Φρóνιμον ἔστι τὸ πῦρ (1)

Zur Bewegung in Griechenland

Es liesse sich sagen, dass die neuerlichen griechischen Ereignisse, ob nun ganz oder zum Teil, einige in diesem Heft bisher geäusserte Thesen beweisen (2). Gerade so gut liesse es sich übrigens auch umgekehrt sagen.

Wieder, wie zuletzt 2005, redet eine ganze Weile niemand von etwas anderem, und wieder formiert sich eine auf subtile Weise gemeinsame Front derer, gegen die sich die griechischen riots ihrer innersten Tendenz nach richtet: das ganze Geschmeiss von links bis rechts, von Sozialarbeitern bis Polizisten.

Das erste gemeinsame Interesse dieser Front ist die unbedingte Wahrung des status quo, ihr erstes gemeinsamen Mittel, der Bewegung falsche Motive unterzuschieben. Wenn die Linke, weil sie es gerne so hätte, die Bewegung für eine nur leider etwas zu unpolitische Bewegung gegen den „Neoliberalismus“ hält (und gegen deren angebliche Mängel, die in Wahrheit das beste sind, sich selbst als Remedur anbietet), dann erklärt die Rechte, im letzten zu Grunde läge der Sache der Verfall der Werte, der Sicherheit und der Verlässlichkeit, denn nur diese könnten Jugendlichen eine Perspektive bieten (gegen welchen Verfall sich die Rechte selbst als Remedur anbietet).

Die Linke fälscht die Motive, um die Bewegung zu beherrschen, die Rechte, um ihre Gegner zu einigen. Das ist sehr natürlich, zu genau diesen Zwecken hält sich der Staat diese beiden Alternativen.

Grund genug für diejenigen, die sich dieser Bewegung verbunden fühlen, ihre wahren Motive darzulegen. Es zeigt sich jedoch bei näherer Betrachtung, dass die wahren Motive bereits offen zu Tage liegen, und selbst von den verzerrten und verständnislosen Versionen, die in der offiziellen Presse umlaufen, nicht ganz ausgetilgt werden konnten.(3)

Die unaufhaltsame Logik, mit der die Bewegung nach der Tötung eines 15jährigen durch die Polizei dahin übergriff, gezielt und liebevoll genau die Innenstädte zu verwüsten, zeigt ein erstaunlich scharfes Bewusstsein der gesellschaftlichen Totalität. Sie hat sich nicht, wie es eher linke Blätter auch gerne berichtet haben (weil sie es eben gerne so hätten), auf die Niederlassungen grosser Banken und Konzerne beschränkt; offensichtlich teilt sie nicht das idiotische Verlangen der Linken, das Volk gegen das grosse Kapital zu einigen, sondern erkennt in der Einrichtung der Stadt eine direkte, steingewordene Verlängerung der Gewalt des Staates, und in öffentlichem Raum und privatem Eigentum nichts als die eigene Enteignung.(4)

Diese überraschende Überschreitung des Horizonts einer selbst versteinerten autonomen Linken fällt zusammen mit einem Ausgreifen der Bewegung weit über die Ufer dieser autonomen Linken. Die Bewegung war von Anfang an von der autonomen Linken emanzipiert; man darf sich gewiss sein, dass sie mit ihrem langsamen Rückgang wieder in die Schranken der autonomen Linken gezwängt werden wird; man ersieht daraus, in welchem Masse die autonome Linke ein Fänomen der Konterrevolution ist.(5)

Die Bewegung folgt keiner politischen Lehre, keiner der hergebrachten vorgefertigten Tendenzen, sie ist überhaupt nicht politisch, sowenig sie ökonomisch ist. Sie ist keine Folge der Krise, sie ist die Krise selbst. Mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit holt sie das Gründungsverbrechen der heutigen griechischen Gesellschaft, den Militärputsch von 1967 und die Diktatur bis 1974, wieder in die Gegenwart, indem sie tastend auf den Ausnahmezustand zu drängen scheint; sie sieht an der Gesellschaft überhaupt nur ihr wahres Gesicht, das Bürgerliche Gesetzbuch ist ihr eine nicht weniger deutliche Hieroglyphe der Herrschaft ist als der Militärputsch; sie scheint es vorzuziehen, den einmal verlorenen Kampf noch einmal zu führen, um ihn diesmal zu gewinnen, statt sich von der Republik mit der Drohung der Diktatur weiter erpressen zu lassen.

Sie beweist damit ein Wissen über den Staat und das gewaltsame Zustandekommen seiner Gesellschaft, über den Zusammenhang von Souverainität und Staatsstreich, und ein Geschichtsbewusstsein, dass im heutigen Europa ohne Beispiel ist. Damit qualifiziert sie sich als das erste Leuchtfeuer der kommenden Revolten; denn keine Revolte kann sein, die nicht vom Bewusstsein getragen wird, dass die Aufgabe darin besteht, den „wirklichen Ausnahmezustand“ herbeizuführen, von dem Walter Benjamin spricht (6).

Dass die Bewegung in Griechenland zum wirklichen Ausnahmezustand nicht vordringen konnte, ist ihr nicht vorzuwerfen; wäre sie stark genug gewesen, den Staat zu einer Erprobung seiner Souverainität zu zwingen, hätte sich das Gesicht nicht nur dieses Kontinents verändert. Die Regierung hat sich freilich auffallend klug herausgehalten; man darf annehmen, nicht ohne sich mit den Regierungen des Kontinents beraten zu haben.

