Archiv für Oktober 2008

Für ein neues Autonomes Zentrum!

„Junge: Wer mit zwanzig kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat“ (Die Goldenen Zitronen)

Wer auch immer in Würzburg sich noch für den Ort interessiert, der einst von einer Autonomen Szene geschaffen worden ist und längst die besten Zeiten hinter sich hat, mag dieses Flugblatt aufmerksam lesen, vielleicht sogar ihre/seine Schlüsse daraus ziehen.

Nach dem zweijährigen Versuch, den Infoladen Würzburg aus seinem Winterschlaf zu wecken und linke Strukturen in Würzburg zu reaktivieren, glauben wir, durch den Bruch mit dem Autonomen Kulturzentrum mehr erreichen zu können, als weiterhin auf ein vor sich hin dümpelndes AKW! zu setzen. Den Ansatz früherer Polit-Gruppen, trotz eines gespaltenen Verhältnisses zum AKW! den Infoladen weiter zu führen, halten wir für wenig sinnvoll, da Aktivitäten auf dem Gelände für uns nur durch einen gewissen Grundkonsens zwischen uns und der Mitarbeiterschaft des AKW! möglich ist. Dieser Grundkonsens über den Sinn und Zweck des Autonomen Kulturzentrums existiert nicht mehr.

Als aus einem alten Holzlager einer Brauerei am Anfang der neunziger Jahre der Infoladen aus dem Boden gestampft wurde, ahnte wohl noch kaum jemand, dass es irgendwann den politischen Teil des AKW! nicht mehr geben würde. Was anfangs als Zentrum gedacht war, in dem verschiedene Gruppen einen Platz finden und in dem der Infoladen nicht als Exil für Polit-Gruppen, als linkes Gewissen, fungieren sollte, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem Autonomen Zentrum ohne Autonome, zu einem Kulturzentrum ohne Gegenkultur. Man gewinnt fast den Eindruck, dass das AKW! ca. zwei Jahrzehnte den Anarchisterich gemimt hat, um sich letztendlich doch an den deutschen Konsens zu kuscheln. Der klägliche Rest der Szene, aus der das AKW! ursprünglich entstand, und der mit einer gewissen Naivität hoffte, für ihn sei im AKW! noch irgendetwas zu retten, sind wir.

Der Entschluss, das alte Bürgerbräu-Gelände zu verlassen, fußt weder auf einem besonderen Ereignis, noch auf persönlichen Zerwürfnissen. Wir meinen schlichtweg, dass sich die Schnittmengen zwischen dem AKW! und dem Infoladen auf ein Minimum reduziert haben. Seit Jahren wird der Infoladen wohl eher als Klotz am Bein des AKW! betrachtet. Gewiss spielen für uns einzelne Ereignisse, wie die Übertragung der Fußball-EM ohne jedweden Versuch, sich anders darzustellen, eine gewisse Rolle, jedoch ergibt erst die Summe der Rückschläge und Enttäuschungen beim Umgang mit dem AKW! das Ergebnis: Es ist besser, das AKW! im Jahre 2008 das AKW! im Jahre 2008 sein zu lassen. Und es ist ebenfalls besser, auf eine andere Weise die Würzburger Langeweile zu stören.

Zuletzt sollte sich nicht nur für uns, sondern auch für alle diejenigen Menschen, die viel früher ihre Lehren aus dem Leeren gezogen haben, die Frage stellen: Soll es das gewesen sein? Für uns lautet die Antwort: Mitnichten! Das Bedürfnis, aus diesem System auszubrechen, ist viel zu drängend, als dass wir uns in den weichen Sessel der links-bürgerlichen Existenz zurücklehnen könnten. Vielmehr gilt es für uns, einen neuen Ort zu schaffen, neue Weg zu finden. Dabei können wir nicht nur auf uns selbst vertrauen: die Diskussion darüber, was in Zukunft in Würzburg passieren soll, muss mit denjenigen geführt werden, die sich auf die Fahne geschrieben haben, den Würzburger Kultur- und Politbetrieb zu (ver-)stören. Diejenigen müssen zusammen gebracht werden, denen das blanke Entsetzen über die Zumutungen der Verhältnisse ins Gesicht geschrieben steht. Wir treten für eine lebhafte Debatte über die Perspektiven einer alternativen (Gegen-)Kultur ein, die sich nicht nur auf den Sektor Politik beschränkt.

Für uns soll der Auszug aus dem Infoladen nicht nur ein Abschluss sein, sondern auch eine neue Perspektive bieten: Wir wollen ein neues Autonomes Zentrum, für das die Anbiederung an den Mainstream ein NoGo darstellen soll. Aktuelle Beispiele aus anderen Städten der Umgebung zeigen, dass mit der nötigen Portion Entschlossenheit unser Vorhaben erreicht werden kann. Dafür müssten wir in dieser Stadt wieder genügend Unordnung und Verwirrung erzeugen, die u.a. durch die Bindung an diesen oder jenen Szeneschuppen zur Erliegen kam. Ob auch außerhalb der „Szene“ das Bedürfnis besteht, einen neuen Ort für (Anti-)Politik und Aktion jenseits des kulturindustriellen Mainstreams zu schaffen, wird sich zeigen müssen.

Wir jedenfalls sind für allerlei Unfug zu haben und wollen einen neuen selbstverwalteten Raum für ungezähmte Bewegung schaffen.

