…es geht weiter

nicht.
Aber hier gibt es was neues:

DAS GROSSE THIER

Oh, das ging aber plötzlich

Ein Nachruf auf den Letzten Hype. Wir gratulieren!

Über die fränkischen Ereignisse

Solange der Hype schläft, oder eingeschläfert wurde, man weiß es noch nicht so genau, empfehlen wir hiermit den „LetzterHype-Nostalgie-Blog“ (Bikri hat das gesagt!):

Wissenwertes über Würzburg!

Über die arabischen Ereignisse

kann man hier nachlesen:

In The Absence Of Truth:
Zwei Revolten. Tunesien und Ägypten 2010/11
.

Neu unter Extras:

J. Finkenbergers Kritik an Daniel Kullas Thesen zur Februarrevolution, nur online, da zu schlimm für die Printausgabe.

Die Bewegung im Iran

Was passiert eigentlich, fragt man sich, im Iran? Dort, verkünden die Nachrichtenagenturen und die Analysten aller Dienste, passiert gar nichts. Die Bewegung ist vorbei, der Umsturz wird nicht kommen, so wie er niemals kommen wird, und nirgendwo.

Die Stille nach dem plötzlichen Aufruhr quält uns, weil sie uns so genau an die Hoffnungslosigkeit und die Monotonie erinnert, die vorher herrschte, und die für eine kurze Zeit unterbrochen schien. Es sah einen Moment so aus, als wäre das Ende einer Fase der Stagnation, des allgemeinen Stillstandes erreicht, die jetzt an die 5 Jahre herrscht, in denen buchstäblich Nichts geschehen ist ausser der langsamen Verschlechterung aller Dinge.

Man kann eine beliebige Tageszeitung von vor 5 Jahren aufschlagen und sie mit einer von vor 2 Wochen vergleichen. Man wird in der Regel keinen Anhaltspunkt finden, welche davon welche ist.

1
Aber die Bewegung ist nicht zu Ende. Sie ist unterirdisch geworden, und wühlt weiter. In ihrer ersten Fase, der der grossen öffentlichen Massendemonstrationen, hat sie mehr erreicht, als man ahnen konnte, aber ist aus Gründen, die wir in früheren Ausgaben versucht haben zu analysieren, gescheitert. Sie hat danach ausführlich Gelegenheit gehabt, ihre Taktik zu verändern, sogar ihre Gestalt.

Sie hat in dieser erstan Fase eine grosse Sturmwelle über die Oberfläche dieser Gesellschaft gejagt, und hat danach sich zersplittert, ist scheinbar von der Oberfläche verschwunden, um in den Tiefen die Fundamente des iranischen Systems zu zermürben. Der grosse Sturm ist nicht einfach vergangen, er hat sich auf die Fläche, in die Kleinstädte, die Betriebe, Schulen und Hochschulen, sogar in die Familien verteilt.

Solidarische Aktivisten, die das ganze von aussen betrachten, werden in solchen Fasen dazu tendieren, aufzugeben und sich anderer Dinge anzunehmen; so wie die Tätigkeit des Aktivisten immer nur darin bestehen kann, sich rein äusserlich auf etwas zu beziehen, sich zu solidarisieren oder auch nicht, aber immer nur mit einer Sache, die nicht die seine ist und nicht sein kann. Auch unsere iranischen Exil-Bolschewiki sind nichts anderes als solche Aktivisten; sie werden diese Sache aufgeben, wie Lenin die russische Revolution 1905 aufgegeben hatte, als sie ihn nicht unverzüglich zur Macht trug.

Diesen Gefallen wird, wie ich hoffe, die iranische Revolution unseren heutigen Bolschwiki auch niemals tun.

2
Die Bewegung hat jetzt, in ihrer Verborgenheit, bereits schon einige hervorragende Ergebnisse gebracht. Es gibt Gegenden, in denen Vollzugskräfte des Staates nicht mehr wagen dürfen, von ihren Befugnissen Gebrauch zu machen, weil sie sonst spontanen und massenhaften Widerstand provozieren; solche Vorkommnisse scheinen sich auffällig zu häufen, in der Hauptsache in Arbeitervierteln.

Es gab und gibt eine Vielzahl von Streiks, sei es um ausstehende Löhne, die das System nicht mehr in der Lage ist, zu bezahlen; und es gibt ausserdem, wie es aussieht, eine völlig neue Erscheinung, nämlich offenkundig Sabotage durch die Arbeiter, eingesetzt als bewusstes Kampfmittel.

Es gab zuletzt, endlich, einen Streik der Bazar-Händler gegen eine Steuerreform, den man wohl verstehen muss als eine Aktion des Teils der Mittelklasse, die Montazeris Richtung anhängt.

Noch aber reicht die Macht der Pasdaran, die den Staat und die Wirtschaft immer mehr beherrschen, hin, um die Massen zu kontern. In allen Fällen, in denen es zu grösseren Aktionen kommt, schlagen die Pasdaran und ihre Hilfsorgane sofort und gnadenlos zu, und das Proletariat wird es nicht leicht haben, Taktiken zu ersinnen, wie es ihnen den strategischen Vorteil der überwältigenden Feuerkraft aus der Hand nimmt.

Eine Front des Kampfes ist zur Zeit interessanterweise anscheinend völlig offen, nämlich der Kampf der Frauen. Hier hat es das System geschafft, sich auf beispiellose Weise selbst zu blockieren. Keine Fraktion der Herrschenden will es derzeit auf sich nehmen, die öffentliche Durchsetzung der sogenannten Sittsamkeit zu betreiben. Stattdessen schiebt die allgemeine Polizei es der Geistlichkeit zu, die diese Zuständigkeit empört an die nächste unzuständige Stelle weiterverweist, und so fort, bis zuletzt der Präsident zum allgemeinen Erstaunen erklärt, der Staat habe sich grundsätzlich nicht darin einzumischen, wenn zwei Leute, verheiratet oder nicht, zusammen auf der Strasse unterwegs sind. Nicht, dass der grosse Mann plötzlich seine Liberalität entdeckt hätte; sondern dem System ist eines seiner Grundprinzipien, die mehrfache Zuständigkeit verschiedener konkurrierender Unterdrückungsapparate, an einer, vielleicht entscheidenden Stelle einfach aus dem Gleis gesprungen.

Die Konkurrenz der einzelnen Apparate, in der bisher derjenige den Vorteil davontrug, der als erster zugriff, hat sich offenkundig an dieser Front in einen Nachteil verwandelt. Wenn dies so ist, und nicht etwa das dicke Ende noch nachkommt (auch dafür spricht einiges), dann hat das iranische Proletariat einen Weg gefunden, in ein System wie das iranische eine Bresche zu sprengen, und man muss ihm wünschen, das es genau studieren wird, wie ihm das gelungen ist. Zur Zeit kursieren jedenfalls Bilder von völlig unverschleierten Frauen in Tehraner Bussen.

3
Ansonsten scheint die iranische Arbeiterbewegung ein wichtiges Hindernis ausgemacht zu haben, das der Zusammenführung ihrer getrennten Kämpfe entgegensteht. Ein grosser Teil des iranischen Kapitals ist in den Händen der Pasdaran, der Repressionstruppe selbst; jeder Streik ruft sofort den bewaffneten Eigentümer auf den Plan, ob er die öffentliche Sicherheit beeinträchtigt oder nicht. Eine verallgemeinerte Streikbewegung ist unter diesen Umständen ohne den sofortigen Bürgerkrieg, oder wahrscheinlicher ohne ein grosses Massaker schwer denkbar.

Wenn aber die Hinweise nicht trügen, die man vorsichtig übermittelt bekommt, dann suchen die Lohnarbeiter in der Sabotage ein vorläufiges Kampfmittel und Ausdrucksmittel, mit dem sie, wenn es gut gemacht ist, sowohl den ökonomischen Effekt eines grossen Streiks gleichsam simulieren, als auch ihresgleichen sich zu erkennen geben könnten.

So etwas funktioniert am wirkungsvollsten naturgemäss in Industrien wie der Erdölindustrie, genau dieser bis jetzt anscheinden für die Opposition uneinnehmbaren Festung, deren Aktion, so wie die des Bazars, nach der gängigen Logik der Analysten unausweichlich, wie 1978, das Ende des Regimes ankündigen muss. Und genau dort werden, zu ihrem Unglück, die Analysten die Sabotage nicht erkennen, wenn sie sie sehen. Die Sabotage, weil sie genau in der Mitte zwischen dem einfachen Versagen der ermüdeten und überanstrengten Arbeitskraft und ihrem genauen Gegenteil, dem Aufstand, steht; in der unerforschten und unergründlichen Zone zwischen der immer krisenhaften Reproduktion dieser Gesellschaft und ihrer Abschüttelung, das heisst: zwischen Schlaf und Wachen; die Arbeitersabotage können sie nicht erkennen, weil sie dazu mehr über die Grundlagen ihrer Gesellschaft wissen müssten, als man wissen kann, wenn man Analyst sein will.

Nach einem verheerenden Brand in einer Erdölanlage, die den Pasdaran gehört, erklärt z.B. ein Arbeiter schulterzuckend die Unzufriedenheit der Arbeiter zur Ursache; und schlägt eine Parallele zu anderen Katastrofen, die Einrichtungen der Pasdaran neuerdings befallen haben, unter anderem den Absturz eines Flugzeuges mit hohen Offizieren, der weithin dem Mossad zugeschrieben wird. Offiziell gilt der Brand als Naturereignis, er soll geologische Gründe haben, aber der Mann sagt: wegen der Unzufriedenheit. Er sagt nicht: wegen der Überarbeitung oder der Ermüdung. Es sind 4 Arbeiter bei diesem Brand gestorben, aber der Arbeiter sagt nichts, was auf etwas anderes als Arbeitersabotage hindeutet.

Ein seltsames Zeugnis; warum sollte er so etwas sagen? Sind es Trotz und Hilflosigkeit? Erinnert sich der Mann an Mossadegh, der dem amerikanischen Gesandten sagte: eher zünde ich das Erdöl an, als dass ich es den Briten zurückgebe? Glaubt er, dass eine Sabotageaktion grauenvoll fehlging? Man wird es nicht so schnell erfahren, bevor man, nach dieser ersten rätselhaften Meldung aus dem Erdölsektor nicht noch weitere, wahrscheinlich ebenso rätselhafte gehört hat.(1)

4
Das Exil, das neben lebensrettender Flucht auch noch etwas anderes ist: nämlich Anhäufung aller zu Recht gescheiterten Tendenzen der Opposition, hat sich noch einmal gespalten, und endlich über die israelische Frage. Vorher gab es schon zu Recht die Spaltung zwischen den Linken und den Monarchisten; jetzt haben sich die Linken gespalten, und werden sich noch weiter spalten, weil eine Reihe alter Linker nicht begreifen konnte, dass es nicht mehr 1979 ist und der antiimperialistische Traum schon lange ausgeträumt.

Diese Herren haben es für nötig gehalten, in einem längeren, auch sonst unerträglichen Manifest die palästinensische Intifada zum Vorbild des iranischen Aufstandes erklärt. Auf diese Niederträchtigkeit ist ihnen aber Antwort gegeben worden, ebenfalls aus dem Exil, und mit Worten, denen man anmerkt, dass sie entschiedener gewesen wären, wenn ihre Autoren nicht glaubten, in der Defensive zu sein; nämlich mit einer Verurteilung der palästinensischen Gewaltpolitik und der Erklärung zum Existenzrecht Israels und einer friedlichen Lösung des Konfliktes. Das klingt nach wenig, und ist doch, wenn man die Existenz derer, die es verfasst haben, in Betracht zieht, viel. Sie haben damit die Idiotie der Ganji und Genossen endgültig desavouiert, die das antiisraelische Regime antiisraelisch überschreien wollen.

Sie sprechen immer noch in allgemeinen Redensarten über die Gewaltlosigkeit des Widerstands, als ob der iranischen Revolution die Gewalt erspart bleiben könnte; und als ob die palästinensische Gewaltkampagne plötzlich gerechtfertigt wäre, wenn die iranischen Arbeiter sich eines Tages genötigt sähen, sich zu bewaffnen. Die Autoren des zweiten Briefes sprechen zuletzt, wie die des ersten, nur für sich selbst.

Damit ist aber zugleich zum ersten Male öffentlich den Herren Akbar Ganji und Genossen, der Generation, die die Pasdaran aufgebaut haben, das Recht bestritten worden, für die iranische Opposition zu sprechen. Diese neuerliche Spaltung kann man als Freund des iranischen Aufstandes nur begrüssen, ausser dass man sich deutlichere Worte wünscht, zu denen aber bei den neuen Linken vielleicht der Wille, aber nicht der Mut da ist. Diejenigen, deren Bestrebungen die neuen Linken zu vertreten beanspruchen, werden, wie wir hoffen, diesen Mut haben; sie werden ihn auch brauchen.

5
Insgesamt erscheint die iranische Bewegung als erstaunlich unbeschädigt, unfassbar trotzig und auf eine hintergründige Weise kreativ; jedenfalls aber lebendig und voller Zorn. Ich spare mir Bemerkungen über das Treiben der Eliten, ausser der, dass die Fraktionen nicht nur unverändert im Stellungskrieg miteinander liegen, sondern, kaum dass der unmittelbare Choque der Massenmilitanz nachgelassen hat, sogar noch in umso mehr Fraktionen zerfallen ist. Die Gerichtsbarkeit und die Polizei, Geistlichkeit und Pasdaran, Präsident und Parlament, eine Vielzahl eigener Körperschaften sind einander bereits an den Kehlen; das ist normal für einen Staat wie die Islamische Republik, aber die Vehemenz ist neu; sie ist die von Ertrinkenden, die um ein Rettungsboot kämpfen.

Was vor einem Jahr im Iran seinen Kopf gehoben hat, wird das noch einmal tun. Es wird noch etwas dauern, zu lange, aber es hat alles schon zu lange gedauert. Die Trägheit, zu der wir durch die Ereignislosigkeit und Aussichtslosigkeit verurteilt sind, und in der unsere besten Fähigkeiten verkümmern, kann man jedenfalls den Iranern nicht zum Vorwurf machen. Sondern allein uns, die wir unfähig geworden sind, ohne ein leuchtendes Beispiel zu revoltieren. Und hier ist noch nicht einmal die Rede von denjenigen Linken, die so einverstanden sind mit allem, dass sie die Revolution, wo sie ausnahmsweise wirklich ansteht, nur für eine Manipulation des Mossad zu halten vermögen; so als ob, wie bekanntlich die Antideutschen meinen, wirklich nichts gutes auf der Welt mehr wäre, hinter dem nicht der Mossad steckt.

1 Die andere Frage ist, ob man sie verstehen wird, ohne Antideutscher und Operaist gleichzeitig zu sein, was aber unmöglich ist.

Erwiderung auf Ndejra

(auf seinen Beitrag aus hype#15)

Die Höflichkeiten, die mein sehr geschätzter Gegner mir zuteil werden lässt, nehme ich dankend entgegen; in meiner Entgegnung will ich mich auf zwei Dinge konzentrieren, die mir unter vielem nutzlosen in der Debatte untergegangen zu sein scheinen. Vielleicht genügt es ja dazu , ihn nochmals zu einer Erwiderung zu provozieren; und vielleicht gewänne die Debatte dadurch eine gewisse Tiefe, die ihr bisher fehlt.

1. Adorniten, gar Antideutsche: ich habe es nach ausführlichem Studium der Sache dahin gebracht, nicht mehr zu wissen, was das sein soll. Ich kann nur schwer auf Sätze antworten, in denen über diese beiden Personengruppen Vermutungen angestellt oder Urteile ausgesprochen werden. Ich bekäme sonst das Gefühl, ich redete über Gespenster.

„Gewisse Antideutsche“ haben diese oder jene Ansichten über den Nationalsozialismus, das kann sogar sein, aber was interessiert es mich? Ist damit garantiert, dass es sich um auch nur diskussionswürdige Ansichten handelt? Wohl kaum. Das ISF aber „z.B.“ habe erklärt, der Nationalsozialismus sei eine eigenständige Gesellschaftsformation; aber genügt die Ungeheurlichkeit dieses Gedankens, ohne Ansehen eventueller Gründe, um ihn schon zu widerlegen? Wohl kaum.

„Ausblenden lässt sich die Katastrofe nicht“, erklärt Ndejra apodiktisch; aber was soll ich von solchen Sätzen halten, wenn ich doch in einer Wirklichkeit lebe, in der die Katastrofe sehr wohl ausgeblendet ist?

Vor allem in der Linken, wie man weiss, und auch in ihren vernünftigsten Teilen. Man lese doch nur mal in ihren Diskussionsforen nach, und sei es libcom.org oder ähnliches! Man bekommt dort vielleicht einen Begriff davon, was unter „Verblendung“ verstanden werden könnte.

Ndejras Kritik ist nach der einen Seite eine Kritik einer mehr oder minder wahllosen Menge von Einzelansichten. Das ist mässig sinnvoll, soweit sie nicht die Kritik des Ganzen ist, wie es sich meinetwegen in den Köpfen einer bestimmten Schule widerspiegelt.

2. Ndejra zielt auf der anderen Seite deshalb auch auf eine grundsätzliche Kritik der Frankfurter Schule; er will ihr eine Art von Komplizenschaft nachweisen mit dem Denken der Gesellschaft, die sie vorgeblich bekämpfe, und zwar in der Weise, dass sie ausgesprochen oder nicht von denselben Grundannahmen wie dieses ausgehe. Er nennt ausdrücklich das Grundverständnis über die Herrschaft über die Natur und die Herrschaft des Menschen über den Menschen.

Der Vorwurf erstaunt mich immer noch; weil er erstens nicht weiter ausgeführt wird (es müssten sich doch Spuren in Adornos oder Horkheimers Schriften anführen lassen), und zweitens, weil er sich mit dem Gegeneinwand nicht auseinandersetzt, der sich doch aufdrängt: dass gerade diese beiden die Begriffe geschaffen und in Anschlag gebracht haben, die Ndejra jetzt gegen die kritische Theorie einsetzen will.

Nichts gegen die radikale Kritik von allem und jedem! Die Kritik darf vor nichts haltmachen, sie muss sich zuletzt auch gegen ihre eigenen Voraussetzungen wenden; aber mir scheint Ndejras Kritik, gesetzt, sie hätte Substanz, eigenartig ihre eigene Herkunft zu verleugnen.

Hat nicht die kritische Theorie als erste die Naturbeherrschung überhaupt als ein Problem gefasst? Hat sie nicht als erste klar ausgesprochen, dass sich im Drang zur Beherrschung der Natur die Herrschaft des Menschen über den Menschen immer reproduziert, so dass beides als zwei Seiten desselben Verhältnisses verstanden werden muss?

Nimmt Ndejra Anstoss an den Formulierungen, in denen Horkheimer und Adorno die fehlgeschlagene Emanzipation des Individuums zum Subjekt in der Dialektik der Aufklärung beschreiben? Enthalten diese ambivalenten Formulierung seiner Ansicht nach etwa eine Bejahung der Naturbeherrschung, oder machen sie sie nicht gerade zuerst als Problem fassbar, das unlösbar in die Strukturen dieser Gesellschaft eingelassen ist, und nur mit diesen aus der Welt zu schaffen?

Ich habe es immer so verstanden.

3. Ndejra stützt sein kategorisches Urteil über die kritische Theorie auch auf die einfache Ausflucht, die sie beflissenen Studenten zu bieten scheint; er macht aber damit auch die Tür auf zu einer anderen einfachen Ausflucht, und scheint es nicht zu sehen.

Wenn man die kritische Theorie beiseiteschiebt, dann gibt es keinen Grund mehr, sich Rechenschaft abzulegen über die historischen Bedingungen der Vernunft, das heisst der Möglichkeit, überhaupt zu denken; und über den ebenso historischen Prozess der Zerstörung genau dieser Bedingungen. Es ist dann desto leichter, sich um das zu betrügen, was Rosa Luxenburg seit 1914 gefordert hat, nämlich die grausam gründliche Selbstkritik des Proletariats.

In mehr als einer Weise ist die kritische Theorie die Form, und zwar nahezu die einzige Form, in der diese Selbstkritik Wirklichkeit geworden ist. Sie ist nichts, an dem man leichthin vorbeigeht. Ihre Aporien sind noch die unseren. Ihr Programm ist noch lange nicht abgearbeitet, es wird uneingelöst bleiben, solange diese Weltordnung Bestand hat.

Arbeite man also weiter daran! Aber auf einer vernünftigen Grundlage.

4. Hat nicht die Negative Dialektik noch einiges zu bieten, was Ndejra brauchen könnte? Gibt es eine tiefer gehende Ausführung des logischen Problems des Verhältnisses von Allgemeinem und Besonderem, von konkretem Einzelding und abstraktem Begriff? Ist nicht für die anti-politische Tendenz, die Ndejra und ich ja, nehme ich an, teilen, diese Frage von allergrösstem Interesse?

Wenn Adorno die Identität, die den Dingen unter der Herrschalt des Begriffes aufgezwungen wird, als Identität des (Identischen mit dem) Nichtidentischen sichtbar macht: ist das für einen Begriff der Herrschaft oder der Befreiung etwa gleichgültig? Hat irgendein Logiker jemals vorher einen Begriff vom Nichtidentischen auszuführen versucht, vom dem also, was in seinem Begriff gerade nicht aufgeht?(1) Dem also, wovon nie gesprochen worden ist, dem, was in jeder Sprache immer nur verraten und beschwiegen worden ist, dem zertretenen und zerschlagenen, genau dem, was zu befreien wäre?

Können wir uns nicht, allgemein gesprochen, alle Versuche, eine Sprache oder irgendein Mittel des Ausdrucks zu erobern, in die Fuge streichen, wenn wir zu genau diesem logischen Versuch nicht in der einen oder anderen Weise einen Zugang finden?

Die Negative Dialektik ist nicht die grosse Methode. Aber weil ihre Probleme noch die unseren sind, weil seither so vieles nicht passiert ist, enthält sie schon, im wesentlichen, alle Fragen, die sich uns aufdrängen, die wir aber nur mit Mühe wieder aus ihr herauszuarbeiten haben.

Was also ist denn „die wirkliche Bewegung, die den gegenwärtigen Zustand aufhebt“, von der Ndejra redet? Wo sieht er sie? Besteht sie (wenn sie denn überhaupt besteht) unabhängig von der Selbstkritik des Proletariats, die Rosa Luxenburg gefordert hat? Ist sie nicht zwingend zurückverwiesen an eine „Filosofie, die einmal erledigt schien“, aber sich am Leben erhält, „weil der Zeitpunkt ihrer Verwirklichung versäumt ward“? Mehr noch, fällt sie nicht mit dieser in eins? Wenn nicht, um so schlimmer!

(1) Warum bloss hat man nie eine Kritik an der kritischen Theorie gehört, die sich explizit darauf gestützt hätte, die Negative Dialektik immanent, d.h. entlang ihres eigenen (kommunistischen) Anspruchs zu kritisieren?

argh.

Welch entspannender Tag im Hugendubel in der Innenstadt:

Gefolgt von dem hier:

Dafür aber das hier gesehen und mich doch noch ein wenig gefreut:

Ach und wer Zeit hat (nicht so wie der Leiter des Kulturressorts des Letzten Hypes) aber kein Geld wie der Prakti, meldet sich halt da:

Arghhh. Schrecklich.

Ein weiteres Mal: „It´s time to say goodbye.“

oder: wie verängstigte Einhörner vom Mond aus niederstarren und die Welt sich in der Neigung von 23,5° ringsum dreht.

„Wir meinen zunächst, daß die Welt verändert werden muß. Wir wollen die größtmögliche emanzipatorische Veränderung der Gesellschaft und des Lebens, in die wir eingeschlossen sind. Wir wissen, daß es möglich ist, diese Veränderung mit geeigneten Aktionen durchzusetzen.“ – Guy Debord, Rapport zur Konstruktion von Situationen

Wer mich kennt, weiß – dass die oben genannten Worte schon einmal im World Wide Web Einzug erhielten. Für den Rest: Es spielt eigentlich keine weitere Bedeutung. Sie wurden damals eingemeißelt, weil sie nimmer mehr vergessen werden durften. Eingehämmert, damit jeder sich erinnern wird und ich aus heutiger Sicht sagen kann, dass es nicht schlecht tat, die Brüche zu begehen, die eben – so bitter wie sie sein mochten – unumgänglich waren. Havarien werden einer Notwendigkeit der Unkenntnis über das Unheil vorausgeschickt. Es scheint kein großer Verlust zu sein, dass ich hinfort bin. Es war eben auch kein immenser Gewinn für eine schreckliche „Szene“. Ich bin draußen. Weg. Auf nimmer wiedersehen könnte man sagen oder es auch lassen. In Anbetracht der aktuellen Lage ist dieses Vorgehen eine Unabwendbarkeit – mehr noch – ein Obligatorium.

Die letzten Trümmer eines Irrglaube an die Restvernunft der Linken, wurde von der Langeweile besiegt. Ihr habt nichts das euch berechtigt den Unsinn zu treiben, den ihr treibt. Alle anderen können mit ihrem Erfolg prahlen – ihr lasst es tatsächlich besser. Ihr versteht eure Rolle nicht, die ihr mit eurem Handeln einnehmen wollt. Die ihr mit eurem Dasein fristet. Ihr habt noch nie die Notwendigkeit einer historische[n] Verantwortung verstanden, die man als freiheitsliebender Mensch verstehen sollte. Endlich die „Notbremse“ zu ziehen, daran gilt es festzuhalten. (0) Die Vorbereitungen zu machen! Ihr versauert dort, wo sich niemand um euch kümmert. Warum sollte es auch jemand? Eure lapidaren Ausschweifungen zu Themen, die altbacken sind, sind nicht die Belange, die unseren grässlichen Alltag bestimmen und uns tagtäglich zu das machen, was wir sind. Ihr quält euch mit deplatzierten Gedanken – statt euch tatsächlich mit dem zu beschäftigen, das etwas verändern wird. Und selbst ihr kauft euch eure Postulate (ja, nichts anderes scheinen sie zu sein) mehr ab. (1) „Szenetalk“ ist es, wie es Kriegstheater als sinnentleertes „Geplänkel“ zu Recht als solches bezeichnet. (2)

Warum ist man nicht in der Bewandtnis das zu tun, das doch so unentbehrlich scheint? Ihr steht morgens auf um euch die Schuhe zu binden, das Frühstück zu verzehren, zu lüften und den Weg zur Straßenbahn zu finden – trotz der Müdigkeit die euch doch so quält. Ihr steht mittags in der Kantine um euer Mittagessen zu verzehren, um den Tag physisch zu überstehen – trotz der psychischen Qual. Ihr liegt nachts im Bett um eure Ruhe zu finden; vor dem Alltag, der noch Schlimmer nicht zu drohen scheint? Und ihr könnt noch schlafen? Trotz der Strapazen um die ihr angeblich bescheid wisst, entscheidet ihr euch täglich für das Selbige? Diesem Trott des Alltags hingegeben, scheint man solch große Übung in den Abläufen zu haben, dass man sie selbst im Schlaf beherrscht. Nicht sonst würde der Spruch eines alten Griechen auch heute noch an Aktualität verlieren, der besagt: „Auch die Schlafenden halten die Ordnung der Welt aufrecht.“

Die Welt in der die Existenz unserer zu finden ist, erkennt ihr als eine schreckliche an, doch das was ihr tut ist alles was es aufzubringen gilt? Dann werde man auch euch den Kampf ansagen müssen. Es gilt nämlich: „All dem muss in offener Feindschaft entgegengetreten werden, um endlich das Leben selbst herauszufordern.“(3) Die Gefahr dabei ist gen Ende gänzlich die, alleine in der Backstube als Lehrling auszuharren. Alleingelassen von der „Ersatzfamilie“ von den Leuten die einen zeitweiligen Lebensabschnitt mit uns teilen und sich wie so oft Freunde schimpfen. Die Dinge so hinzunehmen scheint jedoch auch für euch nicht ganz in Ordnung, dieser letzte Keim muss sprießen, damit es wenigstens Unkraut wird. So arrogant bin ich!

Es nämlich einfach so hinzunehmen wäre fatal und mit dem Bewusstsein, der Dringlichkeit auf Veränderung hin zu einer emanzipatorischen Tagesordnung nicht vereinbar. Warten können wir nicht länger. Warten wollen wir nicht länger. Und während die isländische Vulkanwolke zeigt, wer die Krise ist, schafft man hier keine Zuspitzung. (4) Vielleicht ist noch nicht die Zeit gekommen es begreiflich zu machen, dass unser Anliegen derzeit keine revolutionäre Bewegung sein kann. Immerhin dient noch die Poesie der Toten für eine Nordwestpassage zu den Ansätzen einer möglichen emanzipatorischen Gesellschaft, und solange dies so ist, werden sie viel lebendiger sein als die Lebenden selbst.

In den Nervenzellen meines Gehirns spielen sich im Gleichtakt Illustrationen ab, die keine Photothek aufnehmen könnte, da sie endlos sind. Ohne Anfang, ohne Ende – und ständig wäre ein Einschub, ein Schnappschuss möglich. Doch niemand findet augenblicklich den Auslöser. Das Stativ ist bereits auf drei Beine gestemmt. Das Objektiv scheint jedoch noch in Bauplanung und für das Kameramodell gar nicht gerüstet. Der Fotograf muss erkennen, dass nur er alleine den Auslöser zu aktivieren hat, denn das Objekt der Begierde schreitet immer weiter Richtung Horizont. Und trotzdem scheint es wichtiger als ehemalig, „je unmöglicher der Kommunismus ist, desto verzweifelter gilt es, für ihn einzutreten.(5)

Damit das Blitzlichtgewitter endlich Einzug erhält!

Karl von Irgendwo oder so.

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(0) Der Terminus der Notbremse ist Walter Benjamin entlehnt: „Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ – Walter Benjamin. Angesichts der Züge die nach Auschwitz rollten, mag es tatsächlich eine revolutionäre Tat gewesen sein, diese Notbremse spätestens (!) an Ort und Stelle zu ziehen.
(1) Nebenbei könnt ihr sie ja nicht einmal formulieren und würgt bei genauerem nachfragen kleinlaut ab: „Ja, ich weiß das ja auch nicht so genau. Kann schon sein.“
(2) www.kriegstheater.blogsport.de in dem Beitrag mit der merkwürdigen Überschrift: „Manifest (Entwurf)“
(3) Carlo Raimondo Michelstaedter. In offener Feindschaft mit dem Bestehenden, seinen Verteidigern und seinen falschen Kritikern
(4) Ich möchte natürlich die Annahme – die derzeit eher einer Tatsache entspricht – nicht abstreiten, dass die deutsche Bestie gerade derzeit so schrecklich barbarisch daherkommt und eine Konterrevolution viel wahrscheinlicher als alles andere wäre. Solange diese Befürchtungen bestehen, darf man getrost auf keinen Umsturz hoffen. Mehr noch, man muss gegen ihn Stellung beziehen.
(5) Max Horkheimer. Um mich auch einmal bei den beliebten Zitateonkeln zu bedienen.

Hören und Schmecken

Hören und Schmecken
Die Seite für moderne Kultur

Heute: Vom übermüdeten Kochkommu, äh, lumnisten

Oh, wie sind doch die Fingerlein so steif! Und oh, oh, wie schmerzt das Kreuz!! Und oh, oh weh, wie verschwommen ist das Bild trotz des übergroßen Bildschirms!!! So wird das alles nichts, es bedarf einer kräftigen Ermunterung. Nach der gestrigen schweren Not ist zwar doch der Morgen gekommen, aber nun braucht es endlich auch einen Kaffee! Doppelespresso mit wenig, doch sehr(!) cremigem Milchschaum, dazu ein Croisant und: „Möchten der Herr vielleicht noch eine kleine Aufmunterung?“. „???“. „Cognac??!“. Meine Zweifel an der Seriosität des eigenen Erscheinungsbildes wachsen ins Unermessliche. Das Hemd ist doch nicht zerknittert? Der Bart ist sauber fortrasiert, die Haare gekämmt, was will der Mensch?? Erkennt der mich???? Ich verstecke mich hinter dem Feuilleton des lokalen Tagblattes und sinniere über die Spuren, welche die Zeit auf meinem sorgsam gepflegten Arbeitskraftbehälter hinterlassen hat. Ach, da schau her! „Elisabeth Kulman gewinnt Schallplattenpreis Toblacher Komponierhäuschen 2010″1 So, so. Mit dem exotischen Reiz eines Akkordeon und dem erotischen eines roten Kleides und dazu noch der Beihilfe des statthabenden Mahlerjahres, da müssen die Preise ja purzeln. Mich hat die Idee, das große Mahlersche Orchester durch eine, so hat’s der bayerische Rundfunk mal genannt, Wirtshauskapelle zu ersetzen, sofort eingenommen. Wirtshaus, das kenne ich immerhin sehr gut – und der Welt bin ich auch schon öfter abhanden gekommen2; mit Akkordeon ist der Himmel dann auch recht schön instrumentiert. Die Kulturseite der werten Kollegen ist zwar ein prima Sichtschutz, doch recht öde und der nunmehr gelangweilt aufgeschlagene Meinungsteil zitiert gar den mittels Fußballs endlich gelockerten Umgang mit der Nation samt Flagge herbei, um sich so gewappnet für mehr Einigkeit und Volksnähe in der Politik, sowie mehr Sauberkeit in der Innenstadt stark zu machen. Außer Hundehaufen habe ich vor dem Lokal keine größeren Verunreinigungen wahrgenommen – und will mir schon gar nicht vorstellen, was noch volksgemäßere Einigkeit sein mag, als es jener einstimmig gefasste Entschluß unserer geliebten Volksvertretung bereits war, Jerusalem auch mal offiziell mitzuteilen, daß die Interessen des jüdischen Staates wohl doch besser in Berlin aufgehoben seien. Mein allmorgendliches Unwohlsein weicht einer allgemeinen Angewidertheit; es hat schon seinen Grund, weshalb mir die Seite vom Schönen, Guten und Wahren untersteht und nicht ich diese grausliche Politik am Hals habe! Leise grummelnd bezahle ich Kaffee und Hörnchen und strebe zum nächsten Lebensmittelladen. Haben sich doch die Mitglieder der Anderen gelehrten Gesellschaft für den heutigen Abend zum Dinér angemeldet und, das weiß ich aus Erfahrung, die geistreichen Gespräche finden seit je erst nach einem reichlichen Menü und einer gewissen Menge geistiger Getränke statt. Der Einkauf gestaltet sich stets ein wenig diffizil, da die Mitglieder dieses Vereins – ebenso wie jene der kleinen Vereinigung zur Beförderung der versöhnten Gesellschaft und der mainfränkischen Sektion des Kulturbunds – einerseits diverse Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten in sich vereinen, andererseits sich insbesondere auf diejenigen ihrer persönlichen Idiosynkrasien kaprizieren, welche mit der Nahrungsaufnahme zu tun haben. Das Menü möge doch bitte keine allzu scharfen Speisen, keine rohen Karotten oder auch Tomaten enthalten und ganz besonders ist auf die Abwesenheit von Gluten zu achten; es muß vegetarisch sein und sollte exotische Gemüsesorten eher meiden. Letzten Sommer war der versammelte Kulturbund zu einer Wanderung in die Alpen aufgebrochen. Für eine der auf Camping-Kochern zu verfertigenden Mahlzeiten hatte eine der Damen und ich die ehrenvolle Aufgabe des Einkaufs übernommen. Die Findigkeit, mit der besagte Dame selbst im Allgäuer Landstädtchen Sojaprodukte und glutenfreies Brot aufzutreiben wußte, beeindruckte mich nachhaltig. Die Auflösung der Unterschiede zwischen Stadt und Land waren denn auch eines der Themen auf unserer Wanderung – nicht nur daß Vegetarismus und Lebensmittelreform bis in abgelegene Bergregionen vorgedrungen waren, auch die zeitgenössische Kunst hat Einzug in die Natur genommen. Eine ganze Klamm, also ein von einem Gebirgsbach in den Fels geschnittene enge Schlucht, war zu einem künstlerischen Monument gegen Krieg und Herrschaft des Mammon gestaltet worden3. Aufgestiegen in luftigere Höhen, dabei vertieft in Betrachtungen über die unangenehmen Seiten des Landlebens, wie etwa die unverständliche Sprache der lokalen Bevölkerung, Rinderbremsen, weite Wege und ein gewisser Zwang zu rustikaler Kleidung, zielten wir bereits auf eine weiter ausgreifende Exkursion, nämlich einer, später dann auch durchgeführten, Bildungsreise nach Israel. Inmitten einer Debatte, ob alpine Ausrüstung bei einer Wanderung auf dem Israel National Trail vonnöten sei und inwieweit der Mangel an Gebirgslandschaft die Rezeption des Mahlerschen Werkes beeinflusse, ertönt der Ruf: „Ein Kamel!!!“ Tatsächlich stand inmitten einer der zahllosen Weideflächen ein Kamel, samt Höcker und dem für diese Spezies typischen, uns skeptisch erscheinenden, Gesichtsausdruck. Der Tourismus, das konnte uns ganz flugs die zweite Dame referieren, gebärt die seltsamsten Früchte, also auch Kameltouren durch das Allgäu. So war dann jener Teil des Grüppchens, welcher einige Wochen später dem überlieferten Weg des christlichen Messias vom Har Arbel hinab zum Kineret nach Kefar Nahum folgte, wenig überrascht, direkt am Fuße des senkrecht abstürzenden Hangs des Arbel zuerst alpin anmutendes Glockengeläut zu hören, alsbald dann Rinderdung auf dem Wanderweg vorzufinden, um endlich einer Herde Kühe gewahr zu werden, die so gemächlich wie raumgreifend den schmalen Weg uns entgegen trottete. Die von mir nun ebenfalls erwarteten Rinder treibenden Bergbauernjungen und jodelnden Sennerinnen blieben Hirngespinst. Das Dorf, zu dem der Weg führt, heißt Hamaam, das könnte schon auch ein süddeutsches dialektales Wortgebilde sein, doch dort steht eine große nagelneue Moschee und um diese nachmittäglich heiße Zeit läßt sich außer Touristen kein Mensch, draußen blicken – schon gar kein Allgäuer Alpenwirt mit einem Tafelanschrieb, der eine große Auswahl an Kuchen verspricht, und der auf Anfrage dann wortlos durchgestrichen wird. Hier müssen Kühe und Touristen alleine zurecht kommen, nicht einmal ein Eisstand oder ein Limonadenverkäufer ist weit und breit zu sehen. Am See angekommen wich dann das lauthals bemängelte Fehlen einer touristischen Infrastruktur einem gewissen Überangebot: Besichtigung jenes vom Grunde des Kineret geborgenen Schiffleins des Petrus (welchselbiges, das weiß ich noch aus dem Religionsuntericht, doch der Jesus laut Matthäus 14 / 31 vorm Untergang errettet hat), Predigten auf dem Wasser in sämtlichen Sprachen (aramäisch und altgriechisch inklusive), Kurse im Aufdemwasserwandeln und ein mysteriöser Wegweiser in die Richtung einer von der Abendsonne dunkelrot illuminierten Bergkette: „See where MADONNA found her inspiration. Find your personal way to calm and wisdom. Visit Sefad“. Da mussten wir selbstredend dann auch noch hin. Ein bißchen so wie Lourdes mit Blick auf Zitrusplantagen und galiläischem Meerlein. Aber Madonna war nicht da und die Damen wollten auch nicht wirklich am Meditationskurs mit Schnelleinweisung in Zahlenmystik (nur für Frauen) auf garantiert schon von Madonna persönlich besessenen Sitzkissen teilnehmen. Nun waren wir ja nicht eigentlich zwecks all dem multireligiösen Kitsch gekommen, sondern wollten uns von Dromedaren in einer diesen Tieren zukommenden Umgebung durch malerische – das muss sie als sinnlicher Inbegriff des Orients ja doch sein – Landschaft tragen lassen. So begab es sich dann, daß wir in der Wüste, genau gesagt in Mitspe Ramon ziemlich tief im Negev, in einem echten Wüstenzelt Quartier nahmen, um Gluthitze und Trockenheit pur zu erleben. Blöd war lediglich, daß das Wüstenhostel zwar die versprochenen Zelte vorweisen konnte, es sich aber gar nicht um Beduinenzelte, sondern um recht hippieske Imitationen handelte, deren wichtigster Ausstattungsbestandteil der indianische Traumfänger zu sein schien; noch blöder war, daß wir exactement an einem der vom statistischen Jahresquerschnitt gesehenen fünf Regentage angekommen waren – es somit saukalt gewesen war und die auf google earth zu bestaunende, gigantische Schlucht unter einer, dem heimischen Herbstnebel in Nichts nachstehenden, grauen Wattedecke verborgen blieb. Und Kamele gab es dort auch keine, wir haben aber später auf der Busfahrt noch welche zu sehen bekommen. Das Schlimmste jedoch war die tibetische Musik, die ja als solche nicht zwangsläufig von so großem Übel sein muß, doch durch die Begleitung eines Didgeridoos und eingesampelter Walgesänge sich zu einer musikalischen Form der Folter auswachsen kann. Bei der Erinnerung an dieses wahre Höllenorchester gerate ich in helle Panik. Der Basmatireis in meinen Händen beginnt höhnisch zu grinsen und mit dem diversen Grünzeug und den Gewürzen im Einkaufskorb eine Wüstenpolka zu summen. „Alles OK? Die Petersilie geb‘ ich Dir noch so mit.“ „Äh. Ja.“ Verwirrt blickend deute ich auf das Regal. „Baklava?“ Steht zwar groß und deutlich drauf, aber naja. Der Einkauf ist fast geschafft, beim Fußweg durch die Stadt versuche ich noch, mich über das Kulturangebot der nächsten Tage kundig zu machen. In letzter Zeit bin ich ja öfter mal hinüber nach Schweinfurt gefahren, wo im dortigen Theater regelmäßig die Bamberger Symphoniker gastieren. Deren Aufführung der fünften Symphonie von Gustav Mahler hatte ich zu meinem großen Leidwesen verpasst, doch dafür die Symphonien Nr. 2 (D-Dur op.73) und Nr. 4 (e-Moll op. 98) von Johannes Brahms unter der Leitung von Jonathan Nott gehört und hatte als besonderen Höhepunkt dieses Abends, dank der überaus umfassenden Verbindungen des Kulturbunds, die Pause in der Cafeteria des Theaters inmitten der Damen und Herren Musici verbringen dürfen. Der Glanz, der von all den Braten mit Knödel, Leberkäsweck oder auch Schnitzel mit Pommes Frittes verzehrenden Künstlerinnen und Künstler – „Da, schau! Da ist doch der Hornist.“ – auf mich abfiel, war mir ein schöner Ausklang meines doch immerhin schon 49ten Geburtstages. Noch in derselben Woche waren wir dann gemeinsam in Würzburg, wo wir dann doch die Mahlersche Fünfte hörten. Das war auch sehr gelungen, lediglich die Protzereien jenes Kollegen mit den guten Verbindungen in die Schweinfurter Theaterkantine, er habe ja die Bamberger gehört, „gar kein Vergleich!!“, störten ein bißchen die festliche Stimmung – was dann die Entscheidung zwischen dem Besuch des Theater-Cafes oder dem etwas jugendlicher daher kommenden „schönen René“ zu einer regelrechten Kampfabstimmung werden ließ. Jetzt muß der Kulturbund erst einmal ohne mich ins Konzert, allzu lange werden die das aber ohne meinen großen Sachverstand nicht aushalten, das ist schon klar! Aber wo ist denn jetzt dieses Plakat, das dieses überaus interessante Akkordeontrio angekündigt hat, bloß hingekommen? Ich finde es nicht wieder, statt dessen stoße ich direkt vor dem Dom auf die vergilbte Annonce einer längst stattgefundenen Veranstaltung aus jener, zum großen Glück nicht von mir zu verantwortenden Sparte, nämlich der Politik: Kundgebung mit Bürgerfest. Würzburg gegen NPD. Unter anderem sprach dort die Frau Dr. Stamm von der CSU, die, das weiß ich noch aus meiner Jugend, einen äußerst schlechten Ruf bei der hiesigen Linken genoss. Ich erinnerte mich natürlich sofort an die zahlreichen Aufkleber auf dem Ampelmast direkt vor meiner Haustür, wo deutlich martialischer – „Kein Fußbreit den Faschisten“ – für doch wohl dieselbe Veranstaltung geworben worden war. Aber über die Tatsache, daß die bedauernswerte Frau Dr. Stamm jetzt gar für die Antifaschistische Aktion reden muß, werden sicher der Heumann und die Evi einen gut recherchierten Hintergrundbericht abliefern. Ich hingegen muß jetzt hinaus in die richtige Welt, die so gar nichts von hehrer Kultur und vom großen Schatz des modernen Wissens hören mag. Um mir die wilden Umtriebe, die der Beruf des leitenden Kulturredakteurs einer sehr angesehenen Vierteljahreszeitschrift so mit sich bringt, überhaupt erlauben zu können, bin ich zu meinem übergroßen Mißvergnügen gezwungen, meinen Körper und auch meinen Geist auf eher unabsehbare Zeit zu Markte zu tragen; weniger poetisch: Ich habe noch einen zweiten und dritten Job in der Gastronomie angenommen. Das Problem besteht nun darin, daß ich mir zwar die vielen Konzertbesuche samt anschließenden Kaffeehausbesuch leisten können würde, wenn ich bloß zu den Zeiten, an denen Konzerte dem usus nach veranstaltet werden, nicht gerade zwischen Herd, Fritteuse und Saladette hin und her hetzte, um auf Zuruf die leckersten Speisen zuzubereiten. Ein zusätzlicher lästiger Umstand, der beim Überlassen eines (nicht zu knappen) Teils meiner Lebenszeit für Geld auftritt, ist mit der Quälbarkeit meines Leibes verbunden. Das gute Stück (also ich rede von meinem Körper, der ist immerhin der einzige den ich habe) ist eh‘ schon ein wenig ramponiert und im Moment, dank der guten Nachfrage nach meiner einzigen Ware, ziemlich überbeansprucht. Die richtige Welt, das habe ich mir in den letzten Tagen doch zugestehen müssen, ist zu anstrengend, ja, ich würde sogar sagen, sie behagt mir nicht. Es scheint jedoch dummerweise wohl keinen Ausweg mehr zu geben. Stand ich doch dieser Tage einmal, es geschieht ja aus vorgenannten Gründen nur mehr selten, im Begriffe, mich ins Büro – jenem vom Finkenberger und mir behausten Kellerloch im Hotelturm – zu begeben. Selbst eine Fliege hatte ich mir umgebunden, nicht bloß so einen bunten Kulturstrick von Krawatte, doch mir blieb der Einlass verwehrt! Der Schlüssel, der immer hinter der, ja doch lediglich zur Tarnung aufgestellten, Bautafel hing, war nicht an seinem Ort. Ich ächzte mich über die provisorische Absperrung, zerriss mir dabei auch noch das Jackett und rüttelte an der Bautüre, die in den Keller führt. Nichts. Oh! Doch!!! Ein dickes und sichtlich neues, sehr massives Schloß verriegelte die, zudem mit zusätzlichen Schalbrettern verstärkte, Türe. Sofort rief ich die Evi Schmitt, die immer sämtliche die Redaktion betreffende Neuigkeiten zuerst weiß, an. „Ihr Gesprächspartner ist momentan nicht erreichbar“. Beim Heuberger das gleiche Spiel, aber das ist ja normal, der lässt sein i phone sowieso immer irgendwo liegen. Ich ging die gesamte Liste durch, versandte Kurzmitteilungen und besprach Anrufbeantworter sonder Zahl. Tja, der Vertrag war ganz einfach ausgelaufen. Der Chef hatte nämlich den Turm lediglich geleast gehabt – allen hat er erzählt, er wäre gekauft – und war jetzt auch noch von seinem Vorstandsposten zurück getreten. Die Redaktion war wieder obdachlos und tagte im Moment an dem Grillplatz beim Graf Luckner Weiher und keine Sau hatte auch nur daran gedacht, mich zu informieren. Im Hintergrund des kreischenden Tumults von „Redaktionssitzung“ hörte ich den vorlauten Praktikanten: „Der brät doch sowieso den ganzen Tag Curry Wurst, was will der hier am Grillplatz?“

Doch keine Sorge, die Kollumne gibt sich nicht so einfach geschlagen:
bis zum nächsten Mal!
Ihr stets zu Diensten stehender
Rainer Bakonyi

Das Rezept des (dann ganz wirklich den Damen und Herren vom Lesekreis aufgetischten) Mahls:

Iranischen Reis mit Safrankruste:
4 Tassen Basmati-Reis, ½ Teelöffel Safranfäden, Salz, Butterflocken, Butterschmalz.
Den Reis mehrmals mit kaltem Wasser waschen, dann in eine Schüssel mit reichlich Wasser geben, einen Esslöffel Salz zufügen und mindestens eine ½ Stunde quellen lassen. Nun in einem großen Topf 2-3l. gesalzenes Wasser aufkochen lassen und den abgetropften Reis zugeben. Kochen bis der Reis gar, aber noch bißfest ist (5-7min.), in der Zwischenzeit den Safran mit etwas Zucker im Mörser zerstoßen, den Reis in ein Sieb gießen und den Topf wieder auf die Flamme stellen; Butterschmalz und ½ Tasse Wasser darin erhitzen. Nun in die Wasser-Fett Mischung den Safran geben und kräftig umrühren. Wenn die Brühe kocht, den Reis hinein geben, dabei zur Mitte hin einen leichten Hügel formen. Nun mit dem Stil eines Kochlöffels gleichmäßig verteilt 6-8 Löcher bis zum Topfboden bohren und sobald nach einigen Minuten der Reis zu dampfen beginnt, den Topfdeckel fest in ein Geschirrtuch einschlagen und auf den Topf setzen. Sobald der Deckel richtig heiß ist, die Hitze auf die niedrigste mögliche Stufe reduzieren und eine Stunde stehen lassen. Nicht vor Ablauf der Stunde öffnen! Jetzt in einem Spülbecken eine halbe Hand hoch kaltes Wasser einlaufen lassen und den Topf entschlossen hinein setzen. Mit Zischen und einem lauten Krachen wird sich die Reiskruste vom Topfboden lösen! Nun den Reiskuchen vorsichtig auf eine große Platte stürzen. Die leuchtend gelbe Kruste ist Zierde genug, doch verspielte Gemüter mögen nunmehr gerne mit Kräutern und Gemüsestückchen an einer Dekoration basteln.

Vegetarischer Bohnentopf. (Im Original besteht dieses Gericht zur Hälfte aus mitgekochtem Fleisch. Ich weigere mich, hier mit Sojaersatz rumzupfuschen. Es bleibt bei Hülsenfrüchten pur)
80g. Kichererbsen, 80g. Kidney-Bohnen, 80 g. weiße Bohnen; 3 getrocknete Limetten (kann man selber ganz einfach trocknen lassen, geht zur Not auch mit frischen), 1 Gemüsezwiebel, 2 Kartoffeln, 1großer Bund glatte Petersilie, 1 Bund Schnittlauch, 1 Bund Koriander, 2 El. Bockshornkleesamen, 2 Teelöffel Kurkuma, Salz, Pfeffer.

Die Hülsenfrüchte über Nacht (mind. 8 Stunden) einweichen, abgießen und gründlich ausspülen. Mit einem Holzspieß die Limetten mehrfach durchbohren, die Zwiebel halbieren und eine Hälfte sehr fein hacken. In einer Pfanne etwas Öl erhitzen und die Zwiebel darin bräunen, danach die fein gewiegten Kräuter dazu geben, gelegentlich rühren und mit dem Bockshornkleesamen würzen. Die Masse in einem Schüsselchen zur Seite stellen. Nun die Hülsenfrüchte in einem großen Topf mit reichlich Wasser aufkochen. Die zweite Zwiebelhälfte am Stück beigeben, die Limetten, das Kurkuma, Pfeffer und Salz zugeben und etwa 2 Stunden köcheln lassen; jetzt die geschälten und geviertelten Kartoffel und die Kräuter- Zwiebel Mischung dazu geben, eine weitere Stunde köcheln lassen. Jetzt alles durch ein Sieb geben, die Brühe als Suppe auffangen und warm stellen, die Limetten wieder aus den Hülsenfrüchten herausfischen, diese abschmecken und dann zu einem Brei pürieren.

Dazu werden Salate, gebratene Gemüse und geröstete Nüsse gereicht.

Als Nachspeisen eignet sich Obst, Eis und eigentlich alles, was sehr süß ist.

Ihr Rainer Bakonyi

Er ist da!

In gedruckt und online. Am selben Tag.

Viel Spaß

FUCK

Würzburger Schandtaten.

Die Freundinnen und Freunde des Post-Prä-Bikri haben Mut bewiesen! Sie haben die Qual über sich ergehen lassen, dass „Pferd-Tret-Festival“ zu besuchen und darüber auch noch ihre Eindrücke der Welt zu präsentieren. Aber liest selbst:

Es ist manchmal sehr interessant, wie manche Menschen dem Sog des Sommerlochs in Würgtown zu entkommen versuchen. Kaum zu glauben, ist einmal die übliche Klientel des Bildungsstreiks aus der Stadt, geschehen durchaus amüsante Sachen. Zu unserer Schande müssen wir gestehen, bei Critical Mass waren wir nicht und können folglich auch nicht einschätzen, was das für Menschen sind und ob sie mit dieser Stadt und diesem Sommer mehr Probleme haben, als dass in Würgtown kein nötiger Respekt den FahrradfahrerInnen entgegengebracht wird.

PS: Der Hype steckt in der Klemme, pardon (!) – Presse fest. Nächste Woche ist es soweit.

Ordnung, Disziplin und Lagerfeuerromantik

Aufgrund von drastischen Kürzungen in der kommenden Print-Ausgabe (14b/15) werden wir einige (auch längere) Artikel lediglich online veröffentlichen. Es folgt ein Gastbeitrag.

Ordnung, Disziplin und Lagerfeuerromantik
Katholische BootCamps in Unterfranken

Als vor einiger Zeit die Medienöffentlichkeit auf die neofaschistische Jugendorganisation
Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) aufmerksam wurde, war das entsetzte Erstaunen groß. Berichte über Sommerlager im Stil der HJ und die neofaschistische Indoktrinierung von Kindern machten genauso die Runde wie Bilder von uniformierten Kindern, Fackelzügen und „Führerbunker“-Zelten. Nach anhaltender Berichterstattung ist die HDJ mittlerweile verboten. Keineswegs unbemerkt von der Provinzöffentlichkeit, vielmehr mit deren Wohlwollen aufgenommen fühlen sich hingegen seit Jahrzehnten Jugendlager in Unterfranken, die zwar aus einer gänzlich anderen ideologischen Spielrichtung des Bürgertums kommen, nämlich dem Katholizismus, deren gesellschaftliche Funktion aber die gleiche ist: Brutale Disziplinierung und Einbindung von Kindern in sexistische und rassistische Kategorien. Die Rede ist von Zeltlagern, die jahrjährlich von Jugendorganisationen des Katholizismus, namentlich vor allem den Ministranten, abgehalten werden. Dort erfahren Kinder ab dem Grundschulalter, abgeschieden von jeglicher Rest- Zivilistation, bei Lagerfeuerromantik Disziplin, Ordnung und Drill. Im folgenden soll ein Aussteigerbericht dokumentiert werden, der die Geschehnisse in diesen Lagern treffend schildert:

>> Die Teilnehmer eines Ministranten-Zeltlagers sind in der Regel zwischen 8 und 20, in Ausnahmefällen bis 25 Jahre alt. Sie organisieren die Lager selbst, theologische sowie organisatorische Hilfe bekommen sie dabei von der Pfarrgemeinde als auch dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Die Lager finden oftmals in den Pfingstferien, einer Jahreszeit, die von sehr unsteter, nass-kalter Witterung geprägt ist, auf Wiesen oder Waldlichtungen fernab jeder Rest-Zivilisation statt. Diese Abgeschiedenheit ist bereits Teil des reaktionären Programms. Im Zeichen der Lagerfeuerromantik wird so ein naturwüchsiges, anti-modernes Leben idealisiert.
Errungenschaften der Unterhaltungselektronik sind während des Lagers genauso verboten, wie Kommunikation zur Außenwelt und Duschen. Vielmehr wird sich bei militaristischen Spielen „amüsiert“: Inszenierte und gewünschte Schlägereien, bei welchen die Konstruktion maskuliner Stärke nur einen ihrer vielen Ausdrücke auf solchen Lagern findet, gehören genauso zum
Programm, wie Tagesmärsche und der sog. nächtliche Überfall. Dabei versuchen befreundete Jugendorganisationen die Zelte des Lagers einzuwerfen und die zuvor im Stile einer militaristischen Zeremonie gehisste Lager-Fahne zu stehlen. Verhindert werden soll das durch die Aufstellung von Kindersoldaten, die verängstigt in stockfinsterer Nacht Wache halten müssen, und dem kämpferischen Eingreifen älterer Lagerteilnehmer, deren heldenhafter Einsatz ihnen Ehre und Ansehen in der Lagergemeinschaft einbringt. Dabei wird den Kindern spielerisch die Idealisierung eines kriegsähnlichen Zustandes und militärischer Riten nahe gebracht. Zur Lagerfeuerromantik des Lagerlebens gehören selbstredend auch gemeinsame Liederabende am Lagerfeuer. Aus einem vorgegebenen Repertoire an Liedern wünschen sich die Lagerteilnehmer ihre Lieblingsstücke. Die Wahl fällt dabei oftmals auf sexistische und/oder rassistische Lieder, die auch gerne mehrmals am
Abend gesungen werden. So wird in einem beliebtem Lied die Vergewaltigung eines Mädchens/jungen Frau am Donauufer glorifiziert. Ein anderes handelt von angeblichen „Negeraufständen in Kuba“, bei welchem die „Neger“ als brutale, Weiße massakrierende Kannibalen dargestellt werden. Die Lieder werden so oft gesungen und ihre Melodien sind so eingängig, dass ich sie selbst heute nach Jahren noch auswendig singen könnte. Kinder im Grundschulalter werden so unterbewusst mit rassistischen und sexistischen Kategorien vertraut gemacht, Ältere können dabei ungestört ihren Ressentiment freien Lauf lassen.
Eine weitere Form der Disziplinierung von Kindern und Jugendlichen bei Ministranten Zeltlagern sind Abhärtungsrituale. Die schon erwähnten Dauermärsche, die fester Bestandteil der Lagerwoche sind, finden bei jedem Wetter statt. So marschieren die Kinder, unabhängig ihrer körperlichen Verfassung und Vermögens, sowohl bei frühsommerlicher Hitze als auch bei klirrender Kälte, Regen und Hagel von Morgens bis Spätabends über Feldwege. Eine Freistellung wird nur in Ausnahmefällen gegeben. Eine andere Form der körperlichen Abhärtung stellt der allmorgendliche Morgensport- und Waschritus dar. Direkt nach dem Weckruf, der gegen 7:30 Uhr erfolgt, gilt es sich zum Morgensport aufzustellen. Die Teilnahme daran ist verpflichtend. Danach gehen die weiblichen Lagerteilnehmer in ein Waschzelt, während der männliche Teil sich unter freiem Himmel bei kältesten Temperaturen oberkörperfrei mit eisigem Wasser waschen müssen. Wer diesem Ritual nicht nachkommt muss mit Disziplinierungsmaßnahmen rechnen, die bis zur brutalen Zwangswäsche gegen den Willen des Einzelnen führen. Keine Beachtung finden natürliches Schamgefühl vor der öffentlichen Entblößung oder Angst, sondern werden als Schwäche und
fehlende männliche Härte diskreditiert. Kernstück der Disziplinierungs- und Konditionierungsfunktion der katholischen BootCamps ist eine ausdifferenzierte Hierarchie, die sich sowohl in zwischenmenschlichen Beziehungen per se gleichgestellter Mitglieder vor allem in Formen des Mobbings zeigt, als auch in der Ausübung offizieller Ämter. Mobbing, ein gesamtgesellschaftliches Problem, tritt bei den abgeschotteten Lagern der katholischen Jugendorganisation in besonderer Härte auf, weil, analog zu Geschehnissen in Kasernen, die Opfer hier zum einen keine Chance haben ihren Peinigern aus dem
Weg zu gehen, zum anderen sich das Mobbing mit den Erlebnissen der offiziellen Hierarchie verzahnt. Diese definiert sich in erster Linie durch Alter und Ansehen. Das Lager wird durch eine sog. Gruppenleiterrunde geleitet, der ein oder zwei Oberministranten vorstehen. Sowohl bei den Gruppenleitern als auch den Oberministranten handelt es sich um ältere und angesehene Ministranten. Deren Ernennung erfolgt intern durch Cliquenbeziehungen und ohne jede demokratische Legitimierung. Dazu kommen noch hierarchische Ämter während des Lagers wie den sog. Zeltleitern oder Leitern bei den Tagesmärschen, die sich allerdings mit den Gruppenleitern überschneiden können. Unter dieser kleinen Zahl an Führungspersonal steht die Masse der jungen Teilnehmern. Die skizzierte Hierarchie funktioniert als System absolutem Befehl und Gehorsams. Den Anweisungen der Gruppenleitern ist Folge zu leisten. Darüber hinaus gibt es appellähnliche Aufstellungen, sowohl zu festgelegten Uhrzeiten als auch bei dem Trillerpfeifenton der Lagerleitung.

Am deutlichsten und brutalsten tritt die Disziplinierung der jungen Lagerteilnehmer durch Hierarchie jedoch beim bereits erwähnten Waschritus als auch beim gemeinsamen Essen auf. Während des Essens darf der Tisch nicht verlassen werden. Kindern, die ihren Harndrang (noch) nicht entsprechend kontrollieren können, werden so brutal zu absoluter Disziplin erzogen. Ebenso ist es Pflicht seinen Teller leer zu essen. Keine Rücksicht genommen wird auf Sättigung oder
Ekelgefühlen. Weigerung wird nicht akzeptiert, und zieht nur größere Aufmerksamkeit auf sich. Letztendlich muss der Teller leer gegessen werden, was bis zum Brechreiz durchgesetzt wird. Beide Regelungen erfolgen offen und ausdrücklich mit dem Bestreben die Kinder zu Ordnung und Disziplin zu erziehen. Dabei spielen Ältere und höhergestellte Ministranten offen sadistisch ihre Macht aus. < <

Die hier dargestellten Geschehnisse müssen als Spiegel der gesellschaftlichen Realität begriffen werden. Diese steht dem Individuum als feindliches Umfeld gegenüber, das soziale Disziplinierung, Ausrichtung und Einpferchung vielleicht noch subtiler täglich erfahrbar macht.
Gehorsam, Disziplin und Ordnung, sind aber nicht nur deutscheste Tugenden, sie sind die absolute soziale Notwendigkeit einer totalitären Vergesellschaftung durch Arbeit. Eine Gesellschaft, die einerseits so umfassend auf das Individuum zugreift, ihm Härten abverlangt, in Kollektive presst und deren Glücksversprechen andererseits ein ums andere mal als himmelschreiende Farce erscheint, ist notwendigerweise auf innere Disziplinierung seiner Objekte angewiesen. Seit Kaiserszeiten übt das Militär als „Schule der Nation“ diese Funktion passend aus, mit Brandts Regierungserklärung «69 kommen folgerichtig auch die Bildungsanstalten als geeignete Institution zur Disziplinierung hinzu. Der dokumentierte Aussteigerbericht stellt die katholischen Jugendlager ebenfalls in diese Kategorie. Sie erscheinen als BootCamps, als Institutionen psychischer und physischer Disziplinierungsgewalt. Als Inbegriff Roland Kochs feuchtester Träume. Die soziale Funktion der Disziplinierung ist die Vorbereitung auf ein Leben als Objekt einer totalen Gesellschaft. Gemeinsam mit der Schule ist diesen Camps, dass hier auf jüngste Mitglieder der Gesellschaft zugegriffen wird. Durch Angst, Druck und Befehl und Gehorsam werden sie autoritär
sozialisiert. Das Produkt dieser Erziehung zum Gehorsam ist ein rassistischer, sexistischer, obrigkeitshöriger autoritärer Charakter. Ein Untertan im Mannschen Sinne, der nach Unten tritt und nach Oben buckelt, der sich in agressiven Kollektiven wohl fühlt, der die Obrigkeit nur kritisiert, wenn er das Kollektiv gefährdet sieht. Der bereitwillig und aufopfernd seinen Teil zum Wohl des Kollektivs beiträgt. In anderen Worten, und dem Schrecken der gegenwärtigen Tage geschuldet,
kšnnte man ihn auch einen ‚Schland‘-Fan nennen. Die katholischen BootCamps in Unterfrankens Wäldern und Auen sind also nicht nur Spiegel des barbarischen Zustandes der Gesellschaft sondern auch Vorbereitung auf die Hörten, die diese
Gesellschaft vom Individuum abverlangt. In ihrer sozialen Funktion der Disziplinierung des Einzelnen vereinen sie notwendigerweise beides, nach dem Motto:
„Disziplin und Gehorsam wirst du überall finden, mein Kind. Es ist also wirklich nicht schlecht sie in jungen Jahren zu erfahren.“ (1)

A to the Teo

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(1) Karl v. Medina

Wie denken die? Fragmente (1)

Teachin‘ some history

(bevor die Nähe zum besagten Ereignis ganz und gar dahin ist, stellen wir’s mal online, obwohl die gedruckte Ausgabe noch nicht da ist…)

Anmerkungen zum antifaschistischen Protest gegen den Naziaufmarsch des Freien Netzes Süd am 01. Mai in Schweinfurt

Autonome AntifaschistInnen aus Unterfranken stecken in zweierlei „Dilemmata“: Einerseits fehlt eine offensiv in Erscheinung tretende Neonaziszene, gegen die man sich zur Wehr setzen müsste. Wer dies bestreitet, sich nachts in das Kornfeld setzt, um ein gutes Foto von einem organisierten Nazi zu schießen, Wohnungen tagelang belagert, um zu beobachten, ob dieser oder jener Fascho wirklich oft spät nachts noch mal mit dem Hund spazieren geht, hat ein schönes Hobby gefunden. Ein wenig wie Fußballbildchensammeln. Eine gewisse Zeit meines Lebens bereitete mir dieser außergewöhnliche Zeitvertreib, in Verbindung mit einem militanzfetischisiertem Lifestyle, der niemals militant war, viel Spaß. Wer unter den AntifaschistInnen die Aktivitäten des Freien Netzes Süd in Unterfranken, das selbst das Laubkehren an einem Kriegerdenkmal zu einem großen Erfolg für die nationale Bewegung erklärt, genauso ernst nimmt, wie die Faschos selbst, bestärkt diese in ihrer niedlichen Selbstüberschätzung.
Soweit zu ersten „Dilemma“. Wer das autonome am Antifaschismus groß schreiben möchte, die/der müsste eigentlich froh sein, dass der Kampf gegen Staat und Kapital nicht von Nazis durchkreuzt wird. „Antifa ist mehr als gegen Nazis“ heißt es ja so schön. Nun könnte man an die Arbeit gehen, und der Gesellschaft, in der dem Menschen nichts anderes übrig bleibt, als um die Sonne des Kapitals zu kreisen, den Kampf anzusagen. Leider Gottes: Die Menschen drehen sich nicht traurig, Arbeitssklaven ähnlich, um diese Sonne, sondern sie tun dies zumeist freudestrahlend. Und sie kennen nur die eine Sonne. In einer Zeit, in der der neu-nationalistische Stimmungsfaschismus die Deutschen zu Millionen auf die Straßen treibt, und ein Journalist im Spiegel, in einer Mischung aus kollektivem Rauschzustand und schlichter Dämlichkeit, schreibt, dass sich Deutschland im Moment ziemlich bunt anfühle, wenn das farbige Grau gemeint ist, wie kann da praktischer Kampf gegen den Staat betrieben werden? Das zweite Dilemma der autonomen AntifaschistInnen in unserer Gegend, et voila: Löst sich der Kitt „Gegen Nazis“, so müsste der Kampf „Um’s Ganze“heißen. Aber wie, mit und gegen wen ist dieser zu führen?
Jeder antifaschistische Zusammenhang beantwortet die beiden „Dilemmata“ unterschiedlich. Im folgenden versuche ich zu analysieren, wie einerseits das „antifaschistische Bündnis gegen den Naziaufmarsch am 01. Mai in Schweinfurt“, ein breiteres Bündnis gegen die Demo des Freien Netzes Süd, und andererseits der „AK Maifeuer“, mit den Zwickmühlen umgegangen sind.
Sowohl das Antifabündnis als auch der AK Maifeuer verzichteten, auf den erstem Blick zumindest, erfreulicherweise auf die Behauptung, eine regionale Neonaziszene verunmögliche einen antifaschistischen Lifestyle.
Es gab in den letzten zwanzig Jahren jedoch durchaus Momente, in denen der aktive Kampf gegen Neonazis geführt werden musste, weil eine starke Naziszene alternativen Jugendlichen das Leben schwer machte. Hierzu zwei Beispiele in die Geschichte des Neonazismus dieser Region, die auch für die gesellschaftlichen Veränderungen der BRD stehen. Anfang der 90iger Jahre, als jungakademisierte und Linke zusammen nachts Wache vor Flüchtlingsunterkünften hielten, damit das wiedervereinigte Deutschland in Würzburg nicht die gleichen Pogrome verüben konnte wie in Hoyerswerda, Lichtenhagen oder Solingen, kam dem Antifaschismus eine wichtige Bedeutung zu. Helmut Kohl verweigerte nach den Morden von Solingen gar eine Reise nach Solingen, weil er den „Beileidstourismus“ anderer Politiker nicht unterstütze. Diese Zeiten sind- zumindest vorerst- Geschichte, denn Antifaschismus wurde zur Staatsräson erklärt. Ius sanguinis und Ius solis kämpfen zwar immer noch um die Deutungshoheit über den Staatsbürgerbegriff, aber immerhin ist es in den meisten Gegenden Deutschlands nicht mehr möglich, dass ein Naziaufmarsch ohne bürgerlichen Gegenprotest stattfindet. Klar ist dabei, dass der Bürgerprotest nie fähig sein wird, den Nazis den Nährboden ihrer Ideologie, Deutschland genannt, unter den Füßen wegzuziehen. Aber immerhin beinhaltet aktivbürgerliches Engagement auch den Kampf gegen Faschos. Ein Beispiel für die Notwendigkeit, autonomen Antifaschismus auch in Zeiten des staatlichen Antifaschismus zu betreiben, war die Gefahr, die in den Jahren 2004/05 drohte, als sich in Lohr am Main eine dauerhafte rechtsradikale Szene etablieren wollte. Zwar zerschlug der Staatsschutz, getragen durch zivilgesellschaftlichen Druck, den Szenetreffpunkt „Schlosscafé“, aber genau in jener Zeit war es bitter nötig, dass Antifas den Nazis nicht die Straße überließen. Denn wie man schmerzlich weiß, gehen die BürgerInnen nach einer „Blabla-Ist-Bunt-Demo“ wieder in ihre warmen Stübchen, statt sich den Nazis auf den Straßen in den Weg zu stellen. In den Jahren 2004/05 war es daher bitter nötig, dass eine Szene, die sich den Antifaschismus auf ihre Fahnen geschrieben hatte, präsent war, um nicht noch mehr geschehen zu lassen als den Angriff auf das Lohrer Juze. Nun befinden wir uns im Jahre 2010, und im Moment sieht es nicht danach aus, als etabliere sich gerade ein rechtsradikaler Schwerpunkt in unseren Gefilden. Das Vakuum, das der Wegzug von Uwe Meenen, der für 20 Jahre Hauptagitator der Nazis im unterfränkischen Raum war, und welcher stets als Kitt zwischen Kameradschaftstrukturen und NPD fungierte, entstehen ließ, lässt die Frage aufkommen, wie es von den Neonazis gefüllt werden wird. Auf der Hut sein ist daher angebracht, hysterisch sein nicht, und das waren das Antifabündnis und der AK Maifeuer nicht.
Ich schrieb, dass das Antifabündnis dem ersten Dilemma auf den ersten Blick entgeht. Denn chiffrenhaft kommt durch die Kampagnenpolitik dann eben doch zum Ausdruck, dass man Nazis benötigt, um aktiv zu werden. Wenn „Antifa mehr als gegen Nazis“ sein will, warum zeigt man dann lediglich die Zähne, wenn Nazis in die Stadt kommen? Der Kapitalismus ist derart grausam, dass man jeden Tag kotzen müsste. Die Antifa kotzt aber meistens nur, wenn eine Kampagne gegen Nazis ansteht. Sicher ist diese Kampagnenpolitik, die Nazis benötigt, um sich antikapitalistisch äußern zu können, auch dem Fehlen einer linksradikalen Infrastruktur in Unterfranken geschuldet. Nach dem Wegfallen des AKWs ist einzig der Stattbahnhof als „Szenetreffpunkt“ geblieben. Keine Infrastruktur mag ein Faktor sein, aber keine Entschuldigung. Meine These, die ich hier nicht zum ersten Mal in den Raum stelle, ist die folgende: Antifaschismus als Lifestyle ist nötig, wenn Faschos sich als Subkultur an einem Ort eingenistet haben. Solange dies der Fall ist, und man sich auf Kampagnenpolitik zu einem Naziaufmarsch, zu dem die regionalen Nazis ihre Kameraden aus halb Deutschland rufen müssen, um überhaupt eine ordentliche Demo zu organisieren, beschränkt, drückt diese Fixierung auf Naziaktivitäten „in Gegenden ohne rechtsradikale Szene die Unfähigkeit der Antifas aus, eine radikale Kritik an der gesellschaftlichen Gesamtheit zu artikulieren.“
Womit wir beim zweiten Punkt angelangt sind, dem Dilemma des Kampfes „Um’s Ganze“. Wie versuchten das Antifabündnis und der AK Maifeuer, diesen zu führen bzw. zu vermitteln (sofern dies überhaupt möglich ist). Die Kapitalismuskritik des Antifabündnisses soll hier nicht zur Debatte stehen, denn ein Aufruf muss zwangsläufig verkürzt sein. Hier soll es vielmehr um die Art und Weise gehen, wie Kritik betrieben wurde. Bewusst klinkte man sich in die Bürgerproteste ein.
„Von der Zusammenarbeit erhoffen wir uns außerdem die Möglichkeit, den BürgerInnen unsere Standpunkte näher zu bringen. Die Vermittlung von eigenen Inhalten und konstruktiver Kritik scheint uns auf der Basis eines gemeinsamen Agierens weit sinnvoller, als durch reine Abschottung und elitäres und überhebliches Gebaren.(Anmerkung: Aus dem Aufruf des Bündnisses)“.
Es ist schon beinahe süß, wie hier davon ausgegangen wird, dass man die BürgerInnen mit Flugblättern vom richtigen Weg überzeugen könnte und „konstruktiv“ sein möchte. Was hier nicht verstanden wurde: Konstruktiv ist immer der Staat, nicht die Kritik an ihm. Konstruktiv ist immer das Kapitalverhältnis, nicht der Kampf dagegen. Der Kampf gegen den Kapitalismus ist eine überaus destruktive Sache, GenossInnen! Im zweiten Satz schwingt dann doch noch eine Kritik an die arroganten Arschlöcher aus dem Dunstkreis des Linksradikalismus mit, die immer alles besser wissen. Dies ist weder kreativ noch neu. Die Appelation an die BürgerInnen, doch bitte AntikapitalistInnen zu werden, war nach meiner Einschätzung letztendlich dann ebensowenig von Erfolg gekrönt wie der vorher angekündigte, aber kaum sichtbare „Antikapialistische Block“ auf der Bürgerdemo. Und spätestens, als dann mal wieder Antifasport angesagt war, alle hastig und erfolglos versuchten, diese oder jene Bullenblockade zu durchbrechen, hätten sich die Mädels und Jungs des Antifabündnisses fragen sollen, wo denn jetzt die ganzen BürgerInnen waren, die man mit konstruktiven Argumenten überzeugen wollte. Ergo: Nicht verstanden hat man im Antifabündnis, dass mit dem Aktivbürger aus der Fanmeile keine Revolution zu machen ist. Und dass man nicht umhin kommt, auf seiner linksradikalen Insel zu verweilen, solange der Rest der Republik von schwarz-rot-goldenen Freudentränen überschwemmt ist. Dann doch lieber „überhebliches Gebaren“. Und der AK Maifeuer? Immerhin vollzog dieser nicht den fatalen Fehler, sich einzureden, dass Schweinfurt bunt sei:
„Dem völ­ki­schen, stand­ort­na­tio­na­lis­ti­schen Kon­sens der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ist die Vi­si­on einer klas­sen­lo­sen und be­frei­ten Ge­sell­schaft ent­ge­gen­zu­stel­len.“
Dennoch stellt sich auch hier die Frage, weshalb man mir nur zum Anlass eines Naziaufmarsches ein Flugblatt mit solchem Pathos in die Hand drückt, weshalb man auch hier die Nazis benötigt, um als antinationale AktivistInnen auf den Plan zu treten? Und schließlich entkommt auch der AK Maifeuer nicht dem Dilemma Nummer zwei: Nur, weil man sich auf die Kritik beschränkt und ansonsten wenig zur erfolgreichen Blockade tut, ist noch nichts darüber ausgesagt, wie man den Kampf „Um’s Ganze“ zu führen gedenkt. Dies soll nicht bedeuten, dass Kritik nicht für sich alleine stehen kann. Aber der AK Maifeuer ist zu einem „antifaschistischen Event“ auf den Plan getreten und muss sich, da der autonome Antifaschismus stets mit der Praxis verwoben bleibt, daher die Frage gefallen lassen, wie denn ihre Kritik mit der Praxis zu versöhnen ist.
Abschließend stelle ich die Frage, ob das Label „Antifa“ noch immer eine sinnvolle Klammer ist, um gewisse Personen unter einem Dach zu vereinen. Solange man sich noch nicht einmal darin einig ist, dass eine „Schweinfurt-Ist-Bunt-Demo“ eine Lüge ist, lohnt es wenig, bei diesem oder jenem Event über das richtige Verständnis von Antifaschismus zu debattieren. Ich plädiere dafür, sich aus dem Linksradikalismus heraus antifaschistisch zu organisieren, statt dem Lifestyleantifaschismus bei diesem oder jenem Event einen linksradikalen Anstrich zu verpassen.
Tja, wieder mehr Fragen als Antworten. Sorry.

Yvonne Hegel

Patria, Socialismo o Muerte

(Solang die Druckerpresse warmläuft, noch ein Text aus dem Nächsten Hype…)

„Die demoralisierte traditionelle Linke entdeckt in ihrer Verzweiflung immer seltsamere Lichtgestalten“, schrieb Robert Kurz vor fünf Jahren über die Chávez-Begeisterung, die auch in der Zwischenzeit nicht abgeklungen ist. Um auch einmal kritische Stimmen aus dem Land zu hören, auf das die europäische Linke – gerne mit Verweis auf „basisdemokratische Bewegungen“ – am liebsten ihre Hoffnungen projiziert, wurde das folgende Interview mit der anarchistischen Zeitschrift „El Libertario“ aus Caracas, Venezuela, geführt. Sie ist eine der wenigen Publikationen in Venezuela, die ebenso kritisch über die Chávez-Regierung wie die reaktionäre Opposition berichten. Die Fragen wurden per Mail geschickt, die Redaktion antwortete als Kollektiv. Das Magazin gibt es seit 1995 und erscheint alle zwei Monate. Die aktuelle und ältere Ausgaben, sowie Übersetzungen von Artikeln in verschiedene Sprachen finden sich auf http://www.nodo50.org/ellibertario.

Chávez erklärt gerne, dass die Privatmedien die Menschen manipulieren, korrupt seien und nur den kapitalistischen Klassenstandpunkt verbreiten. Er will deshalb „alternative Medien“ voranbringen. Was haltet ihr davon?

Wie bei vielen seiner anderen Proklamationen, versteht es Chávez auch hier, eine Halbwahrheit auszusprechen. Zweifellos sind die privaten Medien im Grunde so, wie er sagt. Kein Zweifel aber auch, dass die staatlich kontrollierten Medien in Venezuela ausschließlich den Standpunkt des Caudillos und der ihm folgendenen „Boli-Burguesía“ (bolivarianische Bourgeoisie) verbreiten, dass sie durch bürokratische Zurichtung korrupt bis auf die Knochen sind und ebenfalls die Menschen manipulieren.

Bis auf sehr wenige Ausnahmen nehmen die angeblich „alternativen Medien“ kaum die Unruhen, Forderungen und Proteste auf, die in immer größerem Maße aus verschiedenen Bereichen der ausgegrenzten Bevölkerung aufsteigen. Denn in ihrer Nachrichtenlinie unterwerfen sich diese Medien fast alle der staatlichen Ausrichtung. Ihr Überleben hängt von der wirtschaftlichen Unterstützung durch die Regierung ab.

Die Situation ist inzwischen so paradox, dass viele marginalisierte Menschen ihre Proteste über die oppositionellen Privatmedien an die Öffentlichkeit tragen. Schließlich ist bekannt, dass sie damit niemals Raum in den sogenannten „Volksmedien“ (medios populares) finden würden. Dort hört man nur Propaganda des übelsten stalinistischen Stils, die die Wohltaten und Wunder der pseudo-„sozialistischen Revolution“ und ihres unübertrefflichen Caudillos verkündet.

