Archiv für November 2009

Hype 13 online

Jetzt endlich ist die pdf-Version im Netz.

har har

Mir ist langweilig #3

Und zwar deswegen.

Das beste sind die Kommentare.

LiebeR KommentarschreiberIn zum Text zur Antifajugend,

Du hast recht und mir gerade echt ein schlechtes Gewissen gemacht.

Yvonne

Liebes 1. Semester der Rechtswissenschaften!

Eure Kolleg/inn/en von den Wirtschaftswissenschaften haben es ja schon vorgeführt. Man macht es so: man betritt Punkt 14.00 Uhr den besetzten Audimax und beschwert sich über die Besetzer, die einen um die wohlverdiente Vorlesung bringen. Das ist brav, so handelt ein guter Untertan.

Ihr habt es irgendwie falsch gemacht, fragt uns nicht, wieso; vielleicht ist es nicht ganz geschickt, wenn die Vorlesung, die man gerade verpasst, gleichzeitig anderswo stattfindet und – noch dazu – man das ganz genau weiss.

Dann sieht man nämlich so aus, wie ihr heute ausgesehen habt: man geht in einen wildfremden Vorlesungssaal und verlangt ultimativ, seine Vorlesung zu bekommen, die man aber gleichzeitig gerade – es gibt leider kein besseres Wort dafür – schwänzt.

Seid ihr im BGB schon bei „Venire contra factum proprium neminem pateat“? Nicht? Kommt noch.

Für immer

euer

letzter hype

Nochmal

Das größte Hindernis der Bewegung hier war, dass sie die demokratische Praxis bei den Mehr­heitsentscheidungen auf den Vollversam­mlungen (…) respektierte und akzeptierte. Da haben Leute, die gegen Blocka­den waren, zusammen mit Leuten, die dafür waren, demokratische Entscheidungen treffen wollen. Als ob dies möglich wäre mit Leuten, die eigentlich Feinde sind. Dieser Fakt hat in den letzten zwei Wochen wirklich die Bewegung getötet.

link

Yar e dabestani

Als mp3. Für die Freund/innen der iranischen Revolte.

The revolution-era classic, whose stirring lyrics epitomize the country’s longstanding struggle for freedom, was originally composed by filmmaker Mansour Tehrani for his 1980 political drama „From Cry to Terror.“ In the film, three old friends cross paths after fifteen years. Hossein has become a drug addict; Davoud is the chauffeur of the head of the martial court; and Reza belongs to an underground armed resistance group. Reza is tasked with assassinating the martial court chief, but is killed by a stray bullet. Davoud is wounded, but manages to escape. And Hossein ends up dying from an overdose. The original version was performed for the movie soundtrack by renowned Shah-era crooner Fereydoon Foroughi (version above).

The song enjoyed a revival during Mohammad Khatami’s presidency, whose election in 1997 marked the birth of the Reform movement. For many Yare Dabestani has become associated with the post-revolutionary generation and the bloody student uprisings of 1999.

After the 2009 elections, Yare Dabestani once more surged to the forefront of public protests, and has been passionately sung by demonstrators on the streets, at expatriate rallies outside of Iran, by student protesters at universities, and recently, even by students at a high school.

یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو، رو تن این تخته سیاه
ترکه ی بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما
دشت بی فرهنگی ما هرزه تموم علفاش
خوب اگه خوب ؛ بد اگه بد ، مرده دلای آدماش

دست من و تو باید این پرده ها رو پاره کنه
کی میتونه جز من و تو درد مارو چاره کنه ؟

یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما ، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو ، رو تن این تخته سیاه
ترکه بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما

یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما ، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو ، رو تن این تخته سیاه
ترکه ی بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما

دشت بی فرهنگی ما هرزه تموم علفاش
خوب اگه خوب ؛ بد اگه بد، مرده دلهای آدماش
دست من و تو باید این پرده ها رو پاره کنه
کی میتونه جز من و تو درد مارو چاره کنه ؟
یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما ، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو ، رو تن این تخته سیاه
ترکه ی بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما

My grade-school friend,
You‘re with me at my side
A ruler [wielded] above our heads -
You weep and sigh with me
Engraved on this blackboard
Are your name and mine
Tyranny’s welt on our flesh
Has not faded with time
The fields of our culture
Have grown wild with neglect,
Come the good or the bad -
People’s hearts are now dead
My hand and yours
Must tear down this curtain
Who but you and I
Has power to cure our pain?

Wie wahr

und wie treffend:

Aus gegebenem Anlass

Weil es wieder einmal so schön aktuell ist, verlinken wir doch gleich mal alles, was wir in zweieinhalb Jahren zu den Studierendenangelegenheiten geschrieben haben. Das älteste zu unterst.

Anmerkungen zum Bildungsstreik, von Yvonne Hegel
Wenn Studenten protestieren, von Evi Schmitt
Das Aktionsbündnis Bildungsstreik als Domteur und Bändiger, von Yvonne Hegel
Der Stumpfsinn der universitären Lehre, von Yvonne Hegel
Nachtrag zu den Stuidengebühren, von Jörg Finkenberger
Nochmal Studi-Sachen, von Jörg Finkenberger
Das Elend der studentischen Politik, von Jörg Finkenberger

Ältere Texte, etwa aus den beiden akw-infos, sind derzeit leider nur schwer greifbar.

Man beachte auch unter Extras den alten Text von Mustafa Khayati von 1966 Über das Elend im studentischen Milieu.

Liebe Hörsaal-Besetzer/innen!

Kommt euch das nicht ein bisschen verdächtig vor, dass da der Uni-Kanzler kommt, und sogar der Minister, und nicht etwa das USK? Dass ihr da evtl. was falsch macht?

Für immer

der letzte hype

„Die Antideutschen Anarchisten blasen zur bewaffneten Revolution“

So kann man es jedenfalls hier lesen.

Die meinen wohl uns. Naja. Was kann man tun? Nichts.

Audimax Besetzung Würzburg Hype

Auf Anregung meiner eigenen Person verlinke ich hier mal, zur Frage, wie man anderswo Unis besetzt bzw. eben nicht, dieses Interview von FSK Hamburg mit ein paar Leuten, die in Frankreich an den Auseinandersetzungen von 2006 teilgenommen haben.

Diese Auseinandersetzungen 2006 werden vielleicht nicht unbedingt, wie Jörg Finkenberger gerade nach 3 Bier behauptet hat, die letzten in der europäischen Geschichte bleiben, aber wenn, dann wird das nicht an den würzburger Aktivisten liegen, wie ich fürchte. Plus die da interviewt werden, sind nicht gerade solche wie ich, die ja nie was tun, sondern immer nur maulen; sondern Leute, die mal was tun wollten, und deswegen Grund gefunden haben, zu maulen. Nicht zu verwechseln mit mir, die ich nur faul bin. Und eine Klassenverräterin dazu, naja.

Gut, dass es wenigstens die Aktivisten noch gibt.

Evi Schmitt

Besetzung des Audimax Würzburg

Man kann den übriggebliebenen BesetzerInnen des Audimax nur wünschen, klüger zu handeln, als gestern Nachmittag: Eine Besetzung ist ein Akt des Ungehorsams, gegen den sich die Mehrheit zur Wehr setzen wird, und vor allem die Mehrheit der StudentInnen.

Wenn man als BesetzerInnen ernst genommen werden will, dann sollte man sich nicht, wie heute geschehen, von WirtschaftswissenschaftlerInnen aus dem Hörsaal vertreiben lassen.

Kuscheln war vorgestern.

Der hype ist draussen

und die ersten Beiträge stehen schon lange hier auf der Seite.

Holt euch den heissen Scheiss in der Pissbude eures Vertrauens. Oder, was gleichviel wert ist, lasst es bleiben.

