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Wenn sie nur noch tanzen können, ist das keine Revolution

(hier wird ein Artikel aus dem letzten Hype Nr. 14 nachgereicht:)

Wenn sie nur noch tanzen können, ist das keine Revolution1
Von antideutschen Fanmeilen und dem Verlust der radikalen Lebenswirklichkeit

Raven gegen Deutschland. Hunderte zuckende Leiber scheinen den Text zu kennen, wippen im Takt, fühlen sich synthiewohl. Raven gegen Deutschland, an einem Ort namens Posthalle. Es ist interessant, wie sich die Zeiten ändern: Hätte man vor fünf Jahren ein Projekt wie Egotronic in das Autonome Kulturzentrum holen wollen, gewisse Leute wären in schallendes Gelächter ausgebrochen. Zu wenig Publikum, zu linksradikal, zu antideutsch, whatever. Heute veranstalten die selben Menschen, die damals das AKW zugrunde gerichtet haben, in ihrer Posthalle ein Festival mit- wie sollte es anders sein- Egotronic, samt ihrer FreundInnen vom Label Audiolith. Es scheint etwas passiert zu sein, das ich nicht ganz nachvollziehen kann: Linksradikales Parolenrufen wurde in den letzten Jahren zum Chique geadelt, hat die Autonomen Zentren verlassen und findet jetzt selbst an einem gottverlassenen Ort wie Würzburg statt, inklusive hunderter Kids, die die Texte in- und auswendig lallen können.

Be cool- be antideutsch. Es gibt keinen abgedroscheneren Werbespruch, der mir gerade in den Sinn kommt, um die seichte Elektrowelle zu beschreiben, die von Flensburg bis Fürstenfeldbruck Jugendliche in ihren Bann zieht. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass es sich bei diesem Phänomen um die Speerspitze einer neuen kritischen Bewegung handelt. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Wer tanzende Elektrokids beim Audiolith-Festival beobachtet, fühlt sich eher an das Grauen der deutschen Fanmeilen zurück erinnert. Und plötzlich schließt es sich nicht mehr aus, dass jemand „Raven gegen Deutschland“ ruft und in ein paar Monaten „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“2. Es besteht ein Zusammenhang zwischen einfach zugänglicher Elektromusik und einfach zugänglichem, alles nach plapperndem Publikum3. Würden Egotronic ihre bisherigen Texte durch die Zeilen von Alexander Marcus ersetzen, so würden sich wahrscheinlich nur die Oldschoolfans darüber ärgern. Und man kann noch so viele Versuche unternehmen, das Saufen und PEP-durch-die-Nase-Ziehen mit politischem Gehalt aufzuladen, es bleibt nichts anderes als Saufen und PEP-durch-die-Nase-Ziehen, Wirklichkeitsflucht und Enthemmung eben, wie sie größtenteils auch vom Rest der Bevölkerung dann und wann betrieben wird.

In dem Moment, als aus einer radikalen Richtung ein popkultureller Lifestyle wurde, hat auch das Label „Antideutsch“ voll und ganz seine Bedeutung verloren10. Popkultureller Lifestyle bedeutet nämlich: Man hat sich eingerichtet. Man bewegt sich unbeschwert in den Formen der Kulturindustrie, als ob die bürgerliche Gesellschaft eine Klaviatur sei, auf der man locker-leicht das Lied der Emanzipation klimpern könne. Man betreibt ein linksradikales Zine wie das Hate-Magazin, in dem sich gelangweilte GrafikdesignerInnen austoben dürfen, gibt eine ach so kreative Schülerzeitung wie „Straßen aus Zucker“ heraus 4und rezipiert ein wenig Adorno zur Steigerung der sexuellen Attraktivität. Nichts anderes ist dieser Lifestyle aber als die Flucht in eine wohlige Nische, in der es sich gut Leben lässt. Die Revolution kommt später oder nie, zuerst kommt das Projekt. Und egal wie viele Drogen man am Wochenende konsumiert hat, am Montag ist die Arbeitskraft wieder hergestellt, damit man in die Uni gehen kann, in der Uni lehren kann, in der Schule sitzen kann, im Betrieb schwitzen kann, in der Werbeagentur kreativ sein kann.

Ich weiß nicht, wie oft ich von Kids „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ gehört habe. Was wollen sie eigentlich damit legitimieren? Ist es das jämmerliche Leben, dass auch ihre 68er-Eltern führten und das auch sie führen werden? Der Gang durch die Institutionen, diesmal aber nicht mit der naiven Vorstellung, dass man diese von Innen heraus verändern könne, sondern mit der Überzeugung, dass es kein Vita Activa gibt, sondern nur die Einsamkeit der/der KritikerIn? Was die jungen AnhängerInnen des neuen postantideutschen Hedonismus5 eint ist die feste Überzeugung, dass die Revolution auf später verschoben werden muss und das emanzipatorische Begehren solange im Lustprinzip aufbewahrt werden muss, bis diese Gesellschaft in ein paar Jahrzehnten, in ein paar Jahrhunderten oder nie an ihren Widersprüchen zerberstet. Mir kommt es so vor, als müsse man sich an nichts mehr in ihrem/seinen Umfeld stoßen, weil ja kein richtiges Leben im Falschen gibt. Es ist die postantideutsche Lifestyleszene, die die Dialektik der Aufklärung nicht als Handbuch der Revolution gebrauchen kann, sondern zur persönlichen Erbauung nutzt.

Sie mögen damit glücklich werden, Kiddies die noch zur Schule gehen und bereits jetzt zu wissen scheinen, dass sie den Kommunismus nicht mehr erleben werden, einen postantideutschen Elektrolifestyle leben und ansonsten die Versuche, das Falsche im Falschen zu verhindern, verlachen. Schade ist es um sie nicht. Was linksradikal sozialisierten Kids abhanden kam ist die Ungeduld des revolutionären Begehrens6, eine radikale Lebenswirklichkeit, die sich an seinem/ihrem Umfeld und den Lebensformen, die die bürgerliche Gesellschaft anbietet, stößt, anstatt sie als notwendiges Übel anzuerkennen. Dabei ist die Frage zu stellen nach dem Ausgangspunkt der Kritik. Wozu betreiben wir Kritik? Zur Selbstvergewisserung, dass man die Gesellschaft verstanden habe, während die anderen Menschen auf der Linken Seite noch immer im Trüben fischten? Radikale Kritik, die mehr ist als das Jargon der akademischen Seminare, hat bei sich selbst und bei ihrer/seiner eigenen Lebenswirklichkeit anzufangen. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang von Lebenswirklichkeit und Kritik. Kritik taugt zu nichts, wenn hinter ihr nicht das Begehren steckt, das eigene geknechtete, unwürdige Leben hinter sich zu lassen. Die Einforderung des schönen Lebens, und zwar jetzt und sofort, ist eine notwendige Bedingung jeder Kritik, die in den letzten zwanzig Jahren aus dem Bewusstsein der Radikalen Linken scheinbar verschwunden ist. Wir wissen, dass die Theorie der Autonomen mehr als dürftig war. Die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen aber hat die Lebenswirklichkeit der Autonomen umwoben. Die Bank passt mir nicht, dann wird die Bank eben platt gemacht. Das Haus gefällt mir, also besetze ich es. Es geht mir hier nicht um die Glorifizierung von Bankenanzünden oder Freiraumkampagnen, sondern um die Einforderung der Revolution im Jetzt und Hier. Es geht um die empfundene Unerträglichkeit der Zustände, die mit einem Handeln verknüpft bleibt. Kritik, die nie als Erbauung diente, sondern zur Handlung trieb. Nahm die Verknüpfung von Lebenswirklichkeit und Kritik bei den Autonomen eher politische Formen an, hat es die Ungeduld der Punks gar nicht mehr nötig, als „Politik“ wahrgenommen zu werden: Kritik als Praxis muss nicht die Formen von politischen Kampagnen annehmen, sondern beginnt damit, dem Polizisten ins Gesicht zu rotzen oder mit dem Casio durch die sonst so leise Innenstadt zu ziehen. Diese Fuck-Off-Mentalität, das Begehren, den Kampf gegen diese Gesellschaft nicht nur auf einer kritisch-reflektierten Ebene zu führen, sondern gegen jede Einrichtung, die uns diese Gesellschaft anbietet, sei es die Familie, die Arbeit, die Klasse oder das Studium, ist dem trendigen postantideutschen Lifestyle fremd. Man sucht die Kritik stattdessen im Strobo, nimmt sich selbst zurück und verfällt der Lethargie, die den Linksradikalismus seit Jahren umgibt7.

Damit man mich nicht missversteht: „Wir wählen immer nur zwischen dem Falschen und dem Versuch, das Falsche nicht zu wiederholen und es wird in den bestehenden Verhältnissen nicht mehr als diesen nie zum Ziel gelangenden Versuch geben.“ Der Moment aber, in dem ich versuche, das Falsche nicht zu wiederholen, weist auf die Möglichkeit hin, mich eines Tages vom Ganzen zu emanzipieren. Er weist auf die Möglichkeit hin – sei sie auch noch so unwahrscheinlich- zu Handeln, einen Bezug zwischen sich und der Geschichte herzustellen. Die Gelegenheiten, in denen wir dennoch immer wieder die zum Scheitern verurteilten Versuche vollziehen, Dinge radikal zu verändern, verknüpfen uns selbst mit dieser Welt. Wenn der Quell der Kritik die Unerträglichkeit des eigenen Lebens ist, so muss sie zur Handlung treiben. Und wenn für eineN so genannteN KritikerIn jedes Handeln zum Scheitern verurteilt ist, dann hat sie/er bereits die politikwissenschaftliche Verkürzung akzeptiert, dass jegliches Handeln Politik sei. Die Lethargie des Kritikers ist die säkularisierte Form des Vita Contemplativa. Das Gegenteil dieser ist die Natalität des Menschen, „der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt“ (Arendt) und das Handeln erst ermöglicht. Die Überzeugung, als Mensch in die Geschichte eingreifen zu können, macht das Handeln zu emanzipatorischen Zwecken erst möglich.

Die Kritik ist kein Lebensgefühl, mit dem es sich gut Leben lässt, sondern die Unzufriedenheit mit dem hier und jetzt, dass dem Bestehenden produktiv zu schaden gedenkt. Für wen die Kritik nur aus akademischem Jargon und Lifestylehedonismus besteht, die/der hat den Bezug zur kommenden Revolte längst verloren. Die/der nimmt die Aufstände nicht einmal mehr wahr, die sich in den Banlieues von Paris oder auf den Straßen von Teheran abspielen. Statt die Unmöglichkeit der kommunistischen Revolution anzunehmen, stelle ich mich lieber ganz in die sich weiter vollziehende Geschichte und betrachte die stattfindenden Revolten auch als die meinen. Was, außer die unantastbare Überzeugung, dass diese Gesellschaft überwunden werden kann, sollte sonst mein Antrieb sein, Kritik zu betreiben?

