Griechenland

Die Krise frisst sich weiter, und es ist alles noch lange nicht vorbei, im Gegenteil, es fängt erst an. Was mit dem griechischen Staat passiert, ist nichts anderes, als dass die europäische Währungsunion, und damit die gesamte politische Verfassung dieses Weltteils, an den Nähten auseinandergeht.

Zwei Dinge darf man nicht vergessen, und diese zwei Dinge werden von der offiziellen Presse, wie es sich gehört, so selten wie nur möglich erwähnt:

1. Die gesamte innere Ausrichtung dieses Landes hier, Deutschland, beruht auf einer fast räuberischen Exportpolitik nach aussen und auf Disziplinierung nach innen. Die stagnierenden Löhne, die Überstunden, die Ausgliederungen, die Entlassungen, die Überstunden, das Zusammenstreichen bei Rente, Gesundheit und Arbeitslosenversicherung, die Exportweltmeisterschaft, die Panik um die immer hart zu haltende Währung, das Fehlen jeder Opposition, die das alles nicht noch besser, noch fleissiger, noch wettbewerbsfähiger machen will: alles das, was dieses fleissige Land so auszeichnet, und uns das Leben so schwer macht (und es geht noch weiter: die Harmoniesucht, das neue nationale Selbstbewusstsein, der Konformismus überall) haben aus diesem Land ein Monster an Produktivität gemacht, das aus jeder Krise immer nur mit einer neuen gemeinsamen Anstrengung herauswachsen will.

Und dieses Monster ist gewachsen, indem es die mitkonkurrierenden Nationen ruiniert. Deutschland ist in dieser Krise, wir haben es schon einmal gesagt, eine akute Gefahr für den Rest der Welt. Und die Disziplin und der Konformismus in diesem Land sind eine Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus, die aus ihrem Herzen auszurotten die Pflicht der deutschen Lohnarbeiterschaft gegenüber den Menschen in Griechenland und anderswo wäre.

Die offizielle und demokratische Linke hat solche Zusammenhänge vor 1o Jahren einmal gewusst, aber vergessen müssen, weil sie nicht antideutsch sein wollte, und die Antideutschen verstehen nichts von Ökonomie.

2. Die Griechen haben diese Krise nicht als ein von aussen kommendes Schicksal erlitten, sondern die Krise ist auch die Fortsetzung des griechischen Aufstandes. Ein nicht kleiner Teil des griechischen proletariats wehrt sich gegen die Disziplinierung und gegen die Unterwerfung, und tritt damit nicht nur direkt gegen den eigenen Staat und den Weltmarkt, sondern auch gegen die Dominanz Deutschlands, und gegen die erdrückenden Verhältnisse hier in Aktion. Das ist eine bewusste Entscheidung gewesen. Wenn Griechenland sich heute als unregierbar erweisen sollte, dann liegt das daran, dass die Aufständischen in Griechenland die Krise provoziert haben, d.h. eine Arbeit auf sich genommen haben, die wir als Aufgabe der revolutionären Kritik kennen.

Das allgemeine Schweigen der sogenannten Linken in Deutschland zu dieser Krise, und das Fehlen jeder Solidarität, lassen in Umrissen die nächste welthistorische Katastrofe sichtbar werden. So wie sie den iranischen Aufstand alleine gelassen haben, lassen sie den griechischen Aufstand alleine. Sie nehmen Partei für die bestehende Ordnung der Dinge, und bereiten die autoritäre Lösung dieser Krise vor. Aber heute muss jeder wissen, was das bedeuten kann.

Ein Sieg der Konterrevolution in Griechenland und im Iran bedeutet das Ende jeder Hoffnung auf Veränderung in unserer Zeit, das Ende der vielleicht letzten Chance (wenn es denn überhaupt noch eine gibt) für die Menschheit. Die griechische Krise rückt uns dieses Problem bedeutend näher, wenn auch vielleicht nicht seine Lösung: Nieder mit der Disziplin, dem Konformismus, dem Fleiss, nieder mit der nationalen Formierung, nieder mit der Ordnung, nieder mit Deutschland!