Infoladengruppe Würzburg, September 2008

infoladenwuerzburg.blogsport.de

P.S: die Homepage bleibt bestehen, so dass über zukünftige Aktionen zu lesen sein wird.

Zur Krise #3

Die ISF schreibt:

Was aber ist der Run auf eine Bank gegen die Zerstörung des Bankwesens nur überhaupt? Was gegen die Aufhebung des Geldes? Die Abschaffung des Souveräns? Was ist die Kritik an der FAZ gegen die sofortige, unwiderrufliche Kündigung jeglichen Abonnements auf Ideologie? Was ist jetzt Aufklärung? Die Schlauesten der Propagandisten sagen: »All das Geld ist genau so lange sicher, bis es jemand haben möchte. Aber warum sollte es jemand haben wollen, wo es doch so sicher ist? Das Geld der Deutschen ist derzeit in einem logischen Rätsel angelegt.« (FAZ, 8. Oktober 2008) Und wenn dann der Dümmste der Kommunisten antworten würde: Das geht mich nichts an, denn es handelt sich nicht um ein »logisches Rätsel«, das theoretisch aufzulösen wäre, sondern um die gesellschaftliche Liquidation des Kapitals als der »Selbstverrätselung der Menschheit« (Marx), dann, ja: dann könnte die vermaledeite Geschichte gut ausgehen.

via Freie Republik Kurpfalz. Was für ein dämlicher Name für ein blog, fast so dumm wie letzter hieb.

Wütender Protest

So, hier ist er, der wütende Protest über das Layout von einem Redakteur des Letzten Hypes.

Schrecklich!

Ekelerregend!

Unlesbar!

Buuuuh!

Anmerkungen zum Keil als Zirkus der sieben Sensationen

Vorab: Der Autor dieses kurzen Gedankenfragments würde weder behaupten, irgendetwas von der Schauspielkunst zu verstehen, noch nimmt er sich heraus, die dramatische Gestaltung des aktuellen Stücks „Bis einer heult“ zu bewerten. Um eine explizite Kritik des Stücks soll es in den Anmerkungen daher gerade nicht gehen. Stattdessen wird hier die Frage angerissen, ob der Keil einen Platz als verrücktes Huhn der bürgerlichen „Kulturszene“ einnehmen möchte, oder lieber außen vor bleibt.

„Bis einer heult“ war ein nettes Stück: Die ZuschauerInnen strömten in Scharen herbei und befanden es als nett. Die Kinder, die das Stück besuchten, lachten und klatschen zu nettem Slapstick, die Main-Post hatte nichts am netten Keil auszusetzen und so manch einer/einem ZuschauerIn kamen Tränen vor lauter netten Gags.

Es ist nachvollziehbar, dass eine positive Kritik selbst in der Lokalpresse und ein reges Zuschauerinteresse an Shakespeare Balsam auf der Seele der ArtistInnen des Keils sind. Und ich kann ebenfalls verstehen, dass aus rein wirtschaftlichen Erwägungen, denen man sich nicht entziehen kann, drei nahezu ausverkaufte Vorstellungen und großzügige Spenden bei der Aufführung im Kult großartige Ereignisse für den Zirkus der sieben Sensationen sind.

Mir und noch einigen anderen dem Keil nahe stehenden Personen stellte sich jedoch nach den letzten beiden Stücken die Frage, ob der Zirkus der sieben Sensationen einen Platz in der ehrenwerten Gesellschaft der Kulturschaffenden einnehmen möchte und zwei- bis dreimal im Jahr StudentInnen und sonstige BildungsbürgerInnen belustigen möchte, oder die Kulturszene selbst zu verstören gedenkt.

Im Klartext lautet die Frage: Habe ich es, als Zuschauer, lediglich mit einer Laienschauspielergruppe familiären Charakters zutun, deren Mitglieder vielleicht irgendwann den Sprung auf die weltberühmten Bretter, die die Welt bedeuten, vollbringen und die, solange dies noch nicht geglückt ist, die Paradiesvögel der Kulturszene mimen, oder hegt der Keil einen anderen Anspruch an sich selbst und an sein Publikum?

Es macht den Keil aus, dass er stets macht, wozu er Lust hat. Jedoch stellt sich für mich die Frage, weshalb das Bedürfnis, den offiziellen Kulturschaffenden vor ihre Füße zu rotzen, nicht mehr zu bestehen scheint (oder irre ich mich?)? Vielleicht hilft bei der Beantwortung der Frage ein Bezug auf die familienartige Form, in der sich die ArtistInnen des Zirkus’ präsentieren. Indem man sich auf der Suche nach familienartiger Freundschaft als Gruppe wahrnimmt und sich so künstlich von äußeren Einflüssen abschottet, könnte das Harmoniebedürfnis irgendwann über allen anderen Intentionen des Keils stehen. Und damit könnte auch die Fähigkeit verloren gehen, sich mit der Entsetzlichkeit der nur scheinbar getrennten Formen Kultur, Politik und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Je mehr der Zirkus der sieben Sensationen sich also als Familie versteht, desto weniger wird man sich wohl mit solchen Fragen auseinandersetzen. Man darf jedenfalls nicht vergessen, dass Theater niemals in der nichtexistenten kulturellen Luftleere steht, sondern zwangsläufig mit dem gesellschaftlichen Formgeflecht verwoben bleibt. Darüber hinaus muss angeführt werden, dass es zwar nicht verwerflich ist, sich untereinander blendend zu verstehen (ganz im Gegenteil), aber dass mit einer heimeligen Gruppenidentität auch eine Formierung nach innen stattfinden könnte, durch die erstens solche kontroversen Fragen über den Sinn und Zweck der eigenen Theatergruppe nicht mehr diskutiert werden, zweitens man kaum mehr fähig sein wird, etwas anderes als ganz nettes Theater zur Bespaßung von seichtem Publikum zu machen.

