nicht.
Aber hier gibt es was neues:
Ein Nachruf auf den Letzten Hype. Wir gratulieren!
Solange der Hype schläft, oder eingeschläfert wurde, man weiß es noch nicht so genau, empfehlen wir hiermit den „LetzterHype-Nostalgie-Blog“ (Bikri hat das gesagt!):
kann man hier nachlesen:
In The Absence Of Truth:
Zwei Revolten. Tunesien und Ägypten 2010/11.
J. Finkenbergers Kritik an Daniel Kullas Thesen zur Februarrevolution, nur online, da zu schlimm für die Printausgabe.
Was passiert eigentlich, fragt man sich, im Iran? Dort, verkünden die Nachrichtenagenturen und die Analysten aller Dienste, passiert gar nichts. Die Bewegung ist vorbei, der Umsturz wird nicht kommen, so wie er niemals kommen wird, und nirgendwo.
Die Stille nach dem plötzlichen Aufruhr quält uns, weil sie uns so genau an die Hoffnungslosigkeit und die Monotonie erinnert, die vorher herrschte, und die für eine kurze Zeit unterbrochen schien. Es sah einen Moment so aus, als wäre das Ende einer Fase der Stagnation, des allgemeinen Stillstandes erreicht, die jetzt an die 5 Jahre herrscht, in denen buchstäblich Nichts geschehen ist ausser der langsamen Verschlechterung aller Dinge.
Man kann eine beliebige Tageszeitung von vor 5 Jahren aufschlagen und sie mit einer von vor 2 Wochen vergleichen. Man wird in der Regel keinen Anhaltspunkt finden, welche davon welche ist.
1
Aber die Bewegung ist nicht zu Ende. Sie ist unterirdisch geworden, und wühlt weiter. In ihrer ersten Fase, der der grossen öffentlichen Massendemonstrationen, hat sie mehr erreicht, als man ahnen konnte, aber ist aus Gründen, die wir in früheren Ausgaben versucht haben zu analysieren, gescheitert. Sie hat danach ausführlich Gelegenheit gehabt, ihre Taktik zu verändern, sogar ihre Gestalt.
Sie hat in dieser erstan Fase eine grosse Sturmwelle über die Oberfläche dieser Gesellschaft gejagt, und hat danach sich zersplittert, ist scheinbar von der Oberfläche verschwunden, um in den Tiefen die Fundamente des iranischen Systems zu zermürben. Der grosse Sturm ist nicht einfach vergangen, er hat sich auf die Fläche, in die Kleinstädte, die Betriebe, Schulen und Hochschulen, sogar in die Familien verteilt.
Solidarische Aktivisten, die das ganze von aussen betrachten, werden in solchen Fasen dazu tendieren, aufzugeben und sich anderer Dinge anzunehmen; so wie die Tätigkeit des Aktivisten immer nur darin bestehen kann, sich rein äusserlich auf etwas zu beziehen, sich zu solidarisieren oder auch nicht, aber immer nur mit einer Sache, die nicht die seine ist und nicht sein kann. Auch unsere iranischen Exil-Bolschewiki sind nichts anderes als solche Aktivisten; sie werden diese Sache aufgeben, wie Lenin die russische Revolution 1905 aufgegeben hatte, als sie ihn nicht unverzüglich zur Macht trug.
Diesen Gefallen wird, wie ich hoffe, die iranische Revolution unseren heutigen Bolschwiki auch niemals tun.
2
Die Bewegung hat jetzt, in ihrer Verborgenheit, bereits schon einige hervorragende Ergebnisse gebracht. Es gibt Gegenden, in denen Vollzugskräfte des Staates nicht mehr wagen dürfen, von ihren Befugnissen Gebrauch zu machen, weil sie sonst spontanen und massenhaften Widerstand provozieren; solche Vorkommnisse scheinen sich auffällig zu häufen, in der Hauptsache in Arbeitervierteln.
Es gab und gibt eine Vielzahl von Streiks, sei es um ausstehende Löhne, die das System nicht mehr in der Lage ist, zu bezahlen; und es gibt ausserdem, wie es aussieht, eine völlig neue Erscheinung, nämlich offenkundig Sabotage durch die Arbeiter, eingesetzt als bewusstes Kampfmittel.
Es gab zuletzt, endlich, einen Streik der Bazar-Händler gegen eine Steuerreform, den man wohl verstehen muss als eine Aktion des Teils der Mittelklasse, die Montazeris Richtung anhängt.
Noch aber reicht die Macht der Pasdaran, die den Staat und die Wirtschaft immer mehr beherrschen, hin, um die Massen zu kontern. In allen Fällen, in denen es zu grösseren Aktionen kommt, schlagen die Pasdaran und ihre Hilfsorgane sofort und gnadenlos zu, und das Proletariat wird es nicht leicht haben, Taktiken zu ersinnen, wie es ihnen den strategischen Vorteil der überwältigenden Feuerkraft aus der Hand nimmt.
Eine Front des Kampfes ist zur Zeit interessanterweise anscheinend völlig offen, nämlich der Kampf der Frauen. Hier hat es das System geschafft, sich auf beispiellose Weise selbst zu blockieren. Keine Fraktion der Herrschenden will es derzeit auf sich nehmen, die öffentliche Durchsetzung der sogenannten Sittsamkeit zu betreiben. Stattdessen schiebt die allgemeine Polizei es der Geistlichkeit zu, die diese Zuständigkeit empört an die nächste unzuständige Stelle weiterverweist, und so fort, bis zuletzt der Präsident zum allgemeinen Erstaunen erklärt, der Staat habe sich grundsätzlich nicht darin einzumischen, wenn zwei Leute, verheiratet oder nicht, zusammen auf der Strasse unterwegs sind. Nicht, dass der grosse Mann plötzlich seine Liberalität entdeckt hätte; sondern dem System ist eines seiner Grundprinzipien, die mehrfache Zuständigkeit verschiedener konkurrierender Unterdrückungsapparate, an einer, vielleicht entscheidenden Stelle einfach aus dem Gleis gesprungen.
Die Konkurrenz der einzelnen Apparate, in der bisher derjenige den Vorteil davontrug, der als erster zugriff, hat sich offenkundig an dieser Front in einen Nachteil verwandelt. Wenn dies so ist, und nicht etwa das dicke Ende noch nachkommt (auch dafür spricht einiges), dann hat das iranische Proletariat einen Weg gefunden, in ein System wie das iranische eine Bresche zu sprengen, und man muss ihm wünschen, das es genau studieren wird, wie ihm das gelungen ist. Zur Zeit kursieren jedenfalls Bilder von völlig unverschleierten Frauen in Tehraner Bussen.
3
Ansonsten scheint die iranische Arbeiterbewegung ein wichtiges Hindernis ausgemacht zu haben, das der Zusammenführung ihrer getrennten Kämpfe entgegensteht. Ein grosser Teil des iranischen Kapitals ist in den Händen der Pasdaran, der Repressionstruppe selbst; jeder Streik ruft sofort den bewaffneten Eigentümer auf den Plan, ob er die öffentliche Sicherheit beeinträchtigt oder nicht. Eine verallgemeinerte Streikbewegung ist unter diesen Umständen ohne den sofortigen Bürgerkrieg, oder wahrscheinlicher ohne ein grosses Massaker schwer denkbar.
Wenn aber die Hinweise nicht trügen, die man vorsichtig übermittelt bekommt, dann suchen die Lohnarbeiter in der Sabotage ein vorläufiges Kampfmittel und Ausdrucksmittel, mit dem sie, wenn es gut gemacht ist, sowohl den ökonomischen Effekt eines grossen Streiks gleichsam simulieren, als auch ihresgleichen sich zu erkennen geben könnten.
So etwas funktioniert am wirkungsvollsten naturgemäss in Industrien wie der Erdölindustrie, genau dieser bis jetzt anscheinden für die Opposition uneinnehmbaren Festung, deren Aktion, so wie die des Bazars, nach der gängigen Logik der Analysten unausweichlich, wie 1978, das Ende des Regimes ankündigen muss. Und genau dort werden, zu ihrem Unglück, die Analysten die Sabotage nicht erkennen, wenn sie sie sehen. Die Sabotage, weil sie genau in der Mitte zwischen dem einfachen Versagen der ermüdeten und überanstrengten Arbeitskraft und ihrem genauen Gegenteil, dem Aufstand, steht; in der unerforschten und unergründlichen Zone zwischen der immer krisenhaften Reproduktion dieser Gesellschaft und ihrer Abschüttelung, das heisst: zwischen Schlaf und Wachen; die Arbeitersabotage können sie nicht erkennen, weil sie dazu mehr über die Grundlagen ihrer Gesellschaft wissen müssten, als man wissen kann, wenn man Analyst sein will.
Nach einem verheerenden Brand in einer Erdölanlage, die den Pasdaran gehört, erklärt z.B. ein Arbeiter schulterzuckend die Unzufriedenheit der Arbeiter zur Ursache; und schlägt eine Parallele zu anderen Katastrofen, die Einrichtungen der Pasdaran neuerdings befallen haben, unter anderem den Absturz eines Flugzeuges mit hohen Offizieren, der weithin dem Mossad zugeschrieben wird. Offiziell gilt der Brand als Naturereignis, er soll geologische Gründe haben, aber der Mann sagt: wegen der Unzufriedenheit. Er sagt nicht: wegen der Überarbeitung oder der Ermüdung. Es sind 4 Arbeiter bei diesem Brand gestorben, aber der Arbeiter sagt nichts, was auf etwas anderes als Arbeitersabotage hindeutet.
Ein seltsames Zeugnis; warum sollte er so etwas sagen? Sind es Trotz und Hilflosigkeit? Erinnert sich der Mann an Mossadegh, der dem amerikanischen Gesandten sagte: eher zünde ich das Erdöl an, als dass ich es den Briten zurückgebe? Glaubt er, dass eine Sabotageaktion grauenvoll fehlging? Man wird es nicht so schnell erfahren, bevor man, nach dieser ersten rätselhaften Meldung aus dem Erdölsektor nicht noch weitere, wahrscheinlich ebenso rätselhafte gehört hat.(1)
4
Das Exil, das neben lebensrettender Flucht auch noch etwas anderes ist: nämlich Anhäufung aller zu Recht gescheiterten Tendenzen der Opposition, hat sich noch einmal gespalten, und endlich über die israelische Frage. Vorher gab es schon zu Recht die Spaltung zwischen den Linken und den Monarchisten; jetzt haben sich die Linken gespalten, und werden sich noch weiter spalten, weil eine Reihe alter Linker nicht begreifen konnte, dass es nicht mehr 1979 ist und der antiimperialistische Traum schon lange ausgeträumt.
Diese Herren haben es für nötig gehalten, in einem längeren, auch sonst unerträglichen Manifest die palästinensische Intifada zum Vorbild des iranischen Aufstandes erklärt. Auf diese Niederträchtigkeit ist ihnen aber Antwort gegeben worden, ebenfalls aus dem Exil, und mit Worten, denen man anmerkt, dass sie entschiedener gewesen wären, wenn ihre Autoren nicht glaubten, in der Defensive zu sein; nämlich mit einer Verurteilung der palästinensischen Gewaltpolitik und der Erklärung zum Existenzrecht Israels und einer friedlichen Lösung des Konfliktes. Das klingt nach wenig, und ist doch, wenn man die Existenz derer, die es verfasst haben, in Betracht zieht, viel. Sie haben damit die Idiotie der Ganji und Genossen endgültig desavouiert, die das antiisraelische Regime antiisraelisch überschreien wollen.
Sie sprechen immer noch in allgemeinen Redensarten über die Gewaltlosigkeit des Widerstands, als ob der iranischen Revolution die Gewalt erspart bleiben könnte; und als ob die palästinensische Gewaltkampagne plötzlich gerechtfertigt wäre, wenn die iranischen Arbeiter sich eines Tages genötigt sähen, sich zu bewaffnen. Die Autoren des zweiten Briefes sprechen zuletzt, wie die des ersten, nur für sich selbst.
Damit ist aber zugleich zum ersten Male öffentlich den Herren Akbar Ganji und Genossen, der Generation, die die Pasdaran aufgebaut haben, das Recht bestritten worden, für die iranische Opposition zu sprechen. Diese neuerliche Spaltung kann man als Freund des iranischen Aufstandes nur begrüssen, ausser dass man sich deutlichere Worte wünscht, zu denen aber bei den neuen Linken vielleicht der Wille, aber nicht der Mut da ist. Diejenigen, deren Bestrebungen die neuen Linken zu vertreten beanspruchen, werden, wie wir hoffen, diesen Mut haben; sie werden ihn auch brauchen.
5
Insgesamt erscheint die iranische Bewegung als erstaunlich unbeschädigt, unfassbar trotzig und auf eine hintergründige Weise kreativ; jedenfalls aber lebendig und voller Zorn. Ich spare mir Bemerkungen über das Treiben der Eliten, ausser der, dass die Fraktionen nicht nur unverändert im Stellungskrieg miteinander liegen, sondern, kaum dass der unmittelbare Choque der Massenmilitanz nachgelassen hat, sogar noch in umso mehr Fraktionen zerfallen ist. Die Gerichtsbarkeit und die Polizei, Geistlichkeit und Pasdaran, Präsident und Parlament, eine Vielzahl eigener Körperschaften sind einander bereits an den Kehlen; das ist normal für einen Staat wie die Islamische Republik, aber die Vehemenz ist neu; sie ist die von Ertrinkenden, die um ein Rettungsboot kämpfen.
Was vor einem Jahr im Iran seinen Kopf gehoben hat, wird das noch einmal tun. Es wird noch etwas dauern, zu lange, aber es hat alles schon zu lange gedauert. Die Trägheit, zu der wir durch die Ereignislosigkeit und Aussichtslosigkeit verurteilt sind, und in der unsere besten Fähigkeiten verkümmern, kann man jedenfalls den Iranern nicht zum Vorwurf machen. Sondern allein uns, die wir unfähig geworden sind, ohne ein leuchtendes Beispiel zu revoltieren. Und hier ist noch nicht einmal die Rede von denjenigen Linken, die so einverstanden sind mit allem, dass sie die Revolution, wo sie ausnahmsweise wirklich ansteht, nur für eine Manipulation des Mossad zu halten vermögen; so als ob, wie bekanntlich die Antideutschen meinen, wirklich nichts gutes auf der Welt mehr wäre, hinter dem nicht der Mossad steckt.
1 Die andere Frage ist, ob man sie verstehen wird, ohne Antideutscher und Operaist gleichzeitig zu sein, was aber unmöglich ist.
(auf seinen Beitrag aus hype#15)
Die Höflichkeiten, die mein sehr geschätzter Gegner mir zuteil werden lässt, nehme ich dankend entgegen; in meiner Entgegnung will ich mich auf zwei Dinge konzentrieren, die mir unter vielem nutzlosen in der Debatte untergegangen zu sein scheinen. Vielleicht genügt es ja dazu , ihn nochmals zu einer Erwiderung zu provozieren; und vielleicht gewänne die Debatte dadurch eine gewisse Tiefe, die ihr bisher fehlt.
1. Adorniten, gar Antideutsche: ich habe es nach ausführlichem Studium der Sache dahin gebracht, nicht mehr zu wissen, was das sein soll. Ich kann nur schwer auf Sätze antworten, in denen über diese beiden Personengruppen Vermutungen angestellt oder Urteile ausgesprochen werden. Ich bekäme sonst das Gefühl, ich redete über Gespenster.
„Gewisse Antideutsche“ haben diese oder jene Ansichten über den Nationalsozialismus, das kann sogar sein, aber was interessiert es mich? Ist damit garantiert, dass es sich um auch nur diskussionswürdige Ansichten handelt? Wohl kaum. Das ISF aber „z.B.“ habe erklärt, der Nationalsozialismus sei eine eigenständige Gesellschaftsformation; aber genügt die Ungeheurlichkeit dieses Gedankens, ohne Ansehen eventueller Gründe, um ihn schon zu widerlegen? Wohl kaum.
„Ausblenden lässt sich die Katastrofe nicht“, erklärt Ndejra apodiktisch; aber was soll ich von solchen Sätzen halten, wenn ich doch in einer Wirklichkeit lebe, in der die Katastrofe sehr wohl ausgeblendet ist?
Vor allem in der Linken, wie man weiss, und auch in ihren vernünftigsten Teilen. Man lese doch nur mal in ihren Diskussionsforen nach, und sei es libcom.org oder ähnliches! Man bekommt dort vielleicht einen Begriff davon, was unter „Verblendung“ verstanden werden könnte.
Ndejras Kritik ist nach der einen Seite eine Kritik einer mehr oder minder wahllosen Menge von Einzelansichten. Das ist mässig sinnvoll, soweit sie nicht die Kritik des Ganzen ist, wie es sich meinetwegen in den Köpfen einer bestimmten Schule widerspiegelt.
2. Ndejra zielt auf der anderen Seite deshalb auch auf eine grundsätzliche Kritik der Frankfurter Schule; er will ihr eine Art von Komplizenschaft nachweisen mit dem Denken der Gesellschaft, die sie vorgeblich bekämpfe, und zwar in der Weise, dass sie ausgesprochen oder nicht von denselben Grundannahmen wie dieses ausgehe. Er nennt ausdrücklich das Grundverständnis über die Herrschaft über die Natur und die Herrschaft des Menschen über den Menschen.
Der Vorwurf erstaunt mich immer noch; weil er erstens nicht weiter ausgeführt wird (es müssten sich doch Spuren in Adornos oder Horkheimers Schriften anführen lassen), und zweitens, weil er sich mit dem Gegeneinwand nicht auseinandersetzt, der sich doch aufdrängt: dass gerade diese beiden die Begriffe geschaffen und in Anschlag gebracht haben, die Ndejra jetzt gegen die kritische Theorie einsetzen will.
Nichts gegen die radikale Kritik von allem und jedem! Die Kritik darf vor nichts haltmachen, sie muss sich zuletzt auch gegen ihre eigenen Voraussetzungen wenden; aber mir scheint Ndejras Kritik, gesetzt, sie hätte Substanz, eigenartig ihre eigene Herkunft zu verleugnen.
Hat nicht die kritische Theorie als erste die Naturbeherrschung überhaupt als ein Problem gefasst? Hat sie nicht als erste klar ausgesprochen, dass sich im Drang zur Beherrschung der Natur die Herrschaft des Menschen über den Menschen immer reproduziert, so dass beides als zwei Seiten desselben Verhältnisses verstanden werden muss?
Nimmt Ndejra Anstoss an den Formulierungen, in denen Horkheimer und Adorno die fehlgeschlagene Emanzipation des Individuums zum Subjekt in der Dialektik der Aufklärung beschreiben? Enthalten diese ambivalenten Formulierung seiner Ansicht nach etwa eine Bejahung der Naturbeherrschung, oder machen sie sie nicht gerade zuerst als Problem fassbar, das unlösbar in die Strukturen dieser Gesellschaft eingelassen ist, und nur mit diesen aus der Welt zu schaffen?
Ich habe es immer so verstanden.
3. Ndejra stützt sein kategorisches Urteil über die kritische Theorie auch auf die einfache Ausflucht, die sie beflissenen Studenten zu bieten scheint; er macht aber damit auch die Tür auf zu einer anderen einfachen Ausflucht, und scheint es nicht zu sehen.
Wenn man die kritische Theorie beiseiteschiebt, dann gibt es keinen Grund mehr, sich Rechenschaft abzulegen über die historischen Bedingungen der Vernunft, das heisst der Möglichkeit, überhaupt zu denken; und über den ebenso historischen Prozess der Zerstörung genau dieser Bedingungen. Es ist dann desto leichter, sich um das zu betrügen, was Rosa Luxenburg seit 1914 gefordert hat, nämlich die grausam gründliche Selbstkritik des Proletariats.
In mehr als einer Weise ist die kritische Theorie die Form, und zwar nahezu die einzige Form, in der diese Selbstkritik Wirklichkeit geworden ist. Sie ist nichts, an dem man leichthin vorbeigeht. Ihre Aporien sind noch die unseren. Ihr Programm ist noch lange nicht abgearbeitet, es wird uneingelöst bleiben, solange diese Weltordnung Bestand hat.
Arbeite man also weiter daran! Aber auf einer vernünftigen Grundlage.
4. Hat nicht die Negative Dialektik noch einiges zu bieten, was Ndejra brauchen könnte? Gibt es eine tiefer gehende Ausführung des logischen Problems des Verhältnisses von Allgemeinem und Besonderem, von konkretem Einzelding und abstraktem Begriff? Ist nicht für die anti-politische Tendenz, die Ndejra und ich ja, nehme ich an, teilen, diese Frage von allergrösstem Interesse?
Wenn Adorno die Identität, die den Dingen unter der Herrschalt des Begriffes aufgezwungen wird, als Identität des (Identischen mit dem) Nichtidentischen sichtbar macht: ist das für einen Begriff der Herrschaft oder der Befreiung etwa gleichgültig? Hat irgendein Logiker jemals vorher einen Begriff vom Nichtidentischen auszuführen versucht, vom dem also, was in seinem Begriff gerade nicht aufgeht?(1) Dem also, wovon nie gesprochen worden ist, dem, was in jeder Sprache immer nur verraten und beschwiegen worden ist, dem zertretenen und zerschlagenen, genau dem, was zu befreien wäre?
Können wir uns nicht, allgemein gesprochen, alle Versuche, eine Sprache oder irgendein Mittel des Ausdrucks zu erobern, in die Fuge streichen, wenn wir zu genau diesem logischen Versuch nicht in der einen oder anderen Weise einen Zugang finden?
Die Negative Dialektik ist nicht die grosse Methode. Aber weil ihre Probleme noch die unseren sind, weil seither so vieles nicht passiert ist, enthält sie schon, im wesentlichen, alle Fragen, die sich uns aufdrängen, die wir aber nur mit Mühe wieder aus ihr herauszuarbeiten haben.
Was also ist denn „die wirkliche Bewegung, die den gegenwärtigen Zustand aufhebt“, von der Ndejra redet? Wo sieht er sie? Besteht sie (wenn sie denn überhaupt besteht) unabhängig von der Selbstkritik des Proletariats, die Rosa Luxenburg gefordert hat? Ist sie nicht zwingend zurückverwiesen an eine „Filosofie, die einmal erledigt schien“, aber sich am Leben erhält, „weil der Zeitpunkt ihrer Verwirklichung versäumt ward“? Mehr noch, fällt sie nicht mit dieser in eins? Wenn nicht, um so schlimmer!
(1) Warum bloss hat man nie eine Kritik an der kritischen Theorie gehört, die sich explizit darauf gestützt hätte, die Negative Dialektik immanent, d.h. entlang ihres eigenen (kommunistischen) Anspruchs zu kritisieren?
Welch entspannender Tag im Hugendubel in der Innenstadt:
Gefolgt von dem hier:
Dafür aber das hier gesehen und mich doch noch ein wenig gefreut:
Ach und wer Zeit hat (nicht so wie der Leiter des Kulturressorts des Letzten Hypes) aber kein Geld wie der Prakti, meldet sich halt da:
Arghhh. Schrecklich.
oder: wie verängstigte Einhörner vom Mond aus niederstarren und die Welt sich in der Neigung von 23,5° ringsum dreht.
„Wir meinen zunächst, daß die Welt verändert werden muß. Wir wollen die größtmögliche emanzipatorische Veränderung der Gesellschaft und des Lebens, in die wir eingeschlossen sind. Wir wissen, daß es möglich ist, diese Veränderung mit geeigneten Aktionen durchzusetzen.“ – Guy Debord, Rapport zur Konstruktion von Situationen
Wer mich kennt, weiß – dass die oben genannten Worte schon einmal im World Wide Web Einzug erhielten. Für den Rest: Es spielt eigentlich keine weitere Bedeutung. Sie wurden damals eingemeißelt, weil sie nimmer mehr vergessen werden durften. Eingehämmert, damit jeder sich erinnern wird und ich aus heutiger Sicht sagen kann, dass es nicht schlecht tat, die Brüche zu begehen, die eben – so bitter wie sie sein mochten – unumgänglich waren. Havarien werden einer Notwendigkeit der Unkenntnis über das Unheil vorausgeschickt. Es scheint kein großer Verlust zu sein, dass ich hinfort bin. Es war eben auch kein immenser Gewinn für eine schreckliche „Szene“. Ich bin draußen. Weg. Auf nimmer wiedersehen könnte man sagen oder es auch lassen. In Anbetracht der aktuellen Lage ist dieses Vorgehen eine Unabwendbarkeit – mehr noch – ein Obligatorium.
Die letzten Trümmer eines Irrglaube an die Restvernunft der Linken, wurde von der Langeweile besiegt. Ihr habt nichts das euch berechtigt den Unsinn zu treiben, den ihr treibt. Alle anderen können mit ihrem Erfolg prahlen – ihr lasst es tatsächlich besser. Ihr versteht eure Rolle nicht, die ihr mit eurem Handeln einnehmen wollt. Die ihr mit eurem Dasein fristet. Ihr habt noch nie die Notwendigkeit einer historische[n] Verantwortung verstanden, die man als freiheitsliebender Mensch verstehen sollte. Endlich die „Notbremse“ zu ziehen, daran gilt es festzuhalten. (0) Die Vorbereitungen zu machen! Ihr versauert dort, wo sich niemand um euch kümmert. Warum sollte es auch jemand? Eure lapidaren Ausschweifungen zu Themen, die altbacken sind, sind nicht die Belange, die unseren grässlichen Alltag bestimmen und uns tagtäglich zu das machen, was wir sind. Ihr quält euch mit deplatzierten Gedanken – statt euch tatsächlich mit dem zu beschäftigen, das etwas verändern wird. Und selbst ihr kauft euch eure Postulate (ja, nichts anderes scheinen sie zu sein) mehr ab. (1) „Szenetalk“ ist es, wie es Kriegstheater als sinnentleertes „Geplänkel“ zu Recht als solches bezeichnet. (2)
Warum ist man nicht in der Bewandtnis das zu tun, das doch so unentbehrlich scheint? Ihr steht morgens auf um euch die Schuhe zu binden, das Frühstück zu verzehren, zu lüften und den Weg zur Straßenbahn zu finden – trotz der Müdigkeit die euch doch so quält. Ihr steht mittags in der Kantine um euer Mittagessen zu verzehren, um den Tag physisch zu überstehen – trotz der psychischen Qual. Ihr liegt nachts im Bett um eure Ruhe zu finden; vor dem Alltag, der noch Schlimmer nicht zu drohen scheint? Und ihr könnt noch schlafen? Trotz der Strapazen um die ihr angeblich bescheid wisst, entscheidet ihr euch täglich für das Selbige? Diesem Trott des Alltags hingegeben, scheint man solch große Übung in den Abläufen zu haben, dass man sie selbst im Schlaf beherrscht. Nicht sonst würde der Spruch eines alten Griechen auch heute noch an Aktualität verlieren, der besagt: „Auch die Schlafenden halten die Ordnung der Welt aufrecht.“
Die Welt in der die Existenz unserer zu finden ist, erkennt ihr als eine schreckliche an, doch das was ihr tut ist alles was es aufzubringen gilt? Dann werde man auch euch den Kampf ansagen müssen. Es gilt nämlich: „All dem muss in offener Feindschaft entgegengetreten werden, um endlich das Leben selbst herauszufordern.“(3) Die Gefahr dabei ist gen Ende gänzlich die, alleine in der Backstube als Lehrling auszuharren. Alleingelassen von der „Ersatzfamilie“ von den Leuten die einen zeitweiligen Lebensabschnitt mit uns teilen und sich wie so oft Freunde schimpfen. Die Dinge so hinzunehmen scheint jedoch auch für euch nicht ganz in Ordnung, dieser letzte Keim muss sprießen, damit es wenigstens Unkraut wird. So arrogant bin ich!
Es nämlich einfach so hinzunehmen wäre fatal und mit dem Bewusstsein, der Dringlichkeit auf Veränderung hin zu einer emanzipatorischen Tagesordnung nicht vereinbar. Warten können wir nicht länger. Warten wollen wir nicht länger. Und während die isländische Vulkanwolke zeigt, wer die Krise ist, schafft man hier keine Zuspitzung. (4) Vielleicht ist noch nicht die Zeit gekommen es begreiflich zu machen, dass unser Anliegen derzeit keine revolutionäre Bewegung sein kann. Immerhin dient noch die Poesie der Toten für eine Nordwestpassage zu den Ansätzen einer möglichen emanzipatorischen Gesellschaft, und solange dies so ist, werden sie viel lebendiger sein als die Lebenden selbst.
In den Nervenzellen meines Gehirns spielen sich im Gleichtakt Illustrationen ab, die keine Photothek aufnehmen könnte, da sie endlos sind. Ohne Anfang, ohne Ende – und ständig wäre ein Einschub, ein Schnappschuss möglich. Doch niemand findet augenblicklich den Auslöser. Das Stativ ist bereits auf drei Beine gestemmt. Das Objektiv scheint jedoch noch in Bauplanung und für das Kameramodell gar nicht gerüstet. Der Fotograf muss erkennen, dass nur er alleine den Auslöser zu aktivieren hat, denn das Objekt der Begierde schreitet immer weiter Richtung Horizont. Und trotzdem scheint es wichtiger als ehemalig, „je unmöglicher der Kommunismus ist, desto verzweifelter gilt es, für ihn einzutreten.(5)
Damit das Blitzlichtgewitter endlich Einzug erhält!
Karl von Irgendwo oder so.
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(0) Der Terminus der Notbremse ist Walter Benjamin entlehnt: „Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ – Walter Benjamin. Angesichts der Züge die nach Auschwitz rollten, mag es tatsächlich eine revolutionäre Tat gewesen sein, diese Notbremse spätestens (!) an Ort und Stelle zu ziehen.
(1) Nebenbei könnt ihr sie ja nicht einmal formulieren und würgt bei genauerem nachfragen kleinlaut ab: „Ja, ich weiß das ja auch nicht so genau. Kann schon sein.“
(2) www.kriegstheater.blogsport.de in dem Beitrag mit der merkwürdigen Überschrift: „Manifest (Entwurf)“
(3) Carlo Raimondo Michelstaedter. In offener Feindschaft mit dem Bestehenden, seinen Verteidigern und seinen falschen Kritikern
(4) Ich möchte natürlich die Annahme – die derzeit eher einer Tatsache entspricht – nicht abstreiten, dass die deutsche Bestie gerade derzeit so schrecklich barbarisch daherkommt und eine Konterrevolution viel wahrscheinlicher als alles andere wäre. Solange diese Befürchtungen bestehen, darf man getrost auf keinen Umsturz hoffen. Mehr noch, man muss gegen ihn Stellung beziehen.
(5) Max Horkheimer. Um mich auch einmal bei den beliebten Zitateonkeln zu bedienen.
Hören und Schmecken
Die Seite für moderne Kultur
Heute: Vom übermüdeten Kochkommu, äh, lumnisten
Oh, wie sind doch die Fingerlein so steif! Und oh, oh, wie schmerzt das Kreuz!! Und oh, oh weh, wie verschwommen ist das Bild trotz des übergroßen Bildschirms!!! So wird das alles nichts, es bedarf einer kräftigen Ermunterung. Nach der gestrigen schweren Not ist zwar doch der Morgen gekommen, aber nun braucht es endlich auch einen Kaffee! Doppelespresso mit wenig, doch sehr(!) cremigem Milchschaum, dazu ein Croisant und: „Möchten der Herr vielleicht noch eine kleine Aufmunterung?“. „???“. „Cognac??!“. Meine Zweifel an der Seriosität des eigenen Erscheinungsbildes wachsen ins Unermessliche. Das Hemd ist doch nicht zerknittert? Der Bart ist sauber fortrasiert, die Haare gekämmt, was will der Mensch?? Erkennt der mich???? Ich verstecke mich hinter dem Feuilleton des lokalen Tagblattes und sinniere über die Spuren, welche die Zeit auf meinem sorgsam gepflegten Arbeitskraftbehälter hinterlassen hat. Ach, da schau her! „Elisabeth Kulman gewinnt Schallplattenpreis Toblacher Komponierhäuschen 2010″1 So, so. Mit dem exotischen Reiz eines Akkordeon und dem erotischen eines roten Kleides und dazu noch der Beihilfe des statthabenden Mahlerjahres, da müssen die Preise ja purzeln. Mich hat die Idee, das große Mahlersche Orchester durch eine, so hat’s der bayerische Rundfunk mal genannt, Wirtshauskapelle zu ersetzen, sofort eingenommen. Wirtshaus, das kenne ich immerhin sehr gut – und der Welt bin ich auch schon öfter abhanden gekommen2; mit Akkordeon ist der Himmel dann auch recht schön instrumentiert. Die Kulturseite der werten Kollegen ist zwar ein prima Sichtschutz, doch recht öde und der nunmehr gelangweilt aufgeschlagene Meinungsteil zitiert gar den mittels Fußballs endlich gelockerten Umgang mit der Nation samt Flagge herbei, um sich so gewappnet für mehr Einigkeit und Volksnähe in der Politik, sowie mehr Sauberkeit in der Innenstadt stark zu machen. Außer Hundehaufen habe ich vor dem Lokal keine größeren Verunreinigungen wahrgenommen – und will mir schon gar nicht vorstellen, was noch volksgemäßere Einigkeit sein mag, als es jener einstimmig gefasste Entschluß unserer geliebten Volksvertretung bereits war, Jerusalem auch mal offiziell mitzuteilen, daß die Interessen des jüdischen Staates wohl doch besser in Berlin aufgehoben seien. Mein allmorgendliches Unwohlsein weicht einer allgemeinen Angewidertheit; es hat schon seinen Grund, weshalb mir die Seite vom Schönen, Guten und Wahren untersteht und nicht ich diese grausliche Politik am Hals habe! Leise grummelnd bezahle ich Kaffee und Hörnchen und strebe zum nächsten Lebensmittelladen. Haben sich doch die Mitglieder der Anderen gelehrten Gesellschaft für den heutigen Abend zum Dinér angemeldet und, das weiß ich aus Erfahrung, die geistreichen Gespräche finden seit je erst nach einem reichlichen Menü und einer gewissen Menge geistiger Getränke statt. Der Einkauf gestaltet sich stets ein wenig diffizil, da die Mitglieder dieses Vereins – ebenso wie jene der kleinen Vereinigung zur Beförderung der versöhnten Gesellschaft und der mainfränkischen Sektion des Kulturbunds – einerseits diverse Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten in sich vereinen, andererseits sich insbesondere auf diejenigen ihrer persönlichen Idiosynkrasien kaprizieren, welche mit der Nahrungsaufnahme zu tun haben. Das Menü möge doch bitte keine allzu scharfen Speisen, keine rohen Karotten oder auch Tomaten enthalten und ganz besonders ist auf die Abwesenheit von Gluten zu achten; es muß vegetarisch sein und sollte exotische Gemüsesorten eher meiden. Letzten Sommer war der versammelte Kulturbund zu einer Wanderung in die Alpen aufgebrochen. Für eine der auf Camping-Kochern zu verfertigenden Mahlzeiten hatte eine der Damen und ich die ehrenvolle Aufgabe des Einkaufs übernommen. Die Findigkeit, mit der besagte Dame selbst im Allgäuer Landstädtchen Sojaprodukte und glutenfreies Brot aufzutreiben wußte, beeindruckte mich nachhaltig. Die Auflösung der Unterschiede zwischen Stadt und Land waren denn auch eines der Themen auf unserer Wanderung – nicht nur daß Vegetarismus und Lebensmittelreform bis in abgelegene Bergregionen vorgedrungen waren, auch die zeitgenössische Kunst hat Einzug in die Natur genommen. Eine ganze Klamm, also ein von einem Gebirgsbach in den Fels geschnittene enge Schlucht, war zu einem künstlerischen Monument gegen Krieg und Herrschaft des Mammon gestaltet worden3. Aufgestiegen in luftigere Höhen, dabei vertieft in Betrachtungen über die unangenehmen Seiten des Landlebens, wie etwa die unverständliche Sprache der lokalen Bevölkerung, Rinderbremsen, weite Wege und ein gewisser Zwang zu rustikaler Kleidung, zielten wir bereits auf eine weiter ausgreifende Exkursion, nämlich einer, später dann auch durchgeführten, Bildungsreise nach Israel. Inmitten einer Debatte, ob alpine Ausrüstung bei einer Wanderung auf dem Israel National Trail vonnöten sei und inwieweit der Mangel an Gebirgslandschaft die Rezeption des Mahlerschen Werkes beeinflusse, ertönt der Ruf: „Ein Kamel!!!“ Tatsächlich stand inmitten einer der zahllosen Weideflächen ein Kamel, samt Höcker und dem für diese Spezies typischen, uns skeptisch erscheinenden, Gesichtsausdruck. Der Tourismus, das konnte uns ganz flugs die zweite Dame referieren, gebärt die seltsamsten Früchte, also auch Kameltouren durch das Allgäu. So war dann jener Teil des Grüppchens, welcher einige Wochen später dem überlieferten Weg des christlichen Messias vom Har Arbel hinab zum Kineret nach Kefar Nahum folgte, wenig überrascht, direkt am Fuße des senkrecht abstürzenden Hangs des Arbel zuerst alpin anmutendes Glockengeläut zu hören, alsbald dann Rinderdung auf dem Wanderweg vorzufinden, um endlich einer Herde Kühe gewahr zu werden, die so gemächlich wie raumgreifend den schmalen Weg uns entgegen trottete. Die von mir nun ebenfalls erwarteten Rinder treibenden Bergbauernjungen und jodelnden Sennerinnen blieben Hirngespinst. Das Dorf, zu dem der Weg führt, heißt Hamaam, das könnte schon auch ein süddeutsches dialektales Wortgebilde sein, doch dort steht eine große nagelneue Moschee und um diese nachmittäglich heiße Zeit läßt sich außer Touristen kein Mensch, draußen blicken – schon gar kein Allgäuer Alpenwirt mit einem Tafelanschrieb, der eine große Auswahl an Kuchen verspricht, und der auf Anfrage dann wortlos durchgestrichen wird. Hier müssen Kühe und Touristen alleine zurecht kommen, nicht einmal ein Eisstand oder ein Limonadenverkäufer ist weit und breit zu sehen. Am See angekommen wich dann das lauthals bemängelte Fehlen einer touristischen Infrastruktur einem gewissen Überangebot: Besichtigung jenes vom Grunde des Kineret geborgenen Schiffleins des Petrus (welchselbiges, das weiß ich noch aus dem Religionsuntericht, doch der Jesus laut Matthäus 14 / 31 vorm Untergang errettet hat), Predigten auf dem Wasser in sämtlichen Sprachen (aramäisch und altgriechisch inklusive), Kurse im Aufdemwasserwandeln und ein mysteriöser Wegweiser in die Richtung einer von der Abendsonne dunkelrot illuminierten Bergkette: „See where MADONNA found her inspiration. Find your personal way to calm and wisdom. Visit Sefad“. Da mussten wir selbstredend dann auch noch hin. Ein bißchen so wie Lourdes mit Blick auf Zitrusplantagen und galiläischem Meerlein. Aber Madonna war nicht da und die Damen wollten auch nicht wirklich am Meditationskurs mit Schnelleinweisung in Zahlenmystik (nur für Frauen) auf garantiert schon von Madonna persönlich besessenen Sitzkissen teilnehmen. Nun waren wir ja nicht eigentlich zwecks all dem multireligiösen Kitsch gekommen, sondern wollten uns von Dromedaren in einer diesen Tieren zukommenden Umgebung durch malerische – das muss sie als sinnlicher Inbegriff des Orients ja doch sein – Landschaft tragen lassen. So begab es sich dann, daß wir in der Wüste, genau gesagt in Mitspe Ramon ziemlich tief im Negev, in einem echten Wüstenzelt Quartier nahmen, um Gluthitze und Trockenheit pur zu erleben. Blöd war lediglich, daß das Wüstenhostel zwar die versprochenen Zelte vorweisen konnte, es sich aber gar nicht um Beduinenzelte, sondern um recht hippieske Imitationen handelte, deren wichtigster Ausstattungsbestandteil der indianische Traumfänger zu sein schien; noch blöder war, daß wir exactement an einem der vom statistischen Jahresquerschnitt gesehenen fünf Regentage angekommen waren – es somit saukalt gewesen war und die auf google earth zu bestaunende, gigantische Schlucht unter einer, dem heimischen Herbstnebel in Nichts nachstehenden, grauen Wattedecke verborgen blieb. Und Kamele gab es dort auch keine, wir haben aber später auf der Busfahrt noch welche zu sehen bekommen. Das Schlimmste jedoch war die tibetische Musik, die ja als solche nicht zwangsläufig von so großem Übel sein muß, doch durch die Begleitung eines Didgeridoos und eingesampelter Walgesänge sich zu einer musikalischen Form der Folter auswachsen kann. Bei der Erinnerung an dieses wahre Höllenorchester gerate ich in helle Panik. Der Basmatireis in meinen Händen beginnt höhnisch zu grinsen und mit dem diversen Grünzeug und den Gewürzen im Einkaufskorb eine Wüstenpolka zu summen. „Alles OK? Die Petersilie geb‘ ich Dir noch so mit.“ „Äh. Ja.“ Verwirrt blickend deute ich auf das Regal. „Baklava?“ Steht zwar groß und deutlich drauf, aber naja. Der Einkauf ist fast geschafft, beim Fußweg durch die Stadt versuche ich noch, mich über das Kulturangebot der nächsten Tage kundig zu machen. In letzter Zeit bin ich ja öfter mal hinüber nach Schweinfurt gefahren, wo im dortigen Theater regelmäßig die Bamberger Symphoniker gastieren. Deren Aufführung der fünften Symphonie von Gustav Mahler hatte ich zu meinem großen Leidwesen verpasst, doch dafür die Symphonien Nr. 2 (D-Dur op.73) und Nr. 4 (e-Moll op. 98) von Johannes Brahms unter der Leitung von Jonathan Nott gehört und hatte als besonderen Höhepunkt dieses Abends, dank der überaus umfassenden Verbindungen des Kulturbunds, die Pause in der Cafeteria des Theaters inmitten der Damen und Herren Musici verbringen dürfen. Der Glanz, der von all den Braten mit Knödel, Leberkäsweck oder auch Schnitzel mit Pommes Frittes verzehrenden Künstlerinnen und Künstler – „Da, schau! Da ist doch der Hornist.“ – auf mich abfiel, war mir ein schöner Ausklang meines doch immerhin schon 49ten Geburtstages. Noch in derselben Woche waren wir dann gemeinsam in Würzburg, wo wir dann doch die Mahlersche Fünfte hörten. Das war auch sehr gelungen, lediglich die Protzereien jenes Kollegen mit den guten Verbindungen in die Schweinfurter Theaterkantine, er habe ja die Bamberger gehört, „gar kein Vergleich!!“, störten ein bißchen die festliche Stimmung – was dann die Entscheidung zwischen dem Besuch des Theater-Cafes oder dem etwas jugendlicher daher kommenden „schönen René“ zu einer regelrechten Kampfabstimmung werden ließ. Jetzt muß der Kulturbund erst einmal ohne mich ins Konzert, allzu lange werden die das aber ohne meinen großen Sachverstand nicht aushalten, das ist schon klar! Aber wo ist denn jetzt dieses Plakat, das dieses überaus interessante Akkordeontrio angekündigt hat, bloß hingekommen? Ich finde es nicht wieder, statt dessen stoße ich direkt vor dem Dom auf die vergilbte Annonce einer längst stattgefundenen Veranstaltung aus jener, zum großen Glück nicht von mir zu verantwortenden Sparte, nämlich der Politik: Kundgebung mit Bürgerfest. Würzburg gegen NPD. Unter anderem sprach dort die Frau Dr. Stamm von der CSU, die, das weiß ich noch aus meiner Jugend, einen äußerst schlechten Ruf bei der hiesigen Linken genoss. Ich erinnerte mich natürlich sofort an die zahlreichen Aufkleber auf dem Ampelmast direkt vor meiner Haustür, wo deutlich martialischer – „Kein Fußbreit den Faschisten“ – für doch wohl dieselbe Veranstaltung geworben worden war. Aber über die Tatsache, daß die bedauernswerte Frau Dr. Stamm jetzt gar für die Antifaschistische Aktion reden muß, werden sicher der Heumann und die Evi einen gut recherchierten Hintergrundbericht abliefern. Ich hingegen muß jetzt hinaus in die richtige Welt, die so gar nichts von hehrer Kultur und vom großen Schatz des modernen Wissens hören mag. Um mir die wilden Umtriebe, die der Beruf des leitenden Kulturredakteurs einer sehr angesehenen Vierteljahreszeitschrift so mit sich bringt, überhaupt erlauben zu können, bin ich zu meinem übergroßen Mißvergnügen gezwungen, meinen Körper und auch meinen Geist auf eher unabsehbare Zeit zu Markte zu tragen; weniger poetisch: Ich habe noch einen zweiten und dritten Job in der Gastronomie angenommen. Das Problem besteht nun darin, daß ich mir zwar die vielen Konzertbesuche samt anschließenden Kaffeehausbesuch leisten können würde, wenn ich bloß zu den Zeiten, an denen Konzerte dem usus nach veranstaltet werden, nicht gerade zwischen Herd, Fritteuse und Saladette hin und her hetzte, um auf Zuruf die leckersten Speisen zuzubereiten. Ein zusätzlicher lästiger Umstand, der beim Überlassen eines (nicht zu knappen) Teils meiner Lebenszeit für Geld auftritt, ist mit der Quälbarkeit meines Leibes verbunden. Das gute Stück (also ich rede von meinem Körper, der ist immerhin der einzige den ich habe) ist eh‘ schon ein wenig ramponiert und im Moment, dank der guten Nachfrage nach meiner einzigen Ware, ziemlich überbeansprucht. Die richtige Welt, das habe ich mir in den letzten Tagen doch zugestehen müssen, ist zu anstrengend, ja, ich würde sogar sagen, sie behagt mir nicht. Es scheint jedoch dummerweise wohl keinen Ausweg mehr zu geben. Stand ich doch dieser Tage einmal, es geschieht ja aus vorgenannten Gründen nur mehr selten, im Begriffe, mich ins Büro – jenem vom Finkenberger und mir behausten Kellerloch im Hotelturm – zu begeben. Selbst eine Fliege hatte ich mir umgebunden, nicht bloß so einen bunten Kulturstrick von Krawatte, doch mir blieb der Einlass verwehrt! Der Schlüssel, der immer hinter der, ja doch lediglich zur Tarnung aufgestellten, Bautafel hing, war nicht an seinem Ort. Ich ächzte mich über die provisorische Absperrung, zerriss mir dabei auch noch das Jackett und rüttelte an der Bautüre, die in den Keller führt. Nichts. Oh! Doch!!! Ein dickes und sichtlich neues, sehr massives Schloß verriegelte die, zudem mit zusätzlichen Schalbrettern verstärkte, Türe. Sofort rief ich die Evi Schmitt, die immer sämtliche die Redaktion betreffende Neuigkeiten zuerst weiß, an. „Ihr Gesprächspartner ist momentan nicht erreichbar“. Beim Heuberger das gleiche Spiel, aber das ist ja normal, der lässt sein i phone sowieso immer irgendwo liegen. Ich ging die gesamte Liste durch, versandte Kurzmitteilungen und besprach Anrufbeantworter sonder Zahl. Tja, der Vertrag war ganz einfach ausgelaufen. Der Chef hatte nämlich den Turm lediglich geleast gehabt – allen hat er erzählt, er wäre gekauft – und war jetzt auch noch von seinem Vorstandsposten zurück getreten. Die Redaktion war wieder obdachlos und tagte im Moment an dem Grillplatz beim Graf Luckner Weiher und keine Sau hatte auch nur daran gedacht, mich zu informieren. Im Hintergrund des kreischenden Tumults von „Redaktionssitzung“ hörte ich den vorlauten Praktikanten: „Der brät doch sowieso den ganzen Tag Curry Wurst, was will der hier am Grillplatz?“
Doch keine Sorge, die Kollumne gibt sich nicht so einfach geschlagen:
bis zum nächsten Mal!
