Für die Studenten

Mit Dank an Leo für den Tip:

Kegelkreis Preungesheim und anderer gelehrter Gesellschaften Mitglieder, wer auch immer die Gruppe mit diesem verschrobenem Namen ist, schreibt eine für den Anfang ziemlich ausführliche Kritik der Studierendenproteste.

Spaltung, das einzig Vernünftige, nämlich die überfällige Distanzierung von dem infantilen Klamauk, der sich bundesweiter Bildungsprotest nennt, Spaltung also kann er (der letzte linke frankfurter Student) als aktive Handlung gar nicht denken, sie muss ihm als stets gegenwärtige Bedrohung von außen erscheinen. „Und eins sei gesagt: Wir bleiben solidarisch und lassen uns nicht spalten“.

Studentenbewegung abschalten!

Es ist nur noch peinlich, es ist nicht mehr zum aushalten. Fast jeden Tag „witzige Aktionen“, sie haben wirklich nichts verstanden. Wollt ihr euchjetzt endlich eurer Haut wehren, oder wollt ihr es bleiben lassen? Wollt ihr die Tretmühle abschaffen, oder wollt ihr es nicht? Eure Aktionen verraten es: sie hat euch längst abgeschafft.

Sich tot hinlegen („die freie Bildung ist tot!“)! „Free hugs!“ Bildungsmärchen! „BOLOGNAise!“ „Uni räumen!“ FUCK!

Ja, oder nein, zur Uni, zum Fleiss, zur entfremdeten Wissenschaft, zur Arbeitsteilung, zum Standort, zu Deutschland. Und weil ihr zu schwach seid, nein zu sagen, frisst euch euer „ja mit Einschränkungen“ auf, und ihr habt es verdient. Mit dem Teufel wettet man nicht. Und dass ihr zu bekloppt seid, das zu verstehen, das wissen ja wir, aber damit es alle wissen, deswegen habt ihr eure Aktionen.

Wenn man keinen Geschmack hat, und keinen Verstand, aber dafür genug Frohsinn, denn man für „Kreativität“ hält, und wenn man derart stumpf ist, solche Aktionen für „witzig“ zu halten, und derart unbeleckt, solche Kalauer von 1987 für „mal was neues“ – Herrgott, dann soll man es halt machen, aber bitte, bitte, bitte:

: verschont mich damit! Das Gefühl der Fremdpeinlichkeit, und die Scham, solche Trottel wie euch einmal fast, aber auch nur fast, für satisfaktionsfähig gehalten zu haben, bringen mich um.

Auf der anderen Seite: wir alle wissen, dass man solche Anfälle von biederer „Kreativität“ wie diesen auf, wie es unser Hunter S. Heumann ausdrücken würde, einer Arschbacke absitzen kann. In einem halben Jahr ist das vergessen, und ihr furzlangweiligen Existenzen verausgabt euren funkelnden Humor wieder darauf, wo er herkommt, und macht eine witzige Präsentation für eine verschissene Seminararbeit, von der ihr nicht einmal ahnt, dass sie euch eigentlich genausowenig interessiert; weil euch überhaupt nichts interessieren kann. Ihr seid, und bleibt, Studenten, und wollt, zu eurer Schande, auch nichts besseres sein.

Ich erfriere lieber eines Tages unter einer Brücke, als auch nur einen weiteren Tag eine von euch zu sein.

Herzlichst:

Evi Schmitt

Weil wir immer soviel von einer sog. „Militanten Gruppe“ hören (müssen)

Erinnert sich jemand an Herrn Andrej Holm, der monatelang in Untersuchungshaft sass, weil er über google nach Begriffen wie „Gentrifizierung“ recherchiert hatte? Weil er damit verdächtig war, der sog. Militanten Gruppe zuzugehören? Bis der Bundesgerichtshof ihn rausliess, weil gar kein Verdacht bestünde? Was ist denn aus dem geworden?

Nun, der ohnehin für verlegerische Glanzleistungen bekannte VSA-Verlag bringt im Frühjahr wieder mal ein Buch von ihm raus: „Initiativen für ein Recht auf Stadt“. Aus der Leseprobe:

Ein Schwerpunkt liegt auf der
neoliberalen Neuordnung des Städtischen. Als ein spannendes
Gegenmodell wird die in Virginia (USA) entwickelte Vision eines
»kommunalen Sozialismus« vorgestellt – einer von vielen möglichen
Wegen, das Recht auf Stadt in die Praxis umzusetzen.

Die Erfahrungen der städtischen Proteste in der Vergangenheit
und in anderen Ländern machen deutlich: Aus den Ansätzen der
internationalen »Right to the City«-Bewegungen können Impulse für
stadtpolitische Initiativen hierzulande gewonnen werden. Eine Orien-
tierung an möglichst breiten Bündnissen und möglichst vielfältigen
Aktionsformen ist dabei das Gebot der Stunde: Eine (Re)Politisierung
der Stadtentwicklung ist möglich!

Ein Handbuch für alternative Kommunalpolitik: das ist wohl, sollte man meinen, ein deutlicherer Freispruch vom Vorwurf umstürzlerischer Umtriebe, als es der BGH jemals gekonnt hätte. Weiter so, VSA!

Nena abschalten!

Singt sie da wirklich „I‘m made in Germany“?

Nie wieder Nena.

Wenn Studenten protestieren

Wir sind enttäuscht, dass der Präsident heute Abend nicht zum Plenum erscheint und uns die Stellungnahme nicht persönlich (z.B. über email) zukommen ließ. Die Hochschulleitung kann trotz unseres Erachtens ausreichender Vorlaufzeit keine neuen Ergebnisse vorweisen. Andererseits begrüßen wir, dass die Unileitung die Forderungen zur Kenntnis genommen hat und inhaltliche Arbeit auch weiterhin möglich ist.

Quelle

Igitt.

Das nennt man aber nicht unterwürfig, sondern konstruktiv.

Ich muss mir gerade vorstellen, ob solche Leute generall auf Absagen so reagieren, und irgendwie wird mir dabei schlecht.

Edit:

Fuck!

Die bisherige Kommunikation mit Ihnen, dem Präsidenten der Universität, wurde von uns als wertvoll empfunden.

Quelle
Es ist nicht zu fassen. Was wollen sie denn von diesem Mann?

Zur Kritik der Langeweile

Einer wissenschaftlichen, endlich einmal echt empirischen, Kritik der Langeweile in Würzburg gelten von jeher unsere Anstrengungen. Eine dankenswerte Unterstützung unserer Theoriearbeit erfuhren wir in der vergangenen Woche durch ein Blättchen aus Hamburg. Eine „Landkarte der Langeweile“ erstellten die Kollegen, wobei sie den Grad der Langeweile interessanterweise anhand der Videotheken-Rate bestimmten: „Die Kraft, die einen in Videotheken treibt, ist die Langeweile“. Wie zu erwarten kommt auch diese Studie zu dem Ergebnis, dass Würzburg die langweiligste Stadt Deutschlands ist: „Ganz vorne liegen Städte, die popkulturell eher unauffällig sind: Würzburg, Fürth, Oldenburg, Hagen, Hamm“.

Veranstaltungsempfehlung

Hiermit empfehlen wir Euch eine Veranstaltung mit Daniel Kulla zum Thema „1917- Anfang oder Ende des Kommunismus“ am kommenden Mittwoch, den 13.01.2009 um 19 Uhr im Kult.

Genauere Infos gibt es unter
http://infoladenwuerzburg.blogsport.de
und
classless.org

Infotext zur Veranstaltung:
Kommunismus als Schlagwort der allgemeinen Emanzipation – durch Überwindung der Klassengesellschaft und die Herstellung eines gleichen Zugangs zum gesellschaftlichen Reichtum – datiert schon zurück ins 19. Jahrhundert. Die Kommunistischen Parteien hingegen formieren sich unter diesem Namen erst im Jahr 1917 im revolutionären Rußland – und zwar als Vertreter einer ganz bestimmten Interpretation und ganz bestimmter Konsequenzen aus den Ereignissen dieses Jahres.

In einer vergleichenden Betrachtung der sowjetischen, der anarchistischen und der bürgerlich-antikommunistischen Geschichtsschreibung wird zu untersuchen sein, ob sich die KP-Deutung aufrechterhalten läßt und inwiefern sich eine kommunistische Position in derselben Tradition verorten kann. Es wird der Frage nachgegangen, in welchem Maß sich das kommunistische Projekt heute auf historische Positionierungen, äußere Erscheinung und konkrete Politikformen der Kommunistischen Parteien beziehen läßt.

Ist die Distanzierung von der Vergangenheit bequem oder konsequent? Gibt es eine Entscheidung zwischen Kommunismus als Ziel und kommunistischer Bewegung?

Du mieses Speziesistenschwein!

Als unser Hunter S. Heumann irgendwann um 2004 das erste mal das Wort „Speziesistenschwein“ benutzte, das er eigens zu dem Zweck erfunden hatte, Tierrechtler zu verwirren (Tip: das Wort ist in sich widersprüchlich), wusste niemand, wie furchtbar ihm dies Geschäft gelingen würde.

Iran

Es ist weitergegangen, und es geht immer noch weiter. All zu lange wird es nicht mehr dauern. Ab diesen Sonntag sind die unseren im Iran kein jagbares Wild mehr, sondern stellen selbst dem Jäger nach.

Am Sonntag (Ashura) haben vor allem die mittleren Schichten gekämpft. Die Arbeiterschaft wird es sich mit Interesse angesehen haben. Sie wird ihren Teil beitragen.

Ab jetzt sollte man sich, was den Iran betrifft, offiziell über nichts mehr wundern.

Bis man in Europa aber soweit ist, zu revoltieren, das wird noch eine Weile dauern. Und namentlich die Deutschen werden nie revoltieren, wie uns zur Zeit eindringlich die Studenten vorführen, unter denen noch niemand ausgelacht worden ist, der für sein Land streiten möchte.

Nochmal: Zur Benutzung der Kommentarspalte

Wir hatten das ja schon mal, und es sind tatsächlich immer nur die Studenten, bei denen das Problem auftritt, weil sie so gescheit sind.

Man macht es so:

1. Hirnlosen Kommentar posten
2. Entsetzt feststellen, dass er nicht sofort sichtbar ist, sondern erst freigeschalten werden muss. Nun dämmert es sogar im trostlosesten Studentenhirn: Die haben meinen Beitrag einfach gelöscht! In Sekundenbruchteilen gelesen, und hämisch lachend wegzensiert. Weil wir nichts anderes zu tun haben.
3. Nun muss man unverzüglich grosses Geschrei erheben: „Zensur!“, und dann nichts wie weg.

Die Besetzung des Audimax in Würzburg ist vorbei

Das aus historischen Gründen so genannte Auditorium Maximum, ein Hörsaal eher mittlerer Grösse und Güte, in dem hauptsächlich Ökonomen und Juristen verkehren, war u.a. 5 Wochen von Studenten aller Fachrichtungen besetzt, die aus irgendwelchen Gründen geglaubt haben, dieser Hörsaal wäre wegen seiner Nähe zur Innenstadt oder anderen verschollenen Gründen irgenwie besonders gut zum Besetzen.

Sie haben sich erhofft, für ihr Begehr die Öffentlichkeit zu erreichen, und haben gedacht, die wäre wohl eher in der Innenstadt, weil sie ihren Augen nicht trauen, die ihnen sagen, dass nirgendwo weniger „Öffentlichkeit“ ist als in der Innenstadt. Sie haben die Juristen und Ökonomen ertragen, weil ihnen niemand gesagt hat, dass sie auf die verzichten müssen. Sie haben den Minister reden lassen und den Unipräsidenten, und waren sehr froh darüber, weil sie nicht begreifen können, dass es ohne diese Herren besser ist.

Sie haben, in summa, gezeigt, wie es aussieht, wenn Studenten protestieren.

Weil sie nur Studenten sind, die kommen und gehen, haben sie keinerlei Misstrauen in irgend etwas, und sie glauben, sie haben es geschafft, wenn die „Gesellschaft“ auf ihrer Seite steht, der Bairische Rundfunk und das Schweineblatt berichten, und die IG Metall mit wenigen, aber leeren Versprechungen vorbeikommt und Bier mitbringt. (Die IG Metall ist überzeugt, dass zu einer Demo Freibier und Leberkassemmel gehören. Als sie sich angemeldet hat, habt ihr nur vergessen, durchzugeben, für wieviel Leute.)

In diesem Moment, in dem sie alle diese Gratulationen engegennahmen, haben sie sich zum ersten Mal wichtig gefühlt. Sie haben nicht begriffen, dass sie in diesem Moment aufgehört haben, wichtig zu sein. Sie begreifen nicht, und können nicht begreifen (weil sie Studenten sind, die ihre Studien lieben), dass sich eigentlich alle über sie lustig machen.

Hat sich jemand einmal gefragt, warum niemand das Wort „Student“ aussprechen kann, ohne dass es einen ironischen Unterton bekommt? Haben sie sich niemals gefragt, warum alle Leute sich immer einig sind, dass es den Studenten schlecht geht, aber aus dieser „gesellschaftlichen Mehrheit“ nie eine politische Kraft wird?

Sie sind tatsächlich die einzigen, die heute noch auf den Mythos von 1968 hereinfallen, weil sie das für eine Studentenbewegung halten, und sie glauben standhaft, dass irgendjemand ihnen ihre trotzige Pose abnimmt. Aber vom verstehenden Lächeln irgendeines Händlers, wenn er weiss, dass er es mit Studenten zu tun hat, zum verstehenden Lächeln des Ministers, diesen Schluss kriegen sie nicht hin. Natürlich nicht: sie müssten dazu begreifen, dass niemand sie ernst nimmt.

Und warum auch. Sie besetzen Hörsäle und verlangen nicht einmal die Macht an der Uni. Sie verlangen Solidarität von den Arbeitenden, aber bestehen auf ihren Privilegien. Sie protestieren gegen ihre Studienbedingungen und wundern sich, dass es niemanden ernsthaft interessiert: weil sie nie und nimmer gegen ihre Studien protestieren würden, nie und nimmer ein schlechtes Beispiel geben würden, nie und nimmer gerade jetzt in der Krise die Dinge mit einem anderen Mass messen würden als mit dem, mit dem es gemessen wird: nämlich ob es der „Wirtschaft“ gut tut und dem Staat.

Sie mögen ihre Besetzung wiederaufnehmen oder auch nicht, sie haben eine Niederlage erlitten, und die haben sie verdient. Irgendwie interessiert es keinen ausser uns, und ehrlich gesagt nicht einmal uns. Die Studenten haben niemandem etwas mitzuteilen, wenn sie nicht gegen ihre Studien rebellieren. Bis dahin sind sie nur Studenten, und wir kennen niemanden, der das Wort Student ohne ironischen Unterton aussprechen kann.

Anmerkung: Die Einführung des Wortes „Studierende/r“ hat keinen anderen Grund, als diesem Unterton zu entkommen.

Anhang: Als Anhang veröffentlichen wir die Stellungnahme des ak 47, eines Restes des AK Bildungskritik und Systemkritik bei der VV des besetzten Hörsaales.

Hype 13 online

Jetzt endlich ist die pdf-Version im Netz.

har har

Mir ist langweilig #3

Und zwar deswegen.

Das beste sind die Kommentare.

LiebeR KommentarschreiberIn zum Text zur Antifajugend,

Du hast recht und mir gerade echt ein schlechtes Gewissen gemacht.

Yvonne

Liebes 1. Semester der Rechtswissenschaften!

Eure Kolleg/inn/en von den Wirtschaftswissenschaften haben es ja schon vorgeführt. Man macht es so: man betritt Punkt 14.00 Uhr den besetzten Audimax und beschwert sich über die Besetzer, die einen um die wohlverdiente Vorlesung bringen. Das ist brav, so handelt ein guter Untertan.

Ihr habt es irgendwie falsch gemacht, fragt uns nicht, wieso; vielleicht ist es nicht ganz geschickt, wenn die Vorlesung, die man gerade verpasst, gleichzeitig anderswo stattfindet und – noch dazu – man das ganz genau weiss.

Dann sieht man nämlich so aus, wie ihr heute ausgesehen habt: man geht in einen wildfremden Vorlesungssaal und verlangt ultimativ, seine Vorlesung zu bekommen, die man aber gleichzeitig gerade – es gibt leider kein besseres Wort dafür – schwänzt.

Seid ihr im BGB schon bei „Venire contra factum proprium neminem pateat“? Nicht? Kommt noch.

Für immer

euer

letzter hype

Nochmal

Das größte Hindernis der Bewegung hier war, dass sie die demokratische Praxis bei den Mehr­heitsentscheidungen auf den Vollversam­mlungen (…) respektierte und akzeptierte. Da haben Leute, die gegen Blocka­den waren, zusammen mit Leuten, die dafür waren, demokratische Entscheidungen treffen wollen. Als ob dies möglich wäre mit Leuten, die eigentlich Feinde sind. Dieser Fakt hat in den letzten zwei Wochen wirklich die Bewegung getötet.

link

Yar e dabestani

Als mp3. Für die Freund/innen der iranischen Revolte.

The revolution-era classic, whose stirring lyrics epitomize the country’s longstanding struggle for freedom, was originally composed by filmmaker Mansour Tehrani for his 1980 political drama „From Cry to Terror.“ In the film, three old friends cross paths after fifteen years. Hossein has become a drug addict; Davoud is the chauffeur of the head of the martial court; and Reza belongs to an underground armed resistance group. Reza is tasked with assassinating the martial court chief, but is killed by a stray bullet. Davoud is wounded, but manages to escape. And Hossein ends up dying from an overdose. The original version was performed for the movie soundtrack by renowned Shah-era crooner Fereydoon Foroughi (version above).

The song enjoyed a revival during Mohammad Khatami’s presidency, whose election in 1997 marked the birth of the Reform movement. For many Yare Dabestani has become associated with the post-revolutionary generation and the bloody student uprisings of 1999.

After the 2009 elections, Yare Dabestani once more surged to the forefront of public protests, and has been passionately sung by demonstrators on the streets, at expatriate rallies outside of Iran, by student protesters at universities, and recently, even by students at a high school.

یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو، رو تن این تخته سیاه
ترکه ی بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما
دشت بی فرهنگی ما هرزه تموم علفاش
خوب اگه خوب ؛ بد اگه بد ، مرده دلای آدماش

دست من و تو باید این پرده ها رو پاره کنه
کی میتونه جز من و تو درد مارو چاره کنه ؟

یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما ، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو ، رو تن این تخته سیاه
ترکه بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما

یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما ، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو ، رو تن این تخته سیاه
ترکه ی بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما

دشت بی فرهنگی ما هرزه تموم علفاش
خوب اگه خوب ؛ بد اگه بد، مرده دلهای آدماش
دست من و تو باید این پرده ها رو پاره کنه
کی میتونه جز من و تو درد مارو چاره کنه ؟
یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما ، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو ، رو تن این تخته سیاه
ترکه ی بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما

My grade-school friend,
You‘re with me at my side
A ruler [wielded] above our heads -
You weep and sigh with me
Engraved on this blackboard
Are your name and mine
Tyranny’s welt on our flesh
Has not faded with time
The fields of our culture
Have grown wild with neglect,
Come the good or the bad -
People’s hearts are now dead
My hand and yours
Must tear down this curtain
Who but you and I
Has power to cure our pain?

Wie wahr

und wie treffend:

Aus gegebenem Anlass

Weil es wieder einmal so schön aktuell ist, verlinken wir doch gleich mal alles, was wir in zweieinhalb Jahren zu den Studierendenangelegenheiten geschrieben haben. Das älteste zu unterst.

Anmerkungen zum Bildungsstreik, von Yvonne Hegel
Wenn Studenten protestieren, von Evi Schmitt
Das Aktionsbündnis Bildungsstreik als Domteur und Bändiger, von Yvonne Hegel
Der Stumpfsinn der universitären Lehre, von Yvonne Hegel
Nachtrag zu den Stuidengebühren, von Jörg Finkenberger
Nochmal Studi-Sachen, von Jörg Finkenberger
Das Elend der studentischen Politik, von Jörg Finkenberger

Ältere Texte, etwa aus den beiden akw-infos, sind derzeit leider nur schwer greifbar.

Man beachte auch unter Extras den alten Text von Mustafa Khayati von 1966 Über das Elend im studentischen Milieu.

Liebe Hörsaal-Besetzer/innen!

Kommt euch das nicht ein bisschen verdächtig vor, dass da der Uni-Kanzler kommt, und sogar der Minister, und nicht etwa das USK? Dass ihr da evtl. was falsch macht?

Für immer

der letzte hype

„Die Antideutschen Anarchisten blasen zur bewaffneten Revolution“

So kann man es jedenfalls hier lesen.

Die meinen wohl uns. Naja. Was kann man tun? Nichts.

Audimax Besetzung Würzburg Hype

Auf Anregung meiner eigenen Person verlinke ich hier mal, zur Frage, wie man anderswo Unis besetzt bzw. eben nicht, dieses Interview von FSK Hamburg mit ein paar Leuten, die in Frankreich an den Auseinandersetzungen von 2006 teilgenommen haben.

Diese Auseinandersetzungen 2006 werden vielleicht nicht unbedingt, wie Jörg Finkenberger gerade nach 3 Bier behauptet hat, die letzten in der europäischen Geschichte bleiben, aber wenn, dann wird das nicht an den würzburger Aktivisten liegen, wie ich fürchte. Plus die da interviewt werden, sind nicht gerade solche wie ich, die ja nie was tun, sondern immer nur maulen; sondern Leute, die mal was tun wollten, und deswegen Grund gefunden haben, zu maulen. Nicht zu verwechseln mit mir, die ich nur faul bin. Und eine Klassenverräterin dazu, naja.

Gut, dass es wenigstens die Aktivisten noch gibt.

Evi Schmitt

Besetzung des Audimax Würzburg

Man kann den übriggebliebenen BesetzerInnen des Audimax nur wünschen, klüger zu handeln, als gestern Nachmittag: Eine Besetzung ist ein Akt des Ungehorsams, gegen den sich die Mehrheit zur Wehr setzen wird, und vor allem die Mehrheit der StudentInnen.

Wenn man als BesetzerInnen ernst genommen werden will, dann sollte man sich nicht, wie heute geschehen, von WirtschaftswissenschaftlerInnen aus dem Hörsaal vertreiben lassen.

Kuscheln war vorgestern.

Der hype ist draussen

und die ersten Beiträge stehen schon lange hier auf der Seite.

Holt euch den heissen Scheiss in der Pissbude eures Vertrauens. Oder, was gleichviel wert ist, lasst es bleiben.

Der Irrglaube des „weißen“ Sozialismus – Über die Affirmation der Neuen Sachlichkeit zur Barbarei

Die Literatur einer Epoche ist Indikator für gesellschaftliche Entwicklungen und Tendenzen, so auch die Neue Sachlichkeit für die Entwicklungen und Tendenzen der Weimarer Republik. Die Neue Sachlichkeit selbst kann auch neuer Realismus in Abgrenzung zum alten genannt werden. Motive waren der „einfache Mann“ und seine Umwelt, die moderne Gesellschaft, es ging um die objektive Darstellung der Realität, die Autoren schwelgten in Begeisterung für den technischen Fortschritt. Die Sprache an die alltägliche angelehnt, sollte einen Zugang zur Literatur und zum kulturellen Leben schaffen, nicht zuletzt um auf Missstände aufmerksam zu machen, als auch die Massen für die Demokratie zu begeistern. Die Autoren fühlten sich in der Tradition der Aufklärung.
Ihr Postulat haben die Schriftsteller – wie die Geschichte bewiesen hat – nicht verwirklichen können. Stattdessen strahlte sie in den ihrer Epoche folgenden Jahren in einem Unheil, das an Einzigartigkeit nicht zu überbieten ist. Es stellen sich Fragen.
Bereits Horkheimer und Adorno haben in ihrem Aufsatz zur Kulturindustrie „das Modell ihrer Kultur: die falsche Identität von Allgemeinem und Besonderen.“ kritisiert. Die beschriebene Aufhebung der Grenzen zwischen Gesellschaft und Individuum spiegelt sich in der Literatur der Neuen Sachlichkeit wider, wo der Mensch entpsychologisiert, entemotionalisiert und in letztendlich entindividualisiert dargestellt worden ist. Als Beweis hierfür sollen an dieser Stelle zwei Figuren kurz in ihrer Darstellung gegenübergestellt werden. Während Prometheus gekettet an einen Felsen die Strafe in vollem Bewusstsein erträgt: „Oh Himmelslicht und flügelschnelles Windewehn! Strömendes Wasser und der Wogeflut des Meeres unzählig Lächeln und Allmutter Erde! Auch die allessehende Sonnenscheibe ruf ich an. Seht an, was ich von Göttern leide, selbst ein Gott!“, fehlt es in Erich Kästners „Fabian“ hingegen jeglicher Dramatik. Der Held springt am Ende in einen Fluss in der Hoffnung einen Jungen zu retten und wie bereits die Überschrift des besagten Kapitel andeutet, ertrinkt er selbst: „Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.“ Die der Darstellungsform zu entnehmende Entemotionalisierung, weißt auf die Entindividualisierung der Menschen dieser Zeit hin.
Wenn die kritischen Theoretiker feststellen, dass „[d]ie Verkümmerung der Vorstellungskraft und Spontaneität des Kulturkonsumenten heute nicht auf psychologische Mechanismen erst reduziert werden [braucht]. Die Produkte selber, allen voran der Tonfilm, lähmen ihrer objektiven Beschaffenheit nach jene Fähigkeiten. Sie sind so angelegt, dass ihre adäquate Auffassung zwar Promptheit, Beobachtungsgabe, Versiertheit erheischt, dass sie aber die denkende Aktivität des Betrachters geradezu verbieten, wenn er nicht vorbeihuschende Fakten versäumen will“, so ist auch der daraus gezogene Schluss nachzuvollziehen: „In Deutschland lag über den heitersten Filmen der Demokratie schon die Kirchhofsruhe der Diktatur.“ Das Zitat bezieht sich zwar nicht auf die Literatur, doch ist die Neue Sachlichkeit für ihre Technikversiertheit, insbesondere im Bezug auf die „neuen“ Medien bekannt, was in diesem Kontext ein dialektisches Verhältnis zwischen der Bewegung, die sich in voltairescher Tradition zu sehen pflegte und der Formen, die sie vergötzt bzw. wählt.
Auch Walter Benjamin weist auf dieses Verhältnis in seinem Vortrag „Der Autor als Produzent“ hin. Zwar nicht in dem Sinne, dass Formen der Neuen Sachlichkeit als gegen aufklärendes Denken arbeitend bezeichnet werden, sondern er stellt das Postulat auf, Autoren, die eine Tendenz verfolgen, also in dem vorliegenden Fall eine emanzipatorische, müssen dem Werk auch die dazugehörige Qualität beifügen. Die Nennung Brechts und seines „epischen Theaters“ dürfte hier ohne weitere Ausführungen den Sachverhalt erhellen.
Es ist davon auszugehen, dass sich viele Schriftsteller im Allgemeinen nicht als Mitglied der Produktionsverhältnisse sehen, sondern als ein davon abgekapseltes Milieu, welches die von den Produktionsverhältnissen konstituierte objektive Ideologie und ihre eigene Stellung in dieser nicht überdenken. Wenn unter diesem Gesichtspunkt der Autor glaubt, an den gesunden Menschenverstand appellieren zu müssen, so ist hier kein revolutionäres, sondern reaktionäres Potenzial am Werk. Brecht prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der „Umfunktionierung“ und postuliert mit ihm, Werke sollten sich nicht durch ihren individuellen Charakter auszeichnen, sondern auf ihren Gehalt hinsichtlich ihres die Verhältnisse umwälzenden Momentes.
Benjamin entlarvt die Neue Sachlichkeit folgendermaßen: „[E]in erheblicher Teil der sogenannten linken Literatur [besaß] gar keine andere gesellschaftliche Funktion, als der politischen Situation immer neue Effekte zur Unterhaltung des Publikums abzugewinnen.“ In diesem Zusammenhang verweist er auf eine von dieser Epoche vorzugsweise gewählten Form, als auch Stil: die Reportage. Durch diese Form wird die Welt ästhetisiert, um sie für das Amusement der Massen durch Massenkultur zu verbreiten. Adorno und Horkheimer konstatieren bezüglich dieses Punktes: „Amusement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus“ und schließen hier an Marx an und schaffen einen Anschlusspunkt für die Situationistische Internationale, die den Arbeitskraft reproduzierenden Gehalt der Freizeit im Kapitalismus erkannten und hier einen Ansatzpunkt ihrer Kritik der Freizeit machten. Die Epoche der Neuen Sachlichkeit mit ihrer Vergötterung der kapitalistischen Freizeit weisen auf die Totalität der Verwertungssphäre hin.
Da Adorno und Horkheimer vertreten, Kunst als Ware bestätige die Wahrnehmungsmuster und stelle den Konsumenten ruhig, sodass letztendlich gesellschaftlichen Verhältnisse bestätigt und bekräftigt werden, postuliert der kritische Theoretiker „von der Literatur Subversion ideologischer Systeme aller Art, was auch bedeutet, dass sie nicht leicht konsumierbar sein dürfe.“
Hand in Hand mit dem Erörterten postulieren die erwähnten Philosophen von einem Kunstwerk das Nichtidentische, was das Nichtinterpretierbare sei, welches permanent „an das Denken appelliert.“ Kunst soll keine Lösungen für Denkprozesse bitten, sondern Aufgaben aufwerfen. Daraus zuschließen ist, dass das Subjekt nicht Objekt der Kulturindustrie sein soll.
Ein Nichtidentisches in einer literarischen Richtung zu finden, ist unmöglich, wenn sich diese zum Ziel gesetzt hat, alles so detailliert, anschaulich, einfach und wahrheitsgetreu zu beschreiben, wie Egon Erwin Kisch, ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit, postuliert: „Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres in der Welt gibt es, als die Zeit in der man lebt.“ Indirekt bringt der Autor eine Ursache für das Unglück der Menschheit auf den Punkt: die Liquidation der Möglichkeit eine Kunst zu schaffen, die kritisches und aufgeklärtes Denken fördert. Die Literatur der Neuen Sachlichkeit ist in ihrer Form ein Aspekt des Siedepunkts der Kulturindustrie im Angesicht der darauf folgenden Barbarei.
„Der Schritt vom Telefon zum Radio hat die Rollen klar geschieden. Liberal ließ jenes den Teilnehmer noch die des Subjekts spielen. Demokratisch macht dieses alle gleichermaßen zu Hörern, um sie autoritär den unter sich gleichen Programmen der Stationen auszuliefern.“ Die Neue Sachlichkeit der Literatur hat zu diesem Prozess ihren Beitrag geleistet.

Schlonzo der Geachtete

Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters, Teil II

1
Ich bin auf der Arbeit und warte auf den Abend, besser noch auf den Freitagabend, denn dann habe ich, wie man es wohl nennt, frei. Dann kann ich gehen, der Druck weicht von mir, langsamer, als es mir gut tut, und, mit weniger Freude als man glauben sollte, gehe ich nach Hause.

Das sind jetzt meine freien Abende, meine freien Tage, wenn ich den allgemeinen Redensarten glauben darf.

Während der Arbeit denke ich ab und zu an meine Freunde draussen, in der Freiheit: was tun sie wohl gerade? Und ich sehe den weichen Regen niedergehen, oder eine feine dünne Sonne strahlen, und kann nicht anders, als sie beneiden.

Dort draussen, in der Freiheit, dort passiert wohl gerade dieses Leben, von dem man mir immer erzählt hat, und das mir wohl, wie es aussieht, verwehrt bleibt.

Ich rechne mein Alter gegen den wahrscheinlichen Zeitpunkt, wann mich diese Maschine mit einem geringen Alterseinkommen wieder freisetzen wird, und erschrecke: dass ich dreissig Jahre die Sonne nicht mehr sehen soll! Ich kann es nicht begreifen, was habe ich verbrochen? Für dreissig Jahre hätte ich, bei den gängigen Tarifen, zweieinhalb Menschen ermorden können, ich aber habe niemandem etwas getan.

2
Nach der Arbeit gehe ich einkaufen, in ein grosses Kaufhaus nahe wo ich wohne, das heisst Kaufland. Ein abscheulicher, sogar irgendwie abstossender Name, aber irgendwie in seiner Verblödung ziemlich ehrlich und mir sofort sympathisch. Etwas weiter entfernt liegt der Wertkauf, da gehe ich noch lieber hin, denn sein Name ist dermassen hirnverbrannt, ein seltenes Beispiel eines tautologischen, dabei völlig sinnlosen Wortes. Ausserdem erinnert seine Fahne von ferne an die der Hizb Allah. (Die des Spar dagegen an die libanesischen Falangisten.)

Es ist nicht so, dass ich nicht Härte gelernt hätte und Disziplin, und ich habe auch schon ganz andere Dinge gesehen und überstanden; aber es ist mir passiert, dass ich im Kaufhaus haltlos in Tränen ausgebrochen bin, als ich eine Tüte Chips, die nach Basilikum schmecken sollten, in die Hand nahm, und darauf stand: „Ein Stück Lebensfreude“. Vor lauter Wut und Enttäuschung.

Mit einiger Hast raffe ich Waren zusammen und gehe zur Kasse; ich schaue zurück, über eine einförmig bunte Landschaft aus Regalen: der Reichtum in denjenigen Gesellschaften, in denen die kapitalistische Produktionsweise vorherrscht, erscheint als eine ungeheure Anhäufung von Waren; und ich schüttle hilflos den Kopf: Todfeind der Gesellschaft der Ware will ich sein, und ihres Staates, und werde es wohl bleiben müssen, solange Leben in mir ist. Ich ziehe den Kopf ein und laufe eilig weiter ins Dunkle, in den Nieselregen: wie auf der Flucht, in Furcht, man könnte mich erkennen.

Niemand ist mir gefolgt, und als ich dort ankomme, wo ich, wie es heisst, zuhause bin, öffne ich eine Flasche Bier, trinke zwei Schlucke und falle in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

3
Manchmal packt mich ein Gefühl von Ungeduld, es ist manchmal ein düsterer Gram, manchmal eine jubelnde Euforie, und sie treibt mich in die Nacht hinaus. Ich kann dann ganze Nächte durch wandern, von einer Unruhe getrieben, als warte dort irgendetwas auf mich im Dunklen; dann stehe ich auf den Hügeln vor der Stadt und bin selbst das, was im Dunkeln wartet.

Es scheint manchmal, in diesen Nächten, als sei der Bann schon gebrochen, die entsetzliche Verkettung der leeren Hantierungen. Dachte wirklich einmal jemand, dass ausgerechnet die Nächte verwunschen seien, und es dort umgehe? Es muss das böse Gewissen der allzu Betriebsamen gewesen sein; und ich betrachte die Spinne, die im Mondlicht ihr Netz webt: so gut kennen sie ihre grauenvollen verwunschenen Tage, dass sie wenigstens die Nächte fürchten.

Aber auch die Nächte machen die Lüge nicht unwahr, dass diese Welt mir nicht gehört, nur die sie bewachen, schlafen, und die, die noch wachen, kennen meine Pfade nicht; und nass vom Tau kehre ich zurück.

4
Dort draussen, bei meinen Freunden, passiert in Wirklichkeit, wie ich wohl weiss, gar nichts. Es gibt nichts, was ich verpasse; jeden Freitag Abend beeile ich mich, dorthin zu kommen, wo ich sie finde.

Es ist jedesmal wieder ein Schlag. Die Zeit, die mir von der Maschine so qualvoll leer in die Länge gezogen ist, geht dort draussen, in der Freizeit, ebenso leer, nur rasch vorbei; es ist gar nicht Zeit genug, in den kurzen Tagen dazwischen, dass etwas passieren kann, das ich verpassen könnte.

Ich sitze mit ihnen dann, an immer den selben Orten, und wir führen immer dieselben Gespräche; meine Sehnsucht nach ihnen bleibt ungestillt; irgendetwas hält uns alle voneinander fern. Wir können nicht miteinander reden, es sei denn, wir sind betrunken, aber, oh Unglück, dann können wir nicht mehr zuhören.

Es ist keine Freude in dieser Trunkenheit, nicht einmal Flucht, unweigerlich kommt irgendwann eine Traurigkeit, aber wenn wir anfangen, einander unsere tiefsten Gedanken mitzuteilen, finden wir uns leer an Worten dafür; in unserer Not klammern wir uns an zwei drei wie gestanzte Sätze, die wir wie auswendig immer wiederholen, wie als ob uns jemand verstehen sollte, wo wir doch nur unsere eigene Furcht damit bannen.

Wenn wir betrunken sind, gehen wir in die Disco, wo die Musik so laut ist, dass wir uns nicht mehr unterhalten müssen. Früh im Morgenlicht gehen wir nach Hause, einzeln oder zu zweien; den nächsten Tag verschlafen wir, das macht man zweimal so, dann fängt die Arbeit wieder an.

Wenn es die Wochenenden nicht gäbe, man müsste sie erfinden, um zu beweisen, dass es noch ganz anderes zu fürchten und zu hassen gibt als die Arbeit. Wie sollten wir nicht verurteilt sein, unter der Arbeit zu leben, wenn jede Stunde, die wir ohne sie verbringen, beweist, dass wir es nicht können?

5
Am Montagmorgen erwache ich aus dem schlechten Traum der leeren Freizeit in die schrecklichere Leere einer Woche der Arbeit. Manchmal habe ich keine Hoffnung mehr. In den letzten 2 Jahren haben sich 2 gute Freunde umgebracht; ausser meiner Entschlossenheit, mich nicht umbringen zu lassen, und meinem Hass habe ich nichts. Ich bin, fich weiss es, leer; ich habe nicht mehr viel, das ich noch geben könnte; ich erschrecke, wenn ich daran denke, was die Welt aus mir gemacht hat; aber ich bin nicht gewohnt, aufzugeben; und sie werden mich nicht bekommen, weder tot noch lebendig.

Der Tag soll kommen, wo wir wieder auferstehen.

Vermischtes

Anti-Rassismus-Demo in Würzburg

Am 05.09. demonstrierten ein paar hundert- vorwiegend linksradikale- Menschen gegen die absolut inakzeptablen Zustände in der Würzburger Flüchtlingsunterkunft. Diese erste angemeldete Linksradikale Demo seit Jahren versuchte, die Flüchtlingsthematik in einen größeren Zusammenhang zu stellen und diesen auch einer breiteren bürgerlichen Öffentlichkeit zu vermitteln. Dazu gilt es, ein paar Anmerkungen zu machen:
1.Die Tatsache, dass die radikale Linke dieses Thema erst aufgreift, nachdem die menschenunwürdigen Bedingungen der Flüchtlinge bundesweit in der Presse thematisiert wurden, wirft ein schlechtes Bild auf die emanzipatorischen Kräfte. Die Taktik, Flüchtlinge am Rande der Stadt wegzusperren, damit sie einfach vergessen werden: Leider ist sie auch bei den Linksradikalen aufgegangen, und das ist- anders kann man es nicht ausdrücken- beschämend.
2.Im Vorfeld der Demonstration zeigte sich ein für alle mal, dass es diese Stadt nicht verdient hat, seine Meinungsäußerung vorher bei der Polizei anzukündigen. Die Polizeiauflagen waren beispiellos repressiv, die Berichterstattung von lokalen Medien lächerlich bis hysterisch.
3.Im Nachhinein stellte das Anarchistische Aktionsbündnis Unterfranken völlig zurecht fest, dass die nächsten Aktionen eventuell nicht mehr angemeldet werden. Warum auch? Inhalte an die WürzburgerInnen vermitteln kann man erst, wenn man eine bürgerliche Organisationsform angenommen hat. Und das will die AAU hoffentlich nicht. Wenn es um die Überwindung der Zumutungen geht, die uns diese Gesellschaftsform präsentiert, sind wir auf uns alleine gestellt.

Das Bleiberecht und der Tod

Zum Kontext der Demonstration gehört auch ein tragischer Todesfall, der sich im August diesen Jahres in Würzburg abgespielt hat: Diersam Djamiel, kurdischer Flüchtling aus Syrien, war engagiert worden, um eine Hochzeitsgesellschaft auf der „Alten Liebe“, dem Würzburger Ausflugsdampfer, zu filmen. Sein Aufenthaltsstatus, wie der von vielen Menschen, die Asyl in Deutschland suchen: Unsicher, immer in Gefahr, nicht mehr verlängert zu werden. Die notwendigen Papiere, in denen ein kleiner Stempel über ein ganzes Menschenschicksal entscheidet, sie sind unvergleichlich mit einem deutschen Personalausweis, den man sein Leben lang auf dem Amt verlängern lassen kann.
In der Mainpost las man nur von einem Unfall eines Nichtschwimmers, der seine Kameraausrüstung aus dem Wasser fischen wollte. Erst durch Spiegel Online erfahren wir, dass nicht die Kameraausrüstung, sondern Diersam Djamiels Papiere ins Wasser fielen. Er wollte seine Papiere, seine Aufenthaltsgenehmigung retten, sprang panisch ins Wasser und bezahlte mit seinem Leben.
Es ist verabscheuenswert, was die kapitalistische Menschenverwaltung ihren Objekten antut.

Die Rechte Ökobewegung in Marktheidenfeld

Am 25. und 26. September traf sich die rechtsökologische Herbert-Gruhl-Gesellschaft in Marktheidenfeld. Herbert Gruhl stand exemplarisch für die Verknüpfung von deutscher Ideologie und Ökologiebewegung. Seine Anthropologie bestand aus einem biologistischen Menschenbild, das folglicherweise auch mit völkischen Ansichten und einer panischen Angst vor Migration verknüpft war. Kein Wunder also, dass er auch in einschlägigen rechten Zeitschriften wie Nation&Europa oder der Jungen Freiheit publizierte. Die Gralshüter seines Wirkens vergeben jährlich den Herbert-Gruhl-Preis, der u.a. bereits an Robert Spaemann, Philosoph, rechter Abtreibungsgegner und- wie sollte es anders sein- Junge Freiheit Unterstützer, vergeben wurde. Die Referate auf der Tagung boten alles, was das Herz eines völkischen Ökologen begehrt: ein bisschen Lebensschutz (Rainer Klawki: „Ungeborenenschutz“), ein bisschen Heimatschutz (Volker Kempf: „Kulturverfall und Umweltschutz“) und selbstverständlich esoterischer Humbug (Petter Arras: „Über die psychischen Ursachen des paradoxen Verhältnisses des Menschen zu ihren Mitlebewesen“).
Antifa, where have you been?

Grillanzünder ausverkauft

Hartmut Feuerteufel (48) bestreitet Vorwürfe

Als unschuldige Autos im Juli diesen Jahres von einem Mann namens Feuerteufel heimgesucht wurden, entschied ich mich, für meine Recherche tief in das Milieu einzutauchen, das sie die Zellerau nennen. Ich nahm eine neue Identität an und zog zwei Monate in das Herzen eines von inneren Widersprüchen zerrissenen, nach lodernden Brandbeschleunigern riechenden Stadtteils. Welche Motive und Schallplatten besitzt der Täter? Warum brannten bisher nur Mülltonnen, aber noch nie ein Altkleidercontainer? Wer ist der Mann, der mir gegenüber auf der Couch sitzt und was gibt es morgen zum Mittagessen? Das alles sind Fragen, die mich überhaupt nicht interessieren und deren Antworten sie in diesem Artikel vergeblich suchen werden. Mein Interesse galt einzig und alleine der 2000-€-Belohnung, die mir die Polizei schenken würde, wenn ich zur Ergreifung des Täters beitrüge.
Zellerauer Plunder, entkoffeinierter Kaffee, eine geblühmelte Tischdecke, die ihre besten Tage hinter sich hat. Ich sitze in Roswitha Murgelhofers Esszimmer, zu dem ich mir mit Hilfe des Enkeltricks Zutritt verschafft habe. Frau Murgelhofer ist an die 80 Jahre alt, eine kleine, hagere Dame. Ihr Kleid sieht ihrer Tischdecke täuschend ähnlich und sie riecht aus dem Mund. Aber das ist eher unwichtig. Seit 80 Jahren lebt sie in der Zellerau, seit 80 Jahren glotzt sie aus dem selben verdammten Fenster. Wenn jemand weiß, wie der Feuerteufel aussieht, dann sie. Die sympathische Dame erzählt viel, freut sich über einen Besuch ihres Enkels- ich habe sogar einen Blumenstrauß mitgebracht- und weiß auch über den Brandstifter zu berichten. Da sei manchmal einer nachts unterwegs gewesen- der habe mit Akzent gesprochen und sei wohl auch nicht von hier gewesen. Ich lege Frau Murgelhofer einen Kugelschreiber in ihre tattrigen Händchen und bitte sie, ein Phantombild des Verdächtigen anzufertigen. Als sie nach einer halben Stunde fertig ist, weiß ich, dass das eine Scheißidee war. Ich bedanke mich, lasse mir noch ein paar Stückchen Kuchen einpacken, „leihe“ mir 500 € und ziehe von Dannen.
Nächste Station Dosenbier. In der Tankstelle fallen mir zwei Dinge auf: Zum einen braucht man sehr große Einkaufstüten, wenn man für 500 € dänisches Dosenbier kaufen möchte. Zum anderen sind zwar Instant-Grills vorrätig, die Grillanzünder jedoch sind ausverkauft. Ausverkauft!Verdächtig!! (Lass das mit den ständigen Ausrufezeichen, Trottel!) Hat sich der Täter etwa mit Wunderblitz Grillanzündern bevorratet, um noch mehr unschuldige Kraftfahrzeuge mit in den Tod zu reißen? Etwas verwirrt teilt mir die Dame von der Tanke mit, wie der typische Grillanzünderkäufer in etwa aussieht: Bierbauch, Jogging-Hose, meistens kaufe er sich noch ein paar Bratmaxe. Endlich mit einem Täterprofil im Kopf verlasse ich zufrieden die Tankstelle.
In den folgenden Tagen hänge ich an den einschlägigen Treffpunkten der Zellerauer Jugend ab und stelle mich als neuer Sozialpädagoge vor. Mir wird deshalb, völlig zurecht, stündlich in den Bauch geboxt. Einen Boxenstop legen die Jungs aber sofort ein, als die furchteinflößenden Herren mit Kampfhund und Schneetarnbomberjacke auftauchen. Man habe eine Zellerauer Bürgerwehr gegründet, da es so ja nicht weitergehe, erläutert mir wenig später einer der drei jungen Männer, während die anderen beiden fieberhaft damit beschäftigt sind, böse zu gucken. Einen guten Tipp, wer denn der Feuerteufel sein könnte, können mir die Halbstarken aber auch nicht geben.
Etwas zynisch finde ich es, dass man in einer Metzgerei „Feuerteufeli“ bekommt. Das sind Landjäger, die neben Schweinefleisch und Nitritpökelsalz auch eine gehörige Portion scharfes Paprikapulver enthalten. Noch viel zynischer wird die Angelegenheit, als ich einen fettleibigen Polizisten dabei ertappe, wie er sich mit seinem Landjugendgrinsen eine solche Wurst bestellt, diese an einem Stück in seinen Rachen rammt, einen Schluck Selters trinkt und anschließend „Brand gelöscht“ albert. Sein Kollege und er lachen, wie Polizisten eben lachen.
Ich komme so nicht weiter. Keine heiße Spur, auch nach Wochen nicht. Die Verzweiflung bringt mich sogar soweit, dass ich eines abends mit einem eher weniger schlauen Hippie im Denklerblock sitze, Dosenbier trinke und mir seine Fabeln über Hohlwelten, Naziufos und geheime Weltregierungen anhöre. Plötzlich bringt mich die Vertonung von geistigem Dünnschiss, die unentwegt aus seinem Mund sprudelt, auf eine Idee: Sein Gebrabbel von Menschen, deren Körper einfach verbrennen, ohne erkennbaren Grund, die These von der Spontanen Menschlichen Selbstentzündung (SMS) also, macht mich nachdenklich. Laut SMS-Theorie sei es möglich, dass Menschen einfach so anfangen zu brennen, einfach so nebenbei beim Abendessen zum Beispiel. Wenn die SMS-Theorie war wäre- was sie nicht ist- könnte es dann sein, dass auch Mülltonnen, Autos oder Kruzifixe spontan Lust darauf haben, in Flammen aufzugehen?
Diese Gedanken rauben mir den Schlaf. Eines morgens mache ich mich auf den Weg nach Kulmbach, um den weltbekannten, zurecht unanerkannten Parapsychologen Kasimir von Pützlitz zu besuchen. Von Pützlitz wohnt in einem stattlichen fränkischen Fachwerkhaus, das die besten Tage hinter sich hat und an dessen Westseite das Wort „Karma“ geschrieben steht. Eine nach Patchoulie duftende, in geheimnisvollem Ton flüsternde Frau sitzt im Foyer an einem Couchtisch. Auf dem Tisch: Tarot-Karten, eine Flasche Absinth, ein Streichholzschächtelchen, auf dem „Zünftiges aus Zirndorf“ steht. „Wir haben sie bereits erwartet“, zischt die aufregende Dame in geheimnisvoller Weise und zeigt auf eine Türe hinter sich. In diesem schwach beleuchteten Raum sitzt Kasimir von Pützlitz, welcher ein Gewand aus Kartoffelsackstoff an hat. Auf diesem Gewand steht „vorwiegend festkochend“. Von Pützlitz spricht in einem penetranten schwäbischen Akzent, was mich zum einen verwirrt, zum anderen an Käsespatzen mit Röstzwiebeln erinnert.

