Archiv für April 2009

Was tun? Teil II

Teil II der Reihe von Gernot Riesenkäfer

1, Wie man einen Riesenkraken in seiner Wohnung hält

Zunächst ist es wichtig, zu wissen, dass Kraken extrem lichtempfindliche Tiere sind. Es ist daher zunächst wichtig, ein geeignetes abgedunkeltes Umfeld zu schaffen. Dies erreicht man am besten dadurch, dass man die Fenster der Wohnung zumauert.

Dann dichtet man die Wohnung sorgfältig und druckbeständig ab. Sinnvoll ist es bereits jetzt, die Einrichtung auf ihre Wasserfestigkeit zu durchmustern und gegebenenfalls nachzurüsten. Gute Dienste leistet hier Kunstharz, mit dem man sämtliche Einrichtungsgegenstände gut und dauerhaft versiegelt.

Man muss darauf achten, dass das Wasser, das man hiernach einlässt, den richtigen Salzgehalt und die richtige Temperatur hat: Riesenkraken sind Kaltwassertiere der subarktischen Tiefsee, der Salzgehalt sollte nicht zu hoch sein.

Ein Riesenkraken wird bis zu 13 Metern lang, die Wohnung sollte also unbedingt gross genug bemessen sein! Riesenkraken brauchen viel Bewegung, sie sind schnelle und ausdaurnde Schwimmer. Bitte beachten Sie, dass auch der Wasserdruck den Verhältnissen in 200 Metern Tiefe angenähert sein sollte! Es empfiehlt sich, die Wände rechtzeitig angemessen verstärkt zu haben.

Um sich selbst im ca 5 Grad (Celsius) kalten Wasser der Wohnung fortzubewegen, empfiehl sich ein Neoprenanzug mit ausreichend grossen Sauerstoffflaschen, eine Lampe sowie – unbedingt! – eine Harpune, um sich gegen den Kraken erforderlichenfalls durchsetzen zu können.

Hier wären wir schon beim wichtigsten Thema: der Kraken braucht grosse Mengen Fisch zu essen, die er sich entweder in den dunklen Tiefen Ihrer Wohnung erjagen muss oder, wahrscheinlicher, die Sie ihm zuführen müssen. Sie können mit einer Menge von ca. 200 kg pro Woche einen mittleren Kraken bereits satt und glücklich machen.

Zu unvergesslichen Abenden mit Freunden bei der Fütterung Ihres neuen Haustiers gratuliert bereits jetzt

Gernot Riesenkäfer.

2. Wie man die Menschen für seine Sache gewinnt

Oft ist es, gerade für politische Aktivisten, schwierig und frustrierend, dass ihre Positionen in der Öffentlichkeit nur selten und wenn, dann verzerrt, zur Kenntnis genommen werden. Ich habe deshalb Ihnen, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, zur Handreichung ein paar kleine Ratschläge zusammengestellt, mit denen Sie die Menschen für Ihre Sache gewinnen können.

a) Der Flugzettel

Das wichtigste ist natürlich der Flugzettel. Er sollte einfache oder doppelte Postkartengrösse haben und beidseitig eng (zweispaltig, Blocksatz, Times New Roman, 8pt) bedruckt sein. Gut sind witzige Zwischenüberschriften, am besten englische Songzeilen, die sich gut abheben gegen den zumeinst lateinischen Haupttext. Sprechen Sie über nichts, was sie nicht ausfühlrich aus den Kategorien Staat und Kapital ableiten! Sie beweisen damit Wahrhaftigkeit. Scheuen Sie sich nicht davor, immer dasselbe zu sagen. Irgendwann, seien Sie sich gewiss, wird es verstanden werden.

Fürchten Sie nicht Begriffe, die Sie nicht verstehen; das Publikum versteht sie auch nicht besser als Sie, sie werden also nicht blamiert werden. Auch keine Sorge bei Sätzen, die selbst Sie schwer verstehen: so etwas erregt Respekt.

Das wichtigste ist aber, bei allem, was Sie schreiben, Ihre Ausführungen an den gesunden sittlichen Anschauungen anzudocken, die wir doch alle miteinader teilen. Wenn es Ihnen nicht gelingt, Ihre Anschaungen mit allgemein geteilten Werten zu vermitteln, werden Sie als sog. Extremist ausgelacht werden. Das schadet der Wirkung.

b) Der Umzug

Veranstalten Sie doch einen Umzug! Das ist lustig und macht Eindruck. Tun Sie sich zusammen, setzen Sie entschlossene Gesichter auf, ziehen Sie durch die Stadt! Vergessen Sie nicht, schwarz zu tragen, die Farbe der Todfeindschaft gegen diesen Staat und diese Gesellschaftsordnung. Untermalen Sie dieses militante Auftreten mit Parolen, die jedermann versteht und mit denen alle etwas anfangen können: „Nazis raus!“ ist ganz gut, aber „Nieder mit dem Bullenterror!“ ist auch nicht schlecht. Sie zeigen damit dem Bürger auf der Strasse, dass Sie sich keineswegs gegen den Staat, sondern gegen Überschreitungen von Kompetenzen wenden wollen. Vergessen Sie nicht: Weniger als 5% der Bevölkerung wären bereit, an einer Demonstration unter der Parole „Mehr Bullenterror!“ teilzunehmen.

Den Umzug krönen Sie mit Redebeiträgen, deren Text Sie am Abend vorher hastig dem Internet entnehmen. Lesen Sie sie nicht zu gründlich durch, das verleiht dem ganzen eine gewisse Spontaneität. An Stellen, die Sie beim Vortrag plötzlich entdecken, an denen für Sie untragbare Positionen ausgedrückt werden, kommen Sie übrigens geschickt vorbei, indem Sie noch undeutlicher reden. Ganz mutige lösen die peinliche Situation, die entstehen könnte, durch lautes Lachen auf.

Um zu verhindern, dass das alles etwas langweilig wird, geben Sie während des Umzugs regelmässig neue Parolen aus. Keine Sorgen, wenn sie thematisch nicht recht passen wollen! Die Abwechslung ist das Geheimnis jeder guten Party. Skandieren Sie bei einer Demo gegen Gen-Mais auch gerne Sprechchöre zugunsten der Freilassung von politischen Gefangenen.

Fortsetzung folgt

Gott ist untot

Zur Kritik der Religion. Von den kommenden Revolten, Teil 6

Seit der letzte bürgerliche Filosof den Tod Gottes proklamiert hatte, reissen dennoch die teilweise bestätigten, teilweise unbestätigten Nachrichten von neuerlichen Sichtungen nicht ab; dergestalt, dass es heute wahrscheinlich niemanden Wunder nähme, wenn in den Zeitungen, unter den übrigen Überschriften, auch die Nachricht vom Wiedererscheinen Jesu über Damaskus vermeldet würde.

Der Atheismus gerät in einer solchen Zeit in die äusserst spasshafte Lage, eine Wahrheit verkünden zu müssen, die niemand hören will oder, wie es sogar scheint, verstehen kann. Dass es keinen Gott gibt, erscheint angesichts der Massen, die finster entschlossen zu sein scheinen, an ihn zu glauben, als absurd, fast diskreditiert; er ist doch eine Realität, wenn auch reiner Wahn.

1
Gott bedeutet nichts anderes als die Knechtschaft des Menschen, weil der Begriff zwei Tatsachen ausdrückt: die, dass der Mensch unfrei, unvollkommen ist; dann die, dass ein freies und vollkommenes Wesen für den Menschen aber denkbar ist. Was denkbar ist, ist aber auch immer möglich; aus der tatsächlichen Unfreiheit und Unvollkommenheit des Menschen folgt zwingend die Freiheit und Vollkommenheit Gottes. Der Begriff Gott erweist sich also als eine verrätselte Abbreviatur eines Begriffes von gesellschaftlichen Herrschaft. Löst man ihn ins Negative auf, erhält man unmittelbar alle Ergebnisse der Religionskritik nach Feuerbach und ganz deutlich den Imperativ nach Marx, alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch und so weiter. (1)

Die Aufklärung, die das Bürgertum im Sinn hatte, hat nun angeblich, nach dem Wort eines zweifelhaften Gelehrten, die Welt entzaubert. Ihre Wissenschaft erklärte, Gott sei eine Hypothese, derer sie nicht mehr bedürfe. Von der Vernunft, die seine Stelle einnehmen sollte,(2) ist aber nichts zu sehen. Die aufgeklärte bürgerliche Gesellschaft entfaltet sich stattdessen nicht nach Massgabe einer allgemeinen menschlichen Vernunft, sondern unter dem Gesetz des Kapitals und des Staates.