Ihr stets zu Diensten stehender
Rainer Bakonyi
Das Rezept des (dann ganz wirklich den Damen und Herren vom Lesekreis aufgetischten) Mahls:
Iranischen Reis mit Safrankruste:
4 Tassen Basmati-Reis, ½ Teelöffel Safranfäden, Salz, Butterflocken, Butterschmalz.
Den Reis mehrmals mit kaltem Wasser waschen, dann in eine Schüssel mit reichlich Wasser geben, einen Esslöffel Salz zufügen und mindestens eine ½ Stunde quellen lassen. Nun in einem großen Topf 2-3l. gesalzenes Wasser aufkochen lassen und den abgetropften Reis zugeben. Kochen bis der Reis gar, aber noch bißfest ist (5-7min.), in der Zwischenzeit den Safran mit etwas Zucker im Mörser zerstoßen, den Reis in ein Sieb gießen und den Topf wieder auf die Flamme stellen; Butterschmalz und ½ Tasse Wasser darin erhitzen. Nun in die Wasser-Fett Mischung den Safran geben und kräftig umrühren. Wenn die Brühe kocht, den Reis hinein geben, dabei zur Mitte hin einen leichten Hügel formen. Nun mit dem Stil eines Kochlöffels gleichmäßig verteilt 6-8 Löcher bis zum Topfboden bohren und sobald nach einigen Minuten der Reis zu dampfen beginnt, den Topfdeckel fest in ein Geschirrtuch einschlagen und auf den Topf setzen. Sobald der Deckel richtig heiß ist, die Hitze auf die niedrigste mögliche Stufe reduzieren und eine Stunde stehen lassen. Nicht vor Ablauf der Stunde öffnen! Jetzt in einem Spülbecken eine halbe Hand hoch kaltes Wasser einlaufen lassen und den Topf entschlossen hinein setzen. Mit Zischen und einem lauten Krachen wird sich die Reiskruste vom Topfboden lösen! Nun den Reiskuchen vorsichtig auf eine große Platte stürzen. Die leuchtend gelbe Kruste ist Zierde genug, doch verspielte Gemüter mögen nunmehr gerne mit Kräutern und Gemüsestückchen an einer Dekoration basteln.
Vegetarischer Bohnentopf. (Im Original besteht dieses Gericht zur Hälfte aus mitgekochtem Fleisch. Ich weigere mich, hier mit Sojaersatz rumzupfuschen. Es bleibt bei Hülsenfrüchten pur)
80g. Kichererbsen, 80g. Kidney-Bohnen, 80 g. weiße Bohnen; 3 getrocknete Limetten (kann man selber ganz einfach trocknen lassen, geht zur Not auch mit frischen), 1 Gemüsezwiebel, 2 Kartoffeln, 1großer Bund glatte Petersilie, 1 Bund Schnittlauch, 1 Bund Koriander, 2 El. Bockshornkleesamen, 2 Teelöffel Kurkuma, Salz, Pfeffer.
Die Hülsenfrüchte über Nacht (mind. 8 Stunden) einweichen, abgießen und gründlich ausspülen. Mit einem Holzspieß die Limetten mehrfach durchbohren, die Zwiebel halbieren und eine Hälfte sehr fein hacken. In einer Pfanne etwas Öl erhitzen und die Zwiebel darin bräunen, danach die fein gewiegten Kräuter dazu geben, gelegentlich rühren und mit dem Bockshornkleesamen würzen. Die Masse in einem Schüsselchen zur Seite stellen. Nun die Hülsenfrüchte in einem großen Topf mit reichlich Wasser aufkochen. Die zweite Zwiebelhälfte am Stück beigeben, die Limetten, das Kurkuma, Pfeffer und Salz zugeben und etwa 2 Stunden köcheln lassen; jetzt die geschälten und geviertelten Kartoffel und die Kräuter- Zwiebel Mischung dazu geben, eine weitere Stunde köcheln lassen. Jetzt alles durch ein Sieb geben, die Brühe als Suppe auffangen und warm stellen, die Limetten wieder aus den Hülsenfrüchten herausfischen, diese abschmecken und dann zu einem Brei pürieren.
Dazu werden Salate, gebratene Gemüse und geröstete Nüsse gereicht.
Als Nachspeisen eignet sich Obst, Eis und eigentlich alles, was sehr süß ist.
Ihr Rainer Bakonyi
Die Freundinnen und Freunde des Post-Prä-Bikri haben Mut bewiesen! Sie haben die Qual über sich ergehen lassen, dass „Pferd-Tret-Festival“ zu besuchen und darüber auch noch ihre Eindrücke der Welt zu präsentieren. Aber liest selbst:
Es ist manchmal sehr interessant, wie manche Menschen dem Sog des Sommerlochs in Würgtown zu entkommen versuchen. Kaum zu glauben, ist einmal die übliche Klientel des Bildungsstreiks aus der Stadt, geschehen durchaus amüsante Sachen. Zu unserer Schande müssen wir gestehen, bei Critical Mass waren wir nicht und können folglich auch nicht einschätzen, was das für Menschen sind und ob sie mit dieser Stadt und diesem Sommer mehr Probleme haben, als dass in Würgtown kein nötiger Respekt den FahrradfahrerInnen entgegengebracht wird.
PS: Der Hype steckt in der Klemme, pardon (!) – Presse fest. Nächste Woche ist es soweit.
Aufgrund von drastischen Kürzungen in der kommenden Print-Ausgabe (14b/15) werden wir einige (auch längere) Artikel lediglich online veröffentlichen. Es folgt ein Gastbeitrag.
Ordnung, Disziplin und Lagerfeuerromantik
Katholische BootCamps in Unterfranken
Als vor einiger Zeit die Medienöffentlichkeit auf die neofaschistische Jugendorganisation
Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) aufmerksam wurde, war das entsetzte Erstaunen groß. Berichte über Sommerlager im Stil der HJ und die neofaschistische Indoktrinierung von Kindern machten genauso die Runde wie Bilder von uniformierten Kindern, Fackelzügen und „Führerbunker“-Zelten. Nach anhaltender Berichterstattung ist die HDJ mittlerweile verboten. Keineswegs unbemerkt von der Provinzöffentlichkeit, vielmehr mit deren Wohlwollen aufgenommen fühlen sich hingegen seit Jahrzehnten Jugendlager in Unterfranken, die zwar aus einer gänzlich anderen ideologischen Spielrichtung des Bürgertums kommen, nämlich dem Katholizismus, deren gesellschaftliche Funktion aber die gleiche ist: Brutale Disziplinierung und Einbindung von Kindern in sexistische und rassistische Kategorien. Die Rede ist von Zeltlagern, die jahrjährlich von Jugendorganisationen des Katholizismus, namentlich vor allem den Ministranten, abgehalten werden. Dort erfahren Kinder ab dem Grundschulalter, abgeschieden von jeglicher Rest- Zivilistation, bei Lagerfeuerromantik Disziplin, Ordnung und Drill. Im folgenden soll ein Aussteigerbericht dokumentiert werden, der die Geschehnisse in diesen Lagern treffend schildert:
>> Die Teilnehmer eines Ministranten-Zeltlagers sind in der Regel zwischen 8 und 20, in Ausnahmefällen bis 25 Jahre alt. Sie organisieren die Lager selbst, theologische sowie organisatorische Hilfe bekommen sie dabei von der Pfarrgemeinde als auch dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Die Lager finden oftmals in den Pfingstferien, einer Jahreszeit, die von sehr unsteter, nass-kalter Witterung geprägt ist, auf Wiesen oder Waldlichtungen fernab jeder Rest-Zivilisation statt. Diese Abgeschiedenheit ist bereits Teil des reaktionären Programms. Im Zeichen der Lagerfeuerromantik wird so ein naturwüchsiges, anti-modernes Leben idealisiert.
Errungenschaften der Unterhaltungselektronik sind während des Lagers genauso verboten, wie Kommunikation zur Außenwelt und Duschen. Vielmehr wird sich bei militaristischen Spielen „amüsiert“: Inszenierte und gewünschte Schlägereien, bei welchen die Konstruktion maskuliner Stärke nur einen ihrer vielen Ausdrücke auf solchen Lagern findet, gehören genauso zum
Programm, wie Tagesmärsche und der sog. nächtliche Überfall. Dabei versuchen befreundete Jugendorganisationen die Zelte des Lagers einzuwerfen und die zuvor im Stile einer militaristischen Zeremonie gehisste Lager-Fahne zu stehlen. Verhindert werden soll das durch die Aufstellung von Kindersoldaten, die verängstigt in stockfinsterer Nacht Wache halten müssen, und dem kämpferischen Eingreifen älterer Lagerteilnehmer, deren heldenhafter Einsatz ihnen Ehre und Ansehen in der Lagergemeinschaft einbringt. Dabei wird den Kindern spielerisch die Idealisierung eines kriegsähnlichen Zustandes und militärischer Riten nahe gebracht. Zur Lagerfeuerromantik des Lagerlebens gehören selbstredend auch gemeinsame Liederabende am Lagerfeuer. Aus einem vorgegebenen Repertoire an Liedern wünschen sich die Lagerteilnehmer ihre Lieblingsstücke. Die Wahl fällt dabei oftmals auf sexistische und/oder rassistische Lieder, die auch gerne mehrmals am
Abend gesungen werden. So wird in einem beliebtem Lied die Vergewaltigung eines Mädchens/jungen Frau am Donauufer glorifiziert. Ein anderes handelt von angeblichen „Negeraufständen in Kuba“, bei welchem die „Neger“ als brutale, Weiße massakrierende Kannibalen dargestellt werden. Die Lieder werden so oft gesungen und ihre Melodien sind so eingängig, dass ich sie selbst heute nach Jahren noch auswendig singen könnte. Kinder im Grundschulalter werden so unterbewusst mit rassistischen und sexistischen Kategorien vertraut gemacht, Ältere können dabei ungestört ihren Ressentiment freien Lauf lassen.
Eine weitere Form der Disziplinierung von Kindern und Jugendlichen bei Ministranten Zeltlagern sind Abhärtungsrituale. Die schon erwähnten Dauermärsche, die fester Bestandteil der Lagerwoche sind, finden bei jedem Wetter statt. So marschieren die Kinder, unabhängig ihrer körperlichen Verfassung und Vermögens, sowohl bei frühsommerlicher Hitze als auch bei klirrender Kälte, Regen und Hagel von Morgens bis Spätabends über Feldwege. Eine Freistellung wird nur in Ausnahmefällen gegeben. Eine andere Form der körperlichen Abhärtung stellt der allmorgendliche Morgensport- und Waschritus dar. Direkt nach dem Weckruf, der gegen 7:30 Uhr erfolgt, gilt es sich zum Morgensport aufzustellen. Die Teilnahme daran ist verpflichtend. Danach gehen die weiblichen Lagerteilnehmer in ein Waschzelt, während der männliche Teil sich unter freiem Himmel bei kältesten Temperaturen oberkörperfrei mit eisigem Wasser waschen müssen. Wer diesem Ritual nicht nachkommt muss mit Disziplinierungsmaßnahmen rechnen, die bis zur brutalen Zwangswäsche gegen den Willen des Einzelnen führen. Keine Beachtung finden natürliches Schamgefühl vor der öffentlichen Entblößung oder Angst, sondern werden als Schwäche und
fehlende männliche Härte diskreditiert. Kernstück der Disziplinierungs- und Konditionierungsfunktion der katholischen BootCamps ist eine ausdifferenzierte Hierarchie, die sich sowohl in zwischenmenschlichen Beziehungen per se gleichgestellter Mitglieder vor allem in Formen des Mobbings zeigt, als auch in der Ausübung offizieller Ämter. Mobbing, ein gesamtgesellschaftliches Problem, tritt bei den abgeschotteten Lagern der katholischen Jugendorganisation in besonderer Härte auf, weil, analog zu Geschehnissen in Kasernen, die Opfer hier zum einen keine Chance haben ihren Peinigern aus dem
Weg zu gehen, zum anderen sich das Mobbing mit den Erlebnissen der offiziellen Hierarchie verzahnt. Diese definiert sich in erster Linie durch Alter und Ansehen. Das Lager wird durch eine sog. Gruppenleiterrunde geleitet, der ein oder zwei Oberministranten vorstehen. Sowohl bei den Gruppenleitern als auch den Oberministranten handelt es sich um ältere und angesehene Ministranten. Deren Ernennung erfolgt intern durch Cliquenbeziehungen und ohne jede demokratische Legitimierung. Dazu kommen noch hierarchische Ämter während des Lagers wie den sog. Zeltleitern oder Leitern bei den Tagesmärschen, die sich allerdings mit den Gruppenleitern überschneiden können. Unter dieser kleinen Zahl an Führungspersonal steht die Masse der jungen Teilnehmern. Die skizzierte Hierarchie funktioniert als System absolutem Befehl und Gehorsams. Den Anweisungen der Gruppenleitern ist Folge zu leisten. Darüber hinaus gibt es appellähnliche Aufstellungen, sowohl zu festgelegten Uhrzeiten als auch bei dem Trillerpfeifenton der Lagerleitung.
Am deutlichsten und brutalsten tritt die Disziplinierung der jungen Lagerteilnehmer durch Hierarchie jedoch beim bereits erwähnten Waschritus als auch beim gemeinsamen Essen auf. Während des Essens darf der Tisch nicht verlassen werden. Kindern, die ihren Harndrang (noch) nicht entsprechend kontrollieren können, werden so brutal zu absoluter Disziplin erzogen. Ebenso ist es Pflicht seinen Teller leer zu essen. Keine Rücksicht genommen wird auf Sättigung oder
Ekelgefühlen. Weigerung wird nicht akzeptiert, und zieht nur größere Aufmerksamkeit auf sich. Letztendlich muss der Teller leer gegessen werden, was bis zum Brechreiz durchgesetzt wird. Beide Regelungen erfolgen offen und ausdrücklich mit dem Bestreben die Kinder zu Ordnung und Disziplin zu erziehen. Dabei spielen Ältere und höhergestellte Ministranten offen sadistisch ihre Macht aus. < <
Die hier dargestellten Geschehnisse müssen als Spiegel der gesellschaftlichen Realität begriffen werden. Diese steht dem Individuum als feindliches Umfeld gegenüber, das soziale Disziplinierung, Ausrichtung und Einpferchung vielleicht noch subtiler täglich erfahrbar macht.
Gehorsam, Disziplin und Ordnung, sind aber nicht nur deutscheste Tugenden, sie sind die absolute soziale Notwendigkeit einer totalitären Vergesellschaftung durch Arbeit. Eine Gesellschaft, die einerseits so umfassend auf das Individuum zugreift, ihm Härten abverlangt, in Kollektive presst und deren Glücksversprechen andererseits ein ums andere mal als himmelschreiende Farce erscheint, ist notwendigerweise auf innere Disziplinierung seiner Objekte angewiesen. Seit Kaiserszeiten übt das Militär als „Schule der Nation“ diese Funktion passend aus, mit Brandts Regierungserklärung «69 kommen folgerichtig auch die Bildungsanstalten als geeignete Institution zur Disziplinierung hinzu. Der dokumentierte Aussteigerbericht stellt die katholischen Jugendlager ebenfalls in diese Kategorie. Sie erscheinen als BootCamps, als Institutionen psychischer und physischer Disziplinierungsgewalt. Als Inbegriff Roland Kochs feuchtester Träume. Die soziale Funktion der Disziplinierung ist die Vorbereitung auf ein Leben als Objekt einer totalen Gesellschaft. Gemeinsam mit der Schule ist diesen Camps, dass hier auf jüngste Mitglieder der Gesellschaft zugegriffen wird. Durch Angst, Druck und Befehl und Gehorsam werden sie autoritär
sozialisiert. Das Produkt dieser Erziehung zum Gehorsam ist ein rassistischer, sexistischer, obrigkeitshöriger autoritärer Charakter. Ein Untertan im Mannschen Sinne, der nach Unten tritt und nach Oben buckelt, der sich in agressiven Kollektiven wohl fühlt, der die Obrigkeit nur kritisiert, wenn er das Kollektiv gefährdet sieht. Der bereitwillig und aufopfernd seinen Teil zum Wohl des Kollektivs beiträgt. In anderen Worten, und dem Schrecken der gegenwärtigen Tage geschuldet,
kšnnte man ihn auch einen ‚Schland‘-Fan nennen. Die katholischen BootCamps in Unterfrankens Wäldern und Auen sind also nicht nur Spiegel des barbarischen Zustandes der Gesellschaft sondern auch Vorbereitung auf die Hörten, die diese
Gesellschaft vom Individuum abverlangt. In ihrer sozialen Funktion der Disziplinierung des Einzelnen vereinen sie notwendigerweise beides, nach dem Motto:
„Disziplin und Gehorsam wirst du überall finden, mein Kind. Es ist also wirklich nicht schlecht sie in jungen Jahren zu erfahren.“ (1)
A to the Teo
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(1) Karl v. Medina
(bevor die Nähe zum besagten Ereignis ganz und gar dahin ist, stellen wir’s mal online, obwohl die gedruckte Ausgabe noch nicht da ist…)
Anmerkungen zum antifaschistischen Protest gegen den Naziaufmarsch des Freien Netzes Süd am 01. Mai in Schweinfurt
Autonome AntifaschistInnen aus Unterfranken stecken in zweierlei „Dilemmata“: Einerseits fehlt eine offensiv in Erscheinung tretende Neonaziszene, gegen die man sich zur Wehr setzen müsste. Wer dies bestreitet, sich nachts in das Kornfeld setzt, um ein gutes Foto von einem organisierten Nazi zu schießen, Wohnungen tagelang belagert, um zu beobachten, ob dieser oder jener Fascho wirklich oft spät nachts noch mal mit dem Hund spazieren geht, hat ein schönes Hobby gefunden. Ein wenig wie Fußballbildchensammeln. Eine gewisse Zeit meines Lebens bereitete mir dieser außergewöhnliche Zeitvertreib, in Verbindung mit einem militanzfetischisiertem Lifestyle, der niemals militant war, viel Spaß. Wer unter den AntifaschistInnen die Aktivitäten des Freien Netzes Süd in Unterfranken, das selbst das Laubkehren an einem Kriegerdenkmal zu einem großen Erfolg für die nationale Bewegung erklärt, genauso ernst nimmt, wie die Faschos selbst, bestärkt diese in ihrer niedlichen Selbstüberschätzung.
Soweit zu ersten „Dilemma“. Wer das autonome am Antifaschismus groß schreiben möchte, die/der müsste eigentlich froh sein, dass der Kampf gegen Staat und Kapital nicht von Nazis durchkreuzt wird. „Antifa ist mehr als gegen Nazis“ heißt es ja so schön. Nun könnte man an die Arbeit gehen, und der Gesellschaft, in der dem Menschen nichts anderes übrig bleibt, als um die Sonne des Kapitals zu kreisen, den Kampf anzusagen. Leider Gottes: Die Menschen drehen sich nicht traurig, Arbeitssklaven ähnlich, um diese Sonne, sondern sie tun dies zumeist freudestrahlend. Und sie kennen nur die eine Sonne. In einer Zeit, in der der neu-nationalistische Stimmungsfaschismus die Deutschen zu Millionen auf die Straßen treibt, und ein Journalist im Spiegel, in einer Mischung aus kollektivem Rauschzustand und schlichter Dämlichkeit, schreibt, dass sich Deutschland im Moment ziemlich bunt anfühle, wenn das farbige Grau gemeint ist, wie kann da praktischer Kampf gegen den Staat betrieben werden? Das zweite Dilemma der autonomen AntifaschistInnen in unserer Gegend, et voila: Löst sich der Kitt „Gegen Nazis“, so müsste der Kampf „Um’s Ganze“heißen. Aber wie, mit und gegen wen ist dieser zu führen?
Jeder antifaschistische Zusammenhang beantwortet die beiden „Dilemmata“ unterschiedlich. Im folgenden versuche ich zu analysieren, wie einerseits das „antifaschistische Bündnis gegen den Naziaufmarsch am 01. Mai in Schweinfurt“, ein breiteres Bündnis gegen die Demo des Freien Netzes Süd, und andererseits der „AK Maifeuer“, mit den Zwickmühlen umgegangen sind.
Sowohl das Antifabündnis als auch der AK Maifeuer verzichteten, auf den erstem Blick zumindest, erfreulicherweise auf die Behauptung, eine regionale Neonaziszene verunmögliche einen antifaschistischen Lifestyle.
Es gab in den letzten zwanzig Jahren jedoch durchaus Momente, in denen der aktive Kampf gegen Neonazis geführt werden musste, weil eine starke Naziszene alternativen Jugendlichen das Leben schwer machte. Hierzu zwei Beispiele in die Geschichte des Neonazismus dieser Region, die auch für die gesellschaftlichen Veränderungen der BRD stehen. Anfang der 90iger Jahre, als jungakademisierte und Linke zusammen nachts Wache vor Flüchtlingsunterkünften hielten, damit das wiedervereinigte Deutschland in Würzburg nicht die gleichen Pogrome verüben konnte wie in Hoyerswerda, Lichtenhagen oder Solingen, kam dem Antifaschismus eine wichtige Bedeutung zu. Helmut Kohl verweigerte nach den Morden von Solingen gar eine Reise nach Solingen, weil er den „Beileidstourismus“ anderer Politiker nicht unterstütze. Diese Zeiten sind- zumindest vorerst- Geschichte, denn Antifaschismus wurde zur Staatsräson erklärt. Ius sanguinis und Ius solis kämpfen zwar immer noch um die Deutungshoheit über den Staatsbürgerbegriff, aber immerhin ist es in den meisten Gegenden Deutschlands nicht mehr möglich, dass ein Naziaufmarsch ohne bürgerlichen Gegenprotest stattfindet. Klar ist dabei, dass der Bürgerprotest nie fähig sein wird, den Nazis den Nährboden ihrer Ideologie, Deutschland genannt, unter den Füßen wegzuziehen. Aber immerhin beinhaltet aktivbürgerliches Engagement auch den Kampf gegen Faschos. Ein Beispiel für die Notwendigkeit, autonomen Antifaschismus auch in Zeiten des staatlichen Antifaschismus zu betreiben, war die Gefahr, die in den Jahren 2004/05 drohte, als sich in Lohr am Main eine dauerhafte rechtsradikale Szene etablieren wollte. Zwar zerschlug der Staatsschutz, getragen durch zivilgesellschaftlichen Druck, den Szenetreffpunkt „Schlosscafé“, aber genau in jener Zeit war es bitter nötig, dass Antifas den Nazis nicht die Straße überließen. Denn wie man schmerzlich weiß, gehen die BürgerInnen nach einer „Blabla-Ist-Bunt-Demo“ wieder in ihre warmen Stübchen, statt sich den Nazis auf den Straßen in den Weg zu stellen. In den Jahren 2004/05 war es daher bitter nötig, dass eine Szene, die sich den Antifaschismus auf ihre Fahnen geschrieben hatte, präsent war, um nicht noch mehr geschehen zu lassen als den Angriff auf das Lohrer Juze. Nun befinden wir uns im Jahre 2010, und im Moment sieht es nicht danach aus, als etabliere sich gerade ein rechtsradikaler Schwerpunkt in unseren Gefilden. Das Vakuum, das der Wegzug von Uwe Meenen, der für 20 Jahre Hauptagitator der Nazis im unterfränkischen Raum war, und welcher stets als Kitt zwischen Kameradschaftstrukturen und NPD fungierte, entstehen ließ, lässt die Frage aufkommen, wie es von den Neonazis gefüllt werden wird. Auf der Hut sein ist daher angebracht, hysterisch sein nicht, und das waren das Antifabündnis und der AK Maifeuer nicht.
Ich schrieb, dass das Antifabündnis dem ersten Dilemma auf den ersten Blick entgeht. Denn chiffrenhaft kommt durch die Kampagnenpolitik dann eben doch zum Ausdruck, dass man Nazis benötigt, um aktiv zu werden. Wenn „Antifa mehr als gegen Nazis“ sein will, warum zeigt man dann lediglich die Zähne, wenn Nazis in die Stadt kommen? Der Kapitalismus ist derart grausam, dass man jeden Tag kotzen müsste. Die Antifa kotzt aber meistens nur, wenn eine Kampagne gegen Nazis ansteht. Sicher ist diese Kampagnenpolitik, die Nazis benötigt, um sich antikapitalistisch äußern zu können, auch dem Fehlen einer linksradikalen Infrastruktur in Unterfranken geschuldet. Nach dem Wegfallen des AKWs ist einzig der Stattbahnhof als „Szenetreffpunkt“ geblieben. Keine Infrastruktur mag ein Faktor sein, aber keine Entschuldigung. Meine These, die ich hier nicht zum ersten Mal in den Raum stelle, ist die folgende: Antifaschismus als Lifestyle ist nötig, wenn Faschos sich als Subkultur an einem Ort eingenistet haben. Solange dies der Fall ist, und man sich auf Kampagnenpolitik zu einem Naziaufmarsch, zu dem die regionalen Nazis ihre Kameraden aus halb Deutschland rufen müssen, um überhaupt eine ordentliche Demo zu organisieren, beschränkt, drückt diese Fixierung auf Naziaktivitäten „in Gegenden ohne rechtsradikale Szene die Unfähigkeit der Antifas aus, eine radikale Kritik an der gesellschaftlichen Gesamtheit zu artikulieren.“
Womit wir beim zweiten Punkt angelangt sind, dem Dilemma des Kampfes „Um’s Ganze“. Wie versuchten das Antifabündnis und der AK Maifeuer, diesen zu führen bzw. zu vermitteln (sofern dies überhaupt möglich ist). Die Kapitalismuskritik des Antifabündnisses soll hier nicht zur Debatte stehen, denn ein Aufruf muss zwangsläufig verkürzt sein. Hier soll es vielmehr um die Art und Weise gehen, wie Kritik betrieben wurde. Bewusst klinkte man sich in die Bürgerproteste ein.
„Von der Zusammenarbeit erhoffen wir uns außerdem die Möglichkeit, den BürgerInnen unsere Standpunkte näher zu bringen. Die Vermittlung von eigenen Inhalten und konstruktiver Kritik scheint uns auf der Basis eines gemeinsamen Agierens weit sinnvoller, als durch reine Abschottung und elitäres und überhebliches Gebaren.(Anmerkung: Aus dem Aufruf des Bündnisses)“.
Es ist schon beinahe süß, wie hier davon ausgegangen wird, dass man die BürgerInnen mit Flugblättern vom richtigen Weg überzeugen könnte und „konstruktiv“ sein möchte. Was hier nicht verstanden wurde: Konstruktiv ist immer der Staat, nicht die Kritik an ihm. Konstruktiv ist immer das Kapitalverhältnis, nicht der Kampf dagegen. Der Kampf gegen den Kapitalismus ist eine überaus destruktive Sache, GenossInnen! Im zweiten Satz schwingt dann doch noch eine Kritik an die arroganten Arschlöcher aus dem Dunstkreis des Linksradikalismus mit, die immer alles besser wissen. Dies ist weder kreativ noch neu. Die Appelation an die BürgerInnen, doch bitte AntikapitalistInnen zu werden, war nach meiner Einschätzung letztendlich dann ebensowenig von Erfolg gekrönt wie der vorher angekündigte, aber kaum sichtbare „Antikapialistische Block“ auf der Bürgerdemo. Und spätestens, als dann mal wieder Antifasport angesagt war, alle hastig und erfolglos versuchten, diese oder jene Bullenblockade zu durchbrechen, hätten sich die Mädels und Jungs des Antifabündnisses fragen sollen, wo denn jetzt die ganzen BürgerInnen waren, die man mit konstruktiven Argumenten überzeugen wollte. Ergo: Nicht verstanden hat man im Antifabündnis, dass mit dem Aktivbürger aus der Fanmeile keine Revolution zu machen ist. Und dass man nicht umhin kommt, auf seiner linksradikalen Insel zu verweilen, solange der Rest der Republik von schwarz-rot-goldenen Freudentränen überschwemmt ist. Dann doch lieber „überhebliches Gebaren“. Und der AK Maifeuer? Immerhin vollzog dieser nicht den fatalen Fehler, sich einzureden, dass Schweinfurt bunt sei:
„Dem völkischen, standortnationalistischen Konsens der bürgerlichen Gesellschaft ist die Vision einer klassenlosen und befreiten Gesellschaft entgegenzustellen.“
Dennoch stellt sich auch hier die Frage, weshalb man mir nur zum Anlass eines Naziaufmarsches ein Flugblatt mit solchem Pathos in die Hand drückt, weshalb man auch hier die Nazis benötigt, um als antinationale AktivistInnen auf den Plan zu treten? Und schließlich entkommt auch der AK Maifeuer nicht dem Dilemma Nummer zwei: Nur, weil man sich auf die Kritik beschränkt und ansonsten wenig zur erfolgreichen Blockade tut, ist noch nichts darüber ausgesagt, wie man den Kampf „Um’s Ganze“ zu führen gedenkt. Dies soll nicht bedeuten, dass Kritik nicht für sich alleine stehen kann. Aber der AK Maifeuer ist zu einem „antifaschistischen Event“ auf den Plan getreten und muss sich, da der autonome Antifaschismus stets mit der Praxis verwoben bleibt, daher die Frage gefallen lassen, wie denn ihre Kritik mit der Praxis zu versöhnen ist.
Abschließend stelle ich die Frage, ob das Label „Antifa“ noch immer eine sinnvolle Klammer ist, um gewisse Personen unter einem Dach zu vereinen. Solange man sich noch nicht einmal darin einig ist, dass eine „Schweinfurt-Ist-Bunt-Demo“ eine Lüge ist, lohnt es wenig, bei diesem oder jenem Event über das richtige Verständnis von Antifaschismus zu debattieren. Ich plädiere dafür, sich aus dem Linksradikalismus heraus antifaschistisch zu organisieren, statt dem Lifestyleantifaschismus bei diesem oder jenem Event einen linksradikalen Anstrich zu verpassen.
Tja, wieder mehr Fragen als Antworten. Sorry.
Yvonne Hegel
(Solang die Druckerpresse warmläuft, noch ein Text aus dem Nächsten Hype…)
„Die demoralisierte traditionelle Linke entdeckt in ihrer Verzweiflung immer seltsamere Lichtgestalten“, schrieb Robert Kurz vor fünf Jahren über die Chávez-Begeisterung, die auch in der Zwischenzeit nicht abgeklungen ist. Um auch einmal kritische Stimmen aus dem Land zu hören, auf das die europäische Linke – gerne mit Verweis auf „basisdemokratische Bewegungen“ – am liebsten ihre Hoffnungen projiziert, wurde das folgende Interview mit der anarchistischen Zeitschrift „El Libertario“ aus Caracas, Venezuela, geführt. Sie ist eine der wenigen Publikationen in Venezuela, die ebenso kritisch über die Chávez-Regierung wie die reaktionäre Opposition berichten. Die Fragen wurden per Mail geschickt, die Redaktion antwortete als Kollektiv. Das Magazin gibt es seit 1995 und erscheint alle zwei Monate. Die aktuelle und ältere Ausgaben, sowie Übersetzungen von Artikeln in verschiedene Sprachen finden sich auf http://www.nodo50.org/ellibertario.
Chávez erklärt gerne, dass die Privatmedien die Menschen manipulieren, korrupt seien und nur den kapitalistischen Klassenstandpunkt verbreiten. Er will deshalb „alternative Medien“ voranbringen. Was haltet ihr davon?
Wie bei vielen seiner anderen Proklamationen, versteht es Chávez auch hier, eine Halbwahrheit auszusprechen. Zweifellos sind die privaten Medien im Grunde so, wie er sagt. Kein Zweifel aber auch, dass die staatlich kontrollierten Medien in Venezuela ausschließlich den Standpunkt des Caudillos und der ihm folgendenen „Boli-Burguesía“ (bolivarianische Bourgeoisie) verbreiten, dass sie durch bürokratische Zurichtung korrupt bis auf die Knochen sind und ebenfalls die Menschen manipulieren.
Bis auf sehr wenige Ausnahmen nehmen die angeblich „alternativen Medien“ kaum die Unruhen, Forderungen und Proteste auf, die in immer größerem Maße aus verschiedenen Bereichen der ausgegrenzten Bevölkerung aufsteigen. Denn in ihrer Nachrichtenlinie unterwerfen sich diese Medien fast alle der staatlichen Ausrichtung. Ihr Überleben hängt von der wirtschaftlichen Unterstützung durch die Regierung ab.
Die Situation ist inzwischen so paradox, dass viele marginalisierte Menschen ihre Proteste über die oppositionellen Privatmedien an die Öffentlichkeit tragen. Schließlich ist bekannt, dass sie damit niemals Raum in den sogenannten „Volksmedien“ (medios populares) finden würden. Dort hört man nur Propaganda des übelsten stalinistischen Stils, die die Wohltaten und Wunder der pseudo-„sozialistischen Revolution“ und ihres unübertrefflichen Caudillos verkündet.
Ein aktuelles und klares Beispiel für den Zustand dieser „alternativen Medien“ ist ihr Verhalten gegenüber Fälle offener staatlicher Aggression gegen soziale Bewegungen: Sie nehmen dazu weder Stellung, noch lassen sie zu, dass Stellung genommen wird. So geschehen bei den Inhaftierungen und manipulierten Gerichtsprozessen gegen den Gewerkschafter Rubén González (vom Staatsunternehmen Ferrominera Orinoco, im Süden des Landes) oder gegen den Indio Sabino Romero (ethnische Gruppe der Yukpa, in der Sierra de Perijá im Westen). Diese und andere Beispiele von Zensur und Informationsmanipulation rechtfertigen sie mit stumpfsinnigen Argumenten, etwa indem sie sagen: „Man kann nicht über Themen reden, mit denen man Argumente an die reaktionäre Opposition und an den imperialistischen Feind liefert“.
„Das Volk“ (pueblo): Ist das eurer Absicht nach ein vernünftiger und emanzipatorischer Begriff? Wie in Chávez benutzt, scheint er eher ein Begriff der Unterdrückung zu sein.
Wiederholt und öffentlich hat Chávez wissen lassen, dass seine Konzeption um den Begriff des „Volkes“ vom Werk des Argentiniers Norberto Ceresole stammt, der seinerseits klar und explizit vom italienischen Faschismus beeinflusst war. Deshalb ist es weder verwunderlich noch zufällig, dass wir in den Reden des „Comandante Presidente“ so viele Gemeinsamkeiten mit dem Geschwätz des „Duce“ erkennen. Selbstverständlich, dass sich solch irrationaler Wortschwall, übersetzt in einen grotesken und maßlosen Persönlichkeitskult, in Parolen wie „Vaterland, Sozialismus oder Tod!“, „Befehlen Sie, Comandante, befehlen Sie!“ oder „Hungrig, nackt und arbeitslos, ich halte zu Chávez!“, auf keinen Fall in eine emanzipatorische, vernünftige Praxis umwandeln kann.
