Archiv für Juli 2009

Hier spricht der Erdvater

Wow. Wahnsinn.
Es folgt eine wichtige Mitteilung des Erdvaters zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan:

Link.

Wirkt wohl am besten auf LSD. Unbedingt nachts anschauen und Licht im Zimmer aus, sonst wirkt die Hypnose nicht.
Gibt’s eigentlich auch Videos vom Weltgeist?

Jeder Tag ist der 2. Juni, und jede Stadt ist West-Berlin

Über zwei Polizisten, die die Seite nicht gewechselt haben, und anderes

Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg, der gegen den Shah von Persien demonstrierte, erschoss, und damit eine Radikalisierung der 1968er Studierendenbewegung provozierte, hat für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet. Mit gewohnt professionellen Timing hat das Amt Birthler rechtzeitig zum Jahrestag 2009 mit der Veröffentlichung dieser Neuigkeit seine eigene Relevanz unterstrichen, und das Feuilleton, die Staatsagentur für dynamische Neuinterpretation historischer Lasten, nutzt die Gelegenheit, um die Frage aufzuwerfen, ob jetzt die Geschichte von 1968 umgeschrieben muss.

1. Das das muss sie allerdings. Immer und immer wieder. Ein ganzer Industriezweig ist mit nichts anderem beschäftigt.(1) Die Geschichte von 1968 muss ständig umgeschrieben werden, nach den Erfordernissen des Tages, wie jeder Teil der deutschen Geschichte. Anders könnte kaum jeder vergangene Mord zum Argument für die Fortdauer dieser Gesellschaft, die ihn begangen hat, dienen, statt, was er ist, zum Argument für ihre Abschaffung. Man übersetze, wenn man diesen Satz nicht versteht, Gesellschaft mit Herrschaft: es ist das gleiche.

Diese Gesellschaft erschafft sich ihre Geschichte, zu ihrem eigenen höheren Ruhme, und die so entstehende offizielle Geschichte ist genau dafür da, dass, was die wirkliche Geschichte angetrieben hat, nicht mehr darin vorkommt. Nachdem die westberliner Studenten wieder vernünftig geworden waren und freudig nach der ihnen dargebotenen Bestimmung gegriffen hatten, nämlich kleine und mittlere Funktionäre der Herrschaft zu werden, erfanden sie die Geschichte von 1968 als einer Bewegung westberliner Studenten;(2) es ist die historischer Schuld des damaligen jungen Proletariats, unserer Eltern, dass sie die Revolte von Anfang an, durch ihre Passivität, in den Händen dieser Studenten haben fallen lassen, in welche Hände sie nämlich als allerletztes gehört hat. Sie haben auch ihren Preis dafür zahlen müssen, nämlich lebenslange Arbeit, und noch wir nach ihnen.

Andere Ideologen haben, zu verschiedenen Zeiten und für verschiedene Zwecke, 1968 in der überfälligen Modernisierung des rückständigen Adenauer-Staates, in der Erneuerung der SPD, in der anti-imperialistischen Reaktion gegen die amerikanische Dominanz, im Verfassungspatriotismus oder (zuletzt) der endgültigen „West-Bindung“ der Bundesrepublik enden lassen, also eigentlich in der Neugründung der Republik; was links oder rechts über diesen Konsens überstand, bemühte sich, nachzuweisen, dass die Bewegung von 1968 eigentlich (für die Nationalen der Richtung Dutschke) die Volksbefreiung als revolutionäre Wiedervereinigung, oder (für die Relikte des Leninismus) die Errichtung irgendeines „sozialistischen Staates“ im Sinn hatte; in jedem Falle aber gerade das, was die eigene Partei gerade als politische Ware im Angebot hatte, aber nie das, was man, nach Abzug aller Irrtümer, von 1968 übrig behält: den Aufstand, und die Verweigerung, und nicht zu vergessen: die Rache für den vergangenen Mord.

Um genau das aus der tatsächlichen Geschichte zu streichen, dazu bedarf es der offiziellen Geschichte. Und sie muss, unabhängig von Kurras, tatsächlich umgeschrieben werden, immer, jederzeit. Ob sie wahr ist, diese Frage ist so sinnvoll, wie, ob sie blau ist oder rund.

2. Und jetzt hat also ein Agent der DDR Ohnesorg erschossen. Wenn man das nur damals gewusst hätte; vielleicht wäre man weniger radikal gewesen! Immerhin, der geschossen hat, ist zweimal dafür freigesprochen worden, und man wusste: sie können, und werden, jederzeit nochmals schiessen, straflos. Wir sind jagbares Wild. Und so ist es geblieben. Und in der Tat, sie haben ja weitergeschossen.

Für diejenigen, gegen die sich der Staat, der rechtmässige Monolpolist der Gewalt, jede Gewalttat herausnehmen kann, spielt es keine Rolle, ob Kurras für die DDR gearbeitet hat. Für solche ist jeden Tag der 2. Juni.

Kein Teil der sogenannten Gesellschaft dieses Landes, der im Ernst jemals die Entwaffnung der Polizei gefordert hätte. Undenkbar, dass irgendein Teil dieser sogenannten Gesellschaft jemals die Schande, die Erniedrigung sich aussprechen lassen dürfte, alltäglich mit der kostümierten Staatsgewalt konfrontiert zu sein, der das Gesetz das Recht, ja die Pflicht zuspricht, durch das offene Tragen und, ja, den Gebrauch der Waffe sichtbar darzustellen, was das Wesen von Recht und von Staat ist: das Recht über Leben und Tod derjenigen, die der Staatsgewalt unterworfen sind.

Wenn noch ein Gedanke da wäre, dass es ein Leben ohne den Staat geben könnte, müsste die Bewaffnung der Polizei als eine unerträgliche, absichtliche und alltägliche Provokation, als zynische Machtdemonstration denen gegenüber erscheinen, denen das Gesetz das Tragen von Waffen verbietet.

Der Staat, das ist auf den Strassen die Polizei, und die ist allmächtig und wird, wie alle wissen, niemals für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden. Niemals. Sie ist im Ernstfall bewaffnet und anonym, sie nennt keine Namen, verhüllt ihre Gesichter und hinterlässt keine Spuren, keine Zeugen und keine verwertbaren Beweise. Sie kann foltern oder töten, und es wird nie aufgeklärt werden, warum man an Händen und Füssen gefesselt auf einer Matratze in in der Zelle im Polizeigewahrsam verbrannt ist. Und keine grössere Auseinandersetzung seit 1967, durch die sich nicht die Spur ihrer nicht geahndeten Gewalttaten zieht.

Kein Missverständnis! Gegen diese Willkür hälfe nichts, keine liberale Justiz, keine Refom des Polizeikörpers. Das ist so, und kann nicht anders sein. Dieses (unsichtbare, nicht nachweisbare) Unrecht ist notwendig. Keine Gesellschaft, die Privateigentum und Staat zu verteidigen hat, kann ihr Recht auf etwas anderes stützen als auf dieses Substratum, den alltäglichen Übergriff der Polizeimacht.(3)

3. Hat also dieser Kurras die Seiten gewechselt? Nein. Für uns ist es egal, zu welcher Partei und zu welchem Regime sich der hält, der die Waffe tragen darf. Mehr noch, war nicht Kurras seiner Sache, der Ordnung und dem Staat treuer, als der Staat es selbst war? Die Ordnung, kennt sie wirklich Grenzen? Sind nicht alle Regime, namentlich zwei deutsche Regime, Brüder? Hatten nicht beide deutsche Staaten das grösste Interesse daran, diesen Sturm zu brechen?

Die BRD hätte de Gaulle im Mai darauf, im Falle des Falles, geholfen, französische Panzer auf Paris zu werfen; Ulbricht hatte seine Panzer, im August, sogar schon auf Prag rollen. Nein, Kurras hat die Seiten nicht gewechselt.