Jamjamjam, Käsespatzen mit knusprigen Röstzwiebeln. Ein Gedicht.

Auf die Frage nach der Möglichkeit, dass sich nicht nur Menschen spontan selbst entzünden könnten, sondern auch Gegenstände, muss der langhaarige Parapsycho lange nachdenken. Er muss sogar so lange nachdenken, dass ich kurzzeitig denke er sei eingeschlafen oder gar verstorben. Plötzlich blickt er hastig auf seinen „Astro-Kalender 2009“, sagt mir, dass gerade Jahr des Büffels sei und dass er Schlimmes befürchte. Auch der schiefe Turm von Kitzingen oder das Thomas-Gottschalk-Denkmal in Bamberg seien von Feuerteufel bedroht, wenn nicht eine Kraft erscheine, sie alle zu knechten, sie alle zu finden ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden blablabla. Selbst Frau Murgelhofer oder der Hippie scheinen mir vertrauenswürdiger als dieser schwäbische Scharlatan mit schmutzigen Fingernägeln, jedoch genügt mir für meine Recherche, dass er meiner zweifelhaften These zugestimmt hat.
Zurück in der Zellerau erschrecke ich, als ich den Namen Hartmut Feuerteufel auf einem Klingelschild in der Nähe meiner Wohnung entdecke. Sollte die Lösung so einfach sein? Wohnt hier der Feuerteufel höchstpersönlich? Und bekomme ich jetzt endlich die 2000 €? Was schmeckt besser, Soja oder Seitan? Ich klingele an seiner Türe, mir erscheint ein Mann Ende 40 mit einem stattlichen Schnauzbart und einem Morgenmantel an. „Entschuldigen sie, sind sie der Feuerteufel?“ „Gewiss doch.“ Kann man dies schon als Geständnis werten? Ich bohre weiter nach: „Wissen sie, wer in dieser Stadt jedes Wochenende Brände legt?“ Herr Feuerteufel guckt verdutzt, sein an sich freundliches Wesen zerfällt in Windeseile und seine Mundwinkel werden wie von einem Amboss nach unten gezogen. „Falls sie zu dene Menschn g‘hörn, die wo stündlich bei mir anrufen und die wo Scherzchen mit meinem Namen treiben: Ich ruf des nächste mal die Bolizei!“ schreit er und wirft die Türe zu. Polizei kann er haben, denke ich mir und rufe die Ordnungshüter an, um sie zu Hartmut Feuerteufels Wohnung zu schicken. Doch sie kommt nicht. Nie ist die Polizei da, wenn man sie braucht. Auch auf meine 2000 € warte ich bis heute. Tja. Resigniert verlasse ich die Zellerau. Für immer.
Der Feuerteufel, er lebt noch immer mitten unter uns. Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.

Hunter S. Heumann

Subkultur ist die neue Bionade

Warum den Menschen, die sich über die Schwäche der alternativen Szene beklagen, am stärksten zu misstrauen ist

Was ist eigentlich eine Subkultur? Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.
Kann man eine Subkultur anfassen, kaufen, küssen oder gar morgens ins Müsli kippen? Wer ist mehr Subkultur, Aldi oder Lidl? Gibt es bei Joeys oder bei PizzaBlitz mehr Subkultur für’s Geld? Welche Subkultur bietet mir möglichst viele Frei-SMS bei einer kurzen Mindestvertragslaufzeit?
„Das Eis der (Sub)kultur wird dünner“, schreibt es beim Würzblog, und gemeint ist damit dennoch weder Cornetto noch Minimilk. Aber eigentlich fehlt ein gutes Speiseeis in der Reihe der Dinge, die Ralf Thees zu festen Bestandteilen der Subkultur zählt. Denn scheinbar gehören alle Dinge, die Ralf Thees mag, zum leckeren Potpourri der Subkultur. Über den Wegfall der Programmkinos wird sich beschwert, ebenso wie über den „soziokulturellen Ausnahmeort“ namens Propeller. Soziokulturell, wieder ein Begriff, mit dem jongliert wird, ohne einen Begriff zu besitzen. Die Posthallen,welch subkultureller Ort, werden genannt, denen es die Stadt aber nicht leicht mache. Keine Institution passt besser in Würzblogs Subkultur-Charts als die Posthallen, sitzen dort doch Leute am Ruder, deren Begriff von Subkultur schon zu AKW-Zeiten nach Verwesung roch. Weiter im Text: Schließlich sind auch AKW und Immerhin Teil von Ralf Thees‘ subkulturellen Visionen, und die gibt’s ja jetzt beide nicht mehr. X Ware Kultur ist gleich y Ware Schweinsbraten, alles ist mit allem vergleichbar, wie man längst weiß. Zum Glück hat Bionade letztes Jahr die neue Geschmacksrichtung Quitte eingeführt, und bald kommen ja auch die Kassierer in die Posthallen.
Und am Ende wird auch die Stadt Teil dieser Subkultur. Denn die muss dieser Subkultur ja helfen, weil sie ja auch irgendwie dieser Subkultur verpflichtet sein muss, damit die StudentInnen brav subkulturen können. „Man kann fast den Eindruck bekommen, als wolle die Stadt Würzburg eine kulturberuhigte Zone im weiteren Innenstadtbereich.“ Subkultur- weil Würzburg es sich wert ist. Nicht umsonst schreibt Herr Thees, dass wir keine “Provinz auf Weltniveau” [brauchen], um uns nach Außen lächerlich zu machen, das schaffen wir mit dem derzeitigen Trend an Möglichkeiten der (Sub)Kultur und Nachleben auch so.“ Herr Rosenthal, für das Image dieser schönen Stadt: Man schenke jedem Menschen täglich einen Happen Subkultur!

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Was ist eigentlich eine Subkultur? Für den Würzblog wohl alle Lokalitäten, in denen vor allem 20- 40 jährige verkehren. Je mehr es nötig wird, sich einer nicht vorhandenen Subkultur, oder gar alternativen Szene, zuzuschreiben, desto weniger wird man die Frage wagen, was Subkultur überhaupt bedeutet hat. Sogar Wikipedia weiß, dass der Begriff Subkultur einst Personenzusammenhänge bezeichnete, die sich hinsichtlich zentraler Werte und Normen von der herrschenden Kultur unterschieden haben und sich als Gegenkultur definierten. Heute dient der Begriff wohl eher dazu, sich selbst zu vergewissern, dass man cooler als der Rest ist, noch nicht zum alten Eisen gehört. Er dient der Verdrängung der Tatsache, dass man selbst keine anderen Vorstellungen von gesellschaftlicher Organisation besitzt als die Mühle des Immergleichen. Anders ist es nicht zu erklären, dass man bei jedem beliebigen Begehr die Stadt in Gefahr sieht und ihre Politiker bittet, in die Presche zu springen. Warum organisiert man sich nicht selbst, wie das vielleicht die Freaks, Alternativen und Autonomen der 80iger Jahre getan haben? Genau deshalb, weil man dann die Selbstlüge aufgeben müsste, Teil einer Gegenkultur zu sein. Weil man dann feststellen müsste, dass das Label „Alternativ“ nicht mehr Elemente von einem Umsturz des Bestehenden beinhaltet als eine eisgekühlte Coke Zero Cherry. Wenn sich in dieser Stadt die vereinzelten Individuen zusammenraufen wollen, die eine tiefe Unzufriedenheit mit den Zumutungen des alltäglichen Lebens eint, so müssen diese zuerst verstehen, dass sowohl dem Wort „Szene“ als auch dem Wort „Subkultur“ keine gesellschaftliche Realität (mehr) zukommt.

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Subkultur- die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. Probieren sie jetzt!

Benjamin Böhm

Intro 13

Wir dürfen sie herzlich zur 13. Ausgabe des Letzten Hypes willkommen heißen und ihnen auch gleich einen redaktionellen Neuzugang vorstellen: Zum ersten Male haben wir einen Unipraktikanten eingestellt, der sowohl im redaktionellen als auch im Layoutbereich mitwirken wird: Klaus von Medina studiert im dritten Semester Neuere Demagogie und asoziale Arbeit an der Universität Eichstätt und wird für seine Arbeit bei uns mit keinem Cent entlohnt. In den nächsten zwei Jahre wird er v.a. Kaffee kochen, Sojasteaks braten und unsere Homepage betreuen. Bereits in dieser Ausgabe finden sie einen Artikel unseres jungen, engagierten und unglaublich gut aussehenden Praktikanten.
Klaus muss im Moment im alten Infoladengebäude schlafen, wo es keine Heizung gibt und es nach pisse stinkt. Wenn ihr eine Wohnung für ihn habt, so meldet euch doch bitte unter letzterhieb@gmx.de.
Was hat die Redaktion den Sommer über getrieben? Hunter S. Heumann trieb es zu Recherchezwecken nicht nur in die Zellerau, sondern er unternahm auch eine Wanderung nach Greußenheim, wo man Elektrozäune, Bäume mit hübschen Vornamen und Olivenhaine bestaunen kann. Es sei jedem Menschen mit Unternehmungslust empfohlen, eine Wanderung um das Gut Greußenheim zu unternehmen, um sich das Mahnmal gegen Intoleranz und Ausgrenzung anzusehen, riesige Kreuze und Engelsstatuen zu bestaunen und sich von Jeeps aus Neu Jerusalem verfolgen zu lassen. Auch Urlaubsvideos werden für sie unentgeltlich auf Überwachungskameras aufgenommen. Schlonzo der Geachtete hat im September eine Ausbildung zum Ranger absolviert und weiß jetzt, wie man Feuer mit Stöckchen macht oder man einen Rhönbären erlegt. Sebastian Loschert dagegen hat nicht nur selbst Unfug getrieben, sondern auch den von anderen bestaunt: Er schrieb in der JungleWorld Nr. 38 einen Artikel über Jürgen Elsässers Volksinitiative.
Und was macht eigentlich Rainer Bakonyi? Nach der letzten Ausgabe fragten uns viele Menschen, ob es denn nun keine Kochkolumnen mit Rainer Bakonyi mehr gehen werde. Hmm, ja, das ist eine längere Geschichte, denn Herr Bakonyi war ein wenig eingeschnappt, nachdem Hunter S, Heumann behauptet hatte, dass Herr Bakonyis Gerichte zum Kotzen schmeckten. Es wird der Stimmung in unserer Redaktion nicht zuträglich sein, dass Jörg Finkenberger in dieser Ausgabe mit seiner „Kotzkolumne“ erneut die Kochkünste Herrn Bakonyis durch den Kakao zieht.
Wir wünschen Ihnen nun viel Freude beim Lesen unserer neuen Ausgabe. Für wütende Reaktionen stehen wir Ihnen weiterhin gerne zur Verfügung.
Für immer ihr
Letzter Hype

P.S: Eine kleine Geschichte noch: Wir haben im Frizz gelesen, dass jemand eine Frau sucht, um sich „physisch und psychisch“ auf die Zeitenwende 2012 vorzubereiten, denn da geht ja laut Maya die Welt unter ( Laut Nostradamus ging die Welt übrigens gerade eben schon wieder unter). Was wir uns jetzt fragen: Wie bereitet man sich bitte physisch auf die Zeitenwende vor? Springt man Fallschirm und bleibt möglichst lange im freien Fall, um während des Herabsinkens in ein Schwarzes Loch nicht ohnmächtig zu werden? Stellt man bereits jetzt seinen Speiseplan auf Lichtnahrung um, um während der Apokalypse keinen qualvollen Hungertod zu sterben? Oder lässt man jetzt schon für das Überleben im atomaren Winter alle Körperhaare sprießen, egal wie arg die Arbeitskollegen lästern? Wir werden es nie erfahren.

Kritische Theorie oder affirmative Praxis

Die „Negative Dialektik“ als Handbuch der Revolution

1
Ndejras Text über die kritische Theorie aus hype #12 bestätigt alle meine Befürchtungen, aus der universitären Vereinnahmung der kritischen Theorie könne nur das schlimmste kommen, auf das schönste; und das teils gewollt, teils ungewollt.

Kritische Theorie kann heute nicht mehr an Universitäten gelehrt werden. Was unter diesem Namen heute allenfalls verkauft wird, ist Surimi. Wenn es einmal eine Zeit gegeben hat, in der Adorno und Horkheimer an Universitäten lehren konnten, dann wird man diese Zeitalter nach den Gründen befragen müssen, aber nicht unseres.

Kritische Theorie kann heute nicht mehr anders betrieben werden als an verrufenen Orten und von wenig empfehlenswerten Leuten. Sie ist, nachdem die deutschen Studierenden von 1968 epochal an ihr gescheitert sind, nur noch an die Universität zu bringen um den Preis, sie um das zu verkürzen, was ihr Innerstes ist: das verzweifelte Wissen von der Unwahrheit des Ganzen, und das Feuer, das in dieser Verzweiflung und nur in dieser Verzweiflung noch brennt.

Dass diese Verkürzung möglich ist, haben der Dozent Zimmermann und seine Schule eindrucksvoll bewiesen. Über diese Schule ist zur Zeit ihres Bestehens leider nicht mehr das notwendige gesagt worden, und jetzt, wo sie nicht mehr besteht, ist es nicht mehr notwendig. Der Staat hat es nicht mehr für erforderlich gehalten, diese Veranstaltung weiterzubetreiben. Sie war ohnehin anachronistisch: es gibt heute kein unruhiges Denken unter Studierenden mehr, und zu dessen Zähmung und Unterwerfung sind solche Einrichtungen allein gut, und zu sonst nichts.

Die zu solchen Zwecken entstellte Lehre will uns Ndejra aber gar nicht als diejenige kritische Theorie vorhalten, die den Gegenstand seiner Kritik abgeben soll; sie ist also auch nicht Gegenstand der Erwiderung.(1)

2
Sondern was? Man weiss es auch nicht so recht. Man weiss auch nicht so recht, wo anfangen. Ndejras Text hat einen Grundgedanken, den er unter Geröll dekoriert, das grob aus drei Teilen besteht: ein Teil einigermassen bekannter und gängiger Clichees, ein Teil Ausrisse aus Sekundärliteratur, deren Autoren sich nicht die Mühe gemacht haben, ihren Gegenstand zu durchdringen, und ein weiterer Teil, der sich darauf zurückführen lässt, dass Ndejra selbst sich nicht die Mühe macht, seinen Gegenstand zu durchdringen.

Der letzte Teil ist der unkomplizierteste: man kann es niemandem zum Vorwurf machen, die Schriften einer Schule, an der ihm nichts liegt, nicht lesen zu wollen. Niemand soll dazu gezwungen sein. Allerdings ist auch niemand gezwungen, dann über diese Schule zu schreiben. Ndejra könnte z.B. viele seiner Gedanken in Horkheimers Schriften aus dem Band über „Traditionelle und kritische Theorie“ wiederfinden, nur wesentlich ausführlicher formuliert, oder sich zumindest damit auseinandersetzen.(2) Er kann es auch bleiben lassen, aber das ist sein Privatgeschäft.

Die sekundären Autoren, die er zitiert, interessieren wiederum mich nicht, und ich gebe zu, das ist mein Privatgeschäft, aber er hat sie auch nicht als allzu verlockend dargestellt. Wenn ein gewisser May das „taktische politische Denken“ des Anarchismus „noch mit Poststrukturalismus bestärken und radikalisieren“ will, wie Ndejra selbst vorträgt, dann qualifiziert sich May dafür, von der Universitätsbibliothek für interessierte Studierende gekauft, und von Leuten wie mir ignoriert zu werden. Und der Rest klingt noch langweiliger. Ich werde es nicht lesen, dazu ist mein Leben zu kurz.

Wirklich unangenehm sind aber zunächst die Clichees über die kritische Theorie, die er wiederverwendet, als könne er das einfach. Dass gewisse deutsche Studentenführer von 1968, in dem Moment, als sie aufgehört haben, zu rebellieren, und anfangen wollten, die Massen zu führen, feststellen mussten, dass die kritische Theorie für diesen Verrat an der Revolte nicht zu haben war, das ist eine Sache. Dass sie ihre Vorwürfe gegen Adorno in die Sprache der maoistischen „Kulturrevolution“ kleideten, war nur konsequent. Dass aber Ndejra darauf hereinfällt, ist mir einfach zuviel.

Mir gefällt schon einmal die „Underdog-Perspektive“ nicht, die er einnehmen will. Er studiert, das hat er selbst geschrieben; und er schreibt wie ein Student; in wessen Namen will er sprechen? Im Namen der „underdogs“? Bitte nicht. Er spreche, etwas anderes steht heute niemandem zu, in seinem eigenen Namen, das ist gut genug, einen anderen hat er nicht, und etwas anderes wird ihm auch nicht geglaubt werden.

Und die Pose, dass Adorniten grundsätzlich rich kids sind, und er ein underdog, soll ihm jemand anders abnehmen als ich. Ich werde nicht kommentieren, aus welcher Schicht ich stamme, und meine Sätze werden nicht desto wahrer, je ärmer und illiterater meine Eltern waren, und gerade so geht es den seinen.

3
Adornos Sprache ist „hochgestochen“! Ich kann es nicht mehr hören. Die Dichter der Revolte, Rimbaud, Lautreamont, Baudelaire, haben sich auch nicht in der Sprache der Arbeitervorstädte ausgedrückt. Es tut mir nicht leid, aber es ist das Proletariat, das lernen wird müssen, sich der Sprache zu bedienen.

Im Übrigen kann man auch die Proklamationen der Commune de Paris für „hochgestochen“ halten, und die sind wohl, soweit man sie heute noch kennt, von Arbeitern verfasst worden.

Die Situationisten haben wenigstens noch gewusst, dass die Arbeiter Dialektiker werden müssen, wenn die Revolution kommen soll. Das unterscheidet sie von den Linken, die immer versucht haben, die Sprache der Arbeiter zu lernen, als ob sie nicht wüssten, dass es so etwas nicht gibt. Wer ernsthaft jemals das Verlangen nach ungehinderter Entfaltung der Menschheit, das heisst nach Emanzipation des Proletariats, formulieren will, muss das auf der Ebene tun, die dafür alleine taugt: die höchsten Höhen der Sprache, der Musik, der Kunst, jeder Form des Ausdrucks. Wer auch immer, um der angeblichen Verständlichkeit für die sogenannten Massen halber, darauf verzichtet, sagt ja zum Ausschluss des Proletariats von den Mitteln des Ausdrucks.

Dass heute schon Studenten der Geisteswissenschaften die Sprache Adornos nicht verstehen, könnte man sehr gut als Argument gegen das studentische Milieu wie als Argument gegen die Universität gebrauchen; aber Ndejra zieht es stattdessen vor, ein allzu billiges Argument gegen Adorno draus zu machen, um eines illusorischen Disktionsgewinns gegen die ebenso illusorische Zimmermann-Schule willen.

4
Pessimistische Kulturkritik! Grossbürgerliche Resignation! Ndejra bemüht wirklich alle Frasen, die es jemals gegen die kritische Theorie gegeben hat, und es wird ihm gar nicht langweilig. Noch weniger werden ihm diese Frasen etwa verdächtig, obwohl sie doch nicht zufällig sämtlich von Georg Lukacz stammen; aber Ndejra versäumt auch hier die günstige Gelegenheit, zu untersuchen, wieso solcher leninistischer Unsinn sich auch in einem anarchistischen Kontext ganz gut macht. Es wäre interessant gewesen; vielleicht ist es ja auch ein Anzeichen eines ganz unvermutet ähnlichen, bisher ungebrochenen Verständnisses von Politik?

Unabhängig davon, ob man Adorno das Epitheton „grossbürgerlich“ umhängen kann, stellt sich doch die Frage, ob der Teil des Proletariats (und zu dem beanpruche ich zum Beispiel zu gehören), der die Negative Dialektik für ein eminent revolutionäres Buch hält (3), nun selbst „grossbürgerlich“ geworden ist, oder nur nach Art der Grossbürger resigniert hat; wie es Grossbürger, wer auch immer das sein soll, ja bekanntlich tun; man kann solche Frasen nicht versuchen zu verstehen, ohne dass sie sich im Unsinn auflösen.

Die Wurzel und gleichzeitig Krone des ganzen ist der Vorwurf, die kritische Theorie sei praxisfeindlich, und auch diesen Vorwurf spart sich Ndejra nicht; er vermisst das für die Praxis „passende begriffliche Instrumentarium“ und die Ermutigung. Wie aber, wenn es der Ermutigung gar nicht bedürfte, wenn sie das reine Gift wäre, und es für den Aufstand stattdessen unverzichtbar wäre, sich schaudernd der Lage bewusst zu werden? Und wenn das „passendes begriffliches Instrumentarium“ auf nichts herausliefe, als der politischen Praxis auch noch das freie Refugium des wenigstens kritischen Gedankens zu unterwerfen?

Theorie kann nicht etwas sein, dessen man sich zu dem scheinbar vorgegebenen Zweck (Veränderung der Welt) bedienen kann; so dass die Konkurrenz zwischen verschiedenen zunächst gleichwertigen Theorie-Modellen dadurch entschieden würde, welche dem Zweck am besten dient. Theorie, überhaupt als Handlungsanleitung verstanden, ist nichts anderes als ein Rudiment dessen, was für Georg Lukacz z.B. noch die Partei gewesen ist, Theorie ist dasjenige, nachdem sich, unter der Aufsicht der dafür berufenen Intellektuellen, die Wirklichkeit zu richten haben wird. Eine so verstandene Theorie ist eine Zumutung, derer sich gerade Kritiker der Herrschaft wie Ndejra zu erwehren wissen sollten, auch handgreiflich.

Theorie, die nicht zur Anleitung für Herrschaft verkommen will, hat unpraktisch, sogar antipraktisch zu sein. Sie hat als ihren nächsten Feind die von „Theorie“ angeleitete Praxis zu erkennen und zu bekämpfen. Diese Praxis, und diejenige Theorie, die Praxis leiten will, sind völlig unvereinbar mit Reflexion.

Und Reflexion tut not, sie ist so nötig wie die Luft zum Atmen, sie brächte zum Beispiel zu Bewusstsein, dass so etwas wie kritische Theorie dann sein muss, wenn die Möglichkeit der praktischen Kritik verstellt ist. Die kritische Theorie wäre allenfalls zu kritisieren, wie man früher einmal die Kunst kritisiert hat: als Refugium des abwesenden Besseren, aber immerhin als ein geduldetes, umstelltes, marginalisiertes Refugium. Aber als Refugium.

5
Der Weg zur praktischen Kritik aber ist wirklich verstellt, und mit dieser Erkenntnis muss jedes revolutionäre Denken anfangen. Es ist niemandem damit geholfen, dieser Erkenntnis auszuweichen oder sie am besten der kritischen Theorie aufs Schuldkonto zu schreiben.

Die kritische Theorie Adornos reflektiert das Scheitern der Revolution, die einmal versucht worden ist und gelingen hätte können; eine Niederlage, die wir als unsere Niederlage erkennen müssen. Jeder Versuch, sich dieser historischen Haftung zu entziehen, mündet in Selbsttäuschung. Genau diese Selbsttäuschung ist das Betriebsklima der Linken. Sie hält sich am leben durch ihre jämmerliche Illusionen darüber, wie aussichtslos die Sache der Befreiung durch ihr damaliges Scheitern geworden ist, und wie gründlich dieses Scheitern gewesen ist.

Wenn Ndejra den Antideutschen, zu denen wohl ich mich auch zu rechnen habe, vorwirft, die Shoah zum Zentrum einer negativen Geschichtsmetafysik zu machen, dann lässt mich das ratlos zurück. Ist ein kritisches Denken ohne Selbstbetrug möglich, dass nicht von der historischen Niederlage ausgeht? Und hat diese Niederlage eine schrecklichere Gestalt angenommen als die, dass nur wenige Jahre später die meisten europäischen Jüdinnen und Juden ermordet werden, ohne dass sich eine Hand dagegen wehrt; was soll das heissen, diese Sache „angemessen“ zu untersuchen, wie Ndejra fordert? Wie kann man so etwas angemessen untersuchen, wo noch nicht einmal z.B. die Bomben auf Würzburg auch nur entfernt angemessen waren?

6
Das war das Geröll. Was aber ist der Grundgedanke? Ich finde keinen, ausser dass Ndejra Adorno nicht mag, weil er fürchtet, dass ist etwas für Idioten, die gerne gescheit daherreden, obwohl sie nichts verstanden haben. Wenn dem so ist, sei er beruhigt: gegen solche Idioten kann keine Denkschule sich erwehren, es sei denn mit Gewalt, vor allem nicht da, wo sie nur toter Gegenstand der Betrachtung und Vereinnahmung ist, also an der Universität. Denn dort, aber auch nur dort, wird den Idioten unweigerlich alles geglaubt. Ausserhalb dieses ungesunden Milieus kann „jeder sich Dadaist nennen; dafür, dass er es ist, muss er selbst sorgen“ (Raoul Hausmann).

Oder täusche ich mich, und auch er stört sich daran, dass mit der kritischen Theorie kein politisches Geschäft getrieben, keine silberne Zukunft versprochen, keine Organisation geführt werden kann; dass sie das Denken nicht an die Verwalter der Praxis verraten wird, und dass sie, nach der historischen Katastrofe, einen Bruch einfordert, der es unmöglich macht, einfach und blind und ohne das Bewusstsein dieser Katastrofe weiterzumachen? Dann, aber das wird nicht der Fall sein, könnte ich ihm auch nicht helfen.

Von Jörg Finkenberger

1 Reden wir nicht mehr von der Zimmermann-Schule! Ich gehe davon aus, dass man sich darauf einigen kann: das war tatsächlich ein Haufen Leute, die ihre eigene Nichtigkeit hinter Frasen versteckt haben, die ihnen selbst so unverständlich geblieben sein mussten wie denen, die sie damit beeindrucken wollten. Für den Gestus des Priester-Intellektuellen eignen sich doch andere Schulen, die Foucaults etwa, viel besser, weil es für die Hochstapler dort nichts gibt, was sie etwa verstanden haben müssten. Ndejra hat seine Kritik aber nicht auf diese Leute, sondern auf die kritische Theorie bezogen, ist also diesen Idioten auf den Leim gegangen. – Übrigens wäre diese Schule besser dadurch zu charakterisieren, dass ihr Guru, als eine Art linkerer Habermas, die ganze Tendenz Adorno mit aller Gewalt im „demokratischen Sozialismus“, also im Wunschtraum der Sozialdemokratie, hat aufgehen lassen wollen. – Wenn übrigens, wie es mir scheint, Zimmermann eine Hauptquelle für Ndejras Kenntnisse der kritischen Theorie sein sollte, dann ziehe ich meine ganze Kritik insofern zurück, als ich nicht ausgerechnet der sein will, der den einzigen Menschen, der es heute tut, daran zu hindern sucht, das zu tun, was unser Mustafa Khayati schon 1967 gefordert hat: dass die Studierenden anfangen müssen, gegen ihre Studien zu rebellieren.

(2) Irgendwie kann ich auch in dem, was er über die Auffassung der Naturbeherrschung oder die sogenannte Anthropologie in der kritischen Theorie sagt, die kritische Theorie nicht recht wiedererkennen.

(3) Ziemlich das revolutionärste des Jahrhunderts, und ich rede nicht von einer bloss gedachten oder bloss filosofischen Revolution, sondern von einer sehr materiellen, die es wirklich gegeben hat, die fehlgeschlagen ist, und deren Wiederaufnahme sich auf kein anderes Denken stützen kann, schon gar nicht dasjenige etwa Debords; den die schaurige Lücke, die mitten in seinem Denken klafft, gar nicht zu irritieren schien, der filosofierte, als ob es die Shoah nicht gegeben hätte – verliert er denn auch nur soviel wie ein Wort darüber? – Wie verdächtig ist so ein Denker eigentlich? Und so ein Denken? Ist es nicht fast schon ein Grund, sein Buch fortzuwerfen? Aber ich werde es nicht tun, dazu parafrasiert er mir Adorno doch viel zu hübsch.

Hype #13 in Druck

So, nun ist es soweit.

Der verborgene Aufstand

Die iranischen Angelegenheiten, Teil II

Verwechselt man die Realität mit dem, was über sie berichtet wird, kann man den Eindruck bekommen, die Revolte im Iran hätte so plötzlich geendet, wie sie angefangen hatte. In der Tat aber zeigt sich bei genauer Betrachtung eine doppelte Wahrheit, einmal über den iranischen Juni-Aufstand, andererseits über die Struktur der öffentlichen Meinung selbst.

Nachdem der massive Aufstand im Juni alle professionell mit der Lage im Iran befassten Stellen vollkommen überrascht hatte, und diese Stellen sämtlich die günstige Gelegenheit ergriffen, für einige Tage die Klappe zu halten, fand sich im Verlauf der weiteren Dinge eine Gelegenheit, diese wieder zu öffnen: in dem Moment, in dem der Aufstand sich verlangsamte, ergriff die selbe Spezialistenmeute, die von diesem Aufstand kurz vorher noch widerlegt worden war, wieder das Wort, um alle Welt wissen zu lassen, dass der Aufstand keine Zukunft habe, ausser der der (na, wer rät es) langsamen Veränderung, des kritischen Dialoges, der Organisierung und Formierung.

Sie haben die Gründe nicht verstanden, warum es den Aufstand gegeben hatte, aber nun wissen sie auf einmal die Gründe, warum er angeblich nicht mehr besteht.

Es lässt sich von dieser Perspektive aus schlechterdings nicht begreifen, warum die Kampagne ihres heissgeliebten Musavi, die zwar den unmittelbaren Auslöser der Explosion abgegeben hatte, schliesslich aber zum Hindernis für den Fortgang des Aufstands werden musste. Ebensowenig lässt sich verstehen, wieso die Millionen Menschen, die ohne Furcht auf die Strassen Tehrans gegangen waren, tatenlos zu sehen, wie das Regime gegen die Reformisten, die linken Männer des Systems, vorgeht.

Die Auflösung ist ganz einfach: diese Millionen Menschen sind nicht die Männer Musavis, erst recht nicht Rafsanjanis. Sie sind über ihn schon längst hinweggegangen. Sie gehen nicht für ihn auf die Strassen. Sie haben die Reformisten verlassen, sie werden sich nicht mehr von ihnen einspannen lassen.

Wer aber sind, und was wollen diese Millionen Menschen? Jede politische Partei versucht, ihnen die eigene Tendenz unterzuschieben: Restauration des Shah, parlamentarische Demokratie, reformierten Islam, sozialistische Republik. Aber es gibt keinen einzigen Hinweis darauf, dass in diesen Monaten irgend eine politische Partei im Iran Anhänger findet. Die „Grüne Bewegung“ Musavis selbst wird das Licht nur als lizensierte und schikanierte Partei erblicken, die entweder in tagespolitischen Kleinkriegen ersticken, oder zerfallen wird.

Die Linken haben sich lange gewundert, warum das Proletariat, aus dem doch die Protestbewegung überwiegend bestanden hat, nicht zu seiner eigensten Waffe gegriffen hat: den Generalstreik und die Besetzung der Fabriken. Es lassen sich dafür viele falsche Gründe, aber auch ein richtiger angeben: für einen wie Musavi ergreift man diese Waffe nicht.

Die Juni-Bewegung hätte nur mit einem Generalstreik fortgeführt werden können. Zu diesem fehlten Musavi die Truppen. Hier liegt eine grundsätzliche Frage: weder die linken Islamisten, noch die parlamentarische Demokratie, noch die Sozialisten haben die Mittel, das Regime zu stürzen. Das Proletariat leiht ihnen diese Mittel nicht. In der Tat haben sich im Iran alle diese Parteien 1978 gründlich diskreditiert. Zugunsten eines neuen Staates wird es die Revolte nicht geben, sie weigert sich gerade, in dessen Dienste zu treten: was wird das Programm dieser Revolte sein, wenn sie wiederkehren wird?

Und das wird sie, so gewiss, wie sie im Juni da war. Und wir haben nicht zu denen gehört, die vom Juni-Aufstand überrascht worden sind. Die Wiederkehr der Revolte wirft bereits einen Schatten: sie erwägt schon ihre nächsten Schritte. Es ist wohl kein Zufall, dass das Abflauen der Bewegung zusammenfällt nicht nur mit den Beginn zahlloser kleinerer, aber intensiv geführter Kämpfe, sondern mit einer allgemeinen Eroberung der Mittel des Ausdrucks. Die kommende Revolte erörtert ihre Ziele in tausenden Untergrund-Zeitschriften, in Grafitti und immer neuen Parolen, die auftauchen, lebhaft diskutiert, und allgemein verwendet und für gut befunden oder verworfen werden.

Das ist nicht das Bild einer gewaltsam zerschlagenen Revolte. Das ist das Bild eines Vulkans kurz vor der Eruption.

Derweil scheint, auf der offiziellen Bühne, Rafsanjani der Mann der Stunde zu sein, der sich durch eine Reihe unklarer Machinationen wieder in das Zentrum der Ereignisse zu schieben verstanden hat. All das ist natürlich nur so lange interessant, bis ein anderer kommt und die ganze Bühne umwirft. Die offizielle Auseinandersetzung in der politischen Klasse des Iran ist denn auch eigentümlich leer und fast fatalistisch: es herrscht, so scheint es, die Einsicht vor, dass eine grundfalsche Entscheidung getroffen worden ist, nicht mehr rückholbar und in ihren Konsequenzen noch nicht überschaubar.

Die Revolte im Iran ist nicht zu Ende. Sie ist verborgen. Das ist weniger, wie man meinen könnte, ein Artefakt der internationalen Presse, die einfach nicht mehr über sie berichtet; man könnte es fast eher als eine eigene strategische Entscheidung auffassen. Sie agiert anders, als es von ihr erwartet wird: sie bestätigt nicht die eine oder die andere der kämpfenden Parteien; sie lässt sich keine Führung und kein Programm vorschreiben; sie ordnet sich nicht der Staatsräson der Reformisten unter.

Das auffällige Schweigen der Agenturen der öffentlichen Meinung hat zuletzt vor allem diesen Grund, dass die Revolte sich deren Zugriff entzieht; nicht durch das Geheimnis, sondern weil sie ihnen unverständlich bleibt. (1)

Was die Bewegung wollen wird, weiss heute noch niemand, und auch wir werden uns hüten, klüger sein zu wollen als die Iraner. Wenn aber nur ein Teil ihrer Handlungen, für die man sich gute und richtige Gründe denken kann, aus diesen Gründen auch geschehen ist; wenn also die Bewegung wirklich so vernünftig ist, wei sie scheint, dann hat man noch einiges zu erwarten.

Wenigstens zu diesem Punkt wird sie noch vordringen (ob sie ihn überwindet, ist eine andere Sache), an dem die Frage entschieden werden muss, ob das Feuer wirklich heiss genug ist, um die Spaltungen innerhalb der Klasse einzuschmelzen: zwischen Männern und Frauen, Intelligenz und Fabrikarbeitern und Subproletariat, und damit die Selbstaufhebung der Klasse möglich zu machen, und das heisst: ob die Revolte den allgemein menschlichen Inhalt auch tatsächlich hat, ohne den sie keine Revolte ist.(1a)

An diesem Punkt entscheidet sich, ob sie bestehen wird, so wie sich an der ausserordentlichen Kampfgemeinschaft, in der sich diese Einschmelzung angedeutet haben könnte, entschieden hat, dass sie überhaupt anfangen wird. (2) Dieser Punkt wird über zwei Dinge entscheiden: erstens, ob das Proletariat sich überhaupt als kämpfende Partei konstituiert, und niemand anders hat den Schlüssel zu dieser Situation; und zweites, was das selbe ist, ob es über die iranischen Angelegenheiten hinausgreift und die universale Befreiung zu seiner Sache macht, denn ohne das hat es sich nicht als kämpfende Partei konstituiert. Und genau diese Konstituierung kann nicht deutlicher ratifiziert und verkündet werden als durch den Ausdruck eindeutiger Sympathie mit der Bevölkerung Israels.(3)

Die iranischen Ereignisse sind alles andere als vorherbestimmt und vorhersagbar. Aber es scheint mir diese Aussage gut begründbar zu sein: sie werden keinen Schritt vorankommen, wenn das Proletariat sich nicht zu einer Grösse aufrichtet, die es möglich erscheinen lässt, jede Herrschaft niederzureissen. Es ist unwahrscheinlich, dass es so kommt, aber die Iraner haben dieses Jahr bereits einmal eine erfreuliche Tendenz zum Unwahrscheinlichen gezeigt. Um so mehr darf nicht vergessen werden, was unsere wichtigste Pflicht ist: so zu handeln, als ob wir Teil dieses Kampfes wären, und zwar nur auf die unwahrscheinliche Hoffnung hin, dass es wirklich so ist.

Von Jörg Finkenberger

1 Keine revolutionäre Tendenz wird bestehen oder es bleiben können ohne die obscuration profonde, von der Andre Breton spricht; die gründliche Verdunkelung, aber nicht durch die Konspiration, sondern dadurch, dass sie von der Herrschaft nicht begriffen werden kann, auch wenn sie völlig öffentlich ist. Ein Geheimnis ist nicht etwas, was man niemandem erzählt, sondern was nicht verstanden werden wird, wenn man es erzählt.

1a Nach einer Anregung von Joachim Bruhn.

2 Man darf nie vergessen, dass die Ereignisse der sog. Geschichte vieldeutige Chiffren sind, die erst entschlüsselt werden müssen; und dass sich Ereignisse der beschriebenen Art, wenn sie zustandekommen, bereits in solchen Chiffren ausgedrückt haben müssen, die nur für die Revolte lesbar und für die Herrschaft unlesbar sind. Wenn man gesehen hat, wie schon vor der Wahl das langsame und unwahrscheinliche Zusammenkommen der jungen Arbeiter, der Studenten und der Frauen einen plötzlichen Sprung machte, konnte man nicht anders, als zu fühlen, dass die Explosion bevorstand. Wenn man die Chiffren lesen konnte, natürlich.

3 Gerhart Scheit hat hieraus neuerdings einen Punkt gemacht. Es ist viel dazu zu sagen; bisher hat die Revolte keinen antiisraelischen Ton von sich gegeben, aber ich bin vorsichtig, daraus Schlüsse zu ziehen: nach den 30 Jahren offizieller antiisraelischer Propaganda ist es vielleicht auch nur ein Zeichen des Abscheus vor dem Regime. Das ist nur natürlich, aber es erschwert, die Zeichen zu lesen.

Würzburger Lagerphantasien again…

….und es geht weiter mit den Lagerphantasien der werten LeserInnen der Mainpost. Jetzt sitzen zwei Verdächtige, denen Sachbeschädigung und Brandstiftung zu Last gelegt wird, in Untersuchungshaft. Und Deutschen wird wieder warm um’s Herz, wenn sie an Arbeitsdienst und physische Vernichtung denken.

Meine Gedanken zur Strafe wage ich nicht auszusprechen…

meint noch Zeitung_online, während Rittersporn damit weniger Probleme hat:

Den Leuten geht es zu gut ist die allgemeine Stimmung. Wer so was macht hat Zeit dazu. Nichtsnutze, Arbeitsfaule (nicht Arbeitslose!!!) und dergleichen höhlen unseren Sozialstaat aus. Sie sollten eine saftige Strafe zur Abschreckung erhalten, die der Allgemeinheit nutzt. Straßenbau, Wald roden und dergleichen für einige Jahre – bis ihnen die Flausen aus dem Kopf gegangen sind. Vor lauter Langeweile Sachbeschädigungen machen gehört ordentlich bestraft – und zwar damit diese Zeitgenossen dann keine Langeweile mehr haben.

Und von blueeyes erfahren wir, dass der Täter zu den „Asozialen“ gehört, denen dieser gleich seine eigenen Vergeltungsphantasien entgegenbringt:

Asso endlich geschnappt!
Diesem ASSI sollte man stundenlang links und rechts für jeden zerstochenen Reifen eine knallen! Mutwillige Sachbeschädigung am Eigentum anderer ist mit das assozialste was man machen kann und dazu noch dieses Ausmaß. Am besten man setzt fals er ein Zimmer oder Wohnung hat mal dies unter Wasser, dann weiß er was Sachbeschädigung ist.

Man wird sehen, welche Vergeltungsgedanken in den Kommentarspalten der Mainpost noch offenbart werden….

Hype 13

Der Hype 13 kommt spätestens nächste Woche in Print.

An die Leipziger AbonnentInnen: Vielleicht kriegen wir’s ja wirklich hin, mal was zu verschicken.

Das AKW in Würzburg….

ist auch nicht mehr das, was es mal war….
Xavier Naidoo? Die da hinten in der Zellerau haben wohl jetzt endgültig ihren alternativen Anspruch verloren!
Na wartet mal auf die nächste Vereinssitzung, da wird’s Ärger geben!

Von den Kartoffelkanonen

Wahnsinn,
wie gelangweilt die Polizei sein muss, wenn es Ihr schon eine Pressemeldung wert ist, eine „Kartoffelkanone“ in einem Kofferraum gefunden zu haben.

Mal ehrlich Herr Wachtmeister: Es könnte durchaus sein, dass auch einige Ihrer KollegInnen in ihrer Landkreisjugend solche Teufelsdinger gebaut haben!
Aber denken Sie doch mal positiv: Wer in seiner Jugend seinen Spaß an Waffen entdeckt, will vielleicht später auch beruflich welche am Gürtel tragen!
Ihr Nachwuchsteam vom Letzten Hype

Neuer hype

Kommt bald, sobald wir ihn geschrieben haben. Nieder mit dem Lohnsystem, dass uns alle Zeit raubt! Und für alle, die auf die nächste Ausgabe warten: schreibt doch selbst einen.

The revolution will not be televised

….und jetzt fürchtet sogar Glenn Beck von den FOX News das Buch über die kommende Insurrektion. Wirklich sehr amüsant:


Das Buch ist irgendwo hier verlinkt übrigens.

Würzburger Lagerphantasien

Presseschau: Würzburger Lagerphantasien

Solange es opportun ist, verarbeitet die Mainpost die Äußerungen ihrer Leserschaft. Per SMS soll diese an Umfragen teilnehmen und harmlose Online-Leserkommentare werden gerne zu redaktionellen Artikeln zusammengefasst, Gar nicht wird jedoch reflektiert, wenn die Leser in den Online-Kommentaren rassistische oder faschistische Äußerungen von sich geben – was eher Regel als Ausnahme ist. Diese Arbeit nehmen wir gerne ab: Eine Sonderausgabe der Presseschau, Schwerpunkt „Lagerphantasien“.

Das erste Beispiel: Am 14.12.2008 übernahm die Mainpost einen Polizeibericht, druckte ihn unter der Überschrift „Krawalle bei Demo: Polizist verletzt“ ab. Innerhalb weniger Stunden entwickelte sich eine rege Diskussion (die heute nicht mehr auf der Homepage zu finden ist).
- Der Mainpost-Leser Mr. Anton reagiert auf den Zwischenfall auf dem Weihnachtsmarkt geschockt: „Diese Unruhestifter gehören sofort aus dem Weg gezogen! Schlagstock raus und drauf! Die sollen arbeiten gehen und ihre Energie dort einsetzen, assoziales Pack!“.
- Dieser Meinung schließt sich der User dreckschlame ungeteilt an: „Dieses Asoziale Pack müsste im Steinbruch arbeiten! Dann wären sie spät Abends zu müde um „Scheisse“ zu bauen. Bei solchem Gesindel sollte keine Rücksicht genommen werden wenn es ums Prügeln geht-denn die nehmen auch keine! Gute Genesung dem verletzten Polizeibeamten, denn der kann am allerwenigsten dazu!“
- Auch eine Person namens Wahrheit verfügt über ein ungetrübtes Rechtsempfinden und verlangt größere Handlungsspielräume für die Staatsmacht: „Leider muß die Polizei solche Deppen mit Samthandschuhen anfassen, normalerweise gehört da richtig draufgedroschen, daß die sich nicht mehr rühren“.
- Es ist jedoch Bratbaecker, der die prägnanteste Antwort auf die Greueltaten der Chaoten findet: „ES LEBE UNSER HEILIGES DEUTSCHES VATERLAND“.
- Konkreter setzt sich wiederum der Leser Frankenstrasse mit den Ereignissen auseinander und bemängelt die fehlende Effizienz der Exekutive: „Leider wurden von diesem Gesindel nicht mal 10% festgenommen!!!Von diesem Asozialem Panks hatte man 90% einbuchten müssen“.