In diesem Zusammenhang müssen wir auch erwähnen, wie von marxistisch-leninistischer Seite versuchte wurde, diese Demagogie zu rechtfertigen, durch den angeblich „einzigartigen Charakter der bolivarianischen Revolution“. Ganz zu schweigen von den Intellektuellen (inner- und außerhalb Venezuelas), die behaupten, diesen Prozess von einer linken Position aus zu unterstützen, aber gegenüber der unverhüllt autoritären Seite des Chávez-Regimes schändlich verstummen.
Erfahrt ihr in der Redaktion Einschüchterungen oder Ähnliches von Anhängern Chávez (den Chávistas) oder direkt von der Regierung?
Jeder, der wie wir vom „El Libertario“, in Venezuela Opposition, Nichtkonformität oder gar Störung gegenüber den anhaltenden Irrtümern, Lächerlichkeiten und Gewalttätigkeiten, die diese Regierung begeht, ausdrückt, wird sofort Opfer einer ganzen Reihe von Einschüchterungen durch diese Regierung und ihres Caudillos, der von seinen Regierten nur unterwürfigen Gehorsam akzeptiert. Bei den Übrigen handelt es sich um „Kontra-Revolutionäre“, denen gegenüber jede Art der autoritären Kontrolle, Einschüchterung und/oder Unterdrückung erlaubt ist.
In diesem Sinn haben auch wir im „El Libertario“ die wachsende staatliche Härte zu spüren bekommen. Diese richtet sich gegen jeden sozialen Protest in Venezuela und kriminalisiert Aktionen, die den allgemeinen Frust ausdrücken. Aktuell sind 2.400 Personen gerichtlichen Strafen unterworfen, weil sie ihr legitimes Recht auf Protest ausgeübt haben. Auch die übrigen Formen des Drucks und der Erpressung gegenüber Abweichler sind nicht zu vergessen, beispielsweise die „schwarzen Listen“, um Rechte von Personen, die als Staatsfeinde identifiziert wurden, einzuschränken.
Gibt es in Venezuela weitere Medien wie den „El Libertario“, also solche, die nicht nur den Kapitalismus, sondern auch die aktuelle Regierung ablehnen?
Bedauerlicherweise sind es sehr wenige, wegen den Schwierigkeiten, die die unabhängigen und radikalen Medien überwinden müssen, um überhaupt starten und sich dann am Leben erhalten zu können. Im venezolanischen Fall kommt noch eine starke Polarisierung hinzu, zwischen den staatlichen, pseudo-revolutionären und den oppositionellen – sozialdemokratischen und rechten – Medien. Da wir beide Gruppen als gleichermaßen negativen Ausdruck von Unterdrückung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit angreifen, haben wir zweifellos eine sehr schwierige, aber unerlässliche Aufgabe.
Diese Aufgabe beinhaltet auch, klarzustellen, dass die Chávez-Regierung in keiner Weise antikapitalistisch ist, wie die Fragestellung zu suggerieren scheint. Denn sie ist, unter anderem, vollkommen dem nachgekommen, wofür sich die Globalisierung in Venezuela interessiert: Aus dem Land einen sicheren, untertänigen und zuverlässigen Lieferer von Energieressourcen zu machen. Die Kontrolle über diese Ressourcen wird durch sogenannte gemischte Unternehmen (empresas mixtas) an das internationale Großkapital abgegeben. Man kann eine Regierung außerdem nicht antikapitalistisch nennen, die ihre Auseinandersetzungen mit der hiesigen Bourgeoisie geführt hat, um eine andere Gruppe, die Boli-Bourgeoisie, zu begünstigen, deren Präsenz und Macht heute unübersehbar ist.
Was haltet ihr von der Ideologie von Linken wie Noam Chomsky, Richard Gott oder Tareq Ali, die Chávez und seinen „Prozess“ verehren zu scheinen?
Die umfassendste und treffendste Antwort auf diese Frage gab der Artikel „Chomsky, Hofnarr von Chávez“ von unserem Genossen Octavio Alberola, veröffentlicht in der Nummer 57 von „El Libertario“ (aus dem Jahr 2009). Der Artikel wurde in verschiedene Sprachen, nicht aber ins Deutsche übersetzt. Daraus zitieren wir:
„Im Gegensatz zur Meinung vieler Menschen, ist die Fähigkeit, Lügen zu glauben und blind eine Fiktion zu akzeptieren, so fantastisch und grotesk diese auch sei, keine Eigenschaft von Dummköpfen und Ignoranten. Der berühmte Essayist Noam Chomsky hat uns eben erst gezeigt, dass auch kultivierte, intelligente und scharfsinnige Intellektuelle leichtgläubig werden und politische Führungen akzeptieren können, die ganz offensichtlich demagogisch, trügerisch und autoritär sind.
Natürlich ist es nichts neues, einen Intellektuellen hohen Ranges in einen solchen Widerspruch geraten zu sehen. Schon in der Sowjetunion und dem maostischen China hatten wir das irrationale Phänomen der „reisenden Genossen“. Diese Intellektuellen, die – viele von ihnen im guten Glauben – an die Errichtung des „Sozialismus“ und der Erschaffung des „neuen Menschen“ in diesen Ländern glaubten, bis die Tatsachen sie zwangen, den wirklichen Charakter dieser Regime zur Kenntnis zu nehmen. Doch auch wenn diese Irregeleiteten in vielen Fällen nicht von der Suche nach irgendeiner Art von Belohnung motiviert und aufrichtig scheinen, ist es natürlich, nach dem Warum und dem Wie solchen Verhaltens zu fragen. Die einfachste Erklärung wäre, dass es einer ideologischen Verblendung geschuldet sei, welche kein Mensch – auch nicht der rationalste – andauernd verhindern kann. Doch im Fall Chomsky ist es unmöglich zu vergessen, dass er es war, der solche Verblendungen in der Vergangenheit bekämpft hatte.“
Abgesehen von eurer Zeitung: Gibt es in Caracas oder Venezuela Bewegungen, die gleichermaßen die staatliche wie ökonomische Unterdrückung beenden wollen?
Es gibt sowohl im Land wie in der Hauptstadt verschiedene Gruppen und Aktivisten, die sowohl den Kapitalismus wie den staatlichen Autoritarismus bekämpfen. Beispielsweise jene, die sich im Netzwerk „Aufständische“ (Insurgentes) oder der Kampagne für die Verteidigung des Rechts auf den Sozialen Protest (Campaña por la Defensa al Derecho a la Protesta Social) zusammengeschlossen haben (El Libertario nimmt an beiden Initiativen teil). In dem Maße, wie die autonomen Kämpfe in Venezuela sich verstärken, wie es in den letzten beiden Jahren der Fall war, eröffnet sich die Möglichkeit, dass diese strategische Ausrichtung der Kurs wird, den die sozialen Bewegungen nehmen werden, die bisher durch die Staats- oder Kapitalmacht kontrolliert wurden.
Spielen die venzeolanischen Studenten eine Rolle – und wenn ja, welche?
Der studentische Aktivismus schien vor zwei oder drei Jahren Zeichen der Wiederbelebung und des Kampfgeistes zu senden. Aber bedauerlicherweise wurde dieser Aktivismus Opfer einer Unterwerfung unter jene Fraktionen, die um die Macht kämpfen – sei es der regierende Chávismo oder seine sozialdemokratischen oder rechten Gegner. Diese widerstreitenden politischen Gruppen haben alles getan, um das zu liquidieren, was das Erwachen der autonomen Aktion der studentischen Bewegung zu sein schien, so dass sich dort nun die gleichen Politiker- und Wahlkampfspiele abspielen, wie sie die nationale Bühne beherrschen.
Welche anderen gesellschaftlichen Gruppen könnten eine wichtige Rolle bei den Protesten spielen?
Wie schon aufgezeigt, hat in den letzten beiden Jahren eine bedeutsame Wiederaufnahme des sozialen Protests in Venezuela stattgefunden. Hervorzuheben ist dies nicht bloß, weil die Zahl der Demonstrationen beträchtlich gestiegen ist, sondern auch, weil die Demonstrationen eine Tendenz ausdrücken, mit der Kontrolle zu brechen, die die Regierungsparteien und die Opposition über die sozialen Bewegungen ausgeübt haben.
Wir beginnen zu beobachten, wie sich in verschiedenen Gruppen der unterdrückten und ausgebeuteten Bevölkerung (Arbeiter, Indios, Frauen, Bewohner der armen Barrios, Rentner, obdachlose Familien, Bezieher öffentlicher Dienstleistungen, etc.) zunehmend Ausdrucksformen des Kampfes äußern. Darauf haben die Mächtigen geantwortet, indem sie versucht haben, diese Gruppen durch demagogische Wahlversprechen zu täuschen. Oder kriminalisierten die Konflikte und gingen repressiv vor. Für letzteres wird in Venezuela auf eine groteske Sprache aus dem Kalten Krieg zurückgegriffen: Jeder Protest des Volkes wird als „imperialistische Manipulation“ bezeichnet, als „Komplott der CIA“ oder ihm wird vorgeworfen „der rechten Reaktion in die Hände zu spielen“.
Trotz solcher Erpressungen erwarten wir, dass der autonome soziale Protest weiter wachsen wird, denn weder diese autoritäre, korrupte, inkompetente und opportunistische Regierung, noch ihre sozialdemokratischen und rechten Gegner, die von ähnlichem Schlag sind, haben eine wirkliche Antwort auf die tiefe Krise, die die venezolanische Gesellschaft heute erleidet.
Wollt ihr sonst noch etwas loswerden?
Nur ein Danke an den „Letzten Hype“, der uns mit diesem Interview Leute erreichen lässt, die – sei es wegen der Sprache, der Entfernung oder der Unwissenheit über die venezolanische Situation – sehr wahrscheinlich keinen Zugang zu den Standpunkten haben, die unsere Publikation vertritt. Wir wollen mit den tendenziösen Interpretationen der großen Privatmedien der eaktionären Rechten ebenso brechen wie mit der Propaganda der tradionellen, autoritären Linken mit ihrer bedingungslosen Rechtfertigung von allem, was Chávez tut.
Außerdem möchten wir einladen, die folgenden deutschen Texte zu lesen, die unter der Sektion „other lenguages“ auf unserer Homepage www.nodo50.org/ellibertario verfügbar sind:
- Venezuela: Eine Revolution mit einem Kadaver im Mund
- Wir brauchen keinen weiteren Krieg
- Den Tauben predigen: Chavismus und Anarchismus in Venezuela
- Der Sender RCTV und die angebliche Demokratisierung der Kommunikation
- Hugo Chavez aus der Sicht venezolanischer AnarchistInnen
- Depolarisierung und Autonomie : Herausforderungen Venezuelas zu den
Sozialbewegungen nach D-3
- Wer genau hinsieht, sieht keine Revolution: Anarchistische Perspektive
der „Bolivarianischen Revolution“ in Venezuela
- Libertäre Erklärung von Caracas // 29. Januar 2006
- Venezuela: Eine folgerichtige Antwort auf wiederholte Fragen
Interview und Übersetzung: Sebastian Loschert
Nie wieder Klarer mit Orangensaft an der Leonhard-Frank-Promenade
In Würzburg setzt man sich nicht einfach auf diese oder jene Wiese am Fluss. Es war von jeher eine politische Entscheidung, an welchen Plätzen man die warme Jahreszeit verbringen wollte. Niemand, der klar von Verstand und reich an klaren Schnäpsen ist, kann es nur eine Sekunde an den Mainwiesen in der Sanderau oder am Alten Kranen aushalten. Zu unerträglich sind die akademisch Verwahrlosten, die zwischen zwei Proseminaren mal wieder das Jonglieren üben oder mit Proseccofläschchen um sich werfen, wenn mal wieder ein Junggesellenabend ansteht. Sowohl auf den Grünflächen der Sanderau als auch am Alten Kranen haben sich über die Jahre unterschiedliche Szenen angesiedelt, mit denen erlebnisorientierte Jugendliche, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, wenig zu tun haben wollen.
In der Sanderau haust das alternative und sportive akademische Milieu. Man spielt Federball, sitzt auf Batikpicknickdecken oder liest Hermann Hesse. Mensagänger und andere Steppenwölfe führen hier die tödlich langweiligen Gespräche des Nachmittags fort und ab und zu packt jemand die Gitarre aus, um die Anwohner mit dem Liedgut von Manu Chao zu geißeln.
Am Alten Kranen hingegen sitzt derjenige Teil der Studentenschaft, der sich, statt Gerstensaft zu trinken, lieber einen Prosecco hinter die Binde kippt, und am späteren Abend erfolglos versucht, sich rhythmisch zu Musik zu bewegen. Neben dem Homo Freibieriensis findet man am Alten Kranen noch eine schlimmere Spezies Mensch, besonders am Wochenende: Junggesellen auf Abschiedstour. Die unmanierlichen Jungs vom Lande kommen in die große Stadt, um Frauen an den Hintern zu fassen. Der einzige zivilisatorische Lichtblick ist die Tatsache, dass die stockbesoffenen Herrenrunden im Laufe des Abends auf andere aggressive Junggesellenabschiede treffen. Im besten Fall springen ein paar blutige Lippen dabei heraus, im noch besseren Fall muss der Bräutigam die Nacht sogar in der Ausnüchterungszelle verbringen.
Und jetzt hat es die Stadt untersagt, sich weiterhin an der Leonhard-Frank-Promenade zu betrinken. An der einzigen Stelle, die der Hässlichkeit Würzburgs entsprach. Hier spielte man nicht auf der Gitarre, sondern mit dem Feuer. Hier jaulte kein Singersongwriter, sondern Hassi, der Straßenköter. Damit ist es nun zu Ende. Im Spätsommer des letzten Jahres – freilich völlig ohne eine leiseste Vorahnung, dass es der letzte Schweinesuff dieser Art werden würde- besuchte ich das letzte Mal das Ufer am Fuße des Mainviertels. Blicken sie mit mir zurück auf einen typischen Abend an Unterfrankens beliebtesten Punkerstrand.
Eigentlich war es schon bitter kalt am Ende des letzten Septembers. Dennoch kam die fixe Idee auf, mal wieder an den Main zu gehen. Um zehn nach acht standen wir, zur großen Freude der mürrischen Einzelhandelskauffrau, an der Lidlkasse, mit einer Buddel Korn, einer Flasche Klaren und etwas, das vorgaugelte, Orangensaft zu enthalten, bewaffnet. Eine sehr wichtige, wenn nicht die wichtigste, Kulturtechnik, die die Menschheit jemals hervorgebracht hat, ist die Beschaffung von Alkohol zu billigen Preisen. Gerade in den Zeiten kriselnder Weltmärkte ist es unverzichtbar, für unter 3,50 Euro sternhagelvoll zu werden. Neben einigen eher unempfehlenswerten Methoden, die blind machen oder Lähmungserscheinungen hervorrufen können, eignet sich Branntwein vom Discounter. Da es jedoch schwierig ist, das Zeug hinunterwürgen, sollte man den Schnaps stets mit süßen Getränken mischen. Wichtig ist das Mischverhältnis: Bei zwei Teilen Saft und einem Teil Getränk liegt die Schmerzgrenze. Die notwendige Flüssigkeitsmenge richtet sich nach dem Körpergewicht. Lange Rede kurzer Sinn: Wir begaben uns zur Leonhard-Frank-Promenade, um ein paar Freunde zu treffen. Hier und da saßen andere Runden am Main, es roch nach verbranntem Karton, das ein paar Menschen in ihrer Mitte angezündet hatten, um sich Dosenravioli warm zu machen (was selbstverständlich von geringem Erfolg gekrönt war). Einige Menschen spielten Knochenfabrik, Eisenpimmel oder Räuberhöhle auf ihrem Casio, und wie ein gespenstischer Nebel lag ein Klangteppich aus Hundegebell, klirrenden Flaschen und Gegröhle über den finsteren Wiesen. Es klang wie Musik. Wie die Musik eines Orchesters, das keine Musikinstrumente benötigt, da der Sound einer zerberstenden Flasche auf dem Asphalt einen viel schöneren, reineren Klang erzeugen kann. Heute Abend zählte nur die Flucht, nur die Verweigerung gegenüber dem Rest dieser Stadt, nur das Chaos inmitten der verwalteten Welt. Wir saßen und tranken. Obwohl es in dieser Nacht bitterkalt wurde, wärmte uns die hochprozentige Glut. Leonhard Frank wäre entzückt gewesen, hätte er die Räuberbande beobachtet, die von einem Schiff, das am Main seinen Anker gesetzt hatte, einen Kasten Bier vom Deck entwendete. Die prägendste Erinnerung an diese Nacht ist jedoch der junge Ausreißer, mit dem wir Bekanntschaft machten: Er hatte sich ein zerfetztes Sofa vom Sperrmüll organisiert. Er wohnte auf dem Möbelstück, seit Wochen. Das schmucke Einfamilienhaus seiner Eltern war wie eine Gummizelle für ihn geworden. Hier in Würzburg, inmitten der anderen Suchenden, hat er etwas gefunden, das er Freiheit nannte. Trotz des Alkohols bibberte er vor Kälte. Doch irgendwann des Nachts übermannte ihn dennoch irgendwann der Schlaf. Ein Freund von mir holte ihm eine Rettungsdecke aus dem Auto, mit dem wir ihn einpackten.
Da schlief er nun. Wie ein Kind. Sollten wir jemals in einer Welt leben, in der die Guten gewonnen haben, würde eine Statue an den jungen Ausreißer aus Mittelfranken erinnern. Denn er und die anderen zweifelhaften Gestalten am Main standen für eine Freiheit, die diesen Frühling verboten wurde.
Leonhard-Frank-Promenade: Es war schön mit dir. Ruhe in Frieden.
Von Hunter S. Heumann
Es hätte alles so schön werden können. Die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen. Mein träger, unförmiger Körper lechzte nach irgendeiner Art von Bewegung. Selbstverständlich denke ich dabei nicht an sportliche Aktivitäten. Es ist das alte Dilemma, das meine Lust auf frische Luft schmälert: Der Winter ist mir viel zu kalt und der Sommer viel zu warm. In einer solchen Jahreszeit schließen mein Hunger und mein spärlicher Bewegungsdrang aber einen Kompromiss: Ich laufe ein paar Schritte. Dies ist gut für die Gesundheit, sagt man ja. Ich laufe zum Bratwurststand am Markt und esse ein paar Geknickte Mit Senf. Das macht satt, sagt man ja.
Es hätte alles so schön werden können. Wurde es aber nicht. Im Moment des Verzehrs der vier Bratwurstbrötchen, die ich zur Sättigung benötige, habe ich mir in den Jahren meinen eigenen Freiraum geschaffen. Alle Gedanken drehen sich in diesem Moment nur um das köstliche Schweinefleisch. Alle Sorgen existieren in diesem Augenblick für mich nicht. Die Welt steht still. Keine störenden Menschen, keine Politik, ich filtere alles aus. Lasse das Chi fließen. Es gibt nur mich und die Schweinsbratwurst. Manche machen Joga, ich verschlinge ein Stück Fleisch um meine innere Ruhe zu finden. Zwar war mir das Brötchen, das eine fettige geknickte Bratwurst in seinem Herzen trägt, wie immer vergönnt. Bei der zweiten Geknickten blieb mir aber die Wurst im Halse stecken. Durch meinen Raum der Idylle trampelte eine politische Demonstration. Mit einem Banner. „Ihr seid nicht vergessen!“ stand darauf. Ein Soldatengedenken zu Afghanistan. Viele Deutschlandfahnen. Alberne Korporierte. Der Aufmarsch kam einer Kriegserklärung gleich. Niemand, absolut niemand hat das Recht, mich beim Essen zu stören. Und schon gar nicht zu einem Thema, das weder mich noch den Rest der Leute an ihrem Einkaufssamstag interessiert. Am liebsten hätte ich laut geschrien, aber mein Mund war voll. Am liebsten hätte ich die Veranstaltungsteilnehmer vollgekotzt, aber dafür war mir das Essen zu schade. Ich kaufte hastig eine dritte Geknickte Mit und folgte dem Zug zum Vierröhrenbrunnen, um die Veranstaltung auszumischen.
Und genau hier wendete sich das Blatt. Auf der Schlusskundgebung am Brunnen lauschte ich den Worten des Veranstaltungsanmelders Torsten Heinrich und wurde nachdenklich. Nicht etwa, weil ich mich auf einmal für die Bundeswehr interessierte. Sondern weil mich die Rede von „Opferbereitschaft“ und „Solidarität“ an die vielen süßen Schweinchen erinnerte, die ich in den Jahren verschlungen hatte. Tausende Schweine, die für mich ihr Leben gelassen hatten. Und nie zuvor war ich ihnen so dankbar gewesen wie an diesem warmen Frühlingstag. Welche großes Opfer sie doch erbrachen, damit ich satt werde. Ich lauschte den Worten Herrn Heinrichs, doch in meiner Vorstellung sprach er zu den Schweinen, denen ich doch dankbar sein musste, dass sie mich stets satt gemacht haben. Und so nahm ich die Worte der Rede zwar wahr, aber dichtete sie in meinem Kopf für die Schweine um. Und auf einmal wusste ich, warum auch ich zu gedenken hatte:
Ich war hier, um ein Zeichen der Solidarität zu den Schweinen zu schicken. Solidarität nicht für die Schweine als solche, zu denen jeder anders steht, sondern Solidarität für ihre erbrachten Leistungen. Weit weg vom heimischen Stall, immer wieder unter Bolzengerätebeschuss im Schlachthof, außerhalb des Lagers durch verseuchtes Tiermehl oder die Schweinegrippe bedroht, befinden sich die Schweine und Eber in einer Ausnahmesituation, die wir uns am Bratwurststand kaum vorstellen können.Während ich morgens aufstehe und die Nachrichten bei einem guten Mettbrötchen lese, werden einige Kilometer weiter Schweine geschlachtet, damit ich sie essen kann. Während ich hier stand, waren viele unserer Hausschweine gerade in diesem Moment weit weg von zu Hause einer permanenten Bedrohung ausgesetzt. Diese sollen wissen, dass wir an sie denken, hinter ihnen stehen und sie in unseren Mägen bei uns sind. Sie sollen wissen, dass sie als Schweine, sie als Fleisch- und Wurstwaren mehr Rückhalt in der Gesellschaft haben als sie manchmal gezeigt bekommen, auch wenn ihr Einsatz heftig umstritten ist und von vielen Tierfreunden abgelehnt wird. Ob wir es wollen oder nicht, ob wir den Einsatz unterstützen oder nicht, die Schweine haben ihr Leben bei einem Einsatz gegeben, der in unserem Magen endete. Ungeachtet der Frage unserer eigenen Haltung, die Schweine gaben ihr Leben als Qualitätsfleisch der Bundesrepublik Deutschland. Sie waren Zuchtschweine, ja, doch das darf uns kein Grund sein, ihnen die Verantwortung ihres Schicksals zuzuschieben, erfüllten sie doch ihre Pflicht in unserem Namen, dem des hungrigen Bürgers. Im Namen aller deutschen Bratwurstesser.
Tränen kullerten meine Wange hinunter. Ich sang statt „ich hatt‘ einen Kamerad“, das auf der Trompete gespielt wurde, lieber „drei Schweine saßen an der Leine“. Es störte niemanden. Ich muss Torsten Heinrich danken, dass ich an seinem Gedenkmarsch teilnehmen durfte. Er bescherte mir einen der emotionalsten Augenblicke in meinem Leben. Daher kann ich nur danke sagen. Danke. Und quiekquiek.
Hunter S. Heumann
(da der Hype #15 noch ein bisschen auf sich wartet lässt- ob er in ein paar Tagen oder in in paar Jahren herauskommt wissen nur die Götter- könnt ihr hier ein kleines Schmankerl lesen: das Intro der neuen Ausgabe)
Intro 15
Vor drei Jahren saßen ein paar Leute in einer Kneipe und tranken Bier. Im AKW! standen die Zeichen gerade mal nicht auf Insolvenz, sondern eher auf Neuanfang. Die Idee kam auf, das AKW-Infoheft wieder ins Leben zu rufen. Irgendwie hat das dann doch nicht funktioniert. Aus Gründen, an die wir uns nicht mehr erinnern können, starteten wir dennoch ein Zeitschriftenprojekt. Unter anderem mit dem Anspruch, so steht es jedenfalls im Intro, „ausgewählte Aspekte dessen, was zwischen Hardcore und Indie sich tut“ zu liefert. Naja.
Nach drei Jahren lassen wir nun ganz unsere LeserInnen sprechen und auf die Redaktionsarbeit zurück blicken. Viel Vergnügen mit der Ausgabe #15…
„Ich finde dieses komische Linke Kampfblatt schlicht bescheuert und pseudointelektuell… das is genau das richtig für diese „Ich bin gegen alles und Jeden weils alles Faschisten sind, aber Mama zahlt mein Studium“ Studenten“
El Camel im Szene-forum
„ Ich kenn sowohl die Zeitschrift als auch ein/zwei ihrer Macher. Die Artikel wollen einfach mit aller Gewalt provozieren – ansich nichts schlimmes, aber wenn man weiß wer dahinter hockt (Leute die keinen Deut besser sind als das worüber sie schimpfen) verliert die Sache schnell ihren Glanz.“
Szene-Forum
„Wuerzburger Kunst & Lebezeitschrift“
Der Keil
„Weißt, immer dieselbe Scheiße. Andere machen was und werden von denen, die nichts machen, auch noch beschimpft aus einer zynisch distanzierten pseudo-intellektuellen Haltung heraus.“
Kommetar auf wuerzburg-brennt.de
„ich kenne auch einen redakteur – dieser lebt seine meinung und publiziert sie
jedem das seine würde ich sagen. aber so „underground“ zeitungen sind doch lustig und eine wahre alternative zu boulevard würzburg, fritz oder sonstigem schund“
Szene Forum
„Ich habe den Letzten Hieb an der Araltankstelle in der Zellerau das erste Mal am Stehtisch in den Händen gehalten. Dort kann man gut Bier trinken. Wenn es Jörg Finkenberger schafft, in einem Satz weniger als zwei Kommas zu verwenden, spendier ich ein Bier.“
Danny, Falcon Five
„Wir lieben kritische Geister, am liebsten, wenn sie sich beteiligen. neun7 ist eine offene Redaktion.“
Ivo Knahn
„Schaut mal, der Letzte Hype versucht schon wieder in seiner ekelhaften, arroganten Art zu provozieren.“
Kommentar auf wuerzburg-brennt.de
„Interessieren täte mich nur mit was dieser Homepage-Verfasser sein Geld verdient. Wenn es die Dummheit ist, dann ist er Multi-Millionär.“
Kurt Müller auf dem Hypeblog
„Ihr Verfasser seid Deutschlands armseligste Menschen.Ihr könnt Gott (falls ihr wisst was dass ist) danken, dass ihr in Deutschland leben dürft.“
Kurt Müller auf dem Hypeblog
„Ey cheff wenn ich du wär würd ich die seite löschen!“
Tja auf dem Hypeblog
„geschrieben von ein paar Provinzzweitsemestern“
Fernando auf dem Hypeblog
„Ein nobler Ansatz, jedoch sollte ein bisschen mehr Rücksicht auf Orthographie genommen werden. Vielleicht mal einen ausgebildeten Lektor einstellen.“
Labse, Falcon Five
Die Linkspartei hat kein Antisemitismusproblem. Sie ist selbst das Problem.
Von Jörg Finkenberger
Am 19.7.2010 veranstaltet die Linkspartei in Würzburg einen Vortrag, auf dem eine ihrer Bundestagsabgeordneten Propaganda gegen Israel macht. Zu etwas anderem ist die Linkspartei zwar nicht gut; in jeder anderen Hinsicht ist jedenfalls in Würzburg absolut nichts von ihr zu hören; ich weiss nicht, vielleicht gibt es ja auch keine anderen Dinge, die sie interessieren; aber eine Veranstaltung gegen Israel ist für diesen Verein immer gut, sowas zieht ja komischerweise immer. Warum bloss?
1
Die Bundestagsabegordnete, eine herzlich unwichtige Person, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, war an Bord eines Schiffes namens „Mavi Marmara“, mit dem eine sog. Hilfsorganisation namens IHH, eine Organisation von Islamisten in der Türkei, versucht hat, die israelische Seeblockade vor Ghaza zu durchbrechen.
In Ghaza herscht, seit einem innerpalästinensischen Bürgerkrieg, die Hamas. Ihre Regierung erkennt Israel nicht an und befindet sich im Kriegszustand mit diesem Staat. Israel versucht seither, in Zusammenarbeit mit Ägypten, die Aufrüstung der Hamas-Regierung zu unterbinden. Zu diesem Zweck gibt es im internationalen Recht das Instrument der See-Blockade.
Eine Seeblockade besteht darin, dass alle eingeführten Güter danach kontrolliert werden, ob sie kriegsverwendbar sind. Diese dürfen beschlagnahmt werden, auch bei Schiffen, die unter neutraler Flagge fahren, und auch in internationalen Gewässern. Das ist nach allegemeiner Ansicht zulässig, ausser bei einem gewissen hamburger Fachhochschuldozenten, der zu Unrecht für einen Experten des Internationalen Rechts gilt, namens Norman Paech, und selbst nach dessen Meinung ist so etwas offenbar nur dann unzulässig, wenn Israel das tut.
Dieser Herr Paech hat irgendwann Verwaltungsrecht gelehrt und hält sich deshalb für einen Völkerrechtler; als Deutscher ist er sowieso allzuständig; und weil er etwas gegen Israel hat, wird er seit langer Zeit für einen Linken gehalten. Er sitzt denn auch dort, wo er hin gehört, in der Fraktion der Linkspartei im Bundestag, und war natürlich auch an Bord der „Mavi Marmara“.
2
Die Seeblockade hat aber noch eine Eigenheit: sie ist nur dann zulässig, wenn sie „effektiv“ ist, das heisst, wenn sie ausnahmslos durchgesetzt wird. Das Internationale Recht zwingt also den israelischen Staat, entweder zuzulassen, dass der Iran aus Ghaza einen schwerbewaffneten Vorposten macht, oder aber die Seeblockade konsequent und auch über die Schiffe neutraler Staaten durchzuhalten. Und genau an dieser Schwachstelle setzt die Geschichte an.
Hätte Israel das Schiff durchgelassen, wäre die Blockade unrechtmässig geworden. Israel hätte dann kein Recht mehr gehabt, iranische Rüstungslieferungen zu verhindern. Wusste das eigentlich Norman Paech, der Völkerrechtler? Nach seinen Schriften zu urteilen, versteht er von diesem Fach nicht besonders viel (eigentlich gar nichts), aber konnte es sogar ihm verborgen bleiben, wass er da tat?
Ein Schiff, das mit Unterstützung der türkischen Regierung, und mit deutschen Bundestagsabgeordneten an Bord versucht, eine Seeblockade zu brechen: das hätte man auch anders nennen können, nämlich Intervention. Zwei Regierungen, nämlich die türkische und die deutsche, die zuvor neutral waren, greifen in den Krieg zwischen Israel und der Hamas-Regierung ein, und zwar auf Seiten der Hamas.
Die deutsche Friedensbewegung hat ihre Absicht kundgetan, in einen bewaffneten Konflikt einzugreifen. Und zwar natürlich gegen Israel. Und diese Schande für die deutsche Linke muss nun natürlich gefeiert werden. Die beteiligten Bundestagsabgeordneten müssen jetzt im ganzen Land herumreisen, um sich für ihren Mut feiern zu lassen, und allen erzählen, dass sie sich „wie im Krieg“ gefühlt haben.
Ja zum Teufel, meine Damen und Herren, wo meinen Sie denn, dass Sie gewesen sind? Sie waren doch im Krieg! Sie haben an einer Kriegshandlung teilgenommen! Sie haben die Intervention der Türkei in den Konflikt um Ghaza vorbereitet! Nicht als Kombattanten natürlich, sondern eher in der etwas dümmlichen Rolle des nützlichen Idioten, oder auch des lebenden Schutzschilds.
Sie kommen tatsächlich aus dem Krieg, aber Sie waren auf der Seite derer, die ungerufen in den Krieg interveniert haben, oder, wie man auch sagt, der Aggressoren. Und jetzt erzählen Sie mit Leidensmiene, wie schlimm alles war. Friedensbewegung? Mein Arsch!
3
Und was ist denn passiert auf der „Mavi Marmara“? Wissen Sie es? Sie waren, gut versteckt, auf dem Unterdeck. Man hat Sie benützt, Ihre parlamentarische Funktion und Ihren idealistischen Unverstand, aber als Zeugen hat man Sie natürlich nicht gebraucht. Und Sie haben sich auch gerne dazu hergegeben.
Die israelische Armee hat das Schiff geentert, das weder beidrehen noch sich der Kontrolle unterziehen wollte. Dass das passieren würde, musste jedem klar sein, denn damit steht oder fällt die Blockade. Das musste auch den Aktivisten der deutschen „Friedens“-Bewegung klar sein, vor allem ihrem so ungemein fähigen Herrn Professor.
Und man hätte auch wissen können, dass die israelische Armee nie wieder, unter keinen Umständen, zulassen kann, dass ihre Soldaten als Geiseln genommen werden. Haben Sie dagegegen protestiert, dass die gefangenen israelischen Soldaten unter Deck gebracht wurden? Haben Sie vielleicht sogar gegen den völlig aussichtslosen Versuch, gewaltsam Widerstand zu leisten, protestiert, der nur sinnlos Menschenleben gefährden würde?
Nein, ich vergesse, Sie hatten sich ja schon vorsorglich in den VIP-Bereich verbringen lassen, um solcher moralischer Skrupel enthoben zu bleiben. Stimmt es übrigens, dass sie hingenommen haben, nach Geschlechtern separiert zu werden?
Die israelische Armee hat 9 sogenannte Friedensaktivisten getötet, um ihre eigenen Leute zu befreien, die von diesen „Friedensaktivisten“ gefangengenommen worden waren.
Es ging übrigens nie um zivile Hilfsgüter, die nach Ghaza gebracht werden sollten, sondern nach den Worten der Organisatoren von der IHH genau um den Bruch der Blockade. Die Ladung wurde anschliessend in Ashdod ausgeladen und die zivilen Hilfsgüter von Israel auf dem Landweg zur Grenze nach Ghaza gebracht; wo die Hamas-Regierung sich weigerte, sie zu übernehmen. Weil sie sie nicht haben wollte. Der Rest ist Propaganda.
Was für eine Schande für deutsche Linke, was für eine unendliche Schande, an dieser Aktion teilgenommen zu haben. Nach allem, was man schon gesehen hat, ist das nocheinmal ein weiterer Tiefpunkt.
4
Ist diese Partei und das Milieu, das sie trägt, eigentlich zu irgendetwas gut? Die grösste Krise des Kapitals seit 1929 ist ausgebrochen; furchtbare neue Kriege stehen am Horizont; die Frage des Überlebens der Menschheit stellt sich in einer furchtbaren neuen Weise. Wenn die Linkspartei auch nur ein bisschen ein Teil der Lösung wäre, und nicht selber ein Teil des Problems, müsste man ihr vorwerfen, in jeder einzelnen Hinsicht katastrofal versagt zu haben.
Da sie aber wirklich nichts ist als eine Kraft der Regression, eine im Wortsinn reaktionäre Kraft, muss man ihr zuerkennen, dass sie alles richtig gemacht hat. Wenn die Geschichte der Menschheit einer Eisenbahn zu vergleichen ist, die auf den Abgrund hinführt, dann braucht es genau solche – nun, nicht Zugführer, aber Servicekräfte.
Mitten in dieser Krise, mit der wieder heraufzukommen droht, woran man bei der Krise von 1929 als erstes denkt, wissen sie nichts besseres anzufangen als Propaganda gegen Israel zu machen. Ja mehr noch: die Kriegspropagande und sogar die Kriegshandlungen der proiranischen Allianz, zu der seit neuerem die Türkei dazugekommen ist, nach besten Kräften zu unterstützen.
Das nennt man ja nicht mehr Antisemitismus, sondern Israelkritik; und ich mag gar nicht mehr fragen, ob irgendjemanden auffällt, wie ausgiebig, ja manisch Israel kritisiert wird, und wie selten etwa Uganda (das liesse sich mit guten Gründen machen). Und ich will auch nicht mehr fragen, was für Gründe das hat.
Die Linkspartei, die keine grösseren Sorgen hat als das, was Israel alles tut oder nicht tut, zwingt mir auf, diese Frage präziser zu stellen: entweder ist Israel tatsächlich das grösste Problem, dass die Menschheit hat (und ich weiss zufällig, dass das nicht so ist), oder die Linkspartei bildet sich das nur ein. Wie nennt man aber ein Denken, dass sich einbildet, ausgerechnet vom jüdischen Staat Israel (und nicht etwa von z.B. Uganda) ginge eine ungeheuere Bedrohung der Menschheit aus?
Diese Partei, dieses Milieu ist heute nicht nur mehr zu nichts gut, sondern in seiner idealistischen Mischung aus Unverstand und Ressentiment direkt gefährlich.
Über so genannte Friedensaktivisten auf der Mavi Marmara
Die Linkspartei, die sich für keine Lüge zu schade ist, hat behaupten lassen:
Inzwischen haben auch die israelischen Streitkräfte eingeräumt, dass es sich bei den Aufnahmen eines Gesprächs, bei dem angeblich ein Aktivist die Militärs aufforderte, nach Auschwitz zurückzukehren, um eine Fälschung handelt.
Nein, das haben sie nicht. Sie haben auch gar keinen Grund dazu, wie man auf 2:05 hier sieht:
„Shut up, go back to Auschwitz“. Sagt der Friedensaktivist. Wer arbeitet mit solchen Leuten zusammen? Die Linkspartei.
Ein Ausgehtipp:
Heute gehen wir in die Würzburger Innenstadt und schauen stolzen Deutschen beim weinen zu. Mit einem Lächeln auf den Lippen fotographieren wir die Fußballfans, die am meisten ihre Selbstachtung verloren haben. Ob potthässliches Outfit oder Trikot vollgekotzt: Alles muss heute auf die Linse.
Die besten Fotos werden, natürlich mit Balken vor den Augen, im Letzten Hype #15 veröffentlicht.
Der passenden Film zur passenden Zeit:
Das Erstaunlichste an Zombies ist wohl, dass sie es irgendwie geschafft haben, ihren gesellschaftskritischen Subtext aus Romeros Autorenfilm (für Georg Seeßlen der linkeste Filmemacher, den Industrie hervor gebracht hat) mit ins Genre hinüber zu retten. Als menschenfressende Metaphern schmatzen und stöhnen sie seit einigen Jahrzehnten durch die Landschaft, ohne dass sich ihre Nähe zu tatsächlichen kollektiven Bewusstlosigkeitszuständen übersehen ließe. Der Kurzfilm Dawn of the Dorks zeigt sie jetzt als deutschen Fanmob, was so dermaßen naheliegend ist, dass sich kaum noch mit Bestimmtheit sagen lässt, wer hier eigentlich wem die Vorlage geboten hat.
Und obwohl im Grunde kein Mensch solche gesteigerte Ausdrücklichkeit braucht, ist der Film dann erstaunlicherweise auch noch richtig witzig. Es muss an den grausigen Erfahrungen der »Sommermärchen« – WM 2006 liegen, als sich vereinzelte Überlebenden plötzlich in ihre Wohnungen eingesperrt fanden und zitternd auf ein Ende der Epidemie hofften, während es draußen mehr und mehr Freunde erwischt hat. Auch wenn der deutsche Fußballwahnsinn ein Nebenwiderspruch sein mag – bevor das da draußen nicht überstanden ist, wird auch sonst nichts mehr besser werden.(Beatpunk)
Selten gab es einen solch emotionsgeladenen Polizeibericht wie am vergangenen Freitag, weil es mittlerweile zu mühselig ist, über diese Schrott-WM noch zu berichten, darf man sich an dieser Stelle klammheimlich über die journalistische Meisterleistung der unterfränkischen Polizei verachtend und zugleich begeistert zeigen.
Ernüchterung nach WM-Niederlage – Lust am Feiern vergangen
UNTERFRANKEN. Die unerwartete WM-Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft hat bei den Fans deutliche Spuren hinterlassen. Mehrere Tausende hatten sich bei Public-Viewing-Veranstaltungen eingefunden und mussten an den Bildschirmen miterleben, wie die Mannen um Bundestrainer Löw auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurden. Nach der 0:1 Niederlage traten die meisten Fans mit hängenden Köpfen den Nachhauseweg an. In Aschaffenburg und Würzburg ließen sich etwa 500 Unentwegte durch den Sieg Serbiens die Feierlaune nicht verderben. Dabei blieb es bislang friedlich. Lediglich in Würzburg musste die Polizei wegen einer Sachbeschädigung und einer Körperverletzung Anzeige erstatten.
Nach dem überzeugenden Auftaktsieg der deutschen Fußballer am vergangen Sonntag hatten die Fans bereits für einen weiteren Erfolg ihrer Kicker gerüstet. Die Public-Viewing-Veranstaltungen in den unterfränkischen Metropolen erfreuten sich am Freitag erwartungsgemäß eines großen Zuspruchs. Bei der größten Veranstaltung in den Würzburger Posthallen mussten schon zu früher Stunde die Pforten wegen Überfüllung geschlossen werden. Fast 3.000 Fußballbegeisterte hatten sich dort vor der Großleinwand versammelt. Auch im Kickersstadion verfolgten wieder etwa 1.500 Besucher die Übertragung aus Südafrika, die diesmal allerdings so gar nicht nach dem Geschmack der deutschen Anhänger ausfiel. Während sich nach dem Schlusspfiff die Veranstaltungsorte wegen des enttäuschenden Ergebnisses schnell leerten, ließen sich etwa 300 – 400 Personen die Feierlaune durch die Niederlage nicht verderben. Sie trafen sich – wie üblich – in der Sanderstraße, wo es zwar lautstark aber zumeist friedlich zuging.