Das führt uns zur nächsten Frage: hat Jürgen Cain Külbel, wer immer das auch sein mag, die Seiten gewechselt? Külbel war, wie Kurras, bei der Kriminalpolizei, aber in der DDR, und vertreibt sich die Zeit damit, dicke Bücher mit Gerüchten vollzuschreiben, die er aus einem gewissen libanesischen Aounisten-Forum holt, und in denen es hauptsächlich um den Mossad geht. Dieser Polizist im Ruhestand gilt deswegen als Nahost-Experte und schreibt, man hat es schon erraten, in der „jungen Welt“, über gewisse andere, neuere Strassendemonstrationen, Sätze wie diese:

„Nach dem Erdrutschsieg des amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei den iranischen Präsidentschaftswahlen am vergangenen Freitag ist es am Wochenende in Teheran zu Zusammenstößen zwischen gewaltbereiten jungen Oppositionellen, angestachelt durch zahlreiche Vermummte, und der Polizei gekommen. Die Randalierer, wütend ob der Niederlage ihres Favoriten, des 68jährigen Politveteranen Mirhossein Mussawi, riefen »Tod dem Diktator«, »Nieder mit der Diktatur« oder »Freiheit«. Sie zündeten Mülltonnen, Parkbänke und Autoreifen an, Fensterscheiben von Geschäften und Banken gingen zu Bruch. Der arabische TV-Sender Al Dschasira berichtete, die Demonstranten hätten Polizisten mit Steinen beworfen, die daraufhin mit Stöcken zurückgeschlagen, Tränengas eingesetzt und Warnschüsse abgefeuert hätten. Nach Polizeiangaben wurden rund 60 Demonstranten festgenommen.“

Gewaltbereite, vermummte Randalierer jugendlichen Alters, die Park- und andere Bänke anzünden, das uralte Feindbild wessen? Liegt es an der verfassungsschutzberichtenen Sprache, an der Unglaubwürdigkeit der gespielten Neutralität des Berichterstatters, oder an der kuriosen Verdrehung und Entstellung des Sachverhalts, dass man gar nicht auf den Gedanken kommen kann, als könnten solche Zeilen von einem anderen geschrieben worden sein als von einem Polizisten?

Er hat natürlich Recht, er steht auf der Seite der Ordnung in Tehran, er stand auf der Seite der Ordnung in der DDR, auf welcher Seite würde er am 2. Juni 1967 gestanden haben? Wir haben es, glaube ich, schon erraten. Hat der die Seiten gewechselt? Nein. Und die linke Zeitung, in der er schreibt? Ersparen wir uns die Frage.

Ersparen wir uns auch, diese Zeilen, die wie ein Lagebericht der westberliner Polizei für den 2. Juni 1967 klingen, mit der iranischen Wirklichkeit zu vergleichen. Der Ohnesorg erschossen hat, hat für die DDR gearbeitet? Wen interessiert es.

4. Jeder Tag ist ein 2. Juni, und jede Stadt ist West-Berlin. An diesem 2. Juni leben wir. Der Feind ist noch, und überall, derselbe: die Gesellschaft der Ware und der Staat. Die zu unserer Seite gehören, erkennen wir überall, und das geübte Auge des Polizisten erkennt es auch. Wenn es läuft wie eine Ente, und aussieht wie eine Ente, und quakt wie eine Ente, dann ist es eine Ente: der Aufstand im Iran ein Aufstand, und die „junge Welt“ ein Fachblatt für Polizisten.

Nichts, was man nicht schon wusste. Soll ich noch den hier aufführen, und ihr müsst raten: „Der Präsident hat klar gewonnen. Und die Leute, die dagegen demonstrieren, sind erkennbar eine kleine Minderheit: Die Jubelperser von USA und NATO. Hat jemand die Girlies gesehen, die da in bestem Englisch in die Mikrofone von CNN und BBC heulen? Das sollen die Repräsentanten des iranischen Volkes sein, oder auch nur der iranischen Opposition? Da lachen die Hühner im Capitol! Hier wollen Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und die Strichjungen des Finanzkapitals eine Party feiern. Gut, dass Ahmidenedschads Leute ein bisschen aufpassen und den einen oder anderen in einen Darkroom befördert haben.“

Die Mordfantasien, sobald es um Schwule geht, und die seltsame Neigung, es immer auch dann um Schwule gehen zu lassen, wenn es grade nicht um Schwule geht, geben schon die allgemeine Richtung an: der das geschrieben hat, ist ungefähr Jürgen Elsässer und nennt sich einen Linken. Vor ein paar Jahren hat er noch gewusst, dass, wenn es einmal dazu kommen sollte, der Kommunismus gegen die Mehrheit der sogenannten Kommunisten erkämpft werden müsste; heute ist er das beste Beispiel dafür, dass jeder Aufstand der Sorte, die es für den Kommunismus bräuchte, immer auch ein Aufstand gegen die Linken sein muss.

Soweit kommt man, mit Notwendigkeit, wenn man nationale Unabhängigkeit und ökonomische Autarkie gegen globales Kapital und Imperialismus verteidigt, man applaudiert der Despotie, und man applaudiert vor allem den Folterern.

Neben Leuten, die akzentfrei Englisch sprechen, und Schwulen, die gerade noch nicht in Gefängniskellern totgefoltert werden, hat Elsässer noch ein weiteres Feindbild. Noch mal Ratespiel? Man kann es sich tatsächlich denken. Paar Tage vorher schreibt er über – na? – vermummte gewaltbereite Randalierer, die in Berlin Autos anzünden: „Demgegenüber halte ich fest, dass solche Kriminellen mit links NICHTS zu tun haben und in JEDEM sozialistischen Staat in den Bau gekommen wären. Bißchen Uranerz kloppen in Wismut/Aue. Bißchen Schneeschippen in Sibirien.“

Der Satzbau ist ein bisschen zu flexibel, die Rede zu beschwingt, die Konzentrationslagerfantasien zu konkret und zu vordringlich: für die Aufnahme in den regulären Polizeidienst wird es nicht langen, aber vielleicht zu irgendeiner Todesschwadron? Wie nannte man nochmal die irregulären Schläger- und Jagdtruppen des persischen Shah in Zivil, die beim Staatsbesuch erst das persische Volk darstellen durften, das seinen Despoten bejubelt, und die danach zusammen mit der Berliner Polizei am 2. Juni 1967 mit Messern und Stöcken Jagd auf jugendliche Randalierer machten? Ach Gott, ja, die Jubelperser. (4)

Polizisten und Jubelperser, wohin man sieht. Jeden Tag ist der 2. Juni, in der Tat, jedes Jahr ist 1967, und jede Stadt ist West-Berlin.

Von Jörg Finkenberger

1 Man geht heute freilich etwas geschickter vor als unter Stalin. Man retuschiert heute keine Fotos mehr, es gibt auch zuviele. Die Pointe ist, dass man es auch gar nicht muss.
2 Dieser Prozess beginnt genau 1969, als die Studenten aufhören, gegen diese ihnen dargebotene Bestimmung zu rebellieren, und sich als linke Intellektuelle dem revolutionären Aufbau widmen. Die leninistischen Gruppen, die sie gegründet und angeleitet haben, sind das Aufbaustudium Menschenverwalter II, eine Zusatzqualifikation. Wer erst einmal die Rolle des Intellektuellen, der den Massen die richtige Theorie vermitteln muss, gefressen hat, ist selbst schon der Staat, mag wollen oder nicht.
3 Aber wiederum, wie Jochen Bruhn zu Recht sagt, das ist nicht etwa „das wirkliche Gesicht des Staates“, das er von Zeit zu Zeit zeigt und ansonsten hinter dem Bürgerlichen Gesetzbuch verhüllt; sondern das Gesetzbuch ist das wirkliche Gesicht, und wer daran kein Argument gegen die Abschaffung des Staates findet, dem konnte auch der 2. Juni die Augen nicht öffnen.
4 Diesem Elsässer hat sein alter Genosse Bernhard Schmid genau hierfür übrigens öffentlich was auf die Fresse angeboten. Wir können, aus angeborener Grossherzigkeit, nicht anders, als uns dem anzuschliessen.

Die Ordnung herrscht in Tehran

Über den iranischen Juni-Aufstand

Anscheinend geht alles weiter; der Aufstand ist vorbei, die ihn gemacht haben, sind auf der Flucht oder gefangen oder tot. Die sogenannte Welt, die nichts ist als ein Monster, hat längst wieder neue Neuigkeiten; es scheint, es war alles nur ein Traum.

