Staatsfeind Nummer 1: Der Sprayer, oder: warum Kunst nichts taugt und was „öffentlich“ bedeutet

Der deutsche Staat hat gegenüber der EU die Tabakwirtschaft einmal mit der denkwürdigen Argumentation verteidigt, ein Verbot der Tabakwerbung verstosse gegen die Freiheit der Meinungsäusserung. Gemeint war die Meinungsäusserung der sogenannten freien Presse, welche beeinträchtigt wäre, wenn sie nicht mehr durch Tabakwerbung finanziert würde.

Damit ist alles über die Freiheit der Meinungsäusserung gesagt. Gehen wir nun zum nächsten Thema über. Deutsche Behörden haben den denkwürdigen Versuch unternommen, Sprayer mit Helikoptern zu verfolgen. Nichts ist zu dumm, um das höchste Gut der Moderne vor Kontamination zu verteidigen: den grauen Beton, der schliesslich den ganzen Dreck zusammenhält, strukturiert, und, mehr noch als das, symbolisiert.

Im Jahre 2005 änderte der Reichstag das StGB, weil es nicht mehr akzeptabel erschien, das Sprayer bis dahin nicht wegen Sachbeschädigung bestraft werden konnten, wenn sie keine dauerhaften Schäden an Gebäuden hinterliessen, sondern nur „deren Erscheinungsbild“ veränderten. Wiederum ein denkwürdiger Vorgang. Hörte man den Reden zu, die diesen Staatsakt begleiteten, konnte man zum Schluss kommen: Graffiti sind eine gesellschaftliche Gefahr ersten Ranges.

Auffälligerweise sind Grafitti dagegen heute Nichts. Die Orte, wo Grafitti legal aufgebracht werden können, überzeugen durch ihre nichtssagende Langeweile, der man ansieht, dass sie pädagogische Projekte sind, dazu verdammt, an Buntheit mit dem Beton selbst zu konkurrieren; und die illegalen beschränken sich schon längst auf Tags und andere grafische Geruchsmarken, deren Inhalt in ihrer stumpfen Existenz liegt: in der blossen Bestätigung ihrer Urheberschaft, hierin nicht unähnlich denjenigen Hiphop-Kapellen, welche in vollem Ernst über nichts anderes reden als über ihre eigenen skills, welche sich in dieser Rede allerdings auch schon erschöpfen.

Grafitti als Ausdrucksform sind, wie es aussieht, in einer ernsten Krise. Das einzige, was auf dem Beton noch blüht, gleicht dem Beton selbst; das einzige, was ausgedrückt wird, ist die Unfähigkeit, auszudrücken. Die Sprachlosigkeit, nicht die Helikopterstaffeln machen den Graffiti den Garaus.

Zu anderen Zeiten, und wer will ausschliessen, dass auch wieder andere Zeiten kommen, waren Grafitti einmal ein Mittel der Kommunikation. Der Beton konnte, gegen seinen Willen, als Tafel zweckentfremdet werden; aus dem Mittel der erzwungenen Stummheit konnte eines der Sprache gemacht werden. Der Angriff auf die Sprayer meint womöglich genau diese Möglichkeit: nicht eine vergangene Opposition, sondern eine künftige. Die Helikopterscheinwerfer suchen dann nicht mehr die Tagger, sondern schon uns.

Der leblose Beton, den sie verteidigen, ist der steinerne Garant versteinerter Verhältnisse und die konkret gewordene Gewalt, die die Einzelnen von ihresgleichen trennt. In den heutigen Städten sind die Menschen wirklich zu verlassenen, verächtlichen, geknechteten Wesen geworden.

Die Städte, in denen wir leben, sind menschenfeindlich. Mit solchem Erfolg hat die Herrschaft in den 30 Jahren der siegreichen Konterrevolution gearbeitet, dass jede Spur der Bedürfnisse der Einzelnen aus dem öffentlichen Raum zurückgedrängt ist; eingesperrt in entlegene, aus den Städten fast ausgelagerten Nachbarschaften; die Stadtteile nach Funktionen säuberlich getrennt, arbeiten einkaufen schlafen.

Auf den Strassen der Innenstädte ist heute am allerwenigsten eine „Öffentlichkeit“ zu finden; sie sind von allem entleert, was irgend ein Mensch brauchen könnte. Die Insassen der Stadt sind in die Aussenviertel verbracht; ein Zentrum, gar mit einer „kommunikativen Funktion“, gibt es nirgends mehr, am allerwenigsten in den Zentren.

Die Kontakte sind aufs zulässige beschränkt, die Gefahr unkontrollierter Begegnung der all zu vielen gebannt, in festen Händen das konzentriert, was die Bürger einmal „Öffentlichkeit“ nannten. Die Wahrheit der freien Meinungsäusserung, das ist die monopolisierte Presse; die Wahrheit der urbanen „Öffentlichkeit“, das ist der Beton.

Jedes Aufbrechen der versteinerten Verhältnisse setzt deshalb die Kritik dieser „Öffentlichkeit“ voraus, die nichts ist als ein gewaltsamer Ausschluss; ihre Voraussetzung ist die praktische Kritik des Betons.

Seit den 1990ern vollstrecken einige Graffiti-Künstler das Verdikt der Repression, dass der „öffentliche Raum“ der Herrschaft gehört und nicht den Einzelnen, indem sie die Strasse verlassen und in die Ateliers gehen. Damit sind sie ihren wenigen Kollegen draussen voraus, die noch die Anerkennung von Graffiti als Kunst fordern; denn bereits Kunst machen zu wollen heisst die Voraussetzung jeder Kunst akzeptieren, nämlich dass das Proletariat von den allen Mitteln des Ausdrucks getrennt ist.

Eine kollektive und anonyme Kunst wäre keine Kunst mehr, sondern bereits der Ansatz zu ihrer Überwindung. Unter dem Regime des Betons kann sich eine solche Kunst in der Fase ihrer Selbstaufhebung aber nicht auf ästhetische Applikationen auf dem Beton beschränken, sondern ist nur denkbar als Angriff auf den Beton, das heisst als Sachbeschädigung. Die geistlose Repression behält Recht gegen den bürgerlichen Einwand der Freiheit der Kunst, weil Kunst als Kunst schon, von jeher, ja gesagt hat zur Herrschaft. Die Revolte, oder das Atelier. Ein Drittes gibt es nicht.

Dabei sind die Städte, und hier vor allem die Avantgarde der Langeweile, die Provinznester, schon derart gebaut, dass jeder anderweitige, den menschlichen Bedürfnissen entsprechende Gebrauch ausgeschlossen zu scheint, und damit die Möglichkeit ihrer Zweckentfremdung, weil überhaupt nicht klar ist, zu welchem vernünftigen Zweck diese Monstrositäten denn in Gebrauch genommen werden sollen. Das Proletariat kann die heutigen Städte nicht einfach fertig in Besitz nehmen und für seine eigenen Zwecke in Bewegung setzen; das ganze Gefüge dieser Städte muss zerbrochen werden, und zwar hinsichtlich jeder einzelner seiner Funktionen.

Merkwürdige Klugheit des Feindes, zu ahnen, dass er mindestens Helikopterstaffeln nötig haben wird. Wenn solche Klugheit doch auch den unseren gegeben wäre.

Jörg Finkenberger


1 Antwort auf „Staatsfeind Nummer 1: Der Sprayer, oder: warum Kunst nichts taugt und was „öffentlich“ bedeutet“


  1. 1 veganartist 29. Dezember 2007 um 18:23 Uhr

    wenn ich das so les, könnten mir fast die tränen kommen….

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