Allerdings wurden drei Jugendliche vorläufig festgenommen, nachdem sie in der Innenstadt ein Mofa beschädigt hatten. Außerdem muss gegen einen 16- und 52-Jährigen Anzeige wegen Körperverletzung erstattet werden. Der Jugendliche war mit einer serbischen Flagge in der Kaiserstraße unterwegs, als dort der Mann laut Zeugenaussagen an seiner Fahne zog und ihm eine Ohrfeige versetzte. Dies beantwortete der junge Fußballfan mit einem gezielten Faustschlag, der den Erwachsenen zu Boden streckte. Der 52-Jährige wurde in eine Klinik eingeliefert.
In Aschaffenburg hatten sich insgesamt ca. 2.500 Menschen bei den bekannten Public-Viewing-Veranstaltungen getroffen. Aber auch hier stand den Fußballfans nach dem Abpfiff der Sinn nicht so recht nach Feiern. Wie in anderen Städten leerten sich die Örtlichkeiten ziemlich schnell. Allerdings fuhren trotzdem vereinzelt Autos hupend durch die Stadt, was jedoch zu keinen größeren Behinderungen führte. Etwa 200 Unentwegte trafen sich nach dem Spiel am City-Kreisel, wo es jedoch bislang friedlich geblieben ist.
In Schweinfurt, wo es bei dieser Fußball-WM keine Großveranstaltung am Marktplatz gibt, versammelten sich die Fußballfans in zahlreichen Gaststätten und auch im Rathausinnenhof, um gemeinsam einen deutschen Sieg zu bejubeln. Als der dann ausblieb, machten sich die Fans enttäuscht aber friedlich auf den Weg nach Hause. Sicherheitsstörungen wurden den Polizeikräften in Schweinfurt nicht bekannt.
Auch in den anderen Städten und Gemeinden in Unterfranken, in denen sich Anhänger der deutschen Fußballnationalmannschaft getroffen hatten, um einen zweiten Sieg ihrer Fußballhelden gebührend zu feiern, blieb es nach der unerwarteten Niederlage friedlich und ruhig.
Auf der Suche nach dem „Paradies“ begehen seit 2003 vermehrt auch Frauen den Märtyrertod für den Heiligen Krieg. Die Israelische Filmemacherin Natalie Assouline dokumentierte über zwei Jahre lang inhaftierte Attentäterinnen und sucht nach den Hintergründen.
ARTE Magazin: Haben Sie verstanden, was diese Frauen motiviert?
Natalie Assouline: Es gibt viele Antworten. Eine ist, dass die Frauen etwas für Palästina, für die Zukunft ihrer Kinder tun wollen, anstatt zu Hause herumzusitzen. Das ist aber nur die Oberfläche. Bohrt man tiefer, wird klar, dass die meisten gezwungen wurden.ARTE Magazin: Gezwungen von wem?
Natalie Assouline: Von Menschen, die für die Hamas arbeiten oder den Islamischen Dschihad. Sie suchen gezielt Frauen, die nicht so leben, wie es von ihnen erwartet wird. Die Ehre der Frau, die Ehre der Familie ist in den Dörfern von enormer Bedeutung. Die Frauen müssen Regeln befolgen: das Haar bedecken, sich nicht schminken, nicht mit Fremden sprechen – verstoßen sie dagegen, sind sie leichte Beute für die Extremistengruppen. Sie werden erpresst: „Entweder du arbeitest für uns oder wir werden dich und deine Familie im Dorf bloßstellen.“ Ich glaube, den Frauen bleibt einfach keine Wahl. Dennoch, egal wie sehr diese Frauen Opfer sind: Wenn du tötest, bist du nicht mehr Opfer, sondern Täter. – Arte
Vorabdruck aus Heft 16
Unter der Betreffzeile „mal was ernstes“ fand sich in meinem Postfach diese Meldung: „ich halte es für unverzichtbar, dass jemand etwas zu israel schreibt. “. Nun ja, die Wogen schlugen hoch, waren doch mit den Damen Annette Groth und Inge Höger zwei leibhaftige Abgeordnete des Bundestages, sowie mit Herrn Norman Paech ein gewesener solcher von der israelischen Marine an Bord eines von türkischen Unterstützern der Hamas gestellten Schiffes beim Versuch, die Seeblockade vor Gaza zu durchbrechen aufgegriffen und kurzfristig in Israel in Gewahrsam genommen worden. Seither kam es zu der bereits seit den Tagen der sogenannten zweiten Intifada allseits bekannten anti-israelischen Medienwelle und jenen mittlerweile ebenfalls als üblich zu bezeichnenden ausgesprochen ekelhaften Zusammenrottungen deutscher Linker mit islamistischen Gruppen wie auch türkischen und arabischen faschistischen Banden. „Hoch die inter…Allahuakbar…Juden ins Gas…Babymörder Israel…“ ist die auf jede beliebige wackelige Videosequenz passende Tonspur dieser im Netz bequem zu betrachtenden Lynchmob-versammlungen. Dieses Phänomen ist nun zwar wahrhaft widerlich (und für einzelne als Juden, Israelis, US-Bürgerinnen und auch neurechte Antideutsche „erkannte“ Menschen, die in so etwas geraten etwa so bedrohlich wie eine Pinkelpause in der sächsischen Schweiz für eine afrikanische Fußballmannschaft), doch nicht eben neu und vor allem sehr deutsch – über Israel sagt es nur so viel aus: Wüßte ich auch überhaupt nichts über diesen Staat und dessen Volk, diese wären schon lediglich ihrer versammelten Feinde wegen meiner innigsten Sympathie sicher.
Nachdem sich der Staub ein wenig gelichtet hat und es einen gewissen Überblick über das Geschehen gibt, lässt sich über Israel nun vor allem sagen, daß der demonstrative Einsatz gemäßigter Mittel – jenes von Obama, Ban Ki Moon und auch Herrn Westerwelle stets unisono eingeforderte „restraint!“ – gegen Leute, die unbedingt „Märtyrer“ werden wollen in taktischer Hinsicht das genau gegenteilige Ergebnis zeitigt, und als strategisches Mittel gegenüber einer zutiefst antisemitisch grundierten „Weltöffentlichkeit“ bestenfalls hilflos bleibt.
Das in der äußeren Gestalt der „flotilla“ wie in der (selbst)mörderischen Aktionsform in seinem Wesen aufscheinende, geostrategisch bedeutsamste Ereignis: die offene Abwendung der Türkei vom westlichen Bündnis und sein Bekenntnis zur – sei’s auch als um die Führungsrolle konkurrierende Macht – Mitgliedschaft im pro-iranischen Club, ist im israelischen Außenamt schon zu Zeiten der Regierung Olmert registriert worden; daß dies in Washington unter Obama noch immer nicht in seiner Bedeutung erfasst wird und bei deutschen Linken, könnten sie wenigstens noch in politischen Kategorien denken und somit den Braten riechen, mit Sicherheit zu Solidaritätsbekundungen führen würde, lässt sich bloß noch kopfschüttelnd konstatieren.
„zu israel“ möchte ich ansonsten noch anmerken, daß dort das Bewußtsein es mit einer ernstzunehmenden Bedrohung und nicht lediglich mit weltfremden „peace activists“ zu tun zu haben deutlich ausgeprägt ist und zu einer erstaunlich breiten Unterstützung für die Regierungspolitik und auch zu hohen persönlichen Beurteilungswerten für Premierminister Benyamin Netanjahu geführt hat; alle internationalen Akteure, welche auf den baldigen Zusammenbruch der doch recht widersprüchlichen Koalition gesetzt hatten, sollten sich auf eine längere Wartezeit einrichten.
Von Rainer Bakonyi
stilblühender als Sie hat wohl noch niemand zum Ausdruck gebracht, was sich die deutsche Frau der 50iger von heute zu wünschen scheint.
Im Editorial zur aktuellen Ausgabe des Unterfränkischen Magazins für Lifestylelandwirte schreiben Sie, es herrsche im weiblichen Teil der Redaktion blanke Vorfreude „..auf Verlängerungen, die Jungs zu Männern werden lassen“. Früher eine Kriegsverletzung oder Schwielen an den Händen, heute ist’s wohl eher der Kreuzbandriss, der den Mann zum echten Mann macht.
Zum Glück hat das Alphafußballmännchen zuhause seine bessere Hälfte, die das Haus hütet. „Die WM weckt die Spielerfrau in uns“. Stricken Sie auch schon Schwarz-Rot-Goldene Söckchen für den Nachwuchs?
Die Frauen im neun7-Team tragen „Ballack im Herzen“, obwohl er ja dieses mal überhaupt nicht mitspielt, „aber für uns zählt eben nicht nur aufm Platz“. Nein Frau Simshäuser, für die Frau an sich zählt natürlich nicht nur die Leistung im Beruf, sondern auch der treusorgende Mann zuhause.
An der karriereorientierten Zielgruppe ihres Magazins sind Sie mit diesem Editorial aber meilenweit vorbeigedriftet. Hausfrauen lesen lieber die Neue Revue.
Ihre Emanzipationsbeauftragten vom Letzten Hype.
Der Hype #15 kommt wahrscheinlich irgendwann im Juni.
Seien sie gespannt, jetzt mit 26% mehr Vollmilch.
Nach der letzten LOST-Folge will ich alles kaputt hauen und schäme mich, dass ich einer esoterischen Kitschserie soviel Zeit gewidmet habe….
Musste einfach mal gesagt werden….
Eure Yvonne Hegel
Verdammt, da hat sich jemand ziemlich viel Arbeit gemacht, um die Geschichte der K-Gruppen, selbst in Käffern wie Würzburg, zu dokumentieren:
(hier wird ein Artikel aus dem letzten Hype Nr. 14 nachgereicht:)
Wenn sie nur noch tanzen können, ist das keine Revolution1
Von antideutschen Fanmeilen und dem Verlust der radikalen Lebenswirklichkeit
Raven gegen Deutschland. Hunderte zuckende Leiber scheinen den Text zu kennen, wippen im Takt, fühlen sich synthiewohl. Raven gegen Deutschland, an einem Ort namens Posthalle. Es ist interessant, wie sich die Zeiten ändern: Hätte man vor fünf Jahren ein Projekt wie Egotronic in das Autonome Kulturzentrum holen wollen, gewisse Leute wären in schallendes Gelächter ausgebrochen. Zu wenig Publikum, zu linksradikal, zu antideutsch, whatever. Heute veranstalten die selben Menschen, die damals das AKW zugrunde gerichtet haben, in ihrer Posthalle ein Festival mit- wie sollte es anders sein- Egotronic, samt ihrer FreundInnen vom Label Audiolith. Es scheint etwas passiert zu sein, das ich nicht ganz nachvollziehen kann: Linksradikales Parolenrufen wurde in den letzten Jahren zum Chique geadelt, hat die Autonomen Zentren verlassen und findet jetzt selbst an einem gottverlassenen Ort wie Würzburg statt, inklusive hunderter Kids, die die Texte in- und auswendig lallen können.
Be cool- be antideutsch. Es gibt keinen abgedroscheneren Werbespruch, der mir gerade in den Sinn kommt, um die seichte Elektrowelle zu beschreiben, die von Flensburg bis Fürstenfeldbruck Jugendliche in ihren Bann zieht. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass es sich bei diesem Phänomen um die Speerspitze einer neuen kritischen Bewegung handelt. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Wer tanzende Elektrokids beim Audiolith-Festival beobachtet, fühlt sich eher an das Grauen der deutschen Fanmeilen zurück erinnert. Und plötzlich schließt es sich nicht mehr aus, dass jemand „Raven gegen Deutschland“ ruft und in ein paar Monaten „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“2. Es besteht ein Zusammenhang zwischen einfach zugänglicher Elektromusik und einfach zugänglichem, alles nach plapperndem Publikum3. Würden Egotronic ihre bisherigen Texte durch die Zeilen von Alexander Marcus ersetzen, so würden sich wahrscheinlich nur die Oldschoolfans darüber ärgern. Und man kann noch so viele Versuche unternehmen, das Saufen und PEP-durch-die-Nase-Ziehen mit politischem Gehalt aufzuladen, es bleibt nichts anderes als Saufen und PEP-durch-die-Nase-Ziehen, Wirklichkeitsflucht und Enthemmung eben, wie sie größtenteils auch vom Rest der Bevölkerung dann und wann betrieben wird.
In dem Moment, als aus einer radikalen Richtung ein popkultureller Lifestyle wurde, hat auch das Label „Antideutsch“ voll und ganz seine Bedeutung verloren10. Popkultureller Lifestyle bedeutet nämlich: Man hat sich eingerichtet. Man bewegt sich unbeschwert in den Formen der Kulturindustrie, als ob die bürgerliche Gesellschaft eine Klaviatur sei, auf der man locker-leicht das Lied der Emanzipation klimpern könne. Man betreibt ein linksradikales Zine wie das Hate-Magazin, in dem sich gelangweilte GrafikdesignerInnen austoben dürfen, gibt eine ach so kreative Schülerzeitung wie „Straßen aus Zucker“ heraus 4und rezipiert ein wenig Adorno zur Steigerung der sexuellen Attraktivität. Nichts anderes ist dieser Lifestyle aber als die Flucht in eine wohlige Nische, in der es sich gut Leben lässt. Die Revolution kommt später oder nie, zuerst kommt das Projekt. Und egal wie viele Drogen man am Wochenende konsumiert hat, am Montag ist die Arbeitskraft wieder hergestellt, damit man in die Uni gehen kann, in der Uni lehren kann, in der Schule sitzen kann, im Betrieb schwitzen kann, in der Werbeagentur kreativ sein kann.
Ich weiß nicht, wie oft ich von Kids „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ gehört habe. Was wollen sie eigentlich damit legitimieren? Ist es das jämmerliche Leben, dass auch ihre 68er-Eltern führten und das auch sie führen werden? Der Gang durch die Institutionen, diesmal aber nicht mit der naiven Vorstellung, dass man diese von Innen heraus verändern könne, sondern mit der Überzeugung, dass es kein Vita Activa gibt, sondern nur die Einsamkeit der/der KritikerIn? Was die jungen AnhängerInnen des neuen postantideutschen Hedonismus5 eint ist die feste Überzeugung, dass die Revolution auf später verschoben werden muss und das emanzipatorische Begehren solange im Lustprinzip aufbewahrt werden muss, bis diese Gesellschaft in ein paar Jahrzehnten, in ein paar Jahrhunderten oder nie an ihren Widersprüchen zerberstet. Mir kommt es so vor, als müsse man sich an nichts mehr in ihrem/seinen Umfeld stoßen, weil ja kein richtiges Leben im Falschen gibt. Es ist die postantideutsche Lifestyleszene, die die Dialektik der Aufklärung nicht als Handbuch der Revolution gebrauchen kann, sondern zur persönlichen Erbauung nutzt.
Sie mögen damit glücklich werden, Kiddies die noch zur Schule gehen und bereits jetzt zu wissen scheinen, dass sie den Kommunismus nicht mehr erleben werden, einen postantideutschen Elektrolifestyle leben und ansonsten die Versuche, das Falsche im Falschen zu verhindern, verlachen. Schade ist es um sie nicht. Was linksradikal sozialisierten Kids abhanden kam ist die Ungeduld des revolutionären Begehrens6, eine radikale Lebenswirklichkeit, die sich an seinem/ihrem Umfeld und den Lebensformen, die die bürgerliche Gesellschaft anbietet, stößt, anstatt sie als notwendiges Übel anzuerkennen. Dabei ist die Frage zu stellen nach dem Ausgangspunkt der Kritik. Wozu betreiben wir Kritik? Zur Selbstvergewisserung, dass man die Gesellschaft verstanden habe, während die anderen Menschen auf der Linken Seite noch immer im Trüben fischten? Radikale Kritik, die mehr ist als das Jargon der akademischen Seminare, hat bei sich selbst und bei ihrer/seiner eigenen Lebenswirklichkeit anzufangen. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang von Lebenswirklichkeit und Kritik. Kritik taugt zu nichts, wenn hinter ihr nicht das Begehren steckt, das eigene geknechtete, unwürdige Leben hinter sich zu lassen. Die Einforderung des schönen Lebens, und zwar jetzt und sofort, ist eine notwendige Bedingung jeder Kritik, die in den letzten zwanzig Jahren aus dem Bewusstsein der Radikalen Linken scheinbar verschwunden ist. Wir wissen, dass die Theorie der Autonomen mehr als dürftig war. Die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen aber hat die Lebenswirklichkeit der Autonomen umwoben. Die Bank passt mir nicht, dann wird die Bank eben platt gemacht. Das Haus gefällt mir, also besetze ich es. Es geht mir hier nicht um die Glorifizierung von Bankenanzünden oder Freiraumkampagnen, sondern um die Einforderung der Revolution im Jetzt und Hier. Es geht um die empfundene Unerträglichkeit der Zustände, die mit einem Handeln verknüpft bleibt. Kritik, die nie als Erbauung diente, sondern zur Handlung trieb. Nahm die Verknüpfung von Lebenswirklichkeit und Kritik bei den Autonomen eher politische Formen an, hat es die Ungeduld der Punks gar nicht mehr nötig, als „Politik“ wahrgenommen zu werden: Kritik als Praxis muss nicht die Formen von politischen Kampagnen annehmen, sondern beginnt damit, dem Polizisten ins Gesicht zu rotzen oder mit dem Casio durch die sonst so leise Innenstadt zu ziehen. Diese Fuck-Off-Mentalität, das Begehren, den Kampf gegen diese Gesellschaft nicht nur auf einer kritisch-reflektierten Ebene zu führen, sondern gegen jede Einrichtung, die uns diese Gesellschaft anbietet, sei es die Familie, die Arbeit, die Klasse oder das Studium, ist dem trendigen postantideutschen Lifestyle fremd. Man sucht die Kritik stattdessen im Strobo, nimmt sich selbst zurück und verfällt der Lethargie, die den Linksradikalismus seit Jahren umgibt7.
Damit man mich nicht missversteht: „Wir wählen immer nur zwischen dem Falschen und dem Versuch, das Falsche nicht zu wiederholen und es wird in den bestehenden Verhältnissen nicht mehr als diesen nie zum Ziel gelangenden Versuch geben.“ Der Moment aber, in dem ich versuche, das Falsche nicht zu wiederholen, weist auf die Möglichkeit hin, mich eines Tages vom Ganzen zu emanzipieren. Er weist auf die Möglichkeit hin – sei sie auch noch so unwahrscheinlich- zu Handeln, einen Bezug zwischen sich und der Geschichte herzustellen. Die Gelegenheiten, in denen wir dennoch immer wieder die zum Scheitern verurteilten Versuche vollziehen, Dinge radikal zu verändern, verknüpfen uns selbst mit dieser Welt. Wenn der Quell der Kritik die Unerträglichkeit des eigenen Lebens ist, so muss sie zur Handlung treiben. Und wenn für eineN so genannteN KritikerIn jedes Handeln zum Scheitern verurteilt ist, dann hat sie/er bereits die politikwissenschaftliche Verkürzung akzeptiert, dass jegliches Handeln Politik sei. Die Lethargie des Kritikers ist die säkularisierte Form des Vita Contemplativa. Das Gegenteil dieser ist die Natalität des Menschen, „der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt“ (Arendt) und das Handeln erst ermöglicht. Die Überzeugung, als Mensch in die Geschichte eingreifen zu können, macht das Handeln zu emanzipatorischen Zwecken erst möglich.
Die Kritik ist kein Lebensgefühl, mit dem es sich gut Leben lässt, sondern die Unzufriedenheit mit dem hier und jetzt, dass dem Bestehenden produktiv zu schaden gedenkt. Für wen die Kritik nur aus akademischem Jargon und Lifestylehedonismus besteht, die/der hat den Bezug zur kommenden Revolte längst verloren. Die/der nimmt die Aufstände nicht einmal mehr wahr, die sich in den Banlieues von Paris oder auf den Straßen von Teheran abspielen. Statt die Unmöglichkeit der kommunistischen Revolution anzunehmen, stelle ich mich lieber ganz in die sich weiter vollziehende Geschichte und betrachte die stattfindenden Revolten auch als die meinen. Was, außer die unantastbare Überzeugung, dass diese Gesellschaft überwunden werden kann, sollte sonst mein Antrieb sein, Kritik zu betreiben?
Von Benjamin Böhm
- Dieser Text könnte auch Antideutsch für Deppen Teil 2 heißen. Die Drohungen und Schmäh-SMS, die mir nach meinem Antideutsch-für-Deppen Teil 1 vor mittlerweile fast drei Jahren geschickt wurden, habe ich als Erinnerung an den bayerischen Antifa-Kindergarten noch in meinem Handy gespeichert und kann immer noch herzhaft über sie lachen. Ich frage mich manchmal, was aus ihnen geworden ist, den Bauchantideutschen aus Ober- oder Unterammergau.[zurück]
- Danke an meine Mitmieter in der Zellerau! Diese haben mir zur EM abwechselnd durch Egotronic und „Schlaaaaand“-Rufe den Schlaf geraubt und mir erst verdeutlicht, dass beides zusammen möglich ist. [zurück]
- Kann man es der jugendlichen Fanbase wirklich verübeln, wenn sie die feinen musikalischen und textlichen Unterschiede zwischen den Partyatzen, der Musik für junge Leute mit Vergewaltigungsphantasien, und Frittenbude, nicht erkennen kann? [zurück]
- Ich habe schon interessantere Schülerzeitungen gelesen. Der emanzipatorische Gehalt eines Interviews mit KIZ bleibt mir bis heute unbekannt. [zurück]
- Es gilt hier zu betonen, dass dieser Text nicht dazu verwenden werden soll, im Namen von Internet-Antiimps als Kronzeuge gegen die Antideutschen zu fungieren. Die Antideutschen sind tot, und erbärmlich die geistigen Ausdünstungen der meisten ihrer einstigen RepräsentantInnen. Die antideutsche Kritik hat jedoch keinesfalls ihre Berechtigung verloren. Im Rahmen von linken Zusammenhängen lässt es sich aber wohl schwer vermeiden, dass ein Text wie dieser als Anklage gegen die Antideutschen verwendet wird, genauso wie Robert Kurz auch heute noch von den dümmsten unter den AntiimperialistInnen rezipiert wird. [zurück]
- Dieser Absatz macht eigentlich zwei Fässer auf, die nur bedingt miteinander in Verbindung stehen. Zum einen wird hier das kontemplative Element der antideutschen Kritik angesprochen. Zum anderen aber auch die Lebensflucht und Todesehnsucht, die hinter dem Selbstbild deren stehen, die man als postantideutsche RevolutionsverfechterInnen bezeichnen könnte. Justus Wertmüller hat darüber vor wenigen Monaten einen ganz lesbaren Text geschrieben. Es wird im Hype #15, noch einmal darauf zurückzukommen sein. [zurück]
- Gegen diese Ungeduld richtete sich bereits Lenin, als er den Linksradikalismus als Kinderkrankheit bezeichnete. Ich halte mich da lieber an den Genossen Herman Gorter. [zurück]
- Dieser Text wäre ohne die Gspräche mit Asok und Phil_Ill nicht möglich gewesen. Ich hoffe, ihr findet unsere damaligen geteilten Ansichten ein wenig in diesem Text wieder… [zurück]
„Was aber seine gut erzogenen Artgenossen in Deutschland auszeichnet, fehlt Louk völlig: Gehorsam und Disziplin. Aber dafür lebt er ja auch in Griechenland.“
Spiegel TV, scheiße Mann, dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.
Artikel von Benjamin Böhm über den Coburger Convent in der heutigen JungleWorld:
Dass Städte wie Würzburg übersät sind mit Denkmälern, die erst eine Diskursakrobatik aller erster Güte vom Vorwurf befreien könnte, die völkisch-nationalen Geister der deutschen Ideologie zu beschwören, ist nichts Neues. Darauf machte unlängst auch Berthold Kremmler aufmerksam.
Ein weiteres Beispiel, neben dem Studentenstein, der Pilgerstätte des deutschnationalen Teils der Studentenschaft, ist das Jahn-Denkmal, das dem Vordenker des deutschen Antisemitismus, Friedrich Ludwig Jahn, gewidmet ist.
für wayne: Ali Schirasi.
Eine Einschätzung unseres Iran-Experten wäre hilfreich….
Welcher Hirni googelt eigentlich jetzt schon zum zweiten mal
„Antideutsche Idioten aus Würzburg beim Ficken ertappt“?
Handelt es sich hierbei um einen neuen abgefahrenen Fetisch, wegen dem sich der ein oder andere doch noch Rolläden an die Fenster machen muss?
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhh! Dieses neue Design! Das kann doch nur ein Praktikant verbrechen! Mach das weg oder du bist gefeuert!
Ja, am Wochenende war es mal wieder soweit. Nazis marschierten durch Unterfranken, und die Antifas haben mal wieder ein wenig Sport getrieben.
Im Hype #14 wird es einige Reflexionen geben. Bis dahin müsst ihr Euch mit folgendem Text begnügen, den wir im Netz gefunden haben (auch wenn sich die Frage stellen lässt, ob die Produktion eines solch langen Textes die Mühe wirklich wert war):
Maifeuer.
Eure Yvonne Hegel
Die Krise frisst sich weiter, und es ist alles noch lange nicht vorbei, im Gegenteil, es fängt erst an. Was mit dem griechischen Staat passiert, ist nichts anderes, als dass die europäische Währungsunion, und damit die gesamte politische Verfassung dieses Weltteils, an den Nähten auseinandergeht.
Zwei Dinge darf man nicht vergessen, und diese zwei Dinge werden von der offiziellen Presse, wie es sich gehört, so selten wie nur möglich erwähnt:
1. Die gesamte innere Ausrichtung dieses Landes hier, Deutschland, beruht auf einer fast räuberischen Exportpolitik nach aussen und auf Disziplinierung nach innen. Die stagnierenden Löhne, die Überstunden, die Ausgliederungen, die Entlassungen, die Überstunden, das Zusammenstreichen bei Rente, Gesundheit und Arbeitslosenversicherung, die Exportweltmeisterschaft, die Panik um die immer hart zu haltende Währung, das Fehlen jeder Opposition, die das alles nicht noch besser, noch fleissiger, noch wettbewerbsfähiger machen will: alles das, was dieses fleissige Land so auszeichnet, und uns das Leben so schwer macht (und es geht noch weiter: die Harmoniesucht, das neue nationale Selbstbewusstsein, der Konformismus überall) haben aus diesem Land ein Monster an Produktivität gemacht, das aus jeder Krise immer nur mit einer neuen gemeinsamen Anstrengung herauswachsen will.
Und dieses Monster ist gewachsen, indem es die mitkonkurrierenden Nationen ruiniert. Deutschland ist in dieser Krise, wir haben es schon einmal gesagt, eine akute Gefahr für den Rest der Welt. Und die Disziplin und der Konformismus in diesem Land sind eine Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus, die aus ihrem Herzen auszurotten die Pflicht der deutschen Lohnarbeiterschaft gegenüber den Menschen in Griechenland und anderswo wäre.
Die offizielle und demokratische Linke hat solche Zusammenhänge vor 1o Jahren einmal gewusst, aber vergessen müssen, weil sie nicht antideutsch sein wollte, und die Antideutschen verstehen nichts von Ökonomie.
2. Die Griechen haben diese Krise nicht als ein von aussen kommendes Schicksal erlitten, sondern die Krise ist auch die Fortsetzung des griechischen Aufstandes. Ein nicht kleiner Teil des griechischen proletariats wehrt sich gegen die Disziplinierung und gegen die Unterwerfung, und tritt damit nicht nur direkt gegen den eigenen Staat und den Weltmarkt, sondern auch gegen die Dominanz Deutschlands, und gegen die erdrückenden Verhältnisse hier in Aktion. Das ist eine bewusste Entscheidung gewesen. Wenn Griechenland sich heute als unregierbar erweisen sollte, dann liegt das daran, dass die Aufständischen in Griechenland die Krise provoziert haben, d.h. eine Arbeit auf sich genommen haben, die wir als Aufgabe der revolutionären Kritik kennen.
Das allgemeine Schweigen der sogenannten Linken in Deutschland zu dieser Krise, und das Fehlen jeder Solidarität, lassen in Umrissen die nächste welthistorische Katastrofe sichtbar werden. So wie sie den iranischen Aufstand alleine gelassen haben, lassen sie den griechischen Aufstand alleine. Sie nehmen Partei für die bestehende Ordnung der Dinge, und bereiten die autoritäre Lösung dieser Krise vor. Aber heute muss jeder wissen, was das bedeuten kann.
Ein Sieg der Konterrevolution in Griechenland und im Iran bedeutet das Ende jeder Hoffnung auf Veränderung in unserer Zeit, das Ende der vielleicht letzten Chance (wenn es denn überhaupt noch eine gibt) für die Menschheit. Die griechische Krise rückt uns dieses Problem bedeutend näher, wenn auch vielleicht nicht seine Lösung: Nieder mit der Disziplin, dem Konformismus, dem Fleiss, nieder mit der nationalen Formierung, nieder mit der Ordnung, nieder mit Deutschland!
Big Business in Wü-Town. Vergessen Sie alles, was man Ihnen über die große Stadt erzählt. Das dicke Geld macht man in Würzburg und nicht in Berlin, wissen etliche Exil-Würzburger (zu circa 2:20 spulen, falls man sich das ganze Video nicht angucken möchte):
geht u.a. an Joachim Schulz, dem ehemaligen Vorsitzenden des akw und wahrscheinlichem Pächter des Geländes, sowie Betreiber der Posthallen. Wir nehmen das zunächst einfach einmal zu Protokoll, ohne es weiter zu kommentieren. Zunächst jedenfalls.
Es gab Zeiten, in denen das Trinken zu den normalen Reproduktionsvorgängen, ganz so wie Kinogänge, Currywurstessen oder Theaterbesuche, gehörte.
Heutzutage gehört der öffentliche Konsum von alkoholischen Getränken zu den gesellschaftlichen Abnormalitäten. Politische Repräsentanten zählen das Unterbinden des öffentlichen Trinkens zu den Aufgaben einer umfassenden Sozialdisziplinierung.
Die Berichterstattung der Mainpost, in diesem Beispiel Holger Welsch, ist dafür bekannt, seine Sprache kritiklos- bewusst unbewusst- dem Zeitgeist anzugleichen. Und so schreibt man in der Mainpost natürlich von der
Es ist erstaunlich, wie Begriffe benutzt und mit den Trinken in Verbindung gebracht werden. Zerlegen wir das Wort in seine Einzelteile.
Zu einem „Trinker“ wird bereits derjenige, der auf einer Wiese ein Bier trinkt. Wer als „Trinker“ bezeichnet wird, gilt als suchtkrank.
Zum zweiten Teil des Wortes: Menschen, die auf öffentlichen Plätzen Alkohol trinken, gehören also bereits zu einer „Szene“, die sich isoliert von der gesunden und deshalb bis ins hohe Alter arbeitsfähigen Mehrheitsgesellschaft bewegt. Ähnlich einer beliebigen anderen gesellschaftlich geächteten „Szene“, etwa der Heroinszene.
Zusammengesetzt als Trinkerszene trägt die Mainpost die Pathologisierung des öffentlichen Alkoholkonsums von der politischen Sphäre an den Frühstücktisch seiner LeserInnen.
Prost!
Euer Benjamin Böhm
Die Aufwertung der Zellerau konnte offenbar erst durch die Schließung des AKWs verwirklicht werden. Oder irgendwie so….
Holger Welsch in der Mainpost:
„Würzburgs ältester Stadtteil hat sich in den letzten Jahren schließlich schwer gemacht: Schöne neue Wohnungen, das neue Kletterzentrum, neue Geschäfte, das neue DJK-Stadion, die Schließung des AKW und und und . . .“
Alle, die die materielle Variante aus Gründen nicht beziehen können, haben jetzt die einmalige Gelegenheit die PDF der neuen Ausgabe runterzuladen. Allerdings nur für 2 Wochen. Danach wird die PDF Version immer noch an der gleichen Stelle zu finden sein. Man hat also auch dann noch die Möglichkeit sie runterzuladen.
In den vergangenen Tagen lösten die Ergebnisse einer dpa-Studie Bestürzung aus – in den Medien, der Politik und erst recht in unserer kleinen Arbeitsgruppe zur empirischen Erforschung der Langeweile in Würzburg (AG EEL). „Das Komatrinken unter Jugendlichen ist vor allem in mittelgroßen Städten verbreitet – besonders in Bayern“, lautet das ernüchternde Fazit.
Unsere Analysten stürzten sich umgehend auf die Datenkolonnen, schließlich ist neben der Videotheken-Rate der Koma-Index der wichtigste Faktor für die Messung der Langeweile. Es stellte sich allerdings heraus: Die Daten sind alles andere als berauschend. So finden sich unter den 15 komatösesten Städten neun bayerische. Bundesweiter Spitzenreiter ist demnach Bamberg, Hof liegt auf Platz drei, Nürnberg auf zwölf, Schweinfurt auf 13. Es wurden unsere schlimmsten Ahnungen vom Stand der Langeweile in Würzburg erneut empirisch bestätigt: Würzburg taucht in der Liste überhaupt nicht auf.
In unserem Institut meinten wir bis dato, in teilweise heftigen Beschwerden seitens der Polizei oder gewisser Bürgerinitiativen über jugendliche Trinker einen Hoffnungsschimmer für diese Stadt zu erblicken. Jetzt zeigt sich: Es waren schamlose Übertreibungen.
Ach, mit eurem ganzen Würzburg
Wird nie ein Mensch glücklich werden
Weil zu viel Ruhe herrscht
Und zu viel Eintracht
Und weil’s zu viel gibt
Woran man sich halten kann
(B. Brecht)
„Jugendliche sind für Extremisten aller Art wegen ihrer oftmals noch nicht vollständig ausgeprägten Kritik- und Urteilsfähigkeit […] interessant.“,
schreibt der bayerische Verfassungsschutz in seinem 2009er Bericht.
Man könnte sich vorstellen, dass manche Jugendliche erst nach dem Lesen dieses Satzes zu VerfassungsfeindInnen werden.
Denn mal erlich:
Wer würde eine Obrigkeit, die dir deine Urteilsfähigkeit abspricht, nicht zum Teufel jagen wollen?
Heute:
Die Killerpilze im Mainpost-Interview:
„Punk bedeutet für mich, das zu machen, worauf man Bock hat. Und zwar ohne Rücksicht auf die Meinung anderer. Die deutsche Bildungsministerin unterstützt unser neues Projekt „Generation Abc 2015“.
Über die Ursachen kann man nur spekulieren, jedenfalls steht fest:
Der Versuch, die Burschenschaft Libertas, angesiedelt im Rechtsaußenspektrum des Burschenschaftsspektrums, in Würzburg zu etablieren, ist aufgegeben worden.
Stattdessen vereinten sich die Liberten mit der Prager Burschenschaft Teutonia zu Regensburg, die durch einen Mangel an aktiven Studenten in den letzten Jahren wohl fast ausgestorben wäre. Und et voila: Die Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg ist da.
Haben sie schlau gemacht, die Kameraden aus der Burschenschaft Libertas: denn durch eine Vereinigung mit der Prager Burschenschaft haben sie in kurzer Zeit Vieles von dem erreicht, was ansonsten Jahre gedauert hätte: Sie sind in der Deutschen Burschenschaft. Sie können in einem Kartell gleich die alten großdeutschen Freundschaften der Prager pflegen, ohne mühsam neue Verbindungen schmieden zu müssen.
Und sie sind auch gleich in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft. Burschenschaftliche Gemeinschaft? Genau, dass ist jener völkische Think-Tank aus deutschen und österreichischen Burschenschaften, gegen den selbst die Deutsche Burschenschaft noch progressiv wirkt und die kein Problem damit hat, dass fünf ihrer deutschen Mitgliederbünde wegen ihrer rechtsextremistischen Tendenzen vom Verfassungsschutz überwacht wurden oder werden. Oder um es mit ihren Worten zu sagen: „Weiterhin unterstützt die Burschenschaftliche Gemeinschaft den volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff ohne Rücksicht auf staatliche Gebilde und deren Grenzen.“
Und die Prager Burschenschaft Teutonia selbst? Lud auf ihr Verbindungshaus in Regensburg den rechtsextremen Schriftsteller Jürgen Schwab, Brigadegeneral a.D. Reinhard Günzel („Ich erwarte von meiner Truppe Disziplin wie bei den Spartanern, den Römern oder bei der Waffen-SS“), den Neuen Rechten Götz Kubitschek und einen alten bekannten, Hannes Kaschkat, den schon die Freunde von den Adelphen zum Thema „Berufsfreiheit und Staatskontrolle (am Beispiel Danubia München und Sascha Jung)“ eingeladen haben. Die Homepage der Burschenschaft Teutonia lässt tief blicken, wobei wir hier nicht auf jeden Rotz eingehen mögen. Dass hier am deutschen Opfermythos gebastelt wird, wenn die Geschichte der Teutonia in Prag als Leidensgeschichte unter dem tschechischen Nationalismus dargestellt wird, ist nur eine der unzähligen Gruseligkeiten. Es ist nicht davon auszugehen, dass ein Bursch klug wird. Für alle anderen ein Buchtipp., der sich mit den Gräuel der deutschen Vernichtstungselite in Tschechien auseinandersetzt. Und unter ihrem Grundsatz folgendes Gedicht:
„So höre denn, ans Sterben
mahnt Dich der schwarze Rand.
Du sollst den Tod nicht scheuen
fürs deutsche Vaterland!“
Nun denn, viel Spaß dabei. Ein Verbindungshaus in Würzburg haben sie übrigens noch nicht, im Moment wird noch das Verbindungshaus der Burschenschaft Cimbria in der Huttenstraße genutzt. Es wird sich zeigen, ob die Nutzung des Hauses nur vorübergehend bleibt, oder die Cimbria der neuen Burschenschaft, aufgrund des Fehlens von aktiven Studenten, das Haus dauerhaft zur Vergügung stellen.
So, genug Zeilen darüber verschwendet.
Man darf gespannt sein, welche geistigen Ergüsse sie vollbringen werden, die Füxchen, Bürschchen und alten Herrchen. Die akademische Schnittstelle von deutschem Konservativismus und völkischem Rechtsextremismus hat nun einen Namen: Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg.
AK Kritische StudentInnen
P.S: Auch wenn wir manchmal nicht wissen, ob wir lachen oder weinen sollen, hier noch ein studentischer Brauch namens „Ledersprung“, der auf der Homepage der Teutonen präsentiert wird und der beispielhaft für die lächerliche Ernsthaftigkeit steht, mit denen Korporierte ihren Traditionen nachgehen. Wer kann das hier bitte schön ernst nehmen:
„Der Ledersprung ist auch heute noch Teil des Aufnahmerituals in den Bergmannsstand. Nach Beantwortung von vier Fragen leert der Anwärter ein Glas Bier und springt von einem Bierfass herab über ein „Arschleder“, das von zwei Bergleuten gehalten wird.“
Weitere Infos zu den Korporationen in Würzburg:
Würzburger Verbindungswesen I
Würzburger Verbindungswesen II
Würzburger Verbindungswesen III
Würzburger Verbindungswesen IIII
http://letzterhieb.blogsport.de/2009/01/30/zur-neuen-wuerzburger-burschenschaft-libertas/
Der Hype 14 ist tatsächlich draußen. In der Würzburger Pissbude deines Vertrauens!
Wer ihn zugeschickt bekommen möchte, die/der schreibe eine Mail an letzterhieb@gmx.de. Solange es nicht zuviele Leute werden, ist das auch umsonst. Unter der Bedingung, dass Ihr die Hypes in Eurem Kaff auch ein wenig verteilt…
Nun jährt sich der Jahrestag der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945. Am Abend des warmen Vorfrühlingstages verwandelten Flugzeuge der Royal Air Force mittels Brandbomben die Stadt in ein loderndes Inferno. Damit folgten sie der strengen und unmenschlichen Logik eines Krieges, den ein Denken entflammt hatte, das sich auf die Einteilung der Menschheit in ein Besser und ein Schlechter stützt. Die Konsequenz aus dieser Selbstherrlichkeit legte Europa in Schutt und Asche.
Für Würzburg hieß das, dass die gesamte Innenstadt und große Teile der Außenbezirke zerstört wurden, dies überwiegend durch Brände. Vom “Grab am Main”, das die Amerikaner eigentlich als Mahnmal zerstört stehen lassen wollten, kann man heute eine Ahnung bekommen, wenn man in den zahlreichen Bildbänden blättert, Zeitzeugenberichte liest oder – sehr bewegend – hört. Am Abend des 16. März läuten alle Jahre sämtliche Kirchenglocken der Stadt und vorm Dom versammeln sich Menschen, um der Opfer zu gedenken.Die protestierenden StudentInnen wollen auf keinen Fall den Eindruck erwecken, sie würden die Gefühle der betroffenen Menschen oder das Gedenken an die schwärzeste Stunde der Stadt achtlos mit Füßen treten. Deswegen wird die Internetadresse ab sofort www.bildungsprotest-wuerzburg.de lauten. Die bisherige Adresse www.wuerzburg-brennt.de wird aus organisatorischen Gründen bis auf weiteres ebenfalls erreichbar sein.