Zweites Beispiel: Am 4.5.2009 veröffentlichte mainpost.de eine Reportage über die Bedingungen im Flüchtlingslager in der Veitshöchheimer Strasse: „Gemeinschaftsunterkunft: Schlimme Kindheit im Lager“. Bei diesem Thema konnten die Mainpost-Leser damit punkten, dass sie zumeist schon eigene Lagererfahrungen hinter sich haben.
- Schaefer55 etwa schreibt: „Erzählt mir nicht, dass Kasernen menschenunwürdig sind. Ich mußte meine Wehrpflicht ableisten“. Er vertritt den Standpunkt: „Die erwachsenen Flüchtlinge können daher von mir aus gerne unter einem Lagerchef aufräumen, putzen, streichen, Kinderspielgeräte zusammenbauen und andere Arbeiten machen. Das sind schließlich nicht alles Kinder“.
- Auch maggy1414 ist des Aufhebens um Depressionen, Lagerkindheit, Enge, Lärm, Angstzustände, Schimmel, etc. überdrüssig: „Die sollen froh sein, dass sie überhaupt hier in unserem Land leben dürfen. Die Wohnverhältnisse in der Unterkunft sind vielleicht bescheiden (für unsere Maßstäbe), aber garantiert in mind 90% der Fälle immer noch besser als wie in dem Land, woher die meisten von denen kommen (ein Teil des Kommentars wurde von der Redaktion gelöscht)“. Den „Gutmenschen“ stellt er die berechtigte Frage: „Ist bei euch jetzt auch mal die Krise angekommen? Oder wieso habt ihr morgens Zeit solche Aufsätze hier zu schreiben?“
- Schimmel18 nimmt dagegen die Asylsuchenden teilweise in Schutz und fordert zu einer differenzierteren Diskussion auf. Er gibt seinem Vorredner Schafer55 zu bedenken: „Ich denke, mehr Hartz 4 Empfänger bekommen Geld vom Staat als Asylsuchende. So geh erst mal auf die los, die zum Teil zu faul sind zu arbeiten“.

Drittes Beispiel: Vollkommen einhellig war die Lesermeinung zu dem Artikel „28-Jähriger tritt Polizeibeamtem (sic) ins Gesicht“ vom 8.8.2009. Laut Polizeibericht/Mainpost habe ein „mit körperlichem Zwang“ in den Dienstwagen verbrachter Mann von der Rückbank aus den Fahrer an der rechten Backe getroffen. Dieser „konnte leichtverletzt mit einer Prellung und Kopfschmerzen seinen Dienst fortsetzen“.
- Der User steehawer reagierte am schnellsten auf den Riesen-Skandal und schrieb: „Vor solchen Zeitgenossen muß die Bevölkerung unbedingt geschützt werden,hier hilft leider nur wegsperren und nochmals wegsperren“.
- Der Leser bastihd kennt ebenfalls genau die Gefahren, die von Alkoholisierten ausgehen, weiß jedoch auch um das laxe Justizwesen in Deutschland: „Statt zum Richter Gnädig direkt ab in den Knast… Solche verwahrlosten Typen gehören sofort in den Knast, egal ob sie einen festen Wohnsitz und gesoffen haben oder nicht. Stattdessen werden sie einem deutschen Richter vorgeführt, der gleich wieder ausreichend viele Milderungsgründe findet, um diesen Ratz sofort wieder laufen zu lassen. Hat der erst seinen Rausch ausgeschlafen und sich über die Einfalt von Richter Gnadenreich amüsiert, wird die nächste Flasche Wodka reingezogen, damit man nach der nächsten Schlägerei erneut als vermindert zurechnungsfähig eingestuft und gleich wieder laufen gelassen wird. So ist es halt mal in Deutschland“.
- Waldi69 findet, man kann die Forderungen seiner Gesinnungsgenossen nicht oft genug wiederholen: „Wegsperren und nie wieder rauslassen !!!! Solche Typen liegen uns nur auf der Tasche. Wie lange solen die Deutschen noch zuschauen bevor sich hier was ändert ?!?!“
- An dieser Stelle schaltet sich DarthVader mit einem interessanten Vorschlag in die Diskussion ein (ob es sich bei DarthVader um Jürgen Elsässer handelt, konnte nicht restlos geklärt werden): „Wegsperren auf immer muß nicht immer die beste Lösung sein. Kostet auch uns – dem Steuerzahler – sehr viel Geld! Und da setzt die USA – wie oben beschrieben – auch bessere Mittel ein. Dort gibt es s.g. Erziehungslager. Das bedeutet: 05:00 Uhr aufstehen, Morgensport, Duschen, 06:00 Uhr Frühstück und um 06:30 Uhr gehrt´s dann ran an gemeinnützige Aufgaben. Das ganze erfolgt unter einem Drill, der unsere Bundeswehr in einem gemütlichen Sanatorium erscheinen läßt. Wir haben in unserem Land auch viele Aufgaben! Wir könnten z.B. den Borkenkäfer in unseren Wäldern bekämpfen. Diese Jungs (leider auch Mädels) müssten nur die umgefallenen Baumstämme aus unseren Wäldern herrausziehen und somit einen sehr guten Beitrag für unseren Naturschutz tätigen. Nach 12 Stunden sollte dann aber schon Schluss sein. 18:00Uhr duchen, 18:30Uhr Abendessen 19:00Uhr gemeinschaftliches Fernsehn und 20:00Uhr Bettruhe. Schließlich muß man am nächsten Tag wieder fit sein! Mindestaufenthalt: 1 Jahr!“
- Dieser Vorschlag löst allgemeine Zustimmung aus. Innowep möchte nur eine kleine Verbesserung berücksichtigt wissen: „Sie haben perfekt recht mit dem was sie schreiben. Fernsehen? Nicht einmal das würde ich solchen Kanalien gestatten!!“
- Auch winnem hat einige Verbesserungsvorschläge für die Bestrafung von betrunkenen Rückbanktretern zu bieten: „Perfekt! Nur das TV würde ich streichen, statt dessen eine Stunde Sport – als Ausgleich für die schwere körperliche Arbeit. Danach, direkt vor dem zu Bett gehen, noch einmal kalt duschen.“
- Ein gewisser grayjohn, offenbar Ökonom, äußert sich ebenfalls zur Zwangsarbeit: „Liebe Vorredner/innen, bitte nehmen Sie’s mir nicht übel (im Grundsatz stimme ich mit Ihnen überein, was unbelehrbare Zeitgenossen angeht), aber früher waren so etwas einmal REGULÄRE JOBS. Die sind (leider) im Rahmen der Mechanisierung weggefallen (…) Eigentlich sollten wir nach Konzepten (nennen wir’s von mir aus Gemeinnützige Beschäftigung) verlangen, die dem Müßiggang von vorneherein vorbauen und eben nicht als Strafe, sondern als sinnvolle Tätigkeit gelten.“
- Baerchi lässt die ausgefeilte Müßiggang-Theorie grayjohns links liegen und fordert kurz und schmerzlos: „Der Typ gehört in einem Raum ohne Zeugen und dann drauf auf die Nase aber richtig“ (kurz darauf von der Redaktion gelöscht).

Ein Gedanke zum Schluss: Diese Presseschau zeigt recht gut, mit welch Eifer und Kreativität unsere Mitbürger von den Möglichkeiten der Kommentarfunktion Gebrauch machen, wenn man sie nur lässt. Allein zum Thema Lager und Zwangsarbeit! „Den Borkenkäfer bekämpfen“, „Schlagstock raus und drauf“ oder „dem Müßiggang von vorneherein vorbauen“ waren nur die drei geistreichsten Ideen. Dies sollte für die Politik Ansporn sein, basisdemokratische Elemente überall in unserer Gesellschaft voranzutreiben. Warum nicht über die Höhe des Hartz 4-Satzes in einem Volkbegehren abstimmen lassen? Oder über die Befugnisse der Polizei? Und weshalb sollte nicht die Mehrheit über die Einführung der Todesstrafe (für Kindesmißbrauch o.Ä.) abstimmen dürfen?

Je direkter desto besser,
sagt Sebastian Loschert

Hier spricht der Erdvater

Wow. Wahnsinn.
Es folgt eine wichtige Mitteilung des Erdvaters zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan:

Link.

Wirkt wohl am besten auf LSD. Unbedingt nachts anschauen und Licht im Zimmer aus, sonst wirkt die Hypnose nicht.
Gibt’s eigentlich auch Videos vom Weltgeist?

Jeder Tag ist der 2. Juni, und jede Stadt ist West-Berlin

Über zwei Polizisten, die die Seite nicht gewechselt haben, und anderes

Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg, der gegen den Shah von Persien demonstrierte, erschoss, und damit eine Radikalisierung der 1968er Studierendenbewegung provozierte, hat für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet. Mit gewohnt professionellen Timing hat das Amt Birthler rechtzeitig zum Jahrestag 2009 mit der Veröffentlichung dieser Neuigkeit seine eigene Relevanz unterstrichen, und das Feuilleton, die Staatsagentur für dynamische Neuinterpretation historischer Lasten, nutzt die Gelegenheit, um die Frage aufzuwerfen, ob jetzt die Geschichte von 1968 umgeschrieben muss.

1. Das das muss sie allerdings. Immer und immer wieder. Ein ganzer Industriezweig ist mit nichts anderem beschäftigt.(1) Die Geschichte von 1968 muss ständig umgeschrieben werden, nach den Erfordernissen des Tages, wie jeder Teil der deutschen Geschichte. Anders könnte kaum jeder vergangene Mord zum Argument für die Fortdauer dieser Gesellschaft, die ihn begangen hat, dienen, statt, was er ist, zum Argument für ihre Abschaffung. Man übersetze, wenn man diesen Satz nicht versteht, Gesellschaft mit Herrschaft: es ist das gleiche.

Diese Gesellschaft erschafft sich ihre Geschichte, zu ihrem eigenen höheren Ruhme, und die so entstehende offizielle Geschichte ist genau dafür da, dass, was die wirkliche Geschichte angetrieben hat, nicht mehr darin vorkommt. Nachdem die westberliner Studenten wieder vernünftig geworden waren und freudig nach der ihnen dargebotenen Bestimmung gegriffen hatten, nämlich kleine und mittlere Funktionäre der Herrschaft zu werden, erfanden sie die Geschichte von 1968 als einer Bewegung westberliner Studenten;(2) es ist die historischer Schuld des damaligen jungen Proletariats, unserer Eltern, dass sie die Revolte von Anfang an, durch ihre Passivität, in den Händen dieser Studenten haben fallen lassen, in welche Hände sie nämlich als allerletztes gehört hat. Sie haben auch ihren Preis dafür zahlen müssen, nämlich lebenslange Arbeit, und noch wir nach ihnen.

Andere Ideologen haben, zu verschiedenen Zeiten und für verschiedene Zwecke, 1968 in der überfälligen Modernisierung des rückständigen Adenauer-Staates, in der Erneuerung der SPD, in der anti-imperialistischen Reaktion gegen die amerikanische Dominanz, im Verfassungspatriotismus oder (zuletzt) der endgültigen „West-Bindung“ der Bundesrepublik enden lassen, also eigentlich in der Neugründung der Republik; was links oder rechts über diesen Konsens überstand, bemühte sich, nachzuweisen, dass die Bewegung von 1968 eigentlich (für die Nationalen der Richtung Dutschke) die Volksbefreiung als revolutionäre Wiedervereinigung, oder (für die Relikte des Leninismus) die Errichtung irgendeines „sozialistischen Staates“ im Sinn hatte; in jedem Falle aber gerade das, was die eigene Partei gerade als politische Ware im Angebot hatte, aber nie das, was man, nach Abzug aller Irrtümer, von 1968 übrig behält: den Aufstand, und die Verweigerung, und nicht zu vergessen: die Rache für den vergangenen Mord.

Um genau das aus der tatsächlichen Geschichte zu streichen, dazu bedarf es der offiziellen Geschichte. Und sie muss, unabhängig von Kurras, tatsächlich umgeschrieben werden, immer, jederzeit. Ob sie wahr ist, diese Frage ist so sinnvoll, wie, ob sie blau ist oder rund.

2. Und jetzt hat also ein Agent der DDR Ohnesorg erschossen. Wenn man das nur damals gewusst hätte; vielleicht wäre man weniger radikal gewesen! Immerhin, der geschossen hat, ist zweimal dafür freigesprochen worden, und man wusste: sie können, und werden, jederzeit nochmals schiessen, straflos. Wir sind jagbares Wild. Und so ist es geblieben. Und in der Tat, sie haben ja weitergeschossen.

Für diejenigen, gegen die sich der Staat, der rechtmässige Monolpolist der Gewalt, jede Gewalttat herausnehmen kann, spielt es keine Rolle, ob Kurras für die DDR gearbeitet hat. Für solche ist jeden Tag der 2. Juni.

Kein Teil der sogenannten Gesellschaft dieses Landes, der im Ernst jemals die Entwaffnung der Polizei gefordert hätte. Undenkbar, dass irgendein Teil dieser sogenannten Gesellschaft jemals die Schande, die Erniedrigung sich aussprechen lassen dürfte, alltäglich mit der kostümierten Staatsgewalt konfrontiert zu sein, der das Gesetz das Recht, ja die Pflicht zuspricht, durch das offene Tragen und, ja, den Gebrauch der Waffe sichtbar darzustellen, was das Wesen von Recht und von Staat ist: das Recht über Leben und Tod derjenigen, die der Staatsgewalt unterworfen sind.

Wenn noch ein Gedanke da wäre, dass es ein Leben ohne den Staat geben könnte, müsste die Bewaffnung der Polizei als eine unerträgliche, absichtliche und alltägliche Provokation, als zynische Machtdemonstration denen gegenüber erscheinen, denen das Gesetz das Tragen von Waffen verbietet.

Der Staat, das ist auf den Strassen die Polizei, und die ist allmächtig und wird, wie alle wissen, niemals für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden. Niemals. Sie ist im Ernstfall bewaffnet und anonym, sie nennt keine Namen, verhüllt ihre Gesichter und hinterlässt keine Spuren, keine Zeugen und keine verwertbaren Beweise. Sie kann foltern oder töten, und es wird nie aufgeklärt werden, warum man an Händen und Füssen gefesselt auf einer Matratze in in der Zelle im Polizeigewahrsam verbrannt ist. Und keine grössere Auseinandersetzung seit 1967, durch die sich nicht die Spur ihrer nicht geahndeten Gewalttaten zieht.

Kein Missverständnis! Gegen diese Willkür hälfe nichts, keine liberale Justiz, keine Refom des Polizeikörpers. Das ist so, und kann nicht anders sein. Dieses (unsichtbare, nicht nachweisbare) Unrecht ist notwendig. Keine Gesellschaft, die Privateigentum und Staat zu verteidigen hat, kann ihr Recht auf etwas anderes stützen als auf dieses Substratum, den alltäglichen Übergriff der Polizeimacht.(3)

3. Hat also dieser Kurras die Seiten gewechselt? Nein. Für uns ist es egal, zu welcher Partei und zu welchem Regime sich der hält, der die Waffe tragen darf. Mehr noch, war nicht Kurras seiner Sache, der Ordnung und dem Staat treuer, als der Staat es selbst war? Die Ordnung, kennt sie wirklich Grenzen? Sind nicht alle Regime, namentlich zwei deutsche Regime, Brüder? Hatten nicht beide deutsche Staaten das grösste Interesse daran, diesen Sturm zu brechen?

Die BRD hätte de Gaulle im Mai darauf, im Falle des Falles, geholfen, französische Panzer auf Paris zu werfen; Ulbricht hatte seine Panzer, im August, sogar schon auf Prag rollen. Nein, Kurras hat die Seiten nicht gewechselt.

Das führt uns zur nächsten Frage: hat Jürgen Cain Külbel, wer immer das auch sein mag, die Seiten gewechselt? Külbel war, wie Kurras, bei der Kriminalpolizei, aber in der DDR, und vertreibt sich die Zeit damit, dicke Bücher mit Gerüchten vollzuschreiben, die er aus einem gewissen libanesischen Aounisten-Forum holt, und in denen es hauptsächlich um den Mossad geht. Dieser Polizist im Ruhestand gilt deswegen als Nahost-Experte und schreibt, man hat es schon erraten, in der „jungen Welt“, über gewisse andere, neuere Strassendemonstrationen, Sätze wie diese:

„Nach dem Erdrutschsieg des amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei den iranischen Präsidentschaftswahlen am vergangenen Freitag ist es am Wochenende in Teheran zu Zusammenstößen zwischen gewaltbereiten jungen Oppositionellen, angestachelt durch zahlreiche Vermummte, und der Polizei gekommen. Die Randalierer, wütend ob der Niederlage ihres Favoriten, des 68jährigen Politveteranen Mirhossein Mussawi, riefen »Tod dem Diktator«, »Nieder mit der Diktatur« oder »Freiheit«. Sie zündeten Mülltonnen, Parkbänke und Autoreifen an, Fensterscheiben von Geschäften und Banken gingen zu Bruch. Der arabische TV-Sender Al Dschasira berichtete, die Demonstranten hätten Polizisten mit Steinen beworfen, die daraufhin mit Stöcken zurückgeschlagen, Tränengas eingesetzt und Warnschüsse abgefeuert hätten. Nach Polizeiangaben wurden rund 60 Demonstranten festgenommen.“

Gewaltbereite, vermummte Randalierer jugendlichen Alters, die Park- und andere Bänke anzünden, das uralte Feindbild wessen? Liegt es an der verfassungsschutzberichtenen Sprache, an der Unglaubwürdigkeit der gespielten Neutralität des Berichterstatters, oder an der kuriosen Verdrehung und Entstellung des Sachverhalts, dass man gar nicht auf den Gedanken kommen kann, als könnten solche Zeilen von einem anderen geschrieben worden sein als von einem Polizisten?

Er hat natürlich Recht, er steht auf der Seite der Ordnung in Tehran, er stand auf der Seite der Ordnung in der DDR, auf welcher Seite würde er am 2. Juni 1967 gestanden haben? Wir haben es, glaube ich, schon erraten. Hat der die Seiten gewechselt? Nein. Und die linke Zeitung, in der er schreibt? Ersparen wir uns die Frage.

Ersparen wir uns auch, diese Zeilen, die wie ein Lagebericht der westberliner Polizei für den 2. Juni 1967 klingen, mit der iranischen Wirklichkeit zu vergleichen. Der Ohnesorg erschossen hat, hat für die DDR gearbeitet? Wen interessiert es.

4. Jeder Tag ist ein 2. Juni, und jede Stadt ist West-Berlin. An diesem 2. Juni leben wir. Der Feind ist noch, und überall, derselbe: die Gesellschaft der Ware und der Staat. Die zu unserer Seite gehören, erkennen wir überall, und das geübte Auge des Polizisten erkennt es auch. Wenn es läuft wie eine Ente, und aussieht wie eine Ente, und quakt wie eine Ente, dann ist es eine Ente: der Aufstand im Iran ein Aufstand, und die „junge Welt“ ein Fachblatt für Polizisten.

Nichts, was man nicht schon wusste. Soll ich noch den hier aufführen, und ihr müsst raten: „Der Präsident hat klar gewonnen. Und die Leute, die dagegen demonstrieren, sind erkennbar eine kleine Minderheit: Die Jubelperser von USA und NATO. Hat jemand die Girlies gesehen, die da in bestem Englisch in die Mikrofone von CNN und BBC heulen? Das sollen die Repräsentanten des iranischen Volkes sein, oder auch nur der iranischen Opposition? Da lachen die Hühner im Capitol! Hier wollen Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und die Strichjungen des Finanzkapitals eine Party feiern. Gut, dass Ahmidenedschads Leute ein bisschen aufpassen und den einen oder anderen in einen Darkroom befördert haben.“

Die Mordfantasien, sobald es um Schwule geht, und die seltsame Neigung, es immer auch dann um Schwule gehen zu lassen, wenn es grade nicht um Schwule geht, geben schon die allgemeine Richtung an: der das geschrieben hat, ist ungefähr Jürgen Elsässer und nennt sich einen Linken. Vor ein paar Jahren hat er noch gewusst, dass, wenn es einmal dazu kommen sollte, der Kommunismus gegen die Mehrheit der sogenannten Kommunisten erkämpft werden müsste; heute ist er das beste Beispiel dafür, dass jeder Aufstand der Sorte, die es für den Kommunismus bräuchte, immer auch ein Aufstand gegen die Linken sein muss.

Soweit kommt man, mit Notwendigkeit, wenn man nationale Unabhängigkeit und ökonomische Autarkie gegen globales Kapital und Imperialismus verteidigt, man applaudiert der Despotie, und man applaudiert vor allem den Folterern.

Neben Leuten, die akzentfrei Englisch sprechen, und Schwulen, die gerade noch nicht in Gefängniskellern totgefoltert werden, hat Elsässer noch ein weiteres Feindbild. Noch mal Ratespiel? Man kann es sich tatsächlich denken. Paar Tage vorher schreibt er über – na? – vermummte gewaltbereite Randalierer, die in Berlin Autos anzünden: „Demgegenüber halte ich fest, dass solche Kriminellen mit links NICHTS zu tun haben und in JEDEM sozialistischen Staat in den Bau gekommen wären. Bißchen Uranerz kloppen in Wismut/Aue. Bißchen Schneeschippen in Sibirien.“

Der Satzbau ist ein bisschen zu flexibel, die Rede zu beschwingt, die Konzentrationslagerfantasien zu konkret und zu vordringlich: für die Aufnahme in den regulären Polizeidienst wird es nicht langen, aber vielleicht zu irgendeiner Todesschwadron? Wie nannte man nochmal die irregulären Schläger- und Jagdtruppen des persischen Shah in Zivil, die beim Staatsbesuch erst das persische Volk darstellen durften, das seinen Despoten bejubelt, und die danach zusammen mit der Berliner Polizei am 2. Juni 1967 mit Messern und Stöcken Jagd auf jugendliche Randalierer machten? Ach Gott, ja, die Jubelperser. (4)

Polizisten und Jubelperser, wohin man sieht. Jeden Tag ist der 2. Juni, in der Tat, jedes Jahr ist 1967, und jede Stadt ist West-Berlin.

Von Jörg Finkenberger

1 Man geht heute freilich etwas geschickter vor als unter Stalin. Man retuschiert heute keine Fotos mehr, es gibt auch zuviele. Die Pointe ist, dass man es auch gar nicht muss.
2 Dieser Prozess beginnt genau 1969, als die Studenten aufhören, gegen diese ihnen dargebotene Bestimmung zu rebellieren, und sich als linke Intellektuelle dem revolutionären Aufbau widmen. Die leninistischen Gruppen, die sie gegründet und angeleitet haben, sind das Aufbaustudium Menschenverwalter II, eine Zusatzqualifikation. Wer erst einmal die Rolle des Intellektuellen, der den Massen die richtige Theorie vermitteln muss, gefressen hat, ist selbst schon der Staat, mag wollen oder nicht.
3 Aber wiederum, wie Jochen Bruhn zu Recht sagt, das ist nicht etwa „das wirkliche Gesicht des Staates“, das er von Zeit zu Zeit zeigt und ansonsten hinter dem Bürgerlichen Gesetzbuch verhüllt; sondern das Gesetzbuch ist das wirkliche Gesicht, und wer daran kein Argument gegen die Abschaffung des Staates findet, dem konnte auch der 2. Juni die Augen nicht öffnen.
4 Diesem Elsässer hat sein alter Genosse Bernhard Schmid genau hierfür übrigens öffentlich was auf die Fresse angeboten. Wir können, aus angeborener Grossherzigkeit, nicht anders, als uns dem anzuschliessen.

Die Ordnung herrscht in Tehran

Über den iranischen Juni-Aufstand

Anscheinend geht alles weiter; der Aufstand ist vorbei, die ihn gemacht haben, sind auf der Flucht oder gefangen oder tot. Die sogenannte Welt, die nichts ist als ein Monster, hat längst wieder neue Neuigkeiten; es scheint, es war alles nur ein Traum.

Überall arbeitet die grosse Maschine weiter daran, dass vergessen wird, was zehn Tage Wirklichkeit war: der Iran im offenen Aufstand. Szenen, in denen tatsächlich die Aufstände von 2005 in Frankreich und 2008 in Griechenland kollidieren mit der unvollendeten, blutig von den Islamisten beendeten iranischen Revolution von 1978. (1)

Diese glückliche Formulierung beschreibt ausreichend genau, womit wir es zu tun haben: einerseits steht die Revolte vollständig auf dem Boden der bisherigen iranischen Geschichte, indem sie deren Abgründe wieder aufreisst und das, was nach dem Willen der Sieger dieser bisherigen Geschichte vergangen sein soll, wieder an den Tag wirft; andererseits ist die Revolte vollständig heutig, sie teilt mit den bezeichneten neueren Revolten dieselbe innere Tendenz, dieselbe Verlaufsform, denselben Feind; sie zeigt sogar erst die Umrisse dieser neuen Kette von Revolten in ihrem ganzen Ausmass, und weist ihr als erste den Rang einer welthistorischen Tatsache zu.

Die ganze Ordnung der Welt seit der Niederschlagung des 1968er Zyklus, dieser ganze niemals endende Gegenangriff, diese grosse alles umfassende konterrevolutionäre Totalität, wird nunmehr, da der Angriff darauf offen erwogen worden ist, erst sichtbar: in dem Masse, wie diese Ordnung, die man kurz als das bezeichnen kann, was man Normalität zu nennen gelernt hat, als abschaffbar erscheint, verliert sie ihren amorphen Charakter und wird sichtbar als das, was wir den Feind nennen wollen.

Dass dieser Feind noch nicht gesiegt haben könnte: das ist die Hoffnung, zu der der iranische Aufstand berechtigt, und sein Versprechen: dass die verlorenen Kämpfe wiederaufgenommen werden können, dass die Katastrofe, in der wir leben, nicht das Ende der Geschichte sein muss, dass ein Ausbrechen aus der Katastrofe und damit der Beginn der wahren menschlichen Geschichte möglich ist.

1. Wir sehen natürlich, es ist kaum der Rede wert, in der iranischen Revolte mehr und anderes als das Heer derjenigen Spezialisten es tut, die gewerbsmässig diejenige Form von Ignoranz produzieren, die man Information nennt.(2) Diese Leute haben über die Erkenntnisbedingungen in ihrem Beschäftszweig alles gesagt, wenn sie einstimmig erklären, niemand habe diese Revolte vorhersehen können, wo man im Gegenteil nicht anders konnte, als sie vorherzusehen; vorausgesetzt, man sieht das Versteinerte unter der Voraussetzung an, dass es wieder flüssig werden könne, das heisst: vorausgesetzt, man ist kein Spezialist, sondern Revolutionär.

Die Analysten aller Dienste, die Soziologen, die Strategen und die Journalisten, diese ganze Armada erweist sich als nutzlos gegenüber einem ofensichtlichen Faktum, das sie nicht vorhersehen konnten. Die iranische Revolte hat ihnen, für einen kurzen unvergesslichen Moment, das Wort entzogen.

Wir reden nicht von der Elitenkonkurrenz im iranischen Regime, nicht vom Modernisierungsproblem, nicht vom Legitimitätsschwund. Uns interessiert nicht der Orakelspruch dieses oder jenes Ayatallah und nicht die Umtrieben der roten Eminenz. Uns interessiert der unausbleibliche Crash dieses Systems, und dass er nur dann unausbleiblich sein wird, wenn die Revolte ihn unausbleiblich macht; und interessiert die zur Krise radikalisierte Kritik.

Musavi und Ahmadi Nejad, Khamenei und Rafsanjani, interessieren uns nur soweit, dass sie einander auffressen sollen; und dass sie, wie wir wissen, es sofort täten, wenn sie nicht eines fürchten müssten: die Revolte, und dass sie es nur deswegen doch tun, weil sie vor allem eines fürchten müssen: die Revolte.

Die Revolte, sogar das Gespenst der Revolte ist es, ein böser Traum von denen, die das Regime seit 1978 gehenkt und erschossen hat, vor dem sie davonlaufen müssen; der Revolte, die den Zerfall der iranischen Elite, dann den Zerfall der Partei Gottes und zuletzt den Zerfall der Ordnung der Dinge im ganzen Mittleren Osten möglich machen kann, wenn sie siegt. Und sie wird damit diejenige Bühne einreissen, auf der die Menschheit sich im verdrehten Abbild der Konflikte, die sie zerreissen, betrachtet, und das Schauspiel beenden.

2. Eine Analyse des Gefüges der iranischen Macht werden wir nicht schreiben. Aber wir verstehen, dass die unseren eine Landkarte brauchen, um die Ereignisse einzuordnen und die Schlüsse, die wir aus ihnen ziehen, kritisieren zu können.

Nach der Revolution von 1978 löschten der Imam Khomeini und seine Partei Gottes die bürgerlichen Kräfte und die Linke in einem zweijährigen Bürgerkrieg aus und errichteten ihre neue Ordnung. Sie konnten das, weil, wie sich zeigte, die Linke keine gesellschaftliche Kraft mehr repräsentierte. Das Proletariat, das zu führen sie einmal vorgeben konnte, hatte den Pakt im Laufe der 1970er Jahre aufgekündigt, und es war gut beraten daran, denn die Linke hatte nichts zu versprechen als die Hölle der Fabrikgesellschaft auf nationaler Grundlage. Das ist die Wahrheit des Anti-Imperialismus.

Niemand ausser dem Imam, einem Genie der Konterrevolution, wenn je eines war, fiel eine Antwort der Ordnung auf das revoltierende Proletariat ein, das den sofortigen Eingang ins Paradies verlangte. Er verkündete eine abstrakte Erlösung, die das menschliche Glück durchstrich und zusammenfiel mit dem Opfertod im vaterländischen Krieg. Es gelang ihm, die Krise stillzustellen. Gelöst hat er sie nicht.

Die Ordnung, die er gegründet hat, ist ein ständiger Parallelismus zwischen einer Republik, mit Gesetzen und Parlament, und einer islamischen Umwälzung, die nicht vollendet werden kann, und deren Einrichtungen neben dem Staat her bestehen, in ihn eingreifen, im Zweifel ihn bestimmen; eine ständige Gleichzeitigkeit von Republik und Ausnahmezustand.

Die Republik bedarf der Stabilität, Berechenbarkeit, des ruhigen Gangs der Geschäfte. Aber nur die Einrichtungen des permanenten Ausnahmezustands garantieren den Bestand des ganzen Systems. Die Kapitalistenklasse kann den permanenten Krieg und die Mobilisierung der Entrechteten nicht brauchen; aber sie abstreifen, wie eine vergangene Epoche, kann sie auch nicht, denn ohne den Gewaltapparat kann sie nicht herrschen. Die derzeitigen Repräsentanten dieser Partei sind Leute wie Rafsanjani. Die andere Partei ist die Partei der Revolutionsgarden, der Pasdaran.

Die Pasdaran und Ahmadi Nejad sehen in Rafsanjani die Verkörperung der Korruption, die das ganze System eines Tages den Amerikanern verkaufen wird. Rafsanjani und die reformistischen Mulahs sehen in Ahmadi Nejad und seinen Leuten gefährliche Fanatiker, die die Legitimation des Systems in Frage stellen. Beide Seiten wissen, dass die andere Seite auf ihren Tod ausgeht, und beide wissen, dass sie die andere Seite selbst treffen müssen, bevor sie zuschlägt. Aber keine Seite kann zuschlagen, ohne den Obersten Rechtsgelehrten zu beseitigen und damit das ganze System in Frage zu stellen.(3)

3. Das ist die Situation, in der dieses System unglücklicherweise Wahlen abhalten muss.(4) Zur Kandidatur zugelassen wurden wie immer nur erprobte Männer des Systems, ausnahmslos hochrangige Mörder. Einer davon hiess Ahmadi Nejad, ein anderer Musavi: jeder stand für eine der beiden grosse Parteien.

Dass nun die offiziellen Ergebnisse dem einen einen derart unverschämten Sieg zusprechen würden, konnte man tatsächlich nicht wissen, und Gott allein mag wissen, warum seine Partei so ungeschickt manipuliert hat. Dass Musavi die rasende Tollkühnheit besitzen sollte, das Ergebnis nicht zu akzeptieren und „seine“ Anhänger für den nächsten Tag zu einer „Siegesfeier“ aufzurufen, am Abend, auf den Strassen: das hätte man wissen können, wenn man gewusst hätte, wie tief der Riss zwischen den Herrschenden schon ist; wenn man es nicht gewusst hat, weiss man es danach.(5) Dass aber dann mehrere Millionen sich diese Einladung zum Tanz nicht zweimal sagen liessen, das hat man unbedingt wissen müssen. Sie wären auch ungebeten gekommen. Zwei Tage später zeigte Musavi schon, dass er gar nicht in der Lage war, sie zu kommandieren, sondern ihr folgen musste.

Ausgerechnet Musavi, der kalte harte Hizballahi, in der spasshaften Lage, Geisel mehrer Millionen Menschen zu sein, die nicht nur forderten: Nieder mit dem Diktator!, sondern immer mehr: Nieder mit Khamenei!, und das heisst: nieder mit der islamischen Republik. Das hätte er sich nicht träumen lassen, als er noch die Linken hat ausrotten helfen, in den 1980ern.

4. Und nein, das ganze war keine Bewegung für mehr Demokratie, mehr Transparenz, und für eine bürgerliche Ordnung, und schon gar kein von den USA unterstützer Plan des Regime Change, und niemand wird es schaffen, dieser Revolte das lächerliche Epitheton „twitter revolution“ umzuhängen.

Was im Iran ausgebrochen ist, war nicht eine prowestliche „Demokratie-Bewegung“, hier wartet keine Glasnost auf ihren Yeltsin, und auch kein Protest von Studenten mit gutgemeinten Vorschlägen zur Verbesserung des Gemeinwesens, den man, wie in Peking auf dem Tian-a-Men vor 20 Jahren, mit Panzern niederwalzen könnte.

Und nein, es war keine Bewegung der Mittelklasse aus dem Norden Tehrans, keine städtische Bewegung, die an der Mehrheit der Iraner vorbeigegangen wäre, und was des Unsinns allses sonst noch ist, der zentimeterdick über diese paar Tage geschrieben worden ist. Wenn bei Iran Khodro gestreikt wird, während die proletarische Jugend aus der Südstadt zusammen mit den Studenten auf den von brennenden Autos und Banken erleuchteten Strassen Tehrans ihr Fest feiert, dann geht es offensichtlich um etwas anderes als um eine gefälschte Wahl.

Ein gewisser Mulah(6) hat einen grossen Teil dieser Bewegung zu muharibun erklärt, zu solchen, die gegen Gott und seine Gesellschaft Krieg führen; das ist etwas, worauf im iranischen Recht der Tod steht. Und man muss ihm recht geben: wie gross war aber dieser Teil? Hat man tatsächlich für seine Stimme gekämpft, für die Republik, gar für den Kandidaten Musavi? Man hat dessen Einladung angenommen, die Gesten und die Parolen der Revolution von 1978 zu wiederholen; aber hat man sich damit begnügt? Man hat sich damit von Musavi das Recht an der Erbschaft der Revolution abtreten lassen, und man schon hat angefangen, damit ernst zu machen.(7) Als er die Demonstrationen zur Gewaltlosigkeit aufrief und damit zuliess, dass nur die Milizen schossen, hat ihn der grösste Teil verlassen. Das Lager der Revolte ist nicht das Lager seiner Anhänger, und die Konflikte der Elite, zu der er gehört, sind den Revoltierenden schon egal; sie wollen das Ende des Regimes, und sie haben nur vorerst die Schlacht verloren.

Und das heisst: es ist keine politische Macht heute sichtbar, die den Iran nach diesem Regime regieren könnte, und was als grosser Nachteil dieser Bewegung verhandelt wird, dass sie nämlich keinen Führer hatte, wie damals der Imam einer war, das ist für uns ihr grösster Vorteil. Denn die Sache, die heute einzig zu verhandeln lohnt, kann keine Führer haben.

Jede der Mächte ist davor zurückgeschreckt, die Entscheidung zu suchen, weil keine dieser Mächte die Entscheidung überleben würde. Und der einzige Akteur, der die Entscheidung herbeiführen könnte, die in Bewegung geratenen Massen, haben sich von der Bühne zurückgezogen. Aus Gründen, wie man weiss, und nicht für immer. Diese Revolte wird ihre Fortsetzung finden, und bald finden.(8)

5. Was danach kam, war die Repression der Miliz, der Schlägertruppen und der Todesschwadrone. Man weiss nur die Umrisse: aber sie werden sich furchtbar rächen für das, was ihnen getan worden ist. Man hatte sie angegriffen, gleich zu Anfang und ganz offen, ganz gezielt, man hat sogar ihre Kasernern angezündet, sie hatten in den ersten Tagen nicht viel weniger Tote als die Revolte, man hat, was am schlimmsten ist, ihre Macht in Frage gestellt.

Noch weiss man nicht, wie viele von den unseren sie mitgenommen haben, wieviele sie noch foltern, wieviele schon heimlich vergraben sind und wieviele verschwunden bleiben werden. Noch weiss man nicht, ob bei denen, die noch frei sind und am Leben, die Wut schon der blanke Verzweiflung gewichen ist, oder ob sie bereit sind für einen neuen Anlauf.

Aber dass gegen die rechtmässigen Inhaber der Gewalt, gegen die Hüter der Ordnung jede Massregel erlaubt ist, das weiss man bereits.

Die Ordnung herrscht wieder in Tehran; wie lange noch, wie lange! Wir aber erklären, muharibun zu sein, und zu bleiben; das ist unser Gruss an die Genossinnen und Genossen im Iran, unsere Pflicht ist, alles zu tun, dass ihr Beispiel nicht verloren sein wird; und sie nicht allein lassen zu wollen, bis der Tag kommt, wo wir niemanden der unseren mehr alleine lassen müssen.

von Jörg Finkenberger

1 Nach der nicht zu übertreffenden Formulierung der Gruppe um insurrectioniran.wordpress.com.
2 Wenn die Ware das Gegenteil von Reichtum ist, und alles drängt uns, das annehmen zu müssen, dann ist die Information das Gegenteil von Wissen: der informierte Mensch ist derjenige Trottel, der, statt zu verstehen, darauf angewiesen ist, die Produkte der Spezialisten zu kaufen.
3 Ich habe davon abgesehen, diese sehr oberflächliche Darstellung wirklich, mit einer Erörterung der wirklichen Gründe für das iranische Dilemma der Herrschaft, zu vertiefen; ich habe das vor eineinhalb Jahren schon geliefert, http://letzterhieb.blogsport.de/2007/11/29/die-kommenden-revolten-und-ihre-bedingungen/.
Kurz gefasst: das iranische Regime muss versuchen, die zunächst immer unregierbaren Massen zu disziplinieren, und zwar in einer Zeit, in der nicht alle mehr in den Fabriken gebraucht werden können. Das ist seine historische Mission, und wenn es scheitert, weiss niemand, was danach passiert. Es braucht gleichzeitig Krieg, und tiefgreifende Modernisierung, um der Massen Herr zu werden; und das zweite geht nur durch Verständigung mit den USA. Es geht nie beides, und es muss doch beides geben, das erzwingt die Furcht vor den Massen; das Regime muss in zwei Parteien zerfallen, die sich auf den Tod bekriegen und die andere doch nicht besiegen werden wollen, weil sie wissen, dass diese sie mitreisst. Und die es, ich beobachte es aufmerksam, doch vielleicht tut, wenn die Revolte sie dazu zwingt.
Ich habe, übrigens, auch davon abgesehen, die Revolte nach strategischen Gesichtspunkten zu analysieren. Ich zeige kurz auf, was noch zu tun wäre: die Revolte hat sich am Anlass, der Wahl, genüge sein lassen, sie hat den Versuch, sich hinter rein politische Forderungen zu bringen, nicht ausdrücklich zurückgewiesen, sie hat nur symbolisch gezeigt, dass sie nach der Entscheidung gravitiert, und sie blieb vor den alles entscheidenden Punkten stehen: der Bewaffnung und der Besetzung der Fabriken. Die Erdölarbeiterschft ist, das ist vielleicht der entscheidende Mangel, völlig ruhig geblieben. Wahrscheinlich wird einer der nächsten Akte des Dramas, mehr oder weniger erfolgreich, das nachzuholen versuchen.
4 Es ist ein Grundmangel der iranischen Demokratie, dass die Kandidaten vom sog. Wächterrat vorher überprüft und zugelassen werden müssen; in vollends integrierten, dh. vollständig unterworfenen Gesellschaften wie der unseren oder der amerikanischen passiert so etwas spontan, ohne Zutun einer besonderen Stelle. Hier ist Rousseaus Vision schon Wirklichkeit, dass im Wahlakt der einzelne Wähler nicht als Privatmann, sondern gewissermassen als Agent des Gesamtwillens handelt; dass es tatsächlich Leute gibt, die dazu tendieren, den zu wählen, der in Umfragen vorne liegt, lässt sich auch gar nicht anders erklären.
5 Und das musste man wissen! Rafsanjani hat Ahmadi Nejad mit den monfeghin verglichen, den mujahedin e khalq, mit Leuten, die man gehenkt hat; und ist umgekehrt mit ähnlichem belegt worden, zwei Tage vor der Wahl, und die Leute haben gelacht und getanzt dazu auf den Strassen. Wieviel fehlt, und sie erklären sich gegenseitig takfir und verurteilen sich zum Tod?
6 Namens Ahmad Khatami, im zentralen Freitagsgebet, am 25.6.
7 Man hat Allah akbar! gerufen; aber man hat Marg bar Khamenei! dazugesetzt. Das ist das se ut dominum gerere der Revolte: wenn nicht die Republik, sondern die Revolte Erbin von 1978 ist, sind alle Kämpfe wieder offen, und die islamische Republik muss verschwinden.
8 Und der Konflikt zwischen den Herrschenden wird tiefer. Immer noch, und täglich. Es ist ihnen für jetzt gelungen, die Strasse aus ihrem Konflikt herauszuhalten. Es wird nicht bestehen.

Vermischtes

Das Polizei-Spiel

Wir möchten Euch heute ein Spiel vorstellen, das nichts kostet, spannend ist und perfekt für laue Sommerabende geeignet ist. Man kann es alleine spielen, aber mit mehreren Menschen macht es definitiv mehr Spaß. Bei Tag ein Vergnügen, bei Nacht ein Gedicht.
Benötigt wird dazu lediglich ein Polizeiauto auf Streife. Es gibt 3 Spielarten, die unterschiedlichen Nervenkitzel versprechen:
Stufe 1: dir begegnet eine Polizeistreife. Fange an, hektisch in deiner Hosentasche zu kramen. Wirf einen Papierfetzen oder etwas ähnliches, das du in deiner Tasche findest, auf den Boden (ein Punkt) und fange an zu rennen (ein Punkt). Sie werden dich verfolgen (drei Punkte), glaube uns. Wenn du Glück hast, wird ein Polizist auf dem Boden umher kriechen, um die Sachen zu suchen, die du weggeworfen hast (fünf Punkte). Bei der Personalienkontrolle (minus drei Punkte)solltest du dir möglichst blöde Antworten einfallen lassen, dies treibt den Spaß auf die Spitze.
Stufe 2: Renne vor der Polizei weg (ein Punkt) und schmeiße dich in eine Hecke oder verstecke dich woanders (drei Punkte). Sieben Punkte bekommst du, wenn sie dich nicht finden, minus drei Punkte, wenn sie dich „erwischen“.
Stufe 3: Mit mehreren Spielern verwirrt ihr die Polizei noch mehr, indem ihr urplötzlich in ganz verschiedene Richtungen rennt (zwei Punkte).
Das Spiel macht mehrere Stunden Spaß. Gewonnen hat bei mehreren Spielern derjenige mit den meisten Punkten. Einzelspieler können aber auch einen städteweiten, nationalen oder auch internationalen Highscore einrichten, um sich mit anderen zu messen. Viel Spaß!

Die Krawalle in Berlin und Hagen Strauss in der Mainpost

Herr Strauss scheint ein Szene-Kenner zu sein. Er kennt die Bedürfnisse der Menschen, er kennt ihre Existenzängste. Und er kennt natürlich auch diejenigen, die keine Ängste besitzen dürfen, weil sie nicht die Seinen sind. Zum ersten Mai in Berlin schreibt Herr Strauss deshalb auch, dass die „verblendeten Links-Autonomen […] gar nicht motiviert durch reale Existenzängste“ seien. Aber Herr Strauss weiß nicht nur viel über die Chaoten, sondern weist auch dem Proletariat den Weg in die Zukunft. Denn „Klassenkampf ist sowieso etwas anderes.“ Genosse Strauss, großer Steuermann, zeige uns, was der richtige Klassenkampf ist! Wir sind gespannt.

Was wir von Gregor Gysi lernen können

Uns scheint es, als hätten sie, Herr Gysi, an einem Redaktionstreffen des Letzten Hypes teilgenommen. Und andererseits verdeutlichen Sie uns, wie sehr wir einer Polit-Sekte mit den üblichen Ego- und Alkoholproblemen ähneln. Denn ähnlich wie bei den K-Grüppchen innerhalb der USPD hocken auch wir zusammen, „schlechtester Rotwein, alles vollgequalmt, ein bisschen Petting, am Ende verabschiedet man ein Papier von 35 Seiten, in der die Welt analysiert ist, aber haarscharf.“ Wir haben die Anspielung im Spiegel-Interview verstanden, Herr Gysi, und wollen sie auf zwei kleine Fehler hinweisen:
1.In Sachen Petting haben Sie uns einiges voraus. Meistens kommt es trotz, oder gerade wegen, des Vollsuffs nicht zum Fummeln.
2.Der Letzte Hype hat zumeist nur 28, manchmal auch 32 Seiten. Außerdem sind nur gerade Seiten möglich.
Wenn es Ihnen Freude bereitet, mal an einer Redaktionssitzung des Hypes teilzunehmen (ob mit oder ohne Petting), dann schreiben Sie doch an letzterhieb@gmx.de. Keine falsche Scheu!