Überall arbeitet die grosse Maschine weiter daran, dass vergessen wird, was zehn Tage Wirklichkeit war: der Iran im offenen Aufstand. Szenen, in denen tatsächlich die Aufstände von 2005 in Frankreich und 2008 in Griechenland kollidieren mit der unvollendeten, blutig von den Islamisten beendeten iranischen Revolution von 1978. (1)

Diese glückliche Formulierung beschreibt ausreichend genau, womit wir es zu tun haben: einerseits steht die Revolte vollständig auf dem Boden der bisherigen iranischen Geschichte, indem sie deren Abgründe wieder aufreisst und das, was nach dem Willen der Sieger dieser bisherigen Geschichte vergangen sein soll, wieder an den Tag wirft; andererseits ist die Revolte vollständig heutig, sie teilt mit den bezeichneten neueren Revolten dieselbe innere Tendenz, dieselbe Verlaufsform, denselben Feind; sie zeigt sogar erst die Umrisse dieser neuen Kette von Revolten in ihrem ganzen Ausmass, und weist ihr als erste den Rang einer welthistorischen Tatsache zu.

Die ganze Ordnung der Welt seit der Niederschlagung des 1968er Zyklus, dieser ganze niemals endende Gegenangriff, diese grosse alles umfassende konterrevolutionäre Totalität, wird nunmehr, da der Angriff darauf offen erwogen worden ist, erst sichtbar: in dem Masse, wie diese Ordnung, die man kurz als das bezeichnen kann, was man Normalität zu nennen gelernt hat, als abschaffbar erscheint, verliert sie ihren amorphen Charakter und wird sichtbar als das, was wir den Feind nennen wollen.

Dass dieser Feind noch nicht gesiegt haben könnte: das ist die Hoffnung, zu der der iranische Aufstand berechtigt, und sein Versprechen: dass die verlorenen Kämpfe wiederaufgenommen werden können, dass die Katastrofe, in der wir leben, nicht das Ende der Geschichte sein muss, dass ein Ausbrechen aus der Katastrofe und damit der Beginn der wahren menschlichen Geschichte möglich ist.

1. Wir sehen natürlich, es ist kaum der Rede wert, in der iranischen Revolte mehr und anderes als das Heer derjenigen Spezialisten es tut, die gewerbsmässig diejenige Form von Ignoranz produzieren, die man Information nennt.(2) Diese Leute haben über die Erkenntnisbedingungen in ihrem Beschäftszweig alles gesagt, wenn sie einstimmig erklären, niemand habe diese Revolte vorhersehen können, wo man im Gegenteil nicht anders konnte, als sie vorherzusehen; vorausgesetzt, man sieht das Versteinerte unter der Voraussetzung an, dass es wieder flüssig werden könne, das heisst: vorausgesetzt, man ist kein Spezialist, sondern Revolutionär.

Die Analysten aller Dienste, die Soziologen, die Strategen und die Journalisten, diese ganze Armada erweist sich als nutzlos gegenüber einem ofensichtlichen Faktum, das sie nicht vorhersehen konnten. Die iranische Revolte hat ihnen, für einen kurzen unvergesslichen Moment, das Wort entzogen.

Wir reden nicht von der Elitenkonkurrenz im iranischen Regime, nicht vom Modernisierungsproblem, nicht vom Legitimitätsschwund. Uns interessiert nicht der Orakelspruch dieses oder jenes Ayatallah und nicht die Umtrieben der roten Eminenz. Uns interessiert der unausbleibliche Crash dieses Systems, und dass er nur dann unausbleiblich sein wird, wenn die Revolte ihn unausbleiblich macht; und interessiert die zur Krise radikalisierte Kritik.

Musavi und Ahmadi Nejad, Khamenei und Rafsanjani, interessieren uns nur soweit, dass sie einander auffressen sollen; und dass sie, wie wir wissen, es sofort täten, wenn sie nicht eines fürchten müssten: die Revolte, und dass sie es nur deswegen doch tun, weil sie vor allem eines fürchten müssen: die Revolte.

Die Revolte, sogar das Gespenst der Revolte ist es, ein böser Traum von denen, die das Regime seit 1978 gehenkt und erschossen hat, vor dem sie davonlaufen müssen; der Revolte, die den Zerfall der iranischen Elite, dann den Zerfall der Partei Gottes und zuletzt den Zerfall der Ordnung der Dinge im ganzen Mittleren Osten möglich machen kann, wenn sie siegt. Und sie wird damit diejenige Bühne einreissen, auf der die Menschheit sich im verdrehten Abbild der Konflikte, die sie zerreissen, betrachtet, und das Schauspiel beenden.

2. Eine Analyse des Gefüges der iranischen Macht werden wir nicht schreiben. Aber wir verstehen, dass die unseren eine Landkarte brauchen, um die Ereignisse einzuordnen und die Schlüsse, die wir aus ihnen ziehen, kritisieren zu können.

Nach der Revolution von 1978 löschten der Imam Khomeini und seine Partei Gottes die bürgerlichen Kräfte und die Linke in einem zweijährigen Bürgerkrieg aus und errichteten ihre neue Ordnung. Sie konnten das, weil, wie sich zeigte, die Linke keine gesellschaftliche Kraft mehr repräsentierte. Das Proletariat, das zu führen sie einmal vorgeben konnte, hatte den Pakt im Laufe der 1970er Jahre aufgekündigt, und es war gut beraten daran, denn die Linke hatte nichts zu versprechen als die Hölle der Fabrikgesellschaft auf nationaler Grundlage. Das ist die Wahrheit des Anti-Imperialismus.

Niemand ausser dem Imam, einem Genie der Konterrevolution, wenn je eines war, fiel eine Antwort der Ordnung auf das revoltierende Proletariat ein, das den sofortigen Eingang ins Paradies verlangte. Er verkündete eine abstrakte Erlösung, die das menschliche Glück durchstrich und zusammenfiel mit dem Opfertod im vaterländischen Krieg. Es gelang ihm, die Krise stillzustellen. Gelöst hat er sie nicht.

Die Ordnung, die er gegründet hat, ist ein ständiger Parallelismus zwischen einer Republik, mit Gesetzen und Parlament, und einer islamischen Umwälzung, die nicht vollendet werden kann, und deren Einrichtungen neben dem Staat her bestehen, in ihn eingreifen, im Zweifel ihn bestimmen; eine ständige Gleichzeitigkeit von Republik und Ausnahmezustand.

Die Republik bedarf der Stabilität, Berechenbarkeit, des ruhigen Gangs der Geschäfte. Aber nur die Einrichtungen des permanenten Ausnahmezustands garantieren den Bestand des ganzen Systems. Die Kapitalistenklasse kann den permanenten Krieg und die Mobilisierung der Entrechteten nicht brauchen; aber sie abstreifen, wie eine vergangene Epoche, kann sie auch nicht, denn ohne den Gewaltapparat kann sie nicht herrschen. Die derzeitigen Repräsentanten dieser Partei sind Leute wie Rafsanjani. Die andere Partei ist die Partei der Revolutionsgarden, der Pasdaran.

Die Pasdaran und Ahmadi Nejad sehen in Rafsanjani die Verkörperung der Korruption, die das ganze System eines Tages den Amerikanern verkaufen wird. Rafsanjani und die reformistischen Mulahs sehen in Ahmadi Nejad und seinen Leuten gefährliche Fanatiker, die die Legitimation des Systems in Frage stellen. Beide Seiten wissen, dass die andere Seite auf ihren Tod ausgeht, und beide wissen, dass sie die andere Seite selbst treffen müssen, bevor sie zuschlägt. Aber keine Seite kann zuschlagen, ohne den Obersten Rechtsgelehrten zu beseitigen und damit das ganze System in Frage zu stellen.(3)

3. Das ist die Situation, in der dieses System unglücklicherweise Wahlen abhalten muss.(4) Zur Kandidatur zugelassen wurden wie immer nur erprobte Männer des Systems, ausnahmslos hochrangige Mörder. Einer davon hiess Ahmadi Nejad, ein anderer Musavi: jeder stand für eine der beiden grosse Parteien.

Dass nun die offiziellen Ergebnisse dem einen einen derart unverschämten Sieg zusprechen würden, konnte man tatsächlich nicht wissen, und Gott allein mag wissen, warum seine Partei so ungeschickt manipuliert hat. Dass Musavi die rasende Tollkühnheit besitzen sollte, das Ergebnis nicht zu akzeptieren und „seine“ Anhänger für den nächsten Tag zu einer „Siegesfeier“ aufzurufen, am Abend, auf den Strassen: das hätte man wissen können, wenn man gewusst hätte, wie tief der Riss zwischen den Herrschenden schon ist; wenn man es nicht gewusst hat, weiss man es danach.(5) Dass aber dann mehrere Millionen sich diese Einladung zum Tanz nicht zweimal sagen liessen, das hat man unbedingt wissen müssen. Sie wären auch ungebeten gekommen. Zwei Tage später zeigte Musavi schon, dass er gar nicht in der Lage war, sie zu kommandieren, sondern ihr folgen musste.

