Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur

An dieser Stelle pflege ich mich ja für gewöhnlich über die Höhen und Tiefen des Kulturlebens dieses geschätzten Städtchens auszulassen, euch alle an meinen vielen Exkursionen in die Tiefen des Punkrocks und die Höhen der errnsten Mosik teilnehmen zu lassen und tiefschürfende Betrachtungen über das Kleinstadtleben anzustellen. Aber all das, also der Firnis der Zivilisation, zusammengerührt auf Theaterbühnen und in Konzertsälen, egal ob underground oder staatlich bestallt, ging in den letzten Wochen unter in einer einzigen großen Woge Nationalgefühl. So lauschte ich vor dem Mainfrankentheater dem von einem honorigen Herrn gepfiffenen Kaiserquartett, in der Sanderstraße war es dann das nach stattgehabter deutscher Geschichte von diesem Haydn’schen Werk nicht mehr zu trennende Horst-Wessel-Lied, gegrölt von trunkenen Studierenden, aus den Kneipen erscholl ein lallendes „überalleindärwält“ und im Fernsehen war dann die Kanzlerin beim Mitsingen der „richtigen“ Strophe zu bestaunen. Die Höhen und Tiefen der musikalischen Darbietungen erstreckten sich ausnahmslos auf Variationen der deutschen Hymne – aus Richtung der Musikalisch-Akademischen-Verbindung erscholl gar ein im Chore gesungenes „Heil Dir im Siegerkranz“. Die dramatische Kunst schnurzelte zusammen zu einer allseits geübten wilden Gestikulierei, stets verbunden mit unartikuliertem Gegrunze, aus welchem allüberall ein gurgelndes „tschland“ herauszuhöhren war, die Malerei brach mit einem ubiquitären Schwarzrotgold in bisher kaum geahnte Dimensionen vor, doch der größte Sieg gelang der Dichtkunst: „Silber iss besser wie Gold“ (Mit vollem Ernst und in fränkischem Tonfall skandiert von jungen Damen beim frühmorgendlichen Abzug von der Sanderstraße). Ach ja, die Gastronomie: Danke Babette! In deiner Weinstube durfte ich die Zeit während des allentscheidenden letzten Spiels der deutschen Herrenfußballnationalmannschaft ohne jedes „Hurah. Das ist schön“ und auch gänzlich ohne jedes Bild von schwitzenden halbnackten Männern verbringen. Die übrigen Wirtsleute dieser Stadt sollen sich alle schämen!

Jetzt, wo alles vorbei ist, werde ich in einer der vielen großen Kirchen dieser Stadt – vielleicht, wenn noch wer mitmacht, gleich in sämtlichen – dem heiligen Florian (der ist zuständig für Feuersbrünste, Wasserfluten und derlei Nöte mehr) eine Kerze stiften, damit niemals mehr ein deutsches Sportteam oder auch einzlechte Athleten und auch -innen jemals in einem internationalen Vergleich auf einen höheren als den vorletzten Platz gelangen mögen. Und weil ich gefühlte zehn Wochen lang nicht ausgehen konnte, hatte ich viel Zeit allerlei exotische Gerichte auszuprobieren und hier ist eines aus einer Gegend, wo Fußball „soccer“ heißt und nicht sehr beliebt ist und die Namen der deutschen Herrenauswahl vermutlich gar niemandem geläufig sind: Das Mississippi-Delta. Dort stießen (zugegebenermasen nicht immer glücklich) spanische, französische, afrikanische und indianische Esskulturen aufeinander.
Voila:

Alligatoren-Bohnen-Eintopf dazu Kartoffel-Ingwer-Puffer und Reis

Für den Eintopf:
Ein Pfund Gulasch vom Alligator (Das beste Fleisch ist vom Schwanz)
Zwei Tassen schwarze Bohnen, über Nacht (10-12 Stunden) eingeweicht
Etwa 200g grobe Rindersalami
Zwei große rote Paprika
½ Kürbis
Etwas Sellerie
Vier rote Zwiebeln
½ Knolle Knoblauch
Schalotten, Koriandergrün, Glattpetersilie

Für die Puffer:
Zwei große Kartoffel
Zwei große Süßkartoffel
Ein etwa daumengroßes Stück Ingwer
Eine Zwiebel
Zwei bis Vier grüne Chillischoten
Etwas Kartoffelmehl

