Heinrich Marschner Der Vampyr

Das Begleitheft des Mainfrankentheaters Würzburg (Hg.) zur romantischen Oper in zwei Akten, Redaktion: Sebastian Hanusa.
Beinahe, ja: ums Haar, und dieses Schriftstück wäre überhaupt nicht in meine Finger gelangt. An der Garderobe war ich bereits genötigt, nach der obligaten 1 Euromünze in meiner Hosentasche zu kramen und hatte die zwei Euren für besagtes Programmheft schlicht nicht vorrätig. Meine Liebste half mir mal wieder großzügig aus der Patsche und bestand trotz meines achselzuckend vorgetragenen: „Dann halt nicht!“ auf dem Erwerb. Wie gut! Bereits auf Seite 3 steht dort, vor etwaiger Nichtbeachtung durch eine graue Markierung effizient geschützt, folgendes Zitat zu lesen: „Das Verbrechen, durch die stets neuen Mittel des Angriffs auf das Eigentum, ruft stets neue Verteidigungsmittel ins Leben und wirkt damit ganz so produktiv wie strikes auf die Erfindung von Maschinen. Und verläßt man die Sphäre des Privatverbrechens: Ohne nationale Verbrechen, wäre je der Weltmarkt entstanden?“ Das ist von einem gewissen Herrn Karl Marx, den die Deutschen vor kurzem zu einem ihrer Größten erkoren hatten. Etwas weiter erfahren wir unter dem Titel „Handlung“ den plot der Oper. Der Vampir muß zwecks einer einjährigen Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung auf der Erde, und zwar um genau zu sein: den schottischen highlands, binnen 24 Stunden drei Jungfrauen vermittels eines Bisses in den Hals dem Vampirmeister zuführen. Er ist guten Mutes, hat er doch bereits zwei junge Damen am Wickel und ist zuversichtlich eine dritte auch noch zu erreichen. And so on. Es gibt, wie ja stets im Leben, selbstredend auch lästige Gegenspieler, insbesondere ein ehemaliger Freund, dessen heimliche Geliebte eines der prospektiven Opfer ist. Der Vampir beißt, wird erstochen, rettet sich mit Mondlicht, beißt, wird erschossen, rettet sich mit Mondlicht, setzt zur verruchten letzten Tat an, wird daran aber in letzter Sekunde gehindert; der Vampirmeister holt ihn in die Hölle, die Gerettete und ihr Geliebter bleiben auf dieser Welt. Vorhang fällt – äh, steht da gar nicht, ist aber im Theater seit alters Brauch.

Das verspricht doch einen Heidenspaß mit laut tönendem Bariton „Jetzt ist sie MEIHEIN!!“ und dazu im Duette ein getrillertes „Zu Hülfe! ZU HÜLLLFE!! S’ist einVAMPÜRRR!!!“.

Zuvor allerdings erst mal Ernstes zum Vampirprinzip. Auf Seite 9 muß ich lesen: „Alles irdische Leben ist im Grunde einem Vampirprinzip untergeordnet: Um sich am Leben zu erhalten muß man etwas einsaugen, sich anderes Leben einverleiben. Und im Regelfall beruht das vampiristische Gedeihen des einen Lebens auf dem Nichtgedeihen des einverleibten Lebens.“ Tja. Vom Bakterium über die Qualle bis zur Krone der Schöpfung, dem Eisbären Knut, schlingt die Schöpfung allenthalben. Pflanzen? Naja, die sind womöglich keine irdische Lebensform; aber ach, das Krux mit der Logik liegt ja im „Leben“ – ist der Vampir doch eben eines nicht: lebendig. Aber sei’s drum, ist ja alles bloß Theater. Und der Autor dieser Zeilen hat ein höheres, ein volkspädagogisches Ziel, welches er über folgende Stichwörter: Lustfraß, sublimiert, Sexualität, Nietzsche pfeilgerade ansteuert: „Die Verkörperung von ewigem Leben, (…etc, pp…) bei einer gleichzeitig vollkommen unzensierten Befriedigung der elementaren Triebe, wirkt (…) nicht nur verführerisch, sondern hat bei einigen Mitbürgern sogar den Wahn aufkommen lassen, sich tatsächlich für so etwas Ähnliches wie Graf Dracula zu halten.“ Oh weh, oh ach. Es ist ein Graus! Oh! Welch ein Graus, ja welch ein Grauuuus!