Der Irrglaube des „weißen“ Sozialismus – Über die Affirmation der Neuen Sachlichkeit zur Barbarei

Die Literatur einer Epoche ist Indikator für gesellschaftliche Entwicklungen und Tendenzen, so auch die Neue Sachlichkeit für die Entwicklungen und Tendenzen der Weimarer Republik. Die Neue Sachlichkeit selbst kann auch neuer Realismus in Abgrenzung zum alten genannt werden. Motive waren der „einfache Mann“ und seine Umwelt, die moderne Gesellschaft, es ging um die objektive Darstellung der Realität, die Autoren schwelgten in Begeisterung für den technischen Fortschritt. Die Sprache an die alltägliche angelehnt, sollte einen Zugang zur Literatur und zum kulturellen Leben schaffen, nicht zuletzt um auf Missstände aufmerksam zu machen, als auch die Massen für die Demokratie zu begeistern. Die Autoren fühlten sich in der Tradition der Aufklärung.
Ihr Postulat haben die Schriftsteller – wie die Geschichte bewiesen hat – nicht verwirklichen können. Stattdessen strahlte sie in den ihrer Epoche folgenden Jahren in einem Unheil, das an Einzigartigkeit nicht zu überbieten ist. Es stellen sich Fragen.
Bereits Horkheimer und Adorno haben in ihrem Aufsatz zur Kulturindustrie „das Modell ihrer Kultur: die falsche Identität von Allgemeinem und Besonderen.“ kritisiert. Die beschriebene Aufhebung der Grenzen zwischen Gesellschaft und Individuum spiegelt sich in der Literatur der Neuen Sachlichkeit wider, wo der Mensch entpsychologisiert, entemotionalisiert und in letztendlich entindividualisiert dargestellt worden ist. Als Beweis hierfür sollen an dieser Stelle zwei Figuren kurz in ihrer Darstellung gegenübergestellt werden. Während Prometheus gekettet an einen Felsen die Strafe in vollem Bewusstsein erträgt: „Oh Himmelslicht und flügelschnelles Windewehn! Strömendes Wasser und der Wogeflut des Meeres unzählig Lächeln und Allmutter Erde! Auch die allessehende Sonnenscheibe ruf ich an. Seht an, was ich von Göttern leide, selbst ein Gott!“, fehlt es in Erich Kästners „Fabian“ hingegen jeglicher Dramatik. Der Held springt am Ende in einen Fluss in der Hoffnung einen Jungen zu retten und wie bereits die Überschrift des besagten Kapitel andeutet, ertrinkt er selbst: „Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.“ Die der Darstellungsform zu entnehmende Entemotionalisierung, weißt auf die Entindividualisierung der Menschen dieser Zeit hin.
Wenn die kritischen Theoretiker feststellen, dass „[d]ie Verkümmerung der Vorstellungskraft und Spontaneität des Kulturkonsumenten heute nicht auf psychologische Mechanismen erst reduziert werden [braucht]. Die Produkte selber, allen voran der Tonfilm, lähmen ihrer objektiven Beschaffenheit nach jene Fähigkeiten. Sie sind so angelegt, dass ihre adäquate Auffassung zwar Promptheit, Beobachtungsgabe, Versiertheit erheischt, dass sie aber die denkende Aktivität des Betrachters geradezu verbieten, wenn er nicht vorbeihuschende Fakten versäumen will“, so ist auch der daraus gezogene Schluss nachzuvollziehen: „In Deutschland lag über den heitersten Filmen der Demokratie schon die Kirchhofsruhe der Diktatur.“ Das Zitat bezieht sich zwar nicht auf die Literatur, doch ist die Neue Sachlichkeit für ihre Technikversiertheit, insbesondere im Bezug auf die „neuen“ Medien bekannt, was in diesem Kontext ein dialektisches Verhältnis zwischen der Bewegung, die sich in voltairescher Tradition zu sehen pflegte und der Formen, die sie vergötzt bzw. wählt.
Auch Walter Benjamin weist auf dieses Verhältnis in seinem Vortrag „Der Autor als Produzent“ hin. Zwar nicht in dem Sinne, dass Formen der Neuen Sachlichkeit als gegen aufklärendes Denken arbeitend bezeichnet werden, sondern er stellt das Postulat auf, Autoren, die eine Tendenz verfolgen, also in dem vorliegenden Fall eine emanzipatorische, müssen dem Werk auch die dazugehörige Qualität beifügen. Die Nennung Brechts und seines „epischen Theaters“ dürfte hier ohne weitere Ausführungen den Sachverhalt erhellen.
Es ist davon auszugehen, dass sich viele Schriftsteller im Allgemeinen nicht als Mitglied der Produktionsverhältnisse sehen, sondern als ein davon abgekapseltes Milieu, welches die von den Produktionsverhältnissen konstituierte objektive Ideologie und ihre eigene Stellung in dieser nicht überdenken. Wenn unter diesem Gesichtspunkt der Autor glaubt, an den gesunden Menschenverstand appellieren zu müssen, so ist hier kein revolutionäres, sondern reaktionäres Potenzial am Werk. Brecht prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der „Umfunktionierung“ und postuliert mit ihm, Werke sollten sich nicht durch ihren individuellen Charakter auszeichnen, sondern auf ihren Gehalt hinsichtlich ihres die Verhältnisse umwälzenden Momentes.
Benjamin entlarvt die Neue Sachlichkeit folgendermaßen: „[E]in erheblicher Teil der sogenannten linken Literatur [besaß] gar keine andere gesellschaftliche Funktion, als der politischen Situation immer neue Effekte zur Unterhaltung des Publikums abzugewinnen.“ In diesem Zusammenhang verweist er auf eine von dieser Epoche vorzugsweise gewählten Form, als auch Stil: die Reportage. Durch diese Form wird die Welt ästhetisiert, um sie für das Amusement der Massen durch Massenkultur zu verbreiten. Adorno und Horkheimer konstatieren bezüglich dieses Punktes: „Amusement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus“ und schließen hier an Marx an und schaffen einen Anschlusspunkt für die Situationistische Internationale, die den Arbeitskraft reproduzierenden Gehalt der Freizeit im Kapitalismus erkannten und hier einen Ansatzpunkt ihrer Kritik der Freizeit machten. Die Epoche der Neuen Sachlichkeit mit ihrer Vergötterung der kapitalistischen Freizeit weisen auf die Totalität der Verwertungssphäre hin.
Da Adorno und Horkheimer vertreten, Kunst als Ware bestätige die Wahrnehmungsmuster und stelle den Konsumenten ruhig, sodass letztendlich gesellschaftlichen Verhältnisse bestätigt und bekräftigt werden, postuliert der kritische Theoretiker „von der Literatur Subversion ideologischer Systeme aller Art, was auch bedeutet, dass sie nicht leicht konsumierbar sein dürfe.“
Hand in Hand mit dem Erörterten postulieren die erwähnten Philosophen von einem Kunstwerk das Nichtidentische, was das Nichtinterpretierbare sei, welches permanent „an das Denken appelliert.“ Kunst soll keine Lösungen für Denkprozesse bitten, sondern Aufgaben aufwerfen. Daraus zuschließen ist, dass das Subjekt nicht Objekt der Kulturindustrie sein soll.
Ein Nichtidentisches in einer literarischen Richtung zu finden, ist unmöglich, wenn sich diese zum Ziel gesetzt hat, alles so detailliert, anschaulich, einfach und wahrheitsgetreu zu beschreiben, wie Egon Erwin Kisch, ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit, postuliert: „Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres in der Welt gibt es, als die Zeit in der man lebt.“ Indirekt bringt der Autor eine Ursache für das Unglück der Menschheit auf den Punkt: die Liquidation der Möglichkeit eine Kunst zu schaffen, die kritisches und aufgeklärtes Denken fördert. Die Literatur der Neuen Sachlichkeit ist in ihrer Form ein Aspekt des Siedepunkts der Kulturindustrie im Angesicht der darauf folgenden Barbarei.
„Der Schritt vom Telefon zum Radio hat die Rollen klar geschieden. Liberal ließ jenes den Teilnehmer noch die des Subjekts spielen. Demokratisch macht dieses alle gleichermaßen zu Hörern, um sie autoritär den unter sich gleichen Programmen der Stationen auszuliefern.“ Die Neue Sachlichkeit der Literatur hat zu diesem Prozess ihren Beitrag geleistet.

Schlonzo der Geachtete

Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters, Teil II

1
Ich bin auf der Arbeit und warte auf den Abend, besser noch auf den Freitagabend, denn dann habe ich, wie man es wohl nennt, frei. Dann kann ich gehen, der Druck weicht von mir, langsamer, als es mir gut tut, und, mit weniger Freude als man glauben sollte, gehe ich nach Hause.