Von Benjamin Böhm

  1. Dieser Text könnte auch Antideutsch für Deppen Teil 2 heißen. Die Drohungen und Schmäh-SMS, die mir nach meinem Antideutsch-für-Deppen Teil 1 vor mittlerweile fast drei Jahren geschickt wurden, habe ich als Erinnerung an den bayerischen Antifa-Kindergarten noch in meinem Handy gespeichert und kann immer noch herzhaft über sie lachen. Ich frage mich manchmal, was aus ihnen geworden ist, den Bauchantideutschen aus Ober- oder Unterammergau.[zurück]
  2. Danke an meine Mitmieter in der Zellerau! Diese haben mir zur EM abwechselnd durch Egotronic und „Schlaaaaand“-Rufe den Schlaf geraubt und mir erst verdeutlicht, dass beides zusammen möglich ist. [zurück]
  3. Kann man es der jugendlichen Fanbase wirklich verübeln, wenn sie die feinen musikalischen und textlichen Unterschiede zwischen den Partyatzen, der Musik für junge Leute mit Vergewaltigungsphantasien, und Frittenbude, nicht erkennen kann? [zurück]
  4. Ich habe schon interessantere Schülerzeitungen gelesen. Der emanzipatorische Gehalt eines Interviews mit KIZ bleibt mir bis heute unbekannt. [zurück]
  5. Es gilt hier zu betonen, dass dieser Text nicht dazu verwenden werden soll, im Namen von Internet-Antiimps als Kronzeuge gegen die Antideutschen zu fungieren. Die Antideutschen sind tot, und erbärmlich die geistigen Ausdünstungen der meisten ihrer einstigen RepräsentantInnen. Die antideutsche Kritik hat jedoch keinesfalls ihre Berechtigung verloren. Im Rahmen von linken Zusammenhängen lässt es sich aber wohl schwer vermeiden, dass ein Text wie dieser als Anklage gegen die Antideutschen verwendet wird, genauso wie Robert Kurz auch heute noch von den dümmsten unter den AntiimperialistInnen rezipiert wird. [zurück]
  6. Dieser Absatz macht eigentlich zwei Fässer auf, die nur bedingt miteinander in Verbindung stehen. Zum einen wird hier das kontemplative Element der antideutschen Kritik angesprochen. Zum anderen aber auch die Lebensflucht und Todesehnsucht, die hinter dem Selbstbild deren stehen, die man als postantideutsche RevolutionsverfechterInnen bezeichnen könnte. Justus Wertmüller hat darüber vor wenigen Monaten einen ganz lesbaren Text geschrieben. Es wird im Hype #15, noch einmal darauf zurückzukommen sein. [zurück]
  7. Gegen diese Ungeduld richtete sich bereits Lenin, als er den Linksradikalismus als Kinderkrankheit bezeichnete. Ich halte mich da lieber an den Genossen Herman Gorter. [zurück]
  8. Dieser Text wäre ohne die Gspräche mit Asok und Phil_Ill nicht möglich gewesen. Ich hoffe, ihr findet unsere damaligen geteilten Ansichten ein wenig in diesem Text wieder… [zurück]

Coburger Convent

Artikel von Benjamin Böhm über den Coburger Convent in der heutigen JungleWorld:

Hier.

Zur Pathologisierung des Alkoholkonsums

Es gab Zeiten, in denen das Trinken zu den normalen Reproduktionsvorgängen, ganz so wie Kinogänge, Currywurstessen oder Theaterbesuche, gehörte.
Heutzutage gehört der öffentliche Konsum von alkoholischen Getränken zu den gesellschaftlichen Abnormalitäten. Politische Repräsentanten zählen das Unterbinden des öffentlichen Trinkens zu den Aufgaben einer umfassenden Sozialdisziplinierung.
Die Berichterstattung der Mainpost, in diesem Beispiel Holger Welsch, ist dafür bekannt, seine Sprache kritiklos- bewusst unbewusst- dem Zeitgeist anzugleichen. Und so schreibt man in der Mainpost natürlich von der

„Trinkerszene“.

Es ist erstaunlich, wie Begriffe benutzt und mit den Trinken in Verbindung gebracht werden. Zerlegen wir das Wort in seine Einzelteile.
Zu einem „Trinker“ wird bereits derjenige, der auf einer Wiese ein Bier trinkt. Wer als „Trinker“ bezeichnet wird, gilt als suchtkrank.
Zum zweiten Teil des Wortes: Menschen, die auf öffentlichen Plätzen Alkohol trinken, gehören also bereits zu einer „Szene“, die sich isoliert von der gesunden und deshalb bis ins hohe Alter arbeitsfähigen Mehrheitsgesellschaft bewegt. Ähnlich einer beliebigen anderen gesellschaftlich geächteten „Szene“, etwa der Heroinszene.
Zusammengesetzt als Trinkerszene trägt die Mainpost die Pathologisierung des öffentlichen Alkoholkonsums von der politischen Sphäre an den Frühstücktisch seiner LeserInnen.

Prost!
Euer Benjamin Böhm

Linksradikalismus und Fußball

Linksradikalismus und Fußball

Über einen Zusammenhang, den man mir noch einmal erklären muss

Mein Onkel wippte ungeduldig auf seinem Sitz umher, nippte hastig an seinem Bierchen. Kein Tor für den Club, seit etlichen Spieltagen. Kein Sieg für den Club: wie sooft. Fluchende Papas und aufgeregte Söhne überall um mich herum. Wir schreiben den Frühling des Jahres 1991 und es war das letzte Mal, dass ich mit einem Verein fieberte.
Ich habe das Interesse am Fußball seit Langem verloren. Umherstreifende Männerhorden, die am Wochenende dann und wann die Innenstädte bevölkern und Dinge rufen, die ich nicht verstehe, machen mir mittlerweile eher Angst. Und die Zeit, die viele Menschen einem simplen Ballsport widmen, scheint mir sinnvoller genutzt, wenn ich Nachmittags noch im Bett liege. Dennoch zählen sich einige meiner Bekannten, mit denen ich auch politisch d‘accord gehe, zu Anhängern von diesem oder jenem Verein. Und mehr als das: Es scheint für sie ein Zusammenhang zu bestehen zwischen linksradikalem Sein und dem Selbstverständnis als Ultra. Seit vielen Jahren versuche ich, diesen Zusammenhang nachzuvollziehen. Es klappt einfach nicht. Dieser Text versucht nachzuzeichnen, was mir so widersprüchlich vorkommt an der Gleichzeitigkeit von emanzipatorischem Linksradikalismus und Fußballfanatismus. Er ist eindeutig als Aufforderung zu verstehen, im nächsten Hype auf die Unterstellungen zu reagieren, die den ganzen Artikel durchziehen.
Linke Lokalpatrioten tun, was linke Lokalpatrioten eben tun: Am Wochenende stehen sie in der Innenstadt, um gegen das böse neue Einkaufszentrum zu demonstrieren, das vollgestopft sein wird mit seelenlosen Fastfood-Ketten. Montag ein Gruppentreffen im Stadtteilladen xy, Dienstag das Engagement für das Bürgerbegehren „Rettet den Feldhamster!“ und am Donnerstag ein Gespräch mit dem Stadtrat der Linkspartei. Wenn sich mal Nazis in der Stadt breit machen, dann steht man auf: Für seine Stadt. Für die Heimat. Sitzt man mit „Zugereisten“ am Tisch, so redet man gerne über seine Stadt: Über das köstliche Essen, die glorreiche Geschichte, die herzlichen Leute, den tollen Verein. Am Wochenende geht man ins Stadion, aber nicht nur um die Mannschaft anzufeuern. Man geht auch ins Stadion um „gegen den modernen Fußball“ zu sein oder gegen den Umbau des Stadions zu einer „Kommerzarena“.
Alles schön und gut. Man nennt das Ganze „zivilgesellschaftliches Engagement“ und ich will ja den jungen PolitikantInnen nicht ihren Spaß verderben. Selbstverständlich ist es gut, wenn bestimmte Ultrasgruppen zum Beispiel rassistische Sprüche aus dem Block verbannen. Die Revolution ist das aber nicht, sondern es ist Lokalpolitik. Heimataktivismus, der zwangsläufig die gleichen verkürzten Formen annehmen muss, wie jedes andere Anliegen, dass seine Polis liebt, anstatt sie in Stücke reißen zu wollen. Man könnte näher auf Sprüche der Ultras eingehen – wie z.B. „Gegen den modernen Fußball“- was genauso sinnvoll ist wie sich gegen den modernen Kapitalismus zu stellen, weil der alte doch so wohlfühlwarm war- aber darum soll es im Folgenden nicht gehen.
Schauen wir erst auf den Mikronationalismus, den Fußballfans ausüben: Die Stadt ist der positive Bezugspunkt, für den Gesungen und sich ab und zu auch geprügelt wird. Aus einer loser Ansammlung von Menschen, die nur das Elend der Wertverwertung eint, wird eine Gottheit: der Verein, die Stadt. Heimatidentität, die Sicherheit und Geborgenheit stiftet in dieser ach so kalten Welt. Im Stadion geht es ja eben nicht nur um eine Mannschaft von 11 Leuten, die man ganz sympathisch findet, sondern es geht um die Ehre der Stadt. Und so agiert man aus der Masse der Fans heraus, lässt sich mitreißen mit einer Masseneuphorie im Block, in der das Individuum verschwindet und der Verein alles ist. Weil man so viel von seiner Stadt hält, fährt man hunderte, zum Europapokal sogar tausende Kilometer weit, um diese zu verteidigen wider die fremden Mächte. Dann und wann, je nachdem, welche Erlebnisse man in dieser Stadt bereits erlebt hat, wird die Fanszene zu einem Mob, der die gegnerischen Fans nur aufgrund ihres Wohnsitzes verabscheut, auch mal die feindliche Innenstadt verwüstet oder Menschen mit unpassenden Fanschals auf die Fresse haut. Im kleinen kommunalen Rahmen vollzieht sich das, was man doch im Großen so verabscheut: eine Art von Mikronationalismus. Die Identifikation mit seiner „Scholle“ und Kultur. Wie kann ich also jemanden ernst nehmen, der am Freitag auf einer Demo „Nie wieder Deutschland!“ ruft, und am Samstag „Kniet nieder ihr Bauern- denn Frankfurt ist zu Gast“ gröhlt? Wie kann man Nazis dafür verurteilen, dass sie das Ausland hassen, wenn für einen das verhasste Ausland schon in der nächsten Großstadt anfängt? Welcher Zusammenhang zwischem antinationalem Linksradikalismus und Fanszene bleibt also, wenn man die MobAction-Jäckchen, Carhartt-Hosen und Antifa-Buttons weg lässt? Eigentlich gar keiner. Gerade die Linke besitzt seit jeher eine naive Symphatie für das „Volk“, dass doch nur von den bösen Kapitalisten verführt werde, ansonsten aber die Freiheit wolle. Dieser linke Antiimperialismus wird zum Glück von vielen mittlerweile verlacht bis verhasst. Die linke Fanszene würde sofort auseinander brechen, wenn sie damit aufhören würde, ihre Stadt zu lieben. Denn wer kann sich eine Fanszene ohne positiven Bezug auf die Heimat denken? Ich zumindest nicht.
Verstörend ist für mich auch die empfundene Gemeinsamkeit der Ultrasszene. Ein Großteil der Ultras in Deutschland versteht sich eher als unpolitisch, dann und wann schmückt man die Tribüne mit etwas wie einem Che-Guevara-Doppelhalter. Che Guevara passt in diesem Zusammenhang ziemlich gut zu den meisten Ultras, gibt es doch kein bedeutungsleereres popkulturelles Symbol als das Konterfei des gefallenen Revolutionärs. Im Fanblock aber, da gehören alle zusammen. Da schließt es sich nicht aus, dass man an einem Tag zusammen seine Stadt supportet, während anderntags die einen Antifas sind, die anderen im Freien Widerstand. Und laut meiner spärlichen Internetrecherche trifft sich die Szene sogar bei nationalen Ultraskonferenzen. Offenbar scheint vielen Ultras die „Bewegung“ derart wichtig zu sein, dass man die politischen Fragen außen vor lässt, um die „Sache“ an sich nicht zu gefährden. Kann man sich ein Skinheadtreffen vorstellen, bei dem Redskins friedlich neben den Skinheads Sächsische Schweiz sitzen und in gemeinsamen Workshops über die Skinheadbewegung debattieren? Oder ein Skinheadfestival, bei dem Sharpskins gemeinsam mit Combat 18 die Ehre ihrer Stadt verteidigen? Wohl eher nicht. Wenn die Verbindung von bestimmten Ultras und dem Linksradikalismus mehr als Mode wäre, müsste man sich dann nicht von einem Großteil der eigenen Fans und der deutschen Ultrasszene distanzieren?Mehr noch: Müsste man dann nicht schreiend aus dem Stadion laufen?
Abgesehen vom Aspekt des Lokalpatriotismus besitzt die Szene noch einen weiteren Aspekt, der doch eher an rechte Stammtischbrüder erinnert als an eine Gruppe mit emanzipatorischem Potential: Ultras sind zum größten Teil Männerbünde. In der Antifa-Szene, die ebenso als männerbündelnder Kreis zu verstehen ist, wird wenigstens noch über Geschlechterrollen und Mackermilitanz diskutiert. Dem Selbstverständnis von überwiegend männlichen Ultrasgruppen unterstelle ich, dass ihre männliche Selbstidentität stark von Selbstzuschreibungen wie „Stärke“ und „Aggressives Auftreten“ gekennzeichnet ist. In Gruppen und natürlich oft nach ein paar Bier verhält sich dann die ach so linksfühlende Szene doch wie eine Horde rechter Dorfgesichter auf der Weinfest, die auf jede Gelegenheit warten, um jemandem auf’s Maul zu hauen. Frauen scheinen nur am Rande eine Rolle zu spielen: Als Freundinnen, die vielleicht mal zu einem Spiel mitfahren, meistens aber zuhause bleibe. Wie fundiert kann das linksradikale Selbstbild eines Ultras sein, wenn die männliche Virilität, die man selbst verkörpern möchte, so überaus unangetastet bleibt? Wenn ich bei Ultras in Horden nichts erkennen kann außer eine männliche Identität, die sich selbst auf Muskeln und Samenstränge reduziert?
Der einzige Zusammenhang zwischen emanzipatorischem Linksradikalismus und Fußball ist wohl der modische Aspekt. Die Absage an jegliche Form von Lokalpatriotismus, Heimatduselei und Männergepose ist ein Ziel, dass mit Fußballfanatismus recht wenig zu tun hat.
Love minigolf, hate football!