Zuletzt muss festgehalten werden, dass Theater stets auch die Interaktion zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen bedeutet. Der Keil hat nicht umsonst nach wie vor ein Publikum, das fähig ist, Fragen wie die meinigen zu stellen. Durch die in der Vergangenheit ungewöhnliche Art, nicht nur schallenden Applaus, sondern auch tiefe Empörung beim Publikum auszulösen, umgibt den Zirkus der sieben Sensationen zumindest für mich noch immer eine Aura der Subversion. Je mehr die SchauspielerInnen nur den Anspruch hegen, nettes Familientheater zu machen, desto weniger werden Mitglieder und ZuschauerInnen des Keils dazu fähig sein, den Zirkus der sieben Sensationen nicht nur als ganz normales Theater zu verstehen. Egal, ob in Würzburg, Leipzig oder anderswo.

Benjamin Böhm

So gehts woanders zu #2

Heute: Iran. Mal lese bei Ali Schirasi nach, wie die Krise das iranische Regime betrifft: Hier und hier.

Man möge hoffen, dass die Krise dieses Regime, ihre eigene und frühe Ausgeburt, noch selbst verschlingt. Ob das hoffen hilft, weiss ich nicht, und dass auch das nicht aufhalten wird, was in Europa auf uns zu kommt, weiss ich.

Und zu was in diesem Zusammenhang diese Deutschen fähig sind, die jetzt jahrelang die Unterordnung und die Einfügung ins grosse Ganze mit Begeisterung eingeübt haben: daran will ich heute, denn es ist mir schon schlecht, nicht weiter denken. Ich kann nur hoffen, der iranische Faschismus implodiert, bevor ein neuer deutscher kommt.

Nach dem Weltende

Die kommenden Revolten. Teil IV (1)

Für einen, den ich nicht vergessen will

1.
Die Welt, in der wir heute leben, wird nicht mehr untergehen. Denn wir leben bereits nach dem Ende der Welt. Die Katastrofe, vor der doch alle sich fürchten müssen, braucht nicht eigens mehr eintreten; dass immer noch alles so weitergeht, nach allem, das ist bereits die Katastrofe.

Die früheste kommunistische Kritik des Kapitals knüpfte an den Aufweis, dass das Kapital unter dem Gesetz der Krise stehe, die Hoffung auf dessen mögliche Abschaffung; das Kapital stellte, mit Weltmarkt und Proletariat und der Ausdehnung der Produktivkräfte, die Grundlagen seiner Aufhebung her, der allgemeinen Befreiung; und seine inneren Widersprüche, die sich in der Krise gewaltsam geltend machten und sich im Laufe der Entwicklung ständig verschärfen mussten, machten seinen Untergang notwendig.

Aus der doppelten Notwendigkeit, der der Kämpfe der Klassen, und der der Zusammbruchskrise, ergab sich die Verheissung einer Weltrevolution, in der das Proletariat als befreiende Klasse die Grundlagen der Ordnung, Staat und Familie und Kapital, abschaffen und die Errungenschaften ihrer Zivilisation, auf ihrem höchsten Niveau, zugleich als Grundlage für eine endlich befreite Menschheit retten würde. Diese Verheissung ist nicht eingetroffen, aber nicht, weil sie falsch gewesen wäre, sondern weil die Revolutionäre nicht gesiegt haben.

Denn die Weltkrise ist wirklich gekommen, und auch der Weltkrieg und der Anfang der Revolution, die ihn endlich beendet hat, aber als der Kapitalismus 1929 tatsächlich in seine finale Krise gekommen war, versagte die Revolution. Im Nationalsozialismus gelangte die Gesellschaft des Kapitals schliesslich zum Punkt ihrer völligen Entfaltung: als antisemitische Volksgemeinschaft, der die Krise wie die Widersprüche vollends ausgetrieben sind, weil sie das Geschäft der Krise gleich selbst betreibt, fugenlos mit sich selbst identisch und mit nichts als Vernichtung im Sinn.

Damit endet eigentlich die Geschichte von Krise und Revolution, der Nachweis ist erbracht, dass die Gesellschaft des Kapitals keineswegs die Bedingungen des Kommunismus produziert. Mit dem Klassenkampf, sogar mit der Zusammenbruchskrise sind die Deutschen fertig geworden, so sehr haben sie die Herrschaft geliebt. In dem Masse, in dem der deutsche Nationalsozialismus sich globalisiert, von anderen Gesellschaften zum Modell genommen wird, kann die bisherige Geschichte nicht mehr als Vorgeschichte einer befreiten Menschheit angesehen werden, sondern als die der nunmehr verewigten Katastrofe.