Das sind jetzt meine freien Abende, meine freien Tage, wenn ich den allgemeinen Redensarten glauben darf.

Während der Arbeit denke ich ab und zu an meine Freunde draussen, in der Freiheit: was tun sie wohl gerade? Und ich sehe den weichen Regen niedergehen, oder eine feine dünne Sonne strahlen, und kann nicht anders, als sie beneiden.

Dort draussen, in der Freiheit, dort passiert wohl gerade dieses Leben, von dem man mir immer erzählt hat, und das mir wohl, wie es aussieht, verwehrt bleibt.

Ich rechne mein Alter gegen den wahrscheinlichen Zeitpunkt, wann mich diese Maschine mit einem geringen Alterseinkommen wieder freisetzen wird, und erschrecke: dass ich dreissig Jahre die Sonne nicht mehr sehen soll! Ich kann es nicht begreifen, was habe ich verbrochen? Für dreissig Jahre hätte ich, bei den gängigen Tarifen, zweieinhalb Menschen ermorden können, ich aber habe niemandem etwas getan.

2
Nach der Arbeit gehe ich einkaufen, in ein grosses Kaufhaus nahe wo ich wohne, das heisst Kaufland. Ein abscheulicher, sogar irgendwie abstossender Name, aber irgendwie in seiner Verblödung ziemlich ehrlich und mir sofort sympathisch. Etwas weiter entfernt liegt der Wertkauf, da gehe ich noch lieber hin, denn sein Name ist dermassen hirnverbrannt, ein seltenes Beispiel eines tautologischen, dabei völlig sinnlosen Wortes. Ausserdem erinnert seine Fahne von ferne an die der Hizb Allah. (Die des Spar dagegen an die libanesischen Falangisten.)

Es ist nicht so, dass ich nicht Härte gelernt hätte und Disziplin, und ich habe auch schon ganz andere Dinge gesehen und überstanden; aber es ist mir passiert, dass ich im Kaufhaus haltlos in Tränen ausgebrochen bin, als ich eine Tüte Chips, die nach Basilikum schmecken sollten, in die Hand nahm, und darauf stand: „Ein Stück Lebensfreude“. Vor lauter Wut und Enttäuschung.

Mit einiger Hast raffe ich Waren zusammen und gehe zur Kasse; ich schaue zurück, über eine einförmig bunte Landschaft aus Regalen: der Reichtum in denjenigen Gesellschaften, in denen die kapitalistische Produktionsweise vorherrscht, erscheint als eine ungeheure Anhäufung von Waren; und ich schüttle hilflos den Kopf: Todfeind der Gesellschaft der Ware will ich sein, und ihres Staates, und werde es wohl bleiben müssen, solange Leben in mir ist. Ich ziehe den Kopf ein und laufe eilig weiter ins Dunkle, in den Nieselregen: wie auf der Flucht, in Furcht, man könnte mich erkennen.

Niemand ist mir gefolgt, und als ich dort ankomme, wo ich, wie es heisst, zuhause bin, öffne ich eine Flasche Bier, trinke zwei Schlucke und falle in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

3
Manchmal packt mich ein Gefühl von Ungeduld, es ist manchmal ein düsterer Gram, manchmal eine jubelnde Euforie, und sie treibt mich in die Nacht hinaus. Ich kann dann ganze Nächte durch wandern, von einer Unruhe getrieben, als warte dort irgendetwas auf mich im Dunklen; dann stehe ich auf den Hügeln vor der Stadt und bin selbst das, was im Dunkeln wartet.

Es scheint manchmal, in diesen Nächten, als sei der Bann schon gebrochen, die entsetzliche Verkettung der leeren Hantierungen. Dachte wirklich einmal jemand, dass ausgerechnet die Nächte verwunschen seien, und es dort umgehe? Es muss das böse Gewissen der allzu Betriebsamen gewesen sein; und ich betrachte die Spinne, die im Mondlicht ihr Netz webt: so gut kennen sie ihre grauenvollen verwunschenen Tage, dass sie wenigstens die Nächte fürchten.

Aber auch die Nächte machen die Lüge nicht unwahr, dass diese Welt mir nicht gehört, nur die sie bewachen, schlafen, und die, die noch wachen, kennen meine Pfade nicht; und nass vom Tau kehre ich zurück.

4
Dort draussen, bei meinen Freunden, passiert in Wirklichkeit, wie ich wohl weiss, gar nichts. Es gibt nichts, was ich verpasse; jeden Freitag Abend beeile ich mich, dorthin zu kommen, wo ich sie finde.

Es ist jedesmal wieder ein Schlag. Die Zeit, die mir von der Maschine so qualvoll leer in die Länge gezogen ist, geht dort draussen, in der Freizeit, ebenso leer, nur rasch vorbei; es ist gar nicht Zeit genug, in den kurzen Tagen dazwischen, dass etwas passieren kann, das ich verpassen könnte.

Ich sitze mit ihnen dann, an immer den selben Orten, und wir führen immer dieselben Gespräche; meine Sehnsucht nach ihnen bleibt ungestillt; irgendetwas hält uns alle voneinander fern. Wir können nicht miteinander reden, es sei denn, wir sind betrunken, aber, oh Unglück, dann können wir nicht mehr zuhören.

Es ist keine Freude in dieser Trunkenheit, nicht einmal Flucht, unweigerlich kommt irgendwann eine Traurigkeit, aber wenn wir anfangen, einander unsere tiefsten Gedanken mitzuteilen, finden wir uns leer an Worten dafür; in unserer Not klammern wir uns an zwei drei wie gestanzte Sätze, die wir wie auswendig immer wiederholen, wie als ob uns jemand verstehen sollte, wo wir doch nur unsere eigene Furcht damit bannen.

Wenn wir betrunken sind, gehen wir in die Disco, wo die Musik so laut ist, dass wir uns nicht mehr unterhalten müssen. Früh im Morgenlicht gehen wir nach Hause, einzeln oder zu zweien; den nächsten Tag verschlafen wir, das macht man zweimal so, dann fängt die Arbeit wieder an.

Wenn es die Wochenenden nicht gäbe, man müsste sie erfinden, um zu beweisen, dass es noch ganz anderes zu fürchten und zu hassen gibt als die Arbeit. Wie sollten wir nicht verurteilt sein, unter der Arbeit zu leben, wenn jede Stunde, die wir ohne sie verbringen, beweist, dass wir es nicht können?

5
Am Montagmorgen erwache ich aus dem schlechten Traum der leeren Freizeit in die schrecklichere Leere einer Woche der Arbeit. Manchmal habe ich keine Hoffnung mehr. In den letzten 2 Jahren haben sich 2 gute Freunde umgebracht; ausser meiner Entschlossenheit, mich nicht umbringen zu lassen, und meinem Hass habe ich nichts. Ich bin, fich weiss es, leer; ich habe nicht mehr viel, das ich noch geben könnte; ich erschrecke, wenn ich daran denke, was die Welt aus mir gemacht hat; aber ich bin nicht gewohnt, aufzugeben; und sie werden mich nicht bekommen, weder tot noch lebendig.

Der Tag soll kommen, wo wir wieder auferstehen.

Vermischtes

Anti-Rassismus-Demo in Würzburg

Am 05.09. demonstrierten ein paar hundert- vorwiegend linksradikale- Menschen gegen die absolut inakzeptablen Zustände in der Würzburger Flüchtlingsunterkunft. Diese erste angemeldete Linksradikale Demo seit Jahren versuchte, die Flüchtlingsthematik in einen größeren Zusammenhang zu stellen und diesen auch einer breiteren bürgerlichen Öffentlichkeit zu vermitteln. Dazu gilt es, ein paar Anmerkungen zu machen:
1.Die Tatsache, dass die radikale Linke dieses Thema erst aufgreift, nachdem die menschenunwürdigen Bedingungen der Flüchtlinge bundesweit in der Presse thematisiert wurden, wirft ein schlechtes Bild auf die emanzipatorischen Kräfte. Die Taktik, Flüchtlinge am Rande der Stadt wegzusperren, damit sie einfach vergessen werden: Leider ist sie auch bei den Linksradikalen aufgegangen, und das ist- anders kann man es nicht ausdrücken- beschämend.
2.Im Vorfeld der Demonstration zeigte sich ein für alle mal, dass es diese Stadt nicht verdient hat, seine Meinungsäußerung vorher bei der Polizei anzukündigen. Die Polizeiauflagen waren beispiellos repressiv, die Berichterstattung von lokalen Medien lächerlich bis hysterisch.
3.Im Nachhinein stellte das Anarchistische Aktionsbündnis Unterfranken völlig zurecht fest, dass die nächsten Aktionen eventuell nicht mehr angemeldet werden. Warum auch? Inhalte an die WürzburgerInnen vermitteln kann man erst, wenn man eine bürgerliche Organisationsform angenommen hat. Und das will die AAU hoffentlich nicht. Wenn es um die Überwindung der Zumutungen geht, die uns diese Gesellschaftsform präsentiert, sind wir auf uns alleine gestellt.