Konsequent. Die etwas grossmäulige Überschrift war sowieso immer eine Nummer zu gross für die studentischen Leisetreter.
Ein kostenloses und absolut unverlangtes Bekenntnis, dass man nichts gegen diese Gesellschaft hat, die nichts anderes ist als die Nachkriegs-Version der nationalsozialistischen Kriegsmaschine, zu der ihre Voreltern sich selbst gemacht haben; indem man sich vor den Leiden verbeugt, die diesen Voreltern dadurch entstanden sind.
Wie überaus feinfühlig. Und wie anrührend, dass sie jetzt endlich einmal begriffen haben, wer sie sind.
Wie bewegend übrigens, sich „Zeitzeugen“ anzuhören. Fragt eure würzburger Gewährsleute doch auch mal, was mit den Juden passiert ist. Ihr werdet unter ihnen übrigens auch keinen finden, der Nazi war. Das alles weiss jeder Mensch. Wäret ihr in eurer grossen Feinfühligkeit auf die Idee gekommen, euren Blog wegen der Pogromnacht im November umzubenennen? Und warum eigentlich nicht?
Hätte ihnen übrigens gutgetan, sich mal mit der Rolle der Studenten bei der Durchsetzung des Nationalsozialismus zu befassen. Hätte man über die Rolle der Studenten in der Gesellschaft nachdenken können, dabei. Hat mit der Wirklichkeit der heutigen Studenten nichts zu tun? Aber der 16. März hat? Heuchler seid ihr keine, aber was viel ekelhafteres.
Einen Mitschnitt der Veranstaltung, auf der u.a. hype-Redakteur Jörg Finkenberger gesprochen hat, gibt es hier.
Kaputt und zerstört, erniedrigt und beschmutzt, langweilig und angespannt, schon halb tot und trotzdem noch hier.
Es ist Abend, schon spät. Ich enttäuscht, sitze an meinem Schreibtisch. Denke an großes und kleines. Weiß nicht was ich machen soll.Weiß nicht was ich tun soll. Die Fliege, die sich in dem kleinen 8 qm Zimmer verirrt hat, lässt mich zu Anfang wahnsinnig werden. Eine kleine Stubenfliege. Nicht besonders groß, auch nicht so besonders klein. Nicht wie eine Essigfliege. Sie summt, entdeckt die letzte funktionierende Birne der Nachttischlampe als ihre Bühne. Sie tanzt. Zu so später Stunde. Eine Uraufführung ihres ersten Stückes, so sagt sie zu Beginn. Ihres vielleicht letzten Stückes. Und sie tanzt so, als wäre es ihr letzter Tag auf Erden. Und sie weiß es nicht. Sie kann es nicht wissen. Ich könnte einwirken, aber lasse es. Lass sie leben. Nun bewegt sie sich zu fantastischen Tönen des Sommers der Vierjahreszeiten von Vivaldi. Sie begeistert mich.Verbrennt sich nicht an der Lampe. Sie schwebt, eine verblüffende Leichtigkeit. Benimmt sich, als wäre es der letzte Tanz. Und ich?
Ich sitze hier, in einer gering beleuchteten Kammer vor meinem PC. Versuche über das World Wide Web Kontakte zu schließen, mich zu informieren, zu diskutieren, mein Leben zu planen und es gleichzei- tig weg zu schmeißen. Versuche mich abzulenken. Von was? Ich kann es nicht sagen. Sitze wie aber- tausende vor diesem Dreck. Probiere meine Nöte und Ängste loszuwerden – schaffe es nicht.An niemanden, vielleicht eine oder zwei Personen.Verachtend! Der Kontakt zur Außenwelt bleibt mir ver- wehrt. Kann mich nicht mehr artikulieren. Kann mich nicht mehr hören.Weiß nicht wo ich bin. Bleibe verwirrt. Und wenn doch, dann nur mit den „einzig wirklichen Menschen [,die für] mich die Ver- rückten [sind], die verrückt danach sind zu leben, verrückt danach zu sprechen, verrückt danach, er- löst zu werden, und nach allem gleichzeitig gieren – jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen, wie phantastisch gelbe Wunderkerzen, die gegen den Sternenhimmel explodieren wie Feuerräder, in deren Mitte man einen blauen Lichtkern zerspringen sieht, so dass jeder „Aahh!“ ruft.“1 Und wenn mir auch diese Momente der Verrücktheit noch so gut gefallen. So bleiben sie kein Dauerzustand. Es wäre zu leicht. Es wäre zu schwer. Wieso? – Ich kann es nicht sagen. Ich lasse nichts aus. Raste bald aus. Ich brenne, und nicht wie ein Osterfeuer. Sondern wie vier Flugzeugträger, drei Space-Shuttles und ein Würzburg 1945. Ich tue mir schwer. Kann dir und dir nicht sagen was ich für dich empfinde. Sei es Abneigung, sei es Zuneigung. Kann dich nicht so sehen wie du bist. Sondern nur wie durch meine stets verdreckte Brille von Fielmann.Werde meine Gefühle nicht los. Ich habe Angst, ein leben lang. Vermassele ich es wieder? Sollte ich mit dir reden? Sag mir es doch! Du bist so kompliziert. Ich bin so kompliziert.Wir – wer auch immer das ist – sind kompliziert. Ich kann es nicht verstehen. Ich handele nicht als ich.Vielleicht als wir.Wahrscheinlich wäre es prozentual auszurechnen.Vielleicht aber auch nicht.Warum nicht? Warum sind wir so schrecklich verklemmt. Kann nicht reden. Es ist nicht einfach. Ich verstehe es nicht. Komme damit nicht klar.Will dir etwas sagen, kann es nicht. Meine Zuneigung dir gegenüber äußern? Puhhh. Ich habe Angst.Weine. Ziehe mich zurück.Ablenkung. Finde mich wieder vor dem PC.Verstecke mich vor der Langeweile. Die Langeweile, die so schrecklich erdrückend ist. Die mich fertig macht. Die mir Kummer bereitet. Ein Leben lang. Bis auf, es verändert sich etwas. Ich kann nicht hoffen. Nicht so lange warten. Und die Aussicht ist so trüb!
Raste irgendwann aus. Zünde alles an.Verweigere mich allem. Und das werde nicht nur ich sein. Das werden wir sein! Wir, die Individuen und wir können tanzen. Die Ballnacht ruft! Nächte lang, wie diese Fliege vor mir.Wie diese, die so glücklich schwebt und summt. Ihres Lebenswillen hier ist. Und es wird noch davon berichtet werden.Von einem Tanz um die Welt.
So lasst uns die Platte sanft und vorsichtig zum Plattenspieler tragen. Die Boxen zur Straße. Und in einer unvorstellbaren Lautstärke, die die Welt noch nicht gehört hat, dass Lied der Tanzenden zum Tanze spielen. Tanzen und trampeln, bis die Beine vor Müdigkeit zurückschrecken und das Pflaster frei gemacht wird.Wir den Strand zu Gesicht bekommen. „Sous les pavés, la plage“. Oder wir werden konform.
Karl von Medina
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1 Jack Kerouac – On the Road
Hören und Schmecken
Die Seite für moderne Kultur
Heute: Die In- und Retrospektive Kochkolumne
Ja. Aua! Der Herr Redakteur hat einen Kater. Halt wirklich; ja, und er hat einen lichten Moment – zumindest kurz gehabt. Weil: Gestern Nacht ist er dem ehrwürdigen Vater, Kardinal Ratz- äh seiner Merkwürden, Johannespaul Zwo über den Weg gelaufen. Der hatte seinen rubinroten Ring verloren gehabt und forderte das dumme Ding im (sehr) kurzen Stewardessenkleidchen auf, sich an der Suche zu beteiligen. „Bück dich…“ „Aber ihro Durchlaucht“ hob ich an. „Hier geht doch alles durcheinander“. Nun, da stand ich also zwischen den Herren Damen und den strammen Marinefrolleins im mindestens vier Konfektionsgrößen zu klein ausgefallenen Militärstewardessenfummel mitten im Tuntenball, ein Servierblech mit Pizza in der Hand. Die geschätzten beiden Kollegen an meiner Seite hatte es nicht besser getroffen.
Warum bloß bin ich nicht in der geliebten Redaktionsstube unten im Keller vom unvollendeten Hotelturm geblieben??? Faul auf meinen günstig erworbenen Drehstuhl gefläzt und dem guten Finkenberger zugeschaut wie er laut kichernd dümmliche Leserkommentare zu seinen eigenen Artikeln verfasst, um sie sodann mit wichtiger Miene zu beantworten. Warum? Zum Teuf…
Doch als ich so gedankenverloren an meiner Pizzaundchilliverkaufsstation stand, trat der Heilige Vater auf mich zu – und ich hatte jenen vorhin erwähnten hellen Moment. Der bayerische Papst hat das im Trubel natürlich gar nicht mitbekommen, der wollte sich lediglich hinter mir vorbei zwängen, um in die ausschließlich dem Personal vorbehaltenen Gemächer zu eilen. „Es ist ja alles gar nicht wahr, bloß eine Geschichte, ganz und gar fiktiv.“ Dies in etwa war der Kerngehalt des letzten klaren Gedankens bevor ich dann doch auf das schon seit längerem bestehende Angebot des Herren Kollegen zurück kam und die mir dargebotene Flasche Augustinerbräu in einem tiefen Zug in mich hinein leerte.
Mit schmerzendem Kopf und großem Durst überquere ich am Berliner Ring die Nürnberger Straße; die Aktentasche in der Hand strebe ich dem Kellerloch, also dem Büro der Kultur- und Politikredaktionen (aus Einsparungsgründen in einem noch unausgebauten Kellerraum untergebracht) entgegen, wo ich statt eines Konterbieres einen gut gelagerten schottischen Whiskey als Antikatermedikament zu mir zu nehmen gedenke. Ja, der Hotelturm und seine Schätze! Seit der Chef in einem Geniestreich den Turm für einen Euro gekauft hat, sitzt er in einem provisorisch eingerichteten, dafür aber riesigen Büroraum mit Panoramablick auf Residenz, Dom, Festung und Käppele und zählt die unten durchfahrenden Güterzüge. Die Evi Schmitt kocht ihm immer Kaffee, damit ihre besserwisserischen Kommentare auch stets ungeändert abgedruckt werden und der Heumann bringt die Semmeln und erklärt geduldig die neuesten Finessen des Redaktionshauptrechners. Blöderweise hat es im ganzen Turm keinen einzigen Aufzug, sondern lediglich die Bautreppe und so macht es dem Chef noch mehr Spaß, mich wegen eines ihm von der Tendenz her missliebigen Artikels persönlich hoch zu zitieren. Ansonsten haben der Finkenberger und ich aber unsere Ruhe und es ist schön behaglich warm hier unten – die richtige Trinktemperatur für meinen Whiskey!
„Drei mal den Burger, zweimal mit Pommes und dann noch mal Fritten, aber bloß rot und, ja, auf den Soloburger dürfen keine Zwiebel.“ „Kommen doch sowieso keine drauf. Hey, bleib da, die Schnitzel sind gleich fertig – hau doch den Salat schon mal raus!“ Die Bestellleiste ist voller Bons, der Spülberg wächst ins Unermessliche, in zehn Minuten beginnt der Tatort und ich stehe dort, wo ich im echten Leben fast immer und ganz sicher jeden zweiten Sonntag stehe: Am Herd. Mein Kater wird nicht besser, an ein Bier oder gar einen Whisky (schottisch, irisch oder aus den USA; steht alles friedlich beisammen am Tresen) ist nicht zu denken; morgen ist Montag, montags haben beide Läden, in denen ich an Herd und Ofen werkele, für gewöhnlich geschlossen, doch am morgigen Rosenmontag ist hier Eurodance und „Ja, die Küche ist regulär geöffnet.“
Es gibt gar keine Redaktion, keinen Heumann, keine Evi, keinen Finkenberger – und eine Zeitung, die mich als leitenden Kulturredaktör arbeiten ließe, wäre in der Welt, die wir als einzig wahre kennen, der fröhlichen Warenwelt nämlich, längst bankerotte und noch toter als die Frankfurter Rundschau und das Mitgliederheft der SPD zusammen. Das Heft, das beinahe auf den wunderschönen Namen ANTIFAINFOMAG getauft worden wäre, lediglich eine Ausgabe unter der stolzen Aufschrift „Letzter Hieb“ erlebte und nun als „HYPE“ sein Unwesen treibt, ist schiere Illusion. Wozu auch sollte es existieren? Das akw!-info (das gab es mal vor Jahrzehnten, da war ich mal tatsächlich Redakteur) hat immerhin Werbung für das AKW gemacht, ganz wie sich das gehört. Da Politik eine Sparte im vielfältigen Angebot dieses Lokals darstellte, wurde ein gehöriger Teil des Heftes mit politisiertem Zeug vollgepackt und die Kochkolumne machte Werbung für den Vegetarismus und damit für die vegetarische Küche des AKW. Meine Arbeit an den Texten wurde mit dem gleichen schlechten Lohn wie jede andere Arbeit bezahlt und diente – als Werbung – dem „Erhalt des Standorts“. Gäbe es den HYPE, er wäre völlig widersinnig: Die Politisiererei nähme sich selber ernst und denunzierte dabei doch stets das Elend des Politikantentums; die Kritik träte im Gewand des Kritisierten1 auf und bemerkte es noch nicht einmal. Der Versuch, die zerrissenen Teile des Ganzen welche etwa unter „Kultur“, „Kunst“, „Politik“, „Wissenschaft“ und „Ökonomie“ rubriziert sind in der Kritik wieder zu einen, fände ausgerechnet in der albernen Gestalt einer Kochkolumne statt.
Der Tatort läuft, die Gäste sind versorgt, ich trage mal den Geschirrberg ab und wische Herd und Arbeitsflächen. Der gute Kollege vom Service kommt auf ein Schwätzchen kurz in die Küche, doch entschwindet er bald wieder; ich summe ein Liedchen aus der Hand des guten Franz Schubert.
Auf dem Wasser zu singen2
Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen
Gleitet wie Schwäne der wankende Kahn;
Ach, auf der Freude sanftschimmernden Wellen
Gleitet die Seele dahin wie der Kahn;
Denn von dem Himmel herab auf die Wellen
Tanzet das Abendrot rund um den Kahn.
Über den Wipfeln des westlichen Haines
Winket uns freundlich der rötliche Schein;
Unter den Zweigen des östlichen Haines
Säuselt der Kalmus im rötlichen Schein;
Freude des Himmels und Ruhe des Haines
Atmet die Seel im errötenden Schein.
Ach, es entschwindet mit traurigem Flügel
Mir auf den wiegenden Wellen die Zeit.
Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel
Wieder wie gestern und heute die Zeit,
Bis ich auf höherem strahlenden Flügel
Selber entschwinde der wechselnden Zeit.
Tja, die Christen fasten nun volle vierzig Tage und sind schrecklich mißgelaunt weil ihr Heiland vor etwa zweitausend Jahren umgebracht worden sei – was zwar irgendwie die Welt gerettet hat, aber anscheinend doch nicht gut war. Sei’s drum, heute wissen die lieben Kleinen ja eh‘ nicht mehr weshalb eigentlich am Aschermittwoch so was hübsches wie Vergnügungsverbot herrscht und mir dient das sowieso lediglich als Vorwand endlich mal Fisch und anderes Meeresgetier auf den Teller zu bringen. Fisch gilt als Fastenspeise, die spinnen die Christen…
Cous-Cous mit dreierlei Fisch und Meeresfrüchten
Ein bis zwei Meerbarben, einen Wolfsbarsch und einige kleinere Sardinen (zusammen so um die 1½kg. Fisch) filetieren, die Karkassen für einen Fischfond aufheben; von vier Kaisergarnelen den Schwanz vom Kopfteil abdrehen, den Panzer aufbiegen und das Fleisch vorsichtig herausziehen, danach längs des Rückens aufschneiden und den Darm entfernen. Kopfteil und Schale ebenfalls für den Fond zurücklegen. Zwei Dutzend Miesmuscheln sorgfältig waschen. Ein Pfund Tomaten kreuzweise einschneiden, kurz in kochendes Wasser geben und schälen; das Fruchtfleisch sehr klein würfeln, zwei bis drei Selleriestangen fein schneiden, zwei rote Zwiebeln fein würfeln, vier Zehen Knoblauch pressen, ein halbes Bund Glattpetersilie fein wiegen. Nun in einem großen Topf Olivenöl erhitzen und die Zwiebeln und den Sellerie andünsten, nach kurzer Zeit Hitze reduzieren, Knoblauch und Petersilie dazu geben, nun die Tomaten zugeben und aufkochen. Die Fischabschnitte (ohne Kiemen und Eingeweide) und die Kopfteile der Garnelen unterrühren und nach und nach 1½l Wasser zugießen. Mit Salz und Pfeffer sehr kräftig abschmecken, in einem Teebeutel einige Lorbeerblätter und etwas Zimtrinde sowie einige Nelken mit kochen lassen. Nach einer halben Stunde den Sud erst durch ein grobes und dann durch ein Haarsieb geben. Etwa einen Liter der Suppe zurück in den Topf geben und zugedeckt leicht köcheln lassen, den Rest für das Garen der Fische verwenden. 400g Cous-Cous in eine Schüssel geben. In zwei Tassen der Brühe ein Döschen Safran auflösen, etwas Butter dazu geben und gründlich mit dem Cous-Cous vermischen, diesen nun in einem Einsatzsieb über die Fischsuppe hängen und regelmäßig mit einer Gabel lockern. Nach etwa zehn Minuten das Cous-Cous auf einem sauberen großen Küchentuch ausbreiten, dieses zusammenrollen und wieder ausbreiten, danach wieder in das Sieb geben und weitere 10-15 Minuten dämpfen. Währenddessen in einer großen, tiefen Pfanne den zurückbelassenen Fischsud aufkochen und wieder etwas abkühlen lassen (soll ganz knapp unter der Siedetemperatur sein), etwas Zitronensaft dazu geben und die Fischfilets darin garen, dabei erst die größeren und nach und nach die kleineren zugeben(Größere Filetstücke 12-15min, kleinere 8-10min). Gleichzeitig die Muscheln in Salzwasser mit etwas Weißwein ca. zehn Minuten kochen, bis sich alle geöffnet haben (Muscheln die sich nicht geöffnet haben wegwerfen). Die Garnelen in Olivenöl mit etwas Knoblauch und Ingwer anbraten. Das Sieb mit dem Cous-Cous von der Brühe nehmen und diese mit etwas Cayennepfeffer würzen und mit Butter binden und einkochen lassen. Nun die zweite Hälfte der Glattpetersilie und ½ rote Paprika hacken. Auf einer großen heißen Platte das Couscous ausbreiten, die Soße angießen und die Fische, die Garnelen und die Muscheln darauf anrichten, mit der Petersilie und den Paprikastückchen bestreuen.
Dazu passen Salate, Muhamara und Tahine, Fladenbrot ist kein Schaden und mit einem guten Arrak vorneweg und einem sizilianischen Marsala dazu werdet ihr auch schön betrunken; mit Baklava und Mokka als Abschluss seid ihr wieder fit für das nächtliche Hinwegsetzen über Sperrstunde und Tanzverbot…
Für immer ihr ergebenster
Rainer Bakonyi
1/3 Schnaps – 2/3 Bier
Adam B.(1) ist stolzer Verursacher von Kotze, Kot und Urin in der Würzburger Innenstadt. Er entschloss sich kurzfristig für ein Interview mit dem Letzten Hype. Adam B. studiert Soziale Arbeit an der FH Würzburg und sieht seine Taten als eine bittere Notwendigkeit. Das riecht nach Konflikt. Seit 3 Monaten mobilisiert die „Bürgerinitiative Würzburger Altstadt“ (BIWA), angeführt von dem Waffenladeninhaber Snickers – gegen die Verschmutzung und Eigentumsbeschädigungen, die in frühen Morgenstunden von Feiernden ausgehen.
F: Als Verursacher von Dreck und Lärm agieren Sie bereits seit geraumer Zeit. Was veranlasst Sie in die letzten Ecken der Innenstadt ihren Urin abzugeben, den eben eingeschmissenen Döner wieder loszuwerden oder dem Waffenhändler Snickers ein Präsent zu hinterlassen?
A: Was muss, das muss. Was raus muss erst recht. Wo wenn nicht hier, wann wenn nicht jetzt oder wieso erst jetzt? Das hätte schon viel früher passieren müssen. Ich sehe das als Akt zivilen Ungehorsams, gegen das Würzburger Spießbürgertum und im Speziellen das Urinieren an Geschäften eines Waffenhändlers als antimilitaristische Praxis.
F: Ihrer Antwort zu entnehmen sind sie ein politischer Mensch. Wieso vollenden Sie gerade ihre Taten bei Nacht und Nebel und hinterlassen keine Hinweise oder Forderungen?
A: Nein, ich würde mich nicht als politischen Mensch betrachten. Politik betreibt eben gerade die Bürgerinitiative. Ich hingegen bekämpfe nicht Wasser mit Wasser sondern mit Feuer. Politik ist eben nicht mit Politik zu bekämpfen. Aus diesem Grund hinterlasse ich auch keine Hinweise oder Forderungen, da die Tat einzig und allein für sich spricht.
F: Wie kann denn der Otto-Normal-Verbraucher erkennen, dass es sich bei der Kotze nicht um herkömmliche Kotze handelt, sondern um eine Art des Protests. Spricht man dann von einer Protest-Kotze?
A: Das soll er doch im ersten Moment gar nicht. Die meisten werden jetzt denken, es ist doch gar nicht so schwer so zu kotzen als ob man vom feiern käme, aber in Wirklichkeit habe ich fast ein halbes Jahr gebraucht bis ich die richtige Mixtur gefunden habe, die es mir ermöglicht die Kotze genauso aussehen zu lassen. Erfahrungsgemäß ist es wichtig, den Döner schnell in großen Happen zu essen, damit die Brocken, die ja später wieder raus sollen, möglichst groß bleiben. Diese Technik musste ich mir durch stundenlange Beobachtungen von Betrunkenen aneignen. Mittlerweile läuft es ganz gut.
F: Das Aussehen scheint eine große Rolle einzunehmen, aber wie bekommen Sie es denn so hin, damit das Erbrochene auch echtheitsgemäß riecht?
A: Dazu habe ich nach langem probieren die richtige Mischung gefunden. Ein drittel Schnaps, zwei drittel Bier (diese Mischung riecht ganz toll). Aber nicht nur der Duft ist ausschlaggebend für den Erfolg, sondern auch das Umrühren wie es beim Tanzen in der Disco geschieht. Dazu schlage ich kurz vor, dem eigentlichen Kotzakt schnell fünf Purzelbäume hintereinander um mir dann den Finger in den Hals zu stecken. Das ist ein wichtiger Faktor der selten beachtet wird.
F: Die Sperrstunde macht die BIWA zu ihrem Hauptthema. Wie gehen sie mit dieser Problematik um? Es scheint so, als beträfe sie diese gar nicht bzw. Sie machen diese nicht zu Ihrem Hauptanliegen.
A: Die Sperrstunde geht mir links am Arsch vorbei. Pinkeln und Kotzen kann ich so oder so. Doch wenn die Sperrstunde eintreten sollte, werde ich wesentlich mehr zu tun haben, da unwissentliche Unterstützter in Form von betrunkenen Feiernden wegfallen würden und ich deren Arbeit auch noch übernehmen müsste. Dazu trainiere ich jetzt schon dreimal die Woche um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Das zerrt zwar ganz schön an der Substanz, aber um das Notwendige zu tun muss man manchmal Opfer bringen.
F: Sie sprechen gerade so, als ob Sie in ihren Aktionen stets alleine zu gegen sind.
A: Ich arbeite generell alleine. Nehme aber einmal im Monat mit anderen Aktiven an einem Treffen teil um Methoden und Erfahrungen auszutauschen.
F: Vielen Dank! Noch ein letztes Wort an unsere LeserInnen?
A: Lasst uns pinkeln, lasst uns kotzen und dreimal von oben auf Würzburg rotzen!
Das Interview führten Asok und Karl von Medina
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1: Name von der Redaktion geändert
Linksradikalismus und Fußball
Über einen Zusammenhang, den man mir noch einmal erklären muss
Mein Onkel wippte ungeduldig auf seinem Sitz umher, nippte hastig an seinem Bierchen. Kein Tor für den Club, seit etlichen Spieltagen. Kein Sieg für den Club: wie sooft. Fluchende Papas und aufgeregte Söhne überall um mich herum. Wir schreiben den Frühling des Jahres 1991 und es war das letzte Mal, dass ich mit einem Verein fieberte.
Ich habe das Interesse am Fußball seit Langem verloren. Umherstreifende Männerhorden, die am Wochenende dann und wann die Innenstädte bevölkern und Dinge rufen, die ich nicht verstehe, machen mir mittlerweile eher Angst. Und die Zeit, die viele Menschen einem simplen Ballsport widmen, scheint mir sinnvoller genutzt, wenn ich Nachmittags noch im Bett liege. Dennoch zählen sich einige meiner Bekannten, mit denen ich auch politisch d‘accord gehe, zu Anhängern von diesem oder jenem Verein. Und mehr als das: Es scheint für sie ein Zusammenhang zu bestehen zwischen linksradikalem Sein und dem Selbstverständnis als Ultra. Seit vielen Jahren versuche ich, diesen Zusammenhang nachzuvollziehen. Es klappt einfach nicht. Dieser Text versucht nachzuzeichnen, was mir so widersprüchlich vorkommt an der Gleichzeitigkeit von emanzipatorischem Linksradikalismus und Fußballfanatismus. Er ist eindeutig als Aufforderung zu verstehen, im nächsten Hype auf die Unterstellungen zu reagieren, die den ganzen Artikel durchziehen.
Linke Lokalpatrioten tun, was linke Lokalpatrioten eben tun: Am Wochenende stehen sie in der Innenstadt, um gegen das böse neue Einkaufszentrum zu demonstrieren, das vollgestopft sein wird mit seelenlosen Fastfood-Ketten. Montag ein Gruppentreffen im Stadtteilladen xy, Dienstag das Engagement für das Bürgerbegehren „Rettet den Feldhamster!“ und am Donnerstag ein Gespräch mit dem Stadtrat der Linkspartei. Wenn sich mal Nazis in der Stadt breit machen, dann steht man auf: Für seine Stadt. Für die Heimat. Sitzt man mit „Zugereisten“ am Tisch, so redet man gerne über seine Stadt: Über das köstliche Essen, die glorreiche Geschichte, die herzlichen Leute, den tollen Verein. Am Wochenende geht man ins Stadion, aber nicht nur um die Mannschaft anzufeuern. Man geht auch ins Stadion um „gegen den modernen Fußball“ zu sein oder gegen den Umbau des Stadions zu einer „Kommerzarena“.
Alles schön und gut. Man nennt das Ganze „zivilgesellschaftliches Engagement“ und ich will ja den jungen PolitikantInnen nicht ihren Spaß verderben. Selbstverständlich ist es gut, wenn bestimmte Ultrasgruppen zum Beispiel rassistische Sprüche aus dem Block verbannen. Die Revolution ist das aber nicht, sondern es ist Lokalpolitik. Heimataktivismus, der zwangsläufig die gleichen verkürzten Formen annehmen muss, wie jedes andere Anliegen, dass seine Polis liebt, anstatt sie in Stücke reißen zu wollen. Man könnte näher auf Sprüche der Ultras eingehen – wie z.B. „Gegen den modernen Fußball“- was genauso sinnvoll ist wie sich gegen den modernen Kapitalismus zu stellen, weil der alte doch so wohlfühlwarm war- aber darum soll es im Folgenden nicht gehen.
Schauen wir erst auf den Mikronationalismus, den Fußballfans ausüben: Die Stadt ist der positive Bezugspunkt, für den Gesungen und sich ab und zu auch geprügelt wird. Aus einer loser Ansammlung von Menschen, die nur das Elend der Wertverwertung eint, wird eine Gottheit: der Verein, die Stadt. Heimatidentität, die Sicherheit und Geborgenheit stiftet in dieser ach so kalten Welt. Im Stadion geht es ja eben nicht nur um eine Mannschaft von 11 Leuten, die man ganz sympathisch findet, sondern es geht um die Ehre der Stadt. Und so agiert man aus der Masse der Fans heraus, lässt sich mitreißen mit einer Masseneuphorie im Block, in der das Individuum verschwindet und der Verein alles ist. Weil man so viel von seiner Stadt hält, fährt man hunderte, zum Europapokal sogar tausende Kilometer weit, um diese zu verteidigen wider die fremden Mächte. Dann und wann, je nachdem, welche Erlebnisse man in dieser Stadt bereits erlebt hat, wird die Fanszene zu einem Mob, der die gegnerischen Fans nur aufgrund ihres Wohnsitzes verabscheut, auch mal die feindliche Innenstadt verwüstet oder Menschen mit unpassenden Fanschals auf die Fresse haut. Im kleinen kommunalen Rahmen vollzieht sich das, was man doch im Großen so verabscheut: eine Art von Mikronationalismus. Die Identifikation mit seiner „Scholle“ und Kultur. Wie kann ich also jemanden ernst nehmen, der am Freitag auf einer Demo „Nie wieder Deutschland!“ ruft, und am Samstag „Kniet nieder ihr Bauern- denn Frankfurt ist zu Gast“ gröhlt? Wie kann man Nazis dafür verurteilen, dass sie das Ausland hassen, wenn für einen das verhasste Ausland schon in der nächsten Großstadt anfängt? Welcher Zusammenhang zwischem antinationalem Linksradikalismus und Fanszene bleibt also, wenn man die MobAction-Jäckchen, Carhartt-Hosen und Antifa-Buttons weg lässt? Eigentlich gar keiner. Gerade die Linke besitzt seit jeher eine naive Symphatie für das „Volk“, dass doch nur von den bösen Kapitalisten verführt werde, ansonsten aber die Freiheit wolle. Dieser linke Antiimperialismus wird zum Glück von vielen mittlerweile verlacht bis verhasst. Die linke Fanszene würde sofort auseinander brechen, wenn sie damit aufhören würde, ihre Stadt zu lieben. Denn wer kann sich eine Fanszene ohne positiven Bezug auf die Heimat denken? Ich zumindest nicht.
Verstörend ist für mich auch die empfundene Gemeinsamkeit der Ultrasszene. Ein Großteil der Ultras in Deutschland versteht sich eher als unpolitisch, dann und wann schmückt man die Tribüne mit etwas wie einem Che-Guevara-Doppelhalter. Che Guevara passt in diesem Zusammenhang ziemlich gut zu den meisten Ultras, gibt es doch kein bedeutungsleereres popkulturelles Symbol als das Konterfei des gefallenen Revolutionärs. Im Fanblock aber, da gehören alle zusammen. Da schließt es sich nicht aus, dass man an einem Tag zusammen seine Stadt supportet, während anderntags die einen Antifas sind, die anderen im Freien Widerstand. Und laut meiner spärlichen Internetrecherche trifft sich die Szene sogar bei nationalen Ultraskonferenzen. Offenbar scheint vielen Ultras die „Bewegung“ derart wichtig zu sein, dass man die politischen Fragen außen vor lässt, um die „Sache“ an sich nicht zu gefährden. Kann man sich ein Skinheadtreffen vorstellen, bei dem Redskins friedlich neben den Skinheads Sächsische Schweiz sitzen und in gemeinsamen Workshops über die Skinheadbewegung debattieren? Oder ein Skinheadfestival, bei dem Sharpskins gemeinsam mit Combat 18 die Ehre ihrer Stadt verteidigen? Wohl eher nicht. Wenn die Verbindung von bestimmten Ultras und dem Linksradikalismus mehr als Mode wäre, müsste man sich dann nicht von einem Großteil der eigenen Fans und der deutschen Ultrasszene distanzieren?Mehr noch: Müsste man dann nicht schreiend aus dem Stadion laufen?
Abgesehen vom Aspekt des Lokalpatriotismus besitzt die Szene noch einen weiteren Aspekt, der doch eher an rechte Stammtischbrüder erinnert als an eine Gruppe mit emanzipatorischem Potential: Ultras sind zum größten Teil Männerbünde. In der Antifa-Szene, die ebenso als männerbündelnder Kreis zu verstehen ist, wird wenigstens noch über Geschlechterrollen und Mackermilitanz diskutiert. Dem Selbstverständnis von überwiegend männlichen Ultrasgruppen unterstelle ich, dass ihre männliche Selbstidentität stark von Selbstzuschreibungen wie „Stärke“ und „Aggressives Auftreten“ gekennzeichnet ist. In Gruppen und natürlich oft nach ein paar Bier verhält sich dann die ach so linksfühlende Szene doch wie eine Horde rechter Dorfgesichter auf der Weinfest, die auf jede Gelegenheit warten, um jemandem auf’s Maul zu hauen. Frauen scheinen nur am Rande eine Rolle zu spielen: Als Freundinnen, die vielleicht mal zu einem Spiel mitfahren, meistens aber zuhause bleibe. Wie fundiert kann das linksradikale Selbstbild eines Ultras sein, wenn die männliche Virilität, die man selbst verkörpern möchte, so überaus unangetastet bleibt? Wenn ich bei Ultras in Horden nichts erkennen kann außer eine männliche Identität, die sich selbst auf Muskeln und Samenstränge reduziert?
Der einzige Zusammenhang zwischen emanzipatorischem Linksradikalismus und Fußball ist wohl der modische Aspekt. Die Absage an jegliche Form von Lokalpatriotismus, Heimatduselei und Männergepose ist ein Ziel, dass mit Fußballfanatismus recht wenig zu tun hat.
Love minigolf, hate football!
Benjamin Böhm
10 Thesen zum Wert der Arroganz
1.Die Gegenwart wird durch die Ideologie der Postideologie bestimmt. Unversöhnliche Standpunkte scheinen nicht mehr zu existieren, jede Debatte wird zum Diskurs, der zum Konsens treibt.
2.Die Addition aller Debatten, die keine Unversöhnlichkeit kennen, nennt sich Postmoderne. In ihr vollendet sich die unbewusste Demut gegenüber dem Kapitalverhältnis.
3.Die Folge des Absterbens der Unversöhnlichkeit ist ein empfundenes Wir. Dieses Wir ist als verinnerlichte Ressource zu betrachten, an die in (ökonomischen) Krisenzeiten appelliert werden kann, um vereinzelte Menschen zu VolksgenossInnen zu machen.
4.Die Postideologie hat sich längst alle öffentlichen und privaten Debatten zu eigen gemacht: Was früher Authentizität oder Prinzipientreue war, wird heute als Arroganz bezeichnet und geächtet. Eine Diskussionshaltung, die nicht von vorne herein konsensual wirkt, kann wegen der postideologischen Deutungshoheit über die Begriffe als ideologisch gebrandmarkt werden, wobei die Ideologie des Kapitalismus unbehelligt bleibt.
5.Die Gegenwart hat die Fähigkeit verloren, Arroganz und Unversöhnlichkeit zu unterscheiden. Beide Begriffe sind ihrer einstigen Bedeutung beraubt und fallen zusammen.
6.Hochmut ist eine Haltung, die soziale Distanz verdeutlicht. Eine Gegenwart, die keinen Streit ohne Versöhnung kennt, strebt daher danach, die Arroganz als Feind des Friedens auszumerzen.
7.Anstand ist die zur Tugend erhobene Akzeptanz der Umgangsformen, die die Herrschaft des falschen Wir über das Ich möglich machen. Arroganz ist eine Haltung, die keinen Anstand kennt.
8.Wer als arrogant bezeichnet wird, verweigert sich der konsensualen, postideologischen Debattenkultur, in der jede Feindschaft zur Freundschaft werden kann, und Krieg zu Frieden wird.
9.Wer als arrogant bezeichnet wird, kann als VerneinerIn des postideologischen Konsenses angesehen werden. Hochmütig vorgetragene Standpunkte nämlich stehen für sich selbst und für ihre Wahrheit, statt in der Beliebigkeit der postmodernen Wahrheiten zu verschwinden.
10.Arroganz ist daher keine negative Eigenschaft, sondern ein Prädikat, das sich der Selbstverneinung gegenüber dem Kollektiv verweigert und auf die Möglichkeit der Emanzipation hinweist.
Gruppe Arrogante KommunistInnen
Der Räuber im Gendarmen
Überlegungen zum Innenleben der Ordnungsmacht während der Verkehrskontrolle
Würzburg bei Nacht. Geruhsam vor sich hin schlummernd, und trotzdem, geradezu auf eine paranoide Art und Weise, wachsam, ängstlich und stets bis auf die Zähne bewaffnet. Die einzigen Automobile, die mir in an diesem frühen Dienstagmorgen begegnen, sind Taxis und Streifenwagen. Und glauben sie mir: Ich leide nicht an Wahnvorstellungen, wenn ich auch alle anderen Autos, die mir entgegenkommen, für zivile Einsatzfahrzeuge halte. Das zeigt die bittere Erfahrung unzähliger Verkehrskontrollen, inklusive Drogentests, Autodurchsuchungen und weiteren Demütigungen. Aber das ist eine andere Geschichte. Sollte es dennoch einmal passieren, dass eine Privatperson des Nachts den öffentlichen Raum benutzt, um von A nach B zu gelangen, stürzt sich die Ordnung auf diese wie eine Meute hungriger Wölfe, denen du ein Stück Fleisch vor die Füße wirfst.
Und so werde auch ich, in meinem Kleinwagen mit kaputtem Bremslicht, ein Hors d‘oevre für das grüne Rudel. Nur kein Hauptgang werden. Eine Polizeistreife stand an ihrer Lieblingsstelle und ließ sich das berühmte „wir-folgen-Dir-einige-hundert-Meter-und-hoffen-dass-du-nervös-wirst-Psychospiel“ nicht entgehen. Nun leuchtet „Stop-Polizei“, wie immer in Blutrot. Zwei junge, engagierte Ordnungshüter steigen aus. Es sind alte Bekannte, obwohl ich die beiden Jungspunde noch nie gesehen habe. Was ich an ihnen wiedererkenne ist dieses selbstsichere, furchteinflößende und doch so leere Grinsen, das Polizisten, die die Schnauzbartzeit noch nicht erreicht haben, kennzeichnet. Und noch etwas kommt mir bekannt vor: die Gelfrisur. Niemand sonst schmiert sich eine solch übertriebene Menge Pomade in die Borsten und formt diese zu einer „Frisur“, die selbst David Beckham hätte sein lassen sollen.
Ein erster Feindkontakt. Langsam kurbele ich das Fenster hinunter. „Guten Morgen, Polizeikontrolle. Führerschein und Fahrzeugpapiere!“ Wortlos übergebe ich meine Papiere. Auch sein unterfränkischer Zungenschlag hört sich für mich vertraut an. Ich muss an meine Schulzeit auf dem Dorfe zurückdenken, an Fünfer in Latein und Mathe, an Händchenhalten in der Geisterbahn, an Brausestäbchenessen im Freibad und an all die einstigen Klassenkameraden, die heute ihrem beschissenen Job nachgehen.Und ich muss auch an Coco und Ralle1 denken. Sie waren die Coolen von der Schule2, mit einer Attraktivität für das weibliche Geschlecht ausgestattet, die eben nur auf dem Lande existiert: Die coolen Fußballtypen, stets mit abgedroschenen Sprüchen auf den Lippen, kleinen Prügeleien auf dem Pausenhof nie abgeneigt. Immer auf eine Art und Weise bedrohlich auftretend, vor allem gegenüber dummen Strebern oder Fettsäcken wie mir. Die typischen Halbstarken also, die auch mit 20 Jahren noch ihre 15 Jahre alte Freundin mit dem GTI von der Schule abholen werden. Damals, in der fünften oder sechsten Klasse, gingen bestimmt einige Eltern davon aus, dass den beiden Fußballhelden, denen die Faust so locker sitzt, eine kleinkriminelle Zukunft bevorstehe. Es kam anders: Beide wurden Polizisten.
„Herr Arthur, schon mal was mit der Polizei zutun gehabt?“ Ich hasse diese rhetorischen Fragen, diese vorhersehbaren Spielchen auf den Nerven verängstigter Autofahrer. Sollte ich wirklich einen Eintrag in irgendeinem Polizeiregister haben, so wissen dies die Ordnungshüter spätestens nach der Überprüfung meiner Daten per Funk. Aber zurück zu Coco und Ralle: Ich habe mich oft gefragt, wie sich ein Polizist im Moment der Verkehrskontrolle fühlt. Ob er es befriedigend findet, Leuten von Berufswegen psychisch, manchmal auch körperlich, zu schaden. Ob er zu Hause seiner Freundin stolz davon erzählt, wie vielen Kiffern er diese Woche ihren Führerschein entzogen hat, genauso wie ein Jäger damit prahlt, wie viel Wild er des Nachts erlegt hat. Und wenn ja, woher stammt der Antrieb, selbst den kleinsten Delikten nachzugehen? Coco und Ralle wurden Gendarmen- aber in ihrer Kindheit und Jugend waren sie eher die Räuber. Die Clique, die sich aufspielte, als gehörten ihr alle hübschen Mädchen, DFB-Pokale und dein Pausenbrot. Ihre Allmachtsphantasien wurden Realität: Coco und Ralle müssen sich heute nicht mehr einbilden, ihnen gehöre die Welt: Der Polizei gehört sie zumindest mehr als mir, wie ich in diesem Moment erneut feststellen muss.