Ein aktuelles und klares Beispiel für den Zustand dieser „alternativen Medien“ ist ihr Verhalten gegenüber Fälle offener staatlicher Aggression gegen soziale Bewegungen: Sie nehmen dazu weder Stellung, noch lassen sie zu, dass Stellung genommen wird. So geschehen bei den Inhaftierungen und manipulierten Gerichtsprozessen gegen den Gewerkschafter Rubén González (vom Staatsunternehmen Ferrominera Orinoco, im Süden des Landes) oder gegen den Indio Sabino Romero (ethnische Gruppe der Yukpa, in der Sierra de Perijá im Westen). Diese und andere Beispiele von Zensur und Informationsmanipulation rechtfertigen sie mit stumpfsinnigen Argumenten, etwa indem sie sagen: „Man kann nicht über Themen reden, mit denen man Argumente an die reaktionäre Opposition und an den imperialistischen Feind liefert“.

„Das Volk“ (pueblo): Ist das eurer Absicht nach ein vernünftiger und emanzipatorischer Begriff? Wie in Chávez benutzt, scheint er eher ein Begriff der Unterdrückung zu sein.

Wiederholt und öffentlich hat Chávez wissen lassen, dass seine Konzeption um den Begriff des „Volkes“ vom Werk des Argentiniers Norberto Ceresole stammt, der seinerseits klar und explizit vom italienischen Faschismus beeinflusst war. Deshalb ist es weder verwunderlich noch zufällig, dass wir in den Reden des „Comandante Presidente“ so viele Gemeinsamkeiten mit dem Geschwätz des „Duce“ erkennen. Selbstverständlich, dass sich solch irrationaler Wortschwall, übersetzt in einen grotesken und maßlosen Persönlichkeitskult, in Parolen wie „Vaterland, Sozialismus oder Tod!“, „Befehlen Sie, Comandante, befehlen Sie!“ oder „Hungrig, nackt und arbeitslos, ich halte zu Chávez!“, auf keinen Fall in eine emanzipatorische, vernünftige Praxis umwandeln kann.

In diesem Zusammenhang müssen wir auch erwähnen, wie von marxistisch-leninistischer Seite versuchte wurde, diese Demagogie zu rechtfertigen, durch den angeblich „einzigartigen Charakter der bolivarianischen Revolution“. Ganz zu schweigen von den Intellektuellen (inner- und außerhalb Venezuelas), die behaupten, diesen Prozess von einer linken Position aus zu unterstützen, aber gegenüber der unverhüllt autoritären Seite des Chávez-Regimes schändlich verstummen.

Erfahrt ihr in der Redaktion Einschüchterungen oder Ähnliches von Anhängern Chávez (den Chávistas) oder direkt von der Regierung?

Jeder, der wie wir vom „El Libertario“, in Venezuela Opposition, Nichtkonformität oder gar Störung gegenüber den anhaltenden Irrtümern, Lächerlichkeiten und Gewalttätigkeiten, die diese Regierung begeht, ausdrückt, wird sofort Opfer einer ganzen Reihe von Einschüchterungen durch diese Regierung und ihres Caudillos, der von seinen Regierten nur unterwürfigen Gehorsam akzeptiert. Bei den Übrigen handelt es sich um „Kontra-Revolutionäre“, denen gegenüber jede Art der autoritären Kontrolle, Einschüchterung und/oder Unterdrückung erlaubt ist.

In diesem Sinn haben auch wir im „El Libertario“ die wachsende staatliche Härte zu spüren bekommen. Diese richtet sich gegen jeden sozialen Protest in Venezuela und kriminalisiert Aktionen, die den allgemeinen Frust ausdrücken. Aktuell sind 2.400 Personen gerichtlichen Strafen unterworfen, weil sie ihr legitimes Recht auf Protest ausgeübt haben. Auch die übrigen Formen des Drucks und der Erpressung gegenüber Abweichler sind nicht zu vergessen, beispielsweise die „schwarzen Listen“, um Rechte von Personen, die als Staatsfeinde identifiziert wurden, einzuschränken.

Gibt es in Venezuela weitere Medien wie den „El Libertario“, also solche, die nicht nur den Kapitalismus, sondern auch die aktuelle Regierung ablehnen?

Bedauerlicherweise sind es sehr wenige, wegen den Schwierigkeiten, die die unabhängigen und radikalen Medien überwinden müssen, um überhaupt starten und sich dann am Leben erhalten zu können. Im venezolanischen Fall kommt noch eine starke Polarisierung hinzu, zwischen den staatlichen, pseudo-revolutionären und den oppositionellen – sozialdemokratischen und rechten – Medien. Da wir beide Gruppen als gleichermaßen negativen Ausdruck von Unterdrückung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit angreifen, haben wir zweifellos eine sehr schwierige, aber unerlässliche Aufgabe.

Diese Aufgabe beinhaltet auch, klarzustellen, dass die Chávez-Regierung in keiner Weise antikapitalistisch ist, wie die Fragestellung zu suggerieren scheint. Denn sie ist, unter anderem, vollkommen dem nachgekommen, wofür sich die Globalisierung in Venezuela interessiert: Aus dem Land einen sicheren, untertänigen und zuverlässigen Lieferer von Energieressourcen zu machen. Die Kontrolle über diese Ressourcen wird durch sogenannte gemischte Unternehmen (empresas mixtas) an das internationale Großkapital abgegeben. Man kann eine Regierung außerdem nicht antikapitalistisch nennen, die ihre Auseinandersetzungen mit der hiesigen Bourgeoisie geführt hat, um eine andere Gruppe, die Boli-Bourgeoisie, zu begünstigen, deren Präsenz und Macht heute unübersehbar ist.

Was haltet ihr von der Ideologie von Linken wie Noam Chomsky, Richard Gott oder Tareq Ali, die Chávez und seinen „Prozess“ verehren zu scheinen?

Die umfassendste und treffendste Antwort auf diese Frage gab der Artikel „Chomsky, Hofnarr von Chávez“ von unserem Genossen Octavio Alberola, veröffentlicht in der Nummer 57 von „El Libertario“ (aus dem Jahr 2009). Der Artikel wurde in verschiedene Sprachen, nicht aber ins Deutsche übersetzt. Daraus zitieren wir:

„Im Gegensatz zur Meinung vieler Menschen, ist die Fähigkeit, Lügen zu glauben und blind eine Fiktion zu akzeptieren, so fantastisch und grotesk diese auch sei, keine Eigenschaft von Dummköpfen und Ignoranten. Der berühmte Essayist Noam Chomsky hat uns eben erst gezeigt, dass auch kultivierte, intelligente und scharfsinnige Intellektuelle leichtgläubig werden und politische Führungen akzeptieren können, die ganz offensichtlich demagogisch, trügerisch und autoritär sind.

Natürlich ist es nichts neues, einen Intellektuellen hohen Ranges in einen solchen Widerspruch geraten zu sehen. Schon in der Sowjetunion und dem maostischen China hatten wir das irrationale Phänomen der „reisenden Genossen“. Diese Intellektuellen, die – viele von ihnen im guten Glauben – an die Errichtung des „Sozialismus“ und der Erschaffung des „neuen Menschen“ in diesen Ländern glaubten, bis die Tatsachen sie zwangen, den wirklichen Charakter dieser Regime zur Kenntnis zu nehmen. Doch auch wenn diese Irregeleiteten in vielen Fällen nicht von der Suche nach irgendeiner Art von Belohnung motiviert und aufrichtig scheinen, ist es natürlich, nach dem Warum und dem Wie solchen Verhaltens zu fragen. Die einfachste Erklärung wäre, dass es einer ideologischen Verblendung geschuldet sei, welche kein Mensch – auch nicht der rationalste – andauernd verhindern kann. Doch im Fall Chomsky ist es unmöglich zu vergessen, dass er es war, der solche Verblendungen in der Vergangenheit bekämpft hatte.“

Abgesehen von eurer Zeitung: Gibt es in Caracas oder Venezuela Bewegungen, die gleichermaßen die staatliche wie ökonomische Unterdrückung beenden wollen?

Es gibt sowohl im Land wie in der Hauptstadt verschiedene Gruppen und Aktivisten, die sowohl den Kapitalismus wie den staatlichen Autoritarismus bekämpfen. Beispielsweise jene, die sich im Netzwerk „Aufständische“ (Insurgentes) oder der Kampagne für die Verteidigung des Rechts auf den Sozialen Protest (Campaña por la Defensa al Derecho a la Protesta Social) zusammengeschlossen haben (El Libertario nimmt an beiden Initiativen teil). In dem Maße, wie die autonomen Kämpfe in Venezuela sich verstärken, wie es in den letzten beiden Jahren der Fall war, eröffnet sich die Möglichkeit, dass diese strategische Ausrichtung der Kurs wird, den die sozialen Bewegungen nehmen werden, die bisher durch die Staats- oder Kapitalmacht kontrolliert wurden.

Spielen die venzeolanischen Studenten eine Rolle – und wenn ja, welche?

Der studentische Aktivismus schien vor zwei oder drei Jahren Zeichen der Wiederbelebung und des Kampfgeistes zu senden. Aber bedauerlicherweise wurde dieser Aktivismus Opfer einer Unterwerfung unter jene Fraktionen, die um die Macht kämpfen – sei es der regierende Chávismo oder seine sozialdemokratischen oder rechten Gegner. Diese widerstreitenden politischen Gruppen haben alles getan, um das zu liquidieren, was das Erwachen der autonomen Aktion der studentischen Bewegung zu sein schien, so dass sich dort nun die gleichen Politiker- und Wahlkampfspiele abspielen, wie sie die nationale Bühne beherrschen.

Welche anderen gesellschaftlichen Gruppen könnten eine wichtige Rolle bei den Protesten spielen?

Wie schon aufgezeigt, hat in den letzten beiden Jahren eine bedeutsame Wiederaufnahme des sozialen Protests in Venezuela stattgefunden. Hervorzuheben ist dies nicht bloß, weil die Zahl der Demonstrationen beträchtlich gestiegen ist, sondern auch, weil die Demonstrationen eine Tendenz ausdrücken, mit der Kontrolle zu brechen, die die Regierungsparteien und die Opposition über die sozialen Bewegungen ausgeübt haben.

Wir beginnen zu beobachten, wie sich in verschiedenen Gruppen der unterdrückten und ausgebeuteten Bevölkerung (Arbeiter, Indios, Frauen, Bewohner der armen Barrios, Rentner, obdachlose Familien, Bezieher öffentlicher Dienstleistungen, etc.) zunehmend Ausdrucksformen des Kampfes äußern. Darauf haben die Mächtigen geantwortet, indem sie versucht haben, diese Gruppen durch demagogische Wahlversprechen zu täuschen. Oder kriminalisierten die Konflikte und gingen repressiv vor. Für letzteres wird in Venezuela auf eine groteske Sprache aus dem Kalten Krieg zurückgegriffen: Jeder Protest des Volkes wird als „imperialistische Manipulation“ bezeichnet, als „Komplott der CIA“ oder ihm wird vorgeworfen „der rechten Reaktion in die Hände zu spielen“.

Trotz solcher Erpressungen erwarten wir, dass der autonome soziale Protest weiter wachsen wird, denn weder diese autoritäre, korrupte, inkompetente und opportunistische Regierung, noch ihre sozialdemokratischen und rechten Gegner, die von ähnlichem Schlag sind, haben eine wirkliche Antwort auf die tiefe Krise, die die venezolanische Gesellschaft heute erleidet.

Wollt ihr sonst noch etwas loswerden?

Nur ein Danke an den „Letzten Hype“, der uns mit diesem Interview Leute erreichen lässt, die – sei es wegen der Sprache, der Entfernung oder der Unwissenheit über die venezolanische Situation – sehr wahrscheinlich keinen Zugang zu den Standpunkten haben, die unsere Publikation vertritt. Wir wollen mit den tendenziösen Interpretationen der großen Privatmedien der eaktionären Rechten ebenso brechen wie mit der Propaganda der tradionellen, autoritären Linken mit ihrer bedingungslosen Rechtfertigung von allem, was Chávez tut.

Außerdem möchten wir einladen, die folgenden deutschen Texte zu lesen, die unter der Sektion „other lenguages“ auf unserer Homepage www.nodo50.org/ellibertario verfügbar sind:

- Venezuela: Eine Revolution mit einem Kadaver im Mund
- Wir brauchen keinen weiteren Krieg
- Den Tauben predigen: Chavismus und Anarchismus in Venezuela
- Der Sender RCTV und die angebliche Demokratisierung der Kommunikation
- Hugo Chavez aus der Sicht venezolanischer AnarchistInnen
- Depolarisierung und Autonomie : Herausforderungen Venezuelas zu den
Sozialbewegungen nach D-3
- Wer genau hinsieht, sieht keine Revolution: Anarchistische Perspektive
der „Bolivarianischen Revolution“ in Venezuela
- Libertäre Erklärung von Caracas // 29. Januar 2006
- Venezuela: Eine folgerichtige Antwort auf wiederholte Fragen

Interview und Übersetzung: Sebastian Loschert

Ein Nekrolog auf die Punkerseite

Nie wieder Klarer mit Orangensaft an der Leonhard-Frank-Promenade

In Würzburg setzt man sich nicht einfach auf diese oder jene Wiese am Fluss. Es war von jeher eine politische Entscheidung, an welchen Plätzen man die warme Jahreszeit verbringen wollte. Niemand, der klar von Verstand und reich an klaren Schnäpsen ist, kann es nur eine Sekunde an den Mainwiesen in der Sanderau oder am Alten Kranen aushalten. Zu unerträglich sind die akademisch Verwahrlosten, die zwischen zwei Proseminaren mal wieder das Jonglieren üben oder mit Proseccofläschchen um sich werfen, wenn mal wieder ein Junggesellenabend ansteht. Sowohl auf den Grünflächen der Sanderau als auch am Alten Kranen haben sich über die Jahre unterschiedliche Szenen angesiedelt, mit denen erlebnisorientierte Jugendliche, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, wenig zu tun haben wollen.
In der Sanderau haust das alternative und sportive akademische Milieu. Man spielt Federball, sitzt auf Batikpicknickdecken oder liest Hermann Hesse. Mensagänger und andere Steppenwölfe führen hier die tödlich langweiligen Gespräche des Nachmittags fort und ab und zu packt jemand die Gitarre aus, um die Anwohner mit dem Liedgut von Manu Chao zu geißeln.
Am Alten Kranen hingegen sitzt derjenige Teil der Studentenschaft, der sich, statt Gerstensaft zu trinken, lieber einen Prosecco hinter die Binde kippt, und am späteren Abend erfolglos versucht, sich rhythmisch zu Musik zu bewegen. Neben dem Homo Freibieriensis findet man am Alten Kranen noch eine schlimmere Spezies Mensch, besonders am Wochenende: Junggesellen auf Abschiedstour. Die unmanierlichen Jungs vom Lande kommen in die große Stadt, um Frauen an den Hintern zu fassen. Der einzige zivilisatorische Lichtblick ist die Tatsache, dass die stockbesoffenen Herrenrunden im Laufe des Abends auf andere aggressive Junggesellenabschiede treffen. Im besten Fall springen ein paar blutige Lippen dabei heraus, im noch besseren Fall muss der Bräutigam die Nacht sogar in der Ausnüchterungszelle verbringen.
Und jetzt hat es die Stadt untersagt, sich weiterhin an der Leonhard-Frank-Promenade zu betrinken. An der einzigen Stelle, die der Hässlichkeit Würzburgs entsprach. Hier spielte man nicht auf der Gitarre, sondern mit dem Feuer. Hier jaulte kein Singersongwriter, sondern Hassi, der Straßenköter. Damit ist es nun zu Ende. Im Spätsommer des letzten Jahres – freilich völlig ohne eine leiseste Vorahnung, dass es der letzte Schweinesuff dieser Art werden würde- besuchte ich das letzte Mal das Ufer am Fuße des Mainviertels. Blicken sie mit mir zurück auf einen typischen Abend an Unterfrankens beliebtesten Punkerstrand.
Eigentlich war es schon bitter kalt am Ende des letzten Septembers. Dennoch kam die fixe Idee auf, mal wieder an den Main zu gehen. Um zehn nach acht standen wir, zur großen Freude der mürrischen Einzelhandelskauffrau, an der Lidlkasse, mit einer Buddel Korn, einer Flasche Klaren und etwas, das vorgaugelte, Orangensaft zu enthalten, bewaffnet. Eine sehr wichtige, wenn nicht die wichtigste, Kulturtechnik, die die Menschheit jemals hervorgebracht hat, ist die Beschaffung von Alkohol zu billigen Preisen. Gerade in den Zeiten kriselnder Weltmärkte ist es unverzichtbar, für unter 3,50 Euro sternhagelvoll zu werden. Neben einigen eher unempfehlenswerten Methoden, die blind machen oder Lähmungserscheinungen hervorrufen können, eignet sich Branntwein vom Discounter. Da es jedoch schwierig ist, das Zeug hinunterwürgen, sollte man den Schnaps stets mit süßen Getränken mischen. Wichtig ist das Mischverhältnis: Bei zwei Teilen Saft und einem Teil Getränk liegt die Schmerzgrenze. Die notwendige Flüssigkeitsmenge richtet sich nach dem Körpergewicht. Lange Rede kurzer Sinn: Wir begaben uns zur Leonhard-Frank-Promenade, um ein paar Freunde zu treffen. Hier und da saßen andere Runden am Main, es roch nach verbranntem Karton, das ein paar Menschen in ihrer Mitte angezündet hatten, um sich Dosenravioli warm zu machen (was selbstverständlich von geringem Erfolg gekrönt war). Einige Menschen spielten Knochenfabrik, Eisenpimmel oder Räuberhöhle auf ihrem Casio, und wie ein gespenstischer Nebel lag ein Klangteppich aus Hundegebell, klirrenden Flaschen und Gegröhle über den finsteren Wiesen. Es klang wie Musik. Wie die Musik eines Orchesters, das keine Musikinstrumente benötigt, da der Sound einer zerberstenden Flasche auf dem Asphalt einen viel schöneren, reineren Klang erzeugen kann. Heute Abend zählte nur die Flucht, nur die Verweigerung gegenüber dem Rest dieser Stadt, nur das Chaos inmitten der verwalteten Welt. Wir saßen und tranken. Obwohl es in dieser Nacht bitterkalt wurde, wärmte uns die hochprozentige Glut. Leonhard Frank wäre entzückt gewesen, hätte er die Räuberbande beobachtet, die von einem Schiff, das am Main seinen Anker gesetzt hatte, einen Kasten Bier vom Deck entwendete. Die prägendste Erinnerung an diese Nacht ist jedoch der junge Ausreißer, mit dem wir Bekanntschaft machten: Er hatte sich ein zerfetztes Sofa vom Sperrmüll organisiert. Er wohnte auf dem Möbelstück, seit Wochen. Das schmucke Einfamilienhaus seiner Eltern war wie eine Gummizelle für ihn geworden. Hier in Würzburg, inmitten der anderen Suchenden, hat er etwas gefunden, das er Freiheit nannte. Trotz des Alkohols bibberte er vor Kälte. Doch irgendwann des Nachts übermannte ihn dennoch irgendwann der Schlaf. Ein Freund von mir holte ihm eine Rettungsdecke aus dem Auto, mit dem wir ihn einpackten.
Da schlief er nun. Wie ein Kind. Sollten wir jemals in einer Welt leben, in der die Guten gewonnen haben, würde eine Statue an den jungen Ausreißer aus Mittelfranken erinnern. Denn er und die anderen zweifelhaften Gestalten am Main standen für eine Freiheit, die diesen Frühling verboten wurde.
Leonhard-Frank-Promenade: Es war schön mit dir. Ruhe in Frieden.

Von Hunter S. Heumann

Kann man denn nicht mal mehr in Ruhe seine Bratwurst essen?

Es hätte alles so schön werden können. Die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen. Mein träger, unförmiger Körper lechzte nach irgendeiner Art von Bewegung. Selbstverständlich denke ich dabei nicht an sportliche Aktivitäten. Es ist das alte Dilemma, das meine Lust auf frische Luft schmälert: Der Winter ist mir viel zu kalt und der Sommer viel zu warm. In einer solchen Jahreszeit schließen mein Hunger und mein spärlicher Bewegungsdrang aber einen Kompromiss: Ich laufe ein paar Schritte. Dies ist gut für die Gesundheit, sagt man ja. Ich laufe zum Bratwurststand am Markt und esse ein paar Geknickte Mit Senf. Das macht satt, sagt man ja.
Es hätte alles so schön werden können. Wurde es aber nicht. Im Moment des Verzehrs der vier Bratwurstbrötchen, die ich zur Sättigung benötige, habe ich mir in den Jahren meinen eigenen Freiraum geschaffen. Alle Gedanken drehen sich in diesem Moment nur um das köstliche Schweinefleisch. Alle Sorgen existieren in diesem Augenblick für mich nicht. Die Welt steht still. Keine störenden Menschen, keine Politik, ich filtere alles aus. Lasse das Chi fließen. Es gibt nur mich und die Schweinsbratwurst. Manche machen Joga, ich verschlinge ein Stück Fleisch um meine innere Ruhe zu finden. Zwar war mir das Brötchen, das eine fettige geknickte Bratwurst in seinem Herzen trägt, wie immer vergönnt. Bei der zweiten Geknickten blieb mir aber die Wurst im Halse stecken. Durch meinen Raum der Idylle trampelte eine politische Demonstration. Mit einem Banner. „Ihr seid nicht vergessen!“ stand darauf. Ein Soldatengedenken zu Afghanistan. Viele Deutschlandfahnen. Alberne Korporierte. Der Aufmarsch kam einer Kriegserklärung gleich. Niemand, absolut niemand hat das Recht, mich beim Essen zu stören. Und schon gar nicht zu einem Thema, das weder mich noch den Rest der Leute an ihrem Einkaufssamstag interessiert. Am liebsten hätte ich laut geschrien, aber mein Mund war voll. Am liebsten hätte ich die Veranstaltungsteilnehmer vollgekotzt, aber dafür war mir das Essen zu schade. Ich kaufte hastig eine dritte Geknickte Mit und folgte dem Zug zum Vierröhrenbrunnen, um die Veranstaltung auszumischen.
Und genau hier wendete sich das Blatt. Auf der Schlusskundgebung am Brunnen lauschte ich den Worten des Veranstaltungsanmelders Torsten Heinrich und wurde nachdenklich. Nicht etwa, weil ich mich auf einmal für die Bundeswehr interessierte. Sondern weil mich die Rede von „Opferbereitschaft“ und „Solidarität“ an die vielen süßen Schweinchen erinnerte, die ich in den Jahren verschlungen hatte. Tausende Schweine, die für mich ihr Leben gelassen hatten. Und nie zuvor war ich ihnen so dankbar gewesen wie an diesem warmen Frühlingstag. Welche großes Opfer sie doch erbrachen, damit ich satt werde. Ich lauschte den Worten Herrn Heinrichs, doch in meiner Vorstellung sprach er zu den Schweinen, denen ich doch dankbar sein musste, dass sie mich stets satt gemacht haben. Und so nahm ich die Worte der Rede zwar wahr, aber dichtete sie in meinem Kopf für die Schweine um. Und auf einmal wusste ich, warum auch ich zu gedenken hatte:

Ich war hier, um ein Zeichen der Solidarität zu den Schweinen zu schicken. Solidarität nicht für die Schweine als solche, zu denen jeder anders steht, sondern Solidarität für ihre erbrachten Leistungen. Weit weg vom heimischen Stall, immer wieder unter Bolzengerätebeschuss im Schlachthof, außerhalb des Lagers durch verseuchtes Tiermehl oder die Schweinegrippe bedroht, befinden sich die Schweine und Eber in einer Ausnahmesituation, die wir uns am Bratwurststand kaum vorstellen können.Während ich morgens aufstehe und die Nachrichten bei einem guten Mettbrötchen lese, werden einige Kilometer weiter Schweine geschlachtet, damit ich sie essen kann. Während ich hier stand, waren viele unserer Hausschweine gerade in diesem Moment weit weg von zu Hause einer permanenten Bedrohung ausgesetzt. Diese sollen wissen, dass wir an sie denken, hinter ihnen stehen und sie in unseren Mägen bei uns sind. Sie sollen wissen, dass sie als Schweine, sie als Fleisch- und Wurstwaren mehr Rückhalt in der Gesellschaft haben als sie manchmal gezeigt bekommen, auch wenn ihr Einsatz heftig umstritten ist und von vielen Tierfreunden abgelehnt wird. Ob wir es wollen oder nicht, ob wir den Einsatz unterstützen oder nicht, die Schweine haben ihr Leben bei einem Einsatz gegeben, der in unserem Magen endete. Ungeachtet der Frage unserer eigenen Haltung, die Schweine gaben ihr Leben als Qualitätsfleisch der Bundesrepublik Deutschland. Sie waren Zuchtschweine, ja, doch das darf uns kein Grund sein, ihnen die Verantwortung ihres Schicksals zuzuschieben, erfüllten sie doch ihre Pflicht in unserem Namen, dem des hungrigen Bürgers. Im Namen aller deutschen Bratwurstesser.

Tränen kullerten meine Wange hinunter. Ich sang statt „ich hatt‘ einen Kamerad“, das auf der Trompete gespielt wurde, lieber „drei Schweine saßen an der Leine“. Es störte niemanden. Ich muss Torsten Heinrich danken, dass ich an seinem Gedenkmarsch teilnehmen durfte. Er bescherte mir einen der emotionalsten Augenblicke in meinem Leben. Daher kann ich nur danke sagen. Danke. Und quiekquiek.

Hunter S. Heumann

Vorabveröffentlichung: Intro #15

(da der Hype #15 noch ein bisschen auf sich wartet lässt- ob er in ein paar Tagen oder in in paar Jahren herauskommt wissen nur die Götter- könnt ihr hier ein kleines Schmankerl lesen: das Intro der neuen Ausgabe)

Intro 15

Vor drei Jahren saßen ein paar Leute in einer Kneipe und tranken Bier. Im AKW! standen die Zeichen gerade mal nicht auf Insolvenz, sondern eher auf Neuanfang. Die Idee kam auf, das AKW-Infoheft wieder ins Leben zu rufen. Irgendwie hat das dann doch nicht funktioniert. Aus Gründen, an die wir uns nicht mehr erinnern können, starteten wir dennoch ein Zeitschriftenprojekt. Unter anderem mit dem Anspruch, so steht es jedenfalls im Intro, „ausgewählte Aspekte dessen, was zwischen Hardcore und Indie sich tut“ zu liefert. Naja.
Nach drei Jahren lassen wir nun ganz unsere LeserInnen sprechen und auf die Redaktionsarbeit zurück blicken. Viel Vergnügen mit der Ausgabe #15…

„Ich finde dieses komische Linke Kampfblatt schlicht bescheuert und pseudointelektuell… das is genau das richtig für diese „Ich bin gegen alles und Jeden weils alles Faschisten sind, aber Mama zahlt mein Studium“ Studenten“
El Camel im Szene-forum

„ Ich kenn sowohl die Zeitschrift als auch ein/zwei ihrer Macher. Die Artikel wollen einfach mit aller Gewalt provozieren – ansich nichts schlimmes, aber wenn man weiß wer dahinter hockt (Leute die keinen Deut besser sind als das worüber sie schimpfen) verliert die Sache schnell ihren Glanz.“
Szene-Forum

„Wuerzburger Kunst & Lebezeitschrift“
Der Keil

„Weißt, immer dieselbe Scheiße. Andere machen was und werden von denen, die nichts machen, auch noch beschimpft aus einer zynisch distanzierten pseudo-intellektuellen Haltung heraus.“
Kommetar auf wuerzburg-brennt.de

„ich kenne auch einen redakteur – dieser lebt seine meinung und publiziert sie
jedem das seine würde ich sagen. aber so „underground“ zeitungen sind doch lustig und eine wahre alternative zu boulevard würzburg, fritz oder sonstigem schund“
Szene Forum

„Ich habe den Letzten Hieb an der Araltankstelle in der Zellerau das erste Mal am Stehtisch in den Händen gehalten. Dort kann man gut Bier trinken. Wenn es Jörg Finkenberger schafft, in einem Satz weniger als zwei Kommas zu verwenden, spendier ich ein Bier.“
Danny, Falcon Five

„Wir lieben kritische Geister, am liebsten, wenn sie sich beteiligen. neun7 ist eine offene Redaktion.“
Ivo Knahn

„Schaut mal, der Letzte Hype versucht schon wieder in seiner ekelhaften, arroganten Art zu provozieren.“
Kommentar auf wuerzburg-brennt.de

„Interessieren täte mich nur mit was dieser Homepage-Verfasser sein Geld verdient. Wenn es die Dummheit ist, dann ist er Multi-Millionär.“
Kurt Müller auf dem Hypeblog

„Ihr Verfasser seid Deutschlands armseligste Menschen.Ihr könnt Gott (falls ihr wisst was dass ist) danken, dass ihr in Deutschland leben dürft.“
Kurt Müller auf dem Hypeblog

„Ey cheff wenn ich du wär würd ich die seite löschen!“
Tja auf dem Hypeblog

„geschrieben von ein paar Provinzzweitsemestern“
Fernando auf dem Hypeblog

„Ein nobler Ansatz, jedoch sollte ein bisschen mehr Rücksicht auf Orthographie genommen werden. Vielleicht mal einen ausgebildeten Lektor einstellen.“
Labse, Falcon Five

Frieden? Dass ich nicht lache!

Die Linkspartei hat kein Antisemitismusproblem. Sie ist selbst das Problem.

Von Jörg Finkenberger

Am 19.7.2010 veranstaltet die Linkspartei in Würzburg einen Vortrag, auf dem eine ihrer Bundestagsabgeordneten Propaganda gegen Israel macht. Zu etwas anderem ist die Linkspartei zwar nicht gut; in jeder anderen Hinsicht ist jedenfalls in Würzburg absolut nichts von ihr zu hören; ich weiss nicht, vielleicht gibt es ja auch keine anderen Dinge, die sie interessieren; aber eine Veranstaltung gegen Israel ist für diesen Verein immer gut, sowas zieht ja komischerweise immer. Warum bloss?

1
Die Bundestagsabegordnete, eine herzlich unwichtige Person, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, war an Bord eines Schiffes namens „Mavi Marmara“, mit dem eine sog. Hilfsorganisation namens IHH, eine Organisation von Islamisten in der Türkei, versucht hat, die israelische Seeblockade vor Ghaza zu durchbrechen.

In Ghaza herscht, seit einem innerpalästinensischen Bürgerkrieg, die Hamas. Ihre Regierung erkennt Israel nicht an und befindet sich im Kriegszustand mit diesem Staat. Israel versucht seither, in Zusammenarbeit mit Ägypten, die Aufrüstung der Hamas-Regierung zu unterbinden. Zu diesem Zweck gibt es im internationalen Recht das Instrument der See-Blockade.

Eine Seeblockade besteht darin, dass alle eingeführten Güter danach kontrolliert werden, ob sie kriegsverwendbar sind. Diese dürfen beschlagnahmt werden, auch bei Schiffen, die unter neutraler Flagge fahren, und auch in internationalen Gewässern. Das ist nach allegemeiner Ansicht zulässig, ausser bei einem gewissen hamburger Fachhochschuldozenten, der zu Unrecht für einen Experten des Internationalen Rechts gilt, namens Norman Paech, und selbst nach dessen Meinung ist so etwas offenbar nur dann unzulässig, wenn Israel das tut.

Dieser Herr Paech hat irgendwann Verwaltungsrecht gelehrt und hält sich deshalb für einen Völkerrechtler; als Deutscher ist er sowieso allzuständig; und weil er etwas gegen Israel hat, wird er seit langer Zeit für einen Linken gehalten. Er sitzt denn auch dort, wo er hin gehört, in der Fraktion der Linkspartei im Bundestag, und war natürlich auch an Bord der „Mavi Marmara“.

2
Die Seeblockade hat aber noch eine Eigenheit: sie ist nur dann zulässig, wenn sie „effektiv“ ist, das heisst, wenn sie ausnahmslos durchgesetzt wird. Das Internationale Recht zwingt also den israelischen Staat, entweder zuzulassen, dass der Iran aus Ghaza einen schwerbewaffneten Vorposten macht, oder aber die Seeblockade konsequent und auch über die Schiffe neutraler Staaten durchzuhalten. Und genau an dieser Schwachstelle setzt die Geschichte an.

Hätte Israel das Schiff durchgelassen, wäre die Blockade unrechtmässig geworden. Israel hätte dann kein Recht mehr gehabt, iranische Rüstungslieferungen zu verhindern. Wusste das eigentlich Norman Paech, der Völkerrechtler? Nach seinen Schriften zu urteilen, versteht er von diesem Fach nicht besonders viel (eigentlich gar nichts), aber konnte es sogar ihm verborgen bleiben, wass er da tat?

Ein Schiff, das mit Unterstützung der türkischen Regierung, und mit deutschen Bundestagsabgeordneten an Bord versucht, eine Seeblockade zu brechen: das hätte man auch anders nennen können, nämlich Intervention. Zwei Regierungen, nämlich die türkische und die deutsche, die zuvor neutral waren, greifen in den Krieg zwischen Israel und der Hamas-Regierung ein, und zwar auf Seiten der Hamas.

Die deutsche Friedensbewegung hat ihre Absicht kundgetan, in einen bewaffneten Konflikt einzugreifen. Und zwar natürlich gegen Israel. Und diese Schande für die deutsche Linke muss nun natürlich gefeiert werden. Die beteiligten Bundestagsabgeordneten müssen jetzt im ganzen Land herumreisen, um sich für ihren Mut feiern zu lassen, und allen erzählen, dass sie sich „wie im Krieg“ gefühlt haben.

Ja zum Teufel, meine Damen und Herren, wo meinen Sie denn, dass Sie gewesen sind? Sie waren doch im Krieg! Sie haben an einer Kriegshandlung teilgenommen! Sie haben die Intervention der Türkei in den Konflikt um Ghaza vorbereitet! Nicht als Kombattanten natürlich, sondern eher in der etwas dümmlichen Rolle des nützlichen Idioten, oder auch des lebenden Schutzschilds.

Sie kommen tatsächlich aus dem Krieg, aber Sie waren auf der Seite derer, die ungerufen in den Krieg interveniert haben, oder, wie man auch sagt, der Aggressoren. Und jetzt erzählen Sie mit Leidensmiene, wie schlimm alles war. Friedensbewegung? Mein Arsch!

3
Und was ist denn passiert auf der „Mavi Marmara“? Wissen Sie es? Sie waren, gut versteckt, auf dem Unterdeck. Man hat Sie benützt, Ihre parlamentarische Funktion und Ihren idealistischen Unverstand, aber als Zeugen hat man Sie natürlich nicht gebraucht. Und Sie haben sich auch gerne dazu hergegeben.

Die israelische Armee hat das Schiff geentert, das weder beidrehen noch sich der Kontrolle unterziehen wollte. Dass das passieren würde, musste jedem klar sein, denn damit steht oder fällt die Blockade. Das musste auch den Aktivisten der deutschen „Friedens“-Bewegung klar sein, vor allem ihrem so ungemein fähigen Herrn Professor.

Und man hätte auch wissen können, dass die israelische Armee nie wieder, unter keinen Umständen, zulassen kann, dass ihre Soldaten als Geiseln genommen werden. Haben Sie dagegegen protestiert, dass die gefangenen israelischen Soldaten unter Deck gebracht wurden? Haben Sie vielleicht sogar gegen den völlig aussichtslosen Versuch, gewaltsam Widerstand zu leisten, protestiert, der nur sinnlos Menschenleben gefährden würde?

Nein, ich vergesse, Sie hatten sich ja schon vorsorglich in den VIP-Bereich verbringen lassen, um solcher moralischer Skrupel enthoben zu bleiben. Stimmt es übrigens, dass sie hingenommen haben, nach Geschlechtern separiert zu werden?

Die israelische Armee hat 9 sogenannte Friedensaktivisten getötet, um ihre eigenen Leute zu befreien, die von diesen „Friedensaktivisten“ gefangengenommen worden waren.

Es ging übrigens nie um zivile Hilfsgüter, die nach Ghaza gebracht werden sollten, sondern nach den Worten der Organisatoren von der IHH genau um den Bruch der Blockade. Die Ladung wurde anschliessend in Ashdod ausgeladen und die zivilen Hilfsgüter von Israel auf dem Landweg zur Grenze nach Ghaza gebracht; wo die Hamas-Regierung sich weigerte, sie zu übernehmen. Weil sie sie nicht haben wollte. Der Rest ist Propaganda.

Was für eine Schande für deutsche Linke, was für eine unendliche Schande, an dieser Aktion teilgenommen zu haben. Nach allem, was man schon gesehen hat, ist das nocheinmal ein weiterer Tiefpunkt.

4
Ist diese Partei und das Milieu, das sie trägt, eigentlich zu irgendetwas gut? Die grösste Krise des Kapitals seit 1929 ist ausgebrochen; furchtbare neue Kriege stehen am Horizont; die Frage des Überlebens der Menschheit stellt sich in einer furchtbaren neuen Weise. Wenn die Linkspartei auch nur ein bisschen ein Teil der Lösung wäre, und nicht selber ein Teil des Problems, müsste man ihr vorwerfen, in jeder einzelnen Hinsicht katastrofal versagt zu haben.

Da sie aber wirklich nichts ist als eine Kraft der Regression, eine im Wortsinn reaktionäre Kraft, muss man ihr zuerkennen, dass sie alles richtig gemacht hat. Wenn die Geschichte der Menschheit einer Eisenbahn zu vergleichen ist, die auf den Abgrund hinführt, dann braucht es genau solche – nun, nicht Zugführer, aber Servicekräfte.

Mitten in dieser Krise, mit der wieder heraufzukommen droht, woran man bei der Krise von 1929 als erstes denkt, wissen sie nichts besseres anzufangen als Propaganda gegen Israel zu machen. Ja mehr noch: die Kriegspropagande und sogar die Kriegshandlungen der proiranischen Allianz, zu der seit neuerem die Türkei dazugekommen ist, nach besten Kräften zu unterstützen.

Das nennt man ja nicht mehr Antisemitismus, sondern Israelkritik; und ich mag gar nicht mehr fragen, ob irgendjemanden auffällt, wie ausgiebig, ja manisch Israel kritisiert wird, und wie selten etwa Uganda (das liesse sich mit guten Gründen machen). Und ich will auch nicht mehr fragen, was für Gründe das hat.

Die Linkspartei, die keine grösseren Sorgen hat als das, was Israel alles tut oder nicht tut, zwingt mir auf, diese Frage präziser zu stellen: entweder ist Israel tatsächlich das grösste Problem, dass die Menschheit hat (und ich weiss zufällig, dass das nicht so ist), oder die Linkspartei bildet sich das nur ein. Wie nennt man aber ein Denken, dass sich einbildet, ausgerechnet vom jüdischen Staat Israel (und nicht etwa von z.B. Uganda) ginge eine ungeheuere Bedrohung der Menschheit aus?

Diese Partei, dieses Milieu ist heute nicht nur mehr zu nichts gut, sondern in seiner idealistischen Mischung aus Unverstand und Ressentiment direkt gefährlich.

„Shut up. Go back to Ausschwitz“

Über so genannte Friedensaktivisten auf der Mavi Marmara

Die Linkspartei, die sich für keine Lüge zu schade ist, hat behaupten lassen:

Inzwischen haben auch die israelischen Streitkräfte eingeräumt, dass es sich bei den Aufnahmen eines Gesprächs, bei dem angeblich ein Aktivist die Militärs aufforderte, nach Auschwitz zurückzukehren, um eine Fälschung handelt.

Nein, das haben sie nicht. Sie haben auch gar keinen Grund dazu, wie man auf 2:05 hier sieht:


„Shut up, go back to Auschwitz“. Sagt der Friedensaktivist. Wer arbeitet mit solchen Leuten zusammen? Die Linkspartei.

Olé, olé, Antideutschland, Antideutschland!

Ein Ausgehtipp:

Heute gehen wir in die Würzburger Innenstadt und schauen stolzen Deutschen beim weinen zu. Mit einem Lächeln auf den Lippen fotographieren wir die Fußballfans, die am meisten ihre Selbstachtung verloren haben. Ob potthässliches Outfit oder Trikot vollgekotzt: Alles muss heute auf die Linse.

Die besten Fotos werden, natürlich mit Balken vor den Augen, im Letzten Hype #15 veröffentlicht.

Ein Filmtipp

Der passenden Film zur passenden Zeit:

Das Erstaunlichste an Zombies ist wohl, dass sie es irgendwie geschafft haben, ihren gesellschaftskritischen Subtext aus Romeros Autorenfilm (für Georg Seeßlen der linkeste Filmemacher, den Industrie hervor gebracht hat) mit ins Genre hinüber zu retten. Als menschenfressende Metaphern schmatzen und stöhnen sie seit einigen Jahrzehnten durch die Landschaft, ohne dass sich ihre Nähe zu tatsächlichen kollektiven Bewusstlosigkeitszuständen übersehen ließe. Der Kurzfilm Dawn of the Dorks zeigt sie jetzt als deutschen Fanmob, was so dermaßen naheliegend ist, dass sich kaum noch mit Bestimmtheit sagen lässt, wer hier eigentlich wem die Vorlage geboten hat.
Und obwohl im Grunde kein Mensch solche gesteigerte Ausdrücklichkeit braucht, ist der Film dann erstaunlicherweise auch noch richtig witzig. Es muss an den grausigen Erfahrungen der »Sommermärchen« – WM 2006 liegen, als sich vereinzelte Überlebenden plötzlich in ihre Wohnungen eingesperrt fanden und zitternd auf ein Ende der Epidemie hofften, während es draußen mehr und mehr Freunde erwischt hat. Auch wenn der deutsche Fußballwahnsinn ein Nebenwiderspruch sein mag – bevor das da draußen nicht überstanden ist, wird auch sonst nichts mehr besser werden.(Beatpunk)

Zum Film.

Mal etwas anderes.

Selten gab es einen solch emotionsgeladenen Polizeibericht wie am vergangenen Freitag, weil es mittlerweile zu mühselig ist, über diese Schrott-WM noch zu berichten, darf man sich an dieser Stelle klammheimlich über die journalistische Meisterleistung der unterfränkischen Polizei verachtend und zugleich begeistert zeigen.

Ernüchterung nach WM-Niederlage – Lust am Feiern vergangen

UNTERFRANKEN. Die unerwartete WM-Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft hat bei den Fans deutliche Spuren hinterlassen. Mehrere Tausende hatten sich bei Public-Viewing-Veranstaltungen eingefunden und mussten an den Bildschirmen miterleben, wie die Mannen um Bundestrainer Löw auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurden. Nach der 0:1 Niederlage traten die meisten Fans mit hängenden Köpfen den Nachhauseweg an. In Aschaffenburg und Würzburg ließen sich etwa 500 Unentwegte durch den Sieg Serbiens die Feierlaune nicht verderben. Dabei blieb es bislang friedlich. Lediglich in Würzburg musste die Polizei wegen einer Sachbeschädigung und einer Körperverletzung Anzeige erstatten.

Nach dem überzeugenden Auftaktsieg der deutschen Fußballer am vergangen Sonntag hatten die Fans bereits für einen weiteren Erfolg ihrer Kicker gerüstet. Die Public-Viewing-Veranstaltungen in den unterfränkischen Metropolen erfreuten sich am Freitag erwartungsgemäß eines großen Zuspruchs. Bei der größten Veranstaltung in den Würzburger Posthallen mussten schon zu früher Stunde die Pforten wegen Überfüllung geschlossen werden. Fast 3.000 Fußballbegeisterte hatten sich dort vor der Großleinwand versammelt. Auch im Kickersstadion verfolgten wieder etwa 1.500 Besucher die Übertragung aus Südafrika, die diesmal allerdings so gar nicht nach dem Geschmack der deutschen Anhänger ausfiel. Während sich nach dem Schlusspfiff die Veranstaltungsorte wegen des enttäuschenden Ergebnisses schnell leerten, ließen sich etwa 300 – 400 Personen die Feierlaune durch die Niederlage nicht verderben. Sie trafen sich – wie üblich – in der Sanderstraße, wo es zwar lautstark aber zumeist friedlich zuging.

Allerdings wurden drei Jugendliche vorläufig festgenommen, nachdem sie in der Innenstadt ein Mofa beschädigt hatten. Außerdem muss gegen einen 16- und 52-Jährigen Anzeige wegen Körperverletzung erstattet werden. Der Jugendliche war mit einer serbischen Flagge in der Kaiserstraße unterwegs, als dort der Mann laut Zeugenaussagen an seiner Fahne zog und ihm eine Ohrfeige versetzte. Dies beantwortete der junge Fußballfan mit einem gezielten Faustschlag, der den Erwachsenen zu Boden streckte. Der 52-Jährige wurde in eine Klinik eingeliefert.

In Aschaffenburg hatten sich insgesamt ca. 2.500 Menschen bei den bekannten Public-Viewing-Veranstaltungen getroffen. Aber auch hier stand den Fußballfans nach dem Abpfiff der Sinn nicht so recht nach Feiern. Wie in anderen Städten leerten sich die Örtlichkeiten ziemlich schnell. Allerdings fuhren trotzdem vereinzelt Autos hupend durch die Stadt, was jedoch zu keinen größeren Behinderungen führte. Etwa 200 Unentwegte trafen sich nach dem Spiel am City-Kreisel, wo es jedoch bislang friedlich geblieben ist.

In Schweinfurt, wo es bei dieser Fußball-WM keine Großveranstaltung am Marktplatz gibt, versammelten sich die Fußballfans in zahlreichen Gaststätten und auch im Rathausinnenhof, um gemeinsam einen deutschen Sieg zu bejubeln. Als der dann ausblieb, machten sich die Fans enttäuscht aber friedlich auf den Weg nach Hause. Sicherheitsstörungen wurden den Polizeikräften in Schweinfurt nicht bekannt.

Auch in den anderen Städten und Gemeinden in Unterfranken, in denen sich Anhänger der deutschen Fußballnationalmannschaft getroffen hatten, um einen zweiten Sieg ihrer Fußballhelden gebührend zu feiern, blieb es nach der unerwarteten Niederlage friedlich und ruhig.

„Allahs Bräute“

Auf der Suche nach dem „Paradies“ begehen seit 2003 vermehrt auch Frauen den Märtyrertod für den Heiligen Krieg. Die Israelische Filmemacherin Natalie Assouline dokumentierte über zwei Jahre lang inhaftierte Attentäterinnen und sucht nach den Hintergründen.

ARTE Magazin: Haben Sie verstanden, was diese Frauen motiviert?
Natalie Assouline: Es gibt viele Antworten. Eine ist, dass die Frauen etwas für Palästina, für die Zukunft ihrer Kinder tun wollen, anstatt zu Hause herumzusitzen. Das ist aber nur die Oberfläche. Bohrt man tiefer, wird klar, dass die meisten gezwungen wurden.

ARTE Magazin: Gezwungen von wem?
Natalie Assouline: Von Menschen, die für die Hamas arbeiten oder den Islamischen Dschihad. Sie suchen gezielt Frauen, die nicht so leben, wie es von ihnen erwartet wird. Die Ehre der Frau, die Ehre der Familie ist in den Dörfern von enormer Bedeutung. Die Frauen müssen Regeln befolgen: das Haar bedecken, sich nicht schminken, nicht mit Fremden sprechen – verstoßen sie dagegen, sind sie leichte Beute für die Extremistengruppen. Sie werden erpresst: „Entweder du arbeitest für uns oder wir werden dich und deine Familie im Dorf bloßstellen.“ Ich glaube, den Frauen bleibt einfach keine Wahl. Dennoch, egal wie sehr diese Frauen Opfer sind: Wenn du tötest, bist du nicht mehr Opfer, sondern Täter. – Arte


Was Ernstes

Vorabdruck aus Heft 16

Unter der Betreffzeile „mal was ernstes“ fand sich in meinem Postfach diese Meldung: „ich halte es für unverzichtbar, dass jemand etwas zu israel schreibt. “. Nun ja, die Wogen schlugen hoch, waren doch mit den Damen Annette Groth und Inge Höger zwei leibhaftige Abgeordnete des Bundestages, sowie mit Herrn Norman Paech ein gewesener solcher von der israelischen Marine an Bord eines von türkischen Unterstützern der Hamas gestellten Schiffes beim Versuch, die Seeblockade vor Gaza zu durchbrechen aufgegriffen und kurzfristig in Israel in Gewahrsam genommen worden. Seither kam es zu der bereits seit den Tagen der sogenannten zweiten Intifada allseits bekannten anti-israelischen Medienwelle und jenen mittlerweile ebenfalls als üblich zu bezeichnenden ausgesprochen ekelhaften Zusammenrottungen deutscher Linker mit islamistischen Gruppen wie auch türkischen und arabischen faschistischen Banden. „Hoch die inter…Allahuakbar…Juden ins Gas…Babymörder Israel…“ ist die auf jede beliebige wackelige Videosequenz passende Tonspur dieser im Netz bequem zu betrachtenden Lynchmob-versammlungen. Dieses Phänomen ist nun zwar wahrhaft widerlich (und für einzelne als Juden, Israelis, US-Bürgerinnen und auch neurechte Antideutsche „erkannte“ Menschen, die in so etwas geraten etwa so bedrohlich wie eine Pinkelpause in der sächsischen Schweiz für eine afrikanische Fußballmannschaft), doch nicht eben neu und vor allem sehr deutsch – über Israel sagt es nur so viel aus: Wüßte ich auch überhaupt nichts über diesen Staat und dessen Volk, diese wären schon lediglich ihrer versammelten Feinde wegen meiner innigsten Sympathie sicher.
Nachdem sich der Staub ein wenig gelichtet hat und es einen gewissen Überblick über das Geschehen gibt, lässt sich über Israel nun vor allem sagen, daß der demonstrative Einsatz gemäßigter Mittel – jenes von Obama, Ban Ki Moon und auch Herrn Westerwelle stets unisono eingeforderte „restraint!“ – gegen Leute, die unbedingt „Märtyrer“ werden wollen in taktischer Hinsicht das genau gegenteilige Ergebnis zeitigt, und als strategisches Mittel gegenüber einer zutiefst antisemitisch grundierten „Weltöffentlichkeit“ bestenfalls hilflos bleibt.
Das in der äußeren Gestalt der „flotilla“ wie in der (selbst)mörderischen Aktionsform in seinem Wesen aufscheinende, geostrategisch bedeutsamste Ereignis: die offene Abwendung der Türkei vom westlichen Bündnis und sein Bekenntnis zur – sei’s auch als um die Führungsrolle konkurrierende Macht – Mitgliedschaft im pro-iranischen Club, ist im israelischen Außenamt schon zu Zeiten der Regierung Olmert registriert worden; daß dies in Washington unter Obama noch immer nicht in seiner Bedeutung erfasst wird und bei deutschen Linken, könnten sie wenigstens noch in politischen Kategorien denken und somit den Braten riechen, mit Sicherheit zu Solidaritätsbekundungen führen würde, lässt sich bloß noch kopfschüttelnd konstatieren.
„zu israel“ möchte ich ansonsten noch anmerken, daß dort das Bewußtsein es mit einer ernstzunehmenden Bedrohung und nicht lediglich mit weltfremden „peace activists“ zu tun zu haben deutlich ausgeprägt ist und zu einer erstaunlich breiten Unterstützung für die Regierungspolitik und auch zu hohen persönlichen Beurteilungswerten für Premierminister Benyamin Netanjahu geführt hat; alle internationalen Akteure, welche auf den baldigen Zusammenbruch der doch recht widersprüchlichen Koalition gesetzt hatten, sollten sich auf eine längere Wartezeit einrichten.

Von Rainer Bakonyi

Viktoria Simshäuser (neun7),

stilblühender als Sie hat wohl noch niemand zum Ausdruck gebracht, was sich die deutsche Frau der 50iger von heute zu wünschen scheint.
Im Editorial zur aktuellen Ausgabe des Unterfränkischen Magazins für Lifestylelandwirte schreiben Sie, es herrsche im weiblichen Teil der Redaktion blanke Vorfreude „..auf Verlängerungen, die Jungs zu Männern werden lassen“. Früher eine Kriegsverletzung oder Schwielen an den Händen, heute ist’s wohl eher der Kreuzbandriss, der den Mann zum echten Mann macht.
Zum Glück hat das Alphafußballmännchen zuhause seine bessere Hälfte, die das Haus hütet. „Die WM weckt die Spielerfrau in uns“. Stricken Sie auch schon Schwarz-Rot-Goldene Söckchen für den Nachwuchs?
Die Frauen im neun7-Team tragen „Ballack im Herzen“, obwohl er ja dieses mal überhaupt nicht mitspielt, „aber für uns zählt eben nicht nur aufm Platz“. Nein Frau Simshäuser, für die Frau an sich zählt natürlich nicht nur die Leistung im Beruf, sondern auch der treusorgende Mann zuhause.
An der karriereorientierten Zielgruppe ihres Magazins sind Sie mit diesem Editorial aber meilenweit vorbeigedriftet. Hausfrauen lesen lieber die Neue Revue.

Ihre Emanzipationsbeauftragten vom Letzten Hype.

Hype #15

Der Hype #15 kommt wahrscheinlich irgendwann im Juni.
Seien sie gespannt, jetzt mit 26% mehr Vollmilch.

LOST

Nach der letzten LOST-Folge will ich alles kaputt hauen und schäme mich, dass ich einer esoterischen Kitschserie soviel Zeit gewidmet habe….

Musste einfach mal gesagt werden….

Eure Yvonne Hegel

Dokumentation der K-Gruppen in Würzburg

Verdammt, da hat sich jemand ziemlich viel Arbeit gemacht, um die Geschichte der K-Gruppen, selbst in Käffern wie Würzburg, zu dokumentieren:

Mao Projekt

Wenn sie nur noch tanzen können, ist das keine Revolution

(hier wird ein Artikel aus dem letzten Hype Nr. 14 nachgereicht:)

Wenn sie nur noch tanzen können, ist das keine Revolution1
Von antideutschen Fanmeilen und dem Verlust der radikalen Lebenswirklichkeit

Raven gegen Deutschland. Hunderte zuckende Leiber scheinen den Text zu kennen, wippen im Takt, fühlen sich synthiewohl. Raven gegen Deutschland, an einem Ort namens Posthalle. Es ist interessant, wie sich die Zeiten ändern: Hätte man vor fünf Jahren ein Projekt wie Egotronic in das Autonome Kulturzentrum holen wollen, gewisse Leute wären in schallendes Gelächter ausgebrochen. Zu wenig Publikum, zu linksradikal, zu antideutsch, whatever. Heute veranstalten die selben Menschen, die damals das AKW zugrunde gerichtet haben, in ihrer Posthalle ein Festival mit- wie sollte es anders sein- Egotronic, samt ihrer FreundInnen vom Label Audiolith. Es scheint etwas passiert zu sein, das ich nicht ganz nachvollziehen kann: Linksradikales Parolenrufen wurde in den letzten Jahren zum Chique geadelt, hat die Autonomen Zentren verlassen und findet jetzt selbst an einem gottverlassenen Ort wie Würzburg statt, inklusive hunderter Kids, die die Texte in- und auswendig lallen können.

Be cool- be antideutsch. Es gibt keinen abgedroscheneren Werbespruch, der mir gerade in den Sinn kommt, um die seichte Elektrowelle zu beschreiben, die von Flensburg bis Fürstenfeldbruck Jugendliche in ihren Bann zieht. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass es sich bei diesem Phänomen um die Speerspitze einer neuen kritischen Bewegung handelt. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Wer tanzende Elektrokids beim Audiolith-Festival beobachtet, fühlt sich eher an das Grauen der deutschen Fanmeilen zurück erinnert. Und plötzlich schließt es sich nicht mehr aus, dass jemand „Raven gegen Deutschland“ ruft und in ein paar Monaten „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“2. Es besteht ein Zusammenhang zwischen einfach zugänglicher Elektromusik und einfach zugänglichem, alles nach plapperndem Publikum3. Würden Egotronic ihre bisherigen Texte durch die Zeilen von Alexander Marcus ersetzen, so würden sich wahrscheinlich nur die Oldschoolfans darüber ärgern. Und man kann noch so viele Versuche unternehmen, das Saufen und PEP-durch-die-Nase-Ziehen mit politischem Gehalt aufzuladen, es bleibt nichts anderes als Saufen und PEP-durch-die-Nase-Ziehen, Wirklichkeitsflucht und Enthemmung eben, wie sie größtenteils auch vom Rest der Bevölkerung dann und wann betrieben wird.

In dem Moment, als aus einer radikalen Richtung ein popkultureller Lifestyle wurde, hat auch das Label „Antideutsch“ voll und ganz seine Bedeutung verloren10. Popkultureller Lifestyle bedeutet nämlich: Man hat sich eingerichtet. Man bewegt sich unbeschwert in den Formen der Kulturindustrie, als ob die bürgerliche Gesellschaft eine Klaviatur sei, auf der man locker-leicht das Lied der Emanzipation klimpern könne. Man betreibt ein linksradikales Zine wie das Hate-Magazin, in dem sich gelangweilte GrafikdesignerInnen austoben dürfen, gibt eine ach so kreative Schülerzeitung wie „Straßen aus Zucker“ heraus 4und rezipiert ein wenig Adorno zur Steigerung der sexuellen Attraktivität. Nichts anderes ist dieser Lifestyle aber als die Flucht in eine wohlige Nische, in der es sich gut Leben lässt. Die Revolution kommt später oder nie, zuerst kommt das Projekt. Und egal wie viele Drogen man am Wochenende konsumiert hat, am Montag ist die Arbeitskraft wieder hergestellt, damit man in die Uni gehen kann, in der Uni lehren kann, in der Schule sitzen kann, im Betrieb schwitzen kann, in der Werbeagentur kreativ sein kann.

Ich weiß nicht, wie oft ich von Kids „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ gehört habe. Was wollen sie eigentlich damit legitimieren? Ist es das jämmerliche Leben, dass auch ihre 68er-Eltern führten und das auch sie führen werden? Der Gang durch die Institutionen, diesmal aber nicht mit der naiven Vorstellung, dass man diese von Innen heraus verändern könne, sondern mit der Überzeugung, dass es kein Vita Activa gibt, sondern nur die Einsamkeit der/der KritikerIn? Was die jungen AnhängerInnen des neuen postantideutschen Hedonismus5 eint ist die feste Überzeugung, dass die Revolution auf später verschoben werden muss und das emanzipatorische Begehren solange im Lustprinzip aufbewahrt werden muss, bis diese Gesellschaft in ein paar Jahrzehnten, in ein paar Jahrhunderten oder nie an ihren Widersprüchen zerberstet. Mir kommt es so vor, als müsse man sich an nichts mehr in ihrem/seinen Umfeld stoßen, weil ja kein richtiges Leben im Falschen gibt. Es ist die postantideutsche Lifestyleszene, die die Dialektik der Aufklärung nicht als Handbuch der Revolution gebrauchen kann, sondern zur persönlichen Erbauung nutzt.

Sie mögen damit glücklich werden, Kiddies die noch zur Schule gehen und bereits jetzt zu wissen scheinen, dass sie den Kommunismus nicht mehr erleben werden, einen postantideutschen Elektrolifestyle leben und ansonsten die Versuche, das Falsche im Falschen zu verhindern, verlachen. Schade ist es um sie nicht. Was linksradikal sozialisierten Kids abhanden kam ist die Ungeduld des revolutionären Begehrens6, eine radikale Lebenswirklichkeit, die sich an seinem/ihrem Umfeld und den Lebensformen, die die bürgerliche Gesellschaft anbietet, stößt, anstatt sie als notwendiges Übel anzuerkennen. Dabei ist die Frage zu stellen nach dem Ausgangspunkt der Kritik. Wozu betreiben wir Kritik? Zur Selbstvergewisserung, dass man die Gesellschaft verstanden habe, während die anderen Menschen auf der Linken Seite noch immer im Trüben fischten? Radikale Kritik, die mehr ist als das Jargon der akademischen Seminare, hat bei sich selbst und bei ihrer/seiner eigenen Lebenswirklichkeit anzufangen. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang von Lebenswirklichkeit und Kritik. Kritik taugt zu nichts, wenn hinter ihr nicht das Begehren steckt, das eigene geknechtete, unwürdige Leben hinter sich zu lassen. Die Einforderung des schönen Lebens, und zwar jetzt und sofort, ist eine notwendige Bedingung jeder Kritik, die in den letzten zwanzig Jahren aus dem Bewusstsein der Radikalen Linken scheinbar verschwunden ist. Wir wissen, dass die Theorie der Autonomen mehr als dürftig war. Die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen aber hat die Lebenswirklichkeit der Autonomen umwoben. Die Bank passt mir nicht, dann wird die Bank eben platt gemacht. Das Haus gefällt mir, also besetze ich es. Es geht mir hier nicht um die Glorifizierung von Bankenanzünden oder Freiraumkampagnen, sondern um die Einforderung der Revolution im Jetzt und Hier. Es geht um die empfundene Unerträglichkeit der Zustände, die mit einem Handeln verknüpft bleibt. Kritik, die nie als Erbauung diente, sondern zur Handlung trieb. Nahm die Verknüpfung von Lebenswirklichkeit und Kritik bei den Autonomen eher politische Formen an, hat es die Ungeduld der Punks gar nicht mehr nötig, als „Politik“ wahrgenommen zu werden: Kritik als Praxis muss nicht die Formen von politischen Kampagnen annehmen, sondern beginnt damit, dem Polizisten ins Gesicht zu rotzen oder mit dem Casio durch die sonst so leise Innenstadt zu ziehen. Diese Fuck-Off-Mentalität, das Begehren, den Kampf gegen diese Gesellschaft nicht nur auf einer kritisch-reflektierten Ebene zu führen, sondern gegen jede Einrichtung, die uns diese Gesellschaft anbietet, sei es die Familie, die Arbeit, die Klasse oder das Studium, ist dem trendigen postantideutschen Lifestyle fremd. Man sucht die Kritik stattdessen im Strobo, nimmt sich selbst zurück und verfällt der Lethargie, die den Linksradikalismus seit Jahren umgibt7.

Damit man mich nicht missversteht: „Wir wählen immer nur zwischen dem Falschen und dem Versuch, das Falsche nicht zu wiederholen und es wird in den bestehenden Verhältnissen nicht mehr als diesen nie zum Ziel gelangenden Versuch geben.“ Der Moment aber, in dem ich versuche, das Falsche nicht zu wiederholen, weist auf die Möglichkeit hin, mich eines Tages vom Ganzen zu emanzipieren. Er weist auf die Möglichkeit hin – sei sie auch noch so unwahrscheinlich- zu Handeln, einen Bezug zwischen sich und der Geschichte herzustellen. Die Gelegenheiten, in denen wir dennoch immer wieder die zum Scheitern verurteilten Versuche vollziehen, Dinge radikal zu verändern, verknüpfen uns selbst mit dieser Welt. Wenn der Quell der Kritik die Unerträglichkeit des eigenen Lebens ist, so muss sie zur Handlung treiben. Und wenn für eineN so genannteN KritikerIn jedes Handeln zum Scheitern verurteilt ist, dann hat sie/er bereits die politikwissenschaftliche Verkürzung akzeptiert, dass jegliches Handeln Politik sei. Die Lethargie des Kritikers ist die säkularisierte Form des Vita Contemplativa. Das Gegenteil dieser ist die Natalität des Menschen, „der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt“ (Arendt) und das Handeln erst ermöglicht. Die Überzeugung, als Mensch in die Geschichte eingreifen zu können, macht das Handeln zu emanzipatorischen Zwecken erst möglich.

Die Kritik ist kein Lebensgefühl, mit dem es sich gut Leben lässt, sondern die Unzufriedenheit mit dem hier und jetzt, dass dem Bestehenden produktiv zu schaden gedenkt. Für wen die Kritik nur aus akademischem Jargon und Lifestylehedonismus besteht, die/der hat den Bezug zur kommenden Revolte längst verloren. Die/der nimmt die Aufstände nicht einmal mehr wahr, die sich in den Banlieues von Paris oder auf den Straßen von Teheran abspielen. Statt die Unmöglichkeit der kommunistischen Revolution anzunehmen, stelle ich mich lieber ganz in die sich weiter vollziehende Geschichte und betrachte die stattfindenden Revolten auch als die meinen. Was, außer die unantastbare Überzeugung, dass diese Gesellschaft überwunden werden kann, sollte sonst mein Antrieb sein, Kritik zu betreiben?

Von Benjamin Böhm

  1. Dieser Text könnte auch Antideutsch für Deppen Teil 2 heißen. Die Drohungen und Schmäh-SMS, die mir nach meinem Antideutsch-für-Deppen Teil 1 vor mittlerweile fast drei Jahren geschickt wurden, habe ich als Erinnerung an den bayerischen Antifa-Kindergarten noch in meinem Handy gespeichert und kann immer noch herzhaft über sie lachen. Ich frage mich manchmal, was aus ihnen geworden ist, den Bauchantideutschen aus Ober- oder Unterammergau.[zurück]
  2. Danke an meine Mitmieter in der Zellerau! Diese haben mir zur EM abwechselnd durch Egotronic und „Schlaaaaand“-Rufe den Schlaf geraubt und mir erst verdeutlicht, dass beides zusammen möglich ist. [zurück]
  3. Kann man es der jugendlichen Fanbase wirklich verübeln, wenn sie die feinen musikalischen und textlichen Unterschiede zwischen den Partyatzen, der Musik für junge Leute mit Vergewaltigungsphantasien, und Frittenbude, nicht erkennen kann? [zurück]
  4. Ich habe schon interessantere Schülerzeitungen gelesen. Der emanzipatorische Gehalt eines Interviews mit KIZ bleibt mir bis heute unbekannt. [zurück]
  5. Es gilt hier zu betonen, dass dieser Text nicht dazu verwenden werden soll, im Namen von Internet-Antiimps als Kronzeuge gegen die Antideutschen zu fungieren. Die Antideutschen sind tot, und erbärmlich die geistigen Ausdünstungen der meisten ihrer einstigen RepräsentantInnen. Die antideutsche Kritik hat jedoch keinesfalls ihre Berechtigung verloren. Im Rahmen von linken Zusammenhängen lässt es sich aber wohl schwer vermeiden, dass ein Text wie dieser als Anklage gegen die Antideutschen verwendet wird, genauso wie Robert Kurz auch heute noch von den dümmsten unter den AntiimperialistInnen rezipiert wird. [zurück]
  6. Dieser Absatz macht eigentlich zwei Fässer auf, die nur bedingt miteinander in Verbindung stehen. Zum einen wird hier das kontemplative Element der antideutschen Kritik angesprochen. Zum anderen aber auch die Lebensflucht und Todesehnsucht, die hinter dem Selbstbild deren stehen, die man als postantideutsche RevolutionsverfechterInnen bezeichnen könnte. Justus Wertmüller hat darüber vor wenigen Monaten einen ganz lesbaren Text geschrieben. Es wird im Hype #15, noch einmal darauf zurückzukommen sein. [zurück]
  7. Gegen diese Ungeduld richtete sich bereits Lenin, als er den Linksradikalismus als Kinderkrankheit bezeichnete. Ich halte mich da lieber an den Genossen Herman Gorter. [zurück]
  8. Dieser Text wäre ohne die Gspräche mit Asok und Phil_Ill nicht möglich gewesen. Ich hoffe, ihr findet unsere damaligen geteilten Ansichten ein wenig in diesem Text wieder… [zurück]

Auch ein interessanter Beitrag (warum finde ich sowas immer so spät):

Das hier.

Solidarität mit dem Riot Dog!

„Was aber seine gut erzogenen Artgenossen in Deutschland auszeichnet, fehlt Louk völlig: Gehorsam und Disziplin. Aber dafür lebt er ja auch in Griechenland.“
Spiegel TV, scheiße Mann, dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.


Coburger Convent

Artikel von Benjamin Böhm über den Coburger Convent in der heutigen JungleWorld:

Hier.

Würzburg und seine Denkmäler

Dass Städte wie Würzburg übersät sind mit Denkmälern, die erst eine Diskursakrobatik aller erster Güte vom Vorwurf befreien könnte, die völkisch-nationalen Geister der deutschen Ideologie zu beschwören, ist nichts Neues. Darauf machte unlängst auch Berthold Kremmler aufmerksam.

Ein weiteres Beispiel, neben dem Studentenstein, der Pilgerstätte des deutschnationalen Teils der Studentenschaft, ist das Jahn-Denkmal, das dem Vordenker des deutschen Antisemitismus, Friedrich Ludwig Jahn, gewidmet ist.

Generalstreik im Iran legt Leben in kurdischen Gebieten lahm

für wayne: Ali Schirasi.

Eine Einschätzung unseres Iran-Experten wäre hilfreich….

Neuer abgefahrener Fetisch?

Welcher Hirni googelt eigentlich jetzt schon zum zweiten mal

„Antideutsche Idioten aus Würzburg beim Ficken ertappt“?

Handelt es sich hierbei um einen neuen abgefahrenen Fetisch, wegen dem sich der ein oder andere doch noch Rolläden an die Fenster machen muss?

Designer töten!

Ahhhhhhhhhhhhhhhhhh! Dieses neue Design! Das kann doch nur ein Praktikant verbrechen! Mach das weg oder du bist gefeuert!

Nie, nie, nie wieder Deutschpunk!

Ja, am Wochenende war es mal wieder soweit. Nazis marschierten durch Unterfranken, und die Antifas haben mal wieder ein wenig Sport getrieben.
Im Hype #14 wird es einige Reflexionen geben. Bis dahin müsst ihr Euch mit folgendem Text begnügen, den wir im Netz gefunden haben (auch wenn sich die Frage stellen lässt, ob die Produktion eines solch langen Textes die Mühe wirklich wert war):
Maifeuer.

Eure Yvonne Hegel

Griechenland

Die Krise frisst sich weiter, und es ist alles noch lange nicht vorbei, im Gegenteil, es fängt erst an. Was mit dem griechischen Staat passiert, ist nichts anderes, als dass die europäische Währungsunion, und damit die gesamte politische Verfassung dieses Weltteils, an den Nähten auseinandergeht.

Zwei Dinge darf man nicht vergessen, und diese zwei Dinge werden von der offiziellen Presse, wie es sich gehört, so selten wie nur möglich erwähnt:

1. Die gesamte innere Ausrichtung dieses Landes hier, Deutschland, beruht auf einer fast räuberischen Exportpolitik nach aussen und auf Disziplinierung nach innen. Die stagnierenden Löhne, die Überstunden, die Ausgliederungen, die Entlassungen, die Überstunden, das Zusammenstreichen bei Rente, Gesundheit und Arbeitslosenversicherung, die Exportweltmeisterschaft, die Panik um die immer hart zu haltende Währung, das Fehlen jeder Opposition, die das alles nicht noch besser, noch fleissiger, noch wettbewerbsfähiger machen will: alles das, was dieses fleissige Land so auszeichnet, und uns das Leben so schwer macht (und es geht noch weiter: die Harmoniesucht, das neue nationale Selbstbewusstsein, der Konformismus überall) haben aus diesem Land ein Monster an Produktivität gemacht, das aus jeder Krise immer nur mit einer neuen gemeinsamen Anstrengung herauswachsen will.

Und dieses Monster ist gewachsen, indem es die mitkonkurrierenden Nationen ruiniert. Deutschland ist in dieser Krise, wir haben es schon einmal gesagt, eine akute Gefahr für den Rest der Welt. Und die Disziplin und der Konformismus in diesem Land sind eine Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus, die aus ihrem Herzen auszurotten die Pflicht der deutschen Lohnarbeiterschaft gegenüber den Menschen in Griechenland und anderswo wäre.

Die offizielle und demokratische Linke hat solche Zusammenhänge vor 1o Jahren einmal gewusst, aber vergessen müssen, weil sie nicht antideutsch sein wollte, und die Antideutschen verstehen nichts von Ökonomie.

2. Die Griechen haben diese Krise nicht als ein von aussen kommendes Schicksal erlitten, sondern die Krise ist auch die Fortsetzung des griechischen Aufstandes. Ein nicht kleiner Teil des griechischen proletariats wehrt sich gegen die Disziplinierung und gegen die Unterwerfung, und tritt damit nicht nur direkt gegen den eigenen Staat und den Weltmarkt, sondern auch gegen die Dominanz Deutschlands, und gegen die erdrückenden Verhältnisse hier in Aktion. Das ist eine bewusste Entscheidung gewesen. Wenn Griechenland sich heute als unregierbar erweisen sollte, dann liegt das daran, dass die Aufständischen in Griechenland die Krise provoziert haben, d.h. eine Arbeit auf sich genommen haben, die wir als Aufgabe der revolutionären Kritik kennen.

Das allgemeine Schweigen der sogenannten Linken in Deutschland zu dieser Krise, und das Fehlen jeder Solidarität, lassen in Umrissen die nächste welthistorische Katastrofe sichtbar werden. So wie sie den iranischen Aufstand alleine gelassen haben, lassen sie den griechischen Aufstand alleine. Sie nehmen Partei für die bestehende Ordnung der Dinge, und bereiten die autoritäre Lösung dieser Krise vor. Aber heute muss jeder wissen, was das bedeuten kann.

Ein Sieg der Konterrevolution in Griechenland und im Iran bedeutet das Ende jeder Hoffnung auf Veränderung in unserer Zeit, das Ende der vielleicht letzten Chance (wenn es denn überhaupt noch eine gibt) für die Menschheit. Die griechische Krise rückt uns dieses Problem bedeutend näher, wenn auch vielleicht nicht seine Lösung: Nieder mit der Disziplin, dem Konformismus, dem Fleiss, nieder mit der nationalen Formierung, nieder mit der Ordnung, nieder mit Deutschland!

In Würzburg, wo man das dicke Geld macht

Big Business in Wü-Town. Vergessen Sie alles, was man Ihnen über die große Stadt erzählt. Das dicke Geld macht man in Würzburg und nicht in Berlin, wissen etliche Exil-Würzburger (zu circa 2:20 spulen, falls man sich das ganze Video nicht angucken möchte):

Besetzung Café Jenseits Berlin und O-Ton.

Der Preis für junge Kultur der Stadt Würzburg

geht u.a. an Joachim Schulz, dem ehemaligen Vorsitzenden des akw und wahrscheinlichem Pächter des Geländes, sowie Betreiber der Posthallen. Wir nehmen das zunächst einfach einmal zu Protokoll, ohne es weiter zu kommentieren. Zunächst jedenfalls.

Zur Pathologisierung des Alkoholkonsums

Es gab Zeiten, in denen das Trinken zu den normalen Reproduktionsvorgängen, ganz so wie Kinogänge, Currywurstessen oder Theaterbesuche, gehörte.
Heutzutage gehört der öffentliche Konsum von alkoholischen Getränken zu den gesellschaftlichen Abnormalitäten. Politische Repräsentanten zählen das Unterbinden des öffentlichen Trinkens zu den Aufgaben einer umfassenden Sozialdisziplinierung.
Die Berichterstattung der Mainpost, in diesem Beispiel Holger Welsch, ist dafür bekannt, seine Sprache kritiklos- bewusst unbewusst- dem Zeitgeist anzugleichen. Und so schreibt man in der Mainpost natürlich von der

„Trinkerszene“.

Es ist erstaunlich, wie Begriffe benutzt und mit den Trinken in Verbindung gebracht werden. Zerlegen wir das Wort in seine Einzelteile.
Zu einem „Trinker“ wird bereits derjenige, der auf einer Wiese ein Bier trinkt. Wer als „Trinker“ bezeichnet wird, gilt als suchtkrank.
Zum zweiten Teil des Wortes: Menschen, die auf öffentlichen Plätzen Alkohol trinken, gehören also bereits zu einer „Szene“, die sich isoliert von der gesunden und deshalb bis ins hohe Alter arbeitsfähigen Mehrheitsgesellschaft bewegt. Ähnlich einer beliebigen anderen gesellschaftlich geächteten „Szene“, etwa der Heroinszene.
Zusammengesetzt als Trinkerszene trägt die Mainpost die Pathologisierung des öffentlichen Alkoholkonsums von der politischen Sphäre an den Frühstücktisch seiner LeserInnen.

Prost!
Euer Benjamin Böhm

Back in the days: Leben im besetzten Haus Erfurt

Erinnert sehr an Asoks legendäres Dosenbier und „Pogo Heil“ aus dem Hype Nr. 3.

Eine unterhaltsamer und interessanter autonomer Reisebericht aus dem besetzten Haus Erfurt:
Teil 1, 2, 3, 4, 5 und 6.

Zitate, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte III

Die Aufwertung der Zellerau konnte offenbar erst durch die Schließung des AKWs verwirklicht werden. Oder irgendwie so….
Holger Welsch in der Mainpost:

Würzburgs ältester Stadtteil hat sich in den letzten Jahren schließlich schwer gemacht: Schöne neue Wohnungen, das neue Kletterzentrum, neue Geschäfte, das neue DJK-Stadion, die Schließung des AKW und und und . . .“

Geht wirklich: Online PDF Dings der neuen Ausgabe

Alle, die die materielle Variante aus Gründen nicht beziehen können, haben jetzt die einmalige Gelegenheit die PDF der neuen Ausgabe runterzuladen. Allerdings nur für 2 Wochen. Danach wird die PDF Version immer noch an der gleichen Stelle zu finden sein. Man hat also auch dann noch die Möglichkeit sie runterzuladen.

Fuck: Hier!

Zur Kritik der Langeweile II

In den vergangenen Tagen lösten die Ergebnisse einer dpa-Studie Bestürzung aus – in den Medien, der Politik und erst recht in unserer kleinen Arbeitsgruppe zur empirischen Erforschung der Langeweile in Würzburg (AG EEL). „Das Komatrinken unter Jugendlichen ist vor allem in mittelgroßen Städten verbreitet – besonders in Bayern“, lautet das ernüchternde Fazit.
Unsere Analysten stürzten sich umgehend auf die Datenkolonnen, schließlich ist neben der Videotheken-Rate der Koma-Index der wichtigste Faktor für die Messung der Langeweile. Es stellte sich allerdings heraus: Die Daten sind alles andere als berauschend. So finden sich unter den 15 komatösesten Städten neun bayerische. Bundesweiter Spitzenreiter ist demnach Bamberg, Hof liegt auf Platz drei, Nürnberg auf zwölf, Schweinfurt auf 13. Es wurden unsere schlimmsten Ahnungen vom Stand der Langeweile in Würzburg erneut empirisch bestätigt: Würzburg taucht in der Liste überhaupt nicht auf.
In unserem Institut meinten wir bis dato, in teilweise heftigen Beschwerden seitens der Polizei oder gewisser Bürgerinitiativen über jugendliche Trinker einen Hoffnungsschimmer für diese Stadt zu erblicken. Jetzt zeigt sich: Es waren schamlose Übertreibungen.

Ach, mit eurem ganzen Würzburg
Wird nie ein Mensch glücklich werden
Weil zu viel Ruhe herrscht
Und zu viel Eintracht
Und weil’s zu viel gibt
Woran man sich halten kann
(B. Brecht)

Zitate, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte II

„Jugendliche sind für Extremisten aller Art wegen ihrer oftmals noch nicht vollständig ausgeprägten Kritik- und Urteilsfähigkeit […] interessant.“,

schreibt der bayerische Verfassungsschutz in seinem 2009er Bericht.
Man könnte sich vorstellen, dass manche Jugendliche erst nach dem Lesen dieses Satzes zu VerfassungsfeindInnen werden.
Denn mal erlich:

Wer würde eine Obrigkeit, die dir deine Urteilsfähigkeit abspricht, nicht zum Teufel jagen wollen?

Zitate, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte.

Heute:
Die Killerpilze im Mainpost-Interview:

„Punk bedeutet für mich, das zu machen, worauf man Bock hat. Und zwar ohne Rücksicht auf die Meinung anderer. Die deutsche Bildungsministerin unterstützt unser neues Projekt „Generation Abc 2015“.