2.
Der Revolutionsversuch von 1968 geschah schon in einer Zeit, die zur Wiederkehr des Gleichen verurteilt schien, völlig präzedenzlos und ohne jede Erklärung, die sich aus den objektiven Tendenzen ableiten liess. Ein Aufstand gegen die Geschichte, fast ein Mirakel. Die Bewegungsgesetze des Kapitals lassen zwar keinen Zweifel, dass das Verhängnis der Krise auch für die nachfaschistischen Gesellschaften gelten muss; die Revolte von 1968, allen Erklärungsversuchen einer Linken zum Trotz, die selbst nichts verstanden hat, war aber keine Reaktion auf eine ökonomische Krise.

Die ökonomische Krise kam im Gegenteil nach der Revolte, und zwar die längste und tiefste Krise in der Geschichte der kapitalistischen Ökonomie. Sie hat bis heute nicht geendet. Dass sie mehr als dreissig Jahre dauert, dass sie überhaupt eine Krise ist, ist nicht mehr allgemein bekannt, dermassen ist sie Normalität geworden. Wir leben in ihr. Alle ökonomischen Erklärungen sind an ihr zuschanden geworden: die immer heftigeren Ausschläge der Konjunkturen in immer kürzeren Zyklen, die von Zyklus zu Zyklus beschleunigte Freisetzung von Arbeitskräften, die immer intensivere Vernutzung der Arbeitskraft bei gleichzeitiger Massenarbeitslosigkeit, ungeheuerste Akkumulation, dabei Verelendung ganzer Weltgegenden; über allem aber ein katastrofales Sinken der Wachstumsraten über die Zyklen hinweg.

Unter denen, die nicht Ökonomie betreiben wollen, sondern deren Kritik, gibt es zwei Richtungen. Die eine Schule, nennen wir sie die objektive, greift zurück auf den dritten Band des Kapital; dort finden z.B. Bischoff, Huffschmidt und Kurz die Erklärung, dass mit steigender Kapitalszusammensetzung, d.h. fortschreitender Ersetzung von menschlicher Arbeitskraft durch Maschine, die Profitrate sinken muss, und ziehen daraus den Schluss, dass beim heutigen Stand der Produktivkräfte reale Produktion weniger profitabel sein müsse als die sogenannte Spekulation auf den sogenannten Finanzmärkten. Anlagesuchendes Kapital und unbeschäftigte Arbeitskraft ständen sich gegenüber, ihr Austausch lohnte aber für das Kapital immer weniger. Die unterschiedliche Pointe besteht nun darin, dass Bischoff und Huffschmidt das Dilemma durch Dazwischengreifen des Staates lösen wollen, während Kurz den Zusammbruch der kapitalistischen Produktionsweise sehen will.

Die andere Schule, die operaistische, beschreibt die Massenerwerbslosigkeit als Ergebnis der radikalen Fabrikkämpfe der 1960er und 1970er. Die Herrschaft in den Fabriken, und damit die gesamte Verfassung der kapitalistischen Reichtumsproduktion, war nur durch tiefgreifende Disziplinierung der Arbeitschaft, durch Umstrukturierung der Produktion aufrechtzuerhalten; durch massenhafte Freisetzung von Arbeitskraft, durch eine neue Welle der Automation, durch Auslagerung von Produktionsschritten, in der Konsequenz durch die Politik der Austerität, und das heisst durch die Krise. Die Operaisten beschreiben im einzelnen, und durchaus umständlich, wie die kapitalistische Umstrukturierung durch Arbeiterwiderstand erzwungen wurde; Widerstand, der (übrigens entgegen der Intentionen dieser Schule) verblüffend wenig ökonomisch motiviert war, sondern fast anti-ökonomisch, weniger als Kampf um mehr Lohn denn als Kampf gegen Lohnarbeit.

Die objektive Schule hat dagegen zwar genau den ökonomischen Zusammenhang zwischen der kapitalistischen Umstrukturierung und der Krise der Weltökonomie analysiert, ohne sich jedoch die Frage zu stellen, was die Umstrukurierung erzwungen hat. Wo die objektive Schule (und man lese meinetwegen das bei Bischoff nach) seit ehedem dieselben Sätze aus dem dritten Band zitiert, und seit ehedem ihre Tatsachen danach biegt, dass sie darunter passen, kann man (man lese es bei Moroni/Balestrini oder bei Wright) die operaistische Schule dabei beobachten, wie ihr ihr eigener Leninismus, zu ihrer eigenen Überraschung, im selben Masse in Stücke bricht, in dem sich die Disziplin der Fabrik auflöst; wie sich aus dem historischen Geschehen, statt des erhofften Aufbaus einer neuen bolshevikischen Partei, unter ihren Händen nichts herausschält als eine Tendenz im Proletariat, dass es einfach genug ist und dass es nicht mehr geht. Die Angelegenheit endigt vorläufig mit der 1977er Bewegung, die im Keim alle unsere gegenwärtige Realität enthält.

Es blieb den Operaisten nicht erspart, das, was sie daran kaum verstanden, sofort zu einer neuen revolutionären Subjektivität zu erklären. Man lese beim Verrückten Negri nach, zu welchen Exzessen gar ein Nietzscheaner in dem Zusammenhang fähig ist. Sie haben aber Zeugnis abgelegt von einer Wirklichkeit, die von der objektiven Schule gar nicht erst zur Kenntnis genommen worden ist. Uns heute sind sie allein deshalb unschätzbar, weil sie den Gedanken haben denkbar werden lassen, es könne die Krise, und zwar diesmal die wirklich finale des Kapitals, durch autonomes Handeln des Proletariats provoziert werden, und nur dadurch.

