Schreckliche Linke und heuschreckliche Kritik

Kaum einer anderen Person der deutschen Linken wurde während der letzten Monate so viel Kritik zuteil wie Jürgen Elsässer. Dabei warf man ihm unter anderem Nationalismus und Homophobie vor. Am 03. April lud das Würzburger Friedensbündnis Jürgen Elsässer in die Buchhandlung Neuer Weg ein, wo er sein Buch „Angriff der Heuschrecken und globaler Krieg“ vorstellte. Insekten mussten leider draußen bleiben.

Zirp Zirp
„Nie wieder Deutschland“- selbst siebzehn Jahre nach der Schöpfung dieser Parole werden Antifa-Kiddies nicht müde, ihren Gegnern diesen Spruch entgegen zu brüllen. Umso erstaunlicher ist, dass die Erfindung des Satzes einer Person zugeschrieben wird, die sich in diesen siebzehn Jahren vom antinationalen Protagonisten zu Oskar Lafontaines Schoßhündchen entwickelte.
Elsässer zählte sich in den Neunziger Jahren zum antideutschen Lager der radikalen Linken, schrieb bis 1997 für die Junge Welt und gründete nach dem Zerwürfnis mit dieser 1997 die Jungle World. Er beschäftigte sich insbesondere mit der deutschen Außen- und Balkanpolitik. Anfang dieses Jahrzehnts kam es zum Bruch mit dem antinationalen Spektrum und Elsässer schreibt seitdem wieder für die Tageszeitung JungeWelt, aber auch für die Parteizeitschrift der Linkspartei.
„Mit Staatsknete wird Multikulti, Gender-Mainstreaming und die schwule Subkultur gefördert, während die Proleten auf Hartz IV gesetzt werden und sich oft auch keine Kita, kein Schwimmbad und keine warme Wohnung mehr leisten können.“ Dieser Satz entstammt nicht etwa einem Artikel der NPD-Zeitung Deutschen Stimme von Jürgen Gansel, sondern einem Text von Jürgen Elsässer, der am 19.09. in der Jungen Welt erschien. Wer sich mit dessen Hinwendung zu einer nationalen Identität beschäftigt hat, wundert sich über solche Aussagen Elsässers schon lange nicht mehr. Er wendet sich seit längerem in populistischer Weise gegen den „US-Imperialismus“ und scheut dabei nicht zurück, Oskar Lafontaines Politik und dessen nationalistische Parolen über die „Inländerfeindlichkeit“ zu verteidigen. Dabei macht er auch vor rechtsradikalen Bewegungen nicht halt. „Zum ersten Mal seit der kapitalistischen Wende 1989/90 kommt in Donald Rumsfelds ‚neuem‘ Europa eine politische Kraft ans Ruder, die mit dem Neoliberalismus brechen will.“ Mit dieser Aussage bezieht sich Elsässer am 06. Juli in der Jungen Welt positiv auf das politische Bündnis zwischen der rechtsradikalen slowakischen Nationalpartei SNS und der sozialdemokratischen Partei SMER. Die SNS war in der Vergangenheit durch die Forderung von Ghettos für Sinti und Roma aufgefallen. Die wundersame Verwandlung des Jürgen Elsässer vom Staatsfeind zum Nationalbolschewisten beschäftigt seit 2006 auch die Antifaschistische Linke. Die Zeitschrift Der Rechte Rand widmete den rechten Tendenzen Jürgen Elsässers und seinen Kontakten zur rechten Presse sogar einen ganzen Artikel. Darin geht es unter anderem um ein fragwürdiges Interview, das Elsässer der rechtsradikalen Zeitschrift Choc Du Mois gab. In der gleichen Ausgabe der Zeitschrift wurde ein weiterer politisch Aktiver interviewt: Jean-Marie Le Pen.
Ortswechsel. Die würzburger Provinz scheint für kritische Stimmen an vermeintlich linker Politik ein unwegsames bis unpassierbares Terrain zu sein. Zumindest hatte das Würzburger Friedensbündnis keine Bedenken, Elsässer für die Vorstellung seines Buches „Angriff der Heuschrecken und globaler Krieg“ am 03. April nach Würzburg einzuladen. Insbesondere die Heuschreckenmetapher und die damit verbundene Personalisierung der Kapitalismuskritik, also die populistische Trennung zwischen gutem schaffenden und bösem raffenden Kapital, ohne das Produktionsverhältnis und den Kapitalismus an sich zu kritisieren, wird von Teilen der radikalen Linken scharf kritisiert. Wenn sich für den Autor „im Zeitalter der Globalisierung […] die nationale Frage neu“ stellt, „auch in Deutschland“, wie es im Buch heißt, dann müsste Linken spätestens bewusst werden, was in Elsässers Hirnwindungen vor sich geht. Die Tage vor der Veranstaltung machte sich jedoch Kritik bemerkbar: Ein „Internationaler Bund zum Schutz der Gemeinen, Vielscheckigen und Wallisischen Heuschrecke“ hatte um den Veranstaltungsort Informationstexte zum aktiven Schutz der Heuschrecken verteilt, die wohl einem Naturkundelexikon entlehnt waren. Am Veranstaltungstag selbst wollten es sich zwei als Heuschrecken verkleidete Elsässer-Kritiker nicht nehmen lassen, die Buchbesprechung anzuhören. Unter „Zirrrrrp!“- Lauten sprangen sie kurz vor der Veranstaltung im Neuen Weg umher. Das bereits anwesende Publikum zeigte sich anfangs durchaus belustigt und hielt die beiden für Einheizer der sensationellen Elsässershow. Dieser ergriff schleunigst die Flucht, als er das Ungeziefer zu Gesicht bekam. Als die Veranstalter bemerkten, dass es sich um Kritiker handelte, wurden diese aufgefordert zu gehen. Dadurch wurde der Zirkus beendet und Elsässer konnte mit seinem eigenen beginnen. Wenn konstruktive Argumente gegen einen linken Nationalismus ihre Wirkung verlieren, ist eine solch skurril-absurde Art von Kritik vielleicht das vernünftigste, was man tun kann.
Elsässer hat in letzter Zeit einen ganz neuen Unterstützer gefunden. So findet Jürgen Gansel, NPD-Mitglied des sächsischen Landtags, durchaus Anknüpfungspunkte zu Elsässer und schreibt dazu am 12.04. in der Deutschen Stimme, das für ihn das „entscheidende […] seine Absage an Randgruppenkult, US-Hörigkeit und Israel-Tümelei, sein Widerstand gegen Arbeitsmigration, Inländerfeindlichkeit, EU-Fremdbestimmung und Staatszerstörung“ ist. Von seiner einstigen Parole „Nie wieder Deutschland!“ hat sich Elsässer Lichtjahre entfernt. „Frei, sozial und national!“ würde da sicher besser passen.
Benjamin Böhm