Neues aus dem völkischen Dickicht- die Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg

Über die Ursachen kann man nur spekulieren, jedenfalls steht fest:

Der Versuch, die Burschenschaft Libertas, angesiedelt im Rechtsaußenspektrum des Burschenschaftsspektrums, in Würzburg zu etablieren, ist aufgegeben worden.
Stattdessen vereinten sich die Liberten mit der Prager Burschenschaft Teutonia zu Regensburg, die durch einen Mangel an aktiven Studenten in den letzten Jahren wohl fast ausgestorben wäre. Und et voila: Die Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg ist da.
Haben sie schlau gemacht, die Kameraden aus der Burschenschaft Libertas: denn durch eine Vereinigung mit der Prager Burschenschaft haben sie in kurzer Zeit Vieles von dem erreicht, was ansonsten Jahre gedauert hätte: Sie sind in der Deutschen Burschenschaft. Sie können in einem Kartell gleich die alten großdeutschen Freundschaften der Prager pflegen, ohne mühsam neue Verbindungen schmieden zu müssen.
Und sie sind auch gleich in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft. Burschenschaftliche Gemeinschaft? Genau, dass ist jener völkische Think-Tank aus deutschen und österreichischen Burschenschaften, gegen den selbst die Deutsche Burschenschaft noch progressiv wirkt und die kein Problem damit hat, dass fünf ihrer deutschen Mitgliederbünde wegen ihrer rechtsextremistischen Tendenzen vom Verfassungsschutz überwacht wurden oder werden. Oder um es mit ihren Worten zu sagen: „Weiterhin unterstützt die Burschenschaftliche Gemeinschaft den volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff ohne Rücksicht auf staatliche Gebilde und deren Grenzen.“

Und die Prager Burschenschaft Teutonia selbst? Lud auf ihr Verbindungshaus in Regensburg den rechtsextremen Schriftsteller Jürgen Schwab, Brigadegeneral a.D. Reinhard Günzel („Ich erwarte von meiner Truppe Disziplin wie bei den Spartanern, den Römern oder bei der Waffen-SS“), den Neuen Rechten Götz Kubitschek und einen alten bekannten, Hannes Kaschkat, den schon die Freunde von den Adelphen zum Thema „Berufsfreiheit und Staatskontrolle (am Beispiel Danubia München und Sascha Jung)“ eingeladen haben. Die Homepage der Burschenschaft Teutonia lässt tief blicken, wobei wir hier nicht auf jeden Rotz eingehen mögen. Dass hier am deutschen Opfermythos gebastelt wird, wenn die Geschichte der Teutonia in Prag als Leidensgeschichte unter dem tschechischen Nationalismus dargestellt wird, ist nur eine der unzähligen Gruseligkeiten. Es ist nicht davon auszugehen, dass ein Bursch klug wird. Für alle anderen ein Buchtipp., der sich mit den Gräuel der deutschen Vernichtstungselite in Tschechien auseinandersetzt. Und unter ihrem Grundsatz folgendes Gedicht:
„So höre denn, ans Sterben
mahnt Dich der schwarze Rand.
Du sollst den Tod nicht scheuen
fürs deutsche Vaterland!“

Nun denn, viel Spaß dabei. Ein Verbindungshaus in Würzburg haben sie übrigens noch nicht, im Moment wird noch das Verbindungshaus der Burschenschaft Cimbria in der Huttenstraße genutzt. Es wird sich zeigen, ob die Nutzung des Hauses nur vorübergehend bleibt, oder die Cimbria der neuen Burschenschaft, aufgrund des Fehlens von aktiven Studenten, das Haus dauerhaft zur Vergügung stellen.
So, genug Zeilen darüber verschwendet.

Man darf gespannt sein, welche geistigen Ergüsse sie vollbringen werden, die Füxchen, Bürschchen und alten Herrchen. Die akademische Schnittstelle von deutschem Konservativismus und völkischem Rechtsextremismus hat nun einen Namen: Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg.

AK Kritische StudentInnen

P.S: Auch wenn wir manchmal nicht wissen, ob wir lachen oder weinen sollen, hier noch ein studentischer Brauch namens „Ledersprung“, der auf der Homepage der Teutonen präsentiert wird und der beispielhaft für die lächerliche Ernsthaftigkeit steht, mit denen Korporierte ihren Traditionen nachgehen. Wer kann das hier bitte schön ernst nehmen:

„Der Ledersprung ist auch heute noch Teil des Aufnahmerituals in den Bergmannsstand. Nach Beantwortung von vier Fragen leert der Anwärter ein Glas Bier und springt von einem Bierfass herab über ein „Arschleder“, das von zwei Bergleuten gehalten wird.“

Weitere Infos zu den Korporationen in Würzburg:
Würzburger Verbindungswesen I
Würzburger Verbindungswesen II
Würzburger Verbindungswesen III
Würzburger Verbindungswesen IIII
http://letzterhieb.blogsport.de/2009/01/30/zur-neuen-wuerzburger-burschenschaft-libertas/

Hype in Print draußen!

Der Hype 14 ist tatsächlich draußen. In der Würzburger Pissbude deines Vertrauens!

Wer ihn zugeschickt bekommen möchte, die/der schreibe eine Mail an letzterhieb@gmx.de. Solange es nicht zuviele Leute werden, ist das auch umsonst. Unter der Bedingung, dass Ihr die Hypes in Eurem Kaff auch ein wenig verteilt…

16. März: Studenten räumen wuerzburg-brennt.de

Hahaha:

Nun jährt sich der Jahrestag der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945. Am Abend des warmen Vorfrühlingstages verwandelten Flugzeuge der Royal Air Force mittels Brandbomben die Stadt in ein loderndes Inferno. Damit folgten sie der strengen und unmenschlichen Logik eines Krieges, den ein Denken entflammt hatte, das sich auf die Einteilung der Menschheit in ein Besser und ein Schlechter stützt. Die Konsequenz aus dieser Selbstherrlichkeit legte Europa in Schutt und Asche.
Für Würzburg hieß das, dass die gesamte Innenstadt und große Teile der Außenbezirke zerstört wurden, dies überwiegend durch Brände. Vom “Grab am Main”, das die Amerikaner eigentlich als Mahnmal zerstört stehen lassen wollten, kann man heute eine Ahnung bekommen, wenn man in den zahlreichen Bildbänden blättert, Zeitzeugenberichte liest oder – sehr bewegend – hört. Am Abend des 16. März läuten alle Jahre sämtliche Kirchenglocken der Stadt und vorm Dom versammeln sich Menschen, um der Opfer zu gedenken.

Die protestierenden StudentInnen wollen auf keinen Fall den Eindruck erwecken, sie würden die Gefühle der betroffenen Menschen oder das Gedenken an die schwärzeste Stunde der Stadt achtlos mit Füßen treten. Deswegen wird die Internetadresse ab sofort www.bildungsprotest-wuerzburg.de lauten. Die bisherige Adresse www.wuerzburg-brennt.de wird aus organisatorischen Gründen bis auf weiteres ebenfalls erreichbar sein.

Konsequent. Die etwas grossmäulige Überschrift war sowieso immer eine Nummer zu gross für die studentischen Leisetreter.

Ein kostenloses und absolut unverlangtes Bekenntnis, dass man nichts gegen diese Gesellschaft hat, die nichts anderes ist als die Nachkriegs-Version der nationalsozialistischen Kriegsmaschine, zu der ihre Voreltern sich selbst gemacht haben; indem man sich vor den Leiden verbeugt, die diesen Voreltern dadurch entstanden sind.

Wie überaus feinfühlig. Und wie anrührend, dass sie jetzt endlich einmal begriffen haben, wer sie sind.

Wie bewegend übrigens, sich „Zeitzeugen“ anzuhören. Fragt eure würzburger Gewährsleute doch auch mal, was mit den Juden passiert ist. Ihr werdet unter ihnen übrigens auch keinen finden, der Nazi war. Das alles weiss jeder Mensch. Wäret ihr in eurer grossen Feinfühligkeit auf die Idee gekommen, euren Blog wegen der Pogromnacht im November umzubenennen? Und warum eigentlich nicht?

Hätte ihnen übrigens gutgetan, sich mal mit der Rolle der Studenten bei der Durchsetzung des Nationalsozialismus zu befassen. Hätte man über die Rolle der Studenten in der Gesellschaft nachdenken können, dabei. Hat mit der Wirklichkeit der heutigen Studenten nichts zu tun? Aber der 16. März hat? Heuchler seid ihr keine, aber was viel ekelhafteres.

Down w/ Islamic Fascism! Diskussionsveranstaltung, hier: Mitschnitt

Einen Mitschnitt der Veranstaltung, auf der u.a. hype-Redakteur Jörg Finkenberger gesprochen hat, gibt es hier.

„Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht?“ (George b. Shaw)

Kaputt und zerstört, erniedrigt und beschmutzt, langweilig und angespannt, schon halb tot und trotzdem noch hier.

Es ist Abend, schon spät. Ich enttäuscht, sitze an meinem Schreibtisch. Denke an großes und kleines. Weiß nicht was ich machen soll.Weiß nicht was ich tun soll. Die Fliege, die sich in dem kleinen 8 qm Zimmer verirrt hat, lässt mich zu Anfang wahnsinnig werden. Eine kleine Stubenfliege. Nicht besonders groß, auch nicht so besonders klein. Nicht wie eine Essigfliege. Sie summt, entdeckt die letzte funktionierende Birne der Nachttischlampe als ihre Bühne. Sie tanzt. Zu so später Stunde. Eine Uraufführung ihres ersten Stückes, so sagt sie zu Beginn. Ihres vielleicht letzten Stückes. Und sie tanzt so, als wäre es ihr letzter Tag auf Erden. Und sie weiß es nicht. Sie kann es nicht wissen. Ich könnte einwirken, aber lasse es. Lass sie leben. Nun bewegt sie sich zu fantastischen Tönen des Sommers der Vierjahreszeiten von Vivaldi. Sie begeistert mich.Verbrennt sich nicht an der Lampe. Sie schwebt, eine verblüffende Leichtigkeit. Benimmt sich, als wäre es der letzte Tanz. Und ich?
Ich sitze hier, in einer gering beleuchteten Kammer vor meinem PC. Versuche über das World Wide Web Kontakte zu schließen, mich zu informieren, zu diskutieren, mein Leben zu planen und es gleichzei- tig weg zu schmeißen. Versuche mich abzulenken. Von was? Ich kann es nicht sagen. Sitze wie aber- tausende vor diesem Dreck. Probiere meine Nöte und Ängste loszuwerden – schaffe es nicht.An niemanden, vielleicht eine oder zwei Personen.Verachtend! Der Kontakt zur Außenwelt bleibt mir ver- wehrt. Kann mich nicht mehr artikulieren. Kann mich nicht mehr hören.Weiß nicht wo ich bin. Bleibe verwirrt. Und wenn doch, dann nur mit den „einzig wirklichen Menschen [,die für] mich die Ver- rückten [sind], die verrückt danach sind zu leben, verrückt danach zu sprechen, verrückt danach, er- löst zu werden, und nach allem gleichzeitig gieren – jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen, wie phantastisch gelbe Wunderkerzen, die gegen den Sternenhimmel explodieren wie Feuerräder, in deren Mitte man einen blauen Lichtkern zerspringen sieht, so dass jeder „Aahh!“ ruft.“1 Und wenn mir auch diese Momente der Verrücktheit noch so gut gefallen. So bleiben sie kein Dauerzustand. Es wäre zu leicht. Es wäre zu schwer. Wieso? – Ich kann es nicht sagen. Ich lasse nichts aus. Raste bald aus. Ich brenne, und nicht wie ein Osterfeuer. Sondern wie vier Flugzeugträger, drei Space-Shuttles und ein Würzburg 1945. Ich tue mir schwer. Kann dir und dir nicht sagen was ich für dich empfinde. Sei es Abneigung, sei es Zuneigung. Kann dich nicht so sehen wie du bist. Sondern nur wie durch meine stets verdreckte Brille von Fielmann.Werde meine Gefühle nicht los. Ich habe Angst, ein leben lang. Vermassele ich es wieder? Sollte ich mit dir reden? Sag mir es doch! Du bist so kompliziert. Ich bin so kompliziert.Wir – wer auch immer das ist – sind kompliziert. Ich kann es nicht verstehen. Ich handele nicht als ich.Vielleicht als wir.Wahrscheinlich wäre es prozentual auszurechnen.Vielleicht aber auch nicht.Warum nicht? Warum sind wir so schrecklich verklemmt. Kann nicht reden. Es ist nicht einfach. Ich verstehe es nicht. Komme damit nicht klar.Will dir etwas sagen, kann es nicht. Meine Zuneigung dir gegenüber äußern? Puhhh. Ich habe Angst.Weine. Ziehe mich zurück.Ablenkung. Finde mich wieder vor dem PC.Verstecke mich vor der Langeweile. Die Langeweile, die so schrecklich erdrückend ist. Die mich fertig macht. Die mir Kummer bereitet. Ein Leben lang. Bis auf, es verändert sich etwas. Ich kann nicht hoffen. Nicht so lange warten. Und die Aussicht ist so trüb!
Raste irgendwann aus. Zünde alles an.Verweigere mich allem. Und das werde nicht nur ich sein. Das werden wir sein! Wir, die Individuen und wir können tanzen. Die Ballnacht ruft! Nächte lang, wie diese Fliege vor mir.Wie diese, die so glücklich schwebt und summt. Ihres Lebenswillen hier ist. Und es wird noch davon berichtet werden.Von einem Tanz um die Welt.
So lasst uns die Platte sanft und vorsichtig zum Plattenspieler tragen. Die Boxen zur Straße. Und in einer unvorstellbaren Lautstärke, die die Welt noch nicht gehört hat, dass Lied der Tanzenden zum Tanze spielen. Tanzen und trampeln, bis die Beine vor Müdigkeit zurückschrecken und das Pflaster frei gemacht wird.Wir den Strand zu Gesicht bekommen. „Sous les pavés, la plage“. Oder wir werden konform.

Karl von Medina
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1 Jack Kerouac – On the Road

Hören und Schmecken

Hören und Schmecken
Die Seite für moderne Kultur

Heute: Die In- und Retrospektive Kochkolumne

Ja. Aua! Der Herr Redakteur hat einen Kater. Halt wirklich; ja, und er hat einen lichten Moment – zumindest kurz gehabt. Weil: Gestern Nacht ist er dem ehrwürdigen Vater, Kardinal Ratz- äh seiner Merkwürden, Johannespaul Zwo über den Weg gelaufen. Der hatte seinen rubinroten Ring verloren gehabt und forderte das dumme Ding im (sehr) kurzen Stewardessenkleidchen auf, sich an der Suche zu beteiligen. „Bück dich…“ „Aber ihro Durchlaucht“ hob ich an. „Hier geht doch alles durcheinander“. Nun, da stand ich also zwischen den Herren Damen und den strammen Marinefrolleins im mindestens vier Konfektionsgrößen zu klein ausgefallenen Militärstewardessenfummel mitten im Tuntenball, ein Servierblech mit Pizza in der Hand. Die geschätzten beiden Kollegen an meiner Seite hatte es nicht besser getroffen.

Warum bloß bin ich nicht in der geliebten Redaktionsstube unten im Keller vom unvollendeten Hotelturm geblieben??? Faul auf meinen günstig erworbenen Drehstuhl gefläzt und dem guten Finkenberger zugeschaut wie er laut kichernd dümmliche Leserkommentare zu seinen eigenen Artikeln verfasst, um sie sodann mit wichtiger Miene zu beantworten. Warum? Zum Teuf…

Doch als ich so gedankenverloren an meiner Pizzaundchilliverkaufsstation stand, trat der Heilige Vater auf mich zu – und ich hatte jenen vorhin erwähnten hellen Moment. Der bayerische Papst hat das im Trubel natürlich gar nicht mitbekommen, der wollte sich lediglich hinter mir vorbei zwängen, um in die ausschließlich dem Personal vorbehaltenen Gemächer zu eilen. „Es ist ja alles gar nicht wahr, bloß eine Geschichte, ganz und gar fiktiv.“ Dies in etwa war der Kerngehalt des letzten klaren Gedankens bevor ich dann doch auf das schon seit längerem bestehende Angebot des Herren Kollegen zurück kam und die mir dargebotene Flasche Augustinerbräu in einem tiefen Zug in mich hinein leerte.

Mit schmerzendem Kopf und großem Durst überquere ich am Berliner Ring die Nürnberger Straße; die Aktentasche in der Hand strebe ich dem Kellerloch, also dem Büro der Kultur- und Politikredaktionen (aus Einsparungsgründen in einem noch unausgebauten Kellerraum untergebracht) entgegen, wo ich statt eines Konterbieres einen gut gelagerten schottischen Whiskey als Antikatermedikament zu mir zu nehmen gedenke. Ja, der Hotelturm und seine Schätze! Seit der Chef in einem Geniestreich den Turm für einen Euro gekauft hat, sitzt er in einem provisorisch eingerichteten, dafür aber riesigen Büroraum mit Panoramablick auf Residenz, Dom, Festung und Käppele und zählt die unten durchfahrenden Güterzüge. Die Evi Schmitt kocht ihm immer Kaffee, damit ihre besserwisserischen Kommentare auch stets ungeändert abgedruckt werden und der Heumann bringt die Semmeln und erklärt geduldig die neuesten Finessen des Redaktionshauptrechners. Blöderweise hat es im ganzen Turm keinen einzigen Aufzug, sondern lediglich die Bautreppe und so macht es dem Chef noch mehr Spaß, mich wegen eines ihm von der Tendenz her missliebigen Artikels persönlich hoch zu zitieren. Ansonsten haben der Finkenberger und ich aber unsere Ruhe und es ist schön behaglich warm hier unten – die richtige Trinktemperatur für meinen Whiskey!

„Drei mal den Burger, zweimal mit Pommes und dann noch mal Fritten, aber bloß rot und, ja, auf den Soloburger dürfen keine Zwiebel.“ „Kommen doch sowieso keine drauf. Hey, bleib da, die Schnitzel sind gleich fertig – hau doch den Salat schon mal raus!“ Die Bestellleiste ist voller Bons, der Spülberg wächst ins Unermessliche, in zehn Minuten beginnt der Tatort und ich stehe dort, wo ich im echten Leben fast immer und ganz sicher jeden zweiten Sonntag stehe: Am Herd. Mein Kater wird nicht besser, an ein Bier oder gar einen Whisky (schottisch, irisch oder aus den USA; steht alles friedlich beisammen am Tresen) ist nicht zu denken; morgen ist Montag, montags haben beide Läden, in denen ich an Herd und Ofen werkele, für gewöhnlich geschlossen, doch am morgigen Rosenmontag ist hier Eurodance und „Ja, die Küche ist regulär geöffnet.“

Es gibt gar keine Redaktion, keinen Heumann, keine Evi, keinen Finkenberger – und eine Zeitung, die mich als leitenden Kulturredaktör arbeiten ließe, wäre in der Welt, die wir als einzig wahre kennen, der fröhlichen Warenwelt nämlich, längst bankerotte und noch toter als die Frankfurter Rundschau und das Mitgliederheft der SPD zusammen. Das Heft, das beinahe auf den wunderschönen Namen ANTIFAINFOMAG getauft worden wäre, lediglich eine Ausgabe unter der stolzen Aufschrift „Letzter Hieb“ erlebte und nun als „HYPE“ sein Unwesen treibt, ist schiere Illusion. Wozu auch sollte es existieren? Das akw!-info (das gab es mal vor Jahrzehnten, da war ich mal tatsächlich Redakteur) hat immerhin Werbung für das AKW gemacht, ganz wie sich das gehört. Da Politik eine Sparte im vielfältigen Angebot dieses Lokals darstellte, wurde ein gehöriger Teil des Heftes mit politisiertem Zeug vollgepackt und die Kochkolumne machte Werbung für den Vegetarismus und damit für die vegetarische Küche des AKW. Meine Arbeit an den Texten wurde mit dem gleichen schlechten Lohn wie jede andere Arbeit bezahlt und diente – als Werbung – dem „Erhalt des Standorts“. Gäbe es den HYPE, er wäre völlig widersinnig: Die Politisiererei nähme sich selber ernst und denunzierte dabei doch stets das Elend des Politikantentums; die Kritik träte im Gewand des Kritisierten1 auf und bemerkte es noch nicht einmal. Der Versuch, die zerrissenen Teile des Ganzen welche etwa unter „Kultur“, „Kunst“, „Politik“, „Wissenschaft“ und „Ökonomie“ rubriziert sind in der Kritik wieder zu einen, fände ausgerechnet in der albernen Gestalt einer Kochkolumne statt.

Der Tatort läuft, die Gäste sind versorgt, ich trage mal den Geschirrberg ab und wische Herd und Arbeitsflächen. Der gute Kollege vom Service kommt auf ein Schwätzchen kurz in die Küche, doch entschwindet er bald wieder; ich summe ein Liedchen aus der Hand des guten Franz Schubert.

Auf dem Wasser zu singen2
Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen
Gleitet wie Schwäne der wankende Kahn;
Ach, auf der Freude sanftschimmernden Wellen
Gleitet die Seele dahin wie der Kahn;
Denn von dem Himmel herab auf die Wellen
Tanzet das Abendrot rund um den Kahn.

Über den Wipfeln des westlichen Haines
Winket uns freundlich der rötliche Schein;
Unter den Zweigen des östlichen Haines
Säuselt der Kalmus im rötlichen Schein;
Freude des Himmels und Ruhe des Haines
Atmet die Seel im errötenden Schein.

Ach, es entschwindet mit traurigem Flügel
Mir auf den wiegenden Wellen die Zeit.
Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel
Wieder wie gestern und heute die Zeit,
Bis ich auf höherem strahlenden Flügel
Selber entschwinde der wechselnden Zeit.

Tja, die Christen fasten nun volle vierzig Tage und sind schrecklich mißgelaunt weil ihr Heiland vor etwa zweitausend Jahren umgebracht worden sei – was zwar irgendwie die Welt gerettet hat, aber anscheinend doch nicht gut war. Sei’s drum, heute wissen die lieben Kleinen ja eh‘ nicht mehr weshalb eigentlich am Aschermittwoch so was hübsches wie Vergnügungsverbot herrscht und mir dient das sowieso lediglich als Vorwand endlich mal Fisch und anderes Meeresgetier auf den Teller zu bringen. Fisch gilt als Fastenspeise, die spinnen die Christen…

Cous-Cous mit dreierlei Fisch und Meeresfrüchten

Ein bis zwei Meerbarben, einen Wolfsbarsch und einige kleinere Sardinen (zusammen so um die 1½kg. Fisch) filetieren, die Karkassen für einen Fischfond aufheben; von vier Kaisergarnelen den Schwanz vom Kopfteil abdrehen, den Panzer aufbiegen und das Fleisch vorsichtig herausziehen, danach längs des Rückens aufschneiden und den Darm entfernen. Kopfteil und Schale ebenfalls für den Fond zurücklegen. Zwei Dutzend Miesmuscheln sorgfältig waschen. Ein Pfund Tomaten kreuzweise einschneiden, kurz in kochendes Wasser geben und schälen; das Fruchtfleisch sehr klein würfeln, zwei bis drei Selleriestangen fein schneiden, zwei rote Zwiebeln fein würfeln, vier Zehen Knoblauch pressen, ein halbes Bund Glattpetersilie fein wiegen. Nun in einem großen Topf Olivenöl erhitzen und die Zwiebeln und den Sellerie andünsten, nach kurzer Zeit Hitze reduzieren, Knoblauch und Petersilie dazu geben, nun die Tomaten zugeben und aufkochen. Die Fischabschnitte (ohne Kiemen und Eingeweide) und die Kopfteile der Garnelen unterrühren und nach und nach 1½l Wasser zugießen. Mit Salz und Pfeffer sehr kräftig abschmecken, in einem Teebeutel einige Lorbeerblätter und etwas Zimtrinde sowie einige Nelken mit kochen lassen. Nach einer halben Stunde den Sud erst durch ein grobes und dann durch ein Haarsieb geben. Etwa einen Liter der Suppe zurück in den Topf geben und zugedeckt leicht köcheln lassen, den Rest für das Garen der Fische verwenden. 400g Cous-Cous in eine Schüssel geben. In zwei Tassen der Brühe ein Döschen Safran auflösen, etwas Butter dazu geben und gründlich mit dem Cous-Cous vermischen, diesen nun in einem Einsatzsieb über die Fischsuppe hängen und regelmäßig mit einer Gabel lockern. Nach etwa zehn Minuten das Cous-Cous auf einem sauberen großen Küchentuch ausbreiten, dieses zusammenrollen und wieder ausbreiten, danach wieder in das Sieb geben und weitere 10-15 Minuten dämpfen. Währenddessen in einer großen, tiefen Pfanne den zurückbelassenen Fischsud aufkochen und wieder etwas abkühlen lassen (soll ganz knapp unter der Siedetemperatur sein), etwas Zitronensaft dazu geben und die Fischfilets darin garen, dabei erst die größeren und nach und nach die kleineren zugeben(Größere Filetstücke 12-15min, kleinere 8-10min). Gleichzeitig die Muscheln in Salzwasser mit etwas Weißwein ca. zehn Minuten kochen, bis sich alle geöffnet haben (Muscheln die sich nicht geöffnet haben wegwerfen). Die Garnelen in Olivenöl mit etwas Knoblauch und Ingwer anbraten. Das Sieb mit dem Cous-Cous von der Brühe nehmen und diese mit etwas Cayennepfeffer würzen und mit Butter binden und einkochen lassen. Nun die zweite Hälfte der Glattpetersilie und ½ rote Paprika hacken. Auf einer großen heißen Platte das Couscous ausbreiten, die Soße angießen und die Fische, die Garnelen und die Muscheln darauf anrichten, mit der Petersilie und den Paprikastückchen bestreuen.

Dazu passen Salate, Muhamara und Tahine, Fladenbrot ist kein Schaden und mit einem guten Arrak vorneweg und einem sizilianischen Marsala dazu werdet ihr auch schön betrunken; mit Baklava und Mokka als Abschluss seid ihr wieder fit für das nächtliche Hinwegsetzen über Sperrstunde und Tanzverbot…

Für immer ihr ergebenster
Rainer Bakonyi

Interview mit dem Verschmutzer

1/3 Schnaps – 2/3 Bier

Adam B.(1) ist stolzer Verursacher von Kotze, Kot und Urin in der Würzburger Innenstadt. Er entschloss sich kurzfristig für ein Interview mit dem Letzten Hype. Adam B. studiert Soziale Arbeit an der FH Würzburg und sieht seine Taten als eine bittere Notwendigkeit. Das riecht nach Konflikt. Seit 3 Monaten mobilisiert die „Bürgerinitiative Würzburger Altstadt“ (BIWA), angeführt von dem Waffenladeninhaber Snickers – gegen die Verschmutzung und Eigentumsbeschädigungen, die in frühen Morgenstunden von Feiernden ausgehen.

F: Als Verursacher von Dreck und Lärm agieren Sie bereits seit geraumer Zeit. Was veranlasst Sie in die letzten Ecken der Innenstadt ihren Urin abzugeben, den eben eingeschmissenen Döner wieder loszuwerden oder dem Waffenhändler Snickers ein Präsent zu hinterlassen?
A: Was muss, das muss. Was raus muss erst recht. Wo wenn nicht hier, wann wenn nicht jetzt oder wieso erst jetzt? Das hätte schon viel früher passieren müssen. Ich sehe das als Akt zivilen Ungehorsams, gegen das Würzburger Spießbürgertum und im Speziellen das Urinieren an Geschäften eines Waffenhändlers als antimilitaristische Praxis.

F: Ihrer Antwort zu entnehmen sind sie ein politischer Mensch. Wieso vollenden Sie gerade ihre Taten bei Nacht und Nebel und hinterlassen keine Hinweise oder Forderungen?
A: Nein, ich würde mich nicht als politischen Mensch betrachten. Politik betreibt eben gerade die Bürgerinitiative. Ich hingegen bekämpfe nicht Wasser mit Wasser sondern mit Feuer. Politik ist eben nicht mit Politik zu bekämpfen. Aus diesem Grund hinterlasse ich auch keine Hinweise oder Forderungen, da die Tat einzig und allein für sich spricht.

F: Wie kann denn der Otto-Normal-Verbraucher erkennen, dass es sich bei der Kotze nicht um herkömmliche Kotze handelt, sondern um eine Art des Protests. Spricht man dann von einer Protest-Kotze?
A: Das soll er doch im ersten Moment gar nicht. Die meisten werden jetzt denken, es ist doch gar nicht so schwer so zu kotzen als ob man vom feiern käme, aber in Wirklichkeit habe ich fast ein halbes Jahr gebraucht bis ich die richtige Mixtur gefunden habe, die es mir ermöglicht die Kotze genauso aussehen zu lassen. Erfahrungsgemäß ist es wichtig, den Döner schnell in großen Happen zu essen, damit die Brocken, die ja später wieder raus sollen, möglichst groß bleiben. Diese Technik musste ich mir durch stundenlange Beobachtungen von Betrunkenen aneignen. Mittlerweile läuft es ganz gut.

F: Das Aussehen scheint eine große Rolle einzunehmen, aber wie bekommen Sie es denn so hin, damit das Erbrochene auch echtheitsgemäß riecht?
A: Dazu habe ich nach langem probieren die richtige Mischung gefunden. Ein drittel Schnaps, zwei drittel Bier (diese Mischung riecht ganz toll). Aber nicht nur der Duft ist ausschlaggebend für den Erfolg, sondern auch das Umrühren wie es beim Tanzen in der Disco geschieht. Dazu schlage ich kurz vor, dem eigentlichen Kotzakt schnell fünf Purzelbäume hintereinander um mir dann den Finger in den Hals zu stecken. Das ist ein wichtiger Faktor der selten beachtet wird.

F: Die Sperrstunde macht die BIWA zu ihrem Hauptthema. Wie gehen sie mit dieser Problematik um? Es scheint so, als beträfe sie diese gar nicht bzw. Sie machen diese nicht zu Ihrem Hauptanliegen.
A: Die Sperrstunde geht mir links am Arsch vorbei. Pinkeln und Kotzen kann ich so oder so. Doch wenn die Sperrstunde eintreten sollte, werde ich wesentlich mehr zu tun haben, da unwissentliche Unterstützter in Form von betrunkenen Feiernden wegfallen würden und ich deren Arbeit auch noch übernehmen müsste. Dazu trainiere ich jetzt schon dreimal die Woche um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Das zerrt zwar ganz schön an der Substanz, aber um das Notwendige zu tun muss man manchmal Opfer bringen.

F: Sie sprechen gerade so, als ob Sie in ihren Aktionen stets alleine zu gegen sind.
A: Ich arbeite generell alleine. Nehme aber einmal im Monat mit anderen Aktiven an einem Treffen teil um Methoden und Erfahrungen auszutauschen.

F: Vielen Dank! Noch ein letztes Wort an unsere LeserInnen?
A: Lasst uns pinkeln, lasst uns kotzen und dreimal von oben auf Würzburg rotzen!

Das Interview führten Asok und Karl von Medina
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1: Name von der Redaktion geändert

Linksradikalismus und Fußball

Linksradikalismus und Fußball

Über einen Zusammenhang, den man mir noch einmal erklären muss

Mein Onkel wippte ungeduldig auf seinem Sitz umher, nippte hastig an seinem Bierchen. Kein Tor für den Club, seit etlichen Spieltagen. Kein Sieg für den Club: wie sooft. Fluchende Papas und aufgeregte Söhne überall um mich herum. Wir schreiben den Frühling des Jahres 1991 und es war das letzte Mal, dass ich mit einem Verein fieberte.
Ich habe das Interesse am Fußball seit Langem verloren. Umherstreifende Männerhorden, die am Wochenende dann und wann die Innenstädte bevölkern und Dinge rufen, die ich nicht verstehe, machen mir mittlerweile eher Angst. Und die Zeit, die viele Menschen einem simplen Ballsport widmen, scheint mir sinnvoller genutzt, wenn ich Nachmittags noch im Bett liege. Dennoch zählen sich einige meiner Bekannten, mit denen ich auch politisch d‘accord gehe, zu Anhängern von diesem oder jenem Verein. Und mehr als das: Es scheint für sie ein Zusammenhang zu bestehen zwischen linksradikalem Sein und dem Selbstverständnis als Ultra. Seit vielen Jahren versuche ich, diesen Zusammenhang nachzuvollziehen. Es klappt einfach nicht. Dieser Text versucht nachzuzeichnen, was mir so widersprüchlich vorkommt an der Gleichzeitigkeit von emanzipatorischem Linksradikalismus und Fußballfanatismus. Er ist eindeutig als Aufforderung zu verstehen, im nächsten Hype auf die Unterstellungen zu reagieren, die den ganzen Artikel durchziehen.
Linke Lokalpatrioten tun, was linke Lokalpatrioten eben tun: Am Wochenende stehen sie in der Innenstadt, um gegen das böse neue Einkaufszentrum zu demonstrieren, das vollgestopft sein wird mit seelenlosen Fastfood-Ketten. Montag ein Gruppentreffen im Stadtteilladen xy, Dienstag das Engagement für das Bürgerbegehren „Rettet den Feldhamster!“ und am Donnerstag ein Gespräch mit dem Stadtrat der Linkspartei. Wenn sich mal Nazis in der Stadt breit machen, dann steht man auf: Für seine Stadt. Für die Heimat. Sitzt man mit „Zugereisten“ am Tisch, so redet man gerne über seine Stadt: Über das köstliche Essen, die glorreiche Geschichte, die herzlichen Leute, den tollen Verein. Am Wochenende geht man ins Stadion, aber nicht nur um die Mannschaft anzufeuern. Man geht auch ins Stadion um „gegen den modernen Fußball“ zu sein oder gegen den Umbau des Stadions zu einer „Kommerzarena“.
Alles schön und gut. Man nennt das Ganze „zivilgesellschaftliches Engagement“ und ich will ja den jungen PolitikantInnen nicht ihren Spaß verderben. Selbstverständlich ist es gut, wenn bestimmte Ultrasgruppen zum Beispiel rassistische Sprüche aus dem Block verbannen. Die Revolution ist das aber nicht, sondern es ist Lokalpolitik. Heimataktivismus, der zwangsläufig die gleichen verkürzten Formen annehmen muss, wie jedes andere Anliegen, dass seine Polis liebt, anstatt sie in Stücke reißen zu wollen. Man könnte näher auf Sprüche der Ultras eingehen – wie z.B. „Gegen den modernen Fußball“- was genauso sinnvoll ist wie sich gegen den modernen Kapitalismus zu stellen, weil der alte doch so wohlfühlwarm war- aber darum soll es im Folgenden nicht gehen.
Schauen wir erst auf den Mikronationalismus, den Fußballfans ausüben: Die Stadt ist der positive Bezugspunkt, für den Gesungen und sich ab und zu auch geprügelt wird. Aus einer loser Ansammlung von Menschen, die nur das Elend der Wertverwertung eint, wird eine Gottheit: der Verein, die Stadt. Heimatidentität, die Sicherheit und Geborgenheit stiftet in dieser ach so kalten Welt. Im Stadion geht es ja eben nicht nur um eine Mannschaft von 11 Leuten, die man ganz sympathisch findet, sondern es geht um die Ehre der Stadt. Und so agiert man aus der Masse der Fans heraus, lässt sich mitreißen mit einer Masseneuphorie im Block, in der das Individuum verschwindet und der Verein alles ist. Weil man so viel von seiner Stadt hält, fährt man hunderte, zum Europapokal sogar tausende Kilometer weit, um diese zu verteidigen wider die fremden Mächte. Dann und wann, je nachdem, welche Erlebnisse man in dieser Stadt bereits erlebt hat, wird die Fanszene zu einem Mob, der die gegnerischen Fans nur aufgrund ihres Wohnsitzes verabscheut, auch mal die feindliche Innenstadt verwüstet oder Menschen mit unpassenden Fanschals auf die Fresse haut. Im kleinen kommunalen Rahmen vollzieht sich das, was man doch im Großen so verabscheut: eine Art von Mikronationalismus. Die Identifikation mit seiner „Scholle“ und Kultur. Wie kann ich also jemanden ernst nehmen, der am Freitag auf einer Demo „Nie wieder Deutschland!“ ruft, und am Samstag „Kniet nieder ihr Bauern- denn Frankfurt ist zu Gast“ gröhlt? Wie kann man Nazis dafür verurteilen, dass sie das Ausland hassen, wenn für einen das verhasste Ausland schon in der nächsten Großstadt anfängt? Welcher Zusammenhang zwischem antinationalem Linksradikalismus und Fanszene bleibt also, wenn man die MobAction-Jäckchen, Carhartt-Hosen und Antifa-Buttons weg lässt? Eigentlich gar keiner. Gerade die Linke besitzt seit jeher eine naive Symphatie für das „Volk“, dass doch nur von den bösen Kapitalisten verführt werde, ansonsten aber die Freiheit wolle. Dieser linke Antiimperialismus wird zum Glück von vielen mittlerweile verlacht bis verhasst. Die linke Fanszene würde sofort auseinander brechen, wenn sie damit aufhören würde, ihre Stadt zu lieben. Denn wer kann sich eine Fanszene ohne positiven Bezug auf die Heimat denken? Ich zumindest nicht.
Verstörend ist für mich auch die empfundene Gemeinsamkeit der Ultrasszene. Ein Großteil der Ultras in Deutschland versteht sich eher als unpolitisch, dann und wann schmückt man die Tribüne mit etwas wie einem Che-Guevara-Doppelhalter. Che Guevara passt in diesem Zusammenhang ziemlich gut zu den meisten Ultras, gibt es doch kein bedeutungsleereres popkulturelles Symbol als das Konterfei des gefallenen Revolutionärs. Im Fanblock aber, da gehören alle zusammen. Da schließt es sich nicht aus, dass man an einem Tag zusammen seine Stadt supportet, während anderntags die einen Antifas sind, die anderen im Freien Widerstand. Und laut meiner spärlichen Internetrecherche trifft sich die Szene sogar bei nationalen Ultraskonferenzen. Offenbar scheint vielen Ultras die „Bewegung“ derart wichtig zu sein, dass man die politischen Fragen außen vor lässt, um die „Sache“ an sich nicht zu gefährden. Kann man sich ein Skinheadtreffen vorstellen, bei dem Redskins friedlich neben den Skinheads Sächsische Schweiz sitzen und in gemeinsamen Workshops über die Skinheadbewegung debattieren? Oder ein Skinheadfestival, bei dem Sharpskins gemeinsam mit Combat 18 die Ehre ihrer Stadt verteidigen? Wohl eher nicht. Wenn die Verbindung von bestimmten Ultras und dem Linksradikalismus mehr als Mode wäre, müsste man sich dann nicht von einem Großteil der eigenen Fans und der deutschen Ultrasszene distanzieren?Mehr noch: Müsste man dann nicht schreiend aus dem Stadion laufen?
Abgesehen vom Aspekt des Lokalpatriotismus besitzt die Szene noch einen weiteren Aspekt, der doch eher an rechte Stammtischbrüder erinnert als an eine Gruppe mit emanzipatorischem Potential: Ultras sind zum größten Teil Männerbünde. In der Antifa-Szene, die ebenso als männerbündelnder Kreis zu verstehen ist, wird wenigstens noch über Geschlechterrollen und Mackermilitanz diskutiert. Dem Selbstverständnis von überwiegend männlichen Ultrasgruppen unterstelle ich, dass ihre männliche Selbstidentität stark von Selbstzuschreibungen wie „Stärke“ und „Aggressives Auftreten“ gekennzeichnet ist. In Gruppen und natürlich oft nach ein paar Bier verhält sich dann die ach so linksfühlende Szene doch wie eine Horde rechter Dorfgesichter auf der Weinfest, die auf jede Gelegenheit warten, um jemandem auf’s Maul zu hauen. Frauen scheinen nur am Rande eine Rolle zu spielen: Als Freundinnen, die vielleicht mal zu einem Spiel mitfahren, meistens aber zuhause bleibe. Wie fundiert kann das linksradikale Selbstbild eines Ultras sein, wenn die männliche Virilität, die man selbst verkörpern möchte, so überaus unangetastet bleibt? Wenn ich bei Ultras in Horden nichts erkennen kann außer eine männliche Identität, die sich selbst auf Muskeln und Samenstränge reduziert?
Der einzige Zusammenhang zwischen emanzipatorischem Linksradikalismus und Fußball ist wohl der modische Aspekt. Die Absage an jegliche Form von Lokalpatriotismus, Heimatduselei und Männergepose ist ein Ziel, dass mit Fußballfanatismus recht wenig zu tun hat.
Love minigolf, hate football!

Benjamin Böhm

Zum Wert der Arroganz

10 Thesen zum Wert der Arroganz

1.Die Gegenwart wird durch die Ideologie der Postideologie bestimmt. Unversöhnliche Standpunkte scheinen nicht mehr zu existieren, jede Debatte wird zum Diskurs, der zum Konsens treibt.

2.Die Addition aller Debatten, die keine Unversöhnlichkeit kennen, nennt sich Postmoderne. In ihr vollendet sich die unbewusste Demut gegenüber dem Kapitalverhältnis.

3.Die Folge des Absterbens der Unversöhnlichkeit ist ein empfundenes Wir. Dieses Wir ist als verinnerlichte Ressource zu betrachten, an die in (ökonomischen) Krisenzeiten appelliert werden kann, um vereinzelte Menschen zu VolksgenossInnen zu machen.

4.Die Postideologie hat sich längst alle öffentlichen und privaten Debatten zu eigen gemacht: Was früher Authentizität oder Prinzipientreue war, wird heute als Arroganz bezeichnet und geächtet. Eine Diskussionshaltung, die nicht von vorne herein konsensual wirkt, kann wegen der postideologischen Deutungshoheit über die Begriffe als ideologisch gebrandmarkt werden, wobei die Ideologie des Kapitalismus unbehelligt bleibt.

5.Die Gegenwart hat die Fähigkeit verloren, Arroganz und Unversöhnlichkeit zu unterscheiden. Beide Begriffe sind ihrer einstigen Bedeutung beraubt und fallen zusammen.

6.Hochmut ist eine Haltung, die soziale Distanz verdeutlicht. Eine Gegenwart, die keinen Streit ohne Versöhnung kennt, strebt daher danach, die Arroganz als Feind des Friedens auszumerzen.

7.Anstand ist die zur Tugend erhobene Akzeptanz der Umgangsformen, die die Herrschaft des falschen Wir über das Ich möglich machen. Arroganz ist eine Haltung, die keinen Anstand kennt.

8.Wer als arrogant bezeichnet wird, verweigert sich der konsensualen, postideologischen Debattenkultur, in der jede Feindschaft zur Freundschaft werden kann, und Krieg zu Frieden wird.

9.Wer als arrogant bezeichnet wird, kann als VerneinerIn des postideologischen Konsenses angesehen werden. Hochmütig vorgetragene Standpunkte nämlich stehen für sich selbst und für ihre Wahrheit, statt in der Beliebigkeit der postmodernen Wahrheiten zu verschwinden.

10.Arroganz ist daher keine negative Eigenschaft, sondern ein Prädikat, das sich der Selbstverneinung gegenüber dem Kollektiv verweigert und auf die Möglichkeit der Emanzipation hinweist.

Gruppe Arrogante KommunistInnen

Der Räuber im Gendarmen

Der Räuber im Gendarmen

Überlegungen zum Innenleben der Ordnungsmacht während der Verkehrskontrolle

Würzburg bei Nacht. Geruhsam vor sich hin schlummernd, und trotzdem, geradezu auf eine paranoide Art und Weise, wachsam, ängstlich und stets bis auf die Zähne bewaffnet. Die einzigen Automobile, die mir in an diesem frühen Dienstagmorgen begegnen, sind Taxis und Streifenwagen. Und glauben sie mir: Ich leide nicht an Wahnvorstellungen, wenn ich auch alle anderen Autos, die mir entgegenkommen, für zivile Einsatzfahrzeuge halte. Das zeigt die bittere Erfahrung unzähliger Verkehrskontrollen, inklusive Drogentests, Autodurchsuchungen und weiteren Demütigungen. Aber das ist eine andere Geschichte. Sollte es dennoch einmal passieren, dass eine Privatperson des Nachts den öffentlichen Raum benutzt, um von A nach B zu gelangen, stürzt sich die Ordnung auf diese wie eine Meute hungriger Wölfe, denen du ein Stück Fleisch vor die Füße wirfst.
Und so werde auch ich, in meinem Kleinwagen mit kaputtem Bremslicht, ein Hors d‘oevre für das grüne Rudel. Nur kein Hauptgang werden. Eine Polizeistreife stand an ihrer Lieblingsstelle und ließ sich das berühmte „wir-folgen-Dir-einige-hundert-Meter-und-hoffen-dass-du-nervös-wirst-Psychospiel“ nicht entgehen. Nun leuchtet „Stop-Polizei“, wie immer in Blutrot. Zwei junge, engagierte Ordnungshüter steigen aus. Es sind alte Bekannte, obwohl ich die beiden Jungspunde noch nie gesehen habe. Was ich an ihnen wiedererkenne ist dieses selbstsichere, furchteinflößende und doch so leere Grinsen, das Polizisten, die die Schnauzbartzeit noch nicht erreicht haben, kennzeichnet. Und noch etwas kommt mir bekannt vor: die Gelfrisur. Niemand sonst schmiert sich eine solch übertriebene Menge Pomade in die Borsten und formt diese zu einer „Frisur“, die selbst David Beckham hätte sein lassen sollen.
Ein erster Feindkontakt. Langsam kurbele ich das Fenster hinunter. „Guten Morgen, Polizeikontrolle. Führerschein und Fahrzeugpapiere!“ Wortlos übergebe ich meine Papiere. Auch sein unterfränkischer Zungenschlag hört sich für mich vertraut an. Ich muss an meine Schulzeit auf dem Dorfe zurückdenken, an Fünfer in Latein und Mathe, an Händchenhalten in der Geisterbahn, an Brausestäbchenessen im Freibad und an all die einstigen Klassenkameraden, die heute ihrem beschissenen Job nachgehen.Und ich muss auch an Coco und Ralle1 denken. Sie waren die Coolen von der Schule2, mit einer Attraktivität für das weibliche Geschlecht ausgestattet, die eben nur auf dem Lande existiert: Die coolen Fußballtypen, stets mit abgedroschenen Sprüchen auf den Lippen, kleinen Prügeleien auf dem Pausenhof nie abgeneigt. Immer auf eine Art und Weise bedrohlich auftretend, vor allem gegenüber dummen Strebern oder Fettsäcken wie mir. Die typischen Halbstarken also, die auch mit 20 Jahren noch ihre 15 Jahre alte Freundin mit dem GTI von der Schule abholen werden. Damals, in der fünften oder sechsten Klasse, gingen bestimmt einige Eltern davon aus, dass den beiden Fußballhelden, denen die Faust so locker sitzt, eine kleinkriminelle Zukunft bevorstehe. Es kam anders: Beide wurden Polizisten.
„Herr Arthur, schon mal was mit der Polizei zutun gehabt?“ Ich hasse diese rhetorischen Fragen, diese vorhersehbaren Spielchen auf den Nerven verängstigter Autofahrer. Sollte ich wirklich einen Eintrag in irgendeinem Polizeiregister haben, so wissen dies die Ordnungshüter spätestens nach der Überprüfung meiner Daten per Funk. Aber zurück zu Coco und Ralle: Ich habe mich oft gefragt, wie sich ein Polizist im Moment der Verkehrskontrolle fühlt. Ob er es befriedigend findet, Leuten von Berufswegen psychisch, manchmal auch körperlich, zu schaden. Ob er zu Hause seiner Freundin stolz davon erzählt, wie vielen Kiffern er diese Woche ihren Führerschein entzogen hat, genauso wie ein Jäger damit prahlt, wie viel Wild er des Nachts erlegt hat. Und wenn ja, woher stammt der Antrieb, selbst den kleinsten Delikten nachzugehen? Coco und Ralle wurden Gendarmen- aber in ihrer Kindheit und Jugend waren sie eher die Räuber. Die Clique, die sich aufspielte, als gehörten ihr alle hübschen Mädchen, DFB-Pokale und dein Pausenbrot. Ihre Allmachtsphantasien wurden Realität: Coco und Ralle müssen sich heute nicht mehr einbilden, ihnen gehöre die Welt: Der Polizei gehört sie zumindest mehr als mir, wie ich in diesem Moment erneut feststellen muss.
„Haben die heute Abend Alkohol getrunken oder illegale Drogen konsumiert?“. „Nein“. Der eine Polizist holt eine Taschenlampe und leuchtet mir damit in meine Augen. „Ihre Pupillen reagieren überhaupt nicht!“, faucht es aus ihm heraus. Die Tricks der Ordnung sind derart vorhersehbar, derart dämlich, dass ich darüber nicht einmal mehr lachen kann. Hat man diese Prozedur einige Male mitgemacht, dann verwandelt sich die Angst vor der Polizei irgendwann in Häme oder blanken Hass. Es handelt sich um die Masche, einfach zu behaupten, dass man keine Reaktion zeige, um Menschen nervös zu machen. Und dieses Herumfuchteln mit der Taschenlampe erinnert mich erneut an einen Halbstarken, der sein Springmesser an meine Kehle legt. Und meine Schulkameraden Coco und Ralle? Aus zwei jugendlichen Räubern wurden am Ende Gendarmen. Woher der Antrieb, woher die Akribie rührt, Kleinkriminellen ihr Dope wegzunehmen oder das Wort „Bulle“ als Beleidigung zu registrieren, konnte ich nie verstehen. Vielleicht habe ich nun endlich eine Antwort gefunden. Aus Räubern wurden Gendarmen. Gendarmen jagen Räuber und jagen dadurch die eigene Lust am Ganoventum. Verdrängen durch ihre Arbeit den gesetzeslosen Teil ihrer selbst, der tief unter der Oberfläche ihres Ichvergraben liegt.
Wie aus dem Nichts reicht mir der Polizist auf einmal meine Papiere und verabschiedet sich mit „OK, alles klar, einen schönen Morgen noch!“ in die Nacht. Danke auch. Wenigstens war ich der Polizei kein Hauptgang. Ich habe mich nie mit ihnen versöhnen können, mit den Herren in Grün, obwohl ich es mir längst abgewöhnt habe, irgendeinen Beruf, den die bürgerliche Gesellschaft gebärt, moralisch verurteilen zu wollen. Außer den Polizeiberuf.
Die Erkenntnis aber, dass auch Polizisten vermutlich nur kleine Ganoven wie du und ich sind, macht mich seitdem froh.

Von Arthur Anna
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1: Namen von der Readaktion geändert

Hype 14 kommt…

…hoffentlich…

bald. Wenn unser Layouter sich endlich mal dran macht.

Bis es so weit ist, habe wir schon mal drei Sachen aus #14 hierher gestellt, und stellen vielleicht noch ein paar hin, mal sehen.

Fick die Uni!

An die Studenten

Wollt ihr euch jetzt endlich eurer Haut wehren, oder nicht? Oder wollt ihr uns das Schauspiel, dass ihr uns schon im „besetzten“ Hörsaal geboten habt, noch länger bieten?

Habt ihr kein Gefühl dafür, wie sehr ihr euch zu Deppen gemacht habt? Habt ihr nicht so viel Klarsicht und Verstand, um zu begreifen, wie lächerlich eure Aktionen, eure Forderungen, euer ganzes hervorragendes demokratisches Bewusstsein sind, wenn man sie vergleicht mit dem Leben, das ihr führt, und das ihr führen werdet?

Sogar mein Zorn auf eure wahrhaft kindischen Manifestationen beleidigt euch; ist es vielleicht, weil ihr nicht lernen könnt? Ihr fühlt euch in euren besten Absichten böswillig falsch verstanden: habt ihr nie gelernt, dass es auf die gute Absicht nicht ankommt, und könnt ihr nicht erfassen, was abzüglich der guten Absicht, die ich euch nicht abnehme, von euren Aktionen übrigbleibt?

Einen Hörsaal „besetzt“ man nicht so, wie ihr es tut. Etwas zu besetzen, was einem nicht gehört, ist ein bisschen schwieriger. Manche wissen das, ihr nicht. Ihr wolltet gerne etwas wichtiger und radikaler aussehen, als ihr zu sein glaubtet. Gleichzeitig habt ihr euch darauf verlassen, dass ihr harmlos genug seid, um nicht wirklich rausgeworfen zu werden. Das falsche Spiel ging nicht gut auf.

Ihr habt es nicht drauf ankommen lassen. War es euch etwa gar nicht ernst? Euer leisetreterisches Geheule um den Dialog mit dem Herrn Präsidenten zeigt mir, dass ihr ganz einfach nur ernst genommen werden wolltet. Weil ihr nicht begriffen habt, dass ihr nicht ernst genommen werden könnt. Es gibt nämlich keinen Grund, warum jemand einen Studenten ernst nehmen sollte.

Studenten sind fleissig, eifrig, nehmen unglaubliche Entbehrungen hin, verheimlichen ihre Depressionen und setzen sich ein Gesicht auf, als ob sie glücklich und voller Mut und Dankbarkeit ihrer Zukunft entgegensehen, die doch sicher – darauf vertrauen sie ganz fest – nur Gutes für sie bereithält, denn sind sie nicht die Auserkorenen ihrer Nation? Sind sie nicht, wenn nicht die Besten der Besten, so doch der Produktionsfaktor der Zukunft? Hat das nicht der Bundespräsident versichert? Glaubt man ihm etwa nicht?

So benimmt sich ein Mensch, dem man alles einreden kann. Und das tut man auch. Alle Welt lacht über die Studenten. Und ihr wolltet ernst genommen werden, solange ihr noch die Rolle von Studenten spielt? Solange ihr es tut, werdet ihr die Hand nicht beissen, die euch füttert. Bevor ihr nicht aufhört, Studenten zu sein, wird euch niemand ernst nehmen. Aber niemals wird ein Student den Schlauch kappen, aus dem er die Bedeutung zieht, die seinem objektiv elenden Leben allein einen Sinn gibt. Denn irgendwozu muss das doch alles gut sein.

Eher rebellieren die Katholiken gegen den Papst, als die Studenten gegen die Uni.

Und deswegen werdet ihr euch nach dem, was Uni und Staat euch vorgeben, zu richten haben. „Die Studenten können gegen nichts rebellieren, wenn sie nicht gegen ihre Studien rebellieren“. Wenn ihr das System der Mühsal, für das ihr auch noch Geld zahlt, los werden wollt, müsst ihr es anders anfangen. Solange ihr das nicht tut, werden jedenfalls wir euch im Stich lassen, denn unsere Sache betreibt ihr nicht.

Von Evi Schmitt

Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters III

An diesem Abend lief ich unter am Fluss vor der Stadt und hing meinen Gedanken nach; ich stand unter den Bäumen, und sah zu, wie es langsam dunkel wurde. Vor mir, über dem Fluss, hing die alte Brücke mit der Autobahn; neben mir, hinter den Bäumen, die Strasse. Hinter mir irgendwo die Stadt.

Die Scheinwerfer der einzelnen Autos verwandelten, von der Bewegung verschmolzen, die Strassen in leuchtende Bänder, die wie Schlangen durch die Gegend liefen; irgendwo vorne im Dunkeln kreuzten sie sich, umwanden sich, mündeten ineinander und teilten sich, und tanzten ein seltsames Ballet.

Das Schauspiel blieb sich zu lange selber gleich, und ich wollte weitergehen, um meine Gedanken zu zerstreuen, aber ich zögerte erst, und dann betrachtete weiter, erst unwillig, dann interessiert die niemals endende Bewegung des Wurmes.

Ich bin so oft selbst entlanggefahren, hier oder anderswo, zur Arbeit oder zurück, die Strassen entlang, die die einzige Verbindung meines zerrissenen Lebens sind, und so oft habe ich mit sehnsüchtigem Blick etwa abseits der Strasse, hier neben dem Fluss, das grüne und gelbe Gras im Wind wehen sehen, unter den schattigen Bäumen, und das Wasser, das in der Sonne um die Steine glitzerte. Und wie oft habe ich gewünscht, ich wäre dort, und nicht da, wo ich herkomme, oder wo ich hingehe. Und nie war ich dort.

Jetzt stand ich an einem ganz ähnlichen Ort und sah den Leuten zu, denen es vielleicht gerade genauso ging. Was dachten sie wohl gerade? Wohin gingen sie, woher kamen sie, warum passierte das alles?

Und ich sah dem stählernen Tanz weiter zu, der wie sich zu den Schlägen eines unsichtbaren Taktstockes blind weiter bewegte, manchmal rascher, manchmal stockend und stossweise. Was trieb diese gespenstische Maschine an?

In den Autos, wusste ich, sassen Menschen, die zur Arbeit oder von der Arbeit heim fuhren; in den Lkw Waren, die zum Verkauf oder zur Produktion fuhren. Eine gigantische rollende Lagerhalle für Industrie und Handel, pulsierend unter einem rauchigen orangenen Nachthimmel. Und zum Verkauf oder zur Produktion fuhren auch die Menschen. Oder nach Hause.

Wie Batterien, wie Leergut, das gefüllt werden muss, und alles, was sie ihr Leben nennen, ist nur das Auffüllen. Und morgend früh werden sie wieder zur Arbeit fahren, fast wie freiwillig, aus eigenem Antrieb, und werden glauben, sie seien das selbst, was das Auto fährt; dabei ist es nur eine Ware. Die sind sie selbst.

Dinge, und Menschen, und die Menschen sind auch Dinge. Sie zirkulieren, auf dem Markt. Sie haben alle ihre Wünsche und Träume, und wollen vielleicht, dass es anders ist, und alles ist ihnen sehr persönlich, was sie tun, aber in Wirklichkeit interessiert nicht,was sie wollen, sondern was sie müssen. Und es ist, wie wenn ein Schleier vor mir zerreisst, und kreischend erscheint die Wirklichkeit vor mir.

Der unfassbar riesenhafte Kreislauf pulsiert vor mir wie das Blut in den Adern eines gigantischen Ungeheuers, von dessen Willen alleine bestimmt; ich sehe, wie er sich aus den Strassen, den Ansiedlungen, den bewohnten Häusern, aus dem Fluss und den Bergen, aus der Stadt und den anderen Städten zusammensetzt, wie vor meinen Augen; ein riesenhafter organischer Leib, der die ganze Wirklichkeit in sich begreift, aus allen ihren Bewegungen besteht; er ist um uns, und wir sind in ihm, nur ein Teil von ihm; alles Land um mich ist, als ob es sich zu seiner Gestalt wölbt; höher als die Berge, ich sehe, wie er sich vor dem Nachthimmel erhebt; ich schreie vor Furcht, ich begreife mit Entsetzen, was vor mir geschieht: ich sehe den grossen Leviathan, in seiner wahren Gestalt. — Ich sehe ihn, ich kann ihn sehen, seht ihr ihn denn nicht? Sieht es niemand? Packt niemanden das Grauen, vor der Bestie, dem grossen Drachen? Ich sehe, wie er sich bewegt, ich höre ihn zischen! ---

Zu Hilfe! Zu Hilfe! Der Absolute ist hier! —

Als das Entsetzen über das, was ich begriffen habe, nachlässt, bin ich schon wieder auf dem Weg in Richtung Stadt, aus allen Kräften rennend: nur weg von diesem Ort, nur schnell weiter, schnell.

Antifadebatte

Der Hype heißt (noch) nicht Phase 3. Trotzdem hier eine kleine Antifadebatte….

(So Gott will, wird der Hype 14 bald erscheinen. Da ich sehr ungeduldig bin, werde ich jetzt ein paar Texte aus dem Hype 14 hochstellen. So.)
Im Hype Nr. 11 formulierte ich einige Thesen über Scheitern, Konsequenz und Gebrauchswert des Autonomen Antifaschismus, die aber bisher nicht online gestellt wurden. Hier wird auf einige der Thesen geantwortet, was auch im Hype 14 nachzulesen sein wird. Wenn ich Lust darauf habe, werde ich im Hype 15 eine Antwort formulieren.
Anbei der Text über den Autonomen Antifaschismus aus der #11:

Thesen über Scheitern, Konsequenz und Gebrauchswert des Autonomen Antifaschismus

Totgesagte leben länger: Weder durch die rot-grüne Institutionalisierung des Antifaschismus ab 2000 noch durch die Spaltung der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite (AA/BO) scheint das Konzept der Autonomen Antifa als letztes popkulturelles Phänomen der radikalen Linken für Jugendliche seine Bedeutung verloren zu haben. Die folgenden Thesen sind eher an diejenigen gerichtet, die sich im Antifa-Umfeld bewegten und bewegen. Diskussionen über das Für und Wider des Konzeptes Autonome Antifa veranlassten mich, diese niederzuschreiben, um vielleicht auch in anderen Kreisen Debatten anzustoßen oder wenigstens, um ein paar Dogmatiker zu ärgern.

1.Das Konzept der Autonomen Antifa als Nachhall der autonomen Bewegung hat sich selbst ad absurdum geführt. Nicht die Vollendung der linken Staatswerdung durch die rot-grüne Regierung und die damit einhergehende Institutionalisierung des Antifaschismus, sondern die Unfähigkeit, Rassismus, Faschismus und insbesondere offenen und strukturellen Antisemitismus nicht als pathologische, sondern als aus dem Wesen der deutschen Gesellschaft selbst hervor kommende Erscheinungen zu begreifen, nimmt dem Autonomen Antifaschismus seinen Gebrauchswert als eines der letzten Milieus, in dem der Gedanke der Überwindung des Staates hauste und haust.

2.Das Zerbrechen der bundesweiten Organisationsversuche, insbesondere in Form der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Aktion (AA/BO), und die Konfliktlinie des Nahost-Konfliktes führten dazu, dass es heute nicht mehr möglich ist, von der Antifaschistischen Bewegung als Ganzes zu sprechen, geschweige denn, diese begrifflich zu fassen. Alle Versuche, den Begriff „Antifa“ als Kitt zu verwenden, um die Bewegung als Ganzes zu mobilisieren, ist lediglich der Versuch, die legitimen Brüche und Gedankengänge der radikalen Linken glattzubügeln und eine diffuse antifaschistische Bewegungslinke auf dem theoretischen Stand von 1989/90/91 zu erschaffen.

3.In Gegenden ohne offensiv in Erscheinung tretende Nazi-Szene ist das Label Antifa kaum mehr als eine Beschäftigungstherapie für gelangweilte Jugendliche. Antifa-Recherche und antifaschistischer Lifestyle in Form bestimmter jugendkultureller Symbolsprache haben natürlich in Regionen mit einer festen Neonazis-Struktur ihre Berechtigung. In gewisser Weise drückt sie aber in Gegenden ohne rechtsradikale Szene die Unfähigkeit der Antifas aus, eine radikale Kritik an der gesellschaftlichen Gesamtheit zu artikulieren. Durch die Fixierung auf den Feind Neonazismus meint man, ein klar auszumachendes Subjekt des falschen Ganzen gefunden zu haben, gegen das es zu kämpfen gilt, ohne sich gegen dieses Falsche Ganze selbst zu stellen.

4.Die zahlreichen Neugründungen von Antifa-Gruppen haben wenig mit einem neuerlichen Revival des klassischen Konzeptes der Autonomen Antifa zutun, sondern zum einen mit der Tatsache, dass aktionistische Jugendliche das Web 2.0. für sich entdeckt haben und es viel leichter geworden ist, durch Internet-Präsens seinen Freundeskreis als eine verfassungsfeindliche Gruppe namens Antifa XY hochzustilisieren, zum anderen mit der Kult-Werdung des Konzeptes Antifa und einem damit verbundenen ästhetisierten Militanzfetisch, der als bloße Drohung im Raum steht und sich somit zum Kitsch geriert.

5.Was Fragen von Geschlechterverhältnis und Sexismus angeht, ist der Autonome Antifaschismus sogar hinter die Autonomen der 80er zurückgefallen. Die Antifa blieb ein heterosexuelles Männerphänomen. Aus der vermeintlichen Präsenz von Stärke gegen die Neonaziszene wurde und wird nicht selten ein Fetisch von proletenhafter Virilität, und in Verbindung mit Alkohol wird aus Antifa-Freundeskreisen oftmals nichts anderes als ein aggressiver Männerbund.

6.Mit der Krise der Wertverwertung, besonders deutlich durch die dritte industrielle Revolution, verschwand nicht nur die klassische fordistische Arbeiterklasse als vermeintliches revolutionäres Subjekt der StaatskommunistInnen, sondern es verflüchtigte sich auch das links-bürgerliche Milieu samt seiner Lebensweise, aus dem ein Großteil der AntifaschistInnen stammen. Ob bewusst oder unbewusst, so stellen bestimmte „Ideale“, die in der Antifaschistischen Bewegung hochgehalten werden, nichts anderes dar als eine bürgerliche Krisenideologie, nichts anderes als den Versuch, das kleinbürgerliche Idyll gegen die aktuelle ökonomische Realität zu verteidigen, statt beide als Kehrseite der kapitalistischen Medaille zu betrachten. Beispielhaft seien zum einen der Versuch der meisten Antifas genannt, an der Universität Fuß zu fassen oder LehrerIn zu werden und somit fleißig am eigenen Hineinwachsen in den Staat zu arbeiten , zum anderen die Verteidigung der eheähnlichen bürgerlichen Zweierbeziehung und die damit einhergehende Ablehnung andere Formen von Sexualität, im schlimmsten Fall die pauschale Bezeichnung derer als sexistisch.

7.Wer sich heute noch autonomeR AntifaschistIn nennt, muss sich spätestens seit den Brüchen von 2000 bis 2003 bewusst sein, dass der Ausspruch „dieser Ort ist bunt!“ nichts anderes ist als der Schutzreflex der Heimatidentität, deren Klima den (Neo-)Faschismus selbst hervorgebracht hat. Im dem Moment, in dem sich auch Antifa-Gruppen an die Seite einer bürgerlichen Protestkundgebung stellen, die behauptet, die Region sei bunt, spricht sie zur Erhaltung der Kaffharmonie eine offene Lüge aus, noch mehr: Sie macht sich selbst zum Teil des gesellschaftlichen Klimas, aus dem heraus der Nationalsozialismus und Neonazismus entstanden.

8.Jede Gruppe, die sich in irgendeiner Weise antifaschistisch definiert und sich auf den Autonomen Antifaschismus bezieht, müsste die Kritik an strukturellem Antisemitismus und an Antizionismus mit einschließen, nicht ohne den Bruch mit jenen Linken, die den Kapitalismus auf der Grundlage von Verkürzungen kritisieren, die leicht an antisemitische Denkmuster andocken, zu scheuen. Die Unfähigkeit, das Gros der Bewegungslinken zu verlassen, hat viel dazu beigetragen, dass man die meisten Antifa-Gruppen als eine Art von militantem Arm des sozialdemokratischen Antifaschismus bezeichnen kann.

9.Genauso wie viele die kommunistische Kritik teilen, ohne sich mit den Überbleibseln des Staatsmarxismus als Bewegung zu identifizieren, müssen AntifaschistInnen fähig sein, den Kitt mit Namen „Antifaschistische Bewegung“, der nichts zu bieten hat als die Erinnerung an die 90er Jahre und der längst die historische Relevanz für KritikerInnen verloren hat, aufzukündigen. Einfach und allein aus dem Grund, um auf der Grundlage einer radikalen Kritik an den Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft wie Wert, Nation, Staat und Arbeit, die bereits im Autonomen Antifaschismus, aber in unklarer Form, enthalten war, das Projekt der Emanzipation voran zu treiben, statt Staat machen zu wollen.

Yvonne Hegel

Wir sind die Krise

Capitalism cannot solve the problem of our existence. What has transpired is neither poor management by benevolent policy-makers nor the unchecked greed of so many bad men. Rather, it is the inevitable manifestation of a fundamental insolvency. We are not interested in how to manage the crisis, nor do we care whose fault it is, nor can we accept any partial solutions. There is no solution without removing the contradiction at the heart of the crisis. From the point of view of those in power, resolving the contradiction would require learning how to dehumanize humans – to fully mechanize and atomize production and the producers themselves. From our perspective, overcoming the contradiction requires not only making education free, but overcoming capitalist relations as a whole. We cannot solve the crisis within the current system because we are the crisis of the current system.

Aus einer Kritik der studentischen Proteste in Californien 2010. Kann man mal sehen.

Angst und Verzweiflung in Würzburg

„Wir sind der Meinung, dass in der Würzburger Altstadt seit einiger Zeit eine Unkultur des Lärms, der Verschmutzung und der Verrohung Platz greift.“ (Bürgerinitiative Würzburger Altstadt)

„Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.“ (Hunter S. Heumann, Grillanzünder ausverkauft)

Mich plagten Magenbeschwerden an diesem trägen Dienstagabend. Doch das Grummeln und Murren, dass unter den Bürgern dieser Stadt ausgebrochen war, übertraf das Wehklagen meines Verdauungsorgans bei Weitem. Eine Welle der Empörung über lärmende Jugendliche, urinierende Studenten und kotzende Marienkäfer war unter dem Plebs ausgebrochen. Und ausgerechnet heute, zum Termin dieser unterhaltsamen Versammlung in Rathaus, wollte ich mein Essen auch am liebsten wieder heraus brechen. Ganz tapfer schleppte ich mich dennoch in den Ratssaal, um der Aussprache über den „Zielkonflikt“ zwischen Gastronomie und Anwohnern der Innenstadt beizuwohnen, zu der der Herr Oberbürgermeister geladen hatte.
Die Ankunft im Ratssaal entpuppte sich als herbe Enttäuschung: Keine Lachshäppchen, kein Frankenwein, keine weichen Sessel mit Massagefunktion. Und keine Begrüßung mit Handschlag durch Herrn Rosenthal oder wenigstens durch irgendeine B-Prominenz der Linkspartei. Und die Kollegen der Presse saßen bereits weich in ihren Sesseln, ohne dass sie mir einen Platz vorgewärmt hätten. Na gut. Gezwungenermaßen nahm ich also auf der Empore Platz. Beim Blick in die Runde erblickte ich recht wenige sympathische Gesichter, zu denen ich mich gesellen wollte. Überall bedrohlich wirkende Würzburger, in deren Gesichtern der Zorn mehrerer Jahrhunderte Unterfranken gezeichnet stand. Das sympathischste Eck befand sich rechts des Rednerpultes. Hier roch es nach Tabak und Schweinsbraten. Die Männer hatten dicke Bäuche und wilde Bärte. Ohne Zweifel: Hier mussten die Wirte sitzen. Ich ließ mich nieder.
Im Vorfeld stellte ich mir die Versammlung wie folgt vor: Gastronomen und die Bürgerinitiative Würzburger Altstadt würden sich anschreien, ein kurzes Handgemenge, am Ende würde sich Bernd Mars zur Volkstribunen ausrufen lassen und das wehrhafte Bürgertum mit Waffen ausstatten. Es kam ganz anders. Herr Oberbürgermeister Rosenthal ergriff das Wort. Unter anderen Themen, die mich nicht weiter interessierten, gehe es heute über den „Zielkonflikt“ Wohnen vs. Gastronomie. Rosenthals Stimme klang sanft, aber bestimmt. Dabei immer sichtlich bemüht, die aufgebrachten Menschen zu beruhigen. Ob der Bürgermeister ebenso wie ich fürchtete, dass der Plebs heute nacht noch zu einem brandschatzenden Mob werde, der Imbissbuden plündere und Tankstellen, die noch immer Branntwein verkauften, abfackele? Ich weiß es nicht. „Es ist nicht so, dass die Stadtverwaltung nicht handelt.“ Man habe ein engmaschiges Informationsnetz gebildet, jeder Vorfall werde dem Ordnungsreferat mitgeteilt. Mein Magen rumorte. Sollte das Ordnungsreferat schon morgen früh wissen, wohin ich mein Mittagessen gespuckt haben werde? Ein furchterregender Gedanke, wahrlich. Und dann entpuppte sich Rosenthal als ein Mann der politischen Visionen, die doch in einer Zeit, in der viel geredet, aber nichts gesagt wird, so fehlen. Es werde immer Zielkonflikte geben, wir müssten aber „ein anderes Miteinander organisieren“ in dieser Stadt. We need a change. Ein neues Bewusstsein. Rosenthal: Wird er als Mann der großen Utopien Würzburg, vielleicht aber auch die deutsche Sozialdemokratie, erretten?
Nun sprach Ordnungsreferent Kleiner. Die schwarzen Schafe in der Gastronomie seien bekannt. Man werde die Kontrollen verstärken. Und noch mehr: die Wirte scheinen unter Bewährung zu stehen. Denn in den nächsten Wochen stünde die Gastronomie unter besonderer Beobachtung, gegen jede Störung würden rechtliche Schritte unternommen werden. Ein Würzburg mit noch mehr Kontrollen? Wie viele Polizisten und Ordnungsdienste will man denn noch zu Tode langweilen? Ich malte mir kurz aus, wie eine Bürgerwehr des Schreckens in den Straßen patrouilliert, mir mit einer Peitsche das Pils aus der Hand schlägt und mich zum Lachen in eigens dafür eingerichtete Keller schickt.
Als nächstes sprach Polizeidirektor Ehmann und legte die schockierende Statistik auf den Tisch: Im Vergleich zu 2008 gab es 48 Ruhestörungen mehr! 48! Und dass in einem Jahr ohne Fußballweltmeisterschaft! Ich kenne Menschen, die in einer Nacht 48 Ruhestörungen verursachen könnten. Ganz alleine und ohne Mittäter. Vielleicht sollte ich meinen Freundeskreis wechseln. Aber das ist eine andere Geschichte. Als Herr Ehmann ankündigte, man werde in Zukunft vermehrt Fußstreifen einsetzen, setzte zum ersten Male an diesem Abend ein spontaner Applaus ein. „Wir wollen berittene Polizei!“, fauchte ein Mann neben mir. Wo, zur Hölle, saß ich hier? Die Menge wirkte auf mich immer furchteinflößender, morastiger, blutrünstiger. Hier und da vollzogen sich spontane Wutausbrüche. Eine Frau mittleren Alters mit einer an sich schönen Handtasche stotterte etwas, von dem ich lediglich „Studenten“ und „Frechheit!“ verstand. Eine bedrohliche Situation. Zum Glück war ich kein Student, sondern freier Journalist und PSI-Forscher, aber würde mir das der Mob glauben?
Endlich begann der vielversprechendste Teil der Versammlung: die Wortmeldungen des Publikums. Für einen erlebnisorientierten Jugendlichen wie mich waren diese eine herbe Enttäuschung. Kein Geschrei, keine Prügelei und verdammt noch mal keine Lachshäppchen. Wobei ich auch froh sein kann, dass es so ruhig blieb: Wer weiß was passiert wäre, wenn die Stimmung in Saal umgekippt wäre? Vielleicht hätten mich schlaflose Bürger als potentiellen Ruhestörer ausgemacht, mich in ihre mittelalterlichen Keller gezerrt und mich dort mit glühenden Eisenstangen bearbeitet? Zurück zum Thema: Nach einigen eher unwesentlichen Wortmeldungen ergriff endlich eine Person das Wort, deren Tonfall auch endlich so hysterisch klang wie die Wortwahl der Bürgerinitiative. „Ham sie schon mal den Inneren Graben gesehen?“ fragt Frau R. „Es ist furchtbar!“ Sie klagt über Müll und Ratten. Eine Frau, die den Würzburgern anscheinend aus der Seele spricht. Und wieder ertönt dieser spontane Applaus, der mit Angst machte. Große politische Visionen können Zorn in Zuversicht verwandeln. Und Hass in Liebe. Daher spricht Herr Rosenthal auch hier vom Change. Vom neuen Bewusstsein, dass uns alle betrifft. „Jeder kehrt vor seiner eigenen Haustüre.“ Jeder ist mitverantwortlich, dass die Straßen sauber bleiben. Yes, Wü can!

(Im Übrigen: Yes-Wü-Can-T-Shirts gibt es für „saugünstige“ 14.50 € beim Udo an der Theke. Aber das ist ein anderes Thema)

Was darf bei keiner Diskussion, die die deutsche Volksseele betrifft, fehlen? Richtig erraten, die Junge Union! Peter Schlecht ergriff das Wort für diese. Als erstes forderte er statt einer Verlängerung der Sperrzeiten mehr Toilettenhäuschen und Mülltonnen. Löblich. Ich fordere dagegen Spätsupermärkte, Gewalterlebniszonen und mehr Kneipen mit durchgehend warmer Küche. In der Welt, wie sie sich Peter Schlecht vorstellt, herrscht Ordnung: Er wohne schon sehr lange in der Innenstadt. Aber er sei nicht ein einziges Mal in der Innenstadt kontrolliert worden. Hat er das wirklich gerade gesagt? Eine als Aussage getarnte Forderung, ohne erkennbaren Grund des Nachts kontrolliert zu werden? Die Welt, die sich Peter Schlecht im Kopf ausmalt: ich wage nicht einmal zu erahnen, was da so in den Träumen der jungen Politikanten vorgeht. Und dann kam sie doch tatsächlich noch, die Forderung, dass private Bürgerdienste zum Wohle der Ordnung eingesetzt werden. Die Bürgerwehr also. „Ich habe die schönsten Momente nachts erlebt“, schloss Herr Schlecht seine Rede. Auch ich habe die schönsten Momente nachts erlebt. Aber zum Glück ohne die Bürgerwehr. Und ohne Peter Schlecht.
Eine tiefe, sonore Stimme erschütterte meinen Magen. Er sprach: Bernd Mars. Von der Bürgerinitiative Würzburger Altstadt (BIWA), der Hüterin von Zucht und Ordnung, der Rächerin der Entrechteten. Würde Bernd Mars nun seine Kandidatur zum Bürgermeisteramt bekanntgeben und getragen von einer Welle des Applaus‘ die Rebellion des Volkes ausrufen? Es kam anders. Herr Mars bemühte nicht das Jargon der Bildzeitung, dass die BIWA bisher an den Tag gelegt hatte. Konkrete Forderungen wurden dargelegt: Er wolle keine Disko am alten Kranen, sondern einen runden Tisch wie in Heidelberg. Was auch immer dieser runde Tisch in Heidelberg sein mag. Doch Herr Mars ist nicht nur ein Aktivbürger, sondern auch ein Mahner, das moralische Gewissen dieser Stadt. Es handele sich um ein gesellschaftliches Problem. Das Problem seien die jungen Leute, die „Vorglühen“, und „Party haben wollen“. Es gelte die Missstände auszumerzen, schloss Herr Mars seine Rede. Ein kalter Schauer fuhr mir über den Rücken. Wenn zornige Bürger vom Ausmerzen reden, fürchte ich das Schlimmste. Was oder gar wer soll hier ausgemerzt werden, und wie? Diese Frage lässt Herr Mars offen. Die BIWA- sie wird uns noch das Fürchten lehren.
Dann war das Schauspiel irgendwann zu Ende. Sperrzeiten, Diskolizenzen, Fußstreifen, Bürgerwehr. Irgendetwas bedrohliches vollzieht sich in dieser Stadt. Irgendetwas unheilvolles geht in Würzburg vor. Es wird nicht nur mir Magenschmerzen bereiten. Guten Appetit!

Hunter S. Heumann

Intro #14

Als Vorgeschmack auf die Printausgabe #14 finden sie hier bereits das Intro der Ausgabe. So in einer Woche liegt der Hype dann an den (un)bekannten Stellen aus.

Intro Nr. 14

Ein dreifaches Oi und herzlich willkommen zur Schneeglöckchenausgabe des Letzten Hypes. Seit unserer letzten Ausgabe ist in Würzburg bestimmt sehr viel passiert. Nur werden sie hier nichts davon lesen. Und auch wenn noch so viele StudentInnen „Würzburg brennt!“ rufen: Ein Feuer habe ich noch nicht gesehen.

„Gähnende Langeweile, dies ist der Boden, auf dem Punkrock entstand!“ Ein Zitat, das ich irgend woher aufgeschnappt habe. Ich bin mir aber sicher, dass auf dem Boden der gähnenden Langeweile auch die Meerscheinchenzucht entstanden ist. Mit Schlonzo dem Geachteten in einem Hasenkostüm und einer ungenierten Schwäbin machte ich mich doch im Herbst tatsächlich nach Veitshöchheim auf, um eine Meerschweinchenschau zu besuchen. Fragen sie mich nicht warum, höchstwahrscheinlich wegen dieser gähnenden Langeweile. Ich habe mich nie für Meerschweinchen interessiert, und tue es auch jetzt nicht. Wie verdammt noch mal kann es sein, dass ich bei einer Tombola, in der die Gewinnchance angeblich 50/50 beträgt, fünf mal hintereinander die Niete ziehe? Wenigstens habe ich dann beim sechsten Male einen Schwimmreifen gewonnen. Wussten sie eigentlich, dass Meerschweinchen einen Stopfdarm besitzen? Sie müssen ununterbrochen Fressen, und wenn einmal das Futter ausbleibt, dann bilden sich Blähungen, die über Tage anhalten und sehr schmerzhaft für die Tierchen sind. Ich stelle mir das so vor wie eine Überdosis Sojasteaks im menschlichen Magen. Oder in meinem zumindest. Bei dieser Ausstellung hing auch ein Grußwort des Bürgermeisters, der davon berichtete, dass Touristen sich an den Gardasee erinnert fühlen, wenn sie in Veitshöchheim am Main spazieren gehen. Ich war zwar noch nie am Gardasee, aber ich glaube jetzt weiß ich, dass ich dort niemals hin will.

Soviel zu den Meerscheinchen. Ein Vogelo hat mir erzählt, dass angeblich Jojo Schulz in Zukunft das AKW-Gelände als Zweigstelle der Posthalle nutzen darf. Wurden da die geheimen Begehren des Jojo S. Am Ende doch noch wahr? Erst brennt man das Dorf nieder, nach dem Bürgerkrieg reitet man auf einem Maulesel wieder in das zerstörte Kaff und will als Held gefeiert werden? Zum Glück wissen noch ein paar Menschen, wer sich da als Retter darstellen wird, und werfen hoffentlich statt Rosenblüten faule Früchte.

Und ich habe nicht die geringste Ahnung, was diese Anekdote mit der kommenden Ausgabe zu tun haben soll. Aber irgendwer muss ja ein Intro schreiben. Also zumindest ich wäre enttäuscht, wenn es keines gäbe. Jörg Finkenberger glaube ich wäre ganz froh, wenn man das Intro weglassen würde. Den Gefallen werde ich ihm nicht tun. Nie!