„Haben die heute Abend Alkohol getrunken oder illegale Drogen konsumiert?“. „Nein“. Der eine Polizist holt eine Taschenlampe und leuchtet mir damit in meine Augen. „Ihre Pupillen reagieren überhaupt nicht!“, faucht es aus ihm heraus. Die Tricks der Ordnung sind derart vorhersehbar, derart dämlich, dass ich darüber nicht einmal mehr lachen kann. Hat man diese Prozedur einige Male mitgemacht, dann verwandelt sich die Angst vor der Polizei irgendwann in Häme oder blanken Hass. Es handelt sich um die Masche, einfach zu behaupten, dass man keine Reaktion zeige, um Menschen nervös zu machen. Und dieses Herumfuchteln mit der Taschenlampe erinnert mich erneut an einen Halbstarken, der sein Springmesser an meine Kehle legt. Und meine Schulkameraden Coco und Ralle? Aus zwei jugendlichen Räubern wurden am Ende Gendarmen. Woher der Antrieb, woher die Akribie rührt, Kleinkriminellen ihr Dope wegzunehmen oder das Wort „Bulle“ als Beleidigung zu registrieren, konnte ich nie verstehen. Vielleicht habe ich nun endlich eine Antwort gefunden. Aus Räubern wurden Gendarmen. Gendarmen jagen Räuber und jagen dadurch die eigene Lust am Ganoventum. Verdrängen durch ihre Arbeit den gesetzeslosen Teil ihrer selbst, der tief unter der Oberfläche ihres Ichvergraben liegt.
Wie aus dem Nichts reicht mir der Polizist auf einmal meine Papiere und verabschiedet sich mit „OK, alles klar, einen schönen Morgen noch!“ in die Nacht. Danke auch. Wenigstens war ich der Polizei kein Hauptgang. Ich habe mich nie mit ihnen versöhnen können, mit den Herren in Grün, obwohl ich es mir längst abgewöhnt habe, irgendeinen Beruf, den die bürgerliche Gesellschaft gebärt, moralisch verurteilen zu wollen. Außer den Polizeiberuf.
Die Erkenntnis aber, dass auch Polizisten vermutlich nur kleine Ganoven wie du und ich sind, macht mich seitdem froh.
Von Arthur Anna
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1: Namen von der Readaktion geändert
…hoffentlich…
bald. Wenn unser Layouter sich endlich mal dran macht.
Bis es so weit ist, habe wir schon mal drei Sachen aus #14 hierher gestellt, und stellen vielleicht noch ein paar hin, mal sehen.
An die Studenten
Wollt ihr euch jetzt endlich eurer Haut wehren, oder nicht? Oder wollt ihr uns das Schauspiel, dass ihr uns schon im „besetzten“ Hörsaal geboten habt, noch länger bieten?
Habt ihr kein Gefühl dafür, wie sehr ihr euch zu Deppen gemacht habt? Habt ihr nicht so viel Klarsicht und Verstand, um zu begreifen, wie lächerlich eure Aktionen, eure Forderungen, euer ganzes hervorragendes demokratisches Bewusstsein sind, wenn man sie vergleicht mit dem Leben, das ihr führt, und das ihr führen werdet?
Sogar mein Zorn auf eure wahrhaft kindischen Manifestationen beleidigt euch; ist es vielleicht, weil ihr nicht lernen könnt? Ihr fühlt euch in euren besten Absichten böswillig falsch verstanden: habt ihr nie gelernt, dass es auf die gute Absicht nicht ankommt, und könnt ihr nicht erfassen, was abzüglich der guten Absicht, die ich euch nicht abnehme, von euren Aktionen übrigbleibt?
Einen Hörsaal „besetzt“ man nicht so, wie ihr es tut. Etwas zu besetzen, was einem nicht gehört, ist ein bisschen schwieriger. Manche wissen das, ihr nicht. Ihr wolltet gerne etwas wichtiger und radikaler aussehen, als ihr zu sein glaubtet. Gleichzeitig habt ihr euch darauf verlassen, dass ihr harmlos genug seid, um nicht wirklich rausgeworfen zu werden. Das falsche Spiel ging nicht gut auf.
Ihr habt es nicht drauf ankommen lassen. War es euch etwa gar nicht ernst? Euer leisetreterisches Geheule um den Dialog mit dem Herrn Präsidenten zeigt mir, dass ihr ganz einfach nur ernst genommen werden wolltet. Weil ihr nicht begriffen habt, dass ihr nicht ernst genommen werden könnt. Es gibt nämlich keinen Grund, warum jemand einen Studenten ernst nehmen sollte.
Studenten sind fleissig, eifrig, nehmen unglaubliche Entbehrungen hin, verheimlichen ihre Depressionen und setzen sich ein Gesicht auf, als ob sie glücklich und voller Mut und Dankbarkeit ihrer Zukunft entgegensehen, die doch sicher – darauf vertrauen sie ganz fest – nur Gutes für sie bereithält, denn sind sie nicht die Auserkorenen ihrer Nation? Sind sie nicht, wenn nicht die Besten der Besten, so doch der Produktionsfaktor der Zukunft? Hat das nicht der Bundespräsident versichert? Glaubt man ihm etwa nicht?
So benimmt sich ein Mensch, dem man alles einreden kann. Und das tut man auch. Alle Welt lacht über die Studenten. Und ihr wolltet ernst genommen werden, solange ihr noch die Rolle von Studenten spielt? Solange ihr es tut, werdet ihr die Hand nicht beissen, die euch füttert. Bevor ihr nicht aufhört, Studenten zu sein, wird euch niemand ernst nehmen. Aber niemals wird ein Student den Schlauch kappen, aus dem er die Bedeutung zieht, die seinem objektiv elenden Leben allein einen Sinn gibt. Denn irgendwozu muss das doch alles gut sein.
Eher rebellieren die Katholiken gegen den Papst, als die Studenten gegen die Uni.
Und deswegen werdet ihr euch nach dem, was Uni und Staat euch vorgeben, zu richten haben. „Die Studenten können gegen nichts rebellieren, wenn sie nicht gegen ihre Studien rebellieren“. Wenn ihr das System der Mühsal, für das ihr auch noch Geld zahlt, los werden wollt, müsst ihr es anders anfangen. Solange ihr das nicht tut, werden jedenfalls wir euch im Stich lassen, denn unsere Sache betreibt ihr nicht.
Von Evi Schmitt
An diesem Abend lief ich unter am Fluss vor der Stadt und hing meinen Gedanken nach; ich stand unter den Bäumen, und sah zu, wie es langsam dunkel wurde. Vor mir, über dem Fluss, hing die alte Brücke mit der Autobahn; neben mir, hinter den Bäumen, die Strasse. Hinter mir irgendwo die Stadt.
Die Scheinwerfer der einzelnen Autos verwandelten, von der Bewegung verschmolzen, die Strassen in leuchtende Bänder, die wie Schlangen durch die Gegend liefen; irgendwo vorne im Dunkeln kreuzten sie sich, umwanden sich, mündeten ineinander und teilten sich, und tanzten ein seltsames Ballet.
Das Schauspiel blieb sich zu lange selber gleich, und ich wollte weitergehen, um meine Gedanken zu zerstreuen, aber ich zögerte erst, und dann betrachtete weiter, erst unwillig, dann interessiert die niemals endende Bewegung des Wurmes.
Ich bin so oft selbst entlanggefahren, hier oder anderswo, zur Arbeit oder zurück, die Strassen entlang, die die einzige Verbindung meines zerrissenen Lebens sind, und so oft habe ich mit sehnsüchtigem Blick etwa abseits der Strasse, hier neben dem Fluss, das grüne und gelbe Gras im Wind wehen sehen, unter den schattigen Bäumen, und das Wasser, das in der Sonne um die Steine glitzerte. Und wie oft habe ich gewünscht, ich wäre dort, und nicht da, wo ich herkomme, oder wo ich hingehe. Und nie war ich dort.
Jetzt stand ich an einem ganz ähnlichen Ort und sah den Leuten zu, denen es vielleicht gerade genauso ging. Was dachten sie wohl gerade? Wohin gingen sie, woher kamen sie, warum passierte das alles?
Und ich sah dem stählernen Tanz weiter zu, der wie sich zu den Schlägen eines unsichtbaren Taktstockes blind weiter bewegte, manchmal rascher, manchmal stockend und stossweise. Was trieb diese gespenstische Maschine an?
In den Autos, wusste ich, sassen Menschen, die zur Arbeit oder von der Arbeit heim fuhren; in den Lkw Waren, die zum Verkauf oder zur Produktion fuhren. Eine gigantische rollende Lagerhalle für Industrie und Handel, pulsierend unter einem rauchigen orangenen Nachthimmel. Und zum Verkauf oder zur Produktion fuhren auch die Menschen. Oder nach Hause.
Wie Batterien, wie Leergut, das gefüllt werden muss, und alles, was sie ihr Leben nennen, ist nur das Auffüllen. Und morgend früh werden sie wieder zur Arbeit fahren, fast wie freiwillig, aus eigenem Antrieb, und werden glauben, sie seien das selbst, was das Auto fährt; dabei ist es nur eine Ware. Die sind sie selbst.
Dinge, und Menschen, und die Menschen sind auch Dinge. Sie zirkulieren, auf dem Markt. Sie haben alle ihre Wünsche und Träume, und wollen vielleicht, dass es anders ist, und alles ist ihnen sehr persönlich, was sie tun, aber in Wirklichkeit interessiert nicht,was sie wollen, sondern was sie müssen. Und es ist, wie wenn ein Schleier vor mir zerreisst, und kreischend erscheint die Wirklichkeit vor mir.
Der unfassbar riesenhafte Kreislauf pulsiert vor mir wie das Blut in den Adern eines gigantischen Ungeheuers, von dessen Willen alleine bestimmt; ich sehe, wie er sich aus den Strassen, den Ansiedlungen, den bewohnten Häusern, aus dem Fluss und den Bergen, aus der Stadt und den anderen Städten zusammensetzt, wie vor meinen Augen; ein riesenhafter organischer Leib, der die ganze Wirklichkeit in sich begreift, aus allen ihren Bewegungen besteht; er ist um uns, und wir sind in ihm, nur ein Teil von ihm; alles Land um mich ist, als ob es sich zu seiner Gestalt wölbt; höher als die Berge, ich sehe, wie er sich vor dem Nachthimmel erhebt; ich schreie vor Furcht, ich begreife mit Entsetzen, was vor mir geschieht: ich sehe den grossen Leviathan, in seiner wahren Gestalt. — Ich sehe ihn, ich kann ihn sehen, seht ihr ihn denn nicht? Sieht es niemand? Packt niemanden das Grauen, vor der Bestie, dem grossen Drachen? Ich sehe, wie er sich bewegt, ich höre ihn zischen! ---
Zu Hilfe! Zu Hilfe! Der Absolute ist hier! —
Als das Entsetzen über das, was ich begriffen habe, nachlässt, bin ich schon wieder auf dem Weg in Richtung Stadt, aus allen Kräften rennend: nur weg von diesem Ort, nur schnell weiter, schnell.
Der Hype heißt (noch) nicht Phase 3. Trotzdem hier eine kleine Antifadebatte….
(So Gott will, wird der Hype 14 bald erscheinen. Da ich sehr ungeduldig bin, werde ich jetzt ein paar Texte aus dem Hype 14 hochstellen. So.)
Im Hype Nr. 11 formulierte ich einige Thesen über Scheitern, Konsequenz und Gebrauchswert des Autonomen Antifaschismus, die aber bisher nicht online gestellt wurden. Hier wird auf einige der Thesen geantwortet, was auch im Hype 14 nachzulesen sein wird. Wenn ich Lust darauf habe, werde ich im Hype 15 eine Antwort formulieren.
Anbei der Text über den Autonomen Antifaschismus aus der #11:
Thesen über Scheitern, Konsequenz und Gebrauchswert des Autonomen Antifaschismus
Totgesagte leben länger: Weder durch die rot-grüne Institutionalisierung des Antifaschismus ab 2000 noch durch die Spaltung der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite (AA/BO) scheint das Konzept der Autonomen Antifa als letztes popkulturelles Phänomen der radikalen Linken für Jugendliche seine Bedeutung verloren zu haben. Die folgenden Thesen sind eher an diejenigen gerichtet, die sich im Antifa-Umfeld bewegten und bewegen. Diskussionen über das Für und Wider des Konzeptes Autonome Antifa veranlassten mich, diese niederzuschreiben, um vielleicht auch in anderen Kreisen Debatten anzustoßen oder wenigstens, um ein paar Dogmatiker zu ärgern.
1.Das Konzept der Autonomen Antifa als Nachhall der autonomen Bewegung hat sich selbst ad absurdum geführt. Nicht die Vollendung der linken Staatswerdung durch die rot-grüne Regierung und die damit einhergehende Institutionalisierung des Antifaschismus, sondern die Unfähigkeit, Rassismus, Faschismus und insbesondere offenen und strukturellen Antisemitismus nicht als pathologische, sondern als aus dem Wesen der deutschen Gesellschaft selbst hervor kommende Erscheinungen zu begreifen, nimmt dem Autonomen Antifaschismus seinen Gebrauchswert als eines der letzten Milieus, in dem der Gedanke der Überwindung des Staates hauste und haust.
2.Das Zerbrechen der bundesweiten Organisationsversuche, insbesondere in Form der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Aktion (AA/BO), und die Konfliktlinie des Nahost-Konfliktes führten dazu, dass es heute nicht mehr möglich ist, von der Antifaschistischen Bewegung als Ganzes zu sprechen, geschweige denn, diese begrifflich zu fassen. Alle Versuche, den Begriff „Antifa“ als Kitt zu verwenden, um die Bewegung als Ganzes zu mobilisieren, ist lediglich der Versuch, die legitimen Brüche und Gedankengänge der radikalen Linken glattzubügeln und eine diffuse antifaschistische Bewegungslinke auf dem theoretischen Stand von 1989/90/91 zu erschaffen.
3.In Gegenden ohne offensiv in Erscheinung tretende Nazi-Szene ist das Label Antifa kaum mehr als eine Beschäftigungstherapie für gelangweilte Jugendliche. Antifa-Recherche und antifaschistischer Lifestyle in Form bestimmter jugendkultureller Symbolsprache haben natürlich in Regionen mit einer festen Neonazis-Struktur ihre Berechtigung. In gewisser Weise drückt sie aber in Gegenden ohne rechtsradikale Szene die Unfähigkeit der Antifas aus, eine radikale Kritik an der gesellschaftlichen Gesamtheit zu artikulieren. Durch die Fixierung auf den Feind Neonazismus meint man, ein klar auszumachendes Subjekt des falschen Ganzen gefunden zu haben, gegen das es zu kämpfen gilt, ohne sich gegen dieses Falsche Ganze selbst zu stellen.
4.Die zahlreichen Neugründungen von Antifa-Gruppen haben wenig mit einem neuerlichen Revival des klassischen Konzeptes der Autonomen Antifa zutun, sondern zum einen mit der Tatsache, dass aktionistische Jugendliche das Web 2.0. für sich entdeckt haben und es viel leichter geworden ist, durch Internet-Präsens seinen Freundeskreis als eine verfassungsfeindliche Gruppe namens Antifa XY hochzustilisieren, zum anderen mit der Kult-Werdung des Konzeptes Antifa und einem damit verbundenen ästhetisierten Militanzfetisch, der als bloße Drohung im Raum steht und sich somit zum Kitsch geriert.
5.Was Fragen von Geschlechterverhältnis und Sexismus angeht, ist der Autonome Antifaschismus sogar hinter die Autonomen der 80er zurückgefallen. Die Antifa blieb ein heterosexuelles Männerphänomen. Aus der vermeintlichen Präsenz von Stärke gegen die Neonaziszene wurde und wird nicht selten ein Fetisch von proletenhafter Virilität, und in Verbindung mit Alkohol wird aus Antifa-Freundeskreisen oftmals nichts anderes als ein aggressiver Männerbund.
6.Mit der Krise der Wertverwertung, besonders deutlich durch die dritte industrielle Revolution, verschwand nicht nur die klassische fordistische Arbeiterklasse als vermeintliches revolutionäres Subjekt der StaatskommunistInnen, sondern es verflüchtigte sich auch das links-bürgerliche Milieu samt seiner Lebensweise, aus dem ein Großteil der AntifaschistInnen stammen. Ob bewusst oder unbewusst, so stellen bestimmte „Ideale“, die in der Antifaschistischen Bewegung hochgehalten werden, nichts anderes dar als eine bürgerliche Krisenideologie, nichts anderes als den Versuch, das kleinbürgerliche Idyll gegen die aktuelle ökonomische Realität zu verteidigen, statt beide als Kehrseite der kapitalistischen Medaille zu betrachten. Beispielhaft seien zum einen der Versuch der meisten Antifas genannt, an der Universität Fuß zu fassen oder LehrerIn zu werden und somit fleißig am eigenen Hineinwachsen in den Staat zu arbeiten , zum anderen die Verteidigung der eheähnlichen bürgerlichen Zweierbeziehung und die damit einhergehende Ablehnung andere Formen von Sexualität, im schlimmsten Fall die pauschale Bezeichnung derer als sexistisch.
7.Wer sich heute noch autonomeR AntifaschistIn nennt, muss sich spätestens seit den Brüchen von 2000 bis 2003 bewusst sein, dass der Ausspruch „dieser Ort ist bunt!“ nichts anderes ist als der Schutzreflex der Heimatidentität, deren Klima den (Neo-)Faschismus selbst hervorgebracht hat. Im dem Moment, in dem sich auch Antifa-Gruppen an die Seite einer bürgerlichen Protestkundgebung stellen, die behauptet, die Region sei bunt, spricht sie zur Erhaltung der Kaffharmonie eine offene Lüge aus, noch mehr: Sie macht sich selbst zum Teil des gesellschaftlichen Klimas, aus dem heraus der Nationalsozialismus und Neonazismus entstanden.
8.Jede Gruppe, die sich in irgendeiner Weise antifaschistisch definiert und sich auf den Autonomen Antifaschismus bezieht, müsste die Kritik an strukturellem Antisemitismus und an Antizionismus mit einschließen, nicht ohne den Bruch mit jenen Linken, die den Kapitalismus auf der Grundlage von Verkürzungen kritisieren, die leicht an antisemitische Denkmuster andocken, zu scheuen. Die Unfähigkeit, das Gros der Bewegungslinken zu verlassen, hat viel dazu beigetragen, dass man die meisten Antifa-Gruppen als eine Art von militantem Arm des sozialdemokratischen Antifaschismus bezeichnen kann.
9.Genauso wie viele die kommunistische Kritik teilen, ohne sich mit den Überbleibseln des Staatsmarxismus als Bewegung zu identifizieren, müssen AntifaschistInnen fähig sein, den Kitt mit Namen „Antifaschistische Bewegung“, der nichts zu bieten hat als die Erinnerung an die 90er Jahre und der längst die historische Relevanz für KritikerInnen verloren hat, aufzukündigen. Einfach und allein aus dem Grund, um auf der Grundlage einer radikalen Kritik an den Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft wie Wert, Nation, Staat und Arbeit, die bereits im Autonomen Antifaschismus, aber in unklarer Form, enthalten war, das Projekt der Emanzipation voran zu treiben, statt Staat machen zu wollen.
Yvonne Hegel
Capitalism cannot solve the problem of our existence. What has transpired is neither poor management by benevolent policy-makers nor the unchecked greed of so many bad men. Rather, it is the inevitable manifestation of a fundamental insolvency. We are not interested in how to manage the crisis, nor do we care whose fault it is, nor can we accept any partial solutions. There is no solution without removing the contradiction at the heart of the crisis. From the point of view of those in power, resolving the contradiction would require learning how to dehumanize humans – to fully mechanize and atomize production and the producers themselves. From our perspective, overcoming the contradiction requires not only making education free, but overcoming capitalist relations as a whole. We cannot solve the crisis within the current system because we are the crisis of the current system.
Aus einer Kritik der studentischen Proteste in Californien 2010. Kann man mal sehen.
„Wir sind der Meinung, dass in der Würzburger Altstadt seit einiger Zeit eine Unkultur des Lärms, der Verschmutzung und der Verrohung Platz greift.“ (Bürgerinitiative Würzburger Altstadt)
„Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.“ (Hunter S. Heumann, Grillanzünder ausverkauft)
Mich plagten Magenbeschwerden an diesem trägen Dienstagabend. Doch das Grummeln und Murren, dass unter den Bürgern dieser Stadt ausgebrochen war, übertraf das Wehklagen meines Verdauungsorgans bei Weitem. Eine Welle der Empörung über lärmende Jugendliche, urinierende Studenten und kotzende Marienkäfer war unter dem Plebs ausgebrochen. Und ausgerechnet heute, zum Termin dieser unterhaltsamen Versammlung in Rathaus, wollte ich mein Essen auch am liebsten wieder heraus brechen. Ganz tapfer schleppte ich mich dennoch in den Ratssaal, um der Aussprache über den „Zielkonflikt“ zwischen Gastronomie und Anwohnern der Innenstadt beizuwohnen, zu der der Herr Oberbürgermeister geladen hatte.
Die Ankunft im Ratssaal entpuppte sich als herbe Enttäuschung: Keine Lachshäppchen, kein Frankenwein, keine weichen Sessel mit Massagefunktion. Und keine Begrüßung mit Handschlag durch Herrn Rosenthal oder wenigstens durch irgendeine B-Prominenz der Linkspartei. Und die Kollegen der Presse saßen bereits weich in ihren Sesseln, ohne dass sie mir einen Platz vorgewärmt hätten. Na gut. Gezwungenermaßen nahm ich also auf der Empore Platz. Beim Blick in die Runde erblickte ich recht wenige sympathische Gesichter, zu denen ich mich gesellen wollte. Überall bedrohlich wirkende Würzburger, in deren Gesichtern der Zorn mehrerer Jahrhunderte Unterfranken gezeichnet stand. Das sympathischste Eck befand sich rechts des Rednerpultes. Hier roch es nach Tabak und Schweinsbraten. Die Männer hatten dicke Bäuche und wilde Bärte. Ohne Zweifel: Hier mussten die Wirte sitzen. Ich ließ mich nieder.
Im Vorfeld stellte ich mir die Versammlung wie folgt vor: Gastronomen und die Bürgerinitiative Würzburger Altstadt würden sich anschreien, ein kurzes Handgemenge, am Ende würde sich Bernd Mars zur Volkstribunen ausrufen lassen und das wehrhafte Bürgertum mit Waffen ausstatten. Es kam ganz anders. Herr Oberbürgermeister Rosenthal ergriff das Wort. Unter anderen Themen, die mich nicht weiter interessierten, gehe es heute über den „Zielkonflikt“ Wohnen vs. Gastronomie. Rosenthals Stimme klang sanft, aber bestimmt. Dabei immer sichtlich bemüht, die aufgebrachten Menschen zu beruhigen. Ob der Bürgermeister ebenso wie ich fürchtete, dass der Plebs heute nacht noch zu einem brandschatzenden Mob werde, der Imbissbuden plündere und Tankstellen, die noch immer Branntwein verkauften, abfackele? Ich weiß es nicht. „Es ist nicht so, dass die Stadtverwaltung nicht handelt.“ Man habe ein engmaschiges Informationsnetz gebildet, jeder Vorfall werde dem Ordnungsreferat mitgeteilt. Mein Magen rumorte. Sollte das Ordnungsreferat schon morgen früh wissen, wohin ich mein Mittagessen gespuckt haben werde? Ein furchterregender Gedanke, wahrlich. Und dann entpuppte sich Rosenthal als ein Mann der politischen Visionen, die doch in einer Zeit, in der viel geredet, aber nichts gesagt wird, so fehlen. Es werde immer Zielkonflikte geben, wir müssten aber „ein anderes Miteinander organisieren“ in dieser Stadt. We need a change. Ein neues Bewusstsein. Rosenthal: Wird er als Mann der großen Utopien Würzburg, vielleicht aber auch die deutsche Sozialdemokratie, erretten?
Nun sprach Ordnungsreferent Kleiner. Die schwarzen Schafe in der Gastronomie seien bekannt. Man werde die Kontrollen verstärken. Und noch mehr: die Wirte scheinen unter Bewährung zu stehen. Denn in den nächsten Wochen stünde die Gastronomie unter besonderer Beobachtung, gegen jede Störung würden rechtliche Schritte unternommen werden. Ein Würzburg mit noch mehr Kontrollen? Wie viele Polizisten und Ordnungsdienste will man denn noch zu Tode langweilen? Ich malte mir kurz aus, wie eine Bürgerwehr des Schreckens in den Straßen patrouilliert, mir mit einer Peitsche das Pils aus der Hand schlägt und mich zum Lachen in eigens dafür eingerichtete Keller schickt.
Als nächstes sprach Polizeidirektor Ehmann und legte die schockierende Statistik auf den Tisch: Im Vergleich zu 2008 gab es 48 Ruhestörungen mehr! 48! Und dass in einem Jahr ohne Fußballweltmeisterschaft! Ich kenne Menschen, die in einer Nacht 48 Ruhestörungen verursachen könnten. Ganz alleine und ohne Mittäter. Vielleicht sollte ich meinen Freundeskreis wechseln. Aber das ist eine andere Geschichte. Als Herr Ehmann ankündigte, man werde in Zukunft vermehrt Fußstreifen einsetzen, setzte zum ersten Male an diesem Abend ein spontaner Applaus ein. „Wir wollen berittene Polizei!“, fauchte ein Mann neben mir. Wo, zur Hölle, saß ich hier? Die Menge wirkte auf mich immer furchteinflößender, morastiger, blutrünstiger. Hier und da vollzogen sich spontane Wutausbrüche. Eine Frau mittleren Alters mit einer an sich schönen Handtasche stotterte etwas, von dem ich lediglich „Studenten“ und „Frechheit!“ verstand. Eine bedrohliche Situation. Zum Glück war ich kein Student, sondern freier Journalist und PSI-Forscher, aber würde mir das der Mob glauben?
Endlich begann der vielversprechendste Teil der Versammlung: die Wortmeldungen des Publikums. Für einen erlebnisorientierten Jugendlichen wie mich waren diese eine herbe Enttäuschung. Kein Geschrei, keine Prügelei und verdammt noch mal keine Lachshäppchen. Wobei ich auch froh sein kann, dass es so ruhig blieb: Wer weiß was passiert wäre, wenn die Stimmung in Saal umgekippt wäre? Vielleicht hätten mich schlaflose Bürger als potentiellen Ruhestörer ausgemacht, mich in ihre mittelalterlichen Keller gezerrt und mich dort mit glühenden Eisenstangen bearbeitet? Zurück zum Thema: Nach einigen eher unwesentlichen Wortmeldungen ergriff endlich eine Person das Wort, deren Tonfall auch endlich so hysterisch klang wie die Wortwahl der Bürgerinitiative. „Ham sie schon mal den Inneren Graben gesehen?“ fragt Frau R. „Es ist furchtbar!“ Sie klagt über Müll und Ratten. Eine Frau, die den Würzburgern anscheinend aus der Seele spricht. Und wieder ertönt dieser spontane Applaus, der mit Angst machte. Große politische Visionen können Zorn in Zuversicht verwandeln. Und Hass in Liebe. Daher spricht Herr Rosenthal auch hier vom Change. Vom neuen Bewusstsein, dass uns alle betrifft. „Jeder kehrt vor seiner eigenen Haustüre.“ Jeder ist mitverantwortlich, dass die Straßen sauber bleiben. Yes, Wü can!
(Im Übrigen: Yes-Wü-Can-T-Shirts gibt es für „saugünstige“ 14.50 € beim Udo an der Theke. Aber das ist ein anderes Thema)
Was darf bei keiner Diskussion, die die deutsche Volksseele betrifft, fehlen? Richtig erraten, die Junge Union! Peter Schlecht ergriff das Wort für diese. Als erstes forderte er statt einer Verlängerung der Sperrzeiten mehr Toilettenhäuschen und Mülltonnen. Löblich. Ich fordere dagegen Spätsupermärkte, Gewalterlebniszonen und mehr Kneipen mit durchgehend warmer Küche. In der Welt, wie sie sich Peter Schlecht vorstellt, herrscht Ordnung: Er wohne schon sehr lange in der Innenstadt. Aber er sei nicht ein einziges Mal in der Innenstadt kontrolliert worden. Hat er das wirklich gerade gesagt? Eine als Aussage getarnte Forderung, ohne erkennbaren Grund des Nachts kontrolliert zu werden? Die Welt, die sich Peter Schlecht im Kopf ausmalt: ich wage nicht einmal zu erahnen, was da so in den Träumen der jungen Politikanten vorgeht. Und dann kam sie doch tatsächlich noch, die Forderung, dass private Bürgerdienste zum Wohle der Ordnung eingesetzt werden. Die Bürgerwehr also. „Ich habe die schönsten Momente nachts erlebt“, schloss Herr Schlecht seine Rede. Auch ich habe die schönsten Momente nachts erlebt. Aber zum Glück ohne die Bürgerwehr. Und ohne Peter Schlecht.
Eine tiefe, sonore Stimme erschütterte meinen Magen. Er sprach: Bernd Mars. Von der Bürgerinitiative Würzburger Altstadt (BIWA), der Hüterin von Zucht und Ordnung, der Rächerin der Entrechteten. Würde Bernd Mars nun seine Kandidatur zum Bürgermeisteramt bekanntgeben und getragen von einer Welle des Applaus‘ die Rebellion des Volkes ausrufen? Es kam anders. Herr Mars bemühte nicht das Jargon der Bildzeitung, dass die BIWA bisher an den Tag gelegt hatte. Konkrete Forderungen wurden dargelegt: Er wolle keine Disko am alten Kranen, sondern einen runden Tisch wie in Heidelberg. Was auch immer dieser runde Tisch in Heidelberg sein mag. Doch Herr Mars ist nicht nur ein Aktivbürger, sondern auch ein Mahner, das moralische Gewissen dieser Stadt. Es handele sich um ein gesellschaftliches Problem. Das Problem seien die jungen Leute, die „Vorglühen“, und „Party haben wollen“. Es gelte die Missstände auszumerzen, schloss Herr Mars seine Rede. Ein kalter Schauer fuhr mir über den Rücken. Wenn zornige Bürger vom Ausmerzen reden, fürchte ich das Schlimmste. Was oder gar wer soll hier ausgemerzt werden, und wie? Diese Frage lässt Herr Mars offen. Die BIWA- sie wird uns noch das Fürchten lehren.
Dann war das Schauspiel irgendwann zu Ende. Sperrzeiten, Diskolizenzen, Fußstreifen, Bürgerwehr. Irgendetwas bedrohliches vollzieht sich in dieser Stadt. Irgendetwas unheilvolles geht in Würzburg vor. Es wird nicht nur mir Magenschmerzen bereiten. Guten Appetit!
Hunter S. Heumann
Als Vorgeschmack auf die Printausgabe #14 finden sie hier bereits das Intro der Ausgabe. So in einer Woche liegt der Hype dann an den (un)bekannten Stellen aus.
Intro Nr. 14
Ein dreifaches Oi und herzlich willkommen zur Schneeglöckchenausgabe des Letzten Hypes. Seit unserer letzten Ausgabe ist in Würzburg bestimmt sehr viel passiert. Nur werden sie hier nichts davon lesen. Und auch wenn noch so viele StudentInnen „Würzburg brennt!“ rufen: Ein Feuer habe ich noch nicht gesehen.
„Gähnende Langeweile, dies ist der Boden, auf dem Punkrock entstand!“ Ein Zitat, das ich irgend woher aufgeschnappt habe. Ich bin mir aber sicher, dass auf dem Boden der gähnenden Langeweile auch die Meerscheinchenzucht entstanden ist. Mit Schlonzo dem Geachteten in einem Hasenkostüm und einer ungenierten Schwäbin machte ich mich doch im Herbst tatsächlich nach Veitshöchheim auf, um eine Meerschweinchenschau zu besuchen. Fragen sie mich nicht warum, höchstwahrscheinlich wegen dieser gähnenden Langeweile. Ich habe mich nie für Meerschweinchen interessiert, und tue es auch jetzt nicht. Wie verdammt noch mal kann es sein, dass ich bei einer Tombola, in der die Gewinnchance angeblich 50/50 beträgt, fünf mal hintereinander die Niete ziehe? Wenigstens habe ich dann beim sechsten Male einen Schwimmreifen gewonnen. Wussten sie eigentlich, dass Meerschweinchen einen Stopfdarm besitzen? Sie müssen ununterbrochen Fressen, und wenn einmal das Futter ausbleibt, dann bilden sich Blähungen, die über Tage anhalten und sehr schmerzhaft für die Tierchen sind. Ich stelle mir das so vor wie eine Überdosis Sojasteaks im menschlichen Magen. Oder in meinem zumindest. Bei dieser Ausstellung hing auch ein Grußwort des Bürgermeisters, der davon berichtete, dass Touristen sich an den Gardasee erinnert fühlen, wenn sie in Veitshöchheim am Main spazieren gehen. Ich war zwar noch nie am Gardasee, aber ich glaube jetzt weiß ich, dass ich dort niemals hin will.
Soviel zu den Meerscheinchen. Ein Vogelo hat mir erzählt, dass angeblich Jojo Schulz in Zukunft das AKW-Gelände als Zweigstelle der Posthalle nutzen darf. Wurden da die geheimen Begehren des Jojo S. Am Ende doch noch wahr? Erst brennt man das Dorf nieder, nach dem Bürgerkrieg reitet man auf einem Maulesel wieder in das zerstörte Kaff und will als Held gefeiert werden? Zum Glück wissen noch ein paar Menschen, wer sich da als Retter darstellen wird, und werfen hoffentlich statt Rosenblüten faule Früchte.
Und ich habe nicht die geringste Ahnung, was diese Anekdote mit der kommenden Ausgabe zu tun haben soll. Aber irgendwer muss ja ein Intro schreiben. Also zumindest ich wäre enttäuscht, wenn es keines gäbe. Jörg Finkenberger glaube ich wäre ganz froh, wenn man das Intro weglassen würde. Den Gefallen werde ich ihm nicht tun. Nie!
Für immer Ihr
Hunter S. Heumann
war ich auch nicht.
Ich weiss nicht, wer es war.
Paaret Euch!
Neu:
Jetzt mit 30 % mehr Liebe!
Fürchtet Euch!
Neu:
Jetzt mit 30 % mehr Hass!
Mit Dank an Leo für den Tip:
Kegelkreis Preungesheim und anderer gelehrter Gesellschaften Mitglieder, wer auch immer die Gruppe mit diesem verschrobenem Namen ist, schreibt eine für den Anfang ziemlich ausführliche Kritik der Studierendenproteste.
Spaltung, das einzig Vernünftige, nämlich die überfällige Distanzierung von dem infantilen Klamauk, der sich bundesweiter Bildungsprotest nennt, Spaltung also kann er (der letzte linke frankfurter Student) als aktive Handlung gar nicht denken, sie muss ihm als stets gegenwärtige Bedrohung von außen erscheinen. „Und eins sei gesagt: Wir bleiben solidarisch und lassen uns nicht spalten“.
Es ist nur noch peinlich, es ist nicht mehr zum aushalten. Fast jeden Tag „witzige Aktionen“, sie haben wirklich nichts verstanden. Wollt ihr euchjetzt endlich eurer Haut wehren, oder wollt ihr es bleiben lassen? Wollt ihr die Tretmühle abschaffen, oder wollt ihr es nicht? Eure Aktionen verraten es: sie hat euch längst abgeschafft.
Sich tot hinlegen („die freie Bildung ist tot!“)! „Free hugs!“ Bildungsmärchen! „BOLOGNAise!“ „Uni räumen!“ FUCK!
Ja, oder nein, zur Uni, zum Fleiss, zur entfremdeten Wissenschaft, zur Arbeitsteilung, zum Standort, zu Deutschland. Und weil ihr zu schwach seid, nein zu sagen, frisst euch euer „ja mit Einschränkungen“ auf, und ihr habt es verdient. Mit dem Teufel wettet man nicht. Und dass ihr zu bekloppt seid, das zu verstehen, das wissen ja wir, aber damit es alle wissen, deswegen habt ihr eure Aktionen.
Wenn man keinen Geschmack hat, und keinen Verstand, aber dafür genug Frohsinn, denn man für „Kreativität“ hält, und wenn man derart stumpf ist, solche Aktionen für „witzig“ zu halten, und derart unbeleckt, solche Kalauer von 1987 für „mal was neues“ – Herrgott, dann soll man es halt machen, aber bitte, bitte, bitte:
: verschont mich damit! Das Gefühl der Fremdpeinlichkeit, und die Scham, solche Trottel wie euch einmal fast, aber auch nur fast, für satisfaktionsfähig gehalten zu haben, bringen mich um.
Auf der anderen Seite: wir alle wissen, dass man solche Anfälle von biederer „Kreativität“ wie diesen auf, wie es unser Hunter S. Heumann ausdrücken würde, einer Arschbacke absitzen kann. In einem halben Jahr ist das vergessen, und ihr furzlangweiligen Existenzen verausgabt euren funkelnden Humor wieder darauf, wo er herkommt, und macht eine witzige Präsentation für eine verschissene Seminararbeit, von der ihr nicht einmal ahnt, dass sie euch eigentlich genausowenig interessiert; weil euch überhaupt nichts interessieren kann. Ihr seid, und bleibt, Studenten, und wollt, zu eurer Schande, auch nichts besseres sein.
Ich erfriere lieber eines Tages unter einer Brücke, als auch nur einen weiteren Tag eine von euch zu sein.
Herzlichst:
Evi Schmitt
Erinnert sich jemand an Herrn Andrej Holm, der monatelang in Untersuchungshaft sass, weil er über google nach Begriffen wie „Gentrifizierung“ recherchiert hatte? Weil er damit verdächtig war, der sog. Militanten Gruppe zuzugehören? Bis der Bundesgerichtshof ihn rausliess, weil gar kein Verdacht bestünde? Was ist denn aus dem geworden?
Nun, der ohnehin für verlegerische Glanzleistungen bekannte VSA-Verlag bringt im Frühjahr wieder mal ein Buch von ihm raus: „Initiativen für ein Recht auf Stadt“. Aus der Leseprobe:
Ein Schwerpunkt liegt auf der neoliberalen Neuordnung des Städtischen. Als ein spannendes Gegenmodell wird die in Virginia (USA) entwickelte Vision eines »kommunalen Sozialismus« vorgestellt – einer von vielen möglichen Wegen, das Recht auf Stadt in die Praxis umzusetzen.
…Die Erfahrungen der städtischen Proteste in der Vergangenheit und in anderen Ländern machen deutlich: Aus den Ansätzen der internationalen »Right to the City«-Bewegungen können Impulse für stadtpolitische Initiativen hierzulande gewonnen werden. Eine Orientierung an möglichst breiten Bündnissen und möglichst vielfältigen Aktionsformen ist dabei das Gebot der Stunde: Eine (Re)Politisierung der Stadtentwicklung ist möglich!
Ein Handbuch für alternative Kommunalpolitik: das ist wohl, sollte man meinen, ein deutlicherer Freispruch vom Vorwurf umstürzlerischer Umtriebe, als es der BGH jemals gekonnt hätte. Weiter so, VSA!
Singt sie da wirklich „I‘m made in Germany“?
Nie wieder Nena.
Wir sind enttäuscht, dass der Präsident heute Abend nicht zum Plenum erscheint und uns die Stellungnahme nicht persönlich (z.B. über email) zukommen ließ. Die Hochschulleitung kann trotz unseres Erachtens ausreichender Vorlaufzeit keine neuen Ergebnisse vorweisen. Andererseits begrüßen wir, dass die Unileitung die Forderungen zur Kenntnis genommen hat und inhaltliche Arbeit auch weiterhin möglich ist.
Igitt.
Das nennt man aber nicht unterwürfig, sondern konstruktiv.
Ich muss mir gerade vorstellen, ob solche Leute generall auf Absagen so reagieren, und irgendwie wird mir dabei schlecht.
Edit:
Fuck!
Die bisherige Kommunikation mit Ihnen, dem Präsidenten der Universität, wurde von uns als wertvoll empfunden.
Quelle
Es ist nicht zu fassen. Was wollen sie denn von diesem Mann?
Einer wissenschaftlichen, endlich einmal echt empirischen, Kritik der Langeweile in Würzburg gelten von jeher unsere Anstrengungen. Eine dankenswerte Unterstützung unserer Theoriearbeit erfuhren wir in der vergangenen Woche durch ein Blättchen aus Hamburg. Eine „Landkarte der Langeweile“ erstellten die Kollegen, wobei sie den Grad der Langeweile interessanterweise anhand der Videotheken-Rate bestimmten: „Die Kraft, die einen in Videotheken treibt, ist die Langeweile“. Wie zu erwarten kommt auch diese Studie zu dem Ergebnis, dass Würzburg die langweiligste Stadt Deutschlands ist: „Ganz vorne liegen Städte, die popkulturell eher unauffällig sind: Würzburg, Fürth, Oldenburg, Hagen, Hamm“.
Hiermit empfehlen wir Euch eine Veranstaltung mit Daniel Kulla zum Thema „1917- Anfang oder Ende des Kommunismus“ am kommenden Mittwoch, den 13.01.2009 um 19 Uhr im Kult.