Benjamin Böhm

Subkultur ist die neue Bionade

Warum den Menschen, die sich über die Schwäche der alternativen Szene beklagen, am stärksten zu misstrauen ist

Was ist eigentlich eine Subkultur? Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.
Kann man eine Subkultur anfassen, kaufen, küssen oder gar morgens ins Müsli kippen? Wer ist mehr Subkultur, Aldi oder Lidl? Gibt es bei Joeys oder bei PizzaBlitz mehr Subkultur für’s Geld? Welche Subkultur bietet mir möglichst viele Frei-SMS bei einer kurzen Mindestvertragslaufzeit?
„Das Eis der (Sub)kultur wird dünner“, schreibt es beim Würzblog, und gemeint ist damit dennoch weder Cornetto noch Minimilk. Aber eigentlich fehlt ein gutes Speiseeis in der Reihe der Dinge, die Ralf Thees zu festen Bestandteilen der Subkultur zählt. Denn scheinbar gehören alle Dinge, die Ralf Thees mag, zum leckeren Potpourri der Subkultur. Über den Wegfall der Programmkinos wird sich beschwert, ebenso wie über den „soziokulturellen Ausnahmeort“ namens Propeller. Soziokulturell, wieder ein Begriff, mit dem jongliert wird, ohne einen Begriff zu besitzen. Die Posthallen,welch subkultureller Ort, werden genannt, denen es die Stadt aber nicht leicht mache. Keine Institution passt besser in Würzblogs Subkultur-Charts als die Posthallen, sitzen dort doch Leute am Ruder, deren Begriff von Subkultur schon zu AKW-Zeiten nach Verwesung roch. Weiter im Text: Schließlich sind auch AKW und Immerhin Teil von Ralf Thees‘ subkulturellen Visionen, und die gibt’s ja jetzt beide nicht mehr. X Ware Kultur ist gleich y Ware Schweinsbraten, alles ist mit allem vergleichbar, wie man längst weiß. Zum Glück hat Bionade letztes Jahr die neue Geschmacksrichtung Quitte eingeführt, und bald kommen ja auch die Kassierer in die Posthallen.
Und am Ende wird auch die Stadt Teil dieser Subkultur. Denn die muss dieser Subkultur ja helfen, weil sie ja auch irgendwie dieser Subkultur verpflichtet sein muss, damit die StudentInnen brav subkulturen können. „Man kann fast den Eindruck bekommen, als wolle die Stadt Würzburg eine kulturberuhigte Zone im weiteren Innenstadtbereich.“ Subkultur- weil Würzburg es sich wert ist. Nicht umsonst schreibt Herr Thees, dass wir keine “Provinz auf Weltniveau” [brauchen], um uns nach Außen lächerlich zu machen, das schaffen wir mit dem derzeitigen Trend an Möglichkeiten der (Sub)Kultur und Nachleben auch so.“ Herr Rosenthal, für das Image dieser schönen Stadt: Man schenke jedem Menschen täglich einen Happen Subkultur!

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Was ist eigentlich eine Subkultur? Für den Würzblog wohl alle Lokalitäten, in denen vor allem 20- 40 jährige verkehren. Je mehr es nötig wird, sich einer nicht vorhandenen Subkultur, oder gar alternativen Szene, zuzuschreiben, desto weniger wird man die Frage wagen, was Subkultur überhaupt bedeutet hat. Sogar Wikipedia weiß, dass der Begriff Subkultur einst Personenzusammenhänge bezeichnete, die sich hinsichtlich zentraler Werte und Normen von der herrschenden Kultur unterschieden haben und sich als Gegenkultur definierten. Heute dient der Begriff wohl eher dazu, sich selbst zu vergewissern, dass man cooler als der Rest ist, noch nicht zum alten Eisen gehört. Er dient der Verdrängung der Tatsache, dass man selbst keine anderen Vorstellungen von gesellschaftlicher Organisation besitzt als die Mühle des Immergleichen. Anders ist es nicht zu erklären, dass man bei jedem beliebigen Begehr die Stadt in Gefahr sieht und ihre Politiker bittet, in die Presche zu springen. Warum organisiert man sich nicht selbst, wie das vielleicht die Freaks, Alternativen und Autonomen der 80iger Jahre getan haben? Genau deshalb, weil man dann die Selbstlüge aufgeben müsste, Teil einer Gegenkultur zu sein. Weil man dann feststellen müsste, dass das Label „Alternativ“ nicht mehr Elemente von einem Umsturz des Bestehenden beinhaltet als eine eisgekühlte Coke Zero Cherry. Wenn sich in dieser Stadt die vereinzelten Individuen zusammenraufen wollen, die eine tiefe Unzufriedenheit mit den Zumutungen des alltäglichen Lebens eint, so müssen diese zuerst verstehen, dass sowohl dem Wort „Szene“ als auch dem Wort „Subkultur“ keine gesellschaftliche Realität (mehr) zukommt.

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Subkultur- die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. Probieren sie jetzt!

Benjamin Böhm

Codex Cairo

Codex Cairo

Über die freiwillige Selbstkontrolle der sogenannten Jugend- und Subkultur Würzburgs

Es gibt wohl wenige weitere Städte über 100.000 Einwohner in Deutschland, in denen die selbst ernannte Subkultur derart gut abgehangen daherkommt. Je weniger dem Begriff Subkultur eine gesellschaftliche Realität zukommt, desto mehr scheint man der Lüge, dass eine Integration in städtische Jugendarbeit irgendetwas mit alternativer Subkultur gemein haben könnte, als Selbstbestätigung zu bedürfen. Jegliches negative Potential, das in in einer Subkultur vielleicht einst steckte, ist und wird verbraucht. Das Autonome Kulturzentrum hatte es verloren und sich damit selbst ad absurdum geführt, das Cairo als neues AKW mit besserer Organisationsstruktur und perfektionierten Integrationsmechanismen betreibt die Konsensstiftung mit dem Bestehenden nahezu perfekt.

Subkultur brought to you by Stadtsparkasse Würzburg

Als sich ein paar Leute vor einem viertel Jahrhundert entschlossen, das Autonome Kulturzentrum zu errichten, war es mit Sicherheit noch möglich, den Begriff Subkultur zu verwenden, ohne dabei an staatlich eingehegte Vergnügungstempel zu denken. Denn es schwang ein kritisches Potential mit, das eine Realität besaß: Nämlich die Perspektive, dass die Geschichte noch gar nicht begonnen habe, dass ein gesellschaftlicher Umbruch möglich sei, der die Mauern der alten Welt einreißen werde, und damit die Gewissheit, dass sich eine Bewegung gegen das Alte stellen könne, die nicht nur aus ein paar Linksradikalinskis bestehen würde, sondern aus einer breiten Gegenbewegung, zusammengesetzt aus, im weitesten Sinne, alternativen Kulturschaffenden.
Die Geschichte zog einem solchen Verständnis von Subkultur den historisch-realen Boden unter den Füßen weg. Was sich in den 80ern als alternative Subkultur verstand, wurde spätestens in den 90ern die Avantgarde der neubürgerlichen Produktivkraftentwicklung. Wer sich vorgestern noch im subkulturellen Sumpf bewegte, verstand sich gestern schon als kommunaler Anwalt eines verstümmelten, herrschaftsaffimativen Verständnisses eben dieser Subkultur. Im AKW mag bis vor ein paar Jahren noch der eine oder andere kritische Gedanke konserviert worden sein, der einst in der Subkultur steckte, am Ende blieb davon nicht mehr übrig als eine schwache Erinnerung. Interessanterweise, und im Nachhinein wohl auch fatalerweise, fand in Würzburg nicht das „Outsourcing“ des kritischen Potentials statt. Denn die Marginalisierung der linken Herrschaftskritik führte in anderen Städten durchaus zu zahlreichen Neugründungen von kleineren autonomen oder alternativen Kulturzentren. Im Nachhinein ist es schwer nachzuzeichnen, weshalb dies in Würzburg nicht geschah. Mit Sicherheit spielte die Wahrnehmung des AKWs als das eigentliche subkulturelle Kulturzentrum, das aber längst keines mehr war, eine bedeutende Rolle. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die gesellschaftliche Entwicklung den kritischen Begriff von Subkultur zunichte gemacht hat, und dass genau deshalb städtische Jugendzentren wie das Cairo oder der B-Hof(1) eigeninitiative „Kulturschaffende“ anziehen können, die sich als Teil einer wie auch immer gearteten alternativen Subkultur verstehen, obwohl das kritische Potential beim Eintritt in die ehrenwerte Gesellschaft der Jugendarbeit an der Garderobe abgegeben werden muss.