Hier lebt die Menschheit nun, unter der Herrschaft eines Gedankendings, das nichtsdestoweniger eine Realität ist, und sogar in einem gewissen Sinne die einzige Realität: denn das Produktionsionsverhältnis des Kapitals, der Wert, der sich selbst verwertet, ist zum einzigen geworden, was an dieser Geschichte noch kontinuierlich ist, zum einzigen Subjekt der Geschichte. Der sich verwertende Wert schreitet durch die Geschichte, die nur noch die Geschichte seiner eigenen Entfaltung ist. In ihm ist Hegels Weltgeist, diese filosofische Fassung des Gottes der Christen, zu einer schrecklichen Wirklichkeit geworden.

2
Der religiöse Fanatismus unserer Tage ist nicht das einfache Fortleben der Religion der Vorzeit, sondern eine Neubildung; die Religion selbst ist erledigt, das Kapital ist ihr Erbe. Die Religion erhält sich aber am Leben, weil ihre Abschaffung misslang. Der Atheismus der bürgerlichen Revolution konnte sie nicht abschaffen, denn man kann die Religion nicht abschaffen, ohne sie, auf eine gewisse Weise, zu verwirklichen. Und die Abschaffung der Religion, in diesem Sinn, ist die Voraussetzung der Abschaffung von Staat und Kapital.

Der Atheismus hat nun an der Religion nicht das fundamentale Rätsel durchzustreichen vermocht, dass der Mensch unfrei, unvollkommen ist, aber frei und vollkommen sein müsste; er hat nur die Existenz Gottes ausgestrichen, die scheinbare Lösung des Rätsels. Er hat jene Auflösung ins Negative nicht betrieben, dass der Mensch die Vollkommenheiten, die er Gott zugeschoben hatte, in sich selbst zurückholen müsste; mit einem Wort, er hat mit dem Begriff Gott auch den Gedanken durchgestrichen, was der Mensch sein könnte. Die Verwirklichung dieses Gedankens wäre die wirkliche Lösung des Rätsels gewesen, nämlich die befreite Menschheit.

3
Jede Religion bedarf einer Mythologie, die auseinandersetzt, warum die Vollkommenheit und Freiheit, die dem Menschen doch denkbar und damit möglich sind, von diesem getrennt sind und allein Gott zukommen. Und keine Religion kann ohne ein Versprechen auskommen, dass diese Trennung, aus deren paradoxer Plausibilität sie doch ihre Kraft bezieht, einmal aufgehoben werden würde. Der Begriff Gott selbst enthält diese Spannung, die allerdings je nach Religion verschieden aufgelöst wird. Die Religion, die Lehre vom wirklichen Elend, erscheint so als Lehre von der vorgestellten Erlösung.

Das bürgerliche Zeitalter, das den christlichen Gott zum Staat und zum Kapital säkularisiert hat, hat sich besonders leicht getan, diese bloss vorgestellte Erlösung zum Spott zu machen; es hat schliesslich auch, aus der christlichen Religion, die Vorstellung übernommen, Gott, der erlösende, wirke bereits in der Geschichte. Aus dem Hereintreten eines Mensch gewordenen Gottes in die menschliche Geschichte, als Erlöser, ergab sich schon immer die schliessliche Erlösung als Gewissheit, als unabwendbare Tatsache, auf die die Geschichte hindränge. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, in der Idiotie des Glaubens an einen Fortschritt noch die Figurationen des christlichen Heilsgeschehens am Werk zu sehen; ein weiteres Zeichen, wie wenig diese angeblich so säkularisierte Welt von der Theologie sich emanzipiert hat.

Die christliche Lehre von der Erlösung, wie sie in Gegensatz zur jüdischen Lehre tritt, erklärt die Erlösung für eigentlich schon geschehen, den Zwiespalt zwischen der erlösungsbedürftigen Schöpfung und dem Gesetz, unter dem sie steht, schon für aufgelöst. Dem gegenüber entwickelt sich in den gleichen Jahrhunderten die jüdische Lehre dazu, an dem Gegensatz als einem unversöhnten festzuhalten. Der Islam hat später versucht, in diesem historischen Gegensatz als Synthese aufzutreten; aber in der entscheidenden Frage, ob nämlich Jesus der Messias gewesen sein soll, hat er sich auf die christliche Seite geschlagen.

4
Die Infamie der dreisten Behauptung, der Messias sei schon gekommen, ist für die Zwecke, die die Kritik der Religion verfolgt, keineswegs nebensächlich. Es zeigt sich nämlich, dass aus der christlichen Lehre kein Begriff der Erlösung zu gewinnen ist, der von dieser Grundlüge nicht betroffen wäre. Die christliche Lehre, für die die Erlösung nicht etwas ungewisses, erwartetes ist, sondern etwas gewisses und zwangsläufiges, spricht nicht nur unmittelbar das jetzt bestehende Elend selbst schon heilig; sie verspricht in letzter Konsequenz auch nicht die Aufhebung des Gesetzes, das den Menschen von seiner Vollkommenheit trennt, sondern sie erklärt es schon für aufgehoben.

Die ganze junghegelische Schule der Religionskritik bis hin zu Marx, die das Christentum für die äusserste Entfaltung der Idee der Religion gehalten hat, hat ihren Gegenstand verfehlen müssen. Das Christentum ist unterhalb der Kritik,(3) es ist gleichzeitig noch ein heidnischer Opferkult und schon ein abgefeimter Betrug um den einzigen Gedanken, den die Religion der Menschheit hätte schenken können: dass sie im Elend lebt, aus dem sie befreit werden müsse.

Die jüdische Lehre allein hat am untröstlichen Gedanken festgehalten, dass der Messias noch nicht gekommen ist. In dieser übrigens unwiderleglichen Gewissheit bewahrt sich ein Bewusstsein davon auf, was für ein radikaler Bruch mit der bisherigen Geschichte das Kommen des Messias und die Erlösung sein müssten; und um so mehr, wie wenig zwangsläufig dieses Kommen des Messias sein kann: es kann jederzeit geschehen, von einer Sekunde auf die andere, es tritt wie von aussen in die Geschichte ein. Die Geschichte ist nicht die einer zwangsläufigen Entwicklung zur Erlösung vom Elend, sondern sie wird sichtbar als das Elend selbst, von dem die Menschheit erlöst werden müsste.

5
Der heutige religiösen Fanatismus drückt heute sehr wohl noch das wirkliche Elend der Menschheit aus, aber längst nicht mehr auch nur eine illusionäre Erlösung. Zur wirklich massenhaften Plage eigenen sich, wie man deutlich sieht, nur diejenigen Religionen, die genau um den radikalen Bruch mit der bisherigen Geschichte betrügen, der auch für eine nur vorgestellte Erlösung heute denknotwendig wäre. In den apokalyptischen Vorstellungen der heutigen Fanatiker spiegelt sich nicht der befreiende Bruch, sondern wird die Katastrofe, auf die die Welt ohnehin hintreibt, ausdrücklich heiliggesprochen.

Die radikale Kritik, der es selbst genau um den Bruch mit aller bisherigen Geschichte, die zu den Katastrofen treibt, zu tun ist, wird dagegen viel von der jüdischen Lehre zu lernen haben; ihre Lehre vom Messias, der erst kommen soll, ist ja bereits der religiöse Traum von einer Sache, von der die Menschheit nur das Bewusstsein haben müsste, um die Sache selbst zu haben. Walter Benjamin hat in seinen Thesen zur Geschichte das nötige gesagt, es hat nur niemand gelesen, und die es gelesen haben, haben es nicht verstanden.(4)

Die Revolution wird, wenn die die bestehende Herrschaft abschaffen will, auch die vergangenen Kämpfe wiederaufnehmen müssen, sie wird die bestehende Herrschaft nicht besiegen, wenn sie nicht auch alle vergangene Herrschaft überwindet, alle vergangene Gewalt ungeschehen macht, alles Zerschlagene zusammenfügt; die Revolution findet sich also, kurz gesagt, vor der Herausforderung, das Programm des Messias erfüllen zu müssen, nämlich die Auferstehung der Toten, und das ewige Leben.

Dieser völlig wahnsinnige Anspruch kann aus denselben Gründen nur in Begriffe der Theologie gefasst werden, wie Marx in seiner Kritik des Kapitals auf solche zurückgreifen musste; das ist kein Zufall, und eine Revolte, die unterhalb dieses wahnsinnigen Anspruchs bleibt, wird nicht bestehen. Die Revolte hat sich als der wahrhaftige Messias zu begreifen, ja sogar jeder einzelne, der an ihr teilnimmt,(5) nur so wird sich ein radikaler Begriff der Befreiung aus der Verklammerung mit dem Religiösen retten lassen; es gibt in diesen Zeiten keine anderen Worte als diese; erst der wahre Messias, der niemand anders sein kann, als die ganze Menschheit selbst in dem Moment, in dem sie sich befreit, wird die verrückten Profezeiungen erfüllen und die erfüllte Zeit einleiten, in der nicht Gott, sondern der Mensch wirklich das höchste Wesen für den Menschen ist.
Anmerkungen

1 …in denen der Mensch ein verlassenenes, geknechtetes, verächtliches Wesen ist, Marx, Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsfilosofie.
2 Genosse Anaxagoras Chaumette hat sie damals in einer, glaube ich, sehr geschmackvollen Zeremonie inthronisieren lassen. Es war freilich gar nicht die wirkliche Dame Vernunft, die auf dem Thron in der Kathedrale de Notre Dame Platz nahm, wie man heute weiss, sondern eine Schauspielerin. Die Vernunft selbst ist unbekannten Aufenthalts.
3 Aber sehr wohl ein Gegner, den es zu treffen gilt.
4 Walter Benjamin, Thesen zum Begriff der Geschichte, www.google.com
5 Um heute an die einfachste Sache der Welt auch nur zu denken: dass man in die Revolte eintreten könnte, dazu bedarf es eines an Grössenwahn grenzenden Selbstverständnisses, das demjenigen gleichkommt, sich selbst für den Messias auszurufen. Was aber garantiert uns, dass wir es nicht sind?

