13.12.2008 #4: Lob der Unberechenbarkeit

Wir dokumentieren eine Äusserung der Gruppe exIL aus Würzburg.

Zu den „Krawallen“ am 13.12.2008

Im Anfang ist der Schrei. Wir schreien. Wenn wir schreiben oder lesen, vergessen wir schnell, dass im Anfang nicht das Wort ist, sondern der Schrei. Angesichts der Verstümmelung des menschlichen Lebens durch den Kapitalismus, ein Schrei der Trauer, ein Schrei des Entsetzens, ein Schrei des Zorns, ein Schrei der Verweigerung: NEIN.

Irgendetwas ist passiert, und weder wir noch unsere GegnerInnen können im Moment begreifen, was dieser Angriff auf die Würzburger Selbstgenügsamkeit bedeutet.

Zunächst ein paar strategische Anmerkungen: Für Würzburg stellt die Unberechenbarkeit der Aktion, die den ewigen Trott der Latschdemos, der langweiligen institutionalisierten Rituale und der Parteifähnchenschwenkerei hinter sich gelassen hat, etwas Neues dar. Vielleicht ist jene Desorganisation, jenes spontane Element, genau die richtige Antwort auf die Verschärfung der Versammlungsfreiheit. Die Frage, ob man sich überhaupt in irgendeine Polizeistrategie einfügen sollte, ob man überhaupt eine Demo, eine Kundgebung, eine Mahnwache, anmelden sollte, können wir seit dem 13.12. getrost mit „nein“ beantworten. Die Polizei spricht von 100 Personen, und wir wollen sie in diesem Glauben lassen. Eine angemeldete Demonstration hätte kaum mehr, wenn nicht sogar weniger Leute auf die Straße gebracht. Eine offiziöse Kundgebung wäre der Lokalpresse keine Zeile wert gewesen, und uns wären vor Langeweile die Füße eingeschlafen. KeineR von uns kann sich erklären, wer hinter der Organisation der „Krawalle“ steckt, über welche Wege die hundert Leute davon erfahren haben und wie die spontane Zusammenrottung so durchschlagend und effektiv werden konnte. Genau diese Unberechenbarkeit schüchtert auch die Polizei ein. Da gibt es keine Organisation, die man dafür verantwortlich machen kann. Es gibt keine Demo-OrdnerInnen, die man zur Rechenschaft ziehen kann. Diese Versammlung passt in kein Schema der linken Strategie. Und genau das ist ihr Vorteil.

Wenn man genau das verstanden hat, dann braucht man auch nicht mehr über die Vermittlung unserer Meinung an die BürgerInnen nachzudenken: Wir haben diesen Leuten nichts auf Flugblättern zu erklären. Unsere Wut über die Vorfälle in Griechenland und unsere Verzweiflung über die Zumutungen der Warengesellschaft sind nicht durch eine klassische „linke“ Sprache vermittelbar, die darauf hofft, bei den BürgerInnen Gehör zu finden. Es wird auf diesem Weg nicht funktionieren, und wenn doch, dann nur durch die Transformation einer radikalen Position in die Sprache einer bürgerlichen Interessengruppe. Genau deshalb müssen wir nicht „Polizeistaat“ rufen und hoffen, dass die fränkischen Bratwurstbräter in unseren Klagechor mit einstimmen. Wer verstanden hat, dass man solche Aktionen wie am 13.12. zuerst einmal für sich macht, und nicht für die deutschen BürgerInnen, und schon gar nicht für ein noch nicht einmal ansatzweise entbarbarisiertes fränkisches Landvolk, die/der hat schon viel verstanden. Obwohl wir die spontane Versammlung am Samstag keinesfalls als „Ausschreitung“ bezeichnen würden (da haben radikale Linke schon weitaus bessere Krawalle hingekriegt), hat jene temporäre Verstörung der Würzburger Prüderie anscheinend genau die Leute empört, die man damit aus ihrer Ruhe bringen wollte. Wenn in etlichen Kommentaren im Internet zu lesen ist, man solle das randalierende „Asoziale Pack“ ins Arbeitslager stecken, dann wissen wir spätestens, dass man am Samstag das Richtige getan hat. Und wenn die so genannten Würzburger Krawalle von der Ostsee bis Niederbayern in Tageszeitungen erscheinen, wessen subversives Herz lacht da nicht vor bittersüßer Freude.