3.
Die Ordnung hat gesiegt, aber zu recht wollen ihre paranoiden Verwalter davon nichts wissen. Der Preis für den Sieg war die unabsehbare Fortdauer der Krise. Gelöst, also entschieden, ist sie nicht; und das ist einigermassen erstaunlich. Im Gegenteil war die Krise immer gegenwärtig, schon vor ihrer heutigen Zuspitzung.

Heute brechen amerikanische Banken zusammen, weil die amerikanischen Mittelklassen sich ruiniert haben; deren Bereitschaft, ihren Konsum durch Kredite zu finanzieren, war aber der treibende Motor der Weltökonomie. Einen anderen gibt es seit mindestens 15 Jahren nicht mehr: das ist die Wahrheit der Krise. Was diese Ökonomie an Waren ausstösst, ist mit dem, was sie als Löhne ausstösst, nicht zu bezahlen. Die tugendhafte Entrüstung der scheinheiligen Deutschen und anderen Gesindels über derart spekulatives Treiben müsste man eigentlich nicht kommentieren, sie entlarvt sich als geschäftstüchtige Niedertracht derer, die 15 Jahre an den Amerikanern gut verdient haben.

Die Deutschen aber sind leider gefährliche Irre, und man muss nur die Kommentare aus allen Teilen ihrer Eliten über die amerikanischen Versuche hören, die Banken zu retten: da reitet welche die Lust am Untergang; man muss einmal mit Entsetzen feststellen, wie jenseits aller vier Grundrechenarten die Elite und das Volk genau das gleiche denken, das gleiche sagen5: sie wären bereit, geschlossen in die Katastrofe zu ziehen, nicht weil sie 1929 vergessen hätten, oh im Gegenteil. Die deutsche Elite jedenfalls rüstet sich auf den Tag, an dem die amerikanische Ordnung zusammenbricht; es lohnt sich, hierzulande, sich das gesagt sein zu lassen. Dass die Krise von den Amerikanern käme: das wird ihnen hier jeder glauben, und was dann zu tun ist, weiss ein Deutscher, wenn er auch sonst nichts weiss.

Nicht die Finanzmärkte haben aber die Krise gemacht, nicht die Amerikaner, nicht der Neoliberalismus, sondern das Proletariat, das heisst wir haben sie gemacht, wenn auch nicht aus freien Stücken; in ihr drückt sich nichts aus als die Unmöglichkeit, dass die Menschheit in dieser Gesellschaftsordnung weiter existiert. Die Revolte von 1968, und sie ist die Flamme, von der wir erloschenen heute allesamt kommen, hat die Krise gemacht, sie hat die kapitalistische Moderne zertrümmert, nach ihr ist die Menschheit nie wieder regierbar geworden, und selbst die konterrevolutionäre Ordnung muss die Form eines unaufhörlichen Gegenangriffs annehmen. Die Krise ist unsere Krise, und wir können es nicht begreifen, weil wir unsere eigenen Krisen für ein privates Unglück halten müssen statt für ein gesellschaftliches Verhängnis; und die Gewalt, die wir uns antun müssen, um weiter zu funktionieren, ist dieselbe Gewalt, die uns angetan wird, damit die Maschine weiter funktioniert.

Die Krise ist die Wiederkehr des Verdrängten, in ihr kehrt, was der Menschheit an Insubordination ausgetrieben wurde, als blindes ökonomisches Verhängnis wieder. Die Menschheit ist aber heute weit davon entfernt, die Unmöglichkeit des Fortbestehens dieser Ordnung bewusst zu produzieren und aus freien Stücken statt unter Zwang.

Deswegen werden, wenn es zum Zusammbruch der Weltmärkte kommt, die Deutschen wieder hinter ihren Eliten marschieren, die aus 1933 gelernt zu haben scheinen, dass sie sich vor der Konkurrenz der Faschisten nicht fürchten müssen, wenn sie den Faschismus gleich selbst organisieren. Die Welt ist aber nach wie vor so eingerichtet, dass nicht auszuschliessen ist, das Auschwitz sich wiederhole oder ähnliches geschehe. (2)

Untergehen wird diese infame Welt davon freilich sowenig, wie sie beim letztenmal davon untergegangen ist; sie ist ja bereits selbst die Katastrofe, und erst die Rettung wäre ihr Untergang. Ob aber der Menschheit der unwahrscheinliche Griff nach der Rettung, über den Rand des Abgrunds zurück, doch noch gelingt, ob sie sich überhaupt noch vor sich selbst Entsetzen kann, weiss ich nicht. Verdammte sind wir bereits, zu einem Leben nach dem Weltende; wenn unser eigenes Entsetzen nicht ausreicht, um Konsequenzen zu ziehen, haben wir der Menschheit schon nichts mehr mitzuteilen.

Von Jörg Finkenberger

Man kann folgendes gerne lesen:

Primo Moroni / Nanni Balestrini: L‘orda d‘oro (Dt.: Die Goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien. Verlag Assoziation A): Sehr lesenswert.

Steve Wright: Storming Heaven (Dt.: Den Himmel stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus. Verlag Assoziation A.): Achtung, schlecht. Trotzdem vll lesen.