Deutschstunde im Spiegel

Nach „Wir Deutschen“, „die Geschichte der Deutschen“, „die Deutschen“ und „Unter Deutschen“ beschert uns der Spiegel einen neuen atemberaubenden Titel in der Reihe der kollektiven Konstruktionen: „Der verschenkte Frieden- Warum auf den Ersten Weltkrieg des zweiter folgen musste“. Das Lesen des Titels reicht bereits, um Deutschlands neue weiße Weste, an der der Spiegel fleißig mithäkelt, zu begreifen. Denn „uns“ blieb anscheinend nach Versailles nichts anderes übrig, als zu einer barbarischen Bande von Nazis zu werden. Die weiteren Ausführungen zu Nahost-Konflikt, USA und Vietnam sind ebenso gruselig, wenn nicht gruseliger. Bitte nicht lesen, es ist die Zeit nicht wert. Macht lieber etwas schönes.
Welchen Titel man wohl nie auf dem Spiegel finden wird: „Was sie schon immer über Deutschland wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten…“

Von Liberalen und anderen Balzvögeln

Hunter S. Heumanns Bericht zweier blau-weißer Festivitäten

Nun, es passiert ja nicht gerade viel in der Gegend. Die Langeweile ist derart groß, dass ich den Polizeibericht eines vergangenen Wochenendes als kleines Highlight für mich entdeckt habe. Ein paar Schlägereien, Vandalismus, Exibitionisten und ab und zu sogar eine brennende Mülltonne. Dieser Öde entkommt man schwer.
Es sei denn, man schafft es, sie zu verdrängen. Hilfsmittel ist dabei entweder der liebe Herr Alkohol oder der Besuch von absurden Veranstaltungen. Das größte Vergnügen ist jedoch die Kombination beider. Und so kam es, dass ich zwei ganz besondere Highlights in meinem Kalender der gepflegten Unterhaltung eingetragen hatte, bei denen den Farben blau und weiß eine besondere Bedeutung zukam.
Die erste Veranstaltung, der ich beiwohnte, war ein Umzug gegen Deutschland. Als Ort für diese vielversprechende Demonstration hatten sich die Veranstalter das brodelnde Herz Germaniens ausgesucht: Kitzingen. Es gibt viele Gründe, gegen Deutschland zu sein, Kitzingen ist aber mit Sicherheit einer der besten.
Nach einer schlimmen Nacht, vernebelt von dichtem, schwerem Tabakduft, klingelte es am Morgen an meiner Türe. Auf meinen Synapsen spielte der Obstler noch immer Punkrock. Das Aufstehen fiel mir wahrlich schwer. Bevor ich die Türe erreichte, schnappte ich mir noch mein Pfefferspray- denn man kann ja nie wissen, welche Freaks schon wieder vor der Wohnung stehen. Was sich mir darbot, kam tatsächlich einer Freakshow relativ nahe. Da standen drei Leute mit verquollenen Gesichtern und Augenrändern bis zum Allerwertesten. Einer stammelte irgendetwas von „Elektroparty“ und „Nacht durchgetanzt“. Ach richtig, das waren die Herren, die mich zur Demo abholen wollten. Mit flauem Gefühl im Magen stieg ich also ins Auto. Im Nachhinein frage ich mich, ob es der Gesamtsituation zuträglich war, dass ich es genoss dem Fahrer während der Fahrt vom hinteren Sitz permanent meine Knie in den Rücken zu rammen. Vielleicht war dies aber auch die einzige Möglichkeit, ihn wach zu halten. Wir werden es nie erfahren.
Wir kamen in Kitzingen an. Die Sonne schien, die Tiere am Mainufer freuten sich über diesen wunderschönen Frühlingstag. Zumindest nahm ich es so wahr. Ein böser Mann mit blauen Adiletten und feuerrotem Kopf schimpfte von seinem Balkon herab. Seine Stimme klang wie ein Polizeiauto, inklusive Doppler-Effekt. Er schien nicht sehr erfreut darüber, dass die Abschlusskundgebung dieser Demonstration vor seinem Haus stattfinden sollte. Dicke Luft, ich hätte auffallen können, nur raus hier. Mir war das ganze Theater sowieso recht egal. Ein Freund und ich setzten uns bis zum Anfang der Demo an den Main und schauten Enten beim Geschlechtsverkehr zu. Ein faszinierendes Schauspiel! Der Umzug sollte am Bahnhof beginnen, und so begaben wir uns in seine Richtung. Was gehört zu einer guten Bahnhofskneipe, in der man sich schon um die Mittagszeit volllaufen lassen will? Das rustikales Ambiente, Sportwimpel, Faßbier- sonst nichts. Und genau eine solche fanden wir auch vor, was uns zum Konsum von einem, zwei oder auch drei Hopfengetränken verleitete. Von den gemütlichen Stühlen im Hof der Trinkhalle konnten wir dann auch beobachten, wie lange vor den Demonstranten die Ordnungshüter den Platz inspizierten- und mit Ihnen dieser Herr vom Staatsschutz mit dem schönen Holzfällerhemd und der modischen Sonnebrille. Irgendwann ging die Demo dann auch los. Es gab 100 Israel-Fähnchen, 50 Demonstranten und kaum jemanden auf den Straßen. Ein paar Kids freuten sich über die Bonbons und Plätzchen, die von Antifas verteilt wurden. Lächelnde Kinder waren dann aber auch schon die ganze Außenwirkung dieser antideutschen Hateparade. Die Musik vom Lautsprecherwagen war schlimm. Ich wünschte mir Schleimkeim, aber niemand wusste, was ich damit meinte. Punk ist halt auch nicht mehr, was er mal war. Angekommen bei der Abschlusskundgebung trank ich noch ein paar Vodka-Redbull. Mir wurde schwindelig. Betrunken in Kitzingen. Die Reise war’s wert.
Wenige Tage später hatte meine Leber bereits das nächste weiß-blaue Großereignis zu befürchten: Die Kanzlerin sollte in unsere gottverlassene Stadt kommen. Aber niemand hatte ihr einen Thron gebaut. Bewaffnet mit einer Flasche Apfelkorn und einer Hubschraubermütze begab ich mich barfüßig zum Marktplatz. Und verdammt, dieses unentwegte Augenzucken. Hunderte, wenn nicht tausende Menschen, viele mit Lederhosen an, fast alle mit Schaum um den Mund, warteten gespannt auf die Rede der Fürstbischöfin. Ich setzte mich an den Obelisken, an dem sich am Wochenende normalerweise die Punks treffen, und versuchte, mein zuckendes Auge in den Griff zu kriegen. Keine Punks in Sicht. Deren Rolle sollten heute die Milchbauern spielen. Die Landwirte protestierten gegen den niedrigen Milchpreis und riefen unverständliche Dinge, die wie ein lautes „Muuh!“ klangen. Wenn mich meine Sinne nicht täuschten, hatten die Milchbauern sogar eine Kuh mitgebracht, die stark nach Stall roch. Die freundliche Kuh schmatzte zufrieden vor sich hin. Kurz überlegte ich mir, ob ich ihr ein paar Pommes vom Marktstand holen sollte. Die Widerkäuerin war zweifellos die sympathischste Person auf dem gesamten Platz. Aber ein Ereignis machte meine Pläne zu nichte: Da stand er wieder, der Mann vom Staatsschutz. Er hatte immer noch das selbe Holzfällerhemd an. Ob er es zwischendurch wenigstens mal gewaschen hatte? Eine Angstattacke überkam mich. Kann es sein, dass dieser Mann mich verfolgt? Dass es weiß, dass ich selten vor zwölf Uhr aufstehe, dass er mich beim umziehen beobachtet? Ich versuchte, mich hinter der Kuh zu verstecken, die vielleicht gar keine Kuh war. Die Rede der Königin hatte bereits angefangen. Ich kann mich an kein einziges Wort mehr erinnern. Im Schatten der Kuh drückte mir ein junger Mann ein Flugblatt einer liberalen Partei in die Hand. Seine Art und Weise, um die Leute herumzutänzeln und Wahlpropaganda zu verteilen ähnelte dem Balztanz der Enten bis ins Detail. Bei genauerem hinsehen erinnerte mich der junge Mann aber nicht mehr an ein süßes Entchen, sondern eher an einen Kampfhahn mit etlichen Schmissen im Gesicht. Da waren noch mehr Menschen, die Flugblätter verteilten. Eine bedrohliche Situation. Sie hätten mich mit ihren Schnäbeln zerhacken können. Sollte dies mein Ende sein? Panisch rannte ich davon, schreiend stieg ich in die erste Straßenbahn, der ich begegnete. Zufälligweise war es die richtige. Ich schleppte mich in mein Bett und schlief 20 Stunden am Stück. Ich bin wirklich froh, noch am Leben zu sein.

Hunter S. Heumann

Codex Cairo

Codex Cairo

Über die freiwillige Selbstkontrolle der sogenannten Jugend- und Subkultur Würzburgs

Es gibt wohl wenige weitere Städte über 100.000 Einwohner in Deutschland, in denen die selbst ernannte Subkultur derart gut abgehangen daherkommt. Je weniger dem Begriff Subkultur eine gesellschaftliche Realität zukommt, desto mehr scheint man der Lüge, dass eine Integration in städtische Jugendarbeit irgendetwas mit alternativer Subkultur gemein haben könnte, als Selbstbestätigung zu bedürfen. Jegliches negative Potential, das in in einer Subkultur vielleicht einst steckte, ist und wird verbraucht. Das Autonome Kulturzentrum hatte es verloren und sich damit selbst ad absurdum geführt, das Cairo als neues AKW mit besserer Organisationsstruktur und perfektionierten Integrationsmechanismen betreibt die Konsensstiftung mit dem Bestehenden nahezu perfekt.

Subkultur brought to you by Stadtsparkasse Würzburg

Als sich ein paar Leute vor einem viertel Jahrhundert entschlossen, das Autonome Kulturzentrum zu errichten, war es mit Sicherheit noch möglich, den Begriff Subkultur zu verwenden, ohne dabei an staatlich eingehegte Vergnügungstempel zu denken. Denn es schwang ein kritisches Potential mit, das eine Realität besaß: Nämlich die Perspektive, dass die Geschichte noch gar nicht begonnen habe, dass ein gesellschaftlicher Umbruch möglich sei, der die Mauern der alten Welt einreißen werde, und damit die Gewissheit, dass sich eine Bewegung gegen das Alte stellen könne, die nicht nur aus ein paar Linksradikalinskis bestehen würde, sondern aus einer breiten Gegenbewegung, zusammengesetzt aus, im weitesten Sinne, alternativen Kulturschaffenden.
Die Geschichte zog einem solchen Verständnis von Subkultur den historisch-realen Boden unter den Füßen weg. Was sich in den 80ern als alternative Subkultur verstand, wurde spätestens in den 90ern die Avantgarde der neubürgerlichen Produktivkraftentwicklung. Wer sich vorgestern noch im subkulturellen Sumpf bewegte, verstand sich gestern schon als kommunaler Anwalt eines verstümmelten, herrschaftsaffimativen Verständnisses eben dieser Subkultur. Im AKW mag bis vor ein paar Jahren noch der eine oder andere kritische Gedanke konserviert worden sein, der einst in der Subkultur steckte, am Ende blieb davon nicht mehr übrig als eine schwache Erinnerung. Interessanterweise, und im Nachhinein wohl auch fatalerweise, fand in Würzburg nicht das „Outsourcing“ des kritischen Potentials statt. Denn die Marginalisierung der linken Herrschaftskritik führte in anderen Städten durchaus zu zahlreichen Neugründungen von kleineren autonomen oder alternativen Kulturzentren. Im Nachhinein ist es schwer nachzuzeichnen, weshalb dies in Würzburg nicht geschah. Mit Sicherheit spielte die Wahrnehmung des AKWs als das eigentliche subkulturelle Kulturzentrum, das aber längst keines mehr war, eine bedeutende Rolle. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die gesellschaftliche Entwicklung den kritischen Begriff von Subkultur zunichte gemacht hat, und dass genau deshalb städtische Jugendzentren wie das Cairo oder der B-Hof(1) eigeninitiative „Kulturschaffende“ anziehen können, die sich als Teil einer wie auch immer gearteten alternativen Subkultur verstehen, obwohl das kritische Potential beim Eintritt in die ehrenwerte Gesellschaft der Jugendarbeit an der Garderobe abgegeben werden muss.

Du bist Würzburg

Die Ironie an der Sache ist, dass durch das Ende des AKWs eine Wahrheit endgültig ans Licht kommt: städtischen Kulturzentren kommt die Deutungshoheit über den Begriff von Jugend- und Subkultur zu. Während sich die so genannte Hochkultur noch einbildet, eine eigenständige, unabhängige Sphäre zu sein, hat dies die Jugendkultur überhaupt nicht mehr nötig: Was „Independent“ ist, das bestimmt nun die Stadtkultur. Dabei darf eine Sache nicht falsch verstanden werden: obwohl es das Cairo natürlich bewusst intendiert, den Extremismus aus dem Jugendkulturhaus heraus zu halten, kann die Abmilderung von jeder kulturellen Veranstaltung nicht an einzelnen Menschen festgemacht werden: Es sind die Charaktermasken der städtischen Sozialpädagogik, welche ihren Sinn immer in der gesellschaftlichen Integration der Jugend hatte und hat. Diese Rolle spielt das Cairo nahezu perfekt. Das Jugendkulturzentrum stellt die Scharnierfunktion zwischen selbstinitiativem Engagement und der Konsensstiftung mit kommunaler Kultur dar.
Und so kommt es, dass die Stadt nicht mehr als Gegnerin, sondern als Partnerin wahrgenommen wird. Die AgentInnen der städtischen Jugendarbeit treten dabei als Anwalt der sich selbst zähmenden Jugend- und Subkultur auf, während die Kulturbeauftragten der Stadt Würzburg dieser Art von Kultur zum größten Teil Wohlwollen entgegenbringen, solange nach deren Spielregeln gespielt wird. Und es wird nach den Spielregeln gespielt.
Die VeranstalterInnen müssen nicht dazu gewungen werden, unerwünschte Veranstaltungen zu unterlassen. Dadurch, dass man sich in der Sphäre der städtischen Jugendkultur bewegt, lernt man automatisch, was man zu tun und zu lassen hat. Es handelt sich um eine Freiwillige Selbstkontrolle zugunsten des Würzburger Images.
Während der Begriff von Subkultur, wenn auch in einer völlig verstümmelten Variante, noch Bedeutung für gewisse Leute besitzt, ist der Begriff der Selbstorganisation anscheinend völlig aus dem Vokabular der Würzburger „Szenekultur“ verschwunden. Die Vorstellung, dass es möglich sein kann, ohne die Vermittlung von jugendkulturellen Anwälten der „Szene“ und ohne das Wohlwollen der Stadt etwas auf die Beine zu stellen: Sie scheint den Leuten, die in Ihrer Jugend vielleicht mal Revoluzzer spielten und heute Kulturschaffende sind, völlig abhanden gekommen zu sein. Keinen Begriff mehr von kritischen Interventionen und Gegenkultur zu haben bringt die Zufriedenheit mit dem totalitären Unheil zum Vorschein, die die sozialpädagogische Selbstzähmung geschaffen hat.

Die schlechteste Ausrede

In Debatten über die Möglichkeit, in Würzburg etwas zu schaffen, das sich der kulturellen Standortlogik entzieht, hat sich bei vielen Menschen eine Argumentationsweise eingeschlichen, um die eigene Resignation zu rechtfertigen oder ganz zu vertuschen: Würzburg sei eben Würzburg, hier gebe es weder eine linke Szene noch die Möglichkeit, etwas kritischeres als das Cairo zu errichten.
Ich halte dieses Argument für eine schlechte Ausrede, um der eigenen Lethargie einen höheren Sinn zu geben. Würzburg ist weder zu klein (in kleineren Städten wie Gießen, Hanau oder Göttingen gibt es auch alternative Zentren), noch zu bayerisch (selbst in einem Kaff wie Sulzbach-Rosenberg gibt es ein selbstverwaltetes Jugendzentrum), noch sind alle Zufrieden mit der gesellschaftlichen Totalität. Man kann scheitern, selbstverständlich. Aber um Scheitern zu können, muss man zuerst einmal begonnen haben. Was den Leuten fehlt, ist das Anfangen-können, das tiefe innere Vertrauen, dass man am Ende seine Ziele erreichen wird.
Es gilt, die Fragen, die scheinbar nicht mehr gestellt werden, neu zu stellen. Was will, was kann Jugendkultur? Welche Funktion erfüllt städtisch subventionierte Kultur? Die Geschichte hat das kritische Potential von Begriffen wie Kultur, Politik und Kunst unter sich begraben. Es gilt, dieses freizubuddeln. Nicht für Würzburg, sondern für diejenigen, die ihren Frieden mit dem falschen Ganzen noch nicht geschlossen haben.

Jetzt ist die Zeit, hier ist der Ort.

Benjamin Böhm

(1) Interessant ist die unterschiedliche Art und Weise, wie Jugendkultur im B-Hof und im Cairo stattfindet. Im B-Hof besteht noch ein offener Jugendbereich, es wird ein jüngeres Publikum angesprochen und die veranstalteten Konzerte dürfen auch ZuschauerInnen vom linken Rand ansprechen, um diese durch die Sozialpädagogik gesellschaftlich zu integrieren. Im Cairo hingegen wäre es schwer möglich, ein Konzert mit Antifa-Emblem auf dem Flyer zu veranstalten. Ein wesentlich älteres Publikum wird angesprochen, dem man natürlich die anarchistischen Kindereien aus dem B-Hof nicht zutrauen möchte. Die Revolution, eine Sache für pubertierende Teenies.

Anmerkungen zum Bildungsstreik

Wer hätte gedacht, dass es noch einmal nötig sei, in diesem Magazin die Proteste der StudentInnen mit einem Wort zu erwähnen. Doch die Ereignisse beim kürzlich stattgefundenen so genannten Bildungsstreik verdeutlichen zu viel, als dass man sie ignorieren könne.
Zuerst einmal: Es handelte sich um keinen wirklichen Bildungsstreik. Die 2000-3000 SchülerInnen und StudentInnen, die sich der großen Demonstration anschlossen sind nichts gegen die restlichen tausenden Studierenden, die zur gleichen Zeit in den Hörsälen saßen, weil sie zutiefst zufrieden mit dem Status Quo sind. Die Mehrheit der Damen und Herren Studierenden interessiert sich nicht für die Forderungen, einfach und alleine aus dem Grund, weil sie mit der Situation zufrieden sind. Genau deshalb kann eine Aktion nicht im isolierten Kreis der zukünftigen und gegenwärtigen Studierenden stattfinden, wenn der Protest zu einer Revolte werden soll.
Die Art und Weise, wie es die OrganisatorInnen schafften, der Demo einen revolutionären Charme zu verleihen, um sich am Ende zu beschweren, wenn ein paar hundert Menschen diesen Anspruch ernst nehmen, war zutiefst zynisch. An gewissen Orten wurden Sitzstreiks simuliert, bis ein Ordner die Leute aufforderte, bitte wieder aufzustehen- und sie folgten zunächst noch. „Was ist das Problem? Das System!“ wurde durch das Megaphon gebrüllt, um den DemonstrantInnen das Gefühl zu geben, hier handele es sich nicht um eine Wahlkampfveranstaltung des SDS, der Jusos oder Grünen, sondern um einen Aufruhr gegen das große Ganze. Weit gefehlt! Am Ende kamen ein paar Leute dann doch auf einen vernünftigen Gedanken: Sie hatten keine Lust mehr, sich von OrdnerInnen vorschreiben zu lassen, was zu tun sei, und brachen aus der Demonstration aus. Im Nachhinein wäre die Sabotage wirkungsvoller gewesen, wenn man den Röntgen-Ring besetzt hätte. Aus Mangel an Mut und Menschen musste man dieses Unternehmen wieder aufgeben, bis Verstärkung angerückt war. Die Sitzblockade, die anschließend an der Juliuspromenade stattfand, war zweifellos das Beste, was Studierende Im Kontext der Proteste in den letzten Jahren hervorgebracht haben, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens trennte die Sitzblockade denjenigen Teil der StudentInnen, der die Generalprobe für die große Politik spielen möchte, von denen, die die Demoparole „Wenn wir wollen, steht alles still!“ ernst nehmen. Dazu im nächsten Absatz mehr. Zum anderen hat die Aktion dazu geführt, auch in Würzburg ein paar Studierenden den Sinn von Sabotage zu verdeutlichen. In Frankfurt am Main besetzte man während der Studiengebührenproteste Plätze, Gebäude und Autobahnen, während im braven Würzburg 2005 ein einziges Polizeiauto genügte, um tausende Menschen in Zaum zu halten. Über das Ende des Sitzstreiks muss nicht viel verloren werden- die OrdnungshüterInnen rückten nicht nur mit StreifenpolizistInnen, sondern auch mit Bereitschaftspolizei und Staatsschutz an, filmten die Kundgebung und lösten letztendlich den Sitzstreik auf. Die Staatsmacht war sich des Ernstes der Lage durchaus bewusst.
Im Nachhinein kam das Aktionsbündnis Bildungsstreik in Würzburg zu einer klugen Einschätzung, die ich den OrgansatorInnen in dieser Klarheit gar nicht zugetraut hätte: Natürlich distanzierte man sich zuerst einmal vom Sitzstreik. Wer ein sauberes Image als PolitikerIn haben möchte, darf natürlich die WürzburgerInnen nicht mit einem Sitzstreik erzürnen. Daher kommt man zum Schluss, dass es sich bei der Splittergruppe um eine Gruppe mit antideutschen Parolen gegen den Staat gehandelt habe. Das Aktionsbündnis selbst richte ihre Forderungen aber nicht gegen, sondern an den Staat. Sehr richtig! Die Trennung zwischen JungpolitikantInnen und revolutionären Kräften unternehmen also auch die OrganisatorInnen. Natürlich hat man auch gleich das passende Schimpfwort parat, um die anderen von den SaboteurInnen fernzuhalten: es seien Antideutsche. Wenn jede Agitation gegen die politische Form der kapitalistischen Gesellschaft, den Staat, antideutsch ist, dann scheint es für die offiziöse Studierendenpolitik nur noch sie oder die Antideutschen zu geben. Mir soll das recht sein. Zwei Tage später versuchte man dann, den Berliner Ring zu besetzen. Zweifellos eine gute Idee.
Es stellt sich die Frage, was der Sitzstreik bedeutet, und ob er überhaupt irgendetwas zu bedeuten hat. Vielleicht war er nicht mehr als ein spontaner Einfall und eine Verkettung von Zufällen. Vielleicht ist der Sitzstreik aber auch ein Anfang für einen neuen Zweifel an offizieller Unipolitik und den ausgelatschen Pfaden ihrer Agitation. Wenn es in Würzburg auch, im Vergleich zu anderen Städten, kein linksradikales akademisches Milieu gibt, so könnten doch einige Leute für zukünftige Aktionen ihre Lehren aus dem Sitzstreik gezogen haben. Nicht vergessen werden darf dabei jedoch, dass die Revolte erst eine sein wird, wenn man das akademische Milieu verlässt, um das Öl dorthin zu bringen, wo Feuer ist.

Yvonne Hegel

Hype 12 erschienen! Printausgabe online!

Yeah, unter Printausgabe könnt ihr ab jetzt den Hype 12 runterladen.

Außerdem gibt es die Ausgabe natürlich in Print wie immer an den üblichen Stellen…..

Kritik des Poststrukturalismus

Weil es im Hype-Umfeld in letzter Zeit ein paar Debatten über das Verhältnis von Kritischer Theorie und Poststrukturalismus gab, hier der Mitschnitt einer Vorlesung Alex Grubers und Florian Ruttners mit dem Thema „zur Unmöglichkeit poststrukturalistischer Gesellschaftskritik“.

Ein kleiner Vorgeschmack auf den Hype 12

Willkommen zur Kotzkolumne- es gibt vegane blaue Zipfel

Die Kochkolumne ist ja Rainer Bakonyis heilige Kuh. Da ich selten Fleisch esse, fällt es mir wirklich schwer sie zu schlachten. Aber es muss sein. Seit zwei Jahren hält er uns zum Narren. Seine Gerichte kann man entweder besoffen nicht kochen, weil man dabei einschläft, oder die Produkte gibt’s nicht beim Discounter. Und mal ehrlich, was soll am Gaisburger Marsch gut sein? Nein, so geht das nicht!
Die Drohung stand schon lange im Raum, jetzt mache ich’s wahr und schreibe meine eigene Kochkolumne. Im Gegensatz zu Rainer Bakonyi („Rainer Bakonyi lebt in Würzberg. Er schreibt regelmäßig für das akw! info und ist Wirt.“ Phase 2) behaupte ich gar nicht, dass mein Gericht gut schmecke. Ganz im Gegenteil, der Versuch, vegane Blaue Zipfel zuzubereiten, war mit Abstand das ekelhafteste, das ich je gekocht habe. Betrachtet es deshalb als Chance, ungeliebte Gäste loszuwerden, mit eurer Freundin oder eurem Freund Schluss zu machen oder einfach mal gepflegt zu kotzen. Et voilà:

Sie brauchen:
Für die blauen Zipfel: vegane Sojawürste, Wacholderbeeren, Lorbeerblätter, Essig, Öl, Salz, Pfeffer;
Für das bayrisch Kraut: Weißkohl, Gemüsebrühe, Kümmel, Räuchertofu, Essig, Zucker, Öl, Zwiebeln
Für den Kartoffelbrei: Kartoffelbreipulver, Sojamilch ungesüßt

Zubereitung:
Schneidet das Kraut in riesige Stücke, so dass sie nicht gar werden können. Verwendet den Stumpf am besten auch. Zwiebeln würfeln. Räuchertofu (wichtig: viel Räuchertofu verwenden, vielleicht sogar mehr als Kraut. Das macht die Sache besonders widerlich.) würfeln und frittieren. Die Zwiebeln andünsten, mit Wasser, Essig und Zucker ablöschen. Das Kraut und den Kümmel mit einer übertriebenen Menge Gemüsebrühe aufkochen, bis kein Wasser mehr übrig ist. Am Ende Räuchertofu hinzufügen.

Wasser, Essig und Öl zu gleichen Teilen, Sojawürste, Wacholderbeeren, Lorbeerblätter und Sojawürste in einen Topf geben und köcheln. Nicht vergessen werden darf dabei, dass der Sud bitter werden muss. Ich habe keine Ahnung, wie ich das hinbekommen habe. Es soll auf jeden Fall wie Lebertran schmecken. Die Sojawürste nehmen den Geschmack des Suds nicht auf, egal wie lange ihr sie köchelt. Versucht’s erst gar nicht. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Den Kartoffelbrei so zubereiten, wie es auf der Packung steht. Statt Muhmilch Sojamilch verwenden.
Ich wünsche ein gutes Erbrechen!

Hunter S. Heumann,
welcher an dieser Stelle weiterhin noch folgende Kochbücher empfiehlt, um das Kochen im Gesamtzusammenhang der Verhältnisse zu begreifen:

- das große Buch vom Fleisch von Nikolai Buroh
- Wo unser essen herkommt von Willi Spatz
- Natural born Killer von Rainer Bakonyi im akw-info August 1994
- Schnaps brennen. Rezepte für Obstbrände und Ansatzschnäpse. Schritt-für-Schritt-Anleitungen von Herbert Herbst

Wer zwitschert wann?

Ah, der Gartenrotschwanz ist’s, der Schlawiner!

Für alle, die schon immer mal wissen wollen, welcher Vogelo bereits singt, wenn man gerade erst ins Bett geht:
Wer singt wann?

Das waren wir nicht

Wir schwören. Niemand von uns hätte den Nerv dazu:

http://insurrectioniran.wordpress.com/

THE COMING INSURRECTION
17/06/2009 · Comments Off

It’s useless to wait- for a breakthrough, for the revolution, the nuclear apocalypse or a social movement. To go on waiting is madness.

The catastrophe is not coming, it is here.We are already situated within the collapse of a civilization. It is within this reality that we must choose sides.

by The Invisible Committee

Wir haben fast dieselben Worte irgendwann auch gedruckt, aber die hier haben wir nicht geschrieben. „Unsere Gedanken sind bereits in allen Köpfen“, und wann hätten wir originell sein wollen?

http://insurrectioniran.wordpress.com/texts/

LIKE A STORM: THE INSURRECTION IN IRAN

No one is waiting any longer: Iran has exploded and not even the Islamic regime is surprised.

Years of student strikes, militant street battles, workplace struggles, constant repression― and then a spark. One spark to unleash the tidal wave of rage and despair that was once confined to barely audible whispers behind closed doors.

Now the fury is here and everyone is in the streets, young and old, men and women, militant and pacifist.

CHAOTIC RESONANCE

The specter of ‘79 is colliding with the insurrections of Europe, but the flames of Iran burn far brighter than the 2005 uprising in metropolitan France or the Greek insurrection in December.

Everywhere the normal functioning of things has been paralyzed: people refuse to just simply go back to work, squares and streets are blockaded, universities are not functioning, police stations are looted, and everyday social relations are negated.

The human gears that everywhere allow any regime to function are now engaged in a total war that points beyond just stolen elections.

All of the established organizations within the conflict (whether in Iran or in exile) are exploiting it to build their own political power, for their own place at the roundtable.

But when has it ever been different? Their “politics” are always more of the same.

Some wear green like they wear the “Yes We Can” in America.

Is that all we want?

Can the world we want ever be expressed simply by a vote?

Some complain that there are no leaders, no one to direct the insurrection, but this is to the revolt’s credit. Its spontaneous and uncontrollable nature is exactly what has allowed it to spread so quickly and resonate so widely.

This is not about an identity, a minority, an issue, or a stolen election.

It’s about everything!

As Anonymous Sinners (Iranian hip-hop group) asked, “What is it that we want other than freedom?”

THE DEMOCRATIC LIE

They have no future to offer us; the democratic lie can’t hide this.

The children of the metropolis are everywhere bound by common conditions, by lived experience; no more so in the West than in Iran. It takes the uproar and rage of an entire generation born outside of the democratic process to expose its illusions and false hopes.

There could be so much more than a regime change.

What if the insurrection doesn’t end?
What if the fires keep burning, and spread to the whole of society?
This is the real threat, the potential for revolution: that the return to the university, the workplace, and the home might not ever take place.
That the paralysis becomes total, that finally there is no going back…

Fundamentally, we must reach this point of no return.

JUNE 2009/ KHORDAD 1388

Wer wollte nicht lieber von sich sagen können, mit solchen Leuten die selben Gedanken zu teilen, als originell zu sein?

Analysen und Neuigkeiten zum Iran gibt es hier.

Wenn Studenten protestieren

Höchst interessant, was die Damen und Herren Studierenden in Würzburg neuerdings zustande gebracht haben.

Eine kleine Fraktion der „grossen Demo“ am Mittwoch zog es vor, die Schienen an der Juliuspromenade zu blockieren, anstatt am unteren Markt den Reden irgendwelcher Studentenpolitiker zuzuhören. (Welche Studentenpolitiker sich nicht entblöden, den Sitzstreik zu kritisieren, weil er

der eigentlichen Veranstaltung auf dem unteren Markt Teilnehmer entzogen
habe. Teilnehmer, die sich einfach so widerspruchslos
entziehen
lassen, wären in der Tat besser am unteren Markt aufgehoben gewesen. Auf ihre verdehte Art und Weise haben sie schon gemerkt, dass etwas passiert, das sich ihrer Kontrolle entzieht: daher das hilfose Wüten gegen
eine Splittergruppe mit anti-deutschen Parolen gegen den Staat … Das Aktionsbündnis selbst richte ihre Forderungen aber nicht gegen, sondern an den Staat.
Das wissen wir, es ist keine Verwechslung möglich, und das sieht man ihnen im Übrigen auch an.)

Am heutigen Freitag aber geschah folgendes:

Eine Gruppe von etwa 100 Studenten lief auseinandergezogen und langsam über die Zebrastreifen an den Zufahrten des Berliner Rings. Auf diese Art und Weise wurde der Verkehr für fast 2 Stunden massiv behindert.
Na also! Es geht doch. Immer noch besser als nackt in einen Brunnen zu springen und zu behaupten, das zeige, wie die Bildung baden gehe, ist das doch allemal. Wenn man es sich recht ansähe, hätte man mit solchen Aktionen auch einen wichtigen Hebel in der Hand – wenn auch zu ganz anderen Zwecken. Aber das sind wirklich Fragen, die man mit der antideutschen Splittergruppe seines Vertrauens besprechen sollte.

Zu gegebener Zeit wird es einen Bericht eines, der dabei gewesen ist, geben.

Im Übrigen, first and last and always: Die Studenten können gegen gar nichts rebellieren, ohne gegen ihre Studien zu rebellieren.

Das Aktionsbündnis „Bildungsstreik“ als Domteur und Bändiger

Wenn es die Antideutschen nicht gegeben hätte, man hätte sie erfinden müssen.

Da mobilisiert ein Bündnis Bildungstreik Hunderte von StudentInnen undSchülerInnen zu einer Demonstration gegen die Zumutungen des Studiums, brüllt ein wenig „Wer ist das Problem? Das System!“ durch das Megaphon, gibt den StudentInnen sogar die Zeit, ein paar Sitzstreiks vorzutäuschen, und wundert sich am Ende darüber, dass ca. 200 Leute doch noch auf einen vernünftigen Gedanken kommen: nämlich Sabotage zu betreiben.

Was aber fällt dem Aktionsbündnis Bildungsstreik dazu ein? Es beklagt sich darüber, dass diese Aktion der Abschlusskundbegung TeilnehmerInnen genommen habe. Wie tragisch. Außerdem sei es eine Splittergruppe mit antideutschen Parolen gegen den Staat gewesen, sagt das Aktionsbündnis, und hat damit natürlich das passende Schimpfwort gewählt: denn immer wenn man nicht fähig ist, etwas zu begreifen, hat man zum Glück das Wort „antideutsch“ parat.

Ich dagegen habe auch ein Schimpfwort mitgebracht: konterrevolutionär.

Ich resümiere: Wenigstens bewirkte die Sitzblockade auch etwas gutes: die Jung-PolitikerInnen von denen zu trennen, die die Sehnsucht der Revolte in sich tragen.

Mehr zur ganzen Sache im neuen Letzten Hype….

Iran: News und Diskussion

Hier gibt es Neues und Analysen von der Bewegung im Iran.

Die Frage, um die es geht, heisst kurzgefasst: wird die iranische Bewegung genug eigenes Gewicht haben, um die islamische Republik zu zerreissen? Wird sie die Grundlagen der heutigen Ordnung angreifen? Oder wird dieses Regime oder ein anderes es schaffen, das, was auseinanderstrebt, wieder zusammenzwingen?

Es ist unsere Sache, die hier verhandelt wird.

Wipe A.N. off the map

Man wird uns keine Sympathie für Musavi vorwerfen können, aber der Mann hat es ja einfach wissen wollen. Nach allem, was er mit seiner Kampagne losgetreten hat (nicht weil er wollte, sondern weil er musste), hat er, als er angeblich verloren hat, darauf beharrt, gewonnen zu haben, und „seine Anhänger“ zu Siegesfeiern auf den Strassen aufgerufen. Für heute Nacht.

Man hört nicht viel, weil die Kanäle grad alle tot sind, aber nach allem, was man hört, haben sich durchaus einige verdächtige Elemente, mit denen wir ohne Zweifel sympathisieren, diese Einladung zum Tanz nicht zweimal sagen lassen.

Wenn die Strassenkämpfe „seiner Anhänger“ auf die Provinzstädte übergreifen, ist Musavi verloren. Entweder „seine Anhänger“ oder Ahmadi Nejads Pasdaran werden nicht viel von ihm und dem Regime, das er vertritt, übriglassen. Wenn sie aber auch noch auf den Süden Tehrans übergreifen, dann sind Musavi und die Pasdaran verloren, und dann fängt das Spiel erst an, und wir können nicht erwarten, es zu spielen.

Ob unsere Freundinnen und Freunde im Iran allerdings tatsächlich in den Stand kommen, unseren kleinen Artikel von vor eineinhalb Jahren über die kommenden Revolte im Iran zu beweisen oder besser gesagt zu widerlegen, weiss man noch nicht. Man muss ihnen alles Glück wünschen und bereit sein, sie nicht allein zu lassen; bis zu dem Tag, wo wir nie wieder einen der unseren allein lassen müssen.

Die letzen paar neuen grossen Dinger

Falls es jemanden interessiert, hier sind ein paar Dinger, die in den letzten Monaten in gewissen internationalen Kreisen gelesen worden sind:

Ein Ding namens „The Call“ („The Left is periodically routed. This amuses
us but it is not enough. We want its rout to be final. With no remedy. May the spectre of a reconcilable opposition never again come to haunt the minds of those who know they won’t fit into the capitalist process.“),
eine anarchistische Kritik daran,
die berühmte Schrift Über die kommende Insurrektion („The flames of November 2005 still flicker in everyone’s minds. Those first joyous fires were the baptism of a decade full of promise. The media fable of “banlieue vs. the Republic” may work, but what it gains in effectiveness it loses in truth. Fires were lit in the city centers, but this news was methodically suppressed. Whole streets in Barcelona burned in solidarity, but no one knew about it apart from the people living there. And it’s not even true that the country has stopped burning.“),
(französisches Original hier, nicht zu verwechseln mit unserer eigenen Artikelserie Über die kommende Revolte),
und die Diskussion darüber auf libcom.org

Gähn: Wieder einmal Styckwaerk

Das Diss-Track, den die würzburger Studentenband Styckwaerk („Punk für Angepasste“) über dieses Heft geschrieben haben, ist jetzt da. Aber er ist ziemlich langweilig, und wir fragen uns, was er mit uns zu tun haben soll.

Hier kann man ihn anhören, auf mspace ist er auch schon.

Was für eine läppische Combo.

Der Papst war nie in der Hitler-Jugend! Nie! Nie!

Sagt der Vatikan. Dass das Gegenteil wahr ist, ist allgemein bekannt.

Lombardi told reporters in Jerusalem: „The pope was never in the Hitler Youth, never, never, never.“

In „Salt of the Earth,“ a 1996 book of autobiographical and religious reflections based on interviews with German journalist Peter Seewald, the then Cardinal Joseph Ratzinger said, however, that he was automatically enrolled into the Hitler Youth.

Über die katholische Kirche haben wir schon vor fast 2 Jahren fast alles geschrieben. Écrasez la enfâme!

Donnerstag, 07.05: Letzter Hype Party!

Was machst du am nächsten Donnerstag?

Du gehst zuerst auf das Konzert von Airpeople, Tschilp und 80 KM vor Bagdad, das dir von XyeahX präsentiert wird.

Danach bleibst du gleich da, denn draußen gibt es sowieso zuviele Schweine mit Grippe. Das Virus, das die Armee der Twelve Monkeys freigesetzt hat, scheint sich auf dem ganzen Erdball zu verbreiten. Den wenigsten von uns wird es möglich sein, in die sicheren Schutzräume unter der Erde zu fliehen, wenn das Virus auch hier ausgebrochen ist. Daher feiere mit uns die allerletzte Party der Menschheit.
Futter aus Schweinetrögel, Desinfektionsspray und auch Mundschutz wird genügend vorhanden sein. Djs aus den Hype-/XyeayX-Teams geben Ihre Sets zum Besten. Es gibt ausreichend veganes und keimfreies Essen, und ein albernes Gewinnspiel.

Nach uns die Schweinepest… oder so.

party

Was tun? Teil II

Teil II der Reihe von Gernot Riesenkäfer

1, Wie man einen Riesenkraken in seiner Wohnung hält

Zunächst ist es wichtig, zu wissen, dass Kraken extrem lichtempfindliche Tiere sind. Es ist daher zunächst wichtig, ein geeignetes abgedunkeltes Umfeld zu schaffen. Dies erreicht man am besten dadurch, dass man die Fenster der Wohnung zumauert.

Dann dichtet man die Wohnung sorgfältig und druckbeständig ab. Sinnvoll ist es bereits jetzt, die Einrichtung auf ihre Wasserfestigkeit zu durchmustern und gegebenenfalls nachzurüsten. Gute Dienste leistet hier Kunstharz, mit dem man sämtliche Einrichtungsgegenstände gut und dauerhaft versiegelt.

Man muss darauf achten, dass das Wasser, das man hiernach einlässt, den richtigen Salzgehalt und die richtige Temperatur hat: Riesenkraken sind Kaltwassertiere der subarktischen Tiefsee, der Salzgehalt sollte nicht zu hoch sein.

Ein Riesenkraken wird bis zu 13 Metern lang, die Wohnung sollte also unbedingt gross genug bemessen sein! Riesenkraken brauchen viel Bewegung, sie sind schnelle und ausdaurnde Schwimmer. Bitte beachten Sie, dass auch der Wasserdruck den Verhältnissen in 200 Metern Tiefe angenähert sein sollte! Es empfiehlt sich, die Wände rechtzeitig angemessen verstärkt zu haben.

Um sich selbst im ca 5 Grad (Celsius) kalten Wasser der Wohnung fortzubewegen, empfiehl sich ein Neoprenanzug mit ausreichend grossen Sauerstoffflaschen, eine Lampe sowie – unbedingt! – eine Harpune, um sich gegen den Kraken erforderlichenfalls durchsetzen zu können.

Hier wären wir schon beim wichtigsten Thema: der Kraken braucht grosse Mengen Fisch zu essen, die er sich entweder in den dunklen Tiefen Ihrer Wohnung erjagen muss oder, wahrscheinlicher, die Sie ihm zuführen müssen. Sie können mit einer Menge von ca. 200 kg pro Woche einen mittleren Kraken bereits satt und glücklich machen.

Zu unvergesslichen Abenden mit Freunden bei der Fütterung Ihres neuen Haustiers gratuliert bereits jetzt

Gernot Riesenkäfer.

2. Wie man die Menschen für seine Sache gewinnt

Oft ist es, gerade für politische Aktivisten, schwierig und frustrierend, dass ihre Positionen in der Öffentlichkeit nur selten und wenn, dann verzerrt, zur Kenntnis genommen werden. Ich habe deshalb Ihnen, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, zur Handreichung ein paar kleine Ratschläge zusammengestellt, mit denen Sie die Menschen für Ihre Sache gewinnen können.

a) Der Flugzettel

Das wichtigste ist natürlich der Flugzettel. Er sollte einfache oder doppelte Postkartengrösse haben und beidseitig eng (zweispaltig, Blocksatz, Times New Roman, 8pt) bedruckt sein. Gut sind witzige Zwischenüberschriften, am besten englische Songzeilen, die sich gut abheben gegen den zumeinst lateinischen Haupttext. Sprechen Sie über nichts, was sie nicht ausfühlrich aus den Kategorien Staat und Kapital ableiten! Sie beweisen damit Wahrhaftigkeit. Scheuen Sie sich nicht davor, immer dasselbe zu sagen. Irgendwann, seien Sie sich gewiss, wird es verstanden werden.

Fürchten Sie nicht Begriffe, die Sie nicht verstehen; das Publikum versteht sie auch nicht besser als Sie, sie werden also nicht blamiert werden. Auch keine Sorge bei Sätzen, die selbst Sie schwer verstehen: so etwas erregt Respekt.

Das wichtigste ist aber, bei allem, was Sie schreiben, Ihre Ausführungen an den gesunden sittlichen Anschauungen anzudocken, die wir doch alle miteinader teilen. Wenn es Ihnen nicht gelingt, Ihre Anschaungen mit allgemein geteilten Werten zu vermitteln, werden Sie als sog. Extremist ausgelacht werden. Das schadet der Wirkung.

b) Der Umzug

Veranstalten Sie doch einen Umzug! Das ist lustig und macht Eindruck. Tun Sie sich zusammen, setzen Sie entschlossene Gesichter auf, ziehen Sie durch die Stadt! Vergessen Sie nicht, schwarz zu tragen, die Farbe der Todfeindschaft gegen diesen Staat und diese Gesellschaftsordnung. Untermalen Sie dieses militante Auftreten mit Parolen, die jedermann versteht und mit denen alle etwas anfangen können: „Nazis raus!“ ist ganz gut, aber „Nieder mit dem Bullenterror!“ ist auch nicht schlecht. Sie zeigen damit dem Bürger auf der Strasse, dass Sie sich keineswegs gegen den Staat, sondern gegen Überschreitungen von Kompetenzen wenden wollen. Vergessen Sie nicht: Weniger als 5% der Bevölkerung wären bereit, an einer Demonstration unter der Parole „Mehr Bullenterror!“ teilzunehmen.

Den Umzug krönen Sie mit Redebeiträgen, deren Text Sie am Abend vorher hastig dem Internet entnehmen. Lesen Sie sie nicht zu gründlich durch, das verleiht dem ganzen eine gewisse Spontaneität. An Stellen, die Sie beim Vortrag plötzlich entdecken, an denen für Sie untragbare Positionen ausgedrückt werden, kommen Sie übrigens geschickt vorbei, indem Sie noch undeutlicher reden. Ganz mutige lösen die peinliche Situation, die entstehen könnte, durch lautes Lachen auf.

Um zu verhindern, dass das alles etwas langweilig wird, geben Sie während des Umzugs regelmässig neue Parolen aus. Keine Sorgen, wenn sie thematisch nicht recht passen wollen! Die Abwechslung ist das Geheimnis jeder guten Party. Skandieren Sie bei einer Demo gegen Gen-Mais auch gerne Sprechchöre zugunsten der Freilassung von politischen Gefangenen.

Fortsetzung folgt

Gott ist untot

Zur Kritik der Religion. Von den kommenden Revolten, Teil 6

Seit der letzte bürgerliche Filosof den Tod Gottes proklamiert hatte, reissen dennoch die teilweise bestätigten, teilweise unbestätigten Nachrichten von neuerlichen Sichtungen nicht ab; dergestalt, dass es heute wahrscheinlich niemanden Wunder nähme, wenn in den Zeitungen, unter den übrigen Überschriften, auch die Nachricht vom Wiedererscheinen Jesu über Damaskus vermeldet würde.

Der Atheismus gerät in einer solchen Zeit in die äusserst spasshafte Lage, eine Wahrheit verkünden zu müssen, die niemand hören will oder, wie es sogar scheint, verstehen kann. Dass es keinen Gott gibt, erscheint angesichts der Massen, die finster entschlossen zu sein scheinen, an ihn zu glauben, als absurd, fast diskreditiert; er ist doch eine Realität, wenn auch reiner Wahn.

1
Gott bedeutet nichts anderes als die Knechtschaft des Menschen, weil der Begriff zwei Tatsachen ausdrückt: die, dass der Mensch unfrei, unvollkommen ist; dann die, dass ein freies und vollkommenes Wesen für den Menschen aber denkbar ist. Was denkbar ist, ist aber auch immer möglich; aus der tatsächlichen Unfreiheit und Unvollkommenheit des Menschen folgt zwingend die Freiheit und Vollkommenheit Gottes. Der Begriff Gott erweist sich also als eine verrätselte Abbreviatur eines Begriffes von gesellschaftlichen Herrschaft. Löst man ihn ins Negative auf, erhält man unmittelbar alle Ergebnisse der Religionskritik nach Feuerbach und ganz deutlich den Imperativ nach Marx, alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch und so weiter. (1)

Die Aufklärung, die das Bürgertum im Sinn hatte, hat nun angeblich, nach dem Wort eines zweifelhaften Gelehrten, die Welt entzaubert. Ihre Wissenschaft erklärte, Gott sei eine Hypothese, derer sie nicht mehr bedürfe. Von der Vernunft, die seine Stelle einnehmen sollte,(2) ist aber nichts zu sehen. Die aufgeklärte bürgerliche Gesellschaft entfaltet sich stattdessen nicht nach Massgabe einer allgemeinen menschlichen Vernunft, sondern unter dem Gesetz des Kapitals und des Staates.

Hier lebt die Menschheit nun, unter der Herrschaft eines Gedankendings, das nichtsdestoweniger eine Realität ist, und sogar in einem gewissen Sinne die einzige Realität: denn das Produktionsionsverhältnis des Kapitals, der Wert, der sich selbst verwertet, ist zum einzigen geworden, was an dieser Geschichte noch kontinuierlich ist, zum einzigen Subjekt der Geschichte. Der sich verwertende Wert schreitet durch die Geschichte, die nur noch die Geschichte seiner eigenen Entfaltung ist. In ihm ist Hegels Weltgeist, diese filosofische Fassung des Gottes der Christen, zu einer schrecklichen Wirklichkeit geworden.

2
Der religiöse Fanatismus unserer Tage ist nicht das einfache Fortleben der Religion der Vorzeit, sondern eine Neubildung; die Religion selbst ist erledigt, das Kapital ist ihr Erbe. Die Religion erhält sich aber am Leben, weil ihre Abschaffung misslang. Der Atheismus der bürgerlichen Revolution konnte sie nicht abschaffen, denn man kann die Religion nicht abschaffen, ohne sie, auf eine gewisse Weise, zu verwirklichen. Und die Abschaffung der Religion, in diesem Sinn, ist die Voraussetzung der Abschaffung von Staat und Kapital.

Der Atheismus hat nun an der Religion nicht das fundamentale Rätsel durchzustreichen vermocht, dass der Mensch unfrei, unvollkommen ist, aber frei und vollkommen sein müsste; er hat nur die Existenz Gottes ausgestrichen, die scheinbare Lösung des Rätsels. Er hat jene Auflösung ins Negative nicht betrieben, dass der Mensch die Vollkommenheiten, die er Gott zugeschoben hatte, in sich selbst zurückholen müsste; mit einem Wort, er hat mit dem Begriff Gott auch den Gedanken durchgestrichen, was der Mensch sein könnte. Die Verwirklichung dieses Gedankens wäre die wirkliche Lösung des Rätsels gewesen, nämlich die befreite Menschheit.