5 Antworten auf „Schreckliche Linke und heuschreckliche Kritik“


  1. 1 cooler typ 16. Juli 2007 um 13:38 Uhr

    man kann’s auch übertreiben mit der elsässer-kritik. er mag ein depp sein, aber ein nazi ist er noch lange nicht.

    die antideutschen würden ja sicher auch jürgen elsässer einladen, obwohl er krude thesen vertritt. wichtig ist, sich mit solchen leuten auseinanderzusetzen.

  2. 2 cooler typ 16. Juli 2007 um 13:39 Uhr

    ähem, ich meine natürlich: die antideutschen würden auch „justus wertmüller“ einladen, nicht „jürgen elsässer“ wie geschrieben.

  3. 3 antifa 16. Juli 2007 um 15:21 Uhr

    Natürlich ist der Text Blödsinn. Elsässer muss wegen seiner unkritischen Befürwortung von Abschiebungen albanischer „Mafiosi“ kritisiert werden. Die Menschen in „antifaschistische“ und „faschistische“ Völker zu unterteilen, hatte er schon asl AD drauf – damals wurde er dafür von den jetzigen Hatern bejubelt. Wenn man ihn deswegen als Nazi bezeichnet, würden darunter auch ne Menge anderer fallen – von den Bahamiten und ADs bis zur CDU/CSU/SPD/FDP/Grünen. Anstatt einfältiger „Nazi!“-Polemik sollte es gelten, kritikwürdige Positionen Elsässers zu benennen und auseinanderzunehmen. Dazu sind Konkret und Jungle World-Leser natürlich nicht in der Lage.

  4. 4 der autor 17. Juli 2007 um 0:41 Uhr

    LiebeR Herr/Frau Antifa,

    ich nehme mir ihre Kritik zu Herzen. Auch die vielbeschäftigten AutorInnen des Letzten Hiebs sind jedoch keine unendlich sprießende Quelle des Wissens, die Tatsache der Abschiebung war mir in der Tat neu. Wenn sie mir aus ihrer Sicht „bessere“ Argumente gegen das Geseiher von Elsässer präsentieren können, so verspreche ich ihnen, einen Teil davon in der Oktober/November-Ausgabe des Hiebs zu veröffentlichen. Einfach eine Email an letzterhieb@gmx.de schreiben.
    Aber die Junge Welt, den Freitag oder die WELT werde ich dennoch nicht abonnieren.

    Mit freundlichen Grüßen

    P.S: Der beste Polemiker ist und bleibt jedoch Karl Marx.

  5. 5 Josef Stalin 15. Dezember 2010 um 7:01 Uhr

    „Auch die vielbeschäftigten AutorInnen des Letzten Hiebs sind jedoch keine unendlich sprießende Quelle des Wissens“

    Dann haltet doch einfach die Fresse und geht sterben.

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