Ausgerechnet Musavi, der kalte harte Hizballahi, in der spasshaften Lage, Geisel mehrer Millionen Menschen zu sein, die nicht nur forderten: Nieder mit dem Diktator!, sondern immer mehr: Nieder mit Khamenei!, und das heisst: nieder mit der islamischen Republik. Das hätte er sich nicht träumen lassen, als er noch die Linken hat ausrotten helfen, in den 1980ern.

4. Und nein, das ganze war keine Bewegung für mehr Demokratie, mehr Transparenz, und für eine bürgerliche Ordnung, und schon gar kein von den USA unterstützer Plan des Regime Change, und niemand wird es schaffen, dieser Revolte das lächerliche Epitheton „twitter revolution“ umzuhängen.

Was im Iran ausgebrochen ist, war nicht eine prowestliche „Demokratie-Bewegung“, hier wartet keine Glasnost auf ihren Yeltsin, und auch kein Protest von Studenten mit gutgemeinten Vorschlägen zur Verbesserung des Gemeinwesens, den man, wie in Peking auf dem Tian-a-Men vor 20 Jahren, mit Panzern niederwalzen könnte.

Und nein, es war keine Bewegung der Mittelklasse aus dem Norden Tehrans, keine städtische Bewegung, die an der Mehrheit der Iraner vorbeigegangen wäre, und was des Unsinns allses sonst noch ist, der zentimeterdick über diese paar Tage geschrieben worden ist. Wenn bei Iran Khodro gestreikt wird, während die proletarische Jugend aus der Südstadt zusammen mit den Studenten auf den von brennenden Autos und Banken erleuchteten Strassen Tehrans ihr Fest feiert, dann geht es offensichtlich um etwas anderes als um eine gefälschte Wahl.

Ein gewisser Mulah(6) hat einen grossen Teil dieser Bewegung zu muharibun erklärt, zu solchen, die gegen Gott und seine Gesellschaft Krieg führen; das ist etwas, worauf im iranischen Recht der Tod steht. Und man muss ihm recht geben: wie gross war aber dieser Teil? Hat man tatsächlich für seine Stimme gekämpft, für die Republik, gar für den Kandidaten Musavi? Man hat dessen Einladung angenommen, die Gesten und die Parolen der Revolution von 1978 zu wiederholen; aber hat man sich damit begnügt? Man hat sich damit von Musavi das Recht an der Erbschaft der Revolution abtreten lassen, und man schon hat angefangen, damit ernst zu machen.(7) Als er die Demonstrationen zur Gewaltlosigkeit aufrief und damit zuliess, dass nur die Milizen schossen, hat ihn der grösste Teil verlassen. Das Lager der Revolte ist nicht das Lager seiner Anhänger, und die Konflikte der Elite, zu der er gehört, sind den Revoltierenden schon egal; sie wollen das Ende des Regimes, und sie haben nur vorerst die Schlacht verloren.

Und das heisst: es ist keine politische Macht heute sichtbar, die den Iran nach diesem Regime regieren könnte, und was als grosser Nachteil dieser Bewegung verhandelt wird, dass sie nämlich keinen Führer hatte, wie damals der Imam einer war, das ist für uns ihr grösster Vorteil. Denn die Sache, die heute einzig zu verhandeln lohnt, kann keine Führer haben.

Jede der Mächte ist davor zurückgeschreckt, die Entscheidung zu suchen, weil keine dieser Mächte die Entscheidung überleben würde. Und der einzige Akteur, der die Entscheidung herbeiführen könnte, die in Bewegung geratenen Massen, haben sich von der Bühne zurückgezogen. Aus Gründen, wie man weiss, und nicht für immer. Diese Revolte wird ihre Fortsetzung finden, und bald finden.(8)

5. Was danach kam, war die Repression der Miliz, der Schlägertruppen und der Todesschwadrone. Man weiss nur die Umrisse: aber sie werden sich furchtbar rächen für das, was ihnen getan worden ist. Man hatte sie angegriffen, gleich zu Anfang und ganz offen, ganz gezielt, man hat sogar ihre Kasernern angezündet, sie hatten in den ersten Tagen nicht viel weniger Tote als die Revolte, man hat, was am schlimmsten ist, ihre Macht in Frage gestellt.

Noch weiss man nicht, wie viele von den unseren sie mitgenommen haben, wieviele sie noch foltern, wieviele schon heimlich vergraben sind und wieviele verschwunden bleiben werden. Noch weiss man nicht, ob bei denen, die noch frei sind und am Leben, die Wut schon der blanke Verzweiflung gewichen ist, oder ob sie bereit sind für einen neuen Anlauf.

Aber dass gegen die rechtmässigen Inhaber der Gewalt, gegen die Hüter der Ordnung jede Massregel erlaubt ist, das weiss man bereits.

Die Ordnung herrscht wieder in Tehran; wie lange noch, wie lange! Wir aber erklären, muharibun zu sein, und zu bleiben; das ist unser Gruss an die Genossinnen und Genossen im Iran, unsere Pflicht ist, alles zu tun, dass ihr Beispiel nicht verloren sein wird; und sie nicht allein lassen zu wollen, bis der Tag kommt, wo wir niemanden der unseren mehr alleine lassen müssen.

von Jörg Finkenberger

1 Nach der nicht zu übertreffenden Formulierung der Gruppe um insurrectioniran.wordpress.com.
2 Wenn die Ware das Gegenteil von Reichtum ist, und alles drängt uns, das annehmen zu müssen, dann ist die Information das Gegenteil von Wissen: der informierte Mensch ist derjenige Trottel, der, statt zu verstehen, darauf angewiesen ist, die Produkte der Spezialisten zu kaufen.
3 Ich habe davon abgesehen, diese sehr oberflächliche Darstellung wirklich, mit einer Erörterung der wirklichen Gründe für das iranische Dilemma der Herrschaft, zu vertiefen; ich habe das vor eineinhalb Jahren schon geliefert, http://letzterhieb.blogsport.de/2007/11/29/die-kommenden-revolten-und-ihre-bedingungen/.
Kurz gefasst: das iranische Regime muss versuchen, die zunächst immer unregierbaren Massen zu disziplinieren, und zwar in einer Zeit, in der nicht alle mehr in den Fabriken gebraucht werden können. Das ist seine historische Mission, und wenn es scheitert, weiss niemand, was danach passiert. Es braucht gleichzeitig Krieg, und tiefgreifende Modernisierung, um der Massen Herr zu werden; und das zweite geht nur durch Verständigung mit den USA. Es geht nie beides, und es muss doch beides geben, das erzwingt die Furcht vor den Massen; das Regime muss in zwei Parteien zerfallen, die sich auf den Tod bekriegen und die andere doch nicht besiegen werden wollen, weil sie wissen, dass diese sie mitreisst. Und die es, ich beobachte es aufmerksam, doch vielleicht tut, wenn die Revolte sie dazu zwingt.
Ich habe, übrigens, auch davon abgesehen, die Revolte nach strategischen Gesichtspunkten zu analysieren. Ich zeige kurz auf, was noch zu tun wäre: die Revolte hat sich am Anlass, der Wahl, genüge sein lassen, sie hat den Versuch, sich hinter rein politische Forderungen zu bringen, nicht ausdrücklich zurückgewiesen, sie hat nur symbolisch gezeigt, dass sie nach der Entscheidung gravitiert, und sie blieb vor den alles entscheidenden Punkten stehen: der Bewaffnung und der Besetzung der Fabriken. Die Erdölarbeiterschft ist, das ist vielleicht der entscheidende Mangel, völlig ruhig geblieben. Wahrscheinlich wird einer der nächsten Akte des Dramas, mehr oder weniger erfolgreich, das nachzuholen versuchen.
4 Es ist ein Grundmangel der iranischen Demokratie, dass die Kandidaten vom sog. Wächterrat vorher überprüft und zugelassen werden müssen; in vollends integrierten, dh. vollständig unterworfenen Gesellschaften wie der unseren oder der amerikanischen passiert so etwas spontan, ohne Zutun einer besonderen Stelle. Hier ist Rousseaus Vision schon Wirklichkeit, dass im Wahlakt der einzelne Wähler nicht als Privatmann, sondern gewissermassen als Agent des Gesamtwillens handelt; dass es tatsächlich Leute gibt, die dazu tendieren, den zu wählen, der in Umfragen vorne liegt, lässt sich auch gar nicht anders erklären.
5 Und das musste man wissen! Rafsanjani hat Ahmadi Nejad mit den monfeghin verglichen, den mujahedin e khalq, mit Leuten, die man gehenkt hat; und ist umgekehrt mit ähnlichem belegt worden, zwei Tage vor der Wahl, und die Leute haben gelacht und getanzt dazu auf den Strassen. Wieviel fehlt, und sie erklären sich gegenseitig takfir und verurteilen sich zum Tod?
6 Namens Ahmad Khatami, im zentralen Freitagsgebet, am 25.6.
7 Man hat Allah akbar! gerufen; aber man hat Marg bar Khamenei! dazugesetzt. Das ist das se ut dominum gerere der Revolte: wenn nicht die Republik, sondern die Revolte Erbin von 1978 ist, sind alle Kämpfe wieder offen, und die islamische Republik muss verschwinden.
8 Und der Konflikt zwischen den Herrschenden wird tiefer. Immer noch, und täglich. Es ist ihnen für jetzt gelungen, die Strasse aus ihrem Konflikt herauszuhalten. Es wird nicht bestehen.