3
Jede Religion bedarf einer Mythologie, die auseinandersetzt, warum die Vollkommenheit und Freiheit, die dem Menschen doch denkbar und damit möglich sind, von diesem getrennt sind und allein Gott zukommen. Und keine Religion kann ohne ein Versprechen auskommen, dass diese Trennung, aus deren paradoxer Plausibilität sie doch ihre Kraft bezieht, einmal aufgehoben werden würde. Der Begriff Gott selbst enthält diese Spannung, die allerdings je nach Religion verschieden aufgelöst wird. Die Religion, die Lehre vom wirklichen Elend, erscheint so als Lehre von der vorgestellten Erlösung.

Das bürgerliche Zeitalter, das den christlichen Gott zum Staat und zum Kapital säkularisiert hat, hat sich besonders leicht getan, diese bloss vorgestellte Erlösung zum Spott zu machen; es hat schliesslich auch, aus der christlichen Religion, die Vorstellung übernommen, Gott, der erlösende, wirke bereits in der Geschichte. Aus dem Hereintreten eines Mensch gewordenen Gottes in die menschliche Geschichte, als Erlöser, ergab sich schon immer die schliessliche Erlösung als Gewissheit, als unabwendbare Tatsache, auf die die Geschichte hindränge. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, in der Idiotie des Glaubens an einen Fortschritt noch die Figurationen des christlichen Heilsgeschehens am Werk zu sehen; ein weiteres Zeichen, wie wenig diese angeblich so säkularisierte Welt von der Theologie sich emanzipiert hat.

Die christliche Lehre von der Erlösung, wie sie in Gegensatz zur jüdischen Lehre tritt, erklärt die Erlösung für eigentlich schon geschehen, den Zwiespalt zwischen der erlösungsbedürftigen Schöpfung und dem Gesetz, unter dem sie steht, schon für aufgelöst. Dem gegenüber entwickelt sich in den gleichen Jahrhunderten die jüdische Lehre dazu, an dem Gegensatz als einem unversöhnten festzuhalten. Der Islam hat später versucht, in diesem historischen Gegensatz als Synthese aufzutreten; aber in der entscheidenden Frage, ob nämlich Jesus der Messias gewesen sein soll, hat er sich auf die christliche Seite geschlagen.

4
Die Infamie der dreisten Behauptung, der Messias sei schon gekommen, ist für die Zwecke, die die Kritik der Religion verfolgt, keineswegs nebensächlich. Es zeigt sich nämlich, dass aus der christlichen Lehre kein Begriff der Erlösung zu gewinnen ist, der von dieser Grundlüge nicht betroffen wäre. Die christliche Lehre, für die die Erlösung nicht etwas ungewisses, erwartetes ist, sondern etwas gewisses und zwangsläufiges, spricht nicht nur unmittelbar das jetzt bestehende Elend selbst schon heilig; sie verspricht in letzter Konsequenz auch nicht die Aufhebung des Gesetzes, das den Menschen von seiner Vollkommenheit trennt, sondern sie erklärt es schon für aufgehoben.

Die ganze junghegelische Schule der Religionskritik bis hin zu Marx, die das Christentum für die äusserste Entfaltung der Idee der Religion gehalten hat, hat ihren Gegenstand verfehlen müssen. Das Christentum ist unterhalb der Kritik,(3) es ist gleichzeitig noch ein heidnischer Opferkult und schon ein abgefeimter Betrug um den einzigen Gedanken, den die Religion der Menschheit hätte schenken können: dass sie im Elend lebt, aus dem sie befreit werden müsse.

Die jüdische Lehre allein hat am untröstlichen Gedanken festgehalten, dass der Messias noch nicht gekommen ist. In dieser übrigens unwiderleglichen Gewissheit bewahrt sich ein Bewusstsein davon auf, was für ein radikaler Bruch mit der bisherigen Geschichte das Kommen des Messias und die Erlösung sein müssten; und um so mehr, wie wenig zwangsläufig dieses Kommen des Messias sein kann: es kann jederzeit geschehen, von einer Sekunde auf die andere, es tritt wie von aussen in die Geschichte ein. Die Geschichte ist nicht die einer zwangsläufigen Entwicklung zur Erlösung vom Elend, sondern sie wird sichtbar als das Elend selbst, von dem die Menschheit erlöst werden müsste.

5
Der heutige religiösen Fanatismus drückt heute sehr wohl noch das wirkliche Elend der Menschheit aus, aber längst nicht mehr auch nur eine illusionäre Erlösung. Zur wirklich massenhaften Plage eigenen sich, wie man deutlich sieht, nur diejenigen Religionen, die genau um den radikalen Bruch mit der bisherigen Geschichte betrügen, der auch für eine nur vorgestellte Erlösung heute denknotwendig wäre. In den apokalyptischen Vorstellungen der heutigen Fanatiker spiegelt sich nicht der befreiende Bruch, sondern wird die Katastrofe, auf die die Welt ohnehin hintreibt, ausdrücklich heiliggesprochen.

Die radikale Kritik, der es selbst genau um den Bruch mit aller bisherigen Geschichte, die zu den Katastrofen treibt, zu tun ist, wird dagegen viel von der jüdischen Lehre zu lernen haben; ihre Lehre vom Messias, der erst kommen soll, ist ja bereits der religiöse Traum von einer Sache, von der die Menschheit nur das Bewusstsein haben müsste, um die Sache selbst zu haben. Walter Benjamin hat in seinen Thesen zur Geschichte das nötige gesagt, es hat nur niemand gelesen, und die es gelesen haben, haben es nicht verstanden.(4)

Die Revolution wird, wenn die die bestehende Herrschaft abschaffen will, auch die vergangenen Kämpfe wiederaufnehmen müssen, sie wird die bestehende Herrschaft nicht besiegen, wenn sie nicht auch alle vergangene Herrschaft überwindet, alle vergangene Gewalt ungeschehen macht, alles Zerschlagene zusammenfügt; die Revolution findet sich also, kurz gesagt, vor der Herausforderung, das Programm des Messias erfüllen zu müssen, nämlich die Auferstehung der Toten, und das ewige Leben.

Dieser völlig wahnsinnige Anspruch kann aus denselben Gründen nur in Begriffe der Theologie gefasst werden, wie Marx in seiner Kritik des Kapitals auf solche zurückgreifen musste; das ist kein Zufall, und eine Revolte, die unterhalb dieses wahnsinnigen Anspruchs bleibt, wird nicht bestehen. Die Revolte hat sich als der wahrhaftige Messias zu begreifen, ja sogar jeder einzelne, der an ihr teilnimmt,(5) nur so wird sich ein radikaler Begriff der Befreiung aus der Verklammerung mit dem Religiösen retten lassen; es gibt in diesen Zeiten keine anderen Worte als diese; erst der wahre Messias, der niemand anders sein kann, als die ganze Menschheit selbst in dem Moment, in dem sie sich befreit, wird die verrückten Profezeiungen erfüllen und die erfüllte Zeit einleiten, in der nicht Gott, sondern der Mensch wirklich das höchste Wesen für den Menschen ist.
Anmerkungen

1 …in denen der Mensch ein verlassenenes, geknechtetes, verächtliches Wesen ist, Marx, Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsfilosofie.
2 Genosse Anaxagoras Chaumette hat sie damals in einer, glaube ich, sehr geschmackvollen Zeremonie inthronisieren lassen. Es war freilich gar nicht die wirkliche Dame Vernunft, die auf dem Thron in der Kathedrale de Notre Dame Platz nahm, wie man heute weiss, sondern eine Schauspielerin. Die Vernunft selbst ist unbekannten Aufenthalts.
3 Aber sehr wohl ein Gegner, den es zu treffen gilt.
4 Walter Benjamin, Thesen zum Begriff der Geschichte, www.google.com
5 Um heute an die einfachste Sache der Welt auch nur zu denken: dass man in die Revolte eintreten könnte, dazu bedarf es eines an Grössenwahn grenzenden Selbstverständnisses, das demjenigen gleichkommt, sich selbst für den Messias auszurufen. Was aber garantiert uns, dass wir es nicht sind?

Von Jörg Finkenberger

Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters. Teil 1

1
Ich habe eine gut bezahlte Stelle, der Job ist ziemlich sicher, ich kann meine Zeit selbst einteilen, man schaut mir nicht besonders genau über die Schulter, und ich habe eigentlich ganz gute Chancen, Karriere zu machen. Die Arbeit ist nicht besonders stumpf, im Gegenteil, sogar anregend und herausfordernd.

Ich hasse meinen Job mehr als alles andere auf der Welt.

Er ist wie ein grosses Tier, das alle meine Energie und alle meine Zeit frisst, und am anderen Ende kommt raus, was eben bei so Tieren am anderen Ende rauskommt. Es ist ganz gutes Geld, ich sag es nochmal, und ich habe eigentlich nie viel Geld gehabt, und es ist wirklich nicht schlecht, Geld zu haben, und sich Sachen kaufen zu können, die scheinbar alle Leute haben, oder richtig gutes Essen.

Ein Ersatz ist es nicht.

2
Das schlimmste ist, wenn man früh aufsteht, zu wissen, in soundsoviel Stunden muss ich auf der Arbeit sein. Es ist ein Terror, der seinen Schatten schon voraus wirft, es lähmt mich, es lässt mich nicht los, die kommende Stunde ist wie ein Strudel, und ich weiss, ich habe noch Frist, aber nicht mehr viel. Vielleicht noch ein bisschen lesen, bisschen Tee trinken, wenn ich ganz früh dran bin und das Wetter schön vielleicht bisschen vor die Tür, oder wenns kalt ist ein Bad; manchmal auch einfach noch weiterschlafen, gierig, und dann ganz schnell aus dem Haus.

Wie ich den Schlaf lieben gelernt habe, er ist mein Beschützer, wenn ich schlafe, muss ich nicht daran denken, dass die Stunde kommt, bald, die bedeutet, dass mein Körper und auch meine Gedanken nicht mehr mir gehören, dass ich sie verpfänden muss, um mir Zeit zu kaufen hier im Leben, Zeit, in der ich nicht verkomme.

Und ich habe gelernt, grimmig und entschlossen zu schlafen. Jede Minute ist kostbar, die man dem Tag, dem Feindesland, entreisst. Der Preis dafür, dass es nicht denen in die Hände fällt, ist der Schlaf, oder der Rausch.

3
Zeit, in der man nicht verkommt, ganz körperlich nicht verkommt, dass ist, was man bekommt. Überleben. Dafür tauscht man die Zeit ein, in der man leben könnte, wenn man das könnte.

Ich tausche mein Leben ein für Geld, und von dem Geld kann ich mir angeblich mein Leben leisten. Ich glaube keine Sekunde, dass das so ist. Für mein Geld bekomme ich nicht mein Leben, sondern etwas, das so aussieht wie ein Leben, aber eher so, wie ein Werbespot ausschaut wie ein Leben, nur dreckiger.

Mein Leben, davon kann ich nur im Konjunktiv reden: was ich tun könnte, wenn nicht und so weiter. Wenn ich zur Arbeit fahre, und die frühe Sonne scheint: wie schön wäre es, wenn ich es nicht eilig hätte, denn meine Zeit gehört mir nicht, sowenig mir die Sonne gehört und die Felder und die Wälder, über die sie scheint, und noch weniger die Städte. Oder der Mond des Nachts, wenn ich heimfahre: ich wollte, ich wäre eine kleine Fledermaus. Aber meine Zeit gehört nicht mir, und ich muss jetzt essen und schlafen, denn morgen muss ich auf die Arbeit. Auf Wiedersehen, kleiner Mond, auf Wiedersehen, schwarzer Wald, ich wollte, ich hätte euch nicht gesehen.

4
Aber so muss es wohl sein, denn das alles ist nicht meines, und meine Frist auf dieser Welt kaufe ich, indem ich mein Leben verpfände. Diese Welt gehört mir nicht, es ist schon Diebstahl, dass ich nur einen Blick auf sie werfe, im Vorbeieilen. Wem aber gehört sie? Ich sehen niemanden, der einen sinnvollen Nutzen von ihr hätte, ich sehe nur Sklaven wie mich.

Und sie sind es, scheint es, zufrieden. Mit grossen Augen betrachten sie die Wunder, die sie für ihr Geld kaufen können, die grosse Welt des Fernsehens, über die sie nicht genug reden können, den Urlaub in einem anderen Land, das ihnen auch nicht gehört, neue Vorhänge und die Wurstplatte in irgendeinem Ausflugslokal. Das sind ihre Gespräche, wenn ich richtig zugehört habe, bei den anderen auf der Arbeit.

Manchmal erwischt man einen davon in einer stillen gedrückten Minute, und dann macht man einen Blick in eine Seele, die genauso verzweifelt ist, aber sie haben keine Idee, dass es nicht so sein muss.

Diese Welt würde ihnen gehören, wenn sie sich nähmen. Wenn im Sommer der Asfalt Blasen wirft und die Luft stillsteht, und der Himmel über der Stadt hängt wie ein Ozean, dann träume ich davon, dass wirklich diese ganze nutzlose Maschine stillsteht, dass wir lachend aus den Betrieben gehen und den Wohnkasernen, und dass nichts mehr so sein wird, wie es war.

Ich werde mir kein Haus kaufen und mich niederlassen, ich werde hier mein Glück nicht finden, ich werde es nicht einmal suchen, denn ich weiss, dass hier nur die Hölle zu finden ist; ich habe nur diesen Traum meiner Sommernachmittage, und er erfüllt mich mit rasendem Glück, und ich will ihn Wirklichkeit werden sehen.

Zum Ende des Autonomen Kulturzentrums Würzburgs

Eine notwendige Richtigstellung

Das Insolvenzverfahrens über das Vermögen des Vereins für Bildung und Kultur Würzburg e.V. ist eröffnet, das akw! ist offiziell insolvent. Und schon haben sich im offiziellen Kulturbetrieb der Stadt Legenden darüber gebildet, woran es gelegen haben dürfte, und insbesondere natürlich, wer zuletzt daran schuld war.

Denn es ist ja eine mittlere Katastrofe für ein verschissenes Kaff: diejenige Location, in der sich der alternative Teil des studentischen Milieus seit Anfang der 90er gesellig die Laternen ausknipsen durfte, ist jetzt zu. Hier haben einige den besseren Teil der Vortäuschung ihrer wilden Jugend verbracht, bevor sie wurden, was sie sind.

Wer keine teuren Erinnerungen an eine vergangene Jugend braucht, wer den Hass und die Beweglichkeit nicht verlernt hat, wird der Bumsbude in der Frankfurter Strasse keine Träne hinterherweinen müssen. Zuletzt war es sowieso nur noch eine Quälerei. Und schon vor zweieinhalb Jahren, als der Verfasser dieser Zeilen die Ehre hatte, ein Vierteljahr im Vorstand des Vereins dabeizusein, hat man sehen können, dass es zwecklos ist. Damals wäre wohl der richtige Zeitpunkt gewesen, zuzumachen.

Damals, 2006, hatten wir den Vorstand übernommen, nachdem der damalige Erste Vorsitzende mit dem Rest seines Vorstandes zurückgetreten war. Der Laden, den wir übernommen haben, war so verschuldet, dass wir schon damals geprüft haben, ob wir verpflichtet sind, Insolvenz anzumelden; der Laden war hoch verschuldet, die Reserven aufgefressen, und der Investitionsrückstand war auch ganz beträchtlich. Es war ganz einfach im Durchschnitt seit 2004, und zwar sich zyklisch verschärfend, weniger Geld reingekommen als rausgegangen war, und darauf wurde in verschiedener Weise falsch reagiert.

Ein Laden wie das akw! betreibt grundsätzlich Wertschöpfung wie folgt: Bier zu Einkaufspreisen wird durch Bespielung mit der Art von Kultur, die die Kundschaft mag, veredelt zu Bier zu Thekenpreisen. Die geheime Zutat, die den Preisaufschlag (der ca. 200% betragen sollte) rechtfertigt, ist genau das kulturelle Profil. Kultur und Bier kommt rein, Pisse und Mehrwert (aus dem die Löhne und die Zinsen gezahlt werden) kommt raus.

Man verzeihe meine rauhe Sprache angesichts einer rauhen Realität, aber süsslich tun war nie meines, und abgesehen davon ist die Zeit dafür vorbei.

Der vorherige Erste Vorsitzende hat zunächst den grundsätzlichen Fehler begangen, die Linie, die er dem Laden auferlegte, nicht aus dessen Profil zu entwickeln, weniger süsslich ausgedrückt: er war des Irrtums, dass es dem Laden egal sein könnte, was für Musik man dem Bier zusetzt, wenn sie nur insgesamt genug Leute zieht, durch deren Nieren das Bier wieder zu Pisse wird. Er hat aber übersehen, dass das akw! steht und fällt mit einer Stammkundschaft, die gehalten, und ständiger Neukundschaft, die erst einmal kulturell erzogen werden muss (ja, erzogen. Ein Laden wie das akw! hat niemals einfach spielen können, was das Publikum sich so wünscht. Er lebt davon, es auf gewisse Weise herauszufordern.) . Wer aber ernsthaft „Knorkator“ ins akw! holt, muss sich über nichts mehr wundern. Es begann das Stammpublikum massiv wegzubleiben und die Neukundschaft derart beliebig zu werden, dass man sich wirklich auf das Niveau herunterbegeben hatte, mit dem Zauberberg und dem Labyrinth konkurrieren zu müssen; eine Konkurrenz, die für das akw! nur ruinös sein konnte. Das akw! hat eine Marktlücke abseits des main streams, oder es hat keine.

Wir haben das alles schon Ende 2005 gesagt. Damals konnte man noch drüber streiten.

Er war des weiteren unfähig, mit den alten Mitarbeitern des akw! umzugehen. Er hielt sich einfach für den Chef. Befehlen kann man anderswo, vor allem, wo einem der Laden gehört. Im akw! holt man sich damit gelegentlich Streit ins Haus, vor allem dann, wenn man unrecht hat, was ja gelegentlich vorkommen soll. Dann kann man natürlich die entsprechenden Mitarbeiter auch einfach rausschmeissen, solange, bis man selber vom wirklichen Chef, der Vereinsversammlung, rausgeschmissen wird.

Zuletzt war er unfähig, die Notbremse zu ziehen, als es noch Zeit war. Stattdessen wurde weitergemacht, bis es schon lange zu spät war. Man hätte es wahrscheinlich abwenden können, aber er war dazu nicht der richtige.

Die nach ihm kamen, haben es ja auch nicht geschafft, eine konsistente Linie zu entwickeln. Sie waren aber auch, was für ihn nicht gilt, durch die finanzielle Lage an Händen und Füssen gefesselt. Eigene Fehler haben sie natürlich auch gemacht.

Man muss bedenken, dass nicht nur viele unter ihnen sind, die z.B. Indie für eine Musikrichtung halten (also im Grunde für etwas weicheren Rock) statt für ein ökonomisches Segment (independent, dh unterhalb der major-Label). Die Qualität des Publikums war dann auch danach. (Hauptsach, sie tanzen, pflegte der weisse Wal zu sagen, wie er so vieles zu sagen pflegte.)

Sie haben aber durch unbezahlte Arbeit eine ganz konsiderable finanzielle Entspannung geschafft, und waren zunächst auf dem Wege einer wirklichen Besserung, bevor ihnen eine unvorhersehbare Nachforderung der Stadtwerke das Genick gebrochen hat. Und schon erzählten gewisse Idioten in Würzburg (und das akw! war noch gar nicht tot!), dass diese angeblich unfähigen neuen Leute das akw! zu Grunde gerichtet hätten. Unter dem vorherigen Vorstand wäre es ja noch gutgegangen.

Witzig, denn der Schuldenstand, den wir damals übernommen haben, hat sich eigentlich gar nicht besonders erhöht. Die jetzige Insolvenzlage des akw! gab es genausogut schon vor zweieinhalb Jahren, und wir hätten damals Insolvenz anmelden müssen; wenn, ja wenn nicht die Gläubiger selbst, zu deren Schutz es das Insolvenzrecht ja gibt, darauf verzichtet hätten und uns gebeten hätten, weiterzumachen. Ich wusste damals bald nicht mehr so ganz, weswegen man das eigentlich macht, für die Zinsen der Bank, und um die Blösse der Stadt zu bedecken, oder für uns, und bin dann auch wieder raus; andere haben weitergemacht, irgendwann hat es sie eingeholt. Hätten sie es zuletzt besser machen können? Sicherlich. Hätten sie eine Chance gehabt? Ich glaube nicht.

Jörg Finkenberger

4/4: Über die Burschenschaften Germania, Adelphia, Cimbria und die Landsmannschaft Teutonia

Einleitung

Nach einem ersten Überblick über das Würzburger Korporationswesen(1) und zwei allgemeinen Teilen über die Allgemeine Klassifikation, Funktionen und die autoritäre Erziehungsgemeinschaft einerseits(2) und andererseits über Eliteformation, Geschichte und Konservative Revolution im Korporationsmilieu(3) wenden wir uns im vierten und letzten Teil der Serie nun einzelnen Würzburger Verbindungen zu.
Die Auswahl dieser erfolgte dabei nicht wahllos: zur Zeit der Vorbereitung des Textes befanden sich die Burschenschaften Germania und Cimbria noch in der Deutschen Burschenschaft, deren ideologische Gemeinsamkeit der „völkische Nationalismus“(4) ist. 2008 traten jedoch die Germania und die Cimbria aus der Deutschen Burschenschaft aus(5). Die Gründe dafür werden nicht über öffentliche Wege kommuniziert. In gewohnt geheimnis-umwobener Manier schreibt dazu ein Germane: „Die Personen, die sich für die Gründe des Austritts wirklich interessieren, sind wohl ausschließlich korporiert und denen ist dann auch TraMiZu [Anmerkung AK Kritische StudentInnen: Tradition mit Zukunft, Internetportal für Korporierte] bekannt. Des weiteren ist es schwer Quellen zu benennen, da diese nur das bundesinterne Nachrichtenblatt wäre, welches für Außenstehende nicht zugänglich ist.“(6) Durch eine ausbleibende Erklärung zum Grund Ihres Austritts verpassen die Germanen und Kimbern natürlich auch die Chance, von der bürgerlichen Öffentlichkeit als nicht mehr völkisch-nationalistisch wahrgenommen zu werden. Wie dem auch sei: die Fundamentalkritik an den beiden Burschenschaften verliert durch den Austritt in keinen Weise seine Schlagkraft. Ganz im Gegenteil bestätigt dies unsere Analyse, denn es ist nicht möglich die völkischen Burschenschaften der Deutschen Burschenschaft getrennt von Rest des Korporationsmilieus zu betrachten, solange sich ein Großteil der Verbindungen und Verbände nicht, wie in anderen Staaten, als bloßes Elitenetzwerk ohne den völkischen Kitt versteht. Daher wird hier auch die Landsmannschaft Teutonia in den Blick genommen.
Darüber hinaus gründete sich in Würzburg im Januar 2009 eine neue Burschenschaft namens Libertas. Diese stellt eine Abspaltung von den Germanen dar, die im weitesten Sinne etwas mit dem Austritt der Germanen aus der Deutschen Burschenschaft zu tun hat, denn man strebt einen Eintritt in die Deutsche Burschenschaft an(7). Ihr Wahlspruch lautet, wie sollte es anders sein, „Ehre- Freiheit- Vaterland“(8). Damit hat eine Blockbildung bei den Würzburger Burschenschaften eingesetzt: Auf der einen Seite finden sich die Burschenschaften Adelphia und Libertas, die offen an der völkischen Deutschen Burschenschaft partizipieren bzw. partizipieren werden und deren Verbundenheit bereits durch eine gemeinsame Freundschaftskneipe besiegelt wurde(9), auf der anderen Seite finden sich die Burschenschaften Cimbria, Germania und Arminia.

Es folgt die Darstellung der einzelnen Verbindungen:

Burschenschaft Germania
Farben: schwarz-gold-hellblau
Adresse: Nikolausstraße 21

Zur Geschichte der Germanen in der Weimarer Republik:
Keine andere Würzburger Studentenverbindung hatte zur Zeit der Weimarer Republik so viele Mitglieder im National-Sozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB)(10). Von 50 Aktiven Germanen waren bereits 1929 17, im Sommersemester 1931 bereits 29 Korporierte beim NSDStB aktiv(11), wobei erwähnt werden muss, dass der Nationalsozialismus innerhalb der Germania scheinbar einen solchen Rückhalt hatte, dass der Kopf des NSDStB die Burschenschaft Germania als „Sektion II. Des NSDStB“(12) bezeichnete, was die alten Herren der Germania empörte. Für die Nazis bildeten die „Studentenbundkameradschaften der Korporationen dass eigentliche Rückgrat des Würzburger NSDStB“(13). Wenn es auf der Germanen-Homepage schlichtweg heißt, „schon bald zeigten sich dunkle Wolken am Himmel. Kurz nach der Machtergreifung Hitlers erfolgte der Eingliederungsprozess der Burschenschaften in den NSDStB“(14), dann ist dies also nur die Halbe Wahrheit und ignoriert zum Wohle des Images der Germanen die Rolle der Burschen bei der Zerschlagung der Weimarer Republik.

Geschichte bis heute:
Auch nach dem Krieg zeigten sich bei der Germanen revisionistische und völkische Tendenzen. So findet sich „zum Geleit“ im Totengedenkbuch der Germanen, das den Gefallenen des ersten und zweiten Weltkrieges gedenkt, folgendes Gedicht: „Das kein Feind betrete den heimischen Grund, stirbt ein Bruder in Polen, liegt einer in Flandern wund; Alle schützen wir Deiner Grenzen heiligen Saum, unser blühend Leben für deinen dürsten Baum, Deutschland!“(15).
Modernere Studentenverbindungen richteten sich bereits im Jahre 1965, allen voran die gemäßigten katholischen, gegen das Singen aller drei Strophen des Deutschlandlieder, was zu Auseinandersetzungen in interkorporativen Conventen, führte(16). Die Germanen und andere Verbindungen wollten alle Strophen singen, weshalb 1965 ein Convent abgesagt wurde. Die 68er Umbrüche machten auch vor den Germanen nicht halt. Während einige liberalere Burschenschaften das Fechtprinzip fakultativ, also freiwillig, gestalten wollten, wandten sich die Germanen auch hier auf die konservative Seite(17). Der Autor des 1993 erschienenen Geschichtsbuches „175 Jahre Burschenschaft Germania zu Würzburg“ macht sich für das Jahr 1975 auch Gedanken über den Wehrdienst, wobei die soldatischen Tugenden natürlich unangefochten bleiben und man den Mitgliederschwund aufgrund der Entwurzelung, also völkisch, interpretiert. „Denn die Leugnung und Ächtung der Autorität führen zur Entwurzelung besonders des jungen Menschen, weil sie verknüpft ist mit der Preisgabe dieser Rechte und dessen, was ihn im Grunde an das geschichtlich gewachsene bindet.“(18) Wehrdienstverweigerer werden abgelehnt: „Glücklicherweise kennen wir in unserem Bunde dieses leidige Problem nicht, denn ein Wehrdienstverweigerer wird zwangsläufig auch unsere Prinzipien ablehnen und sich damit automatisch aus unserer Gemeinschaft ausschließen“(19).
Auch die Kontakte, die die Germania mit anderen Verbindungen im sogenannten Schwarz-Roten-Kartell pflegt, verheißen kaum eine Abkehr von völkischen Ansichten. Die Alte Burschenschaft Alemmania in Kiel veranstaltete im Mai 2002 einen Vortrag mit dem Titel „die Legion Condor und der spanische Bürgerkrieg“, wobei die Condor eine Eliteeinheit der Luftwaffe war, die 1937 die Ortschaft Guernica dem Erdboden gleich machte(20). Auch eine zweite Burschenschaft, mit der sich die Germanen verbunden fühlen, nämlich die Hansea-Allemannia in Hamburg, zeigt eine Affinität zu rechtem Geschichtsrevisionismus: so veranstaltete man einen Vortrag mit Karl-Heinz Weißmann, einem Publizisten der Neuen Rechten, und pflegt Kontakte zu völkisch-heidnischen Kreisen(21).

Burschenschaft Adelphia
Farben: grün-schwarz-rot
Adresse: Sieboldstraße 12

Auch bei den Adelphen findet sich kein Bruch mit dem deutschen Soldatentum. Noch 1967 heißt es bei einer Gedenkschrift für die Gefallenen des 2. Weltkriegs: „War dem deutschen Volke auch kein Sieg beschieden, so hält der Tod doch in uns das Bewusstsein wach, dass sie für uns gestorben sind.“(22) Was es bedeutet hätte, wenn dem sogenannten deutschen Volk der Sieg zu Teil geworden wäre, nämlich eine Aufrechterhaltung des systematischen Massenmordes an den Jüdinnen und Juden und eine Fortführung der Barbarei, müsste selbst den Adelphen bewusst sein.
In einer Selbstbeschreibung der Adelphen von 2008 finden sich sowohl Versatzstücke des deutschen Soldatentums, als auch von dumpf-patriotischem Denken und ständischer Elitetheorie: „Disziplin, Pflichtgefühl, Verantwortungsbewusstsein, Solidarität und Leistungsbereitschaft […] betreffen die Fähigkeit des Einzelnen, die er für sich, seine Korporation und sein Land bereit ist einzubringen. […] Patriotische Grundhaltung und Risikobereitschaft sind weitere Werte, die wir […] für essentiell halten. […] Konkret bedeutet dieses Ergebnis für uns, daß wir die gesellschaftliche Vorbildfunktion der akademisch gebildeten Menschen fordern.“(23)
Kontakte pflegen die Adelphen mit der Burschenschaft Normannia Heidelberg.(24) Diese ist in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft(25) organisiert, dem äußersten rechten Rand der Deutschen Burschenschaft(26). Dazu passt, dass die Mitglieder der Normannia im November 2003 die antisemitische Rede Martin Hohmanns kopierten und an der Uni verteilten(27). Dieser Freundschaft ist es wohl auch geschuldet, dass die Adelphen im WS 07/08 einen Vortrag mit starker rechter Schlagseite veranstalteten: Hannes Kaschkat, Vizepräsident der Würzburger Uni a.D und Mitglied bei den Heidelberger Normannen(28), Interviewpartner von Junger Freiheit(29) und Nationalzeitung(30) (der Zeitung des DVU-Chefs Gerhard Frey), Autor im Grabert-Verlag(31), in dem auch mehrere Auschwitzleugner publizierten(32) und Republikaner-Anwalt in den 80er Jahren(33) hielt am 08.12.2007 im Adelphenhaus einen Vortrag zum Thema „Berufsfreiheit und Staatskontrolle (am Beispiel Danubia München und Sascha Jung)“(34). Da Hannes Kaschkat selbst bei der Danubia zu Gast war(35), welche z.B. dafür bekannt ist, einem Neonazi nach einer Schlägerei Unterschlupf gewährt zu haben und bis 2007 vom Verfassungsschutz überwacht wurde(36), hofierte die Adelphia einen Gast mit Kontakten zum rechten Rand in ihrem Hause.

Burschenschaft Cimbria
Farben: violett-silber-schwarz
Adresse: Huttenstraße 31

Auch einige Kimbern zeigten eine frühe Affinität zum Nationalsozialismus, denn 1929 waren auch einige Ihrer Mitglied im NSDStB(37) organisiert. Inwieweit die Rolle der Burschenschaften in der Kampfzeit des NS aufgearbeitet wurde, ist unbekannt. Überhaupt ist die Beschaffung von Material zu den Kimbern im Vergleich zu allen anderen Verbindungen am schwersten. Sie hält sich bedeckt, betreibt zur Zeit nicht einmal mehr eine Homepage. Das einzige Lebenszeichen seit langem stellte der Austritt aus der DB im Herbst 2008 dar.
In ihrer Satzung wurden ihre Ziele, die sich ebenfalls patriotisch-soldatisch definieren, formuliert: „Die Cimbria hat das Ziel, den Charakter ihrer Mitglieder zu prägen im Sinne des burschenschaftlichen Gedankenguts und sie zu Persönlichkeiten zu erziehen, die befähigt sind zum Dienst am Vaterland [..]“(38).

Landsmannschaft Teutonia:
Farben: rot-weiß-gold
Adresse: Greisingstr. 17

Der Reflexion über die Nazizeit seitens der Teutonen muss man zugute halten, das sie im Festbuch zu 125 Jahre Landsmannschaft Teutonia überhaupt erwähnt, dass es personelle Überschneidungen zwischen der SA, dem Stahlhelm und den Teuten gab. Jedoch wird hier lediglich trocken festgestellt, „daß es zu Beginn der 30er Jahre unter Ihnen [Anmerkung AK Kritische StudentInnen: den Nazis, die gleichzeitig Teuten waren] und den Nur-Teuten keine Schwierigkeiten gegeben hatte. Man respektierte sich gegenseitig.“(39) Als sich das Würzburger Korporationswesen dann 1933 dem Führerprinzip anpasste, war der erste Führer des Würzburger Waffenrings dann auch ein Teute.(40)
Ähnlich wie die Germanen wandten sich auch die Teuten gegen eine Abschaffung der Pflichtmensur(41) und bei den Auseinandersetzungen im Coburger Convent in den 70ern bildete man dazu einen eigenen konservativen „Würzburger Kreis“, der sich letzten Endes im Convent durchsetzen konnte(42), weshalb Mitgliederbünde im Coburger Convent auch heute noch verpflichtend die Mensur fechten müssen.
Wie für viele andere Verbindungen, endet das deutsche Volksgebiet für die Teuten nicht bei den Grenzen der BRD, ganz im Sinne eines völkischen Verständnisses eines organisch gewachsenen deutschen Kulturraumes. So tragen die Teuten normalerweise kein zweites farbiges Band, wenn sie jedoch bei ihren österreichischen Freunden sind, wird eine Ausnahme vorgenommen, und zwar „zur Stärkung des Deutschtums bei den Innsbrucker Tyrolern“(43), wobei damit die Landsmannschaft Tyrol gemeint ist, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „für das Recht und die Freiheit des deutschen Kulturvolkes einzutreten, wobei unter Vaterland die deutsche Kulturgemeinschaft, nicht das Staatsgebiet, und unter Kulturvolk die Gemeinschaft der Deutschen, nicht die Staatsbürgergesamtheit verstanden wird.“(44)
Durch einen Vortrag kommt ihre mangelnde Distanzierung zum rechten Rand zum Ausdruck. So veranstalteten die Teuten im WS 2007/2008 am 24.10. einen Vortrag zum Thema „Islam“(45) mit dem rechts-konservativen Journalisten Dr. Udo Ulfkotte. Dieser ist rechtspopulisitischer „Islamkritiker“. Bei den Bremer Bürgerschaftswahlen unterstützte er die rechtspopulistische Partei „Bürger in Wut“, war Mitinitiator der Organisation PaxEuropa(46), die über die „schleichende Islamisierung Europas“(47) aufklären möchte und ist Referent beim Institut für Staatspolitik, das der Jungen Freiheit nahe steht und als Denkfabrik der Neuen Rechten gilt(48).

Es kann keine Ende geben….

Die Serie über die Korporationen kommt zwar an ihr Ende, die Kritik an diesen kann aber nicht beendet sein. Wir stellen klar, dass es nicht unsere Intention war oder ist, die Mitglieder der Korporationen in irgendeinen Diskurs mit einzuschließen. Sich gegen völkisch-deutsche Ideologie zu wehren heißt, die Kritik zuzuspitzen, statt sich auf den penetranten Mitteilungsdrang über deutsche Kultur und Volksgemeinschaft seitens der Korporierten einzulassen. Wenn die Serie dazu beigetragen hat, die Kritik an den Würzburger Verbindungen zu erneuern und sie grundlegender zu machen, dann hat sich die Mühe gelohnt.

AK Kritische StudentInnen

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1: Siehe Letzter Hype, Ausgabe 07.
2: Siehe Ebenda, Ausgabe 08.
3: Siehe Ebenda, Ausgabe 10.
4: Reader über das Marburger Verbindungswesen der Antifa Gruppe 5 Marburg, abzurufen unter http://www.ag5.antifa.net.
5. Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Burschenschaft_Germania_zu_W%C3%BCrzburg.
6. http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Burschenschaft_Germania_zu_W%C3%BCrzburg.
7. Siehe http://www.tradition-mit-zukunft.de/community/couleurinfo/verbindung,b_libertas_wuerzburg.html.
8. Siehe ebenda.
9. Siehe http://www.adelphia.de.
10. Vgl. Peter Spitznagel, Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg 1927-1933, Diss. phil. Würzburg 1974, 30f.
11. Vgl. ebenda S. 175 f.
12. Vgl. Spitznagel, Peter: Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg, 1927-1936. IN: 1503-1982 Studentenschaft
und Korporationswesen an der Universität Würzburg, 1982, S. 95.
13. Bericht des Führers der Korporationsk. Würzburg vom 25.09.1932, IN: ebenda, S 108.
14. Siehe http://www.germania-wuerzburg.de/geschichte.php
15. Burschenschaft Germania: Gefallenen-Gedenkbuch der Burschenschaft „Germania“ zu Würzburg, Würzburg 1958.
16. Vgl. Burschenschaft Germania: 175 Jahre Burschenschaft Germania zu Würzburg, Würzburg 1993, S. 22 f.
17. Vgl. ebenda, S. 23 f.
18. Vgl. Burschenschaft Germania: 175 Jahre Burschenschaft Germania zu Würzburg, Würzburg 1993., S. 25.
19. ebenda, S. 26.
20. Vgl. www.archiv-kiel.de/komm/files/astalavista.pdf
21. Vgl. http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2005/08/8an2005.pdf
22. Burschenschaft Adelphia: 100 Jahre Burschenschaft Adelphia, Würzburg 1967.
23. Burschenschaftliche Blätter, 01/2008.
24. Vgl. www.adelphia.de.
25. Vgl. http://www.burschenschaftliche-gemeinschaft.de/ueb-mitgliedsbuende.htm.
26. Vgl. www.unimut.fsk.uni-heidelberg.de.
27. Vgl. ua.x-berg.de/pdf/UAZZ.pdf.
28. Ebenda.
29. http://www.jf-archiv.de/archiv99/129aa16.htm.
30. Vgl. Nationalzeitung November 2005.
31. Vgl. http://www.apabiz.de/archiv/material/Profile/Grabert-Verlag.htm.
32. Ebenda.
33. Vgl. http://www.antifaschistische-nachrichten.de/1998/24/index.shtml.
34. Vgl. Semesterprogramm der Adelphen WS 07/08, xxx.adelphia.de, Stand November 2007.
35. http://www.danubia-muenchen.de/archiv.php.
36. Vgl. http://wahlen.aida-archiv.de/index.php?option=com_content&task=view&id=694&Itemid=1148.
37. Vgl. Peter Spitznagel, Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg 1927-1933, Diss. phil. Würzburg 1974, Seite 31 f.
38. Cimbria Würzburg: Grundsätze der WB Cimbria, Würzburg 1969.
39. Landsmannschaft Teutonia: 125 Jahre Landsmannschaft im CC Teutonia zu Würzburg, Würzburg 1990, S. 104.
40. Siehe Ebenda, S. 171.
41. Zur nochmaligen Erklärung: eine Mensur ist ein nach festen Regeln ablaufendes Fechtduell zwischen Mitgliedern unterschiedlicher
Verbindungen. Die Satzung einer Korporation legt meistens fest, wie viele Mensuren ein Aktiver fechten muss.
42. Vgl. ebenda, S. 171.
43. Vgl. ebenda, S. 208.
44. http://www.l-tyrol.at/prinzipien.asp.
45. Vgl. http://www.teutonia-wuerzburg.de, Stand 01. November 2007, Semesterprogramm 2007/08.
46. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Udo_Ulfkotte.
47. http://www.buergerbewegung-pax-europa.de.
48. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Institut_f%C3%BCr_Staatspolitik.

Auf dem Beatabend… mit Hunter S. Heumann

Wenn Stromgitarren das Grunzen der Mastschweine übertönen, wenn sich das köchelnde Testosteron junger Milchbauern durch Faustschläge an die Oberfläche kämpft und es nach erbrochenem Cola-Asbach (1 €, 50/50-Mischung) riecht, dann ist Beatabend.
Dieses den Stadtbewohnern völlig zurecht unbekannte Ritual bäuerlicher Selbstentwürdigung erfreut sich seit Jahrzehnten ungebrochener Beliebtheit bei jung und alt. Das Konzept ist denkbar einfach. Man nehme:

1.Eine schlechte Coverband. Wichtig für eine gute Show ist dabei, dass die Musiker die kulturelle Vielfältigkeit ausstrahlen, die das Dorf kennzeichnet: nämlich gar keine. Würde eine Beatabendband größtenteils eigene Stücke zum Besten geben: die Menge wäre verwirrt, sie würde womöglich sogar anfangen, mit Gülle zu werfen.
Ein fetziger Gruppenname ist ebenso unverzichtbar. Da gibt es „geile“ Bandnamen, die bereits nach dem ersehnten wilden Geschlechtsverkehr alkoholdurchströmter Leiber klingen, den sich so viele Beatabendbesucher versprechen: S.E.X. als Abkürzung für „Sau Extrem“ oder die „Hard- & Heavyband“ F.U.C.K. beispielsweise. Andererseits darf der Bandname auch klingen, als werde die Dorfidylle durch schmetterndes Todesmetall erschüttert: so wie Acid Rain, Justice oder Angel Landing beispielsweise.
Die Beatabendbands lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Zum einen gibt es die Gruppen, die es niemals geschafft haben, außerhalb einer Radius‘ von 15 Kilometer ihres Brunftgebietes aufzutreten. Die Gründe sind alkoholbedingte Trägheit, Angst vor Ausländern oder einfach mangelnde musikalische Fähigkeiten. Zum anderen schaffen es tatsächlich manche Bands, frankenweit oder gar deutschlandweit aufzutreten- es gibt schließlich nicht nur in Unterfranken öde Gegenden, in denen der Auftritt einer Metal-Coverband gefeiert gefeiert wird wie die Anschaffung eines neuen Traktors.

2.Billiger Alkohol. Das seit Jahrtausenden beliebte Konzept zum Abbau von Hemmungen wäre ohne eine kleine Auswahl besonders auf dem Kaff beliebter Getränke undenkbar: Selbstverständlich wird Bier gereicht- aber charakteristisch wird ein Beatabend erst durch den Asbach Uralt.
Asbach ist ein übelschmeckender Fusel aus Rüdesheim am Rhein, der schon beim ersten Schluck an Brechdurchfall und schmerzhafte Blasendysfunktionalität erinnert. Die Leidenschaft der Dörfler für Asbach wird von Dr. Hartmut Bömmele, Professor für biologische Psychologie, auf eine Veränderung der Geschmacksknospen, verursacht durch die Einatmung von Kunstdüngerdämpfen, zurückgeführt. Der Dörfler versucht, den üblen Geschmack des Schnapses durch Cola zu überdecken- was nur in begrenztem Maße von Erfolg gekrönt ist.

Ein Beatabend kann schwer beschrieben werden, ohne die spezifische Stimmung zu beleuchten. Der dumpfe Covermetal motiviert die Gäste kaum zu ausgelassener und fröhlicher Stimmung, sondern eher zu teutonischer Kampfeslust, halb-rülpsenden, halb-gröhlenden Lauten aus dem tiefsten Innern der barbarischen Dorfnatur und zu Tanzbewegungen, die eher an schnitzelklopfende Metzgermeister als an passionierte Diskogänger erinnern. Oft kommt es im Tanzsaal zu Grüppchenbildungen, die bereits darüber entscheiden, welche zwei Fraktionen am Ende des Abends aufeinander losgehen. Die Gründe sind meistens eher unwesentlich- ob jetzt der Michl mit der Lisl geknutscht hat, der Ändi den Peter „schwul“ genannt hat oder der Manni aus Knetzgau den Maibaum aus Hofheim entwendet haben soll spielt eigentlich keine Rolle- wichtig ist am Ende, dass irgendwer auf die Fresse bekommt. So fallen die Enthemmten übereinander her, spätestens wenn die Musik aufhört. Man lässt mal so richtig die Wut heraus- damit man ruhig und ausgelassen die nächste Woche wieder zur Arbeit gehen oder die Rüben ernten kann. Solange, bis das Wochenende wieder beginnt, die Musik wieder spielt und das bizarre Schauspiel erneut seinen tragischen Anfang nimmt.

Ihr Hunter S. Heumann

P.S:Das Labyrinth in Würzburg kann zweifellos als urbaner Arm der Beatabendbewegung bezeichnet werden!

