Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters, Teil II

1
Ich bin auf der Arbeit und warte auf den Abend, besser noch auf den Freitagabend, denn dann habe ich, wie man es wohl nennt, frei. Dann kann ich gehen, der Druck weicht von mir, langsamer, als es mir gut tut, und, mit weniger Freude als man glauben sollte, gehe ich nach Hause.

Das sind jetzt meine freien Abende, meine freien Tage, wenn ich den allgemeinen Redensarten glauben darf.

Während der Arbeit denke ich ab und zu an meine Freunde draussen, in der Freiheit: was tun sie wohl gerade? Und ich sehe den weichen Regen niedergehen, oder eine feine dünne Sonne strahlen, und kann nicht anders, als sie beneiden.

Dort draussen, in der Freiheit, dort passiert wohl gerade dieses Leben, von dem man mir immer erzählt hat, und das mir wohl, wie es aussieht, verwehrt bleibt.

Ich rechne mein Alter gegen den wahrscheinlichen Zeitpunkt, wann mich diese Maschine mit einem geringen Alterseinkommen wieder freisetzen wird, und erschrecke: dass ich dreissig Jahre die Sonne nicht mehr sehen soll! Ich kann es nicht begreifen, was habe ich verbrochen? Für dreissig Jahre hätte ich, bei den gängigen Tarifen, zweieinhalb Menschen ermorden können, ich aber habe niemandem etwas getan.

2
Nach der Arbeit gehe ich einkaufen, in ein grosses Kaufhaus nahe wo ich wohne, das heisst Kaufland. Ein abscheulicher, sogar irgendwie abstossender Name, aber irgendwie in seiner Verblödung ziemlich ehrlich und mir sofort sympathisch. Etwas weiter entfernt liegt der Wertkauf, da gehe ich noch lieber hin, denn sein Name ist dermassen hirnverbrannt, ein seltenes Beispiel eines tautologischen, dabei völlig sinnlosen Wortes. Ausserdem erinnert seine Fahne von ferne an die der Hizb Allah. (Die des Spar dagegen an die libanesischen Falangisten.)

Es ist nicht so, dass ich nicht Härte gelernt hätte und Disziplin, und ich habe auch schon ganz andere Dinge gesehen und überstanden; aber es ist mir passiert, dass ich im Kaufhaus haltlos in Tränen ausgebrochen bin, als ich eine Tüte Chips, die nach Basilikum schmecken sollten, in die Hand nahm, und darauf stand: „Ein Stück Lebensfreude“. Vor lauter Wut und Enttäuschung.

Mit einiger Hast raffe ich Waren zusammen und gehe zur Kasse; ich schaue zurück, über eine einförmig bunte Landschaft aus Regalen: der Reichtum in denjenigen Gesellschaften, in denen die kapitalistische Produktionsweise vorherrscht, erscheint als eine ungeheure Anhäufung von Waren; und ich schüttle hilflos den Kopf: Todfeind der Gesellschaft der Ware will ich sein, und ihres Staates, und werde es wohl bleiben müssen, solange Leben in mir ist. Ich ziehe den Kopf ein und laufe eilig weiter ins Dunkle, in den Nieselregen: wie auf der Flucht, in Furcht, man könnte mich erkennen.

Niemand ist mir gefolgt, und als ich dort ankomme, wo ich, wie es heisst, zuhause bin, öffne ich eine Flasche Bier, trinke zwei Schlucke und falle in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

3
Manchmal packt mich ein Gefühl von Ungeduld, es ist manchmal ein düsterer Gram, manchmal eine jubelnde Euforie, und sie treibt mich in die Nacht hinaus. Ich kann dann ganze Nächte durch wandern, von einer Unruhe getrieben, als warte dort irgendetwas auf mich im Dunklen; dann stehe ich auf den Hügeln vor der Stadt und bin selbst das, was im Dunkeln wartet.

