. Dabei wird allerdings von einem zentralen Merkmal faschistischer Herrschaft abgesehen, nämlich der Basierung auf einer Massenbewegung, wie auch von der im Nationalsozialismus erreichten, absoluten Homogenisierung nicht lediglich der „Massen“ sondern restlos aller Angehörigen des Volkes. Weder ist der Iran eine Diktatur mit einheitlicher Führung – schon der verfassungsmäßige Widerspruch zwischen gewähltem Parlament und Regierung mit dem „Wächterrat“ spricht dem Hohn – , noch gibt es eine Massenorganisation, die wie im NS Deutschland mit dem staatlich bürokratischen Apparat in mörderischer Konkurrenz steht. Grundsätzlich opponierende Positionen sowohl zu zentralen Zielen in der Außenpolitik („Atomstreit“), als auch zum Umgang mit „unislamischen“ Tendenzen in der Bevölkerung werden innerhalb des Apparats und in den Medien vertreten und trotz rigider Repression existiert eine immer wieder aufflammende Opposition, die sich in wilden Streiks, Demonstrationen und recht handfesten Manifestationen bemerkbar macht. Zudem hat die durchgängige Kontrolle der öffentlichen Räume durch Anhänger des Regimes bei gleichzeitiger weitgehender Ignorierung der im Privaten sich abspielenden „unzüchtigen“ Tätigkeiten seiner Bürger (weniger seiner Bürgerinnen, wie die häufigen Steinigungen angeblicher Prostituierter zeigen) zu einer nahezu vermittlungslosen Auftrennung der Sphären des Privaten und des Politischen geführt. (2) Dennoch scheint das Regime gefestigt und der Griff nach der atomaren Waffe ohne allzu große Widerstände möglich. Mit der Geiselnahme der britischen Marineangehörigen und ihrer inszenierten Freilassung hat die Regierung einen gewaltigen politischen Erfolg zu verbuchen, der sich etwa auch in der Aufnahme direkter Kontakte zu den USA niederschlägt. Die regimeinternen Skeptiker, die sich über etwaige militärische Konsequenzen sorgten, wurden beruhigt, die bewegungsförmige Anhängerschaft wurde mit einem weiteren Sieg belohnt und das Bild des Iran als erfolgreichem Führer im internationalen Dschihad aufpoliert. Die militärischen Interventionen im Irak und im Libanon, die Gewinnung der Hamas als zusätzlichem Klienten und die zunehmend in ein Abhängigkeitsverhältnis sich wandelnde Allianz mit Syrien haben sich dank europäischer Gleichgültigkeit strategisch ausgezahlt und könnten dem Regime die Zeitspanne bis zur Erlangung der Bombe – und das bedeutet die Erreichung einer nahezu absoluten Abschreckungsfähigkeit – absichern. Angesichts der ernstzunehmenden Drohung, Israel von der Karte zu wischen und den nicht lediglich taktischen Bündnissen mit Hisbollah und Hamas, sowie Venezuelas Chavez und der Internationale der Holocaustleugner müßte es selbst den europäischen Linken spätestens jetzt gruseln.
Der historische Faschismus war der Kampf gegen die Moderne auf dem Boden und mit den Mitteln der Moderne; der Nationalsozialismus war die deutsche Revolte gegen das Kapital auf dem Boden des Kapitalverhältnisses. Der Antisemitismus, wiewohl nicht notwendiger Bestandteil des Faschismus, war Zentrum und Motor des nationalsozialistischen Amoklaufs. Der industriell längst im Atomzeitalter angekommene Iran wendet sich mit aller zur Verfügung stehender Kraft gegen die Moderne, der Antisemitismus ist in seinem Kostüm als Antizionismus ein Hauptbestandteil der offiziellen Ideologie. Es ist wohl zutreffend, dies als Rebellion der Postmoderne zu fassen. Israel als Jude unter den Staaten gerät in der antisemitischen Imagination an die Stelle des Juden; der Kampf gegen den als Weltenlenker phantasierten jüdischen Staat soll eben das bewirken, wozu dem modernen Antisemiten der Kampf gegen das Judentum dienen sollte: Die Wiedererlangung eines eingebildeten Zustandes vor der Verwandlung aller Dinge in Wertform. (Wobei sich genau hier die Herren Chavez, Achmadinedschad, Lafontaine und Mahler gemein machen.) Postmodern ist hier nicht lediglich die Objektwahl des Staates Israel bei gleichzeitiger Beseitigung staatlicher Strukturen im internationalen Dschihad, wie auch im, ja doch staatlich organisierten, Iran, sondern