Sing it so they hear: Let’s let this world know we were here!

Kein Konzertreview

I. Das allgemein verständliche ist nichts als ein Haufen Banalitäten, weil vom wirklich wichtigen längst nicht mehr gesprochen werden kann. Es wäre gar nicht verständlich. Verständlich ist eine Aussage der allgemein gebräuchlichen Sprache nur, soweit sie verallgemeinerbar ist; soweit sie also bereit ist, dasjenige zu verraten, dem sie eigentlich zum Ausdruck zu verhelfen hätte.

Denn das wirklich wichtige wäre die verborgene Wahrheit der Vereinzelten, das schmerzlich Lied ihrer Zerrissenheit und ihrer Sehnsüchte, ihrer Ängste und Finsternisse. Das, was als Kommunikation gilt, besteht aber gerade darin, davon abzusehen, was bloss die Vereinzelten betrifft. Ihnen ist die Sprache nicht sosehr geraubt als vielmehr nie gegeben; für das, was zu sagen wäre, ist die Sprache dieser Gesellschaft feindlich besetztes Gebiet.

Nach der Logik dieser Verhältnisse muss nun in der Tat über das geschwiegen werden, worüber nicht gesprochen werden kann. Uns kann es aber nur darum gehen, das zur Sprache zu bringen, worüber nicht länger geschwiegen werden kann.

Angesichts einer derart dehumanisierten gesellschaftlichen Vernunft ist jede halbwegs bewusste und widerständige Handlung, die das vereinzelt menschliche nicht verraten will, gezwungen, den Charakter einer Chiffre anzunehmen. Jeder Versuch, das auszudrücken, was verschwiegen werden soll, muss der allgemeinen Vernunft unverständlich, rätselhaft bleiben: um so schlimmer für die Vernunft.

Es kann dabei gar nicht entscheidend sein, ob sich dabei, auf einer noch nicht von der Gesellschaft in Beschlag genommenen, untergründigen Ebene des Verschwiegenen eine Gemeinsamkeit der Vereinzelten findet; entscheidend ist allein, sich nicht mehr dahin tyrannisieren zu lassen, an jede Handlung und noch an jeden Gedanken den Masstab anzulegen, ob er vor dem Gericht einer so widerlichen Ordnung der Dinge für vernünftig erkannt werden werde.

Eine solche bewusste und widerständige Handlung nannte Breton surrealistisch. Knochenfabrik drückten es lapidar dahingehend aus: „Wer mich so sieht, wird mich nicht mehr verstehn“. Kommunikation, die heute noch etwas von Belang ausdrücken will, muss in diesem Sinne surrealistisch sein.

Diese Kommunikation existiert, unter dem viel missbrauchten Namen Poesie, schon lange. Die Poesie führt nun allerdings eine vom Leben der vielen Vereinzelten getrennte Existenz, selber nur geduldet im Refugium der Kunst. Die Befreiung der Poesie, die Zerstörung ihres Käfigs und ihre Inbesitznahme durch die Massen, deren wahrhafter, aber vorenthaltener Ausdruck sie doch ist: das wäre, kurz skizziert, das situationistische Projekt der „Revolution im Dienste der Poesie“.

II. Poesie ist der Name, unter dem von dem gesprochen werden kann, worüber nicht länger geschwiegen werden kann. Sie war deshalb immer nahe dem Wahnsinn verwandt. Im letzten ist Poesie nicht anders möglich als in der vollständigen Auflehnung; die Revolte ist die erste und letzte und einzige Poesie. Niemand kann Ducasse und Rimbaud missverstehen. Baudelaire hat aus dem Gedächtnis ein Bild des verfemten Blanqui gemalt.

Wie das singende Glas zerspringt, wenn man seine Eigenfrequenz trifft: so muss man eine untergründige Verbindung fordern, welche die Trennung überwindet. In den Dingen schläft, wie die Romantiker glaubten, ein geheimes Lied. Man muss ihnen ihre eigene Melodie vorsingen. Man muss vollständig poetisch sein. Man erfüllt dadurch ein unabweisbares Bedürfnis der Massen.