Rene Vienet: Wütende und Situationisten in der Bewegung der Besetzungen, 1968. Bestellen bei klassenlos.tk oder Englisch unter cddc.vt.edu/sionline/si/enrages.html

Sergio Bologna: La tribu delle talpe (Engl.: The Tribe of Moles, etwa: Der Stamm der Maulwürfe), 1977, über die 1977er Bewegung, unter geocities.com/cordobakaf/moles.html

Wolfgang Pohrt: Über Vernunft und Geschichte bei Marx, 1978. Unter trend.infopartisan.net/trd0502/t300502.html.

Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, 1940. Unter mxks.de/files/phil/Benjamin.GeschichtsThesen.html

(1) Der folgende Text gibt einen Vortrag des Verfassers wieder, der im Sommer 2008 am Mainufer vor einem sixpack und einer Zuhörerin gehalten wurde. Der Verfasser dankt der Zuhörerin für ihre Geduld.
(2) Nicht ganz. Noch gibt es Israel. Solange Israel steht, ist die Katastrofe nicht ganz vollständig. Wenn Israel fällt, gehören wir alle dem Teufel. So einfach kann das sein mit der Solidarität mit Israel.

Froschhöhle. Kritische Masse. Stützpunkt und Schandfleck.

In Würzburg, diesem gärendem Morast, gibt es keine Hoffnung und kein Entrinnen, und keine Luft zum Atmen. Man muss schon so über jedes Mass bescheiden sein, wie es die Leser/innen des hype wohl sind, um hier sein Genügen und Auskommen zu finden.

Es reicht dabei noch nicht einmal aus, das allgemeine Elend zu dulden, das man mit dem Rest des Proletariats, namentlich des schlechtbezahlten, gemeinsam hat. Nein, es muss zum Schaden auch die Schande kommen, und es muss auch noch diese Stadt sein, ausgerechnet, und dazu die Szenerie, in der man lebt, ausgerechnet der letzte und fauligste Sumpf, den man lethargisch erduldet.

Sub-Kultur nennen manche es noch, dieses immergleiche, ohne jedes Bewusstsein für die böse Ironie des Wortes: nichts anderes als Kultur, nur unterhalb davon. Die letzte Schwundstufe einer Gegenkultur, die einmal gegen die offizielle Kultur, diese Hyäne, aufgestanden war.

Die betäubende Langeweile in dieser Stadt geht nicht vom katholisch-konservativen Milieu aus, sondern längst vom studentischen Milieu und der ihm eigenen Lebensweise, den vielfältigen und immergleichen Kulturangeboten, die von denen, denen das Wort Jugendkultur nicht mehr die Schamesröte ins Gesicht treibt, gerne angenommen werden; einer Szene insbesondere, der man mit dem Stumpfsinn, auf den die sogenannten Massen hereinfallen, nicht mehr kommen braucht, weil sie einen eigenen, verfeinerten Stumpfsinn verlangen.

Die Subkultur derer, die sich mit der Hoffnungslosigkeit ihrer Existenz anscheinend abgefunden haben, ist nichts anderes als der Garant der Fortdauer dieser Hoffnungslosigkeit. Sie anzugreifen, ist heute eine unmittelbare Überlebensfrage, wenn aus der Verzweiflung doch noch etwas anderes kommen soll als Selbstzerstörung.

Dabei ist doch in Würzburg alles so schön eingerichtet, und es hat alles seinen Platz. Selbst einen Infoladen haben die Stadtoberen, in weiser Voraussicht, geduldet, den die Infoladengruppe freilich aus guten Gründen nicht mehr haben will. Zwischen Jugendkulturhaus und Autonomem Kulturzentrum ist für alle ein Ort, vorausgesetzt natürlich, man hat nichts dagegen, dass die Voraussetzung für Teilnahme an dieser Art der Öffentlichkeit die eigene Alkoholisierung ist, über die sich diese Einrichtungen zum grossen Teil auch finanzieren. Und vorausgesetzt natürlich, dass in Einrichtungen dieser Art generell nur Dinge ablaufen, die auf die eine oder andere Weise für die Zwecke der Stadt förderungswürdig sind, wodurch sich diese Einrichtungen zum anderen Teil finanzieren. Wenn und solange die Zwecke der Stadt Dinge sind, mit denen man gut leben kann, ist das alles schön und gut.

Einige können das aber nicht so gut, und wieder einige unter diesen diskutieren mit Unterbrechungen seit mittlerweile 2 Jahren über die Frage, ob nicht in Würzburg bereits viel zuviele Einzelne oder Gruppen unterwegs sind, die mit Grund für unruhig genug gehalten werden dürfen, als dass man sich das alles noch bieten lassen dürfte. Ob nicht, mit einem Wort, das Potential dafür vorhanden wäre, etwas ganz anderes auf die Beine zu stellen, und wie das gehen könnte.

Wie das aussehen könnte, ist noch völlig unklar, klar ist allerdings, dass schon viel, sogar zuviel Zeit verstrichen ist. Nicht mehr alle, die damals mit einem solchen Vorhaben einverstanden waren, leben noch. Es ist spät, vielleicht zu spät. Die Strukturen lösen sich auf, aus denen heraus solche Schritte einmal hätten getan werden sollen, sei es durch die allgemeine Verschlechterung, sei es durch weitere Anpassung, sei es durch den gewöhnlichen Lauf der Dinge, den Stumpfsinn, der wohl nicht wütend, sondern träge macht. Und durch Wegzug aus der Stadt, nur allzu berechtigt; es sind wie immer nicht die schlechtesten, die weggehen.