Du bist Würzburg

Die Ironie an der Sache ist, dass durch das Ende des AKWs eine Wahrheit endgültig ans Licht kommt: städtischen Kulturzentren kommt die Deutungshoheit über den Begriff von Jugend- und Subkultur zu. Während sich die so genannte Hochkultur noch einbildet, eine eigenständige, unabhängige Sphäre zu sein, hat dies die Jugendkultur überhaupt nicht mehr nötig: Was „Independent“ ist, das bestimmt nun die Stadtkultur. Dabei darf eine Sache nicht falsch verstanden werden: obwohl es das Cairo natürlich bewusst intendiert, den Extremismus aus dem Jugendkulturhaus heraus zu halten, kann die Abmilderung von jeder kulturellen Veranstaltung nicht an einzelnen Menschen festgemacht werden: Es sind die Charaktermasken der städtischen Sozialpädagogik, welche ihren Sinn immer in der gesellschaftlichen Integration der Jugend hatte und hat. Diese Rolle spielt das Cairo nahezu perfekt. Das Jugendkulturzentrum stellt die Scharnierfunktion zwischen selbstinitiativem Engagement und der Konsensstiftung mit kommunaler Kultur dar.
Und so kommt es, dass die Stadt nicht mehr als Gegnerin, sondern als Partnerin wahrgenommen wird. Die AgentInnen der städtischen Jugendarbeit treten dabei als Anwalt der sich selbst zähmenden Jugend- und Subkultur auf, während die Kulturbeauftragten der Stadt Würzburg dieser Art von Kultur zum größten Teil Wohlwollen entgegenbringen, solange nach deren Spielregeln gespielt wird. Und es wird nach den Spielregeln gespielt.
Die VeranstalterInnen müssen nicht dazu gewungen werden, unerwünschte Veranstaltungen zu unterlassen. Dadurch, dass man sich in der Sphäre der städtischen Jugendkultur bewegt, lernt man automatisch, was man zu tun und zu lassen hat. Es handelt sich um eine Freiwillige Selbstkontrolle zugunsten des Würzburger Images.
Während der Begriff von Subkultur, wenn auch in einer völlig verstümmelten Variante, noch Bedeutung für gewisse Leute besitzt, ist der Begriff der Selbstorganisation anscheinend völlig aus dem Vokabular der Würzburger „Szenekultur“ verschwunden. Die Vorstellung, dass es möglich sein kann, ohne die Vermittlung von jugendkulturellen Anwälten der „Szene“ und ohne das Wohlwollen der Stadt etwas auf die Beine zu stellen: Sie scheint den Leuten, die in Ihrer Jugend vielleicht mal Revoluzzer spielten und heute Kulturschaffende sind, völlig abhanden gekommen zu sein. Keinen Begriff mehr von kritischen Interventionen und Gegenkultur zu haben bringt die Zufriedenheit mit dem totalitären Unheil zum Vorschein, die die sozialpädagogische Selbstzähmung geschaffen hat.

Die schlechteste Ausrede

In Debatten über die Möglichkeit, in Würzburg etwas zu schaffen, das sich der kulturellen Standortlogik entzieht, hat sich bei vielen Menschen eine Argumentationsweise eingeschlichen, um die eigene Resignation zu rechtfertigen oder ganz zu vertuschen: Würzburg sei eben Würzburg, hier gebe es weder eine linke Szene noch die Möglichkeit, etwas kritischeres als das Cairo zu errichten.
Ich halte dieses Argument für eine schlechte Ausrede, um der eigenen Lethargie einen höheren Sinn zu geben. Würzburg ist weder zu klein (in kleineren Städten wie Gießen, Hanau oder Göttingen gibt es auch alternative Zentren), noch zu bayerisch (selbst in einem Kaff wie Sulzbach-Rosenberg gibt es ein selbstverwaltetes Jugendzentrum), noch sind alle Zufrieden mit der gesellschaftlichen Totalität. Man kann scheitern, selbstverständlich. Aber um Scheitern zu können, muss man zuerst einmal begonnen haben. Was den Leuten fehlt, ist das Anfangen-können, das tiefe innere Vertrauen, dass man am Ende seine Ziele erreichen wird.
Es gilt, die Fragen, die scheinbar nicht mehr gestellt werden, neu zu stellen. Was will, was kann Jugendkultur? Welche Funktion erfüllt städtisch subventionierte Kultur? Die Geschichte hat das kritische Potential von Begriffen wie Kultur, Politik und Kunst unter sich begraben. Es gilt, dieses freizubuddeln. Nicht für Würzburg, sondern für diejenigen, die ihren Frieden mit dem falschen Ganzen noch nicht geschlossen haben.

Jetzt ist die Zeit, hier ist der Ort.

Benjamin Böhm

(1) Interessant ist die unterschiedliche Art und Weise, wie Jugendkultur im B-Hof und im Cairo stattfindet. Im B-Hof besteht noch ein offener Jugendbereich, es wird ein jüngeres Publikum angesprochen und die veranstalteten Konzerte dürfen auch ZuschauerInnen vom linken Rand ansprechen, um diese durch die Sozialpädagogik gesellschaftlich zu integrieren. Im Cairo hingegen wäre es schwer möglich, ein Konzert mit Antifa-Emblem auf dem Flyer zu veranstalten. Ein wesentlich älteres Publikum wird angesprochen, dem man natürlich die anarchistischen Kindereien aus dem B-Hof nicht zutrauen möchte. Die Revolution, eine Sache für pubertierende Teenies.