Genauere Infos gibt es unter
http://infoladenwuerzburg.blogsport.de
und
classless.org
Infotext zur Veranstaltung:
Kommunismus als Schlagwort der allgemeinen Emanzipation – durch Überwindung der Klassengesellschaft und die Herstellung eines gleichen Zugangs zum gesellschaftlichen Reichtum – datiert schon zurück ins 19. Jahrhundert. Die Kommunistischen Parteien hingegen formieren sich unter diesem Namen erst im Jahr 1917 im revolutionären Rußland – und zwar als Vertreter einer ganz bestimmten Interpretation und ganz bestimmter Konsequenzen aus den Ereignissen dieses Jahres.
In einer vergleichenden Betrachtung der sowjetischen, der anarchistischen und der bürgerlich-antikommunistischen Geschichtsschreibung wird zu untersuchen sein, ob sich die KP-Deutung aufrechterhalten läßt und inwiefern sich eine kommunistische Position in derselben Tradition verorten kann. Es wird der Frage nachgegangen, in welchem Maß sich das kommunistische Projekt heute auf historische Positionierungen, äußere Erscheinung und konkrete Politikformen der Kommunistischen Parteien beziehen läßt.
Ist die Distanzierung von der Vergangenheit bequem oder konsequent? Gibt es eine Entscheidung zwischen Kommunismus als Ziel und kommunistischer Bewegung?
Als unser Hunter S. Heumann irgendwann um 2004 das erste mal das Wort „Speziesistenschwein“ benutzte, das er eigens zu dem Zweck erfunden hatte, Tierrechtler zu verwirren (Tip: das Wort ist in sich widersprüchlich), wusste niemand, wie furchtbar ihm dies Geschäft gelingen würde.
Es ist weitergegangen, und es geht immer noch weiter. All zu lange wird es nicht mehr dauern. Ab diesen Sonntag sind die unseren im Iran kein jagbares Wild mehr, sondern stellen selbst dem Jäger nach.
Am Sonntag (Ashura) haben vor allem die mittleren Schichten gekämpft. Die Arbeiterschaft wird es sich mit Interesse angesehen haben. Sie wird ihren Teil beitragen.
Ab jetzt sollte man sich, was den Iran betrifft, offiziell über nichts mehr wundern.
Bis man in Europa aber soweit ist, zu revoltieren, das wird noch eine Weile dauern. Und namentlich die Deutschen werden nie revoltieren, wie uns zur Zeit eindringlich die Studenten vorführen, unter denen noch niemand ausgelacht worden ist, der für sein Land streiten möchte.
Wir hatten das ja schon mal, und es sind tatsächlich immer nur die Studenten, bei denen das Problem auftritt, weil sie so gescheit sind.
Man macht es so:
1. Hirnlosen Kommentar posten
2. Entsetzt feststellen, dass er nicht sofort sichtbar ist, sondern erst freigeschalten werden muss. Nun dämmert es sogar im trostlosesten Studentenhirn: Die haben meinen Beitrag einfach gelöscht! In Sekundenbruchteilen gelesen, und hämisch lachend wegzensiert. Weil wir nichts anderes zu tun haben.
3. Nun muss man unverzüglich grosses Geschrei erheben: „Zensur!“, und dann nichts wie weg.
Das aus historischen Gründen so genannte Auditorium Maximum, ein Hörsaal eher mittlerer Grösse und Güte, in dem hauptsächlich Ökonomen und Juristen verkehren, war u.a. 5 Wochen von Studenten aller Fachrichtungen besetzt, die aus irgendwelchen Gründen geglaubt haben, dieser Hörsaal wäre wegen seiner Nähe zur Innenstadt oder anderen verschollenen Gründen irgenwie besonders gut zum Besetzen.
Sie haben sich erhofft, für ihr Begehr die Öffentlichkeit zu erreichen, und haben gedacht, die wäre wohl eher in der Innenstadt, weil sie ihren Augen nicht trauen, die ihnen sagen, dass nirgendwo weniger „Öffentlichkeit“ ist als in der Innenstadt. Sie haben die Juristen und Ökonomen ertragen, weil ihnen niemand gesagt hat, dass sie auf die verzichten müssen. Sie haben den Minister reden lassen und den Unipräsidenten, und waren sehr froh darüber, weil sie nicht begreifen können, dass es ohne diese Herren besser ist.
Sie haben, in summa, gezeigt, wie es aussieht, wenn Studenten protestieren.
Weil sie nur Studenten sind, die kommen und gehen, haben sie keinerlei Misstrauen in irgend etwas, und sie glauben, sie haben es geschafft, wenn die „Gesellschaft“ auf ihrer Seite steht, der Bairische Rundfunk und das Schweineblatt berichten, und die IG Metall mit wenigen, aber leeren Versprechungen vorbeikommt und Bier mitbringt. (Die IG Metall ist überzeugt, dass zu einer Demo Freibier und Leberkassemmel gehören. Als sie sich angemeldet hat, habt ihr nur vergessen, durchzugeben, für wieviel Leute.)
In diesem Moment, in dem sie alle diese Gratulationen engegennahmen, haben sie sich zum ersten Mal wichtig gefühlt. Sie haben nicht begriffen, dass sie in diesem Moment aufgehört haben, wichtig zu sein. Sie begreifen nicht, und können nicht begreifen (weil sie Studenten sind, die ihre Studien lieben), dass sich eigentlich alle über sie lustig machen.
Hat sich jemand einmal gefragt, warum niemand das Wort „Student“ aussprechen kann, ohne dass es einen ironischen Unterton bekommt? Haben sie sich niemals gefragt, warum alle Leute sich immer einig sind, dass es den Studenten schlecht geht, aber aus dieser „gesellschaftlichen Mehrheit“ nie eine politische Kraft wird?
Sie sind tatsächlich die einzigen, die heute noch auf den Mythos von 1968 hereinfallen, weil sie das für eine Studentenbewegung halten, und sie glauben standhaft, dass irgendjemand ihnen ihre trotzige Pose abnimmt. Aber vom verstehenden Lächeln irgendeines Händlers, wenn er weiss, dass er es mit Studenten zu tun hat, zum verstehenden Lächeln des Ministers, diesen Schluss kriegen sie nicht hin. Natürlich nicht: sie müssten dazu begreifen, dass niemand sie ernst nimmt.
Und warum auch. Sie besetzen Hörsäle und verlangen nicht einmal die Macht an der Uni. Sie verlangen Solidarität von den Arbeitenden, aber bestehen auf ihren Privilegien. Sie protestieren gegen ihre Studienbedingungen und wundern sich, dass es niemanden ernsthaft interessiert: weil sie nie und nimmer gegen ihre Studien protestieren würden, nie und nimmer ein schlechtes Beispiel geben würden, nie und nimmer gerade jetzt in der Krise die Dinge mit einem anderen Mass messen würden als mit dem, mit dem es gemessen wird: nämlich ob es der „Wirtschaft“ gut tut und dem Staat.
Sie mögen ihre Besetzung wiederaufnehmen oder auch nicht, sie haben eine Niederlage erlitten, und die haben sie verdient. Irgendwie interessiert es keinen ausser uns, und ehrlich gesagt nicht einmal uns. Die Studenten haben niemandem etwas mitzuteilen, wenn sie nicht gegen ihre Studien rebellieren. Bis dahin sind sie nur Studenten, und wir kennen niemanden, der das Wort Student ohne ironischen Unterton aussprechen kann.
Anmerkung: Die Einführung des Wortes „Studierende/r“ hat keinen anderen Grund, als diesem Unterton zu entkommen.
Anhang: Als Anhang veröffentlichen wir die Stellungnahme des ak 47, eines Restes des AK Bildungskritik und Systemkritik bei der VV des besetzten Hörsaales.
Jetzt endlich ist die pdf-Version im Netz.
Und zwar deswegen.
Das beste sind die Kommentare.
Du hast recht und mir gerade echt ein schlechtes Gewissen gemacht.
Yvonne
Eure Kolleg/inn/en von den Wirtschaftswissenschaften haben es ja schon vorgeführt. Man macht es so: man betritt Punkt 14.00 Uhr den besetzten Audimax und beschwert sich über die Besetzer, die einen um die wohlverdiente Vorlesung bringen. Das ist brav, so handelt ein guter Untertan.
Ihr habt es irgendwie falsch gemacht, fragt uns nicht, wieso; vielleicht ist es nicht ganz geschickt, wenn die Vorlesung, die man gerade verpasst, gleichzeitig anderswo stattfindet und – noch dazu – man das ganz genau weiss.
Dann sieht man nämlich so aus, wie ihr heute ausgesehen habt: man geht in einen wildfremden Vorlesungssaal und verlangt ultimativ, seine Vorlesung zu bekommen, die man aber gleichzeitig gerade – es gibt leider kein besseres Wort dafür – schwänzt.
Seid ihr im BGB schon bei „Venire contra factum proprium neminem pateat“? Nicht? Kommt noch.
Für immer
euer
letzter hype
Das größte Hindernis der Bewegung hier war, dass sie die demokratische Praxis bei den Mehrheitsentscheidungen auf den Vollversammlungen (…) respektierte und akzeptierte. Da haben Leute, die gegen Blockaden waren, zusammen mit Leuten, die dafür waren, demokratische Entscheidungen treffen wollen. Als ob dies möglich wäre mit Leuten, die eigentlich Feinde sind. Dieser Fakt hat in den letzten zwei Wochen wirklich die Bewegung getötet.
Als mp3. Für die Freund/innen der iranischen Revolte.
The revolution-era classic, whose stirring lyrics epitomize the country’s longstanding struggle for freedom, was originally composed by filmmaker Mansour Tehrani for his 1980 political drama „From Cry to Terror.“ In the film, three old friends cross paths after fifteen years. Hossein has become a drug addict; Davoud is the chauffeur of the head of the martial court; and Reza belongs to an underground armed resistance group. Reza is tasked with assassinating the martial court chief, but is killed by a stray bullet. Davoud is wounded, but manages to escape. And Hossein ends up dying from an overdose. The original version was performed for the movie soundtrack by renowned Shah-era crooner Fereydoon Foroughi (version above).
The song enjoyed a revival during Mohammad Khatami’s presidency, whose election in 1997 marked the birth of the Reform movement. For many Yare Dabestani has become associated with the post-revolutionary generation and the bloody student uprisings of 1999.
After the 2009 elections, Yare Dabestani once more surged to the forefront of public protests, and has been passionately sung by demonstrators on the streets, at expatriate rallies outside of Iran, by student protesters at universities, and recently, even by students at a high school.
یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو، رو تن این تخته سیاه
ترکه ی بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما
دشت بی فرهنگی ما هرزه تموم علفاش
خوب اگه خوب ؛ بد اگه بد ، مرده دلای آدماشدست من و تو باید این پرده ها رو پاره کنه
کی میتونه جز من و تو درد مارو چاره کنه ؟یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما ، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو ، رو تن این تخته سیاه
ترکه بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن مایار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما ، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو ، رو تن این تخته سیاه
ترکه ی بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن مادشت بی فرهنگی ما هرزه تموم علفاش
خوب اگه خوب ؛ بد اگه بد، مرده دلهای آدماش
دست من و تو باید این پرده ها رو پاره کنه
کی میتونه جز من و تو درد مارو چاره کنه ؟
یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما ، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو ، رو تن این تخته سیاه
ترکه ی بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما
My grade-school friend,
You‘re with me at my side
A ruler [wielded] above our heads -
You weep and sigh with me
Engraved on this blackboard
Are your name and mine
Tyranny’s welt on our flesh
Has not faded with time
The fields of our culture
Have grown wild with neglect,
Come the good or the bad -
People’s hearts are now dead
My hand and yours
Must tear down this curtain
Who but you and I
Has power to cure our pain?
und wie treffend:

Weil es wieder einmal so schön aktuell ist, verlinken wir doch gleich mal alles, was wir in zweieinhalb Jahren zu den Studierendenangelegenheiten geschrieben haben. Das älteste zu unterst.
Anmerkungen zum Bildungsstreik, von Yvonne Hegel
Wenn Studenten protestieren, von Evi Schmitt
Das Aktionsbündnis Bildungsstreik als Domteur und Bändiger, von Yvonne Hegel
Der Stumpfsinn der universitären Lehre, von Yvonne Hegel
Nachtrag zu den Stuidengebühren, von Jörg Finkenberger
Nochmal Studi-Sachen, von Jörg Finkenberger
Das Elend der studentischen Politik, von Jörg Finkenberger
Ältere Texte, etwa aus den beiden akw-infos, sind derzeit leider nur schwer greifbar.
Man beachte auch unter Extras den alten Text von Mustafa Khayati von 1966 Über das Elend im studentischen Milieu.
Kommt euch das nicht ein bisschen verdächtig vor, dass da der Uni-Kanzler kommt, und sogar der Minister, und nicht etwa das USK? Dass ihr da evtl. was falsch macht?
Für immer
der letzte hype
So kann man es jedenfalls hier lesen.
Die meinen wohl uns. Naja. Was kann man tun? Nichts.
Auf Anregung meiner eigenen Person verlinke ich hier mal, zur Frage, wie man anderswo Unis besetzt bzw. eben nicht, dieses Interview von FSK Hamburg mit ein paar Leuten, die in Frankreich an den Auseinandersetzungen von 2006 teilgenommen haben.
Diese Auseinandersetzungen 2006 werden vielleicht nicht unbedingt, wie Jörg Finkenberger gerade nach 3 Bier behauptet hat, die letzten in der europäischen Geschichte bleiben, aber wenn, dann wird das nicht an den würzburger Aktivisten liegen, wie ich fürchte. Plus die da interviewt werden, sind nicht gerade solche wie ich, die ja nie was tun, sondern immer nur maulen; sondern Leute, die mal was tun wollten, und deswegen Grund gefunden haben, zu maulen. Nicht zu verwechseln mit mir, die ich nur faul bin. Und eine Klassenverräterin dazu, naja.
Gut, dass es wenigstens die Aktivisten noch gibt.
Evi Schmitt
Man kann den übriggebliebenen BesetzerInnen des Audimax nur wünschen, klüger zu handeln, als gestern Nachmittag: Eine Besetzung ist ein Akt des Ungehorsams, gegen den sich die Mehrheit zur Wehr setzen wird, und vor allem die Mehrheit der StudentInnen.
Wenn man als BesetzerInnen ernst genommen werden will, dann sollte man sich nicht, wie heute geschehen, von WirtschaftswissenschaftlerInnen aus dem Hörsaal vertreiben lassen.
Kuscheln war vorgestern.
und die ersten Beiträge stehen schon lange hier auf der Seite.
Holt euch den heissen Scheiss in der Pissbude eures Vertrauens. Oder, was gleichviel wert ist, lasst es bleiben.
Die Literatur einer Epoche ist Indikator für gesellschaftliche Entwicklungen und Tendenzen, so auch die Neue Sachlichkeit für die Entwicklungen und Tendenzen der Weimarer Republik. Die Neue Sachlichkeit selbst kann auch neuer Realismus in Abgrenzung zum alten genannt werden. Motive waren der „einfache Mann“ und seine Umwelt, die moderne Gesellschaft, es ging um die objektive Darstellung der Realität, die Autoren schwelgten in Begeisterung für den technischen Fortschritt. Die Sprache an die alltägliche angelehnt, sollte einen Zugang zur Literatur und zum kulturellen Leben schaffen, nicht zuletzt um auf Missstände aufmerksam zu machen, als auch die Massen für die Demokratie zu begeistern. Die Autoren fühlten sich in der Tradition der Aufklärung.
Ihr Postulat haben die Schriftsteller – wie die Geschichte bewiesen hat – nicht verwirklichen können. Stattdessen strahlte sie in den ihrer Epoche folgenden Jahren in einem Unheil, das an Einzigartigkeit nicht zu überbieten ist. Es stellen sich Fragen.
Bereits Horkheimer und Adorno haben in ihrem Aufsatz zur Kulturindustrie „das Modell ihrer Kultur: die falsche Identität von Allgemeinem und Besonderen.“ kritisiert. Die beschriebene Aufhebung der Grenzen zwischen Gesellschaft und Individuum spiegelt sich in der Literatur der Neuen Sachlichkeit wider, wo der Mensch entpsychologisiert, entemotionalisiert und in letztendlich entindividualisiert dargestellt worden ist. Als Beweis hierfür sollen an dieser Stelle zwei Figuren kurz in ihrer Darstellung gegenübergestellt werden. Während Prometheus gekettet an einen Felsen die Strafe in vollem Bewusstsein erträgt: „Oh Himmelslicht und flügelschnelles Windewehn! Strömendes Wasser und der Wogeflut des Meeres unzählig Lächeln und Allmutter Erde! Auch die allessehende Sonnenscheibe ruf ich an. Seht an, was ich von Göttern leide, selbst ein Gott!“, fehlt es in Erich Kästners „Fabian“ hingegen jeglicher Dramatik. Der Held springt am Ende in einen Fluss in der Hoffnung einen Jungen zu retten und wie bereits die Überschrift des besagten Kapitel andeutet, ertrinkt er selbst: „Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.“ Die der Darstellungsform zu entnehmende Entemotionalisierung, weißt auf die Entindividualisierung der Menschen dieser Zeit hin.
Wenn die kritischen Theoretiker feststellen, dass „[d]ie Verkümmerung der Vorstellungskraft und Spontaneität des Kulturkonsumenten heute nicht auf psychologische Mechanismen erst reduziert werden [braucht]. Die Produkte selber, allen voran der Tonfilm, lähmen ihrer objektiven Beschaffenheit nach jene Fähigkeiten. Sie sind so angelegt, dass ihre adäquate Auffassung zwar Promptheit, Beobachtungsgabe, Versiertheit erheischt, dass sie aber die denkende Aktivität des Betrachters geradezu verbieten, wenn er nicht vorbeihuschende Fakten versäumen will“, so ist auch der daraus gezogene Schluss nachzuvollziehen: „In Deutschland lag über den heitersten Filmen der Demokratie schon die Kirchhofsruhe der Diktatur.“ Das Zitat bezieht sich zwar nicht auf die Literatur, doch ist die Neue Sachlichkeit für ihre Technikversiertheit, insbesondere im Bezug auf die „neuen“ Medien bekannt, was in diesem Kontext ein dialektisches Verhältnis zwischen der Bewegung, die sich in voltairescher Tradition zu sehen pflegte und der Formen, die sie vergötzt bzw. wählt.
Auch Walter Benjamin weist auf dieses Verhältnis in seinem Vortrag „Der Autor als Produzent“ hin. Zwar nicht in dem Sinne, dass Formen der Neuen Sachlichkeit als gegen aufklärendes Denken arbeitend bezeichnet werden, sondern er stellt das Postulat auf, Autoren, die eine Tendenz verfolgen, also in dem vorliegenden Fall eine emanzipatorische, müssen dem Werk auch die dazugehörige Qualität beifügen. Die Nennung Brechts und seines „epischen Theaters“ dürfte hier ohne weitere Ausführungen den Sachverhalt erhellen.
Es ist davon auszugehen, dass sich viele Schriftsteller im Allgemeinen nicht als Mitglied der Produktionsverhältnisse sehen, sondern als ein davon abgekapseltes Milieu, welches die von den Produktionsverhältnissen konstituierte objektive Ideologie und ihre eigene Stellung in dieser nicht überdenken. Wenn unter diesem Gesichtspunkt der Autor glaubt, an den gesunden Menschenverstand appellieren zu müssen, so ist hier kein revolutionäres, sondern reaktionäres Potenzial am Werk. Brecht prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der „Umfunktionierung“ und postuliert mit ihm, Werke sollten sich nicht durch ihren individuellen Charakter auszeichnen, sondern auf ihren Gehalt hinsichtlich ihres die Verhältnisse umwälzenden Momentes.
Benjamin entlarvt die Neue Sachlichkeit folgendermaßen: „[E]in erheblicher Teil der sogenannten linken Literatur [besaß] gar keine andere gesellschaftliche Funktion, als der politischen Situation immer neue Effekte zur Unterhaltung des Publikums abzugewinnen.“ In diesem Zusammenhang verweist er auf eine von dieser Epoche vorzugsweise gewählten Form, als auch Stil: die Reportage. Durch diese Form wird die Welt ästhetisiert, um sie für das Amusement der Massen durch Massenkultur zu verbreiten. Adorno und Horkheimer konstatieren bezüglich dieses Punktes: „Amusement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus“ und schließen hier an Marx an und schaffen einen Anschlusspunkt für die Situationistische Internationale, die den Arbeitskraft reproduzierenden Gehalt der Freizeit im Kapitalismus erkannten und hier einen Ansatzpunkt ihrer Kritik der Freizeit machten. Die Epoche der Neuen Sachlichkeit mit ihrer Vergötterung der kapitalistischen Freizeit weisen auf die Totalität der Verwertungssphäre hin.
Da Adorno und Horkheimer vertreten, Kunst als Ware bestätige die Wahrnehmungsmuster und stelle den Konsumenten ruhig, sodass letztendlich gesellschaftlichen Verhältnisse bestätigt und bekräftigt werden, postuliert der kritische Theoretiker „von der Literatur Subversion ideologischer Systeme aller Art, was auch bedeutet, dass sie nicht leicht konsumierbar sein dürfe.“
Hand in Hand mit dem Erörterten postulieren die erwähnten Philosophen von einem Kunstwerk das Nichtidentische, was das Nichtinterpretierbare sei, welches permanent „an das Denken appelliert.“ Kunst soll keine Lösungen für Denkprozesse bitten, sondern Aufgaben aufwerfen. Daraus zuschließen ist, dass das Subjekt nicht Objekt der Kulturindustrie sein soll.
Ein Nichtidentisches in einer literarischen Richtung zu finden, ist unmöglich, wenn sich diese zum Ziel gesetzt hat, alles so detailliert, anschaulich, einfach und wahrheitsgetreu zu beschreiben, wie Egon Erwin Kisch, ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit, postuliert: „Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres in der Welt gibt es, als die Zeit in der man lebt.“ Indirekt bringt der Autor eine Ursache für das Unglück der Menschheit auf den Punkt: die Liquidation der Möglichkeit eine Kunst zu schaffen, die kritisches und aufgeklärtes Denken fördert. Die Literatur der Neuen Sachlichkeit ist in ihrer Form ein Aspekt des Siedepunkts der Kulturindustrie im Angesicht der darauf folgenden Barbarei.
„Der Schritt vom Telefon zum Radio hat die Rollen klar geschieden. Liberal ließ jenes den Teilnehmer noch die des Subjekts spielen. Demokratisch macht dieses alle gleichermaßen zu Hörern, um sie autoritär den unter sich gleichen Programmen der Stationen auszuliefern.“ Die Neue Sachlichkeit der Literatur hat zu diesem Prozess ihren Beitrag geleistet.
Schlonzo der Geachtete
1
Ich bin auf der Arbeit und warte auf den Abend, besser noch auf den Freitagabend, denn dann habe ich, wie man es wohl nennt, frei. Dann kann ich gehen, der Druck weicht von mir, langsamer, als es mir gut tut, und, mit weniger Freude als man glauben sollte, gehe ich nach Hause.
Das sind jetzt meine freien Abende, meine freien Tage, wenn ich den allgemeinen Redensarten glauben darf.
Während der Arbeit denke ich ab und zu an meine Freunde draussen, in der Freiheit: was tun sie wohl gerade? Und ich sehe den weichen Regen niedergehen, oder eine feine dünne Sonne strahlen, und kann nicht anders, als sie beneiden.
Dort draussen, in der Freiheit, dort passiert wohl gerade dieses Leben, von dem man mir immer erzählt hat, und das mir wohl, wie es aussieht, verwehrt bleibt.
Ich rechne mein Alter gegen den wahrscheinlichen Zeitpunkt, wann mich diese Maschine mit einem geringen Alterseinkommen wieder freisetzen wird, und erschrecke: dass ich dreissig Jahre die Sonne nicht mehr sehen soll! Ich kann es nicht begreifen, was habe ich verbrochen? Für dreissig Jahre hätte ich, bei den gängigen Tarifen, zweieinhalb Menschen ermorden können, ich aber habe niemandem etwas getan.
2
Nach der Arbeit gehe ich einkaufen, in ein grosses Kaufhaus nahe wo ich wohne, das heisst Kaufland. Ein abscheulicher, sogar irgendwie abstossender Name, aber irgendwie in seiner Verblödung ziemlich ehrlich und mir sofort sympathisch. Etwas weiter entfernt liegt der Wertkauf, da gehe ich noch lieber hin, denn sein Name ist dermassen hirnverbrannt, ein seltenes Beispiel eines tautologischen, dabei völlig sinnlosen Wortes. Ausserdem erinnert seine Fahne von ferne an die der Hizb Allah. (Die des Spar dagegen an die libanesischen Falangisten.)
Es ist nicht so, dass ich nicht Härte gelernt hätte und Disziplin, und ich habe auch schon ganz andere Dinge gesehen und überstanden; aber es ist mir passiert, dass ich im Kaufhaus haltlos in Tränen ausgebrochen bin, als ich eine Tüte Chips, die nach Basilikum schmecken sollten, in die Hand nahm, und darauf stand: „Ein Stück Lebensfreude“. Vor lauter Wut und Enttäuschung.
Mit einiger Hast raffe ich Waren zusammen und gehe zur Kasse; ich schaue zurück, über eine einförmig bunte Landschaft aus Regalen: der Reichtum in denjenigen Gesellschaften, in denen die kapitalistische Produktionsweise vorherrscht, erscheint als eine ungeheure Anhäufung von Waren; und ich schüttle hilflos den Kopf: Todfeind der Gesellschaft der Ware will ich sein, und ihres Staates, und werde es wohl bleiben müssen, solange Leben in mir ist. Ich ziehe den Kopf ein und laufe eilig weiter ins Dunkle, in den Nieselregen: wie auf der Flucht, in Furcht, man könnte mich erkennen.
Niemand ist mir gefolgt, und als ich dort ankomme, wo ich, wie es heisst, zuhause bin, öffne ich eine Flasche Bier, trinke zwei Schlucke und falle in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
3
Manchmal packt mich ein Gefühl von Ungeduld, es ist manchmal ein düsterer Gram, manchmal eine jubelnde Euforie, und sie treibt mich in die Nacht hinaus. Ich kann dann ganze Nächte durch wandern, von einer Unruhe getrieben, als warte dort irgendetwas auf mich im Dunklen; dann stehe ich auf den Hügeln vor der Stadt und bin selbst das, was im Dunkeln wartet.
Es scheint manchmal, in diesen Nächten, als sei der Bann schon gebrochen, die entsetzliche Verkettung der leeren Hantierungen. Dachte wirklich einmal jemand, dass ausgerechnet die Nächte verwunschen seien, und es dort umgehe? Es muss das böse Gewissen der allzu Betriebsamen gewesen sein; und ich betrachte die Spinne, die im Mondlicht ihr Netz webt: so gut kennen sie ihre grauenvollen verwunschenen Tage, dass sie wenigstens die Nächte fürchten.
Aber auch die Nächte machen die Lüge nicht unwahr, dass diese Welt mir nicht gehört, nur die sie bewachen, schlafen, und die, die noch wachen, kennen meine Pfade nicht; und nass vom Tau kehre ich zurück.
4
Dort draussen, bei meinen Freunden, passiert in Wirklichkeit, wie ich wohl weiss, gar nichts. Es gibt nichts, was ich verpasse; jeden Freitag Abend beeile ich mich, dorthin zu kommen, wo ich sie finde.
Es ist jedesmal wieder ein Schlag. Die Zeit, die mir von der Maschine so qualvoll leer in die Länge gezogen ist, geht dort draussen, in der Freizeit, ebenso leer, nur rasch vorbei; es ist gar nicht Zeit genug, in den kurzen Tagen dazwischen, dass etwas passieren kann, das ich verpassen könnte.
Ich sitze mit ihnen dann, an immer den selben Orten, und wir führen immer dieselben Gespräche; meine Sehnsucht nach ihnen bleibt ungestillt; irgendetwas hält uns alle voneinander fern. Wir können nicht miteinander reden, es sei denn, wir sind betrunken, aber, oh Unglück, dann können wir nicht mehr zuhören.
Es ist keine Freude in dieser Trunkenheit, nicht einmal Flucht, unweigerlich kommt irgendwann eine Traurigkeit, aber wenn wir anfangen, einander unsere tiefsten Gedanken mitzuteilen, finden wir uns leer an Worten dafür; in unserer Not klammern wir uns an zwei drei wie gestanzte Sätze, die wir wie auswendig immer wiederholen, wie als ob uns jemand verstehen sollte, wo wir doch nur unsere eigene Furcht damit bannen.
Wenn wir betrunken sind, gehen wir in die Disco, wo die Musik so laut ist, dass wir uns nicht mehr unterhalten müssen. Früh im Morgenlicht gehen wir nach Hause, einzeln oder zu zweien; den nächsten Tag verschlafen wir, das macht man zweimal so, dann fängt die Arbeit wieder an.
Wenn es die Wochenenden nicht gäbe, man müsste sie erfinden, um zu beweisen, dass es noch ganz anderes zu fürchten und zu hassen gibt als die Arbeit. Wie sollten wir nicht verurteilt sein, unter der Arbeit zu leben, wenn jede Stunde, die wir ohne sie verbringen, beweist, dass wir es nicht können?
5
Am Montagmorgen erwache ich aus dem schlechten Traum der leeren Freizeit in die schrecklichere Leere einer Woche der Arbeit. Manchmal habe ich keine Hoffnung mehr. In den letzten 2 Jahren haben sich 2 gute Freunde umgebracht; ausser meiner Entschlossenheit, mich nicht umbringen zu lassen, und meinem Hass habe ich nichts. Ich bin, fich weiss es, leer; ich habe nicht mehr viel, das ich noch geben könnte; ich erschrecke, wenn ich daran denke, was die Welt aus mir gemacht hat; aber ich bin nicht gewohnt, aufzugeben; und sie werden mich nicht bekommen, weder tot noch lebendig.
Der Tag soll kommen, wo wir wieder auferstehen.
Anti-Rassismus-Demo in Würzburg
Am 05.09. demonstrierten ein paar hundert- vorwiegend linksradikale- Menschen gegen die absolut inakzeptablen Zustände in der Würzburger Flüchtlingsunterkunft. Diese erste angemeldete Linksradikale Demo seit Jahren versuchte, die Flüchtlingsthematik in einen größeren Zusammenhang zu stellen und diesen auch einer breiteren bürgerlichen Öffentlichkeit zu vermitteln. Dazu gilt es, ein paar Anmerkungen zu machen:
1.Die Tatsache, dass die radikale Linke dieses Thema erst aufgreift, nachdem die menschenunwürdigen Bedingungen der Flüchtlinge bundesweit in der Presse thematisiert wurden, wirft ein schlechtes Bild auf die emanzipatorischen Kräfte. Die Taktik, Flüchtlinge am Rande der Stadt wegzusperren, damit sie einfach vergessen werden: Leider ist sie auch bei den Linksradikalen aufgegangen, und das ist- anders kann man es nicht ausdrücken- beschämend.
2.Im Vorfeld der Demonstration zeigte sich ein für alle mal, dass es diese Stadt nicht verdient hat, seine Meinungsäußerung vorher bei der Polizei anzukündigen. Die Polizeiauflagen waren beispiellos repressiv, die Berichterstattung von lokalen Medien lächerlich bis hysterisch.
3.Im Nachhinein stellte das Anarchistische Aktionsbündnis Unterfranken völlig zurecht fest, dass die nächsten Aktionen eventuell nicht mehr angemeldet werden. Warum auch? Inhalte an die WürzburgerInnen vermitteln kann man erst, wenn man eine bürgerliche Organisationsform angenommen hat. Und das will die AAU hoffentlich nicht. Wenn es um die Überwindung der Zumutungen geht, die uns diese Gesellschaftsform präsentiert, sind wir auf uns alleine gestellt.
Das Bleiberecht und der Tod
Zum Kontext der Demonstration gehört auch ein tragischer Todesfall, der sich im August diesen Jahres in Würzburg abgespielt hat: Diersam Djamiel, kurdischer Flüchtling aus Syrien, war engagiert worden, um eine Hochzeitsgesellschaft auf der „Alten Liebe“, dem Würzburger Ausflugsdampfer, zu filmen. Sein Aufenthaltsstatus, wie der von vielen Menschen, die Asyl in Deutschland suchen: Unsicher, immer in Gefahr, nicht mehr verlängert zu werden. Die notwendigen Papiere, in denen ein kleiner Stempel über ein ganzes Menschenschicksal entscheidet, sie sind unvergleichlich mit einem deutschen Personalausweis, den man sein Leben lang auf dem Amt verlängern lassen kann.
In der Mainpost las man nur von einem Unfall eines Nichtschwimmers, der seine Kameraausrüstung aus dem Wasser fischen wollte. Erst durch Spiegel Online erfahren wir, dass nicht die Kameraausrüstung, sondern Diersam Djamiels Papiere ins Wasser fielen. Er wollte seine Papiere, seine Aufenthaltsgenehmigung retten, sprang panisch ins Wasser und bezahlte mit seinem Leben.
Es ist verabscheuenswert, was die kapitalistische Menschenverwaltung ihren Objekten antut.
Die Rechte Ökobewegung in Marktheidenfeld
Am 25. und 26. September traf sich die rechtsökologische Herbert-Gruhl-Gesellschaft in Marktheidenfeld. Herbert Gruhl stand exemplarisch für die Verknüpfung von deutscher Ideologie und Ökologiebewegung. Seine Anthropologie bestand aus einem biologistischen Menschenbild, das folglicherweise auch mit völkischen Ansichten und einer panischen Angst vor Migration verknüpft war. Kein Wunder also, dass er auch in einschlägigen rechten Zeitschriften wie Nation&Europa oder der Jungen Freiheit publizierte. Die Gralshüter seines Wirkens vergeben jährlich den Herbert-Gruhl-Preis, der u.a. bereits an Robert Spaemann, Philosoph, rechter Abtreibungsgegner und- wie sollte es anders sein- Junge Freiheit Unterstützer, vergeben wurde. Die Referate auf der Tagung boten alles, was das Herz eines völkischen Ökologen begehrt: ein bisschen Lebensschutz (Rainer Klawki: „Ungeborenenschutz“), ein bisschen Heimatschutz (Volker Kempf: „Kulturverfall und Umweltschutz“) und selbstverständlich esoterischer Humbug (Petter Arras: „Über die psychischen Ursachen des paradoxen Verhältnisses des Menschen zu ihren Mitlebewesen“).
Antifa, where have you been?
Hartmut Feuerteufel (48) bestreitet Vorwürfe
Als unschuldige Autos im Juli diesen Jahres von einem Mann namens Feuerteufel heimgesucht wurden, entschied ich mich, für meine Recherche tief in das Milieu einzutauchen, das sie die Zellerau nennen. Ich nahm eine neue Identität an und zog zwei Monate in das Herzen eines von inneren Widersprüchen zerrissenen, nach lodernden Brandbeschleunigern riechenden Stadtteils. Welche Motive und Schallplatten besitzt der Täter? Warum brannten bisher nur Mülltonnen, aber noch nie ein Altkleidercontainer? Wer ist der Mann, der mir gegenüber auf der Couch sitzt und was gibt es morgen zum Mittagessen? Das alles sind Fragen, die mich überhaupt nicht interessieren und deren Antworten sie in diesem Artikel vergeblich suchen werden. Mein Interesse galt einzig und alleine der 2000-€-Belohnung, die mir die Polizei schenken würde, wenn ich zur Ergreifung des Täters beitrüge.
Zellerauer Plunder, entkoffeinierter Kaffee, eine geblühmelte Tischdecke, die ihre besten Tage hinter sich hat. Ich sitze in Roswitha Murgelhofers Esszimmer, zu dem ich mir mit Hilfe des Enkeltricks Zutritt verschafft habe. Frau Murgelhofer ist an die 80 Jahre alt, eine kleine, hagere Dame. Ihr Kleid sieht ihrer Tischdecke täuschend ähnlich und sie riecht aus dem Mund. Aber das ist eher unwichtig. Seit 80 Jahren lebt sie in der Zellerau, seit 80 Jahren glotzt sie aus dem selben verdammten Fenster. Wenn jemand weiß, wie der Feuerteufel aussieht, dann sie. Die sympathische Dame erzählt viel, freut sich über einen Besuch ihres Enkels- ich habe sogar einen Blumenstrauß mitgebracht- und weiß auch über den Brandstifter zu berichten. Da sei manchmal einer nachts unterwegs gewesen- der habe mit Akzent gesprochen und sei wohl auch nicht von hier gewesen. Ich lege Frau Murgelhofer einen Kugelschreiber in ihre tattrigen Händchen und bitte sie, ein Phantombild des Verdächtigen anzufertigen. Als sie nach einer halben Stunde fertig ist, weiß ich, dass das eine Scheißidee war. Ich bedanke mich, lasse mir noch ein paar Stückchen Kuchen einpacken, „leihe“ mir 500 € und ziehe von Dannen.
Nächste Station Dosenbier. In der Tankstelle fallen mir zwei Dinge auf: Zum einen braucht man sehr große Einkaufstüten, wenn man für 500 € dänisches Dosenbier kaufen möchte. Zum anderen sind zwar Instant-Grills vorrätig, die Grillanzünder jedoch sind ausverkauft. Ausverkauft!Verdächtig!! (Lass das mit den ständigen Ausrufezeichen, Trottel!) Hat sich der Täter etwa mit Wunderblitz Grillanzündern bevorratet, um noch mehr unschuldige Kraftfahrzeuge mit in den Tod zu reißen? Etwas verwirrt teilt mir die Dame von der Tanke mit, wie der typische Grillanzünderkäufer in etwa aussieht: Bierbauch, Jogging-Hose, meistens kaufe er sich noch ein paar Bratmaxe. Endlich mit einem Täterprofil im Kopf verlasse ich zufrieden die Tankstelle.
In den folgenden Tagen hänge ich an den einschlägigen Treffpunkten der Zellerauer Jugend ab und stelle mich als neuer Sozialpädagoge vor. Mir wird deshalb, völlig zurecht, stündlich in den Bauch geboxt. Einen Boxenstop legen die Jungs aber sofort ein, als die furchteinflößenden Herren mit Kampfhund und Schneetarnbomberjacke auftauchen. Man habe eine Zellerauer Bürgerwehr gegründet, da es so ja nicht weitergehe, erläutert mir wenig später einer der drei jungen Männer, während die anderen beiden fieberhaft damit beschäftigt sind, böse zu gucken. Einen guten Tipp, wer denn der Feuerteufel sein könnte, können mir die Halbstarken aber auch nicht geben.
Etwas zynisch finde ich es, dass man in einer Metzgerei „Feuerteufeli“ bekommt. Das sind Landjäger, die neben Schweinefleisch und Nitritpökelsalz auch eine gehörige Portion scharfes Paprikapulver enthalten. Noch viel zynischer wird die Angelegenheit, als ich einen fettleibigen Polizisten dabei ertappe, wie er sich mit seinem Landjugendgrinsen eine solche Wurst bestellt, diese an einem Stück in seinen Rachen rammt, einen Schluck Selters trinkt und anschließend „Brand gelöscht“ albert. Sein Kollege und er lachen, wie Polizisten eben lachen.
Ich komme so nicht weiter. Keine heiße Spur, auch nach Wochen nicht. Die Verzweiflung bringt mich sogar soweit, dass ich eines abends mit einem eher weniger schlauen Hippie im Denklerblock sitze, Dosenbier trinke und mir seine Fabeln über Hohlwelten, Naziufos und geheime Weltregierungen anhöre. Plötzlich bringt mich die Vertonung von geistigem Dünnschiss, die unentwegt aus seinem Mund sprudelt, auf eine Idee: Sein Gebrabbel von Menschen, deren Körper einfach verbrennen, ohne erkennbaren Grund, die These von der Spontanen Menschlichen Selbstentzündung (SMS) also, macht mich nachdenklich. Laut SMS-Theorie sei es möglich, dass Menschen einfach so anfangen zu brennen, einfach so nebenbei beim Abendessen zum Beispiel. Wenn die SMS-Theorie war wäre- was sie nicht ist- könnte es dann sein, dass auch Mülltonnen, Autos oder Kruzifixe spontan Lust darauf haben, in Flammen aufzugehen?
Diese Gedanken rauben mir den Schlaf. Eines morgens mache ich mich auf den Weg nach Kulmbach, um den weltbekannten, zurecht unanerkannten Parapsychologen Kasimir von Pützlitz zu besuchen. Von Pützlitz wohnt in einem stattlichen fränkischen Fachwerkhaus, das die besten Tage hinter sich hat und an dessen Westseite das Wort „Karma“ geschrieben steht. Eine nach Patchoulie duftende, in geheimnisvollem Ton flüsternde Frau sitzt im Foyer an einem Couchtisch. Auf dem Tisch: Tarot-Karten, eine Flasche Absinth, ein Streichholzschächtelchen, auf dem „Zünftiges aus Zirndorf“ steht. „Wir haben sie bereits erwartet“, zischt die aufregende Dame in geheimnisvoller Weise und zeigt auf eine Türe hinter sich. In diesem schwach beleuchteten Raum sitzt Kasimir von Pützlitz, welcher ein Gewand aus Kartoffelsackstoff an hat. Auf diesem Gewand steht „vorwiegend festkochend“. Von Pützlitz spricht in einem penetranten schwäbischen Akzent, was mich zum einen verwirrt, zum anderen an Käsespatzen mit Röstzwiebeln erinnert.
Jamjamjam, Käsespatzen mit knusprigen Röstzwiebeln. Ein Gedicht.