Von Jörg Finkenberger

Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters. Teil I

1
Ich habe eine gut bezahlte Stelle, der Job ist ziemlich sicher, ich kann meine Zeit selbst einteilen, man schaut mir nicht besonders genau über die Schulter, und ich habe eigentlich ganz gute Chancen, Karriere zu machen. Die Arbeit ist nicht besonders stumpf, im Gegenteil, sogar anregend und herausfordernd.

Ich hasse meinen Job mehr als alles andere auf der Welt.

Er ist wie ein grosses Tier, das alle meine Energie und alle meine Zeit frisst, und am anderen Ende kommt raus, was eben bei so Tieren am anderen Ende rauskommt. Es ist ganz gutes Geld, ich sag es nochmal, und ich habe eigentlich nie viel Geld gehabt, und es ist wirklich nicht schlecht, Geld zu haben, und sich Sachen kaufen zu können, die scheinbar alle Leute haben, oder richtig gutes Essen.

Ein Ersatz ist es nicht.

2
Das schlimmste ist, wenn man früh aufsteht, zu wissen, in soundsoviel Stunden muss ich auf der Arbeit sein. Es ist ein Terror, der seinen Schatten schon voraus wirft, es lähmt mich, es lässt mich nicht los, die kommende Stunde ist wie ein Strudel, und ich weiss, ich habe noch Frist, aber nicht mehr viel. Vielleicht noch ein bisschen lesen, bisschen Tee trinken, wenn ich ganz früh dran bin und das Wetter schön vielleicht bisschen vor die Tür, oder wenns kalt ist ein Bad; manchmal auch einfach noch weiterschlafen, gierig, und dann ganz schnell aus dem Haus.

Wie ich den Schlaf lieben gelernt habe, er ist mein Beschützer, wenn ich schlafe, muss ich nicht daran denken, dass die Stunde kommt, bald, die bedeutet, dass mein Körper und auch meine Gedanken nicht mehr mir gehören, dass ich sie verpfänden muss, um mir Zeit zu kaufen hier im Leben, Zeit, in der ich nicht verkomme.

Und ich habe gelernt, grimmig und entschlossen zu schlafen. Jede Minute ist kostbar, die man dem Tag, dem Feindesland, entreisst. Der Preis dafür, dass es nicht denen in die Hände fällt, ist der Schlaf, oder der Rausch.

3
Zeit, in der man nicht verkommt, ganz körperlich nicht verkommt, dass ist, was man bekommt. Überleben. Dafür tauscht man die Zeit ein, in der man leben könnte, wenn man das könnte.

Ich tausche mein Leben ein für Geld, und von dem Geld kann ich mir angeblich mein Leben leisten. Ich glaube keine Sekunde, dass das so ist. Für mein Geld bekomme ich nicht mein Leben, sondern etwas, das so aussieht wie ein Leben, aber eher so, wie ein Werbespot ausschaut wie ein Leben, nur dreckiger.

Mein Leben, davon kann ich nur im Konjunktiv reden: was ich tun könnte, wenn nicht und so weiter. Wenn ich zur Arbeit fahre, und die frühe Sonne scheint: wie schön wäre es, wenn ich es nicht eilig hätte, denn meine Zeit gehört mir nicht, sowenig mir die Sonne gehört und die Felder und die Wälder, über die sie scheint, und noch weniger die Städte. Oder der Mond des Nachts, wenn ich heimfahre: ich wollte, ich wäre eine kleine Fledermaus. Aber meine Zeit gehört nicht mir, und ich muss jetzt essen und schlafen, denn morgen muss ich auf die Arbeit. Auf Wiedersehen, kleiner Mond, auf Wiedersehen, schwarzer Wald, ich wollte, ich hätte euch nicht gesehen.

4
Aber so muss es wohl sein, denn das alles ist nicht meines, und meine Frist auf dieser Welt kaufe ich, indem ich mein Leben verpfände. Diese Welt gehört mir nicht, es ist schon Diebstahl, dass ich nur einen Blick auf sie werfe, im Vorbeieilen. Wem aber gehört sie? Ich sehen niemanden, der einen sinnvollen Nutzen von ihr hätte, ich sehe nur Sklaven wie mich.

Und sie sind es, scheint es, zufrieden. Mit grossen Augen betrachten sie die Wunder, die sie für ihr Geld kaufen können, die grosse Welt des Fernsehens, über die sie nicht genug reden können, den Urlaub in einem anderen Land, das ihnen auch nicht gehört, neue Vorhänge und die Wurstplatte in irgendeinem Ausflugslokal. Das sind ihre Gespräche, wenn ich richtig zugehört habe, bei den anderen auf der Arbeit.

Manchmal erwischt man einen davon in einer stillen gedrückten Minute, und dann macht man einen Blick in eine Seele, die genauso verzweifelt ist, aber sie haben keine Idee, dass es nicht so sein muss.

Diese Welt würde ihnen gehören, wenn sie sich nähmen. Wenn im Sommer der Asfalt Blasen wirft und die Luft stillsteht, und der Himmel über der Stadt hängt wie ein Ozean, dann träume ich davon, dass wirklich diese ganze nutzlose Maschine stillsteht, dass wir lachend aus den Betrieben gehen und den Wohnkasernen, und dass nichts mehr so sein wird, wie es war.

Ich werde mir kein Haus kaufen und mich niederlassen, ich werde hier mein Glück nicht finden, ich werde es nicht einmal suchen, denn ich weiss, dass hier nur die Hölle zu finden ist; ich habe nur diesen Traum meiner Sommernachmittage, und er erfüllt mich mit rasendem Glück, und ich will ihn Wirklichkeit werden sehen.

Zum Ende des Autonomen Kulturzentrums Würzburgs

Eine notwendige Richtigstellung

Das Insolvenzverfahrens über das Vermögen des Vereins für Bildung und Kultur Würzburg e.V. ist eröffnet, das akw! ist offiziell insolvent. Und schon haben sich im offiziellen Kulturbetrieb der Stadt Legenden darüber gebildet, woran es gelegen haben dürfte, und insbesondere natürlich, wer zuletzt daran schuld war.

Denn es ist ja eine mittlere Katastrofe für ein verschissenes Kaff: diejenige Location, in der sich der alternative Teil des studentischen Milieus seit Anfang der 90er gesellig die Laternen ausknipsen durfte, ist jetzt zu. Hier haben einige den besseren Teil der Vortäuschung ihrer wilden Jugend verbracht, bevor sie wurden, was sie sind.

Wer keine teuren Erinnerungen an eine vergangene Jugend braucht, wer den Hass und die Beweglichkeit nicht verlernt hat, wird der Bumsbude in der Frankfurter Strasse keine Träne hinterherweinen müssen. Zuletzt war es sowieso nur noch eine Quälerei. Und schon vor zweieinhalb Jahren, als der Verfasser dieser Zeilen die Ehre hatte, ein Vierteljahr im Vorstand des Vereins dabeizusein, hat man sehen können, dass es zwecklos ist. Damals wäre wohl der richtige Zeitpunkt gewesen, zuzumachen.

Damals, 2006, hatten wir den Vorstand übernommen, nachdem der damalige Erste Vorsitzende mit dem Rest seines Vorstandes zurückgetreten war. Der Laden, den wir übernommen haben, war so verschuldet, dass wir schon damals geprüft haben, ob wir verpflichtet sind, Insolvenz anzumelden; der Laden war hoch verschuldet, die Reserven aufgefressen, und der Investitionsrückstand war auch ganz beträchtlich. Es war ganz einfach im Durchschnitt seit 2004, und zwar sich zyklisch verschärfend, weniger Geld reingekommen als rausgegangen war, und darauf wurde in verschiedener Weise falsch reagiert.