Was fehlt

„Wir zahlen nicht für eure Krise!“ hechelt ein Sammelsurium aus Gewerkschaften, Parteien und linken Gruppen und ruft zu großen Demonstrationen für die viel beschworene und diffus-bestimmbare solidarische Gemeinschaft auf. Was die Reststücke dieser links Fühlenden vereint ist ihre Begriffslosigkeit, ihr Mangel an Kritik der kapitalistischen Kategorien und der unbedingte Wille, eine linke Krisenbewältigung via Rekeynesianisierung, also durch den Staat als vermeintlichen autonomen Agenten, einzufordern.
Der gemeinsame Aufruf zu den Demonstrationen in Berlin und Frankfurt am 28. März beweist auf ein neues, dass die Krise auch eine Krise der Linken ist. Der Aufruf ist ein Zeugnis des diffusen Mix‘ aus bürgerlicher Staatsauffassung und nie überwundenen Konzeptionen des ökonomistischen Basis-Überbau-Theorems. „Die Entfesselung des Kapitals und der erpresserische Druck der Finanzmärkte haben sich als zerstörerisch erwiesen“ meint der Aufruf, wobei zugleich suggeriert wird, jene Entfesselung sei nicht in der Logik der Wertverwertung selbst angelegt und sei durch eine Sphäre der Einfachen Warenproduktion in Verbindung mit einem autonomen Staat zu einer freien Gesellschaft umkehrbar. Man möchte, dass „Bildung, Gesundheit, Alterssicherung, Kultur und Mobilität, Energie, Wasser und Infrastruktur nicht als Waren behandelt werden“ und begreift anscheinend nicht, dass gerade Begriffe wie Gesundheit, Bildung und Kultur in der kapitalistischen Gesellschaft negativ gefasst sind und die Bedingung der Reproduktion der Ware Arbeitskraft sind, es sei denn man würde sich vom Kapitalismus in emanzipatorischer Weise befreien. In nahezu jeder Formulierung der Aufrufs schwingt die Sehnsucht nach dem guten alten Keynesianismus mit, in dem das Kapital noch Nation vermittelt war, und man tatsächlich noch von einer Volkswirtschaft in Verbindung mit der sich damals schon im Niedergang befindenden Realakkumulation sprechen konnte. „Die Regierungsberater, Wirtschaftsvertreter und Lobbyisten sind nicht vor Scham im Boden versunken, sondern betreiben weiter ihre Interessenpolitik. Um Alternativen durchzusetzen, sind weltweite und lokale Kämpfe und Bündnisse (wie z.B. das Weltsozialforum) nötig – für soziale, demokratische und ökologische Perspektiven.“ Hier kommt klar die Unfähigkeit zum Ausdruck, den Staat als politische Form der kapitalistischen Gesellschaft zu betrachten. Stattdessen wird einerseits in den Kategorien der bürgerlichen Staatskonzeption gedacht- denn der Staat wird als eine allgemeine Instanz betrachtet, die mit der Wertverwertung an sich wenig zu tun hat und sich selbstständig entfaltet, während gesellschaftliche Veränderungen als Kampf zwischen verschiedenen Interessengruppen um die Staatsmacht wahrgenommen werden- andererseits sieht man den Staat durchsetzt von Agenten des Kapitals, die den Niedergang der Gesellschaft betreiben- was eher daran erinnert, den Staat in ökonomistischer Weise als eine bloße Überbauerscheinung seiner kapitalistischen Realität zu begreifen. Die Forderungen der Demonstration sind, gelinde ausgedrückt, eher gruselig. Man appelliert- wenn man schon nicht selbst die Staatsmacht erobern kann- an die Regierung, die Verursacher der Krise zu Bestrafen. Man ist „Dafür, dass die Profiteure die Kosten der Krise bezahlen“. „Die Steueroasen sind endlich zu schließen; Banken, die dort arbeiten müssen  bestraft werden.“ Man appelliert an einen starken Staat und unterscheidet sich dabei grundsätzlich nicht von den Forderungen des Staatsoberhauptes.
Was in den zahlreichen Forderungen an den Staat zum Ausdruck kommt, ist im Grunde genommen zweierlei: Zum einen die Absage an die Marx’sche Kritik der Politischen Ökonomie und zum anderen der Beweis, dass man anscheinend kein angemessenes Verständnis der Krise besitzt. Der Staat soll eine konsequente Krisenbewältigung bewerkstelligen. Jedoch hängt der Realitätsgrad des Staates auch, wie es Agnoli treffend skizzierte, von seiner „Fähigkeit, Befreiungsbewegungen und die Tendenz zur Freiheit einzudämmen und zu neutralisieren“ ab. Der Staat soll dafür sorgen, die Reproduktion der Ware Arbeitskraft wieder herstellen zu können. Damit einher geht eine Absage an die Überwindung der staatlichen Herrschaft seitens der Linken einerseits und ein mangelndes Verständnis der Verhältnisses von Ökonomie und Staat andererseits. Die Perspektivenwahl der Politik erfolgt nicht, wie der Aufruf zur Demo glauben lassen will, nach dem freien und autonomen Ermessen der Politik, sondern auch nach dem Druck in der Akkumulation. Dadurch, dass die Wertverwertung durch die Produktivkraftentwicklung mit dem Ende des Fordismus in eine schwere Krise geraten ist, verließ das Kapital mit der dritten industriellen Revolution seinen nationalen Rahmen, um überhaupt noch wettbewerbsfähig zu sein. Der Staat als Reproduktionsverwirklicher trat in eine Krise, die durch Hartz IV und Konsorten erst begonnen hat. Die Transnationalisierung des Kapitals wird von der Linken nicht als Folge der krisenhaften Wertverwertung aufgefasst, sondern ebenso wie vom bürgerlichen Alltagsverstand als von gierigen Managern und ihren politischen Agenten herbeigeführte Krise, die mit einem Rückgriff auf einen starken Staat bewältigt werden könne. Skizzenhaft wird in die Diskussion der Linken immer wieder Marx eingebracht, ohne seine Kategorialkritik an Staat, Ware und Wert zu begreifen.
Dabei stellt sich die Frage, ob eine kommunistische Begierde, die die bürgerlichen, aber auch die staatskapitalistisch-sozialistischen Aprioritäten hinter sich lässt, in der Krise die Chance hat, zum Vorschein zu kommen. Klar müsste dabei sein, dass mit dieser Begierde nicht die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand, die panische Massenstimmungen anscheinend als revolutionäre Situation betrachtet und die die damit verbundene Gefahr, hinter den Kapitalismus in die Barbarei zurückzufallen, beinhaltet, gemeint ist. Von jener Kategorialkritik ist weit und breit nichts zu sehen. Jeder Versuch, sie zu formulieren, sie sogar in das Spannungsfeld zwischen Spontaneität und Theorie zu bringen, ist solange zum Scheitern verurteilt, wie mit den Begriffen an die alte Linke angedockt wird und versucht wird, Menschen etwas zu erklären, die anscheinend von nichts einen Begriff haben. Selbst diejenigen anarcho-syndikalistischen und antinational-kommunistischen Gruppen, denen man eine emanzipatorische Restvernunft zusprechen kann, schaffen es schwer, sich von der staatsaffirmativen Linken zu distanzieren und laufen zum Beispiel am 28. März in einem sozialrevolutionären Block auf der besagten Demonstration. Zum anderen bleibt ihre Sehnsucht der Zerschlagung von Staat.Nation.Kapital (Aufruftext) solange eine Randerscheinung, wie die Gruppen nicht fähig sind, die Sprache der alten Linken zu verlassen und damit nicht mehr zu klingen wie ein Aufruftext aus den Zeiten, in denen man noch einen Begriff davon hatte, was Links ist und was nicht. Sich als antinationale KommunistInnen gegen das Ganze zu stellen, müsste bedeuten jeden Versuch von Organisation hinter hinter sich lassen. Denn jedem noch so kümmerlichen Versuch, sich bürgerlich-interessengruppenspezifisch zu organisieren, wohnt bereits die Konterrevolution inne, kriecht der Staat, schlimmer noch, die Nation, in die Struktur. Dazu folgerte bereits der Rätekommunist Paul Mattick: „Hier, in der Frage der Organisation, offenbart sich das Dilemma der Radikalen: Um gesellschaftliche Veränderungen zu bewerkstelligen, müssen Aktionen organisiert werden; organisierte Aktionen aber nehmen immer auch Züge dessen an, wogegen sie sich richten. Es scheint, als könne man immer nur das Falsche oder, aus Angst vor dem Falschen, gar nichts tun. Selbst eine oberflächliche Betrachtung organisierten Handelns offenbart, daß alle bedeutenden Organisationen, gleich welcher Ideologie, den Status Quo stützen […]“.Die Lösung der RätekommunistInnen war die Spontaneität der ArbeiterInnen. Ohne eine Fetischkritik wird jener Hoffnung auf die Spontaneität jedoch schnell zu jener befürchteten Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand in Verbindung mit einer barbarischen Massendynamik, denn auch den meisten ArbeiterInnen stellte sich der Staat bisher als Erhalter seiner Reproduktion dar, und nicht als Aufrechterhalter ihrer Unterdrückung. Eine emanzipatorische Nicht-Organisation muss fähig sein, den oben bereits skizzierten Widerspruch von Kritik des Wesens und Spontaneität beziehungsweise Sabotage auszuhalten. Die ArbeiterInnen müssten, „um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigene bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben. Sie befinden sich daher auch in direktem Gegensatz zu der Form, in der die Individuen der Gesellschaft sich bisher einen Gesamtausdruck gegeben, zum Staat, und müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen.“ (Wer wohl? Marx)
Betrachtet man die Krise in ihrem historischen Kontext, so stellt sich klassedynamisch und staatlich einiges anders dar als in vergangenen Krisen (wobei die ökonomische Realität beweisen wird, ob es sich bei der aktuellen Krise und eine zyklische oder um eine, in wertkritischer Manier gesprochen, Zusammenbruchskrise handelt). Es ist davon auszugehen, dass der Staat die gesellschaftliche Reproduktion nur dann trägt, wenn er selbst ökonomische Potenz ist, wenn er seine eigene national-ökonomische Basis beinhaltet. Das Kapital hat jedoch längst den nationalen Rahmen verlassen, um der Krise der Realakkumulation zu entgehen. Man kann von keinem Unternehmen von Größe sprechen, das die Grenzen der Volkswirtschaft nicht verlassen musste, um seinem Untergang zu entgehen. Und so müsste der Staat in jenen Krisenzeiten das Rad Richtung Keynesianismus zurückdrehen, was die Realität der Krise von abstrakter Arbeit, Wertverwertung und die Fixierung des Kapitals auf fiktives Kapital schwer möglich machen wird, es sei denn man nähme eine Forcierung der Krise in Kauf und schafft es, die Ideologisierung von Nation und Volk auf ein barbarisches Maximum zu hieven. Dabei tut sich die Frage auf, was mit den ArbeiterInnen passiert, wenn der Staat nicht mehr dazu fähig ist, als Bewahrer der Reproduktion in Erscheinung zu treten? Wenn der Staat seit Jahren, genötigt durch die Anpassungen an die Umwälzung der ökonomischen Struktur, seinen Nutzen als Ermöglicher von Reproduktion verloren hat und auch so schnell nicht mehr zurückerobern kann? Mehr als das: es scheint, als sei ein großer Teil des sogenannten Subproletariats gar nicht mehr in der „Genuss“ der autoritären Vollzeitbeschäftigung namens staatlich-schulische Sozialisation gekommen. Droht dann die Fixierung der Bevölkerung auf barbarische Formen der Krisenlösung in Form von Religion, antisemitischem Wahn und Racketbildung? Auch in klassenstruktureller Hinsicht unterscheidet sich die Krise von zurückliegenden Ereignissen. Der Postfordismus hat die traditionelle Arbeiterklasse zersetzt, um bei der sogenannten Mittelschicht und dem akademischen Milieu weiterzumachen. Was so diffus als Prekariat bezeichnet wird, erfasste die Gesellschaft als Ganzes. Der Klassenkampf als Beschwörungsformel der Linken ist nichts anderes als ein atavistischer Begriff geworden, dem man keine Chance auf Vermittlung mehr unterstellen kann. Wenn weder Staat noch die Klasse Chancen haben, den Kapitalismus zu retten oder als Retter für sich aufzutreten, so kann man den Umschwung in die Barbarei befürchten.
Jedoch: Wenn sowohl akademisches Milieu als auch Arbeiterschaft, vor allem aber das „abgehängte Prekariat“ den Staat nicht mehr als Problemlöser wahrnehmen können, weil alle in der gleichen Scheiße sitzen und dies auch so wahrgenommen werden könnte, wäre dann die Zeit der Verbindung von Spontaneität und Kategorialkritik gekommen? Wäre es dann möglich, ein kommunistisches Ziel zu formulieren, das sich nicht auf die bürgerlichen Aprioritäten einlässt, weil diese Ihren Bedeutungsgehalt längst verloren haben?

Wir können es noch nicht wissen.

Benjamin Böhm

Wir basteln uns ein „schwarzes Volk“

Mit der Zirkusshow „AfrikaAfrika!“ gastiert die moderne Version der kolonialen Völkerschau in Würzburg