17 Antworten auf „Griechenland“


  1. 1 Benjamin Böhm 30. April 2010 um 1:00 Uhr

    Da ich sozusagen gerade frisch von dieser Veranstaltung der antiautoritär-kommunitischen Gruppe TPTG aus Griechenland komme einige Einschätzungen der GenosInnen:

    Der Angriff auf das griechische Proletariat ist in vollem Gange.
    Die offiziösen Verlautbarungen der griechischen politischen Klasse, insbesondere der griechischen Staatsbank, schwören die ArbeiterInnen auf schwere Zeiten ein. Die Staatsbank etwa gibt zum einen den hohen Löhnen und zum anderen der unzureichenden Privatisierung zumindest eine Mitschuld an der Misere. Die Arbeiterschaft wird gegeneinander ausgespielt. Die GenosInnen berichten, dass der bisherige Widerstand der Proletariats der Krise nicht angemessen war. Stattdessen macht sich bei einem Teil der ArbeiterInnen eine Lähmung breit, die die Krise als eine Naturgewalt betrachtet, der man nur regungslos gegenüberstehen kann. Die Ideologie der nationalen Einheit scheint den ArbeiterInnen da nicht allzu fern zu liegen.

    Du schreibst: „Die Griechen haben diese Krise nicht als ein von aussen kommendes Schicksal erlitten, sondern die Krise ist auch die Fortsetzung des griechischen Aufstandes.“
    Die Frage ist nur, welcher Aufstand. Nach Einschätzung der griechischen GenossInnen liegt eine große Kluft zwischen den Dezemberaufständen und der heutigen Situation. Die prekarisierten des Dezemberaufstandes beteiligen sich bisher nicht an dem aktuellen Protest. Der Dezemberaufstand schaffte es nicht, auf die Produktion überzuspringen, weil der Aufstand von den Jungprekarisierten getragen wurde. Andereseits schafft es die Arbeiterschaft, die jetzt revoltieren müsste, nicht, die Spontaneität und Desorganisation der Dezemberaufstände aufzunehmen. Andererseits ist es auch kein Zufall, wenn gerade jetzt zur Krisenzeit massenhafte Verhaftungen in den Strukturen der Dezemberriots stattfinden. Der Staat ist nervös, fürchtet eine Verbindung der beiden „Wellen“.

    Du schreibst: „Ein nicht kleiner Teil des griechischen proletariats wehrt sich gegen die Disziplinierung und gegen die Unterwerfung“
    Dies kann man noch nicht sagen. Im Moment tanzt das Proletariat noch ganz nach der Fuchtel der parteinaher Gewerkschaftsorganisationen. Die symbolischen Streikankündigungen scheinen noch kaum auf die innere Struktur der Betriebe übergegangen zu sein. Wie man nicht anders erwartet hätte, spielt die Kommunistische Partei auch seine Spielchen mit: Streik ja, aber nur nicht zuviel. Man will ja die Massen noch unter Kontrolle halten. Völlig zurecht bezeichneten die griechischen GenossInnen die Gewerkschaftskader als die „Polizei der Gewerkschaft“.

    Die TPTGlerInnen hegen jedoch die Hoffnung, dass das Proletariat seine Lage erkennt. Die massive Gewaltbereitschaft der ArbeiterInnen, darüber hinaus eine aggressive Stimmung in Teilen der Arbeiterschaft, die dazu führte, dass GewerkschafterInnen wegen Protesten nicht einmal mehr sprechen konnten, deuten die GenosInnen als eher positives Zeichen. Schon einmal, und zwar in der zweiten Hälfte der 70iger Jahre, wendeten sich die ArbeiterInnen gegen die Gewerkschaftsdompteure der Kommunistischen Partei.

    Alles in allem: nichts ist klar. Die Grenze der Dezemberrevolte, wie gesagt, war ihre Abwesenheit in den Fabriken. Ihre Stärke die Spontaneität und Unabhängigkeit von den Gewerkschaften. Jetzt ist die Krise in den Fabriken, aber dort stehen die Gewerkschaften.

    We‘ll see. Der griechische Arbeitsminister sagt, dass „Blut fließen wird“.

    Mehr, so hoffe ich doch, im Hype #14…..

  2. 2 administrator 30. April 2010 um 1:58 Uhr

    hier spricht, wer den text verbrochen hat:

    danke für die info! das waren leider auch meine befürchungen. die niederlage ist nicht unwahrscheinlich. sie wird die schuld unserer deutschen kolleg/inn/en sein, und sie werden sie schwer bezahlen, wie ich fürchte, werden sie aber dafür sorgen, dass andere sie noch schwerer bezahlen müssen.

    wir werden im nächsten hype sicherlich mehr als ein wort darüber verlieren müssen… man darf den deutschen keinen augenblick der selbsttäuschung erlauben. man muss die schande noch drückender machen, indem man sie publiziert.