Zunächst die Bohnen im gesalzenen Einweichwasser zum Kochen aufsetzen, den Sellerie fein würfeln, zugeben. Wenn das Wasser kocht, auf niedriger Flamme garen lassen. Das Fleisch waschen, trocken tupfen und in nicht zu kleine Würfel schneiden. Die roten Zwiebeln sehr fein würfeln, den Knoblauch fein hacken, die Salami würfeln und alles gemeinsam zur Seite stellen. Das Fleisch in einem großen Topf in reichlich Bratfett unter Rühren sehr scharf anbraten, mit Salz, Pfeffer, Chillipulver würzen, nun die Flamme herunterdrehen, den Topf bedecken und weiter schmoren lassen. (Evtl. gelegentlich Flüssigkeit zugeben – die Bohnenbrühe etwa ist zur Hand, Rindsboullion ist ganz super) Den Kürbis in grobe Würfel schneiden und zur Seite stellen. Die Paprika waschen und unter regelmäßigem Wenden im Ofen oder unter dem Grill so lange backen bis die Haut Blasen wirft und beginnt sich zu verfärben; dann unter kaltem Wasser abschrecken und häuten, nun die Paprika in grobe Streifen schneiden und ebenfalls zur Seite stellen. Die Salami mit den Zwiebeln und dem Knoblauch in einer Pfanne scharf anbraten, salzen und pfeffern, einige Minuten unter Rühren weiter dünsten, dann zum Fleisch geben. Jetzt die Bohnen ebenfalls zugeben, danach die Schalotten, den Koriander und die Petersilie fein wiegen und mit dem Kürbis in den Eintopf geben, alles unter gelegentlichem Rühren garen bis die Bohnen weich und das Fleisch zart ist, jetzt die Paprikastreifen hinein und mit Petersilienblätter garniert servieren.

Für die Puffer die Kartoffeln schälen und pürieren, die Süßkartoffeln unter Wasser kräftig bürsten und ebenfalls pürieren, den Ingwer schälen und reiben, die Zwiebel sehr fein würfeln, die Chillischoten hälften, von den Kernen befreien und in feine Streifen schneiden, Glattpetersilie und Koriander fein wiegen. Alles zu einem Brei rühren, kräftig salzen und in ein engmaschiges Sieb geben, so gut wie möglich entwässern. Jetzt je nach Feuchte ein bis zwei Esslöffel Kartoffelmehl unterrühren und etwas stehen lassen. Tischtennisballgroße Bällchen formen, platt drücken und frittieren. Auf eine Platte anrichten und mit etwas Zwiebelgrün und Korianderblätter dekorieren.

Weißen Langkornreis vorquellen lassen, die doppelte Menge Wasser zum Kochen bringen, salzen und den Reis zugeben, den Topf bedecken und auf möglichst kleiner Flamme kochen lassen bis das Wasser verkocht ist (etwa 7 min.), den Topf bedeckt zur Seite stellen, nach einigen Minuten den Deckel entfernen, den Reis vorsichtig umrühren und auf einer Platte angehäuft servieren.

Dazu passen frische Salate und sauer eingelegtes kaltes Gemüse (Pickles).

Tja, äh. Nun ja.
Ihr mögt keine Krokodile essen?
Alligatoren schwimmen noch nicht im Main – und wenn, stünden sie bestimmt unter Naturschutz??
Das ganze sei ein schlächter Schärz???
Aber nicht doch. Mir wurde versichert, das mit dem Alligator tät, wenn man sie nicht gerade vor der Haustür gezüchtet kriegt, per „internet“ (ihr wißt schon) durchaus gehen. Ich selber habe aber doch ganz einfach zu Rinderhals gegriffen – schon aus Kostengründen. Phantasiebegabte VegetarierInnen mögen dann halt Sojaworschd und Räuchertofu nehmen und die Garzeiten anpassen.

Viel Vergnügen und… Äh halt! Stopp! Aber das geht doch nicht!!
Es ist vielleicht nicht wirklich eine gute Idee, den putzigen kleinen Alligator aus Nachbars Terrarium zu klauen…

Kopfschüttelnd euer geschätzter
Rainer Bakonyi