Die KritikerInnen scheinen sich einig zu sein, auch die KulturrelativistInnen jauchzen vor Freude: Am 23. und 24. Januar kommt André Hellers Zirkusshow „AfrikaAfrika!“ nach Würzburg. „Das magische Zirkusereignis vom Kontinent des Staunens1“ tue laut ZDF „dem Publikum, den Künstlern und einem ganzen Kontinent etwas Gutes“. Der Einspruch, dass die Show kaum etwas zur Verbesserung des Verhältnisses von EuropäerInnen und AfrikanerInnen beitragen kann, sondern stattdessen altbekannte Klischees der afrikanischen Fremde aus Urgroßomas kolonialer Klamottenkiste hervorkramt , geht im Applaus der exotistischen Begierde unter. „AfrikaAfrika!“ ist nichts anderes als ein moderner Völkerbaukasten.
Betrachtet man die Konstruktionen von Fremdheit, die die Zirkusshow entwirft, so muss ein kurzer Blick auf die Völkerschauen, welche am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstanden, gerichtet werden: Denn Stereotypen wie ausgeprägte Körperlichkeit, Mystizismus, typische Lebensfreude, unberührte Stammeskultur, Rohheit und Flexibilität der Gelenke, welche sich alle in der Zirkusshow widerspiegeln, kamen auch in den kolonialen Völkerschauen vor. Auf Jahrmärkten oder in Zoos wurden damals die „Fremden“ präsentiert, wobei besonders exotisch anmutende Bräuche, physische Besonderheiten und besondere körperliche Belastungen die europäischen BesucherInnen in Scharen herbei lockten. Die eigenen verborgenen Wünsche der BesucherInnen und SchaustellerInnen wurden dabei auf die „Fremden“ übertragen. Besonders deutlich wurde dies bei der Projektion erotischer Wünsche auf die AfrikanerInnen. Zeichen von „Zivilisiertheit“, so etwa die Beherrschung von europäischen Sprachen oder die Beherrschung von europäischen Umgangsformen, waren bei den VeranstalterInnen der Völkerschauen nicht erwünscht, da man ja das „Fremde“ ausstellen wollte und damit möglichst authentisch bleiben. So musste man den AfrikanerInnen oftmals die als „typisch afrikanisch“ charakterisierten Fähigkeiten beibringen. Damit verbunden war selbstverständlich, dass die einzelnen KünstlerInnen nicht als Individuen wahrgenommen wurden, sondern stattdessen deren Körperlichkeit oder ihre Stammesidentität in den Vordergrund gerückt wurden. Ein ganzer Kontinent sollte erfahrbar werden, aber eben nur durch die Zerrbilder, die die psychischen Projektionen der EuropäerInnen zuließen.
Die exotistischen Konstruktionen der Kolonialzeit sind nachwievor vorhanden- daran lassen sowohl die Selbstdarstellung von „AfrikaAfrika!“ als auch das Medienecho keine Zweifel. Bereits die Bezeichnung Afrikas als „Kontinent des Staunens“ lässt erahnen, dass den ZuschauerInnen kein Einblick in die Komplexität der modernen Gesellschaften Afrikas gewährt werden soll, sondern ein stereotyper Mystizismus entworfen wird. Die Entindividualisierung der ArtistInnen, die Lust an der Konstruktion von körperlicher Fremdheit, wird bereits in der Showbeschreibung deutlich: „Körperexzentriker biegen sich stolz und geschmeidig wie Schlangen, Füße werden zu Händen, Hände zu Füßen ? ein seltenes Schauspiel, wie es nur die afrikanische Tradition kultisch perfekter Körperbeherrschung erlaubt.2“ Wenn Heller von den ArtistInnen der Show gelernt haben will, „ganz im Augenblick zu leben“3, dann klingt dies ganz nach der Begierde, die AfrikanerInnen zu Kindern zu machen, denen eine planende, rationale Entscheidung nicht zuzutrauen ist, denen die Lebensfreude aber niemals abhanden kommt. Auch die Zeitungen geizen nicht mit solcherlei Zuschreibungen. Das „Königreich der Gaukler und Paradies der Lebensfreude“ entdeckt der Spiegel, und das angeblich originäre Afrika kommt auch in der Passauer Neuen Presse nicht zu kurz: „Bunte Farben, wilde Tänze, Lachen – was ‘afrikanisch’ bedeutet, das können alle Darsteller ohne Mühe zeigen.” Die Vorstellung einer tiefen afrikanischen Verbundenheit mit der Natur, bereits von Rousseau beschrieben und als Zeichen der Überlegenheit der EuropäerInnen gedeutet, weshalb die AfrikanerInnen als Kinder zu betrachten seien, spiegelt sich in der Darstellung der tanzenden ArtistInnen wider, denn sie „können fließen wie Wasser, wie der Wind fliegen oder wie Feuer flackern.“ Immer wieder taucht in der Presse das altbekannte Motiv der maximalen körperlichen Belastbarkeit, als typisch afrikanisch charakterisiert, auf. „Das Tempo ist atemberaubend, die Biegsamkeit der schwarzen Körper schier unfassbar […]” jubelt die NZZ, „er steckt im Froschkostüm, hat unglaubliche Kulleraugen und kann sich verrenken, dass es beim Zusehen weh tut.”, berichtet der Stern über die Performance eines Künstlers. Selbstverständlich lässt sich auch die BILD nicht nehmen, eine Ladung Stumpfsinn im Blätterwald zu verkippen. „Die Staaten des dunklen Kontinents dürfen ihre teuren Botschafter jetzt getrost in Pension schicken. Es gibt keinen besseren Botschafter Afrikas als diese tanzende, turnende, tobende Truppe. In zwei Stunden ersingen und erspielen sie so viel Sympathie für ihre Heimat, wie Diplomaten nicht in zwei Jahrzehnten erdienern und erdinnern können.“ BILD rückt also wieder ein paar europäische Weltbilder zurecht: Der Afrikaner an sich tanzt und tobt, und auch die afrikanischen PolitikerInnen scheinen zu nichts weiter fähig als zur Unvernunft.
„AfrikaAfrika!“ ist europäischer Exotismus gepaart mit einer in Afrika nicht existenten Zirkustradition. André Hellers angeblicher Anspruch, ein anderes Bild von Afrika zu entwerfen, als das der Krisen, Krankheiten und Kriege, trägt absolut nichts zum Abbau von Stereotypen bei. Die Darstellung von Menschen als „edle Wilde“ bietet den Nährboden für einen „umgekehrten Rassismus“, der nicht das Individuum in den Vordergrund stellt, sondern die scheinbar unentrinnbare kulturelle Identität, die in diesem Falle eine Konstruktion seiner europäischen BetrachterInnen ist. Man darf gespannt sein, welche Glanzleistungen die Main-Post bei ihrer Berichterstattung über „AfrikaAfrika!“ vollbringen wird. Bei Überschriften wie „Tracht gegen Globalisierung“ befürchte ich das Schlimmste.

Benjamin Böhm

1 Aus der Online-Selbstbeschreibung der Zirkussshow
2 ebenda
3 ebenda

Presseschau: von Stilblüten und wirklich wichtigen Nachrichten

Als ich mich letzten Winter im Letzten Hype über die Mainpost auskotzte, konnte ich gewiss noch nicht ahnen, dass die besagte Zeitung mit dem Konrad-Adenauer-Preis ausgezeichnet worden war. Seit ich wusste, welche Ehren unserer Lokalzeitung zuteil geworden waren, wurden mir die Augen geöffnet: Die vielen Stilblüten, die Art und Weise, mit der deutschen Sprache zu jonglieren wie ein Artist von Welt: Dies alles war mir vor meiner Erleuchtung nicht klar gewesen. Daher lasse ich heute nur die Überschriften der Mainpost sprechen, die das journalistische Sahnehäubchen eines jeden Artikels darstellen.

Stilblüten

Der Wahlkampf ist zuende, und allen war klar: „Marco Schneider- Kandidat mit Schokokuss-Kuchen“- den musste man einfach wählen. Wichtige Erkenntnisse lieferten den LeserInnen die Überschriften „Probezeit ist die Zeit zum Ausprobieren“ und „Unfall-Kuh kam aus Bullenheim“. Es bleibt tierisch, wobei bei der Überschrift „aggressiver Bulle büxte aus“ nicht klar zu erkennen ist, ob nun die menschlichen oder widerkäuenden Artgenossen gemeint sind. Animalisch geht es weiter, denn der „Spatzen-Drummer bot Speck an“, was er hoffentlich nicht „Unter Drogen, doch ohne Führerschein“ tat. Schauen wir in die schöne Rhön. „Rhönfreunde bekennen sich zu ihrer Identität- der Rhön“ war da zu lesen, und ich bin sehr froh, dass sich die Rhönfreunde nicht zum Spessart bekennen.

Wirklich wichtige Nachrichten

Damit alles seine Ordnung hat in der Region, geht die Polizei allen Straftaten nach. „Alk zum Abendessen“ geht gar nicht klar, ebensowenig wie die „Mettwurst im Hosenbund“. „Bulgaren auf den Weingut“ gab es ebenso wie „Salmonellen im kleinen Badesee“, „Marinierte Makrelen auf Holzkohlen gegrillt“ und „Australier in er Rhön“ . Und das schlimmste war wohl folgendes Vergehen: „Mann macht Mann an“. Bei soviel kriminellen Energie kann einem wirklich Angst und Bange werden. Zum Glück gab es nicht nur negative Nachrichten zu vermelden. „Wie oft steht Gott sei Dank in der Bibel?“ habe ich mich auch schon immer gefragt. Solange wir dies nicht wissen, sollten wir wirklich alle „Gottes ausgestreckte Hand ergreifen“. Genug des Metaphysischen. Die Festzeit hat begonnen und „das Kartoffelfest beigeisterte“. Leider ist „kein Apfel mehr am Baum“, ob dies etwas mit dem Ungeziefer zutun hat? Denn „den Ratten geht’s gut“. Was wir schon immer geahnt haben, bestätigt uns endlich die Mainpost: „Mittelmaß ist in Schweinfurt Trumpf“, auch deshalb, weil „Günther Beckstein: Ein Wahlkämpfer oben ohne“ da war. „Neues Geschirr“ hat nun die Euernhofer Feuerwehr, aber das wird ihnen auch nicht mehr helfen, wenn die „Rache der Hornissen“ über sie herein bricht.
Ja, genug des meisterhaften Journalismus meiner Lieblingszeitung, ich nehme nun am „Tag des Butterbrotes“ noch einen „Biss ins Butterbrot“, und nächtes mal werde ich auch „vorm glücklichen Ende einen geglückten Anfang“ wählen. Bis zur nächsten Presseschau.

Benjamin Böhm

Wütender Protest

So, hier ist er, der wütende Protest über das Layout von einem Redakteur des Letzten Hypes.

Schrecklich!

Ekelerregend!

Unlesbar!

Buuuuh!

Anmerkungen zum Keil als Zirkus der sieben Sensationen

Vorab: Der Autor dieses kurzen Gedankenfragments würde weder behaupten, irgendetwas von der Schauspielkunst zu verstehen, noch nimmt er sich heraus, die dramatische Gestaltung des aktuellen Stücks „Bis einer heult“ zu bewerten. Um eine explizite Kritik des Stücks soll es in den Anmerkungen daher gerade nicht gehen. Stattdessen wird hier die Frage angerissen, ob der Keil einen Platz als verrücktes Huhn der bürgerlichen „Kulturszene“ einnehmen möchte, oder lieber außen vor bleibt.

„Bis einer heult“ war ein nettes Stück: Die ZuschauerInnen strömten in Scharen herbei und befanden es als nett. Die Kinder, die das Stück besuchten, lachten und klatschen zu nettem Slapstick, die Main-Post hatte nichts am netten Keil auszusetzen und so manch einer/einem ZuschauerIn kamen Tränen vor lauter netten Gags.

Es ist nachvollziehbar, dass eine positive Kritik selbst in der Lokalpresse und ein reges Zuschauerinteresse an Shakespeare Balsam auf der Seele der ArtistInnen des Keils sind. Und ich kann ebenfalls verstehen, dass aus rein wirtschaftlichen Erwägungen, denen man sich nicht entziehen kann, drei nahezu ausverkaufte Vorstellungen und großzügige Spenden bei der Aufführung im Kult großartige Ereignisse für den Zirkus der sieben Sensationen sind.

Mir und noch einigen anderen dem Keil nahe stehenden Personen stellte sich jedoch nach den letzten beiden Stücken die Frage, ob der Zirkus der sieben Sensationen einen Platz in der ehrenwerten Gesellschaft der Kulturschaffenden einnehmen möchte und zwei- bis dreimal im Jahr StudentInnen und sonstige BildungsbürgerInnen belustigen möchte, oder die Kulturszene selbst zu verstören gedenkt.

Im Klartext lautet die Frage: Habe ich es, als Zuschauer, lediglich mit einer Laienschauspielergruppe familiären Charakters zutun, deren Mitglieder vielleicht irgendwann den Sprung auf die weltberühmten Bretter, die die Welt bedeuten, vollbringen und die, solange dies noch nicht geglückt ist, die Paradiesvögel der Kulturszene mimen, oder hegt der Keil einen anderen Anspruch an sich selbst und an sein Publikum?

Es macht den Keil aus, dass er stets macht, wozu er Lust hat. Jedoch stellt sich für mich die Frage, weshalb das Bedürfnis, den offiziellen Kulturschaffenden vor ihre Füße zu rotzen, nicht mehr zu bestehen scheint (oder irre ich mich?)? Vielleicht hilft bei der Beantwortung der Frage ein Bezug auf die familienartige Form, in der sich die ArtistInnen des Zirkus’ präsentieren. Indem man sich auf der Suche nach familienartiger Freundschaft als Gruppe wahrnimmt und sich so künstlich von äußeren Einflüssen abschottet, könnte das Harmoniebedürfnis irgendwann über allen anderen Intentionen des Keils stehen. Und damit könnte auch die Fähigkeit verloren gehen, sich mit der Entsetzlichkeit der nur scheinbar getrennten Formen Kultur, Politik und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Je mehr der Zirkus der sieben Sensationen sich also als Familie versteht, desto weniger wird man sich wohl mit solchen Fragen auseinandersetzen. Man darf jedenfalls nicht vergessen, dass Theater niemals in der nichtexistenten kulturellen Luftleere steht, sondern zwangsläufig mit dem gesellschaftlichen Formgeflecht verwoben bleibt. Darüber hinaus muss angeführt werden, dass es zwar nicht verwerflich ist, sich untereinander blendend zu verstehen (ganz im Gegenteil), aber dass mit einer heimeligen Gruppenidentität auch eine Formierung nach innen stattfinden könnte, durch die erstens solche kontroversen Fragen über den Sinn und Zweck der eigenen Theatergruppe nicht mehr diskutiert werden, zweitens man kaum mehr fähig sein wird, etwas anderes als ganz nettes Theater zur Bespaßung von seichtem Publikum zu machen.

