Neues aus dem Vatikan

In den geheimen Archiven des Vatikan lassen sich so manche interessanten Thesen und Papiere finden, deren Geheimhaltung schon die abstrusesten Fantasien und Verschwörungstheorien heraufbeschworen hat. Dunkles Wissen soll hier verborgen sein, versteckt vor dem Angesicht der Welt, damit „sie nicht dem Chaos verfalle und der finsteren Verzweiflung“ (Guiseppe Garampi, Kardinalbibliothekar und Archivar des Vatikanischen Geheimarchivs von 1751-1772) Seit dem 19. Jahrhundert werden seine Bestände einer immer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht, immer wieder werden neue Dokumente offengelegt und neue Geheimnisse gelüftet.
Nachdem im Januar dieses Jahres Studenten und Dozenten der römischen Universität „La Sapienza“ gegen eine Eröffnungslesung des Papstes demonstriert haben, u. a. wegen seiner Behauptung Galileis Verurteilung sei aus damaliger Sicht der Kirche „rational und gerecht“, wurden geheime Gerichtsakten zum Prozess gegen den berühmten Wissenschaftler Galileo Galilei aus dem Jahre 1633 offengelegt, darunter Galileis bislang verschollenes Schlussplädoyer. Was dort steht, ist ebenso fantastisch wie bizarr. Und es erklärt, warum die Kirche es als nötig befand, diesen schon damals berühmten und angesehnen Wissenschaftler zu verbrennen.
Galileo Galilei ist weithin bekannt für seine Behauptung, dass die Erde sich drehe. Er war Verfechter des heliozentrischen Weltbildes und stellte – wie Kopernikus bereits vor ihm – das bislang unbestrittene geozentrische Weltbild in Frage. „Und sie dreht sich doch“* lautet der berühmte Ausspruch, den er beim Verlassen des Gerichtssaal in seinen Bart gemurmelt haben soll.Vieles von dem wenigen, das über diese historische Persönlichkeit berichtet und überliefert wurde, ist fraglich, und die neuesten Entdeckungen aus den Vatikanischen Archiven werfen ebenfalls mehr Fragen auf, anstatt Antworten zu geben.
Kaum bekannt ist, dass Galilei unter seinen Zeitgenossen als wahnsinnig galt. So schreibt ein besorgter Freund, Pietro Castelli, in einem Brief, dass Galilei nun den Lehren des Kopernikus nachhänge (also einem heliozentrischen Weltbild) und wie zur Untermalung dieser These ständig umfalle. Frage man ihn nach diesem seltsamen Gebaren, so behaupte er, es sei die Rotationskraft der Erde, die ihn (und nur ihn!) zu Boden werfe.
Auch in den Schlussakten des Inquisitionsprozesses findet sich so ein Verhalten wieder. Laut Protokoll musste die Sitzung für kurze Zeit unterbrochen werden, da der Angeklagte, „wie vom Wind gestoßen durch den Saal wirbelte“, dabei laut „die Erde, die Erde“ rief und gewaltsam zurück auf seinen Stuhl gesetzt werden musste.
Das mögen nur die kleinen Albernheiten eines genialen Wissenschaftlers sein, den die beständige Ignoranz und Borniertheit der Kirche um den Verstand brachten. Doch wer sein Schlussplädoyer liest, kann sich da nicht mehr ganz sicher:
Die Einleitung beginnt mit jenem oft zitierten Ausspruch Galileis, dass zwei Wahrheiten sich nicht widersprechen könnten. (er findet sich in einem Brief an Pietro Castelli vom 21. Dezember 1613 wieder) Seine Wahrheit sei die der Sterne und sie lautete: die Erde ist rund und dreht sich. Wie wir wissen, hielt die Kirche dagegen. Sie vertrat die Wahrheit Gottes und sagte: Die Erde ist eine Scheibe und sie dreht sich nicht.
Also schlug Galilei einen brillanten Kompromiss vor: die Erde sei ein kegelförmiges, das sich nicht drehe, sondern das man (z. B. Gott) wende!
Die ungeheuerliche Konsequenz daraus wurde auch offen von ihm ausgesprochen: „Also ist die Erde eine Wurst.“**
Das war Blasphemie sondergleichen. Natürlich kann man streiten, ob Galilei tatsächlich an diese Wursttheorie glaubte. Auch wenn er für wahnsinnig gehalten wurde, ist es nicht unwahrscheinlich, dass er angesichts des Scheiterhaufens – seine christlichen Henker schürten das Feuer bereits – zu einer letzten triumphalen Beleidigung gegen die Kirche ausholte.

Die Frage bleibt: warum wurden diese Akten so lange unter Verschluss gehalten? Sie zeichnen das Bild eines durchgeknallten Wissenschaftlers und Ketzers, dem man nicht leicht Glauben schenken mag. Wo liegt also ihre Brisanz, die Gefahr für die Gemeinschaft?
Die interessanteste Antwort darauf lautet: Weil die Kirche nach anfänglichem Zögern den Vorschlag Galileis aufgriff und bald darauf selbst propagierte!
Untermauert wird diese These durch den Fund eines päpstlichen Rundschreibens mit dem Titel „De salsicio dei“*** von 1644, worin Papst Urban VIII (er war als Förderer Galileis bekannt!) die Wursttheorie Galileis mit Bibelstellen belegen will. Es galt bislang als senil- poetischer Entwurf dieses extravaganten Papstes…
Im selben Jahr starb Urban VIII. und sein Nachfolger Innozenz X., der die Geschmacklosigkeit dieser Theorie erkannte, blies zur Kehrtwende. Um der Nachwelt diese himmelsschreiende Peinlichkeit zu ersparen, verschwand das päpstliche Rundschreiben, zusammen mit Galileis Prozessakten in den Bleikammern des Vatikans, andere Beweismittel, ( Protestbriefe der Kurie oder Spottschriften der Protestanten?) sollen angeblich verbrannt worden sein. Und natürlich wurde eine Fehlinformationskampagne gestartet, um alles Wissen über Galilei und seine seltsame Theorie zu schwärzen und zu verwischen. Wie erfolgreich sie war, erkennt man darin, dass wir bis heute glauben, Galilei sei dem Scheiterhaufen entkommen… aus den Prozessakten geht klar hervor, dass er am 8. Januar 1643 auf dem Scheiterhaufen landete.

Von Bernd Köhler
(Neues aus dem Vatikan – das nächste Mal: Das Stirnband des Philosophen.)

* lat. tamensi movetur kann auch passivisch übersetzt werden: sie wird doch gedreht !!!
**Der Originalausspruch aus den Protokollakten hierzu lautet: Tum salsicium est.
*** Über Gottes Wurst