Für uns gilt es nun, praktische Solidarität zu üben für unsere GenossInnen, die nach der spontanen Versammlung mit verschiedenen Vorwürfen belastet werden und bald mit den juristischen Folgen der spontanen Versammlung zu kämpfen haben. Sie benötigen unsere Zuwendung, um die kommenden Verhandlungen durchzustehen. Andererseits werden sie mit Sicherheit auch finanzielle Unterstützung benötigen.

Noch kann von niemandem wirklich begriffen werden, was der 13.12.2008. für die radikale Linke in Unterfranken bedeutet. Dieser denkwürdige Samstag bleibt für uns mit der Hoffnung verbunden, dass die Unberechenbarkeit zur Tugend wird. Dass die Aktionen der so genannten Autonomen derart unüberschaubar, unvorhersehbar, unbändigbar werden, dass sich weder Parteien mit ihnen abgeben wollen, noch dass sie in irgendeine Polizeistrategie passen würden. Wir wollen hoffen, dass an den Geist vom 13.12. angeknüpft werden kann, wenn es um die Kämpfe der Zukunft geht.

Gruppe exIL

Infoladenwuerzburg.blogsport.de

Email der Soligruppe: soligruppe@yahoo.com


1 Antwort auf „13.12.2008 #4: Lob der Unberechenbarkeit“


  1. 1 betty 25. Dezember 2008 um 21:22 Uhr

    Ja, ich möchte oft schreien: aus Wut, aus Verzweiflung, Angst, Einsamkeit und Schmerz. Der Versuch, über dem herrschenden Wahnsinn nicht verrückt zu werden und zu allem anderen noch das Eingeständnis, dass dieser Wahnsinn nicht nur außerhalb stattfindet, sondern mich durchzieht und es bis in den letzten Winkel meiner Selbst nichts vom Allgemeinen Unberührtes gibt – ohne, dass ich es dabei belassen möchte –, lässt mich manchmal eine schier unaushaltbare Spannung empfinden. Unmittelbar möchte man meinen, es sei eine Erleichterung, den Phantasien, dem dringlich empfundenen Bedürfnis nachzugeben und auf die Straße zu rennen, um diesem Schrecken erregenden und kläglichen Versuch, Leben zu simulieren, ins Gesicht zu schreien und vielleicht auch den Schrott in Stücke zu treten, der zufällig im Weg steht. Womöglich erleichtert es den Einzelnen tatsächlich für Momente (ich sag´ nur: Wahlplakate aller Parteien!). Aber welches Gesicht hat das Allgemeine? Wie soll ich es durch unmittelbare Gewalt treffen können? Mir wird unbehaglich zumute, wenn mir erzählt wird, diverse Krawalle und unmittelbare Gewaltakte seien Ausdruck irgendwelcher emanzipatorischer Bedürfnisse oder Unberechenbarkeit solle zur Tugend werden. Es steht ja da: man mache solche Aktionen erst einmal „für sich“ (wie sinnvoll bzw. sinnlos der Begriff des Selbst in diesem Zusammenhang auch sein mag). Nur gibt es da nichts weiteres. Zumindest nichts, was auf vernünftigere Zustände hoffen ließe. Viel eher findet doch eine Personifikation und Verdinglichung der herrschenden Verhältnisse statt vermittels derer die (zumindest in diesem Moment) bewusstlos, weil im Affekt Agierenden glauben, kaputt zu machen, was sie kaputt macht. Was uns kaputt macht, ist unmittelbar nicht zu treffen und wer behauptet, es gäbe spontane revolutionäre Aktion – in der Gegenwart eine Contradictio in Adjecto, vielleicht war es mal anders – der hält den Widerspruch nicht aus, zum Bersten etwas tun, also handeln zu wollen, aber nichts Vernünftiges machen zu können. Unmittelbare Gewalt trifft Dinge und Menschen, kein System. Sie macht mir Angst.
    Ist das Ziel denn, prüde Bürger und ordnungsliebende Polizisten aus der Ruhe zu bringen? Als ob die nicht viel eher auf Grund „der Finanzkrise“ in Panik geraten und lokale Krawalle nicht ein letzten Endes willkommener Anlass sind, sich angesichts sichtbaren Chaos´ wieder mit der Sicherheit suggerierenden Ordnung zu identifizieren.
    Die Vermittlung über die Sprache scheitert am falschen Bewusstsein der Angesprochenen, die von nichts einen Begriff haben – dieser Umstand sollte jedoch nicht zum Anlass genommen werden, zeitweilige, durchaus nachvollziehbare Regression zur Tugend zu adeln und ihr ein Vermittlungspotential zu unterstellen.
    Es sind nicht unsere Schreie, denen die Möglichkeit für eine bessere Welt innewohnt.

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