Gott ist untot

Zur Kritik der Religion. Von den kommenden Revolten, Teil 6

Seit der letzte bürgerliche Filosof den Tod Gottes proklamiert hatte, reissen dennoch die teilweise bestätigten, teilweise unbestätigten Nachrichten von neuerlichen Sichtungen nicht ab; dergestalt, dass es heute wahrscheinlich niemanden Wunder nähme, wenn in den Zeitungen, unter den übrigen Überschriften, auch die Nachricht vom Wiedererscheinen Jesu über Damaskus vermeldet würde.

Der Atheismus gerät in einer solchen Zeit in die äusserst spasshafte Lage, eine Wahrheit verkünden zu müssen, die niemand hören will oder, wie es sogar scheint, verstehen kann. Dass es keinen Gott gibt, erscheint angesichts der Massen, die finster entschlossen zu sein scheinen, an ihn zu glauben, als absurd, fast diskreditiert; er ist doch eine Realität, wenn auch reiner Wahn.

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Gott bedeutet nichts anderes als die Knechtschaft des Menschen, weil der Begriff zwei Tatsachen ausdrückt: die, dass der Mensch unfrei, unvollkommen ist; dann die, dass ein freies und vollkommenes Wesen für den Menschen aber denkbar ist. Was denkbar ist, ist aber auch immer möglich; aus der tatsächlichen Unfreiheit und Unvollkommenheit des Menschen folgt zwingend die Freiheit und Vollkommenheit Gottes. Der Begriff Gott erweist sich also als eine verrätselte Abbreviatur eines Begriffes von gesellschaftlichen Herrschaft. Löst man ihn ins Negative auf, erhält man unmittelbar alle Ergebnisse der Religionskritik nach Feuerbach und ganz deutlich den Imperativ nach Marx, alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch und so weiter. (1)

Die Aufklärung, die das Bürgertum im Sinn hatte, hat nun angeblich, nach dem Wort eines zweifelhaften Gelehrten, die Welt entzaubert. Ihre Wissenschaft erklärte, Gott sei eine Hypothese, derer sie nicht mehr bedürfe. Von der Vernunft, die seine Stelle einnehmen sollte,(2) ist aber nichts zu sehen. Die aufgeklärte bürgerliche Gesellschaft entfaltet sich stattdessen nicht nach Massgabe einer allgemeinen menschlichen Vernunft, sondern unter dem Gesetz des Kapitals und des Staates.

Hier lebt die Menschheit nun, unter der Herrschaft eines Gedankendings, das nichtsdestoweniger eine Realität ist, und sogar in einem gewissen Sinne die einzige Realität: denn das Produktionsionsverhältnis des Kapitals, der Wert, der sich selbst verwertet, ist zum einzigen geworden, was an dieser Geschichte noch kontinuierlich ist, zum einzigen Subjekt der Geschichte. Der sich verwertende Wert schreitet durch die Geschichte, die nur noch die Geschichte seiner eigenen Entfaltung ist. In ihm ist Hegels Weltgeist, diese filosofische Fassung des Gottes der Christen, zu einer schrecklichen Wirklichkeit geworden.

2
Der religiöse Fanatismus unserer Tage ist nicht das einfache Fortleben der Religion der Vorzeit, sondern eine Neubildung; die Religion selbst ist erledigt, das Kapital ist ihr Erbe. Die Religion erhält sich aber am Leben, weil ihre Abschaffung misslang. Der Atheismus der bürgerlichen Revolution konnte sie nicht abschaffen, denn man kann die Religion nicht abschaffen, ohne sie, auf eine gewisse Weise, zu verwirklichen. Und die Abschaffung der Religion, in diesem Sinn, ist die Voraussetzung der Abschaffung von Staat und Kapital.