Vermischtes

Das Polizei-Spiel

Wir möchten Euch heute ein Spiel vorstellen, das nichts kostet, spannend ist und perfekt für laue Sommerabende geeignet ist. Man kann es alleine spielen, aber mit mehreren Menschen macht es definitiv mehr Spaß. Bei Tag ein Vergnügen, bei Nacht ein Gedicht.
Benötigt wird dazu lediglich ein Polizeiauto auf Streife. Es gibt 3 Spielarten, die unterschiedlichen Nervenkitzel versprechen:
Stufe 1: dir begegnet eine Polizeistreife. Fange an, hektisch in deiner Hosentasche zu kramen. Wirf einen Papierfetzen oder etwas ähnliches, das du in deiner Tasche findest, auf den Boden (ein Punkt) und fange an zu rennen (ein Punkt). Sie werden dich verfolgen (drei Punkte), glaube uns. Wenn du Glück hast, wird ein Polizist auf dem Boden umher kriechen, um die Sachen zu suchen, die du weggeworfen hast (fünf Punkte). Bei der Personalienkontrolle (minus drei Punkte)solltest du dir möglichst blöde Antworten einfallen lassen, dies treibt den Spaß auf die Spitze.
Stufe 2: Renne vor der Polizei weg (ein Punkt) und schmeiße dich in eine Hecke oder verstecke dich woanders (drei Punkte). Sieben Punkte bekommst du, wenn sie dich nicht finden, minus drei Punkte, wenn sie dich „erwischen“.
Stufe 3: Mit mehreren Spielern verwirrt ihr die Polizei noch mehr, indem ihr urplötzlich in ganz verschiedene Richtungen rennt (zwei Punkte).
Das Spiel macht mehrere Stunden Spaß. Gewonnen hat bei mehreren Spielern derjenige mit den meisten Punkten. Einzelspieler können aber auch einen städteweiten, nationalen oder auch internationalen Highscore einrichten, um sich mit anderen zu messen. Viel Spaß!

Die Krawalle in Berlin und Hagen Strauss in der Mainpost

Herr Strauss scheint ein Szene-Kenner zu sein. Er kennt die Bedürfnisse der Menschen, er kennt ihre Existenzängste. Und er kennt natürlich auch diejenigen, die keine Ängste besitzen dürfen, weil sie nicht die Seinen sind. Zum ersten Mai in Berlin schreibt Herr Strauss deshalb auch, dass die „verblendeten Links-Autonomen […] gar nicht motiviert durch reale Existenzängste“ seien. Aber Herr Strauss weiß nicht nur viel über die Chaoten, sondern weist auch dem Proletariat den Weg in die Zukunft. Denn „Klassenkampf ist sowieso etwas anderes.“ Genosse Strauss, großer Steuermann, zeige uns, was der richtige Klassenkampf ist! Wir sind gespannt.

Was wir von Gregor Gysi lernen können

Uns scheint es, als hätten sie, Herr Gysi, an einem Redaktionstreffen des Letzten Hypes teilgenommen. Und andererseits verdeutlichen Sie uns, wie sehr wir einer Polit-Sekte mit den üblichen Ego- und Alkoholproblemen ähneln. Denn ähnlich wie bei den K-Grüppchen innerhalb der USPD hocken auch wir zusammen, „schlechtester Rotwein, alles vollgequalmt, ein bisschen Petting, am Ende verabschiedet man ein Papier von 35 Seiten, in der die Welt analysiert ist, aber haarscharf.“ Wir haben die Anspielung im Spiegel-Interview verstanden, Herr Gysi, und wollen sie auf zwei kleine Fehler hinweisen:
1.In Sachen Petting haben Sie uns einiges voraus. Meistens kommt es trotz, oder gerade wegen, des Vollsuffs nicht zum Fummeln.
2.Der Letzte Hype hat zumeist nur 28, manchmal auch 32 Seiten. Außerdem sind nur gerade Seiten möglich.
Wenn es Ihnen Freude bereitet, mal an einer Redaktionssitzung des Hypes teilzunehmen (ob mit oder ohne Petting), dann schreiben Sie doch an letzterhieb@gmx.de. Keine falsche Scheu!

Deutschstunde im Spiegel

Nach „Wir Deutschen“, „die Geschichte der Deutschen“, „die Deutschen“ und „Unter Deutschen“ beschert uns der Spiegel einen neuen atemberaubenden Titel in der Reihe der kollektiven Konstruktionen: „Der verschenkte Frieden- Warum auf den Ersten Weltkrieg des zweiter folgen musste“. Das Lesen des Titels reicht bereits, um Deutschlands neue weiße Weste, an der der Spiegel fleißig mithäkelt, zu begreifen. Denn „uns“ blieb anscheinend nach Versailles nichts anderes übrig, als zu einer barbarischen Bande von Nazis zu werden. Die weiteren Ausführungen zu Nahost-Konflikt, USA und Vietnam sind ebenso gruselig, wenn nicht gruseliger. Bitte nicht lesen, es ist die Zeit nicht wert. Macht lieber etwas schönes.
Welchen Titel man wohl nie auf dem Spiegel finden wird: „Was sie schon immer über Deutschland wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten…“