Das Bleiberecht und der Tod

Zum Kontext der Demonstration gehört auch ein tragischer Todesfall, der sich im August diesen Jahres in Würzburg abgespielt hat: Diersam Djamiel, kurdischer Flüchtling aus Syrien, war engagiert worden, um eine Hochzeitsgesellschaft auf der „Alten Liebe“, dem Würzburger Ausflugsdampfer, zu filmen. Sein Aufenthaltsstatus, wie der von vielen Menschen, die Asyl in Deutschland suchen: Unsicher, immer in Gefahr, nicht mehr verlängert zu werden. Die notwendigen Papiere, in denen ein kleiner Stempel über ein ganzes Menschenschicksal entscheidet, sie sind unvergleichlich mit einem deutschen Personalausweis, den man sein Leben lang auf dem Amt verlängern lassen kann.
In der Mainpost las man nur von einem Unfall eines Nichtschwimmers, der seine Kameraausrüstung aus dem Wasser fischen wollte. Erst durch Spiegel Online erfahren wir, dass nicht die Kameraausrüstung, sondern Diersam Djamiels Papiere ins Wasser fielen. Er wollte seine Papiere, seine Aufenthaltsgenehmigung retten, sprang panisch ins Wasser und bezahlte mit seinem Leben.
Es ist verabscheuenswert, was die kapitalistische Menschenverwaltung ihren Objekten antut.

Die Rechte Ökobewegung in Marktheidenfeld

Am 25. und 26. September traf sich die rechtsökologische Herbert-Gruhl-Gesellschaft in Marktheidenfeld. Herbert Gruhl stand exemplarisch für die Verknüpfung von deutscher Ideologie und Ökologiebewegung. Seine Anthropologie bestand aus einem biologistischen Menschenbild, das folglicherweise auch mit völkischen Ansichten und einer panischen Angst vor Migration verknüpft war. Kein Wunder also, dass er auch in einschlägigen rechten Zeitschriften wie Nation&Europa oder der Jungen Freiheit publizierte. Die Gralshüter seines Wirkens vergeben jährlich den Herbert-Gruhl-Preis, der u.a. bereits an Robert Spaemann, Philosoph, rechter Abtreibungsgegner und- wie sollte es anders sein- Junge Freiheit Unterstützer, vergeben wurde. Die Referate auf der Tagung boten alles, was das Herz eines völkischen Ökologen begehrt: ein bisschen Lebensschutz (Rainer Klawki: „Ungeborenenschutz“), ein bisschen Heimatschutz (Volker Kempf: „Kulturverfall und Umweltschutz“) und selbstverständlich esoterischer Humbug (Petter Arras: „Über die psychischen Ursachen des paradoxen Verhältnisses des Menschen zu ihren Mitlebewesen“).
Antifa, where have you been?

Grillanzünder ausverkauft

Hartmut Feuerteufel (48) bestreitet Vorwürfe

Als unschuldige Autos im Juli diesen Jahres von einem Mann namens Feuerteufel heimgesucht wurden, entschied ich mich, für meine Recherche tief in das Milieu einzutauchen, das sie die Zellerau nennen. Ich nahm eine neue Identität an und zog zwei Monate in das Herzen eines von inneren Widersprüchen zerrissenen, nach lodernden Brandbeschleunigern riechenden Stadtteils. Welche Motive und Schallplatten besitzt der Täter? Warum brannten bisher nur Mülltonnen, aber noch nie ein Altkleidercontainer? Wer ist der Mann, der mir gegenüber auf der Couch sitzt und was gibt es morgen zum Mittagessen? Das alles sind Fragen, die mich überhaupt nicht interessieren und deren Antworten sie in diesem Artikel vergeblich suchen werden. Mein Interesse galt einzig und alleine der 2000-€-Belohnung, die mir die Polizei schenken würde, wenn ich zur Ergreifung des Täters beitrüge.
Zellerauer Plunder, entkoffeinierter Kaffee, eine geblühmelte Tischdecke, die ihre besten Tage hinter sich hat. Ich sitze in Roswitha Murgelhofers Esszimmer, zu dem ich mir mit Hilfe des Enkeltricks Zutritt verschafft habe. Frau Murgelhofer ist an die 80 Jahre alt, eine kleine, hagere Dame. Ihr Kleid sieht ihrer Tischdecke täuschend ähnlich und sie riecht aus dem Mund. Aber das ist eher unwichtig. Seit 80 Jahren lebt sie in der Zellerau, seit 80 Jahren glotzt sie aus dem selben verdammten Fenster. Wenn jemand weiß, wie der Feuerteufel aussieht, dann sie. Die sympathische Dame erzählt viel, freut sich über einen Besuch ihres Enkels- ich habe sogar einen Blumenstrauß mitgebracht- und weiß auch über den Brandstifter zu berichten. Da sei manchmal einer nachts unterwegs gewesen- der habe mit Akzent gesprochen und sei wohl auch nicht von hier gewesen. Ich lege Frau Murgelhofer einen Kugelschreiber in ihre tattrigen Händchen und bitte sie, ein Phantombild des Verdächtigen anzufertigen. Als sie nach einer halben Stunde fertig ist, weiß ich, dass das eine Scheißidee war. Ich bedanke mich, lasse mir noch ein paar Stückchen Kuchen einpacken, „leihe“ mir 500 € und ziehe von Dannen.
Nächste Station Dosenbier. In der Tankstelle fallen mir zwei Dinge auf: Zum einen braucht man sehr große Einkaufstüten, wenn man für 500 € dänisches Dosenbier kaufen möchte. Zum anderen sind zwar Instant-Grills vorrätig, die Grillanzünder jedoch sind ausverkauft. Ausverkauft!Verdächtig!! (Lass das mit den ständigen Ausrufezeichen, Trottel!) Hat sich der Täter etwa mit Wunderblitz Grillanzündern bevorratet, um noch mehr unschuldige Kraftfahrzeuge mit in den Tod zu reißen? Etwas verwirrt teilt mir die Dame von der Tanke mit, wie der typische Grillanzünderkäufer in etwa aussieht: Bierbauch, Jogging-Hose, meistens kaufe er sich noch ein paar Bratmaxe. Endlich mit einem Täterprofil im Kopf verlasse ich zufrieden die Tankstelle.
In den folgenden Tagen hänge ich an den einschlägigen Treffpunkten der Zellerauer Jugend ab und stelle mich als neuer Sozialpädagoge vor. Mir wird deshalb, völlig zurecht, stündlich in den Bauch geboxt. Einen Boxenstop legen die Jungs aber sofort ein, als die furchteinflößenden Herren mit Kampfhund und Schneetarnbomberjacke auftauchen. Man habe eine Zellerauer Bürgerwehr gegründet, da es so ja nicht weitergehe, erläutert mir wenig später einer der drei jungen Männer, während die anderen beiden fieberhaft damit beschäftigt sind, böse zu gucken. Einen guten Tipp, wer denn der Feuerteufel sein könnte, können mir die Halbstarken aber auch nicht geben.
Etwas zynisch finde ich es, dass man in einer Metzgerei „Feuerteufeli“ bekommt. Das sind Landjäger, die neben Schweinefleisch und Nitritpökelsalz auch eine gehörige Portion scharfes Paprikapulver enthalten. Noch viel zynischer wird die Angelegenheit, als ich einen fettleibigen Polizisten dabei ertappe, wie er sich mit seinem Landjugendgrinsen eine solche Wurst bestellt, diese an einem Stück in seinen Rachen rammt, einen Schluck Selters trinkt und anschließend „Brand gelöscht“ albert. Sein Kollege und er lachen, wie Polizisten eben lachen.
Ich komme so nicht weiter. Keine heiße Spur, auch nach Wochen nicht. Die Verzweiflung bringt mich sogar soweit, dass ich eines abends mit einem eher weniger schlauen Hippie im Denklerblock sitze, Dosenbier trinke und mir seine Fabeln über Hohlwelten, Naziufos und geheime Weltregierungen anhöre. Plötzlich bringt mich die Vertonung von geistigem Dünnschiss, die unentwegt aus seinem Mund sprudelt, auf eine Idee: Sein Gebrabbel von Menschen, deren Körper einfach verbrennen, ohne erkennbaren Grund, die These von der Spontanen Menschlichen Selbstentzündung (SMS) also, macht mich nachdenklich. Laut SMS-Theorie sei es möglich, dass Menschen einfach so anfangen zu brennen, einfach so nebenbei beim Abendessen zum Beispiel. Wenn die SMS-Theorie war wäre- was sie nicht ist- könnte es dann sein, dass auch Mülltonnen, Autos oder Kruzifixe spontan Lust darauf haben, in Flammen aufzugehen?
Diese Gedanken rauben mir den Schlaf. Eines morgens mache ich mich auf den Weg nach Kulmbach, um den weltbekannten, zurecht unanerkannten Parapsychologen Kasimir von Pützlitz zu besuchen. Von Pützlitz wohnt in einem stattlichen fränkischen Fachwerkhaus, das die besten Tage hinter sich hat und an dessen Westseite das Wort „Karma“ geschrieben steht. Eine nach Patchoulie duftende, in geheimnisvollem Ton flüsternde Frau sitzt im Foyer an einem Couchtisch. Auf dem Tisch: Tarot-Karten, eine Flasche Absinth, ein Streichholzschächtelchen, auf dem „Zünftiges aus Zirndorf“ steht. „Wir haben sie bereits erwartet“, zischt die aufregende Dame in geheimnisvoller Weise und zeigt auf eine Türe hinter sich. In diesem schwach beleuchteten Raum sitzt Kasimir von Pützlitz, welcher ein Gewand aus Kartoffelsackstoff an hat. Auf diesem Gewand steht „vorwiegend festkochend“. Von Pützlitz spricht in einem penetranten schwäbischen Akzent, was mich zum einen verwirrt, zum anderen an Käsespatzen mit Röstzwiebeln erinnert.