Zuletzt muss festgehalten werden, dass Theater stets auch die Interaktion zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen bedeutet. Der Keil hat nicht umsonst nach wie vor ein Publikum, das fähig ist, Fragen wie die meinigen zu stellen. Durch die in der Vergangenheit ungewöhnliche Art, nicht nur schallenden Applaus, sondern auch tiefe Empörung beim Publikum auszulösen, umgibt den Zirkus der sieben Sensationen zumindest für mich noch immer eine Aura der Subversion. Je mehr die SchauspielerInnen nur den Anspruch hegen, nettes Familientheater zu machen, desto weniger werden Mitglieder und ZuschauerInnen des Keils dazu fähig sein, den Zirkus der sieben Sensationen nicht nur als ganz normales Theater zu verstehen. Egal, ob in Würzburg, Leipzig oder anderswo.

Benjamin Böhm

Die Inszenierung des Nichts- Polemik zur journalistischen Kritiklosigkeit der Main-Post-Medien

Jede Stadt bekommt die Zeitung, die sie verdient. Gerade über Würzburg schwebt der graue Schleier der Selbstzufriedenheit, dessen Kritiklosigkeit ganz Deutschland ergriffen hat und sich in der Main-Post-Presse voll entfalten kann. Kritische Standpunkte, die die WürzburgerInnen in ihrer Eitelkeit kränken könnten, werden unter den Teppich gekehrt und stattdessen heimattümelnde Selbstliebe praktiziert. Dieses Jahr musste der Beitrag zum Jahrestag der Reichspogromnacht leider schmaler Ausfallen: es stand ja schließlich die närrische Jahreszeit vor der Tür.
Die Main-Post hat längst entdeckt, dass ihre mainfränkischen Schäfchen viel lieber von ihrer flauschigen Heimat- endlich dürfen sie wieder Heimat sagen – lesen, als vom Elend derer, die sich aufgrund ihres gesellschaftlichen Status nicht zuhause fühlen dürfen. Man will ja die LeserInnen nicht überfordern. So liest man die Überschrift „Tracht gegen Globalisierung“ in einem Artikel über das Jubiläumsfest des Burschenvereins Sommerhausen. Die Heimat zählt also wieder als Identitätsstifter wider die fremden Mächte. Auch dem „Tag der Heimat“ der Vertriebenenverbände fügt sich in das Wohlfühlvergnügen ein. Der BdV-Bezirksvorsitzende Albert Krohn darf zu Wort kommen: „Das im Grundgesetz ursprünglich verankerte Wiedervereinigungsgebot zielte auf ganz Deutschland, und Deutschland endete bekanntlich nicht an der Oder-Neiße-Linie“. Mir ist nicht bekannt, dass die Main-Post jemals ein kritisches Wort über die Vertriebenenverbände verloren hat. Im Juli, inmitten der Diskussion um NSDAP-Zwangsrekrutierungen, bietet die Main-Post Herrn und Frau Musterfranke die Möglichkeit, 62 Jahre nach Kriegsende in der Zeitung ihre Seele rein zu waschen . Am peinlichsten jedoch war die diesjährige Berichterstattung zu den Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Reichspogromnacht: auf der Titelseite des Würzburger Teils vom 10.11. war der Main-Post das Anbrechen der fünften Jahreszeit anscheinend wichtiger. Würzburg Alaaf!
Will man die allgegenwärtige journalistische Kritiklosigkeit verstehen, die nicht nur Presseerzeugnisse der Main-Post-Gruppe, sondern auch die sonstigen Stadtmagazine aller Couleur, beherrscht, so muss man die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte betrachten. Man kann den JournalistInnen der Main-Post gar nicht vorwerfen, oder zumindest einem Großteil von ihnen nicht, dass die neue Freude am gesellschaftlichen Sein und der fehlende kritische Blick einer bewussten Intention entsprungen sind. Die bürgerliche „kritischen Öffentlichkeit“, und mit ihm der/die klassische links-liberale JournalistIn, ist nahezu ausgestorben und wurde durch einen gesellschaftlichen Zustand abgelöst, der mit der Kritik an den Zuständen nichts mehr anzufangen weiß. Das Unbehagen von damals geht in einem Fahnenmeer aus Freudentaumel über die deutschen Zustände unter, sei es durch Lokal-Patriotismus, sei es durch die bloße Beschreibung des Seienden.
Doch gerade in Würzburg prägt die Main-Post der öffentlichen Meinung ihren Stempel auf, nicht nur umgekehrt. Die Presse und die Lokalpolitik bedingen sich dabei gegenseitig. Die Allgegenwärtigkeit der Main-Post-Gruppe, die mit dem konservativen Volksblatt, der liberaleren Main-Post und dem Popmagazin neun7 alle ihre potentiellen LeserInnen bedient, bauscht marginale Meldungen zu kolossalen Themen auf und füllt so die provinzielle Leere mit vorsätzlichem Inhalt . So kann man sich bezüglich der penetranten Fokussierung auf die „Randale“ Betrunkener nach der Shuttle-Party fragen, wen jene Ausschweifungen mehr gestört haben: die Main-Post oder die AnwohnerInnen? Jedenfalls hat sich mittlerweile der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Würzburger CSU, Thomas Schmitt, das Verbot der Shuttle-Partys auf die Fahne geschrieben. Auch die Übernahme von Polizeimeldungen zeigt die völlige Unfähigkeit, die Zeitung mit Gehaltvollerem zu füllen. Die Überbesetzung der Polizeistationen in Würzburg führt dazu, dass mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Polizeiarbeit in Würzburg ist zumeist nichts anderes als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für gelangweilte PolizistInnen. Die OrdnungshüterInnen tragen durch ihre Presseberichte wiederum dazu bei, dass die Journalisten der Main-Post den Lokalteil füllen können. Menschen mit kleinbürgerlichem Bewusstsein wird so das Gefühl vermittelt, in einer gefährlichen Stadt zu leben: die Inszenierung des Nichts ist perfekt.
Auch um die Kundengruppe unter dreißig Jahren wird gebuhlt. Aus Boulevard Würzburg, einer Art Bild-Zeitung für Mainfranken, wurde die neun7, eine Zeitung für die Popkultur. Doch die Konzert-Reviews und Reportagen entkommen ihrer fortwährenden Selbstbestätigung nicht. Im Moment baut die Main-Post ein privates Internet-Portal mit Hilfe von StudentInnen der Sozialwissenschaften auf und schafft sich so ihren eigenen Nachwuchs: Wer ausreichend Credit-Points sammeln möchte, muss einen Artikel für die Main-Post im Internet veröffentlichen. Diese Verknüpfung von Privatunternehmen und offiziellem Uni-Betrieb bleibt fragwürdig, auch wenn sie in den nächsten Jahren zur Normalität werden wird. Einer der ersten Artikel, der auf jenem Online-Portal erschien, handelte vom 25sten Geburtstag des reaktionären Instituts für Schlesien-Forschung: anscheinend bleibt auch ein Portal wie dieses dem Abfeiern des Status Quo verpflichtet .
Jede Stadt bekommt die Zeitung, die sie verdient. Und der graue Schleier der Selbstzufriedenheit liegt über fast allem, was JournalistInnen in Würzburg zu Papier bringen. Es gilt, diesen falschen Frieden zu entlarven. Eine Publikation mit kritischem Anspruch kann daher kein „anderes“ Würzburg repräsentieren, sondern nur die Verneinung der Selbstgefälligkeit sein. Ein Text wie dieser kann nicht vorsichtig kritisieren und sich damit in den journalistischen Nihilismus einreihen, er muss polemisieren. „Gutmütige Enthusiasten dagegen, Deutschtümler von Blut und Freisinnige von Reflexion, suche unserer Geschichte der Freiheit […] in den teutonischen Urwäldern. […] Die Kritik jedoch […] ist die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Resignation zu gönnen. Man muss den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewusstsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert.“

Von Benjamin Böhm

Schreckliche Linke und heuschreckliche Kritik

Kaum einer anderen Person der deutschen Linken wurde während der letzten Monate so viel Kritik zuteil wie Jürgen Elsässer. Dabei warf man ihm unter anderem Nationalismus und Homophobie vor. Am 03. April lud das Würzburger Friedensbündnis Jürgen Elsässer in die Buchhandlung Neuer Weg ein, wo er sein Buch „Angriff der Heuschrecken und globaler Krieg“ vorstellte. Insekten mussten leider draußen bleiben.