Was fehlt

„Wir zahlen nicht für eure Krise!“ hechelt ein Sammelsurium aus Gewerkschaften, Parteien und linken Gruppen und ruft zu großen Demonstrationen für die viel beschworene und diffus-bestimmbare solidarische Gemeinschaft auf. Was die Reststücke dieser links Fühlenden vereint ist ihre Begriffslosigkeit, ihr Mangel an Kritik der kapitalistischen Kategorien und der unbedingte Wille, eine linke Krisenbewältigung via Rekeynesianisierung, also durch den Staat als vermeintlichen autonomen Agenten, einzufordern.
Der gemeinsame Aufruf zu den Demonstrationen in Berlin und Frankfurt am 28. März beweist auf ein neues, dass die Krise auch eine Krise der Linken ist. Der Aufruf ist ein Zeugnis des diffusen Mix‘ aus bürgerlicher Staatsauffassung und nie überwundenen Konzeptionen des ökonomistischen Basis-Überbau-Theorems. „Die Entfesselung des Kapitals und der erpresserische Druck der Finanzmärkte haben sich als zerstörerisch erwiesen“ meint der Aufruf, wobei zugleich suggeriert wird, jene Entfesselung sei nicht in der Logik der Wertverwertung selbst angelegt und sei durch eine Sphäre der Einfachen Warenproduktion in Verbindung mit einem autonomen Staat zu einer freien Gesellschaft umkehrbar. Man möchte, dass „Bildung, Gesundheit, Alterssicherung, Kultur und Mobilität, Energie, Wasser und Infrastruktur nicht als Waren behandelt werden“ und begreift anscheinend nicht, dass gerade Begriffe wie Gesundheit, Bildung und Kultur in der kapitalistischen Gesellschaft negativ gefasst sind und die Bedingung der Reproduktion der Ware Arbeitskraft sind, es sei denn man würde sich vom Kapitalismus in emanzipatorischer Weise befreien. In nahezu jeder Formulierung der Aufrufs schwingt die Sehnsucht nach dem guten alten Keynesianismus mit, in dem das Kapital noch Nation vermittelt war, und man tatsächlich noch von einer Volkswirtschaft in Verbindung mit der sich damals schon im Niedergang befindenden Realakkumulation sprechen konnte. „Die Regierungsberater, Wirtschaftsvertreter und Lobbyisten sind nicht vor Scham im Boden versunken, sondern betreiben weiter ihre Interessenpolitik. Um Alternativen durchzusetzen, sind weltweite und lokale Kämpfe und Bündnisse (wie z.B. das Weltsozialforum) nötig – für soziale, demokratische und ökologische Perspektiven.“ Hier kommt klar die Unfähigkeit zum Ausdruck, den Staat als politische Form der kapitalistischen Gesellschaft zu betrachten. Stattdessen wird einerseits in den Kategorien der bürgerlichen Staatskonzeption gedacht- denn der Staat wird als eine allgemeine Instanz betrachtet, die mit der Wertverwertung an sich wenig zu tun hat und sich selbstständig entfaltet, während gesellschaftliche Veränderungen als Kampf zwischen verschiedenen Interessengruppen um die Staatsmacht wahrgenommen werden- andererseits sieht man den Staat durchsetzt von Agenten des Kapitals, die den Niedergang der Gesellschaft betreiben- was eher daran erinnert, den Staat in ökonomistischer Weise als eine bloße Überbauerscheinung seiner kapitalistischen Realität zu begreifen. Die Forderungen der Demonstration sind, gelinde ausgedrückt, eher gruselig. Man appelliert- wenn man schon nicht selbst die Staatsmacht erobern kann- an die Regierung, die Verursacher der Krise zu Bestrafen. Man ist „Dafür, dass die Profiteure die Kosten der Krise bezahlen“. „Die Steueroasen sind endlich zu schließen; Banken, die dort arbeiten müssen  bestraft werden.“ Man appelliert an einen starken Staat und unterscheidet sich dabei grundsätzlich nicht von den Forderungen des Staatsoberhauptes.
Was in den zahlreichen Forderungen an den Staat zum Ausdruck kommt, ist im Grunde genommen zweierlei: Zum einen die Absage an die Marx’sche Kritik der Politischen Ökonomie und zum anderen der Beweis, dass man anscheinend kein angemessenes Verständnis der Krise besitzt. Der Staat soll eine konsequente Krisenbewältigung bewerkstelligen. Jedoch hängt der Realitätsgrad des Staates auch, wie es Agnoli treffend skizzierte, von seiner „Fähigkeit, Befreiungsbewegungen und die Tendenz zur Freiheit einzudämmen und zu neutralisieren“ ab. Der Staat soll dafür sorgen, die Reproduktion der Ware Arbeitskraft wieder herstellen zu können. Damit einher geht eine Absage an die Überwindung der staatlichen Herrschaft seitens der Linken einerseits und ein mangelndes Verständnis der Verhältnisses von Ökonomie und Staat andererseits. Die Perspektivenwahl der Politik erfolgt nicht, wie der Aufruf zur Demo glauben lassen will, nach dem freien und autonomen Ermessen der Politik, sondern auch nach dem Druck in der Akkumulation. Dadurch, dass die Wertverwertung durch die Produktivkraftentwicklung mit dem Ende des Fordismus in eine schwere Krise geraten ist, verließ das Kapital mit der dritten industriellen Revolution seinen nationalen Rahmen, um überhaupt noch wettbewerbsfähig zu sein. Der Staat als Reproduktionsverwirklicher trat in eine Krise, die durch Hartz IV und Konsorten erst begonnen hat. Die Transnationalisierung des Kapitals wird von der Linken nicht als Folge der krisenhaften Wertverwertung aufgefasst, sondern ebenso wie vom bürgerlichen Alltagsverstand als von gierigen Managern und ihren politischen Agenten herbeigeführte Krise, die mit einem Rückgriff auf einen starken Staat bewältigt werden könne. Skizzenhaft wird in die Diskussion der Linken immer wieder Marx eingebracht, ohne seine Kategorialkritik an Staat, Ware und Wert zu begreifen.
Dabei stellt sich die Frage, ob eine kommunistische Begierde, die die bürgerlichen, aber auch die staatskapitalistisch-sozialistischen Aprioritäten hinter sich lässt, in der Krise die Chance hat, zum Vorschein zu kommen. Klar müsste dabei sein, dass mit dieser Begierde nicht die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand, die panische Massenstimmungen anscheinend als revolutionäre Situation betrachtet und die die damit verbundene Gefahr, hinter den Kapitalismus in die Barbarei zurückzufallen, beinhaltet, gemeint ist. Von jener Kategorialkritik ist weit und breit nichts zu sehen. Jeder Versuch, sie zu formulieren, sie sogar in das Spannungsfeld zwischen Spontaneität und Theorie zu bringen, ist solange zum Scheitern verurteilt, wie mit den Begriffen an die alte Linke angedockt wird und versucht wird, Menschen etwas zu erklären, die anscheinend von nichts einen Begriff haben. Selbst diejenigen anarcho-syndikalistischen und antinational-kommunistischen Gruppen, denen man eine emanzipatorische Restvernunft zusprechen kann, schaffen es schwer, sich von der staatsaffirmativen Linken zu distanzieren und laufen zum Beispiel am 28. März in einem sozialrevolutionären Block auf der besagten Demonstration. Zum anderen bleibt ihre Sehnsucht der Zerschlagung von Staat.Nation.Kapital (Aufruftext) solange eine Randerscheinung, wie die Gruppen nicht fähig sind, die Sprache der alten Linken zu verlassen und damit nicht mehr zu klingen wie ein Aufruftext aus den Zeiten, in denen man noch einen Begriff davon hatte, was Links ist und was nicht. Sich als antinationale KommunistInnen gegen das Ganze zu stellen, müsste bedeuten jeden Versuch von Organisation hinter hinter sich lassen. Denn jedem noch so kümmerlichen Versuch, sich bürgerlich-interessengruppenspezifisch zu organisieren, wohnt bereits die Konterrevolution inne, kriecht der Staat, schlimmer noch, die Nation, in die Struktur. Dazu folgerte bereits der Rätekommunist Paul Mattick: „Hier, in der Frage der Organisation, offenbart sich das Dilemma der Radikalen: Um gesellschaftliche Veränderungen zu bewerkstelligen, müssen Aktionen organisiert werden; organisierte Aktionen aber nehmen immer auch Züge dessen an, wogegen sie sich richten. Es scheint, als könne man immer nur das Falsche oder, aus Angst vor dem Falschen, gar nichts tun. Selbst eine oberflächliche Betrachtung organisierten Handelns offenbart, daß alle bedeutenden Organisationen, gleich welcher Ideologie, den Status Quo stützen […]“.Die Lösung der RätekommunistInnen war die Spontaneität der ArbeiterInnen. Ohne eine Fetischkritik wird jener Hoffnung auf die Spontaneität jedoch schnell zu jener befürchteten Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand in Verbindung mit einer barbarischen Massendynamik, denn auch den meisten ArbeiterInnen stellte sich der Staat bisher als Erhalter seiner Reproduktion dar, und nicht als Aufrechterhalter ihrer Unterdrückung. Eine emanzipatorische Nicht-Organisation muss fähig sein, den oben bereits skizzierten Widerspruch von Kritik des Wesens und Spontaneität beziehungsweise Sabotage auszuhalten. Die ArbeiterInnen müssten, „um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigene bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben. Sie befinden sich daher auch in direktem Gegensatz zu der Form, in der die Individuen der Gesellschaft sich bisher einen Gesamtausdruck gegeben, zum Staat, und müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen.“ (Wer wohl? Marx)
Betrachtet man die Krise in ihrem historischen Kontext, so stellt sich klassedynamisch und staatlich einiges anders dar als in vergangenen Krisen (wobei die ökonomische Realität beweisen wird, ob es sich bei der aktuellen Krise und eine zyklische oder um eine, in wertkritischer Manier gesprochen, Zusammenbruchskrise handelt). Es ist davon auszugehen, dass der Staat die gesellschaftliche Reproduktion nur dann trägt, wenn er selbst ökonomische Potenz ist, wenn er seine eigene national-ökonomische Basis beinhaltet. Das Kapital hat jedoch längst den nationalen Rahmen verlassen, um der Krise der Realakkumulation zu entgehen. Man kann von keinem Unternehmen von Größe sprechen, das die Grenzen der Volkswirtschaft nicht verlassen musste, um seinem Untergang zu entgehen. Und so müsste der Staat in jenen Krisenzeiten das Rad Richtung Keynesianismus zurückdrehen, was die Realität der Krise von abstrakter Arbeit, Wertverwertung und die Fixierung des Kapitals auf fiktives Kapital schwer möglich machen wird, es sei denn man nähme eine Forcierung der Krise in Kauf und schafft es, die Ideologisierung von Nation und Volk auf ein barbarisches Maximum zu hieven. Dabei tut sich die Frage auf, was mit den ArbeiterInnen passiert, wenn der Staat nicht mehr dazu fähig ist, als Bewahrer der Reproduktion in Erscheinung zu treten? Wenn der Staat seit Jahren, genötigt durch die Anpassungen an die Umwälzung der ökonomischen Struktur, seinen Nutzen als Ermöglicher von Reproduktion verloren hat und auch so schnell nicht mehr zurückerobern kann? Mehr als das: es scheint, als sei ein großer Teil des sogenannten Subproletariats gar nicht mehr in der „Genuss“ der autoritären Vollzeitbeschäftigung namens staatlich-schulische Sozialisation gekommen. Droht dann die Fixierung der Bevölkerung auf barbarische Formen der Krisenlösung in Form von Religion, antisemitischem Wahn und Racketbildung? Auch in klassenstruktureller Hinsicht unterscheidet sich die Krise von zurückliegenden Ereignissen. Der Postfordismus hat die traditionelle Arbeiterklasse zersetzt, um bei der sogenannten Mittelschicht und dem akademischen Milieu weiterzumachen. Was so diffus als Prekariat bezeichnet wird, erfasste die Gesellschaft als Ganzes. Der Klassenkampf als Beschwörungsformel der Linken ist nichts anderes als ein atavistischer Begriff geworden, dem man keine Chance auf Vermittlung mehr unterstellen kann. Wenn weder Staat noch die Klasse Chancen haben, den Kapitalismus zu retten oder als Retter für sich aufzutreten, so kann man den Umschwung in die Barbarei befürchten.
Jedoch: Wenn sowohl akademisches Milieu als auch Arbeiterschaft, vor allem aber das „abgehängte Prekariat“ den Staat nicht mehr als Problemlöser wahrnehmen können, weil alle in der gleichen Scheiße sitzen und dies auch so wahrgenommen werden könnte, wäre dann die Zeit der Verbindung von Spontaneität und Kategorialkritik gekommen? Wäre es dann möglich, ein kommunistisches Ziel zu formulieren, das sich nicht auf die bürgerlichen Aprioritäten einlässt, weil diese Ihren Bedeutungsgehalt längst verloren haben?

Wir können es noch nicht wissen.

Benjamin Böhm

Hype # 11

Ab Montag in den üblichen toten Briefkästen.

Jochen Bruhn: Der Staat des Grundgesetzes, mp3

Kann man hier runterladen. Waren ja ein paar von der Redaktion da. Ziemlich interessant.

Heft #11 fertig!

Nächste Woche kommt es raus. Es wird wie immer sehr gut, vielleicht wird es unser Verleger auch hier hochladen.

26.4. im Kult/Würzburg: Lesung des letzten hype

7.5.2009: party des letzten hype

party des letzten hype, 7.5.2009, 22.30 uhr
immerhin (würzburg), nach dem konzert
djs von xyeahx und dem letzten hype

2 jahre letzter hype? es gibt nichts zu feiern

Die Party des letzten hype könnte die Geburtstagsparty des hype sein: vor 2 Jahren erschien die erste Ausgabe. Immerhin: dass wir 2 Jahre durchhalten würden, hätten wir nicht gedacht.

Die „neue Area“, die wir vor 2 Jahren grossmäulig ausgerufen haben, hat immer noch nicht geendet. Soll sie denn ewig dauern? Was wir damals angefangen haben, mag sein, dass es gar nicht schlecht war. Es muss aber etwas besseres geben als den letzten hype.

Zu feiern gibt es nichts. Die Verhältnisse, die etwas wie den hype nötig gemacht haben, sind verflucht. Und immer noch geht alles weiter, und es wird nicht besser, sondern schlechter, und wenn alles, was bleiben soll, die Verzweiflung ist, dann können wir weitermachen wie bisher.

Versprochen haben wir einmal etwas anderes. Es wird auch nicht so bleiben, wie es ist. Die Sache muss mehr sein als ein Heft, und wird mehr sein als ein Heft, oder sie wird gar nicht sein.

Es ist auch an euch, zu entscheiden.

Ein wichtiger Hinweis!


Zur Krise #4

Irgendein Experte in irgendeinem Blatt hat einen interessanten Satz gesagt:

Mit Blick auf 2010 sieht er aber nicht mehr ganz so schwarz für das deutsche Auslandsgeschäft. Dann würden die Schwellenländer die deutschen Exporteure wieder kräftig stützen, 2010 sei von leicht positiven Wachstumsraten auszugehen. „In Ländern wie China und Indien ist der soziale Druck viel zu groß, als dass sie es sich leisten könnten, nicht zu wachsen“, sagt Börner.

Sich leisten können, nicht zu wachsen! Die Herren sind sich ihrer Sache offenbar sehr sicher.

Quatschiquatschi

Singende Pferde- nie waren sie so wertvoll wie heute!

Pferdi

Die schwarze Edition

Viele Leute kommen neuerdings auf uns zu und wundern sich, dass sich das Cover seit Ausgabe 8 ganz in schwarz präsentiert.

Das ist kein Zufall. Mit der sogenannten Schwarzen Edition bringen wir die strukturelle Neuausrichtung, inspiriert durch Evi Schmitt, zum Ausdruck. Ab Ausgabe 8 legt die Redaktion größeren Wert auf Orthographie, v.a. aber auf Design. Ein schwarzes Cover hat aber auch einen praktischen Vorteil: denn Kaffee- oder Fettflecken fallen auf schwarz bedrucktem Papier kaum auf.

Über München und seine Leut‘

Dieser Text handelt von München und hat trotzdem mehr mit faulig vor sich hin modernden Provinzsümpfen wie Gerbrunn, Ochsenfurt, Hemmersheim oder Gollhofen zutun, als sie vielleicht zuerst annehmen würden.
Stellen sie sich einfach vor, zwei Ochsenfurter Gestalten mit kurzen Hosen kommen in Düsseldorf in eine Kneipe und bestellen, ohne vorher auf die Karte gesehen zu haben, ein Öchsner Bier aus Ochsenfurt. Und wenn der Herr Wirt den beiden antwortet, dass es kein Öchsner Bier gebe, bestellen sie ein Kauzen Bier, ebenfalls aus Ochsenfurt. Abermals teilt der Wirt den beiden Dorfkreaturen mit, dass es auch kein Kauzen Bier in seiner Kneipe gebe. Die beiden Ochsenfurter gucken verdutzt und ein wenig erzürnt, besprechen sich kurz, einer von beiden verdreht die Augen und schnaubt dann in lautem Ton „Habt ihr denn überhaupt irgendein Bier?“ vor sich hin. Wenn die Geschichte wirklich passiert wäre, dann fänden sie das Verhalten der beiden jungen Leute etwas merkwürdig, nicht wahr?
Eine weitere Geschichte zur Veranschaulichung: Ein volkstümlicher Sonderhöfer, engagiert im Krieger- und Kameradschaftsverein Sonderhofen, liebt jedes Element seiner Ochsenfurter Gautracht. Er liebt seinen albernen Spitzhut, sein schwarzes Lederwestchen, sein Hoserl, dessen Bund er knapp unter der Brust trägt und seine grauen Wollsocken, in die er sein Hoserl gesteckt hat. Eines Tages kommt er auf die Idee, dass seine Tracht womöglich nicht nur volkstümliches Zeug, sondern neuer Schick ist, auf den die Welt gewartet hat. Also zieht er los in die Metropolen dieser Welt, nach Paris, London, New York, Tokio und viele weitere Städte, und lässt seine Tracht an. Und wenn die Leute über seinen merkwürdigen Anzug scherzen, ihn sogar verspotten, dann kann er diese Menschen nicht verstehen. Nein, er verlangt sogar, dass die Welt ihn zu verstehen habe. Er bettelt um Akzeptanz, mehr noch, er verlangt Bewunderung für sein Volkstum. Auch ein solches Verhalten fänden sie durchaus merkwürdig, oder?
Oder stellen sie sich vor, ein Großlangheimer Autohändler zieht in eine Millionenstadt. In Großlangheim wurden ihm einige Ehren zuteil: als Sohn eines armen Landwirts arbeitete er sich nach oben und gilt für die Dorfbewohner als „Macher“. Er saß für die Freien Wähler zwei Jahrzehnte im Stadtrat, engagierte sich im Verein zur Heimatpflege und im Vogelschutzverein, ist Ehrenbürger seines Kaffs und mehrjähriger Gewinner des Kitzinger Tenniscups in der Klasse der Jungsenioren. Auch sein Habitus entspricht seinem sozialen Status: Familienfeste werden prunkvoll gefeiert, Giorgio Armani Sonnenbrille, Kitzinger Maßanzug und sein kleinbürgerlicher Machismo gehören genauso dazu wie sein sabberndes Gelaber über seine liebreizende fränkische Heimat. Jetzt kommt der Großlangheimer Kleinbürger also in die große Stadt und möchte mit offenen Armen empfangen werden. Er war der Held seines Dorfes, und genau deshalb muss er auch der Held der Großstadt sein. Das merkwürdige an der Metropole, in die er zieht, ist, dass er dort auf tausende Gleichgesinnte trifft. Dass sich dort fast alle Leute wie Bauern im Anzug aufführen, denen trotz ihres schicken Anzugs noch ab und zu Ackerdreck von den Stiefeln bröckelt. Auch diese Vorstellung kommt ihnen womöglich etwas merkwürdig vor…
München, besser gesagt seine Leute, das ist Ochsenfurt mal 1000 oder Iphofen mal 2000. Wenn zwei Münchner in eine Kneipe oberhalb des Weißwurstäquators kommen, dann wird auch ein Erdinger oder ein Paulaner verlangt, ansonsten ist man eingeschnappt wie ein Bauernjunge, dem man sein Leberwurstbrot weggenommen hat. Wenn man nach München kommt, so darf man nur ganz leise lachen, wenn einem ein Mensch in bayerischer Tracht begegnet, denn die Münchner haben es ja zum Schick erklärt, sich zu kleiden wie elbgermanische Sumpfbewohner ohne Schriftkenntnis. Und wann immer sie ein Sportwagen auf der A3 ausbremst, sie können sich sicher sein, dass das Auto ein Münchner Nummernschild trägt.
München ist ein merkwürdiger Ort. Es scheint mir, als hätten sich hier 1,3 Millionen geklonte Veitshöchheimer Kleinbürger versammelt, um eine überdimensionierten Dorfdisko zu errichten1. Die Würzburger bilden sich ein, in einer Stadt zu leben. Die Münchner machen sich nicht einmal mehr die Mühe und bezeichnen ihre Stadt stolz als „Großes Dorf“, ohne jedes Schamgefühl. Die Mentalität eines Kartoffelroders, das Sozialverhalten einer Rübenziehmaschine und der Habitus eines Dreschflegels: All Das wird in München geadelt statt getadelt. Meiden sie München!

Für immer Ihr Hunter S. Heumann

Die Dialektik der Anrede

Gedanken über das Duzen und das Siezen

Die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft eingerichtet ist, die omnipräsente Herrschaft, bestimmt die Formen unseres Handelns, formt unser Selbst und überwölbt ebenfalls die Formen zwischenmenschlicher Kommunikation. Sowohl das Duzen, als Gemeinschaftsgefühl stiftende Form der Anrede, scheinbar ohne Statusunterschiede zwischen den sich duzenden Personen, als auch das Siezen, als Höflichkeitsform, die sich gar nicht die Mühe macht, die Rangunterschiede zwischen Menschen zu überdecken, sind ohne das Prinzip der Herrschaft nicht zu denken und würden in dem Moment, in dem eine Gesellschaft für den Menschen mit all seinen Möglichkeiten geschaffen würde, nichtig werden.
Schon in frühester Kindheit wird die Fratze der Fremdbestimmung artikuliert: Vor gar nicht allzu langer Zeit sprachen die Kinder ihre Eltern, vor allem ihren Vater als autoritären Patriarchen, noch mit „Sie“ an. Damit verbunden war die Vorstellung einer strengen Erziehung, die dem kindlichen Individuum keinen Platz einräumte und den Rangunterschied klar vor Augen führte. Heute duzt man sich in der Familie, stiftet damit Gemeinschaftsgefühl und kuschelige Wärme in einer eisigen Verwertungsgesellschaft. Aber auch das Duzen innerhalb der Familie ist an die Herrschaft gebunden: Eine Gesellschaft, die so etwas wie die Familie nötig hat, um den Wahnsinn der Verwertungslogik ertragen zu können, ist noch immer die Verneinung des Menschen. Mit dem „Du“ in der Familie werden zugleich Besitzansprüche geltend gemacht, die dem Individuum äußerlich sind: „Du bist eineR von uns“. Die gemeinsame Abstammung, der Lebensweg, den sich die Eltern für ihre Kinder imaginieren, er wird zur Kette für die Emanzipation des Individuums. Die Aussprache dieser Geißel ist das Duzen, das im familiären Bereich, ebenso wie im Arbeitsleben, Gemeinschaftsgefühl stiftet und doch die Knechtschaft beinhaltet.
Das Herrschaftsverhältnis zwischen „Erwachsenen“ und „Kindern“ bzw. „Jugendlichen“ kommt auch in Ausbildung und Beruf zur Sprache: Der Lehrer, der die Schülerin duzt, die Meisterin, die den Stift wie ein verschüchtertes Kind behandelt und mit „Du“ anredet: Die materielle Überlegenheit drängt zum Gedanken, drängt zur Artikulation. Das Individuum wird infantilisiert, bis weit ins Erwachsenenalter hinein. Wer genug Kulturkapital anhäuft, darf sich letztendlich selbst Siezen lassen, darf die Herrschaft dann selbst ausüben und hat damit auch den Status erworben, den anderen die gleiche Gewalt anzutun, die einem/einer in der Schul- oder Ausbildungszeit selbst widerfuhr.
Eine liberale Gesellschaft, die das Pursuit Of Happiness für jedeN EinzelneN proklamiert, muss auch zwangsläufig die Statusunterschiede in der Kommunikation verwischen. Im Anglo-Amerikanischen Raum ist es längt gang und gäbe, dass man sich im Betrieb mit dem Vornamen anspricht. Dieses Konzept der „Formlosigkeit“ greift mittlerweile auch nach Deutschland über. Durch diese persönliche Anrede wird ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt, als ob alle zusammen an einem Strang zögen. Die Lüge, dass es keine Statusunterschiede gebe, die Falschheit, dass alle zusammen arbeiteten und nicht jedeR für sich, wird durch das familiäre „Du“ verewigt, bis die Menschen selbst davon überzeugt sind, dass es die Individuen sind, die gemeinsam den Markt gestalten, und nicht das automatische Subjekt der kapitalistischen Wertgesellschaft. Die Formulierung von Herrschaftsverhältnissen und die moderne Version der Verschleierung treibt im deutschsprachigen Raum die absurdesten Blüten: Mit dem so genannten „Hamburger Sie“ Siezt man sich und verwendet trotzdem den Vornamen, in anderen Betriebe duzt man sich und spricht sich trotzdem mit dem Nachnamen an. Es stellt sich also in Betrieben die Frage, ob man sich im Arbeitsleben nach wie vor Siezt und somit die reale Entfremdung zum Ausdruck bringt, oder diese durch das Duzen mit einer Lüge überdeckt.
Am dreistesten ist die Attitüde der hippiesquen One Family, die durch das Duzen jeden Menschen zu ihrem/ihrer FreundIn machen möchte. Der Vergemeinschaftung der Menschheit durch die Sprache liegt daher eine Geisteshaltung zugrunde, die keine Widersprüche zulässt, sondern jede Form des Unterschieds zwischen den Individuen übertünchen möchte. Auch in linken und subkulturellen Kreisen spricht man sich von Vorneherein mit „Du“ an. Auch dadurch wird ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen, mit dem das Eigene und das Fremde formuliert und definiert wird. Auch dieses gruppeninterne Duzen ist einer Gesellschaft geschuldet, die sich eine familiäre Umgebung nach innen schaffen muss, um die Zumutungen des Kapitalismus zu ertragen.
Man kann dem Siezen durchaus unterstellen, die ehrlichere Form der Anrede zu sein- nicht jedoch die bessere, die unter den Bedingungen der Herrschaft nicht zu bestimmen ist. In einer Gesellschaft, die als Klassengesellschaft konzipiert ist und auch nur so funktionieren kann, hat das Siezen als Zeichen des Statusunterschiedes seine Berechtigung. Noch mehr als das: Das Siezen drückt direkt aus, in welch entfremdeter Form sich zwischenmenschliche Beziehungen unter kapitalistischen Bedingungen abspielen. Wir können Fremden nicht per-Du sein, solange jedeR um das materielles Interesse für sich und allein für sich kämpft.
Das Duzen und das Siezen, beide sind Kehrseiten der wertgesellschaftlichen Medaille: Ob die Sprache nun ausdrückt, dass es Herrschaftsverhältnisse gibt, oder sie sich einbildet, wir alle seien eine Familie: der Kapitalismus benötigt keine Sprache, sondern ist rohe Gewalt. Was zwischenmenschliche Beziehung, was Freundschaft, was Menschlichkeit sein könnte, dies alles können wir unter den Bedingungen der Herrschaft der Wertverwertung nicht einmal erahnen. Und welche Formen der Kommunikation ohne die Formulierung von Statusunterschieden oder ohne die Lüge ihrer Nicht-Existenz möglich sein werden, ebenso. Sowohl das Siezen, als offen entfremdete Form der Anrede, als auch das Duzen, als versöhnende Lüge, würden in einer klassenlosen Gesellschaft ihre Bedeutung verlieren.

von Yvonne Hegel

Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur

Alldiweil zu Würzburg am schönen Maine die „Refolution“ ihr wildes Haupt erhob (Der rasende Reporter Heumann wird sicher davon berichten) und das übermütig gewordene fränkische Proletariat lediglich durch eine Überzahl wackerer bayerischer Gendarmen daran gehindert werden konnte, die weihnachtlich geschmückten Straßen und Plätze zu verwüsten, saß ich unbeschwert und vergnügt im Zuge – unterwegs in die Landeshauptstadt, wo ich liebe Freundinnen und Freunde zu treffen gedachte. Dabei ließ mich die Vorfreude auf eine kulinarische Vorwegnahme des befreiten Zustandes die fränkisch-bayerisch-oberpfälzerischen Dummschwätzereien („do iss enner mit enener Grawadde!“ „Des iss sicher e Mänädscher, der muss jedsd hald a amal aweng schbaar“) meiner geschätzten Mitreisenden milde überhören. Dazu kam eine gewisse Zufriedenheit: hatte doch nach Jahren der Stagnation und der Ereignislosigkeit in der hiesigen Kulturszene, was, nebenbei bemerkt, einem leitenden Kulturredakteur in diesen Tagen ja schnell einmal den Job kosten kann – also die, nennen wir’s beim Wort: eben Abwesenheit von Kultur, über die man schreiben könnte – ja also, da hatte sich gerade endlich ein veritabler Skandal am Theater dieser Stadt ereignet! Jetzt wurde meine Meinung zur fristlosen Kündigung des Generalmusikdirektors gar aus Theaterkreisen unter der Hand nachgefragt und, soviel stand damals schon fest, ist die (von mir zu verantwortende) Positionierung dieser Zeitung in der Affaire Wang von extraordinärer Bedeutung! Ha! Die Presse! Die vierte Gewalt! Und ICH mittendrin! Nun, das alles würde bäldigst gebührend gefeiert werden.

Zu München wurde ich dann aufgeregt empfangen und gab ich selbstverständlich ausführlich Bericht von meinen ausschweifenden Exkursionen. Gelegenheit dazu bekam ich bei einem Event; ganz nach der im schicken München aktuellen Mode war zum Dinner geladen worden, wobei der Clou der ganzen Angelegenheit ist, daß alle Beteiligten je einen Gang zum Menü beizusteuern haben – also die Hälfte des Spaßes darin besteht, sich in eine einzige Küche zu zwängen, den anderen möglichst viel im Wege zu stehen und ihnen auch noch mit sachkundiger Miene in die Rezeptur und Zubereitung dreinzureden. Das war ganz nach meinem Geschmack! (Lediglich die Tatsache, daß der Hauptgang von meinem alten Freund und Rivalen D. an sich gerissen worden ist, hat die Freude etwas geschmälert. Außer gelegentlichen Bemerkungen zu seiner etwas chaotischen Arbeitsweise habe ich mir zwar nichts anmerken lassen, aber unter uns: der D. dürfte in meiner Küche lediglich den Salat waschen!) Zwischen dem kunstvollen Frittieren von Wan-Tans und dem Pürieren von Nüssen erzählte ich, wie ich beim Konzert der Philharmoniker fast neben dem abgesetzten GMD zu sitzen kam und die Aktivistinnen des Wagnerfanclubs ihrem Helden tapfer im Kampf gegen das Theaterestablishment zur Seite standen. Ach, wie dramatisch sich die Hochkultur in der fränkischen Provinz doch geben kann – puterrote Köpfe, böse Blicke und ein gefüllter Konzertsaal, dessen Auditorium Füße scharrend und hüstelnd einem öffentlichen Affront beizuwohnen hofft. Nun ja, trotz der Delikatesse der Situation meisterte das Philharmonische Orchester, dirigiert von Roman Brogli-Sacher, sein Programm – Felix Mendelssohn Bartholdy Ouvertüre „Die Hebriden“ op. 26, Robert Schumann Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 129, Johannes Brahms Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90 – und ich genoss die volle Dosis deutscher Romantik im neu renovierten Konzertsaal der Würzburger Musikhochschule. In der Woche zuvor war ich ja bereits zu Schuberts Unvollendeten und Schumanns 4ter in der Hofstallstraße gewesen und hatte mich inmitten dieses frisch renovierten Denkmals der Moderne sitzend dann doch gefragt, ob die musikalische Moderne – gar nicht erst zu reden von zeitgenössischer Avantgarde – jemals hier Gehör bekommen würde. In Schweinfurt, dessen Theatersaal ja geradezu ein Geschwister des mitleidlos „grosser Saal des Gebäudes der Musikhochschule Hofstallstrasse“ getauften Würzburger Konzertsaals ist, durfte ich dann Schönbergs Konzert für Streichquartett und Orchester von den Bamberger Symphonikern unter Jonathan Nott erleben. Das noch etwas fränkischere Publikum dort war allerdings mit dem Hinweis auf die „echte Stradivari“, auf welcher die Solistin Lisa Batiashvill spielte, ins Theater gelockt worden und wurde für das Erdulden der Schönbergschen Zumutung und des etwas experimentellen V&V für Violine, Streichorchester und Tonband des georgischen Komponisten Giya Kancheli mit Bachs Konzert für Oboe, Violine, Streicher und Basso continuo und Schuberts Unvollendeten entschädigt. In kleinen Dosen und eingestreut zwischen bravourös dargebrachtem Altbekannten ist die Moderne selbst dem unterfränkischen Kulturpöbel unterzuschieben. Tags darauf saß ich dann in der „Rotationshalle“ im „Vogel Convention Center“, wo die einstige Verwendung des Raums als Standort für Druckmaschinen unübersehbar geblieben ist und dabei sehr schön von der bei aller Moderne doch recht steifen Feierlichkeit der Theater- und Konzertsäle absticht. Das äußerst brillante Pariser Ysaÿe Quatuor spielte sich mit Anton Weberns Langsamer Satz, Johannes Brahms Streichquartett Nr. 13, Beethovens Streichquartett Nr.15 immer weiter in die Historie zurück, bis dann – als Zugabe – mit einem Satz aus einem Quartett Joseph Haydns der Urvater beschworen wurde. Ein grandioses Konzert! Die geradezu körperlich zu spürende schiere Verzweiflung, die aus dem 3ten Satz Beethovens opus 132 spricht, hat mich vollkommen in den Bann geschlagen.

Dieweil ich munter weiter referierte, waren die Kochereien so gegen Mitternacht beendet und nachdem wir die Kochschürzen mit der Abendgarderobe vertauscht hatten, konnte das eigentliche Dinner nun endlich beginnen. Auf das Entre war verzichtet worden und wir begannen mit einer Thai-Basilikum-Creme-Suppe, zu der ein 2007er Rheingau Riesling Kabinett trocken „Weingut Angulus“ gereicht wurde, gefolgt von einem Salat mit Wan Tans und Nuss-Pesto. Der vorzügliche Hauptgang (bei allem Neid muß ich das doch festhalten) war ein Wildhasenrücken im Crêpe-Mantel, den ein sehr gut passender 2002er Cahors „Domaine Du Théron“ begleitete. Nun war dann doch ein doppelter Espresso nötig, die beiden Damen rauchten und huldigten erwartungsgemäß nicht mir, sondern dem nun eifrig küchenfachsimpelnden D., der nicht eher ruhte, als daß die Gastgeberin aus ihren Spirituosenvorräten einen ungarischen Likör „Betyar Barack“ hervorzog, den wir dann auf der Stelle verköstigten um dann A.s (deren neue Küche mit dieser Kochorgie „eingeweiht“ worden war) unglaubliche Schoko-Tarte mit Himbeer-Granité zu genießen. Sämtliche Flaschen des Domaine Du Théron waren bereits geleert; D. hatte noch einen nicht mehr zu eruierenden weiteren Rotwein aufgetan und selbst der etwas dubiose Aprikosenlikör neigte sich dem Ende zu, während ich noch die Genialität Sofia Gubaidulinas pries, deren Akkordeonwerk De profundis ich beim 277ten Musik publik in der Musikhochschule zu hören bekommen hatte. K. war bereits eingeschlafen und die Gastgeberin hatte sich diskret an die Beseitigung der Geschirrtürme gemacht, als D. das letzte Glas Wein leerte und von seiner, in nur wenigen Stunden beginnenden, Arbeit lallte und nun sehr plötzlich zum Aufbruch drängte. Den Rest der Nacht verbrachte ich dann mit dem Beseitigen von Fettspritzern auf den nagelneuen Schieferkacheln sowie dem Polieren von Weingläsern und Silberbesteck.

Hier seien die Rezepte für das Menü verraten:

Thai-Basilikum-Creme-Suppe:
Am Vortag 75g getrocknete Tomaten und eine getrocknete rote Pepperonischote in genügend Wasser kochen, abgießen, trocken tupfen und sehr klein schneiden. In einem Topf die Tomaten in etwas Olivenöl dünsten, nach einigen Minuten eine Tasse Olivenöl zugießen und langsam auf Siedetemperatur erhitzen, den Topf von der Flamme nehmen und abkühlen lassen. Nach einigen Stunden pürieren und das Öl durch ein Sieb geben.
Zwei kleine rote Zwiebeln sehr fein würfeln, Butter in einem Topf erhitzen und darin die Zwiebeln andünsten, eine Tasse Mehl einrühren und mit 1/8l Weißwein ablöschen, glatt rühren. ¼l Milch zugießen und unter gelegentlichem Rühren ½ Stunde kochen. Die Blätter von einem Bund Thai-Basilikum in einer hohen Pfanne oder einem Topf frittieren, umgehend wieder aus dem Öl nehmen und mit einem Küchenkrepp abtupfen. 12 Blätter zur Seite legen, den Rest in die Suppe geben, diese nun pürieren und weiter köcheln lassen (regelmäßig rühren!), einen Becher Sahne steif schlagen. Die Suppe in tiefe Teller geben, je einen Löffel Sahne oben auf geben und mit je drei Basilikumblätter dekorieren, auf den Tellerrand das Tomatenöl träufeln.

Salat mit Wan Tans und Nuss-Pesto
100g Walnüsse ohne Fett anrösten und nach dem Abkühlen mit 3 Eßlöffel Walnußöl und 2 Eßlöffel Olivenöl, etwas Salz, Pfeffer und einer Prise Chili pürieren. 12 gefrorene Wan-Tan Blätter auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech auftauen lassen. 250g Ziegenfrischkäse mit 1 Eßlöffel Semmelbrösel und 1 Zehe feingehacktem Knoblauch gut vermischen und auf die Teigblätter verteilen. Ein Ei trennen und mit dem Eiweiß die Teigränder bepinseln, die Blätter zu Dreiecken klappen (fest andrücken), mit dem Eigelb bestreichen und in der Pfanne, in der zuvor die Basilikumblätter frittiert worden waren goldbraun backen, mit Honig beträufeln. Verschiedene Salate waschen, trocken schleudern und klein zupfen. Ein Eßlöffel des Pestos mit weißem Balsamikoessig und etwas Honig zu einem Dressing verrühren. Den Salat auf Tellern anrichten, das Dressing drüber geben, die Wan-Tans darauf legen und das Pesto auf je einem Salatblatt dazu dekorieren.

Wildhasenrücken im Crêpe-Mantel
Zwei Hasenrücken abbrausen und trocken tupfen. Die Filets vom Knochen lösen, Sehnen und Haut entfernen. Das verbliebene Knochengerüst in kleine Stücke hacken und in einem großen Topf mit Butterschmalz anbraten. Eine Möhre, eine kleine Kartoffel, ein Stück Sellerie, eine Petersilienwurzel und eine kleine Zwiebel fein würfeln und zugeben, mit Pfeffer und Salz würzen. Nach 10 min. etwas Tomatenmark unterrühren und mit ¼l. trockenem Rotwein ablöschen und mit ½l. Wildfond auffüllen. Die Soße etwa eine Stunde leicht köcheln lassen und dann 3-4 Zweige Rosmarin, einige Nelken, Pimentkörner und Wacholderbeeren zugeben und mindestens eine weitere Stunde köcheln lassen. Eine Knolle Sellerie und eine Zwiebel würfeln. Die Zwiebel glasig dünsten, ½ l. Brühe zugießen, den Sellerie hinein geben und weich kochen. Nun die Brühe abgießen, das Gemüse in einem Sieb auffangen und mit etwas Pfeffer und Muskat gewürzt zu einem steifen Brei pürieren. Zwei Eier, zwei Tassen Milch und zwei Tassen Mehl mit etwas Salz und wenig Zucker zu einem Pfannkuchenteig verrühren und einige Zeit stehen lassen. In einer Crêpe-Pfanne vier Pfannkuchen ausbacken und zur Seite stellen. 4 Schalotten sehr fein würfeln und in Butterschmalz glasig dünsten, mit 1 Eßlöffel Mehl bestäuben und unter Rühren 1/4l. Brühe und einer Tasse Sahne zugießen. Einen Kopf Wirsing in feine Streifen schneiden und blanchieren, dann kalt abschrecken und ausdrücken, dann in die erkaltete Sahnesoße mischen und kräftig mit Salz, Pfeffer und Muskat würzen. Die Hasenfilets mit Salz und Pfeffer sowie ein wenig Knoblauch einreiben und einzeln in einer Pfanne in reichlich Butterschmalz rundum anbraten. Den Wirsing auf die Pfannkuchen verteilen, je ein Filet darauf legen, die Pfannkuchen rollen und im vorgeheizten Ofen bei 170° etwa 20 min. backen. Inzwischen die Wildsoße durch ein Sieb geben noch einmal aufkochen lassen und mit 1 Eßlöffel Speisestärke (in eine Tasse Wasser eingerührt) binden, die Hitze reduzieren und nach einigen Minuten eine Tasse geschlagene Sahne und ½ Glas Preiselbeeren gleichmäßig unterrühren, die Soße abschmecken. Die Pfannkuchen aus dem Ofen nehmen, in breite Streifen geschnitten mit der Soße und Selleriepüree auf einem Teller anrichten, ein Sahneklecks und etwas Preiselbeeren zur Verschönerung dazu und servieren.

Schoko-Tarte mit Himbeer-Granité
Am Vortag 500g gefrorene Himbeeren mit einer Tasse Zitronensaft und 150g. Puderzucker pürieren, dann kurz aufkochen lassen, von der Flamme nehmen und 50ml. Himbeerbrand einrühren. In einer Metallschüssel abkühlen lassen und dann unter gelegentlichem Umrühren im Gefrierfach gefrieren lassen.
Am nächsten Tag aus 125g. Butter, 100g. Puderzucker, 200g. Mehl, einem Ei und dem Mark aus einer Vanilleschote einen Mürbteig kneten und mehrere Stunden im Kühlschrank ruhen lassen. Teig zwischen zwei Backpapieren ausrollen und in eine eingefettete Form geben, mit einer Gabel einstechen und im Ofen bei 150° ½ Stunde backen. 250 g. gefrorene Himbeeren mit 200g. Schlagsahne kurz pürieren. 270g. Kuvertüre in eine Stahlschüssel geben und im heißen Wasserbad schmelzen. Die Himbeersahnemasse in einem Topf zum Kochen bringen, sofort die Hitze reduzieren, die Kuvertüre einrühren, den Topf von der Flamme nehmen, 50ml. Himbeerbrand zugeben und unter Rühren etwas erkalten lassen. Nun auf den Teig geben, glatt streichen und im Kühlschrank kalt stellen. Mit Puderzucker und einer ayurwedischen Kräutermischung (Inhalt ist leider unbekannt) bestreuen, in 12 Stücke schneiden. Je eines mit einem Schüsselchen der Granité auf einem Dessertteller servieren.

Das meine Damen und Herren war mein ganz konkreter Tatbeitrag zur Herbeiführung der Revolution! Das ausgiebige Konsumieren erlesener Speisen und Alkoholika im Kreise lieber Menschen bei angenehmen Gesprächen gilt mir als praktische Vorwegnahme jenes Zustandes, welcher der Beseitigung der allfältigen Herrschaft eines subjektlosen Verhältnisses folgen sollte – des Kommunismus halt. Das erscheint mir mindestens so sinnhaft wie das widerrechtliche Zusammenrotten auf der hässlichsten Partymeile des Universums – und war für jene wackeren Kommunisten, welche zuweilen edlen Sekt warm aus bereits gebrauchten Bierkrügen zu trinken pflegen, die Nacht auf einer Würzburger Wache die drohende Strafe für die Vorwegnahme des Aspekts der Regellosigkeit, so war das nächtliche Abtragen eines unermesslichen Spülberges meine von der weisen Vorsehung schon immer bestimmte Strafe für die Vorwegnahme des Aspekts des allgemeinen Überflusses und der Abwesenheit von Arbeit als Produzentin von Wert.

Hurraah! So spricht der Koch.

In diesem Sinne: auf zu neuen Taten!
(Ich geh‘ jetzt in die Oper; ja, wirklich und im (hihi) echten Leben)

Von Rainer Bakonyi

Katzencasino – das Haushaltscanasta

Ziel dieses Kartenspiels ist es sog. Haushaltstrios zu sammeln, oder auch nicht. In der ersten Phase des Spiels, der Vorrunde, werden an jeden Spieler sieben Karten ausgeteilt. Der jüngste Spieler beginnt. Er zieht eine Karte vom Stapel und legt eine andere (oder dieselbe) wieder ab. Sobald er ein Trio hat, wird es ebenfalls abgelegt und dafür gleich drei neue Karten auf die Hand genommen. Pro Zug darf nur ein Trio abgelegt werden. Ist der Spielzug beendet, ist der nächste Spieler an der Reihe.
In dieser Phase des Spiels ist es gut, die Haushaltstrios zu sammeln, aber nicht nötig. Punkte gibt es nicht.

Erst in der zweiten Phase, wenn sich einer der Spieler in eine Katze verwandelt (die anderen tun es ihm gleich), zählt das Spiel: Ab jetzt dürfen keine Trios mehr gesammelt werden!

Alle Karten werden abgelegt und neu gemischt. Jede Katze erhält drei neue Karten. Pro Spielzug wird weiterhin eine Karte gezogen und abgeworfen. Ziel ist es nun, anders als in der Vorphase, keine Trios zu bekommen. Geschieht es dennoch, fängt die Katze, ganz nach Art der Katzen, zu jammern an. Sie muss sofort drei neue Karten auf die Hand nehmen. Die Katze, die als erste drei Haushaltstrios zusammen hat, hat das Spiel verloren, wobei die Trios aus der Vorphase des Spiels, als die Spieler noch keine Katzen waren, nicht mitgezählt werden. Gewonnen hat die Katze mit den wenigsten Haushaltstrios.

Anmerkung: In sehr seltenen Fällen kann es geschehen, dass sich kein Spieler in eine Katze verwandelt. Sollte nach Stunden noch immer keine Verwandlung gegeben haben, ist es ratsam, das Spiel abzubrechen.

Kartentrios:
Bügeleisen – Bügelbrett – Hemd
Fön – Kamm – Spange
Staubsauger – Besen – Schaufel

Von Homer Berndl

Spielkarten können über die Redaktion bezogen werden.

Was tun?

Teil I: Wie man die Sprache der Vögel lernt und ein beliebter Gesellschafter wird

Es ist nicht ganz unwichtig, folgende Verhaltensempfehlungen sorgfältig durchzulesen. Sie werden, wenn sorgfältig appliziert, hervorragende Ergebnisse erzielen. Wir dokumentieren den ersten Teil der Reihe von Gernot Riesenkäfer.

1. Wachen Sie eines Tages auf, um entsetzt festzustellen, dass Sie die Sprache der Vögel sprechen. Machen Sie Ihre Mitwelt auf diese höchst bedeutende und verstörende Veränderung aufmerksam, indem Sie laut piepend die Strasse entlangflattern.

2. Versuchen Sie, die schlechten Angewohnheiten, mit denen Sie Ihrer Mitwelt oft ohne jede Absicht auf die Nerven steigen, zu erkennen und abzulegen. Viel bessere Ergebnisse können Sie erzielen, wenn Sie sich irritierende neue Angewohnheiten zulegen, um Ihrer Mitwelt bewusst und gezielt auf die Nerven zu steigen.
Blicken Sie zum Beispiel während eines Gespräches öfter angestrengt an Ihrem Gesprächspartner vorbei an einen bestimmten Punkt ins Leere. Entgegen dem allgemeinen Glauben ist es auch jemandem, der die Angewohnheit genau kennt, unmöglich, nicht in ein unbehagliches Gefühl zu verfallen. Es hängt allerdings von der eigenen Übung ab.
Kündigen Sie einen Satz mit gewichtigem Tonfall an, vergessen Sie aber nach drei Worten, was Sie sagen wollten, und gehen wortlos (und vielleicht kopfschüttelnd) davon.

3. Erzeugen Sie mysteriöse Geräusche, um in Ihrem Gesprächspartner das Gefühl zu erwecken, er höre Dinge, die nur in seinem Kopf stattfinden. Leugnen Sie strikt und erstaunt ab, das Geräusch selbst gehört zu haben. Die besten Resultate erzielen mit einem Minimum an Lippenbewegungen hervorgerufene Geräusche, die an panische Schreie in der Ferne oder ähnliches erinnern, oder der leise gesprochene Vorname des Gesprächspartners (üben Sie das vor dem Spiegel!). Oder erfinden Sie seltsame kleine Sätze ohne Sinn, aber mit debil-faszinierend eingängigem Rhythmus.

4. Fangen Sie, wenn man Ihnen etwas erzählt, plötzlich breit an zu grinsen. Bitten Sie darum, einen willkürlich ausgewählten Satz zu wiederholen, grinsen Sie erneut. Hören Sie dann bis zum Ende weiter zu, ohne ein Zeichen von Interesse zu zeigen. Oder wiederholen Sie ein Wort Ihrer Wahl selbst, mit allen Anzeichen der Erleichterung, und lassen Sie danach den Vortrag seinen Fortgang nehmen. Sie verleihen damit den Gesprächen mit Ihrer Umgebung den Zauber der Abwechslung.