Von Liberalen und anderen Balzvögeln

Hunter S. Heumanns Bericht zweier blau-weißer Festivitäten

Nun, es passiert ja nicht gerade viel in der Gegend. Die Langeweile ist derart groß, dass ich den Polizeibericht eines vergangenen Wochenendes als kleines Highlight für mich entdeckt habe. Ein paar Schlägereien, Vandalismus, Exibitionisten und ab und zu sogar eine brennende Mülltonne. Dieser Öde entkommt man schwer.
Es sei denn, man schafft es, sie zu verdrängen. Hilfsmittel ist dabei entweder der liebe Herr Alkohol oder der Besuch von absurden Veranstaltungen. Das größte Vergnügen ist jedoch die Kombination beider. Und so kam es, dass ich zwei ganz besondere Highlights in meinem Kalender der gepflegten Unterhaltung eingetragen hatte, bei denen den Farben blau und weiß eine besondere Bedeutung zukam.
Die erste Veranstaltung, der ich beiwohnte, war ein Umzug gegen Deutschland. Als Ort für diese vielversprechende Demonstration hatten sich die Veranstalter das brodelnde Herz Germaniens ausgesucht: Kitzingen. Es gibt viele Gründe, gegen Deutschland zu sein, Kitzingen ist aber mit Sicherheit einer der besten.
Nach einer schlimmen Nacht, vernebelt von dichtem, schwerem Tabakduft, klingelte es am Morgen an meiner Türe. Auf meinen Synapsen spielte der Obstler noch immer Punkrock. Das Aufstehen fiel mir wahrlich schwer. Bevor ich die Türe erreichte, schnappte ich mir noch mein Pfefferspray- denn man kann ja nie wissen, welche Freaks schon wieder vor der Wohnung stehen. Was sich mir darbot, kam tatsächlich einer Freakshow relativ nahe. Da standen drei Leute mit verquollenen Gesichtern und Augenrändern bis zum Allerwertesten. Einer stammelte irgendetwas von „Elektroparty“ und „Nacht durchgetanzt“. Ach richtig, das waren die Herren, die mich zur Demo abholen wollten. Mit flauem Gefühl im Magen stieg ich also ins Auto. Im Nachhinein frage ich mich, ob es der Gesamtsituation zuträglich war, dass ich es genoss dem Fahrer während der Fahrt vom hinteren Sitz permanent meine Knie in den Rücken zu rammen. Vielleicht war dies aber auch die einzige Möglichkeit, ihn wach zu halten. Wir werden es nie erfahren.
Wir kamen in Kitzingen an. Die Sonne schien, die Tiere am Mainufer freuten sich über diesen wunderschönen Frühlingstag. Zumindest nahm ich es so wahr. Ein böser Mann mit blauen Adiletten und feuerrotem Kopf schimpfte von seinem Balkon herab. Seine Stimme klang wie ein Polizeiauto, inklusive Doppler-Effekt. Er schien nicht sehr erfreut darüber, dass die Abschlusskundgebung dieser Demonstration vor seinem Haus stattfinden sollte. Dicke Luft, ich hätte auffallen können, nur raus hier. Mir war das ganze Theater sowieso recht egal. Ein Freund und ich setzten uns bis zum Anfang der Demo an den Main und schauten Enten beim Geschlechtsverkehr zu. Ein faszinierendes Schauspiel! Der Umzug sollte am Bahnhof beginnen, und so begaben wir uns in seine Richtung. Was gehört zu einer guten Bahnhofskneipe, in der man sich schon um die Mittagszeit volllaufen lassen will? Das rustikales Ambiente, Sportwimpel, Faßbier- sonst nichts. Und genau eine solche fanden wir auch vor, was uns zum Konsum von einem, zwei oder auch drei Hopfengetränken verleitete. Von den gemütlichen Stühlen im Hof der Trinkhalle konnten wir dann auch beobachten, wie lange vor den Demonstranten die Ordnungshüter den Platz inspizierten- und mit Ihnen dieser Herr vom Staatsschutz mit dem schönen Holzfällerhemd und der modischen Sonnebrille. Irgendwann ging die Demo dann auch los. Es gab 100 Israel-Fähnchen, 50 Demonstranten und kaum jemanden auf den Straßen. Ein paar Kids freuten sich über die Bonbons und Plätzchen, die von Antifas verteilt wurden. Lächelnde Kinder waren dann aber auch schon die ganze Außenwirkung dieser antideutschen Hateparade. Die Musik vom Lautsprecherwagen war schlimm. Ich wünschte mir Schleimkeim, aber niemand wusste, was ich damit meinte. Punk ist halt auch nicht mehr, was er mal war. Angekommen bei der Abschlusskundgebung trank ich noch ein paar Vodka-Redbull. Mir wurde schwindelig. Betrunken in Kitzingen. Die Reise war’s wert.
Wenige Tage später hatte meine Leber bereits das nächste weiß-blaue Großereignis zu befürchten: Die Kanzlerin sollte in unsere gottverlassene Stadt kommen. Aber niemand hatte ihr einen Thron gebaut. Bewaffnet mit einer Flasche Apfelkorn und einer Hubschraubermütze begab ich mich barfüßig zum Marktplatz. Und verdammt, dieses unentwegte Augenzucken. Hunderte, wenn nicht tausende Menschen, viele mit Lederhosen an, fast alle mit Schaum um den Mund, warteten gespannt auf die Rede der Fürstbischöfin. Ich setzte mich an den Obelisken, an dem sich am Wochenende normalerweise die Punks treffen, und versuchte, mein zuckendes Auge in den Griff zu kriegen. Keine Punks in Sicht. Deren Rolle sollten heute die Milchbauern spielen. Die Landwirte protestierten gegen den niedrigen Milchpreis und riefen unverständliche Dinge, die wie ein lautes „Muuh!“ klangen. Wenn mich meine Sinne nicht täuschten, hatten die Milchbauern sogar eine Kuh mitgebracht, die stark nach Stall roch. Die freundliche Kuh schmatzte zufrieden vor sich hin. Kurz überlegte ich mir, ob ich ihr ein paar Pommes vom Marktstand holen sollte. Die Widerkäuerin war zweifellos die sympathischste Person auf dem gesamten Platz. Aber ein Ereignis machte meine Pläne zu nichte: Da stand er wieder, der Mann vom Staatsschutz. Er hatte immer noch das selbe Holzfällerhemd an. Ob er es zwischendurch wenigstens mal gewaschen hatte? Eine Angstattacke überkam mich. Kann es sein, dass dieser Mann mich verfolgt? Dass es weiß, dass ich selten vor zwölf Uhr aufstehe, dass er mich beim umziehen beobachtet? Ich versuchte, mich hinter der Kuh zu verstecken, die vielleicht gar keine Kuh war. Die Rede der Königin hatte bereits angefangen. Ich kann mich an kein einziges Wort mehr erinnern. Im Schatten der Kuh drückte mir ein junger Mann ein Flugblatt einer liberalen Partei in die Hand. Seine Art und Weise, um die Leute herumzutänzeln und Wahlpropaganda zu verteilen ähnelte dem Balztanz der Enten bis ins Detail. Bei genauerem hinsehen erinnerte mich der junge Mann aber nicht mehr an ein süßes Entchen, sondern eher an einen Kampfhahn mit etlichen Schmissen im Gesicht. Da waren noch mehr Menschen, die Flugblätter verteilten. Eine bedrohliche Situation. Sie hätten mich mit ihren Schnäbeln zerhacken können. Sollte dies mein Ende sein? Panisch rannte ich davon, schreiend stieg ich in die erste Straßenbahn, der ich begegnete. Zufälligweise war es die richtige. Ich schleppte mich in mein Bett und schlief 20 Stunden am Stück. Ich bin wirklich froh, noch am Leben zu sein.

Hunter S. Heumann

Codex Cairo

Codex Cairo

Über die freiwillige Selbstkontrolle der sogenannten Jugend- und Subkultur Würzburgs

Es gibt wohl wenige weitere Städte über 100.000 Einwohner in Deutschland, in denen die selbst ernannte Subkultur derart gut abgehangen daherkommt. Je weniger dem Begriff Subkultur eine gesellschaftliche Realität zukommt, desto mehr scheint man der Lüge, dass eine Integration in städtische Jugendarbeit irgendetwas mit alternativer Subkultur gemein haben könnte, als Selbstbestätigung zu bedürfen. Jegliches negative Potential, das in in einer Subkultur vielleicht einst steckte, ist und wird verbraucht. Das Autonome Kulturzentrum hatte es verloren und sich damit selbst ad absurdum geführt, das Cairo als neues AKW mit besserer Organisationsstruktur und perfektionierten Integrationsmechanismen betreibt die Konsensstiftung mit dem Bestehenden nahezu perfekt.

Subkultur brought to you by Stadtsparkasse Würzburg

Als sich ein paar Leute vor einem viertel Jahrhundert entschlossen, das Autonome Kulturzentrum zu errichten, war es mit Sicherheit noch möglich, den Begriff Subkultur zu verwenden, ohne dabei an staatlich eingehegte Vergnügungstempel zu denken. Denn es schwang ein kritisches Potential mit, das eine Realität besaß: Nämlich die Perspektive, dass die Geschichte noch gar nicht begonnen habe, dass ein gesellschaftlicher Umbruch möglich sei, der die Mauern der alten Welt einreißen werde, und damit die Gewissheit, dass sich eine Bewegung gegen das Alte stellen könne, die nicht nur aus ein paar Linksradikalinskis bestehen würde, sondern aus einer breiten Gegenbewegung, zusammengesetzt aus, im weitesten Sinne, alternativen Kulturschaffenden.
Die Geschichte zog einem solchen Verständnis von Subkultur den historisch-realen Boden unter den Füßen weg. Was sich in den 80ern als alternative Subkultur verstand, wurde spätestens in den 90ern die Avantgarde der neubürgerlichen Produktivkraftentwicklung. Wer sich vorgestern noch im subkulturellen Sumpf bewegte, verstand sich gestern schon als kommunaler Anwalt eines verstümmelten, herrschaftsaffimativen Verständnisses eben dieser Subkultur. Im AKW mag bis vor ein paar Jahren noch der eine oder andere kritische Gedanke konserviert worden sein, der einst in der Subkultur steckte, am Ende blieb davon nicht mehr übrig als eine schwache Erinnerung. Interessanterweise, und im Nachhinein wohl auch fatalerweise, fand in Würzburg nicht das „Outsourcing“ des kritischen Potentials statt. Denn die Marginalisierung der linken Herrschaftskritik führte in anderen Städten durchaus zu zahlreichen Neugründungen von kleineren autonomen oder alternativen Kulturzentren. Im Nachhinein ist es schwer nachzuzeichnen, weshalb dies in Würzburg nicht geschah. Mit Sicherheit spielte die Wahrnehmung des AKWs als das eigentliche subkulturelle Kulturzentrum, das aber längst keines mehr war, eine bedeutende Rolle. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die gesellschaftliche Entwicklung den kritischen Begriff von Subkultur zunichte gemacht hat, und dass genau deshalb städtische Jugendzentren wie das Cairo oder der B-Hof(1) eigeninitiative „Kulturschaffende“ anziehen können, die sich als Teil einer wie auch immer gearteten alternativen Subkultur verstehen, obwohl das kritische Potential beim Eintritt in die ehrenwerte Gesellschaft der Jugendarbeit an der Garderobe abgegeben werden muss.

