3/4: Eliteformation und Konservative Revolution im Korporationsmilieu

Teil 3 von 4 der Serie über das Verbindungswesen:
Mittendrin statt nur dabei: Eliteformation und Konservative Revolution im Korporationsmilieu

Weiter im Text. Beschäftigten wir uns letztes Mal eher mit den Sozialisation im Korporationsmilieu und dessen autoritärer „Pädagogik“, so wird jetzt die Geschichte der Studentenverbindungen dargestellt .Nächstes Mal, im vierten und letzten Teil dieser Serie, werden wir uns mit den Burschenschaften Germania, Adelphia sowie der Landsmannschaft Teutonia im Einzelnen auseinandersetzen. Im Folgenden also, wie letztes Mal stark gekürzt, der Text der Marburger Antifa Gruppe 5.

Anfänge

Als sich in Europa die Ideen der Aufklärung verbreiteten und Napoleon in den besetzen deutschen Gebieten den Code civil / Code Napoléon einführte, wurden Autorität und hoheitliche Administrativfunktionen der lokalen, absolutistisch regierenden Fürsten stark begrenzt sowie grundlegend in Frage gestellt. Im Zuge dieser Entwicklungen ließen sich Studenten unter den nationalistischen Appellen der Feudalaristokraten an das „deutsche Volk“ zum Aufstand mobilisieren und gründeten Corps, die sich zahlreich an den „Befreiungskriegen“ genannten Kämpfen gegen Napoleons Truppen beteiligten. In der anschließenden Restaurationsepoche sahen die Studenten ihr Ziel eines geeinigten Deutschlands nicht realisiert, worauf sie begannen sich in Burschenschaften zu organisieren. Völkisch-nationalistische, mit dem Bezug auf gemeinsame „Kultur“ und „Blutszugehörigkeit“ begründete Vorstellungen eines allgermanischen Zusammenschlusses zu einem Volksstaat setzten sich gegen das republikanische Nationalstaatsmodell Frankreichs durch. Ein ideologisches Fundament ihres völkischen Nationalismus bildete die naturreligiöse Konstruktion einer organisch gewachsenen Gemeinschaft der Deutschen. Der mit diesen Stigmatisierungsmustern konvergierende, innerhalb der Burschenschaften virulente Antisemitismus lässt sich signifikant an folgendem exemplifizieren: Als im Oktober 1816 366 Burschenschafter am Wartburgfest zusammentrafen, veranstalteten sie in dessen Verlauf eine Bücherverbrennung, bei der die Schrift „Germanomanie” des jüdischen Schriftstellers Saul Ascher mit den Worten: „Wehe über die Juden, so da festhalten an ihrem Judenthum und wollen über unser Volksthum schmähen und spotten!“ ins Feuer geworfen wurde.

Kaiserreich

Die ehemals bürgerlich-demokratisch geprägten Burschenschaften vollzogen spätestens mit dem Beginn des Kaiserreiches die Annäherung an die monarchistisch-konservativen Corps. Mitglied in einer Studentenverbindung zu sein, ging mit dem Aufstieg in das Establishment einher. 1879 entbrannten an den Universitäten, später „Antisemitismusstreit“ genannte, Debatten, ob assimilierte Juden und Jüdinnen Teil der deutschen Nation sein könnten. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen ergriffen die Burschenschaften Partei für den Berliner Professor für Staatswissenschaft Heinrich v.Treitschke, der in diesem Kontext den historisch folgenschweren Satz „die Juden sind unser Unglück“ formulieren sollte. Treitschke und sein Kollege Adolf Stoecker bildeten die von 40 % der Studentenschaft unterstützte Petitionsbewegung gegen jüdische Studenten an der Friedrichs-Wilhelm Universität.

Weimarer Republik

Das Ende des Wilhelminischen Reiches 1918 wurde [von Burschenschaften] als Ersetzung der „konkreten“, monarchistischen Ordnung durch eine von liberalpluralistischer „Degeneration“ gekennzeichnete Demokratie wahrgenommen. Dem liegt die antisemitische Dichotomisierung von als „jüdisch“ identifizierter, abstrakt-universalistischer Gesetzesform [ius scriptum] und konkretem Nomos [ius terrendi] zugrunde [vgl. Enzo Traverso: Moderne und Gewalt]. Hier keimt bereits der Volksgemeinschaftsgedanke auf – und zwar als Verwirklichung einer vermittlungslosen Identität von Staat und Volk.
Die in Burschenschaften organisierten Studenten mit Fronterfahrung aus dem 1. Weltkrieg, sammelten sich bald in den paramilitärischen Freikorps, Einwohnerwehren und Freiwilligenverbänden und bildeten die Reaktion gegen die Weimarer Republik. Das Misstrauen und die offene Ablehnung gegenüber der sozialdemokratischen Regierung hinderte die korporierten Studenten nicht daran, sich an der blutigen Niederschlagung der überall im Reich aufflammenden sozialen Kämpfe der Arbeiterinnenbewegung zu beteiligen. In Freikorps organisierte Studenten beteiligten sich an der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes 1919 und der Münchener Räterepublik. So unterstützten ca. 50.000 Studenten, mehrheitlich Korporierte, auch den nach wenigen Tagen durch einen Generalstreik der Gewerkschaften verhinderten, faschistischen Kapp- Putsch im März 1920, mit dem eine militärisch bürgerliche Diktatur installiert werden sollte.
Im August des selben Jahres stellte der Eisenacher Burschentag in seinen Beschlüssen fest, dass die „Deutsche Burschenschaft auf dem Rassestandpunkt stehe, d.h. der Überzeugung ist, dass die ererbten Rasseeigenschaften der Juden durch die Taufe nicht berührt werden“. Auch der CV beschloss, dass für künftige Aufnahmen die „arische Abstammung“ bis zu den Großeltern nachzuweisen sei.