Und mehr noch als das: in Griechenland hat sich das Proletariat eine Form des Widerstands geschaffen und gleichzeitig allgemein bekannt gemacht, die als einzige avanciert genug, resistent genug, modern genug ist, um universal zu sein; universal in dem Sinne, dass sie einerseits die Umrisse des Proletariats als einer rächenden Klasse wieder sichtbar machen kann, und dass dieses Beispiel, wie durch eine allgemeine Sprache, überall unmittelbar verständlich ist.(7)

Der offene Ausbruch der Krise in der Ökonomie stellt der Herrschaft, der Gesellschaft, die Aufgabe, sie zu bewältigen; das, was auseinanderstrebt, wieder zusammen zu zwingen; die Revolte in Griechenland hat zum erstenmal ausgesprochen, dass das auseinanderstrebende sich gegen den Zwang zur Wehr setzen könnte. Sie hat als erste die Krise nicht als ein Verhängnis gezeigt, dem man stumm sich zu fügen hat, sondern als das andere, das seiner selbst noch nicht bewusste Gesicht der Revolte; welch letztere die wirkliche finale Krise des Kapitals sein kann, wenn man es nur endlich will. (8)

Von Jörg Finkenberger

1 Nach Heracleitus, DK 17 B 64a.

2 Man vergleiche hierzu die Reihe „Über die kommende Revolte“, die seit #2 im letzten hype weiterführt wird.

3 Manche eher rechten Teile der Presse erfinden natürlich ganz speziell griechische Gründe, um sich zu versichern, dass das ganze vielleicht ein Problem der griechischen Gesellschaft sei, aber ganz sicher niemanden sonst beträfe. Etwa den Klientelismus, die Abhängigkeit der einzelnen von einflussreichen Beziehungen – wir sagen lieber: Rackets –; aber sie können natürlich nicht erklären, wie derartige partikulare Herrschaftsformen zu einem allgemeinen Widerstand führen sollen. Unter der Hand machen sie den realen Aufstand gegen den Staat und die bürgerliche Gesellschaft zu einem Aufstand für den Staat, nämlich gegen seine Korruption. Die libanesischen oder ägyptischen Verhältnisse lehren uns anderes. – Oder aber: die Inflation habe die Waren unerschwinglich gemacht, wie ein besonders schlauer meinte, der sich damit die Revolte gegen die Warenanhäufung erklären will. Aber wieviel ist tatsächlich geplündert worden? Er hat es nicht untersucht.

4 Es ist den Linken, wie man sogar zB auf libcom.org sehen kann, vorbehalten geblieben, hier eine besonders grelle Episode im Verteidigungskampf um Arbeiterrechte zu sehen. Diese Leute, Aktivisten der Theorie, können aus der unstreitigen massenhaften Beteiligung von Lohnabhängigen nicht klug werden, wenn sie ihnen nicht im weitesten Sinne gewerkschaftliche Ziele unterschieben. Letztlich sind solche Deutungen nichts anderes als gutgemeinte Vorschläge an die Herrschaft, wie die Situation wieder zu befrieden sei. Ein Proletariat aber, das seine Gefängnisse, die Städte, zu zertrümmern begänne, wäre schon jenseits der Reichweite solcher Ideen. – Gewissen Kreisen der radikalen Linken in Griechenland ist übrigens tatsächlich eingefallen, im Namen der Revoltierenden Forderungen zu stellen. Man darf da die altbekannten Sachen lesen: bedingungsloses Grundeinkommen, Sozialversicherung für alle, und was sonst noch die letzte Mode ist. Der grelle Kontrast, in dem solche wildgewordene Sozialdemokratie zur wirklichen Bewegung steht, muss nicht eigens ausgeführt werden: die Bewegung hat diesen Unsinn bereits desavouiert, und desavouiert ihn noch.

5 Diese Zeilen wurden vor dem Ghaza-Krieg geschrieben. Ich hätte präzisieren können, und tue dies hiermit: jedesmal, wenn eine solche Bewegung scheitert, werden einige ihrer Aktiven, weil sie hinterher nicht mehr begreifen wollen, was sie eine Sekunde lang gewusst haben, sich der autonomen Linken anschliessen; jedesmal wächst die Zahl derer, die bereit sind, israelische Botschaften oder irgendwann Synagogen anzuzünden. Das ist die in Europa übliche Art, sich vom Aufstand abzuwenden und eine unbegriffene Erkenntnis zu vergessen; und die Linke erschafft sich jedesmal aufs Neue als diejenige Instanz, die dieses Vergessen verwaltet.

6 „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern.“
(http://www.mxks.de/files/phil/Benjamin.GeschichtsThesen.html)

7 Griechenland ist das östlichste Land Europas und das westlichste Land des Mittleren Ostens. Für alle die, die glauben, es hier mit zwei verschiedenen Kulturkreisen zu tun zu haben, könnte sich die unverhoffte Chance bieten, umzulernen; nämlich in dem Masse, in dem sich das griechische Beispiel als einzige Lösung der ägyptischen, libanesischen, syrischen, und eines Tages der iranischen Misere erweist.

8 Die unauslotbare Ironie des beliebten Graffito dieser Tage : Merry crisis and a happy new fear! bringt das sehr schön zum Ausdruck. Vor allem wird man, vermute ich, auch im neu-griechischen noch das Gefühl dafür haben, dass Krisis von κρίνειν (entscheiden) kommt und Entscheidung bedeutet.


3 Antworten auf „Φρóνιμον ἔστι τὸ πῦρ (1)“


  1. 1 psw 03. Februar 2009 um 6:48 Uhr

    Φρóνιμον ἔστι τὸ πῦρ – Dem Tugendhaften ist das Feuer erlaubt/möglich (?)

    (Übersetzungsversuch eines des Altgriechischen nicht mächtigen.
    Ich hoffe auf Verbesserungen – nicht von J.F., das ist schon klar.)

    j.f.: das feuer ist vernunftbegabt. tugendhaft? wie kommts?

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