Nochmal Studenten-Korporationen

Der Studentenstein im Ringpark zu Würzburg/Germany, gegenüber der Neuen Uni, trägt heute die Inschrift:

„Die Deutsche Studentenschaft im Gedenken an den Tod, das Opfer, das Vorbild“.

Vor ein paar Jahrzehnten hiess der Spruch noch: „Deutschland soll leben, auch wenn wir sterben müssen“. Der Stein erinnert an die nationalistischen Studenten, die bei der Massakrierung der aufständischen Arbeiter 1920 ums Leben kamen. Die studentischen Freikorps und die sonstigen proto-faschistischen Milizen hausten so entsetzlich, dass Kurt Tucholsky, damals noch ein braver SPD-Mann, schaudernd schrieb: „Der Mediziner im Kolleg/ braucht Leichen, Leichen, Leichen.“

Und so sieht der Kranz aus, den „Die Würzburger Korporationen“ den Erschiessern von 1920 hingelegt haben:

Auf den Schleifen steht: „Die Würzburger Korporationen/ ihren gefallenen Kommilitonen“.

Traditionsbewusst sind sie ja, das muss man ihnen lassen. Aber sogar „Vorbild“? Gut zu wissen. Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit noch einmal? „They can be accommodated“, sagte Donald Rumsfeld vorlängst über andere Verehrer des Todes.

Nachtrag: Man soll uns nicht damit kommen, mit dem Stein würde der Gefallenen des ersten Weltkrieges gedacht. Als ob das viel besser wäre. Gedacht wird der Märtyrer für Deutschlands Grösse von 1914 bis 1920, in Weltkrieg und Bürgerkrieg. Wie organisch der Zusammenhang zwischen dem Einsatz im Bürgerkrieg, gegen die Revolution, mit der schliesslichen fürchterlichen Wiederauferstehung Deutschlands gewesen ist, mag man wo anders nachlesen.


6 Antworten auf „Nochmal Studenten-Korporationen“


  1. 1 Verbindungsstudent 12. November 2008 um 13:34 Uhr

    Der Kranz wurde von mehreren Würzburger Verbindungen geimeinsam am 20. Juli dort abgelegt. Der Studentenstein, der heute im Ringpark steht, hat mit der Gedenkstätte wie sie vor 1945 stand , außer der Lokalität, nichts mehr gemein.
    Der Kranz wird jedes Jahr dort niedergelegt, um den Verbindungsstudenten zu gedenken, die insbesondere in beiden Kriegen des 20 Jhds. gefallen sind.
    Darunter waren nicht nur „Frontsoldaten“ sondern in dieses Gedenken der Würzburger Bünde werden immerhin auch die Mitglieder der vor 1935 bestehenden jüdischen Korporationen und einige Widerstandskämpfer mit einbezogen, die in den Würzburger Bünde waren.
    Dass nicht jeder Verbindungsstudent per se ein Widerstandskämpfer war ist natürlich klar und es gab definitiv Verbindungsstudenten, die damals aktiv am Nazispuk beteiligt waren. Aber darf man deswegen den einen Aufrechten vergessen?
    Ich finde es leider schade, dass Sie einerseits fordern die Verbindungen müssten sich kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, andererseits einen solchen Akt des Gedenkens und damit Hinterfragens der eigenen Geschichte, durch solch einen Artikel dermaßen herabwürdigen.

    admin: Finden Sie meinetwegen „leider schade“, was Sie wollen! Sie haben unsere herzliche Erlaubnis. Deutsch fühlen und deutsch können war ohnehin immer zweierlei. Gedenken Sie auch gerne weiter der Märtyrer der faschistischen Milizen von 1918 bis 20 und der deutschen Landser von 1939 bis 45, an einem Stein, der nach wie vor den Namen einer NS-Organisation trägt („Die Deutsche Studentenschaft“ usw.), und bilden Sie sich meinetwegen weiter ein, sie gedächten dabei nicht nur einiger Toter Faschisten, sondern auch des einen oder anderen Gerechten, der ja doch sicher darunter gewesen sein müsse.

    Ein „Akt des Gedenkens“ ist ein Akt des „Hinterfragens der eigenen Geschichte“, was für eine schöne Stilblüte. Es ist wirklich unglaublich, wie inkonsistent man denken muss, um offenbar Teil der akademischen Elite werden zu dürfen.

  2. 2 Farbe_ins_Dunkel 09. Dezember 2008 um 14:30 Uhr

    Erklärung des Würzburger Presseamtes 1927:

    „da der Studentenstein kein Denkmal für die gefallenen Würzburger Studenten, sondern für sämtliche gefallenen Kommilitonen Großdeutschlands ist, hat er auch keine Beziehung zur Würzburger Universität. Er wird deshalb hier aufgestellt, weil Würzburg – wo 1919 die „Deutsche Studentenschaft“ gegründet worden ist und 1922 nach dem schweren Verfassungskämpfen die endgültige Einigung erfolgte – gleichsam die Heimat der deutschen Studentenschaft ist.“

  3. 3 administrator 09. Dezember 2008 um 17:59 Uhr

    Auch schön. Wir nehmen das einmal zu Protokoll, und ergänzend folgendes:

    Hauptstreitpunkt des jahrelang erbittert geführten „Verfassungsstreits“ (in der „Deutschen Studentenschaft“) war die Frage, ob die Mitgliedschaft in den Einzelstudentenschaften auf dem egalitär-demokratischen „Staatsbürgerprinzip“ oder dem von den Völkischen vertretenen „Arierprinzip“ beruhen sollte.