Nazifaschismus1

Als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, sah sich die DB in ihrem Wirken seit dem Ende des 1. Weltkrieges bestätigt. In den Burschenschaftlichen Blättern jubilierten drei hohe Verbandsfunktionäre der DB: „Was wir seit Jahren ersehnt und erstrebt und wofür wir im Geiste der Burschenschafter von 1817 jahraus jahrein an uns und in uns gearbeitet haben, ist Tatsache geworden.“ Der CV wollte angesichts des „nationalen Erwachens“ nicht hinten anstehen, sodass die Machtübernahme Hitlers als der „größte innenpolitische Sieg dieses Jahrhunderts“ gefeiert wurde. Kurze Zeit später hieß es: „Der CV muß Träger und Künder des Dritten Reiches sein.“ Im Zuge der Gleichschaltung der Dachverbände trafen am 7. Mai 1933 die Amtsleiter der DB in Berlin zusammen, legten ihre Ämter nieder und übertrugen ihre Vollmachten auf den neuen Bundesführer Otto Schwab [Germania Darmstadt]. Burschenschaften beteiligten sich an den Siegesfeiern der „nationalen Erhebung“, der „Reinigung der Bibliotheken von zersetzendem Schrifttum“ ebenso wie an den von der Deutschen Studentenschaft und dem NSDStB initiierten Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933, wo gemeinsam alte Burschenlieder angestimmt wurden.
Die DB versicherte im Dezember 1933 dem Staatssekretär Heinrich Lammers, dass man in der „Judenfrage“ übereinstimme: „Die Frage der rassischen Erneuerung und Wiedergewinnung des völkischen Artgefühls unseres deutschen Volkes ist die Grundlage und wesentliche Forderung des Nationalsozialismus, in der sich von allen bisherigen revolutionären Bewegungen unterscheidet und die den Schlüssel abgibt zu allen seinen anderen Forderungen und Zielsetzungen.“ Da sich die DB als Teil des NS-Staates sah und sich als Avantgarde der nationalsozialistischen Ideologie fühlte, ordnete der Führer der DB Schwab im Juni 1933 eine „freiwillige Einweisung“ in den NSDStB an. Im Oktober des selben Jahres verfügte er, dass alle Burschenschafter unter 35 Jahren entweder der SA, SS oder dem deutschnationalen Frontkämpferbund Stahlhelm angehören sollten. Am 6. Oktober 1935 entschloss die DB in Leipzig ihre Auflösung und Überführung in den NS-Studentenbund.

Elitenformation in Bonner und Berliner Republik

Nach 1945 kamen die studentischen Verbindungen relativ schnell zu alter Blüte. Zunächst als nationalistisch und das Naziregime unterstützend eingestuft und daher verboten, wurden die Verbindungen Bündnispartner der westlichen Alliierten im Kampf gegen die „kommunistische Gefahr“. In der Folgezeit galten sie [zum größten Teil fälschlicherweise] als unbelastet oder denazifiziert. 1951 bildeten sich der Convent Deutscher Akademikerverbände [CDA] und Convent Deutscher Korporationsverbände CDK, 350 aktive Verbindungen] aus Landsmannschaften und Turnerschaften. Mitte der 50er Jahre waren 30% aller männlichen Studenten korporiert. Schnell konnten die Alten Herren ihre Seilschaften wieder in alter Form nutzen und Verbindungsbrüder teils offen, meist verdeckt, in gehobene Positionen hieven. Die Einflussnahme und Postenzuweisungen in der Politik begann also bereits mit der ersten deutschen Nachkriegsregierung. So waren im katholisch-konservativen Adenauerstaat so viele Ämter in den Ministerien von Alten Herren aus katholischen Korporationen besetzt, dass der Ex-Bundespräsident Theodor Heuss den Satzprägte: „In Bonn wird Zufall mit CV geschrieben“.
Trotz vermeintlich liberaler und dem Korporationswesen an sich gegnerischer politischer Ausrichtung sind auch in Parteien wie der SPD und den Grünen Mitglieder aus Korporationen vertreten. Als bekannteste Verbinder sind hier Johannes Kahrs, Norbert Kastner [beide SPD] oder Rezzo Schlauch [Grüne] zu nennen. Die spezifischen Erziehungsideale der durch Seilschaften und elitären Standesdünkel geprägten Korporationen, ermöglichen korporierten Studenten den Zugang zu berufliche Stellen, deren Zugang Nichtkorporierten verwehrt bleibt.