Du bist Würzburg

Die Ironie an der Sache ist, dass durch das Ende des AKWs eine Wahrheit endgültig ans Licht kommt: städtischen Kulturzentren kommt die Deutungshoheit über den Begriff von Jugend- und Subkultur zu. Während sich die so genannte Hochkultur noch einbildet, eine eigenständige, unabhängige Sphäre zu sein, hat dies die Jugendkultur überhaupt nicht mehr nötig: Was „Independent“ ist, das bestimmt nun die Stadtkultur. Dabei darf eine Sache nicht falsch verstanden werden: obwohl es das Cairo natürlich bewusst intendiert, den Extremismus aus dem Jugendkulturhaus heraus zu halten, kann die Abmilderung von jeder kulturellen Veranstaltung nicht an einzelnen Menschen festgemacht werden: Es sind die Charaktermasken der städtischen Sozialpädagogik, welche ihren Sinn immer in der gesellschaftlichen Integration der Jugend hatte und hat. Diese Rolle spielt das Cairo nahezu perfekt. Das Jugendkulturzentrum stellt die Scharnierfunktion zwischen selbstinitiativem Engagement und der Konsensstiftung mit kommunaler Kultur dar.
Und so kommt es, dass die Stadt nicht mehr als Gegnerin, sondern als Partnerin wahrgenommen wird. Die AgentInnen der städtischen Jugendarbeit treten dabei als Anwalt der sich selbst zähmenden Jugend- und Subkultur auf, während die Kulturbeauftragten der Stadt Würzburg dieser Art von Kultur zum größten Teil Wohlwollen entgegenbringen, solange nach deren Spielregeln gespielt wird. Und es wird nach den Spielregeln gespielt.
Die VeranstalterInnen müssen nicht dazu gewungen werden, unerwünschte Veranstaltungen zu unterlassen. Dadurch, dass man sich in der Sphäre der städtischen Jugendkultur bewegt, lernt man automatisch, was man zu tun und zu lassen hat. Es handelt sich um eine Freiwillige Selbstkontrolle zugunsten des Würzburger Images.
Während der Begriff von Subkultur, wenn auch in einer völlig verstümmelten Variante, noch Bedeutung für gewisse Leute besitzt, ist der Begriff der Selbstorganisation anscheinend völlig aus dem Vokabular der Würzburger „Szenekultur“ verschwunden. Die Vorstellung, dass es möglich sein kann, ohne die Vermittlung von jugendkulturellen Anwälten der „Szene“ und ohne das Wohlwollen der Stadt etwas auf die Beine zu stellen: Sie scheint den Leuten, die in Ihrer Jugend vielleicht mal Revoluzzer spielten und heute Kulturschaffende sind, völlig abhanden gekommen zu sein. Keinen Begriff mehr von kritischen Interventionen und Gegenkultur zu haben bringt die Zufriedenheit mit dem totalitären Unheil zum Vorschein, die die sozialpädagogische Selbstzähmung geschaffen hat.

Die schlechteste Ausrede

In Debatten über die Möglichkeit, in Würzburg etwas zu schaffen, das sich der kulturellen Standortlogik entzieht, hat sich bei vielen Menschen eine Argumentationsweise eingeschlichen, um die eigene Resignation zu rechtfertigen oder ganz zu vertuschen: Würzburg sei eben Würzburg, hier gebe es weder eine linke Szene noch die Möglichkeit, etwas kritischeres als das Cairo zu errichten.
Ich halte dieses Argument für eine schlechte Ausrede, um der eigenen Lethargie einen höheren Sinn zu geben. Würzburg ist weder zu klein (in kleineren Städten wie Gießen, Hanau oder Göttingen gibt es auch alternative Zentren), noch zu bayerisch (selbst in einem Kaff wie Sulzbach-Rosenberg gibt es ein selbstverwaltetes Jugendzentrum), noch sind alle Zufrieden mit der gesellschaftlichen Totalität. Man kann scheitern, selbstverständlich. Aber um Scheitern zu können, muss man zuerst einmal begonnen haben. Was den Leuten fehlt, ist das Anfangen-können, das tiefe innere Vertrauen, dass man am Ende seine Ziele erreichen wird.
Es gilt, die Fragen, die scheinbar nicht mehr gestellt werden, neu zu stellen. Was will, was kann Jugendkultur? Welche Funktion erfüllt städtisch subventionierte Kultur? Die Geschichte hat das kritische Potential von Begriffen wie Kultur, Politik und Kunst unter sich begraben. Es gilt, dieses freizubuddeln. Nicht für Würzburg, sondern für diejenigen, die ihren Frieden mit dem falschen Ganzen noch nicht geschlossen haben.

Jetzt ist die Zeit, hier ist der Ort.

Benjamin Böhm

(1) Interessant ist die unterschiedliche Art und Weise, wie Jugendkultur im B-Hof und im Cairo stattfindet. Im B-Hof besteht noch ein offener Jugendbereich, es wird ein jüngeres Publikum angesprochen und die veranstalteten Konzerte dürfen auch ZuschauerInnen vom linken Rand ansprechen, um diese durch die Sozialpädagogik gesellschaftlich zu integrieren. Im Cairo hingegen wäre es schwer möglich, ein Konzert mit Antifa-Emblem auf dem Flyer zu veranstalten. Ein wesentlich älteres Publikum wird angesprochen, dem man natürlich die anarchistischen Kindereien aus dem B-Hof nicht zutrauen möchte. Die Revolution, eine Sache für pubertierende Teenies.