Jamjamjam, Käsespatzen mit knusprigen Röstzwiebeln. Ein Gedicht.

Auf die Frage nach der Möglichkeit, dass sich nicht nur Menschen spontan selbst entzünden könnten, sondern auch Gegenstände, muss der langhaarige Parapsycho lange nachdenken. Er muss sogar so lange nachdenken, dass ich kurzzeitig denke er sei eingeschlafen oder gar verstorben. Plötzlich blickt er hastig auf seinen „Astro-Kalender 2009“, sagt mir, dass gerade Jahr des Büffels sei und dass er Schlimmes befürchte. Auch der schiefe Turm von Kitzingen oder das Thomas-Gottschalk-Denkmal in Bamberg seien von Feuerteufel bedroht, wenn nicht eine Kraft erscheine, sie alle zu knechten, sie alle zu finden ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden blablabla. Selbst Frau Murgelhofer oder der Hippie scheinen mir vertrauenswürdiger als dieser schwäbische Scharlatan mit schmutzigen Fingernägeln, jedoch genügt mir für meine Recherche, dass er meiner zweifelhaften These zugestimmt hat.
Zurück in der Zellerau erschrecke ich, als ich den Namen Hartmut Feuerteufel auf einem Klingelschild in der Nähe meiner Wohnung entdecke. Sollte die Lösung so einfach sein? Wohnt hier der Feuerteufel höchstpersönlich? Und bekomme ich jetzt endlich die 2000 €? Was schmeckt besser, Soja oder Seitan? Ich klingele an seiner Türe, mir erscheint ein Mann Ende 40 mit einem stattlichen Schnauzbart und einem Morgenmantel an. „Entschuldigen sie, sind sie der Feuerteufel?“ „Gewiss doch.“ Kann man dies schon als Geständnis werten? Ich bohre weiter nach: „Wissen sie, wer in dieser Stadt jedes Wochenende Brände legt?“ Herr Feuerteufel guckt verdutzt, sein an sich freundliches Wesen zerfällt in Windeseile und seine Mundwinkel werden wie von einem Amboss nach unten gezogen. „Falls sie zu dene Menschn g‘hörn, die wo stündlich bei mir anrufen und die wo Scherzchen mit meinem Namen treiben: Ich ruf des nächste mal die Bolizei!“ schreit er und wirft die Türe zu. Polizei kann er haben, denke ich mir und rufe die Ordnungshüter an, um sie zu Hartmut Feuerteufels Wohnung zu schicken. Doch sie kommt nicht. Nie ist die Polizei da, wenn man sie braucht. Auch auf meine 2000 € warte ich bis heute. Tja. Resigniert verlasse ich die Zellerau. Für immer.
Der Feuerteufel, er lebt noch immer mitten unter uns. Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.

Hunter S. Heumann

Subkultur ist die neue Bionade

Warum den Menschen, die sich über die Schwäche der alternativen Szene beklagen, am stärksten zu misstrauen ist

Was ist eigentlich eine Subkultur? Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.
Kann man eine Subkultur anfassen, kaufen, küssen oder gar morgens ins Müsli kippen? Wer ist mehr Subkultur, Aldi oder Lidl? Gibt es bei Joeys oder bei PizzaBlitz mehr Subkultur für’s Geld? Welche Subkultur bietet mir möglichst viele Frei-SMS bei einer kurzen Mindestvertragslaufzeit?
„Das Eis der (Sub)kultur wird dünner“, schreibt es beim Würzblog, und gemeint ist damit dennoch weder Cornetto noch Minimilk. Aber eigentlich fehlt ein gutes Speiseeis in der Reihe der Dinge, die Ralf Thees zu festen Bestandteilen der Subkultur zählt. Denn scheinbar gehören alle Dinge, die Ralf Thees mag, zum leckeren Potpourri der Subkultur. Über den Wegfall der Programmkinos wird sich beschwert, ebenso wie über den „soziokulturellen Ausnahmeort“ namens Propeller. Soziokulturell, wieder ein Begriff, mit dem jongliert wird, ohne einen Begriff zu besitzen. Die Posthallen,welch subkultureller Ort, werden genannt, denen es die Stadt aber nicht leicht mache. Keine Institution passt besser in Würzblogs Subkultur-Charts als die Posthallen, sitzen dort doch Leute am Ruder, deren Begriff von Subkultur schon zu AKW-Zeiten nach Verwesung roch. Weiter im Text: Schließlich sind auch AKW und Immerhin Teil von Ralf Thees‘ subkulturellen Visionen, und die gibt’s ja jetzt beide nicht mehr. X Ware Kultur ist gleich y Ware Schweinsbraten, alles ist mit allem vergleichbar, wie man längst weiß. Zum Glück hat Bionade letztes Jahr die neue Geschmacksrichtung Quitte eingeführt, und bald kommen ja auch die Kassierer in die Posthallen.
Und am Ende wird auch die Stadt Teil dieser Subkultur. Denn die muss dieser Subkultur ja helfen, weil sie ja auch irgendwie dieser Subkultur verpflichtet sein muss, damit die StudentInnen brav subkulturen können. „Man kann fast den Eindruck bekommen, als wolle die Stadt Würzburg eine kulturberuhigte Zone im weiteren Innenstadtbereich.“ Subkultur- weil Würzburg es sich wert ist. Nicht umsonst schreibt Herr Thees, dass wir keine “Provinz auf Weltniveau” [brauchen], um uns nach Außen lächerlich zu machen, das schaffen wir mit dem derzeitigen Trend an Möglichkeiten der (Sub)Kultur und Nachleben auch so.“ Herr Rosenthal, für das Image dieser schönen Stadt: Man schenke jedem Menschen täglich einen Happen Subkultur!