Revisionismus – NPD –
Konservative Revolution

Zentrale Konstituenten der Ideologie von Burschenschaften im Postfaschismus sind Grenz- und Geschichtsrevisionismus sowie aggressiver, großdeutscher Revanchismus. In den letzten Jahren wurden in Osteuropa Verbindungen gegründet und in die DB mit aufgenommen. Gemäßigt-Völkische wollen Europa mittels eines „europäischen Volksgruppenrechtes“ regionalisieren, das allen europäischen „Völkern“ und „Volksgruppen“ kollektive Sonderrechte in kultureller, ökonomischer und politischer Hinsicht brächte. Auf diese Weise, so meinen Gemäßigt Völkische, könne es gelingen, eine informelle Einigung aller deutschsprachigen Bevölkerungsteile Europas zu erreichen. Mit der Forderung des radikaleren Flügels nach „dem Recht jedes einzelnen und jedes Volksteiles auf seine angestammte Heimat“[Originalzitat von der DB-Homepage] wird folgendes deutlich: Die Grenzen der BRD seien nicht legitim und das „deutsche Volk“ habe seine „Heimat“ auch in den ehemaligen Gebieten des Deutschen Reiches. Auch Österreich sowie Teile der Tschechischen Republik [“Sudetenland“], Italiens [Trentino/Alto Adige: „Südtirol“], Frankreichs [“Elsass-Lothringen“], Belgiens [Eupen, St. Vith] und Dänemarks seien „deutsch“.
Mit der Delegitimation der Neordnung Europas nach dem Ende der nazifaschistischen Barbarei werden die Mythen von „Flucht, Vertreibung und Umsiedlung“ zu Symbolen der kollektiven Unschuld. In Anlehnung an Historiker wie Ernst Nolte – einem populären Redner auf Verbindungshäusern – wird der Griff nach Lebensraum und deutsche Vernichtungskreuzzug gegen die Sowjetunion als prophylaktische Konterrevolution und Weltanschauungskrieg gegen die Bedrohung durch den „asiatischen“ Kommunismus simplifiziert. In dieser zielgerichtet praktizierten Apologetik wird Auschwitz als Kopie und Vorbild des „Klassenmords“ der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg interpretiert. Aus der massiven Präsenz von Juden in der russischen und internationalen kommunistischen Bewegung erkläre sich folglich ihre serialisierte Vernichtung als zwar übertriebene, aber „logische“ Strafe und Präventivmaßnahme. Damit korreliert automatisch die nazistische Diktion des „Bolschewismus“ als Verkörperung „jüdischer Intelligenz“ und „slawischen Untermenschentums“. Darüber hinaus finden Burschenschaften mit den notorisch veranstalteten Vortragsabenden über allierte „Kriegsverbrechen“ und den „deutschen Opfern“ im „angloamerikanischen Bombenterror“ Anschluss an den ekelhaften nationalen Exkulpationskonsens aus deutscher Selbstviktimisierung in Form individueller Schuldabwehr [Familie, oral history, Zeitzeuginnenschaft], institutionalisierter Identitätsproduktion [Gedenkstätten, Historiographie, Schulen, Erinnerungsorte, Gedenkstätten, Feiertage] und ihren medial-kulturindustriellen Vermittlungen [Presse, Film, Serien, Radio, Publikationen] im kollektiven Massenbewusstsein der BRD.
Seit BRD-Gründung fungieren Burschenschaften als akademische Kaderschmieden neonazistischer Parteien und Organisationen. Ein anschauliches Beispiel ist die NPD-Prominenz des sächsischen Landtags: Der parlamentarische Berater der Fraktion, Karl Richter, entstammt der Münchner Danubia [DB-Mitglied]. Mit Jürgen W.Gansel, der spätestens durch seine Rede im sächsischen Landtag zum allierten „Bombenholocaust von Dresden im Februar 1945” für Aufsehen sorgte, Stefan Rochow und Arne Schimmer sind drei Mitglieder der Gießener Dresdensia-Rugia – ebenfalls Mitglied der DB – in der NPD aktiv. Aufgrund der Eskapaden in der DB spalteten sich 1996 acht Verbindungen ab, um mit der NDB einen politisch rein konservativen Dachverband zu gründen.

AK Kritische StudentInnen

1: Zu den Verbindungen der Würzburger Burschenschaften mit dem NSDstB, siehe Teil 1 dieser Serie. Daher fällt der Teil über den Vorabend der NS-Herrschaft auch etwas schmaler aus.