    Der letztendliche Sieg der arisch-völkischen Position in der DSt veranlasste schließlich den preußischen Kultusminister Becker um die Jahreswende 1926/27, den Studentenschaften in seinem Land ein Ultimatum zu stellen: Sie sollten entweder den Staatsbürgergrundsatz uneingeschränkt anerkennen (und die Zusammenarbeit mit den rein-„arischen“ auslandsdeutschen Studentenschaften beenden) oder ihren öffentlich-rechtlichen Status verlieren, den sie seit 1920 besaßen. In einer Urabstimmung votierten die preußischen Studierenden zu rund 77 % gegen die entsprechende Verordnung Beckers, der daraufhin die verfassten Studentenschaften in Preußen auflöste.

    (D)ie DSt … (wurde) schließlich 1945 als NS-Organisation verboten.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Studentenschaft

  4. 4 Andrej T. 07. Januar 2009 um 12:30 Uhr

    Der beißende Sarkausmus, mit dem aufrichtige Beiträge bedacht werden, stinkt zum Himmel. Da macht sich einer Mühe, seine Meinung zu äußern – anbei bemerkt ist Meinungsfreiheit sicher ein Gut, das zu schützen sie gleichfalls bereit sein sollten – und wird derart herabgewürdigt. Nicht, dass Sie ein Diskussion suchen, nein nach dem Leden des Beitrags wird der Blick vom Verfasser abgewwandt und der ideologisch gleichgesinnten Leserschaft dieser Seite zugeworfen. Davon abgesehen strotzt der Beitrag von negativen Implikaturen, die nicht gerechtfertigt sind. „Gedenken Sie auch gerne weiter der Märtyrer der faschistischen Milizen von 1918 bis…“ Welch gemeine Unterstellung!

    Die Argumentation des Verbindungsstudentens ist sicher unzulänglich. Trotzdem wird dort gefallener, junger Menschen gedacht und – hoffentlich – nicht einer gefallenen Ideologie. Wenn wir der Opfer des Kappputsches gedenken, werden wir jedenfalls nicht so schnell versucht sein, sie mit den Toten des Kommunismus in Verbindung zu bringen. Warum nicht? Weil es nicht gerecht ist, obwohl die Anhänger damaliger linker Parteien unter Umständen sehrwohl bereit waren für ein sozialistisches Paradies über Leichen zu gehen. Das aber tut der Tragödie keinen Abbruch.

    Im Übrigen dürfte man sehr wohl deren Tod bedauern, denn diese verkommene Ideologie war leider Gottes vorherrschend zu dieser Zeit. Die jungen Menschen nicht als Opfer zu sehen, weil wir aus historische Distanz eine erhabene Warte haben, ist schlicht ungerecht. Ja, es waren Täter dabei -viel Täter- und das ist ein grausiges Faktum, das durch nichts gut gemacht werden kann und auch verurteilt gehört (und wurde!). Aber selbige aus dem historischen Kontext zureißen, an den Pranger zu stellen, und die, die ihnen trotzdem Ehre, und sei es nur als Opfer des damaligen Systems, erweisen wollen zu zu verhöhnen, dazu gehört ebenfalls eine ungesunde Portion Ideologie.

    Es ist durchaus wahrscheinlich, dass faschisches Gedankengut bei denen, derer dort gedacht wird, verbreiteter war, als solches des Widerstandes. Nichtsdestoweniger sind junge Menschen als Zahnrädchen in einem martialischen Getriebe verriegeb worden. Und es lohnt sich unabhängig davon dieser Tragödie zu gedenken.

  5. 5 administrator 07. Januar 2009 um 18:57 Uhr

    herr t.,

    es tut mir leid, aber wir betrachten den bürgerkrieg keineswegs als eine „tragödie“ mit lauter unschuldigen auf beiden seiten. wir finden uns im gegenteil nicht damit ab, wer ihn gewonnen hat.

    wir reissen nichts aus dem historischen kontext, im gegenteil. wir stellen uns ganz in ihn hinein. diese geschichte ist nicht erledigt. nicht solange jedenfalls ich lebe.

    ich habe unsere toten nicht vergessen, und ich finde es interessant, wer ihrer mörder gedenkt.

    wundern sie sich also nicht über unseren hohn; es ist das mildeste mittel, um daran zu erinnern, dass es bisher nicht gelungen ist, uns alle zu erschiessen.

    (und bitte, das mit den „toten des kommunismus“ hätt ich dann doch gern ein bisschen ausführlicher. wenn sie die dagegengerechnet haben wollen, dann müssen sie das schon ausdrücklich dazusagen. auf die begründung wär ich dann auch gespannt.)

  6. 6 str 26. Januar 2011 um 15:13 Uhr

    „Der Stein erinnert an die nationalistischen Studenten, die bei der Massakrierung der aufständischen Arbeiter 1920 ums Leben kamen.“

    Seit wann ist es verwerflich, einem antirepublikanischen (republikanisch im Sinne eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates) Putsch entgegenzutreten und dabei sein Leben zu lassen?

    „es tut mir leid, aber wir betrachten den bürgerkrieg keineswegs als eine „tragödie“ mit lauter unschuldigen auf beiden seiten. wir finden uns im gegenteil nicht damit ab, wer ihn gewonnen hat.“

    Ja, da kann man nur froh darüber, daß diese Seite ihn nicht gewonnen hat. So gab es zwischen den Kriegen wenigstens 13 Jahre deutscher Demokratie.

    Und wollen Sie, Herr Admin, wirklich einen Bürgerkrieg führen? Etwas anderes heißt nämlich „wir finden uns mit dem Ergebnis nicht ab“ nicht!

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.