Am Anfang stand der einfache Gedanke, alle bisher auf verschiedene Einrichtungen verteilten Aktivitäten zusamenzufassen und in einen gemeinsamen Betrieb zu verlegen. Das akw war zu dieser Zeit von jedem Anspruch auf unabhängige Kultur abgerückt, und dieser Mangel war 2006 deutlich zu spüren. Folgerichtig wurde diskutiert, ob und wie ein wirklich autonomes Kulturzentrum zu schaffen wäre.

Nach dem Abtritt des damaligen Vorstandes allerdings schien einigen Beteiligte die Chance sich zu ergeben, diese Pläne doch noch im akw verwirklichen zu können. Man darf das im Rückblick als eine naive Illusion bezeichnen, für die sich mit Recht viele gar nicht erst in Bewegung setzen liessen. Diejenigen, die sich in die akw-Strukturen begaben, hatten dort keine Chance, die tiefgehenden Veränderungen einzuleiten, die notwendig gewesen wären. Das akw ist heute die traurige Ruine einer Singlebörse, deren einziger Gebrauchswert in vergleichsweise billigem Alkohol in Gesellschaft vergleichsweise erträglicher Leute besteht; erträglich allerdings vor allem dann, wenn man sich das mit dem Alkohol gründlich hat gesagt sein lassen. Was aber der Sinn einer Ansammlung von Personen sein soll, die sich nur mit Alkohol gegenseitig ertragen, wissen allein die Götter.

Das Elend jeder Art von „Kultur“, die eine Ware ist, ist aber genau an dieser Karikatur eines Kulturzentrums abzulesen. Jede Einrichtung, die, um sich zu finanzieren, von der Gunst eines Publikums abhängt, das sich in seinen Gewohnheiten bestätigt sehen will, wird nichts anderes können, als dieses Publikum auf seiner rasanten Abwärtsspirale zu begleiten. Nichts anderes gilt für Theater, für Musik, für Film, für jede Art von Kunst: sie wird Kunst bleiben müssen, sie wird nicht den Anspruch stellen dürfen, ins Leben auszugreifen, sie wird für uns ebenso sinnlos sein, wie sie für die städtische Kulturlandschaft zweifellos eine Bereicherung darstellen wird. Sie wird keine Folgen haben ausser der, das, was ist, ein weiteres Mal zu bestätigen. So wird solche Kultur entweder die Erwartungen des Publikums bedienen oder untergehen, niemals jedoch das Publikum zu verändern versuchen. Zuletzt verkommt sie zu ihrer Grundform, und das ist in Würzburg immer noch der blinde Suff.

Aus genau diesem Grund erwies sich die urprüngliche Idee nicht mehr haltbar. Es kann nicht darum gehen, das selbe wie bisher in neuer Verpackung zu liefern. Nicht aus der einfachen Addition bisheriger Aktivitäten, sondern aus ihrer gemeinsamen Umschmelzung, aus ihrer Entfesselung ins Unerwartete ergäbe sich bestenfalls die kritische Masse, um das immergleiche aufzusprengen. Nicht ein Zentrum für Politik und Kultur, sondern ein Stützpunkt dagegen; jenseits der Gunst von Stadt und Schweineblatt; alles andere als eine Bereicherung des Kulturangebots, und mit Sicherheit nichts, was man zwecks Freizeitvollzugs Erstsemestern zum Ausgehen anempfiehlt, Gott bewahre; kein Farbtupfer, sondern ein Schandfleck.

Mit welchen Kräften so etwas angefasst werden könnte, in welchen Formen so etwas vorgestellt werden könnte, das alles ist noch offen, und die Leser/innen/schaft ist sicher gut beraten, sich dazu eigene Gedanken zu machen, bevor wir es tun.

Der neue Hype ist da!

Ab heute abend oder morgen. Demnächst auch im Volltext zum Download.

Wir bitten, sich an dem Layout nicht zu stören und sich Fussnoten, Reihenfolge etc. einfach hinzuzudenken. Das neue Layout ist notwendig, um einschätzen zu können, ob das Heft wirklich gelesen wird.

Wütende Proteste, auch von unseren Autoren, gerne unter der bekannten Emailadresse oder über den bekannten toten Briefkasten,

für immer

Euer

Letzter Hype.

So gehts woanders zu #1

Dieses Mal: Nacht-Tanz-Demo in Frankfurt am Main/Germany. Blog mit interessanten Neuigkeiten. Kann man vll evtl so Schlüsse draus zieh.

Zur Krise #2

Emanzipation oder Barbarei hat wieder einmal ein paar Texte zur Debatte über die Krise zusammengetragen, die alle ganz gut und nützlich zu lesen sind wahrscheinlich (ich habs nicht getan, geb ich gern zu).

Via Redikal wird dort unter anderem ein Artikel von Joachim Hirsch zitiert, der belegt, dass man auch als Professor die ökonomische Seite der Sache richtig einzuordnen verstehen kann:

Das Spekulieren über die Folgen der Finanzkrise für die so genannte „Realwirtschaft“ (übrigens eine recht verräterische Bezeichnung) ist scheinheilig. Steinbrück, Glos, Weber und ihr professoraler Begleitchor müssten wissen, dass die Finanzblase nicht eine vermeidbare Fehlentwicklung, sondern die Grundlage der „Realwirtschaft“ war.