Überspringen wir die doch sehr eigenwillig zusammengestellte „Zeittafel Vampirismus“, sowie die künstlerische Einordnung Heinrich Marschners durch Florian Reichart: „Vergessen zwischen Weber und Wagner“ und auch Sebastian Hanusas Beitrag zu „Richard Wagners Zeit am Würzburger Theater“ und lauschen dem Interview mit dem Regisseur Stephan Suschke, der sich zunächst als Sozialhistoriker versucht: „Mich interessiert … der historische Hintergrund, der viel mit heute zu tun hat. Die Aufklärung hatte Gott abgeschafft und die Welt säkularisiert. … Gleichzeitig wurden die Menschen aus sehr familiären Produktionsprozessen in die Fabriken hinausgeschleudert, aus relativ geschützten, befriedeten Räumen in eine angstbesetzte, sich atomisierende Gesellschaft…eine erste Globalisierung…“ Nach kurzem Geplänkel über das Bühnenbild geht es um den Vampirmythos: „Der Vampirglauben löste den Hexenglauben… Vampire waren…viel schwerer zu erkennen. Man konnte dem Bösen nicht mehr ansehen, daß es Böse war… Die katholischen Serben(das steht da so!) haben das benutzt: natürlich waren immer Moslems Vampire. Das ist sehr heutig … Feindbilder … Manson … Gangster- und Horrorfilme …Holocaust – ist menschlich.“ Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu bestehen, daß, wo über Moral, also die Bestimmung von Gut und (insbesondere) Böse schwadroniert wird, stets die Auslöschung der europäischen Judenheit durch die Deutschen den Bezugspunkt abzugeben hat. So gut wie stets dient, sei es nun der Holocaust oder die Shoah, dieses Herbeizitieren des Schlimmsten, einer mittels dieses Kniffs unantastbar gemachten Anthropologie: „Es gibt nichts Unmenschliches, alles – auch der Holocaust – ist menschlich“ Geschenkt, daß hier „menschlich“ nicht als human, sondern als von Menschen gemacht zu lesen ist. Der ideologische Zweck läßt in seinem ganzen Irrwitz wohl keine andere sprachliche Form mehr zu: „Im Moment ist es wichtig, Feindbilder zu unterminieren, weil sie die Verbände auf den eigentlichen Wunden sind.“ Statt nun dem Meister die bisher notierten Zitate unter Höllengelächter vorzulesen und das Ganze in einer Zechrunde aufzulösen, fahren die Herren Hanusa, Macha und Reichart munter fort mit dem Stichwortgeben: „…Der Vampir der Romantik hat ein anziehendes Äußeres und – bewusst oder unbewusst – denen ähnlich, die ihn erschaffen…Spiegelbild…“. Wat mut, dat mut: „Müller -Metapher „Im Spiegel das Feindbild“…11. September in Indien … amerikanische Actionfilme … Ich hatte das sichere Gefühl, dass die wirklichen Terroristen diese Filme sehr gut gekannt haben“ Da ist sie, die geradezu mit Notwendigkeit zu erwartende nine-eleven-conspiracy-theory. Chapot! Wer die wirklichen Terroristen wohl sein mögen? Die Studio Chefs der kalifornischen Filmindustrie? Wir werden es aus der vorliegenden Schrift leider nicht entnehmen, doch die Herren Interviewer spinnen eifrig den Faden vom Vampir Ruthven zu Hannibal Lecter und wieder kommt es, wie es kommen muß: „…Man sollte einfach davon ausgehen, dass derjenige, der einem aus dem Spiegel entgegenblickt, als SS-Mann in Auschwitz auch einen ordentlichen Job gemacht hätte. Möglicherweise wäre das Spiegelbild auch ins Gas gegangen…“ Alles ist halt eben doch irgendwie gleich: Der Mörder, nennen wir ihn Sturmmann Meier, Müller oder Schulze, der ohne allzu große Nachteile hinzunehmen den ordentlichen Job nicht hätte tun müssen, ist so sehr das Spiegelbild (ja wessen bloß?) wie seine in Viehwaggons durch ganz Europa verschleppten Opfer, denen mit den Kleidern und den Haaren auch die Namen geraubt worden waren und die als Asche endeten. Den weiteren zwei Seiten Geplauder entnahm ich noch, daß dem Regisseur irgendwie doch bewußt ist, es mit einer eher simplen Liebesgeschichte – die einzige überlebende Jungfrau, Malvina, wird vom ihr in wahrer Liebe zugewandten Jüngling errettet; die aus Lüsternheit fehlende Emmy stirbt ebenso, wie die arglistig getäuschte Janthe – zu tun zu haben. Doch verborgen muß ihm bleiben, daß hier überhaupt gar kein globalisierungsskeptischer Subtext vorliegt, sondern höchstens eine – und das nicht versteckt, sondern explizit geäußert – Kritik der väterlichen Gewalt, daß, wenn sich hier ein kritischer Geist manifestiert, dieser sich also gegen patriarchale Verhältnisse richtet, die eben nicht so idyllisch waren, wie sich das Stephan Suschke zu Beginn des Interviews so ausmalte. Auf die Idee zu verfallen, die unheroische Truppe der Bediensteten des Herrn Berkley, der seine Tochter am Vorabend ihrer zwangsweisen Verheiratung entführt glaubt und im Wald zur Suche unterwegs ist, mit Geldscheinen zu motivieren und auch im weiteren Verlauf eifrig mit Scheinen werfen zu lassen, zeugt nicht lediglich von einer anachronistischen Sicht auf feudale Verhältnisse, sondern von – und dann natürlich in die vorkapitalistische Zeit rückprojizierten –Vorstellungen einer quasi magischen Macht des Geldes, welches die einst (eben in der romantisierten patriarchalen Gesellschaft) vermeintlich natürliche Gemeinsamkeit korrumpiert und sich die Lebenskraft der Menschen vampirisch aneignet. So sah das einst auch ein ganz spezieller Sozialist, der wackere Bruno Bauer, der dem Vampyr auch den richtigen und so gar nicht katholischen Namen gab: Nicht Sir Ruthven, sondern einfach Jud’. Jener Herr, dessen Zitat die Eingangsseite ziert, eben der Herr Marx, hat ihm 1843 Bescheid gegeben. In seiner Schrift „Zur Judenfrage“, einer Kritik des gleichnamigen Pamphlets Bauers, liefert er eine Staatskritik, eine Kritik der Politik und eben eine Kritik des Geldes: „Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an.“ (MEW Bd.1, S.374). Wie aber diese Herrschaft zustande kommt, wie es in der Wirklichkeit möglich sein kann, daß sich das Produkt menschlicher Arbeit zu eigenem Selbstbewußtsein aufschwingen kann und als blind rasendes automatisches Subjekt die Vergesellschaftung in einer noch immer nicht emanzipierten Welt zu bewerkstelligen vermag, vermochte er 1843 noch nicht zu sagen. Die eifrigen Marxzitierer hätten sich dies jedoch bei einer Lektüre des Kapitals verdeutlichen können. Die Marx’sche Bestimmung des Rätsels des Geldfetischs als das sichtbar gewordene, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs entzieht Vorstellungen von heimlicher, untergründig wühlender Macht, die hinter dem Gelde stünde, den Boden und verweißt auf die täglich aufs neue von sämtlichen Beteiligten im eigenen Hirnkasten vollbrachte logisch unmögliche Vergleichung gänzlich unvergleichbarer Dinge im Warentausch: Ein kleines Glas Bier ist ein Programmheft des Mainfrankentheaters ist zwei beliebige Objekte im 1€Shop ist ein belegtes Brötchen ist… Daß es notwendig ist, die völlige Unsinnigkeit dieser Gleichsetzung erst darzulegen, zeigt die Wirkungsmächtigkeit dieses, unsere sämtlichen Regungen bestimmenden, fetischisierten „Denkens“. In zynischem Sinn ist also Wahrheit in der Geste allseitiger Beliebigkeit: Gut und Böse, Opfer und Verfolger, SS-Mann und Spiegelbild, alles muß auf dem Markt vergleichbar sein und schon das Sprichwort weiß: Jeder hat seinen Preis.