Ein Laden wie das akw! betreibt grundsätzlich Wertschöpfung wie folgt: Bier zu Einkaufspreisen wird durch Bespielung mit der Art von Kultur, die die Kundschaft mag, veredelt zu Bier zu Thekenpreisen. Die geheime Zutat, die den Preisaufschlag (der ca. 200% betragen sollte) rechtfertigt, ist genau das kulturelle Profil. Kultur und Bier kommt rein, Pisse und Mehrwert (aus dem die Löhne und die Zinsen gezahlt werden) kommt raus.

Man verzeihe meine rauhe Sprache angesichts einer rauhen Realität, aber süsslich tun war nie meines, und abgesehen davon ist die Zeit dafür vorbei.

Der vorherige Erste Vorsitzende hat zunächst den grundsätzlichen Fehler begangen, die Linie, die er dem Laden auferlegte, nicht aus dessen Profil zu entwickeln, weniger süsslich ausgedrückt: er war des Irrtums, dass es dem Laden egal sein könnte, was für Musik man dem Bier zusetzt, wenn sie nur insgesamt genug Leute zieht, durch deren Nieren das Bier wieder zu Pisse wird. Er hat aber übersehen, dass das akw! steht und fällt mit einer Stammkundschaft, die gehalten, und ständiger Neukundschaft, die erst einmal kulturell erzogen werden muss (ja, erzogen. Ein Laden wie das akw! hat niemals einfach spielen können, was das Publikum sich so wünscht. Er lebt davon, es auf gewisse Weise herauszufordern.) . Wer aber ernsthaft „Knorkator“ ins akw! holt, muss sich über nichts mehr wundern. Es begann das Stammpublikum massiv wegzubleiben und die Neukundschaft derart beliebig zu werden, dass man sich wirklich auf das Niveau herunterbegeben hatte, mit dem Zauberberg und dem Labyrinth konkurrieren zu müssen; eine Konkurrenz, die für das akw! nur ruinös sein konnte. Das akw! hat eine Marktlücke abseits des main streams, oder es hat keine.

Wir haben das alles schon Ende 2005 gesagt. Damals konnte man noch drüber streiten.

Er war des weiteren unfähig, mit den alten Mitarbeitern des akw! umzugehen. Er hielt sich einfach für den Chef. Befehlen kann man anderswo, vor allem, wo einem der Laden gehört. Im akw! holt man sich damit gelegentlich Streit ins Haus, vor allem dann, wenn man unrecht hat, was ja gelegentlich vorkommen soll. Dann kann man natürlich die entsprechenden Mitarbeiter auch einfach rausschmeissen, solange, bis man selber vom wirklichen Chef, der Vereinsversammlung, rausgeschmissen wird.

Zuletzt war er unfähig, die Notbremse zu ziehen, als es noch Zeit war. Stattdessen wurde weitergemacht, bis es schon lange zu spät war. Man hätte es wahrscheinlich abwenden können, aber er war dazu nicht der richtige.

Die nach ihm kamen, haben es ja auch nicht geschafft, eine konsistente Linie zu entwickeln. Sie waren aber auch, was für ihn nicht gilt, durch die finanzielle Lage an Händen und Füssen gefesselt. Eigene Fehler haben sie natürlich auch gemacht.

Man muss bedenken, dass nicht nur viele unter ihnen sind, die z.B. Indie für eine Musikrichtung halten (also im Grunde für etwas weicheren Rock) statt für ein ökonomisches Segment (independent, dh unterhalb der major-Label). Die Qualität des Publikums war dann auch danach. (Hauptsach, sie tanzen, pflegte der weisse Wal zu sagen, wie er so vieles zu sagen pflegte.)

Sie haben aber durch unbezahlte Arbeit eine ganz konsiderable finanzielle Entspannung geschafft, und waren zunächst auf dem Wege einer wirklichen Besserung, bevor ihnen eine unvorhersehbare Nachforderung der Stadtwerke das Genick gebrochen hat. Und schon erzählten gewisse Idioten in Würzburg (und das akw! war noch gar nicht tot!), dass diese angeblich unfähigen neuen Leute das akw! zu Grunde gerichtet hätten. Unter dem vorherigen Vorstand wäre es ja noch gutgegangen.

Witzig, denn der Schuldenstand, den wir damals übernommen haben, hat sich eigentlich gar nicht besonders erhöht. Die jetzige Insolvenzlage des akw! gab es genausogut schon vor zweieinhalb Jahren, und wir hätten damals Insolvenz anmelden müssen; wenn, ja wenn nicht die Gläubiger selbst, zu deren Schutz es das Insolvenzrecht ja gibt, darauf verzichtet hätten und uns gebeten hätten, weiterzumachen. Ich wusste damals bald nicht mehr so ganz, weswegen man das eigentlich macht, für die Zinsen der Bank, und um die Blösse der Stadt zu bedecken, oder für uns, und bin dann auch wieder raus; andere haben weitergemacht, irgendwann hat es sie eingeholt. Hätten sie es zuletzt besser machen können? Sicherlich. Hätten sie eine Chance gehabt? Ich glaube nicht.

Jörg Finkenberger

4/4: Über die Burschenschaften Germania, Adelphia, Cimbria und die Landsmannschaft Teutonia

Einleitung

Nach einem ersten Überblick über das Würzburger Korporationswesen(1) und zwei allgemeinen Teilen über die Allgemeine Klassifikation, Funktionen und die autoritäre Erziehungsgemeinschaft einerseits(2) und andererseits über Eliteformation, Geschichte und Konservative Revolution im Korporationsmilieu(3) wenden wir uns im vierten und letzten Teil der Serie nun einzelnen Würzburger Verbindungen zu.
Die Auswahl dieser erfolgte dabei nicht wahllos: zur Zeit der Vorbereitung des Textes befanden sich die Burschenschaften Germania und Cimbria noch in der Deutschen Burschenschaft, deren ideologische Gemeinsamkeit der „völkische Nationalismus“(4) ist. 2008 traten jedoch die Germania und die Cimbria aus der Deutschen Burschenschaft aus(5). Die Gründe dafür werden nicht über öffentliche Wege kommuniziert. In gewohnt geheimnis-umwobener Manier schreibt dazu ein Germane: „Die Personen, die sich für die Gründe des Austritts wirklich interessieren, sind wohl ausschließlich korporiert und denen ist dann auch TraMiZu [Anmerkung AK Kritische StudentInnen: Tradition mit Zukunft, Internetportal für Korporierte] bekannt. Des weiteren ist es schwer Quellen zu benennen, da diese nur das bundesinterne Nachrichtenblatt wäre, welches für Außenstehende nicht zugänglich ist.“(6) Durch eine ausbleibende Erklärung zum Grund Ihres Austritts verpassen die Germanen und Kimbern natürlich auch die Chance, von der bürgerlichen Öffentlichkeit als nicht mehr völkisch-nationalistisch wahrgenommen zu werden. Wie dem auch sei: die Fundamentalkritik an den beiden Burschenschaften verliert durch den Austritt in keinen Weise seine Schlagkraft. Ganz im Gegenteil bestätigt dies unsere Analyse, denn es ist nicht möglich die völkischen Burschenschaften der Deutschen Burschenschaft getrennt von Rest des Korporationsmilieus zu betrachten, solange sich ein Großteil der Verbindungen und Verbände nicht, wie in anderen Staaten, als bloßes Elitenetzwerk ohne den völkischen Kitt versteht. Daher wird hier auch die Landsmannschaft Teutonia in den Blick genommen.
Darüber hinaus gründete sich in Würzburg im Januar 2009 eine neue Burschenschaft namens Libertas. Diese stellt eine Abspaltung von den Germanen dar, die im weitesten Sinne etwas mit dem Austritt der Germanen aus der Deutschen Burschenschaft zu tun hat, denn man strebt einen Eintritt in die Deutsche Burschenschaft an(7). Ihr Wahlspruch lautet, wie sollte es anders sein, „Ehre- Freiheit- Vaterland“(8). Damit hat eine Blockbildung bei den Würzburger Burschenschaften eingesetzt: Auf der einen Seite finden sich die Burschenschaften Adelphia und Libertas, die offen an der völkischen Deutschen Burschenschaft partizipieren bzw. partizipieren werden und deren Verbundenheit bereits durch eine gemeinsame Freundschaftskneipe besiegelt wurde(9), auf der anderen Seite finden sich die Burschenschaften Cimbria, Germania und Arminia.

Es folgt die Darstellung der einzelnen Verbindungen:

Burschenschaft Germania
Farben: schwarz-gold-hellblau
Adresse: Nikolausstraße 21

Zur Geschichte der Germanen in der Weimarer Republik:
Keine andere Würzburger Studentenverbindung hatte zur Zeit der Weimarer Republik so viele Mitglieder im National-Sozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB)(10). Von 50 Aktiven Germanen waren bereits 1929 17, im Sommersemester 1931 bereits 29 Korporierte beim NSDStB aktiv(11), wobei erwähnt werden muss, dass der Nationalsozialismus innerhalb der Germania scheinbar einen solchen Rückhalt hatte, dass der Kopf des NSDStB die Burschenschaft Germania als „Sektion II. Des NSDStB“(12) bezeichnete, was die alten Herren der Germania empörte. Für die Nazis bildeten die „Studentenbundkameradschaften der Korporationen dass eigentliche Rückgrat des Würzburger NSDStB“(13). Wenn es auf der Germanen-Homepage schlichtweg heißt, „schon bald zeigten sich dunkle Wolken am Himmel. Kurz nach der Machtergreifung Hitlers erfolgte der Eingliederungsprozess der Burschenschaften in den NSDStB“(14), dann ist dies also nur die Halbe Wahrheit und ignoriert zum Wohle des Images der Germanen die Rolle der Burschen bei der Zerschlagung der Weimarer Republik.