  3. 3 l.r. 30. April 2010 um 17:10 Uhr

    der perfekte deutsche ist mal wieder F.J. Wagner, der den griechen als linksaußen der bild-zeitung den kredit geben will, nämlich weil er früher viele jahre in der ägäis gesegelt ist. er legt seinem kleinen urlaubsland die hand auf die schulter und sagt: „Griechenland ist pleite, Ihr Griechen habt es pleite gemacht mit Eurer Schattenwirtschaft. Was würde das Orakel von Delphi heute sagen? Es würde sagen: Griechen, bescheißt Euch nicht mehr! Griechen, erkennt Euch selbst!“

  4. 4 bob l'esponge 01. Mai 2010 um 12:52 Uhr
  5. 5 koks. 02. Mai 2010 um 23:33 Uhr

    die ersten 3 minuten scheinen interessant zu sein. selbst das ard erkennt es. es wird nicht wohl nicht mehr lange andauern.
    http://www.tagesschau.de/inland/maikrawalle122.html

  6. 6 koks. 03. Mai 2010 um 12:40 Uhr
  7. 7 administrator 05. Mai 2010 um 15:53 Uhr
  8. 8 sören 05. Mai 2010 um 16:08 Uhr

    kann das igendjemand anhören?

  9. 9 Gernot Reiher 05. Mai 2010 um 17:45 Uhr

    Endlich wird die Mainpost mit ihren linksradikalen Umtrieben in die Schranken gewiesen:

    “ Andere Medien schrieb: `Es ist ein harter Kern von offenbar Links-Radikalen, der für die Randale verantwortlich ist. Sie sind extrem gewaltbereit!´
    Ist meine Heimatzeitung [die MP] mittlerweile so weit nach links getriftet, dass sie diesen Hintergrund bewusst verschweigt?“

    http://www.mainpost.de/nachrichten/politik/brennpunkte/Drei-Tote-bei-Brandanschlag-in-Athen;art112,5563947

  10. 10 administrator 05. Mai 2010 um 21:36 Uhr
  11. 11 administrator 06. Mai 2010 um 16:12 Uhr

    die drei toten in der bank sind eine katastrofe.

    solange niemand die gerüchte beweisen kann, dass es faschistische paramiltärs oder sonst irgendwas waren (sowas gibt es ja auch, wir wissen es), solange muss man annehmen, dass

    The macho militarism by certain groups within anarchist movement in Greece, which sees the revolution as being a series of ever-larger clashes with the police, is a dead end and will only divide the working class.

    bzw

    The truth is that, even if the left wing press like Eleftherotypia are right in pointing out that the tragedy might have been a result of parastate or fascist groups that were seen to have penetrated the mass rally, the possibility of it happening today or tomorrow as a result of the rising militarism and nihilism of anarchists in greece has always been very high.

    … the situation is very serious and no one can keep silent any longer: since December the anarchist scene has been characterised by a mass quantitative increase and a critical qualitative leveling. As a result it is verging on the dangerous limits of what one could call „an unprincipled struggle“ where violence has acquired an almost totemic dimension. That is not to say that there are no groups which have engaged critically with the issue of violence in the last year or so, but these efforts have been brushed aside as either too academic or too pacifist or whatever, and marginalised.

    The only thing that can save the anarchist scene in the eyes of the much wider social and labour movement in greece is at last some trace of self-criticism. Anarchists should develop a sense of public responsibility and realise the consequences of „playing war“ on the backs of others. If the anarchist believe they are the vanguard of society that need give word to no one because they embody some historical necessity, they are no better than the Stalinists in the KKE.

    http://libcom.org/news/war-zone-athens-three-people-dead-many-buildings-burning-general-strike-march-turns-battle-

    man kann nur und muss auf eine gründliche selbstkritik hoffen, es hängt vieles daran.