Anmerkungen zum Bildungsstreik

Wer hätte gedacht, dass es noch einmal nötig sei, in diesem Magazin die Proteste der StudentInnen mit einem Wort zu erwähnen. Doch die Ereignisse beim kürzlich stattgefundenen so genannten Bildungsstreik verdeutlichen zu viel, als dass man sie ignorieren könne.
Zuerst einmal: Es handelte sich um keinen wirklichen Bildungsstreik. Die 2000-3000 SchülerInnen und StudentInnen, die sich der großen Demonstration anschlossen sind nichts gegen die restlichen tausenden Studierenden, die zur gleichen Zeit in den Hörsälen saßen, weil sie zutiefst zufrieden mit dem Status Quo sind. Die Mehrheit der Damen und Herren Studierenden interessiert sich nicht für die Forderungen, einfach und alleine aus dem Grund, weil sie mit der Situation zufrieden sind. Genau deshalb kann eine Aktion nicht im isolierten Kreis der zukünftigen und gegenwärtigen Studierenden stattfinden, wenn der Protest zu einer Revolte werden soll.
Die Art und Weise, wie es die OrganisatorInnen schafften, der Demo einen revolutionären Charme zu verleihen, um sich am Ende zu beschweren, wenn ein paar hundert Menschen diesen Anspruch ernst nehmen, war zutiefst zynisch. An gewissen Orten wurden Sitzstreiks simuliert, bis ein Ordner die Leute aufforderte, bitte wieder aufzustehen- und sie folgten zunächst noch. „Was ist das Problem? Das System!“ wurde durch das Megaphon gebrüllt, um den DemonstrantInnen das Gefühl zu geben, hier handele es sich nicht um eine Wahlkampfveranstaltung des SDS, der Jusos oder Grünen, sondern um einen Aufruhr gegen das große Ganze. Weit gefehlt! Am Ende kamen ein paar Leute dann doch auf einen vernünftigen Gedanken: Sie hatten keine Lust mehr, sich von OrdnerInnen vorschreiben zu lassen, was zu tun sei, und brachen aus der Demonstration aus. Im Nachhinein wäre die Sabotage wirkungsvoller gewesen, wenn man den Röntgen-Ring besetzt hätte. Aus Mangel an Mut und Menschen musste man dieses Unternehmen wieder aufgeben, bis Verstärkung angerückt war. Die Sitzblockade, die anschließend an der Juliuspromenade stattfand, war zweifellos das Beste, was Studierende Im Kontext der Proteste in den letzten Jahren hervorgebracht haben, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens trennte die Sitzblockade denjenigen Teil der StudentInnen, der die Generalprobe für die große Politik spielen möchte, von denen, die die Demoparole „Wenn wir wollen, steht alles still!“ ernst nehmen. Dazu im nächsten Absatz mehr. Zum anderen hat die Aktion dazu geführt, auch in Würzburg ein paar Studierenden den Sinn von Sabotage zu verdeutlichen. In Frankfurt am Main besetzte man während der Studiengebührenproteste Plätze, Gebäude und Autobahnen, während im braven Würzburg 2005 ein einziges Polizeiauto genügte, um tausende Menschen in Zaum zu halten. Über das Ende des Sitzstreiks muss nicht viel verloren werden- die OrdnungshüterInnen rückten nicht nur mit StreifenpolizistInnen, sondern auch mit Bereitschaftspolizei und Staatsschutz an, filmten die Kundgebung und lösten letztendlich den Sitzstreik auf. Die Staatsmacht war sich des Ernstes der Lage durchaus bewusst.
Im Nachhinein kam das Aktionsbündnis Bildungsstreik in Würzburg zu einer klugen Einschätzung, die ich den OrgansatorInnen in dieser Klarheit gar nicht zugetraut hätte: Natürlich distanzierte man sich zuerst einmal vom Sitzstreik. Wer ein sauberes Image als PolitikerIn haben möchte, darf natürlich die WürzburgerInnen nicht mit einem Sitzstreik erzürnen. Daher kommt man zum Schluss, dass es sich bei der Splittergruppe um eine Gruppe mit antideutschen Parolen gegen den Staat gehandelt habe. Das Aktionsbündnis selbst richte ihre Forderungen aber nicht gegen, sondern an den Staat. Sehr richtig! Die Trennung zwischen JungpolitikantInnen und revolutionären Kräften unternehmen also auch die OrganisatorInnen. Natürlich hat man auch gleich das passende Schimpfwort parat, um die anderen von den SaboteurInnen fernzuhalten: es seien Antideutsche. Wenn jede Agitation gegen die politische Form der kapitalistischen Gesellschaft, den Staat, antideutsch ist, dann scheint es für die offiziöse Studierendenpolitik nur noch sie oder die Antideutschen zu geben. Mir soll das recht sein. Zwei Tage später versuchte man dann, den Berliner Ring zu besetzen. Zweifellos eine gute Idee.
Es stellt sich die Frage, was der Sitzstreik bedeutet, und ob er überhaupt irgendetwas zu bedeuten hat. Vielleicht war er nicht mehr als ein spontaner Einfall und eine Verkettung von Zufällen. Vielleicht ist der Sitzstreik aber auch ein Anfang für einen neuen Zweifel an offizieller Unipolitik und den ausgelatschen Pfaden ihrer Agitation. Wenn es in Würzburg auch, im Vergleich zu anderen Städten, kein linksradikales akademisches Milieu gibt, so könnten doch einige Leute für zukünftige Aktionen ihre Lehren aus dem Sitzstreik gezogen haben. Nicht vergessen werden darf dabei jedoch, dass die Revolte erst eine sein wird, wenn man das akademische Milieu verlässt, um das Öl dorthin zu bringen, wo Feuer ist.

Yvonne Hegel

Hype 12 erschienen! Printausgabe online!

Yeah, unter Printausgabe könnt ihr ab jetzt den Hype 12 runterladen.

Außerdem gibt es die Ausgabe natürlich in Print wie immer an den üblichen Stellen…..

Kritik des Poststrukturalismus

Weil es im Hype-Umfeld in letzter Zeit ein paar Debatten über das Verhältnis von Kritischer Theorie und Poststrukturalismus gab, hier der Mitschnitt einer Vorlesung Alex Grubers und Florian Ruttners mit dem Thema „zur Unmöglichkeit poststrukturalistischer Gesellschaftskritik“.

Ein kleiner Vorgeschmack auf den Hype 12

Willkommen zur Kotzkolumne- es gibt vegane blaue Zipfel

Die Kochkolumne ist ja Rainer Bakonyis heilige Kuh. Da ich selten Fleisch esse, fällt es mir wirklich schwer sie zu schlachten. Aber es muss sein. Seit zwei Jahren hält er uns zum Narren. Seine Gerichte kann man entweder besoffen nicht kochen, weil man dabei einschläft, oder die Produkte gibt’s nicht beim Discounter. Und mal ehrlich, was soll am Gaisburger Marsch gut sein? Nein, so geht das nicht!
Die Drohung stand schon lange im Raum, jetzt mache ich’s wahr und schreibe meine eigene Kochkolumne. Im Gegensatz zu Rainer Bakonyi („Rainer Bakonyi lebt in Würzberg. Er schreibt regelmäßig für das akw! info und ist Wirt.“ Phase 2) behaupte ich gar nicht, dass mein Gericht gut schmecke. Ganz im Gegenteil, der Versuch, vegane Blaue Zipfel zuzubereiten, war mit Abstand das ekelhafteste, das ich je gekocht habe. Betrachtet es deshalb als Chance, ungeliebte Gäste loszuwerden, mit eurer Freundin oder eurem Freund Schluss zu machen oder einfach mal gepflegt zu kotzen. Et voilà:

Sie brauchen:
Für die blauen Zipfel: vegane Sojawürste, Wacholderbeeren, Lorbeerblätter, Essig, Öl, Salz, Pfeffer;
Für das bayrisch Kraut: Weißkohl, Gemüsebrühe, Kümmel, Räuchertofu, Essig, Zucker, Öl, Zwiebeln
Für den Kartoffelbrei: Kartoffelbreipulver, Sojamilch ungesüßt

Zubereitung:
Schneidet das Kraut in riesige Stücke, so dass sie nicht gar werden können. Verwendet den Stumpf am besten auch. Zwiebeln würfeln. Räuchertofu (wichtig: viel Räuchertofu verwenden, vielleicht sogar mehr als Kraut. Das macht die Sache besonders widerlich.) würfeln und frittieren. Die Zwiebeln andünsten, mit Wasser, Essig und Zucker ablöschen. Das Kraut und den Kümmel mit einer übertriebenen Menge Gemüsebrühe aufkochen, bis kein Wasser mehr übrig ist. Am Ende Räuchertofu hinzufügen.

Wasser, Essig und Öl zu gleichen Teilen, Sojawürste, Wacholderbeeren, Lorbeerblätter und Sojawürste in einen Topf geben und köcheln. Nicht vergessen werden darf dabei, dass der Sud bitter werden muss. Ich habe keine Ahnung, wie ich das hinbekommen habe. Es soll auf jeden Fall wie Lebertran schmecken. Die Sojawürste nehmen den Geschmack des Suds nicht auf, egal wie lange ihr sie köchelt. Versucht’s erst gar nicht. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Den Kartoffelbrei so zubereiten, wie es auf der Packung steht. Statt Muhmilch Sojamilch verwenden.
Ich wünsche ein gutes Erbrechen!

Hunter S. Heumann,
welcher an dieser Stelle weiterhin noch folgende Kochbücher empfiehlt, um das Kochen im Gesamtzusammenhang der Verhältnisse zu begreifen:

- das große Buch vom Fleisch von Nikolai Buroh
- Wo unser essen herkommt von Willi Spatz
- Natural born Killer von Rainer Bakonyi im akw-info August 1994
- Schnaps brennen. Rezepte für Obstbrände und Ansatzschnäpse. Schritt-für-Schritt-Anleitungen von Herbert Herbst