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1.
Follow the white rabbit, war in dem mail gestanden, das ich aus meinem Junkordner gefischt hatte, und da stieg ich also um 2300 in der Nacht aus der Strassenbahn in Grombühl aus und folgte in der Tat einem weissen Hasen: der Abend fing eigentlich ganz gut an.

Der weisse Hase war gar kein richtiger weisser Hase, mupfeln konnte er auch nicht, aber dafür lächelte er weise und gütig und (geben wir es ruhig zu) etwas debil. Er war ganz aus Kreide gebacken und sass auf der Strasse. Dort ging es ihm gut. Er mupfelte zufrieden und knabberte an meinen Ohren.

Etwas verlegen folgte ich dem merkwürdigen Tier tiefer in den zerklüfteten Grombühl. Er führte mich sanft und sicher, und ich fürchtete mich nicht. Tiefer stieg der Weg, schweigsam klommen wir hangab: auf vieren er, auf zweien ich, gebe der gütige und gerechte Gott, dass es dereinst, wenn wir uns wiedersehen, umgekehrt sein wird.

Am Fusse des Hügels angekommen, wies der weisse Hase hinab in einen Schacht, in den Treppen hinunterführten, und sagte mit leiser Stimme: Auf diesem Weg kann ich dich nicht begleiten. Diese Schwelle darf ich nicht überschreiten. Sprachs und hüpfte davon.

Verwirrt stieg ich die Treppe hinab. Die schmale Treppe führte in einen schmalen, grünen, hell erleuchteten Gang, der sich vor mir wand. Betäubender Lärm schien aus ihm zu dringen. Ich folgte seinen Windungen weiter: und siehe, da weitete sich der schmale Gang wie zu einem grünen Saal, und in diesem standen merkwürdige Männer und Frauen und hiessen mich willkommen.

2.
Der Saal sah aus wie die Donnerstagsdisco im akw, nur mit besserer Musik, besserer Akustik, besserer Deko, billigeren Getränken und weniger Idioten.

In der Mitte der Unterführung sassen Leute auf Barhockern (?) und Sofas. Am Rand stand ein Tisch mit Schnittchen, um den sich eine Wasserschlange ringelte. Eine junge Frau tanzte alarmierend eng mit einem riesigen Wal. Zwei Bären waren nirgendwo zu sehen.

An der Wand stand, von ungelenker Hand, mit Kreide eine grausige Warnung.

Nach rechts bog eine Treppe, dort ging es zum Europastern, diesem monströsen Fehlbau; die Lkw verschluckten draussen fast den Lärm der Musik. In den grauen Fenstern des gegenüberliegenden Grombühl war nirgends ein Licht. Nichts war dort draussen, nirgendwo, das einzige, was sich in dieser Nacht verbarg, war die lustige Gesellschaft in der Unterführung.

Es war wunderschön, und bizarr.

Am Tage sind die Strassen Feindesland; wir betreten sie ungern. Unwohl und beklommen fühlt man sich, unter unfrohen und feindlichen Menschen. Aber es reicht nicht, die Strassen nicht zu betreten; solange sie uns nicht gehören, sind unsere Wohnungen unsere Gefängnisse.

Wenn wirklich das grausigste, was diese Nacht birgt, wir sind: wie konnten wir jemals eine Macht neben uns dulden?

3.
Als, nach Stunden, zwei Polizisten eintrafen, die sich sprachlos die Szenerie anschauten und endlich die Worte fanden: „Irgendeiner macht das hier wieder sauber,“ stob die Menge bemerkenswert unkoordiniert davon, kehrte zurück, stob wieder davon, verlor sich irgendwo im Gewirr der Gassen, kehrte zurück oder auch nicht, während tatsächlich sich eine Handvoll Leute bereit fand, mit Besen, die die Exekutive eigens aus dem Burger King ausleihen liess, den Boden zu fegen; wohl auch, weil die Polizei (die rasch Verstärkung gerufen zu haben schien) einen oder zwei Leute in Handschellen gelegt hatte. Dabei bekam noch jemand Pfefferspray ins Gesicht.

Die Reste der Gesellschaft zogen danach, die Musikanlage im Schlepptau, grimmig und mit ensetzlich entschlossenen Gesichtern die Schweinfurter Strasse entlang in die Stadt hinein, wo sie dem Vernehmen nach noch ein paar Male mit der Polizei Katz und Maus spielten, bis diese ihnen die Soundanlage abgenommen hatten, mit denen sie die Bürger um den Schlaf zu bringen drohten.

Was weiter? Nächstes Mal erstens besser vorbereiten. Denn es wird und muss ein nächstes Mal geben, öfter und wilder noch, es ist nicht der Funke eines Lebens zu sehen, wenn nicht so. Aber besser vorbereiten; es müssen die Leute wissen, was zu tun ist, wenn die Party zu Ende geht.

Zweitens: der überflüssige Beweis, dass man auch Spass haben kann, ohne die dafür lizensierten Anstalten zu besuchen, wäre erbracht; aber man sollte sich hüten, die Formen, die das in der Spassindustrie annimmt, zu kopieren. Eine Disco in eine Unterführung einbauen ist lustig, weil es die Perspektive bricht; aber eine Disco ist es zuletzt trotzdem, und wenn man zu anderen Formen des Lebens finden will, wird man keine neue Disco aufmachen wollen, nicht in der Frankfurter Strasse, nicht am Europastern.

Und, meine Damen und Herren, eine weniger lange und träge Planung bitte, und etwas mehr Unberechenbarkeit, wenn ich bitten darf.

Vince O‘Brian