auch die – zumindest ohne Erlangung der Atomwaffe, welche alle apokalyptischen Wunschträume zur gräßlichen Realität geraten ließe – Verschiebung des direkten Kampfes auf unbestimmte spätere Zeiten ohne dabei die Bewegung der wahrhaft Gläubigen zu Zweifeln herauszufordern. Diese Form der institutionalisierten Krise bietet als ewiger Kampfzustand die Möglichkeit zur notwendigen ständig gesteigerten Radikalität und Aggressivität der Bewegung, ohne gleich den Weltenbrand entfachen zu müssen. Die dem Antisemiten eigene, irre Selbstsicht als hoffnungslos unterlegenes Opfer geheimer jüdischer Machenschaften, ist gewendet (und damit auch rationalisiert) zum Selbstbild des heroisch agierenden Kämpfers gegen koloniale Ausbeutung und imperiale Unterdrückung. Die wahren Anhänger Mohameds, also die seit Jahrhunderten geknechtete Partei Alis (die Schia), haben sich im Kampf gegen den großen und den kleinen Satan aus der Unterwürfigkeit befreit und treten aufrecht gegen die Übermacht der Feinde: Amerika, Israel sowie die arabischen Staaten, an. Die in der Realität bestehenden Grenzen einer so gearteten wahnhaften Politik stellen die Interventionen der (ja doch immerhin in der Wirklichkeit vorhandenen) benachbarten Staaten dar. Angesichts der für sie immer bedrohlicher werdenden Krise sind diese momentan sogar bereit, einen Hauptpfeiler ihrer Staatsdoktrinen, nämlich den ungebrochenen Haß auf Israel, zu opfern, um im Bündnis mit den USA gegen den Iran anzutreten. Das Mittel, mit dem die iranische Führung dem vorzugreifen gewillt ist, ist bekannt: Die iranische Bombe, abgeworfen auf Israel.
Rainer Bakonyi(3)

(1) Unter der Vorstellung einer Welt, die von persönlich konkreten Mächten beherrscht sei und in der es widerständige Residuen – die folkloristisch uniformierten „unterdrückten Völker“ – gebe, welche im Ringen um ihre vom Westen bedrohte Identität seien, ist jegliche Ahnung des realen Horrors einer zwangsweisen Vergesellschaftung unter einem prozessierenden Verhältnis: das Kapital, dahingeschwunden und angesichts der allgemeinen Akzeptanz der Relativität aller Dinge, also der Leugnung des Begriffs von Wahrheit, wird Denken, das gegen die irregegangene Realität aufgebracht werden muß, selbst verunmöglicht. Da hilft dann auch die Lektüre des „Kapitals“ nicht mehr weiter.
(2) Dies heißt auch: Es gibt noch ein vom staatlichen Zugriff freigehaltenes Privates, in das sich Opposition, ohne aufständisch zu werden, zurückziehen kann.
(3) Es sei hier knapp auf die theoretischen Grundlagen verwiesen: Das Marx’sche Werk der Kritik der politischen Ökonomie, die kulturtheoretischen Schriften Freuds und die im Gefolge der kritischen Theorie stattfindende Auseinandersetzung mit dem stattgehabten Rückfall in die Barbarei.

Schreckliche Linke und heuschreckliche Kritik

Kaum einer anderen Person der deutschen Linken wurde während der letzten Monate so viel Kritik zuteil wie Jürgen Elsässer. Dabei warf man ihm unter anderem Nationalismus und Homophobie vor. Am 03. April lud das Würzburger Friedensbündnis Jürgen Elsässer in die Buchhandlung Neuer Weg ein, wo er sein Buch „Angriff der Heuschrecken und globaler Krieg“ vorstellte. Insekten mussten leider draußen bleiben.

Zirp Zirp
„Nie wieder Deutschland“- selbst siebzehn Jahre nach der Schöpfung dieser Parole werden Antifa-Kiddies nicht müde, ihren Gegnern diesen Spruch entgegen zu brüllen. Umso erstaunlicher ist, dass die Erfindung des Satzes einer Person zugeschrieben wird, die sich in diesen siebzehn Jahren vom antinationalen Protagonisten zu Oskar Lafontaines Schoßhündchen entwickelte.
Elsässer zählte sich in den Neunziger Jahren zum antideutschen Lager der radikalen Linken, schrieb bis 1997 für die Junge Welt und gründete nach dem Zerwürfnis mit dieser 1997 die Jungle World. Er beschäftigte sich insbesondere mit der deutschen Außen- und Balkanpolitik. Anfang dieses Jahrzehnts kam es zum Bruch mit dem antinationalen Spektrum und Elsässer schreibt seitdem wieder für die Tageszeitung JungeWelt, aber auch für die Parteizeitschrift der Linkspartei.
