Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters. Teil I

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Ich habe eine gut bezahlte Stelle, der Job ist ziemlich sicher, ich kann meine Zeit selbst einteilen, man schaut mir nicht besonders genau über die Schulter, und ich habe eigentlich ganz gute Chancen, Karriere zu machen. Die Arbeit ist nicht besonders stumpf, im Gegenteil, sogar anregend und herausfordernd.

Ich hasse meinen Job mehr als alles andere auf der Welt.

Er ist wie ein grosses Tier, das alle meine Energie und alle meine Zeit frisst, und am anderen Ende kommt raus, was eben bei so Tieren am anderen Ende rauskommt. Es ist ganz gutes Geld, ich sag es nochmal, und ich habe eigentlich nie viel Geld gehabt, und es ist wirklich nicht schlecht, Geld zu haben, und sich Sachen kaufen zu können, die scheinbar alle Leute haben, oder richtig gutes Essen.

Ein Ersatz ist es nicht.

2
Das schlimmste ist, wenn man früh aufsteht, zu wissen, in soundsoviel Stunden muss ich auf der Arbeit sein. Es ist ein Terror, der seinen Schatten schon voraus wirft, es lähmt mich, es lässt mich nicht los, die kommende Stunde ist wie ein Strudel, und ich weiss, ich habe noch Frist, aber nicht mehr viel. Vielleicht noch ein bisschen lesen, bisschen Tee trinken, wenn ich ganz früh dran bin und das Wetter schön vielleicht bisschen vor die Tür, oder wenns kalt ist ein Bad; manchmal auch einfach noch weiterschlafen, gierig, und dann ganz schnell aus dem Haus.

Wie ich den Schlaf lieben gelernt habe, er ist mein Beschützer, wenn ich schlafe, muss ich nicht daran denken, dass die Stunde kommt, bald, die bedeutet, dass mein Körper und auch meine Gedanken nicht mehr mir gehören, dass ich sie verpfänden muss, um mir Zeit zu kaufen hier im Leben, Zeit, in der ich nicht verkomme.

Und ich habe gelernt, grimmig und entschlossen zu schlafen. Jede Minute ist kostbar, die man dem Tag, dem Feindesland, entreisst. Der Preis dafür, dass es nicht denen in die Hände fällt, ist der Schlaf, oder der Rausch.

3
Zeit, in der man nicht verkommt, ganz körperlich nicht verkommt, dass ist, was man bekommt. Überleben. Dafür tauscht man die Zeit ein, in der man leben könnte, wenn man das könnte.

Ich tausche mein Leben ein für Geld, und von dem Geld kann ich mir angeblich mein Leben leisten. Ich glaube keine Sekunde, dass das so ist. Für mein Geld bekomme ich nicht mein Leben, sondern etwas, das so aussieht wie ein Leben, aber eher so, wie ein Werbespot ausschaut wie ein Leben, nur dreckiger.

Mein Leben, davon kann ich nur im Konjunktiv reden: was ich tun könnte, wenn nicht und so weiter. Wenn ich zur Arbeit fahre, und die frühe Sonne scheint: wie schön wäre es, wenn ich es nicht eilig hätte, denn meine Zeit gehört mir nicht, sowenig mir die Sonne gehört und die Felder und die Wälder, über die sie scheint, und noch weniger die Städte. Oder der Mond des Nachts, wenn ich heimfahre: ich wollte, ich wäre eine kleine Fledermaus. Aber meine Zeit gehört nicht mir, und ich muss jetzt essen und schlafen, denn morgen muss ich auf die Arbeit. Auf Wiedersehen, kleiner Mond, auf Wiedersehen, schwarzer Wald, ich wollte, ich hätte euch nicht gesehen.

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Aber so muss es wohl sein, denn das alles ist nicht meines, und meine Frist auf dieser Welt kaufe ich, indem ich mein Leben verpfände. Diese Welt gehört mir nicht, es ist schon Diebstahl, dass ich nur einen Blick auf sie werfe, im Vorbeieilen. Wem aber gehört sie? Ich sehen niemanden, der einen sinnvollen Nutzen von ihr hätte, ich sehe nur Sklaven wie mich.

Und sie sind es, scheint es, zufrieden. Mit grossen Augen betrachten sie die Wunder, die sie für ihr Geld kaufen können, die grosse Welt des Fernsehens, über die sie nicht genug reden können, den Urlaub in einem anderen Land, das ihnen auch nicht gehört, neue Vorhänge und die Wurstplatte in irgendeinem Ausflugslokal. Das sind ihre Gespräche, wenn ich richtig zugehört habe, bei den anderen auf der Arbeit.

Manchmal erwischt man einen davon in einer stillen gedrückten Minute, und dann macht man einen Blick in eine Seele, die genauso verzweifelt ist, aber sie haben keine Idee, dass es nicht so sein muss.

Diese Welt würde ihnen gehören, wenn sie sich nähmen. Wenn im Sommer der Asfalt Blasen wirft und die Luft stillsteht, und der Himmel über der Stadt hängt wie ein Ozean, dann träume ich davon, dass wirklich diese ganze nutzlose Maschine stillsteht, dass wir lachend aus den Betrieben gehen und den Wohnkasernen, und dass nichts mehr so sein wird, wie es war.

Ich werde mir kein Haus kaufen und mich niederlassen, ich werde hier mein Glück nicht finden, ich werde es nicht einmal suchen, denn ich weiss, dass hier nur die Hölle zu finden ist; ich habe nur diesen Traum meiner Sommernachmittage, und er erfüllt mich mit rasendem Glück, und ich will ihn Wirklichkeit werden sehen.


1 Antwort auf „Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters. Teil I“


  1. 1 Lohnarbeit « zu viel ärger – zu wenig wut Pingback am 21. Juni 2011 um 2:37 Uhr
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