Auf die Frage nach der Möglichkeit, dass sich nicht nur Menschen spontan selbst entzünden könnten, sondern auch Gegenstände, muss der langhaarige Parapsycho lange nachdenken. Er muss sogar so lange nachdenken, dass ich kurzzeitig denke er sei eingeschlafen oder gar verstorben. Plötzlich blickt er hastig auf seinen „Astro-Kalender 2009“, sagt mir, dass gerade Jahr des Büffels sei und dass er Schlimmes befürchte. Auch der schiefe Turm von Kitzingen oder das Thomas-Gottschalk-Denkmal in Bamberg seien von Feuerteufel bedroht, wenn nicht eine Kraft erscheine, sie alle zu knechten, sie alle zu finden ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden blablabla. Selbst Frau Murgelhofer oder der Hippie scheinen mir vertrauenswürdiger als dieser schwäbische Scharlatan mit schmutzigen Fingernägeln, jedoch genügt mir für meine Recherche, dass er meiner zweifelhaften These zugestimmt hat.
Zurück in der Zellerau erschrecke ich, als ich den Namen Hartmut Feuerteufel auf einem Klingelschild in der Nähe meiner Wohnung entdecke. Sollte die Lösung so einfach sein? Wohnt hier der Feuerteufel höchstpersönlich? Und bekomme ich jetzt endlich die 2000 €? Was schmeckt besser, Soja oder Seitan? Ich klingele an seiner Türe, mir erscheint ein Mann Ende 40 mit einem stattlichen Schnauzbart und einem Morgenmantel an. „Entschuldigen sie, sind sie der Feuerteufel?“ „Gewiss doch.“ Kann man dies schon als Geständnis werten? Ich bohre weiter nach: „Wissen sie, wer in dieser Stadt jedes Wochenende Brände legt?“ Herr Feuerteufel guckt verdutzt, sein an sich freundliches Wesen zerfällt in Windeseile und seine Mundwinkel werden wie von einem Amboss nach unten gezogen. „Falls sie zu dene Menschn g‘hörn, die wo stündlich bei mir anrufen und die wo Scherzchen mit meinem Namen treiben: Ich ruf des nächste mal die Bolizei!“ schreit er und wirft die Türe zu. Polizei kann er haben, denke ich mir und rufe die Ordnungshüter an, um sie zu Hartmut Feuerteufels Wohnung zu schicken. Doch sie kommt nicht. Nie ist die Polizei da, wenn man sie braucht. Auch auf meine 2000 € warte ich bis heute. Tja. Resigniert verlasse ich die Zellerau. Für immer.
Der Feuerteufel, er lebt noch immer mitten unter uns. Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.
Hunter S. Heumann
Warum den Menschen, die sich über die Schwäche der alternativen Szene beklagen, am stärksten zu misstrauen ist
Was ist eigentlich eine Subkultur? Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.
Kann man eine Subkultur anfassen, kaufen, küssen oder gar morgens ins Müsli kippen? Wer ist mehr Subkultur, Aldi oder Lidl? Gibt es bei Joeys oder bei PizzaBlitz mehr Subkultur für’s Geld? Welche Subkultur bietet mir möglichst viele Frei-SMS bei einer kurzen Mindestvertragslaufzeit?
„Das Eis der (Sub)kultur wird dünner“, schreibt es beim Würzblog, und gemeint ist damit dennoch weder Cornetto noch Minimilk. Aber eigentlich fehlt ein gutes Speiseeis in der Reihe der Dinge, die Ralf Thees zu festen Bestandteilen der Subkultur zählt. Denn scheinbar gehören alle Dinge, die Ralf Thees mag, zum leckeren Potpourri der Subkultur. Über den Wegfall der Programmkinos wird sich beschwert, ebenso wie über den „soziokulturellen Ausnahmeort“ namens Propeller. Soziokulturell, wieder ein Begriff, mit dem jongliert wird, ohne einen Begriff zu besitzen. Die Posthallen,welch subkultureller Ort, werden genannt, denen es die Stadt aber nicht leicht mache. Keine Institution passt besser in Würzblogs Subkultur-Charts als die Posthallen, sitzen dort doch Leute am Ruder, deren Begriff von Subkultur schon zu AKW-Zeiten nach Verwesung roch. Weiter im Text: Schließlich sind auch AKW und Immerhin Teil von Ralf Thees‘ subkulturellen Visionen, und die gibt’s ja jetzt beide nicht mehr. X Ware Kultur ist gleich y Ware Schweinsbraten, alles ist mit allem vergleichbar, wie man längst weiß. Zum Glück hat Bionade letztes Jahr die neue Geschmacksrichtung Quitte eingeführt, und bald kommen ja auch die Kassierer in die Posthallen.
Und am Ende wird auch die Stadt Teil dieser Subkultur. Denn die muss dieser Subkultur ja helfen, weil sie ja auch irgendwie dieser Subkultur verpflichtet sein muss, damit die StudentInnen brav subkulturen können. „Man kann fast den Eindruck bekommen, als wolle die Stadt Würzburg eine kulturberuhigte Zone im weiteren Innenstadtbereich.“ Subkultur- weil Würzburg es sich wert ist. Nicht umsonst schreibt Herr Thees, dass wir keine “Provinz auf Weltniveau” [brauchen], um uns nach Außen lächerlich zu machen, das schaffen wir mit dem derzeitigen Trend an Möglichkeiten der (Sub)Kultur und Nachleben auch so.“ Herr Rosenthal, für das Image dieser schönen Stadt: Man schenke jedem Menschen täglich einen Happen Subkultur!
Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.
Was ist eigentlich eine Subkultur? Für den Würzblog wohl alle Lokalitäten, in denen vor allem 20- 40 jährige verkehren. Je mehr es nötig wird, sich einer nicht vorhandenen Subkultur, oder gar alternativen Szene, zuzuschreiben, desto weniger wird man die Frage wagen, was Subkultur überhaupt bedeutet hat. Sogar Wikipedia weiß, dass der Begriff Subkultur einst Personenzusammenhänge bezeichnete, die sich hinsichtlich zentraler Werte und Normen von der herrschenden Kultur unterschieden haben und sich als Gegenkultur definierten. Heute dient der Begriff wohl eher dazu, sich selbst zu vergewissern, dass man cooler als der Rest ist, noch nicht zum alten Eisen gehört. Er dient der Verdrängung der Tatsache, dass man selbst keine anderen Vorstellungen von gesellschaftlicher Organisation besitzt als die Mühle des Immergleichen. Anders ist es nicht zu erklären, dass man bei jedem beliebigen Begehr die Stadt in Gefahr sieht und ihre Politiker bittet, in die Presche zu springen. Warum organisiert man sich nicht selbst, wie das vielleicht die Freaks, Alternativen und Autonomen der 80iger Jahre getan haben? Genau deshalb, weil man dann die Selbstlüge aufgeben müsste, Teil einer Gegenkultur zu sein. Weil man dann feststellen müsste, dass das Label „Alternativ“ nicht mehr Elemente von einem Umsturz des Bestehenden beinhaltet als eine eisgekühlte Coke Zero Cherry. Wenn sich in dieser Stadt die vereinzelten Individuen zusammenraufen wollen, die eine tiefe Unzufriedenheit mit den Zumutungen des alltäglichen Lebens eint, so müssen diese zuerst verstehen, dass sowohl dem Wort „Szene“ als auch dem Wort „Subkultur“ keine gesellschaftliche Realität (mehr) zukommt.
Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.
Subkultur- die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. Probieren sie jetzt!
Benjamin Böhm
Wir dürfen sie herzlich zur 13. Ausgabe des Letzten Hypes willkommen heißen und ihnen auch gleich einen redaktionellen Neuzugang vorstellen: Zum ersten Male haben wir einen Unipraktikanten eingestellt, der sowohl im redaktionellen als auch im Layoutbereich mitwirken wird: Klaus von Medina studiert im dritten Semester Neuere Demagogie und asoziale Arbeit an der Universität Eichstätt und wird für seine Arbeit bei uns mit keinem Cent entlohnt. In den nächsten zwei Jahre wird er v.a. Kaffee kochen, Sojasteaks braten und unsere Homepage betreuen. Bereits in dieser Ausgabe finden sie einen Artikel unseres jungen, engagierten und unglaublich gut aussehenden Praktikanten.
Klaus muss im Moment im alten Infoladengebäude schlafen, wo es keine Heizung gibt und es nach pisse stinkt. Wenn ihr eine Wohnung für ihn habt, so meldet euch doch bitte unter letzterhieb@gmx.de.
Was hat die Redaktion den Sommer über getrieben? Hunter S. Heumann trieb es zu Recherchezwecken nicht nur in die Zellerau, sondern er unternahm auch eine Wanderung nach Greußenheim, wo man Elektrozäune, Bäume mit hübschen Vornamen und Olivenhaine bestaunen kann. Es sei jedem Menschen mit Unternehmungslust empfohlen, eine Wanderung um das Gut Greußenheim zu unternehmen, um sich das Mahnmal gegen Intoleranz und Ausgrenzung anzusehen, riesige Kreuze und Engelsstatuen zu bestaunen und sich von Jeeps aus Neu Jerusalem verfolgen zu lassen. Auch Urlaubsvideos werden für sie unentgeltlich auf Überwachungskameras aufgenommen. Schlonzo der Geachtete hat im September eine Ausbildung zum Ranger absolviert und weiß jetzt, wie man Feuer mit Stöckchen macht oder man einen Rhönbären erlegt. Sebastian Loschert dagegen hat nicht nur selbst Unfug getrieben, sondern auch den von anderen bestaunt: Er schrieb in der JungleWorld Nr. 38 einen Artikel über Jürgen Elsässers Volksinitiative.
Und was macht eigentlich Rainer Bakonyi? Nach der letzten Ausgabe fragten uns viele Menschen, ob es denn nun keine Kochkolumnen mit Rainer Bakonyi mehr gehen werde. Hmm, ja, das ist eine längere Geschichte, denn Herr Bakonyi war ein wenig eingeschnappt, nachdem Hunter S, Heumann behauptet hatte, dass Herr Bakonyis Gerichte zum Kotzen schmeckten. Es wird der Stimmung in unserer Redaktion nicht zuträglich sein, dass Jörg Finkenberger in dieser Ausgabe mit seiner „Kotzkolumne“ erneut die Kochkünste Herrn Bakonyis durch den Kakao zieht.
Wir wünschen Ihnen nun viel Freude beim Lesen unserer neuen Ausgabe. Für wütende Reaktionen stehen wir Ihnen weiterhin gerne zur Verfügung.
Für immer ihr
Letzter Hype
P.S: Eine kleine Geschichte noch: Wir haben im Frizz gelesen, dass jemand eine Frau sucht, um sich „physisch und psychisch“ auf die Zeitenwende 2012 vorzubereiten, denn da geht ja laut Maya die Welt unter ( Laut Nostradamus ging die Welt übrigens gerade eben schon wieder unter). Was wir uns jetzt fragen: Wie bereitet man sich bitte physisch auf die Zeitenwende vor? Springt man Fallschirm und bleibt möglichst lange im freien Fall, um während des Herabsinkens in ein Schwarzes Loch nicht ohnmächtig zu werden? Stellt man bereits jetzt seinen Speiseplan auf Lichtnahrung um, um während der Apokalypse keinen qualvollen Hungertod zu sterben? Oder lässt man jetzt schon für das Überleben im atomaren Winter alle Körperhaare sprießen, egal wie arg die Arbeitskollegen lästern? Wir werden es nie erfahren.
Die „Negative Dialektik“ als Handbuch der Revolution
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Ndejras Text über die kritische Theorie aus hype #12 bestätigt alle meine Befürchtungen, aus der universitären Vereinnahmung der kritischen Theorie könne nur das schlimmste kommen, auf das schönste; und das teils gewollt, teils ungewollt.
Kritische Theorie kann heute nicht mehr an Universitäten gelehrt werden. Was unter diesem Namen heute allenfalls verkauft wird, ist Surimi. Wenn es einmal eine Zeit gegeben hat, in der Adorno und Horkheimer an Universitäten lehren konnten, dann wird man diese Zeitalter nach den Gründen befragen müssen, aber nicht unseres.
Kritische Theorie kann heute nicht mehr anders betrieben werden als an verrufenen Orten und von wenig empfehlenswerten Leuten. Sie ist, nachdem die deutschen Studierenden von 1968 epochal an ihr gescheitert sind, nur noch an die Universität zu bringen um den Preis, sie um das zu verkürzen, was ihr Innerstes ist: das verzweifelte Wissen von der Unwahrheit des Ganzen, und das Feuer, das in dieser Verzweiflung und nur in dieser Verzweiflung noch brennt.
Dass diese Verkürzung möglich ist, haben der Dozent Zimmermann und seine Schule eindrucksvoll bewiesen. Über diese Schule ist zur Zeit ihres Bestehens leider nicht mehr das notwendige gesagt worden, und jetzt, wo sie nicht mehr besteht, ist es nicht mehr notwendig. Der Staat hat es nicht mehr für erforderlich gehalten, diese Veranstaltung weiterzubetreiben. Sie war ohnehin anachronistisch: es gibt heute kein unruhiges Denken unter Studierenden mehr, und zu dessen Zähmung und Unterwerfung sind solche Einrichtungen allein gut, und zu sonst nichts.
Die zu solchen Zwecken entstellte Lehre will uns Ndejra aber gar nicht als diejenige kritische Theorie vorhalten, die den Gegenstand seiner Kritik abgeben soll; sie ist also auch nicht Gegenstand der Erwiderung.(1)
2
Sondern was? Man weiss es auch nicht so recht. Man weiss auch nicht so recht, wo anfangen. Ndejras Text hat einen Grundgedanken, den er unter Geröll dekoriert, das grob aus drei Teilen besteht: ein Teil einigermassen bekannter und gängiger Clichees, ein Teil Ausrisse aus Sekundärliteratur, deren Autoren sich nicht die Mühe gemacht haben, ihren Gegenstand zu durchdringen, und ein weiterer Teil, der sich darauf zurückführen lässt, dass Ndejra selbst sich nicht die Mühe macht, seinen Gegenstand zu durchdringen.
Der letzte Teil ist der unkomplizierteste: man kann es niemandem zum Vorwurf machen, die Schriften einer Schule, an der ihm nichts liegt, nicht lesen zu wollen. Niemand soll dazu gezwungen sein. Allerdings ist auch niemand gezwungen, dann über diese Schule zu schreiben. Ndejra könnte z.B. viele seiner Gedanken in Horkheimers Schriften aus dem Band über „Traditionelle und kritische Theorie“ wiederfinden, nur wesentlich ausführlicher formuliert, oder sich zumindest damit auseinandersetzen.(2) Er kann es auch bleiben lassen, aber das ist sein Privatgeschäft.
Die sekundären Autoren, die er zitiert, interessieren wiederum mich nicht, und ich gebe zu, das ist mein Privatgeschäft, aber er hat sie auch nicht als allzu verlockend dargestellt. Wenn ein gewisser May das „taktische politische Denken“ des Anarchismus „noch mit Poststrukturalismus bestärken und radikalisieren“ will, wie Ndejra selbst vorträgt, dann qualifiziert sich May dafür, von der Universitätsbibliothek für interessierte Studierende gekauft, und von Leuten wie mir ignoriert zu werden. Und der Rest klingt noch langweiliger. Ich werde es nicht lesen, dazu ist mein Leben zu kurz.
Wirklich unangenehm sind aber zunächst die Clichees über die kritische Theorie, die er wiederverwendet, als könne er das einfach. Dass gewisse deutsche Studentenführer von 1968, in dem Moment, als sie aufgehört haben, zu rebellieren, und anfangen wollten, die Massen zu führen, feststellen mussten, dass die kritische Theorie für diesen Verrat an der Revolte nicht zu haben war, das ist eine Sache. Dass sie ihre Vorwürfe gegen Adorno in die Sprache der maoistischen „Kulturrevolution“ kleideten, war nur konsequent. Dass aber Ndejra darauf hereinfällt, ist mir einfach zuviel.
Mir gefällt schon einmal die „Underdog-Perspektive“ nicht, die er einnehmen will. Er studiert, das hat er selbst geschrieben; und er schreibt wie ein Student; in wessen Namen will er sprechen? Im Namen der „underdogs“? Bitte nicht. Er spreche, etwas anderes steht heute niemandem zu, in seinem eigenen Namen, das ist gut genug, einen anderen hat er nicht, und etwas anderes wird ihm auch nicht geglaubt werden.
Und die Pose, dass Adorniten grundsätzlich rich kids sind, und er ein underdog, soll ihm jemand anders abnehmen als ich. Ich werde nicht kommentieren, aus welcher Schicht ich stamme, und meine Sätze werden nicht desto wahrer, je ärmer und illiterater meine Eltern waren, und gerade so geht es den seinen.
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Adornos Sprache ist „hochgestochen“! Ich kann es nicht mehr hören. Die Dichter der Revolte, Rimbaud, Lautreamont, Baudelaire, haben sich auch nicht in der Sprache der Arbeitervorstädte ausgedrückt. Es tut mir nicht leid, aber es ist das Proletariat, das lernen wird müssen, sich der Sprache zu bedienen.
Im Übrigen kann man auch die Proklamationen der Commune de Paris für „hochgestochen“ halten, und die sind wohl, soweit man sie heute noch kennt, von Arbeitern verfasst worden.
Die Situationisten haben wenigstens noch gewusst, dass die Arbeiter Dialektiker werden müssen, wenn die Revolution kommen soll. Das unterscheidet sie von den Linken, die immer versucht haben, die Sprache der Arbeiter zu lernen, als ob sie nicht wüssten, dass es so etwas nicht gibt. Wer ernsthaft jemals das Verlangen nach ungehinderter Entfaltung der Menschheit, das heisst nach Emanzipation des Proletariats, formulieren will, muss das auf der Ebene tun, die dafür alleine taugt: die höchsten Höhen der Sprache, der Musik, der Kunst, jeder Form des Ausdrucks. Wer auch immer, um der angeblichen Verständlichkeit für die sogenannten Massen halber, darauf verzichtet, sagt ja zum Ausschluss des Proletariats von den Mitteln des Ausdrucks.
Dass heute schon Studenten der Geisteswissenschaften die Sprache Adornos nicht verstehen, könnte man sehr gut als Argument gegen das studentische Milieu wie als Argument gegen die Universität gebrauchen; aber Ndejra zieht es stattdessen vor, ein allzu billiges Argument gegen Adorno draus zu machen, um eines illusorischen Disktionsgewinns gegen die ebenso illusorische Zimmermann-Schule willen.
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Pessimistische Kulturkritik! Grossbürgerliche Resignation! Ndejra bemüht wirklich alle Frasen, die es jemals gegen die kritische Theorie gegeben hat, und es wird ihm gar nicht langweilig. Noch weniger werden ihm diese Frasen etwa verdächtig, obwohl sie doch nicht zufällig sämtlich von Georg Lukacz stammen; aber Ndejra versäumt auch hier die günstige Gelegenheit, zu untersuchen, wieso solcher leninistischer Unsinn sich auch in einem anarchistischen Kontext ganz gut macht. Es wäre interessant gewesen; vielleicht ist es ja auch ein Anzeichen eines ganz unvermutet ähnlichen, bisher ungebrochenen Verständnisses von Politik?
Unabhängig davon, ob man Adorno das Epitheton „grossbürgerlich“ umhängen kann, stellt sich doch die Frage, ob der Teil des Proletariats (und zu dem beanpruche ich zum Beispiel zu gehören), der die Negative Dialektik für ein eminent revolutionäres Buch hält (3), nun selbst „grossbürgerlich“ geworden ist, oder nur nach Art der Grossbürger resigniert hat; wie es Grossbürger, wer auch immer das sein soll, ja bekanntlich tun; man kann solche Frasen nicht versuchen zu verstehen, ohne dass sie sich im Unsinn auflösen.
Die Wurzel und gleichzeitig Krone des ganzen ist der Vorwurf, die kritische Theorie sei praxisfeindlich, und auch diesen Vorwurf spart sich Ndejra nicht; er vermisst das für die Praxis „passende begriffliche Instrumentarium“ und die Ermutigung. Wie aber, wenn es der Ermutigung gar nicht bedürfte, wenn sie das reine Gift wäre, und es für den Aufstand stattdessen unverzichtbar wäre, sich schaudernd der Lage bewusst zu werden? Und wenn das „passendes begriffliches Instrumentarium“ auf nichts herausliefe, als der politischen Praxis auch noch das freie Refugium des wenigstens kritischen Gedankens zu unterwerfen?
Theorie kann nicht etwas sein, dessen man sich zu dem scheinbar vorgegebenen Zweck (Veränderung der Welt) bedienen kann; so dass die Konkurrenz zwischen verschiedenen zunächst gleichwertigen Theorie-Modellen dadurch entschieden würde, welche dem Zweck am besten dient. Theorie, überhaupt als Handlungsanleitung verstanden, ist nichts anderes als ein Rudiment dessen, was für Georg Lukacz z.B. noch die Partei gewesen ist, Theorie ist dasjenige, nachdem sich, unter der Aufsicht der dafür berufenen Intellektuellen, die Wirklichkeit zu richten haben wird. Eine so verstandene Theorie ist eine Zumutung, derer sich gerade Kritiker der Herrschaft wie Ndejra zu erwehren wissen sollten, auch handgreiflich.
Theorie, die nicht zur Anleitung für Herrschaft verkommen will, hat unpraktisch, sogar antipraktisch zu sein. Sie hat als ihren nächsten Feind die von „Theorie“ angeleitete Praxis zu erkennen und zu bekämpfen. Diese Praxis, und diejenige Theorie, die Praxis leiten will, sind völlig unvereinbar mit Reflexion.
Und Reflexion tut not, sie ist so nötig wie die Luft zum Atmen, sie brächte zum Beispiel zu Bewusstsein, dass so etwas wie kritische Theorie dann sein muss, wenn die Möglichkeit der praktischen Kritik verstellt ist. Die kritische Theorie wäre allenfalls zu kritisieren, wie man früher einmal die Kunst kritisiert hat: als Refugium des abwesenden Besseren, aber immerhin als ein geduldetes, umstelltes, marginalisiertes Refugium. Aber als Refugium.
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Der Weg zur praktischen Kritik aber ist wirklich verstellt, und mit dieser Erkenntnis muss jedes revolutionäre Denken anfangen. Es ist niemandem damit geholfen, dieser Erkenntnis auszuweichen oder sie am besten der kritischen Theorie aufs Schuldkonto zu schreiben.
Die kritische Theorie Adornos reflektiert das Scheitern der Revolution, die einmal versucht worden ist und gelingen hätte können; eine Niederlage, die wir als unsere Niederlage erkennen müssen. Jeder Versuch, sich dieser historischen Haftung zu entziehen, mündet in Selbsttäuschung. Genau diese Selbsttäuschung ist das Betriebsklima der Linken. Sie hält sich am leben durch ihre jämmerliche Illusionen darüber, wie aussichtslos die Sache der Befreiung durch ihr damaliges Scheitern geworden ist, und wie gründlich dieses Scheitern gewesen ist.
Wenn Ndejra den Antideutschen, zu denen wohl ich mich auch zu rechnen habe, vorwirft, die Shoah zum Zentrum einer negativen Geschichtsmetafysik zu machen, dann lässt mich das ratlos zurück. Ist ein kritisches Denken ohne Selbstbetrug möglich, dass nicht von der historischen Niederlage ausgeht? Und hat diese Niederlage eine schrecklichere Gestalt angenommen als die, dass nur wenige Jahre später die meisten europäischen Jüdinnen und Juden ermordet werden, ohne dass sich eine Hand dagegen wehrt; was soll das heissen, diese Sache „angemessen“ zu untersuchen, wie Ndejra fordert? Wie kann man so etwas angemessen untersuchen, wo noch nicht einmal z.B. die Bomben auf Würzburg auch nur entfernt angemessen waren?
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Das war das Geröll. Was aber ist der Grundgedanke? Ich finde keinen, ausser dass Ndejra Adorno nicht mag, weil er fürchtet, dass ist etwas für Idioten, die gerne gescheit daherreden, obwohl sie nichts verstanden haben. Wenn dem so ist, sei er beruhigt: gegen solche Idioten kann keine Denkschule sich erwehren, es sei denn mit Gewalt, vor allem nicht da, wo sie nur toter Gegenstand der Betrachtung und Vereinnahmung ist, also an der Universität. Denn dort, aber auch nur dort, wird den Idioten unweigerlich alles geglaubt. Ausserhalb dieses ungesunden Milieus kann „jeder sich Dadaist nennen; dafür, dass er es ist, muss er selbst sorgen“ (Raoul Hausmann).
Oder täusche ich mich, und auch er stört sich daran, dass mit der kritischen Theorie kein politisches Geschäft getrieben, keine silberne Zukunft versprochen, keine Organisation geführt werden kann; dass sie das Denken nicht an die Verwalter der Praxis verraten wird, und dass sie, nach der historischen Katastrofe, einen Bruch einfordert, der es unmöglich macht, einfach und blind und ohne das Bewusstsein dieser Katastrofe weiterzumachen? Dann, aber das wird nicht der Fall sein, könnte ich ihm auch nicht helfen.
Von Jörg Finkenberger
1 Reden wir nicht mehr von der Zimmermann-Schule! Ich gehe davon aus, dass man sich darauf einigen kann: das war tatsächlich ein Haufen Leute, die ihre eigene Nichtigkeit hinter Frasen versteckt haben, die ihnen selbst so unverständlich geblieben sein mussten wie denen, die sie damit beeindrucken wollten. Für den Gestus des Priester-Intellektuellen eignen sich doch andere Schulen, die Foucaults etwa, viel besser, weil es für die Hochstapler dort nichts gibt, was sie etwa verstanden haben müssten. Ndejra hat seine Kritik aber nicht auf diese Leute, sondern auf die kritische Theorie bezogen, ist also diesen Idioten auf den Leim gegangen. – Übrigens wäre diese Schule besser dadurch zu charakterisieren, dass ihr Guru, als eine Art linkerer Habermas, die ganze Tendenz Adorno mit aller Gewalt im „demokratischen Sozialismus“, also im Wunschtraum der Sozialdemokratie, hat aufgehen lassen wollen. – Wenn übrigens, wie es mir scheint, Zimmermann eine Hauptquelle für Ndejras Kenntnisse der kritischen Theorie sein sollte, dann ziehe ich meine ganze Kritik insofern zurück, als ich nicht ausgerechnet der sein will, der den einzigen Menschen, der es heute tut, daran zu hindern sucht, das zu tun, was unser Mustafa Khayati schon 1967 gefordert hat: dass die Studierenden anfangen müssen, gegen ihre Studien zu rebellieren.
(2) Irgendwie kann ich auch in dem, was er über die Auffassung der Naturbeherrschung oder die sogenannte Anthropologie in der kritischen Theorie sagt, die kritische Theorie nicht recht wiedererkennen.
(3) Ziemlich das revolutionärste des Jahrhunderts, und ich rede nicht von einer bloss gedachten oder bloss filosofischen Revolution, sondern von einer sehr materiellen, die es wirklich gegeben hat, die fehlgeschlagen ist, und deren Wiederaufnahme sich auf kein anderes Denken stützen kann, schon gar nicht dasjenige etwa Debords; den die schaurige Lücke, die mitten in seinem Denken klafft, gar nicht zu irritieren schien, der filosofierte, als ob es die Shoah nicht gegeben hätte – verliert er denn auch nur soviel wie ein Wort darüber? – Wie verdächtig ist so ein Denker eigentlich? Und so ein Denken? Ist es nicht fast schon ein Grund, sein Buch fortzuwerfen? Aber ich werde es nicht tun, dazu parafrasiert er mir Adorno doch viel zu hübsch.
So, nun ist es soweit.
….und es geht weiter mit den Lagerphantasien der werten LeserInnen der Mainpost. Jetzt sitzen zwei Verdächtige, denen Sachbeschädigung und Brandstiftung zu Last gelegt wird, in Untersuchungshaft. Und Deutschen wird wieder warm um’s Herz, wenn sie an Arbeitsdienst und physische Vernichtung denken.
Meine Gedanken zur Strafe wage ich nicht auszusprechen…
meint noch Zeitung_online, während Rittersporn damit weniger Probleme hat:
Den Leuten geht es zu gut ist die allgemeine Stimmung. Wer so was macht hat Zeit dazu. Nichtsnutze, Arbeitsfaule (nicht Arbeitslose!!!) und dergleichen höhlen unseren Sozialstaat aus. Sie sollten eine saftige Strafe zur Abschreckung erhalten, die der Allgemeinheit nutzt. Straßenbau, Wald roden und dergleichen für einige Jahre – bis ihnen die Flausen aus dem Kopf gegangen sind. Vor lauter Langeweile Sachbeschädigungen machen gehört ordentlich bestraft – und zwar damit diese Zeitgenossen dann keine Langeweile mehr haben.
Und von blueeyes erfahren wir, dass der Täter zu den „Asozialen“ gehört, denen dieser gleich seine eigenen Vergeltungsphantasien entgegenbringt:
Asso endlich geschnappt!
Diesem ASSI sollte man stundenlang links und rechts für jeden zerstochenen Reifen eine knallen! Mutwillige Sachbeschädigung am Eigentum anderer ist mit das assozialste was man machen kann und dazu noch dieses Ausmaß. Am besten man setzt fals er ein Zimmer oder Wohnung hat mal dies unter Wasser, dann weiß er was Sachbeschädigung ist.
Man wird sehen, welche Vergeltungsgedanken in den Kommentarspalten der Mainpost noch offenbart werden….
Der Hype 13 kommt spätestens nächste Woche in Print.
An die Leipziger AbonnentInnen: Vielleicht kriegen wir’s ja wirklich hin, mal was zu verschicken.
ist auch nicht mehr das, was es mal war….
Xavier Naidoo? Die da hinten in der Zellerau haben wohl jetzt endgültig ihren alternativen Anspruch verloren!
Na wartet mal auf die nächste Vereinssitzung, da wird’s Ärger geben!
Wahnsinn,
wie gelangweilt die Polizei sein muss, wenn es Ihr schon eine Pressemeldung wert ist, eine „Kartoffelkanone“ in einem Kofferraum gefunden zu haben.
Mal ehrlich Herr Wachtmeister: Es könnte durchaus sein, dass auch einige Ihrer KollegInnen in ihrer Landkreisjugend solche Teufelsdinger gebaut haben!
Aber denken Sie doch mal positiv: Wer in seiner Jugend seinen Spaß an Waffen entdeckt, will vielleicht später auch beruflich welche am Gürtel tragen!
Ihr Nachwuchsteam vom Letzten Hype
Kommt bald, sobald wir ihn geschrieben haben. Nieder mit dem Lohnsystem, dass uns alle Zeit raubt! Und für alle, die auf die nächste Ausgabe warten: schreibt doch selbst einen.
….und jetzt fürchtet sogar Glenn Beck von den FOX News das Buch über die kommende Insurrektion. Wirklich sehr amüsant:
Das Buch ist irgendwo hier verlinkt übrigens.
Presseschau: Würzburger Lagerphantasien
Solange es opportun ist, verarbeitet die Mainpost die Äußerungen ihrer Leserschaft. Per SMS soll diese an Umfragen teilnehmen und harmlose Online-Leserkommentare werden gerne zu redaktionellen Artikeln zusammengefasst, Gar nicht wird jedoch reflektiert, wenn die Leser in den Online-Kommentaren rassistische oder faschistische Äußerungen von sich geben – was eher Regel als Ausnahme ist. Diese Arbeit nehmen wir gerne ab: Eine Sonderausgabe der Presseschau, Schwerpunkt „Lagerphantasien“.
Das erste Beispiel: Am 14.12.2008 übernahm die Mainpost einen Polizeibericht, druckte ihn unter der Überschrift „Krawalle bei Demo: Polizist verletzt“ ab. Innerhalb weniger Stunden entwickelte sich eine rege Diskussion (die heute nicht mehr auf der Homepage zu finden ist).
- Der Mainpost-Leser Mr. Anton reagiert auf den Zwischenfall auf dem Weihnachtsmarkt geschockt: „Diese Unruhestifter gehören sofort aus dem Weg gezogen! Schlagstock raus und drauf! Die sollen arbeiten gehen und ihre Energie dort einsetzen, assoziales Pack!“.
- Dieser Meinung schließt sich der User dreckschlame ungeteilt an: „Dieses Asoziale Pack müsste im Steinbruch arbeiten! Dann wären sie spät Abends zu müde um „Scheisse“ zu bauen. Bei solchem Gesindel sollte keine Rücksicht genommen werden wenn es ums Prügeln geht-denn die nehmen auch keine! Gute Genesung dem verletzten Polizeibeamten, denn der kann am allerwenigsten dazu!“
- Auch eine Person namens Wahrheit verfügt über ein ungetrübtes Rechtsempfinden und verlangt größere Handlungsspielräume für die Staatsmacht: „Leider muß die Polizei solche Deppen mit Samthandschuhen anfassen, normalerweise gehört da richtig draufgedroschen, daß die sich nicht mehr rühren“.
- Es ist jedoch Bratbaecker, der die prägnanteste Antwort auf die Greueltaten der Chaoten findet: „ES LEBE UNSER HEILIGES DEUTSCHES VATERLAND“.
- Konkreter setzt sich wiederum der Leser Frankenstrasse mit den Ereignissen auseinander und bemängelt die fehlende Effizienz der Exekutive: „Leider wurden von diesem Gesindel nicht mal 10% festgenommen!!!Von diesem Asozialem Panks hatte man 90% einbuchten müssen“.
Zweites Beispiel: Am 4.5.2009 veröffentlichte mainpost.de eine Reportage über die Bedingungen im Flüchtlingslager in der Veitshöchheimer Strasse: „Gemeinschaftsunterkunft: Schlimme Kindheit im Lager“. Bei diesem Thema konnten die Mainpost-Leser damit punkten, dass sie zumeist schon eigene Lagererfahrungen hinter sich haben.
- Schaefer55 etwa schreibt: „Erzählt mir nicht, dass Kasernen menschenunwürdig sind. Ich mußte meine Wehrpflicht ableisten“. Er vertritt den Standpunkt: „Die erwachsenen Flüchtlinge können daher von mir aus gerne unter einem Lagerchef aufräumen, putzen, streichen, Kinderspielgeräte zusammenbauen und andere Arbeiten machen. Das sind schließlich nicht alles Kinder“.
- Auch maggy1414 ist des Aufhebens um Depressionen, Lagerkindheit, Enge, Lärm, Angstzustände, Schimmel, etc. überdrüssig: „Die sollen froh sein, dass sie überhaupt hier in unserem Land leben dürfen. Die Wohnverhältnisse in der Unterkunft sind vielleicht bescheiden (für unsere Maßstäbe), aber garantiert in mind 90% der Fälle immer noch besser als wie in dem Land, woher die meisten von denen kommen (ein Teil des Kommentars wurde von der Redaktion gelöscht)“. Den „Gutmenschen“ stellt er die berechtigte Frage: „Ist bei euch jetzt auch mal die Krise angekommen? Oder wieso habt ihr morgens Zeit solche Aufsätze hier zu schreiben?“
- Schimmel18 nimmt dagegen die Asylsuchenden teilweise in Schutz und fordert zu einer differenzierteren Diskussion auf. Er gibt seinem Vorredner Schafer55 zu bedenken: „Ich denke, mehr Hartz 4 Empfänger bekommen Geld vom Staat als Asylsuchende. So geh erst mal auf die los, die zum Teil zu faul sind zu arbeiten“.
Drittes Beispiel: Vollkommen einhellig war die Lesermeinung zu dem Artikel „28-Jähriger tritt Polizeibeamtem (sic) ins Gesicht“ vom 8.8.2009. Laut Polizeibericht/Mainpost habe ein „mit körperlichem Zwang“ in den Dienstwagen verbrachter Mann von der Rückbank aus den Fahrer an der rechten Backe getroffen. Dieser „konnte leichtverletzt mit einer Prellung und Kopfschmerzen seinen Dienst fortsetzen“.
- Der User steehawer reagierte am schnellsten auf den Riesen-Skandal und schrieb: „Vor solchen Zeitgenossen muß die Bevölkerung unbedingt geschützt werden,hier hilft leider nur wegsperren und nochmals wegsperren“.
- Der Leser bastihd kennt ebenfalls genau die Gefahren, die von Alkoholisierten ausgehen, weiß jedoch auch um das laxe Justizwesen in Deutschland: „Statt zum Richter Gnädig direkt ab in den Knast… Solche verwahrlosten Typen gehören sofort in den Knast, egal ob sie einen festen Wohnsitz und gesoffen haben oder nicht. Stattdessen werden sie einem deutschen Richter vorgeführt, der gleich wieder ausreichend viele Milderungsgründe findet, um diesen Ratz sofort wieder laufen zu lassen. Hat der erst seinen Rausch ausgeschlafen und sich über die Einfalt von Richter Gnadenreich amüsiert, wird die nächste Flasche Wodka reingezogen, damit man nach der nächsten Schlägerei erneut als vermindert zurechnungsfähig eingestuft und gleich wieder laufen gelassen wird. So ist es halt mal in Deutschland“.
- Waldi69 findet, man kann die Forderungen seiner Gesinnungsgenossen nicht oft genug wiederholen: „Wegsperren und nie wieder rauslassen !!!! Solche Typen liegen uns nur auf der Tasche. Wie lange solen die Deutschen noch zuschauen bevor sich hier was ändert ?!?!“
- An dieser Stelle schaltet sich DarthVader mit einem interessanten Vorschlag in die Diskussion ein (ob es sich bei DarthVader um Jürgen Elsässer handelt, konnte nicht restlos geklärt werden): „Wegsperren auf immer muß nicht immer die beste Lösung sein. Kostet auch uns – dem Steuerzahler – sehr viel Geld! Und da setzt die USA – wie oben beschrieben – auch bessere Mittel ein. Dort gibt es s.g. Erziehungslager. Das bedeutet: 05:00 Uhr aufstehen, Morgensport, Duschen, 06:00 Uhr Frühstück und um 06:30 Uhr gehrt´s dann ran an gemeinnützige Aufgaben. Das ganze erfolgt unter einem Drill, der unsere Bundeswehr in einem gemütlichen Sanatorium erscheinen läßt. Wir haben in unserem Land auch viele Aufgaben! Wir könnten z.B. den Borkenkäfer in unseren Wäldern bekämpfen. Diese Jungs (leider auch Mädels) müssten nur die umgefallenen Baumstämme aus unseren Wäldern herrausziehen und somit einen sehr guten Beitrag für unseren Naturschutz tätigen. Nach 12 Stunden sollte dann aber schon Schluss sein. 18:00Uhr duchen, 18:30Uhr Abendessen 19:00Uhr gemeinschaftliches Fernsehn und 20:00Uhr Bettruhe. Schließlich muß man am nächsten Tag wieder fit sein! Mindestaufenthalt: 1 Jahr!“
- Dieser Vorschlag löst allgemeine Zustimmung aus. Innowep möchte nur eine kleine Verbesserung berücksichtigt wissen: „Sie haben perfekt recht mit dem was sie schreiben. Fernsehen? Nicht einmal das würde ich solchen Kanalien gestatten!!“
- Auch winnem hat einige Verbesserungsvorschläge für die Bestrafung von betrunkenen Rückbanktretern zu bieten: „Perfekt! Nur das TV würde ich streichen, statt dessen eine Stunde Sport – als Ausgleich für die schwere körperliche Arbeit. Danach, direkt vor dem zu Bett gehen, noch einmal kalt duschen.“
- Ein gewisser grayjohn, offenbar Ökonom, äußert sich ebenfalls zur Zwangsarbeit: „Liebe Vorredner/innen, bitte nehmen Sie’s mir nicht übel (im Grundsatz stimme ich mit Ihnen überein, was unbelehrbare Zeitgenossen angeht), aber früher waren so etwas einmal REGULÄRE JOBS. Die sind (leider) im Rahmen der Mechanisierung weggefallen (…) Eigentlich sollten wir nach Konzepten (nennen wir’s von mir aus Gemeinnützige Beschäftigung) verlangen, die dem Müßiggang von vorneherein vorbauen und eben nicht als Strafe, sondern als sinnvolle Tätigkeit gelten.“
- Baerchi lässt die ausgefeilte Müßiggang-Theorie grayjohns links liegen und fordert kurz und schmerzlos: „Der Typ gehört in einem Raum ohne Zeugen und dann drauf auf die Nase aber richtig“ (kurz darauf von der Redaktion gelöscht).
Ein Gedanke zum Schluss: Diese Presseschau zeigt recht gut, mit welch Eifer und Kreativität unsere Mitbürger von den Möglichkeiten der Kommentarfunktion Gebrauch machen, wenn man sie nur lässt. Allein zum Thema Lager und Zwangsarbeit! „Den Borkenkäfer bekämpfen“, „Schlagstock raus und drauf“ oder „dem Müßiggang von vorneherein vorbauen“ waren nur die drei geistreichsten Ideen. Dies sollte für die Politik Ansporn sein, basisdemokratische Elemente überall in unserer Gesellschaft voranzutreiben. Warum nicht über die Höhe des Hartz 4-Satzes in einem Volkbegehren abstimmen lassen? Oder über die Befugnisse der Polizei? Und weshalb sollte nicht die Mehrheit über die Einführung der Todesstrafe (für Kindesmißbrauch o.Ä.) abstimmen dürfen?
Je direkter desto besser,
sagt Sebastian Loschert