Für immer Ihr
Hunter S. Heumann

Dieses Posting

war ich auch nicht.

Das letzte Posting war ich nicht

Ich weiss nicht, wer es war.

Hype 14 kommt!

Paaret Euch!
Neu:
Jetzt mit 30 % mehr Liebe!

Hype 14 kommt!

Fürchtet Euch!
Neu:
Jetzt mit 30 % mehr Hass!

Für die Studenten

Mit Dank an Leo für den Tip:

Kegelkreis Preungesheim und anderer gelehrter Gesellschaften Mitglieder, wer auch immer die Gruppe mit diesem verschrobenem Namen ist, schreibt eine für den Anfang ziemlich ausführliche Kritik der Studierendenproteste.

Spaltung, das einzig Vernünftige, nämlich die überfällige Distanzierung von dem infantilen Klamauk, der sich bundesweiter Bildungsprotest nennt, Spaltung also kann er (der letzte linke frankfurter Student) als aktive Handlung gar nicht denken, sie muss ihm als stets gegenwärtige Bedrohung von außen erscheinen. „Und eins sei gesagt: Wir bleiben solidarisch und lassen uns nicht spalten“.

Studentenbewegung abschalten!

Es ist nur noch peinlich, es ist nicht mehr zum aushalten. Fast jeden Tag „witzige Aktionen“, sie haben wirklich nichts verstanden. Wollt ihr euchjetzt endlich eurer Haut wehren, oder wollt ihr es bleiben lassen? Wollt ihr die Tretmühle abschaffen, oder wollt ihr es nicht? Eure Aktionen verraten es: sie hat euch längst abgeschafft.

Sich tot hinlegen („die freie Bildung ist tot!“)! „Free hugs!“ Bildungsmärchen! „BOLOGNAise!“ „Uni räumen!“ FUCK!

Ja, oder nein, zur Uni, zum Fleiss, zur entfremdeten Wissenschaft, zur Arbeitsteilung, zum Standort, zu Deutschland. Und weil ihr zu schwach seid, nein zu sagen, frisst euch euer „ja mit Einschränkungen“ auf, und ihr habt es verdient. Mit dem Teufel wettet man nicht. Und dass ihr zu bekloppt seid, das zu verstehen, das wissen ja wir, aber damit es alle wissen, deswegen habt ihr eure Aktionen.

Wenn man keinen Geschmack hat, und keinen Verstand, aber dafür genug Frohsinn, denn man für „Kreativität“ hält, und wenn man derart stumpf ist, solche Aktionen für „witzig“ zu halten, und derart unbeleckt, solche Kalauer von 1987 für „mal was neues“ – Herrgott, dann soll man es halt machen, aber bitte, bitte, bitte:

: verschont mich damit! Das Gefühl der Fremdpeinlichkeit, und die Scham, solche Trottel wie euch einmal fast, aber auch nur fast, für satisfaktionsfähig gehalten zu haben, bringen mich um.

Auf der anderen Seite: wir alle wissen, dass man solche Anfälle von biederer „Kreativität“ wie diesen auf, wie es unser Hunter S. Heumann ausdrücken würde, einer Arschbacke absitzen kann. In einem halben Jahr ist das vergessen, und ihr furzlangweiligen Existenzen verausgabt euren funkelnden Humor wieder darauf, wo er herkommt, und macht eine witzige Präsentation für eine verschissene Seminararbeit, von der ihr nicht einmal ahnt, dass sie euch eigentlich genausowenig interessiert; weil euch überhaupt nichts interessieren kann. Ihr seid, und bleibt, Studenten, und wollt, zu eurer Schande, auch nichts besseres sein.

Ich erfriere lieber eines Tages unter einer Brücke, als auch nur einen weiteren Tag eine von euch zu sein.

Herzlichst:

Evi Schmitt

Weil wir immer soviel von einer sog. „Militanten Gruppe“ hören (müssen)

Erinnert sich jemand an Herrn Andrej Holm, der monatelang in Untersuchungshaft sass, weil er über google nach Begriffen wie „Gentrifizierung“ recherchiert hatte? Weil er damit verdächtig war, der sog. Militanten Gruppe zuzugehören? Bis der Bundesgerichtshof ihn rausliess, weil gar kein Verdacht bestünde? Was ist denn aus dem geworden?

Nun, der ohnehin für verlegerische Glanzleistungen bekannte VSA-Verlag bringt im Frühjahr wieder mal ein Buch von ihm raus: „Initiativen für ein Recht auf Stadt“. Aus der Leseprobe:

Ein Schwerpunkt liegt auf der neoliberalen Neuordnung des Städtischen. Als ein spannendes Gegenmodell wird die in Virginia (USA) entwickelte Vision eines »kommunalen Sozialismus« vorgestellt – einer von vielen möglichen Wegen, das Recht auf Stadt in die Praxis umzusetzen.

Die Erfahrungen der städtischen Proteste in der Vergangenheit und in anderen Ländern machen deutlich: Aus den Ansätzen der internationalen »Right to the City«-Bewegungen können Impulse für stadtpolitische Initiativen hierzulande gewonnen werden. Eine Orientierung an möglichst breiten Bündnissen und möglichst vielfältigen Aktionsformen ist dabei das Gebot der Stunde: Eine (Re)Politisierung der Stadtentwicklung ist möglich!

Ein Handbuch für alternative Kommunalpolitik: das ist wohl, sollte man meinen, ein deutlicherer Freispruch vom Vorwurf umstürzlerischer Umtriebe, als es der BGH jemals gekonnt hätte. Weiter so, VSA!

Nena abschalten!

Singt sie da wirklich „I‘m made in Germany“?

Nie wieder Nena.

Wenn Studenten protestieren

Wir sind enttäuscht, dass der Präsident heute Abend nicht zum Plenum erscheint und uns die Stellungnahme nicht persönlich (z.B. über email) zukommen ließ. Die Hochschulleitung kann trotz unseres Erachtens ausreichender Vorlaufzeit keine neuen Ergebnisse vorweisen. Andererseits begrüßen wir, dass die Unileitung die Forderungen zur Kenntnis genommen hat und inhaltliche Arbeit auch weiterhin möglich ist.

Quelle

Igitt.

Das nennt man aber nicht unterwürfig, sondern konstruktiv.

Ich muss mir gerade vorstellen, ob solche Leute generall auf Absagen so reagieren, und irgendwie wird mir dabei schlecht.

Edit:

Fuck!

Die bisherige Kommunikation mit Ihnen, dem Präsidenten der Universität, wurde von uns als wertvoll empfunden.

Quelle
Es ist nicht zu fassen. Was wollen sie denn von diesem Mann?

Zur Kritik der Langeweile

Einer wissenschaftlichen, endlich einmal echt empirischen, Kritik der Langeweile in Würzburg gelten von jeher unsere Anstrengungen. Eine dankenswerte Unterstützung unserer Theoriearbeit erfuhren wir in der vergangenen Woche durch ein Blättchen aus Hamburg. Eine „Landkarte der Langeweile“ erstellten die Kollegen, wobei sie den Grad der Langeweile interessanterweise anhand der Videotheken-Rate bestimmten: „Die Kraft, die einen in Videotheken treibt, ist die Langeweile“. Wie zu erwarten kommt auch diese Studie zu dem Ergebnis, dass Würzburg die langweiligste Stadt Deutschlands ist: „Ganz vorne liegen Städte, die popkulturell eher unauffällig sind: Würzburg, Fürth, Oldenburg, Hagen, Hamm“.

Veranstaltungsempfehlung

Hiermit empfehlen wir Euch eine Veranstaltung mit Daniel Kulla zum Thema „1917- Anfang oder Ende des Kommunismus“ am kommenden Mittwoch, den 13.01.2009 um 19 Uhr im Kult.

Genauere Infos gibt es unter
http://infoladenwuerzburg.blogsport.de
und
classless.org

Infotext zur Veranstaltung:
Kommunismus als Schlagwort der allgemeinen Emanzipation – durch Überwindung der Klassengesellschaft und die Herstellung eines gleichen Zugangs zum gesellschaftlichen Reichtum – datiert schon zurück ins 19. Jahrhundert. Die Kommunistischen Parteien hingegen formieren sich unter diesem Namen erst im Jahr 1917 im revolutionären Rußland – und zwar als Vertreter einer ganz bestimmten Interpretation und ganz bestimmter Konsequenzen aus den Ereignissen dieses Jahres.

In einer vergleichenden Betrachtung der sowjetischen, der anarchistischen und der bürgerlich-antikommunistischen Geschichtsschreibung wird zu untersuchen sein, ob sich die KP-Deutung aufrechterhalten läßt und inwiefern sich eine kommunistische Position in derselben Tradition verorten kann. Es wird der Frage nachgegangen, in welchem Maß sich das kommunistische Projekt heute auf historische Positionierungen, äußere Erscheinung und konkrete Politikformen der Kommunistischen Parteien beziehen läßt.

Ist die Distanzierung von der Vergangenheit bequem oder konsequent? Gibt es eine Entscheidung zwischen Kommunismus als Ziel und kommunistischer Bewegung?

Du mieses Speziesistenschwein!

Als unser Hunter S. Heumann irgendwann um 2004 das erste mal das Wort „Speziesistenschwein“ benutzte, das er eigens zu dem Zweck erfunden hatte, Tierrechtler zu verwirren (Tip: das Wort ist in sich widersprüchlich), wusste niemand, wie furchtbar ihm dies Geschäft gelingen würde.

Iran

Es ist weitergegangen, und es geht immer noch weiter. All zu lange wird es nicht mehr dauern. Ab diesen Sonntag sind die unseren im Iran kein jagbares Wild mehr, sondern stellen selbst dem Jäger nach.

Am Sonntag (Ashura) haben vor allem die mittleren Schichten gekämpft. Die Arbeiterschaft wird es sich mit Interesse angesehen haben. Sie wird ihren Teil beitragen.

Ab jetzt sollte man sich, was den Iran betrifft, offiziell über nichts mehr wundern.

Bis man in Europa aber soweit ist, zu revoltieren, das wird noch eine Weile dauern. Und namentlich die Deutschen werden nie revoltieren, wie uns zur Zeit eindringlich die Studenten vorführen, unter denen noch niemand ausgelacht worden ist, der für sein Land streiten möchte.

Nochmal: Zur Benutzung der Kommentarspalte

Wir hatten das ja schon mal, und es sind tatsächlich immer nur die Studenten, bei denen das Problem auftritt, weil sie so gescheit sind.

Man macht es so:

1. Hirnlosen Kommentar posten
2. Entsetzt feststellen, dass er nicht sofort sichtbar ist, sondern erst freigeschalten werden muss. Nun dämmert es sogar im trostlosesten Studentenhirn: Die haben meinen Beitrag einfach gelöscht! In Sekundenbruchteilen gelesen, und hämisch lachend wegzensiert. Weil wir nichts anderes zu tun haben.
3. Nun muss man unverzüglich grosses Geschrei erheben: „Zensur!“, und dann nichts wie weg.

Die Besetzung des Audimax in Würzburg ist vorbei

Das aus historischen Gründen so genannte Auditorium Maximum, ein Hörsaal eher mittlerer Grösse und Güte, in dem hauptsächlich Ökonomen und Juristen verkehren, war u.a. 5 Wochen von Studenten aller Fachrichtungen besetzt, die aus irgendwelchen Gründen geglaubt haben, dieser Hörsaal wäre wegen seiner Nähe zur Innenstadt oder anderen verschollenen Gründen irgenwie besonders gut zum Besetzen.

Sie haben sich erhofft, für ihr Begehr die Öffentlichkeit zu erreichen, und haben gedacht, die wäre wohl eher in der Innenstadt, weil sie ihren Augen nicht trauen, die ihnen sagen, dass nirgendwo weniger „Öffentlichkeit“ ist als in der Innenstadt. Sie haben die Juristen und Ökonomen ertragen, weil ihnen niemand gesagt hat, dass sie auf die verzichten müssen. Sie haben den Minister reden lassen und den Unipräsidenten, und waren sehr froh darüber, weil sie nicht begreifen können, dass es ohne diese Herren besser ist.

Sie haben, in summa, gezeigt, wie es aussieht, wenn Studenten protestieren.

Weil sie nur Studenten sind, die kommen und gehen, haben sie keinerlei Misstrauen in irgend etwas, und sie glauben, sie haben es geschafft, wenn die „Gesellschaft“ auf ihrer Seite steht, der Bairische Rundfunk und das Schweineblatt berichten, und die IG Metall mit wenigen, aber leeren Versprechungen vorbeikommt und Bier mitbringt. (Die IG Metall ist überzeugt, dass zu einer Demo Freibier und Leberkassemmel gehören. Als sie sich angemeldet hat, habt ihr nur vergessen, durchzugeben, für wieviel Leute.)

In diesem Moment, in dem sie alle diese Gratulationen engegennahmen, haben sie sich zum ersten Mal wichtig gefühlt. Sie haben nicht begriffen, dass sie in diesem Moment aufgehört haben, wichtig zu sein. Sie begreifen nicht, und können nicht begreifen (weil sie Studenten sind, die ihre Studien lieben), dass sich eigentlich alle über sie lustig machen.

Hat sich jemand einmal gefragt, warum niemand das Wort „Student“ aussprechen kann, ohne dass es einen ironischen Unterton bekommt? Haben sie sich niemals gefragt, warum alle Leute sich immer einig sind, dass es den Studenten schlecht geht, aber aus dieser „gesellschaftlichen Mehrheit“ nie eine politische Kraft wird?

Sie sind tatsächlich die einzigen, die heute noch auf den Mythos von 1968 hereinfallen, weil sie das für eine Studentenbewegung halten, und sie glauben standhaft, dass irgendjemand ihnen ihre trotzige Pose abnimmt. Aber vom verstehenden Lächeln irgendeines Händlers, wenn er weiss, dass er es mit Studenten zu tun hat, zum verstehenden Lächeln des Ministers, diesen Schluss kriegen sie nicht hin. Natürlich nicht: sie müssten dazu begreifen, dass niemand sie ernst nimmt.

Und warum auch. Sie besetzen Hörsäle und verlangen nicht einmal die Macht an der Uni. Sie verlangen Solidarität von den Arbeitenden, aber bestehen auf ihren Privilegien. Sie protestieren gegen ihre Studienbedingungen und wundern sich, dass es niemanden ernsthaft interessiert: weil sie nie und nimmer gegen ihre Studien protestieren würden, nie und nimmer ein schlechtes Beispiel geben würden, nie und nimmer gerade jetzt in der Krise die Dinge mit einem anderen Mass messen würden als mit dem, mit dem es gemessen wird: nämlich ob es der „Wirtschaft“ gut tut und dem Staat.

Sie mögen ihre Besetzung wiederaufnehmen oder auch nicht, sie haben eine Niederlage erlitten, und die haben sie verdient. Irgendwie interessiert es keinen ausser uns, und ehrlich gesagt nicht einmal uns. Die Studenten haben niemandem etwas mitzuteilen, wenn sie nicht gegen ihre Studien rebellieren. Bis dahin sind sie nur Studenten, und wir kennen niemanden, der das Wort Student ohne ironischen Unterton aussprechen kann.

Anmerkung: Die Einführung des Wortes „Studierende/r“ hat keinen anderen Grund, als diesem Unterton zu entkommen.

Anhang: Als Anhang veröffentlichen wir die Stellungnahme des ak 47, eines Restes des AK Bildungskritik und Systemkritik bei der VV des besetzten Hörsaales.

Hype 13 online

Jetzt endlich ist die pdf-Version im Netz.

har har

Mir ist langweilig #3

Und zwar deswegen.

Das beste sind die Kommentare.

LiebeR KommentarschreiberIn zum Text zur Antifajugend,

Du hast recht und mir gerade echt ein schlechtes Gewissen gemacht.

Yvonne

Liebes 1. Semester der Rechtswissenschaften!

Eure Kolleg/inn/en von den Wirtschaftswissenschaften haben es ja schon vorgeführt. Man macht es so: man betritt Punkt 14.00 Uhr den besetzten Audimax und beschwert sich über die Besetzer, die einen um die wohlverdiente Vorlesung bringen. Das ist brav, so handelt ein guter Untertan.

Ihr habt es irgendwie falsch gemacht, fragt uns nicht, wieso; vielleicht ist es nicht ganz geschickt, wenn die Vorlesung, die man gerade verpasst, gleichzeitig anderswo stattfindet und – noch dazu – man das ganz genau weiss.

Dann sieht man nämlich so aus, wie ihr heute ausgesehen habt: man geht in einen wildfremden Vorlesungssaal und verlangt ultimativ, seine Vorlesung zu bekommen, die man aber gleichzeitig gerade – es gibt leider kein besseres Wort dafür – schwänzt.

Seid ihr im BGB schon bei „Venire contra factum proprium neminem pateat“? Nicht? Kommt noch.

Für immer

euer

letzter hype

Nochmal

Das größte Hindernis der Bewegung hier war, dass sie die demokratische Praxis bei den Mehr­heitsentscheidungen auf den Vollversam­mlungen (…) respektierte und akzeptierte. Da haben Leute, die gegen Blocka­den waren, zusammen mit Leuten, die dafür waren, demokratische Entscheidungen treffen wollen. Als ob dies möglich wäre mit Leuten, die eigentlich Feinde sind. Dieser Fakt hat in den letzten zwei Wochen wirklich die Bewegung getötet.

link

Yar e dabestani

Als mp3. Für die Freund/innen der iranischen Revolte.

The revolution-era classic, whose stirring lyrics epitomize the country’s longstanding struggle for freedom, was originally composed by filmmaker Mansour Tehrani for his 1980 political drama „From Cry to Terror.“ In the film, three old friends cross paths after fifteen years. Hossein has become a drug addict; Davoud is the chauffeur of the head of the martial court; and Reza belongs to an underground armed resistance group. Reza is tasked with assassinating the martial court chief, but is killed by a stray bullet. Davoud is wounded, but manages to escape. And Hossein ends up dying from an overdose. The original version was performed for the movie soundtrack by renowned Shah-era crooner Fereydoon Foroughi (version above).

The song enjoyed a revival during Mohammad Khatami’s presidency, whose election in 1997 marked the birth of the Reform movement. For many Yare Dabestani has become associated with the post-revolutionary generation and the bloody student uprisings of 1999.

After the 2009 elections, Yare Dabestani once more surged to the forefront of public protests, and has been passionately sung by demonstrators on the streets, at expatriate rallies outside of Iran, by student protesters at universities, and recently, even by students at a high school.

یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو، رو تن این تخته سیاه
ترکه ی بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما
دشت بی فرهنگی ما هرزه تموم علفاش
خوب اگه خوب ؛ بد اگه بد ، مرده دلای آدماش

دست من و تو باید این پرده ها رو پاره کنه
کی میتونه جز من و تو درد مارو چاره کنه ؟

یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما ، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو ، رو تن این تخته سیاه
ترکه بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما

یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما ، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو ، رو تن این تخته سیاه
ترکه ی بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما

دشت بی فرهنگی ما هرزه تموم علفاش
خوب اگه خوب ؛ بد اگه بد، مرده دلهای آدماش
دست من و تو باید این پرده ها رو پاره کنه
کی میتونه جز من و تو درد مارو چاره کنه ؟
یار دبستانی من ، با من و همراه منی
چوب الف بر سر ما ، بغض من و آه منی
حک شده اسم من و تو ، رو تن این تخته سیاه
ترکه ی بیداد و ستم ، مونده هنوز رو تن ما

My grade-school friend,
You‘re with me at my side
A ruler [wielded] above our heads -
You weep and sigh with me
Engraved on this blackboard
Are your name and mine
Tyranny’s welt on our flesh
Has not faded with time
The fields of our culture
Have grown wild with neglect,
Come the good or the bad -
People’s hearts are now dead
My hand and yours
Must tear down this curtain
Who but you and I
Has power to cure our pain?

Wie wahr

und wie treffend:

Aus gegebenem Anlass

Weil es wieder einmal so schön aktuell ist, verlinken wir doch gleich mal alles, was wir in zweieinhalb Jahren zu den Studierendenangelegenheiten geschrieben haben. Das älteste zu unterst.

Anmerkungen zum Bildungsstreik, von Yvonne Hegel
Wenn Studenten protestieren, von Evi Schmitt
Das Aktionsbündnis Bildungsstreik als Domteur und Bändiger, von Yvonne Hegel
Der Stumpfsinn der universitären Lehre, von Yvonne Hegel
Nachtrag zu den Stuidengebühren, von Jörg Finkenberger
Nochmal Studi-Sachen, von Jörg Finkenberger
Das Elend der studentischen Politik, von Jörg Finkenberger

Ältere Texte, etwa aus den beiden akw-infos, sind derzeit leider nur schwer greifbar.

Man beachte auch unter Extras den alten Text von Mustafa Khayati von 1966 Über das Elend im studentischen Milieu.

Liebe Hörsaal-Besetzer/innen!

Kommt euch das nicht ein bisschen verdächtig vor, dass da der Uni-Kanzler kommt, und sogar der Minister, und nicht etwa das USK? Dass ihr da evtl. was falsch macht?

Für immer

der letzte hype

„Die Antideutschen Anarchisten blasen zur bewaffneten Revolution“

So kann man es jedenfalls hier lesen.

Die meinen wohl uns. Naja. Was kann man tun? Nichts.

Audimax Besetzung Würzburg Hype

Auf Anregung meiner eigenen Person verlinke ich hier mal, zur Frage, wie man anderswo Unis besetzt bzw. eben nicht, dieses Interview von FSK Hamburg mit ein paar Leuten, die in Frankreich an den Auseinandersetzungen von 2006 teilgenommen haben.

Diese Auseinandersetzungen 2006 werden vielleicht nicht unbedingt, wie Jörg Finkenberger gerade nach 3 Bier behauptet hat, die letzten in der europäischen Geschichte bleiben, aber wenn, dann wird das nicht an den würzburger Aktivisten liegen, wie ich fürchte. Plus die da interviewt werden, sind nicht gerade solche wie ich, die ja nie was tun, sondern immer nur maulen; sondern Leute, die mal was tun wollten, und deswegen Grund gefunden haben, zu maulen. Nicht zu verwechseln mit mir, die ich nur faul bin. Und eine Klassenverräterin dazu, naja.

Gut, dass es wenigstens die Aktivisten noch gibt.

Evi Schmitt

Besetzung des Audimax Würzburg

Man kann den übriggebliebenen BesetzerInnen des Audimax nur wünschen, klüger zu handeln, als gestern Nachmittag: Eine Besetzung ist ein Akt des Ungehorsams, gegen den sich die Mehrheit zur Wehr setzen wird, und vor allem die Mehrheit der StudentInnen.

Wenn man als BesetzerInnen ernst genommen werden will, dann sollte man sich nicht, wie heute geschehen, von WirtschaftswissenschaftlerInnen aus dem Hörsaal vertreiben lassen.

Kuscheln war vorgestern.

Der hype ist draussen

und die ersten Beiträge stehen schon lange hier auf der Seite.

Holt euch den heissen Scheiss in der Pissbude eures Vertrauens. Oder, was gleichviel wert ist, lasst es bleiben.

Der Irrglaube des „weißen“ Sozialismus – Über die Affirmation der Neuen Sachlichkeit zur Barbarei

Die Literatur einer Epoche ist Indikator für gesellschaftliche Entwicklungen und Tendenzen, so auch die Neue Sachlichkeit für die Entwicklungen und Tendenzen der Weimarer Republik. Die Neue Sachlichkeit selbst kann auch neuer Realismus in Abgrenzung zum alten genannt werden. Motive waren der „einfache Mann“ und seine Umwelt, die moderne Gesellschaft, es ging um die objektive Darstellung der Realität, die Autoren schwelgten in Begeisterung für den technischen Fortschritt. Die Sprache an die alltägliche angelehnt, sollte einen Zugang zur Literatur und zum kulturellen Leben schaffen, nicht zuletzt um auf Missstände aufmerksam zu machen, als auch die Massen für die Demokratie zu begeistern. Die Autoren fühlten sich in der Tradition der Aufklärung.
Ihr Postulat haben die Schriftsteller – wie die Geschichte bewiesen hat – nicht verwirklichen können. Stattdessen strahlte sie in den ihrer Epoche folgenden Jahren in einem Unheil, das an Einzigartigkeit nicht zu überbieten ist. Es stellen sich Fragen.
Bereits Horkheimer und Adorno haben in ihrem Aufsatz zur Kulturindustrie „das Modell ihrer Kultur: die falsche Identität von Allgemeinem und Besonderen.“ kritisiert. Die beschriebene Aufhebung der Grenzen zwischen Gesellschaft und Individuum spiegelt sich in der Literatur der Neuen Sachlichkeit wider, wo der Mensch entpsychologisiert, entemotionalisiert und in letztendlich entindividualisiert dargestellt worden ist. Als Beweis hierfür sollen an dieser Stelle zwei Figuren kurz in ihrer Darstellung gegenübergestellt werden. Während Prometheus gekettet an einen Felsen die Strafe in vollem Bewusstsein erträgt: „Oh Himmelslicht und flügelschnelles Windewehn! Strömendes Wasser und der Wogeflut des Meeres unzählig Lächeln und Allmutter Erde! Auch die allessehende Sonnenscheibe ruf ich an. Seht an, was ich von Göttern leide, selbst ein Gott!“, fehlt es in Erich Kästners „Fabian“ hingegen jeglicher Dramatik. Der Held springt am Ende in einen Fluss in der Hoffnung einen Jungen zu retten und wie bereits die Überschrift des besagten Kapitel andeutet, ertrinkt er selbst: „Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.“ Die der Darstellungsform zu entnehmende Entemotionalisierung, weißt auf die Entindividualisierung der Menschen dieser Zeit hin.
Wenn die kritischen Theoretiker feststellen, dass „[d]ie Verkümmerung der Vorstellungskraft und Spontaneität des Kulturkonsumenten heute nicht auf psychologische Mechanismen erst reduziert werden [braucht]. Die Produkte selber, allen voran der Tonfilm, lähmen ihrer objektiven Beschaffenheit nach jene Fähigkeiten. Sie sind so angelegt, dass ihre adäquate Auffassung zwar Promptheit, Beobachtungsgabe, Versiertheit erheischt, dass sie aber die denkende Aktivität des Betrachters geradezu verbieten, wenn er nicht vorbeihuschende Fakten versäumen will“, so ist auch der daraus gezogene Schluss nachzuvollziehen: „In Deutschland lag über den heitersten Filmen der Demokratie schon die Kirchhofsruhe der Diktatur.“ Das Zitat bezieht sich zwar nicht auf die Literatur, doch ist die Neue Sachlichkeit für ihre Technikversiertheit, insbesondere im Bezug auf die „neuen“ Medien bekannt, was in diesem Kontext ein dialektisches Verhältnis zwischen der Bewegung, die sich in voltairescher Tradition zu sehen pflegte und der Formen, die sie vergötzt bzw. wählt.
Auch Walter Benjamin weist auf dieses Verhältnis in seinem Vortrag „Der Autor als Produzent“ hin. Zwar nicht in dem Sinne, dass Formen der Neuen Sachlichkeit als gegen aufklärendes Denken arbeitend bezeichnet werden, sondern er stellt das Postulat auf, Autoren, die eine Tendenz verfolgen, also in dem vorliegenden Fall eine emanzipatorische, müssen dem Werk auch die dazugehörige Qualität beifügen. Die Nennung Brechts und seines „epischen Theaters“ dürfte hier ohne weitere Ausführungen den Sachverhalt erhellen.
Es ist davon auszugehen, dass sich viele Schriftsteller im Allgemeinen nicht als Mitglied der Produktionsverhältnisse sehen, sondern als ein davon abgekapseltes Milieu, welches die von den Produktionsverhältnissen konstituierte objektive Ideologie und ihre eigene Stellung in dieser nicht überdenken. Wenn unter diesem Gesichtspunkt der Autor glaubt, an den gesunden Menschenverstand appellieren zu müssen, so ist hier kein revolutionäres, sondern reaktionäres Potenzial am Werk. Brecht prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der „Umfunktionierung“ und postuliert mit ihm, Werke sollten sich nicht durch ihren individuellen Charakter auszeichnen, sondern auf ihren Gehalt hinsichtlich ihres die Verhältnisse umwälzenden Momentes.
Benjamin entlarvt die Neue Sachlichkeit folgendermaßen: „[E]in erheblicher Teil der sogenannten linken Literatur [besaß] gar keine andere gesellschaftliche Funktion, als der politischen Situation immer neue Effekte zur Unterhaltung des Publikums abzugewinnen.“ In diesem Zusammenhang verweist er auf eine von dieser Epoche vorzugsweise gewählten Form, als auch Stil: die Reportage. Durch diese Form wird die Welt ästhetisiert, um sie für das Amusement der Massen durch Massenkultur zu verbreiten. Adorno und Horkheimer konstatieren bezüglich dieses Punktes: „Amusement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus“ und schließen hier an Marx an und schaffen einen Anschlusspunkt für die Situationistische Internationale, die den Arbeitskraft reproduzierenden Gehalt der Freizeit im Kapitalismus erkannten und hier einen Ansatzpunkt ihrer Kritik der Freizeit machten. Die Epoche der Neuen Sachlichkeit mit ihrer Vergötterung der kapitalistischen Freizeit weisen auf die Totalität der Verwertungssphäre hin.
Da Adorno und Horkheimer vertreten, Kunst als Ware bestätige die Wahrnehmungsmuster und stelle den Konsumenten ruhig, sodass letztendlich gesellschaftlichen Verhältnisse bestätigt und bekräftigt werden, postuliert der kritische Theoretiker „von der Literatur Subversion ideologischer Systeme aller Art, was auch bedeutet, dass sie nicht leicht konsumierbar sein dürfe.“
Hand in Hand mit dem Erörterten postulieren die erwähnten Philosophen von einem Kunstwerk das Nichtidentische, was das Nichtinterpretierbare sei, welches permanent „an das Denken appelliert.“ Kunst soll keine Lösungen für Denkprozesse bitten, sondern Aufgaben aufwerfen. Daraus zuschließen ist, dass das Subjekt nicht Objekt der Kulturindustrie sein soll.
Ein Nichtidentisches in einer literarischen Richtung zu finden, ist unmöglich, wenn sich diese zum Ziel gesetzt hat, alles so detailliert, anschaulich, einfach und wahrheitsgetreu zu beschreiben, wie Egon Erwin Kisch, ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit, postuliert: „Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres in der Welt gibt es, als die Zeit in der man lebt.“ Indirekt bringt der Autor eine Ursache für das Unglück der Menschheit auf den Punkt: die Liquidation der Möglichkeit eine Kunst zu schaffen, die kritisches und aufgeklärtes Denken fördert. Die Literatur der Neuen Sachlichkeit ist in ihrer Form ein Aspekt des Siedepunkts der Kulturindustrie im Angesicht der darauf folgenden Barbarei.
„Der Schritt vom Telefon zum Radio hat die Rollen klar geschieden. Liberal ließ jenes den Teilnehmer noch die des Subjekts spielen. Demokratisch macht dieses alle gleichermaßen zu Hörern, um sie autoritär den unter sich gleichen Programmen der Stationen auszuliefern.“ Die Neue Sachlichkeit der Literatur hat zu diesem Prozess ihren Beitrag geleistet.

Schlonzo der Geachtete

Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters, Teil II

1
Ich bin auf der Arbeit und warte auf den Abend, besser noch auf den Freitagabend, denn dann habe ich, wie man es wohl nennt, frei. Dann kann ich gehen, der Druck weicht von mir, langsamer, als es mir gut tut, und, mit weniger Freude als man glauben sollte, gehe ich nach Hause.

Das sind jetzt meine freien Abende, meine freien Tage, wenn ich den allgemeinen Redensarten glauben darf.

Während der Arbeit denke ich ab und zu an meine Freunde draussen, in der Freiheit: was tun sie wohl gerade? Und ich sehe den weichen Regen niedergehen, oder eine feine dünne Sonne strahlen, und kann nicht anders, als sie beneiden.

Dort draussen, in der Freiheit, dort passiert wohl gerade dieses Leben, von dem man mir immer erzählt hat, und das mir wohl, wie es aussieht, verwehrt bleibt.

Ich rechne mein Alter gegen den wahrscheinlichen Zeitpunkt, wann mich diese Maschine mit einem geringen Alterseinkommen wieder freisetzen wird, und erschrecke: dass ich dreissig Jahre die Sonne nicht mehr sehen soll! Ich kann es nicht begreifen, was habe ich verbrochen? Für dreissig Jahre hätte ich, bei den gängigen Tarifen, zweieinhalb Menschen ermorden können, ich aber habe niemandem etwas getan.

2
Nach der Arbeit gehe ich einkaufen, in ein grosses Kaufhaus nahe wo ich wohne, das heisst Kaufland. Ein abscheulicher, sogar irgendwie abstossender Name, aber irgendwie in seiner Verblödung ziemlich ehrlich und mir sofort sympathisch. Etwas weiter entfernt liegt der Wertkauf, da gehe ich noch lieber hin, denn sein Name ist dermassen hirnverbrannt, ein seltenes Beispiel eines tautologischen, dabei völlig sinnlosen Wortes. Ausserdem erinnert seine Fahne von ferne an die der Hizb Allah. (Die des Spar dagegen an die libanesischen Falangisten.)

Es ist nicht so, dass ich nicht Härte gelernt hätte und Disziplin, und ich habe auch schon ganz andere Dinge gesehen und überstanden; aber es ist mir passiert, dass ich im Kaufhaus haltlos in Tränen ausgebrochen bin, als ich eine Tüte Chips, die nach Basilikum schmecken sollten, in die Hand nahm, und darauf stand: „Ein Stück Lebensfreude“. Vor lauter Wut und Enttäuschung.

Mit einiger Hast raffe ich Waren zusammen und gehe zur Kasse; ich schaue zurück, über eine einförmig bunte Landschaft aus Regalen: der Reichtum in denjenigen Gesellschaften, in denen die kapitalistische Produktionsweise vorherrscht, erscheint als eine ungeheure Anhäufung von Waren; und ich schüttle hilflos den Kopf: Todfeind der Gesellschaft der Ware will ich sein, und ihres Staates, und werde es wohl bleiben müssen, solange Leben in mir ist. Ich ziehe den Kopf ein und laufe eilig weiter ins Dunkle, in den Nieselregen: wie auf der Flucht, in Furcht, man könnte mich erkennen.

Niemand ist mir gefolgt, und als ich dort ankomme, wo ich, wie es heisst, zuhause bin, öffne ich eine Flasche Bier, trinke zwei Schlucke und falle in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

3
Manchmal packt mich ein Gefühl von Ungeduld, es ist manchmal ein düsterer Gram, manchmal eine jubelnde Euforie, und sie treibt mich in die Nacht hinaus. Ich kann dann ganze Nächte durch wandern, von einer Unruhe getrieben, als warte dort irgendetwas auf mich im Dunklen; dann stehe ich auf den Hügeln vor der Stadt und bin selbst das, was im Dunkeln wartet.

Es scheint manchmal, in diesen Nächten, als sei der Bann schon gebrochen, die entsetzliche Verkettung der leeren Hantierungen. Dachte wirklich einmal jemand, dass ausgerechnet die Nächte verwunschen seien, und es dort umgehe? Es muss das böse Gewissen der allzu Betriebsamen gewesen sein; und ich betrachte die Spinne, die im Mondlicht ihr Netz webt: so gut kennen sie ihre grauenvollen verwunschenen Tage, dass sie wenigstens die Nächte fürchten.

Aber auch die Nächte machen die Lüge nicht unwahr, dass diese Welt mir nicht gehört, nur die sie bewachen, schlafen, und die, die noch wachen, kennen meine Pfade nicht; und nass vom Tau kehre ich zurück.

4
Dort draussen, bei meinen Freunden, passiert in Wirklichkeit, wie ich wohl weiss, gar nichts. Es gibt nichts, was ich verpasse; jeden Freitag Abend beeile ich mich, dorthin zu kommen, wo ich sie finde.

Es ist jedesmal wieder ein Schlag. Die Zeit, die mir von der Maschine so qualvoll leer in die Länge gezogen ist, geht dort draussen, in der Freizeit, ebenso leer, nur rasch vorbei; es ist gar nicht Zeit genug, in den kurzen Tagen dazwischen, dass etwas passieren kann, das ich verpassen könnte.

Ich sitze mit ihnen dann, an immer den selben Orten, und wir führen immer dieselben Gespräche; meine Sehnsucht nach ihnen bleibt ungestillt; irgendetwas hält uns alle voneinander fern. Wir können nicht miteinander reden, es sei denn, wir sind betrunken, aber, oh Unglück, dann können wir nicht mehr zuhören.

Es ist keine Freude in dieser Trunkenheit, nicht einmal Flucht, unweigerlich kommt irgendwann eine Traurigkeit, aber wenn wir anfangen, einander unsere tiefsten Gedanken mitzuteilen, finden wir uns leer an Worten dafür; in unserer Not klammern wir uns an zwei drei wie gestanzte Sätze, die wir wie auswendig immer wiederholen, wie als ob uns jemand verstehen sollte, wo wir doch nur unsere eigene Furcht damit bannen.

Wenn wir betrunken sind, gehen wir in die Disco, wo die Musik so laut ist, dass wir uns nicht mehr unterhalten müssen. Früh im Morgenlicht gehen wir nach Hause, einzeln oder zu zweien; den nächsten Tag verschlafen wir, das macht man zweimal so, dann fängt die Arbeit wieder an.

Wenn es die Wochenenden nicht gäbe, man müsste sie erfinden, um zu beweisen, dass es noch ganz anderes zu fürchten und zu hassen gibt als die Arbeit. Wie sollten wir nicht verurteilt sein, unter der Arbeit zu leben, wenn jede Stunde, die wir ohne sie verbringen, beweist, dass wir es nicht können?

5
Am Montagmorgen erwache ich aus dem schlechten Traum der leeren Freizeit in die schrecklichere Leere einer Woche der Arbeit. Manchmal habe ich keine Hoffnung mehr. In den letzten 2 Jahren haben sich 2 gute Freunde umgebracht; ausser meiner Entschlossenheit, mich nicht umbringen zu lassen, und meinem Hass habe ich nichts. Ich bin, fich weiss es, leer; ich habe nicht mehr viel, das ich noch geben könnte; ich erschrecke, wenn ich daran denke, was die Welt aus mir gemacht hat; aber ich bin nicht gewohnt, aufzugeben; und sie werden mich nicht bekommen, weder tot noch lebendig.

Der Tag soll kommen, wo wir wieder auferstehen.

Vermischtes

Anti-Rassismus-Demo in Würzburg

Am 05.09. demonstrierten ein paar hundert- vorwiegend linksradikale- Menschen gegen die absolut inakzeptablen Zustände in der Würzburger Flüchtlingsunterkunft. Diese erste angemeldete Linksradikale Demo seit Jahren versuchte, die Flüchtlingsthematik in einen größeren Zusammenhang zu stellen und diesen auch einer breiteren bürgerlichen Öffentlichkeit zu vermitteln. Dazu gilt es, ein paar Anmerkungen zu machen:
1.Die Tatsache, dass die radikale Linke dieses Thema erst aufgreift, nachdem die menschenunwürdigen Bedingungen der Flüchtlinge bundesweit in der Presse thematisiert wurden, wirft ein schlechtes Bild auf die emanzipatorischen Kräfte. Die Taktik, Flüchtlinge am Rande der Stadt wegzusperren, damit sie einfach vergessen werden: Leider ist sie auch bei den Linksradikalen aufgegangen, und das ist- anders kann man es nicht ausdrücken- beschämend.
2.Im Vorfeld der Demonstration zeigte sich ein für alle mal, dass es diese Stadt nicht verdient hat, seine Meinungsäußerung vorher bei der Polizei anzukündigen. Die Polizeiauflagen waren beispiellos repressiv, die Berichterstattung von lokalen Medien lächerlich bis hysterisch.
3.Im Nachhinein stellte das Anarchistische Aktionsbündnis Unterfranken völlig zurecht fest, dass die nächsten Aktionen eventuell nicht mehr angemeldet werden. Warum auch? Inhalte an die WürzburgerInnen vermitteln kann man erst, wenn man eine bürgerliche Organisationsform angenommen hat. Und das will die AAU hoffentlich nicht. Wenn es um die Überwindung der Zumutungen geht, die uns diese Gesellschaftsform präsentiert, sind wir auf uns alleine gestellt.

Das Bleiberecht und der Tod

Zum Kontext der Demonstration gehört auch ein tragischer Todesfall, der sich im August diesen Jahres in Würzburg abgespielt hat: Diersam Djamiel, kurdischer Flüchtling aus Syrien, war engagiert worden, um eine Hochzeitsgesellschaft auf der „Alten Liebe“, dem Würzburger Ausflugsdampfer, zu filmen. Sein Aufenthaltsstatus, wie der von vielen Menschen, die Asyl in Deutschland suchen: Unsicher, immer in Gefahr, nicht mehr verlängert zu werden. Die notwendigen Papiere, in denen ein kleiner Stempel über ein ganzes Menschenschicksal entscheidet, sie sind unvergleichlich mit einem deutschen Personalausweis, den man sein Leben lang auf dem Amt verlängern lassen kann.
In der Mainpost las man nur von einem Unfall eines Nichtschwimmers, der seine Kameraausrüstung aus dem Wasser fischen wollte. Erst durch Spiegel Online erfahren wir, dass nicht die Kameraausrüstung, sondern Diersam Djamiels Papiere ins Wasser fielen. Er wollte seine Papiere, seine Aufenthaltsgenehmigung retten, sprang panisch ins Wasser und bezahlte mit seinem Leben.
Es ist verabscheuenswert, was die kapitalistische Menschenverwaltung ihren Objekten antut.

Die Rechte Ökobewegung in Marktheidenfeld

Am 25. und 26. September traf sich die rechtsökologische Herbert-Gruhl-Gesellschaft in Marktheidenfeld. Herbert Gruhl stand exemplarisch für die Verknüpfung von deutscher Ideologie und Ökologiebewegung. Seine Anthropologie bestand aus einem biologistischen Menschenbild, das folglicherweise auch mit völkischen Ansichten und einer panischen Angst vor Migration verknüpft war. Kein Wunder also, dass er auch in einschlägigen rechten Zeitschriften wie Nation&Europa oder der Jungen Freiheit publizierte. Die Gralshüter seines Wirkens vergeben jährlich den Herbert-Gruhl-Preis, der u.a. bereits an Robert Spaemann, Philosoph, rechter Abtreibungsgegner und- wie sollte es anders sein- Junge Freiheit Unterstützer, vergeben wurde. Die Referate auf der Tagung boten alles, was das Herz eines völkischen Ökologen begehrt: ein bisschen Lebensschutz (Rainer Klawki: „Ungeborenenschutz“), ein bisschen Heimatschutz (Volker Kempf: „Kulturverfall und Umweltschutz“) und selbstverständlich esoterischer Humbug (Petter Arras: „Über die psychischen Ursachen des paradoxen Verhältnisses des Menschen zu ihren Mitlebewesen“).
Antifa, where have you been?

Grillanzünder ausverkauft

Hartmut Feuerteufel (48) bestreitet Vorwürfe

Als unschuldige Autos im Juli diesen Jahres von einem Mann namens Feuerteufel heimgesucht wurden, entschied ich mich, für meine Recherche tief in das Milieu einzutauchen, das sie die Zellerau nennen. Ich nahm eine neue Identität an und zog zwei Monate in das Herzen eines von inneren Widersprüchen zerrissenen, nach lodernden Brandbeschleunigern riechenden Stadtteils. Welche Motive und Schallplatten besitzt der Täter? Warum brannten bisher nur Mülltonnen, aber noch nie ein Altkleidercontainer? Wer ist der Mann, der mir gegenüber auf der Couch sitzt und was gibt es morgen zum Mittagessen? Das alles sind Fragen, die mich überhaupt nicht interessieren und deren Antworten sie in diesem Artikel vergeblich suchen werden. Mein Interesse galt einzig und alleine der 2000-€-Belohnung, die mir die Polizei schenken würde, wenn ich zur Ergreifung des Täters beitrüge.
Zellerauer Plunder, entkoffeinierter Kaffee, eine geblühmelte Tischdecke, die ihre besten Tage hinter sich hat. Ich sitze in Roswitha Murgelhofers Esszimmer, zu dem ich mir mit Hilfe des Enkeltricks Zutritt verschafft habe. Frau Murgelhofer ist an die 80 Jahre alt, eine kleine, hagere Dame. Ihr Kleid sieht ihrer Tischdecke täuschend ähnlich und sie riecht aus dem Mund. Aber das ist eher unwichtig. Seit 80 Jahren lebt sie in der Zellerau, seit 80 Jahren glotzt sie aus dem selben verdammten Fenster. Wenn jemand weiß, wie der Feuerteufel aussieht, dann sie. Die sympathische Dame erzählt viel, freut sich über einen Besuch ihres Enkels- ich habe sogar einen Blumenstrauß mitgebracht- und weiß auch über den Brandstifter zu berichten. Da sei manchmal einer nachts unterwegs gewesen- der habe mit Akzent gesprochen und sei wohl auch nicht von hier gewesen. Ich lege Frau Murgelhofer einen Kugelschreiber in ihre tattrigen Händchen und bitte sie, ein Phantombild des Verdächtigen anzufertigen. Als sie nach einer halben Stunde fertig ist, weiß ich, dass das eine Scheißidee war. Ich bedanke mich, lasse mir noch ein paar Stückchen Kuchen einpacken, „leihe“ mir 500 € und ziehe von Dannen.
Nächste Station Dosenbier. In der Tankstelle fallen mir zwei Dinge auf: Zum einen braucht man sehr große Einkaufstüten, wenn man für 500 € dänisches Dosenbier kaufen möchte. Zum anderen sind zwar Instant-Grills vorrätig, die Grillanzünder jedoch sind ausverkauft. Ausverkauft!Verdächtig!! (Lass das mit den ständigen Ausrufezeichen, Trottel!) Hat sich der Täter etwa mit Wunderblitz Grillanzündern bevorratet, um noch mehr unschuldige Kraftfahrzeuge mit in den Tod zu reißen? Etwas verwirrt teilt mir die Dame von der Tanke mit, wie der typische Grillanzünderkäufer in etwa aussieht: Bierbauch, Jogging-Hose, meistens kaufe er sich noch ein paar Bratmaxe. Endlich mit einem Täterprofil im Kopf verlasse ich zufrieden die Tankstelle.
In den folgenden Tagen hänge ich an den einschlägigen Treffpunkten der Zellerauer Jugend ab und stelle mich als neuer Sozialpädagoge vor. Mir wird deshalb, völlig zurecht, stündlich in den Bauch geboxt. Einen Boxenstop legen die Jungs aber sofort ein, als die furchteinflößenden Herren mit Kampfhund und Schneetarnbomberjacke auftauchen. Man habe eine Zellerauer Bürgerwehr gegründet, da es so ja nicht weitergehe, erläutert mir wenig später einer der drei jungen Männer, während die anderen beiden fieberhaft damit beschäftigt sind, böse zu gucken. Einen guten Tipp, wer denn der Feuerteufel sein könnte, können mir die Halbstarken aber auch nicht geben.
Etwas zynisch finde ich es, dass man in einer Metzgerei „Feuerteufeli“ bekommt. Das sind Landjäger, die neben Schweinefleisch und Nitritpökelsalz auch eine gehörige Portion scharfes Paprikapulver enthalten. Noch viel zynischer wird die Angelegenheit, als ich einen fettleibigen Polizisten dabei ertappe, wie er sich mit seinem Landjugendgrinsen eine solche Wurst bestellt, diese an einem Stück in seinen Rachen rammt, einen Schluck Selters trinkt und anschließend „Brand gelöscht“ albert. Sein Kollege und er lachen, wie Polizisten eben lachen.
Ich komme so nicht weiter. Keine heiße Spur, auch nach Wochen nicht. Die Verzweiflung bringt mich sogar soweit, dass ich eines abends mit einem eher weniger schlauen Hippie im Denklerblock sitze, Dosenbier trinke und mir seine Fabeln über Hohlwelten, Naziufos und geheime Weltregierungen anhöre. Plötzlich bringt mich die Vertonung von geistigem Dünnschiss, die unentwegt aus seinem Mund sprudelt, auf eine Idee: Sein Gebrabbel von Menschen, deren Körper einfach verbrennen, ohne erkennbaren Grund, die These von der Spontanen Menschlichen Selbstentzündung (SMS) also, macht mich nachdenklich. Laut SMS-Theorie sei es möglich, dass Menschen einfach so anfangen zu brennen, einfach so nebenbei beim Abendessen zum Beispiel. Wenn die SMS-Theorie war wäre- was sie nicht ist- könnte es dann sein, dass auch Mülltonnen, Autos oder Kruzifixe spontan Lust darauf haben, in Flammen aufzugehen?
Diese Gedanken rauben mir den Schlaf. Eines morgens mache ich mich auf den Weg nach Kulmbach, um den weltbekannten, zurecht unanerkannten Parapsychologen Kasimir von Pützlitz zu besuchen. Von Pützlitz wohnt in einem stattlichen fränkischen Fachwerkhaus, das die besten Tage hinter sich hat und an dessen Westseite das Wort „Karma“ geschrieben steht. Eine nach Patchoulie duftende, in geheimnisvollem Ton flüsternde Frau sitzt im Foyer an einem Couchtisch. Auf dem Tisch: Tarot-Karten, eine Flasche Absinth, ein Streichholzschächtelchen, auf dem „Zünftiges aus Zirndorf“ steht. „Wir haben sie bereits erwartet“, zischt die aufregende Dame in geheimnisvoller Weise und zeigt auf eine Türe hinter sich. In diesem schwach beleuchteten Raum sitzt Kasimir von Pützlitz, welcher ein Gewand aus Kartoffelsackstoff an hat. Auf diesem Gewand steht „vorwiegend festkochend“. Von Pützlitz spricht in einem penetranten schwäbischen Akzent, was mich zum einen verwirrt, zum anderen an Käsespatzen mit Röstzwiebeln erinnert.

Jamjamjam, Käsespatzen mit knusprigen Röstzwiebeln. Ein Gedicht.

Auf die Frage nach der Möglichkeit, dass sich nicht nur Menschen spontan selbst entzünden könnten, sondern auch Gegenstände, muss der langhaarige Parapsycho lange nachdenken. Er muss sogar so lange nachdenken, dass ich kurzzeitig denke er sei eingeschlafen oder gar verstorben. Plötzlich blickt er hastig auf seinen „Astro-Kalender 2009“, sagt mir, dass gerade Jahr des Büffels sei und dass er Schlimmes befürchte. Auch der schiefe Turm von Kitzingen oder das Thomas-Gottschalk-Denkmal in Bamberg seien von Feuerteufel bedroht, wenn nicht eine Kraft erscheine, sie alle zu knechten, sie alle zu finden ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden blablabla. Selbst Frau Murgelhofer oder der Hippie scheinen mir vertrauenswürdiger als dieser schwäbische Scharlatan mit schmutzigen Fingernägeln, jedoch genügt mir für meine Recherche, dass er meiner zweifelhaften These zugestimmt hat.
Zurück in der Zellerau erschrecke ich, als ich den Namen Hartmut Feuerteufel auf einem Klingelschild in der Nähe meiner Wohnung entdecke. Sollte die Lösung so einfach sein? Wohnt hier der Feuerteufel höchstpersönlich? Und bekomme ich jetzt endlich die 2000 €? Was schmeckt besser, Soja oder Seitan? Ich klingele an seiner Türe, mir erscheint ein Mann Ende 40 mit einem stattlichen Schnauzbart und einem Morgenmantel an. „Entschuldigen sie, sind sie der Feuerteufel?“ „Gewiss doch.“ Kann man dies schon als Geständnis werten? Ich bohre weiter nach: „Wissen sie, wer in dieser Stadt jedes Wochenende Brände legt?“ Herr Feuerteufel guckt verdutzt, sein an sich freundliches Wesen zerfällt in Windeseile und seine Mundwinkel werden wie von einem Amboss nach unten gezogen. „Falls sie zu dene Menschn g‘hörn, die wo stündlich bei mir anrufen und die wo Scherzchen mit meinem Namen treiben: Ich ruf des nächste mal die Bolizei!“ schreit er und wirft die Türe zu. Polizei kann er haben, denke ich mir und rufe die Ordnungshüter an, um sie zu Hartmut Feuerteufels Wohnung zu schicken. Doch sie kommt nicht. Nie ist die Polizei da, wenn man sie braucht. Auch auf meine 2000 € warte ich bis heute. Tja. Resigniert verlasse ich die Zellerau. Für immer.
Der Feuerteufel, er lebt noch immer mitten unter uns. Man sage nicht, ich hätte nicht versucht, diese Stadt zu retten.

Hunter S. Heumann

Subkultur ist die neue Bionade

Warum den Menschen, die sich über die Schwäche der alternativen Szene beklagen, am stärksten zu misstrauen ist

Was ist eigentlich eine Subkultur? Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.
Kann man eine Subkultur anfassen, kaufen, küssen oder gar morgens ins Müsli kippen? Wer ist mehr Subkultur, Aldi oder Lidl? Gibt es bei Joeys oder bei PizzaBlitz mehr Subkultur für’s Geld? Welche Subkultur bietet mir möglichst viele Frei-SMS bei einer kurzen Mindestvertragslaufzeit?
„Das Eis der (Sub)kultur wird dünner“, schreibt es beim Würzblog, und gemeint ist damit dennoch weder Cornetto noch Minimilk. Aber eigentlich fehlt ein gutes Speiseeis in der Reihe der Dinge, die Ralf Thees zu festen Bestandteilen der Subkultur zählt. Denn scheinbar gehören alle Dinge, die Ralf Thees mag, zum leckeren Potpourri der Subkultur. Über den Wegfall der Programmkinos wird sich beschwert, ebenso wie über den „soziokulturellen Ausnahmeort“ namens Propeller. Soziokulturell, wieder ein Begriff, mit dem jongliert wird, ohne einen Begriff zu besitzen. Die Posthallen,welch subkultureller Ort, werden genannt, denen es die Stadt aber nicht leicht mache. Keine Institution passt besser in Würzblogs Subkultur-Charts als die Posthallen, sitzen dort doch Leute am Ruder, deren Begriff von Subkultur schon zu AKW-Zeiten nach Verwesung roch. Weiter im Text: Schließlich sind auch AKW und Immerhin Teil von Ralf Thees‘ subkulturellen Visionen, und die gibt’s ja jetzt beide nicht mehr. X Ware Kultur ist gleich y Ware Schweinsbraten, alles ist mit allem vergleichbar, wie man längst weiß. Zum Glück hat Bionade letztes Jahr die neue Geschmacksrichtung Quitte eingeführt, und bald kommen ja auch die Kassierer in die Posthallen.
Und am Ende wird auch die Stadt Teil dieser Subkultur. Denn die muss dieser Subkultur ja helfen, weil sie ja auch irgendwie dieser Subkultur verpflichtet sein muss, damit die StudentInnen brav subkulturen können. „Man kann fast den Eindruck bekommen, als wolle die Stadt Würzburg eine kulturberuhigte Zone im weiteren Innenstadtbereich.“ Subkultur- weil Würzburg es sich wert ist. Nicht umsonst schreibt Herr Thees, dass wir keine “Provinz auf Weltniveau” [brauchen], um uns nach Außen lächerlich zu machen, das schaffen wir mit dem derzeitigen Trend an Möglichkeiten der (Sub)Kultur und Nachleben auch so.“ Herr Rosenthal, für das Image dieser schönen Stadt: Man schenke jedem Menschen täglich einen Happen Subkultur!

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Was ist eigentlich eine Subkultur? Für den Würzblog wohl alle Lokalitäten, in denen vor allem 20- 40 jährige verkehren. Je mehr es nötig wird, sich einer nicht vorhandenen Subkultur, oder gar alternativen Szene, zuzuschreiben, desto weniger wird man die Frage wagen, was Subkultur überhaupt bedeutet hat. Sogar Wikipedia weiß, dass der Begriff Subkultur einst Personenzusammenhänge bezeichnete, die sich hinsichtlich zentraler Werte und Normen von der herrschenden Kultur unterschieden haben und sich als Gegenkultur definierten. Heute dient der Begriff wohl eher dazu, sich selbst zu vergewissern, dass man cooler als der Rest ist, noch nicht zum alten Eisen gehört. Er dient der Verdrängung der Tatsache, dass man selbst keine anderen Vorstellungen von gesellschaftlicher Organisation besitzt als die Mühle des Immergleichen. Anders ist es nicht zu erklären, dass man bei jedem beliebigen Begehr die Stadt in Gefahr sieht und ihre Politiker bittet, in die Presche zu springen. Warum organisiert man sich nicht selbst, wie das vielleicht die Freaks, Alternativen und Autonomen der 80iger Jahre getan haben? Genau deshalb, weil man dann die Selbstlüge aufgeben müsste, Teil einer Gegenkultur zu sein. Weil man dann feststellen müsste, dass das Label „Alternativ“ nicht mehr Elemente von einem Umsturz des Bestehenden beinhaltet als eine eisgekühlte Coke Zero Cherry. Wenn sich in dieser Stadt die vereinzelten Individuen zusammenraufen wollen, die eine tiefe Unzufriedenheit mit den Zumutungen des alltäglichen Lebens eint, so müssen diese zuerst verstehen, dass sowohl dem Wort „Szene“ als auch dem Wort „Subkultur“ keine gesellschaftliche Realität (mehr) zukommt.

Ich subkulture, du subkulturst, sie subkulturt. Wir alle subkulturen.

Subkultur- die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. Probieren sie jetzt!

Benjamin Böhm

Intro 13

Wir dürfen sie herzlich zur 13. Ausgabe des Letzten Hypes willkommen heißen und ihnen auch gleich einen redaktionellen Neuzugang vorstellen: Zum ersten Male haben wir einen Unipraktikanten eingestellt, der sowohl im redaktionellen als auch im Layoutbereich mitwirken wird: Klaus von Medina studiert im dritten Semester Neuere Demagogie und asoziale Arbeit an der Universität Eichstätt und wird für seine Arbeit bei uns mit keinem Cent entlohnt. In den nächsten zwei Jahre wird er v.a. Kaffee kochen, Sojasteaks braten und unsere Homepage betreuen. Bereits in dieser Ausgabe finden sie einen Artikel unseres jungen, engagierten und unglaublich gut aussehenden Praktikanten.
Klaus muss im Moment im alten Infoladengebäude schlafen, wo es keine Heizung gibt und es nach pisse stinkt. Wenn ihr eine Wohnung für ihn habt, so meldet euch doch bitte unter letzterhieb@gmx.de.
Was hat die Redaktion den Sommer über getrieben? Hunter S. Heumann trieb es zu Recherchezwecken nicht nur in die Zellerau, sondern er unternahm auch eine Wanderung nach Greußenheim, wo man Elektrozäune, Bäume mit hübschen Vornamen und Olivenhaine bestaunen kann. Es sei jedem Menschen mit Unternehmungslust empfohlen, eine Wanderung um das Gut Greußenheim zu unternehmen, um sich das Mahnmal gegen Intoleranz und Ausgrenzung anzusehen, riesige Kreuze und Engelsstatuen zu bestaunen und sich von Jeeps aus Neu Jerusalem verfolgen zu lassen. Auch Urlaubsvideos werden für sie unentgeltlich auf Überwachungskameras aufgenommen. Schlonzo der Geachtete hat im September eine Ausbildung zum Ranger absolviert und weiß jetzt, wie man Feuer mit Stöckchen macht oder man einen Rhönbären erlegt. Sebastian Loschert dagegen hat nicht nur selbst Unfug getrieben, sondern auch den von anderen bestaunt: Er schrieb in der JungleWorld Nr. 38 einen Artikel über Jürgen Elsässers Volksinitiative.
Und was macht eigentlich Rainer Bakonyi? Nach der letzten Ausgabe fragten uns viele Menschen, ob es denn nun keine Kochkolumnen mit Rainer Bakonyi mehr gehen werde. Hmm, ja, das ist eine längere Geschichte, denn Herr Bakonyi war ein wenig eingeschnappt, nachdem Hunter S, Heumann behauptet hatte, dass Herr Bakonyis Gerichte zum Kotzen schmeckten. Es wird der Stimmung in unserer Redaktion nicht zuträglich sein, dass Jörg Finkenberger in dieser Ausgabe mit seiner „Kotzkolumne“ erneut die Kochkünste Herrn Bakonyis durch den Kakao zieht.
Wir wünschen Ihnen nun viel Freude beim Lesen unserer neuen Ausgabe. Für wütende Reaktionen stehen wir Ihnen weiterhin gerne zur Verfügung.
Für immer ihr
Letzter Hype

P.S: Eine kleine Geschichte noch: Wir haben im Frizz gelesen, dass jemand eine Frau sucht, um sich „physisch und psychisch“ auf die Zeitenwende 2012 vorzubereiten, denn da geht ja laut Maya die Welt unter ( Laut Nostradamus ging die Welt übrigens gerade eben schon wieder unter). Was wir uns jetzt fragen: Wie bereitet man sich bitte physisch auf die Zeitenwende vor? Springt man Fallschirm und bleibt möglichst lange im freien Fall, um während des Herabsinkens in ein Schwarzes Loch nicht ohnmächtig zu werden? Stellt man bereits jetzt seinen Speiseplan auf Lichtnahrung um, um während der Apokalypse keinen qualvollen Hungertod zu sterben? Oder lässt man jetzt schon für das Überleben im atomaren Winter alle Körperhaare sprießen, egal wie arg die Arbeitskollegen lästern? Wir werden es nie erfahren.

Kritische Theorie oder affirmative Praxis

Die „Negative Dialektik“ als Handbuch der Revolution

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Ndejras Text über die kritische Theorie aus hype #12 bestätigt alle meine Befürchtungen, aus der universitären Vereinnahmung der kritischen Theorie könne nur das schlimmste kommen, auf das schönste; und das teils gewollt, teils ungewollt.

Kritische Theorie kann heute nicht mehr an Universitäten gelehrt werden. Was unter diesem Namen heute allenfalls verkauft wird, ist Surimi. Wenn es einmal eine Zeit gegeben hat, in der Adorno und Horkheimer an Universitäten lehren konnten, dann wird man diese Zeitalter nach den Gründen befragen müssen, aber nicht unseres.

Kritische Theorie kann heute nicht mehr anders betrieben werden als an verrufenen Orten und von wenig empfehlenswerten Leuten. Sie ist, nachdem die deutschen Studierenden von 1968 epochal an ihr gescheitert sind, nur noch an die Universität zu bringen um den Preis, sie um das zu verkürzen, was ihr Innerstes ist: das verzweifelte Wissen von der Unwahrheit des Ganzen, und das Feuer, das in dieser Verzweiflung und nur in dieser Verzweiflung noch brennt.

Dass diese Verkürzung möglich ist, haben der Dozent Zimmermann und seine Schule eindrucksvoll bewiesen. Über diese Schule ist zur Zeit ihres Bestehens leider nicht mehr das notwendige gesagt worden, und jetzt, wo sie nicht mehr besteht, ist es nicht mehr notwendig. Der Staat hat es nicht mehr für erforderlich gehalten, diese Veranstaltung weiterzubetreiben. Sie war ohnehin anachronistisch: es gibt heute kein unruhiges Denken unter Studierenden mehr, und zu dessen Zähmung und Unterwerfung sind solche Einrichtungen allein gut, und zu sonst nichts.

Die zu solchen Zwecken entstellte Lehre will uns Ndejra aber gar nicht als diejenige kritische Theorie vorhalten, die den Gegenstand seiner Kritik abgeben soll; sie ist also auch nicht Gegenstand der Erwiderung.(1)

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Sondern was? Man weiss es auch nicht so recht. Man weiss auch nicht so recht, wo anfangen. Ndejras Text hat einen Grundgedanken, den er unter Geröll dekoriert, das grob aus drei Teilen besteht: ein Teil einigermassen bekannter und gängiger Clichees, ein Teil Ausrisse aus Sekundärliteratur, deren Autoren sich nicht die Mühe gemacht haben, ihren Gegenstand zu durchdringen, und ein weiterer Teil, der sich darauf zurückführen lässt, dass Ndejra selbst sich nicht die Mühe macht, seinen Gegenstand zu durchdringen.

Der letzte Teil ist der unkomplizierteste: man kann es niemandem zum Vorwurf machen, die Schriften einer Schule, an der ihm nichts liegt, nicht lesen zu wollen. Niemand soll dazu gezwungen sein. Allerdings ist auch niemand gezwungen, dann über diese Schule zu schreiben. Ndejra könnte z.B. viele seiner Gedanken in Horkheimers Schriften aus dem Band über „Traditionelle und kritische Theorie“ wiederfinden, nur wesentlich ausführlicher formuliert, oder sich zumindest damit auseinandersetzen.(2) Er kann es auch bleiben lassen, aber das ist sein Privatgeschäft.

Die sekundären Autoren, die er zitiert, interessieren wiederum mich nicht, und ich gebe zu, das ist mein Privatgeschäft, aber er hat sie auch nicht als allzu verlockend dargestellt. Wenn ein gewisser May das „taktische politische Denken“ des Anarchismus „noch mit Poststrukturalismus bestärken und radikalisieren“ will, wie Ndejra selbst vorträgt, dann qualifiziert sich May dafür, von der Universitätsbibliothek für interessierte Studierende gekauft, und von Leuten wie mir ignoriert zu werden. Und der Rest klingt noch langweiliger. Ich werde es nicht lesen, dazu ist mein Leben zu kurz.

Wirklich unangenehm sind aber zunächst die Clichees über die kritische Theorie, die er wiederverwendet, als könne er das einfach. Dass gewisse deutsche Studentenführer von 1968, in dem Moment, als sie aufgehört haben, zu rebellieren, und anfangen wollten, die Massen zu führen, feststellen mussten, dass die kritische Theorie für diesen Verrat an der Revolte nicht zu haben war, das ist eine Sache. Dass sie ihre Vorwürfe gegen Adorno in die Sprache der maoistischen „Kulturrevolution“ kleideten, war nur konsequent. Dass aber Ndejra darauf hereinfällt, ist mir einfach zuviel.

Mir gefällt schon einmal die „Underdog-Perspektive“ nicht, die er einnehmen will. Er studiert, das hat er selbst geschrieben; und er schreibt wie ein Student; in wessen Namen will er sprechen? Im Namen der „underdogs“? Bitte nicht. Er spreche, etwas anderes steht heute niemandem zu, in seinem eigenen Namen, das ist gut genug, einen anderen hat er nicht, und etwas anderes wird ihm auch nicht geglaubt werden.

Und die Pose, dass Adorniten grundsätzlich rich kids sind, und er ein underdog, soll ihm jemand anders abnehmen als ich. Ich werde nicht kommentieren, aus welcher Schicht ich stamme, und meine Sätze werden nicht desto wahrer, je ärmer und illiterater meine Eltern waren, und gerade so geht es den seinen.

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Adornos Sprache ist „hochgestochen“! Ich kann es nicht mehr hören. Die Dichter der Revolte, Rimbaud, Lautreamont, Baudelaire, haben sich auch nicht in der Sprache der Arbeitervorstädte ausgedrückt. Es tut mir nicht leid, aber es ist das Proletariat, das lernen wird müssen, sich der Sprache zu bedienen.

Im Übrigen kann man auch die Proklamationen der Commune de Paris für „hochgestochen“ halten, und die sind wohl, soweit man sie heute noch kennt, von Arbeitern verfasst worden.

Die Situationisten haben wenigstens noch gewusst, dass die Arbeiter Dialektiker werden müssen, wenn die Revolution kommen soll. Das unterscheidet sie von den Linken, die immer versucht haben, die Sprache der Arbeiter zu lernen, als ob sie nicht wüssten, dass es so etwas nicht gibt. Wer ernsthaft jemals das Verlangen nach ungehinderter Entfaltung der Menschheit, das heisst nach Emanzipation des Proletariats, formulieren will, muss das auf der Ebene tun, die dafür alleine taugt: die höchsten Höhen der Sprache, der Musik, der Kunst, jeder Form des Ausdrucks. Wer auch immer, um der angeblichen Verständlichkeit für die sogenannten Massen halber, darauf verzichtet, sagt ja zum Ausschluss des Proletariats von den Mitteln des Ausdrucks.

Dass heute schon Studenten der Geisteswissenschaften die Sprache Adornos nicht verstehen, könnte man sehr gut als Argument gegen das studentische Milieu wie als Argument gegen die Universität gebrauchen; aber Ndejra zieht es stattdessen vor, ein allzu billiges Argument gegen Adorno draus zu machen, um eines illusorischen Disktionsgewinns gegen die ebenso illusorische Zimmermann-Schule willen.

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Pessimistische Kulturkritik! Grossbürgerliche Resignation! Ndejra bemüht wirklich alle Frasen, die es jemals gegen die kritische Theorie gegeben hat, und es wird ihm gar nicht langweilig. Noch weniger werden ihm diese Frasen etwa verdächtig, obwohl sie doch nicht zufällig sämtlich von Georg Lukacz stammen; aber Ndejra versäumt auch hier die günstige Gelegenheit, zu untersuchen, wieso solcher leninistischer Unsinn sich auch in einem anarchistischen Kontext ganz gut macht. Es wäre interessant gewesen; vielleicht ist es ja auch ein Anzeichen eines ganz unvermutet ähnlichen, bisher ungebrochenen Verständnisses von Politik?

Unabhängig davon, ob man Adorno das Epitheton „grossbürgerlich“ umhängen kann, stellt sich doch die Frage, ob der Teil des Proletariats (und zu dem beanpruche ich zum Beispiel zu gehören), der die Negative Dialektik für ein eminent revolutionäres Buch hält (3), nun selbst „grossbürgerlich“ geworden ist, oder nur nach Art der Grossbürger resigniert hat; wie es Grossbürger, wer auch immer das sein soll, ja bekanntlich tun; man kann solche Frasen nicht versuchen zu verstehen, ohne dass sie sich im Unsinn auflösen.

Die Wurzel und gleichzeitig Krone des ganzen ist der Vorwurf, die kritische Theorie sei praxisfeindlich, und auch diesen Vorwurf spart sich Ndejra nicht; er vermisst das für die Praxis „passende begriffliche Instrumentarium“ und die Ermutigung. Wie aber, wenn es der Ermutigung gar nicht bedürfte, wenn sie das reine Gift wäre, und es für den Aufstand stattdessen unverzichtbar wäre, sich schaudernd der Lage bewusst zu werden? Und wenn das „passendes begriffliches Instrumentarium“ auf nichts herausliefe, als der politischen Praxis auch noch das freie Refugium des wenigstens kritischen Gedankens zu unterwerfen?

Theorie kann nicht etwas sein, dessen man sich zu dem scheinbar vorgegebenen Zweck (Veränderung der Welt) bedienen kann; so dass die Konkurrenz zwischen verschiedenen zunächst gleichwertigen Theorie-Modellen dadurch entschieden würde, welche dem Zweck am besten dient. Theorie, überhaupt als Handlungsanleitung verstanden, ist nichts anderes als ein Rudiment dessen, was für Georg Lukacz z.B. noch die Partei gewesen ist, Theorie ist dasjenige, nachdem sich, unter der Aufsicht der dafür berufenen Intellektuellen, die Wirklichkeit zu richten haben wird. Eine so verstandene Theorie ist eine Zumutung, derer sich gerade Kritiker der Herrschaft wie Ndejra zu erwehren wissen sollten, auch handgreiflich.

Theorie, die nicht zur Anleitung für Herrschaft verkommen will, hat unpraktisch, sogar antipraktisch zu sein. Sie hat als ihren nächsten Feind die von „Theorie“ angeleitete Praxis zu erkennen und zu bekämpfen. Diese Praxis, und diejenige Theorie, die Praxis leiten will, sind völlig unvereinbar mit Reflexion.

Und Reflexion tut not, sie ist so nötig wie die Luft zum Atmen, sie brächte zum Beispiel zu Bewusstsein, dass so etwas wie kritische Theorie dann sein muss, wenn die Möglichkeit der praktischen Kritik verstellt ist. Die kritische Theorie wäre allenfalls zu kritisieren, wie man früher einmal die Kunst kritisiert hat: als Refugium des abwesenden Besseren, aber immerhin als ein geduldetes, umstelltes, marginalisiertes Refugium. Aber als Refugium.

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Der Weg zur praktischen Kritik aber ist wirklich verstellt, und mit dieser Erkenntnis muss jedes revolutionäre Denken anfangen. Es ist niemandem damit geholfen, dieser Erkenntnis auszuweichen oder sie am besten der kritischen Theorie aufs Schuldkonto zu schreiben.

Die kritische Theorie Adornos reflektiert das Scheitern der Revolution, die einmal versucht worden ist und gelingen hätte können; eine Niederlage, die wir als unsere Niederlage erkennen müssen. Jeder Versuch, sich dieser historischen Haftung zu entziehen, mündet in Selbsttäuschung. Genau diese Selbsttäuschung ist das Betriebsklima der Linken. Sie hält sich am leben durch ihre jämmerliche Illusionen darüber, wie aussichtslos die Sache der Befreiung durch ihr damaliges Scheitern geworden ist, und wie gründlich dieses Scheitern gewesen ist.

Wenn Ndejra den Antideutschen, zu denen wohl ich mich auch zu rechnen habe, vorwirft, die Shoah zum Zentrum einer negativen Geschichtsmetafysik zu machen, dann lässt mich das ratlos zurück. Ist ein kritisches Denken ohne Selbstbetrug möglich, dass nicht von der historischen Niederlage ausgeht? Und hat diese Niederlage eine schrecklichere Gestalt angenommen als die, dass nur wenige Jahre später die meisten europäischen Jüdinnen und Juden ermordet werden, ohne dass sich eine Hand dagegen wehrt; was soll das heissen, diese Sache „angemessen“ zu untersuchen, wie Ndejra fordert? Wie kann man so etwas angemessen untersuchen, wo noch nicht einmal z.B. die Bomben auf Würzburg auch nur entfernt angemessen waren?

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Das war das Geröll. Was aber ist der Grundgedanke? Ich finde keinen, ausser dass Ndejra Adorno nicht mag, weil er fürchtet, dass ist etwas für Idioten, die gerne gescheit daherreden, obwohl sie nichts verstanden haben. Wenn dem so ist, sei er beruhigt: gegen solche Idioten kann keine Denkschule sich erwehren, es sei denn mit Gewalt, vor allem nicht da, wo sie nur toter Gegenstand der Betrachtung und Vereinnahmung ist, also an der Universität. Denn dort, aber auch nur dort, wird den Idioten unweigerlich alles geglaubt. Ausserhalb dieses ungesunden Milieus kann „jeder sich Dadaist nennen; dafür, dass er es ist, muss er selbst sorgen“ (Raoul Hausmann).

Oder täusche ich mich, und auch er stört sich daran, dass mit der kritischen Theorie kein politisches Geschäft getrieben, keine silberne Zukunft versprochen, keine Organisation geführt werden kann; dass sie das Denken nicht an die Verwalter der Praxis verraten wird, und dass sie, nach der historischen Katastrofe, einen Bruch einfordert, der es unmöglich macht, einfach und blind und ohne das Bewusstsein dieser Katastrofe weiterzumachen? Dann, aber das wird nicht der Fall sein, könnte ich ihm auch nicht helfen.

Von Jörg Finkenberger

1 Reden wir nicht mehr von der Zimmermann-Schule! Ich gehe davon aus, dass man sich darauf einigen kann: das war tatsächlich ein Haufen Leute, die ihre eigene Nichtigkeit hinter Frasen versteckt haben, die ihnen selbst so unverständlich geblieben sein mussten wie denen, die sie damit beeindrucken wollten. Für den Gestus des Priester-Intellektuellen eignen sich doch andere Schulen, die Foucaults etwa, viel besser, weil es für die Hochstapler dort nichts gibt, was sie etwa verstanden haben müssten. Ndejra hat seine Kritik aber nicht auf diese Leute, sondern auf die kritische Theorie bezogen, ist also diesen Idioten auf den Leim gegangen. – Übrigens wäre diese Schule besser dadurch zu charakterisieren, dass ihr Guru, als eine Art linkerer Habermas, die ganze Tendenz Adorno mit aller Gewalt im „demokratischen Sozialismus“, also im Wunschtraum der Sozialdemokratie, hat aufgehen lassen wollen. – Wenn übrigens, wie es mir scheint, Zimmermann eine Hauptquelle für Ndejras Kenntnisse der kritischen Theorie sein sollte, dann ziehe ich meine ganze Kritik insofern zurück, als ich nicht ausgerechnet der sein will, der den einzigen Menschen, der es heute tut, daran zu hindern sucht, das zu tun, was unser Mustafa Khayati schon 1967 gefordert hat: dass die Studierenden anfangen müssen, gegen ihre Studien zu rebellieren.

(2) Irgendwie kann ich auch in dem, was er über die Auffassung der Naturbeherrschung oder die sogenannte Anthropologie in der kritischen Theorie sagt, die kritische Theorie nicht recht wiedererkennen.

(3) Ziemlich das revolutionärste des Jahrhunderts, und ich rede nicht von einer bloss gedachten oder bloss filosofischen Revolution, sondern von einer sehr materiellen, die es wirklich gegeben hat, die fehlgeschlagen ist, und deren Wiederaufnahme sich auf kein anderes Denken stützen kann, schon gar nicht dasjenige etwa Debords; den die schaurige Lücke, die mitten in seinem Denken klafft, gar nicht zu irritieren schien, der filosofierte, als ob es die Shoah nicht gegeben hätte – verliert er denn auch nur soviel wie ein Wort darüber? – Wie verdächtig ist so ein Denker eigentlich? Und so ein Denken? Ist es nicht fast schon ein Grund, sein Buch fortzuwerfen? Aber ich werde es nicht tun, dazu parafrasiert er mir Adorno doch viel zu hübsch.

Hype #13 in Druck

So, nun ist es soweit.

Würzburger Lagerphantasien again…

….und es geht weiter mit den Lagerphantasien der werten LeserInnen der Mainpost. Jetzt sitzen zwei Verdächtige, denen Sachbeschädigung und Brandstiftung zu Last gelegt wird, in Untersuchungshaft. Und Deutschen wird wieder warm um’s Herz, wenn sie an Arbeitsdienst und physische Vernichtung denken.

Meine Gedanken zur Strafe wage ich nicht auszusprechen…

meint noch Zeitung_online, während Rittersporn damit weniger Probleme hat:

Den Leuten geht es zu gut ist die allgemeine Stimmung. Wer so was macht hat Zeit dazu. Nichtsnutze, Arbeitsfaule (nicht Arbeitslose!!!) und dergleichen höhlen unseren Sozialstaat aus. Sie sollten eine saftige Strafe zur Abschreckung erhalten, die der Allgemeinheit nutzt. Straßenbau, Wald roden und dergleichen für einige Jahre – bis ihnen die Flausen aus dem Kopf gegangen sind. Vor lauter Langeweile Sachbeschädigungen machen gehört ordentlich bestraft – und zwar damit diese Zeitgenossen dann keine Langeweile mehr haben.

Und von blueeyes erfahren wir, dass der Täter zu den „Asozialen“ gehört, denen dieser gleich seine eigenen Vergeltungsphantasien entgegenbringt:

Asso endlich geschnappt!
Diesem ASSI sollte man stundenlang links und rechts für jeden zerstochenen Reifen eine knallen! Mutwillige Sachbeschädigung am Eigentum anderer ist mit das assozialste was man machen kann und dazu noch dieses Ausmaß. Am besten man setzt fals er ein Zimmer oder Wohnung hat mal dies unter Wasser, dann weiß er was Sachbeschädigung ist.

Man wird sehen, welche Vergeltungsgedanken in den Kommentarspalten der Mainpost noch offenbart werden….

Hype 13

Der Hype 13 kommt spätestens nächste Woche in Print.

An die Leipziger AbonnentInnen: Vielleicht kriegen wir’s ja wirklich hin, mal was zu verschicken.

Das AKW in Würzburg….

ist auch nicht mehr das, was es mal war….
Xavier Naidoo? Die da hinten in der Zellerau haben wohl jetzt endgültig ihren alternativen Anspruch verloren!
Na wartet mal auf die nächste Vereinssitzung, da wird’s Ärger geben!

Von den Kartoffelkanonen

Wahnsinn,
wie gelangweilt die Polizei sein muss, wenn es Ihr schon eine Pressemeldung wert ist, eine „Kartoffelkanone“ in einem Kofferraum gefunden zu haben.

Mal ehrlich Herr Wachtmeister: Es könnte durchaus sein, dass auch einige Ihrer KollegInnen in ihrer Landkreisjugend solche Teufelsdinger gebaut haben!
Aber denken Sie doch mal positiv: Wer in seiner Jugend seinen Spaß an Waffen entdeckt, will vielleicht später auch beruflich welche am Gürtel tragen!
Ihr Nachwuchsteam vom Letzten Hype

Neuer hype

Kommt bald, sobald wir ihn geschrieben haben. Nieder mit dem Lohnsystem, dass uns alle Zeit raubt! Und für alle, die auf die nächste Ausgabe warten: schreibt doch selbst einen.