Geschichte bis heute:
Auch nach dem Krieg zeigten sich bei der Germanen revisionistische und völkische Tendenzen. So findet sich „zum Geleit“ im Totengedenkbuch der Germanen, das den Gefallenen des ersten und zweiten Weltkrieges gedenkt, folgendes Gedicht: „Das kein Feind betrete den heimischen Grund, stirbt ein Bruder in Polen, liegt einer in Flandern wund; Alle schützen wir Deiner Grenzen heiligen Saum, unser blühend Leben für deinen dürsten Baum, Deutschland!“(15).
Modernere Studentenverbindungen richteten sich bereits im Jahre 1965, allen voran die gemäßigten katholischen, gegen das Singen aller drei Strophen des Deutschlandlieder, was zu Auseinandersetzungen in interkorporativen Conventen, führte(16). Die Germanen und andere Verbindungen wollten alle Strophen singen, weshalb 1965 ein Convent abgesagt wurde. Die 68er Umbrüche machten auch vor den Germanen nicht halt. Während einige liberalere Burschenschaften das Fechtprinzip fakultativ, also freiwillig, gestalten wollten, wandten sich die Germanen auch hier auf die konservative Seite(17). Der Autor des 1993 erschienenen Geschichtsbuches „175 Jahre Burschenschaft Germania zu Würzburg“ macht sich für das Jahr 1975 auch Gedanken über den Wehrdienst, wobei die soldatischen Tugenden natürlich unangefochten bleiben und man den Mitgliederschwund aufgrund der Entwurzelung, also völkisch, interpretiert. „Denn die Leugnung und Ächtung der Autorität führen zur Entwurzelung besonders des jungen Menschen, weil sie verknüpft ist mit der Preisgabe dieser Rechte und dessen, was ihn im Grunde an das geschichtlich gewachsene bindet.“(18) Wehrdienstverweigerer werden abgelehnt: „Glücklicherweise kennen wir in unserem Bunde dieses leidige Problem nicht, denn ein Wehrdienstverweigerer wird zwangsläufig auch unsere Prinzipien ablehnen und sich damit automatisch aus unserer Gemeinschaft ausschließen“(19).
Auch die Kontakte, die die Germania mit anderen Verbindungen im sogenannten Schwarz-Roten-Kartell pflegt, verheißen kaum eine Abkehr von völkischen Ansichten. Die Alte Burschenschaft Alemmania in Kiel veranstaltete im Mai 2002 einen Vortrag mit dem Titel „die Legion Condor und der spanische Bürgerkrieg“, wobei die Condor eine Eliteeinheit der Luftwaffe war, die 1937 die Ortschaft Guernica dem Erdboden gleich machte(20). Auch eine zweite Burschenschaft, mit der sich die Germanen verbunden fühlen, nämlich die Hansea-Allemannia in Hamburg, zeigt eine Affinität zu rechtem Geschichtsrevisionismus: so veranstaltete man einen Vortrag mit Karl-Heinz Weißmann, einem Publizisten der Neuen Rechten, und pflegt Kontakte zu völkisch-heidnischen Kreisen(21).

Burschenschaft Adelphia
Farben: grün-schwarz-rot
Adresse: Sieboldstraße 12

Auch bei den Adelphen findet sich kein Bruch mit dem deutschen Soldatentum. Noch 1967 heißt es bei einer Gedenkschrift für die Gefallenen des 2. Weltkriegs: „War dem deutschen Volke auch kein Sieg beschieden, so hält der Tod doch in uns das Bewusstsein wach, dass sie für uns gestorben sind.“(22) Was es bedeutet hätte, wenn dem sogenannten deutschen Volk der Sieg zu Teil geworden wäre, nämlich eine Aufrechterhaltung des systematischen Massenmordes an den Jüdinnen und Juden und eine Fortführung der Barbarei, müsste selbst den Adelphen bewusst sein.
In einer Selbstbeschreibung der Adelphen von 2008 finden sich sowohl Versatzstücke des deutschen Soldatentums, als auch von dumpf-patriotischem Denken und ständischer Elitetheorie: „Disziplin, Pflichtgefühl, Verantwortungsbewusstsein, Solidarität und Leistungsbereitschaft […] betreffen die Fähigkeit des Einzelnen, die er für sich, seine Korporation und sein Land bereit ist einzubringen. […] Patriotische Grundhaltung und Risikobereitschaft sind weitere Werte, die wir […] für essentiell halten. […] Konkret bedeutet dieses Ergebnis für uns, daß wir die gesellschaftliche Vorbildfunktion der akademisch gebildeten Menschen fordern.“(23)
Kontakte pflegen die Adelphen mit der Burschenschaft Normannia Heidelberg.(24) Diese ist in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft(25) organisiert, dem äußersten rechten Rand der Deutschen Burschenschaft(26). Dazu passt, dass die Mitglieder der Normannia im November 2003 die antisemitische Rede Martin Hohmanns kopierten und an der Uni verteilten(27). Dieser Freundschaft ist es wohl auch geschuldet, dass die Adelphen im WS 07/08 einen Vortrag mit starker rechter Schlagseite veranstalteten: Hannes Kaschkat, Vizepräsident der Würzburger Uni a.D und Mitglied bei den Heidelberger Normannen(28), Interviewpartner von Junger Freiheit(29) und Nationalzeitung(30) (der Zeitung des DVU-Chefs Gerhard Frey), Autor im Grabert-Verlag(31), in dem auch mehrere Auschwitzleugner publizierten(32) und Republikaner-Anwalt in den 80er Jahren(33) hielt am 08.12.2007 im Adelphenhaus einen Vortrag zum Thema „Berufsfreiheit und Staatskontrolle (am Beispiel Danubia München und Sascha Jung)“(34). Da Hannes Kaschkat selbst bei der Danubia zu Gast war(35), welche z.B. dafür bekannt ist, einem Neonazi nach einer Schlägerei Unterschlupf gewährt zu haben und bis 2007 vom Verfassungsschutz überwacht wurde(36), hofierte die Adelphia einen Gast mit Kontakten zum rechten Rand in ihrem Hause.

Burschenschaft Cimbria
Farben: violett-silber-schwarz
Adresse: Huttenstraße 31

Auch einige Kimbern zeigten eine frühe Affinität zum Nationalsozialismus, denn 1929 waren auch einige Ihrer Mitglied im NSDStB(37) organisiert. Inwieweit die Rolle der Burschenschaften in der Kampfzeit des NS aufgearbeitet wurde, ist unbekannt. Überhaupt ist die Beschaffung von Material zu den Kimbern im Vergleich zu allen anderen Verbindungen am schwersten. Sie hält sich bedeckt, betreibt zur Zeit nicht einmal mehr eine Homepage. Das einzige Lebenszeichen seit langem stellte der Austritt aus der DB im Herbst 2008 dar.
In ihrer Satzung wurden ihre Ziele, die sich ebenfalls patriotisch-soldatisch definieren, formuliert: „Die Cimbria hat das Ziel, den Charakter ihrer Mitglieder zu prägen im Sinne des burschenschaftlichen Gedankenguts und sie zu Persönlichkeiten zu erziehen, die befähigt sind zum Dienst am Vaterland [..]“(38).