Völlig richtig.

Um die Krise zu bewältigen, steht jetzt die „Re-Regulierung“ der Wirtschaft auf der politischen Tagesordnung. Sie wird darin bestehen, dass der staatsmonopolistische Kapitalismus, die enge Verbindung von Staat und Kapital zwecks Sicherung des Profits weiter ausgebaut wird und festere institutionelle Strukturen bekommt. Der deutsche Faschismus, mit dem hierzulande auf die Krise der dreißiger Jahre reagiert wurde, könnte dafür eine Art Modell abgeben, nur dass dieser Prozess nun nicht mehr die Beseitigung demokratischer Verhältnisse erfordert, sondern im Rahmen der längst zur Formalität verkommenden liberaldemokratischen Strukturen vorangetrieben werden kann.

Fragt sich nur, worin dieser deutsche Faschismus bestand, und warum es in der post-nazistischen Gesellschaft seiner angeblich nicht mehr bedarf.

[D]ass das bestehende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem abgeschafft statt wieder einmal nur notdürftig repariert werden sollte

, ist jedenfalls richtig; was aber ist mit dem Staat, meine sehr verehrten Damen und Herren?

Wo der klügste Professor Antworten sieht, fangen für den/ide dümmsten Kommunisten/in die Fragen erst an.

Zur Krise #1

Emanzipation oder Barbarei bespricht kurz ein paar Ansichten (Heinrich und Trenkle) zur gegenwärtigen Krise; wenn man die beiden Namen kennt, kennt man eigentlich auch schon die Ansichten, bevor man deren (dort verlinkte) Texte gelesen hat. Lohnen mag es sich trotzdem.

Einen brauchbaren Text darüber, was eigentlich eine Überakkumulationskrise sein, hat Emanzipation oder Barbarei aber genausowenig aus dem Netz fischen können wie wir; ausser einem wikipedia-link, der aber rein gar nicht weiterhilft, und Sachen hauptsächlich aus dem (Ex-)Krisis-Umfeld, die aber leider auch so ihre jeweilige Schlagseite haben.

Eine gute Zusammenfassung wird also nach wie vor gesucht.

Die „nummer“ ist nicht mehr.

Die würzburger Kulturzeitschrift „nummer“ ist nicht mehr (das, was sie vielleicht einmal war). Wer wissen will, was das Spektrum, das vielleicht provisorisch mit den Namen Kremmler, Kleinhenz und Kunz umrissen werden kann, zu sagen hat, sei auf den Zunderblog verwiesen.

Dort kann man zB folgendes über eine Rundfunkaussendung über „1968 in Würzburg“ lesen:

Einen hörenswerten Beitrag hat der BR bereits am 6.4. gesendet (auch online nachzuhören), in der auch sonst sehr interessanten Reihe »Mainfränkisches Kaleidoskop«: »Studentenproteste in Würzburg« sind diese 12 Minuten überschrieben, und eine illustre Schar an Würzburgern erinnert sich an das besagte Jahr und das universitäre Leben. Auch Dieter Ohrner, der damals bei der Würzburger Stadtpolizei war. Das hörenswerteste ist allerdings das Resumé des Sprechers nach Ohrners Ausführungen:

»Das Verhältnis zwischen Staatsmacht und Intelligenz war also gut in Würzburg. Für eine Demo haben sich die Studenten sogar mal ein Megaphon bei der Stadtpolizei ausgeliehen; außerdem ist überliefert, daß einige Rädelsführer nach einer Demo am amerikanischen Flugplatz eine Funkstreife der Polizei als Mitfahrgelegenheit in die Innenstadt nutzten …«.

Wer Würzburg und die Würzburger Studenten kennt, hat sicherlich kaum Anlass, am Wahrheitsgehalt dieser Aussagen zu zweifeln.

Bei uns könnte man zB zu einer solchen Rundfunkaussendung noch eine Bemerkung über die dort interviewte Dritte Bürgermeisterin Schäfer (SPD) lesen, die folgendermassen aus ihrem deutschen Herzen keine Mördergrube macht: man sei 1968 gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam auf die Strasse gegangen,

… sicherlich auch, weil wir uns ja damit beschäftigt haben, was Deutschland für Verantwortung hatte, den Zweiten Weltkrieg mitausgelöst zuhaben…

Mitausgelöst, meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie haben richtig gehört: mitausgelöst.

Der Zungenschlag sagt viel; vielleicht nicht so sehr eine halbe Wahrheit über 1968, aber jedenfalls die ganze Wahrheit über Vereine wie zB die KPD/ML, wo man, vermittelst eines besonders berüchtigt-widerlich deutschnationalen Anti-Imperialismus, genau solche Techniken eines subtilen („linken“) Geschichts-Revisionismus lernte; was einer wie Frau Schäfer 1999 auch sehr gut zustatten kam, als es für die SPD darum ging, aus solcher „Verantwortung“ die Legitimation abzuleiten, zB Belgrad zu bombardieren.

Täuscht uns die Erinnerung? Hat sie das oben Zitierte nicht sogar tatsächlich 1999 auch schon gesagt? Und wer möchte schwören, dass es nicht so war?