Der Atheismus hat nun an der Religion nicht das fundamentale Rätsel durchzustreichen vermocht, dass der Mensch unfrei, unvollkommen ist, aber frei und vollkommen sein müsste; er hat nur die Existenz Gottes ausgestrichen, die scheinbare Lösung des Rätsels. Er hat jene Auflösung ins Negative nicht betrieben, dass der Mensch die Vollkommenheiten, die er Gott zugeschoben hatte, in sich selbst zurückholen müsste; mit einem Wort, er hat mit dem Begriff Gott auch den Gedanken durchgestrichen, was der Mensch sein könnte. Die Verwirklichung dieses Gedankens wäre die wirkliche Lösung des Rätsels gewesen, nämlich die befreite Menschheit.

3
Jede Religion bedarf einer Mythologie, die auseinandersetzt, warum die Vollkommenheit und Freiheit, die dem Menschen doch denkbar und damit möglich sind, von diesem getrennt sind und allein Gott zukommen. Und keine Religion kann ohne ein Versprechen auskommen, dass diese Trennung, aus deren paradoxer Plausibilität sie doch ihre Kraft bezieht, einmal aufgehoben werden würde. Der Begriff Gott selbst enthält diese Spannung, die allerdings je nach Religion verschieden aufgelöst wird. Die Religion, die Lehre vom wirklichen Elend, erscheint so als Lehre von der vorgestellten Erlösung.

Das bürgerliche Zeitalter, das den christlichen Gott zum Staat und zum Kapital säkularisiert hat, hat sich besonders leicht getan, diese bloss vorgestellte Erlösung zum Spott zu machen; es hat schliesslich auch, aus der christlichen Religion, die Vorstellung übernommen, Gott, der erlösende, wirke bereits in der Geschichte. Aus dem Hereintreten eines Mensch gewordenen Gottes in die menschliche Geschichte, als Erlöser, ergab sich schon immer die schliessliche Erlösung als Gewissheit, als unabwendbare Tatsache, auf die die Geschichte hindränge. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, in der Idiotie des Glaubens an einen Fortschritt noch die Figurationen des christlichen Heilsgeschehens am Werk zu sehen; ein weiteres Zeichen, wie wenig diese angeblich so säkularisierte Welt von der Theologie sich emanzipiert hat.

Die christliche Lehre von der Erlösung, wie sie in Gegensatz zur jüdischen Lehre tritt, erklärt die Erlösung für eigentlich schon geschehen, den Zwiespalt zwischen der erlösungsbedürftigen Schöpfung und dem Gesetz, unter dem sie steht, schon für aufgelöst. Dem gegenüber entwickelt sich in den gleichen Jahrhunderten die jüdische Lehre dazu, an dem Gegensatz als einem unversöhnten festzuhalten. Der Islam hat später versucht, in diesem historischen Gegensatz als Synthese aufzutreten; aber in der entscheidenden Frage, ob nämlich Jesus der Messias gewesen sein soll, hat er sich auf die christliche Seite geschlagen.

4
Die Infamie der dreisten Behauptung, der Messias sei schon gekommen, ist für die Zwecke, die die Kritik der Religion verfolgt, keineswegs nebensächlich. Es zeigt sich nämlich, dass aus der christlichen Lehre kein Begriff der Erlösung zu gewinnen ist, der von dieser Grundlüge nicht betroffen wäre. Die christliche Lehre, für die die Erlösung nicht etwas ungewisses, erwartetes ist, sondern etwas gewisses und zwangsläufiges, spricht nicht nur unmittelbar das jetzt bestehende Elend selbst schon heilig; sie verspricht in letzter Konsequenz auch nicht die Aufhebung des Gesetzes, das den Menschen von seiner Vollkommenheit trennt, sondern sie erklärt es schon für aufgehoben.

Die ganze junghegelische Schule der Religionskritik bis hin zu Marx, die das Christentum für die äusserste Entfaltung der Idee der Religion gehalten hat, hat ihren Gegenstand verfehlen müssen. Das Christentum ist unterhalb der Kritik,(3) es ist gleichzeitig noch ein heidnischer Opferkult und schon ein abgefeimter Betrug um den einzigen Gedanken, den die Religion der Menschheit hätte schenken können: dass sie im Elend lebt, aus dem sie befreit werden müsse.