5. Lernen Sie, ungenau zu hören und zu sehen. Wer nicht genau wahrnimmt, nimmt wesentlich bessere Sachen wahr. Vergessen Sie nicht, sofort nachzufragen, ob die von ihnen grotesk misshörte Stelle wirklich so gelautet haben kann. Unterbrechen Sie hierfür ohne Zögern jede angeblich noch so wichtige Ansprache. So werden Sie lernen, wirklich wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden.

6. Sprechen Sie bestimmte seltenere Worte auf eigentümliche Art falsch aus. Tun Sie, darauf angesprochen, so, als sei ihnen den Unterschied gar nicht bewusst. Benutzen Sie für manche seltenere Worte selbst erfundene, fremdartig klingende dialektale Wendungen. Damit beweisen Sie zugleich weitläufige Weltkenntnis und rührende Bodenständigkeit.

7. Achten Sie bei Leuten, die mit Ihnen sprechen, immer auf die Ohrläppchen oder andere Teile des Gesichtes. Unterbrechen Sie auch längere Ausführungen, wenn nötig, um auf Ihrer Meinung nach auffällige Besonderheiten dieser Körperpartien hinzuweisen. Sie vermitteln damit allenthalben das beruhigende Gefühl, Sie nähmen Interesse an Ihren Gesprächspartnern als menschlichen Wesen in allen ihren Eigenheiten.

8. Üben Sie langweilige Wortspiele und Witze, die sich reimen. Wenn Ihnen ein scheinbar belangloser Satz im Kopf herumgeht, und das wird oft der Fall sein, scheuen Sie sich nicht, ihn zu einer Fantasiemelodie zu singen. Meistens wird sich dadurch auch sein bisher verborgener Sinn rasch erweisen.
Erklären Sie jede Pointe. Gute Witze gewinnen mit jeder Erklärung bisher unbekannte Aspekte und neue Facetten.
Als Ideal muss Ihnen vor Augen stehen, schliesslich ein Mensch zu werden, mit dem kein vernünftiges Wort mehr zu reden ist.

9. Benennen Sie die Dinge Ihrer Umgebung mit Anreden, z.B. Herr Messer oder Frau Gabel. Unterhalten Sie sich mit den Dingen, mit denen Sie zusammenarbeiten. Sie werden feststellen, dass es dem Arbeitsklima gut tut und beide Seiten erfreut. Entschuldigen Sie sich, wenn Sie einem Ding unrecht getan haben. Es wäre nicht gut, unversöhnt von einem Ding zu scheiden.
Entwickeln Sie so Ihre Fähigkeit zur Empathie zu grotesken Dimensionen.

10. Beginnen Sie zuletzt, harmlose Gegenstände zum Zentrum kultischer Verehrung zu machen. Fahren Sie damit fort, absolut idiosynkratisch auf gewisse Kombinationen von Worten, Geräuschen, Abläufen zu reagieren. Sie werden schliesslich zu völlig unerwartetem Handeln fähig sein. Erklären Sie Ihrer Mitwelt auf Nachfrage die Beweggründe ausführlich, aber ohne jede Hoffnung auf Verständnis.

Nächste Folgen:
- Wie man einen riesigen Turm baut
- Wie man in seiner Wohnung einen Kraken hält
- Wie man die Menschen für seine Sache gewinnt

Die Liebe und ihr Gegenteil

Die Liebe ist gleichzeitig Protest dagegen, verlassene, verächtliche Wesen zu sein, und Ausdruck der Zustände, die die Einzelnen genau dazu machen. Sie ist einerseits die bloss teilweise, illusorische Aufhebung der Verlassenheit, und gleichzeitig ihre wirkliche Bestätigung; sie kann die Trennung zu einem Menschen nicht einmal teilweise aufheben, ohne zum Werkzeug der Trennung zu allen anderen Menschen zu werden. Dabei ist das letzte nicht einmal nur der Preis, mit dem das erste erkauft wird, es wird immer mehr zum eigentlichen Zweck des Geschäfts.

Die Liebe wird damit nicht mehr nur bloss illusorisches Mittel der Befreiung von unerträglichen Zuständen, sondern selbst Grund ihrer Fortdauer; nicht mehr unzulängliche Tröstung, sondern das Produktionsverhältnis des Unglück selbst. Sie wird dies in dem Masse, in dem sie den Charakter eines plötzlichen Wahnsinns und Fieberschubs ablegt und zu dem beizutragen anfängt, was der bürgerliche Zynismus „vernünftig werden“ nennt.

Sie spielt damit zuletzt eine katalysatorische Rolle bei der sogenannten Reifung des sogenannten Charakters, also der Karriere von der unfreiwilligen Unfreiheit des Kindes zur freiwilligen Unfreiheit derer, die deshalb Erwachsene heissen, weil ihnen keine Entfaltung mehr möglich ist. Nicht zuletzt fängt sie einen guten Teil dessen, was der „Jugend“ als „Rebellion“ zugestanden wird, im unglaublich dummen Triumf darüber auf, doch noch unvermutet selbst zu genau dem geworden zu sein, was an den eigenen Eltern einmal verächtlich, mindestens bedauernswert war.

Die steinige, aber unvermeidliche Wegstrecke zwischen zwei Fasen der Unfreiheit, von Familie zu Familie, ist diejenige einer mehr oder weniger kurzen Zeit der sexuellen Freiheit, die dem ganzen das Aussehen von etwas selbstgewählten gibt; wo doch, wenn man nur die Kraft hätte, die Augen offen zu behalten, der ganze langweilige Prozess von Anfang an nicht einmal den Anschein von Selbstbestimmung hat. Dazu ist die traumwandlerische Sicherheit zu offensichtlich, mit der die Liebe ihre Schritte setzt; von Anfang an ist sie ein Schatten der Ehe und der Familie, als deren Einübung oder Ersatz.

Dieser Weg wird zurückgelegt in einer quälenden Bewusstheit, in der sogar noch die kurze Zwischenzeit einer angeblichen sexuellen Freiheit selbst inszeniert ist als diejenige „Jugend“, an die man sich später einmal zu erinnert hofft und an der man in der Einsamkeit der Beziehung seine Gedanken wird wärmen können. Gleichzeitig ist sie selbst die Einübung dieser Einsamkeit, in der man den Verzicht und Entsagung kennenlernt, die man später noch brauchen wird. Ein anderer, eigener Sinn kann dieser Zwischenzeit nicht unterstellt werden. Dazu ist sie viel zu beschissen.

Diese „Jugend“, der das Versprechen der Freiheit anhängt wie ein Dreck, ist eine Rebellion, von der man weiss, dass man sie verraten wird, sobald man sie erst kennenlernt, denn man kann nicht übersehen, dass das Versprechen ein Betrug ist. Die versprochene Freiheit wird nicht gewährt werden. Sie realisiert sich nur in der immerwährenden Konkurrenz um Sex, der von jeder auch nur mitmenschlichen Liebe so leer ist wie die gespenstischen Diskos, auf deren Marktplätzen diese Konkurrenz ausgetragen wird.

Über diese angebliche Freiheit braucht kein Wort verloren werden. Niemand ist dazu fähig. So geizig sind wir mit uns, dass uns Liebe, Nähe nicht möglich ist ohne den Ausschluss aller anderen von der nächsten Nähe zu unseren Herzen; weil die Ausschliesslichkeit, so verblendet sind wir, die einzige Form ist, in der wir uns gestatten, unsere eigene Einzigartigkeit und die des anderen zu sehen und zu lieben, wie sie geliebt werden müsste, wenn sie nur richtig gesehen wird. Und so verwirklicht sich unser Reichtum als Armut und unsere Sehnsucht als Verzicht; was wir in uns trügen, die ganze unerschöpfliche Liebe, verkümmert mit uns.

Mehr noch, so ökonomisch gehen wir mit uns um, dass die ausschliessliche Nähe der Körper zum Pfand werden muss für die Ausschliesslichkeit der Nähe der Seelen; zu genau wissen wir alle, wie wir funktionieren, zu genau wissen wir, wie man geliebte Menschen verliert. Die Sexualität ist nicht frei, alles andere als das, sie ist Sklavin unserer Ängste und schlimmen Träume.

Was heute Liebe heisst, ist für gewöhnlich ihr Gegenteil. Sie ist die Flucht vor der sicheren Gewissheit, verloren zu sein, die sich um den Preis erkauft, freiwillig nein zu sagen zu dem grossen, weltumfassenden und völlig wahnsinnigen Unterfangen, was wirklich Liebe zu heissen verdiente, und von dem man weiss, dass man es doch nie erleben wird.

Sie ist die grosse Lehrerin der Disziplin der Körper. Sie ist die Macht, die aus Begehren Reihenhäuser wachsen lässt. Nicht der mächtigste Dämon im Pantheon der Macht, sicher, aber ein unverzichtbares Element der Herrschaft.

Die Vertrautheit und Nähe sind nur die andere Seite der Trennung, die zwischen den Menschen herrscht, und die um so bewusster und um so unnachgiebiger nachgezogen werden kann. Nichts ist brutaler und gleichgültiger als ein „glückliches Paar“. Nichts ist ein grösserer Verrat an alledem, was als flüchtiges Glück einmal die Alpträume einer unruhigen Jugend beleuchtet hat. Die verdiente Strafe dafür ist, einmal selbst Kinder auszubrüten, denen gegenüber man die Autorität zu vertreten hat, wie man es gegen sich selber eingeübt hat.

Wenn es wenigstens amour fou wäre, ein flackerndes Irrlicht am Rande des Weges, trügerisch und verheissungsvoll, aber wenigstens ein wahrer Reflex des Glückes, weil es ganz und gar nicht von dieser Welt zu sein scheint; wenn es uns wenigstens irre machen würde statt verständig. Wenn es wenigstens noch die Gefahr mit sich brächte, sich selbst zu verlieren, statt nur die selbstzufriedene Gewissheit, sich selbst ganz zu besitzen. Wenn es wenigstens nicht so allzu offen gesellschaftlich nützlich wäre wie sonst nur die Arbeit.

Das Glück ist flüchtig, weil wir eingesperrt bleiben. Eine blanke Tatsache, immerhin, das kann man zur Kenntnis nehmen, aber für das Paradies braucht man sowas nicht ausgeben. Das „kleine Glück“, das die Innenminister schützen, ist das Gefängnis selbst. Es gibt überhaupt keinen Anlass, besonders romantisch zu glotzen.

Von Jörg Finkenberger

Φρóνιμον ἔστι τὸ πῦρ (1)

Zur Bewegung in Griechenland

Es liesse sich sagen, dass die neuerlichen griechischen Ereignisse, ob nun ganz oder zum Teil, einige in diesem Heft bisher geäusserte Thesen beweisen (2). Gerade so gut liesse es sich übrigens auch umgekehrt sagen.

Wieder, wie zuletzt 2005, redet eine ganze Weile niemand von etwas anderem, und wieder formiert sich eine auf subtile Weise gemeinsame Front derer, gegen die sich die griechischen riots ihrer innersten Tendenz nach richtet: das ganze Geschmeiss von links bis rechts, von Sozialarbeitern bis Polizisten.

Das erste gemeinsame Interesse dieser Front ist die unbedingte Wahrung des status quo, ihr erstes gemeinsamen Mittel, der Bewegung falsche Motive unterzuschieben. Wenn die Linke, weil sie es gerne so hätte, die Bewegung für eine nur leider etwas zu unpolitische Bewegung gegen den „Neoliberalismus“ hält (und gegen deren angebliche Mängel, die in Wahrheit das beste sind, sich selbst als Remedur anbietet), dann erklärt die Rechte, im letzten zu Grunde läge der Sache der Verfall der Werte, der Sicherheit und der Verlässlichkeit, denn nur diese könnten Jugendlichen eine Perspektive bieten (gegen welchen Verfall sich die Rechte selbst als Remedur anbietet).

Die Linke fälscht die Motive, um die Bewegung zu beherrschen, die Rechte, um ihre Gegner zu einigen. Das ist sehr natürlich, zu genau diesen Zwecken hält sich der Staat diese beiden Alternativen.

Grund genug für diejenigen, die sich dieser Bewegung verbunden fühlen, ihre wahren Motive darzulegen. Es zeigt sich jedoch bei näherer Betrachtung, dass die wahren Motive bereits offen zu Tage liegen, und selbst von den verzerrten und verständnislosen Versionen, die in der offiziellen Presse umlaufen, nicht ganz ausgetilgt werden konnten.(3)

Die unaufhaltsame Logik, mit der die Bewegung nach der Tötung eines 15jährigen durch die Polizei dahin übergriff, gezielt und liebevoll genau die Innenstädte zu verwüsten, zeigt ein erstaunlich scharfes Bewusstsein der gesellschaftlichen Totalität. Sie hat sich nicht, wie es eher linke Blätter auch gerne berichtet haben (weil sie es eben gerne so hätten), auf die Niederlassungen grosser Banken und Konzerne beschränkt; offensichtlich teilt sie nicht das idiotische Verlangen der Linken, das Volk gegen das grosse Kapital zu einigen, sondern erkennt in der Einrichtung der Stadt eine direkte, steingewordene Verlängerung der Gewalt des Staates, und in öffentlichem Raum und privatem Eigentum nichts als die eigene Enteignung.(4)

Diese überraschende Überschreitung des Horizonts einer selbst versteinerten autonomen Linken fällt zusammen mit einem Ausgreifen der Bewegung weit über die Ufer dieser autonomen Linken. Die Bewegung war von Anfang an von der autonomen Linken emanzipiert; man darf sich gewiss sein, dass sie mit ihrem langsamen Rückgang wieder in die Schranken der autonomen Linken gezwängt werden wird; man ersieht daraus, in welchem Masse die autonome Linke ein Fänomen der Konterrevolution ist.(5)

Die Bewegung folgt keiner politischen Lehre, keiner der hergebrachten vorgefertigten Tendenzen, sie ist überhaupt nicht politisch, sowenig sie ökonomisch ist. Sie ist keine Folge der Krise, sie ist die Krise selbst. Mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit holt sie das Gründungsverbrechen der heutigen griechischen Gesellschaft, den Militärputsch von 1967 und die Diktatur bis 1974, wieder in die Gegenwart, indem sie tastend auf den Ausnahmezustand zu drängen scheint; sie sieht an der Gesellschaft überhaupt nur ihr wahres Gesicht, das Bürgerliche Gesetzbuch ist ihr eine nicht weniger deutliche Hieroglyphe der Herrschaft ist als der Militärputsch; sie scheint es vorzuziehen, den einmal verlorenen Kampf noch einmal zu führen, um ihn diesmal zu gewinnen, statt sich von der Republik mit der Drohung der Diktatur weiter erpressen zu lassen.

Sie beweist damit ein Wissen über den Staat und das gewaltsame Zustandekommen seiner Gesellschaft, über den Zusammenhang von Souverainität und Staatsstreich, und ein Geschichtsbewusstsein, dass im heutigen Europa ohne Beispiel ist. Damit qualifiziert sie sich als das erste Leuchtfeuer der kommenden Revolten; denn keine Revolte kann sein, die nicht vom Bewusstsein getragen wird, dass die Aufgabe darin besteht, den „wirklichen Ausnahmezustand“ herbeizuführen, von dem Walter Benjamin spricht (6).

Dass die Bewegung in Griechenland zum wirklichen Ausnahmezustand nicht vordringen konnte, ist ihr nicht vorzuwerfen; wäre sie stark genug gewesen, den Staat zu einer Erprobung seiner Souverainität zu zwingen, hätte sich das Gesicht nicht nur dieses Kontinents verändert. Die Regierung hat sich freilich auffallend klug herausgehalten; man darf annehmen, nicht ohne sich mit den Regierungen des Kontinents beraten zu haben.

Und mehr noch als das: in Griechenland hat sich das Proletariat eine Form des Widerstands geschaffen und gleichzeitig allgemein bekannt gemacht, die als einzige avanciert genug, resistent genug, modern genug ist, um universal zu sein; universal in dem Sinne, dass sie einerseits die Umrisse des Proletariats als einer rächenden Klasse wieder sichtbar machen kann, und dass dieses Beispiel, wie durch eine allgemeine Sprache, überall unmittelbar verständlich ist.(7)

Der offene Ausbruch der Krise in der Ökonomie stellt der Herrschaft, der Gesellschaft, die Aufgabe, sie zu bewältigen; das, was auseinanderstrebt, wieder zusammen zu zwingen; die Revolte in Griechenland hat zum erstenmal ausgesprochen, dass das auseinanderstrebende sich gegen den Zwang zur Wehr setzen könnte. Sie hat als erste die Krise nicht als ein Verhängnis gezeigt, dem man stumm sich zu fügen hat, sondern als das andere, das seiner selbst noch nicht bewusste Gesicht der Revolte; welch letztere die wirkliche finale Krise des Kapitals sein kann, wenn man es nur endlich will. (8)

Von Jörg Finkenberger

1 Nach Heracleitus, DK 17 B 64a.

2 Man vergleiche hierzu die Reihe „Über die kommende Revolte“, die seit #2 im letzten hype weiterführt wird.

3 Manche eher rechten Teile der Presse erfinden natürlich ganz speziell griechische Gründe, um sich zu versichern, dass das ganze vielleicht ein Problem der griechischen Gesellschaft sei, aber ganz sicher niemanden sonst beträfe. Etwa den Klientelismus, die Abhängigkeit der einzelnen von einflussreichen Beziehungen – wir sagen lieber: Rackets –; aber sie können natürlich nicht erklären, wie derartige partikulare Herrschaftsformen zu einem allgemeinen Widerstand führen sollen. Unter der Hand machen sie den realen Aufstand gegen den Staat und die bürgerliche Gesellschaft zu einem Aufstand für den Staat, nämlich gegen seine Korruption. Die libanesischen oder ägyptischen Verhältnisse lehren uns anderes. – Oder aber: die Inflation habe die Waren unerschwinglich gemacht, wie ein besonders schlauer meinte, der sich damit die Revolte gegen die Warenanhäufung erklären will. Aber wieviel ist tatsächlich geplündert worden? Er hat es nicht untersucht.

4 Es ist den Linken, wie man sogar zB auf libcom.org sehen kann, vorbehalten geblieben, hier eine besonders grelle Episode im Verteidigungskampf um Arbeiterrechte zu sehen. Diese Leute, Aktivisten der Theorie, können aus der unstreitigen massenhaften Beteiligung von Lohnabhängigen nicht klug werden, wenn sie ihnen nicht im weitesten Sinne gewerkschaftliche Ziele unterschieben. Letztlich sind solche Deutungen nichts anderes als gutgemeinte Vorschläge an die Herrschaft, wie die Situation wieder zu befrieden sei. Ein Proletariat aber, das seine Gefängnisse, die Städte, zu zertrümmern begänne, wäre schon jenseits der Reichweite solcher Ideen. – Gewissen Kreisen der radikalen Linken in Griechenland ist übrigens tatsächlich eingefallen, im Namen der Revoltierenden Forderungen zu stellen. Man darf da die altbekannten Sachen lesen: bedingungsloses Grundeinkommen, Sozialversicherung für alle, und was sonst noch die letzte Mode ist. Der grelle Kontrast, in dem solche wildgewordene Sozialdemokratie zur wirklichen Bewegung steht, muss nicht eigens ausgeführt werden: die Bewegung hat diesen Unsinn bereits desavouiert, und desavouiert ihn noch.

5 Diese Zeilen wurden vor dem Ghaza-Krieg geschrieben. Ich hätte präzisieren können, und tue dies hiermit: jedesmal, wenn eine solche Bewegung scheitert, werden einige ihrer Aktiven, weil sie hinterher nicht mehr begreifen wollen, was sie eine Sekunde lang gewusst haben, sich der autonomen Linken anschliessen; jedesmal wächst die Zahl derer, die bereit sind, israelische Botschaften oder irgendwann Synagogen anzuzünden. Das ist die in Europa übliche Art, sich vom Aufstand abzuwenden und eine unbegriffene Erkenntnis zu vergessen; und die Linke erschafft sich jedesmal aufs Neue als diejenige Instanz, die dieses Vergessen verwaltet.

6 „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern.“
(http://www.mxks.de/files/phil/Benjamin.GeschichtsThesen.html)

7 Griechenland ist das östlichste Land Europas und das westlichste Land des Mittleren Ostens. Für alle die, die glauben, es hier mit zwei verschiedenen Kulturkreisen zu tun zu haben, könnte sich die unverhoffte Chance bieten, umzulernen; nämlich in dem Masse, in dem sich das griechische Beispiel als einzige Lösung der ägyptischen, libanesischen, syrischen, und eines Tages der iranischen Misere erweist.

8 Die unauslotbare Ironie des beliebten Graffito dieser Tage : Merry crisis and a happy new fear! bringt das sehr schön zum Ausdruck. Vor allem wird man, vermute ich, auch im neu-griechischen noch das Gefühl dafür haben, dass Krisis von κρίνειν (entscheiden) kommt und Entscheidung bedeutet.

#10 draussen

Ob man die Printversion hier schon findet, weiss ich aber nicht, weil ich zu faul war, nachzuschauen.

Von der #9 ist aus unerfindlichen Gründen auch noch nichts hochgeladen. Schade eigentlich, weil lustigerweise auch kein Exemplar auf Papier mehr aufzutreiben ist. Das erste Mal, dass es mit dem verteilen wirklich geklappt hat, ohne dass die Hälfte der Auflage auf dem Tischchen im Flur der Wohnung unseres Verlegers liegengeblieben ist, oder in der-Dämon-allein-weiss-was-für schaurigen Kellergelassen in seinem Haus des Schreckens. Man kann nur hoffen, dass er sie noch irgendwo als Datei hat.

Und das ausgerechnet bei der einzigen Ausgabe, die sichtbare Wirkungen hinterlassen hat. Naja. Wir bemühen uns, sie wenigstens elektronisch reproduzierbar zu machen.

Operation Cast Lead – Israel im Kampf gegen den Dschihad

Der zur Zeit der Abfassung dieses Textes noch im Gange befindliche Krieg im Gasastreifen ist die logisch konsequente Fortsetzung des Krieges vom Sommer 2006 gegen die Hisbollah im Libanon. Wie auch in jenem Krieg führen die israelischen Streitkräfte einen Kampf mit einem nichtstaatlichen Gegner, dessen Kämpfer sich bis zur völligen Ununterscheidbarkeit mit der umgebenden Bevölkerung vermengt haben und der die zivile Infrastruktur, also Wohnhäuser, Verwaltungsgebäude, Sportplätze, Krankenhäuser und Schulen, ganz gezielt in seine militärischen Operationen einbezieht. Die dabei zu erwartenden Opfer unter der Zivilbevölkerung sind kaltblütig einkalkulierter Bestandteil der Operationsstrategie dieser Organisationen. Das höhere Ziel der Beseitigung der „zionistischen Besatzung“ – womit der Staat Israel und überhaupt alles jüdische Leben auf als islamisch definiertem Territorium gemeint ist – rechtfertigt sämtliche Leiden der Bevölkerung, welche ja als Bestandteil der islamischen Gemeinschaft und somit als das eigentliche Subjekt des Kampfs gegen die Ungläubigen gilt. Sind die Menschen in der Reichweite der islamistischen Gruppen nicht bereit, sich vollkommen den Zielen der Dschihadisten zu unterwerfen, gelten sie als Abtrünnige und werden gefoltert und/oder ermordet. Im Gegensatz zur Hisbollah, die sich derzeit im politischen Kampf um die Macht im Libanon befindet, hat die Hamas die Macht in Gaza längst erobert und sich jeder Konkurrenz entledigt. Der Charakter der Hamas als Vereinigung bewaffneter Kämpfer für ein weltweites Kalifat ist unvereinbar mit dem Aufbau und Unterhalt einer irgend staatsförmigen Ordnung; das systematische Herausreißen von Wasserrohren zum Zwecke des Raketenbaus mag hier als besonders augenfälliges Beispiel dienen. Der Glaube an den von Allah zu bewerkstelligenden endgültigen Sieg der durch ihre Kampfbereitschaft ausgewiesenen Rechtgläubigen lässt selbst kurze Ruhepausen im Dschihad nicht zu.

Die Aufgabe, welche die Politik in Israel dem Militär gestellt hat, nämlich für ein Ende der Raketenangriffe, sowie der andauernden Mörser- und Schußwaffenattacken aus dem Gasastreifen zu sorgen, ist dadurch von vornherein nur zu erfüllen, wenn der Hamas die taktischen Möglichkeiten, also sowohl Waffen und Munition, wie auch die Logistik entzogen werden. Die Tatsache, daß sich sämtliche militärischen Einrichtungen der Hamas in zivilen Orten verbergen und die Operationslogistik sich der gesamten zivilen Infrastruktur bedient, bestimmt die Form und den Verlauf des Feldzugs. Sowohl aus moralischen als auch strategischen Erwägungen muß dieser mit so geringen Opfern (selbst unter den gegnerischen Kämpfern) wie möglich geführt werden. Dies wurde bisher durch sehr genaue Aufklärung, exakte Vorbereitung und diverse taktische Raffinessen erreicht, ob das Ziel einer Zerschlagung der operativen Fähigkeiten der Hamas erreicht werden kann, ist derzeit noch offen. Mit der Dauer der Kampfhandlungen und der Zunahme des Aufwands für ihre Fortführung wächst der politische Druck, zu einer möglichst dauerhaften Lösung des Problems zu kommen. Die genaue Definition des Problems ist nun allerdings ein Dilemma ganz eigener Dimension.

Die Hamas ist nicht lediglich ein Haufen wild gewordener islamischer Fundamentalisten, sondern Teil eines globalen Kampfes für ein Gottesreich und sie wird dabei von zwei Staaten ausgerüstet, finanziert und weitgehend auch gelenkt, die ihre eigenen (sich dabei durchaus widerstreitenden) Interessen sowohl in der Region als auch weltweit verfechten. Syrien, das für sich eine regionale Vormachtstellung beansprucht und dabei im Libanon und im Irak territoriale Ansprüche geltend macht, ist spätestens seit dem Mord am ehemaligen libanesischen Präsidenten Hariri in einer offenen Auseinandersetzung mit Ägypten und Saudi-Arabien (der Streit mit Jordanien ist seit dem Überfall Syriens im Jahr 1973 niemals abgeflaut). In Damaskus sitzt die militärische Führung der Hamas, von dort wird der Schmuggel der von Teheran gesponsorten Waffen durch Ägypten nach Gasa organisiert. Der Iran finanziert dabei das Regime in Syrien und die Hamas und übernimmt auch die militärische Ausbildung der aus Gasa heraus geschleusten Militanten. Das taktische Ziel des Iran ist eine, wenn auch kurzfristige, Ablenkung von seinen atomaren Bewaffnungsanstrengungen, sein strategisches Ziel ist die Vormachtstellung in der islamischen Welt, der Export seiner islamischen Revolution und letztendlich die Islamisierung der Welt. Die, egal wie wahnsinnigen, Endziele Irans und der Hamas sind – auch über die sunnitisch-schiitische Spaltung hinweg – identisch und gerade der Aspekt, daß das Ziel der Vernichtung Israels integraler Bestandteil ihres jeweiligen politischen Willens1 ist, zementiert diese Allianz. Syriens ausschließliches strategisches Ziel ist die Fortdauer der Macht des Assad-Clans. Das Bündnis mit Iran ist diesem Ziel ebenso unterworfen wie die Unterstützung für die diversen rivalisierenden libanesischen und palästinensischen (nebenbei auch irakischen) Milizen und die penible Einhaltung der Waffenruhe am Golan. Den Krieg des Sommers 2006 konnte die syrische Führung zu einer Verstärkung ihres Einflusses im Libanon nutzen, indem sie die angeschlagene Hisbollah mit iranischen Waffen wieder aufrüstete und diese im monatelangen kalten Bürgerkrieg stützte. Nach dessen letztjährigen Finale in einem Operettenputsch garantierte Syrien den fragilen status quo und konnte sich damit zudem noch aus der internationalen Isolation befreien, was allerdings (vor allem wegen der Aufnahme indirekter Verhandlungen mit Israel via Türkei) zu starken Irritationen in Teheran führte. Die Durchführung dieser Taktik auf dem Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörden scheiterte zum einen an der trotz israelischer und amerikanischer Unterstützung militärischen Unterlegenheit der Fatah, zum anderen an der ideologischen Verbissenheit der Hamas-Angehörigen, welche die hochrangigen Fatah-Militanten lieber von Hochhäusern warfen, als sich mit ihnen das Innenministerium eines Staates „Palästina“ zu teilen. Sollte es der Hamas ähnlich wie der Hisbollah gelingen, auch nach dem Krieg mit Israel die dominierende politische Kraft im Gasastreifen zu bleiben – auch nach den bisherigen heftigen Verlusten gälte dies als „historischer Sieg“ – , wird Syrien aus seiner Unterstützung politisches Kapital in Teheran herausschlagen und zugleich seinen Einfluß auf die Hamas in den Auseinandersetzungen mit der arabischen Liga als Druckmittel verwenden. Wird die Hamas zerschlagen, hat Syrien mit verschiedenen Fraktionen innerhalb der Fatah verläßliche und nicht von Teheran abhängige Klienten und wäre somit in der Lage, ein etwaiges Friedensabkommen der PA mit Israel (das dann zur Gründung „Palästinas“ führen würde) effektiv zu obstruieren und könnte sich zugleich dem Westen als Bündnispartner gegen den Terror empfehlen, ohne relevante Zugeständnisse an Israel machen zu müssen. Dabei müßte Damaskus nicht einmal völlig auf die (wegen des sinkenden Ölpreises sowieso rückläufigen) Spenden aus Teheran verzichten, da Iran bei der Unterstützung der Hisbollah auf die Mithilfe Syriens angewiesen ist.

Aber nicht lediglich die Gegner Israels bereiten bei der Analyse erhebliche Kopfschmerzen, auch die Zusammensetzung der Bündnispartner Jerusalems ist von einiger Delikatesse. Am deutlichsten (und dort auch am schmerzlichsten empfunden) ist die Kooperation Ägyptens. Der größte arabische Staat, der mit seinem säkularen und national-arabischen Präsidialregime den Anspruch auf die Führungsrolle in der arabischen Welt und damit auch die ideelle Vorreiterschaft in der Abwehr der „zionistischen Aggression“ als Staatsräson hat, ist seit geraumer Zeit in einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Syrien verstrickt. Die Unterstützung Kairos für die Zukunftsbewegung im Libanon, welche zur „Zedernrevolution“ und der Loslösung des Libanon von Syrien geführt hatte, wurde von Damaskus gekontert mit der Unterstützung des Putsches der Hamas, der die von Ägypten und Saudi-Arabien garantierte palästinensische Einheitsregierung beseitigte. Dies war nicht lediglich eine zuvor kaum vorstellbare diplomatische Blamage Ägyptens und Saudi-Arabiens, sondern auch das praktische Ende aller Bemühungen dieser Staaten, gemeinsam mit Jordanien, einen allgemeinen Friedensvertrag der arabischen Liga, einschließlich des, im selben Prozeß aus der Taufe zu hebenden, Staates „Palästina“, mit Israel zu bewerkstelligen. Der Beweggrund dieser ursprünglich saudischen Initiative liegt im rapiden Anstieg der iranischen Bedrohung und in der nach 9/11 auch in Saudi-Arabien eingesetzten Erkenntnis, daß die bisher großzügig unterstützten radikalen islamischen Gruppen eine strategische Bedrohung nicht nur der säkularen arabischen Regimes, sondern eben auch des eigenen Königshauses darstellen. Ein weiterer glückloser Bündnispartner ist der – seit einigen Tagen auch nicht mehr durch Wahlen legitimierte – „Palästinenserpräsident“ Mahmud Abbas, dessen von der Fatah gestellte Regierung auf israelisches Militär und amerikanische finanzielle Unterstützung angewiesen ist. Diese vier Regimes, Ägypten, die PA, Jordanien und Saudi-Arabien, sind brennend an einer Beseitigung der Hamas interessiert, wollen und können aber bei Strafe des eigenen Untergangs nicht offen Partei ergreifen. Zudem steht selbst die Unterstützung durch den einzigen langfristigen und offenen Bündnispartner, die USA, unter einem Vorbehalt: Das baldige Ende der Amtszeit George W. Bushs lässt seiner Regierung nur geringen außenpolitischen Spielraum, zudem sind die USA angesichts der ökonomischen Krise zu kostenintensiven Unternehmungen kaum in der Lage und schon seit längerem außenpolitisch in der Defensive. (Im stets prekären Gefüge des Nahen Ostens wurde sehr genau zur Kenntnis genommen, daß die USA dem Bündnispartner Georgien in der Not nicht beigesprungen sind)

Die israelische Regierung scheint derzeit offensichtlich noch auf eine große Lösung zu hoffen; ihre Emmisäre versuchen in Kairo eine Verhandlungslösung zu erreichen, die der Hamas ihre militärischen Möglichkeiten nimmt und eine multinationale (aber muslimische) Truppe – sei sie nun in Gasa selbst stationiert oder aber auf der ägyptischen Seite der Grenze – mit der Sicherung des Waffenstillstand betraut. Dies böte die Möglichkeit, in absehbarer Zukunft eine Vereinbarung sämtlicher Beteiligten zu erreichen. Weit wahrscheinlicher aber ist ein Ende der Kampfhandlungen ohne Verhandlungen und ohne die Hamas wirklich aus dem Sattel geworfen zu haben, allerdings mit dem für Israel bedeutenden Ergebnis, daß sich die Wiederbewaffnung der Terrorgruppen deutlich schwieriger gestalten dürfte und daß die durchaus erheblichen Zerstörungen, welche die Streitkräfte im Gasastreifen bewirkt haben, wahrscheinlich auch die „Infrastruktur des Terrors“, also die Fähigkeit der Militanten, bewaffnete Aktionen aus einem zivilen Umfeld heraus durchzuführen, auf längere Sicht beschädigt hat. Das Risiko einer erweiterten Militäroperation, die jetzt die in Gasa-Stadt unter dem Krankenhaus verschanzten Hamas-Führer ins Visier nehmen und zudem in Haus-zu-Haus Razzien Waffen und Munition beschlagnahmen müßte, ist erheblich und wird sehr genau gegen die erhofften diplomatischen Erfolge abgewogen werden. Bereits jetzt ist deutlich, daß Jordanien und vor allem Ägypten sich mit aller Macht gegen die Muslimbrüder wenden werden und Ägypten nunmehr ein eigenes Interesse an der Verhinderung des Waffenschmuggels und vor allem der Unterbindung der Infiltration durch islamistische Militante zeigen wird. Das für Israel durchaus unbefriedigende Ergebnis der „Operation gegossenes Blei“ wird kaum eine Neuordnung des Nahen Ostens herbeiführen, nicht einmal eine wirkliche Wende in Gasa, etwa nach dem Modell der Operation Schutzschild, in deren Gefolge seit 2002 das Westjordanland recht effektiv befriedet wurde, sondern der jüdische Staat wird eine Atempause haben vor der nächsten Auseinandersetzung und kann, und dies alleine rechtfertigt diesen Feldzug allemal, zunächst einmal die relative Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger gewährleisten, daß eben nicht jeden Augenblick ein Geschoß neben ihnen einschlagen könnte. Die größte Bedrohung für Israel bleibt der Iran. Der läßt zwar durch hektische Diplomatie erkennen, daß ihm eine Niederlage der Hamas höchst unangenehm ist, stellt jedoch über die Hisbollah und Syrien noch immer eine direkte Bedrohung dar und treibt unterdessen seine atomare Rüstung unbehindert weiter voran.

Von Rainer Bakonyi

Wie man die Umfrage manipuliert

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Zur Neuen Würzburger Burschenschaft Libertas

Am 18.01. gründete sich in Würzburg eine neue Burschenschaft namens Libertas. Entstanden ist diese anscheinend aus enttäuschten Burschis der Würzburger Germania, die sich nicht mit dem Germanen-Ausritt aus der Deutschen Burschenschaft abfinden wollten. So jedenfalls legt es der Wikipedia-Eintrag der Burschenschaft Germania nahe.

Würzburg hat also eine völkische Burschenschaft mehr, die höchstwahrscheinlich relativ schnell anstreben wird, der Deutschen Burschenschaft beizuwohnen.

Mehr zum Austritt der Germanen und Kimbern aus der DB lest ihr in vierten und letzten Teil der Serie über das Würzburger Verbindungswesen.
Bis dann.

Hier spricht Galaktika vom fernen Stern Andromeda!

Hallo du, Kind des Lichts, das die Wölfe in sich trägt. Den ganzen Tag suchst du im Internetz nach den Weisheiten der Kryon-Schule. Fast täglich landest du über Google bei Uns.

Wir wissen von Dir und schlagen dir vor, den magnetischen Dienst hinter dir zu lassen und den allmächtigen Schlund zu verehren. Oder einfach mal wieder statt dem Esoterik-Info den Letzten Hype zu lesen.
Schöne Grüße

Das Medium
P.S: Wenn Du mehr über den allwissenden Schlund erfahren möchtest, so spende bitte all Dein Geld dem Letzten Hype.

Merry Crisis and a Happy New Fear

Am 13.12.2008 zogen 70 Leute durch die Stadt Würzburg, ohne sich die Mühe zu machen, diesen Umzug anzumelden. Wenn man den Artikeln auf Indymedia und in den Schweineblättern der Republik glauben darf,(1) wurde die zunächst spärliche Polizeitruppe, die die Demo begleitete, aus dem Zug heraus mit Feuerwerkskörpern beschossen oder beworfen. Als die Polizei versuchte, die Demo aufzuhalten und aufzulösen, durchbrachen die 70 die Sperre; dabei wurde ein Polizist leicht verletzt.

Nun ist die Empörung verständlicherweise gross, und einige Bewohner der Stadt können es gar nicht glauben, dass jemand auf die Idee kommen kann, ausgerechnet einen bayerischen Polizisten anzugreifen. Der Zorn über die Übeltat hält sich aber noch in Grenzen, denn immerhin ermittelt die Justiz, und die Gesetze sind wohl den meisten hart genug.(2)

Wieso die Polizei dazu kommt, fremde Leute erst ohne deren Willen zu fotografieren, sie zu belästigen, ihnen ungebeten zu folgen, und einen Umzug schliesslich einfach anzuhalten, fragt, ebenso verständlich, auch niemand. Und dass eine solche (vergleichsweise harmlose) Eskalation die Folge davon ist, wenn man den Leuten das Recht nimmt, legal langweilige Demos abzuhalten, ist der sogenannten Öffentlichkeit auch nicht beizubringen.

Auch ich, ich gestehe es ein, stelle mir solche Fragen nicht mehr. So ist es, und das muss man begreifen: die Städte gehören uns nicht, sie sind Feindesland; der öffentliche Friede, das ist unsere Enteignung von den Mitteln des Ausdrucks; so muss es sein, oder der Staat und diese Gesellschaftsordnung bestünde nicht mehr; und die überwiegende Mehrheit ist bereit, diese Herrschaft, die ihre Enteignung bedeutet, mit aller Macht zu verteidigen.

Das unterscheidet unsere Lage von der im Griechenland unserer Tage. Dort hat diese Herrschaft derzeit so wenig die Zustimmung der Mehrheit, dass sie die entscheidende Probe nicht wagen durfte. (Man darf nie vergessen, wozu die Mehrheit dieser, der deutschen, Nation einmal bereit gewesen ist; die ausserordentliche Stabilität in Deutschland ist das Erbe des Nationalsozialismus. Für die Revolte ist Deutschland immer Feindesland.)

„Der Feind steht rechts“
Das „Antifaschistische Bündnis“ wiederum, bekanntermassen ein Arm der Linkspartei, hat, man hätte es vorhersehen können, den griechischen Aufstand natürlich als eine Gelegenheit begreifen müssen, um wieder einmal seine eigenen Überflüssigkeit zu beweisen. In einem Flugblatt, das an Peinlichkeit kaum zu überbieten sein dürfte, versuchte es, irgendeinem Publikum die Bewegung in Griechenland zu erklären. Die hintergründige Komik dürfte ihnen nicht aufgegangen sein, dass sie sich mühen mussten, Deutschen etwas zu erklären, was in Griechenland nicht nur auch ohne Erklärung verstanden worden ist, sondern überhaupt die einfachste und unkomplizierteste Sache der Welt ist.

Dass sie sich dieser fruchtlosen Mühe unterziehen mussten, ist nicht nur die gerechte Strafe dafür, nichts verstanden zu haben und dennoch weiterzumachen; es ist die bündige Widerlegung ihres ganzen sinnlosen Treibens. Es gibt einen konstanten, fast tragischen Zug darin, entweder eine Ahnung von der tiefen Vergeblichkeit dieser sinnlosen Arbeit, bei einer feindlichen Öffentlichkeit um Sympathie zu betteln; eine Art von taqiyah, als ob man seine wahren Absichten ständig tarnen muss. Oder aber man hat sie vielleicht zuletzt gar nie gehabt: ein staatsbürgerliches Selbstmissverständnis. So oder so, tragisch, ergreifend und ganz und gar überflüssig.

Wie sinnlos, den besorgten Bürger zu spielen, nur um den besorgten Bürgern weiszumachen, man sei einer von ihnen. Andere Sozialdemokraten, so gesehen auf einer IG Metall-Demo, haben vor ein paar Jahren auf Transparenten „französische Verhältnisse“ gefordert. Gefordert! Wie enorm. In Frankreich hat man, was sie damit meinten, jedenfalls nicht gefordert.

Warum und was eigentlich demonstrieren?
Schweigen wir von den Seelenfängern. Fragen wir uns stattdessen, was die 70 Leute dazu treibt, sich am 13.12.2008 in diesem Umzug zu bewegen. Man fragt sich das nicht ohne Sympathie, gewiss. Es ist nur kein gutes Zeichen, dass nach allem die Fantasie gerade für einen Umzug reicht, für das ödeste von allen öden Relikten aus einer heroischen bürgerlichen Zeit, als es noch eine Öffentlichkeit gab und eine Tyrannei, und beides noch Gegensätze und nicht unmittelbar das selbe waren. Warum aus dem Arsenal der bürgerlichen Gesellschaft eine solche entfremdete Ausdrucksform entleihen, auch wenn man sie mit etwas entfremdeter Militanz aus dem Arsenal einer ebenfalls schon angeschimmelten autonomen Linken ausstaffiert?

Demonstrationen, auch militante, sind eine entfremdete Sache. Sie sind Abbild eines Widerstandes, den es nicht gibt, den man auch im alltäglichen Leben nicht praktiziert. Sie sind keine Sprache, sondern Ausdruck von Sprachlosigkeit.

Demonstrationen dienen in der Lehre des Staatsrechts der Äusserung von Meinungen. In der Geschichte der Revolution waren sie oft auch Demonstration von Macht, oft genug auch deren direkte Ausübung: fast auf den Tag genau 80 Jahre vorher z.B. besetzten bewaffnete Arbeiter in einer millionenstarken Demonstration Berlin, so dass die Konterrrevolution keine 20 Mann unter Waffen mehr in Berlin hatte.(3) Friedrich Ebert versteckte sich bei Freunden im Umland. (Die Bühne hätte Spartakus gehören können, aber Karl Liebknecht zog es vor, über Weihnachten mit seinen Kindern Klavier zu spielen.)

Diese Zeit ist endgültig vorbei. Macht kann die Sache der Revolte heute nicht mehr demonstrieren. Was demonstriert man dann? Entschlossenheit, Furchtlosigkeit, überhaupt die schiere Existenz; dass noch nicht vergessen und vergeben ist, dass noch keineswegs alle einverstanden sind, dass man sich nicht fürchet, auch nicht gegen die Übermacht, dass man sich nicht dumm machen lassen will und nicht sprachlos; dass die Herrschaft noch nicht gesiegt hat und dass, solange sie nicht hat, die Geschichte anzusehen ist als eine Geschichte mit immer noch offenem Ende, trotz allem.

Mir scheint, der Wert einer solchen Demonstration liegt, diesseits der Frage, ob man nicht etwas besseres findet als einen Umzug, genau darin. Man darf sich freuen: so etwas wäre nicht mehr zu erwarten gewesen. Ob, was ich mir hier denke, zugetroffen hat, wird sich, wie man vielleicht hoffen darf, noch zeigen.

„Wir haben kaum begonnen, ihnen zu zeigen, dass wir ihr Spiel nicht mehr mitspielen.“

Von Vince O‘Brien

Zur Überschrift: So stand es in diesen Tagen in Griechenland zu lesen.
1 Man sollte nicht glauben, welche Menge an Blättern die dpa-Meldung abdruckten, einfach weil sie so froh waren, dass man überhaupt einmal irgendwas über Würzburg abdrucken konnte; wie um zu bestätigen, dass es diese Stadt, anders lautenden Gerüchten zum Trotz, wirklich gibt; und sie sich nicht ein unterausgelasteter Humorist ausgedacht hat, um die Legenden über die Stadt Schilda in die Gegenwart zu holen.
2 Ausser einigen Lesern der Mainpost, die sich genötigt fühlen, in den Kommentarspalten auf der web site dieser ganz erstaunlichen Zeitung die Wiedereinführung von Arbeitslagern vorzuschlagen. – Die Polizei war offenbar in grosser Panik, sie fürchtete tatsächlich athenische Verhältnisse, wo sie nur würzburgische zu erwarten hatte.
3 Nach Schätzung des kaiserlichen Generals Groener.

Aaaalt #1

Aber wer wird denn…

Nochmal: Burschenschaftliches Gedenken


Angeblich aus den „Burschenschaftlichen Blättern“.

Via eisberg. „Aufgenommen werden auch die Mitglieder der Freikorps.

Moment mal, Hans Heinrich Hagen? Woher kennt man denn den Namen?

Ach daher! Vom Kreisvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft! Woher auch sonst. Hahaha.

Man darf sich in Würburg über nichts wundern. Über gar nichts. Und bei der GEW schon gleich zweimal nicht.

Edit: Soso, Realschullehrer a.D. und ehemaliges Mitglied im Beirat der Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e.V.. Und, wie uns ein Redaktionsmitglied mitteilt, lange Jahre von der GEW in den Kreisvorstand des DGB Würzburg abgeordnet. Hurra! Die GEW, das sollen in Bayern eigentlich die nicht ganz so rechten (man nennt sie auch: die eher linken) Leute sein. Aber wie gesagt: niemals sich wundern. Und über die GEW schon gar nicht.

3/4: Eliteformation und Konservative Revolution im Korporationsmilieu

Teil 3 von 4 der Serie über das Verbindungswesen:
Mittendrin statt nur dabei: Eliteformation und Konservative Revolution im Korporationsmilieu

Weiter im Text. Beschäftigten wir uns letztes Mal eher mit den Sozialisation im Korporationsmilieu und dessen autoritärer „Pädagogik“, so wird jetzt die Geschichte der Studentenverbindungen dargestellt .Nächstes Mal, im vierten und letzten Teil dieser Serie, werden wir uns mit den Burschenschaften Germania, Adelphia sowie der Landsmannschaft Teutonia im Einzelnen auseinandersetzen. Im Folgenden also, wie letztes Mal stark gekürzt, der Text der Marburger Antifa Gruppe 5.