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Was ist eigentlich eine Subkultur? Für den Würzblog wohl alle Lokalitäten, in denen vor allem 20- 40 jährige verkehren. Je mehr es nötig wird, sich einer nicht vorhandenen Subkultur, oder gar alternativen Szene, zuzuschreiben, desto weniger wird man die Frage wagen, was Subkultur überhaupt bedeutet hat. Sogar Wikipedia weiß, dass der Begriff Subkultur einst Personenzusammenhänge bezeichnete, die sich hinsichtlich zentraler Werte und Normen von der herrschenden Kultur unterschieden haben und sich als Gegenkultur definierten. Heute dient der Begriff wohl eher dazu, sich selbst zu vergewissern, dass man cooler als der Rest ist, noch nicht zum alten Eisen gehört. Er dient der Verdrängung der Tatsache, dass man selbst keine anderen Vorstellungen von gesellschaftlicher Organisation besitzt als die Mühle des Immergleichen. Anders ist es nicht zu erklären, dass man bei jedem beliebigen Begehr die Stadt in Gefahr sieht und ihre Politiker bittet, in die Presche zu springen. Warum organisiert man sich nicht selbst, wie das vielleicht die Freaks, Alternativen und Autonomen der 80iger Jahre getan haben? Genau deshalb, weil man dann die Selbstlüge aufgeben müsste, Teil einer Gegenkultur zu sein. Weil man dann feststellen müsste, dass das Label „Alternativ“ nicht mehr Elemente von einem Umsturz des Bestehenden beinhaltet als eine eisgekühlte Coke Zero Cherry. Wenn sich in dieser Stadt die vereinzelten Individuen zusammenraufen wollen, die eine tiefe Unzufriedenheit mit den Zumutungen des alltäglichen Lebens eint, so müssen diese zuerst verstehen, dass sowohl dem Wort „Szene“ als auch dem Wort „Subkultur“ keine gesellschaftliche Realität (mehr) zukommt.

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Subkultur- die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. Probieren sie jetzt!

Benjamin Böhm

Intro 13

Wir dürfen sie herzlich zur 13. Ausgabe des Letzten Hypes willkommen heißen und ihnen auch gleich einen redaktionellen Neuzugang vorstellen: Zum ersten Male haben wir einen Unipraktikanten eingestellt, der sowohl im redaktionellen als auch im Layoutbereich mitwirken wird: Klaus von Medina studiert im dritten Semester Neuere Demagogie und asoziale Arbeit an der Universität Eichstätt und wird für seine Arbeit bei uns mit keinem Cent entlohnt. In den nächsten zwei Jahre wird er v.a. Kaffee kochen, Sojasteaks braten und unsere Homepage betreuen. Bereits in dieser Ausgabe finden sie einen Artikel unseres jungen, engagierten und unglaublich gut aussehenden Praktikanten.
Klaus muss im Moment im alten Infoladengebäude schlafen, wo es keine Heizung gibt und es nach pisse stinkt. Wenn ihr eine Wohnung für ihn habt, so meldet euch doch bitte unter letzterhieb@gmx.de.
Was hat die Redaktion den Sommer über getrieben? Hunter S. Heumann trieb es zu Recherchezwecken nicht nur in die Zellerau, sondern er unternahm auch eine Wanderung nach Greußenheim, wo man Elektrozäune, Bäume mit hübschen Vornamen und Olivenhaine bestaunen kann. Es sei jedem Menschen mit Unternehmungslust empfohlen, eine Wanderung um das Gut Greußenheim zu unternehmen, um sich das Mahnmal gegen Intoleranz und Ausgrenzung anzusehen, riesige Kreuze und Engelsstatuen zu bestaunen und sich von Jeeps aus Neu Jerusalem verfolgen zu lassen. Auch Urlaubsvideos werden für sie unentgeltlich auf Überwachungskameras aufgenommen. Schlonzo der Geachtete hat im September eine Ausbildung zum Ranger absolviert und weiß jetzt, wie man Feuer mit Stöckchen macht oder man einen Rhönbären erlegt. Sebastian Loschert dagegen hat nicht nur selbst Unfug getrieben, sondern auch den von anderen bestaunt: Er schrieb in der JungleWorld Nr. 38 einen Artikel über Jürgen Elsässers Volksinitiative.
Und was macht eigentlich Rainer Bakonyi? Nach der letzten Ausgabe fragten uns viele Menschen, ob es denn nun keine Kochkolumnen mit Rainer Bakonyi mehr gehen werde. Hmm, ja, das ist eine längere Geschichte, denn Herr Bakonyi war ein wenig eingeschnappt, nachdem Hunter S, Heumann behauptet hatte, dass Herr Bakonyis Gerichte zum Kotzen schmeckten. Es wird der Stimmung in unserer Redaktion nicht zuträglich sein, dass Jörg Finkenberger in dieser Ausgabe mit seiner „Kotzkolumne“ erneut die Kochkünste Herrn Bakonyis durch den Kakao zieht.
Wir wünschen Ihnen nun viel Freude beim Lesen unserer neuen Ausgabe. Für wütende Reaktionen stehen wir Ihnen weiterhin gerne zur Verfügung.
Für immer ihr
Letzter Hype

P.S: Eine kleine Geschichte noch: Wir haben im Frizz gelesen, dass jemand eine Frau sucht, um sich „physisch und psychisch“ auf die Zeitenwende 2012 vorzubereiten, denn da geht ja laut Maya die Welt unter ( Laut Nostradamus ging die Welt übrigens gerade eben schon wieder unter). Was wir uns jetzt fragen: Wie bereitet man sich bitte physisch auf die Zeitenwende vor? Springt man Fallschirm und bleibt möglichst lange im freien Fall, um während des Herabsinkens in ein Schwarzes Loch nicht ohnmächtig zu werden? Stellt man bereits jetzt seinen Speiseplan auf Lichtnahrung um, um während der Apokalypse keinen qualvollen Hungertod zu sterben? Oder lässt man jetzt schon für das Überleben im atomaren Winter alle Körperhaare sprießen, egal wie arg die Arbeitskollegen lästern? Wir werden es nie erfahren.

Kritische Theorie oder affirmative Praxis

Die „Negative Dialektik“ als Handbuch der Revolution

1
Ndejras Text über die kritische Theorie aus hype #12 bestätigt alle meine Befürchtungen, aus der universitären Vereinnahmung der kritischen Theorie könne nur das schlimmste kommen, auf das schönste; und das teils gewollt, teils ungewollt.

Kritische Theorie kann heute nicht mehr an Universitäten gelehrt werden. Was unter diesem Namen heute allenfalls verkauft wird, ist Surimi. Wenn es einmal eine Zeit gegeben hat, in der Adorno und Horkheimer an Universitäten lehren konnten, dann wird man diese Zeitalter nach den Gründen befragen müssen, aber nicht unseres.

Kritische Theorie kann heute nicht mehr anders betrieben werden als an verrufenen Orten und von wenig empfehlenswerten Leuten. Sie ist, nachdem die deutschen Studierenden von 1968 epochal an ihr gescheitert sind, nur noch an die Universität zu bringen um den Preis, sie um das zu verkürzen, was ihr Innerstes ist: das verzweifelte Wissen von der Unwahrheit des Ganzen, und das Feuer, das in dieser Verzweiflung und nur in dieser Verzweiflung noch brennt.

Dass diese Verkürzung möglich ist, haben der Dozent Zimmermann und seine Schule eindrucksvoll bewiesen. Über diese Schule ist zur Zeit ihres Bestehens leider nicht mehr das notwendige gesagt worden, und jetzt, wo sie nicht mehr besteht, ist es nicht mehr notwendig. Der Staat hat es nicht mehr für erforderlich gehalten, diese Veranstaltung weiterzubetreiben. Sie war ohnehin anachronistisch: es gibt heute kein unruhiges Denken unter Studierenden mehr, und zu dessen Zähmung und Unterwerfung sind solche Einrichtungen allein gut, und zu sonst nichts.

Die zu solchen Zwecken entstellte Lehre will uns Ndejra aber gar nicht als diejenige kritische Theorie vorhalten, die den Gegenstand seiner Kritik abgeben soll; sie ist also auch nicht Gegenstand der Erwiderung.(1)

2
Sondern was? Man weiss es auch nicht so recht. Man weiss auch nicht so recht, wo anfangen. Ndejras Text hat einen Grundgedanken, den er unter Geröll dekoriert, das grob aus drei Teilen besteht: ein Teil einigermassen bekannter und gängiger Clichees, ein Teil Ausrisse aus Sekundärliteratur, deren Autoren sich nicht die Mühe gemacht haben, ihren Gegenstand zu durchdringen, und ein weiterer Teil, der sich darauf zurückführen lässt, dass Ndejra selbst sich nicht die Mühe macht, seinen Gegenstand zu durchdringen.