The revolution will not be televised

….und jetzt fürchtet sogar Glenn Beck von den FOX News das Buch über die kommende Insurrektion. Wirklich sehr amüsant:


Das Buch ist irgendwo hier verlinkt übrigens.

Würzburger Lagerphantasien

Presseschau: Würzburger Lagerphantasien

Solange es opportun ist, verarbeitet die Mainpost die Äußerungen ihrer Leserschaft. Per SMS soll diese an Umfragen teilnehmen und harmlose Online-Leserkommentare werden gerne zu redaktionellen Artikeln zusammengefasst, Gar nicht wird jedoch reflektiert, wenn die Leser in den Online-Kommentaren rassistische oder faschistische Äußerungen von sich geben – was eher Regel als Ausnahme ist. Diese Arbeit nehmen wir gerne ab: Eine Sonderausgabe der Presseschau, Schwerpunkt „Lagerphantasien“.

Das erste Beispiel: Am 14.12.2008 übernahm die Mainpost einen Polizeibericht, druckte ihn unter der Überschrift „Krawalle bei Demo: Polizist verletzt“ ab. Innerhalb weniger Stunden entwickelte sich eine rege Diskussion (die heute nicht mehr auf der Homepage zu finden ist).
- Der Mainpost-Leser Mr. Anton reagiert auf den Zwischenfall auf dem Weihnachtsmarkt geschockt: „Diese Unruhestifter gehören sofort aus dem Weg gezogen! Schlagstock raus und drauf! Die sollen arbeiten gehen und ihre Energie dort einsetzen, assoziales Pack!“.
- Dieser Meinung schließt sich der User dreckschlame ungeteilt an: „Dieses Asoziale Pack müsste im Steinbruch arbeiten! Dann wären sie spät Abends zu müde um „Scheisse“ zu bauen. Bei solchem Gesindel sollte keine Rücksicht genommen werden wenn es ums Prügeln geht-denn die nehmen auch keine! Gute Genesung dem verletzten Polizeibeamten, denn der kann am allerwenigsten dazu!“
- Auch eine Person namens Wahrheit verfügt über ein ungetrübtes Rechtsempfinden und verlangt größere Handlungsspielräume für die Staatsmacht: „Leider muß die Polizei solche Deppen mit Samthandschuhen anfassen, normalerweise gehört da richtig draufgedroschen, daß die sich nicht mehr rühren“.
- Es ist jedoch Bratbaecker, der die prägnanteste Antwort auf die Greueltaten der Chaoten findet: „ES LEBE UNSER HEILIGES DEUTSCHES VATERLAND“.
- Konkreter setzt sich wiederum der Leser Frankenstrasse mit den Ereignissen auseinander und bemängelt die fehlende Effizienz der Exekutive: „Leider wurden von diesem Gesindel nicht mal 10% festgenommen!!!Von diesem Asozialem Panks hatte man 90% einbuchten müssen“.

Zweites Beispiel: Am 4.5.2009 veröffentlichte mainpost.de eine Reportage über die Bedingungen im Flüchtlingslager in der Veitshöchheimer Strasse: „Gemeinschaftsunterkunft: Schlimme Kindheit im Lager“. Bei diesem Thema konnten die Mainpost-Leser damit punkten, dass sie zumeist schon eigene Lagererfahrungen hinter sich haben.
- Schaefer55 etwa schreibt: „Erzählt mir nicht, dass Kasernen menschenunwürdig sind. Ich mußte meine Wehrpflicht ableisten“. Er vertritt den Standpunkt: „Die erwachsenen Flüchtlinge können daher von mir aus gerne unter einem Lagerchef aufräumen, putzen, streichen, Kinderspielgeräte zusammenbauen und andere Arbeiten machen. Das sind schließlich nicht alles Kinder“.
- Auch maggy1414 ist des Aufhebens um Depressionen, Lagerkindheit, Enge, Lärm, Angstzustände, Schimmel, etc. überdrüssig: „Die sollen froh sein, dass sie überhaupt hier in unserem Land leben dürfen. Die Wohnverhältnisse in der Unterkunft sind vielleicht bescheiden (für unsere Maßstäbe), aber garantiert in mind 90% der Fälle immer noch besser als wie in dem Land, woher die meisten von denen kommen (ein Teil des Kommentars wurde von der Redaktion gelöscht)“. Den „Gutmenschen“ stellt er die berechtigte Frage: „Ist bei euch jetzt auch mal die Krise angekommen? Oder wieso habt ihr morgens Zeit solche Aufsätze hier zu schreiben?“
- Schimmel18 nimmt dagegen die Asylsuchenden teilweise in Schutz und fordert zu einer differenzierteren Diskussion auf. Er gibt seinem Vorredner Schafer55 zu bedenken: „Ich denke, mehr Hartz 4 Empfänger bekommen Geld vom Staat als Asylsuchende. So geh erst mal auf die los, die zum Teil zu faul sind zu arbeiten“.

Drittes Beispiel: Vollkommen einhellig war die Lesermeinung zu dem Artikel „28-Jähriger tritt Polizeibeamtem (sic) ins Gesicht“ vom 8.8.2009. Laut Polizeibericht/Mainpost habe ein „mit körperlichem Zwang“ in den Dienstwagen verbrachter Mann von der Rückbank aus den Fahrer an der rechten Backe getroffen. Dieser „konnte leichtverletzt mit einer Prellung und Kopfschmerzen seinen Dienst fortsetzen“.
- Der User steehawer reagierte am schnellsten auf den Riesen-Skandal und schrieb: „Vor solchen Zeitgenossen muß die Bevölkerung unbedingt geschützt werden,hier hilft leider nur wegsperren und nochmals wegsperren“.
- Der Leser bastihd kennt ebenfalls genau die Gefahren, die von Alkoholisierten ausgehen, weiß jedoch auch um das laxe Justizwesen in Deutschland: „Statt zum Richter Gnädig direkt ab in den Knast… Solche verwahrlosten Typen gehören sofort in den Knast, egal ob sie einen festen Wohnsitz und gesoffen haben oder nicht. Stattdessen werden sie einem deutschen Richter vorgeführt, der gleich wieder ausreichend viele Milderungsgründe findet, um diesen Ratz sofort wieder laufen zu lassen. Hat der erst seinen Rausch ausgeschlafen und sich über die Einfalt von Richter Gnadenreich amüsiert, wird die nächste Flasche Wodka reingezogen, damit man nach der nächsten Schlägerei erneut als vermindert zurechnungsfähig eingestuft und gleich wieder laufen gelassen wird. So ist es halt mal in Deutschland“.
- Waldi69 findet, man kann die Forderungen seiner Gesinnungsgenossen nicht oft genug wiederholen: „Wegsperren und nie wieder rauslassen !!!! Solche Typen liegen uns nur auf der Tasche. Wie lange solen die Deutschen noch zuschauen bevor sich hier was ändert ?!?!“
- An dieser Stelle schaltet sich DarthVader mit einem interessanten Vorschlag in die Diskussion ein (ob es sich bei DarthVader um Jürgen Elsässer handelt, konnte nicht restlos geklärt werden): „Wegsperren auf immer muß nicht immer die beste Lösung sein. Kostet auch uns – dem Steuerzahler – sehr viel Geld! Und da setzt die USA – wie oben beschrieben – auch bessere Mittel ein. Dort gibt es s.g. Erziehungslager. Das bedeutet: 05:00 Uhr aufstehen, Morgensport, Duschen, 06:00 Uhr Frühstück und um 06:30 Uhr gehrt´s dann ran an gemeinnützige Aufgaben. Das ganze erfolgt unter einem Drill, der unsere Bundeswehr in einem gemütlichen Sanatorium erscheinen läßt. Wir haben in unserem Land auch viele Aufgaben! Wir könnten z.B. den Borkenkäfer in unseren Wäldern bekämpfen. Diese Jungs (leider auch Mädels) müssten nur die umgefallenen Baumstämme aus unseren Wäldern herrausziehen und somit einen sehr guten Beitrag für unseren Naturschutz tätigen. Nach 12 Stunden sollte dann aber schon Schluss sein. 18:00Uhr duchen, 18:30Uhr Abendessen 19:00Uhr gemeinschaftliches Fernsehn und 20:00Uhr Bettruhe. Schließlich muß man am nächsten Tag wieder fit sein! Mindestaufenthalt: 1 Jahr!“
- Dieser Vorschlag löst allgemeine Zustimmung aus. Innowep möchte nur eine kleine Verbesserung berücksichtigt wissen: „Sie haben perfekt recht mit dem was sie schreiben. Fernsehen? Nicht einmal das würde ich solchen Kanalien gestatten!!“
- Auch winnem hat einige Verbesserungsvorschläge für die Bestrafung von betrunkenen Rückbanktretern zu bieten: „Perfekt! Nur das TV würde ich streichen, statt dessen eine Stunde Sport – als Ausgleich für die schwere körperliche Arbeit. Danach, direkt vor dem zu Bett gehen, noch einmal kalt duschen.“
- Ein gewisser grayjohn, offenbar Ökonom, äußert sich ebenfalls zur Zwangsarbeit: „Liebe Vorredner/innen, bitte nehmen Sie’s mir nicht übel (im Grundsatz stimme ich mit Ihnen überein, was unbelehrbare Zeitgenossen angeht), aber früher waren so etwas einmal REGULÄRE JOBS. Die sind (leider) im Rahmen der Mechanisierung weggefallen (…) Eigentlich sollten wir nach Konzepten (nennen wir’s von mir aus Gemeinnützige Beschäftigung) verlangen, die dem Müßiggang von vorneherein vorbauen und eben nicht als Strafe, sondern als sinnvolle Tätigkeit gelten.“
- Baerchi lässt die ausgefeilte Müßiggang-Theorie grayjohns links liegen und fordert kurz und schmerzlos: „Der Typ gehört in einem Raum ohne Zeugen und dann drauf auf die Nase aber richtig“ (kurz darauf von der Redaktion gelöscht).

Ein Gedanke zum Schluss: Diese Presseschau zeigt recht gut, mit welch Eifer und Kreativität unsere Mitbürger von den Möglichkeiten der Kommentarfunktion Gebrauch machen, wenn man sie nur lässt. Allein zum Thema Lager und Zwangsarbeit! „Den Borkenkäfer bekämpfen“, „Schlagstock raus und drauf“ oder „dem Müßiggang von vorneherein vorbauen“ waren nur die drei geistreichsten Ideen. Dies sollte für die Politik Ansporn sein, basisdemokratische Elemente überall in unserer Gesellschaft voranzutreiben. Warum nicht über die Höhe des Hartz 4-Satzes in einem Volkbegehren abstimmen lassen? Oder über die Befugnisse der Polizei? Und weshalb sollte nicht die Mehrheit über die Einführung der Todesstrafe (für Kindesmißbrauch o.Ä.) abstimmen dürfen?

Je direkter desto besser,
sagt Sebastian Loschert

Hier spricht der Erdvater

Wow. Wahnsinn.
Es folgt eine wichtige Mitteilung des Erdvaters zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan:

Link.

Wirkt wohl am besten auf LSD. Unbedingt nachts anschauen und Licht im Zimmer aus, sonst wirkt die Hypnose nicht.
Gibt’s eigentlich auch Videos vom Weltgeist?

Jeder Tag ist der 2. Juni, und jede Stadt ist West-Berlin

Über zwei Polizisten, die die Seite nicht gewechselt haben, und anderes

Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg, der gegen den Shah von Persien demonstrierte, erschoss, und damit eine Radikalisierung der 1968er Studierendenbewegung provozierte, hat für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet. Mit gewohnt professionellen Timing hat das Amt Birthler rechtzeitig zum Jahrestag 2009 mit der Veröffentlichung dieser Neuigkeit seine eigene Relevanz unterstrichen, und das Feuilleton, die Staatsagentur für dynamische Neuinterpretation historischer Lasten, nutzt die Gelegenheit, um die Frage aufzuwerfen, ob jetzt die Geschichte von 1968 umgeschrieben muss.

1. Das das muss sie allerdings. Immer und immer wieder. Ein ganzer Industriezweig ist mit nichts anderem beschäftigt.(1) Die Geschichte von 1968 muss ständig umgeschrieben werden, nach den Erfordernissen des Tages, wie jeder Teil der deutschen Geschichte. Anders könnte kaum jeder vergangene Mord zum Argument für die Fortdauer dieser Gesellschaft, die ihn begangen hat, dienen, statt, was er ist, zum Argument für ihre Abschaffung. Man übersetze, wenn man diesen Satz nicht versteht, Gesellschaft mit Herrschaft: es ist das gleiche.

Diese Gesellschaft erschafft sich ihre Geschichte, zu ihrem eigenen höheren Ruhme, und die so entstehende offizielle Geschichte ist genau dafür da, dass, was die wirkliche Geschichte angetrieben hat, nicht mehr darin vorkommt. Nachdem die westberliner Studenten wieder vernünftig geworden waren und freudig nach der ihnen dargebotenen Bestimmung gegriffen hatten, nämlich kleine und mittlere Funktionäre der Herrschaft zu werden, erfanden sie die Geschichte von 1968 als einer Bewegung westberliner Studenten;(2) es ist die historischer Schuld des damaligen jungen Proletariats, unserer Eltern, dass sie die Revolte von Anfang an, durch ihre Passivität, in den Händen dieser Studenten haben fallen lassen, in welche Hände sie nämlich als allerletztes gehört hat. Sie haben auch ihren Preis dafür zahlen müssen, nämlich lebenslange Arbeit, und noch wir nach ihnen.

Andere Ideologen haben, zu verschiedenen Zeiten und für verschiedene Zwecke, 1968 in der überfälligen Modernisierung des rückständigen Adenauer-Staates, in der Erneuerung der SPD, in der anti-imperialistischen Reaktion gegen die amerikanische Dominanz, im Verfassungspatriotismus oder (zuletzt) der endgültigen „West-Bindung“ der Bundesrepublik enden lassen, also eigentlich in der Neugründung der Republik; was links oder rechts über diesen Konsens überstand, bemühte sich, nachzuweisen, dass die Bewegung von 1968 eigentlich (für die Nationalen der Richtung Dutschke) die Volksbefreiung als revolutionäre Wiedervereinigung, oder (für die Relikte des Leninismus) die Errichtung irgendeines „sozialistischen Staates“ im Sinn hatte; in jedem Falle aber gerade das, was die eigene Partei gerade als politische Ware im Angebot hatte, aber nie das, was man, nach Abzug aller Irrtümer, von 1968 übrig behält: den Aufstand, und die Verweigerung, und nicht zu vergessen: die Rache für den vergangenen Mord.

Um genau das aus der tatsächlichen Geschichte zu streichen, dazu bedarf es der offiziellen Geschichte. Und sie muss, unabhängig von Kurras, tatsächlich umgeschrieben werden, immer, jederzeit. Ob sie wahr ist, diese Frage ist so sinnvoll, wie, ob sie blau ist oder rund.

2. Und jetzt hat also ein Agent der DDR Ohnesorg erschossen. Wenn man das nur damals gewusst hätte; vielleicht wäre man weniger radikal gewesen! Immerhin, der geschossen hat, ist zweimal dafür freigesprochen worden, und man wusste: sie können, und werden, jederzeit nochmals schiessen, straflos. Wir sind jagbares Wild. Und so ist es geblieben. Und in der Tat, sie haben ja weitergeschossen.

Für diejenigen, gegen die sich der Staat, der rechtmässige Monolpolist der Gewalt, jede Gewalttat herausnehmen kann, spielt es keine Rolle, ob Kurras für die DDR gearbeitet hat. Für solche ist jeden Tag der 2. Juni.

Kein Teil der sogenannten Gesellschaft dieses Landes, der im Ernst jemals die Entwaffnung der Polizei gefordert hätte. Undenkbar, dass irgendein Teil dieser sogenannten Gesellschaft jemals die Schande, die Erniedrigung sich aussprechen lassen dürfte, alltäglich mit der kostümierten Staatsgewalt konfrontiert zu sein, der das Gesetz das Recht, ja die Pflicht zuspricht, durch das offene Tragen und, ja, den Gebrauch der Waffe sichtbar darzustellen, was das Wesen von Recht und von Staat ist: das Recht über Leben und Tod derjenigen, die der Staatsgewalt unterworfen sind.

Wenn noch ein Gedanke da wäre, dass es ein Leben ohne den Staat geben könnte, müsste die Bewaffnung der Polizei als eine unerträgliche, absichtliche und alltägliche Provokation, als zynische Machtdemonstration denen gegenüber erscheinen, denen das Gesetz das Tragen von Waffen verbietet.

Der Staat, das ist auf den Strassen die Polizei, und die ist allmächtig und wird, wie alle wissen, niemals für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden. Niemals. Sie ist im Ernstfall bewaffnet und anonym, sie nennt keine Namen, verhüllt ihre Gesichter und hinterlässt keine Spuren, keine Zeugen und keine verwertbaren Beweise. Sie kann foltern oder töten, und es wird nie aufgeklärt werden, warum man an Händen und Füssen gefesselt auf einer Matratze in in der Zelle im Polizeigewahrsam verbrannt ist. Und keine grössere Auseinandersetzung seit 1967, durch die sich nicht die Spur ihrer nicht geahndeten Gewalttaten zieht.

Kein Missverständnis! Gegen diese Willkür hälfe nichts, keine liberale Justiz, keine Refom des Polizeikörpers. Das ist so, und kann nicht anders sein. Dieses (unsichtbare, nicht nachweisbare) Unrecht ist notwendig. Keine Gesellschaft, die Privateigentum und Staat zu verteidigen hat, kann ihr Recht auf etwas anderes stützen als auf dieses Substratum, den alltäglichen Übergriff der Polizeimacht.(3)

3. Hat also dieser Kurras die Seiten gewechselt? Nein. Für uns ist es egal, zu welcher Partei und zu welchem Regime sich der hält, der die Waffe tragen darf. Mehr noch, war nicht Kurras seiner Sache, der Ordnung und dem Staat treuer, als der Staat es selbst war? Die Ordnung, kennt sie wirklich Grenzen? Sind nicht alle Regime, namentlich zwei deutsche Regime, Brüder? Hatten nicht beide deutsche Staaten das grösste Interesse daran, diesen Sturm zu brechen?

Die BRD hätte de Gaulle im Mai darauf, im Falle des Falles, geholfen, französische Panzer auf Paris zu werfen; Ulbricht hatte seine Panzer, im August, sogar schon auf Prag rollen. Nein, Kurras hat die Seiten nicht gewechselt.

Das führt uns zur nächsten Frage: hat Jürgen Cain Külbel, wer immer das auch sein mag, die Seiten gewechselt? Külbel war, wie Kurras, bei der Kriminalpolizei, aber in der DDR, und vertreibt sich die Zeit damit, dicke Bücher mit Gerüchten vollzuschreiben, die er aus einem gewissen libanesischen Aounisten-Forum holt, und in denen es hauptsächlich um den Mossad geht. Dieser Polizist im Ruhestand gilt deswegen als Nahost-Experte und schreibt, man hat es schon erraten, in der „jungen Welt“, über gewisse andere, neuere Strassendemonstrationen, Sätze wie diese:

„Nach dem Erdrutschsieg des amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei den iranischen Präsidentschaftswahlen am vergangenen Freitag ist es am Wochenende in Teheran zu Zusammenstößen zwischen gewaltbereiten jungen Oppositionellen, angestachelt durch zahlreiche Vermummte, und der Polizei gekommen. Die Randalierer, wütend ob der Niederlage ihres Favoriten, des 68jährigen Politveteranen Mirhossein Mussawi, riefen »Tod dem Diktator«, »Nieder mit der Diktatur« oder »Freiheit«. Sie zündeten Mülltonnen, Parkbänke und Autoreifen an, Fensterscheiben von Geschäften und Banken gingen zu Bruch. Der arabische TV-Sender Al Dschasira berichtete, die Demonstranten hätten Polizisten mit Steinen beworfen, die daraufhin mit Stöcken zurückgeschlagen, Tränengas eingesetzt und Warnschüsse abgefeuert hätten. Nach Polizeiangaben wurden rund 60 Demonstranten festgenommen.“

Gewaltbereite, vermummte Randalierer jugendlichen Alters, die Park- und andere Bänke anzünden, das uralte Feindbild wessen? Liegt es an der verfassungsschutzberichtenen Sprache, an der Unglaubwürdigkeit der gespielten Neutralität des Berichterstatters, oder an der kuriosen Verdrehung und Entstellung des Sachverhalts, dass man gar nicht auf den Gedanken kommen kann, als könnten solche Zeilen von einem anderen geschrieben worden sein als von einem Polizisten?

Er hat natürlich Recht, er steht auf der Seite der Ordnung in Tehran, er stand auf der Seite der Ordnung in der DDR, auf welcher Seite würde er am 2. Juni 1967 gestanden haben? Wir haben es, glaube ich, schon erraten. Hat der die Seiten gewechselt? Nein. Und die linke Zeitung, in der er schreibt? Ersparen wir uns die Frage.

Ersparen wir uns auch, diese Zeilen, die wie ein Lagebericht der westberliner Polizei für den 2. Juni 1967 klingen, mit der iranischen Wirklichkeit zu vergleichen. Der Ohnesorg erschossen hat, hat für die DDR gearbeitet? Wen interessiert es.

4. Jeder Tag ist ein 2. Juni, und jede Stadt ist West-Berlin. An diesem 2. Juni leben wir. Der Feind ist noch, und überall, derselbe: die Gesellschaft der Ware und der Staat. Die zu unserer Seite gehören, erkennen wir überall, und das geübte Auge des Polizisten erkennt es auch. Wenn es läuft wie eine Ente, und aussieht wie eine Ente, und quakt wie eine Ente, dann ist es eine Ente: der Aufstand im Iran ein Aufstand, und die „junge Welt“ ein Fachblatt für Polizisten.

Nichts, was man nicht schon wusste. Soll ich noch den hier aufführen, und ihr müsst raten: „Der Präsident hat klar gewonnen. Und die Leute, die dagegen demonstrieren, sind erkennbar eine kleine Minderheit: Die Jubelperser von USA und NATO. Hat jemand die Girlies gesehen, die da in bestem Englisch in die Mikrofone von CNN und BBC heulen? Das sollen die Repräsentanten des iranischen Volkes sein, oder auch nur der iranischen Opposition? Da lachen die Hühner im Capitol! Hier wollen Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und die Strichjungen des Finanzkapitals eine Party feiern. Gut, dass Ahmidenedschads Leute ein bisschen aufpassen und den einen oder anderen in einen Darkroom befördert haben.“

Die Mordfantasien, sobald es um Schwule geht, und die seltsame Neigung, es immer auch dann um Schwule gehen zu lassen, wenn es grade nicht um Schwule geht, geben schon die allgemeine Richtung an: der das geschrieben hat, ist ungefähr Jürgen Elsässer und nennt sich einen Linken. Vor ein paar Jahren hat er noch gewusst, dass, wenn es einmal dazu kommen sollte, der Kommunismus gegen die Mehrheit der sogenannten Kommunisten erkämpft werden müsste; heute ist er das beste Beispiel dafür, dass jeder Aufstand der Sorte, die es für den Kommunismus bräuchte, immer auch ein Aufstand gegen die Linken sein muss.

Soweit kommt man, mit Notwendigkeit, wenn man nationale Unabhängigkeit und ökonomische Autarkie gegen globales Kapital und Imperialismus verteidigt, man applaudiert der Despotie, und man applaudiert vor allem den Folterern.

Neben Leuten, die akzentfrei Englisch sprechen, und Schwulen, die gerade noch nicht in Gefängniskellern totgefoltert werden, hat Elsässer noch ein weiteres Feindbild. Noch mal Ratespiel? Man kann es sich tatsächlich denken. Paar Tage vorher schreibt er über – na? – vermummte gewaltbereite Randalierer, die in Berlin Autos anzünden: „Demgegenüber halte ich fest, dass solche Kriminellen mit links NICHTS zu tun haben und in JEDEM sozialistischen Staat in den Bau gekommen wären. Bißchen Uranerz kloppen in Wismut/Aue. Bißchen Schneeschippen in Sibirien.“

Der Satzbau ist ein bisschen zu flexibel, die Rede zu beschwingt, die Konzentrationslagerfantasien zu konkret und zu vordringlich: für die Aufnahme in den regulären Polizeidienst wird es nicht langen, aber vielleicht zu irgendeiner Todesschwadron? Wie nannte man nochmal die irregulären Schläger- und Jagdtruppen des persischen Shah in Zivil, die beim Staatsbesuch erst das persische Volk darstellen durften, das seinen Despoten bejubelt, und die danach zusammen mit der Berliner Polizei am 2. Juni 1967 mit Messern und Stöcken Jagd auf jugendliche Randalierer machten? Ach Gott, ja, die Jubelperser. (4)

Polizisten und Jubelperser, wohin man sieht. Jeden Tag ist der 2. Juni, in der Tat, jedes Jahr ist 1967, und jede Stadt ist West-Berlin.

Von Jörg Finkenberger

1 Man geht heute freilich etwas geschickter vor als unter Stalin. Man retuschiert heute keine Fotos mehr, es gibt auch zuviele. Die Pointe ist, dass man es auch gar nicht muss.
2 Dieser Prozess beginnt genau 1969, als die Studenten aufhören, gegen diese ihnen dargebotene Bestimmung zu rebellieren, und sich als linke Intellektuelle dem revolutionären Aufbau widmen. Die leninistischen Gruppen, die sie gegründet und angeleitet haben, sind das Aufbaustudium Menschenverwalter II, eine Zusatzqualifikation. Wer erst einmal die Rolle des Intellektuellen, der den Massen die richtige Theorie vermitteln muss, gefressen hat, ist selbst schon der Staat, mag wollen oder nicht.
3 Aber wiederum, wie Jochen Bruhn zu Recht sagt, das ist nicht etwa „das wirkliche Gesicht des Staates“, das er von Zeit zu Zeit zeigt und ansonsten hinter dem Bürgerlichen Gesetzbuch verhüllt; sondern das Gesetzbuch ist das wirkliche Gesicht, und wer daran kein Argument gegen die Abschaffung des Staates findet, dem konnte auch der 2. Juni die Augen nicht öffnen.
4 Diesem Elsässer hat sein alter Genosse Bernhard Schmid genau hierfür übrigens öffentlich was auf die Fresse angeboten. Wir können, aus angeborener Grossherzigkeit, nicht anders, als uns dem anzuschliessen.

Die Ordnung herrscht in Tehran

Über den iranischen Juni-Aufstand

Anscheinend geht alles weiter; der Aufstand ist vorbei, die ihn gemacht haben, sind auf der Flucht oder gefangen oder tot. Die sogenannte Welt, die nichts ist als ein Monster, hat längst wieder neue Neuigkeiten; es scheint, es war alles nur ein Traum.

Überall arbeitet die grosse Maschine weiter daran, dass vergessen wird, was zehn Tage Wirklichkeit war: der Iran im offenen Aufstand. Szenen, in denen tatsächlich die Aufstände von 2005 in Frankreich und 2008 in Griechenland kollidieren mit der unvollendeten, blutig von den Islamisten beendeten iranischen Revolution von 1978. (1)

Diese glückliche Formulierung beschreibt ausreichend genau, womit wir es zu tun haben: einerseits steht die Revolte vollständig auf dem Boden der bisherigen iranischen Geschichte, indem sie deren Abgründe wieder aufreisst und das, was nach dem Willen der Sieger dieser bisherigen Geschichte vergangen sein soll, wieder an den Tag wirft; andererseits ist die Revolte vollständig heutig, sie teilt mit den bezeichneten neueren Revolten dieselbe innere Tendenz, dieselbe Verlaufsform, denselben Feind; sie zeigt sogar erst die Umrisse dieser neuen Kette von Revolten in ihrem ganzen Ausmass, und weist ihr als erste den Rang einer welthistorischen Tatsache zu.

Die ganze Ordnung der Welt seit der Niederschlagung des 1968er Zyklus, dieser ganze niemals endende Gegenangriff, diese grosse alles umfassende konterrevolutionäre Totalität, wird nunmehr, da der Angriff darauf offen erwogen worden ist, erst sichtbar: in dem Masse, wie diese Ordnung, die man kurz als das bezeichnen kann, was man Normalität zu nennen gelernt hat, als abschaffbar erscheint, verliert sie ihren amorphen Charakter und wird sichtbar als das, was wir den Feind nennen wollen.

Dass dieser Feind noch nicht gesiegt haben könnte: das ist die Hoffnung, zu der der iranische Aufstand berechtigt, und sein Versprechen: dass die verlorenen Kämpfe wiederaufgenommen werden können, dass die Katastrofe, in der wir leben, nicht das Ende der Geschichte sein muss, dass ein Ausbrechen aus der Katastrofe und damit der Beginn der wahren menschlichen Geschichte möglich ist.

1. Wir sehen natürlich, es ist kaum der Rede wert, in der iranischen Revolte mehr und anderes als das Heer derjenigen Spezialisten es tut, die gewerbsmässig diejenige Form von Ignoranz produzieren, die man Information nennt.(2) Diese Leute haben über die Erkenntnisbedingungen in ihrem Beschäftszweig alles gesagt, wenn sie einstimmig erklären, niemand habe diese Revolte vorhersehen können, wo man im Gegenteil nicht anders konnte, als sie vorherzusehen; vorausgesetzt, man sieht das Versteinerte unter der Voraussetzung an, dass es wieder flüssig werden könne, das heisst: vorausgesetzt, man ist kein Spezialist, sondern Revolutionär.

Die Analysten aller Dienste, die Soziologen, die Strategen und die Journalisten, diese ganze Armada erweist sich als nutzlos gegenüber einem ofensichtlichen Faktum, das sie nicht vorhersehen konnten. Die iranische Revolte hat ihnen, für einen kurzen unvergesslichen Moment, das Wort entzogen.

Wir reden nicht von der Elitenkonkurrenz im iranischen Regime, nicht vom Modernisierungsproblem, nicht vom Legitimitätsschwund. Uns interessiert nicht der Orakelspruch dieses oder jenes Ayatallah und nicht die Umtrieben der roten Eminenz. Uns interessiert der unausbleibliche Crash dieses Systems, und dass er nur dann unausbleiblich sein wird, wenn die Revolte ihn unausbleiblich macht; und interessiert die zur Krise radikalisierte Kritik.

Musavi und Ahmadi Nejad, Khamenei und Rafsanjani, interessieren uns nur soweit, dass sie einander auffressen sollen; und dass sie, wie wir wissen, es sofort täten, wenn sie nicht eines fürchten müssten: die Revolte, und dass sie es nur deswegen doch tun, weil sie vor allem eines fürchten müssen: die Revolte.

Die Revolte, sogar das Gespenst der Revolte ist es, ein böser Traum von denen, die das Regime seit 1978 gehenkt und erschossen hat, vor dem sie davonlaufen müssen; der Revolte, die den Zerfall der iranischen Elite, dann den Zerfall der Partei Gottes und zuletzt den Zerfall der Ordnung der Dinge im ganzen Mittleren Osten möglich machen kann, wenn sie siegt. Und sie wird damit diejenige Bühne einreissen, auf der die Menschheit sich im verdrehten Abbild der Konflikte, die sie zerreissen, betrachtet, und das Schauspiel beenden.

2. Eine Analyse des Gefüges der iranischen Macht werden wir nicht schreiben. Aber wir verstehen, dass die unseren eine Landkarte brauchen, um die Ereignisse einzuordnen und die Schlüsse, die wir aus ihnen ziehen, kritisieren zu können.

Nach der Revolution von 1978 löschten der Imam Khomeini und seine Partei Gottes die bürgerlichen Kräfte und die Linke in einem zweijährigen Bürgerkrieg aus und errichteten ihre neue Ordnung. Sie konnten das, weil, wie sich zeigte, die Linke keine gesellschaftliche Kraft mehr repräsentierte. Das Proletariat, das zu führen sie einmal vorgeben konnte, hatte den Pakt im Laufe der 1970er Jahre aufgekündigt, und es war gut beraten daran, denn die Linke hatte nichts zu versprechen als die Hölle der Fabrikgesellschaft auf nationaler Grundlage. Das ist die Wahrheit des Anti-Imperialismus.

Niemand ausser dem Imam, einem Genie der Konterrevolution, wenn je eines war, fiel eine Antwort der Ordnung auf das revoltierende Proletariat ein, das den sofortigen Eingang ins Paradies verlangte. Er verkündete eine abstrakte Erlösung, die das menschliche Glück durchstrich und zusammenfiel mit dem Opfertod im vaterländischen Krieg. Es gelang ihm, die Krise stillzustellen. Gelöst hat er sie nicht.

Die Ordnung, die er gegründet hat, ist ein ständiger Parallelismus zwischen einer Republik, mit Gesetzen und Parlament, und einer islamischen Umwälzung, die nicht vollendet werden kann, und deren Einrichtungen neben dem Staat her bestehen, in ihn eingreifen, im Zweifel ihn bestimmen; eine ständige Gleichzeitigkeit von Republik und Ausnahmezustand.

Die Republik bedarf der Stabilität, Berechenbarkeit, des ruhigen Gangs der Geschäfte. Aber nur die Einrichtungen des permanenten Ausnahmezustands garantieren den Bestand des ganzen Systems. Die Kapitalistenklasse kann den permanenten Krieg und die Mobilisierung der Entrechteten nicht brauchen; aber sie abstreifen, wie eine vergangene Epoche, kann sie auch nicht, denn ohne den Gewaltapparat kann sie nicht herrschen. Die derzeitigen Repräsentanten dieser Partei sind Leute wie Rafsanjani. Die andere Partei ist die Partei der Revolutionsgarden, der Pasdaran.

Die Pasdaran und Ahmadi Nejad sehen in Rafsanjani die Verkörperung der Korruption, die das ganze System eines Tages den Amerikanern verkaufen wird. Rafsanjani und die reformistischen Mulahs sehen in Ahmadi Nejad und seinen Leuten gefährliche Fanatiker, die die Legitimation des Systems in Frage stellen. Beide Seiten wissen, dass die andere Seite auf ihren Tod ausgeht, und beide wissen, dass sie die andere Seite selbst treffen müssen, bevor sie zuschlägt. Aber keine Seite kann zuschlagen, ohne den Obersten Rechtsgelehrten zu beseitigen und damit das ganze System in Frage zu stellen.(3)

3. Das ist die Situation, in der dieses System unglücklicherweise Wahlen abhalten muss.(4) Zur Kandidatur zugelassen wurden wie immer nur erprobte Männer des Systems, ausnahmslos hochrangige Mörder. Einer davon hiess Ahmadi Nejad, ein anderer Musavi: jeder stand für eine der beiden grosse Parteien.

Dass nun die offiziellen Ergebnisse dem einen einen derart unverschämten Sieg zusprechen würden, konnte man tatsächlich nicht wissen, und Gott allein mag wissen, warum seine Partei so ungeschickt manipuliert hat. Dass Musavi die rasende Tollkühnheit besitzen sollte, das Ergebnis nicht zu akzeptieren und „seine“ Anhänger für den nächsten Tag zu einer „Siegesfeier“ aufzurufen, am Abend, auf den Strassen: das hätte man wissen können, wenn man gewusst hätte, wie tief der Riss zwischen den Herrschenden schon ist; wenn man es nicht gewusst hat, weiss man es danach.(5) Dass aber dann mehrere Millionen sich diese Einladung zum Tanz nicht zweimal sagen liessen, das hat man unbedingt wissen müssen. Sie wären auch ungebeten gekommen. Zwei Tage später zeigte Musavi schon, dass er gar nicht in der Lage war, sie zu kommandieren, sondern ihr folgen musste.

Ausgerechnet Musavi, der kalte harte Hizballahi, in der spasshaften Lage, Geisel mehrer Millionen Menschen zu sein, die nicht nur forderten: Nieder mit dem Diktator!, sondern immer mehr: Nieder mit Khamenei!, und das heisst: nieder mit der islamischen Republik. Das hätte er sich nicht träumen lassen, als er noch die Linken hat ausrotten helfen, in den 1980ern.

4. Und nein, das ganze war keine Bewegung für mehr Demokratie, mehr Transparenz, und für eine bürgerliche Ordnung, und schon gar kein von den USA unterstützer Plan des Regime Change, und niemand wird es schaffen, dieser Revolte das lächerliche Epitheton „twitter revolution“ umzuhängen.

Was im Iran ausgebrochen ist, war nicht eine prowestliche „Demokratie-Bewegung“, hier wartet keine Glasnost auf ihren Yeltsin, und auch kein Protest von Studenten mit gutgemeinten Vorschlägen zur Verbesserung des Gemeinwesens, den man, wie in Peking auf dem Tian-a-Men vor 20 Jahren, mit Panzern niederwalzen könnte.

Und nein, es war keine Bewegung der Mittelklasse aus dem Norden Tehrans, keine städtische Bewegung, die an der Mehrheit der Iraner vorbeigegangen wäre, und was des Unsinns allses sonst noch ist, der zentimeterdick über diese paar Tage geschrieben worden ist. Wenn bei Iran Khodro gestreikt wird, während die proletarische Jugend aus der Südstadt zusammen mit den Studenten auf den von brennenden Autos und Banken erleuchteten Strassen Tehrans ihr Fest feiert, dann geht es offensichtlich um etwas anderes als um eine gefälschte Wahl.

Ein gewisser Mulah(6) hat einen grossen Teil dieser Bewegung zu muharibun erklärt, zu solchen, die gegen Gott und seine Gesellschaft Krieg führen; das ist etwas, worauf im iranischen Recht der Tod steht. Und man muss ihm recht geben: wie gross war aber dieser Teil? Hat man tatsächlich für seine Stimme gekämpft, für die Republik, gar für den Kandidaten Musavi? Man hat dessen Einladung angenommen, die Gesten und die Parolen der Revolution von 1978 zu wiederholen; aber hat man sich damit begnügt? Man hat sich damit von Musavi das Recht an der Erbschaft der Revolution abtreten lassen, und man schon hat angefangen, damit ernst zu machen.(7) Als er die Demonstrationen zur Gewaltlosigkeit aufrief und damit zuliess, dass nur die Milizen schossen, hat ihn der grösste Teil verlassen. Das Lager der Revolte ist nicht das Lager seiner Anhänger, und die Konflikte der Elite, zu der er gehört, sind den Revoltierenden schon egal; sie wollen das Ende des Regimes, und sie haben nur vorerst die Schlacht verloren.

Und das heisst: es ist keine politische Macht heute sichtbar, die den Iran nach diesem Regime regieren könnte, und was als grosser Nachteil dieser Bewegung verhandelt wird, dass sie nämlich keinen Führer hatte, wie damals der Imam einer war, das ist für uns ihr grösster Vorteil. Denn die Sache, die heute einzig zu verhandeln lohnt, kann keine Führer haben.

Jede der Mächte ist davor zurückgeschreckt, die Entscheidung zu suchen, weil keine dieser Mächte die Entscheidung überleben würde. Und der einzige Akteur, der die Entscheidung herbeiführen könnte, die in Bewegung geratenen Massen, haben sich von der Bühne zurückgezogen. Aus Gründen, wie man weiss, und nicht für immer. Diese Revolte wird ihre Fortsetzung finden, und bald finden.(8)

5. Was danach kam, war die Repression der Miliz, der Schlägertruppen und der Todesschwadrone. Man weiss nur die Umrisse: aber sie werden sich furchtbar rächen für das, was ihnen getan worden ist. Man hatte sie angegriffen, gleich zu Anfang und ganz offen, ganz gezielt, man hat sogar ihre Kasernern angezündet, sie hatten in den ersten Tagen nicht viel weniger Tote als die Revolte, man hat, was am schlimmsten ist, ihre Macht in Frage gestellt.

Noch weiss man nicht, wie viele von den unseren sie mitgenommen haben, wieviele sie noch foltern, wieviele schon heimlich vergraben sind und wieviele verschwunden bleiben werden. Noch weiss man nicht, ob bei denen, die noch frei sind und am Leben, die Wut schon der blanke Verzweiflung gewichen ist, oder ob sie bereit sind für einen neuen Anlauf.

Aber dass gegen die rechtmässigen Inhaber der Gewalt, gegen die Hüter der Ordnung jede Massregel erlaubt ist, das weiss man bereits.

Die Ordnung herrscht wieder in Tehran; wie lange noch, wie lange! Wir aber erklären, muharibun zu sein, und zu bleiben; das ist unser Gruss an die Genossinnen und Genossen im Iran, unsere Pflicht ist, alles zu tun, dass ihr Beispiel nicht verloren sein wird; und sie nicht allein lassen zu wollen, bis der Tag kommt, wo wir niemanden der unseren mehr alleine lassen müssen.

von Jörg Finkenberger

1 Nach der nicht zu übertreffenden Formulierung der Gruppe um insurrectioniran.wordpress.com.
2 Wenn die Ware das Gegenteil von Reichtum ist, und alles drängt uns, das annehmen zu müssen, dann ist die Information das Gegenteil von Wissen: der informierte Mensch ist derjenige Trottel, der, statt zu verstehen, darauf angewiesen ist, die Produkte der Spezialisten zu kaufen.
3 Ich habe davon abgesehen, diese sehr oberflächliche Darstellung wirklich, mit einer Erörterung der wirklichen Gründe für das iranische Dilemma der Herrschaft, zu vertiefen; ich habe das vor eineinhalb Jahren schon geliefert, http://letzterhieb.blogsport.de/2007/11/29/die-kommenden-revolten-und-ihre-bedingungen/.
Kurz gefasst: das iranische Regime muss versuchen, die zunächst immer unregierbaren Massen zu disziplinieren, und zwar in einer Zeit, in der nicht alle mehr in den Fabriken gebraucht werden können. Das ist seine historische Mission, und wenn es scheitert, weiss niemand, was danach passiert. Es braucht gleichzeitig Krieg, und tiefgreifende Modernisierung, um der Massen Herr zu werden; und das zweite geht nur durch Verständigung mit den USA. Es geht nie beides, und es muss doch beides geben, das erzwingt die Furcht vor den Massen; das Regime muss in zwei Parteien zerfallen, die sich auf den Tod bekriegen und die andere doch nicht besiegen werden wollen, weil sie wissen, dass diese sie mitreisst. Und die es, ich beobachte es aufmerksam, doch vielleicht tut, wenn die Revolte sie dazu zwingt.
Ich habe, übrigens, auch davon abgesehen, die Revolte nach strategischen Gesichtspunkten zu analysieren. Ich zeige kurz auf, was noch zu tun wäre: die Revolte hat sich am Anlass, der Wahl, genüge sein lassen, sie hat den Versuch, sich hinter rein politische Forderungen zu bringen, nicht ausdrücklich zurückgewiesen, sie hat nur symbolisch gezeigt, dass sie nach der Entscheidung gravitiert, und sie blieb vor den alles entscheidenden Punkten stehen: der Bewaffnung und der Besetzung der Fabriken. Die Erdölarbeiterschft ist, das ist vielleicht der entscheidende Mangel, völlig ruhig geblieben. Wahrscheinlich wird einer der nächsten Akte des Dramas, mehr oder weniger erfolgreich, das nachzuholen versuchen.
4 Es ist ein Grundmangel der iranischen Demokratie, dass die Kandidaten vom sog. Wächterrat vorher überprüft und zugelassen werden müssen; in vollends integrierten, dh. vollständig unterworfenen Gesellschaften wie der unseren oder der amerikanischen passiert so etwas spontan, ohne Zutun einer besonderen Stelle. Hier ist Rousseaus Vision schon Wirklichkeit, dass im Wahlakt der einzelne Wähler nicht als Privatmann, sondern gewissermassen als Agent des Gesamtwillens handelt; dass es tatsächlich Leute gibt, die dazu tendieren, den zu wählen, der in Umfragen vorne liegt, lässt sich auch gar nicht anders erklären.
5 Und das musste man wissen! Rafsanjani hat Ahmadi Nejad mit den monfeghin verglichen, den mujahedin e khalq, mit Leuten, die man gehenkt hat; und ist umgekehrt mit ähnlichem belegt worden, zwei Tage vor der Wahl, und die Leute haben gelacht und getanzt dazu auf den Strassen. Wieviel fehlt, und sie erklären sich gegenseitig takfir und verurteilen sich zum Tod?
6 Namens Ahmad Khatami, im zentralen Freitagsgebet, am 25.6.
7 Man hat Allah akbar! gerufen; aber man hat Marg bar Khamenei! dazugesetzt. Das ist das se ut dominum gerere der Revolte: wenn nicht die Republik, sondern die Revolte Erbin von 1978 ist, sind alle Kämpfe wieder offen, und die islamische Republik muss verschwinden.
8 Und der Konflikt zwischen den Herrschenden wird tiefer. Immer noch, und täglich. Es ist ihnen für jetzt gelungen, die Strasse aus ihrem Konflikt herauszuhalten. Es wird nicht bestehen.

Vermischtes

Das Polizei-Spiel

Wir möchten Euch heute ein Spiel vorstellen, das nichts kostet, spannend ist und perfekt für laue Sommerabende geeignet ist. Man kann es alleine spielen, aber mit mehreren Menschen macht es definitiv mehr Spaß. Bei Tag ein Vergnügen, bei Nacht ein Gedicht.
Benötigt wird dazu lediglich ein Polizeiauto auf Streife. Es gibt 3 Spielarten, die unterschiedlichen Nervenkitzel versprechen:
Stufe 1: dir begegnet eine Polizeistreife. Fange an, hektisch in deiner Hosentasche zu kramen. Wirf einen Papierfetzen oder etwas ähnliches, das du in deiner Tasche findest, auf den Boden (ein Punkt) und fange an zu rennen (ein Punkt). Sie werden dich verfolgen (drei Punkte), glaube uns. Wenn du Glück hast, wird ein Polizist auf dem Boden umher kriechen, um die Sachen zu suchen, die du weggeworfen hast (fünf Punkte). Bei der Personalienkontrolle (minus drei Punkte)solltest du dir möglichst blöde Antworten einfallen lassen, dies treibt den Spaß auf die Spitze.
Stufe 2: Renne vor der Polizei weg (ein Punkt) und schmeiße dich in eine Hecke oder verstecke dich woanders (drei Punkte). Sieben Punkte bekommst du, wenn sie dich nicht finden, minus drei Punkte, wenn sie dich „erwischen“.
Stufe 3: Mit mehreren Spielern verwirrt ihr die Polizei noch mehr, indem ihr urplötzlich in ganz verschiedene Richtungen rennt (zwei Punkte).
Das Spiel macht mehrere Stunden Spaß. Gewonnen hat bei mehreren Spielern derjenige mit den meisten Punkten. Einzelspieler können aber auch einen städteweiten, nationalen oder auch internationalen Highscore einrichten, um sich mit anderen zu messen. Viel Spaß!

Die Krawalle in Berlin und Hagen Strauss in der Mainpost

Herr Strauss scheint ein Szene-Kenner zu sein. Er kennt die Bedürfnisse der Menschen, er kennt ihre Existenzängste. Und er kennt natürlich auch diejenigen, die keine Ängste besitzen dürfen, weil sie nicht die Seinen sind. Zum ersten Mai in Berlin schreibt Herr Strauss deshalb auch, dass die „verblendeten Links-Autonomen […] gar nicht motiviert durch reale Existenzängste“ seien. Aber Herr Strauss weiß nicht nur viel über die Chaoten, sondern weist auch dem Proletariat den Weg in die Zukunft. Denn „Klassenkampf ist sowieso etwas anderes.“ Genosse Strauss, großer Steuermann, zeige uns, was der richtige Klassenkampf ist! Wir sind gespannt.

Was wir von Gregor Gysi lernen können

Uns scheint es, als hätten sie, Herr Gysi, an einem Redaktionstreffen des Letzten Hypes teilgenommen. Und andererseits verdeutlichen Sie uns, wie sehr wir einer Polit-Sekte mit den üblichen Ego- und Alkoholproblemen ähneln. Denn ähnlich wie bei den K-Grüppchen innerhalb der USPD hocken auch wir zusammen, „schlechtester Rotwein, alles vollgequalmt, ein bisschen Petting, am Ende verabschiedet man ein Papier von 35 Seiten, in der die Welt analysiert ist, aber haarscharf.“ Wir haben die Anspielung im Spiegel-Interview verstanden, Herr Gysi, und wollen sie auf zwei kleine Fehler hinweisen:
1.In Sachen Petting haben Sie uns einiges voraus. Meistens kommt es trotz, oder gerade wegen, des Vollsuffs nicht zum Fummeln.
2.Der Letzte Hype hat zumeist nur 28, manchmal auch 32 Seiten. Außerdem sind nur gerade Seiten möglich.
Wenn es Ihnen Freude bereitet, mal an einer Redaktionssitzung des Hypes teilzunehmen (ob mit oder ohne Petting), dann schreiben Sie doch an letzterhieb@gmx.de. Keine falsche Scheu!

Deutschstunde im Spiegel

Nach „Wir Deutschen“, „die Geschichte der Deutschen“, „die Deutschen“ und „Unter Deutschen“ beschert uns der Spiegel einen neuen atemberaubenden Titel in der Reihe der kollektiven Konstruktionen: „Der verschenkte Frieden- Warum auf den Ersten Weltkrieg des zweiter folgen musste“. Das Lesen des Titels reicht bereits, um Deutschlands neue weiße Weste, an der der Spiegel fleißig mithäkelt, zu begreifen. Denn „uns“ blieb anscheinend nach Versailles nichts anderes übrig, als zu einer barbarischen Bande von Nazis zu werden. Die weiteren Ausführungen zu Nahost-Konflikt, USA und Vietnam sind ebenso gruselig, wenn nicht gruseliger. Bitte nicht lesen, es ist die Zeit nicht wert. Macht lieber etwas schönes.
Welchen Titel man wohl nie auf dem Spiegel finden wird: „Was sie schon immer über Deutschland wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten…“

Von Liberalen und anderen Balzvögeln

Hunter S. Heumanns Bericht zweier blau-weißer Festivitäten

Nun, es passiert ja nicht gerade viel in der Gegend. Die Langeweile ist derart groß, dass ich den Polizeibericht eines vergangenen Wochenendes als kleines Highlight für mich entdeckt habe. Ein paar Schlägereien, Vandalismus, Exibitionisten und ab und zu sogar eine brennende Mülltonne. Dieser Öde entkommt man schwer.
Es sei denn, man schafft es, sie zu verdrängen. Hilfsmittel ist dabei entweder der liebe Herr Alkohol oder der Besuch von absurden Veranstaltungen. Das größte Vergnügen ist jedoch die Kombination beider. Und so kam es, dass ich zwei ganz besondere Highlights in meinem Kalender der gepflegten Unterhaltung eingetragen hatte, bei denen den Farben blau und weiß eine besondere Bedeutung zukam.
Die erste Veranstaltung, der ich beiwohnte, war ein Umzug gegen Deutschland. Als Ort für diese vielversprechende Demonstration hatten sich die Veranstalter das brodelnde Herz Germaniens ausgesucht: Kitzingen. Es gibt viele Gründe, gegen Deutschland zu sein, Kitzingen ist aber mit Sicherheit einer der besten.
Nach einer schlimmen Nacht, vernebelt von dichtem, schwerem Tabakduft, klingelte es am Morgen an meiner Türe. Auf meinen Synapsen spielte der Obstler noch immer Punkrock. Das Aufstehen fiel mir wahrlich schwer. Bevor ich die Türe erreichte, schnappte ich mir noch mein Pfefferspray- denn man kann ja nie wissen, welche Freaks schon wieder vor der Wohnung stehen. Was sich mir darbot, kam tatsächlich einer Freakshow relativ nahe. Da standen drei Leute mit verquollenen Gesichtern und Augenrändern bis zum Allerwertesten. Einer stammelte irgendetwas von „Elektroparty“ und „Nacht durchgetanzt“. Ach richtig, das waren die Herren, die mich zur Demo abholen wollten. Mit flauem Gefühl im Magen stieg ich also ins Auto. Im Nachhinein frage ich mich, ob es der Gesamtsituation zuträglich war, dass ich es genoss dem Fahrer während der Fahrt vom hinteren Sitz permanent meine Knie in den Rücken zu rammen. Vielleicht war dies aber auch die einzige Möglichkeit, ihn wach zu halten. Wir werden es nie erfahren.
Wir kamen in Kitzingen an. Die Sonne schien, die Tiere am Mainufer freuten sich über diesen wunderschönen Frühlingstag. Zumindest nahm ich es so wahr. Ein böser Mann mit blauen Adiletten und feuerrotem Kopf schimpfte von seinem Balkon herab. Seine Stimme klang wie ein Polizeiauto, inklusive Doppler-Effekt. Er schien nicht sehr erfreut darüber, dass die Abschlusskundgebung dieser Demonstration vor seinem Haus stattfinden sollte. Dicke Luft, ich hätte auffallen können, nur raus hier. Mir war das ganze Theater sowieso recht egal. Ein Freund und ich setzten uns bis zum Anfang der Demo an den Main und schauten Enten beim Geschlechtsverkehr zu. Ein faszinierendes Schauspiel! Der Umzug sollte am Bahnhof beginnen, und so begaben wir uns in seine Richtung. Was gehört zu einer guten Bahnhofskneipe, in der man sich schon um die Mittagszeit volllaufen lassen will? Das rustikales Ambiente, Sportwimpel, Faßbier- sonst nichts. Und genau eine solche fanden wir auch vor, was uns zum Konsum von einem, zwei oder auch drei Hopfengetränken verleitete. Von den gemütlichen Stühlen im Hof der Trinkhalle konnten wir dann auch beobachten, wie lange vor den Demonstranten die Ordnungshüter den Platz inspizierten- und mit Ihnen dieser Herr vom Staatsschutz mit dem schönen Holzfällerhemd und der modischen Sonnebrille. Irgendwann ging die Demo dann auch los. Es gab 100 Israel-Fähnchen, 50 Demonstranten und kaum jemanden auf den Straßen. Ein paar Kids freuten sich über die Bonbons und Plätzchen, die von Antifas verteilt wurden. Lächelnde Kinder waren dann aber auch schon die ganze Außenwirkung dieser antideutschen Hateparade. Die Musik vom Lautsprecherwagen war schlimm. Ich wünschte mir Schleimkeim, aber niemand wusste, was ich damit meinte. Punk ist halt auch nicht mehr, was er mal war. Angekommen bei der Abschlusskundgebung trank ich noch ein paar Vodka-Redbull. Mir wurde schwindelig. Betrunken in Kitzingen. Die Reise war’s wert.
Wenige Tage später hatte meine Leber bereits das nächste weiß-blaue Großereignis zu befürchten: Die Kanzlerin sollte in unsere gottverlassene Stadt kommen. Aber niemand hatte ihr einen Thron gebaut. Bewaffnet mit einer Flasche Apfelkorn und einer Hubschraubermütze begab ich mich barfüßig zum Marktplatz. Und verdammt, dieses unentwegte Augenzucken. Hunderte, wenn nicht tausende Menschen, viele mit Lederhosen an, fast alle mit Schaum um den Mund, warteten gespannt auf die Rede der Fürstbischöfin. Ich setzte mich an den Obelisken, an dem sich am Wochenende normalerweise die Punks treffen, und versuchte, mein zuckendes Auge in den Griff zu kriegen. Keine Punks in Sicht. Deren Rolle sollten heute die Milchbauern spielen. Die Landwirte protestierten gegen den niedrigen Milchpreis und riefen unverständliche Dinge, die wie ein lautes „Muuh!“ klangen. Wenn mich meine Sinne nicht täuschten, hatten die Milchbauern sogar eine Kuh mitgebracht, die stark nach Stall roch. Die freundliche Kuh schmatzte zufrieden vor sich hin. Kurz überlegte ich mir, ob ich ihr ein paar Pommes vom Marktstand holen sollte. Die Widerkäuerin war zweifellos die sympathischste Person auf dem gesamten Platz. Aber ein Ereignis machte meine Pläne zu nichte: Da stand er wieder, der Mann vom Staatsschutz. Er hatte immer noch das selbe Holzfällerhemd an. Ob er es zwischendurch wenigstens mal gewaschen hatte? Eine Angstattacke überkam mich. Kann es sein, dass dieser Mann mich verfolgt? Dass es weiß, dass ich selten vor zwölf Uhr aufstehe, dass er mich beim umziehen beobachtet? Ich versuchte, mich hinter der Kuh zu verstecken, die vielleicht gar keine Kuh war. Die Rede der Königin hatte bereits angefangen. Ich kann mich an kein einziges Wort mehr erinnern. Im Schatten der Kuh drückte mir ein junger Mann ein Flugblatt einer liberalen Partei in die Hand. Seine Art und Weise, um die Leute herumzutänzeln und Wahlpropaganda zu verteilen ähnelte dem Balztanz der Enten bis ins Detail. Bei genauerem hinsehen erinnerte mich der junge Mann aber nicht mehr an ein süßes Entchen, sondern eher an einen Kampfhahn mit etlichen Schmissen im Gesicht. Da waren noch mehr Menschen, die Flugblätter verteilten. Eine bedrohliche Situation. Sie hätten mich mit ihren Schnäbeln zerhacken können. Sollte dies mein Ende sein? Panisch rannte ich davon, schreiend stieg ich in die erste Straßenbahn, der ich begegnete. Zufälligweise war es die richtige. Ich schleppte mich in mein Bett und schlief 20 Stunden am Stück. Ich bin wirklich froh, noch am Leben zu sein.

Hunter S. Heumann

Codex Cairo

Codex Cairo

Über die freiwillige Selbstkontrolle der sogenannten Jugend- und Subkultur Würzburgs

Es gibt wohl wenige weitere Städte über 100.000 Einwohner in Deutschland, in denen die selbst ernannte Subkultur derart gut abgehangen daherkommt. Je weniger dem Begriff Subkultur eine gesellschaftliche Realität zukommt, desto mehr scheint man der Lüge, dass eine Integration in städtische Jugendarbeit irgendetwas mit alternativer Subkultur gemein haben könnte, als Selbstbestätigung zu bedürfen. Jegliches negative Potential, das in in einer Subkultur vielleicht einst steckte, ist und wird verbraucht. Das Autonome Kulturzentrum hatte es verloren und sich damit selbst ad absurdum geführt, das Cairo als neues AKW mit besserer Organisationsstruktur und perfektionierten Integrationsmechanismen betreibt die Konsensstiftung mit dem Bestehenden nahezu perfekt.

Subkultur brought to you by Stadtsparkasse Würzburg

Als sich ein paar Leute vor einem viertel Jahrhundert entschlossen, das Autonome Kulturzentrum zu errichten, war es mit Sicherheit noch möglich, den Begriff Subkultur zu verwenden, ohne dabei an staatlich eingehegte Vergnügungstempel zu denken. Denn es schwang ein kritisches Potential mit, das eine Realität besaß: Nämlich die Perspektive, dass die Geschichte noch gar nicht begonnen habe, dass ein gesellschaftlicher Umbruch möglich sei, der die Mauern der alten Welt einreißen werde, und damit die Gewissheit, dass sich eine Bewegung gegen das Alte stellen könne, die nicht nur aus ein paar Linksradikalinskis bestehen würde, sondern aus einer breiten Gegenbewegung, zusammengesetzt aus, im weitesten Sinne, alternativen Kulturschaffenden.
Die Geschichte zog einem solchen Verständnis von Subkultur den historisch-realen Boden unter den Füßen weg. Was sich in den 80ern als alternative Subkultur verstand, wurde spätestens in den 90ern die Avantgarde der neubürgerlichen Produktivkraftentwicklung. Wer sich vorgestern noch im subkulturellen Sumpf bewegte, verstand sich gestern schon als kommunaler Anwalt eines verstümmelten, herrschaftsaffimativen Verständnisses eben dieser Subkultur. Im AKW mag bis vor ein paar Jahren noch der eine oder andere kritische Gedanke konserviert worden sein, der einst in der Subkultur steckte, am Ende blieb davon nicht mehr übrig als eine schwache Erinnerung. Interessanterweise, und im Nachhinein wohl auch fatalerweise, fand in Würzburg nicht das „Outsourcing“ des kritischen Potentials statt. Denn die Marginalisierung der linken Herrschaftskritik führte in anderen Städten durchaus zu zahlreichen Neugründungen von kleineren autonomen oder alternativen Kulturzentren. Im Nachhinein ist es schwer nachzuzeichnen, weshalb dies in Würzburg nicht geschah. Mit Sicherheit spielte die Wahrnehmung des AKWs als das eigentliche subkulturelle Kulturzentrum, das aber längst keines mehr war, eine bedeutende Rolle. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die gesellschaftliche Entwicklung den kritischen Begriff von Subkultur zunichte gemacht hat, und dass genau deshalb städtische Jugendzentren wie das Cairo oder der B-Hof(1) eigeninitiative „Kulturschaffende“ anziehen können, die sich als Teil einer wie auch immer gearteten alternativen Subkultur verstehen, obwohl das kritische Potential beim Eintritt in die ehrenwerte Gesellschaft der Jugendarbeit an der Garderobe abgegeben werden muss.

Du bist Würzburg

Die Ironie an der Sache ist, dass durch das Ende des AKWs eine Wahrheit endgültig ans Licht kommt: städtischen Kulturzentren kommt die Deutungshoheit über den Begriff von Jugend- und Subkultur zu. Während sich die so genannte Hochkultur noch einbildet, eine eigenständige, unabhängige Sphäre zu sein, hat dies die Jugendkultur überhaupt nicht mehr nötig: Was „Independent“ ist, das bestimmt nun die Stadtkultur. Dabei darf eine Sache nicht falsch verstanden werden: obwohl es das Cairo natürlich bewusst intendiert, den Extremismus aus dem Jugendkulturhaus heraus zu halten, kann die Abmilderung von jeder kulturellen Veranstaltung nicht an einzelnen Menschen festgemacht werden: Es sind die Charaktermasken der städtischen Sozialpädagogik, welche ihren Sinn immer in der gesellschaftlichen Integration der Jugend hatte und hat. Diese Rolle spielt das Cairo nahezu perfekt. Das Jugendkulturzentrum stellt die Scharnierfunktion zwischen selbstinitiativem Engagement und der Konsensstiftung mit kommunaler Kultur dar.
Und so kommt es, dass die Stadt nicht mehr als Gegnerin, sondern als Partnerin wahrgenommen wird. Die AgentInnen der städtischen Jugendarbeit treten dabei als Anwalt der sich selbst zähmenden Jugend- und Subkultur auf, während die Kulturbeauftragten der Stadt Würzburg dieser Art von Kultur zum größten Teil Wohlwollen entgegenbringen, solange nach deren Spielregeln gespielt wird. Und es wird nach den Spielregeln gespielt.
Die VeranstalterInnen müssen nicht dazu gewungen werden, unerwünschte Veranstaltungen zu unterlassen. Dadurch, dass man sich in der Sphäre der städtischen Jugendkultur bewegt, lernt man automatisch, was man zu tun und zu lassen hat. Es handelt sich um eine Freiwillige Selbstkontrolle zugunsten des Würzburger Images.
Während der Begriff von Subkultur, wenn auch in einer völlig verstümmelten Variante, noch Bedeutung für gewisse Leute besitzt, ist der Begriff der Selbstorganisation anscheinend völlig aus dem Vokabular der Würzburger „Szenekultur“ verschwunden. Die Vorstellung, dass es möglich sein kann, ohne die Vermittlung von jugendkulturellen Anwälten der „Szene“ und ohne das Wohlwollen der Stadt etwas auf die Beine zu stellen: Sie scheint den Leuten, die in Ihrer Jugend vielleicht mal Revoluzzer spielten und heute Kulturschaffende sind, völlig abhanden gekommen zu sein. Keinen Begriff mehr von kritischen Interventionen und Gegenkultur zu haben bringt die Zufriedenheit mit dem totalitären Unheil zum Vorschein, die die sozialpädagogische Selbstzähmung geschaffen hat.

Die schlechteste Ausrede

In Debatten über die Möglichkeit, in Würzburg etwas zu schaffen, das sich der kulturellen Standortlogik entzieht, hat sich bei vielen Menschen eine Argumentationsweise eingeschlichen, um die eigene Resignation zu rechtfertigen oder ganz zu vertuschen: Würzburg sei eben Würzburg, hier gebe es weder eine linke Szene noch die Möglichkeit, etwas kritischeres als das Cairo zu errichten.
Ich halte dieses Argument für eine schlechte Ausrede, um der eigenen Lethargie einen höheren Sinn zu geben. Würzburg ist weder zu klein (in kleineren Städten wie Gießen, Hanau oder Göttingen gibt es auch alternative Zentren), noch zu bayerisch (selbst in einem Kaff wie Sulzbach-Rosenberg gibt es ein selbstverwaltetes Jugendzentrum), noch sind alle Zufrieden mit der gesellschaftlichen Totalität. Man kann scheitern, selbstverständlich. Aber um Scheitern zu können, muss man zuerst einmal begonnen haben. Was den Leuten fehlt, ist das Anfangen-können, das tiefe innere Vertrauen, dass man am Ende seine Ziele erreichen wird.
Es gilt, die Fragen, die scheinbar nicht mehr gestellt werden, neu zu stellen. Was will, was kann Jugendkultur? Welche Funktion erfüllt städtisch subventionierte Kultur? Die Geschichte hat das kritische Potential von Begriffen wie Kultur, Politik und Kunst unter sich begraben. Es gilt, dieses freizubuddeln. Nicht für Würzburg, sondern für diejenigen, die ihren Frieden mit dem falschen Ganzen noch nicht geschlossen haben.

Jetzt ist die Zeit, hier ist der Ort.

Benjamin Böhm

(1) Interessant ist die unterschiedliche Art und Weise, wie Jugendkultur im B-Hof und im Cairo stattfindet. Im B-Hof besteht noch ein offener Jugendbereich, es wird ein jüngeres Publikum angesprochen und die veranstalteten Konzerte dürfen auch ZuschauerInnen vom linken Rand ansprechen, um diese durch die Sozialpädagogik gesellschaftlich zu integrieren. Im Cairo hingegen wäre es schwer möglich, ein Konzert mit Antifa-Emblem auf dem Flyer zu veranstalten. Ein wesentlich älteres Publikum wird angesprochen, dem man natürlich die anarchistischen Kindereien aus dem B-Hof nicht zutrauen möchte. Die Revolution, eine Sache für pubertierende Teenies.

Anmerkungen zum Bildungsstreik

Wer hätte gedacht, dass es noch einmal nötig sei, in diesem Magazin die Proteste der StudentInnen mit einem Wort zu erwähnen. Doch die Ereignisse beim kürzlich stattgefundenen so genannten Bildungsstreik verdeutlichen zu viel, als dass man sie ignorieren könne.
Zuerst einmal: Es handelte sich um keinen wirklichen Bildungsstreik. Die 2000-3000 SchülerInnen und StudentInnen, die sich der großen Demonstration anschlossen sind nichts gegen die restlichen tausenden Studierenden, die zur gleichen Zeit in den Hörsälen saßen, weil sie zutiefst zufrieden mit dem Status Quo sind. Die Mehrheit der Damen und Herren Studierenden interessiert sich nicht für die Forderungen, einfach und alleine aus dem Grund, weil sie mit der Situation zufrieden sind. Genau deshalb kann eine Aktion nicht im isolierten Kreis der zukünftigen und gegenwärtigen Studierenden stattfinden, wenn der Protest zu einer Revolte werden soll.
Die Art und Weise, wie es die OrganisatorInnen schafften, der Demo einen revolutionären Charme zu verleihen, um sich am Ende zu beschweren, wenn ein paar hundert Menschen diesen Anspruch ernst nehmen, war zutiefst zynisch. An gewissen Orten wurden Sitzstreiks simuliert, bis ein Ordner die Leute aufforderte, bitte wieder aufzustehen- und sie folgten zunächst noch. „Was ist das Problem? Das System!“ wurde durch das Megaphon gebrüllt, um den DemonstrantInnen das Gefühl zu geben, hier handele es sich nicht um eine Wahlkampfveranstaltung des SDS, der Jusos oder Grünen, sondern um einen Aufruhr gegen das große Ganze. Weit gefehlt! Am Ende kamen ein paar Leute dann doch auf einen vernünftigen Gedanken: Sie hatten keine Lust mehr, sich von OrdnerInnen vorschreiben zu lassen, was zu tun sei, und brachen aus der Demonstration aus. Im Nachhinein wäre die Sabotage wirkungsvoller gewesen, wenn man den Röntgen-Ring besetzt hätte. Aus Mangel an Mut und Menschen musste man dieses Unternehmen wieder aufgeben, bis Verstärkung angerückt war. Die Sitzblockade, die anschließend an der Juliuspromenade stattfand, war zweifellos das Beste, was Studierende Im Kontext der Proteste in den letzten Jahren hervorgebracht haben, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens trennte die Sitzblockade denjenigen Teil der StudentInnen, der die Generalprobe für die große Politik spielen möchte, von denen, die die Demoparole „Wenn wir wollen, steht alles still!“ ernst nehmen. Dazu im nächsten Absatz mehr. Zum anderen hat die Aktion dazu geführt, auch in Würzburg ein paar Studierenden den Sinn von Sabotage zu verdeutlichen. In Frankfurt am Main besetzte man während der Studiengebührenproteste Plätze, Gebäude und Autobahnen, während im braven Würzburg 2005 ein einziges Polizeiauto genügte, um tausende Menschen in Zaum zu halten. Über das Ende des Sitzstreiks muss nicht viel verloren werden- die OrdnungshüterInnen rückten nicht nur mit StreifenpolizistInnen, sondern auch mit Bereitschaftspolizei und Staatsschutz an, filmten die Kundgebung und lösten letztendlich den Sitzstreik auf. Die Staatsmacht war sich des Ernstes der Lage durchaus bewusst.
Im Nachhinein kam das Aktionsbündnis Bildungsstreik in Würzburg zu einer klugen Einschätzung, die ich den OrgansatorInnen in dieser Klarheit gar nicht zugetraut hätte: Natürlich distanzierte man sich zuerst einmal vom Sitzstreik. Wer ein sauberes Image als PolitikerIn haben möchte, darf natürlich die WürzburgerInnen nicht mit einem Sitzstreik erzürnen. Daher kommt man zum Schluss, dass es sich bei der Splittergruppe um eine Gruppe mit antideutschen Parolen gegen den Staat gehandelt habe. Das Aktionsbündnis selbst richte ihre Forderungen aber nicht gegen, sondern an den Staat. Sehr richtig! Die Trennung zwischen JungpolitikantInnen und revolutionären Kräften unternehmen also auch die OrganisatorInnen. Natürlich hat man auch gleich das passende Schimpfwort parat, um die anderen von den SaboteurInnen fernzuhalten: es seien Antideutsche. Wenn jede Agitation gegen die politische Form der kapitalistischen Gesellschaft, den Staat, antideutsch ist, dann scheint es für die offiziöse Studierendenpolitik nur noch sie oder die Antideutschen zu geben. Mir soll das recht sein. Zwei Tage später versuchte man dann, den Berliner Ring zu besetzen. Zweifellos eine gute Idee.
Es stellt sich die Frage, was der Sitzstreik bedeutet, und ob er überhaupt irgendetwas zu bedeuten hat. Vielleicht war er nicht mehr als ein spontaner Einfall und eine Verkettung von Zufällen. Vielleicht ist der Sitzstreik aber auch ein Anfang für einen neuen Zweifel an offizieller Unipolitik und den ausgelatschen Pfaden ihrer Agitation. Wenn es in Würzburg auch, im Vergleich zu anderen Städten, kein linksradikales akademisches Milieu gibt, so könnten doch einige Leute für zukünftige Aktionen ihre Lehren aus dem Sitzstreik gezogen haben. Nicht vergessen werden darf dabei jedoch, dass die Revolte erst eine sein wird, wenn man das akademische Milieu verlässt, um das Öl dorthin zu bringen, wo Feuer ist.

Yvonne Hegel

Hype 12 erschienen! Printausgabe online!

Yeah, unter Printausgabe könnt ihr ab jetzt den Hype 12 runterladen.

Außerdem gibt es die Ausgabe natürlich in Print wie immer an den üblichen Stellen…..

Kritik des Poststrukturalismus

Weil es im Hype-Umfeld in letzter Zeit ein paar Debatten über das Verhältnis von Kritischer Theorie und Poststrukturalismus gab, hier der Mitschnitt einer Vorlesung Alex Grubers und Florian Ruttners mit dem Thema „zur Unmöglichkeit poststrukturalistischer Gesellschaftskritik“.

Ein kleiner Vorgeschmack auf den Hype 12

Willkommen zur Kotzkolumne- es gibt vegane blaue Zipfel

Die Kochkolumne ist ja Rainer Bakonyis heilige Kuh. Da ich selten Fleisch esse, fällt es mir wirklich schwer sie zu schlachten. Aber es muss sein. Seit zwei Jahren hält er uns zum Narren. Seine Gerichte kann man entweder besoffen nicht kochen, weil man dabei einschläft, oder die Produkte gibt’s nicht beim Discounter. Und mal ehrlich, was soll am Gaisburger Marsch gut sein? Nein, so geht das nicht!
Die Drohung stand schon lange im Raum, jetzt mache ich’s wahr und schreibe meine eigene Kochkolumne. Im Gegensatz zu Rainer Bakonyi („Rainer Bakonyi lebt in Würzberg. Er schreibt regelmäßig für das akw! info und ist Wirt.“ Phase 2) behaupte ich gar nicht, dass mein Gericht gut schmecke. Ganz im Gegenteil, der Versuch, vegane Blaue Zipfel zuzubereiten, war mit Abstand das ekelhafteste, das ich je gekocht habe. Betrachtet es deshalb als Chance, ungeliebte Gäste loszuwerden, mit eurer Freundin oder eurem Freund Schluss zu machen oder einfach mal gepflegt zu kotzen. Et voilà:

Sie brauchen:
Für die blauen Zipfel: vegane Sojawürste, Wacholderbeeren, Lorbeerblätter, Essig, Öl, Salz, Pfeffer;
Für das bayrisch Kraut: Weißkohl, Gemüsebrühe, Kümmel, Räuchertofu, Essig, Zucker, Öl, Zwiebeln
Für den Kartoffelbrei: Kartoffelbreipulver, Sojamilch ungesüßt

Zubereitung:
Schneidet das Kraut in riesige Stücke, so dass sie nicht gar werden können. Verwendet den Stumpf am besten auch. Zwiebeln würfeln. Räuchertofu (wichtig: viel Räuchertofu verwenden, vielleicht sogar mehr als Kraut. Das macht die Sache besonders widerlich.) würfeln und frittieren. Die Zwiebeln andünsten, mit Wasser, Essig und Zucker ablöschen. Das Kraut und den Kümmel mit einer übertriebenen Menge Gemüsebrühe aufkochen, bis kein Wasser mehr übrig ist. Am Ende Räuchertofu hinzufügen.

Wasser, Essig und Öl zu gleichen Teilen, Sojawürste, Wacholderbeeren, Lorbeerblätter und Sojawürste in einen Topf geben und köcheln. Nicht vergessen werden darf dabei, dass der Sud bitter werden muss. Ich habe keine Ahnung, wie ich das hinbekommen habe. Es soll auf jeden Fall wie Lebertran schmecken. Die Sojawürste nehmen den Geschmack des Suds nicht auf, egal wie lange ihr sie köchelt. Versucht’s erst gar nicht. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Den Kartoffelbrei so zubereiten, wie es auf der Packung steht. Statt Muhmilch Sojamilch verwenden.
Ich wünsche ein gutes Erbrechen!

Hunter S. Heumann,
welcher an dieser Stelle weiterhin noch folgende Kochbücher empfiehlt, um das Kochen im Gesamtzusammenhang der Verhältnisse zu begreifen:

- das große Buch vom Fleisch von Nikolai Buroh
- Wo unser essen herkommt von Willi Spatz
- Natural born Killer von Rainer Bakonyi im akw-info August 1994
- Schnaps brennen. Rezepte für Obstbrände und Ansatzschnäpse. Schritt-für-Schritt-Anleitungen von Herbert Herbst

Wer zwitschert wann?

Ah, der Gartenrotschwanz ist’s, der Schlawiner!

Für alle, die schon immer mal wissen wollen, welcher Vogelo bereits singt, wenn man gerade erst ins Bett geht:
Wer singt wann?

Das waren wir nicht

Wir schwören. Niemand von uns hätte den Nerv dazu:

http://insurrectioniran.wordpress.com/

THE COMING INSURRECTION
17/06/2009 · Comments Off

It’s useless to wait- for a breakthrough, for the revolution, the nuclear apocalypse or a social movement. To go on waiting is madness.

The catastrophe is not coming, it is here.We are already situated within the collapse of a civilization. It is within this reality that we must choose sides.

by The Invisible Committee

Wir haben fast dieselben Worte irgendwann auch gedruckt, aber die hier haben wir nicht geschrieben. „Unsere Gedanken sind bereits in allen Köpfen“, und wann hätten wir originell sein wollen?

http://insurrectioniran.wordpress.com/texts/

LIKE A STORM: THE INSURRECTION IN IRAN

No one is waiting any longer: Iran has exploded and not even the Islamic regime is surprised.

Years of student strikes, militant street battles, workplace struggles, constant repression― and then a spark. One spark to unleash the tidal wave of rage and despair that was once confined to barely audible whispers behind closed doors.

Now the fury is here and everyone is in the streets, young and old, men and women, militant and pacifist.

CHAOTIC RESONANCE

The specter of ‘79 is colliding with the insurrections of Europe, but the flames of Iran burn far brighter than the 2005 uprising in metropolitan France or the Greek insurrection in December.

Everywhere the normal functioning of things has been paralyzed: people refuse to just simply go back to work, squares and streets are blockaded, universities are not functioning, police stations are looted, and everyday social relations are negated.

The human gears that everywhere allow any regime to function are now engaged in a total war that points beyond just stolen elections.

All of the established organizations within the conflict (whether in Iran or in exile) are exploiting it to build their own political power, for their own place at the roundtable.

But when has it ever been different? Their “politics” are always more of the same.

Some wear green like they wear the “Yes We Can” in America.

Is that all we want?

Can the world we want ever be expressed simply by a vote?

Some complain that there are no leaders, no one to direct the insurrection, but this is to the revolt’s credit. Its spontaneous and uncontrollable nature is exactly what has allowed it to spread so quickly and resonate so widely.

This is not about an identity, a minority, an issue, or a stolen election.

It’s about everything!

As Anonymous Sinners (Iranian hip-hop group) asked, “What is it that we want other than freedom?”

THE DEMOCRATIC LIE

They have no future to offer us; the democratic lie can’t hide this.

The children of the metropolis are everywhere bound by common conditions, by lived experience; no more so in the West than in Iran. It takes the uproar and rage of an entire generation born outside of the democratic process to expose its illusions and false hopes.

There could be so much more than a regime change.

What if the insurrection doesn’t end?
What if the fires keep burning, and spread to the whole of society?
This is the real threat, the potential for revolution: that the return to the university, the workplace, and the home might not ever take place.
That the paralysis becomes total, that finally there is no going back…

Fundamentally, we must reach this point of no return.

JUNE 2009/ KHORDAD 1388

Wer wollte nicht lieber von sich sagen können, mit solchen Leuten die selben Gedanken zu teilen, als originell zu sein?

Analysen und Neuigkeiten zum Iran gibt es hier.

Wenn Studenten protestieren

Höchst interessant, was die Damen und Herren Studierenden in Würzburg neuerdings zustande gebracht haben.

Eine kleine Fraktion der „grossen Demo“ am Mittwoch zog es vor, die Schienen an der Juliuspromenade zu blockieren, anstatt am unteren Markt den Reden irgendwelcher Studentenpolitiker zuzuhören. (Welche Studentenpolitiker sich nicht entblöden, den Sitzstreik zu kritisieren, weil er

der eigentlichen Veranstaltung auf dem unteren Markt Teilnehmer entzogen
habe. Teilnehmer, die sich einfach so widerspruchslos
entziehen
lassen, wären in der Tat besser am unteren Markt aufgehoben gewesen. Auf ihre verdehte Art und Weise haben sie schon gemerkt, dass etwas passiert, das sich ihrer Kontrolle entzieht: daher das hilfose Wüten gegen
eine Splittergruppe mit anti-deutschen Parolen gegen den Staat … Das Aktionsbündnis selbst richte ihre Forderungen aber nicht gegen, sondern an den Staat.
Das wissen wir, es ist keine Verwechslung möglich, und das sieht man ihnen im Übrigen auch an.)

Am heutigen Freitag aber geschah folgendes:

Eine Gruppe von etwa 100 Studenten lief auseinandergezogen und langsam über die Zebrastreifen an den Zufahrten des Berliner Rings. Auf diese Art und Weise wurde der Verkehr für fast 2 Stunden massiv behindert.
Na also! Es geht doch. Immer noch besser als nackt in einen Brunnen zu springen und zu behaupten, das zeige, wie die Bildung baden gehe, ist das doch allemal. Wenn man es sich recht ansähe, hätte man mit solchen Aktionen auch einen wichtigen Hebel in der Hand – wenn auch zu ganz anderen Zwecken. Aber das sind wirklich Fragen, die man mit der antideutschen Splittergruppe seines Vertrauens besprechen sollte.

Zu gegebener Zeit wird es einen Bericht eines, der dabei gewesen ist, geben.

Im Übrigen, first and last and always: Die Studenten können gegen gar nichts rebellieren, ohne gegen ihre Studien zu rebellieren.