Landsmannschaft Teutonia:
Farben: rot-weiß-gold
Adresse: Greisingstr. 17

Der Reflexion über die Nazizeit seitens der Teutonen muss man zugute halten, das sie im Festbuch zu 125 Jahre Landsmannschaft Teutonia überhaupt erwähnt, dass es personelle Überschneidungen zwischen der SA, dem Stahlhelm und den Teuten gab. Jedoch wird hier lediglich trocken festgestellt, „daß es zu Beginn der 30er Jahre unter Ihnen [Anmerkung AK Kritische StudentInnen: den Nazis, die gleichzeitig Teuten waren] und den Nur-Teuten keine Schwierigkeiten gegeben hatte. Man respektierte sich gegenseitig.“(39) Als sich das Würzburger Korporationswesen dann 1933 dem Führerprinzip anpasste, war der erste Führer des Würzburger Waffenrings dann auch ein Teute.(40)
Ähnlich wie die Germanen wandten sich auch die Teuten gegen eine Abschaffung der Pflichtmensur(41) und bei den Auseinandersetzungen im Coburger Convent in den 70ern bildete man dazu einen eigenen konservativen „Würzburger Kreis“, der sich letzten Endes im Convent durchsetzen konnte(42), weshalb Mitgliederbünde im Coburger Convent auch heute noch verpflichtend die Mensur fechten müssen.
Wie für viele andere Verbindungen, endet das deutsche Volksgebiet für die Teuten nicht bei den Grenzen der BRD, ganz im Sinne eines völkischen Verständnisses eines organisch gewachsenen deutschen Kulturraumes. So tragen die Teuten normalerweise kein zweites farbiges Band, wenn sie jedoch bei ihren österreichischen Freunden sind, wird eine Ausnahme vorgenommen, und zwar „zur Stärkung des Deutschtums bei den Innsbrucker Tyrolern“(43), wobei damit die Landsmannschaft Tyrol gemeint ist, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „für das Recht und die Freiheit des deutschen Kulturvolkes einzutreten, wobei unter Vaterland die deutsche Kulturgemeinschaft, nicht das Staatsgebiet, und unter Kulturvolk die Gemeinschaft der Deutschen, nicht die Staatsbürgergesamtheit verstanden wird.“(44)
Durch einen Vortrag kommt ihre mangelnde Distanzierung zum rechten Rand zum Ausdruck. So veranstalteten die Teuten im WS 2007/2008 am 24.10. einen Vortrag zum Thema „Islam“(45) mit dem rechts-konservativen Journalisten Dr. Udo Ulfkotte. Dieser ist rechtspopulisitischer „Islamkritiker“. Bei den Bremer Bürgerschaftswahlen unterstützte er die rechtspopulistische Partei „Bürger in Wut“, war Mitinitiator der Organisation PaxEuropa(46), die über die „schleichende Islamisierung Europas“(47) aufklären möchte und ist Referent beim Institut für Staatspolitik, das der Jungen Freiheit nahe steht und als Denkfabrik der Neuen Rechten gilt(48).

Es kann keine Ende geben….

Die Serie über die Korporationen kommt zwar an ihr Ende, die Kritik an diesen kann aber nicht beendet sein. Wir stellen klar, dass es nicht unsere Intention war oder ist, die Mitglieder der Korporationen in irgendeinen Diskurs mit einzuschließen. Sich gegen völkisch-deutsche Ideologie zu wehren heißt, die Kritik zuzuspitzen, statt sich auf den penetranten Mitteilungsdrang über deutsche Kultur und Volksgemeinschaft seitens der Korporierten einzulassen. Wenn die Serie dazu beigetragen hat, die Kritik an den Würzburger Verbindungen zu erneuern und sie grundlegender zu machen, dann hat sich die Mühe gelohnt.

AK Kritische StudentInnen

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1: Siehe Letzter Hype, Ausgabe 07.
2: Siehe Ebenda, Ausgabe 08.
3: Siehe Ebenda, Ausgabe 10.
4: Reader über das Marburger Verbindungswesen der Antifa Gruppe 5 Marburg, abzurufen unter http://www.ag5.antifa.net.
5. Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Burschenschaft_Germania_zu_W%C3%BCrzburg.
6. http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Burschenschaft_Germania_zu_W%C3%BCrzburg.
7. Siehe http://www.tradition-mit-zukunft.de/community/couleurinfo/verbindung,b_libertas_wuerzburg.html.
8. Siehe ebenda.
9. Siehe http://www.adelphia.de.
10. Vgl. Peter Spitznagel, Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg 1927-1933, Diss. phil. Würzburg 1974, 30f.
11. Vgl. ebenda S. 175 f.
12. Vgl. Spitznagel, Peter: Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg, 1927-1936. IN: 1503-1982 Studentenschaft
und Korporationswesen an der Universität Würzburg, 1982, S. 95.
13. Bericht des Führers der Korporationsk. Würzburg vom 25.09.1932, IN: ebenda, S 108.
14. Siehe http://www.germania-wuerzburg.de/geschichte.php
15. Burschenschaft Germania: Gefallenen-Gedenkbuch der Burschenschaft „Germania“ zu Würzburg, Würzburg 1958.
16. Vgl. Burschenschaft Germania: 175 Jahre Burschenschaft Germania zu Würzburg, Würzburg 1993, S. 22 f.
17. Vgl. ebenda, S. 23 f.
18. Vgl. Burschenschaft Germania: 175 Jahre Burschenschaft Germania zu Würzburg, Würzburg 1993., S. 25.
19. ebenda, S. 26.
20. Vgl. www.archiv-kiel.de/komm/files/astalavista.pdf
21. Vgl. http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2005/08/8an2005.pdf
22. Burschenschaft Adelphia: 100 Jahre Burschenschaft Adelphia, Würzburg 1967.
23. Burschenschaftliche Blätter, 01/2008.
24. Vgl. www.adelphia.de.
25. Vgl. http://www.burschenschaftliche-gemeinschaft.de/ueb-mitgliedsbuende.htm.
26. Vgl. www.unimut.fsk.uni-heidelberg.de.
27. Vgl. ua.x-berg.de/pdf/UAZZ.pdf.
28. Ebenda.
29. http://www.jf-archiv.de/archiv99/129aa16.htm.
30. Vgl. Nationalzeitung November 2005.
31. Vgl. http://www.apabiz.de/archiv/material/Profile/Grabert-Verlag.htm.
32. Ebenda.
33. Vgl. http://www.antifaschistische-nachrichten.de/1998/24/index.shtml.
34. Vgl. Semesterprogramm der Adelphen WS 07/08, xxx.adelphia.de, Stand November 2007.
35. http://www.danubia-muenchen.de/archiv.php.
36. Vgl. http://wahlen.aida-archiv.de/index.php?option=com_content&task=view&id=694&Itemid=1148.
37. Vgl. Peter Spitznagel, Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg 1927-1933, Diss. phil. Würzburg 1974, Seite 31 f.
38. Cimbria Würzburg: Grundsätze der WB Cimbria, Würzburg 1969.
39. Landsmannschaft Teutonia: 125 Jahre Landsmannschaft im CC Teutonia zu Würzburg, Würzburg 1990, S. 104.
40. Siehe Ebenda, S. 171.
41. Zur nochmaligen Erklärung: eine Mensur ist ein nach festen Regeln ablaufendes Fechtduell zwischen Mitgliedern unterschiedlicher
Verbindungen. Die Satzung einer Korporation legt meistens fest, wie viele Mensuren ein Aktiver fechten muss.
42. Vgl. ebenda, S. 171.
43. Vgl. ebenda, S. 208.
44. http://www.l-tyrol.at/prinzipien.asp.
45. Vgl. http://www.teutonia-wuerzburg.de, Stand 01. November 2007, Semesterprogramm 2007/08.
46. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Udo_Ulfkotte.
47. http://www.buergerbewegung-pax-europa.de.
48. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Institut_f%C3%BCr_Staatspolitik.

Auf dem Beatabend… mit Hunter S. Heumann

Wenn Stromgitarren das Grunzen der Mastschweine übertönen, wenn sich das köchelnde Testosteron junger Milchbauern durch Faustschläge an die Oberfläche kämpft und es nach erbrochenem Cola-Asbach (1 €, 50/50-Mischung) riecht, dann ist Beatabend.
Dieses den Stadtbewohnern völlig zurecht unbekannte Ritual bäuerlicher Selbstentwürdigung erfreut sich seit Jahrzehnten ungebrochener Beliebtheit bei jung und alt. Das Konzept ist denkbar einfach. Man nehme:

1.Eine schlechte Coverband. Wichtig für eine gute Show ist dabei, dass die Musiker die kulturelle Vielfältigkeit ausstrahlen, die das Dorf kennzeichnet: nämlich gar keine. Würde eine Beatabendband größtenteils eigene Stücke zum Besten geben: die Menge wäre verwirrt, sie würde womöglich sogar anfangen, mit Gülle zu werfen.
Ein fetziger Gruppenname ist ebenso unverzichtbar. Da gibt es „geile“ Bandnamen, die bereits nach dem ersehnten wilden Geschlechtsverkehr alkoholdurchströmter Leiber klingen, den sich so viele Beatabendbesucher versprechen: S.E.X. als Abkürzung für „Sau Extrem“ oder die „Hard- & Heavyband“ F.U.C.K. beispielsweise. Andererseits darf der Bandname auch klingen, als werde die Dorfidylle durch schmetterndes Todesmetall erschüttert: so wie Acid Rain, Justice oder Angel Landing beispielsweise.
Die Beatabendbands lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Zum einen gibt es die Gruppen, die es niemals geschafft haben, außerhalb einer Radius‘ von 15 Kilometer ihres Brunftgebietes aufzutreten. Die Gründe sind alkoholbedingte Trägheit, Angst vor Ausländern oder einfach mangelnde musikalische Fähigkeiten. Zum anderen schaffen es tatsächlich manche Bands, frankenweit oder gar deutschlandweit aufzutreten- es gibt schließlich nicht nur in Unterfranken öde Gegenden, in denen der Auftritt einer Metal-Coverband gefeiert gefeiert wird wie die Anschaffung eines neuen Traktors.