Anfänge

Als sich in Europa die Ideen der Aufklärung verbreiteten und Napoleon in den besetzen deutschen Gebieten den Code civil / Code Napoléon einführte, wurden Autorität und hoheitliche Administrativfunktionen der lokalen, absolutistisch regierenden Fürsten stark begrenzt sowie grundlegend in Frage gestellt. Im Zuge dieser Entwicklungen ließen sich Studenten unter den nationalistischen Appellen der Feudalaristokraten an das „deutsche Volk“ zum Aufstand mobilisieren und gründeten Corps, die sich zahlreich an den „Befreiungskriegen“ genannten Kämpfen gegen Napoleons Truppen beteiligten. In der anschließenden Restaurationsepoche sahen die Studenten ihr Ziel eines geeinigten Deutschlands nicht realisiert, worauf sie begannen sich in Burschenschaften zu organisieren. Völkisch-nationalistische, mit dem Bezug auf gemeinsame „Kultur“ und „Blutszugehörigkeit“ begründete Vorstellungen eines allgermanischen Zusammenschlusses zu einem Volksstaat setzten sich gegen das republikanische Nationalstaatsmodell Frankreichs durch. Ein ideologisches Fundament ihres völkischen Nationalismus bildete die naturreligiöse Konstruktion einer organisch gewachsenen Gemeinschaft der Deutschen. Der mit diesen Stigmatisierungsmustern konvergierende, innerhalb der Burschenschaften virulente Antisemitismus lässt sich signifikant an folgendem exemplifizieren: Als im Oktober 1816 366 Burschenschafter am Wartburgfest zusammentrafen, veranstalteten sie in dessen Verlauf eine Bücherverbrennung, bei der die Schrift „Germanomanie” des jüdischen Schriftstellers Saul Ascher mit den Worten: „Wehe über die Juden, so da festhalten an ihrem Judenthum und wollen über unser Volksthum schmähen und spotten!“ ins Feuer geworfen wurde.

Kaiserreich

Die ehemals bürgerlich-demokratisch geprägten Burschenschaften vollzogen spätestens mit dem Beginn des Kaiserreiches die Annäherung an die monarchistisch-konservativen Corps. Mitglied in einer Studentenverbindung zu sein, ging mit dem Aufstieg in das Establishment einher. 1879 entbrannten an den Universitäten, später „Antisemitismusstreit“ genannte, Debatten, ob assimilierte Juden und Jüdinnen Teil der deutschen Nation sein könnten. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen ergriffen die Burschenschaften Partei für den Berliner Professor für Staatswissenschaft Heinrich v.Treitschke, der in diesem Kontext den historisch folgenschweren Satz „die Juden sind unser Unglück“ formulieren sollte. Treitschke und sein Kollege Adolf Stoecker bildeten die von 40 % der Studentenschaft unterstützte Petitionsbewegung gegen jüdische Studenten an der Friedrichs-Wilhelm Universität.

Weimarer Republik

Das Ende des Wilhelminischen Reiches 1918 wurde [von Burschenschaften] als Ersetzung der „konkreten“, monarchistischen Ordnung durch eine von liberalpluralistischer „Degeneration“ gekennzeichnete Demokratie wahrgenommen. Dem liegt die antisemitische Dichotomisierung von als „jüdisch“ identifizierter, abstrakt-universalistischer Gesetzesform [ius scriptum] und konkretem Nomos [ius terrendi] zugrunde [vgl. Enzo Traverso: Moderne und Gewalt]. Hier keimt bereits der Volksgemeinschaftsgedanke auf – und zwar als Verwirklichung einer vermittlungslosen Identität von Staat und Volk.
Die in Burschenschaften organisierten Studenten mit Fronterfahrung aus dem 1. Weltkrieg, sammelten sich bald in den paramilitärischen Freikorps, Einwohnerwehren und Freiwilligenverbänden und bildeten die Reaktion gegen die Weimarer Republik. Das Misstrauen und die offene Ablehnung gegenüber der sozialdemokratischen Regierung hinderte die korporierten Studenten nicht daran, sich an der blutigen Niederschlagung der überall im Reich aufflammenden sozialen Kämpfe der Arbeiterinnenbewegung zu beteiligen. In Freikorps organisierte Studenten beteiligten sich an der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes 1919 und der Münchener Räterepublik. So unterstützten ca. 50.000 Studenten, mehrheitlich Korporierte, auch den nach wenigen Tagen durch einen Generalstreik der Gewerkschaften verhinderten, faschistischen Kapp- Putsch im März 1920, mit dem eine militärisch bürgerliche Diktatur installiert werden sollte.
Im August des selben Jahres stellte der Eisenacher Burschentag in seinen Beschlüssen fest, dass die „Deutsche Burschenschaft auf dem Rassestandpunkt stehe, d.h. der Überzeugung ist, dass die ererbten Rasseeigenschaften der Juden durch die Taufe nicht berührt werden“. Auch der CV beschloss, dass für künftige Aufnahmen die „arische Abstammung“ bis zu den Großeltern nachzuweisen sei.

Nazifaschismus1

Als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, sah sich die DB in ihrem Wirken seit dem Ende des 1. Weltkrieges bestätigt. In den Burschenschaftlichen Blättern jubilierten drei hohe Verbandsfunktionäre der DB: „Was wir seit Jahren ersehnt und erstrebt und wofür wir im Geiste der Burschenschafter von 1817 jahraus jahrein an uns und in uns gearbeitet haben, ist Tatsache geworden.“ Der CV wollte angesichts des „nationalen Erwachens“ nicht hinten anstehen, sodass die Machtübernahme Hitlers als der „größte innenpolitische Sieg dieses Jahrhunderts“ gefeiert wurde. Kurze Zeit später hieß es: „Der CV muß Träger und Künder des Dritten Reiches sein.“ Im Zuge der Gleichschaltung der Dachverbände trafen am 7. Mai 1933 die Amtsleiter der DB in Berlin zusammen, legten ihre Ämter nieder und übertrugen ihre Vollmachten auf den neuen Bundesführer Otto Schwab [Germania Darmstadt]. Burschenschaften beteiligten sich an den Siegesfeiern der „nationalen Erhebung“, der „Reinigung der Bibliotheken von zersetzendem Schrifttum“ ebenso wie an den von der Deutschen Studentenschaft und dem NSDStB initiierten Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933, wo gemeinsam alte Burschenlieder angestimmt wurden.
Die DB versicherte im Dezember 1933 dem Staatssekretär Heinrich Lammers, dass man in der „Judenfrage“ übereinstimme: „Die Frage der rassischen Erneuerung und Wiedergewinnung des völkischen Artgefühls unseres deutschen Volkes ist die Grundlage und wesentliche Forderung des Nationalsozialismus, in der sich von allen bisherigen revolutionären Bewegungen unterscheidet und die den Schlüssel abgibt zu allen seinen anderen Forderungen und Zielsetzungen.“ Da sich die DB als Teil des NS-Staates sah und sich als Avantgarde der nationalsozialistischen Ideologie fühlte, ordnete der Führer der DB Schwab im Juni 1933 eine „freiwillige Einweisung“ in den NSDStB an. Im Oktober des selben Jahres verfügte er, dass alle Burschenschafter unter 35 Jahren entweder der SA, SS oder dem deutschnationalen Frontkämpferbund Stahlhelm angehören sollten. Am 6. Oktober 1935 entschloss die DB in Leipzig ihre Auflösung und Überführung in den NS-Studentenbund.

Elitenformation in Bonner und Berliner Republik

Nach 1945 kamen die studentischen Verbindungen relativ schnell zu alter Blüte. Zunächst als nationalistisch und das Naziregime unterstützend eingestuft und daher verboten, wurden die Verbindungen Bündnispartner der westlichen Alliierten im Kampf gegen die „kommunistische Gefahr“. In der Folgezeit galten sie [zum größten Teil fälschlicherweise] als unbelastet oder denazifiziert. 1951 bildeten sich der Convent Deutscher Akademikerverbände [CDA] und Convent Deutscher Korporationsverbände CDK, 350 aktive Verbindungen] aus Landsmannschaften und Turnerschaften. Mitte der 50er Jahre waren 30% aller männlichen Studenten korporiert. Schnell konnten die Alten Herren ihre Seilschaften wieder in alter Form nutzen und Verbindungsbrüder teils offen, meist verdeckt, in gehobene Positionen hieven. Die Einflussnahme und Postenzuweisungen in der Politik begann also bereits mit der ersten deutschen Nachkriegsregierung. So waren im katholisch-konservativen Adenauerstaat so viele Ämter in den Ministerien von Alten Herren aus katholischen Korporationen besetzt, dass der Ex-Bundespräsident Theodor Heuss den Satzprägte: „In Bonn wird Zufall mit CV geschrieben“.
Trotz vermeintlich liberaler und dem Korporationswesen an sich gegnerischer politischer Ausrichtung sind auch in Parteien wie der SPD und den Grünen Mitglieder aus Korporationen vertreten. Als bekannteste Verbinder sind hier Johannes Kahrs, Norbert Kastner [beide SPD] oder Rezzo Schlauch [Grüne] zu nennen. Die spezifischen Erziehungsideale der durch Seilschaften und elitären Standesdünkel geprägten Korporationen, ermöglichen korporierten Studenten den Zugang zu berufliche Stellen, deren Zugang Nichtkorporierten verwehrt bleibt.

Revisionismus – NPD –
Konservative Revolution

Zentrale Konstituenten der Ideologie von Burschenschaften im Postfaschismus sind Grenz- und Geschichtsrevisionismus sowie aggressiver, großdeutscher Revanchismus. In den letzten Jahren wurden in Osteuropa Verbindungen gegründet und in die DB mit aufgenommen. Gemäßigt-Völkische wollen Europa mittels eines „europäischen Volksgruppenrechtes“ regionalisieren, das allen europäischen „Völkern“ und „Volksgruppen“ kollektive Sonderrechte in kultureller, ökonomischer und politischer Hinsicht brächte. Auf diese Weise, so meinen Gemäßigt Völkische, könne es gelingen, eine informelle Einigung aller deutschsprachigen Bevölkerungsteile Europas zu erreichen. Mit der Forderung des radikaleren Flügels nach „dem Recht jedes einzelnen und jedes Volksteiles auf seine angestammte Heimat“[Originalzitat von der DB-Homepage] wird folgendes deutlich: Die Grenzen der BRD seien nicht legitim und das „deutsche Volk“ habe seine „Heimat“ auch in den ehemaligen Gebieten des Deutschen Reiches. Auch Österreich sowie Teile der Tschechischen Republik [“Sudetenland“], Italiens [Trentino/Alto Adige: „Südtirol“], Frankreichs [“Elsass-Lothringen“], Belgiens [Eupen, St. Vith] und Dänemarks seien „deutsch“.
Mit der Delegitimation der Neordnung Europas nach dem Ende der nazifaschistischen Barbarei werden die Mythen von „Flucht, Vertreibung und Umsiedlung“ zu Symbolen der kollektiven Unschuld. In Anlehnung an Historiker wie Ernst Nolte – einem populären Redner auf Verbindungshäusern – wird der Griff nach Lebensraum und deutsche Vernichtungskreuzzug gegen die Sowjetunion als prophylaktische Konterrevolution und Weltanschauungskrieg gegen die Bedrohung durch den „asiatischen“ Kommunismus simplifiziert. In dieser zielgerichtet praktizierten Apologetik wird Auschwitz als Kopie und Vorbild des „Klassenmords“ der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg interpretiert. Aus der massiven Präsenz von Juden in der russischen und internationalen kommunistischen Bewegung erkläre sich folglich ihre serialisierte Vernichtung als zwar übertriebene, aber „logische“ Strafe und Präventivmaßnahme. Damit korreliert automatisch die nazistische Diktion des „Bolschewismus“ als Verkörperung „jüdischer Intelligenz“ und „slawischen Untermenschentums“. Darüber hinaus finden Burschenschaften mit den notorisch veranstalteten Vortragsabenden über allierte „Kriegsverbrechen“ und den „deutschen Opfern“ im „angloamerikanischen Bombenterror“ Anschluss an den ekelhaften nationalen Exkulpationskonsens aus deutscher Selbstviktimisierung in Form individueller Schuldabwehr [Familie, oral history, Zeitzeuginnenschaft], institutionalisierter Identitätsproduktion [Gedenkstätten, Historiographie, Schulen, Erinnerungsorte, Gedenkstätten, Feiertage] und ihren medial-kulturindustriellen Vermittlungen [Presse, Film, Serien, Radio, Publikationen] im kollektiven Massenbewusstsein der BRD.
Seit BRD-Gründung fungieren Burschenschaften als akademische Kaderschmieden neonazistischer Parteien und Organisationen. Ein anschauliches Beispiel ist die NPD-Prominenz des sächsischen Landtags: Der parlamentarische Berater der Fraktion, Karl Richter, entstammt der Münchner Danubia [DB-Mitglied]. Mit Jürgen W.Gansel, der spätestens durch seine Rede im sächsischen Landtag zum allierten „Bombenholocaust von Dresden im Februar 1945” für Aufsehen sorgte, Stefan Rochow und Arne Schimmer sind drei Mitglieder der Gießener Dresdensia-Rugia – ebenfalls Mitglied der DB – in der NPD aktiv. Aufgrund der Eskapaden in der DB spalteten sich 1996 acht Verbindungen ab, um mit der NDB einen politisch rein konservativen Dachverband zu gründen.

AK Kritische StudentInnen

1: Zu den Verbindungen der Würzburger Burschenschaften mit dem NSDstB, siehe Teil 1 dieser Serie. Daher fällt der Teil über den Vorabend der NS-Herrschaft auch etwas schmaler aus.

Heft 9

Das Heft 9 ist leider vergriffen und kann nicht mehr nachbestellt werden. Eine zweite Auflage ist im November 2009 in Planung.

Wir basteln uns ein „schwarzes Volk“

Mit der Zirkusshow „AfrikaAfrika!“ gastiert die moderne Version der kolonialen Völkerschau in Würzburg

Die KritikerInnen scheinen sich einig zu sein, auch die KulturrelativistInnen jauchzen vor Freude: Am 23. und 24. Januar kommt André Hellers Zirkusshow „AfrikaAfrika!“ nach Würzburg. „Das magische Zirkusereignis vom Kontinent des Staunens1“ tue laut ZDF „dem Publikum, den Künstlern und einem ganzen Kontinent etwas Gutes“. Der Einspruch, dass die Show kaum etwas zur Verbesserung des Verhältnisses von EuropäerInnen und AfrikanerInnen beitragen kann, sondern stattdessen altbekannte Klischees der afrikanischen Fremde aus Urgroßomas kolonialer Klamottenkiste hervorkramt , geht im Applaus der exotistischen Begierde unter. „AfrikaAfrika!“ ist nichts anderes als ein moderner Völkerbaukasten.
Betrachtet man die Konstruktionen von Fremdheit, die die Zirkusshow entwirft, so muss ein kurzer Blick auf die Völkerschauen, welche am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstanden, gerichtet werden: Denn Stereotypen wie ausgeprägte Körperlichkeit, Mystizismus, typische Lebensfreude, unberührte Stammeskultur, Rohheit und Flexibilität der Gelenke, welche sich alle in der Zirkusshow widerspiegeln, kamen auch in den kolonialen Völkerschauen vor. Auf Jahrmärkten oder in Zoos wurden damals die „Fremden“ präsentiert, wobei besonders exotisch anmutende Bräuche, physische Besonderheiten und besondere körperliche Belastungen die europäischen BesucherInnen in Scharen herbei lockten. Die eigenen verborgenen Wünsche der BesucherInnen und SchaustellerInnen wurden dabei auf die „Fremden“ übertragen. Besonders deutlich wurde dies bei der Projektion erotischer Wünsche auf die AfrikanerInnen. Zeichen von „Zivilisiertheit“, so etwa die Beherrschung von europäischen Sprachen oder die Beherrschung von europäischen Umgangsformen, waren bei den VeranstalterInnen der Völkerschauen nicht erwünscht, da man ja das „Fremde“ ausstellen wollte und damit möglichst authentisch bleiben. So musste man den AfrikanerInnen oftmals die als „typisch afrikanisch“ charakterisierten Fähigkeiten beibringen. Damit verbunden war selbstverständlich, dass die einzelnen KünstlerInnen nicht als Individuen wahrgenommen wurden, sondern stattdessen deren Körperlichkeit oder ihre Stammesidentität in den Vordergrund gerückt wurden. Ein ganzer Kontinent sollte erfahrbar werden, aber eben nur durch die Zerrbilder, die die psychischen Projektionen der EuropäerInnen zuließen.
Die exotistischen Konstruktionen der Kolonialzeit sind nachwievor vorhanden- daran lassen sowohl die Selbstdarstellung von „AfrikaAfrika!“ als auch das Medienecho keine Zweifel. Bereits die Bezeichnung Afrikas als „Kontinent des Staunens“ lässt erahnen, dass den ZuschauerInnen kein Einblick in die Komplexität der modernen Gesellschaften Afrikas gewährt werden soll, sondern ein stereotyper Mystizismus entworfen wird. Die Entindividualisierung der ArtistInnen, die Lust an der Konstruktion von körperlicher Fremdheit, wird bereits in der Showbeschreibung deutlich: „Körperexzentriker biegen sich stolz und geschmeidig wie Schlangen, Füße werden zu Händen, Hände zu Füßen ? ein seltenes Schauspiel, wie es nur die afrikanische Tradition kultisch perfekter Körperbeherrschung erlaubt.2“ Wenn Heller von den ArtistInnen der Show gelernt haben will, „ganz im Augenblick zu leben“3, dann klingt dies ganz nach der Begierde, die AfrikanerInnen zu Kindern zu machen, denen eine planende, rationale Entscheidung nicht zuzutrauen ist, denen die Lebensfreude aber niemals abhanden kommt. Auch die Zeitungen geizen nicht mit solcherlei Zuschreibungen. Das „Königreich der Gaukler und Paradies der Lebensfreude“ entdeckt der Spiegel, und das angeblich originäre Afrika kommt auch in der Passauer Neuen Presse nicht zu kurz: „Bunte Farben, wilde Tänze, Lachen – was ‘afrikanisch’ bedeutet, das können alle Darsteller ohne Mühe zeigen.” Die Vorstellung einer tiefen afrikanischen Verbundenheit mit der Natur, bereits von Rousseau beschrieben und als Zeichen der Überlegenheit der EuropäerInnen gedeutet, weshalb die AfrikanerInnen als Kinder zu betrachten seien, spiegelt sich in der Darstellung der tanzenden ArtistInnen wider, denn sie „können fließen wie Wasser, wie der Wind fliegen oder wie Feuer flackern.“ Immer wieder taucht in der Presse das altbekannte Motiv der maximalen körperlichen Belastbarkeit, als typisch afrikanisch charakterisiert, auf. „Das Tempo ist atemberaubend, die Biegsamkeit der schwarzen Körper schier unfassbar […]” jubelt die NZZ, „er steckt im Froschkostüm, hat unglaubliche Kulleraugen und kann sich verrenken, dass es beim Zusehen weh tut.”, berichtet der Stern über die Performance eines Künstlers. Selbstverständlich lässt sich auch die BILD nicht nehmen, eine Ladung Stumpfsinn im Blätterwald zu verkippen. „Die Staaten des dunklen Kontinents dürfen ihre teuren Botschafter jetzt getrost in Pension schicken. Es gibt keinen besseren Botschafter Afrikas als diese tanzende, turnende, tobende Truppe. In zwei Stunden ersingen und erspielen sie so viel Sympathie für ihre Heimat, wie Diplomaten nicht in zwei Jahrzehnten erdienern und erdinnern können.“ BILD rückt also wieder ein paar europäische Weltbilder zurecht: Der Afrikaner an sich tanzt und tobt, und auch die afrikanischen PolitikerInnen scheinen zu nichts weiter fähig als zur Unvernunft.
„AfrikaAfrika!“ ist europäischer Exotismus gepaart mit einer in Afrika nicht existenten Zirkustradition. André Hellers angeblicher Anspruch, ein anderes Bild von Afrika zu entwerfen, als das der Krisen, Krankheiten und Kriege, trägt absolut nichts zum Abbau von Stereotypen bei. Die Darstellung von Menschen als „edle Wilde“ bietet den Nährboden für einen „umgekehrten Rassismus“, der nicht das Individuum in den Vordergrund stellt, sondern die scheinbar unentrinnbare kulturelle Identität, die in diesem Falle eine Konstruktion seiner europäischen BetrachterInnen ist. Man darf gespannt sein, welche Glanzleistungen die Main-Post bei ihrer Berichterstattung über „AfrikaAfrika!“ vollbringen wird. Bei Überschriften wie „Tracht gegen Globalisierung“ befürchte ich das Schlimmste.

Benjamin Böhm

1 Aus der Online-Selbstbeschreibung der Zirkussshow
2 ebenda
3 ebenda

How low can it get

Wann hat sich die Mainpost denn das ausgedacht?

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Stillfoto-Wettbewerb

18.12. Langsam kommt die rechte Weihnachtsstimmung

Glück ist ansteckend und kann sich unter Freunden und Verwandten wellenartig weiterverbreiten. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie von US-Forschern, die im „British Medical Journal“ erscheint. Durch diesen Effekt entstehen Ansammlungen von glücklichen oder unglücklichen Menschen in bestimmten geografischen Gebieten oder sozialen Gruppen.

Und so weiter.

O schlichtes, o stilles entbehrungsreiches Glück. Wie ich kotzen möchte, wenn ich nur etwas gegessen hätte. Dass es so etwas wirklich gibt. Es wird wirklich jedes Jahr schlimmer, es geht alles überhaupt nicht mehr.

13.12.2008 #4: Lob der Unberechenbarkeit

Wir dokumentieren eine Äusserung der Gruppe exIL aus Würzburg.

Zu den „Krawallen“ am 13.12.2008

Im Anfang ist der Schrei. Wir schreien. Wenn wir schreiben oder lesen, vergessen wir schnell, dass im Anfang nicht das Wort ist, sondern der Schrei. Angesichts der Verstümmelung des menschlichen Lebens durch den Kapitalismus, ein Schrei der Trauer, ein Schrei des Entsetzens, ein Schrei des Zorns, ein Schrei der Verweigerung: NEIN.

Irgendetwas ist passiert, und weder wir noch unsere GegnerInnen können im Moment begreifen, was dieser Angriff auf die Würzburger Selbstgenügsamkeit bedeutet.

Zunächst ein paar strategische Anmerkungen: Für Würzburg stellt die Unberechenbarkeit der Aktion, die den ewigen Trott der Latschdemos, der langweiligen institutionalisierten Rituale und der Parteifähnchenschwenkerei hinter sich gelassen hat, etwas Neues dar. Vielleicht ist jene Desorganisation, jenes spontane Element, genau die richtige Antwort auf die Verschärfung der Versammlungsfreiheit. Die Frage, ob man sich überhaupt in irgendeine Polizeistrategie einfügen sollte, ob man überhaupt eine Demo, eine Kundgebung, eine Mahnwache, anmelden sollte, können wir seit dem 13.12. getrost mit „nein“ beantworten. Die Polizei spricht von 100 Personen, und wir wollen sie in diesem Glauben lassen. Eine angemeldete Demonstration hätte kaum mehr, wenn nicht sogar weniger Leute auf die Straße gebracht. Eine offiziöse Kundgebung wäre der Lokalpresse keine Zeile wert gewesen, und uns wären vor Langeweile die Füße eingeschlafen. KeineR von uns kann sich erklären, wer hinter der Organisation der „Krawalle“ steckt, über welche Wege die hundert Leute davon erfahren haben und wie die spontane Zusammenrottung so durchschlagend und effektiv werden konnte. Genau diese Unberechenbarkeit schüchtert auch die Polizei ein. Da gibt es keine Organisation, die man dafür verantwortlich machen kann. Es gibt keine Demo-OrdnerInnen, die man zur Rechenschaft ziehen kann. Diese Versammlung passt in kein Schema der linken Strategie. Und genau das ist ihr Vorteil.

Wenn man genau das verstanden hat, dann braucht man auch nicht mehr über die Vermittlung unserer Meinung an die BürgerInnen nachzudenken: Wir haben diesen Leuten nichts auf Flugblättern zu erklären. Unsere Wut über die Vorfälle in Griechenland und unsere Verzweiflung über die Zumutungen der Warengesellschaft sind nicht durch eine klassische „linke“ Sprache vermittelbar, die darauf hofft, bei den BürgerInnen Gehör zu finden. Es wird auf diesem Weg nicht funktionieren, und wenn doch, dann nur durch die Transformation einer radikalen Position in die Sprache einer bürgerlichen Interessengruppe. Genau deshalb müssen wir nicht „Polizeistaat“ rufen und hoffen, dass die fränkischen Bratwurstbräter in unseren Klagechor mit einstimmen. Wer verstanden hat, dass man solche Aktionen wie am 13.12. zuerst einmal für sich macht, und nicht für die deutschen BürgerInnen, und schon gar nicht für ein noch nicht einmal ansatzweise entbarbarisiertes fränkisches Landvolk, die/der hat schon viel verstanden. Obwohl wir die spontane Versammlung am Samstag keinesfalls als „Ausschreitung“ bezeichnen würden (da haben radikale Linke schon weitaus bessere Krawalle hingekriegt), hat jene temporäre Verstörung der Würzburger Prüderie anscheinend genau die Leute empört, die man damit aus ihrer Ruhe bringen wollte. Wenn in etlichen Kommentaren im Internet zu lesen ist, man solle das randalierende „Asoziale Pack“ ins Arbeitslager stecken, dann wissen wir spätestens, dass man am Samstag das Richtige getan hat. Und wenn die so genannten Würzburger Krawalle von der Ostsee bis Niederbayern in Tageszeitungen erscheinen, wessen subversives Herz lacht da nicht vor bittersüßer Freude.

Für uns gilt es nun, praktische Solidarität zu üben für unsere GenossInnen, die nach der spontanen Versammlung mit verschiedenen Vorwürfen belastet werden und bald mit den juristischen Folgen der spontanen Versammlung zu kämpfen haben. Sie benötigen unsere Zuwendung, um die kommenden Verhandlungen durchzustehen. Andererseits werden sie mit Sicherheit auch finanzielle Unterstützung benötigen.

Noch kann von niemandem wirklich begriffen werden, was der 13.12.2008. für die radikale Linke in Unterfranken bedeutet. Dieser denkwürdige Samstag bleibt für uns mit der Hoffnung verbunden, dass die Unberechenbarkeit zur Tugend wird. Dass die Aktionen der so genannten Autonomen derart unüberschaubar, unvorhersehbar, unbändigbar werden, dass sich weder Parteien mit ihnen abgeben wollen, noch dass sie in irgendeine Polizeistrategie passen würden. Wir wollen hoffen, dass an den Geist vom 13.12. angeknüpft werden kann, wenn es um die Kämpfe der Zukunft geht.

Gruppe exIL

Infoladenwuerzburg.blogsport.de

Email der Soligruppe: soligruppe@yahoo.com

13.12.2008 #3

Hahaha. Grossartig.

13.12.2008 #2

Ein lustiges Video. Bitte v.a. auch die Marktfrau beachten.

13.12.2008

Es stellt sich zunächst eine grundsätzliche, strategische Frage, und sie ist vorgestern falsch beantwortet worden.

Zunächst macht man keinen Umzug. Punkt. So etwas macht man einfach nicht. Es gibt nichts dümmeres und nichts entfremdeteres, als in einem Umzug in der Gegend herumzulaufen und seine Meinung zu äussern. Und sie am besten noch den Leuten auf Flyern zu erklären. Es gibt hier nichts zu erklären. Es gibt keine Politik zu machen.

Sich solidarisch auf die Ereignisse Griechenland beziehen, und dann als Demo durch die Gegend laufen: das erinnert mich an jene IG Metall-Demo, vor 3 Jahren, auf der man biedere Bürger sehen konnte, die auf Transparenten französische Verhältnisse gefordert haben. Etwas lächerlich. Und vor allem sehr entfremdet.

Wenn ich dagegen in der Zeitung lese, es sei zu sinnloser Gewalt gekommen, dann lacht mein kleines Herz: denn ich weiss: so etwas verdirbt nicht nur den Herren von der Linkspartei ihr demokratisches Geschäft der Seelenfängerei, sondern gibt vielleicht auch – wird man doch hoffen dürfen – insgesamt ein schlechtes Beispiel.

Eine klare Linie zur Linkspartei aber ist noch nicht gezogen und kann nicht gezogen werden, solange sich die einzelnen Personen und Gruppen ihrer wirklichen Stärke noch nicht bewusst sind und vor allem sich nicht bewusst sind der Voraussetzungen dieser Stärke. Schluss mit der Politik.

Und dennoch: was vorgestern in Würzburg geschehen ist, ist in unserer Epoche neu, und eröffnet eine neue area. Wann man die Tragweite dieser Sache überschauen können wird, weiss ich noch nicht. Wir werden es, insha2 allah, sehen.

Griechenland #2

Hiergibt es wohl neues. So richtig einen Überblick finde ich grade nicht, weiss jemand weitere links?

Griechenland

Ein willkürlicher Griff:

http://alexisg.blogsport.de/
http://el.blogsport.de/2008/12/09/griots-andreas-alexandros-grigoropoulos/
http://difficultiseasy.blogsport.de/2008/12/09/adventsstimmung/
http://infovs.blogsport.de/2008/12/08/athen-brennt-update/
http://infovs.blogsport.de/2008/12/07/athengriechenland-polizei-erschiesst-jugendlichen-schwere-riots-im-ganzen-land/

Keine Ahnung…

Waltz with Bashir

Wer den Film gesehen hat, und sich für den Libanon und den Bürgerkrieg interessiert, will vielleicht die elend lange, aber gar nicht schlechte Doku von Al Jazirah (2000) „7arb Libnan“ (15 Folgen) ansehen, die man auf video.google.com unter folgenden Adressen ansehen kann:

The War Of Lebanon – Episode 01 – Baptism of Fire
The War Of Lebanon – Episode 02 – The Roots of Conflict
The War Of Lebanon – Episode 03 – Explosion
The War Of Lebanon – Episode 04 – Death of a Country
The War Of Lebanon – Episode 05 – Damascus Intervenes
The War Of Lebanon – Episode 06 – Fire and Embers
The War Of Lebanon – Episode 07 – Zahle And The Indian Summer
The War Of Lebanon – Episode 08 – Sharon Invades
The War Of Lebanon – Episode 09 – Occupation Of An Arab Capital
The War Of Lebanon – Episode 10 – The Massacre
The War Of Lebanon – Episode 11 – Defeat of a Superpower
The War Of Lebanon – Episode 12 – Chaos
The War Of Lebanon – Episode 13 – Damascus Returns
The War Of Lebanon – Episode 14 – The Storm
The War Of Lebanon – Episode 15 – The Accord to End War

Man muss nur folgendes wissen: 2000 standen nicht nur Syrien, sondern auch Israel noch im Libanon; es war vor der al Aqsa-Intifada; vor 9/11; die Hizbu‘llah hatte ihre Waffen noch nicht nach innen gewandt, Aoun war noch in Paris, Geagea noch im Gefängnis, Jumblatt noch Freund Syriens, 7ariri noch ein lebender Halbgott. Das erklärt, das die Hizb vergleichsweise gut wegkommt, Aoun vergleichsweise schlecht, 7ariri gar nicht.

Was seitdem geschah, ist eine andere Geschichte.

Wer sich für das Innenleben der vorwiegend christlichen Miliz von Bashir Gemayel interessiert, kann die Erinnerungen von Robert Hatem („my story about Lebanon’s political underworld“ lesen; der gehörte zu den Leuten um genau den Elie Hobeika, der das Massaker in Sabra kommandiert hat. Man wird keinen unparteiischen Bericht erwarten dürfen („the story of a straight soldier who believed in the Christian cause“); wer das Buch liest, wird eigene Schlüsse ziehen müssen. Ohne Wert wird es nicht sein, wenn man nie vergisst, dass der Autor nie Bashir Gemayel, nur immer seinen ungetreuen Gefolgsleuten Schuld geben wird.

Hör‘ doch mal Radio…

Hier zwei interessante Links:

Zum einen ein Mitschnitt der Podiumsdiskussion der JungleWorld zur Finanzkrise, u.a. mit Michael Heinrich und Thomas Ebermann.

Zum anderen ein Interview mit dem Unterstützungskommitee aus Tarnac/Frankreich zu den Verhaftungen, die gegen eine herbeihalluzinierte „ultra-gauche“ gerichtet waren.

Anticomunista.net / dümmer geht ümmer

In Zeiten, in denen man nur den Kopf schütteln kann über die Staatsvergötterung der LINKEN, über den neuen Versuch, eine weitere SPD zu gründen, schaffen es die deutschen GegnerInnen dieser LINKEN tatsächlich, der Dummheit die Krone aufzusetzen.

Denn in Würzburg fühlen sich antikommunistische AktivbürgerInnen tatsächlich dazu gedrängt, über die wahren Absichten der „Linkspartei“ aufzuklären. Deshalb schmücken sie Plakate und Sticker der Linkspartei, ganz im Stile der Kommunikationsguerilla, mit Sprüchen wie „Weil Fleiß nun einmal bestraft gehört: DIE LINKE“.
Die Deutschen bleiben eben fleißig dem Wahn der deutschen Arbeit verpflichtet. Sehen sie selbst, welche geistigen Ausdünstungen die selbsternannten AntikommunistInnen produzieren.
hxxp://anticomunista.net/index.php?option=com_content&task=view&id=22&Itemid=27

Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur

Heute auf kulinarischer Spurensuche in Unterfranken

„Also was soll ich sach, s‘is alles a weng annerschder.“ Dieser zentrale Erkenntnisgewinn wurde mir auf einer jüngst gemeinsam mit meiner Liebsten unternommenen, denkwürdigen Exkursion auf den Spuren des umtriebigen jungen Journalisten Hunter S. Heumann zuteil. Mit einer Hand zugleich die Mütze vorrückend und dabei den spärlich behaarten Schädel reibend, sprach der sichtlich erstaunte Herr aus seinem verschmutzten allradgetriebenen Fahrzeug: „Der Fußwech der geht da nauf un nit da rü. Da kömmd ihr jedenfalls nit weider“. Der Einwand es stünde aber so in unserem wirklich tollen Franken-Wanderbuch (1) verhallte im Aufheulen des Gefährts. Wir stapften durch die frisch aufgewühlte Spur zurück zu unserem idyllisch ruhigen Waldweg mit der lustigen „Kelten-Erlebnisweg-Markierung“, der doch eigentlich ein Milansymbol zeigen und vor allem genau in die andere Richtung führen sollte. Nach daraufhin erst einmal zelebrierter Brotzeit und dem Anstellen einiger Betrachtungen über die wirklich spürbar stattgefundenen Veränderungen im ländlichen unterfränkischen Raum – wurden doch die umgemachten Baumstämme gar nicht mehr romantisch mit Hilfe stampfender Kaltblüter aus dem Wald gezogen, sondern gleich im Dutzend abgefahren und waren die schönen Tiersymbole als Wegmarkierungen Lehrtafeln über umweltgerechte Mischwaldnutzung und designeten Plaketten mit irgendwie keltisch sein sollenden Bildlich gewichen – irrten wir ein Weilchen auf neu angelegten Pfaden durch den Iphöfer Stadtforst, um dann die angestrebten Sehenswürdigkeiten: die Beckahanseiche und die Ruine Speckfeld doch noch vorzufinden (keine Neubausiedlung davor gebaut und auch nicht aufwendig restauriert) und den Weg in das schöne Örtchen Markt Einersheim zu finden. Dort trafen wir vor der Bäckerei tatsächlich einige echte Cowboys hoch zu Rosse und zogen daraufhin eilends, doch unter Absingen einiger gebräuchlicher Wanderlieder über die allerdings recht befahrene Straße nach Iphofen ( 2), woselbst wir uns im „Cafè & Weinstube 99er“ (Pfarrgasse 18) sehr eßbaren Kuchen und richtigen Cappuccino (ganz ohne die Frage: „mit Milchschaum oder Sahne“) auftischen ließen bevor wir den Wegweisern nach dem Schwanberg folgten, wo wir unser Automobil abgestellt hatten. Dieses hatte eigentlich auf einem groß in unserer Wanderkarte von 1978 markierten Parkplatz in Rödelsee seinen Platz finden sollen, an dessen ursprünglichem Orte nun aber die wohl häßlichste Neubausiedlung des Universums gerade im Entstehen begriffen ist. (Was übrigens ein echtes Fressen für den Herrn Heumann gewesen wäre, wo er realiter vorhandene Scheußlichkeiten zuhauf hätte finden können.) Tja, so fuhren wir auf der Suche nach einem Wanderparkplatz, weil ja sonst das Wandern nicht gehen tut, bis hinauf auf den Schwanberg, der doch schon die Zwischenetappe hätte sein sollen und wo wir dem schönen Milanwanderpfad weiter hätten folgen wollen. Naja. Ein etwas aktuelleres Kartenmaterial hätten wir doch gebraucht. Aber bei der Vorbereitung dieser Erkundungsreise ins unbekannte Umland der mainfränkischen Metropole Würzburg war uns das bereits erwähnte wirklich tolle Wanderbuch mit Karten aus alten Wohngemeinschaftsbeständen in die Hände geraten. Das Bild vom Bauern mit dem dampfenden Pferdegespann in der frühen Morgensonne hatte den Ausschlag gegeben: „Wir machen eine Landpartie!“ Gesagt getan; noch einmal in Herrn Heumanns Reportage über die schröckliche Kreisstadt Kitzingen nachgeschlagen, das Buch vom Staub befreit und uns grob orientiert: „Das ist doch da, wo man im Zug nach Nürnberg immer bloß an der Gipsfabrik langfährt?“ „Naja, ein Stück weiter oben halt.“ „Aber da ist doch ein Bahnhof, da könnten wir doch die Bahn nehmen.“ „Pff! Ich habe mir aber extra ein Auto ausgeliehen! Und ich will auf der Hinfahrt diese zwei schiefen Türme von Kitzingen sehen, ich war da noch überhaupt nie!“ Und da hat dann meine Freundschaft mit dem jungen Kollegen Heumann doch einen leichten Knacks abbekommen. Denn da steht, wie wir bei unserer Fahrt durch die baustellengeplagte Kreisstadt ganz einwandfrei feststellen konnten, lediglich ein – allerdings „scho g’scheid“ – schiefer Turm herum und bei der Frage nach dem weltberühmten Butterbrotmuseum wollte kein einziger der einheimischen Jugendlichen von dessen Existenz gehört haben, die Erwachsenen hatten sich gar nicht erst mit uns abgegeben. Aber ehrlich, diese Stadt ist so häßlich, warum muß er da noch schmähendes dazu erfinden? Und dann noch in unserem Blatt, das doch für seine journalistische Akkuratesse weithin gerühmt wird?? Und wieso bloß habe ich ihm nach so vielen Jahren im Geschäft aufs Wort geglaubt??? Doch die Freuden des ländlichen Wanderns und die trotz maschinisierter Landwirtschaft noch recht ursprüngliche fränkische Landschaft mit ihren freundlichen und aufgeschlossenen Einheimischen hatten mich bald wieder friedlich gestimmt. Er hat ja schon recht, der Heumann: Man muß gelegentlich mal aus der Hektik der Großstadt hinaus und das Land anschauen. Zurück in Würzburg hat mich dann am nächsten Tag erst einmal der Schlag getroffen: Noch bevor ich meinen Frühstückskaffee zu mir nehmen konnte, erreichte mich die Schlagzeile der Konkurrenz: „Kaiman Charly unter mysteriösen Umständen entführt. Verschwundener Kulturredaktör unter dringendem Tatverdacht“. Der Kollege gab mir noch den Tipp: „Hau mal besser ab, da kommt sicher gleich jemand von der Polizei hier vorbei!“ Ich hielt mich dann ein paar Tage versteckt, bis ich am 27ten August in der Mainpost den reißerisch aufgemachten Artikel einer ehemaligen Praktikantin unseres Blattes lesen mußte, nun ja unter den gegebenen Umständen: lesen durfte: „Ein Küßchen für Kaiman Charly. Gesundheits-Beamte überrascht: Verschwundener Alligator sitzt im Innenhof“ (3). Das verschwundene Mistvieh von Krokodil ist ausgerechnet auf dem Parkplatz des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit wieder aufgetaucht. Mann! Wollte der verhinderte Alligatorkoch wohl auch noch einen Fleischbeschaustempel auf dem armen Tierchen haben? Und ich schreib noch: Nicht den Alligator aus dem Terrarium nehmen! Und der Herr Wolfgang Glücker, der als Polizeisprecher so etwas von Amts wegen zu Journalisten sagt, hat versprochen, daß wenn der Täter gefaßt werden würde, dieser mit Geld oder Freiheitsstrafe bedroht sei. Nun gut, jetzt wo das Tier wieder bei seiner Tiertrainerin Diana Antoine sein darf, sucht die unterfränkische Polizei vielleicht nicht mehr so dolle nach dem Täter – Gefahr für Leib und Leben des Kaimans scheint ja gebannt – und sie lesen nicht doch noch alle meine alten Rezepte durch. Uijuijui. Noch mal richtig Glück gehabt. Pffft!
Deshalb gibt es dieses Mal wirklich bloß vegetarisch – und auch ausschließlich von solchem Gemüse, das nicht auf irgendwelchen Reptilienshows vorgeführt werden kann, sondern hier wächst und alle längst langweilt. Der Job hier ist mir allmählich wirklich gefährlich genug.

Herbstliches Menü
Piroggen gefüllt mit Pilzen und Nüssen
Gemüsesuppe mit Pfannkuchenstreifen
Gebackener Blumenkohl, dazu gebratene Kartoffeln, Erbsen in weißer Sauce und gemischter Salat
Pfannkuchen gefüllt mit geeister Melone

Für die Piroggen eine Packung gefrorenen Blätterteig auf einem bemehlten Backbrett auftauen lassen, mit Mehl bestreuen und mit dem Nudelholz auf etwa die doppelte Größe auswellen; mit einer Milchkaffeetasse insgesamt 16 Teigkreise ausstechen. Teigüberschuß kann ganz einfach noch einmal geknetet und ausgewellt werden, ergibt zusammengerollt z.B. Hörnchen. Eine Packung Champignon in feine Scheiben schneiden, zwei rote Zwiebeln sehr fein würfeln, einen Bund Petersilie ebenfalls sehr fein hacken, etwa 100g. festen Käse (Peccorino etwa) fein reiben, ca. 16 Walnüsse grob hacken. Eine Pfanne mit Butter erhitzen, zunächst die Zwiebeln glasig dünsten, pfeffern und salzen, dann die Pilze dazu geben und kurz anbraten, einen Eßlöffel Mehl einstreuen, sehr stark umrühren, mit etwas Weißwein und einem halben Becher Sahne ablöschen und solange auf sehr kleiner Flamme garen bis die Masse eingedickt ist. Die Pfanne vom Herd nehmen, etwas abkühlen lassen, dann die Petersilie, den Käse und die gehackten Nüsse unterrühren. Zwei Eier trennen, Eigelb und Eiweiß jeweils etwas schlagen und getrennt aufbewahren. Die Hälfte der Teigkreise auf ein gefettetes Blech setzen und die Masse sorgfältig in die Mitte geben. Mit dem Eiweiß die frei gebliebene Fläche einstreichen, die restlichen Teigkreise als Deckel aufsetzen, festdrücken und vorsichtig in Bootsform ziehen. Jetzt mit dem Eigelb bestreichen und im vorgeheizten Ofen bei 170° backen bis die Piroggen aufgegangen und schön goldgelb sind, das dauert etwa 15-20min. Heiß servieren. (Das Gericht eignet sich auch ganz prima – dann eben kalt – als Partymitbringsel!)

Für die Gemüsesuppe zunächst fünf Pfannkuchen herstellen. Fünf Eier, fünf Tassen Mehl, fünf Tassen Milch, einen Eßlöffel Zucker, eine Prise Salz gründlich verquirlen und in einer flachen Pfanne eben die fünf Dingerda ausbacken. Vier Pfannkuchen für den Nachtisch aufheben, einen Pfannkuchen aufrollen und in dünne Scheiben schneiden. Vier Karotten schälen und in Würfel schneiden, mit einer Petersilienwurzel genauso verfahren, eine Kohlrabi schälen und in längliche Streifen schneiden, eine Stange Lauch in Ringe schneiden, in einem Sieb noch einmal gründlich waschen. In einem Topf reichlich Butter erhitzen, erst die Karotten, dann nach und nach die anderen Gemüse zugeben, mit einem Liter heißer Gemüsebrühe ablöschen und noch einige Zeit köcheln lassen; kurz vor dem Servieren die Pfannkuchenstreifen in einer Pfanne noch einmal kräftig anbraten und portionsweise in die Suppe geben, einige kleingezupfte Kräuter oben auf streuen und servieren.

Einen großen Blumenkohl in kochendem Salzwasser nur kurz ankochen. Den Kohlkopf herausnehmen und das Kochwasser aufbewahren. In einer Pfanne Butter erhitzen, darin vier Eßlöffel Semmelbrösel mit reichlich Salz anrösten, abkühlen lassen und mit 200g geriebenem Parmesan vermengen. Ein Backblech einfetten, den Blumenkohl darauf setzen, mit Butterflocken und der Semmelbrösel-Parmesanmischung bestreuen und im vorgeheizten Ofen bei 170° backen bis der Käse gut bräunt – so etwa 15min. Für die Sauce eine fein gewürfelte Zwiebel in Butter glasig dünsten, eine Tasse Mehl einrühren und bevor das Mehl braun wird ½ l. Milch angießen und unter ständigem Rühren aufkochen. Ein Pfund gefrorener Erbsen dazu geben und noch ca. einen ½ l. der Kochbrühe zugeben. Mit Muskat, Salz und weißem Pfeffer würzen und unter Rühren solange kochen, bis die Sauce dick und sämig ist. (Falls sie zu sehr eindickt etwas Kochbrühe zugeben). Ein Dutzend kleine Kartoffeln in der Schale kochen, abschrecken und pellen; in einer Pfanne langsam anbraten. Den Blumenkohl aus dem Ofen nehmen, in vier Teile schneiden und auf je einen vorgewärmten großen Teller geben, die Soße daneben gießen, die Kartoffeln daneben anrichten und mit grob gehackter Petersilie garnieren. Einen Salat werdet ihr schon selbst zustande bringen!

Für das Dessert eine nicht zu große Melone aufschneiden, entkernen und in recht kleine Schnitze schneiden und in einer Schüssel ins Eisfach geben, gelegentlich einmal umrühren und wieder zurückstellen. Schlagsahne herstellen. Die vier Pfannkuchen in der Pfanne noch einmal aufwärmen, evtl. im noch warmen Herd warmstellen. Die heißen Pfannkuchen mit den eiskalten Melonen füllen, hübsch zufalten und mit der Sahne umgehend auf einem Teller sevieren. Als Deko z.B. eine Banane in Streifen schneiden, etwas Karamelsoße über die Pfannkuchen geben und darauf die Bananen legen, jetzt noch etwas Puderzucker – wouwh!

Von Rainer Bakonyi

(1) Konrad Fleischmann: Das Frankenwanderbuch. Zwischen Main und Donau mit Begleitheft für alle Touren, zweite neubearbeitete Auflage München, Wien, Zürich 1981(zuerst 1978)
(2) Alles Wissenswerte über diese sympathische Stadt findet sich im: „Stadtplan Iphofen. Eine Weinstadt mit Kultur“ O.J.o.O.)
(3) MAIN POST Mittwoch, 27. August 2008 – Nr.199 WÜS – Seite 25, dort werden unter www.mainpost.de auch „Bilder und Video von der Fangaktion“ angeprießen.

Robert Kurz im Kribbel Krabbel Mäusehaus