Das Aktionsbündnis „Bildungsstreik“ als Domteur und Bändiger

Wenn es die Antideutschen nicht gegeben hätte, man hätte sie erfinden müssen.

Da mobilisiert ein Bündnis Bildungstreik Hunderte von StudentInnen undSchülerInnen zu einer Demonstration gegen die Zumutungen des Studiums, brüllt ein wenig „Wer ist das Problem? Das System!“ durch das Megaphon, gibt den StudentInnen sogar die Zeit, ein paar Sitzstreiks vorzutäuschen, und wundert sich am Ende darüber, dass ca. 200 Leute doch noch auf einen vernünftigen Gedanken kommen: nämlich Sabotage zu betreiben.

Was aber fällt dem Aktionsbündnis Bildungsstreik dazu ein? Es beklagt sich darüber, dass diese Aktion der Abschlusskundbegung TeilnehmerInnen genommen habe. Wie tragisch. Außerdem sei es eine Splittergruppe mit antideutschen Parolen gegen den Staat gewesen, sagt das Aktionsbündnis, und hat damit natürlich das passende Schimpfwort gewählt: denn immer wenn man nicht fähig ist, etwas zu begreifen, hat man zum Glück das Wort „antideutsch“ parat.

Ich dagegen habe auch ein Schimpfwort mitgebracht: konterrevolutionär.

Ich resümiere: Wenigstens bewirkte die Sitzblockade auch etwas gutes: die Jung-PolitikerInnen von denen zu trennen, die die Sehnsucht der Revolte in sich tragen.

Mehr zur ganzen Sache im neuen Letzten Hype….

Wipe A.N. off the map

Man wird uns keine Sympathie für Musavi vorwerfen können, aber der Mann hat es ja einfach wissen wollen. Nach allem, was er mit seiner Kampagne losgetreten hat (nicht weil er wollte, sondern weil er musste), hat er, als er angeblich verloren hat, darauf beharrt, gewonnen zu haben, und „seine Anhänger“ zu Siegesfeiern auf den Strassen aufgerufen. Für heute Nacht.

Man hört nicht viel, weil die Kanäle grad alle tot sind, aber nach allem, was man hört, haben sich durchaus einige verdächtige Elemente, mit denen wir ohne Zweifel sympathisieren, diese Einladung zum Tanz nicht zweimal sagen lassen.

Wenn die Strassenkämpfe „seiner Anhänger“ auf die Provinzstädte übergreifen, ist Musavi verloren. Entweder „seine Anhänger“ oder Ahmadi Nejads Pasdaran werden nicht viel von ihm und dem Regime, das er vertritt, übriglassen. Wenn sie aber auch noch auf den Süden Tehrans übergreifen, dann sind Musavi und die Pasdaran verloren, und dann fängt das Spiel erst an, und wir können nicht erwarten, es zu spielen.

Ob unsere Freundinnen und Freunde im Iran allerdings tatsächlich in den Stand kommen, unseren kleinen Artikel von vor eineinhalb Jahren über die kommenden Revolte im Iran zu beweisen oder besser gesagt zu widerlegen, weiss man noch nicht. Man muss ihnen alles Glück wünschen und bereit sein, sie nicht allein zu lassen; bis zu dem Tag, wo wir nie wieder einen der unseren allein lassen müssen.

Die letzen paar neuen grossen Dinger

Falls es jemanden interessiert, hier sind ein paar Dinger, die in den letzten Monaten in gewissen internationalen Kreisen gelesen worden sind:

Ein Ding namens „The Call“ („The Left is periodically routed. This amuses
us but it is not enough. We want its rout to be final. With no remedy. May the spectre of a reconcilable opposition never again come to haunt the minds of those who know they won’t fit into the capitalist process.“),
eine anarchistische Kritik daran,
die berühmte Schrift Über die kommende Insurrektion („The flames of November 2005 still flicker in everyone’s minds. Those first joyous fires were the baptism of a decade full of promise. The media fable of “banlieue vs. the Republic” may work, but what it gains in effectiveness it loses in truth. Fires were lit in the city centers, but this news was methodically suppressed. Whole streets in Barcelona burned in solidarity, but no one knew about it apart from the people living there. And it’s not even true that the country has stopped burning.“),
(französisches Original hier, nicht zu verwechseln mit unserer eigenen Artikelserie Über die kommende Revolte),
und die Diskussion darüber auf libcom.org

Gähn: Wieder einmal Styckwaerk

Das Diss-Track, den die würzburger Studentenband Styckwaerk („Punk für Angepasste“) über dieses Heft geschrieben haben, ist jetzt da. Aber er ist ziemlich langweilig, und wir fragen uns, was er mit uns zu tun haben soll.

Hier kann man ihn anhören, auf mspace ist er auch schon.

Was für eine läppische Combo.

Der Papst war nie in der Hitler-Jugend! Nie! Nie!

Sagt der Vatikan. Dass das Gegenteil wahr ist, ist allgemein bekannt.

Lombardi told reporters in Jerusalem: „The pope was never in the Hitler Youth, never, never, never.“

In „Salt of the Earth,“ a 1996 book of autobiographical and religious reflections based on interviews with German journalist Peter Seewald, the then Cardinal Joseph Ratzinger said, however, that he was automatically enrolled into the Hitler Youth.

Über die katholische Kirche haben wir schon vor fast 2 Jahren fast alles geschrieben. Écrasez la enfâme!

Donnerstag, 07.05: Letzter Hype Party!

Was machst du am nächsten Donnerstag?

Du gehst zuerst auf das Konzert von Airpeople, Tschilp und 80 KM vor Bagdad, das dir von XyeahX präsentiert wird.

Danach bleibst du gleich da, denn draußen gibt es sowieso zuviele Schweine mit Grippe. Das Virus, das die Armee der Twelve Monkeys freigesetzt hat, scheint sich auf dem ganzen Erdball zu verbreiten. Den wenigsten von uns wird es möglich sein, in die sicheren Schutzräume unter der Erde zu fliehen, wenn das Virus auch hier ausgebrochen ist. Daher feiere mit uns die allerletzte Party der Menschheit.
Futter aus Schweinetrögel, Desinfektionsspray und auch Mundschutz wird genügend vorhanden sein. Djs aus den Hype-/XyeayX-Teams geben Ihre Sets zum Besten. Es gibt ausreichend veganes und keimfreies Essen, und ein albernes Gewinnspiel.

Nach uns die Schweinepest… oder so.

party

Was tun? Teil II

Teil II der Reihe von Gernot Riesenkäfer

1, Wie man einen Riesenkraken in seiner Wohnung hält

Zunächst ist es wichtig, zu wissen, dass Kraken extrem lichtempfindliche Tiere sind. Es ist daher zunächst wichtig, ein geeignetes abgedunkeltes Umfeld zu schaffen. Dies erreicht man am besten dadurch, dass man die Fenster der Wohnung zumauert.

Dann dichtet man die Wohnung sorgfältig und druckbeständig ab. Sinnvoll ist es bereits jetzt, die Einrichtung auf ihre Wasserfestigkeit zu durchmustern und gegebenenfalls nachzurüsten. Gute Dienste leistet hier Kunstharz, mit dem man sämtliche Einrichtungsgegenstände gut und dauerhaft versiegelt.

Man muss darauf achten, dass das Wasser, das man hiernach einlässt, den richtigen Salzgehalt und die richtige Temperatur hat: Riesenkraken sind Kaltwassertiere der subarktischen Tiefsee, der Salzgehalt sollte nicht zu hoch sein.

Ein Riesenkraken wird bis zu 13 Metern lang, die Wohnung sollte also unbedingt gross genug bemessen sein! Riesenkraken brauchen viel Bewegung, sie sind schnelle und ausdaurnde Schwimmer. Bitte beachten Sie, dass auch der Wasserdruck den Verhältnissen in 200 Metern Tiefe angenähert sein sollte! Es empfiehlt sich, die Wände rechtzeitig angemessen verstärkt zu haben.

Um sich selbst im ca 5 Grad (Celsius) kalten Wasser der Wohnung fortzubewegen, empfiehl sich ein Neoprenanzug mit ausreichend grossen Sauerstoffflaschen, eine Lampe sowie – unbedingt! – eine Harpune, um sich gegen den Kraken erforderlichenfalls durchsetzen zu können.

Hier wären wir schon beim wichtigsten Thema: der Kraken braucht grosse Mengen Fisch zu essen, die er sich entweder in den dunklen Tiefen Ihrer Wohnung erjagen muss oder, wahrscheinlicher, die Sie ihm zuführen müssen. Sie können mit einer Menge von ca. 200 kg pro Woche einen mittleren Kraken bereits satt und glücklich machen.

Zu unvergesslichen Abenden mit Freunden bei der Fütterung Ihres neuen Haustiers gratuliert bereits jetzt

Gernot Riesenkäfer.

2. Wie man die Menschen für seine Sache gewinnt

Oft ist es, gerade für politische Aktivisten, schwierig und frustrierend, dass ihre Positionen in der Öffentlichkeit nur selten und wenn, dann verzerrt, zur Kenntnis genommen werden. Ich habe deshalb Ihnen, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, zur Handreichung ein paar kleine Ratschläge zusammengestellt, mit denen Sie die Menschen für Ihre Sache gewinnen können.

a) Der Flugzettel

Das wichtigste ist natürlich der Flugzettel. Er sollte einfache oder doppelte Postkartengrösse haben und beidseitig eng (zweispaltig, Blocksatz, Times New Roman, 8pt) bedruckt sein. Gut sind witzige Zwischenüberschriften, am besten englische Songzeilen, die sich gut abheben gegen den zumeinst lateinischen Haupttext. Sprechen Sie über nichts, was sie nicht ausfühlrich aus den Kategorien Staat und Kapital ableiten! Sie beweisen damit Wahrhaftigkeit. Scheuen Sie sich nicht davor, immer dasselbe zu sagen. Irgendwann, seien Sie sich gewiss, wird es verstanden werden.

Fürchten Sie nicht Begriffe, die Sie nicht verstehen; das Publikum versteht sie auch nicht besser als Sie, sie werden also nicht blamiert werden. Auch keine Sorge bei Sätzen, die selbst Sie schwer verstehen: so etwas erregt Respekt.

Das wichtigste ist aber, bei allem, was Sie schreiben, Ihre Ausführungen an den gesunden sittlichen Anschauungen anzudocken, die wir doch alle miteinader teilen. Wenn es Ihnen nicht gelingt, Ihre Anschaungen mit allgemein geteilten Werten zu vermitteln, werden Sie als sog. Extremist ausgelacht werden. Das schadet der Wirkung.

b) Der Umzug

Veranstalten Sie doch einen Umzug! Das ist lustig und macht Eindruck. Tun Sie sich zusammen, setzen Sie entschlossene Gesichter auf, ziehen Sie durch die Stadt! Vergessen Sie nicht, schwarz zu tragen, die Farbe der Todfeindschaft gegen diesen Staat und diese Gesellschaftsordnung. Untermalen Sie dieses militante Auftreten mit Parolen, die jedermann versteht und mit denen alle etwas anfangen können: „Nazis raus!“ ist ganz gut, aber „Nieder mit dem Bullenterror!“ ist auch nicht schlecht. Sie zeigen damit dem Bürger auf der Strasse, dass Sie sich keineswegs gegen den Staat, sondern gegen Überschreitungen von Kompetenzen wenden wollen. Vergessen Sie nicht: Weniger als 5% der Bevölkerung wären bereit, an einer Demonstration unter der Parole „Mehr Bullenterror!“ teilzunehmen.

Den Umzug krönen Sie mit Redebeiträgen, deren Text Sie am Abend vorher hastig dem Internet entnehmen. Lesen Sie sie nicht zu gründlich durch, das verleiht dem ganzen eine gewisse Spontaneität. An Stellen, die Sie beim Vortrag plötzlich entdecken, an denen für Sie untragbare Positionen ausgedrückt werden, kommen Sie übrigens geschickt vorbei, indem Sie noch undeutlicher reden. Ganz mutige lösen die peinliche Situation, die entstehen könnte, durch lautes Lachen auf.

Um zu verhindern, dass das alles etwas langweilig wird, geben Sie während des Umzugs regelmässig neue Parolen aus. Keine Sorgen, wenn sie thematisch nicht recht passen wollen! Die Abwechslung ist das Geheimnis jeder guten Party. Skandieren Sie bei einer Demo gegen Gen-Mais auch gerne Sprechchöre zugunsten der Freilassung von politischen Gefangenen.

Fortsetzung folgt

Gott ist untot

Zur Kritik der Religion. Von den kommenden Revolten, Teil 6

Seit der letzte bürgerliche Filosof den Tod Gottes proklamiert hatte, reissen dennoch die teilweise bestätigten, teilweise unbestätigten Nachrichten von neuerlichen Sichtungen nicht ab; dergestalt, dass es heute wahrscheinlich niemanden Wunder nähme, wenn in den Zeitungen, unter den übrigen Überschriften, auch die Nachricht vom Wiedererscheinen Jesu über Damaskus vermeldet würde.

Der Atheismus gerät in einer solchen Zeit in die äusserst spasshafte Lage, eine Wahrheit verkünden zu müssen, die niemand hören will oder, wie es sogar scheint, verstehen kann. Dass es keinen Gott gibt, erscheint angesichts der Massen, die finster entschlossen zu sein scheinen, an ihn zu glauben, als absurd, fast diskreditiert; er ist doch eine Realität, wenn auch reiner Wahn.

1
Gott bedeutet nichts anderes als die Knechtschaft des Menschen, weil der Begriff zwei Tatsachen ausdrückt: die, dass der Mensch unfrei, unvollkommen ist; dann die, dass ein freies und vollkommenes Wesen für den Menschen aber denkbar ist. Was denkbar ist, ist aber auch immer möglich; aus der tatsächlichen Unfreiheit und Unvollkommenheit des Menschen folgt zwingend die Freiheit und Vollkommenheit Gottes. Der Begriff Gott erweist sich also als eine verrätselte Abbreviatur eines Begriffes von gesellschaftlichen Herrschaft. Löst man ihn ins Negative auf, erhält man unmittelbar alle Ergebnisse der Religionskritik nach Feuerbach und ganz deutlich den Imperativ nach Marx, alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch und so weiter. (1)

Die Aufklärung, die das Bürgertum im Sinn hatte, hat nun angeblich, nach dem Wort eines zweifelhaften Gelehrten, die Welt entzaubert. Ihre Wissenschaft erklärte, Gott sei eine Hypothese, derer sie nicht mehr bedürfe. Von der Vernunft, die seine Stelle einnehmen sollte,(2) ist aber nichts zu sehen. Die aufgeklärte bürgerliche Gesellschaft entfaltet sich stattdessen nicht nach Massgabe einer allgemeinen menschlichen Vernunft, sondern unter dem Gesetz des Kapitals und des Staates.

Hier lebt die Menschheit nun, unter der Herrschaft eines Gedankendings, das nichtsdestoweniger eine Realität ist, und sogar in einem gewissen Sinne die einzige Realität: denn das Produktionsionsverhältnis des Kapitals, der Wert, der sich selbst verwertet, ist zum einzigen geworden, was an dieser Geschichte noch kontinuierlich ist, zum einzigen Subjekt der Geschichte. Der sich verwertende Wert schreitet durch die Geschichte, die nur noch die Geschichte seiner eigenen Entfaltung ist. In ihm ist Hegels Weltgeist, diese filosofische Fassung des Gottes der Christen, zu einer schrecklichen Wirklichkeit geworden.

2
Der religiöse Fanatismus unserer Tage ist nicht das einfache Fortleben der Religion der Vorzeit, sondern eine Neubildung; die Religion selbst ist erledigt, das Kapital ist ihr Erbe. Die Religion erhält sich aber am Leben, weil ihre Abschaffung misslang. Der Atheismus der bürgerlichen Revolution konnte sie nicht abschaffen, denn man kann die Religion nicht abschaffen, ohne sie, auf eine gewisse Weise, zu verwirklichen. Und die Abschaffung der Religion, in diesem Sinn, ist die Voraussetzung der Abschaffung von Staat und Kapital.

Der Atheismus hat nun an der Religion nicht das fundamentale Rätsel durchzustreichen vermocht, dass der Mensch unfrei, unvollkommen ist, aber frei und vollkommen sein müsste; er hat nur die Existenz Gottes ausgestrichen, die scheinbare Lösung des Rätsels. Er hat jene Auflösung ins Negative nicht betrieben, dass der Mensch die Vollkommenheiten, die er Gott zugeschoben hatte, in sich selbst zurückholen müsste; mit einem Wort, er hat mit dem Begriff Gott auch den Gedanken durchgestrichen, was der Mensch sein könnte. Die Verwirklichung dieses Gedankens wäre die wirkliche Lösung des Rätsels gewesen, nämlich die befreite Menschheit.

3
Jede Religion bedarf einer Mythologie, die auseinandersetzt, warum die Vollkommenheit und Freiheit, die dem Menschen doch denkbar und damit möglich sind, von diesem getrennt sind und allein Gott zukommen. Und keine Religion kann ohne ein Versprechen auskommen, dass diese Trennung, aus deren paradoxer Plausibilität sie doch ihre Kraft bezieht, einmal aufgehoben werden würde. Der Begriff Gott selbst enthält diese Spannung, die allerdings je nach Religion verschieden aufgelöst wird. Die Religion, die Lehre vom wirklichen Elend, erscheint so als Lehre von der vorgestellten Erlösung.

Das bürgerliche Zeitalter, das den christlichen Gott zum Staat und zum Kapital säkularisiert hat, hat sich besonders leicht getan, diese bloss vorgestellte Erlösung zum Spott zu machen; es hat schliesslich auch, aus der christlichen Religion, die Vorstellung übernommen, Gott, der erlösende, wirke bereits in der Geschichte. Aus dem Hereintreten eines Mensch gewordenen Gottes in die menschliche Geschichte, als Erlöser, ergab sich schon immer die schliessliche Erlösung als Gewissheit, als unabwendbare Tatsache, auf die die Geschichte hindränge. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, in der Idiotie des Glaubens an einen Fortschritt noch die Figurationen des christlichen Heilsgeschehens am Werk zu sehen; ein weiteres Zeichen, wie wenig diese angeblich so säkularisierte Welt von der Theologie sich emanzipiert hat.

Die christliche Lehre von der Erlösung, wie sie in Gegensatz zur jüdischen Lehre tritt, erklärt die Erlösung für eigentlich schon geschehen, den Zwiespalt zwischen der erlösungsbedürftigen Schöpfung und dem Gesetz, unter dem sie steht, schon für aufgelöst. Dem gegenüber entwickelt sich in den gleichen Jahrhunderten die jüdische Lehre dazu, an dem Gegensatz als einem unversöhnten festzuhalten. Der Islam hat später versucht, in diesem historischen Gegensatz als Synthese aufzutreten; aber in der entscheidenden Frage, ob nämlich Jesus der Messias gewesen sein soll, hat er sich auf die christliche Seite geschlagen.

4
Die Infamie der dreisten Behauptung, der Messias sei schon gekommen, ist für die Zwecke, die die Kritik der Religion verfolgt, keineswegs nebensächlich. Es zeigt sich nämlich, dass aus der christlichen Lehre kein Begriff der Erlösung zu gewinnen ist, der von dieser Grundlüge nicht betroffen wäre. Die christliche Lehre, für die die Erlösung nicht etwas ungewisses, erwartetes ist, sondern etwas gewisses und zwangsläufiges, spricht nicht nur unmittelbar das jetzt bestehende Elend selbst schon heilig; sie verspricht in letzter Konsequenz auch nicht die Aufhebung des Gesetzes, das den Menschen von seiner Vollkommenheit trennt, sondern sie erklärt es schon für aufgehoben.

Die ganze junghegelische Schule der Religionskritik bis hin zu Marx, die das Christentum für die äusserste Entfaltung der Idee der Religion gehalten hat, hat ihren Gegenstand verfehlen müssen. Das Christentum ist unterhalb der Kritik,(3) es ist gleichzeitig noch ein heidnischer Opferkult und schon ein abgefeimter Betrug um den einzigen Gedanken, den die Religion der Menschheit hätte schenken können: dass sie im Elend lebt, aus dem sie befreit werden müsse.

Die jüdische Lehre allein hat am untröstlichen Gedanken festgehalten, dass der Messias noch nicht gekommen ist. In dieser übrigens unwiderleglichen Gewissheit bewahrt sich ein Bewusstsein davon auf, was für ein radikaler Bruch mit der bisherigen Geschichte das Kommen des Messias und die Erlösung sein müssten; und um so mehr, wie wenig zwangsläufig dieses Kommen des Messias sein kann: es kann jederzeit geschehen, von einer Sekunde auf die andere, es tritt wie von aussen in die Geschichte ein. Die Geschichte ist nicht die einer zwangsläufigen Entwicklung zur Erlösung vom Elend, sondern sie wird sichtbar als das Elend selbst, von dem die Menschheit erlöst werden müsste.

5
Der heutige religiösen Fanatismus drückt heute sehr wohl noch das wirkliche Elend der Menschheit aus, aber längst nicht mehr auch nur eine illusionäre Erlösung. Zur wirklich massenhaften Plage eigenen sich, wie man deutlich sieht, nur diejenigen Religionen, die genau um den radikalen Bruch mit der bisherigen Geschichte betrügen, der auch für eine nur vorgestellte Erlösung heute denknotwendig wäre. In den apokalyptischen Vorstellungen der heutigen Fanatiker spiegelt sich nicht der befreiende Bruch, sondern wird die Katastrofe, auf die die Welt ohnehin hintreibt, ausdrücklich heiliggesprochen.

Die radikale Kritik, der es selbst genau um den Bruch mit aller bisherigen Geschichte, die zu den Katastrofen treibt, zu tun ist, wird dagegen viel von der jüdischen Lehre zu lernen haben; ihre Lehre vom Messias, der erst kommen soll, ist ja bereits der religiöse Traum von einer Sache, von der die Menschheit nur das Bewusstsein haben müsste, um die Sache selbst zu haben. Walter Benjamin hat in seinen Thesen zur Geschichte das nötige gesagt, es hat nur niemand gelesen, und die es gelesen haben, haben es nicht verstanden.(4)

Die Revolution wird, wenn die die bestehende Herrschaft abschaffen will, auch die vergangenen Kämpfe wiederaufnehmen müssen, sie wird die bestehende Herrschaft nicht besiegen, wenn sie nicht auch alle vergangene Herrschaft überwindet, alle vergangene Gewalt ungeschehen macht, alles Zerschlagene zusammenfügt; die Revolution findet sich also, kurz gesagt, vor der Herausforderung, das Programm des Messias erfüllen zu müssen, nämlich die Auferstehung der Toten, und das ewige Leben.

Dieser völlig wahnsinnige Anspruch kann aus denselben Gründen nur in Begriffe der Theologie gefasst werden, wie Marx in seiner Kritik des Kapitals auf solche zurückgreifen musste; das ist kein Zufall, und eine Revolte, die unterhalb dieses wahnsinnigen Anspruchs bleibt, wird nicht bestehen. Die Revolte hat sich als der wahrhaftige Messias zu begreifen, ja sogar jeder einzelne, der an ihr teilnimmt,(5) nur so wird sich ein radikaler Begriff der Befreiung aus der Verklammerung mit dem Religiösen retten lassen; es gibt in diesen Zeiten keine anderen Worte als diese; erst der wahre Messias, der niemand anders sein kann, als die ganze Menschheit selbst in dem Moment, in dem sie sich befreit, wird die verrückten Profezeiungen erfüllen und die erfüllte Zeit einleiten, in der nicht Gott, sondern der Mensch wirklich das höchste Wesen für den Menschen ist.
Anmerkungen

1 …in denen der Mensch ein verlassenenes, geknechtetes, verächtliches Wesen ist, Marx, Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsfilosofie.
2 Genosse Anaxagoras Chaumette hat sie damals in einer, glaube ich, sehr geschmackvollen Zeremonie inthronisieren lassen. Es war freilich gar nicht die wirkliche Dame Vernunft, die auf dem Thron in der Kathedrale de Notre Dame Platz nahm, wie man heute weiss, sondern eine Schauspielerin. Die Vernunft selbst ist unbekannten Aufenthalts.
3 Aber sehr wohl ein Gegner, den es zu treffen gilt.
4 Walter Benjamin, Thesen zum Begriff der Geschichte, www.google.com
5 Um heute an die einfachste Sache der Welt auch nur zu denken: dass man in die Revolte eintreten könnte, dazu bedarf es eines an Grössenwahn grenzenden Selbstverständnisses, das demjenigen gleichkommt, sich selbst für den Messias auszurufen. Was aber garantiert uns, dass wir es nicht sind?

Von Jörg Finkenberger

Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters. Teil I

1
Ich habe eine gut bezahlte Stelle, der Job ist ziemlich sicher, ich kann meine Zeit selbst einteilen, man schaut mir nicht besonders genau über die Schulter, und ich habe eigentlich ganz gute Chancen, Karriere zu machen. Die Arbeit ist nicht besonders stumpf, im Gegenteil, sogar anregend und herausfordernd.

Ich hasse meinen Job mehr als alles andere auf der Welt.

Er ist wie ein grosses Tier, das alle meine Energie und alle meine Zeit frisst, und am anderen Ende kommt raus, was eben bei so Tieren am anderen Ende rauskommt. Es ist ganz gutes Geld, ich sag es nochmal, und ich habe eigentlich nie viel Geld gehabt, und es ist wirklich nicht schlecht, Geld zu haben, und sich Sachen kaufen zu können, die scheinbar alle Leute haben, oder richtig gutes Essen.

Ein Ersatz ist es nicht.

2
Das schlimmste ist, wenn man früh aufsteht, zu wissen, in soundsoviel Stunden muss ich auf der Arbeit sein. Es ist ein Terror, der seinen Schatten schon voraus wirft, es lähmt mich, es lässt mich nicht los, die kommende Stunde ist wie ein Strudel, und ich weiss, ich habe noch Frist, aber nicht mehr viel. Vielleicht noch ein bisschen lesen, bisschen Tee trinken, wenn ich ganz früh dran bin und das Wetter schön vielleicht bisschen vor die Tür, oder wenns kalt ist ein Bad; manchmal auch einfach noch weiterschlafen, gierig, und dann ganz schnell aus dem Haus.

Wie ich den Schlaf lieben gelernt habe, er ist mein Beschützer, wenn ich schlafe, muss ich nicht daran denken, dass die Stunde kommt, bald, die bedeutet, dass mein Körper und auch meine Gedanken nicht mehr mir gehören, dass ich sie verpfänden muss, um mir Zeit zu kaufen hier im Leben, Zeit, in der ich nicht verkomme.

Und ich habe gelernt, grimmig und entschlossen zu schlafen. Jede Minute ist kostbar, die man dem Tag, dem Feindesland, entreisst. Der Preis dafür, dass es nicht denen in die Hände fällt, ist der Schlaf, oder der Rausch.

3
Zeit, in der man nicht verkommt, ganz körperlich nicht verkommt, dass ist, was man bekommt. Überleben. Dafür tauscht man die Zeit ein, in der man leben könnte, wenn man das könnte.

Ich tausche mein Leben ein für Geld, und von dem Geld kann ich mir angeblich mein Leben leisten. Ich glaube keine Sekunde, dass das so ist. Für mein Geld bekomme ich nicht mein Leben, sondern etwas, das so aussieht wie ein Leben, aber eher so, wie ein Werbespot ausschaut wie ein Leben, nur dreckiger.

Mein Leben, davon kann ich nur im Konjunktiv reden: was ich tun könnte, wenn nicht und so weiter. Wenn ich zur Arbeit fahre, und die frühe Sonne scheint: wie schön wäre es, wenn ich es nicht eilig hätte, denn meine Zeit gehört mir nicht, sowenig mir die Sonne gehört und die Felder und die Wälder, über die sie scheint, und noch weniger die Städte. Oder der Mond des Nachts, wenn ich heimfahre: ich wollte, ich wäre eine kleine Fledermaus. Aber meine Zeit gehört nicht mir, und ich muss jetzt essen und schlafen, denn morgen muss ich auf die Arbeit. Auf Wiedersehen, kleiner Mond, auf Wiedersehen, schwarzer Wald, ich wollte, ich hätte euch nicht gesehen.

4
Aber so muss es wohl sein, denn das alles ist nicht meines, und meine Frist auf dieser Welt kaufe ich, indem ich mein Leben verpfände. Diese Welt gehört mir nicht, es ist schon Diebstahl, dass ich nur einen Blick auf sie werfe, im Vorbeieilen. Wem aber gehört sie? Ich sehen niemanden, der einen sinnvollen Nutzen von ihr hätte, ich sehe nur Sklaven wie mich.

Und sie sind es, scheint es, zufrieden. Mit grossen Augen betrachten sie die Wunder, die sie für ihr Geld kaufen können, die grosse Welt des Fernsehens, über die sie nicht genug reden können, den Urlaub in einem anderen Land, das ihnen auch nicht gehört, neue Vorhänge und die Wurstplatte in irgendeinem Ausflugslokal. Das sind ihre Gespräche, wenn ich richtig zugehört habe, bei den anderen auf der Arbeit.

Manchmal erwischt man einen davon in einer stillen gedrückten Minute, und dann macht man einen Blick in eine Seele, die genauso verzweifelt ist, aber sie haben keine Idee, dass es nicht so sein muss.

Diese Welt würde ihnen gehören, wenn sie sich nähmen. Wenn im Sommer der Asfalt Blasen wirft und die Luft stillsteht, und der Himmel über der Stadt hängt wie ein Ozean, dann träume ich davon, dass wirklich diese ganze nutzlose Maschine stillsteht, dass wir lachend aus den Betrieben gehen und den Wohnkasernen, und dass nichts mehr so sein wird, wie es war.

Ich werde mir kein Haus kaufen und mich niederlassen, ich werde hier mein Glück nicht finden, ich werde es nicht einmal suchen, denn ich weiss, dass hier nur die Hölle zu finden ist; ich habe nur diesen Traum meiner Sommernachmittage, und er erfüllt mich mit rasendem Glück, und ich will ihn Wirklichkeit werden sehen.

Zum Ende des Autonomen Kulturzentrums Würzburgs

Eine notwendige Richtigstellung

Das Insolvenzverfahrens über das Vermögen des Vereins für Bildung und Kultur Würzburg e.V. ist eröffnet, das akw! ist offiziell insolvent. Und schon haben sich im offiziellen Kulturbetrieb der Stadt Legenden darüber gebildet, woran es gelegen haben dürfte, und insbesondere natürlich, wer zuletzt daran schuld war.

Denn es ist ja eine mittlere Katastrofe für ein verschissenes Kaff: diejenige Location, in der sich der alternative Teil des studentischen Milieus seit Anfang der 90er gesellig die Laternen ausknipsen durfte, ist jetzt zu. Hier haben einige den besseren Teil der Vortäuschung ihrer wilden Jugend verbracht, bevor sie wurden, was sie sind.

Wer keine teuren Erinnerungen an eine vergangene Jugend braucht, wer den Hass und die Beweglichkeit nicht verlernt hat, wird der Bumsbude in der Frankfurter Strasse keine Träne hinterherweinen müssen. Zuletzt war es sowieso nur noch eine Quälerei. Und schon vor zweieinhalb Jahren, als der Verfasser dieser Zeilen die Ehre hatte, ein Vierteljahr im Vorstand des Vereins dabeizusein, hat man sehen können, dass es zwecklos ist. Damals wäre wohl der richtige Zeitpunkt gewesen, zuzumachen.

Damals, 2006, hatten wir den Vorstand übernommen, nachdem der damalige Erste Vorsitzende mit dem Rest seines Vorstandes zurückgetreten war. Der Laden, den wir übernommen haben, war so verschuldet, dass wir schon damals geprüft haben, ob wir verpflichtet sind, Insolvenz anzumelden; der Laden war hoch verschuldet, die Reserven aufgefressen, und der Investitionsrückstand war auch ganz beträchtlich. Es war ganz einfach im Durchschnitt seit 2004, und zwar sich zyklisch verschärfend, weniger Geld reingekommen als rausgegangen war, und darauf wurde in verschiedener Weise falsch reagiert.

Ein Laden wie das akw! betreibt grundsätzlich Wertschöpfung wie folgt: Bier zu Einkaufspreisen wird durch Bespielung mit der Art von Kultur, die die Kundschaft mag, veredelt zu Bier zu Thekenpreisen. Die geheime Zutat, die den Preisaufschlag (der ca. 200% betragen sollte) rechtfertigt, ist genau das kulturelle Profil. Kultur und Bier kommt rein, Pisse und Mehrwert (aus dem die Löhne und die Zinsen gezahlt werden) kommt raus.

Man verzeihe meine rauhe Sprache angesichts einer rauhen Realität, aber süsslich tun war nie meines, und abgesehen davon ist die Zeit dafür vorbei.

Der vorherige Erste Vorsitzende hat zunächst den grundsätzlichen Fehler begangen, die Linie, die er dem Laden auferlegte, nicht aus dessen Profil zu entwickeln, weniger süsslich ausgedrückt: er war des Irrtums, dass es dem Laden egal sein könnte, was für Musik man dem Bier zusetzt, wenn sie nur insgesamt genug Leute zieht, durch deren Nieren das Bier wieder zu Pisse wird. Er hat aber übersehen, dass das akw! steht und fällt mit einer Stammkundschaft, die gehalten, und ständiger Neukundschaft, die erst einmal kulturell erzogen werden muss (ja, erzogen. Ein Laden wie das akw! hat niemals einfach spielen können, was das Publikum sich so wünscht. Er lebt davon, es auf gewisse Weise herauszufordern.) . Wer aber ernsthaft „Knorkator“ ins akw! holt, muss sich über nichts mehr wundern. Es begann das Stammpublikum massiv wegzubleiben und die Neukundschaft derart beliebig zu werden, dass man sich wirklich auf das Niveau herunterbegeben hatte, mit dem Zauberberg und dem Labyrinth konkurrieren zu müssen; eine Konkurrenz, die für das akw! nur ruinös sein konnte. Das akw! hat eine Marktlücke abseits des main streams, oder es hat keine.

Wir haben das alles schon Ende 2005 gesagt. Damals konnte man noch drüber streiten.

Er war des weiteren unfähig, mit den alten Mitarbeitern des akw! umzugehen. Er hielt sich einfach für den Chef. Befehlen kann man anderswo, vor allem, wo einem der Laden gehört. Im akw! holt man sich damit gelegentlich Streit ins Haus, vor allem dann, wenn man unrecht hat, was ja gelegentlich vorkommen soll. Dann kann man natürlich die entsprechenden Mitarbeiter auch einfach rausschmeissen, solange, bis man selber vom wirklichen Chef, der Vereinsversammlung, rausgeschmissen wird.

Zuletzt war er unfähig, die Notbremse zu ziehen, als es noch Zeit war. Stattdessen wurde weitergemacht, bis es schon lange zu spät war. Man hätte es wahrscheinlich abwenden können, aber er war dazu nicht der richtige.

Die nach ihm kamen, haben es ja auch nicht geschafft, eine konsistente Linie zu entwickeln. Sie waren aber auch, was für ihn nicht gilt, durch die finanzielle Lage an Händen und Füssen gefesselt. Eigene Fehler haben sie natürlich auch gemacht.

Man muss bedenken, dass nicht nur viele unter ihnen sind, die z.B. Indie für eine Musikrichtung halten (also im Grunde für etwas weicheren Rock) statt für ein ökonomisches Segment (independent, dh unterhalb der major-Label). Die Qualität des Publikums war dann auch danach. (Hauptsach, sie tanzen, pflegte der weisse Wal zu sagen, wie er so vieles zu sagen pflegte.)

Sie haben aber durch unbezahlte Arbeit eine ganz konsiderable finanzielle Entspannung geschafft, und waren zunächst auf dem Wege einer wirklichen Besserung, bevor ihnen eine unvorhersehbare Nachforderung der Stadtwerke das Genick gebrochen hat. Und schon erzählten gewisse Idioten in Würzburg (und das akw! war noch gar nicht tot!), dass diese angeblich unfähigen neuen Leute das akw! zu Grunde gerichtet hätten. Unter dem vorherigen Vorstand wäre es ja noch gutgegangen.

Witzig, denn der Schuldenstand, den wir damals übernommen haben, hat sich eigentlich gar nicht besonders erhöht. Die jetzige Insolvenzlage des akw! gab es genausogut schon vor zweieinhalb Jahren, und wir hätten damals Insolvenz anmelden müssen; wenn, ja wenn nicht die Gläubiger selbst, zu deren Schutz es das Insolvenzrecht ja gibt, darauf verzichtet hätten und uns gebeten hätten, weiterzumachen. Ich wusste damals bald nicht mehr so ganz, weswegen man das eigentlich macht, für die Zinsen der Bank, und um die Blösse der Stadt zu bedecken, oder für uns, und bin dann auch wieder raus; andere haben weitergemacht, irgendwann hat es sie eingeholt. Hätten sie es zuletzt besser machen können? Sicherlich. Hätten sie eine Chance gehabt? Ich glaube nicht.

Jörg Finkenberger

4/4: Über die Burschenschaften Germania, Adelphia, Cimbria und die Landsmannschaft Teutonia

Einleitung

Nach einem ersten Überblick über das Würzburger Korporationswesen(1) und zwei allgemeinen Teilen über die Allgemeine Klassifikation, Funktionen und die autoritäre Erziehungsgemeinschaft einerseits(2) und andererseits über Eliteformation, Geschichte und Konservative Revolution im Korporationsmilieu(3) wenden wir uns im vierten und letzten Teil der Serie nun einzelnen Würzburger Verbindungen zu.
Die Auswahl dieser erfolgte dabei nicht wahllos: zur Zeit der Vorbereitung des Textes befanden sich die Burschenschaften Germania und Cimbria noch in der Deutschen Burschenschaft, deren ideologische Gemeinsamkeit der „völkische Nationalismus“(4) ist. 2008 traten jedoch die Germania und die Cimbria aus der Deutschen Burschenschaft aus(5). Die Gründe dafür werden nicht über öffentliche Wege kommuniziert. In gewohnt geheimnis-umwobener Manier schreibt dazu ein Germane: „Die Personen, die sich für die Gründe des Austritts wirklich interessieren, sind wohl ausschließlich korporiert und denen ist dann auch TraMiZu [Anmerkung AK Kritische StudentInnen: Tradition mit Zukunft, Internetportal für Korporierte] bekannt. Des weiteren ist es schwer Quellen zu benennen, da diese nur das bundesinterne Nachrichtenblatt wäre, welches für Außenstehende nicht zugänglich ist.“(6) Durch eine ausbleibende Erklärung zum Grund Ihres Austritts verpassen die Germanen und Kimbern natürlich auch die Chance, von der bürgerlichen Öffentlichkeit als nicht mehr völkisch-nationalistisch wahrgenommen zu werden. Wie dem auch sei: die Fundamentalkritik an den beiden Burschenschaften verliert durch den Austritt in keinen Weise seine Schlagkraft. Ganz im Gegenteil bestätigt dies unsere Analyse, denn es ist nicht möglich die völkischen Burschenschaften der Deutschen Burschenschaft getrennt von Rest des Korporationsmilieus zu betrachten, solange sich ein Großteil der Verbindungen und Verbände nicht, wie in anderen Staaten, als bloßes Elitenetzwerk ohne den völkischen Kitt versteht. Daher wird hier auch die Landsmannschaft Teutonia in den Blick genommen.
Darüber hinaus gründete sich in Würzburg im Januar 2009 eine neue Burschenschaft namens Libertas. Diese stellt eine Abspaltung von den Germanen dar, die im weitesten Sinne etwas mit dem Austritt der Germanen aus der Deutschen Burschenschaft zu tun hat, denn man strebt einen Eintritt in die Deutsche Burschenschaft an(7). Ihr Wahlspruch lautet, wie sollte es anders sein, „Ehre- Freiheit- Vaterland“(8). Damit hat eine Blockbildung bei den Würzburger Burschenschaften eingesetzt: Auf der einen Seite finden sich die Burschenschaften Adelphia und Libertas, die offen an der völkischen Deutschen Burschenschaft partizipieren bzw. partizipieren werden und deren Verbundenheit bereits durch eine gemeinsame Freundschaftskneipe besiegelt wurde(9), auf der anderen Seite finden sich die Burschenschaften Cimbria, Germania und Arminia.

Es folgt die Darstellung der einzelnen Verbindungen:

Burschenschaft Germania
Farben: schwarz-gold-hellblau
Adresse: Nikolausstraße 21

Zur Geschichte der Germanen in der Weimarer Republik:
Keine andere Würzburger Studentenverbindung hatte zur Zeit der Weimarer Republik so viele Mitglieder im National-Sozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB)(10). Von 50 Aktiven Germanen waren bereits 1929 17, im Sommersemester 1931 bereits 29 Korporierte beim NSDStB aktiv(11), wobei erwähnt werden muss, dass der Nationalsozialismus innerhalb der Germania scheinbar einen solchen Rückhalt hatte, dass der Kopf des NSDStB die Burschenschaft Germania als „Sektion II. Des NSDStB“(12) bezeichnete, was die alten Herren der Germania empörte. Für die Nazis bildeten die „Studentenbundkameradschaften der Korporationen dass eigentliche Rückgrat des Würzburger NSDStB“(13). Wenn es auf der Germanen-Homepage schlichtweg heißt, „schon bald zeigten sich dunkle Wolken am Himmel. Kurz nach der Machtergreifung Hitlers erfolgte der Eingliederungsprozess der Burschenschaften in den NSDStB“(14), dann ist dies also nur die Halbe Wahrheit und ignoriert zum Wohle des Images der Germanen die Rolle der Burschen bei der Zerschlagung der Weimarer Republik.

Geschichte bis heute:
Auch nach dem Krieg zeigten sich bei der Germanen revisionistische und völkische Tendenzen. So findet sich „zum Geleit“ im Totengedenkbuch der Germanen, das den Gefallenen des ersten und zweiten Weltkrieges gedenkt, folgendes Gedicht: „Das kein Feind betrete den heimischen Grund, stirbt ein Bruder in Polen, liegt einer in Flandern wund; Alle schützen wir Deiner Grenzen heiligen Saum, unser blühend Leben für deinen dürsten Baum, Deutschland!“(15).
Modernere Studentenverbindungen richteten sich bereits im Jahre 1965, allen voran die gemäßigten katholischen, gegen das Singen aller drei Strophen des Deutschlandlieder, was zu Auseinandersetzungen in interkorporativen Conventen, führte(16). Die Germanen und andere Verbindungen wollten alle Strophen singen, weshalb 1965 ein Convent abgesagt wurde. Die 68er Umbrüche machten auch vor den Germanen nicht halt. Während einige liberalere Burschenschaften das Fechtprinzip fakultativ, also freiwillig, gestalten wollten, wandten sich die Germanen auch hier auf die konservative Seite(17). Der Autor des 1993 erschienenen Geschichtsbuches „175 Jahre Burschenschaft Germania zu Würzburg“ macht sich für das Jahr 1975 auch Gedanken über den Wehrdienst, wobei die soldatischen Tugenden natürlich unangefochten bleiben und man den Mitgliederschwund aufgrund der Entwurzelung, also völkisch, interpretiert. „Denn die Leugnung und Ächtung der Autorität führen zur Entwurzelung besonders des jungen Menschen, weil sie verknüpft ist mit der Preisgabe dieser Rechte und dessen, was ihn im Grunde an das geschichtlich gewachsene bindet.“(18) Wehrdienstverweigerer werden abgelehnt: „Glücklicherweise kennen wir in unserem Bunde dieses leidige Problem nicht, denn ein Wehrdienstverweigerer wird zwangsläufig auch unsere Prinzipien ablehnen und sich damit automatisch aus unserer Gemeinschaft ausschließen“(19).
Auch die Kontakte, die die Germania mit anderen Verbindungen im sogenannten Schwarz-Roten-Kartell pflegt, verheißen kaum eine Abkehr von völkischen Ansichten. Die Alte Burschenschaft Alemmania in Kiel veranstaltete im Mai 2002 einen Vortrag mit dem Titel „die Legion Condor und der spanische Bürgerkrieg“, wobei die Condor eine Eliteeinheit der Luftwaffe war, die 1937 die Ortschaft Guernica dem Erdboden gleich machte(20). Auch eine zweite Burschenschaft, mit der sich die Germanen verbunden fühlen, nämlich die Hansea-Allemannia in Hamburg, zeigt eine Affinität zu rechtem Geschichtsrevisionismus: so veranstaltete man einen Vortrag mit Karl-Heinz Weißmann, einem Publizisten der Neuen Rechten, und pflegt Kontakte zu völkisch-heidnischen Kreisen(21).

Burschenschaft Adelphia
Farben: grün-schwarz-rot
Adresse: Sieboldstraße 12

Auch bei den Adelphen findet sich kein Bruch mit dem deutschen Soldatentum. Noch 1967 heißt es bei einer Gedenkschrift für die Gefallenen des 2. Weltkriegs: „War dem deutschen Volke auch kein Sieg beschieden, so hält der Tod doch in uns das Bewusstsein wach, dass sie für uns gestorben sind.“(22) Was es bedeutet hätte, wenn dem sogenannten deutschen Volk der Sieg zu Teil geworden wäre, nämlich eine Aufrechterhaltung des systematischen Massenmordes an den Jüdinnen und Juden und eine Fortführung der Barbarei, müsste selbst den Adelphen bewusst sein.
In einer Selbstbeschreibung der Adelphen von 2008 finden sich sowohl Versatzstücke des deutschen Soldatentums, als auch von dumpf-patriotischem Denken und ständischer Elitetheorie: „Disziplin, Pflichtgefühl, Verantwortungsbewusstsein, Solidarität und Leistungsbereitschaft […] betreffen die Fähigkeit des Einzelnen, die er für sich, seine Korporation und sein Land bereit ist einzubringen. […] Patriotische Grundhaltung und Risikobereitschaft sind weitere Werte, die wir […] für essentiell halten. […] Konkret bedeutet dieses Ergebnis für uns, daß wir die gesellschaftliche Vorbildfunktion der akademisch gebildeten Menschen fordern.“(23)
Kontakte pflegen die Adelphen mit der Burschenschaft Normannia Heidelberg.(24) Diese ist in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft(25) organisiert, dem äußersten rechten Rand der Deutschen Burschenschaft(26). Dazu passt, dass die Mitglieder der Normannia im November 2003 die antisemitische Rede Martin Hohmanns kopierten und an der Uni verteilten(27). Dieser Freundschaft ist es wohl auch geschuldet, dass die Adelphen im WS 07/08 einen Vortrag mit starker rechter Schlagseite veranstalteten: Hannes Kaschkat, Vizepräsident der Würzburger Uni a.D und Mitglied bei den Heidelberger Normannen(28), Interviewpartner von Junger Freiheit(29) und Nationalzeitung(30) (der Zeitung des DVU-Chefs Gerhard Frey), Autor im Grabert-Verlag(31), in dem auch mehrere Auschwitzleugner publizierten(32) und Republikaner-Anwalt in den 80er Jahren(33) hielt am 08.12.2007 im Adelphenhaus einen Vortrag zum Thema „Berufsfreiheit und Staatskontrolle (am Beispiel Danubia München und Sascha Jung)“(34). Da Hannes Kaschkat selbst bei der Danubia zu Gast war(35), welche z.B. dafür bekannt ist, einem Neonazi nach einer Schlägerei Unterschlupf gewährt zu haben und bis 2007 vom Verfassungsschutz überwacht wurde(36), hofierte die Adelphia einen Gast mit Kontakten zum rechten Rand in ihrem Hause.

Burschenschaft Cimbria
Farben: violett-silber-schwarz
Adresse: Huttenstraße 31

Auch einige Kimbern zeigten eine frühe Affinität zum Nationalsozialismus, denn 1929 waren auch einige Ihrer Mitglied im NSDStB(37) organisiert. Inwieweit die Rolle der Burschenschaften in der Kampfzeit des NS aufgearbeitet wurde, ist unbekannt. Überhaupt ist die Beschaffung von Material zu den Kimbern im Vergleich zu allen anderen Verbindungen am schwersten. Sie hält sich bedeckt, betreibt zur Zeit nicht einmal mehr eine Homepage. Das einzige Lebenszeichen seit langem stellte der Austritt aus der DB im Herbst 2008 dar.
In ihrer Satzung wurden ihre Ziele, die sich ebenfalls patriotisch-soldatisch definieren, formuliert: „Die Cimbria hat das Ziel, den Charakter ihrer Mitglieder zu prägen im Sinne des burschenschaftlichen Gedankenguts und sie zu Persönlichkeiten zu erziehen, die befähigt sind zum Dienst am Vaterland [..]“(38).

Landsmannschaft Teutonia:
Farben: rot-weiß-gold
Adresse: Greisingstr. 17

Der Reflexion über die Nazizeit seitens der Teutonen muss man zugute halten, das sie im Festbuch zu 125 Jahre Landsmannschaft Teutonia überhaupt erwähnt, dass es personelle Überschneidungen zwischen der SA, dem Stahlhelm und den Teuten gab. Jedoch wird hier lediglich trocken festgestellt, „daß es zu Beginn der 30er Jahre unter Ihnen [Anmerkung AK Kritische StudentInnen: den Nazis, die gleichzeitig Teuten waren] und den Nur-Teuten keine Schwierigkeiten gegeben hatte. Man respektierte sich gegenseitig.“(39) Als sich das Würzburger Korporationswesen dann 1933 dem Führerprinzip anpasste, war der erste Führer des Würzburger Waffenrings dann auch ein Teute.(40)
Ähnlich wie die Germanen wandten sich auch die Teuten gegen eine Abschaffung der Pflichtmensur(41) und bei den Auseinandersetzungen im Coburger Convent in den 70ern bildete man dazu einen eigenen konservativen „Würzburger Kreis“, der sich letzten Endes im Convent durchsetzen konnte(42), weshalb Mitgliederbünde im Coburger Convent auch heute noch verpflichtend die Mensur fechten müssen.
Wie für viele andere Verbindungen, endet das deutsche Volksgebiet für die Teuten nicht bei den Grenzen der BRD, ganz im Sinne eines völkischen Verständnisses eines organisch gewachsenen deutschen Kulturraumes. So tragen die Teuten normalerweise kein zweites farbiges Band, wenn sie jedoch bei ihren österreichischen Freunden sind, wird eine Ausnahme vorgenommen, und zwar „zur Stärkung des Deutschtums bei den Innsbrucker Tyrolern“(43), wobei damit die Landsmannschaft Tyrol gemeint ist, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „für das Recht und die Freiheit des deutschen Kulturvolkes einzutreten, wobei unter Vaterland die deutsche Kulturgemeinschaft, nicht das Staatsgebiet, und unter Kulturvolk die Gemeinschaft der Deutschen, nicht die Staatsbürgergesamtheit verstanden wird.“(44)
Durch einen Vortrag kommt ihre mangelnde Distanzierung zum rechten Rand zum Ausdruck. So veranstalteten die Teuten im WS 2007/2008 am 24.10. einen Vortrag zum Thema „Islam“(45) mit dem rechts-konservativen Journalisten Dr. Udo Ulfkotte. Dieser ist rechtspopulisitischer „Islamkritiker“. Bei den Bremer Bürgerschaftswahlen unterstützte er die rechtspopulistische Partei „Bürger in Wut“, war Mitinitiator der Organisation PaxEuropa(46), die über die „schleichende Islamisierung Europas“(47) aufklären möchte und ist Referent beim Institut für Staatspolitik, das der Jungen Freiheit nahe steht und als Denkfabrik der Neuen Rechten gilt(48).

Es kann keine Ende geben….

Die Serie über die Korporationen kommt zwar an ihr Ende, die Kritik an diesen kann aber nicht beendet sein. Wir stellen klar, dass es nicht unsere Intention war oder ist, die Mitglieder der Korporationen in irgendeinen Diskurs mit einzuschließen. Sich gegen völkisch-deutsche Ideologie zu wehren heißt, die Kritik zuzuspitzen, statt sich auf den penetranten Mitteilungsdrang über deutsche Kultur und Volksgemeinschaft seitens der Korporierten einzulassen. Wenn die Serie dazu beigetragen hat, die Kritik an den Würzburger Verbindungen zu erneuern und sie grundlegender zu machen, dann hat sich die Mühe gelohnt.

AK Kritische StudentInnen

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1: Siehe Letzter Hype, Ausgabe 07.
2: Siehe Ebenda, Ausgabe 08.
3: Siehe Ebenda, Ausgabe 10.
4: Reader über das Marburger Verbindungswesen der Antifa Gruppe 5 Marburg, abzurufen unter http://www.ag5.antifa.net.
5. Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Burschenschaft_Germania_zu_W%C3%BCrzburg.
6. http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Burschenschaft_Germania_zu_W%C3%BCrzburg.
7. Siehe http://www.tradition-mit-zukunft.de/community/couleurinfo/verbindung,b_libertas_wuerzburg.html.
8. Siehe ebenda.
9. Siehe http://www.adelphia.de.
10. Vgl. Peter Spitznagel, Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg 1927-1933, Diss. phil. Würzburg 1974, 30f.
11. Vgl. ebenda S. 175 f.
12. Vgl. Spitznagel, Peter: Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg, 1927-1936. IN: 1503-1982 Studentenschaft
und Korporationswesen an der Universität Würzburg, 1982, S. 95.
13. Bericht des Führers der Korporationsk. Würzburg vom 25.09.1932, IN: ebenda, S 108.
14. Siehe http://www.germania-wuerzburg.de/geschichte.php
15. Burschenschaft Germania: Gefallenen-Gedenkbuch der Burschenschaft „Germania“ zu Würzburg, Würzburg 1958.
16. Vgl. Burschenschaft Germania: 175 Jahre Burschenschaft Germania zu Würzburg, Würzburg 1993, S. 22 f.
17. Vgl. ebenda, S. 23 f.
18. Vgl. Burschenschaft Germania: 175 Jahre Burschenschaft Germania zu Würzburg, Würzburg 1993., S. 25.
19. ebenda, S. 26.
20. Vgl. www.archiv-kiel.de/komm/files/astalavista.pdf
21. Vgl. http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2005/08/8an2005.pdf
22. Burschenschaft Adelphia: 100 Jahre Burschenschaft Adelphia, Würzburg 1967.
23. Burschenschaftliche Blätter, 01/2008.
24. Vgl. www.adelphia.de.
25. Vgl. http://www.burschenschaftliche-gemeinschaft.de/ueb-mitgliedsbuende.htm.
26. Vgl. www.unimut.fsk.uni-heidelberg.de.
27. Vgl. ua.x-berg.de/pdf/UAZZ.pdf.
28. Ebenda.
29. http://www.jf-archiv.de/archiv99/129aa16.htm.
30. Vgl. Nationalzeitung November 2005.
31. Vgl. http://www.apabiz.de/archiv/material/Profile/Grabert-Verlag.htm.
32. Ebenda.
33. Vgl. http://www.antifaschistische-nachrichten.de/1998/24/index.shtml.
34. Vgl. Semesterprogramm der Adelphen WS 07/08, xxx.adelphia.de, Stand November 2007.
35. http://www.danubia-muenchen.de/archiv.php.
36. Vgl. http://wahlen.aida-archiv.de/index.php?option=com_content&task=view&id=694&Itemid=1148.
37. Vgl. Peter Spitznagel, Studentenschaft und Nationalsozialismus in Würzburg 1927-1933, Diss. phil. Würzburg 1974, Seite 31 f.
38. Cimbria Würzburg: Grundsätze der WB Cimbria, Würzburg 1969.
39. Landsmannschaft Teutonia: 125 Jahre Landsmannschaft im CC Teutonia zu Würzburg, Würzburg 1990, S. 104.
40. Siehe Ebenda, S. 171.
41. Zur nochmaligen Erklärung: eine Mensur ist ein nach festen Regeln ablaufendes Fechtduell zwischen Mitgliedern unterschiedlicher
Verbindungen. Die Satzung einer Korporation legt meistens fest, wie viele Mensuren ein Aktiver fechten muss.
42. Vgl. ebenda, S. 171.
43. Vgl. ebenda, S. 208.
44. http://www.l-tyrol.at/prinzipien.asp.
45. Vgl. http://www.teutonia-wuerzburg.de, Stand 01. November 2007, Semesterprogramm 2007/08.
46. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Udo_Ulfkotte.
47. http://www.buergerbewegung-pax-europa.de.
48. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Institut_f%C3%BCr_Staatspolitik.

Auf dem Beatabend… mit Hunter S. Heumann

Wenn Stromgitarren das Grunzen der Mastschweine übertönen, wenn sich das köchelnde Testosteron junger Milchbauern durch Faustschläge an die Oberfläche kämpft und es nach erbrochenem Cola-Asbach (1 €, 50/50-Mischung) riecht, dann ist Beatabend.
Dieses den Stadtbewohnern völlig zurecht unbekannte Ritual bäuerlicher Selbstentwürdigung erfreut sich seit Jahrzehnten ungebrochener Beliebtheit bei jung und alt. Das Konzept ist denkbar einfach. Man nehme:

1.Eine schlechte Coverband. Wichtig für eine gute Show ist dabei, dass die Musiker die kulturelle Vielfältigkeit ausstrahlen, die das Dorf kennzeichnet: nämlich gar keine. Würde eine Beatabendband größtenteils eigene Stücke zum Besten geben: die Menge wäre verwirrt, sie würde womöglich sogar anfangen, mit Gülle zu werfen.
Ein fetziger Gruppenname ist ebenso unverzichtbar. Da gibt es „geile“ Bandnamen, die bereits nach dem ersehnten wilden Geschlechtsverkehr alkoholdurchströmter Leiber klingen, den sich so viele Beatabendbesucher versprechen: S.E.X. als Abkürzung für „Sau Extrem“ oder die „Hard- & Heavyband“ F.U.C.K. beispielsweise. Andererseits darf der Bandname auch klingen, als werde die Dorfidylle durch schmetterndes Todesmetall erschüttert: so wie Acid Rain, Justice oder Angel Landing beispielsweise.
Die Beatabendbands lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Zum einen gibt es die Gruppen, die es niemals geschafft haben, außerhalb einer Radius‘ von 15 Kilometer ihres Brunftgebietes aufzutreten. Die Gründe sind alkoholbedingte Trägheit, Angst vor Ausländern oder einfach mangelnde musikalische Fähigkeiten. Zum anderen schaffen es tatsächlich manche Bands, frankenweit oder gar deutschlandweit aufzutreten- es gibt schließlich nicht nur in Unterfranken öde Gegenden, in denen der Auftritt einer Metal-Coverband gefeiert gefeiert wird wie die Anschaffung eines neuen Traktors.

2.Billiger Alkohol. Das seit Jahrtausenden beliebte Konzept zum Abbau von Hemmungen wäre ohne eine kleine Auswahl besonders auf dem Kaff beliebter Getränke undenkbar: Selbstverständlich wird Bier gereicht- aber charakteristisch wird ein Beatabend erst durch den Asbach Uralt.
Asbach ist ein übelschmeckender Fusel aus Rüdesheim am Rhein, der schon beim ersten Schluck an Brechdurchfall und schmerzhafte Blasendysfunktionalität erinnert. Die Leidenschaft der Dörfler für Asbach wird von Dr. Hartmut Bömmele, Professor für biologische Psychologie, auf eine Veränderung der Geschmacksknospen, verursacht durch die Einatmung von Kunstdüngerdämpfen, zurückgeführt. Der Dörfler versucht, den üblen Geschmack des Schnapses durch Cola zu überdecken- was nur in begrenztem Maße von Erfolg gekrönt ist.

Ein Beatabend kann schwer beschrieben werden, ohne die spezifische Stimmung zu beleuchten. Der dumpfe Covermetal motiviert die Gäste kaum zu ausgelassener und fröhlicher Stimmung, sondern eher zu teutonischer Kampfeslust, halb-rülpsenden, halb-gröhlenden Lauten aus dem tiefsten Innern der barbarischen Dorfnatur und zu Tanzbewegungen, die eher an schnitzelklopfende Metzgermeister als an passionierte Diskogänger erinnern. Oft kommt es im Tanzsaal zu Grüppchenbildungen, die bereits darüber entscheiden, welche zwei Fraktionen am Ende des Abends aufeinander losgehen. Die Gründe sind meistens eher unwesentlich- ob jetzt der Michl mit der Lisl geknutscht hat, der Ändi den Peter „schwul“ genannt hat oder der Manni aus Knetzgau den Maibaum aus Hofheim entwendet haben soll spielt eigentlich keine Rolle- wichtig ist am Ende, dass irgendwer auf die Fresse bekommt. So fallen die Enthemmten übereinander her, spätestens wenn die Musik aufhört. Man lässt mal so richtig die Wut heraus- damit man ruhig und ausgelassen die nächste Woche wieder zur Arbeit gehen oder die Rüben ernten kann. Solange, bis das Wochenende wieder beginnt, die Musik wieder spielt und das bizarre Schauspiel erneut seinen tragischen Anfang nimmt.

Ihr Hunter S. Heumann

P.S:Das Labyrinth in Würzburg kann zweifellos als urbaner Arm der Beatabendbewegung bezeichnet werden!

Was fehlt

„Wir zahlen nicht für eure Krise!“ hechelt ein Sammelsurium aus Gewerkschaften, Parteien und linken Gruppen und ruft zu großen Demonstrationen für die viel beschworene und diffus-bestimmbare solidarische Gemeinschaft auf. Was die Reststücke dieser links Fühlenden vereint ist ihre Begriffslosigkeit, ihr Mangel an Kritik der kapitalistischen Kategorien und der unbedingte Wille, eine linke Krisenbewältigung via Rekeynesianisierung, also durch den Staat als vermeintlichen autonomen Agenten, einzufordern.
Der gemeinsame Aufruf zu den Demonstrationen in Berlin und Frankfurt am 28. März beweist auf ein neues, dass die Krise auch eine Krise der Linken ist. Der Aufruf ist ein Zeugnis des diffusen Mix‘ aus bürgerlicher Staatsauffassung und nie überwundenen Konzeptionen des ökonomistischen Basis-Überbau-Theorems. „Die Entfesselung des Kapitals und der erpresserische Druck der Finanzmärkte haben sich als zerstörerisch erwiesen“ meint der Aufruf, wobei zugleich suggeriert wird, jene Entfesselung sei nicht in der Logik der Wertverwertung selbst angelegt und sei durch eine Sphäre der Einfachen Warenproduktion in Verbindung mit einem autonomen Staat zu einer freien Gesellschaft umkehrbar. Man möchte, dass „Bildung, Gesundheit, Alterssicherung, Kultur und Mobilität, Energie, Wasser und Infrastruktur nicht als Waren behandelt werden“ und begreift anscheinend nicht, dass gerade Begriffe wie Gesundheit, Bildung und Kultur in der kapitalistischen Gesellschaft negativ gefasst sind und die Bedingung der Reproduktion der Ware Arbeitskraft sind, es sei denn man würde sich vom Kapitalismus in emanzipatorischer Weise befreien. In nahezu jeder Formulierung der Aufrufs schwingt die Sehnsucht nach dem guten alten Keynesianismus mit, in dem das Kapital noch Nation vermittelt war, und man tatsächlich noch von einer Volkswirtschaft in Verbindung mit der sich damals schon im Niedergang befindenden Realakkumulation sprechen konnte. „Die Regierungsberater, Wirtschaftsvertreter und Lobbyisten sind nicht vor Scham im Boden versunken, sondern betreiben weiter ihre Interessenpolitik. Um Alternativen durchzusetzen, sind weltweite und lokale Kämpfe und Bündnisse (wie z.B. das Weltsozialforum) nötig – für soziale, demokratische und ökologische Perspektiven.“ Hier kommt klar die Unfähigkeit zum Ausdruck, den Staat als politische Form der kapitalistischen Gesellschaft zu betrachten. Stattdessen wird einerseits in den Kategorien der bürgerlichen Staatskonzeption gedacht- denn der Staat wird als eine allgemeine Instanz betrachtet, die mit der Wertverwertung an sich wenig zu tun hat und sich selbstständig entfaltet, während gesellschaftliche Veränderungen als Kampf zwischen verschiedenen Interessengruppen um die Staatsmacht wahrgenommen werden- andererseits sieht man den Staat durchsetzt von Agenten des Kapitals, die den Niedergang der Gesellschaft betreiben- was eher daran erinnert, den Staat in ökonomistischer Weise als eine bloße Überbauerscheinung seiner kapitalistischen Realität zu begreifen. Die Forderungen der Demonstration sind, gelinde ausgedrückt, eher gruselig. Man appelliert- wenn man schon nicht selbst die Staatsmacht erobern kann- an die Regierung, die Verursacher der Krise zu Bestrafen. Man ist „Dafür, dass die Profiteure die Kosten der Krise bezahlen“. „Die Steueroasen sind endlich zu schließen; Banken, die dort arbeiten müssen  bestraft werden.“ Man appelliert an einen starken Staat und unterscheidet sich dabei grundsätzlich nicht von den Forderungen des Staatsoberhauptes.
Was in den zahlreichen Forderungen an den Staat zum Ausdruck kommt, ist im Grunde genommen zweierlei: Zum einen die Absage an die Marx’sche Kritik der Politischen Ökonomie und zum anderen der Beweis, dass man anscheinend kein angemessenes Verständnis der Krise besitzt. Der Staat soll eine konsequente Krisenbewältigung bewerkstelligen. Jedoch hängt der Realitätsgrad des Staates auch, wie es Agnoli treffend skizzierte, von seiner „Fähigkeit, Befreiungsbewegungen und die Tendenz zur Freiheit einzudämmen und zu neutralisieren“ ab. Der Staat soll dafür sorgen, die Reproduktion der Ware Arbeitskraft wieder herstellen zu können. Damit einher geht eine Absage an die Überwindung der staatlichen Herrschaft seitens der Linken einerseits und ein mangelndes Verständnis der Verhältnisses von Ökonomie und Staat andererseits. Die Perspektivenwahl der Politik erfolgt nicht, wie der Aufruf zur Demo glauben lassen will, nach dem freien und autonomen Ermessen der Politik, sondern auch nach dem Druck in der Akkumulation. Dadurch, dass die Wertverwertung durch die Produktivkraftentwicklung mit dem Ende des Fordismus in eine schwere Krise geraten ist, verließ das Kapital mit der dritten industriellen Revolution seinen nationalen Rahmen, um überhaupt noch wettbewerbsfähig zu sein. Der Staat als Reproduktionsverwirklicher trat in eine Krise, die durch Hartz IV und Konsorten erst begonnen hat. Die Transnationalisierung des Kapitals wird von der Linken nicht als Folge der krisenhaften Wertverwertung aufgefasst, sondern ebenso wie vom bürgerlichen Alltagsverstand als von gierigen Managern und ihren politischen Agenten herbeigeführte Krise, die mit einem Rückgriff auf einen starken Staat bewältigt werden könne. Skizzenhaft wird in die Diskussion der Linken immer wieder Marx eingebracht, ohne seine Kategorialkritik an Staat, Ware und Wert zu begreifen.
Dabei stellt sich die Frage, ob eine kommunistische Begierde, die die bürgerlichen, aber auch die staatskapitalistisch-sozialistischen Aprioritäten hinter sich lässt, in der Krise die Chance hat, zum Vorschein zu kommen. Klar müsste dabei sein, dass mit dieser Begierde nicht die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand, die panische Massenstimmungen anscheinend als revolutionäre Situation betrachtet und die die damit verbundene Gefahr, hinter den Kapitalismus in die Barbarei zurückzufallen, beinhaltet, gemeint ist. Von jener Kategorialkritik ist weit und breit nichts zu sehen. Jeder Versuch, sie zu formulieren, sie sogar in das Spannungsfeld zwischen Spontaneität und Theorie zu bringen, ist solange zum Scheitern verurteilt, wie mit den Begriffen an die alte Linke angedockt wird und versucht wird, Menschen etwas zu erklären, die anscheinend von nichts einen Begriff haben. Selbst diejenigen anarcho-syndikalistischen und antinational-kommunistischen Gruppen, denen man eine emanzipatorische Restvernunft zusprechen kann, schaffen es schwer, sich von der staatsaffirmativen Linken zu distanzieren und laufen zum Beispiel am 28. März in einem sozialrevolutionären Block auf der besagten Demonstration. Zum anderen bleibt ihre Sehnsucht der Zerschlagung von Staat.Nation.Kapital (Aufruftext) solange eine Randerscheinung, wie die Gruppen nicht fähig sind, die Sprache der alten Linken zu verlassen und damit nicht mehr zu klingen wie ein Aufruftext aus den Zeiten, in denen man noch einen Begriff davon hatte, was Links ist und was nicht. Sich als antinationale KommunistInnen gegen das Ganze zu stellen, müsste bedeuten jeden Versuch von Organisation hinter hinter sich lassen. Denn jedem noch so kümmerlichen Versuch, sich bürgerlich-interessengruppenspezifisch zu organisieren, wohnt bereits die Konterrevolution inne, kriecht der Staat, schlimmer noch, die Nation, in die Struktur. Dazu folgerte bereits der Rätekommunist Paul Mattick: „Hier, in der Frage der Organisation, offenbart sich das Dilemma der Radikalen: Um gesellschaftliche Veränderungen zu bewerkstelligen, müssen Aktionen organisiert werden; organisierte Aktionen aber nehmen immer auch Züge dessen an, wogegen sie sich richten. Es scheint, als könne man immer nur das Falsche oder, aus Angst vor dem Falschen, gar nichts tun. Selbst eine oberflächliche Betrachtung organisierten Handelns offenbart, daß alle bedeutenden Organisationen, gleich welcher Ideologie, den Status Quo stützen […]“.Die Lösung der RätekommunistInnen war die Spontaneität der ArbeiterInnen. Ohne eine Fetischkritik wird jener Hoffnung auf die Spontaneität jedoch schnell zu jener befürchteten Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand in Verbindung mit einer barbarischen Massendynamik, denn auch den meisten ArbeiterInnen stellte sich der Staat bisher als Erhalter seiner Reproduktion dar, und nicht als Aufrechterhalter ihrer Unterdrückung. Eine emanzipatorische Nicht-Organisation muss fähig sein, den oben bereits skizzierten Widerspruch von Kritik des Wesens und Spontaneität beziehungsweise Sabotage auszuhalten. Die ArbeiterInnen müssten, „um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigene bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben. Sie befinden sich daher auch in direktem Gegensatz zu der Form, in der die Individuen der Gesellschaft sich bisher einen Gesamtausdruck gegeben, zum Staat, und müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen.“ (Wer wohl? Marx)
Betrachtet man die Krise in ihrem historischen Kontext, so stellt sich klassedynamisch und staatlich einiges anders dar als in vergangenen Krisen (wobei die ökonomische Realität beweisen wird, ob es sich bei der aktuellen Krise und eine zyklische oder um eine, in wertkritischer Manier gesprochen, Zusammenbruchskrise handelt). Es ist davon auszugehen, dass der Staat die gesellschaftliche Reproduktion nur dann trägt, wenn er selbst ökonomische Potenz ist, wenn er seine eigene national-ökonomische Basis beinhaltet. Das Kapital hat jedoch längst den nationalen Rahmen verlassen, um der Krise der Realakkumulation zu entgehen. Man kann von keinem Unternehmen von Größe sprechen, das die Grenzen der Volkswirtschaft nicht verlassen musste, um seinem Untergang zu entgehen. Und so müsste der Staat in jenen Krisenzeiten das Rad Richtung Keynesianismus zurückdrehen, was die Realität der Krise von abstrakter Arbeit, Wertverwertung und die Fixierung des Kapitals auf fiktives Kapital schwer möglich machen wird, es sei denn man nähme eine Forcierung der Krise in Kauf und schafft es, die Ideologisierung von Nation und Volk auf ein barbarisches Maximum zu hieven. Dabei tut sich die Frage auf, was mit den ArbeiterInnen passiert, wenn der Staat nicht mehr dazu fähig ist, als Bewahrer der Reproduktion in Erscheinung zu treten? Wenn der Staat seit Jahren, genötigt durch die Anpassungen an die Umwälzung der ökonomischen Struktur, seinen Nutzen als Ermöglicher von Reproduktion verloren hat und auch so schnell nicht mehr zurückerobern kann? Mehr als das: es scheint, als sei ein großer Teil des sogenannten Subproletariats gar nicht mehr in der „Genuss“ der autoritären Vollzeitbeschäftigung namens staatlich-schulische Sozialisation gekommen. Droht dann die Fixierung der Bevölkerung auf barbarische Formen der Krisenlösung in Form von Religion, antisemitischem Wahn und Racketbildung? Auch in klassenstruktureller Hinsicht unterscheidet sich die Krise von zurückliegenden Ereignissen. Der Postfordismus hat die traditionelle Arbeiterklasse zersetzt, um bei der sogenannten Mittelschicht und dem akademischen Milieu weiterzumachen. Was so diffus als Prekariat bezeichnet wird, erfasste die Gesellschaft als Ganzes. Der Klassenkampf als Beschwörungsformel der Linken ist nichts anderes als ein atavistischer Begriff geworden, dem man keine Chance auf Vermittlung mehr unterstellen kann. Wenn weder Staat noch die Klasse Chancen haben, den Kapitalismus zu retten oder als Retter für sich aufzutreten, so kann man den Umschwung in die Barbarei befürchten.
Jedoch: Wenn sowohl akademisches Milieu als auch Arbeiterschaft, vor allem aber das „abgehängte Prekariat“ den Staat nicht mehr als Problemlöser wahrnehmen können, weil alle in der gleichen Scheiße sitzen und dies auch so wahrgenommen werden könnte, wäre dann die Zeit der Verbindung von Spontaneität und Kategorialkritik gekommen? Wäre es dann möglich, ein kommunistisches Ziel zu formulieren, das sich nicht auf die bürgerlichen Aprioritäten einlässt, weil diese Ihren Bedeutungsgehalt längst verloren haben?

Wir können es noch nicht wissen.

Benjamin Böhm

Hype # 11

Ab Montag in den üblichen toten Briefkästen.

Jochen Bruhn: Der Staat des Grundgesetzes, mp3

Kann man hier runterladen. Waren ja ein paar von der Redaktion da. Ziemlich interessant.

Heft #11 fertig!

Nächste Woche kommt es raus. Es wird wie immer sehr gut, vielleicht wird es unser Verleger auch hier hochladen.

26.4. im Kult/Würzburg: Lesung des letzten hype

7.5.2009: party des letzten hype

party des letzten hype, 7.5.2009, 22.30 uhr
immerhin (würzburg), nach dem konzert
djs von xyeahx und dem letzten hype

2 jahre letzter hype? es gibt nichts zu feiern

Die Party des letzten hype könnte die Geburtstagsparty des hype sein: vor 2 Jahren erschien die erste Ausgabe. Immerhin: dass wir 2 Jahre durchhalten würden, hätten wir nicht gedacht.

Die „neue Area“, die wir vor 2 Jahren grossmäulig ausgerufen haben, hat immer noch nicht geendet. Soll sie denn ewig dauern? Was wir damals angefangen haben, mag sein, dass es gar nicht schlecht war. Es muss aber etwas besseres geben als den letzten hype.

Zu feiern gibt es nichts. Die Verhältnisse, die etwas wie den hype nötig gemacht haben, sind verflucht. Und immer noch geht alles weiter, und es wird nicht besser, sondern schlechter, und wenn alles, was bleiben soll, die Verzweiflung ist, dann können wir weitermachen wie bisher.

Versprochen haben wir einmal etwas anderes. Es wird auch nicht so bleiben, wie es ist. Die Sache muss mehr sein als ein Heft, und wird mehr sein als ein Heft, oder sie wird gar nicht sein.

Es ist auch an euch, zu entscheiden.

Ein wichtiger Hinweis!


Zur Krise #4

Irgendein Experte in irgendeinem Blatt hat einen interessanten Satz gesagt:

Mit Blick auf 2010 sieht er aber nicht mehr ganz so schwarz für das deutsche Auslandsgeschäft. Dann würden die Schwellenländer die deutschen Exporteure wieder kräftig stützen, 2010 sei von leicht positiven Wachstumsraten auszugehen. „In Ländern wie China und Indien ist der soziale Druck viel zu groß, als dass sie es sich leisten könnten, nicht zu wachsen“, sagt Börner.

Sich leisten können, nicht zu wachsen! Die Herren sind sich ihrer Sache offenbar sehr sicher.

Quatschiquatschi

Singende Pferde- nie waren sie so wertvoll wie heute!

Pferdi

Die schwarze Edition

Viele Leute kommen neuerdings auf uns zu und wundern sich, dass sich das Cover seit Ausgabe 8 ganz in schwarz präsentiert.

Das ist kein Zufall. Mit der sogenannten Schwarzen Edition bringen wir die strukturelle Neuausrichtung, inspiriert durch Evi Schmitt, zum Ausdruck. Ab Ausgabe 8 legt die Redaktion größeren Wert auf Orthographie, v.a. aber auf Design. Ein schwarzes Cover hat aber auch einen praktischen Vorteil: denn Kaffee- oder Fettflecken fallen auf schwarz bedrucktem Papier kaum auf.

Über München und seine Leut‘

Dieser Text handelt von München und hat trotzdem mehr mit faulig vor sich hin modernden Provinzsümpfen wie Gerbrunn, Ochsenfurt, Hemmersheim oder Gollhofen zutun, als sie vielleicht zuerst annehmen würden.
Stellen sie sich einfach vor, zwei Ochsenfurter Gestalten mit kurzen Hosen kommen in Düsseldorf in eine Kneipe und bestellen, ohne vorher auf die Karte gesehen zu haben, ein Öchsner Bier aus Ochsenfurt. Und wenn der Herr Wirt den beiden antwortet, dass es kein Öchsner Bier gebe, bestellen sie ein Kauzen Bier, ebenfalls aus Ochsenfurt. Abermals teilt der Wirt den beiden Dorfkreaturen mit, dass es auch kein Kauzen Bier in seiner Kneipe gebe. Die beiden Ochsenfurter gucken verdutzt und ein wenig erzürnt, besprechen sich kurz, einer von beiden verdreht die Augen und schnaubt dann in lautem Ton „Habt ihr denn überhaupt irgendein Bier?“ vor sich hin. Wenn die Geschichte wirklich passiert wäre, dann fänden sie das Verhalten der beiden jungen Leute etwas merkwürdig, nicht wahr?
Eine weitere Geschichte zur Veranschaulichung: Ein volkstümlicher Sonderhöfer, engagiert im Krieger- und Kameradschaftsverein Sonderhofen, liebt jedes Element seiner Ochsenfurter Gautracht. Er liebt seinen albernen Spitzhut, sein schwarzes Lederwestchen, sein Hoserl, dessen Bund er knapp unter der Brust trägt und seine grauen Wollsocken, in die er sein Hoserl gesteckt hat. Eines Tages kommt er auf die Idee, dass seine Tracht womöglich nicht nur volkstümliches Zeug, sondern neuer Schick ist, auf den die Welt gewartet hat. Also zieht er los in die Metropolen dieser Welt, nach Paris, London, New York, Tokio und viele weitere Städte, und lässt seine Tracht an. Und wenn die Leute über seinen merkwürdigen Anzug scherzen, ihn sogar verspotten, dann kann er diese Menschen nicht verstehen. Nein, er verlangt sogar, dass die Welt ihn zu verstehen habe. Er bettelt um Akzeptanz, mehr noch, er verlangt Bewunderung für sein Volkstum. Auch ein solches Verhalten fänden sie durchaus merkwürdig, oder?
Oder stellen sie sich vor, ein Großlangheimer Autohändler zieht in eine Millionenstadt. In Großlangheim wurden ihm einige Ehren zuteil: als Sohn eines armen Landwirts arbeitete er sich nach oben und gilt für die Dorfbewohner als „Macher“. Er saß für die Freien Wähler zwei Jahrzehnte im Stadtrat, engagierte sich im Verein zur Heimatpflege und im Vogelschutzverein, ist Ehrenbürger seines Kaffs und mehrjähriger Gewinner des Kitzinger Tenniscups in der Klasse der Jungsenioren. Auch sein Habitus entspricht seinem sozialen Status: Familienfeste werden prunkvoll gefeiert, Giorgio Armani Sonnenbrille, Kitzinger Maßanzug und sein kleinbürgerlicher Machismo gehören genauso dazu wie sein sabberndes Gelaber über seine liebreizende fränkische Heimat. Jetzt kommt der Großlangheimer Kleinbürger also in die große Stadt und möchte mit offenen Armen empfangen werden. Er war der Held seines Dorfes, und genau deshalb muss er auch der Held der Großstadt sein. Das merkwürdige an der Metropole, in die er zieht, ist, dass er dort auf tausende Gleichgesinnte trifft. Dass sich dort fast alle Leute wie Bauern im Anzug aufführen, denen trotz ihres schicken Anzugs noch ab und zu Ackerdreck von den Stiefeln bröckelt. Auch diese Vorstellung kommt ihnen womöglich etwas merkwürdig vor…
München, besser gesagt seine Leute, das ist Ochsenfurt mal 1000 oder Iphofen mal 2000. Wenn zwei Münchner in eine Kneipe oberhalb des Weißwurstäquators kommen, dann wird auch ein Erdinger oder ein Paulaner verlangt, ansonsten ist man eingeschnappt wie ein Bauernjunge, dem man sein Leberwurstbrot weggenommen hat. Wenn man nach München kommt, so darf man nur ganz leise lachen, wenn einem ein Mensch in bayerischer Tracht begegnet, denn die Münchner haben es ja zum Schick erklärt, sich zu kleiden wie elbgermanische Sumpfbewohner ohne Schriftkenntnis. Und wann immer sie ein Sportwagen auf der A3 ausbremst, sie können sich sicher sein, dass das Auto ein Münchner Nummernschild trägt.
München ist ein merkwürdiger Ort. Es scheint mir, als hätten sich hier 1,3 Millionen geklonte Veitshöchheimer Kleinbürger versammelt, um eine überdimensionierten Dorfdisko zu errichten1. Die Würzburger bilden sich ein, in einer Stadt zu leben. Die Münchner machen sich nicht einmal mehr die Mühe und bezeichnen ihre Stadt stolz als „Großes Dorf“, ohne jedes Schamgefühl. Die Mentalität eines Kartoffelroders, das Sozialverhalten einer Rübenziehmaschine und der Habitus eines Dreschflegels: All Das wird in München geadelt statt getadelt. Meiden sie München!