Der letzte Teil ist der unkomplizierteste: man kann es niemandem zum Vorwurf machen, die Schriften einer Schule, an der ihm nichts liegt, nicht lesen zu wollen. Niemand soll dazu gezwungen sein. Allerdings ist auch niemand gezwungen, dann über diese Schule zu schreiben. Ndejra könnte z.B. viele seiner Gedanken in Horkheimers Schriften aus dem Band über „Traditionelle und kritische Theorie“ wiederfinden, nur wesentlich ausführlicher formuliert, oder sich zumindest damit auseinandersetzen.(2) Er kann es auch bleiben lassen, aber das ist sein Privatgeschäft.

Die sekundären Autoren, die er zitiert, interessieren wiederum mich nicht, und ich gebe zu, das ist mein Privatgeschäft, aber er hat sie auch nicht als allzu verlockend dargestellt. Wenn ein gewisser May das „taktische politische Denken“ des Anarchismus „noch mit Poststrukturalismus bestärken und radikalisieren“ will, wie Ndejra selbst vorträgt, dann qualifiziert sich May dafür, von der Universitätsbibliothek für interessierte Studierende gekauft, und von Leuten wie mir ignoriert zu werden. Und der Rest klingt noch langweiliger. Ich werde es nicht lesen, dazu ist mein Leben zu kurz.

Wirklich unangenehm sind aber zunächst die Clichees über die kritische Theorie, die er wiederverwendet, als könne er das einfach. Dass gewisse deutsche Studentenführer von 1968, in dem Moment, als sie aufgehört haben, zu rebellieren, und anfangen wollten, die Massen zu führen, feststellen mussten, dass die kritische Theorie für diesen Verrat an der Revolte nicht zu haben war, das ist eine Sache. Dass sie ihre Vorwürfe gegen Adorno in die Sprache der maoistischen „Kulturrevolution“ kleideten, war nur konsequent. Dass aber Ndejra darauf hereinfällt, ist mir einfach zuviel.

Mir gefällt schon einmal die „Underdog-Perspektive“ nicht, die er einnehmen will. Er studiert, das hat er selbst geschrieben; und er schreibt wie ein Student; in wessen Namen will er sprechen? Im Namen der „underdogs“? Bitte nicht. Er spreche, etwas anderes steht heute niemandem zu, in seinem eigenen Namen, das ist gut genug, einen anderen hat er nicht, und etwas anderes wird ihm auch nicht geglaubt werden.

Und die Pose, dass Adorniten grundsätzlich rich kids sind, und er ein underdog, soll ihm jemand anders abnehmen als ich. Ich werde nicht kommentieren, aus welcher Schicht ich stamme, und meine Sätze werden nicht desto wahrer, je ärmer und illiterater meine Eltern waren, und gerade so geht es den seinen.

3
Adornos Sprache ist „hochgestochen“! Ich kann es nicht mehr hören. Die Dichter der Revolte, Rimbaud, Lautreamont, Baudelaire, haben sich auch nicht in der Sprache der Arbeitervorstädte ausgedrückt. Es tut mir nicht leid, aber es ist das Proletariat, das lernen wird müssen, sich der Sprache zu bedienen.

Im Übrigen kann man auch die Proklamationen der Commune de Paris für „hochgestochen“ halten, und die sind wohl, soweit man sie heute noch kennt, von Arbeitern verfasst worden.

Die Situationisten haben wenigstens noch gewusst, dass die Arbeiter Dialektiker werden müssen, wenn die Revolution kommen soll. Das unterscheidet sie von den Linken, die immer versucht haben, die Sprache der Arbeiter zu lernen, als ob sie nicht wüssten, dass es so etwas nicht gibt. Wer ernsthaft jemals das Verlangen nach ungehinderter Entfaltung der Menschheit, das heisst nach Emanzipation des Proletariats, formulieren will, muss das auf der Ebene tun, die dafür alleine taugt: die höchsten Höhen der Sprache, der Musik, der Kunst, jeder Form des Ausdrucks. Wer auch immer, um der angeblichen Verständlichkeit für die sogenannten Massen halber, darauf verzichtet, sagt ja zum Ausschluss des Proletariats von den Mitteln des Ausdrucks.

Dass heute schon Studenten der Geisteswissenschaften die Sprache Adornos nicht verstehen, könnte man sehr gut als Argument gegen das studentische Milieu wie als Argument gegen die Universität gebrauchen; aber Ndejra zieht es stattdessen vor, ein allzu billiges Argument gegen Adorno draus zu machen, um eines illusorischen Disktionsgewinns gegen die ebenso illusorische Zimmermann-Schule willen.

4
Pessimistische Kulturkritik! Grossbürgerliche Resignation! Ndejra bemüht wirklich alle Frasen, die es jemals gegen die kritische Theorie gegeben hat, und es wird ihm gar nicht langweilig. Noch weniger werden ihm diese Frasen etwa verdächtig, obwohl sie doch nicht zufällig sämtlich von Georg Lukacz stammen; aber Ndejra versäumt auch hier die günstige Gelegenheit, zu untersuchen, wieso solcher leninistischer Unsinn sich auch in einem anarchistischen Kontext ganz gut macht. Es wäre interessant gewesen; vielleicht ist es ja auch ein Anzeichen eines ganz unvermutet ähnlichen, bisher ungebrochenen Verständnisses von Politik?

Unabhängig davon, ob man Adorno das Epitheton „grossbürgerlich“ umhängen kann, stellt sich doch die Frage, ob der Teil des Proletariats (und zu dem beanpruche ich zum Beispiel zu gehören), der die Negative Dialektik für ein eminent revolutionäres Buch hält (3), nun selbst „grossbürgerlich“ geworden ist, oder nur nach Art der Grossbürger resigniert hat; wie es Grossbürger, wer auch immer das sein soll, ja bekanntlich tun; man kann solche Frasen nicht versuchen zu verstehen, ohne dass sie sich im Unsinn auflösen.

Die Wurzel und gleichzeitig Krone des ganzen ist der Vorwurf, die kritische Theorie sei praxisfeindlich, und auch diesen Vorwurf spart sich Ndejra nicht; er vermisst das für die Praxis „passende begriffliche Instrumentarium“ und die Ermutigung. Wie aber, wenn es der Ermutigung gar nicht bedürfte, wenn sie das reine Gift wäre, und es für den Aufstand stattdessen unverzichtbar wäre, sich schaudernd der Lage bewusst zu werden? Und wenn das „passendes begriffliches Instrumentarium“ auf nichts herausliefe, als der politischen Praxis auch noch das freie Refugium des wenigstens kritischen Gedankens zu unterwerfen?

Theorie kann nicht etwas sein, dessen man sich zu dem scheinbar vorgegebenen Zweck (Veränderung der Welt) bedienen kann; so dass die Konkurrenz zwischen verschiedenen zunächst gleichwertigen Theorie-Modellen dadurch entschieden würde, welche dem Zweck am besten dient. Theorie, überhaupt als Handlungsanleitung verstanden, ist nichts anderes als ein Rudiment dessen, was für Georg Lukacz z.B. noch die Partei gewesen ist, Theorie ist dasjenige, nachdem sich, unter der Aufsicht der dafür berufenen Intellektuellen, die Wirklichkeit zu richten haben wird. Eine so verstandene Theorie ist eine Zumutung, derer sich gerade Kritiker der Herrschaft wie Ndejra zu erwehren wissen sollten, auch handgreiflich.

Theorie, die nicht zur Anleitung für Herrschaft verkommen will, hat unpraktisch, sogar antipraktisch zu sein. Sie hat als ihren nächsten Feind die von „Theorie“ angeleitete Praxis zu erkennen und zu bekämpfen. Diese Praxis, und diejenige Theorie, die Praxis leiten will, sind völlig unvereinbar mit Reflexion.