  12. 12 sören 06. Mai 2010 um 16:22 Uhr

    ebenso interessant wie stellenweise dämlich:

    Mitarbeiter der Bank

  13. 13 l.r. 07. Mai 2010 um 22:07 Uhr

    schlimm auch, dass es eher kein zufall war, dass es bankangestellte waren, die getötet wurden. krise und kapital treten dort ins (falsche) bewusstsein, wo der wechsel präsentiert wird.

  14. 14 administrator 08. Mai 2010 um 4:08 Uhr

    ja… man muss wohl, was die anarchistischen aktivisten betrifft, das positive urteil aus dem letzten grösseren griechenlad-text im hype revidieren:

    Die unaufhaltsame Logik, mit der die Bewegung nach der Tötung eines 15jährigen durch die Polizei dahin übergriff, gezielt und liebevoll genau die Innenstädte zu verwüsten, zeigt ein erstaunlich scharfes Bewusstsein der gesellschaftlichen Totalität. Sie hat sich nicht, wie es eher linke Blätter auch gerne berichtet haben (weil sie es eben gerne so hätten), auf die Niederlassungen grosser Banken und Konzerne beschränkt; offensichtlich teilt sie nicht das idiotische Verlangen der Linken, das Volk gegen das grosse Kapital zu einigen, sondern erkennt in der Einrichtung der Stadt eine direkte, steingewordene Verlängerung der Gewalt des Staates, und in öffentlichem Raum und privatem Eigentum nichts als die eigene Enteignung.

    http://letzterhieb.blogsport.de/2009/02/02/o-1/

    das stimmt wohl nicht mehr, die bewegung ist wohl von den aktivisten schon teilweise aufgefressen worden. es bewahrheitet sich leider eine andere vermutung im selben text:

    Diese überraschende Überschreitung des Horizonts einer selbst versteinerten autonomen Linken fällt zusammen mit einem Ausgreifen der Bewegung weit über die Ufer dieser autonomen Linken. Die Bewegung war von Anfang an von der autonomen Linken emanzipiert; man darf sich gewiss sein, dass sie mit ihrem langsamen Rückgang wieder in die Schranken der autonomen Linken gezwängt werden wird; man ersieht daraus, in welchem Masse die autonome Linke ein Fänomen der Konterrevolution ist.(5)…jedesmal, wenn eine solche Bewegung scheitert, werden einige ihrer Aktiven, weil sie hinterher nicht mehr begreifen wollen, was sie eine Sekunde lang gewusst haben, sich der autonomen Linken anschliessen; jedesmal wächst die Zahl derer, die bereit sind, israelische Botschaften oder irgendwann Synagogen anzuzünden. Das ist die in Europa übliche Art, sich vom Aufstand abzuwenden und eine unbegriffene Erkenntnis zu vergessen; und die Linke erschafft sich jedesmal aufs Neue als diejenige Instanz, die dieses Vergessen verwaltet.

    ersetze israelische botschaft durch bank: das falsche bewusstsein ist dasselbe. der angriff gilt nicht mehr der innenstadt. unabhängig von den drei toten muss man diese zielrichtung kritisieren, sie ist nicht mehr die der revolte, sondern die der politik.

    offenbar müsste die bewegung die anarchistischen funktionäre genauso loswerden wie die stalinistischen. leider sieht es im moment gar nicht danach aus. was sich auch ändern kann; wobei die frage ist, ob ein solcher defensiver kampf jemals in der ganzen herrlichkeit eines aufstands wie den es dezember 2008 leuchten kann.

  15. 15 sören 12. Mai 2010 um 11:41 Uhr

    wenn man nach folgendem artikel nicht antideutsch wird und seine spiegelabo kündigt, ist man wirklich von allen guten geistern verlassen:

    Spiegel

  16. 16 Benjamin Böhm 02. Juni 2010 um 0:45 Uhr

    aus der militanz gegen die israelische botschaft in athen ziehe ich den schluss, dass mit dieser bewegung etwas ganz udn gar nicht in ordnung ist.

    der antizionismus der radikalen linken in griechenland ist nichts neues, ich weiß.

    man müsste bewerten, welcher teil der radikalen linken hier gegen israel vorgeht, und welche rolle er in der bewegung in griechenland spielt.

    alles in allem lässt mich das ganze aber wenig hoffen…

  1. 1 Brennpunkt Griechenland – Archiv zur aktuellen Revolte « groupe sous les pavés Pingback am 06. Mai 2010 um 17:52 Uhr
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