Für immer Ihr Hunter S. Heumann

Die Dialektik der Anrede

Gedanken über das Duzen und das Siezen

Die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft eingerichtet ist, die omnipräsente Herrschaft, bestimmt die Formen unseres Handelns, formt unser Selbst und überwölbt ebenfalls die Formen zwischenmenschlicher Kommunikation. Sowohl das Duzen, als Gemeinschaftsgefühl stiftende Form der Anrede, scheinbar ohne Statusunterschiede zwischen den sich duzenden Personen, als auch das Siezen, als Höflichkeitsform, die sich gar nicht die Mühe macht, die Rangunterschiede zwischen Menschen zu überdecken, sind ohne das Prinzip der Herrschaft nicht zu denken und würden in dem Moment, in dem eine Gesellschaft für den Menschen mit all seinen Möglichkeiten geschaffen würde, nichtig werden.
Schon in frühester Kindheit wird die Fratze der Fremdbestimmung artikuliert: Vor gar nicht allzu langer Zeit sprachen die Kinder ihre Eltern, vor allem ihren Vater als autoritären Patriarchen, noch mit „Sie“ an. Damit verbunden war die Vorstellung einer strengen Erziehung, die dem kindlichen Individuum keinen Platz einräumte und den Rangunterschied klar vor Augen führte. Heute duzt man sich in der Familie, stiftet damit Gemeinschaftsgefühl und kuschelige Wärme in einer eisigen Verwertungsgesellschaft. Aber auch das Duzen innerhalb der Familie ist an die Herrschaft gebunden: Eine Gesellschaft, die so etwas wie die Familie nötig hat, um den Wahnsinn der Verwertungslogik ertragen zu können, ist noch immer die Verneinung des Menschen. Mit dem „Du“ in der Familie werden zugleich Besitzansprüche geltend gemacht, die dem Individuum äußerlich sind: „Du bist eineR von uns“. Die gemeinsame Abstammung, der Lebensweg, den sich die Eltern für ihre Kinder imaginieren, er wird zur Kette für die Emanzipation des Individuums. Die Aussprache dieser Geißel ist das Duzen, das im familiären Bereich, ebenso wie im Arbeitsleben, Gemeinschaftsgefühl stiftet und doch die Knechtschaft beinhaltet.
Das Herrschaftsverhältnis zwischen „Erwachsenen“ und „Kindern“ bzw. „Jugendlichen“ kommt auch in Ausbildung und Beruf zur Sprache: Der Lehrer, der die Schülerin duzt, die Meisterin, die den Stift wie ein verschüchtertes Kind behandelt und mit „Du“ anredet: Die materielle Überlegenheit drängt zum Gedanken, drängt zur Artikulation. Das Individuum wird infantilisiert, bis weit ins Erwachsenenalter hinein. Wer genug Kulturkapital anhäuft, darf sich letztendlich selbst Siezen lassen, darf die Herrschaft dann selbst ausüben und hat damit auch den Status erworben, den anderen die gleiche Gewalt anzutun, die einem/einer in der Schul- oder Ausbildungszeit selbst widerfuhr.
Eine liberale Gesellschaft, die das Pursuit Of Happiness für jedeN EinzelneN proklamiert, muss auch zwangsläufig die Statusunterschiede in der Kommunikation verwischen. Im Anglo-Amerikanischen Raum ist es längt gang und gäbe, dass man sich im Betrieb mit dem Vornamen anspricht. Dieses Konzept der „Formlosigkeit“ greift mittlerweile auch nach Deutschland über. Durch diese persönliche Anrede wird ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt, als ob alle zusammen an einem Strang zögen. Die Lüge, dass es keine Statusunterschiede gebe, die Falschheit, dass alle zusammen arbeiteten und nicht jedeR für sich, wird durch das familiäre „Du“ verewigt, bis die Menschen selbst davon überzeugt sind, dass es die Individuen sind, die gemeinsam den Markt gestalten, und nicht das automatische Subjekt der kapitalistischen Wertgesellschaft. Die Formulierung von Herrschaftsverhältnissen und die moderne Version der Verschleierung treibt im deutschsprachigen Raum die absurdesten Blüten: Mit dem so genannten „Hamburger Sie“ Siezt man sich und verwendet trotzdem den Vornamen, in anderen Betriebe duzt man sich und spricht sich trotzdem mit dem Nachnamen an. Es stellt sich also in Betrieben die Frage, ob man sich im Arbeitsleben nach wie vor Siezt und somit die reale Entfremdung zum Ausdruck bringt, oder diese durch das Duzen mit einer Lüge überdeckt.
Am dreistesten ist die Attitüde der hippiesquen One Family, die durch das Duzen jeden Menschen zu ihrem/ihrer FreundIn machen möchte. Der Vergemeinschaftung der Menschheit durch die Sprache liegt daher eine Geisteshaltung zugrunde, die keine Widersprüche zulässt, sondern jede Form des Unterschieds zwischen den Individuen übertünchen möchte. Auch in linken und subkulturellen Kreisen spricht man sich von Vorneherein mit „Du“ an. Auch dadurch wird ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen, mit dem das Eigene und das Fremde formuliert und definiert wird. Auch dieses gruppeninterne Duzen ist einer Gesellschaft geschuldet, die sich eine familiäre Umgebung nach innen schaffen muss, um die Zumutungen des Kapitalismus zu ertragen.
Man kann dem Siezen durchaus unterstellen, die ehrlichere Form der Anrede zu sein- nicht jedoch die bessere, die unter den Bedingungen der Herrschaft nicht zu bestimmen ist. In einer Gesellschaft, die als Klassengesellschaft konzipiert ist und auch nur so funktionieren kann, hat das Siezen als Zeichen des Statusunterschiedes seine Berechtigung. Noch mehr als das: Das Siezen drückt direkt aus, in welch entfremdeter Form sich zwischenmenschliche Beziehungen unter kapitalistischen Bedingungen abspielen. Wir können Fremden nicht per-Du sein, solange jedeR um das materielles Interesse für sich und allein für sich kämpft.
Das Duzen und das Siezen, beide sind Kehrseiten der wertgesellschaftlichen Medaille: Ob die Sprache nun ausdrückt, dass es Herrschaftsverhältnisse gibt, oder sie sich einbildet, wir alle seien eine Familie: der Kapitalismus benötigt keine Sprache, sondern ist rohe Gewalt. Was zwischenmenschliche Beziehung, was Freundschaft, was Menschlichkeit sein könnte, dies alles können wir unter den Bedingungen der Herrschaft der Wertverwertung nicht einmal erahnen. Und welche Formen der Kommunikation ohne die Formulierung von Statusunterschieden oder ohne die Lüge ihrer Nicht-Existenz möglich sein werden, ebenso. Sowohl das Siezen, als offen entfremdete Form der Anrede, als auch das Duzen, als versöhnende Lüge, würden in einer klassenlosen Gesellschaft ihre Bedeutung verlieren.

von Yvonne Hegel

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Alldiweil zu Würzburg am schönen Maine die „Refolution“ ihr wildes Haupt erhob (Der rasende Reporter Heumann wird sicher davon berichten) und das übermütig gewordene fränkische Proletariat lediglich durch eine Überzahl wackerer bayerischer Gendarmen daran gehindert werden konnte, die weihnachtlich geschmückten Straßen und Plätze zu verwüsten, saß ich unbeschwert und vergnügt im Zuge – unterwegs in die Landeshauptstadt, wo ich liebe Freundinnen und Freunde zu treffen gedachte. Dabei ließ mich die Vorfreude auf eine kulinarische Vorwegnahme des befreiten Zustandes die fränkisch-bayerisch-oberpfälzerischen Dummschwätzereien („do iss enner mit enener Grawadde!“ „Des iss sicher e Mänädscher, der muss jedsd hald a amal aweng schbaar“) meiner geschätzten Mitreisenden milde überhören. Dazu kam eine gewisse Zufriedenheit: hatte doch nach Jahren der Stagnation und der Ereignislosigkeit in der hiesigen Kulturszene, was, nebenbei bemerkt, einem leitenden Kulturredakteur in diesen Tagen ja schnell einmal den Job kosten kann – also die, nennen wir’s beim Wort: eben Abwesenheit von Kultur, über die man schreiben könnte – ja also, da hatte sich gerade endlich ein veritabler Skandal am Theater dieser Stadt ereignet! Jetzt wurde meine Meinung zur fristlosen Kündigung des Generalmusikdirektors gar aus Theaterkreisen unter der Hand nachgefragt und, soviel stand damals schon fest, ist die (von mir zu verantwortende) Positionierung dieser Zeitung in der Affaire Wang von extraordinärer Bedeutung! Ha! Die Presse! Die vierte Gewalt! Und ICH mittendrin! Nun, das alles würde bäldigst gebührend gefeiert werden.

Zu München wurde ich dann aufgeregt empfangen und gab ich selbstverständlich ausführlich Bericht von meinen ausschweifenden Exkursionen. Gelegenheit dazu bekam ich bei einem Event; ganz nach der im schicken München aktuellen Mode war zum Dinner geladen worden, wobei der Clou der ganzen Angelegenheit ist, daß alle Beteiligten je einen Gang zum Menü beizusteuern haben – also die Hälfte des Spaßes darin besteht, sich in eine einzige Küche zu zwängen, den anderen möglichst viel im Wege zu stehen und ihnen auch noch mit sachkundiger Miene in die Rezeptur und Zubereitung dreinzureden. Das war ganz nach meinem Geschmack! (Lediglich die Tatsache, daß der Hauptgang von meinem alten Freund und Rivalen D. an sich gerissen worden ist, hat die Freude etwas geschmälert. Außer gelegentlichen Bemerkungen zu seiner etwas chaotischen Arbeitsweise habe ich mir zwar nichts anmerken lassen, aber unter uns: der D. dürfte in meiner Küche lediglich den Salat waschen!) Zwischen dem kunstvollen Frittieren von Wan-Tans und dem Pürieren von Nüssen erzählte ich, wie ich beim Konzert der Philharmoniker fast neben dem abgesetzten GMD zu sitzen kam und die Aktivistinnen des Wagnerfanclubs ihrem Helden tapfer im Kampf gegen das Theaterestablishment zur Seite standen. Ach, wie dramatisch sich die Hochkultur in der fränkischen Provinz doch geben kann – puterrote Köpfe, böse Blicke und ein gefüllter Konzertsaal, dessen Auditorium Füße scharrend und hüstelnd einem öffentlichen Affront beizuwohnen hofft. Nun ja, trotz der Delikatesse der Situation meisterte das Philharmonische Orchester, dirigiert von Roman Brogli-Sacher, sein Programm – Felix Mendelssohn Bartholdy Ouvertüre „Die Hebriden“ op. 26, Robert Schumann Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 129, Johannes Brahms Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90 – und ich genoss die volle Dosis deutscher Romantik im neu renovierten Konzertsaal der Würzburger Musikhochschule. In der Woche zuvor war ich ja bereits zu Schuberts Unvollendeten und Schumanns 4ter in der Hofstallstraße gewesen und hatte mich inmitten dieses frisch renovierten Denkmals der Moderne sitzend dann doch gefragt, ob die musikalische Moderne – gar nicht erst zu reden von zeitgenössischer Avantgarde – jemals hier Gehör bekommen würde. In Schweinfurt, dessen Theatersaal ja geradezu ein Geschwister des mitleidlos „grosser Saal des Gebäudes der Musikhochschule Hofstallstrasse“ getauften Würzburger Konzertsaals ist, durfte ich dann Schönbergs Konzert für Streichquartett und Orchester von den Bamberger Symphonikern unter Jonathan Nott erleben. Das noch etwas fränkischere Publikum dort war allerdings mit dem Hinweis auf die „echte Stradivari“, auf welcher die Solistin Lisa Batiashvill spielte, ins Theater gelockt worden und wurde für das Erdulden der Schönbergschen Zumutung und des etwas experimentellen V&V für Violine, Streichorchester und Tonband des georgischen Komponisten Giya Kancheli mit Bachs Konzert für Oboe, Violine, Streicher und Basso continuo und Schuberts Unvollendeten entschädigt. In kleinen Dosen und eingestreut zwischen bravourös dargebrachtem Altbekannten ist die Moderne selbst dem unterfränkischen Kulturpöbel unterzuschieben. Tags darauf saß ich dann in der „Rotationshalle“ im „Vogel Convention Center“, wo die einstige Verwendung des Raums als Standort für Druckmaschinen unübersehbar geblieben ist und dabei sehr schön von der bei aller Moderne doch recht steifen Feierlichkeit der Theater- und Konzertsäle absticht. Das äußerst brillante Pariser Ysaÿe Quatuor spielte sich mit Anton Weberns Langsamer Satz, Johannes Brahms Streichquartett Nr. 13, Beethovens Streichquartett Nr.15 immer weiter in die Historie zurück, bis dann – als Zugabe – mit einem Satz aus einem Quartett Joseph Haydns der Urvater beschworen wurde. Ein grandioses Konzert! Die geradezu körperlich zu spürende schiere Verzweiflung, die aus dem 3ten Satz Beethovens opus 132 spricht, hat mich vollkommen in den Bann geschlagen.

Dieweil ich munter weiter referierte, waren die Kochereien so gegen Mitternacht beendet und nachdem wir die Kochschürzen mit der Abendgarderobe vertauscht hatten, konnte das eigentliche Dinner nun endlich beginnen. Auf das Entre war verzichtet worden und wir begannen mit einer Thai-Basilikum-Creme-Suppe, zu der ein 2007er Rheingau Riesling Kabinett trocken „Weingut Angulus“ gereicht wurde, gefolgt von einem Salat mit Wan Tans und Nuss-Pesto. Der vorzügliche Hauptgang (bei allem Neid muß ich das doch festhalten) war ein Wildhasenrücken im Crêpe-Mantel, den ein sehr gut passender 2002er Cahors „Domaine Du Théron“ begleitete. Nun war dann doch ein doppelter Espresso nötig, die beiden Damen rauchten und huldigten erwartungsgemäß nicht mir, sondern dem nun eifrig küchenfachsimpelnden D., der nicht eher ruhte, als daß die Gastgeberin aus ihren Spirituosenvorräten einen ungarischen Likör „Betyar Barack“ hervorzog, den wir dann auf der Stelle verköstigten um dann A.s (deren neue Küche mit dieser Kochorgie „eingeweiht“ worden war) unglaubliche Schoko-Tarte mit Himbeer-Granité zu genießen. Sämtliche Flaschen des Domaine Du Théron waren bereits geleert; D. hatte noch einen nicht mehr zu eruierenden weiteren Rotwein aufgetan und selbst der etwas dubiose Aprikosenlikör neigte sich dem Ende zu, während ich noch die Genialität Sofia Gubaidulinas pries, deren Akkordeonwerk De profundis ich beim 277ten Musik publik in der Musikhochschule zu hören bekommen hatte. K. war bereits eingeschlafen und die Gastgeberin hatte sich diskret an die Beseitigung der Geschirrtürme gemacht, als D. das letzte Glas Wein leerte und von seiner, in nur wenigen Stunden beginnenden, Arbeit lallte und nun sehr plötzlich zum Aufbruch drängte. Den Rest der Nacht verbrachte ich dann mit dem Beseitigen von Fettspritzern auf den nagelneuen Schieferkacheln sowie dem Polieren von Weingläsern und Silberbesteck.

Hier seien die Rezepte für das Menü verraten:

Thai-Basilikum-Creme-Suppe:
Am Vortag 75g getrocknete Tomaten und eine getrocknete rote Pepperonischote in genügend Wasser kochen, abgießen, trocken tupfen und sehr klein schneiden. In einem Topf die Tomaten in etwas Olivenöl dünsten, nach einigen Minuten eine Tasse Olivenöl zugießen und langsam auf Siedetemperatur erhitzen, den Topf von der Flamme nehmen und abkühlen lassen. Nach einigen Stunden pürieren und das Öl durch ein Sieb geben.
Zwei kleine rote Zwiebeln sehr fein würfeln, Butter in einem Topf erhitzen und darin die Zwiebeln andünsten, eine Tasse Mehl einrühren und mit 1/8l Weißwein ablöschen, glatt rühren. ¼l Milch zugießen und unter gelegentlichem Rühren ½ Stunde kochen. Die Blätter von einem Bund Thai-Basilikum in einer hohen Pfanne oder einem Topf frittieren, umgehend wieder aus dem Öl nehmen und mit einem Küchenkrepp abtupfen. 12 Blätter zur Seite legen, den Rest in die Suppe geben, diese nun pürieren und weiter köcheln lassen (regelmäßig rühren!), einen Becher Sahne steif schlagen. Die Suppe in tiefe Teller geben, je einen Löffel Sahne oben auf geben und mit je drei Basilikumblätter dekorieren, auf den Tellerrand das Tomatenöl träufeln.

Salat mit Wan Tans und Nuss-Pesto
100g Walnüsse ohne Fett anrösten und nach dem Abkühlen mit 3 Eßlöffel Walnußöl und 2 Eßlöffel Olivenöl, etwas Salz, Pfeffer und einer Prise Chili pürieren. 12 gefrorene Wan-Tan Blätter auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech auftauen lassen. 250g Ziegenfrischkäse mit 1 Eßlöffel Semmelbrösel und 1 Zehe feingehacktem Knoblauch gut vermischen und auf die Teigblätter verteilen. Ein Ei trennen und mit dem Eiweiß die Teigränder bepinseln, die Blätter zu Dreiecken klappen (fest andrücken), mit dem Eigelb bestreichen und in der Pfanne, in der zuvor die Basilikumblätter frittiert worden waren goldbraun backen, mit Honig beträufeln. Verschiedene Salate waschen, trocken schleudern und klein zupfen. Ein Eßlöffel des Pestos mit weißem Balsamikoessig und etwas Honig zu einem Dressing verrühren. Den Salat auf Tellern anrichten, das Dressing drüber geben, die Wan-Tans darauf legen und das Pesto auf je einem Salatblatt dazu dekorieren.

Wildhasenrücken im Crêpe-Mantel
Zwei Hasenrücken abbrausen und trocken tupfen. Die Filets vom Knochen lösen, Sehnen und Haut entfernen. Das verbliebene Knochengerüst in kleine Stücke hacken und in einem großen Topf mit Butterschmalz anbraten. Eine Möhre, eine kleine Kartoffel, ein Stück Sellerie, eine Petersilienwurzel und eine kleine Zwiebel fein würfeln und zugeben, mit Pfeffer und Salz würzen. Nach 10 min. etwas Tomatenmark unterrühren und mit ¼l. trockenem Rotwein ablöschen und mit ½l. Wildfond auffüllen. Die Soße etwa eine Stunde leicht köcheln lassen und dann 3-4 Zweige Rosmarin, einige Nelken, Pimentkörner und Wacholderbeeren zugeben und mindestens eine weitere Stunde köcheln lassen. Eine Knolle Sellerie und eine Zwiebel würfeln. Die Zwiebel glasig dünsten, ½ l. Brühe zugießen, den Sellerie hinein geben und weich kochen. Nun die Brühe abgießen, das Gemüse in einem Sieb auffangen und mit etwas Pfeffer und Muskat gewürzt zu einem steifen Brei pürieren. Zwei Eier, zwei Tassen Milch und zwei Tassen Mehl mit etwas Salz und wenig Zucker zu einem Pfannkuchenteig verrühren und einige Zeit stehen lassen. In einer Crêpe-Pfanne vier Pfannkuchen ausbacken und zur Seite stellen. 4 Schalotten sehr fein würfeln und in Butterschmalz glasig dünsten, mit 1 Eßlöffel Mehl bestäuben und unter Rühren 1/4l. Brühe und einer Tasse Sahne zugießen. Einen Kopf Wirsing in feine Streifen schneiden und blanchieren, dann kalt abschrecken und ausdrücken, dann in die erkaltete Sahnesoße mischen und kräftig mit Salz, Pfeffer und Muskat würzen. Die Hasenfilets mit Salz und Pfeffer sowie ein wenig Knoblauch einreiben und einzeln in einer Pfanne in reichlich Butterschmalz rundum anbraten. Den Wirsing auf die Pfannkuchen verteilen, je ein Filet darauf legen, die Pfannkuchen rollen und im vorgeheizten Ofen bei 170° etwa 20 min. backen. Inzwischen die Wildsoße durch ein Sieb geben noch einmal aufkochen lassen und mit 1 Eßlöffel Speisestärke (in eine Tasse Wasser eingerührt) binden, die Hitze reduzieren und nach einigen Minuten eine Tasse geschlagene Sahne und ½ Glas Preiselbeeren gleichmäßig unterrühren, die Soße abschmecken. Die Pfannkuchen aus dem Ofen nehmen, in breite Streifen geschnitten mit der Soße und Selleriepüree auf einem Teller anrichten, ein Sahneklecks und etwas Preiselbeeren zur Verschönerung dazu und servieren.

Schoko-Tarte mit Himbeer-Granité
Am Vortag 500g gefrorene Himbeeren mit einer Tasse Zitronensaft und 150g. Puderzucker pürieren, dann kurz aufkochen lassen, von der Flamme nehmen und 50ml. Himbeerbrand einrühren. In einer Metallschüssel abkühlen lassen und dann unter gelegentlichem Umrühren im Gefrierfach gefrieren lassen.
Am nächsten Tag aus 125g. Butter, 100g. Puderzucker, 200g. Mehl, einem Ei und dem Mark aus einer Vanilleschote einen Mürbteig kneten und mehrere Stunden im Kühlschrank ruhen lassen. Teig zwischen zwei Backpapieren ausrollen und in eine eingefettete Form geben, mit einer Gabel einstechen und im Ofen bei 150° ½ Stunde backen. 250 g. gefrorene Himbeeren mit 200g. Schlagsahne kurz pürieren. 270g. Kuvertüre in eine Stahlschüssel geben und im heißen Wasserbad schmelzen. Die Himbeersahnemasse in einem Topf zum Kochen bringen, sofort die Hitze reduzieren, die Kuvertüre einrühren, den Topf von der Flamme nehmen, 50ml. Himbeerbrand zugeben und unter Rühren etwas erkalten lassen. Nun auf den Teig geben, glatt streichen und im Kühlschrank kalt stellen. Mit Puderzucker und einer ayurwedischen Kräutermischung (Inhalt ist leider unbekannt) bestreuen, in 12 Stücke schneiden. Je eines mit einem Schüsselchen der Granité auf einem Dessertteller servieren.

Das meine Damen und Herren war mein ganz konkreter Tatbeitrag zur Herbeiführung der Revolution! Das ausgiebige Konsumieren erlesener Speisen und Alkoholika im Kreise lieber Menschen bei angenehmen Gesprächen gilt mir als praktische Vorwegnahme jenes Zustandes, welcher der Beseitigung der allfältigen Herrschaft eines subjektlosen Verhältnisses folgen sollte – des Kommunismus halt. Das erscheint mir mindestens so sinnhaft wie das widerrechtliche Zusammenrotten auf der hässlichsten Partymeile des Universums – und war für jene wackeren Kommunisten, welche zuweilen edlen Sekt warm aus bereits gebrauchten Bierkrügen zu trinken pflegen, die Nacht auf einer Würzburger Wache die drohende Strafe für die Vorwegnahme des Aspekts der Regellosigkeit, so war das nächtliche Abtragen eines unermesslichen Spülberges meine von der weisen Vorsehung schon immer bestimmte Strafe für die Vorwegnahme des Aspekts des allgemeinen Überflusses und der Abwesenheit von Arbeit als Produzentin von Wert.

Hurraah! So spricht der Koch.

In diesem Sinne: auf zu neuen Taten!
(Ich geh‘ jetzt in die Oper; ja, wirklich und im (hihi) echten Leben)

Von Rainer Bakonyi

Katzencasino – das Haushaltscanasta

Ziel dieses Kartenspiels ist es sog. Haushaltstrios zu sammeln, oder auch nicht. In der ersten Phase des Spiels, der Vorrunde, werden an jeden Spieler sieben Karten ausgeteilt. Der jüngste Spieler beginnt. Er zieht eine Karte vom Stapel und legt eine andere (oder dieselbe) wieder ab. Sobald er ein Trio hat, wird es ebenfalls abgelegt und dafür gleich drei neue Karten auf die Hand genommen. Pro Zug darf nur ein Trio abgelegt werden. Ist der Spielzug beendet, ist der nächste Spieler an der Reihe.
In dieser Phase des Spiels ist es gut, die Haushaltstrios zu sammeln, aber nicht nötig. Punkte gibt es nicht.

Erst in der zweiten Phase, wenn sich einer der Spieler in eine Katze verwandelt (die anderen tun es ihm gleich), zählt das Spiel: Ab jetzt dürfen keine Trios mehr gesammelt werden!

Alle Karten werden abgelegt und neu gemischt. Jede Katze erhält drei neue Karten. Pro Spielzug wird weiterhin eine Karte gezogen und abgeworfen. Ziel ist es nun, anders als in der Vorphase, keine Trios zu bekommen. Geschieht es dennoch, fängt die Katze, ganz nach Art der Katzen, zu jammern an. Sie muss sofort drei neue Karten auf die Hand nehmen. Die Katze, die als erste drei Haushaltstrios zusammen hat, hat das Spiel verloren, wobei die Trios aus der Vorphase des Spiels, als die Spieler noch keine Katzen waren, nicht mitgezählt werden. Gewonnen hat die Katze mit den wenigsten Haushaltstrios.

Anmerkung: In sehr seltenen Fällen kann es geschehen, dass sich kein Spieler in eine Katze verwandelt. Sollte nach Stunden noch immer keine Verwandlung gegeben haben, ist es ratsam, das Spiel abzubrechen.

Kartentrios:
Bügeleisen – Bügelbrett – Hemd
Fön – Kamm – Spange
Staubsauger – Besen – Schaufel

Von Homer Berndl

Spielkarten können über die Redaktion bezogen werden.

Was tun?

Teil I: Wie man die Sprache der Vögel lernt und ein beliebter Gesellschafter wird

Es ist nicht ganz unwichtig, folgende Verhaltensempfehlungen sorgfältig durchzulesen. Sie werden, wenn sorgfältig appliziert, hervorragende Ergebnisse erzielen. Wir dokumentieren den ersten Teil der Reihe von Gernot Riesenkäfer.

1. Wachen Sie eines Tages auf, um entsetzt festzustellen, dass Sie die Sprache der Vögel sprechen. Machen Sie Ihre Mitwelt auf diese höchst bedeutende und verstörende Veränderung aufmerksam, indem Sie laut piepend die Strasse entlangflattern.

2. Versuchen Sie, die schlechten Angewohnheiten, mit denen Sie Ihrer Mitwelt oft ohne jede Absicht auf die Nerven steigen, zu erkennen und abzulegen. Viel bessere Ergebnisse können Sie erzielen, wenn Sie sich irritierende neue Angewohnheiten zulegen, um Ihrer Mitwelt bewusst und gezielt auf die Nerven zu steigen.
Blicken Sie zum Beispiel während eines Gespräches öfter angestrengt an Ihrem Gesprächspartner vorbei an einen bestimmten Punkt ins Leere. Entgegen dem allgemeinen Glauben ist es auch jemandem, der die Angewohnheit genau kennt, unmöglich, nicht in ein unbehagliches Gefühl zu verfallen. Es hängt allerdings von der eigenen Übung ab.
Kündigen Sie einen Satz mit gewichtigem Tonfall an, vergessen Sie aber nach drei Worten, was Sie sagen wollten, und gehen wortlos (und vielleicht kopfschüttelnd) davon.

3. Erzeugen Sie mysteriöse Geräusche, um in Ihrem Gesprächspartner das Gefühl zu erwecken, er höre Dinge, die nur in seinem Kopf stattfinden. Leugnen Sie strikt und erstaunt ab, das Geräusch selbst gehört zu haben. Die besten Resultate erzielen mit einem Minimum an Lippenbewegungen hervorgerufene Geräusche, die an panische Schreie in der Ferne oder ähnliches erinnern, oder der leise gesprochene Vorname des Gesprächspartners (üben Sie das vor dem Spiegel!). Oder erfinden Sie seltsame kleine Sätze ohne Sinn, aber mit debil-faszinierend eingängigem Rhythmus.

4. Fangen Sie, wenn man Ihnen etwas erzählt, plötzlich breit an zu grinsen. Bitten Sie darum, einen willkürlich ausgewählten Satz zu wiederholen, grinsen Sie erneut. Hören Sie dann bis zum Ende weiter zu, ohne ein Zeichen von Interesse zu zeigen. Oder wiederholen Sie ein Wort Ihrer Wahl selbst, mit allen Anzeichen der Erleichterung, und lassen Sie danach den Vortrag seinen Fortgang nehmen. Sie verleihen damit den Gesprächen mit Ihrer Umgebung den Zauber der Abwechslung.

5. Lernen Sie, ungenau zu hören und zu sehen. Wer nicht genau wahrnimmt, nimmt wesentlich bessere Sachen wahr. Vergessen Sie nicht, sofort nachzufragen, ob die von ihnen grotesk misshörte Stelle wirklich so gelautet haben kann. Unterbrechen Sie hierfür ohne Zögern jede angeblich noch so wichtige Ansprache. So werden Sie lernen, wirklich wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden.

6. Sprechen Sie bestimmte seltenere Worte auf eigentümliche Art falsch aus. Tun Sie, darauf angesprochen, so, als sei ihnen den Unterschied gar nicht bewusst. Benutzen Sie für manche seltenere Worte selbst erfundene, fremdartig klingende dialektale Wendungen. Damit beweisen Sie zugleich weitläufige Weltkenntnis und rührende Bodenständigkeit.

7. Achten Sie bei Leuten, die mit Ihnen sprechen, immer auf die Ohrläppchen oder andere Teile des Gesichtes. Unterbrechen Sie auch längere Ausführungen, wenn nötig, um auf Ihrer Meinung nach auffällige Besonderheiten dieser Körperpartien hinzuweisen. Sie vermitteln damit allenthalben das beruhigende Gefühl, Sie nähmen Interesse an Ihren Gesprächspartnern als menschlichen Wesen in allen ihren Eigenheiten.

8. Üben Sie langweilige Wortspiele und Witze, die sich reimen. Wenn Ihnen ein scheinbar belangloser Satz im Kopf herumgeht, und das wird oft der Fall sein, scheuen Sie sich nicht, ihn zu einer Fantasiemelodie zu singen. Meistens wird sich dadurch auch sein bisher verborgener Sinn rasch erweisen.
Erklären Sie jede Pointe. Gute Witze gewinnen mit jeder Erklärung bisher unbekannte Aspekte und neue Facetten.
Als Ideal muss Ihnen vor Augen stehen, schliesslich ein Mensch zu werden, mit dem kein vernünftiges Wort mehr zu reden ist.

9. Benennen Sie die Dinge Ihrer Umgebung mit Anreden, z.B. Herr Messer oder Frau Gabel. Unterhalten Sie sich mit den Dingen, mit denen Sie zusammenarbeiten. Sie werden feststellen, dass es dem Arbeitsklima gut tut und beide Seiten erfreut. Entschuldigen Sie sich, wenn Sie einem Ding unrecht getan haben. Es wäre nicht gut, unversöhnt von einem Ding zu scheiden.
Entwickeln Sie so Ihre Fähigkeit zur Empathie zu grotesken Dimensionen.

10. Beginnen Sie zuletzt, harmlose Gegenstände zum Zentrum kultischer Verehrung zu machen. Fahren Sie damit fort, absolut idiosynkratisch auf gewisse Kombinationen von Worten, Geräuschen, Abläufen zu reagieren. Sie werden schliesslich zu völlig unerwartetem Handeln fähig sein. Erklären Sie Ihrer Mitwelt auf Nachfrage die Beweggründe ausführlich, aber ohne jede Hoffnung auf Verständnis.

Nächste Folgen:
- Wie man einen riesigen Turm baut
- Wie man in seiner Wohnung einen Kraken hält
- Wie man die Menschen für seine Sache gewinnt

Die Liebe und ihr Gegenteil

Die Liebe ist gleichzeitig Protest dagegen, verlassene, verächtliche Wesen zu sein, und Ausdruck der Zustände, die die Einzelnen genau dazu machen. Sie ist einerseits die bloss teilweise, illusorische Aufhebung der Verlassenheit, und gleichzeitig ihre wirkliche Bestätigung; sie kann die Trennung zu einem Menschen nicht einmal teilweise aufheben, ohne zum Werkzeug der Trennung zu allen anderen Menschen zu werden. Dabei ist das letzte nicht einmal nur der Preis, mit dem das erste erkauft wird, es wird immer mehr zum eigentlichen Zweck des Geschäfts.

Die Liebe wird damit nicht mehr nur bloss illusorisches Mittel der Befreiung von unerträglichen Zuständen, sondern selbst Grund ihrer Fortdauer; nicht mehr unzulängliche Tröstung, sondern das Produktionsverhältnis des Unglück selbst. Sie wird dies in dem Masse, in dem sie den Charakter eines plötzlichen Wahnsinns und Fieberschubs ablegt und zu dem beizutragen anfängt, was der bürgerliche Zynismus „vernünftig werden“ nennt.

Sie spielt damit zuletzt eine katalysatorische Rolle bei der sogenannten Reifung des sogenannten Charakters, also der Karriere von der unfreiwilligen Unfreiheit des Kindes zur freiwilligen Unfreiheit derer, die deshalb Erwachsene heissen, weil ihnen keine Entfaltung mehr möglich ist. Nicht zuletzt fängt sie einen guten Teil dessen, was der „Jugend“ als „Rebellion“ zugestanden wird, im unglaublich dummen Triumf darüber auf, doch noch unvermutet selbst zu genau dem geworden zu sein, was an den eigenen Eltern einmal verächtlich, mindestens bedauernswert war.

Die steinige, aber unvermeidliche Wegstrecke zwischen zwei Fasen der Unfreiheit, von Familie zu Familie, ist diejenige einer mehr oder weniger kurzen Zeit der sexuellen Freiheit, die dem ganzen das Aussehen von etwas selbstgewählten gibt; wo doch, wenn man nur die Kraft hätte, die Augen offen zu behalten, der ganze langweilige Prozess von Anfang an nicht einmal den Anschein von Selbstbestimmung hat. Dazu ist die traumwandlerische Sicherheit zu offensichtlich, mit der die Liebe ihre Schritte setzt; von Anfang an ist sie ein Schatten der Ehe und der Familie, als deren Einübung oder Ersatz.

Dieser Weg wird zurückgelegt in einer quälenden Bewusstheit, in der sogar noch die kurze Zwischenzeit einer angeblichen sexuellen Freiheit selbst inszeniert ist als diejenige „Jugend“, an die man sich später einmal zu erinnert hofft und an der man in der Einsamkeit der Beziehung seine Gedanken wird wärmen können. Gleichzeitig ist sie selbst die Einübung dieser Einsamkeit, in der man den Verzicht und Entsagung kennenlernt, die man später noch brauchen wird. Ein anderer, eigener Sinn kann dieser Zwischenzeit nicht unterstellt werden. Dazu ist sie viel zu beschissen.

Diese „Jugend“, der das Versprechen der Freiheit anhängt wie ein Dreck, ist eine Rebellion, von der man weiss, dass man sie verraten wird, sobald man sie erst kennenlernt, denn man kann nicht übersehen, dass das Versprechen ein Betrug ist. Die versprochene Freiheit wird nicht gewährt werden. Sie realisiert sich nur in der immerwährenden Konkurrenz um Sex, der von jeder auch nur mitmenschlichen Liebe so leer ist wie die gespenstischen Diskos, auf deren Marktplätzen diese Konkurrenz ausgetragen wird.

Über diese angebliche Freiheit braucht kein Wort verloren werden. Niemand ist dazu fähig. So geizig sind wir mit uns, dass uns Liebe, Nähe nicht möglich ist ohne den Ausschluss aller anderen von der nächsten Nähe zu unseren Herzen; weil die Ausschliesslichkeit, so verblendet sind wir, die einzige Form ist, in der wir uns gestatten, unsere eigene Einzigartigkeit und die des anderen zu sehen und zu lieben, wie sie geliebt werden müsste, wenn sie nur richtig gesehen wird. Und so verwirklicht sich unser Reichtum als Armut und unsere Sehnsucht als Verzicht; was wir in uns trügen, die ganze unerschöpfliche Liebe, verkümmert mit uns.

Mehr noch, so ökonomisch gehen wir mit uns um, dass die ausschliessliche Nähe der Körper zum Pfand werden muss für die Ausschliesslichkeit der Nähe der Seelen; zu genau wissen wir alle, wie wir funktionieren, zu genau wissen wir, wie man geliebte Menschen verliert. Die Sexualität ist nicht frei, alles andere als das, sie ist Sklavin unserer Ängste und schlimmen Träume.

Was heute Liebe heisst, ist für gewöhnlich ihr Gegenteil. Sie ist die Flucht vor der sicheren Gewissheit, verloren zu sein, die sich um den Preis erkauft, freiwillig nein zu sagen zu dem grossen, weltumfassenden und völlig wahnsinnigen Unterfangen, was wirklich Liebe zu heissen verdiente, und von dem man weiss, dass man es doch nie erleben wird.

Sie ist die grosse Lehrerin der Disziplin der Körper. Sie ist die Macht, die aus Begehren Reihenhäuser wachsen lässt. Nicht der mächtigste Dämon im Pantheon der Macht, sicher, aber ein unverzichtbares Element der Herrschaft.

Die Vertrautheit und Nähe sind nur die andere Seite der Trennung, die zwischen den Menschen herrscht, und die um so bewusster und um so unnachgiebiger nachgezogen werden kann. Nichts ist brutaler und gleichgültiger als ein „glückliches Paar“. Nichts ist ein grösserer Verrat an alledem, was als flüchtiges Glück einmal die Alpträume einer unruhigen Jugend beleuchtet hat. Die verdiente Strafe dafür ist, einmal selbst Kinder auszubrüten, denen gegenüber man die Autorität zu vertreten hat, wie man es gegen sich selber eingeübt hat.

Wenn es wenigstens amour fou wäre, ein flackerndes Irrlicht am Rande des Weges, trügerisch und verheissungsvoll, aber wenigstens ein wahrer Reflex des Glückes, weil es ganz und gar nicht von dieser Welt zu sein scheint; wenn es uns wenigstens irre machen würde statt verständig. Wenn es wenigstens noch die Gefahr mit sich brächte, sich selbst zu verlieren, statt nur die selbstzufriedene Gewissheit, sich selbst ganz zu besitzen. Wenn es wenigstens nicht so allzu offen gesellschaftlich nützlich wäre wie sonst nur die Arbeit.

Das Glück ist flüchtig, weil wir eingesperrt bleiben. Eine blanke Tatsache, immerhin, das kann man zur Kenntnis nehmen, aber für das Paradies braucht man sowas nicht ausgeben. Das „kleine Glück“, das die Innenminister schützen, ist das Gefängnis selbst. Es gibt überhaupt keinen Anlass, besonders romantisch zu glotzen.

Von Jörg Finkenberger

Φρóνιμον ἔστι τὸ πῦρ (1)

Zur Bewegung in Griechenland

Es liesse sich sagen, dass die neuerlichen griechischen Ereignisse, ob nun ganz oder zum Teil, einige in diesem Heft bisher geäusserte Thesen beweisen (2). Gerade so gut liesse es sich übrigens auch umgekehrt sagen.

Wieder, wie zuletzt 2005, redet eine ganze Weile niemand von etwas anderem, und wieder formiert sich eine auf subtile Weise gemeinsame Front derer, gegen die sich die griechischen riots ihrer innersten Tendenz nach richtet: das ganze Geschmeiss von links bis rechts, von Sozialarbeitern bis Polizisten.

Das erste gemeinsame Interesse dieser Front ist die unbedingte Wahrung des status quo, ihr erstes gemeinsamen Mittel, der Bewegung falsche Motive unterzuschieben. Wenn die Linke, weil sie es gerne so hätte, die Bewegung für eine nur leider etwas zu unpolitische Bewegung gegen den „Neoliberalismus“ hält (und gegen deren angebliche Mängel, die in Wahrheit das beste sind, sich selbst als Remedur anbietet), dann erklärt die Rechte, im letzten zu Grunde läge der Sache der Verfall der Werte, der Sicherheit und der Verlässlichkeit, denn nur diese könnten Jugendlichen eine Perspektive bieten (gegen welchen Verfall sich die Rechte selbst als Remedur anbietet).

Die Linke fälscht die Motive, um die Bewegung zu beherrschen, die Rechte, um ihre Gegner zu einigen. Das ist sehr natürlich, zu genau diesen Zwecken hält sich der Staat diese beiden Alternativen.

Grund genug für diejenigen, die sich dieser Bewegung verbunden fühlen, ihre wahren Motive darzulegen. Es zeigt sich jedoch bei näherer Betrachtung, dass die wahren Motive bereits offen zu Tage liegen, und selbst von den verzerrten und verständnislosen Versionen, die in der offiziellen Presse umlaufen, nicht ganz ausgetilgt werden konnten.(3)

Die unaufhaltsame Logik, mit der die Bewegung nach der Tötung eines 15jährigen durch die Polizei dahin übergriff, gezielt und liebevoll genau die Innenstädte zu verwüsten, zeigt ein erstaunlich scharfes Bewusstsein der gesellschaftlichen Totalität. Sie hat sich nicht, wie es eher linke Blätter auch gerne berichtet haben (weil sie es eben gerne so hätten), auf die Niederlassungen grosser Banken und Konzerne beschränkt; offensichtlich teilt sie nicht das idiotische Verlangen der Linken, das Volk gegen das grosse Kapital zu einigen, sondern erkennt in der Einrichtung der Stadt eine direkte, steingewordene Verlängerung der Gewalt des Staates, und in öffentlichem Raum und privatem Eigentum nichts als die eigene Enteignung.(4)

Diese überraschende Überschreitung des Horizonts einer selbst versteinerten autonomen Linken fällt zusammen mit einem Ausgreifen der Bewegung weit über die Ufer dieser autonomen Linken. Die Bewegung war von Anfang an von der autonomen Linken emanzipiert; man darf sich gewiss sein, dass sie mit ihrem langsamen Rückgang wieder in die Schranken der autonomen Linken gezwängt werden wird; man ersieht daraus, in welchem Masse die autonome Linke ein Fänomen der Konterrevolution ist.(5)

Die Bewegung folgt keiner politischen Lehre, keiner der hergebrachten vorgefertigten Tendenzen, sie ist überhaupt nicht politisch, sowenig sie ökonomisch ist. Sie ist keine Folge der Krise, sie ist die Krise selbst. Mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit holt sie das Gründungsverbrechen der heutigen griechischen Gesellschaft, den Militärputsch von 1967 und die Diktatur bis 1974, wieder in die Gegenwart, indem sie tastend auf den Ausnahmezustand zu drängen scheint; sie sieht an der Gesellschaft überhaupt nur ihr wahres Gesicht, das Bürgerliche Gesetzbuch ist ihr eine nicht weniger deutliche Hieroglyphe der Herrschaft ist als der Militärputsch; sie scheint es vorzuziehen, den einmal verlorenen Kampf noch einmal zu führen, um ihn diesmal zu gewinnen, statt sich von der Republik mit der Drohung der Diktatur weiter erpressen zu lassen.

Sie beweist damit ein Wissen über den Staat und das gewaltsame Zustandekommen seiner Gesellschaft, über den Zusammenhang von Souverainität und Staatsstreich, und ein Geschichtsbewusstsein, dass im heutigen Europa ohne Beispiel ist. Damit qualifiziert sie sich als das erste Leuchtfeuer der kommenden Revolten; denn keine Revolte kann sein, die nicht vom Bewusstsein getragen wird, dass die Aufgabe darin besteht, den „wirklichen Ausnahmezustand“ herbeizuführen, von dem Walter Benjamin spricht (6).

Dass die Bewegung in Griechenland zum wirklichen Ausnahmezustand nicht vordringen konnte, ist ihr nicht vorzuwerfen; wäre sie stark genug gewesen, den Staat zu einer Erprobung seiner Souverainität zu zwingen, hätte sich das Gesicht nicht nur dieses Kontinents verändert. Die Regierung hat sich freilich auffallend klug herausgehalten; man darf annehmen, nicht ohne sich mit den Regierungen des Kontinents beraten zu haben.

Und mehr noch als das: in Griechenland hat sich das Proletariat eine Form des Widerstands geschaffen und gleichzeitig allgemein bekannt gemacht, die als einzige avanciert genug, resistent genug, modern genug ist, um universal zu sein; universal in dem Sinne, dass sie einerseits die Umrisse des Proletariats als einer rächenden Klasse wieder sichtbar machen kann, und dass dieses Beispiel, wie durch eine allgemeine Sprache, überall unmittelbar verständlich ist.(7)

Der offene Ausbruch der Krise in der Ökonomie stellt der Herrschaft, der Gesellschaft, die Aufgabe, sie zu bewältigen; das, was auseinanderstrebt, wieder zusammen zu zwingen; die Revolte in Griechenland hat zum erstenmal ausgesprochen, dass das auseinanderstrebende sich gegen den Zwang zur Wehr setzen könnte. Sie hat als erste die Krise nicht als ein Verhängnis gezeigt, dem man stumm sich zu fügen hat, sondern als das andere, das seiner selbst noch nicht bewusste Gesicht der Revolte; welch letztere die wirkliche finale Krise des Kapitals sein kann, wenn man es nur endlich will. (8)

Von Jörg Finkenberger

1 Nach Heracleitus, DK 17 B 64a.

2 Man vergleiche hierzu die Reihe „Über die kommende Revolte“, die seit #2 im letzten hype weiterführt wird.

3 Manche eher rechten Teile der Presse erfinden natürlich ganz speziell griechische Gründe, um sich zu versichern, dass das ganze vielleicht ein Problem der griechischen Gesellschaft sei, aber ganz sicher niemanden sonst beträfe. Etwa den Klientelismus, die Abhängigkeit der einzelnen von einflussreichen Beziehungen – wir sagen lieber: Rackets –; aber sie können natürlich nicht erklären, wie derartige partikulare Herrschaftsformen zu einem allgemeinen Widerstand führen sollen. Unter der Hand machen sie den realen Aufstand gegen den Staat und die bürgerliche Gesellschaft zu einem Aufstand für den Staat, nämlich gegen seine Korruption. Die libanesischen oder ägyptischen Verhältnisse lehren uns anderes. – Oder aber: die Inflation habe die Waren unerschwinglich gemacht, wie ein besonders schlauer meinte, der sich damit die Revolte gegen die Warenanhäufung erklären will. Aber wieviel ist tatsächlich geplündert worden? Er hat es nicht untersucht.

4 Es ist den Linken, wie man sogar zB auf libcom.org sehen kann, vorbehalten geblieben, hier eine besonders grelle Episode im Verteidigungskampf um Arbeiterrechte zu sehen. Diese Leute, Aktivisten der Theorie, können aus der unstreitigen massenhaften Beteiligung von Lohnabhängigen nicht klug werden, wenn sie ihnen nicht im weitesten Sinne gewerkschaftliche Ziele unterschieben. Letztlich sind solche Deutungen nichts anderes als gutgemeinte Vorschläge an die Herrschaft, wie die Situation wieder zu befrieden sei. Ein Proletariat aber, das seine Gefängnisse, die Städte, zu zertrümmern begänne, wäre schon jenseits der Reichweite solcher Ideen. – Gewissen Kreisen der radikalen Linken in Griechenland ist übrigens tatsächlich eingefallen, im Namen der Revoltierenden Forderungen zu stellen. Man darf da die altbekannten Sachen lesen: bedingungsloses Grundeinkommen, Sozialversicherung für alle, und was sonst noch die letzte Mode ist. Der grelle Kontrast, in dem solche wildgewordene Sozialdemokratie zur wirklichen Bewegung steht, muss nicht eigens ausgeführt werden: die Bewegung hat diesen Unsinn bereits desavouiert, und desavouiert ihn noch.

5 Diese Zeilen wurden vor dem Ghaza-Krieg geschrieben. Ich hätte präzisieren können, und tue dies hiermit: jedesmal, wenn eine solche Bewegung scheitert, werden einige ihrer Aktiven, weil sie hinterher nicht mehr begreifen wollen, was sie eine Sekunde lang gewusst haben, sich der autonomen Linken anschliessen; jedesmal wächst die Zahl derer, die bereit sind, israelische Botschaften oder irgendwann Synagogen anzuzünden. Das ist die in Europa übliche Art, sich vom Aufstand abzuwenden und eine unbegriffene Erkenntnis zu vergessen; und die Linke erschafft sich jedesmal aufs Neue als diejenige Instanz, die dieses Vergessen verwaltet.

6 „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern.“
(http://www.mxks.de/files/phil/Benjamin.GeschichtsThesen.html)

7 Griechenland ist das östlichste Land Europas und das westlichste Land des Mittleren Ostens. Für alle die, die glauben, es hier mit zwei verschiedenen Kulturkreisen zu tun zu haben, könnte sich die unverhoffte Chance bieten, umzulernen; nämlich in dem Masse, in dem sich das griechische Beispiel als einzige Lösung der ägyptischen, libanesischen, syrischen, und eines Tages der iranischen Misere erweist.

8 Die unauslotbare Ironie des beliebten Graffito dieser Tage : Merry crisis and a happy new fear! bringt das sehr schön zum Ausdruck. Vor allem wird man, vermute ich, auch im neu-griechischen noch das Gefühl dafür haben, dass Krisis von κρίνειν (entscheiden) kommt und Entscheidung bedeutet.

#10 draussen

Ob man die Printversion hier schon findet, weiss ich aber nicht, weil ich zu faul war, nachzuschauen.

Von der #9 ist aus unerfindlichen Gründen auch noch nichts hochgeladen. Schade eigentlich, weil lustigerweise auch kein Exemplar auf Papier mehr aufzutreiben ist. Das erste Mal, dass es mit dem verteilen wirklich geklappt hat, ohne dass die Hälfte der Auflage auf dem Tischchen im Flur der Wohnung unseres Verlegers liegengeblieben ist, oder in der-Dämon-allein-weiss-was-für schaurigen Kellergelassen in seinem Haus des Schreckens. Man kann nur hoffen, dass er sie noch irgendwo als Datei hat.

Und das ausgerechnet bei der einzigen Ausgabe, die sichtbare Wirkungen hinterlassen hat. Naja. Wir bemühen uns, sie wenigstens elektronisch reproduzierbar zu machen.

Operation Cast Lead – Israel im Kampf gegen den Dschihad

Der zur Zeit der Abfassung dieses Textes noch im Gange befindliche Krieg im Gasastreifen ist die logisch konsequente Fortsetzung des Krieges vom Sommer 2006 gegen die Hisbollah im Libanon. Wie auch in jenem Krieg führen die israelischen Streitkräfte einen Kampf mit einem nichtstaatlichen Gegner, dessen Kämpfer sich bis zur völligen Ununterscheidbarkeit mit der umgebenden Bevölkerung vermengt haben und der die zivile Infrastruktur, also Wohnhäuser, Verwaltungsgebäude, Sportplätze, Krankenhäuser und Schulen, ganz gezielt in seine militärischen Operationen einbezieht. Die dabei zu erwartenden Opfer unter der Zivilbevölkerung sind kaltblütig einkalkulierter Bestandteil der Operationsstrategie dieser Organisationen. Das höhere Ziel der Beseitigung der „zionistischen Besatzung“ – womit der Staat Israel und überhaupt alles jüdische Leben auf als islamisch definiertem Territorium gemeint ist – rechtfertigt sämtliche Leiden der Bevölkerung, welche ja als Bestandteil der islamischen Gemeinschaft und somit als das eigentliche Subjekt des Kampfs gegen die Ungläubigen gilt. Sind die Menschen in der Reichweite der islamistischen Gruppen nicht bereit, sich vollkommen den Zielen der Dschihadisten zu unterwerfen, gelten sie als Abtrünnige und werden gefoltert und/oder ermordet. Im Gegensatz zur Hisbollah, die sich derzeit im politischen Kampf um die Macht im Libanon befindet, hat die Hamas die Macht in Gaza längst erobert und sich jeder Konkurrenz entledigt. Der Charakter der Hamas als Vereinigung bewaffneter Kämpfer für ein weltweites Kalifat ist unvereinbar mit dem Aufbau und Unterhalt einer irgend staatsförmigen Ordnung; das systematische Herausreißen von Wasserrohren zum Zwecke des Raketenbaus mag hier als besonders augenfälliges Beispiel dienen. Der Glaube an den von Allah zu bewerkstelligenden endgültigen Sieg der durch ihre Kampfbereitschaft ausgewiesenen Rechtgläubigen lässt selbst kurze Ruhepausen im Dschihad nicht zu.

Die Aufgabe, welche die Politik in Israel dem Militär gestellt hat, nämlich für ein Ende der Raketenangriffe, sowie der andauernden Mörser- und Schußwaffenattacken aus dem Gasastreifen zu sorgen, ist dadurch von vornherein nur zu erfüllen, wenn der Hamas die taktischen Möglichkeiten, also sowohl Waffen und Munition, wie auch die Logistik entzogen werden. Die Tatsache, daß sich sämtliche militärischen Einrichtungen der Hamas in zivilen Orten verbergen und die Operationslogistik sich der gesamten zivilen Infrastruktur bedient, bestimmt die Form und den Verlauf des Feldzugs. Sowohl aus moralischen als auch strategischen Erwägungen muß dieser mit so geringen Opfern (selbst unter den gegnerischen Kämpfern) wie möglich geführt werden. Dies wurde bisher durch sehr genaue Aufklärung, exakte Vorbereitung und diverse taktische Raffinessen erreicht, ob das Ziel einer Zerschlagung der operativen Fähigkeiten der Hamas erreicht werden kann, ist derzeit noch offen. Mit der Dauer der Kampfhandlungen und der Zunahme des Aufwands für ihre Fortführung wächst der politische Druck, zu einer möglichst dauerhaften Lösung des Problems zu kommen. Die genaue Definition des Problems ist nun allerdings ein Dilemma ganz eigener Dimension.

Die Hamas ist nicht lediglich ein Haufen wild gewordener islamischer Fundamentalisten, sondern Teil eines globalen Kampfes für ein Gottesreich und sie wird dabei von zwei Staaten ausgerüstet, finanziert und weitgehend auch gelenkt, die ihre eigenen (sich dabei durchaus widerstreitenden) Interessen sowohl in der Region als auch weltweit verfechten. Syrien, das für sich eine regionale Vormachtstellung beansprucht und dabei im Libanon und im Irak territoriale Ansprüche geltend macht, ist spätestens seit dem Mord am ehemaligen libanesischen Präsidenten Hariri in einer offenen Auseinandersetzung mit Ägypten und Saudi-Arabien (der Streit mit Jordanien ist seit dem Überfall Syriens im Jahr 1973 niemals abgeflaut). In Damaskus sitzt die militärische Führung der Hamas, von dort wird der Schmuggel der von Teheran gesponsorten Waffen durch Ägypten nach Gasa organisiert. Der Iran finanziert dabei das Regime in Syrien und die Hamas und übernimmt auch die militärische Ausbildung der aus Gasa heraus geschleusten Militanten. Das taktische Ziel des Iran ist eine, wenn auch kurzfristige, Ablenkung von seinen atomaren Bewaffnungsanstrengungen, sein strategisches Ziel ist die Vormachtstellung in der islamischen Welt, der Export seiner islamischen Revolution und letztendlich die Islamisierung der Welt. Die, egal wie wahnsinnigen, Endziele Irans und der Hamas sind – auch über die sunnitisch-schiitische Spaltung hinweg – identisch und gerade der Aspekt, daß das Ziel der Vernichtung Israels integraler Bestandteil ihres jeweiligen politischen Willens1 ist, zementiert diese Allianz. Syriens ausschließliches strategisches Ziel ist die Fortdauer der Macht des Assad-Clans. Das Bündnis mit Iran ist diesem Ziel ebenso unterworfen wie die Unterstützung für die diversen rivalisierenden libanesischen und palästinensischen (nebenbei auch irakischen) Milizen und die penible Einhaltung der Waffenruhe am Golan. Den Krieg des Sommers 2006 konnte die syrische Führung zu einer Verstärkung ihres Einflusses im Libanon nutzen, indem sie die angeschlagene Hisbollah mit iranischen Waffen wieder aufrüstete und diese im monatelangen kalten Bürgerkrieg stützte. Nach dessen letztjährigen Finale in einem Operettenputsch garantierte Syrien den fragilen status quo und konnte sich damit zudem noch aus der internationalen Isolation befreien, was allerdings (vor allem wegen der Aufnahme indirekter Verhandlungen mit Israel via Türkei) zu starken Irritationen in Teheran führte. Die Durchführung dieser Taktik auf dem Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörden scheiterte zum einen an der trotz israelischer und amerikanischer Unterstützung militärischen Unterlegenheit der Fatah, zum anderen an der ideologischen Verbissenheit der Hamas-Angehörigen, welche die hochrangigen Fatah-Militanten lieber von Hochhäusern warfen, als sich mit ihnen das Innenministerium eines Staates „Palästina“ zu teilen. Sollte es der Hamas ähnlich wie der Hisbollah gelingen, auch nach dem Krieg mit Israel die dominierende politische Kraft im Gasastreifen zu bleiben – auch nach den bisherigen heftigen Verlusten gälte dies als „historischer Sieg“ – , wird Syrien aus seiner Unterstützung politisches Kapital in Teheran herausschlagen und zugleich seinen Einfluß auf die Hamas in den Auseinandersetzungen mit der arabischen Liga als Druckmittel verwenden. Wird die Hamas zerschlagen, hat Syrien mit verschiedenen Fraktionen innerhalb der Fatah verläßliche und nicht von Teheran abhängige Klienten und wäre somit in der Lage, ein etwaiges Friedensabkommen der PA mit Israel (das dann zur Gründung „Palästinas“ führen würde) effektiv zu obstruieren und könnte sich zugleich dem Westen als Bündnispartner gegen den Terror empfehlen, ohne relevante Zugeständnisse an Israel machen zu müssen. Dabei müßte Damaskus nicht einmal völlig auf die (wegen des sinkenden Ölpreises sowieso rückläufigen) Spenden aus Teheran verzichten, da Iran bei der Unterstützung der Hisbollah auf die Mithilfe Syriens angewiesen ist.

Aber nicht lediglich die Gegner Israels bereiten bei der Analyse erhebliche Kopfschmerzen, auch die Zusammensetzung der Bündnispartner Jerusalems ist von einiger Delikatesse. Am deutlichsten (und dort auch am schmerzlichsten empfunden) ist die Kooperation Ägyptens. Der größte arabische Staat, der mit seinem säkularen und national-arabischen Präsidialregime den Anspruch auf die Führungsrolle in der arabischen Welt und damit auch die ideelle Vorreiterschaft in der Abwehr der „zionistischen Aggression“ als Staatsräson hat, ist seit geraumer Zeit in einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Syrien verstrickt. Die Unterstützung Kairos für die Zukunftsbewegung im Libanon, welche zur „Zedernrevolution“ und der Loslösung des Libanon von Syrien geführt hatte, wurde von Damaskus gekontert mit der Unterstützung des Putsches der Hamas, der die von Ägypten und Saudi-Arabien garantierte palästinensische Einheitsregierung beseitigte. Dies war nicht lediglich eine zuvor kaum vorstellbare diplomatische Blamage Ägyptens und Saudi-Arabiens, sondern auch das praktische Ende aller Bemühungen dieser Staaten, gemeinsam mit Jordanien, einen allgemeinen Friedensvertrag der arabischen Liga, einschließlich des, im selben Prozeß aus der Taufe zu hebenden, Staates „Palästina“, mit Israel zu bewerkstelligen. Der Beweggrund dieser ursprünglich saudischen Initiative liegt im rapiden Anstieg der iranischen Bedrohung und in der nach 9/11 auch in Saudi-Arabien eingesetzten Erkenntnis, daß die bisher großzügig unterstützten radikalen islamischen Gruppen eine strategische Bedrohung nicht nur der säkularen arabischen Regimes, sondern eben auch des eigenen Königshauses darstellen. Ein weiterer glückloser Bündnispartner ist der – seit einigen Tagen auch nicht mehr durch Wahlen legitimierte – „Palästinenserpräsident“ Mahmud Abbas, dessen von der Fatah gestellte Regierung auf israelisches Militär und amerikanische finanzielle Unterstützung angewiesen ist. Diese vier Regimes, Ägypten, die PA, Jordanien und Saudi-Arabien, sind brennend an einer Beseitigung der Hamas interessiert, wollen und können aber bei Strafe des eigenen Untergangs nicht offen Partei ergreifen. Zudem steht selbst die Unterstützung durch den einzigen langfristigen und offenen Bündnispartner, die USA, unter einem Vorbehalt: Das baldige Ende der Amtszeit George W. Bushs lässt seiner Regierung nur geringen außenpolitischen Spielraum, zudem sind die USA angesichts der ökonomischen Krise zu kostenintensiven Unternehmungen kaum in der Lage und schon seit längerem außenpolitisch in der Defensive. (Im stets prekären Gefüge des Nahen Ostens wurde sehr genau zur Kenntnis genommen, daß die USA dem Bündnispartner Georgien in der Not nicht beigesprungen sind)

Die israelische Regierung scheint derzeit offensichtlich noch auf eine große Lösung zu hoffen; ihre Emmisäre versuchen in Kairo eine Verhandlungslösung zu erreichen, die der Hamas ihre militärischen Möglichkeiten nimmt und eine multinationale (aber muslimische) Truppe – sei sie nun in Gasa selbst stationiert oder aber auf der ägyptischen Seite der Grenze – mit der Sicherung des Waffenstillstand betraut. Dies böte die Möglichkeit, in absehbarer Zukunft eine Vereinbarung sämtlicher Beteiligten zu erreichen. Weit wahrscheinlicher aber ist ein Ende der Kampfhandlungen ohne Verhandlungen und ohne die Hamas wirklich aus dem Sattel geworfen zu haben, allerdings mit dem für Israel bedeutenden Ergebnis, daß sich die Wiederbewaffnung der Terrorgruppen deutlich schwieriger gestalten dürfte und daß die durchaus erheblichen Zerstörungen, welche die Streitkräfte im Gasastreifen bewirkt haben, wahrscheinlich auch die „Infrastruktur des Terrors“, also die Fähigkeit der Militanten, bewaffnete Aktionen aus einem zivilen Umfeld heraus durchzuführen, auf längere Sicht beschädigt hat. Das Risiko einer erweiterten Militäroperation, die jetzt die in Gasa-Stadt unter dem Krankenhaus verschanzten Hamas-Führer ins Visier nehmen und zudem in Haus-zu-Haus Razzien Waffen und Munition beschlagnahmen müßte, ist erheblich und wird sehr genau gegen die erhofften diplomatischen Erfolge abgewogen werden. Bereits jetzt ist deutlich, daß Jordanien und vor allem Ägypten sich mit aller Macht gegen die Muslimbrüder wenden werden und Ägypten nunmehr ein eigenes Interesse an der Verhinderung des Waffenschmuggels und vor allem der Unterbindung der Infiltration durch islamistische Militante zeigen wird. Das für Israel durchaus unbefriedigende Ergebnis der „Operation gegossenes Blei“ wird kaum eine Neuordnung des Nahen Ostens herbeiführen, nicht einmal eine wirkliche Wende in Gasa, etwa nach dem Modell der Operation Schutzschild, in deren Gefolge seit 2002 das Westjordanland recht effektiv befriedet wurde, sondern der jüdische Staat wird eine Atempause haben vor der nächsten Auseinandersetzung und kann, und dies alleine rechtfertigt diesen Feldzug allemal, zunächst einmal die relative Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger gewährleisten, daß eben nicht jeden Augenblick ein Geschoß neben ihnen einschlagen könnte. Die größte Bedrohung für Israel bleibt der Iran. Der läßt zwar durch hektische Diplomatie erkennen, daß ihm eine Niederlage der Hamas höchst unangenehm ist, stellt jedoch über die Hisbollah und Syrien noch immer eine direkte Bedrohung dar und treibt unterdessen seine atomare Rüstung unbehindert weiter voran.

Von Rainer Bakonyi

Wie man die Umfrage manipuliert

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Zur Neuen Würzburger Burschenschaft Libertas

Am 18.01. gründete sich in Würzburg eine neue Burschenschaft namens Libertas. Entstanden ist diese anscheinend aus enttäuschten Burschis der Würzburger Germania, die sich nicht mit dem Germanen-Ausritt aus der Deutschen Burschenschaft abfinden wollten. So jedenfalls legt es der Wikipedia-Eintrag der Burschenschaft Germania nahe.

Würzburg hat also eine völkische Burschenschaft mehr, die höchstwahrscheinlich relativ schnell anstreben wird, der Deutschen Burschenschaft beizuwohnen.

Mehr zum Austritt der Germanen und Kimbern aus der DB lest ihr in vierten und letzten Teil der Serie über das Würzburger Verbindungswesen.
Bis dann.

Hier spricht Galaktika vom fernen Stern Andromeda!

Hallo du, Kind des Lichts, das die Wölfe in sich trägt. Den ganzen Tag suchst du im Internetz nach den Weisheiten der Kryon-Schule. Fast täglich landest du über Google bei Uns.

Wir wissen von Dir und schlagen dir vor, den magnetischen Dienst hinter dir zu lassen und den allmächtigen Schlund zu verehren. Oder einfach mal wieder statt dem Esoterik-Info den Letzten Hype zu lesen.
Schöne Grüße

Das Medium
P.S: Wenn Du mehr über den allwissenden Schlund erfahren möchtest, so spende bitte all Dein Geld dem Letzten Hype.

Merry Crisis and a Happy New Fear

Am 13.12.2008 zogen 70 Leute durch die Stadt Würzburg, ohne sich die Mühe zu machen, diesen Umzug anzumelden. Wenn man den Artikeln auf Indymedia und in den Schweineblättern der Republik glauben darf,(1) wurde die zunächst spärliche Polizeitruppe, die die Demo begleitete, aus dem Zug heraus mit Feuerwerkskörpern beschossen oder beworfen. Als die Polizei versuchte, die Demo aufzuhalten und aufzulösen, durchbrachen die 70 die Sperre; dabei wurde ein Polizist leicht verletzt.

Nun ist die Empörung verständlicherweise gross, und einige Bewohner der Stadt können es gar nicht glauben, dass jemand auf die Idee kommen kann, ausgerechnet einen bayerischen Polizisten anzugreifen. Der Zorn über die Übeltat hält sich aber noch in Grenzen, denn immerhin ermittelt die Justiz, und die Gesetze sind wohl den meisten hart genug.(2)

Wieso die Polizei dazu kommt, fremde Leute erst ohne deren Willen zu fotografieren, sie zu belästigen, ihnen ungebeten zu folgen, und einen Umzug schliesslich einfach anzuhalten, fragt, ebenso verständlich, auch niemand. Und dass eine solche (vergleichsweise harmlose) Eskalation die Folge davon ist, wenn man den Leuten das Recht nimmt, legal langweilige Demos abzuhalten, ist der sogenannten Öffentlichkeit auch nicht beizubringen.

Auch ich, ich gestehe es ein, stelle mir solche Fragen nicht mehr. So ist es, und das muss man begreifen: die Städte gehören uns nicht, sie sind Feindesland; der öffentliche Friede, das ist unsere Enteignung von den Mitteln des Ausdrucks; so muss es sein, oder der Staat und diese Gesellschaftsordnung bestünde nicht mehr; und die überwiegende Mehrheit ist bereit, diese Herrschaft, die ihre Enteignung bedeutet, mit aller Macht zu verteidigen.

Das unterscheidet unsere Lage von der im Griechenland unserer Tage. Dort hat diese Herrschaft derzeit so wenig die Zustimmung der Mehrheit, dass sie die entscheidende Probe nicht wagen durfte. (Man darf nie vergessen, wozu die Mehrheit dieser, der deutschen, Nation einmal bereit gewesen ist; die ausserordentliche Stabilität in Deutschland ist das Erbe des Nationalsozialismus. Für die Revolte ist Deutschland immer Feindesland.)

„Der Feind steht rechts“
Das „Antifaschistische Bündnis“ wiederum, bekanntermassen ein Arm der Linkspartei, hat, man hätte es vorhersehen können, den griechischen Aufstand natürlich als eine Gelegenheit begreifen müssen, um wieder einmal seine eigenen Überflüssigkeit zu beweisen. In einem Flugblatt, das an Peinlichkeit kaum zu überbieten sein dürfte, versuchte es, irgendeinem Publikum die Bewegung in Griechenland zu erklären. Die hintergründige Komik dürfte ihnen nicht aufgegangen sein, dass sie sich mühen mussten, Deutschen etwas zu erklären, was in Griechenland nicht nur auch ohne Erklärung verstanden worden ist, sondern überhaupt die einfachste und unkomplizierteste Sache der Welt ist.

Dass sie sich dieser fruchtlosen Mühe unterziehen mussten, ist nicht nur die gerechte Strafe dafür, nichts verstanden zu haben und dennoch weiterzumachen; es ist die bündige Widerlegung ihres ganzen sinnlosen Treibens. Es gibt einen konstanten, fast tragischen Zug darin, entweder eine Ahnung von der tiefen Vergeblichkeit dieser sinnlosen Arbeit, bei einer feindlichen Öffentlichkeit um Sympathie zu betteln; eine Art von taqiyah, als ob man seine wahren Absichten ständig tarnen muss. Oder aber man hat sie vielleicht zuletzt gar nie gehabt: ein staatsbürgerliches Selbstmissverständnis. So oder so, tragisch, ergreifend und ganz und gar überflüssig.

Wie sinnlos, den besorgten Bürger zu spielen, nur um den besorgten Bürgern weiszumachen, man sei einer von ihnen. Andere Sozialdemokraten, so gesehen auf einer IG Metall-Demo, haben vor ein paar Jahren auf Transparenten „französische Verhältnisse“ gefordert. Gefordert! Wie enorm. In Frankreich hat man, was sie damit meinten, jedenfalls nicht gefordert.

Warum und was eigentlich demonstrieren?
Schweigen wir von den Seelenfängern. Fragen wir uns stattdessen, was die 70 Leute dazu treibt, sich am 13.12.2008 in diesem Umzug zu bewegen. Man fragt sich das nicht ohne Sympathie, gewiss. Es ist nur kein gutes Zeichen, dass nach allem die Fantasie gerade für einen Umzug reicht, für das ödeste von allen öden Relikten aus einer heroischen bürgerlichen Zeit, als es noch eine Öffentlichkeit gab und eine Tyrannei, und beides noch Gegensätze und nicht unmittelbar das selbe waren. Warum aus dem Arsenal der bürgerlichen Gesellschaft eine solche entfremdete Ausdrucksform entleihen, auch wenn man sie mit etwas entfremdeter Militanz aus dem Arsenal einer ebenfalls schon angeschimmelten autonomen Linken ausstaffiert?

Demonstrationen, auch militante, sind eine entfremdete Sache. Sie sind Abbild eines Widerstandes, den es nicht gibt, den man auch im alltäglichen Leben nicht praktiziert. Sie sind keine Sprache, sondern Ausdruck von Sprachlosigkeit.

Demonstrationen dienen in der Lehre des Staatsrechts der Äusserung von Meinungen. In der Geschichte der Revolution waren sie oft auch Demonstration von Macht, oft genug auch deren direkte Ausübung: fast auf den Tag genau 80 Jahre vorher z.B. besetzten bewaffnete Arbeiter in einer millionenstarken Demonstration Berlin, so dass die Konterrrevolution keine 20 Mann unter Waffen mehr in Berlin hatte.(3) Friedrich Ebert versteckte sich bei Freunden im Umland. (Die Bühne hätte Spartakus gehören können, aber Karl Liebknecht zog es vor, über Weihnachten mit seinen Kindern Klavier zu spielen.)

Diese Zeit ist endgültig vorbei. Macht kann die Sache der Revolte heute nicht mehr demonstrieren. Was demonstriert man dann? Entschlossenheit, Furchtlosigkeit, überhaupt die schiere Existenz; dass noch nicht vergessen und vergeben ist, dass noch keineswegs alle einverstanden sind, dass man sich nicht fürchet, auch nicht gegen die Übermacht, dass man sich nicht dumm machen lassen will und nicht sprachlos; dass die Herrschaft noch nicht gesiegt hat und dass, solange sie nicht hat, die Geschichte anzusehen ist als eine Geschichte mit immer noch offenem Ende, trotz allem.

Mir scheint, der Wert einer solchen Demonstration liegt, diesseits der Frage, ob man nicht etwas besseres findet als einen Umzug, genau darin. Man darf sich freuen: so etwas wäre nicht mehr zu erwarten gewesen. Ob, was ich mir hier denke, zugetroffen hat, wird sich, wie man vielleicht hoffen darf, noch zeigen.

„Wir haben kaum begonnen, ihnen zu zeigen, dass wir ihr Spiel nicht mehr mitspielen.“

Von Vince O‘Brien

Zur Überschrift: So stand es in diesen Tagen in Griechenland zu lesen.
1 Man sollte nicht glauben, welche Menge an Blättern die dpa-Meldung abdruckten, einfach weil sie so froh waren, dass man überhaupt einmal irgendwas über Würzburg abdrucken konnte; wie um zu bestätigen, dass es diese Stadt, anders lautenden Gerüchten zum Trotz, wirklich gibt; und sie sich nicht ein unterausgelasteter Humorist ausgedacht hat, um die Legenden über die Stadt Schilda in die Gegenwart zu holen.
2 Ausser einigen Lesern der Mainpost, die sich genötigt fühlen, in den Kommentarspalten auf der web site dieser ganz erstaunlichen Zeitung die Wiedereinführung von Arbeitslagern vorzuschlagen. – Die Polizei war offenbar in grosser Panik, sie fürchtete tatsächlich athenische Verhältnisse, wo sie nur würzburgische zu erwarten hatte.
3 Nach Schätzung des kaiserlichen Generals Groener.

Aaaalt #1

Aber wer wird denn…

Nochmal: Burschenschaftliches Gedenken


Angeblich aus den „Burschenschaftlichen Blättern“.

Via eisberg. „Aufgenommen werden auch die Mitglieder der Freikorps.

Moment mal, Hans Heinrich Hagen? Woher kennt man denn den Namen?

Ach daher! Vom Kreisvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft! Woher auch sonst. Hahaha.

Man darf sich in Würburg über nichts wundern. Über gar nichts. Und bei der GEW schon gleich zweimal nicht.

Edit: Soso, Realschullehrer a.D. und ehemaliges Mitglied im Beirat der Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e.V.. Und, wie uns ein Redaktionsmitglied mitteilt, lange Jahre von der GEW in den Kreisvorstand des DGB Würzburg abgeordnet. Hurra! Die GEW, das sollen in Bayern eigentlich die nicht ganz so rechten (man nennt sie auch: die eher linken) Leute sein. Aber wie gesagt: niemals sich wundern. Und über die GEW schon gar nicht.

3/4: Eliteformation und Konservative Revolution im Korporationsmilieu

Teil 3 von 4 der Serie über das Verbindungswesen:
Mittendrin statt nur dabei: Eliteformation und Konservative Revolution im Korporationsmilieu

Weiter im Text. Beschäftigten wir uns letztes Mal eher mit den Sozialisation im Korporationsmilieu und dessen autoritärer „Pädagogik“, so wird jetzt die Geschichte der Studentenverbindungen dargestellt .Nächstes Mal, im vierten und letzten Teil dieser Serie, werden wir uns mit den Burschenschaften Germania, Adelphia sowie der Landsmannschaft Teutonia im Einzelnen auseinandersetzen. Im Folgenden also, wie letztes Mal stark gekürzt, der Text der Marburger Antifa Gruppe 5.

Anfänge

Als sich in Europa die Ideen der Aufklärung verbreiteten und Napoleon in den besetzen deutschen Gebieten den Code civil / Code Napoléon einführte, wurden Autorität und hoheitliche Administrativfunktionen der lokalen, absolutistisch regierenden Fürsten stark begrenzt sowie grundlegend in Frage gestellt. Im Zuge dieser Entwicklungen ließen sich Studenten unter den nationalistischen Appellen der Feudalaristokraten an das „deutsche Volk“ zum Aufstand mobilisieren und gründeten Corps, die sich zahlreich an den „Befreiungskriegen“ genannten Kämpfen gegen Napoleons Truppen beteiligten. In der anschließenden Restaurationsepoche sahen die Studenten ihr Ziel eines geeinigten Deutschlands nicht realisiert, worauf sie begannen sich in Burschenschaften zu organisieren. Völkisch-nationalistische, mit dem Bezug auf gemeinsame „Kultur“ und „Blutszugehörigkeit“ begründete Vorstellungen eines allgermanischen Zusammenschlusses zu einem Volksstaat setzten sich gegen das republikanische Nationalstaatsmodell Frankreichs durch. Ein ideologisches Fundament ihres völkischen Nationalismus bildete die naturreligiöse Konstruktion einer organisch gewachsenen Gemeinschaft der Deutschen. Der mit diesen Stigmatisierungsmustern konvergierende, innerhalb der Burschenschaften virulente Antisemitismus lässt sich signifikant an folgendem exemplifizieren: Als im Oktober 1816 366 Burschenschafter am Wartburgfest zusammentrafen, veranstalteten sie in dessen Verlauf eine Bücherverbrennung, bei der die Schrift „Germanomanie” des jüdischen Schriftstellers Saul Ascher mit den Worten: „Wehe über die Juden, so da festhalten an ihrem Judenthum und wollen über unser Volksthum schmähen und spotten!“ ins Feuer geworfen wurde.

Kaiserreich

Die ehemals bürgerlich-demokratisch geprägten Burschenschaften vollzogen spätestens mit dem Beginn des Kaiserreiches die Annäherung an die monarchistisch-konservativen Corps. Mitglied in einer Studentenverbindung zu sein, ging mit dem Aufstieg in das Establishment einher. 1879 entbrannten an den Universitäten, später „Antisemitismusstreit“ genannte, Debatten, ob assimilierte Juden und Jüdinnen Teil der deutschen Nation sein könnten. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen ergriffen die Burschenschaften Partei für den Berliner Professor für Staatswissenschaft Heinrich v.Treitschke, der in diesem Kontext den historisch folgenschweren Satz „die Juden sind unser Unglück“ formulieren sollte. Treitschke und sein Kollege Adolf Stoecker bildeten die von 40 % der Studentenschaft unterstützte Petitionsbewegung gegen jüdische Studenten an der Friedrichs-Wilhelm Universität.

Weimarer Republik

Das Ende des Wilhelminischen Reiches 1918 wurde [von Burschenschaften] als Ersetzung der „konkreten“, monarchistischen Ordnung durch eine von liberalpluralistischer „Degeneration“ gekennzeichnete Demokratie wahrgenommen. Dem liegt die antisemitische Dichotomisierung von als „jüdisch“ identifizierter, abstrakt-universalistischer Gesetzesform [ius scriptum] und konkretem Nomos [ius terrendi] zugrunde [vgl. Enzo Traverso: Moderne und Gewalt]. Hier keimt bereits der Volksgemeinschaftsgedanke auf – und zwar als Verwirklichung einer vermittlungslosen Identität von Staat und Volk.
Die in Burschenschaften organisierten Studenten mit Fronterfahrung aus dem 1. Weltkrieg, sammelten sich bald in den paramilitärischen Freikorps, Einwohnerwehren und Freiwilligenverbänden und bildeten die Reaktion gegen die Weimarer Republik. Das Misstrauen und die offene Ablehnung gegenüber der sozialdemokratischen Regierung hinderte die korporierten Studenten nicht daran, sich an der blutigen Niederschlagung der überall im Reich aufflammenden sozialen Kämpfe der Arbeiterinnenbewegung zu beteiligen. In Freikorps organisierte Studenten beteiligten sich an der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes 1919 und der Münchener Räterepublik. So unterstützten ca. 50.000 Studenten, mehrheitlich Korporierte, auch den nach wenigen Tagen durch einen Generalstreik der Gewerkschaften verhinderten, faschistischen Kapp- Putsch im März 1920, mit dem eine militärisch bürgerliche Diktatur installiert werden sollte.
Im August des selben Jahres stellte der Eisenacher Burschentag in seinen Beschlüssen fest, dass die „Deutsche Burschenschaft auf dem Rassestandpunkt stehe, d.h. der Überzeugung ist, dass die ererbten Rasseeigenschaften der Juden durch die Taufe nicht berührt werden“. Auch der CV beschloss, dass für künftige Aufnahmen die „arische Abstammung“ bis zu den Großeltern nachzuweisen sei.