Ein früher gebräuchlicher Name für das, was wir als Poesie bezeichnet haben, war Punk. Dieses Wort hat seine Bedeutung in dem Masse verloren, wie sich die Idioten seiner bemächtigt haben. Es gilt, immer und unter allen Umständen, gegen solche Beschlagnahme sich zur Wehr zu setzen mit allem, was zu Gebote steht.

Eine etwas lange Einleitung, um über ein Konzert zu reden, zugegeben.

III. Die sämtlichen Reviews, die an Paper Chase hervorzuheben wissen, dass die Texte zwar ziemlich seltsam seien, aber die Musik wenigstens fetzt, sind ganz offenbar von Idioten verfasst. Das Publikum, das auf solche Weise für dumm verkauft wird, ist selbst offenbar abgestumpft genug, um ein Konzert zu verlassen im selben Zustand, wie sie es betreten haben.

Immerhin, und das ist eine Hoffnung, nicht abgestumpft genug, um es nicht zuerst inmal betreten zu haben.

Paper Chase faszinieren. Die wenigsten stellen sich noch die Frage, warum etwas fasziniert; das ist eines der Male, die diese Welt an uns hinterlassen hat. Man hat sich von der vielen bedeutungslosen Musik sogar abgewöhnt, nach den Texten zu fragen. Man hat sich abgewöhnt, eine Bedeutung zu erwarten, weil man die Hoffnung aufgegeben hat, etwas von Bedeutung zu hören zu bekommen.

Die Texte von Paper Chase sind enttäuschend. Sie handeln vom Wahnsinn. Von grundlosem Hass. Vom grundlosen und nicht mitteilbaren Drang, andere zu erniedrigen. Von den beraubten Individuen im letzten Zustand ihrer Isolation, wo sie nichts mehr haben als den höhnischen Triumf, dass der Mensch für den Menschen das verächtlichste Wesen ist. Der letzte verzweifelte Aufschrei einer Menschlichkeit, die keine Wirklichkeit hat.

Paper Chase errichten vor unseren Augen ein bizarres Universum, in dem die Menschen sich genauso unbegreifliche Dinge antun wie im realen, nur ohne den Trost jener sogenannten Vernunft, die in der realen Welt den Einzelnen ihr Tun mit einer falschen Rechtfertigung vergoldet. Was sie sich antun: Mord und Verstümmelung, nichts anderes, und als Antrieb die begründete Furcht, spurlos gelebt zu haben. „Come hell or high water, this sick world will know I was here“.

In der Welt dieses Alptraumes, von dem Paper Chase handeln, leben wir. Dass uns kein Leben eingeräumt ist als das, was wir uns gegenseitig antun, macht den Alptraum so seltsam vertraut. Der Schrei aber danach, nicht spurlos unterzugehen, der auch unser Schrei ist, begründet unwiderleglich die Möglichkeit, das das Grauen ein Ende haben wird.

Hier beginnt eine Poesie, die nicht mehr verständlich sein wird für die, die gelernt haben, nicht mehr zu wissen, was aus ihnen gemacht worden ist.

Und eine Musik, die nichts mehr mit den Sparten gemein hat, in die gezwängt Musik harmlos geworden ist. Nichts ist hier noch harmlos. Vielleicht ein Teil eines neuen Anfangs, wer weiss.

(1) Zur Abgrenzung von Bretons Parole vom „Surrealismus im Dienste der Revolution“, der Erklärung seiner Unterordnung unter die entfremdete Logik der linken Politik.

Jörg Finkenberger


2 Antworten auf „Sing it so they hear: Let’s let this world know we were here!“


  1. 1 Beim Versuch, einleitende Worte zu finden, die den grade angerissenen Text empfehlen sollen, wird mir leider bewusst, dass sämtliche meiner hierzu getippten Sätze den Gestank abgestandenen Werbe-Jargons nicht abschütteln können. 03. August 2007 um 19:59 Uhr

    […] [Kein Konzertreview] […]

  2. 2 xicht 10. August 2007 um 15:11 Uhr

    Das schöne und gute an solchen linken Textarchitekturmonstern ist, dass sie sich selbst immun gegen jede Kritik machen. Der uneinsichtige Leser ist eben verdächtig. Alles Idioten! Alle Abgestumpft! Alle schon in den Mühlen zermalmt! Um dem zu entgehen bleibt nur mit nachdenklicher Miene brav abzunicken…

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