Und Reflexion tut not, sie ist so nötig wie die Luft zum Atmen, sie brächte zum Beispiel zu Bewusstsein, dass so etwas wie kritische Theorie dann sein muss, wenn die Möglichkeit der praktischen Kritik verstellt ist. Die kritische Theorie wäre allenfalls zu kritisieren, wie man früher einmal die Kunst kritisiert hat: als Refugium des abwesenden Besseren, aber immerhin als ein geduldetes, umstelltes, marginalisiertes Refugium. Aber als Refugium.

5
Der Weg zur praktischen Kritik aber ist wirklich verstellt, und mit dieser Erkenntnis muss jedes revolutionäre Denken anfangen. Es ist niemandem damit geholfen, dieser Erkenntnis auszuweichen oder sie am besten der kritischen Theorie aufs Schuldkonto zu schreiben.

Die kritische Theorie Adornos reflektiert das Scheitern der Revolution, die einmal versucht worden ist und gelingen hätte können; eine Niederlage, die wir als unsere Niederlage erkennen müssen. Jeder Versuch, sich dieser historischen Haftung zu entziehen, mündet in Selbsttäuschung. Genau diese Selbsttäuschung ist das Betriebsklima der Linken. Sie hält sich am leben durch ihre jämmerliche Illusionen darüber, wie aussichtslos die Sache der Befreiung durch ihr damaliges Scheitern geworden ist, und wie gründlich dieses Scheitern gewesen ist.

Wenn Ndejra den Antideutschen, zu denen wohl ich mich auch zu rechnen habe, vorwirft, die Shoah zum Zentrum einer negativen Geschichtsmetafysik zu machen, dann lässt mich das ratlos zurück. Ist ein kritisches Denken ohne Selbstbetrug möglich, dass nicht von der historischen Niederlage ausgeht? Und hat diese Niederlage eine schrecklichere Gestalt angenommen als die, dass nur wenige Jahre später die meisten europäischen Jüdinnen und Juden ermordet werden, ohne dass sich eine Hand dagegen wehrt; was soll das heissen, diese Sache „angemessen“ zu untersuchen, wie Ndejra fordert? Wie kann man so etwas angemessen untersuchen, wo noch nicht einmal z.B. die Bomben auf Würzburg auch nur entfernt angemessen waren?

6
Das war das Geröll. Was aber ist der Grundgedanke? Ich finde keinen, ausser dass Ndejra Adorno nicht mag, weil er fürchtet, dass ist etwas für Idioten, die gerne gescheit daherreden, obwohl sie nichts verstanden haben. Wenn dem so ist, sei er beruhigt: gegen solche Idioten kann keine Denkschule sich erwehren, es sei denn mit Gewalt, vor allem nicht da, wo sie nur toter Gegenstand der Betrachtung und Vereinnahmung ist, also an der Universität. Denn dort, aber auch nur dort, wird den Idioten unweigerlich alles geglaubt. Ausserhalb dieses ungesunden Milieus kann „jeder sich Dadaist nennen; dafür, dass er es ist, muss er selbst sorgen“ (Raoul Hausmann).

Oder täusche ich mich, und auch er stört sich daran, dass mit der kritischen Theorie kein politisches Geschäft getrieben, keine silberne Zukunft versprochen, keine Organisation geführt werden kann; dass sie das Denken nicht an die Verwalter der Praxis verraten wird, und dass sie, nach der historischen Katastrofe, einen Bruch einfordert, der es unmöglich macht, einfach und blind und ohne das Bewusstsein dieser Katastrofe weiterzumachen? Dann, aber das wird nicht der Fall sein, könnte ich ihm auch nicht helfen.

Von Jörg Finkenberger

1 Reden wir nicht mehr von der Zimmermann-Schule! Ich gehe davon aus, dass man sich darauf einigen kann: das war tatsächlich ein Haufen Leute, die ihre eigene Nichtigkeit hinter Frasen versteckt haben, die ihnen selbst so unverständlich geblieben sein mussten wie denen, die sie damit beeindrucken wollten. Für den Gestus des Priester-Intellektuellen eignen sich doch andere Schulen, die Foucaults etwa, viel besser, weil es für die Hochstapler dort nichts gibt, was sie etwa verstanden haben müssten. Ndejra hat seine Kritik aber nicht auf diese Leute, sondern auf die kritische Theorie bezogen, ist also diesen Idioten auf den Leim gegangen. – Übrigens wäre diese Schule besser dadurch zu charakterisieren, dass ihr Guru, als eine Art linkerer Habermas, die ganze Tendenz Adorno mit aller Gewalt im „demokratischen Sozialismus“, also im Wunschtraum der Sozialdemokratie, hat aufgehen lassen wollen. – Wenn übrigens, wie es mir scheint, Zimmermann eine Hauptquelle für Ndejras Kenntnisse der kritischen Theorie sein sollte, dann ziehe ich meine ganze Kritik insofern zurück, als ich nicht ausgerechnet der sein will, der den einzigen Menschen, der es heute tut, daran zu hindern sucht, das zu tun, was unser Mustafa Khayati schon 1967 gefordert hat: dass die Studierenden anfangen müssen, gegen ihre Studien zu rebellieren.

(2) Irgendwie kann ich auch in dem, was er über die Auffassung der Naturbeherrschung oder die sogenannte Anthropologie in der kritischen Theorie sagt, die kritische Theorie nicht recht wiedererkennen.

(3) Ziemlich das revolutionärste des Jahrhunderts, und ich rede nicht von einer bloss gedachten oder bloss filosofischen Revolution, sondern von einer sehr materiellen, die es wirklich gegeben hat, die fehlgeschlagen ist, und deren Wiederaufnahme sich auf kein anderes Denken stützen kann, schon gar nicht dasjenige etwa Debords; den die schaurige Lücke, die mitten in seinem Denken klafft, gar nicht zu irritieren schien, der filosofierte, als ob es die Shoah nicht gegeben hätte – verliert er denn auch nur soviel wie ein Wort darüber? – Wie verdächtig ist so ein Denker eigentlich? Und so ein Denken? Ist es nicht fast schon ein Grund, sein Buch fortzuwerfen? Aber ich werde es nicht tun, dazu parafrasiert er mir Adorno doch viel zu hübsch.

Hype #13 in Druck

So, nun ist es soweit.

Würzburger Lagerphantasien again…

….und es geht weiter mit den Lagerphantasien der werten LeserInnen der Mainpost. Jetzt sitzen zwei Verdächtige, denen Sachbeschädigung und Brandstiftung zu Last gelegt wird, in Untersuchungshaft. Und Deutschen wird wieder warm um’s Herz, wenn sie an Arbeitsdienst und physische Vernichtung denken.

Meine Gedanken zur Strafe wage ich nicht auszusprechen…

meint noch Zeitung_online, während Rittersporn damit weniger Probleme hat:

Den Leuten geht es zu gut ist die allgemeine Stimmung. Wer so was macht hat Zeit dazu. Nichtsnutze, Arbeitsfaule (nicht Arbeitslose!!!) und dergleichen höhlen unseren Sozialstaat aus. Sie sollten eine saftige Strafe zur Abschreckung erhalten, die der Allgemeinheit nutzt. Straßenbau, Wald roden und dergleichen für einige Jahre – bis ihnen die Flausen aus dem Kopf gegangen sind. Vor lauter Langeweile Sachbeschädigungen machen gehört ordentlich bestraft – und zwar damit diese Zeitgenossen dann keine Langeweile mehr haben.

Und von blueeyes erfahren wir, dass der Täter zu den „Asozialen“ gehört, denen dieser gleich seine eigenen Vergeltungsphantasien entgegenbringt:

Asso endlich geschnappt!
Diesem ASSI sollte man stundenlang links und rechts für jeden zerstochenen Reifen eine knallen! Mutwillige Sachbeschädigung am Eigentum anderer ist mit das assozialste was man machen kann und dazu noch dieses Ausmaß. Am besten man setzt fals er ein Zimmer oder Wohnung hat mal dies unter Wasser, dann weiß er was Sachbeschädigung ist.

Man wird sehen, welche Vergeltungsgedanken in den Kommentarspalten der Mainpost noch offenbart werden….

Hype 13

Der Hype 13 kommt spätestens nächste Woche in Print.

An die Leipziger AbonnentInnen: Vielleicht kriegen wir’s ja wirklich hin, mal was zu verschicken.