2.Billiger Alkohol. Das seit Jahrtausenden beliebte Konzept zum Abbau von Hemmungen wäre ohne eine kleine Auswahl besonders auf dem Kaff beliebter Getränke undenkbar: Selbstverständlich wird Bier gereicht- aber charakteristisch wird ein Beatabend erst durch den Asbach Uralt.
Asbach ist ein übelschmeckender Fusel aus Rüdesheim am Rhein, der schon beim ersten Schluck an Brechdurchfall und schmerzhafte Blasendysfunktionalität erinnert. Die Leidenschaft der Dörfler für Asbach wird von Dr. Hartmut Bömmele, Professor für biologische Psychologie, auf eine Veränderung der Geschmacksknospen, verursacht durch die Einatmung von Kunstdüngerdämpfen, zurückgeführt. Der Dörfler versucht, den üblen Geschmack des Schnapses durch Cola zu überdecken- was nur in begrenztem Maße von Erfolg gekrönt ist.

Ein Beatabend kann schwer beschrieben werden, ohne die spezifische Stimmung zu beleuchten. Der dumpfe Covermetal motiviert die Gäste kaum zu ausgelassener und fröhlicher Stimmung, sondern eher zu teutonischer Kampfeslust, halb-rülpsenden, halb-gröhlenden Lauten aus dem tiefsten Innern der barbarischen Dorfnatur und zu Tanzbewegungen, die eher an schnitzelklopfende Metzgermeister als an passionierte Diskogänger erinnern. Oft kommt es im Tanzsaal zu Grüppchenbildungen, die bereits darüber entscheiden, welche zwei Fraktionen am Ende des Abends aufeinander losgehen. Die Gründe sind meistens eher unwesentlich- ob jetzt der Michl mit der Lisl geknutscht hat, der Ändi den Peter „schwul“ genannt hat oder der Manni aus Knetzgau den Maibaum aus Hofheim entwendet haben soll spielt eigentlich keine Rolle- wichtig ist am Ende, dass irgendwer auf die Fresse bekommt. So fallen die Enthemmten übereinander her, spätestens wenn die Musik aufhört. Man lässt mal so richtig die Wut heraus- damit man ruhig und ausgelassen die nächste Woche wieder zur Arbeit gehen oder die Rüben ernten kann. Solange, bis das Wochenende wieder beginnt, die Musik wieder spielt und das bizarre Schauspiel erneut seinen tragischen Anfang nimmt.

Ihr Hunter S. Heumann

P.S:Das Labyrinth in Würzburg kann zweifellos als urbaner Arm der Beatabendbewegung bezeichnet werden!