Ach ja, wie denn die Aufführung so war? Ja schön. Schaurig lustig und mit Stefan Stoll als Lord Ruthven ein verführerischer, bösartiger und höchst überzeugender Vampir. Solistinnen und Solisten, wie auch Chor gefielen mir gut (Anja Eichhorn als Malvina sei hier noch herausgehoben), das Orchester unter Wang war hervorragend, die zurückgenommene Schauspielerei – ohne Gefuchtel, Gespucke und Gekreisch – war sehr angenehm, das Bühnenbild ebenfalls gelungen, die Kostüme – vor allem bei den Gestalten der Unterwelt – leider teils albern, teils kitschig. Und bei dem glorreichen Regie-gag: Wir werfen mit Scheinen und lassen sie vom bedauernswerten Chor wieder einsammeln, habe ich mir Schokoladentaler vorgestellt – wozu ist man schließlich im Theater? Und noch etwas zu Heinrich Maschners Stück: Das hat schon ein paar Längen und mit heutigen Ohren ist die Musik nicht soo originell – und doch läßt sich die Faszination, welches es wohl einst auf das Publikum hatte, noch nachvollziehen, und zwar sowohl bezogen auf die Handlung wie auch musikalisch. Vor allem hat der Librettist Wilhelm August Wohlbrück in einer Zeit, in der gerade die enge Verbindung des Stereotyps vom wuchernden Juden („Wucher“ und „Schacher“, also Kredit und Handel, waren zu Beginn des 19ten Jahrhunderts gar nicht anders denn als „jüdisch“ zu denken; Wucherer und Jude galten als Synonyme) mit dem Mythos vom Vampir statthatte, sich solcher Bezüge enthalten und das Loblied der Liebe gesungen – das hält denn auch die Zumutung aus, daß sich die Braut – Malvina – dem wackeren Aubry, welcher sich allzu schnell dem despotischen Vater Davenout angleicht, schlußendlich dann doch verweigert.

Von Rainer Bakonyi