Die jüdische Lehre allein hat am untröstlichen Gedanken festgehalten, dass der Messias noch nicht gekommen ist. In dieser übrigens unwiderleglichen Gewissheit bewahrt sich ein Bewusstsein davon auf, was für ein radikaler Bruch mit der bisherigen Geschichte das Kommen des Messias und die Erlösung sein müssten; und um so mehr, wie wenig zwangsläufig dieses Kommen des Messias sein kann: es kann jederzeit geschehen, von einer Sekunde auf die andere, es tritt wie von aussen in die Geschichte ein. Die Geschichte ist nicht die einer zwangsläufigen Entwicklung zur Erlösung vom Elend, sondern sie wird sichtbar als das Elend selbst, von dem die Menschheit erlöst werden müsste.

5
Der heutige religiösen Fanatismus drückt heute sehr wohl noch das wirkliche Elend der Menschheit aus, aber längst nicht mehr auch nur eine illusionäre Erlösung. Zur wirklich massenhaften Plage eigenen sich, wie man deutlich sieht, nur diejenigen Religionen, die genau um den radikalen Bruch mit der bisherigen Geschichte betrügen, der auch für eine nur vorgestellte Erlösung heute denknotwendig wäre. In den apokalyptischen Vorstellungen der heutigen Fanatiker spiegelt sich nicht der befreiende Bruch, sondern wird die Katastrofe, auf die die Welt ohnehin hintreibt, ausdrücklich heiliggesprochen.

Die radikale Kritik, der es selbst genau um den Bruch mit aller bisherigen Geschichte, die zu den Katastrofen treibt, zu tun ist, wird dagegen viel von der jüdischen Lehre zu lernen haben; ihre Lehre vom Messias, der erst kommen soll, ist ja bereits der religiöse Traum von einer Sache, von der die Menschheit nur das Bewusstsein haben müsste, um die Sache selbst zu haben. Walter Benjamin hat in seinen Thesen zur Geschichte das nötige gesagt, es hat nur niemand gelesen, und die es gelesen haben, haben es nicht verstanden.(4)

Die Revolution wird, wenn die die bestehende Herrschaft abschaffen will, auch die vergangenen Kämpfe wiederaufnehmen müssen, sie wird die bestehende Herrschaft nicht besiegen, wenn sie nicht auch alle vergangene Herrschaft überwindet, alle vergangene Gewalt ungeschehen macht, alles Zerschlagene zusammenfügt; die Revolution findet sich also, kurz gesagt, vor der Herausforderung, das Programm des Messias erfüllen zu müssen, nämlich die Auferstehung der Toten, und das ewige Leben.

Dieser völlig wahnsinnige Anspruch kann aus denselben Gründen nur in Begriffe der Theologie gefasst werden, wie Marx in seiner Kritik des Kapitals auf solche zurückgreifen musste; das ist kein Zufall, und eine Revolte, die unterhalb dieses wahnsinnigen Anspruchs bleibt, wird nicht bestehen. Die Revolte hat sich als der wahrhaftige Messias zu begreifen, ja sogar jeder einzelne, der an ihr teilnimmt,(5) nur so wird sich ein radikaler Begriff der Befreiung aus der Verklammerung mit dem Religiösen retten lassen; es gibt in diesen Zeiten keine anderen Worte als diese; erst der wahre Messias, der niemand anders sein kann, als die ganze Menschheit selbst in dem Moment, in dem sie sich befreit, wird die verrückten Profezeiungen erfüllen und die erfüllte Zeit einleiten, in der nicht Gott, sondern der Mensch wirklich das höchste Wesen für den Menschen ist.
Anmerkungen