„Mit Staatsknete wird Multikulti, Gender-Mainstreaming und die schwule Subkultur gefördert, während die Proleten auf Hartz IV gesetzt werden und sich oft auch keine Kita, kein Schwimmbad und keine warme Wohnung mehr leisten können.“ Dieser Satz entstammt nicht etwa einem Artikel der NPD-Zeitung Deutschen Stimme von Jürgen Gansel, sondern einem Text von Jürgen Elsässer, der am 19.09. in der Jungen Welt erschien. Wer sich mit dessen Hinwendung zu einer nationalen Identität beschäftigt hat, wundert sich über solche Aussagen Elsässers schon lange nicht mehr. Er wendet sich seit längerem in populistischer Weise gegen den „US-Imperialismus“ und scheut dabei nicht zurück, Oskar Lafontaines Politik und dessen nationalistische Parolen über die „Inländerfeindlichkeit“ zu verteidigen. Dabei macht er auch vor rechtsradikalen Bewegungen nicht halt. „Zum ersten Mal seit der kapitalistischen Wende 1989/90 kommt in Donald Rumsfelds ‚neuem‘ Europa eine politische Kraft ans Ruder, die mit dem Neoliberalismus brechen will.“ Mit dieser Aussage bezieht sich Elsässer am 06. Juli in der Jungen Welt positiv auf das politische Bündnis zwischen der rechtsradikalen slowakischen Nationalpartei SNS und der sozialdemokratischen Partei SMER. Die SNS war in der Vergangenheit durch die Forderung von Ghettos für Sinti und Roma aufgefallen. Die wundersame Verwandlung des Jürgen Elsässer vom Staatsfeind zum Nationalbolschewisten beschäftigt seit 2006 auch die Antifaschistische Linke. Die Zeitschrift Der Rechte Rand widmete den rechten Tendenzen Jürgen Elsässers und seinen Kontakten zur rechten Presse sogar einen ganzen Artikel. Darin geht es unter anderem um ein fragwürdiges Interview, das Elsässer der rechtsradikalen Zeitschrift Choc Du Mois gab. In der gleichen Ausgabe der Zeitschrift wurde ein weiterer politisch Aktiver interviewt: Jean-Marie Le Pen.
Ortswechsel. Die würzburger Provinz scheint für kritische Stimmen an vermeintlich linker Politik ein unwegsames bis unpassierbares Terrain zu sein. Zumindest hatte das Würzburger Friedensbündnis keine Bedenken, Elsässer für die Vorstellung seines Buches „Angriff der Heuschrecken und globaler Krieg“ am 03. April nach Würzburg einzuladen. Insbesondere die Heuschreckenmetapher und die damit verbundene Personalisierung der Kapitalismuskritik, also die populistische Trennung zwischen gutem schaffenden und bösem raffenden Kapital, ohne das Produktionsverhältnis und den Kapitalismus an sich zu kritisieren, wird von Teilen der radikalen Linken scharf kritisiert. Wenn sich für den Autor „im Zeitalter der Globalisierung […] die nationale Frage neu“ stellt, „auch in Deutschland“, wie es im Buch heißt, dann müsste Linken spätestens bewusst werden, was in Elsässers Hirnwindungen vor sich geht. Die Tage vor der Veranstaltung machte sich jedoch Kritik bemerkbar: Ein „Internationaler Bund zum Schutz der Gemeinen, Vielscheckigen und Wallisischen Heuschrecke“ hatte um den Veranstaltungsort Informationstexte zum aktiven Schutz der Heuschrecken verteilt, die wohl einem Naturkundelexikon entlehnt waren. Am Veranstaltungstag selbst wollten es sich zwei als Heuschrecken verkleidete Elsässer-Kritiker nicht nehmen lassen, die Buchbesprechung anzuhören. Unter „Zirrrrrp!“- Lauten sprangen sie kurz vor der Veranstaltung im Neuen Weg umher. Das bereits anwesende Publikum zeigte sich anfangs durchaus belustigt und hielt die beiden für Einheizer der sensationellen Elsässershow. Dieser ergriff schleunigst die Flucht, als er das Ungeziefer zu Gesicht bekam. Als die Veranstalter bemerkten, dass es sich um Kritiker handelte, wurden diese aufgefordert zu gehen. Dadurch wurde der Zirkus beendet und Elsässer konnte mit seinem eigenen beginnen. Wenn konstruktive Argumente gegen einen linken Nationalismus ihre Wirkung verlieren, ist eine solch skurril-absurde Art von Kritik vielleicht das vernünftigste, was man tun kann.
Elsässer hat in letzter Zeit einen ganz neuen Unterstützer gefunden. So findet Jürgen Gansel, NPD-Mitglied des sächsischen Landtags, durchaus Anknüpfungspunkte zu Elsässer und schreibt dazu am 12.04. in der Deutschen Stimme, das für ihn das „entscheidende […] seine Absage an Randgruppenkult, US-Hörigkeit und Israel-Tümelei, sein Widerstand gegen Arbeitsmigration, Inländerfeindlichkeit, EU-Fremdbestimmung und Staatszerstörung“ ist. Von seiner einstigen Parole „Nie wieder Deutschland!“ hat sich Elsässer Lichtjahre entfernt. „Frei, sozial und national!“ würde da sicher besser passen.
Benjamin Böhm