Feuchte Träume in der Sanderstraße

Diese Zeit, in der wir leben, ist vor allem geil. Die Autos, in denen wir fahren, die Häuser, in denen wir wohnen, die Zeitungen und Sendungen, in die wir uns vertiefen, und unsere Haut werden vor allem eines: immer geiler. Wie ein stahlhartes, bewusstloses, butterweiches Rein-und-Raus ist diese Zeit, ein glattrasiertes, betrunkenes rosa Mädchen, das die Grenzen zum Gegenüber vergisst. Dieses rosa Mädchen, mit am PC verlängerten Beinen, müsste unsere Flagge zieren, es ist unsere Gegenwart und Hoffnung: Ein Zustand, in dem sich Sadismus und Masochismus, Aggression und Devotion in einer Gleichzeitigkeit von Geben und Nehmen, im totalen Konsum aufheben. Wenn alle Dinge, Pflanzen, Tiere und Menschen, die uns umgeben, nur noch etwas geiler, glatter, weicher und härter gemacht würden, wäre unsere Erlösung gekommen. Wie auf das Parfum des Grenouille würden wir uns auf unsere Umwelt stürzen, sie endlich ganz verinnerlichen, sie verzehren und zurückkehren in den Mutterschoß der Selbstverständlichkeit. Unser Verstand wäre endlich in der Natur versenkt.

Die EURO2008™ war nahe dran an diesem Paradies. Die Dreieinigkeit von diesem Schwarz, diesem Rot und diesem geilen, geilen Gelb hatte die Kraft, uns die Mühsal des Alltags vergessen zu lassen, unsere Langeweile und Übermüdung auf das Signal der Uefa hin in eine einzige große Party münden zu lassen. Wir sind über das distanzierte Schwenken in der Hand hinausgegangen, haben die Trikolore auf unseren Wangen und in unseren Haaren getragen, uns in ihre Farben gehüllt, die Autos geschmückt, uns identifiziert mit ihr. Das Bundeskabinett auf der Tribüne verfolgte das selbe Ziel wie wir und auf der Straße musste man nur das Losungswort sagen, um Teil des Sommermärchens zu werden. Sexy, eindringlich, widerspruchslos und geil waren die Mitglieder dieser Bewegung, die ihre Tage ansonsten in Vorlesungssälen, Büros, Fabrikhallen oder auf Wohnzimmersofas zubrachten.

Christina Stürmer erriet unsere feuchten Träume: „Wir haben Fieber / Komm fieber mit / 100.000 / Folgen dir auf Schritt und Tritt / Wir haben Fieber / Komm sei dabei / Wir erleben Emotionen / Und heben ab denn wir sind frei“.

Auch Revolverheld traf es auf den Punkt: „Nanananananana / Wir geh’n zusammen in die Geschichte ein / Nanananananana / Lasst uns einmal alle Helden sein“.

Gerade weil der Anlass so nichtig war, konnten wir dem Vaterland unsere Liebe gestehen, ohne zu stottern oder uns zu schämen. Die Nichtigkeit nahm den Kritikern die Butter vom Brot und die Euro machte endlich wahr, wovon MIA schon 2003 schwärmten: „Ein Schluck vom schwarzen Kaffee macht mich wach. Dein roter Mund berührt mich sacht. In diesem Augenblick, es klickt, geht die gelbe Sonne auf“. MIA, Revolverheld und Christina Stürmer sind die größten Denker unser geilen Zeit und lassen keinen Zweifel mehr: Freiheit, Nation und Emotion sind ein untrennbarer Dreiklang. Deutschland, endlich: Du bist unsere große Liebe. Mehr noch: Wir sind Deutschland.

Nun, einige Tage nach der EM, ist wieder Ruhe in Würzburg eingekehrt. Fremde Leute fallen dir nicht mehr um den Hals, die Strassen sind abends verwaist, die Bähnchen durchfahren wieder ungestört die Sanderstraße und die allabendliche Unterhaltung wird wieder in den eigenen vier Wänden genossen. Die zu Werbezwecken initiierte Gemeinschaft ist wieder den deutschen Tugenden Distanz und Beherrschung gewichen. Sich beherrschen und sich beherrschen lassen sind jedoch zwei Seiten derselben Medaille. Deshalb wird sich die tote deutsche Öffentlichkeit zum nächsten Spektakel gerne wieder aufbahren lassen. Im Englischen bezeichnet „Public Viewing“ schließlich eine öffentliche Leichenschau.