1 …in denen der Mensch ein verlassenenes, geknechtetes, verächtliches Wesen ist, Marx, Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsfilosofie.
2 Genosse Anaxagoras Chaumette hat sie damals in einer, glaube ich, sehr geschmackvollen Zeremonie inthronisieren lassen. Es war freilich gar nicht die wirkliche Dame Vernunft, die auf dem Thron in der Kathedrale de Notre Dame Platz nahm, wie man heute weiss, sondern eine Schauspielerin. Die Vernunft selbst ist unbekannten Aufenthalts.
3 Aber sehr wohl ein Gegner, den es zu treffen gilt.
4 Walter Benjamin, Thesen zum Begriff der Geschichte, www.google.com
5 Um heute an die einfachste Sache der Welt auch nur zu denken: dass man in die Revolte eintreten könnte, dazu bedarf es eines an Grössenwahn grenzenden Selbstverständnisses, das demjenigen gleichkommt, sich selbst für den Messias auszurufen. Was aber garantiert uns, dass wir es nicht sind?

Von Jörg Finkenberger


6 Antworten auf „Gott ist untot“


  1. 1 Revoltierer 23. April 2009 um 17:52 Uhr

    Die Tatsache dass er schon gekommen ist.

    autor: ogottogott…

  2. 2 Thiel Schweiger 12. Mai 2009 um 22:23 Uhr

    Witzig, ich hab vor kurzem auf meinem Blog einen kleinen, allerdings weniger streng theoretisch fundierten, Text zum selben Thema mit ähnlichem Titel geschrieben:

    http://lavache.blogsport.de/2009/05/06/gott-ist-nicht-totzukriegen/

    Ich finde den Text inhaltlich sehr gelungen, nur eine kleine Kritik:

    Du schreibst, der Islam lehre, dass Christus der Messias war. Das stimmt meines Wissens so nicht: er reiht Jesus unter die Propheten ein, verwirft aber den christlichen Kult um ihn. Die Erlösung ist für ihn also nicht bereits gegeben, sondern harrt ebenfalls noch ihrer Verwirklichung.

    gruss vom autor. falsch. er heisst im islam sogar عيسى المسيح isa al masi7, jesus der messias bzw jesus christus. du verwechselst das mit der gottessohnschaft, die erkennt der islam in der tat nicht an. das sind aber auch 2 grundverschiedene sachen. übrigens verlangt die formulierung „dass christus der messias war“ gebieterisch nach einer antwort wie, dass die kenntnis der religion die erste voraussetzung für die kritik der religion ist.

  3. 3 ndejra 19. Mai 2009 um 10:55 Uhr

    find ich sehr gut. mehr benjamin, weniger adorno!
    anmerken würde ich nur, dass christliche gnosis durchaus subversiv war und von der möglichkeit der gottwerdung ausging. gruß

    der autor läst ausrichten, das stimmt wirklich, und im islam gab es so etwas bei den sufi, und ob noch jemand weiss, wie der hiess, der damals durch baghdad rannte und rief: أنا الحق! – ich bin die wahrheit!, bevor ihn ein wütender mob zerrissen hat. – bei den anderen sufisten hat das grossen unwillen hervorgerufen, und der mann gilt als schlimmer verbrecher, weil er eine wahrheit ausgesprochen hätte, die die menschen noch nicht verstehen hätten können.

    nur, wo soll angeblich der unterschied zwischen adorno und benjamin liegen?

  4. 4 ndejra 26. Mai 2009 um 2:25 Uhr

    sorry, ich habs vergessen: nach den aktuellsten forschungsergebnissen war das eine und dieselbe person…

  5. 5 jörg finkenberger 26. Mai 2009 um 15:39 Uhr

    naja, ich denke halt, dass man, wenn man adorno gelesen hat, aber keine zeile benjamin, auf ganz dieselben gedanken kommen wird. das liegt daran, dass adorno seinerseits benjamin gelesen hat, und zwar ziemlich gründlich.

    gerne benjamin, aber was ist gegen adorno zu sagen?

  1. 1 Die letzen paar neuen grossen Dinger | der letzte hype Pingback am 07. Juni 2009 um 0:03 Uhr
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