Was fehlt

„Wir zahlen nicht für eure Krise!“ hechelt ein Sammelsurium aus Gewerkschaften, Parteien und linken Gruppen und ruft zu großen Demonstrationen für die viel beschworene und diffus-bestimmbare solidarische Gemeinschaft auf. Was die Reststücke dieser links Fühlenden vereint ist ihre Begriffslosigkeit, ihr Mangel an Kritik der kapitalistischen Kategorien und der unbedingte Wille, eine linke Krisenbewältigung via Rekeynesianisierung, also durch den Staat als vermeintlichen autonomen Agenten, einzufordern.
Der gemeinsame Aufruf zu den Demonstrationen in Berlin und Frankfurt am 28. März beweist auf ein neues, dass die Krise auch eine Krise der Linken ist. Der Aufruf ist ein Zeugnis des diffusen Mix‘ aus bürgerlicher Staatsauffassung und nie überwundenen Konzeptionen des ökonomistischen Basis-Überbau-Theorems. „Die Entfesselung des Kapitals und der erpresserische Druck der Finanzmärkte haben sich als zerstörerisch erwiesen“ meint der Aufruf, wobei zugleich suggeriert wird, jene Entfesselung sei nicht in der Logik der Wertverwertung selbst angelegt und sei durch eine Sphäre der Einfachen Warenproduktion in Verbindung mit einem autonomen Staat zu einer freien Gesellschaft umkehrbar. Man möchte, dass „Bildung, Gesundheit, Alterssicherung, Kultur und Mobilität, Energie, Wasser und Infrastruktur nicht als Waren behandelt werden“ und begreift anscheinend nicht, dass gerade Begriffe wie Gesundheit, Bildung und Kultur in der kapitalistischen Gesellschaft negativ gefasst sind und die Bedingung der Reproduktion der Ware Arbeitskraft sind, es sei denn man würde sich vom Kapitalismus in emanzipatorischer Weise befreien. In nahezu jeder Formulierung der Aufrufs schwingt die Sehnsucht nach dem guten alten Keynesianismus mit, in dem das Kapital noch Nation vermittelt war, und man tatsächlich noch von einer Volkswirtschaft in Verbindung mit der sich damals schon im Niedergang befindenden Realakkumulation sprechen konnte. „Die Regierungsberater, Wirtschaftsvertreter und Lobbyisten sind nicht vor Scham im Boden versunken, sondern betreiben weiter ihre Interessenpolitik. Um Alternativen durchzusetzen, sind weltweite und lokale Kämpfe und Bündnisse (wie z.B. das Weltsozialforum) nötig – für soziale, demokratische und ökologische Perspektiven.“ Hier kommt klar die Unfähigkeit zum Ausdruck, den Staat als politische Form der kapitalistischen Gesellschaft zu betrachten. Stattdessen wird einerseits in den Kategorien der bürgerlichen Staatskonzeption gedacht- denn der Staat wird als eine allgemeine Instanz betrachtet, die mit der Wertverwertung an sich wenig zu tun hat und sich selbstständig entfaltet, während gesellschaftliche Veränderungen als Kampf zwischen verschiedenen Interessengruppen um die Staatsmacht wahrgenommen werden- andererseits sieht man den Staat durchsetzt von Agenten des Kapitals, die den Niedergang der Gesellschaft betreiben- was eher daran erinnert, den Staat in ökonomistischer Weise als eine bloße Überbauerscheinung seiner kapitalistischen Realität zu begreifen. Die Forderungen der Demonstration sind, gelinde ausgedrückt, eher gruselig. Man appelliert- wenn man schon nicht selbst die Staatsmacht erobern kann- an die Regierung, die Verursacher der Krise zu Bestrafen. Man ist „Dafür, dass die Profiteure die Kosten der Krise bezahlen“. „Die Steueroasen sind endlich zu schließen; Banken, die dort arbeiten müssen  bestraft werden.“ Man appelliert an einen starken Staat und unterscheidet sich dabei grundsätzlich nicht von den Forderungen des Staatsoberhauptes.
Was in den zahlreichen Forderungen an den Staat zum Ausdruck kommt, ist im Grunde genommen zweierlei: Zum einen die Absage an die Marx’sche Kritik der Politischen Ökonomie und zum anderen der Beweis, dass man anscheinend kein angemessenes Verständnis der Krise besitzt. Der Staat soll eine konsequente Krisenbewältigung bewerkstelligen. Jedoch hängt der Realitätsgrad des Staates auch, wie es Agnoli treffend skizzierte, von seiner „Fähigkeit, Befreiungsbewegungen und die Tendenz zur Freiheit einzudämmen und zu neutralisieren“ ab. Der Staat soll dafür sorgen, die Reproduktion der Ware Arbeitskraft wieder herstellen zu können. Damit einher geht eine Absage an die Überwindung der staatlichen Herrschaft seitens der Linken einerseits und ein mangelndes Verständnis der Verhältnisses von Ökonomie und Staat andererseits. Die Perspektivenwahl der Politik erfolgt nicht, wie der Aufruf zur Demo glauben lassen will, nach dem freien und autonomen Ermessen der Politik, sondern auch nach dem Druck in der Akkumulation. Dadurch, dass die Wertverwertung durch die Produktivkraftentwicklung mit dem Ende des Fordismus in eine schwere Krise geraten ist, verließ das Kapital mit der dritten industriellen Revolution seinen nationalen Rahmen, um überhaupt noch wettbewerbsfähig zu sein. Der Staat als Reproduktionsverwirklicher trat in eine Krise, die durch Hartz IV und Konsorten erst begonnen hat. Die Transnationalisierung des Kapitals wird von der Linken nicht als Folge der krisenhaften Wertverwertung aufgefasst, sondern ebenso wie vom bürgerlichen Alltagsverstand als von gierigen Managern und ihren politischen Agenten herbeigeführte Krise, die mit einem Rückgriff auf einen starken Staat bewältigt werden könne. Skizzenhaft wird in die Diskussion der Linken immer wieder Marx eingebracht, ohne seine Kategorialkritik an Staat, Ware und Wert zu begreifen.
Dabei stellt sich die Frage, ob eine kommunistische Begierde, die die bürgerlichen, aber auch die staatskapitalistisch-sozialistischen Aprioritäten hinter sich lässt, in der Krise die Chance hat, zum Vorschein zu kommen. Klar müsste dabei sein, dass mit dieser Begierde nicht die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand, die panische Massenstimmungen anscheinend als revolutionäre Situation betrachtet und die die damit verbundene Gefahr, hinter den Kapitalismus in die Barbarei zurückzufallen, beinhaltet, gemeint ist. Von jener Kategorialkritik ist weit und breit nichts zu sehen. Jeder Versuch, sie zu formulieren, sie sogar in das Spannungsfeld zwischen Spontaneität und Theorie zu bringen, ist solange zum Scheitern verurteilt, wie mit den Begriffen an die alte Linke angedockt wird und versucht wird, Menschen etwas zu erklären, die anscheinend von nichts einen Begriff haben. Selbst diejenigen anarcho-syndikalistischen und antinational-kommunistischen Gruppen, denen man eine emanzipatorische Restvernunft zusprechen kann, schaffen es schwer, sich von der staatsaffirmativen Linken zu distanzieren und laufen zum Beispiel am 28. März in einem sozialrevolutionären Block auf der besagten Demonstration. Zum anderen bleibt ihre Sehnsucht der Zerschlagung von Staat.Nation.Kapital (Aufruftext) solange eine Randerscheinung, wie die Gruppen nicht fähig sind, die Sprache der alten Linken zu verlassen und damit nicht mehr zu klingen wie ein Aufruftext aus den Zeiten, in denen man noch einen Begriff davon hatte, was Links ist und was nicht. Sich als antinationale KommunistInnen gegen das Ganze zu stellen, müsste bedeuten jeden Versuch von Organisation hinter hinter sich lassen. Denn jedem noch so kümmerlichen Versuch, sich bürgerlich-interessengruppenspezifisch zu organisieren, wohnt bereits die Konterrevolution inne, kriecht der Staat, schlimmer noch, die Nation, in die Struktur. Dazu folgerte bereits der Rätekommunist Paul Mattick: „Hier, in der Frage der Organisation, offenbart sich das Dilemma der Radikalen: Um gesellschaftliche Veränderungen zu bewerkstelligen, müssen Aktionen organisiert werden; organisierte Aktionen aber nehmen immer auch Züge dessen an, wogegen sie sich richten. Es scheint, als könne man immer nur das Falsche oder, aus Angst vor dem Falschen, gar nichts tun. Selbst eine oberflächliche Betrachtung organisierten Handelns offenbart, daß alle bedeutenden Organisationen, gleich welcher Ideologie, den Status Quo stützen […]“.Die Lösung der RätekommunistInnen war die Spontaneität der ArbeiterInnen. Ohne eine Fetischkritik wird jener Hoffnung auf die Spontaneität jedoch schnell zu jener befürchteten Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand in Verbindung mit einer barbarischen Massendynamik, denn auch den meisten ArbeiterInnen stellte sich der Staat bisher als Erhalter seiner Reproduktion dar, und nicht als Aufrechterhalter ihrer Unterdrückung. Eine emanzipatorische Nicht-Organisation muss fähig sein, den oben bereits skizzierten Widerspruch von Kritik des Wesens und Spontaneität beziehungsweise Sabotage auszuhalten. Die ArbeiterInnen müssten, „um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigene bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben. Sie befinden sich daher auch in direktem Gegensatz zu der Form, in der die Individuen der Gesellschaft sich bisher einen Gesamtausdruck gegeben, zum Staat, und müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen.“ (Wer wohl? Marx)
Betrachtet man die Krise in ihrem historischen Kontext, so stellt sich klassedynamisch und staatlich einiges anders dar als in vergangenen Krisen (wobei die ökonomische Realität beweisen wird, ob es sich bei der aktuellen Krise und eine zyklische oder um eine, in wertkritischer Manier gesprochen, Zusammenbruchskrise handelt). Es ist davon auszugehen, dass der Staat die gesellschaftliche Reproduktion nur dann trägt, wenn er selbst ökonomische Potenz ist, wenn er seine eigene national-ökonomische Basis beinhaltet. Das Kapital hat jedoch längst den nationalen Rahmen verlassen, um der Krise der Realakkumulation zu entgehen. Man kann von keinem Unternehmen von Größe sprechen, das die Grenzen der Volkswirtschaft nicht verlassen musste, um seinem Untergang zu entgehen. Und so müsste der Staat in jenen Krisenzeiten das Rad Richtung Keynesianismus zurückdrehen, was die Realität der Krise von abstrakter Arbeit, Wertverwertung und die Fixierung des Kapitals auf fiktives Kapital schwer möglich machen wird, es sei denn man nähme eine Forcierung der Krise in Kauf und schafft es, die Ideologisierung von Nation und Volk auf ein barbarisches Maximum zu hieven. Dabei tut sich die Frage auf, was mit den ArbeiterInnen passiert, wenn der Staat nicht mehr dazu fähig ist, als Bewahrer der Reproduktion in Erscheinung zu treten? Wenn der Staat seit Jahren, genötigt durch die Anpassungen an die Umwälzung der ökonomischen Struktur, seinen Nutzen als Ermöglicher von Reproduktion verloren hat und auch so schnell nicht mehr zurückerobern kann? Mehr als das: es scheint, als sei ein großer Teil des sogenannten Subproletariats gar nicht mehr in der „Genuss“ der autoritären Vollzeitbeschäftigung namens staatlich-schulische Sozialisation gekommen. Droht dann die Fixierung der Bevölkerung auf barbarische Formen der Krisenlösung in Form von Religion, antisemitischem Wahn und Racketbildung? Auch in klassenstruktureller Hinsicht unterscheidet sich die Krise von zurückliegenden Ereignissen. Der Postfordismus hat die traditionelle Arbeiterklasse zersetzt, um bei der sogenannten Mittelschicht und dem akademischen Milieu weiterzumachen. Was so diffus als Prekariat bezeichnet wird, erfasste die Gesellschaft als Ganzes. Der Klassenkampf als Beschwörungsformel der Linken ist nichts anderes als ein atavistischer Begriff geworden, dem man keine Chance auf Vermittlung mehr unterstellen kann. Wenn weder Staat noch die Klasse Chancen haben, den Kapitalismus zu retten oder als Retter für sich aufzutreten, so kann man den Umschwung in die Barbarei befürchten.
Jedoch: Wenn sowohl akademisches Milieu als auch Arbeiterschaft, vor allem aber das „abgehängte Prekariat“ den Staat nicht mehr als Problemlöser wahrnehmen können, weil alle in der gleichen Scheiße sitzen und dies auch so wahrgenommen werden könnte, wäre dann die Zeit der Verbindung von Spontaneität und Kategorialkritik gekommen? Wäre es dann möglich, ein kommunistisches Ziel zu formulieren, das sich nicht auf die bürgerlichen Aprioritäten einlässt, weil diese Ihren Bedeutungsgehalt längst verloren haben?

Wir können es noch nicht wissen.

Benjamin Böhm

Hype # 11

Ab Montag in den üblichen toten Briefkästen.

Jochen Bruhn: Der Staat des Grundgesetzes, mp3

Kann man hier runterladen. Waren ja ein paar von der Redaktion da. Ziemlich interessant.

Heft #11 fertig!

Nächste Woche kommt es raus. Es wird wie immer sehr gut, vielleicht wird es unser Verleger auch hier hochladen.

26.4. im Kult/Würzburg: Lesung des letzten hype

7.5.2009: party des letzten hype

party des letzten hype, 7.5.2009, 22.30 uhr
immerhin (würzburg), nach dem konzert
djs von xyeahx und dem letzten hype

2 jahre letzter hype? es gibt nichts zu feiern

Die Party des letzten hype könnte die Geburtstagsparty des hype sein: vor 2 Jahren erschien die erste Ausgabe. Immerhin: dass wir 2 Jahre durchhalten würden, hätten wir nicht gedacht.

Die „neue Area“, die wir vor 2 Jahren grossmäulig ausgerufen haben, hat immer noch nicht geendet. Soll sie denn ewig dauern? Was wir damals angefangen haben, mag sein, dass es gar nicht schlecht war. Es muss aber etwas besseres geben als den letzten hype.

Zu feiern gibt es nichts. Die Verhältnisse, die etwas wie den hype nötig gemacht haben, sind verflucht. Und immer noch geht alles weiter, und es wird nicht besser, sondern schlechter, und wenn alles, was bleiben soll, die Verzweiflung ist, dann können wir weitermachen wie bisher.

Versprochen haben wir einmal etwas anderes. Es wird auch nicht so bleiben, wie es ist. Die Sache muss mehr sein als ein Heft, und wird mehr sein als ein Heft, oder sie wird gar nicht sein.

Es ist auch an euch, zu entscheiden.