Es scheint manchmal, in diesen Nächten, als sei der Bann schon gebrochen, die entsetzliche Verkettung der leeren Hantierungen. Dachte wirklich einmal jemand, dass ausgerechnet die Nächte verwunschen seien, und es dort umgehe? Es muss das böse Gewissen der allzu Betriebsamen gewesen sein; und ich betrachte die Spinne, die im Mondlicht ihr Netz webt: so gut kennen sie ihre grauenvollen verwunschenen Tage, dass sie wenigstens die Nächte fürchten.

Aber auch die Nächte machen die Lüge nicht unwahr, dass diese Welt mir nicht gehört, nur die sie bewachen, schlafen, und die, die noch wachen, kennen meine Pfade nicht; und nass vom Tau kehre ich zurück.

4
Dort draussen, bei meinen Freunden, passiert in Wirklichkeit, wie ich wohl weiss, gar nichts. Es gibt nichts, was ich verpasse; jeden Freitag Abend beeile ich mich, dorthin zu kommen, wo ich sie finde.

Es ist jedesmal wieder ein Schlag. Die Zeit, die mir von der Maschine so qualvoll leer in die Länge gezogen ist, geht dort draussen, in der Freizeit, ebenso leer, nur rasch vorbei; es ist gar nicht Zeit genug, in den kurzen Tagen dazwischen, dass etwas passieren kann, das ich verpassen könnte.

Ich sitze mit ihnen dann, an immer den selben Orten, und wir führen immer dieselben Gespräche; meine Sehnsucht nach ihnen bleibt ungestillt; irgendetwas hält uns alle voneinander fern. Wir können nicht miteinander reden, es sei denn, wir sind betrunken, aber, oh Unglück, dann können wir nicht mehr zuhören.

Es ist keine Freude in dieser Trunkenheit, nicht einmal Flucht, unweigerlich kommt irgendwann eine Traurigkeit, aber wenn wir anfangen, einander unsere tiefsten Gedanken mitzuteilen, finden wir uns leer an Worten dafür; in unserer Not klammern wir uns an zwei drei wie gestanzte Sätze, die wir wie auswendig immer wiederholen, wie als ob uns jemand verstehen sollte, wo wir doch nur unsere eigene Furcht damit bannen.

Wenn wir betrunken sind, gehen wir in die Disco, wo die Musik so laut ist, dass wir uns nicht mehr unterhalten müssen. Früh im Morgenlicht gehen wir nach Hause, einzeln oder zu zweien; den nächsten Tag verschlafen wir, das macht man zweimal so, dann fängt die Arbeit wieder an.

Wenn es die Wochenenden nicht gäbe, man müsste sie erfinden, um zu beweisen, dass es noch ganz anderes zu fürchten und zu hassen gibt als die Arbeit. Wie sollten wir nicht verurteilt sein, unter der Arbeit zu leben, wenn jede Stunde, die wir ohne sie verbringen, beweist, dass wir es nicht können?

5
Am Montagmorgen erwache ich aus dem schlechten Traum der leeren Freizeit in die schrecklichere Leere einer Woche der Arbeit. Manchmal habe ich keine Hoffnung mehr. In den letzten 2 Jahren haben sich 2 gute Freunde umgebracht; ausser meiner Entschlossenheit, mich nicht umbringen zu lassen, und meinem Hass habe ich nichts. Ich bin, fich weiss es, leer; ich habe nicht mehr viel, das ich noch geben könnte; ich erschrecke, wenn ich daran denke, was die Welt aus mir gemacht hat; aber ich bin nicht gewohnt, aufzugeben; und sie werden mich nicht bekommen, weder tot noch lebendig.

Der Tag soll kommen, wo wir wieder auferstehen.


2 Antworten auf „Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters, Teil II“


  1. 1 Lohnarbeit « zu viel ärger – zu wenig wut Pingback am 21. Juni 2011 um 2:40 Uhr
  2. 2 Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters « Leben im Falschen Pingback am 23. Februar 2013 um 5:06 Uhr
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