Zirp Zirp
„Nie wieder Deutschland“- selbst siebzehn Jahre nach der Schöpfung dieser Parole werden Antifa-Kiddies nicht müde, ihren Gegnern diesen Spruch entgegen zu brüllen. Umso erstaunlicher ist, dass die Erfindung des Satzes einer Person zugeschrieben wird, die sich in diesen siebzehn Jahren vom antinationalen Protagonisten zu Oskar Lafontaines Schoßhündchen entwickelte.
Elsässer zählte sich in den Neunziger Jahren zum antideutschen Lager der radikalen Linken, schrieb bis 1997 für die Junge Welt und gründete nach dem Zerwürfnis mit dieser 1997 die Jungle World. Er beschäftigte sich insbesondere mit der deutschen Außen- und Balkanpolitik. Anfang dieses Jahrzehnts kam es zum Bruch mit dem antinationalen Spektrum und Elsässer schreibt seitdem wieder für die Tageszeitung JungeWelt, aber auch für die Parteizeitschrift der Linkspartei.
„Mit Staatsknete wird Multikulti, Gender-Mainstreaming und die schwule Subkultur gefördert, während die Proleten auf Hartz IV gesetzt werden und sich oft auch keine Kita, kein Schwimmbad und keine warme Wohnung mehr leisten können.“ Dieser Satz entstammt nicht etwa einem Artikel der NPD-Zeitung Deutschen Stimme von Jürgen Gansel, sondern einem Text von Jürgen Elsässer, der am 19.09. in der Jungen Welt erschien. Wer sich mit dessen Hinwendung zu einer nationalen Identität beschäftigt hat, wundert sich über solche Aussagen Elsässers schon lange nicht mehr. Er wendet sich seit längerem in populistischer Weise gegen den „US-Imperialismus“ und scheut dabei nicht zurück, Oskar Lafontaines Politik und dessen nationalistische Parolen über die „Inländerfeindlichkeit“ zu verteidigen. Dabei macht er auch vor rechtsradikalen Bewegungen nicht halt. „Zum ersten Mal seit der kapitalistischen Wende 1989/90 kommt in Donald Rumsfelds ‚neuem‘ Europa eine politische Kraft ans Ruder, die mit dem Neoliberalismus brechen will.“ Mit dieser Aussage bezieht sich Elsässer am 06. Juli in der Jungen Welt positiv auf das politische Bündnis zwischen der rechtsradikalen slowakischen Nationalpartei SNS und der sozialdemokratischen Partei SMER. Die SNS war in der Vergangenheit durch die Forderung von Ghettos für Sinti und Roma aufgefallen. Die wundersame Verwandlung des Jürgen Elsässer vom Staatsfeind zum Nationalbolschewisten beschäftigt seit 2006 auch die Antifaschistische Linke. Die Zeitschrift Der Rechte Rand widmete den rechten Tendenzen Jürgen Elsässers und seinen Kontakten zur rechten Presse sogar einen ganzen Artikel. Darin geht es unter anderem um ein fragwürdiges Interview, das Elsässer der rechtsradikalen Zeitschrift Choc Du Mois gab. In der gleichen Ausgabe der Zeitschrift wurde ein weiterer politisch Aktiver interviewt: Jean-Marie Le Pen.
Ortswechsel. Die würzburger Provinz scheint für kritische Stimmen an vermeintlich linker Politik ein unwegsames bis unpassierbares Terrain zu sein. Zumindest hatte das Würzburger Friedensbündnis keine Bedenken, Elsässer für die Vorstellung seines Buches „Angriff der Heuschrecken und globaler Krieg“ am 03. April nach Würzburg einzuladen. Insbesondere die Heuschreckenmetapher und die damit verbundene Personalisierung der Kapitalismuskritik, also die populistische Trennung zwischen gutem schaffenden und bösem raffenden Kapital, ohne das Produktionsverhältnis und den Kapitalismus an sich zu kritisieren, wird von Teilen der radikalen Linken scharf kritisiert. Wenn sich für den Autor „im Zeitalter der Globalisierung […] die nationale Frage neu“ stellt, „auch in Deutschland“, wie es im Buch heißt, dann müsste Linken spätestens bewusst werden, was in Elsässers Hirnwindungen vor sich geht. Die Tage vor der Veranstaltung machte sich jedoch Kritik bemerkbar: Ein „Internationaler Bund zum Schutz der Gemeinen, Vielscheckigen und Wallisischen Heuschrecke“ hatte um den Veranstaltungsort Informationstexte zum aktiven Schutz der Heuschrecken verteilt, die wohl einem Naturkundelexikon entlehnt waren. Am Veranstaltungstag selbst wollten es sich zwei als Heuschrecken verkleidete Elsässer-Kritiker nicht nehmen lassen, die Buchbesprechung anzuhören. Unter „Zirrrrrp!“- Lauten sprangen sie kurz vor der Veranstaltung im Neuen Weg umher. Das bereits anwesende Publikum zeigte sich anfangs durchaus belustigt und hielt die beiden für Einheizer der sensationellen Elsässershow. Dieser ergriff schleunigst die Flucht, als er das Ungeziefer zu Gesicht bekam. Als die Veranstalter bemerkten, dass es sich um Kritiker handelte, wurden diese aufgefordert zu gehen. Dadurch wurde der Zirkus beendet und Elsässer konnte mit seinem eigenen beginnen. Wenn konstruktive Argumente gegen einen linken Nationalismus ihre Wirkung verlieren, ist eine solch skurril-absurde Art von Kritik vielleicht das vernünftigste, was man tun kann.
Elsässer hat in letzter Zeit einen ganz neuen Unterstützer gefunden. So findet Jürgen Gansel, NPD-Mitglied des sächsischen Landtags, durchaus Anknüpfungspunkte zu Elsässer und schreibt dazu am 12.04. in der Deutschen Stimme, das für ihn das „entscheidende […] seine Absage an Randgruppenkult, US-Hörigkeit und Israel-Tümelei, sein Widerstand gegen Arbeitsmigration, Inländerfeindlichkeit, EU-Fremdbestimmung und Staatszerstörung“ ist. Von seiner einstigen Parole „Nie wieder Deutschland!“ hat sich Elsässer Lichtjahre entfernt. „Frei, sozial und national!“ würde da sicher besser passen.
Benjamin Böhm

The Sicksteez are high and tight

„Du siehst , dass alle gleich aussehen. Alle haben die gleichen T-Shirts an. Alle folgen genau meinen Anweisungen. Das war eine krasse Erfahrung.“

steez
Das Meer des deutschsprachigen HipHops erlebt stürmische Zeiten. Ab und zu schlägt es große Wellen, denn die See ist seit Jahren rough und die Wogen glätten sich selten. Ungeachtet aller Stürme gleitet ein ruhiger Dampfer namens Sicksteez seit Jahren durch den Rap-Ozean. Während Andere längst Schiffbruch erlitten, gleiten Frank Sidata und PhiloPhilta weiter und unaufhaltsam über tiefgründige Beats.
Der Name Sicksteez steht seit vielen Jahren für eigenständige Musik aus dem Herzen der HipHop-Kultur. In Zeiten, in denen Straßen- und Gangsterrap einen Großteil der Plattenreleases im deutschsprachigen Raum ausmachen, blieben sich Philo und Frank stets treu und entwickelten ihren ganz eigenen Stil. Mal tiefgründiger, mal straighter Rap, aber niemals plump oder peinlich. Zwei Plattenreleases, „Kein Plan“ und die „Key-EP“, haben die beiden bereits hinter sich und diesen Herbst wird ihr erster Longplayer mit dem Namen „High&Tight“ erscheinen. Daher traf ich die Jungs in Philos Bude, in der sich gleichzeitig auch ihr Aufnahmestudio befindet.

Ich würde gerne ein wenig auf eure musikalische Entwicklung zu sprechen kommen. Eure erste Platte, Kein Plan, war „Straight-Forward-Rap-Musik“. Die Key-EP und auch Philos Beats vom Recyclin‘ Plastic Tape waren viel melancholischer. In welche Richtung wird das kommende Album gehen?

Philo: Ich denke das Album wird beides sein. Ich denke mal es ist ein Album das wirkliche Albumlänge hat. Daher wird es nicht so sein wie bei der „Key-EP“, die nur langsame Beats hatte. Es sind einige Sachen dabei die eher wieder zurückgehen zum straighter Rap.

Frank: Die Key-EP war einfach die Frage: Wer ist das? Der Key! Es war einfach ein persönliches Ding. Zwei Solotracks von ihm und von mir die sehr tief gingen. Das Album hat beides, wobei es eher straighter Rap nach vorne ist.

Philo: Der Fokus wird wieder auf dem klassischen Rap-Ding sein. Es sind ein paar nachdenkliche Sachen darauf, aber der Großteil werden klassische Representer-Dinge sein.

Wo wir gerade bei Reise sind, ich habe auf eurem Myspace-Account einen Track gehört der Plemplem hieß. Er beschäftigt sich mit der Tendenz von HipHop in Deutschland. Daher würde mich eure Meinung interessieren von der Richtung, in die Rap aus Deutschland gesteuert ist. Gerade vom Street- und Gangsterrap Ding. Lasst ihr euch davon beeinflussen?

Philo: Also man muss sagen Plem ist schon relativ alt. Bei der Anfangszeile mit „ihr seid die Coolsten“ kann man sich ja schon denken auf was sie anspielt. Daher war der Track vor der Aggro-Berlin-Welle. Da waren wir gerade im Airport als wir die Vorgruppe von der Sekte waren. Das hat uns schon ein bisschen beeinflusst. Für mich zumindest war dies ein krasser Gig. Du siehst, dass alle gleich aussehen. Alle haben die gleichen T-Shirts an. Alle folgen genau meinen Anweisungen. Das war eine krasse Erfahrung. Im Endeffekt würde ich aber sagen, dass wir davon nicht viel mitbekommen. Es ist auch nichts, was uns groß in unserem Leben beschäftigt. Ich bekomme hier nicht mal MTV. Vielleicht erzählt mir Frank mal davon wenn er irgendein Video sieht. Wenn ich sowas mitbekomme höre ichs mir klar an, weil ich Rap mache, aber es ist jetzt nicht so, dass ich jetzt in die Läden gehe und mir die ganzen neuen Sachen anhöre nur um auf dem neuesten Stand zu sein. Bei Ami-Rap ist es etwas anderes, weil man da schon noch guckt und genau weiß aus welcher Richtung Sachen kommen die mehr taugen. Da ist auch eine ganz andere Vermarktungsstruktur da. Dadurch kommen Sachen an mich ran. In Deutschland ist es so, dass es klar gute Sachen gibt, aber die bleiben uns leider verschlossen.

Ich bin als Rap-Kiddie durch die B-Hof-Jams auf euch aufmerksam geworden. Damals hatte eine echte Rap-Szene einen Bezugspunkt durch den B-Hof oder dann Pauls Boutique. Würdet ihr in Würzburg heute von einer aktiven Rap-Szene sprechen? Fühlt ihr euch zu dieser zugehörig oder macht ihr eher euer Ding?

Philo: Man kennt sich klar. Auf der anderen Seite gibt’s viele die man vielleicht vom sehen kennt und die auch was machen wollen, von denen mans aber gar nicht mitbekommt. Gerade weil es nicht mehr diesen Bezugspunkt gibt wie früher den B-Hof oder Pauls Boutique. Es ist daher auch nicht mehr der Zusammenhalt und Bezugspunkt da wie früher.

Frank: Szene an sich gibt’s keine. Es gibt eine Szene, die besteht aber aus den einzelnen Aktivisten. Es gibt also kein Zusammenspiel. Das ist auch der Grund warum wir unser Ding machen und der Rest macht sein Ding. Die traurige Geschichte ist, dass sich dann ein Szeneevent im Netz abspielt, in dem alle Freunde sind und alle geadded sind aber man sieht sich halt nie. (Anmerkung: die Seite www.myspace.com/wuehiphop ist gemeint) Da wird man dann auch aufmerksam auf Leute, von denen ich mir dann Sachen anhöre und denke: Guck mal da drauf Philo, da geht was! Von Leuten die man noch nie gehört und gesehen hat. Es kommt auf jeden Fall was nach aber es ist jetzt nicht so, dass es noch einen Punkt für die Szene gibt an dem man sich trifft und an dem diese Einheit da ist.

Ich kenne noch von früheren Tracks den Bezug auf CSU und Polizei in Würzburg. Stört euch das Überwachungsklima in Würzburg nach wie vor oder habt ihr euch damit arrangiert?

Philo: Ich denke mit der Zeit arrangiert man sich irgendwo. Klar ist es hier deutlich anders als in anderen Teilen Deutschlands. Das kriegt auch jeder mit der von woanders kommt und Wü besucht. Hier gibt’s einfach verdammt viel Polizei. So ist es einfach. Kann man gut oder schlecht finden, aber es gehört zu Würzburg. Man gewöhnt sich daran. Ich fühle mich nicht besonders überwacht.

Euer Album wird wieder an den altbekannten Stellen zu erwerben sein? Monophon, H20?

Frank: Ja klar, aber diesmal auch über hiphopvinyl.de.

Habt ihr noch ein letztes Statement am Ende des Interviews?

Frank: Herbst 2007! We‘re high and tight! Kaufen!

>> Checkt
www.ironcore.info
für mehr Infos über die Sicksteez.