Nazifaschismus1

Als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, sah sich die DB in ihrem Wirken seit dem Ende des 1. Weltkrieges bestätigt. In den Burschenschaftlichen Blättern jubilierten drei hohe Verbandsfunktionäre der DB: „Was wir seit Jahren ersehnt und erstrebt und wofür wir im Geiste der Burschenschafter von 1817 jahraus jahrein an uns und in uns gearbeitet haben, ist Tatsache geworden.“ Der CV wollte angesichts des „nationalen Erwachens“ nicht hinten anstehen, sodass die Machtübernahme Hitlers als der „größte innenpolitische Sieg dieses Jahrhunderts“ gefeiert wurde. Kurze Zeit später hieß es: „Der CV muß Träger und Künder des Dritten Reiches sein.“ Im Zuge der Gleichschaltung der Dachverbände trafen am 7. Mai 1933 die Amtsleiter der DB in Berlin zusammen, legten ihre Ämter nieder und übertrugen ihre Vollmachten auf den neuen Bundesführer Otto Schwab [Germania Darmstadt]. Burschenschaften beteiligten sich an den Siegesfeiern der „nationalen Erhebung“, der „Reinigung der Bibliotheken von zersetzendem Schrifttum“ ebenso wie an den von der Deutschen Studentenschaft und dem NSDStB initiierten Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933, wo gemeinsam alte Burschenlieder angestimmt wurden.
Die DB versicherte im Dezember 1933 dem Staatssekretär Heinrich Lammers, dass man in der „Judenfrage“ übereinstimme: „Die Frage der rassischen Erneuerung und Wiedergewinnung des völkischen Artgefühls unseres deutschen Volkes ist die Grundlage und wesentliche Forderung des Nationalsozialismus, in der sich von allen bisherigen revolutionären Bewegungen unterscheidet und die den Schlüssel abgibt zu allen seinen anderen Forderungen und Zielsetzungen.“ Da sich die DB als Teil des NS-Staates sah und sich als Avantgarde der nationalsozialistischen Ideologie fühlte, ordnete der Führer der DB Schwab im Juni 1933 eine „freiwillige Einweisung“ in den NSDStB an. Im Oktober des selben Jahres verfügte er, dass alle Burschenschafter unter 35 Jahren entweder der SA, SS oder dem deutschnationalen Frontkämpferbund Stahlhelm angehören sollten. Am 6. Oktober 1935 entschloss die DB in Leipzig ihre Auflösung und Überführung in den NS-Studentenbund.

Elitenformation in Bonner und Berliner Republik

Nach 1945 kamen die studentischen Verbindungen relativ schnell zu alter Blüte. Zunächst als nationalistisch und das Naziregime unterstützend eingestuft und daher verboten, wurden die Verbindungen Bündnispartner der westlichen Alliierten im Kampf gegen die „kommunistische Gefahr“. In der Folgezeit galten sie [zum größten Teil fälschlicherweise] als unbelastet oder denazifiziert. 1951 bildeten sich der Convent Deutscher Akademikerverbände [CDA] und Convent Deutscher Korporationsverbände CDK, 350 aktive Verbindungen] aus Landsmannschaften und Turnerschaften. Mitte der 50er Jahre waren 30% aller männlichen Studenten korporiert. Schnell konnten die Alten Herren ihre Seilschaften wieder in alter Form nutzen und Verbindungsbrüder teils offen, meist verdeckt, in gehobene Positionen hieven. Die Einflussnahme und Postenzuweisungen in der Politik begann also bereits mit der ersten deutschen Nachkriegsregierung. So waren im katholisch-konservativen Adenauerstaat so viele Ämter in den Ministerien von Alten Herren aus katholischen Korporationen besetzt, dass der Ex-Bundespräsident Theodor Heuss den Satzprägte: „In Bonn wird Zufall mit CV geschrieben“.
Trotz vermeintlich liberaler und dem Korporationswesen an sich gegnerischer politischer Ausrichtung sind auch in Parteien wie der SPD und den Grünen Mitglieder aus Korporationen vertreten. Als bekannteste Verbinder sind hier Johannes Kahrs, Norbert Kastner [beide SPD] oder Rezzo Schlauch [Grüne] zu nennen. Die spezifischen Erziehungsideale der durch Seilschaften und elitären Standesdünkel geprägten Korporationen, ermöglichen korporierten Studenten den Zugang zu berufliche Stellen, deren Zugang Nichtkorporierten verwehrt bleibt.

Revisionismus – NPD –
Konservative Revolution

Zentrale Konstituenten der Ideologie von Burschenschaften im Postfaschismus sind Grenz- und Geschichtsrevisionismus sowie aggressiver, großdeutscher Revanchismus. In den letzten Jahren wurden in Osteuropa Verbindungen gegründet und in die DB mit aufgenommen. Gemäßigt-Völkische wollen Europa mittels eines „europäischen Volksgruppenrechtes“ regionalisieren, das allen europäischen „Völkern“ und „Volksgruppen“ kollektive Sonderrechte in kultureller, ökonomischer und politischer Hinsicht brächte. Auf diese Weise, so meinen Gemäßigt Völkische, könne es gelingen, eine informelle Einigung aller deutschsprachigen Bevölkerungsteile Europas zu erreichen. Mit der Forderung des radikaleren Flügels nach „dem Recht jedes einzelnen und jedes Volksteiles auf seine angestammte Heimat“[Originalzitat von der DB-Homepage] wird folgendes deutlich: Die Grenzen der BRD seien nicht legitim und das „deutsche Volk“ habe seine „Heimat“ auch in den ehemaligen Gebieten des Deutschen Reiches. Auch Österreich sowie Teile der Tschechischen Republik [“Sudetenland“], Italiens [Trentino/Alto Adige: „Südtirol“], Frankreichs [“Elsass-Lothringen“], Belgiens [Eupen, St. Vith] und Dänemarks seien „deutsch“.
Mit der Delegitimation der Neordnung Europas nach dem Ende der nazifaschistischen Barbarei werden die Mythen von „Flucht, Vertreibung und Umsiedlung“ zu Symbolen der kollektiven Unschuld. In Anlehnung an Historiker wie Ernst Nolte – einem populären Redner auf Verbindungshäusern – wird der Griff nach Lebensraum und deutsche Vernichtungskreuzzug gegen die Sowjetunion als prophylaktische Konterrevolution und Weltanschauungskrieg gegen die Bedrohung durch den „asiatischen“ Kommunismus simplifiziert. In dieser zielgerichtet praktizierten Apologetik wird Auschwitz als Kopie und Vorbild des „Klassenmords“ der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg interpretiert. Aus der massiven Präsenz von Juden in der russischen und internationalen kommunistischen Bewegung erkläre sich folglich ihre serialisierte Vernichtung als zwar übertriebene, aber „logische“ Strafe und Präventivmaßnahme. Damit korreliert automatisch die nazistische Diktion des „Bolschewismus“ als Verkörperung „jüdischer Intelligenz“ und „slawischen Untermenschentums“. Darüber hinaus finden Burschenschaften mit den notorisch veranstalteten Vortragsabenden über allierte „Kriegsverbrechen“ und den „deutschen Opfern“ im „angloamerikanischen Bombenterror“ Anschluss an den ekelhaften nationalen Exkulpationskonsens aus deutscher Selbstviktimisierung in Form individueller Schuldabwehr [Familie, oral history, Zeitzeuginnenschaft], institutionalisierter Identitätsproduktion [Gedenkstätten, Historiographie, Schulen, Erinnerungsorte, Gedenkstätten, Feiertage] und ihren medial-kulturindustriellen Vermittlungen [Presse, Film, Serien, Radio, Publikationen] im kollektiven Massenbewusstsein der BRD.
Seit BRD-Gründung fungieren Burschenschaften als akademische Kaderschmieden neonazistischer Parteien und Organisationen. Ein anschauliches Beispiel ist die NPD-Prominenz des sächsischen Landtags: Der parlamentarische Berater der Fraktion, Karl Richter, entstammt der Münchner Danubia [DB-Mitglied]. Mit Jürgen W.Gansel, der spätestens durch seine Rede im sächsischen Landtag zum allierten „Bombenholocaust von Dresden im Februar 1945” für Aufsehen sorgte, Stefan Rochow und Arne Schimmer sind drei Mitglieder der Gießener Dresdensia-Rugia – ebenfalls Mitglied der DB – in der NPD aktiv. Aufgrund der Eskapaden in der DB spalteten sich 1996 acht Verbindungen ab, um mit der NDB einen politisch rein konservativen Dachverband zu gründen.

AK Kritische StudentInnen

1: Zu den Verbindungen der Würzburger Burschenschaften mit dem NSDstB, siehe Teil 1 dieser Serie. Daher fällt der Teil über den Vorabend der NS-Herrschaft auch etwas schmaler aus.

Heft 9

Das Heft 9 ist leider vergriffen und kann nicht mehr nachbestellt werden. Eine zweite Auflage ist im November 2009 in Planung.

Wir basteln uns ein „schwarzes Volk“

Mit der Zirkusshow „AfrikaAfrika!“ gastiert die moderne Version der kolonialen Völkerschau in Würzburg

Die KritikerInnen scheinen sich einig zu sein, auch die KulturrelativistInnen jauchzen vor Freude: Am 23. und 24. Januar kommt André Hellers Zirkusshow „AfrikaAfrika!“ nach Würzburg. „Das magische Zirkusereignis vom Kontinent des Staunens1“ tue laut ZDF „dem Publikum, den Künstlern und einem ganzen Kontinent etwas Gutes“. Der Einspruch, dass die Show kaum etwas zur Verbesserung des Verhältnisses von EuropäerInnen und AfrikanerInnen beitragen kann, sondern stattdessen altbekannte Klischees der afrikanischen Fremde aus Urgroßomas kolonialer Klamottenkiste hervorkramt , geht im Applaus der exotistischen Begierde unter. „AfrikaAfrika!“ ist nichts anderes als ein moderner Völkerbaukasten.
Betrachtet man die Konstruktionen von Fremdheit, die die Zirkusshow entwirft, so muss ein kurzer Blick auf die Völkerschauen, welche am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstanden, gerichtet werden: Denn Stereotypen wie ausgeprägte Körperlichkeit, Mystizismus, typische Lebensfreude, unberührte Stammeskultur, Rohheit und Flexibilität der Gelenke, welche sich alle in der Zirkusshow widerspiegeln, kamen auch in den kolonialen Völkerschauen vor. Auf Jahrmärkten oder in Zoos wurden damals die „Fremden“ präsentiert, wobei besonders exotisch anmutende Bräuche, physische Besonderheiten und besondere körperliche Belastungen die europäischen BesucherInnen in Scharen herbei lockten. Die eigenen verborgenen Wünsche der BesucherInnen und SchaustellerInnen wurden dabei auf die „Fremden“ übertragen. Besonders deutlich wurde dies bei der Projektion erotischer Wünsche auf die AfrikanerInnen. Zeichen von „Zivilisiertheit“, so etwa die Beherrschung von europäischen Sprachen oder die Beherrschung von europäischen Umgangsformen, waren bei den VeranstalterInnen der Völkerschauen nicht erwünscht, da man ja das „Fremde“ ausstellen wollte und damit möglichst authentisch bleiben. So musste man den AfrikanerInnen oftmals die als „typisch afrikanisch“ charakterisierten Fähigkeiten beibringen. Damit verbunden war selbstverständlich, dass die einzelnen KünstlerInnen nicht als Individuen wahrgenommen wurden, sondern stattdessen deren Körperlichkeit oder ihre Stammesidentität in den Vordergrund gerückt wurden. Ein ganzer Kontinent sollte erfahrbar werden, aber eben nur durch die Zerrbilder, die die psychischen Projektionen der EuropäerInnen zuließen.
Die exotistischen Konstruktionen der Kolonialzeit sind nachwievor vorhanden- daran lassen sowohl die Selbstdarstellung von „AfrikaAfrika!“ als auch das Medienecho keine Zweifel. Bereits die Bezeichnung Afrikas als „Kontinent des Staunens“ lässt erahnen, dass den ZuschauerInnen kein Einblick in die Komplexität der modernen Gesellschaften Afrikas gewährt werden soll, sondern ein stereotyper Mystizismus entworfen wird. Die Entindividualisierung der ArtistInnen, die Lust an der Konstruktion von körperlicher Fremdheit, wird bereits in der Showbeschreibung deutlich: „Körperexzentriker biegen sich stolz und geschmeidig wie Schlangen, Füße werden zu Händen, Hände zu Füßen ? ein seltenes Schauspiel, wie es nur die afrikanische Tradition kultisch perfekter Körperbeherrschung erlaubt.2“ Wenn Heller von den ArtistInnen der Show gelernt haben will, „ganz im Augenblick zu leben“3, dann klingt dies ganz nach der Begierde, die AfrikanerInnen zu Kindern zu machen, denen eine planende, rationale Entscheidung nicht zuzutrauen ist, denen die Lebensfreude aber niemals abhanden kommt. Auch die Zeitungen geizen nicht mit solcherlei Zuschreibungen. Das „Königreich der Gaukler und Paradies der Lebensfreude“ entdeckt der Spiegel, und das angeblich originäre Afrika kommt auch in der Passauer Neuen Presse nicht zu kurz: „Bunte Farben, wilde Tänze, Lachen – was ‘afrikanisch’ bedeutet, das können alle Darsteller ohne Mühe zeigen.” Die Vorstellung einer tiefen afrikanischen Verbundenheit mit der Natur, bereits von Rousseau beschrieben und als Zeichen der Überlegenheit der EuropäerInnen gedeutet, weshalb die AfrikanerInnen als Kinder zu betrachten seien, spiegelt sich in der Darstellung der tanzenden ArtistInnen wider, denn sie „können fließen wie Wasser, wie der Wind fliegen oder wie Feuer flackern.“ Immer wieder taucht in der Presse das altbekannte Motiv der maximalen körperlichen Belastbarkeit, als typisch afrikanisch charakterisiert, auf. „Das Tempo ist atemberaubend, die Biegsamkeit der schwarzen Körper schier unfassbar […]” jubelt die NZZ, „er steckt im Froschkostüm, hat unglaubliche Kulleraugen und kann sich verrenken, dass es beim Zusehen weh tut.”, berichtet der Stern über die Performance eines Künstlers. Selbstverständlich lässt sich auch die BILD nicht nehmen, eine Ladung Stumpfsinn im Blätterwald zu verkippen. „Die Staaten des dunklen Kontinents dürfen ihre teuren Botschafter jetzt getrost in Pension schicken. Es gibt keinen besseren Botschafter Afrikas als diese tanzende, turnende, tobende Truppe. In zwei Stunden ersingen und erspielen sie so viel Sympathie für ihre Heimat, wie Diplomaten nicht in zwei Jahrzehnten erdienern und erdinnern können.“ BILD rückt also wieder ein paar europäische Weltbilder zurecht: Der Afrikaner an sich tanzt und tobt, und auch die afrikanischen PolitikerInnen scheinen zu nichts weiter fähig als zur Unvernunft.
„AfrikaAfrika!“ ist europäischer Exotismus gepaart mit einer in Afrika nicht existenten Zirkustradition. André Hellers angeblicher Anspruch, ein anderes Bild von Afrika zu entwerfen, als das der Krisen, Krankheiten und Kriege, trägt absolut nichts zum Abbau von Stereotypen bei. Die Darstellung von Menschen als „edle Wilde“ bietet den Nährboden für einen „umgekehrten Rassismus“, der nicht das Individuum in den Vordergrund stellt, sondern die scheinbar unentrinnbare kulturelle Identität, die in diesem Falle eine Konstruktion seiner europäischen BetrachterInnen ist. Man darf gespannt sein, welche Glanzleistungen die Main-Post bei ihrer Berichterstattung über „AfrikaAfrika!“ vollbringen wird. Bei Überschriften wie „Tracht gegen Globalisierung“ befürchte ich das Schlimmste.

Benjamin Böhm

1 Aus der Online-Selbstbeschreibung der Zirkussshow
2 ebenda
3 ebenda

How low can it get

Wann hat sich die Mainpost denn das ausgedacht?

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Stillfoto-Wettbewerb

18.12. Langsam kommt die rechte Weihnachtsstimmung

Glück ist ansteckend und kann sich unter Freunden und Verwandten wellenartig weiterverbreiten. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie von US-Forschern, die im „British Medical Journal“ erscheint. Durch diesen Effekt entstehen Ansammlungen von glücklichen oder unglücklichen Menschen in bestimmten geografischen Gebieten oder sozialen Gruppen.

Und so weiter.

O schlichtes, o stilles entbehrungsreiches Glück. Wie ich kotzen möchte, wenn ich nur etwas gegessen hätte. Dass es so etwas wirklich gibt. Es wird wirklich jedes Jahr schlimmer, es geht alles überhaupt nicht mehr.

13.12.2008 #4: Lob der Unberechenbarkeit

Wir dokumentieren eine Äusserung der Gruppe exIL aus Würzburg.

Zu den „Krawallen“ am 13.12.2008

Im Anfang ist der Schrei. Wir schreien. Wenn wir schreiben oder lesen, vergessen wir schnell, dass im Anfang nicht das Wort ist, sondern der Schrei. Angesichts der Verstümmelung des menschlichen Lebens durch den Kapitalismus, ein Schrei der Trauer, ein Schrei des Entsetzens, ein Schrei des Zorns, ein Schrei der Verweigerung: NEIN.

Irgendetwas ist passiert, und weder wir noch unsere GegnerInnen können im Moment begreifen, was dieser Angriff auf die Würzburger Selbstgenügsamkeit bedeutet.

Zunächst ein paar strategische Anmerkungen: Für Würzburg stellt die Unberechenbarkeit der Aktion, die den ewigen Trott der Latschdemos, der langweiligen institutionalisierten Rituale und der Parteifähnchenschwenkerei hinter sich gelassen hat, etwas Neues dar. Vielleicht ist jene Desorganisation, jenes spontane Element, genau die richtige Antwort auf die Verschärfung der Versammlungsfreiheit. Die Frage, ob man sich überhaupt in irgendeine Polizeistrategie einfügen sollte, ob man überhaupt eine Demo, eine Kundgebung, eine Mahnwache, anmelden sollte, können wir seit dem 13.12. getrost mit „nein“ beantworten. Die Polizei spricht von 100 Personen, und wir wollen sie in diesem Glauben lassen. Eine angemeldete Demonstration hätte kaum mehr, wenn nicht sogar weniger Leute auf die Straße gebracht. Eine offiziöse Kundgebung wäre der Lokalpresse keine Zeile wert gewesen, und uns wären vor Langeweile die Füße eingeschlafen. KeineR von uns kann sich erklären, wer hinter der Organisation der „Krawalle“ steckt, über welche Wege die hundert Leute davon erfahren haben und wie die spontane Zusammenrottung so durchschlagend und effektiv werden konnte. Genau diese Unberechenbarkeit schüchtert auch die Polizei ein. Da gibt es keine Organisation, die man dafür verantwortlich machen kann. Es gibt keine Demo-OrdnerInnen, die man zur Rechenschaft ziehen kann. Diese Versammlung passt in kein Schema der linken Strategie. Und genau das ist ihr Vorteil.

Wenn man genau das verstanden hat, dann braucht man auch nicht mehr über die Vermittlung unserer Meinung an die BürgerInnen nachzudenken: Wir haben diesen Leuten nichts auf Flugblättern zu erklären. Unsere Wut über die Vorfälle in Griechenland und unsere Verzweiflung über die Zumutungen der Warengesellschaft sind nicht durch eine klassische „linke“ Sprache vermittelbar, die darauf hofft, bei den BürgerInnen Gehör zu finden. Es wird auf diesem Weg nicht funktionieren, und wenn doch, dann nur durch die Transformation einer radikalen Position in die Sprache einer bürgerlichen Interessengruppe. Genau deshalb müssen wir nicht „Polizeistaat“ rufen und hoffen, dass die fränkischen Bratwurstbräter in unseren Klagechor mit einstimmen. Wer verstanden hat, dass man solche Aktionen wie am 13.12. zuerst einmal für sich macht, und nicht für die deutschen BürgerInnen, und schon gar nicht für ein noch nicht einmal ansatzweise entbarbarisiertes fränkisches Landvolk, die/der hat schon viel verstanden. Obwohl wir die spontane Versammlung am Samstag keinesfalls als „Ausschreitung“ bezeichnen würden (da haben radikale Linke schon weitaus bessere Krawalle hingekriegt), hat jene temporäre Verstörung der Würzburger Prüderie anscheinend genau die Leute empört, die man damit aus ihrer Ruhe bringen wollte. Wenn in etlichen Kommentaren im Internet zu lesen ist, man solle das randalierende „Asoziale Pack“ ins Arbeitslager stecken, dann wissen wir spätestens, dass man am Samstag das Richtige getan hat. Und wenn die so genannten Würzburger Krawalle von der Ostsee bis Niederbayern in Tageszeitungen erscheinen, wessen subversives Herz lacht da nicht vor bittersüßer Freude.

Für uns gilt es nun, praktische Solidarität zu üben für unsere GenossInnen, die nach der spontanen Versammlung mit verschiedenen Vorwürfen belastet werden und bald mit den juristischen Folgen der spontanen Versammlung zu kämpfen haben. Sie benötigen unsere Zuwendung, um die kommenden Verhandlungen durchzustehen. Andererseits werden sie mit Sicherheit auch finanzielle Unterstützung benötigen.

Noch kann von niemandem wirklich begriffen werden, was der 13.12.2008. für die radikale Linke in Unterfranken bedeutet. Dieser denkwürdige Samstag bleibt für uns mit der Hoffnung verbunden, dass die Unberechenbarkeit zur Tugend wird. Dass die Aktionen der so genannten Autonomen derart unüberschaubar, unvorhersehbar, unbändigbar werden, dass sich weder Parteien mit ihnen abgeben wollen, noch dass sie in irgendeine Polizeistrategie passen würden. Wir wollen hoffen, dass an den Geist vom 13.12. angeknüpft werden kann, wenn es um die Kämpfe der Zukunft geht.

Gruppe exIL

Infoladenwuerzburg.blogsport.de

Email der Soligruppe: soligruppe@yahoo.com

13.12.2008 #3

Hahaha. Grossartig.

13.12.2008 #2

Ein lustiges Video. Bitte v.a. auch die Marktfrau beachten.

13.12.2008

Es stellt sich zunächst eine grundsätzliche, strategische Frage, und sie ist vorgestern falsch beantwortet worden.

Zunächst macht man keinen Umzug. Punkt. So etwas macht man einfach nicht. Es gibt nichts dümmeres und nichts entfremdeteres, als in einem Umzug in der Gegend herumzulaufen und seine Meinung zu äussern. Und sie am besten noch den Leuten auf Flyern zu erklären. Es gibt hier nichts zu erklären. Es gibt keine Politik zu machen.

Sich solidarisch auf die Ereignisse Griechenland beziehen, und dann als Demo durch die Gegend laufen: das erinnert mich an jene IG Metall-Demo, vor 3 Jahren, auf der man biedere Bürger sehen konnte, die auf Transparenten französische Verhältnisse gefordert haben. Etwas lächerlich. Und vor allem sehr entfremdet.

Wenn ich dagegen in der Zeitung lese, es sei zu sinnloser Gewalt gekommen, dann lacht mein kleines Herz: denn ich weiss: so etwas verdirbt nicht nur den Herren von der Linkspartei ihr demokratisches Geschäft der Seelenfängerei, sondern gibt vielleicht auch – wird man doch hoffen dürfen – insgesamt ein schlechtes Beispiel.

Eine klare Linie zur Linkspartei aber ist noch nicht gezogen und kann nicht gezogen werden, solange sich die einzelnen Personen und Gruppen ihrer wirklichen Stärke noch nicht bewusst sind und vor allem sich nicht bewusst sind der Voraussetzungen dieser Stärke. Schluss mit der Politik.

Und dennoch: was vorgestern in Würzburg geschehen ist, ist in unserer Epoche neu, und eröffnet eine neue area. Wann man die Tragweite dieser Sache überschauen können wird, weiss ich noch nicht. Wir werden es, insha2 allah, sehen.

Griechenland #2

Hiergibt es wohl neues. So richtig einen Überblick finde ich grade nicht, weiss jemand weitere links?

Griechenland

Ein willkürlicher Griff:

http://alexisg.blogsport.de/
http://el.blogsport.de/2008/12/09/griots-andreas-alexandros-grigoropoulos/
http://difficultiseasy.blogsport.de/2008/12/09/adventsstimmung/
http://infovs.blogsport.de/2008/12/08/athen-brennt-update/
http://infovs.blogsport.de/2008/12/07/athengriechenland-polizei-erschiesst-jugendlichen-schwere-riots-im-ganzen-land/

Keine Ahnung…

Waltz with Bashir

Wer den Film gesehen hat, und sich für den Libanon und den Bürgerkrieg interessiert, will vielleicht die elend lange, aber gar nicht schlechte Doku von Al Jazirah (2000) „7arb Libnan“ (15 Folgen) ansehen, die man auf video.google.com unter folgenden Adressen ansehen kann:

The War Of Lebanon – Episode 01 – Baptism of Fire
The War Of Lebanon – Episode 02 – The Roots of Conflict
The War Of Lebanon – Episode 03 – Explosion
The War Of Lebanon – Episode 04 – Death of a Country
The War Of Lebanon – Episode 05 – Damascus Intervenes
The War Of Lebanon – Episode 06 – Fire and Embers
The War Of Lebanon – Episode 07 – Zahle And The Indian Summer
The War Of Lebanon – Episode 08 – Sharon Invades
The War Of Lebanon – Episode 09 – Occupation Of An Arab Capital
The War Of Lebanon – Episode 10 – The Massacre
The War Of Lebanon – Episode 11 – Defeat of a Superpower
The War Of Lebanon – Episode 12 – Chaos
The War Of Lebanon – Episode 13 – Damascus Returns
The War Of Lebanon – Episode 14 – The Storm
The War Of Lebanon – Episode 15 – The Accord to End War

Man muss nur folgendes wissen: 2000 standen nicht nur Syrien, sondern auch Israel noch im Libanon; es war vor der al Aqsa-Intifada; vor 9/11; die Hizbu‘llah hatte ihre Waffen noch nicht nach innen gewandt, Aoun war noch in Paris, Geagea noch im Gefängnis, Jumblatt noch Freund Syriens, 7ariri noch ein lebender Halbgott. Das erklärt, das die Hizb vergleichsweise gut wegkommt, Aoun vergleichsweise schlecht, 7ariri gar nicht.

Was seitdem geschah, ist eine andere Geschichte.

Wer sich für das Innenleben der vorwiegend christlichen Miliz von Bashir Gemayel interessiert, kann die Erinnerungen von Robert Hatem („my story about Lebanon’s political underworld“ lesen; der gehörte zu den Leuten um genau den Elie Hobeika, der das Massaker in Sabra kommandiert hat. Man wird keinen unparteiischen Bericht erwarten dürfen („the story of a straight soldier who believed in the Christian cause“); wer das Buch liest, wird eigene Schlüsse ziehen müssen. Ohne Wert wird es nicht sein, wenn man nie vergisst, dass der Autor nie Bashir Gemayel, nur immer seinen ungetreuen Gefolgsleuten Schuld geben wird.

Hör‘ doch mal Radio…

Hier zwei interessante Links:

Zum einen ein Mitschnitt der Podiumsdiskussion der JungleWorld zur Finanzkrise, u.a. mit Michael Heinrich und Thomas Ebermann.

Zum anderen ein Interview mit dem Unterstützungskommitee aus Tarnac/Frankreich zu den Verhaftungen, die gegen eine herbeihalluzinierte „ultra-gauche“ gerichtet waren.

Anticomunista.net / dümmer geht ümmer

In Zeiten, in denen man nur den Kopf schütteln kann über die Staatsvergötterung der LINKEN, über den neuen Versuch, eine weitere SPD zu gründen, schaffen es die deutschen GegnerInnen dieser LINKEN tatsächlich, der Dummheit die Krone aufzusetzen.

Denn in Würzburg fühlen sich antikommunistische AktivbürgerInnen tatsächlich dazu gedrängt, über die wahren Absichten der „Linkspartei“ aufzuklären. Deshalb schmücken sie Plakate und Sticker der Linkspartei, ganz im Stile der Kommunikationsguerilla, mit Sprüchen wie „Weil Fleiß nun einmal bestraft gehört: DIE LINKE“.
Die Deutschen bleiben eben fleißig dem Wahn der deutschen Arbeit verpflichtet. Sehen sie selbst, welche geistigen Ausdünstungen die selbsternannten AntikommunistInnen produzieren.
hxxp://anticomunista.net/index.php?option=com_content&task=view&id=22&Itemid=27

Hören & Schmecken

Die Seite für moderne Kultur

Heute auf kulinarischer Spurensuche in Unterfranken

„Also was soll ich sach, s‘is alles a weng annerschder.“ Dieser zentrale Erkenntnisgewinn wurde mir auf einer jüngst gemeinsam mit meiner Liebsten unternommenen, denkwürdigen Exkursion auf den Spuren des umtriebigen jungen Journalisten Hunter S. Heumann zuteil. Mit einer Hand zugleich die Mütze vorrückend und dabei den spärlich behaarten Schädel reibend, sprach der sichtlich erstaunte Herr aus seinem verschmutzten allradgetriebenen Fahrzeug: „Der Fußwech der geht da nauf un nit da rü. Da kömmd ihr jedenfalls nit weider“. Der Einwand es stünde aber so in unserem wirklich tollen Franken-Wanderbuch (1) verhallte im Aufheulen des Gefährts. Wir stapften durch die frisch aufgewühlte Spur zurück zu unserem idyllisch ruhigen Waldweg mit der lustigen „Kelten-Erlebnisweg-Markierung“, der doch eigentlich ein Milansymbol zeigen und vor allem genau in die andere Richtung führen sollte. Nach daraufhin erst einmal zelebrierter Brotzeit und dem Anstellen einiger Betrachtungen über die wirklich spürbar stattgefundenen Veränderungen im ländlichen unterfränkischen Raum – wurden doch die umgemachten Baumstämme gar nicht mehr romantisch mit Hilfe stampfender Kaltblüter aus dem Wald gezogen, sondern gleich im Dutzend abgefahren und waren die schönen Tiersymbole als Wegmarkierungen Lehrtafeln über umweltgerechte Mischwaldnutzung und designeten Plaketten mit irgendwie keltisch sein sollenden Bildlich gewichen – irrten wir ein Weilchen auf neu angelegten Pfaden durch den Iphöfer Stadtforst, um dann die angestrebten Sehenswürdigkeiten: die Beckahanseiche und die Ruine Speckfeld doch noch vorzufinden (keine Neubausiedlung davor gebaut und auch nicht aufwendig restauriert) und den Weg in das schöne Örtchen Markt Einersheim zu finden. Dort trafen wir vor der Bäckerei tatsächlich einige echte Cowboys hoch zu Rosse und zogen daraufhin eilends, doch unter Absingen einiger gebräuchlicher Wanderlieder über die allerdings recht befahrene Straße nach Iphofen ( 2), woselbst wir uns im „Cafè & Weinstube 99er“ (Pfarrgasse 18) sehr eßbaren Kuchen und richtigen Cappuccino (ganz ohne die Frage: „mit Milchschaum oder Sahne“) auftischen ließen bevor wir den Wegweisern nach dem Schwanberg folgten, wo wir unser Automobil abgestellt hatten. Dieses hatte eigentlich auf einem groß in unserer Wanderkarte von 1978 markierten Parkplatz in Rödelsee seinen Platz finden sollen, an dessen ursprünglichem Orte nun aber die wohl häßlichste Neubausiedlung des Universums gerade im Entstehen begriffen ist. (Was übrigens ein echtes Fressen für den Herrn Heumann gewesen wäre, wo er realiter vorhandene Scheußlichkeiten zuhauf hätte finden können.) Tja, so fuhren wir auf der Suche nach einem Wanderparkplatz, weil ja sonst das Wandern nicht gehen tut, bis hinauf auf den Schwanberg, der doch schon die Zwischenetappe hätte sein sollen und wo wir dem schönen Milanwanderpfad weiter hätten folgen wollen. Naja. Ein etwas aktuelleres Kartenmaterial hätten wir doch gebraucht. Aber bei der Vorbereitung dieser Erkundungsreise ins unbekannte Umland der mainfränkischen Metropole Würzburg war uns das bereits erwähnte wirklich tolle Wanderbuch mit Karten aus alten Wohngemeinschaftsbeständen in die Hände geraten. Das Bild vom Bauern mit dem dampfenden Pferdegespann in der frühen Morgensonne hatte den Ausschlag gegeben: „Wir machen eine Landpartie!“ Gesagt getan; noch einmal in Herrn Heumanns Reportage über die schröckliche Kreisstadt Kitzingen nachgeschlagen, das Buch vom Staub befreit und uns grob orientiert: „Das ist doch da, wo man im Zug nach Nürnberg immer bloß an der Gipsfabrik langfährt?“ „Naja, ein Stück weiter oben halt.“ „Aber da ist doch ein Bahnhof, da könnten wir doch die Bahn nehmen.“ „Pff! Ich habe mir aber extra ein Auto ausgeliehen! Und ich will auf der Hinfahrt diese zwei schiefen Türme von Kitzingen sehen, ich war da noch überhaupt nie!“ Und da hat dann meine Freundschaft mit dem jungen Kollegen Heumann doch einen leichten Knacks abbekommen. Denn da steht, wie wir bei unserer Fahrt durch die baustellengeplagte Kreisstadt ganz einwandfrei feststellen konnten, lediglich ein – allerdings „scho g’scheid“ – schiefer Turm herum und bei der Frage nach dem weltberühmten Butterbrotmuseum wollte kein einziger der einheimischen Jugendlichen von dessen Existenz gehört haben, die Erwachsenen hatten sich gar nicht erst mit uns abgegeben. Aber ehrlich, diese Stadt ist so häßlich, warum muß er da noch schmähendes dazu erfinden? Und dann noch in unserem Blatt, das doch für seine journalistische Akkuratesse weithin gerühmt wird?? Und wieso bloß habe ich ihm nach so vielen Jahren im Geschäft aufs Wort geglaubt??? Doch die Freuden des ländlichen Wanderns und die trotz maschinisierter Landwirtschaft noch recht ursprüngliche fränkische Landschaft mit ihren freundlichen und aufgeschlossenen Einheimischen hatten mich bald wieder friedlich gestimmt. Er hat ja schon recht, der Heumann: Man muß gelegentlich mal aus der Hektik der Großstadt hinaus und das Land anschauen. Zurück in Würzburg hat mich dann am nächsten Tag erst einmal der Schlag getroffen: Noch bevor ich meinen Frühstückskaffee zu mir nehmen konnte, erreichte mich die Schlagzeile der Konkurrenz: „Kaiman Charly unter mysteriösen Umständen entführt. Verschwundener Kulturredaktör unter dringendem Tatverdacht“. Der Kollege gab mir noch den Tipp: „Hau mal besser ab, da kommt sicher gleich jemand von der Polizei hier vorbei!“ Ich hielt mich dann ein paar Tage versteckt, bis ich am 27ten August in der Mainpost den reißerisch aufgemachten Artikel einer ehemaligen Praktikantin unseres Blattes lesen mußte, nun ja unter den gegebenen Umständen: lesen durfte: „Ein Küßchen für Kaiman Charly. Gesundheits-Beamte überrascht: Verschwundener Alligator sitzt im Innenhof“ (3). Das verschwundene Mistvieh von Krokodil ist ausgerechnet auf dem Parkplatz des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit wieder aufgetaucht. Mann! Wollte der verhinderte Alligatorkoch wohl auch noch einen Fleischbeschaustempel auf dem armen Tierchen haben? Und ich schreib noch: Nicht den Alligator aus dem Terrarium nehmen! Und der Herr Wolfgang Glücker, der als Polizeisprecher so etwas von Amts wegen zu Journalisten sagt, hat versprochen, daß wenn der Täter gefaßt werden würde, dieser mit Geld oder Freiheitsstrafe bedroht sei. Nun gut, jetzt wo das Tier wieder bei seiner Tiertrainerin Diana Antoine sein darf, sucht die unterfränkische Polizei vielleicht nicht mehr so dolle nach dem Täter – Gefahr für Leib und Leben des Kaimans scheint ja gebannt – und sie lesen nicht doch noch alle meine alten Rezepte durch. Uijuijui. Noch mal richtig Glück gehabt. Pffft!
Deshalb gibt es dieses Mal wirklich bloß vegetarisch – und auch ausschließlich von solchem Gemüse, das nicht auf irgendwelchen Reptilienshows vorgeführt werden kann, sondern hier wächst und alle längst langweilt. Der Job hier ist mir allmählich wirklich gefährlich genug.

Herbstliches Menü
Piroggen gefüllt mit Pilzen und Nüssen
Gemüsesuppe mit Pfannkuchenstreifen
Gebackener Blumenkohl, dazu gebratene Kartoffeln, Erbsen in weißer Sauce und gemischter Salat
Pfannkuchen gefüllt mit geeister Melone

Für die Piroggen eine Packung gefrorenen Blätterteig auf einem bemehlten Backbrett auftauen lassen, mit Mehl bestreuen und mit dem Nudelholz auf etwa die doppelte Größe auswellen; mit einer Milchkaffeetasse insgesamt 16 Teigkreise ausstechen. Teigüberschuß kann ganz einfach noch einmal geknetet und ausgewellt werden, ergibt zusammengerollt z.B. Hörnchen. Eine Packung Champignon in feine Scheiben schneiden, zwei rote Zwiebeln sehr fein würfeln, einen Bund Petersilie ebenfalls sehr fein hacken, etwa 100g. festen Käse (Peccorino etwa) fein reiben, ca. 16 Walnüsse grob hacken. Eine Pfanne mit Butter erhitzen, zunächst die Zwiebeln glasig dünsten, pfeffern und salzen, dann die Pilze dazu geben und kurz anbraten, einen Eßlöffel Mehl einstreuen, sehr stark umrühren, mit etwas Weißwein und einem halben Becher Sahne ablöschen und solange auf sehr kleiner Flamme garen bis die Masse eingedickt ist. Die Pfanne vom Herd nehmen, etwas abkühlen lassen, dann die Petersilie, den Käse und die gehackten Nüsse unterrühren. Zwei Eier trennen, Eigelb und Eiweiß jeweils etwas schlagen und getrennt aufbewahren. Die Hälfte der Teigkreise auf ein gefettetes Blech setzen und die Masse sorgfältig in die Mitte geben. Mit dem Eiweiß die frei gebliebene Fläche einstreichen, die restlichen Teigkreise als Deckel aufsetzen, festdrücken und vorsichtig in Bootsform ziehen. Jetzt mit dem Eigelb bestreichen und im vorgeheizten Ofen bei 170° backen bis die Piroggen aufgegangen und schön goldgelb sind, das dauert etwa 15-20min. Heiß servieren. (Das Gericht eignet sich auch ganz prima – dann eben kalt – als Partymitbringsel!)

Für die Gemüsesuppe zunächst fünf Pfannkuchen herstellen. Fünf Eier, fünf Tassen Mehl, fünf Tassen Milch, einen Eßlöffel Zucker, eine Prise Salz gründlich verquirlen und in einer flachen Pfanne eben die fünf Dingerda ausbacken. Vier Pfannkuchen für den Nachtisch aufheben, einen Pfannkuchen aufrollen und in dünne Scheiben schneiden. Vier Karotten schälen und in Würfel schneiden, mit einer Petersilienwurzel genauso verfahren, eine Kohlrabi schälen und in längliche Streifen schneiden, eine Stange Lauch in Ringe schneiden, in einem Sieb noch einmal gründlich waschen. In einem Topf reichlich Butter erhitzen, erst die Karotten, dann nach und nach die anderen Gemüse zugeben, mit einem Liter heißer Gemüsebrühe ablöschen und noch einige Zeit köcheln lassen; kurz vor dem Servieren die Pfannkuchenstreifen in einer Pfanne noch einmal kräftig anbraten und portionsweise in die Suppe geben, einige kleingezupfte Kräuter oben auf streuen und servieren.

Einen großen Blumenkohl in kochendem Salzwasser nur kurz ankochen. Den Kohlkopf herausnehmen und das Kochwasser aufbewahren. In einer Pfanne Butter erhitzen, darin vier Eßlöffel Semmelbrösel mit reichlich Salz anrösten, abkühlen lassen und mit 200g geriebenem Parmesan vermengen. Ein Backblech einfetten, den Blumenkohl darauf setzen, mit Butterflocken und der Semmelbrösel-Parmesanmischung bestreuen und im vorgeheizten Ofen bei 170° backen bis der Käse gut bräunt – so etwa 15min. Für die Sauce eine fein gewürfelte Zwiebel in Butter glasig dünsten, eine Tasse Mehl einrühren und bevor das Mehl braun wird ½ l. Milch angießen und unter ständigem Rühren aufkochen. Ein Pfund gefrorener Erbsen dazu geben und noch ca. einen ½ l. der Kochbrühe zugeben. Mit Muskat, Salz und weißem Pfeffer würzen und unter Rühren solange kochen, bis die Sauce dick und sämig ist. (Falls sie zu sehr eindickt etwas Kochbrühe zugeben). Ein Dutzend kleine Kartoffeln in der Schale kochen, abschrecken und pellen; in einer Pfanne langsam anbraten. Den Blumenkohl aus dem Ofen nehmen, in vier Teile schneiden und auf je einen vorgewärmten großen Teller geben, die Soße daneben gießen, die Kartoffeln daneben anrichten und mit grob gehackter Petersilie garnieren. Einen Salat werdet ihr schon selbst zustande bringen!

Für das Dessert eine nicht zu große Melone aufschneiden, entkernen und in recht kleine Schnitze schneiden und in einer Schüssel ins Eisfach geben, gelegentlich einmal umrühren und wieder zurückstellen. Schlagsahne herstellen. Die vier Pfannkuchen in der Pfanne noch einmal aufwärmen, evtl. im noch warmen Herd warmstellen. Die heißen Pfannkuchen mit den eiskalten Melonen füllen, hübsch zufalten und mit der Sahne umgehend auf einem Teller sevieren. Als Deko z.B. eine Banane in Streifen schneiden, etwas Karamelsoße über die Pfannkuchen geben und darauf die Bananen legen, jetzt noch etwas Puderzucker – wouwh!

Von Rainer Bakonyi

(1) Konrad Fleischmann: Das Frankenwanderbuch. Zwischen Main und Donau mit Begleitheft für alle Touren, zweite neubearbeitete Auflage München, Wien, Zürich 1981(zuerst 1978)
(2) Alles Wissenswerte über diese sympathische Stadt findet sich im: „Stadtplan Iphofen. Eine Weinstadt mit Kultur“ O.J.o.O.)
(3) MAIN POST Mittwoch, 27. August 2008 – Nr.199 WÜS – Seite 25, dort werden unter www.mainpost.de auch „Bilder und Video von der Fangaktion“ angeprießen.

Robert Kurz im Kribbel Krabbel Mäusehaus

Auch die MitarbeiterInnen bei Amazon scheinen Humor zu haben, oder stimmt es tatsächlich, dass der Wertkritiker Robert Kurz seit kurzem Kinderbücher für die ganz jungen WertkritikerInnen entwirft?
Sehen sie selbst: Die Welt als Wille und Design.

Ein Kinderbuch von Robert Kurz wäre dann auch ein sicheres Zeichen dafür, dass sich das Konzept des Letzten Hypes, nämlich Schwachsinn und radikale Kritik zu verbinden, herum gesprochen hat….

Unterfrankens hässlichste Orte: Rauhenebrach

Rauhenebrach

Einwohner: ca. 3000
Landkreis: Hassberge
Bürgermeister: Kunibert von Hochdrachenstein
Feste: Dämonenkirchweih, das Fest der fränkischen Hexenküche, Tag der deutschen Einheit
Sehenswürdigkeiten: Orakelbaum, Freyadenkmal

Geschichte: Die Geschichte Rauhenebrachs ist ohne den Film Tanz der Teufel nicht zu verstehen. Im Jahre 1980 begannen die Dreharbeiten des besagten Horrorfilms des Regisseurs Sam Raimi. Der Filmemacher ist bekannt für seine Affinität zu deutschen Hexensagen und Spukgeschichten aus Mitteleuropa. Auf der Suche nach einem geeigneten Drehplatz waren zuerst andere deutsche Waldgebiete wie der Spessart oder der Schwarzwald als potentielle Schauplätze des Films geplant. Aufgrund der „beeindruckenden germanischen Bräuche der fränkischen Waldbewohner und einer unglaublich intensiven finsteren Magie, die die Leute im Steigerwald ausstrahlen“, entschied sich Sam Raimi für den Dreh im Steigerwald. Dazu muss man sagen, dass es die Gemarkung Rauhenebrach bis 1980 nicht gab. Sie existierte lediglich als Bezeichnung eines öden Landstriches, den bereits die Kaufmänner im 15. Jahrhundert mieden, da „Irrlichter des Nachts den Weg säumen und viele fromme Menschen so einen grsusamen Tod fanden“ [Geschichte der Frammersbacher Kaufmannsgilde, Detlef Reuß, Spessart-Verlag, 1965].

Bei den Dreharbeiten des durch drastische Gewaltszenen bekannt gewordenen Films spielten ca. 2500 Laienschauspieler mit, die in den umliegenden Dörfern, hauptsächlich aus Schlüsselfeld und Herper, angeworben wurden. Während der Dreharbeiten bildete sich ein faszinierendes gruppendynamisches Phänomen: ein Großteil der Laienschauspieler identifizierte sich derart intensiv mit der Rolle, dass man die Fiktion des Films und die Realität nicht mehr unterscheiden konnte. Als Anfang 1982 das Film-Set abgebaut werden sollte, ereignete sich eine Revolte gegen die Zerstörung der „dunklen Gemeinschaft, die durch die Kraft des Waldes zusammengehalten wird wie die Hexen der Walpurgisnacht“ [Zitat aus: Rauhenebrach- ein Dorf und seine Kraft, Kunibert von Hochdrachenstein, Rauhenebrach 1987]. Der noch immer amtierende Bürgermeister Kunibert von Hochdrachenstein rief sich selbst als Fürst der Finsternis aus und forderte die „Autonomie der Rauhen Ebrach“. Alle Zufahrtstraßen und Feldwege wurden unpassierbar gemacht, und jeder „Menschling“ wird bis zum heutigen Tage vom Stadtfürsten gewarnt, Rauhenebrach zu betreten. Die Reaktion der Kommunalverwaltung der Hassberge ist bis zum heutigen Tag zögerlich- zu sehr fürchtet man die scheinbar dämonischen Kräfte, die die Rauhenebracher zu besitzen scheinen. Böse Zungen jedoch behaupten, dass die gesamte Verwaltungsstruktur der Hassberge von Rauhenebracher Lobbyisten unterwandert werde.

Politische Organisation: Die Gemeindeverwaltung ist von derart archaischer, undurchschaubarer Struktur, dass sie schwer mit politikwissenschaftlichen Begriffen zu fassen ist. Hinzu kommt, dass es in den letzten 26 Jahren lediglich einen Aussteiger gab, der es wagte, sich kritisch gegenüber Rauhenebrach zu äußern. Fest steht, dass Kunibert von Drachenstein jährlich legitimiert wird: Bei der fränkischen Dämonenkirchweih unter dem Orakelbaum. In einer langen Zeremonie, in der alle erwachsenen Männer einen Tee aus Engelstrompeten und Spitzwegerich zu sich nehmen, wird der weise Baum um Rat gefragt. In der Wahrnehmung aller Männer von Rauhenebrach hat der Orakelbaum jedes Mal entschieden, dass Kunibert von Hochdrachenstein auch weiterhin der Fürst über den „Wald der Barmherzlosigkeit“ bleibt. Politische Parteien gibt es nach unserem demokratischen Verständnis in Rauhenebrach nicht. Interessenkonfikte werden mit roher Gewalt vor dem Freyadenkmal ausgetragen. In ritualisierten Weise treten sich dabei die Kämpfer, beschmiert mit Blut, Lehm und weiteren Körpersekreten, gegenüber und Kämpfen auf Leben und Tod.

Brauchtum und Tracht: Interessant bei einem Blick auf die kulturellen Aspekte in Rauhenebrach ist die Vermischung aus Filmelementen und fränkischen Bräuchen. So ist das Fest der fränkischen Hexenküche eine Abwandlung des Festes der fränkischen Schlachtschüssel aus dem benachbarten Schlüsselfeld. Nach einer langen Fastenzeit im Frühling und Sommer wird beim Hexenküchenfest viel Fleischhaltiges gereicht, das für zivilisiertere Kreise abstoßend aussieht und schmeckt. Eiterbeutele oder Fingerli vom Fuchs seien hier als Beispiel für die ausgefallene Küche Rauhenebrachs genannt.
Die Tracht der Rauhenebracher ist ebenfalls eine Mixtur aus den fantastischen Elementen des Horrofilm-Genres und fränkischen Traditionen. Getragen wird eine Gautracht des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Doch als Schmuck werden Menschen- und Tierknochen oder auch Teile von für magisch gehaltenen Bäumen getragen. Am merkwürdigsten sind aber die Tätowierungen der Rauhenebracher: Angsteinflößende Runen und Zeichen trägt jeder Rauhenebracher ab 5 Jahren auf seiner Stirn. Mitglieder der Familie Hochdrachenstein tragen als Zeichen ihres höheren Ranges ein drittes Auge auf der Stirn.

Bloß nicht: Es ist nicht möglich, mit motorisierten Fahrzeugen nach Rauhenebrach zu kommen- und das ist wohl auch besser so. Bis auf den Aussteiger Dragon Mortalitas ist es keinem einzigen Bewohner Rauhenebrachs jemals gelungen, das Dorf zu verlassen. Ausländische Reiseführer warnen gar davor, den nördlichen Steigerwald überhaupt zu besuchen: Zu groß scheint die Gefahr, von Rauhenebracher Menschenjägern, die angeblich in mondlosen Nächten im Steigerwald umherstreifen, gefangen genommen zu werden.
Daher sei jedem Menschen, dem sein Leib und Leben etwas wert ist, geraten, Rauhenebrach großräumig zu meiden.

Mit mahnenden Grüßen, Ihr Hunter S. Heumann

Presseschau: von Stilblüten und wirklich wichtigen Nachrichten

Als ich mich letzten Winter im Letzten Hype über die Mainpost auskotzte, konnte ich gewiss noch nicht ahnen, dass die besagte Zeitung mit dem Konrad-Adenauer-Preis ausgezeichnet worden war. Seit ich wusste, welche Ehren unserer Lokalzeitung zuteil geworden waren, wurden mir die Augen geöffnet: Die vielen Stilblüten, die Art und Weise, mit der deutschen Sprache zu jonglieren wie ein Artist von Welt: Dies alles war mir vor meiner Erleuchtung nicht klar gewesen. Daher lasse ich heute nur die Überschriften der Mainpost sprechen, die das journalistische Sahnehäubchen eines jeden Artikels darstellen.

Stilblüten

Der Wahlkampf ist zuende, und allen war klar: „Marco Schneider- Kandidat mit Schokokuss-Kuchen“- den musste man einfach wählen. Wichtige Erkenntnisse lieferten den LeserInnen die Überschriften „Probezeit ist die Zeit zum Ausprobieren“ und „Unfall-Kuh kam aus Bullenheim“. Es bleibt tierisch, wobei bei der Überschrift „aggressiver Bulle büxte aus“ nicht klar zu erkennen ist, ob nun die menschlichen oder widerkäuenden Artgenossen gemeint sind. Animalisch geht es weiter, denn der „Spatzen-Drummer bot Speck an“, was er hoffentlich nicht „Unter Drogen, doch ohne Führerschein“ tat. Schauen wir in die schöne Rhön. „Rhönfreunde bekennen sich zu ihrer Identität- der Rhön“ war da zu lesen, und ich bin sehr froh, dass sich die Rhönfreunde nicht zum Spessart bekennen.

Wirklich wichtige Nachrichten

Damit alles seine Ordnung hat in der Region, geht die Polizei allen Straftaten nach. „Alk zum Abendessen“ geht gar nicht klar, ebensowenig wie die „Mettwurst im Hosenbund“. „Bulgaren auf den Weingut“ gab es ebenso wie „Salmonellen im kleinen Badesee“, „Marinierte Makrelen auf Holzkohlen gegrillt“ und „Australier in er Rhön“ . Und das schlimmste war wohl folgendes Vergehen: „Mann macht Mann an“. Bei soviel kriminellen Energie kann einem wirklich Angst und Bange werden. Zum Glück gab es nicht nur negative Nachrichten zu vermelden. „Wie oft steht Gott sei Dank in der Bibel?“ habe ich mich auch schon immer gefragt. Solange wir dies nicht wissen, sollten wir wirklich alle „Gottes ausgestreckte Hand ergreifen“. Genug des Metaphysischen. Die Festzeit hat begonnen und „das Kartoffelfest beigeisterte“. Leider ist „kein Apfel mehr am Baum“, ob dies etwas mit dem Ungeziefer zutun hat? Denn „den Ratten geht’s gut“. Was wir schon immer geahnt haben, bestätigt uns endlich die Mainpost: „Mittelmaß ist in Schweinfurt Trumpf“, auch deshalb, weil „Günther Beckstein: Ein Wahlkämpfer oben ohne“ da war. „Neues Geschirr“ hat nun die Euernhofer Feuerwehr, aber das wird ihnen auch nicht mehr helfen, wenn die „Rache der Hornissen“ über sie herein bricht.
Ja, genug des meisterhaften Journalismus meiner Lieblingszeitung, ich nehme nun am „Tag des Butterbrotes“ noch einen „Biss ins Butterbrot“, und nächtes mal werde ich auch „vorm glücklichen Ende einen geglückten Anfang“ wählen. Bis zur nächsten Presseschau.

Benjamin Böhm

2/4: Allgemeine Klassifikation, Funktionen und autoritäre Erziehungsgemeinschaft

Allgemeine Klassifikation, Funktionen und autoritäre Erziehungsgemeinschaft

Bei der Vielzahl kritischer Reader über das Verbindungswesen haben wir uns den aus unserer Sicht besten herausgepickt. Der folgende Text aus Marburg erscheint daher mit freundlicher Genehmigung der AntifaGruppe5. Er wurde stark gekürzt und erscheint hier in zwei Teilen, kann aber im Netz unter http://www.ag5.de.vu in voller Länge abgerufen werden.
Besonders wichtig war uns bei der allgemeinen Kritik am Verbindungswesen der Blick auf den geschichtlichen Kontext (Siehe Teil 3 von 4), aus dem die Verbindungen stammen und dessen Traditionslinien sich auch im heutigen Korporationswesen widerspiegeln. Zum anderen ist für uns die Trennung in die „guten“ eher liberalen Studentenverbindungen und in die „bösen“ Burschenschaften, wie sie gerne (siehe die vielen Kommentare zum ersten Teil auf unserem Blog) von aufgeschreckten Korporierten vollzogen wird, nicht haltbar. Eliteformierung, Lebensbundprinzip und Brauchtum sind derart grundlegend mit dem Verbindungsleben verwoben, dass man sie bei einer kritischen Analyse nicht ausklammern kann. Daher werden hier auch die wichtigen „erzieherischen“ Praktiken skizziert, die der Herausbildung eines elitären Habitus im Korporationsmilieu dienen.
Ursprünglich als dreiteilige Serie geplant, nimmt die allgemeine Kritik am Verbindungswesen mehr Platz in Anspruch, als wir vorgesehen hatten. Daher beschäftigen wir uns im Teil 2 mit einer allgemeinen Klassifikation der Verbindungen und ihrer Funktionen. Im dritten Teil der Serie, der in der Dezember/Januar-Ausgabe des Letzten Hypes erscheinen wird, geht es um die Eliteformation in der BRD, den Revisionismus des Korporationsmilieus und um die Konservative Revolution.
Bevor es mit dem Text der AntifaGruppe5 losgeht, schildern wir euch kurz die Verbindungen aus Würzburg, die an den dargestellten korporierten Netzwerken partizipieren:

Deutsche Burschenschaft: Adelphia, Cimbria
Coburger Convent: Teutonia, Asciburgia, Alemannia Makaria
Kösener Senioren-Convents Verband: Bavaria, Franconia, Nassovia, Rhenania, Moenania, Makaria-Guestphalia
Cartellverband der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen: Gothia, Thuringia, Guelfia, Markomannia, Cheruscia, Franco-Raetia
Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine: Walhalla, Rheno-Franconia, Normannia
Wingolfsbund: Chattia

Nun zum eigentlichen Text, et voila:

Klassifikation
Korporierte Netzwerke in der BRD
Unter den Verbindungen lassen sich drei Zentraltypen klassifizieren:
1. schlagende und nichtschlagende Verbindungen: Schlagend heißt, dass ihre Mitglieder die Mensur fechten. Bei einigen schlagenden Verbindungen ist das Fechten der Mensur freigestellt [fakultativschlagend].
2. farbentragende [Coleur] und nichtfarbentragende [schwarze] Verbindungen: Farbentragend bedeutet, dass die Korporationsmitglieder die Farben des Verbindungswappens an Mützen und Bändern mit den Uniformen zu bestimmten Anlässen tragen müssen.
3. konfessionell gebundene oder nicht konfessionell gebundene Verbindungen: In der BRD existieren ca. 1000 Studentenverbindungen mit 22.000 aktiven Mitgliedern und 135.000 Alten Herren. Darunter befinden sich 140 Burschenschaften mit insgesamt ca. 19.000 Mitgliedern [Stand 1997].
Das rechtskonservative bis nazistische Spektrum umfasst primär den 1881 gebildeten, fakultativ schlagenden Dachverband der Deutschen Burschenschaft [DB] mit ca.14.000 Mitgliedern in 130 Verbindungen. Es kann von keinem monolithischen Block gesprochen werden. Ideologische Basis ist allerdings ein völkischer Nationalismus. Die Bezeichnung „Burschenschaft“ wird fälschlicherweise oft als Sammelbegriff für Studentenverbindungen verwendet. Burschenschaften berufen sich meist auf die1815 in Jena gegründete Urburschenschaft, sowie das Wartburgfest 1817. Sie stehen damit in einer Tradition der Bücherverbrennungen und des völkischen Antisemitismus. Während die meisten Burschenschaften in der DB organisiert sind, hat sie anders als der Name vermuten lässt auch Mitgliedsbünde in Österreich und Chile. Frauen, Nicht-Deutsche, Homosexuelle und Kriegsdienstverweigerer werden nicht aufgenommen.
Die ideologischen Affinitäten der rechtskonservativen Landsmannschaften und Turnerschaften hierzu sind fließend. […] [Die Landsmannschaften und Turnerschaften] schlossen sich 1951 zum Coburger Convent [CC] zusammen, in dem etwa 100 pflichtschlagende Korporationen mit insgesamt 1900 Aktiven/Inaktiven und 12.000 Alten Herren versammelt sind. Der CC versteht sich selbst als „tolerant“, da die Verbindungen im CC ab 1995 „Ausländer“, Juden oder Kriegsdienstverweigerer aufnehmen dürfen. Mit dem Toleranzprinzip werden gleichzeitig Kontakte zur rechtsextremen Szene gerechtfertigt.
Turnerschaften sind Studentenverbindungen, die sich über Sport und Leibesertüchtigung definieren. Man kann sie den nicht-schlagenden und nicht-farbentragenden Verbindungen zuordnen, die im Akademischen Turnbund organisiert sind.
Die Vorläufer der studentischen Verbindungen sind seit dem 17.Jahrhundert die alten Landsmannschaften, aus denen sich die Corps entwickelten. Ihre Mitglieder waren fast ausschließlich adelige Studenten. In den feudal-aristokratischen Corps, mit dem Hohen Kösener Senioren-Convents Verband als Dachverband, befanden sich fast ausschließlich Studenten aus dem Adel, Offiziersfamilien und Familien von Industriellen, Bankiers, hohen Beamten oder Großgrundbesitzern. Heute sind die meisten Corps in den farbentragenden, schlagenden Kartellen Kösener Senioren-Convents-Verband [KSCV] und Weinheimer Senioren Convent [WSC] organisiert. Im KSCV sind in 101 Verbindungen 2600 Aktive und Inaktive sowie12.220 Alte Herren versammelt. Der WSC beherbergt hingegen 65 Verbindungen, 1550Aktive / Inaktive und 7552 Alte Herren. Politisch stehen sie, auch wenn sie sich selbst als unpolitisch bezeichnen, tendenziell rechts. Der KSCV schloss als einer der ersten Verbände Juden aus, begrüßte die Machtübernahme durch die NSDAP und erklärte am 1.6.1933: „Das deutsche Corpsstudententum hat in einer einmütigen Kundgebung den Willen dargetan, sich ohne jeden Vorbehalt einzugliedern in die nationalsozialistische Bewegung.“
Der konservativ orientierte Block wird hauptsächlich vom Cartellverband der katholischen
deutschen Studentenverbindungen [CV] – darunter für ihre emanzipative Progressivität bekannte Figuren wie Edmund Stoiber, Friedrich Merz [BavariaBonn], Jürgen Rüttgers und Joseph Ratzinger[Churpfalz, Alemania und Rupertia] – getragen. Der CV ist mit ca. 32.000 Mitgliedern der größte deutsche Korporationsdachverband mit ca. 6000 Studierenden und 26.000 Alten Herren in 127 Verbindungen. Diese Zahlen können mittlerweile nur durch die Aufnahme von FH-Mitgliedern gehalten werden. Die CV Verbindungen sind farbentragend, aber nichtschlagend, da das Fechten im Widerspruch zu den Grundsätzen der katholischen Kirche stehe. Die Prinzipien der CV-Bünde lauten Religio [Glaube], Scientia [Wissenschaft], Amicitia [Freundschaft] und Patria [Vaterland]. Das Katholizitätsprinzip ist Grundlage der gemeinsamen Lebensgestaltung, Gottesdienstbesuche sind festes Element des CV-Alltags. Den Vorwurf, nationale Vorstellungen zu vertreten, entgegnen CV-Mitglieder gerne mit einem Verweis auf die europäischen Verbandsaktivitäten– „Patria“ wird also mit Europa identifiziert. Der CV weist dennoch personelle Überschneidungen im ideologisch komplementären Bereich der Neuen Rechten auf: Herbert Hupka war als Mitglied der Landsmannschaft Silesia [“Schlesien“] von 1968 bis 1996 Präsidiumsmitglied des Bundesvorstandes des Bundes der Vertriebenen [BdV]. Weitere Beispiele sind Clemens Josephus Neumann [Rheno-Franconia], gestorben 1995, erster Pressesprecher des BdV, Gustav Wabro [TuiskoniaMünchen], Landesvorsitzender in Baden-Württemberg, Wolfgang Thüne [Borussa-Saxonia u.Hasso Rhenania Mainz], zeitweise Landesvorsitzenderin Rheinland-Pfalz. Bis zu seinem Tod 2000 war der [Würzburger] Professor Prof. Lothar Bossle – selbst Korporierter– permanenter Referent bei CV Verbindungen und in der CV-Akademie. Ein Mitarbeiter seines 1972 in Bonn gegründeten Instituts für Demokratieforschung [IfD] arbeitete an der Verfassung für die faschistische Folterdiktaturin Chile unter A. Pinochet. Der Sitz war zunächst Mainz, wurde aber von Franz-Josef Strauß [Tuiskonia München] gegen den Widerstand der Universität nach Würzburg verlegt. Er selbst pflegte Kontakte zu antikommunistisch semifaschistischen Organisationen wie der Mun-Sekte, Colonia Dignidad und den Grabesrittern.
Der Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine[KV] wurde 1866 gegründet und ist gegenwärtig mit 80 Verbindungen, 2.050 Aktiven/Inaktiven sowie 16.500 Alten Herren, der drittgrößte korporationsstudentische Dachverband. Er ist nicht-schlagend und nicht farbentragend. Im Gegensatz zum CV werden auch nicht-katholische Christen aufgenommen. Frauen sind ausgeschlossen. Ähnlich wie der CV bekennt sich der KV zum Katholizismus als Grundlage.
Sängerschaften sind Studentenverbindungen, die sich „die Musik auf ihre Fahnen geschrieben haben“. Die meisten sind in der farbentragenden, fakultativ-schlagenden Deutschen Sängerschaft [DS]mit 550 Aktiven/Inaktiven und 2400 AltenHerren organisiert. Bei ihnen lässt sich ein volkstumsbezogenes Verhältnis zu Deutschland nachweisen. Wichtigste Aktivitäten der DS sind die Grenzlandfahrten und Volkstumsarbeit in früheren deutschen Gebieten oder von deutschsprachigen Minderheiten bewohnten Regionen.
Der protestantische, formal ökumenische Wingolfsbund wurde 1860 gegründet. Seine Ideale basieren auf dem christlichen Glauben [“uns eint das Bekenntnis zum Glauben an Jesus Christus“], daher gehört der Wingolf zu den nichtschlagenden Verbindungen. Die anderen üblichen Sitten und Gebräuche des Verbindungsstudententums werden auch vom Wingolf gepflegt. Der Wingolfsbund unterstützte den Kapp-Putsch, bei dem er die Bildung eines beweglichen Stoßtrupps übernommen hatte. In einer gemeinsamen Erklärung von Wingolf, DB und anderen studentischen Bünden kamen 1927 rassistische Elemente zum Ausdruck: „Die dem Deutschen Volkstum im Grenz- und Auslande drohenden Gefahren verlangen eine unbedingte Reinhaltung der Hochschulen von volksfremden Elementen, um die Lebensfähigkeit des Deutschtums in diesen Gebieten zu wahren.“
Seit den 1980er Jahren versuchen einige Burschenschaften sich an den Schulen zu betätigen,
um frühzeitig ihren Nachwuchs zu rekrutieren. Schülerverbindungen sind im 1989 gegründeten
Dachverband Allgemeiner Pennäler Ring zusammengeschlossen. Schülerverbindungen sind
ähnlich organisiert wie Burschenschaften. Die meisten teilen den Wahlspruch „Ehre, Freiheit,
Vaterland“ mit der DB, verlangen von ihren Mitgliedern die Bereitschaft, das studentische Fechten zu erlernen, sind farbentragend, hierarchisch organisiert und pflegen die Bräuche von studentischen Verbindungen. Wie in studentischen Verbindungen gilt auch in den Schülerverbindungen das Lebensbundprinzip.

Funktionen

Zentrales Prinzip ist die Konzeption des Lebensbundes als pädagogisch-moralischer
Prägeinstanz mit einem elitären Selbstverständnis. Die Mitglieder verpflichten sich, der Gemeinschaft auf Lebenszeit anzugehören, sofern es zu keiner Ausweisung [Dimission] aufgrund
einer Verletzung des rigiden Wertekanons kommt.
Die Anwerbung [Keilen] eines Interessenten erfolgt über günstige Zimmervermietung, Einladungen zu einem Mittagessen oder den Trinkgelagen auf den Häusern, die sich als später Ausläufer einer deutschen Tradition bis ins 16./17. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Bei der Rekrutierung ihres Nachwuchses werben Studentenverbindungen, Corps und Burschenschaften mit den beruflichen Vorteilen, die eine Mitgliedschaft mit sich führen kann. Deshalb werden neben der Vergabe von Stipendien oft berufliche Einstiegsmöglichkeiten geboten. Im Studienzyklus müssen obligatorische erzieherische Etappen durchlaufen werden: Kommt es zur Aufnahme, gilt der Novize /Spefuchs im Verbindungsjargon als Fuchs, der innerhalb der Korporationsorgane mit eingeschränkten Rechten und gleichzeitig vollen Pflichten dem mit Machtprivilegien ausgestatteten Fuchsmajor unterstellt wird. Seine Anweisungen sind mit unbedingtem Gehorsam auszuführen. Jeder Fuchs wählt sich zur Erleichterung der Integration als Vertrauensperson einen Leibburschen, der ihn in schwierigen Lagen vertritt. Nach dieser Phase über ein bis max. zwei Semester wird der Fuchs mit der Burschung zum Vollmitglied und gilt als Bursche. Zur Teilnahme an allen offiziellen Veranstaltungen verpflichtete Füchse und Burschen werden als Aktive bezeichnet– sie bilden die Aktivitas. Aus dem Kreis der aktiven Burschen werden jeweils für ein Semester Chargierte gewählt. Der erste Chargierte ist der Sprecher/Senior, der zweite Chargierte der Fechtwart oder [bei vielen nicht schlagenden Verbindungen] der Damensenior, der Festlichkeiten, Ausflüge etc. zu organisieren hat. Hinzu kommt der Schriftwart. Nach der Examinierung und dem ansetzenden beruflichen Werdegang wird der Angehörige einer Verbindung mit der Philistrierung durch Beschluss der Mitgliederversammlung [Convent] in den Altherren-Zirkel integriert, der die Corpsgemeinschaft finanziell subventioniert und beratende Funktionen ausübt.
Das Zusammenleben ist von strikt eingeschriebenen Codizes der Ehrerbietung geprägt, die das Mitglied introjeziert. Durch die demonstrative, minuziös artikulierte Verhaltensabstimmung sowie die Einordnung in die Disziplinapparatur eines hierarchisch gestaffelten Macht- und Dressursystems erhält es den Zugang zur Gemeinschaft. Ein solcher Lebensbund bildet eine Instanz, die über dem Individuum angesiedelt sein soll und für eine inszenierte Sakralatmosphäre verantwortlich ist, die durch ein formaliertes Wertesystem aus Sprechweisen, Gesten, Grußpflichten und dem Tragen von Uniformen sowie spezieller Insignien immer wieder aktualisiert werden muss. In dieser erzieherischen Mikrozelle werden Zugehörigkeitsgefühle zur Gemeinschaft über die emotionale Dimension der Initiationsriten und den Vergemeinschaftungsmythos hergestellt. Dies zeigt sich z.B. beim Singen während eines Bier- und Kneipcomments, wenn die Stimmen zum Chor verschmelzen und kollektiv harmonieren. Das reglementierte Wett- und Zutrinken soll dazu beitragen, zur „wahren Männlichkeit“ zu erziehen. Überschreitet der Neuling bestimmte Grenzen, wird er abgestraft – und muss zumeist noch mehr trinken.
Während seiner aktiven Zeit muss sich der Einzelne durch martialische Kampfrituale wie den Fechtduellen/Mensuren behaupten. Bis in die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts hatten die Studentenmensuren noch den Charakter eines verabredeten Duells, das Gelegenheit bot, reelle Streitigkeiten unter Studenten der Offizieren mit den blanken Waffen auszutragen. Sie waren zugleich ein Mittel der gehobenen Kreise, um Zorn und Hass aufeinander in Begrenzung zum „menschlich minderwertigen Pöbel“ in einer ihrem Stande angemesseneren Weise auszuagieren. Die zeremoniellen Zweikämpfe des satisfaktionsfähigen Etablishments waren also von einer Dynamik aus Schicht- und Rangverhältnissen durchzogen, mit der persönlicher Stolz, Selbstwertempfinden und soziale Höherstellung konserviert werden sollten. Der exakte Ablauf einer Mensur ist im Paukcomment festgelegt. Die scharfen Hiebwaffen, mit denen die Bestimmungsmensuren ausgefochten werden müssen, sind so eingerichtet, dass sich mit ihnen Haut, Gesicht und Schädel und die darunter liegenden Blutgefäße durchschneiden lassen. Die aus den Verletzungen resultierenden Narben werden Schmisse genannt. Diese Duellierungsprozeduren dienen als Legitimationsmittel der eigenen Statusansprüche und gelten als Beweis der „Mannhaftigkeit“. Hier wird der Konkurrenz- und Rivalitätsdruck der Verbindungsmitglieder untereinander sichtbar .In der Duellsymbolik ist das Axiom des Männlichkeitsbildes von Burschenschaften – die von nibelungentreuem Kriegerethos beseelte „Einsatz- und Opferbereitschaft für das Vaterland“, welche sie als nationale Elite qualifiziere – bereits angelegt.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass jene mit [Selbst-]Zwang gepanzerten kapillaren Macht- und Kontrolltaktiken das korporierte Individuum zur „Führungspersönlichkeit“ domestizieren, um über rückwirkende Strategien die Gesellschaft den eigenen autoritären Vorstellungen entsprechend formieren zu können.

Und nächstes Mal: Teil 3
Mittendrin statt nur dabei: Eliteformation und Konservative Revolution im Korporationsmilieu

AK Kritische StudentInnen

Mir ist langweilig #2

Hahahahaha. Und grad muss ich doch noch mal auf wuerzblog.de nachschauen. Unfassbar.

Un-fass-bar.

Ein länglicher Bericht über das

Buisiness Lunch der Würzburg AG in der Autobahnraststätte

zum

Slogan für die Imagekampagne »Würzburg. Provinz auf Weltniveau.«

Und der Mann war allen Ernstes da, weil es ihn allen Ernstes interessiert, mit welchem Werbespruch dieses Kaff über den eigenen Totalausfall hinwegtäuschen will:

Dann ging es zur Diskussion und es zeigte sich, dass der Slogan überwiegend positiv aufgenommen wurde. Mit der »Provinz« als Gegensatz zu »Weltniveau« zu werben fanden die wenigsten problematisch. Als Abschluss wurde eine Testabstimmung gemacht, bei der mal sich melden konnte, ob man sich diesen Slogan und das Konzept auf die Fahnen schreiben würden. Fast alle waren dafür, wenig haben sich enthalten und nur einer – ich – war dagegen.

Warum ich immer noch dagegen bin? Aus mehreren Gründen. Mit dem Begriff »Weltniveau« kann ich leben. Vielleicht ist er ein bisschen geklotzt, aber ok, das ist Werbung. Ich finde der Begriff »Provinz« trifft nicht für mein gefühltes Würzburg-Bild zu. Ganz sicher ist Würzburg keine pulsierende Metropole. Aber Provinz? Das ist für mich irgendwo auf dem flachen Land, wo es das Highlight des Jahres ist, wenn mal ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor durch die Hauptstraße fährt. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich mir dieser Einschätzung alleine stehe. Provinz ist für mich eindeutig negativ besetzt, ich kann es leider nicht ändern.

Und „Würzburg“, kann man sich denken, eher eindeutig positiv.

Was juckt es den Mann? Was lässt es ihm keine Ruhe? Aber einen Trost findet unser Recke zuletzt doch noch:

Sicher darf man sich nicht ausschließlich auf den Slogan versteifen, er wird ja von anderen Werbemaßnahmen begleitet.

Was für ein Glück.

So, wieder gemeckert, ohne ein Lösung anbieten zu können. Diese Blogger aber auch immer … ;-)

In der Tat, Herr Wuerzblog.de, immer so negativ.

Ich lache mich schlapp, wo leben wir bloss.

Mir ist langweilig #1

Deswegen poste ich heute Scheisse.

Irgendjemand hier aus der Gegend postet folgenden sinnlosen Scheissdreck:

Esst mehr Tiere

ein weiterer sinnloser beitrag

gründe:

-schmecken gut
-kühe verursachen mehr CO2 wie autos
-schmecken gut
-ich mag keine vegetarier („die essen meinem essen das essen weg“)
-enthalten wichtige omega3fettsäuren oder so
-wir leben im westen
-fleisch ist gut
-“ich finde es toll tiere zu erniedrigen indem ich sie töte und in ihren eigenen darm stopfe”
-schonmal fondue ohne fleisch gemacht?
-tiere machen uns unseren lebensraum streitig und konkurrieren mit uns
-tiere sind keine menschen
-ich persönlich glaube nicht das tiere etwas fühlen

guten appetit frau schmitt

ich finde es wirklich wichtig gegen diesen vegetarierkack vorzugehen

Ein paar Fehler auf jeden Fall: erstens heisst es nicht „mehr CO2 wie Autos“, sondern „als wie Autos“. Zweitens ist die Argumentation natürlich zirkulär, und so weiter. Ein Deutschlandfan ist es auch noch. Was die Seite aber find ich irgendwie rettet, sind die Fotos und das völlig überflüssige Video von einem rangierenden Liefer-Lkw in der Innenstadt. Was für ein schöner Stumpfsinn.

Die Seite hab ich, geb ich zu, bei dem Twittersepp da grad eben gefunden.

Nachtrag: Seltsam, kaum verlinkt man jemanden aus Estenfeld, schon hat man einen Nazi-Spammer in der Kommentarspalte. Hahaha.

Wer oder was ist Twitter?

Das fragen sich vielleicht gerade die älteren unter unseren Leser/inne/n. Wir wissen das auch nicht so genau, aber wie man sehen kann, ist es eine Einrichtung, die zB so etwas möglich macht (wir wissen es, weil uns wer auch immer allen Ernstes da verlinkt hat; also unvorsichtig sind die Leute); also eine Einrichtung, um trotz gedrängtesten Formats mithalten zu können, was die Übermittlung nichtswürdiger Information und die tätige Liebe zur Heimat betrifft, mit sagen wir wuerzblog.de.

Noch so ein Provinzklatschmaul on line. Es steht offenbar jeden Tag einer mehr auf.

Die Mainpost ist schlimm, aber die muss so sein, sie muss ja gekauft werden. Die DIY-Lokalpresse aber: lieber Herr Jebus Maria Butter Gottes. Du bist wirklich Deutschland, schlimmer noch, du bist Würzburg.

_____ ____ _________

1.
Follow the white rabbit, war in dem mail gestanden, das ich aus meinem Junkordner gefischt hatte, und da stieg ich also um 2300 in der Nacht aus der Strassenbahn in Grombühl aus und folgte in der Tat einem weissen Hasen: der Abend fing eigentlich ganz gut an.

Der weisse Hase war gar kein richtiger weisser Hase, mupfeln konnte er auch nicht, aber dafür lächelte er weise und gütig und (geben wir es ruhig zu) etwas debil. Er war ganz aus Kreide gebacken und sass auf der Strasse. Dort ging es ihm gut. Er mupfelte zufrieden und knabberte an meinen Ohren.

Etwas verlegen folgte ich dem merkwürdigen Tier tiefer in den zerklüfteten Grombühl. Er führte mich sanft und sicher, und ich fürchtete mich nicht. Tiefer stieg der Weg, schweigsam klommen wir hangab: auf vieren er, auf zweien ich, gebe der gütige und gerechte Gott, dass es dereinst, wenn wir uns wiedersehen, umgekehrt sein wird.

Am Fusse des Hügels angekommen, wies der weisse Hase hinab in einen Schacht, in den Treppen hinunterführten, und sagte mit leiser Stimme: Auf diesem Weg kann ich dich nicht begleiten. Diese Schwelle darf ich nicht überschreiten. Sprachs und hüpfte davon.

Verwirrt stieg ich die Treppe hinab. Die schmale Treppe führte in einen schmalen, grünen, hell erleuchteten Gang, der sich vor mir wand. Betäubender Lärm schien aus ihm zu dringen. Ich folgte seinen Windungen weiter: und siehe, da weitete sich der schmale Gang wie zu einem grünen Saal, und in diesem standen merkwürdige Männer und Frauen und hiessen mich willkommen.

2.
Der Saal sah aus wie die Donnerstagsdisco im akw, nur mit besserer Musik, besserer Akustik, besserer Deko, billigeren Getränken und weniger Idioten.

In der Mitte der Unterführung sassen Leute auf Barhockern (?) und Sofas. Am Rand stand ein Tisch mit Schnittchen, um den sich eine Wasserschlange ringelte. Eine junge Frau tanzte alarmierend eng mit einem riesigen Wal. Zwei Bären waren nirgendwo zu sehen.

An der Wand stand, von ungelenker Hand, mit Kreide eine grausige Warnung.

Nach rechts bog eine Treppe, dort ging es zum Europastern, diesem monströsen Fehlbau; die Lkw verschluckten draussen fast den Lärm der Musik. In den grauen Fenstern des gegenüberliegenden Grombühl war nirgends ein Licht. Nichts war dort draussen, nirgendwo, das einzige, was sich in dieser Nacht verbarg, war die lustige Gesellschaft in der Unterführung.

Es war wunderschön, und bizarr.

Am Tage sind die Strassen Feindesland; wir betreten sie ungern. Unwohl und beklommen fühlt man sich, unter unfrohen und feindlichen Menschen. Aber es reicht nicht, die Strassen nicht zu betreten; solange sie uns nicht gehören, sind unsere Wohnungen unsere Gefängnisse.

Wenn wirklich das grausigste, was diese Nacht birgt, wir sind: wie konnten wir jemals eine Macht neben uns dulden?

3.
Als, nach Stunden, zwei Polizisten eintrafen, die sich sprachlos die Szenerie anschauten und endlich die Worte fanden: „Irgendeiner macht das hier wieder sauber,“ stob die Menge bemerkenswert unkoordiniert davon, kehrte zurück, stob wieder davon, verlor sich irgendwo im Gewirr der Gassen, kehrte zurück oder auch nicht, während tatsächlich sich eine Handvoll Leute bereit fand, mit Besen, die die Exekutive eigens aus dem Burger King ausleihen liess, den Boden zu fegen; wohl auch, weil die Polizei (die rasch Verstärkung gerufen zu haben schien) einen oder zwei Leute in Handschellen gelegt hatte. Dabei bekam noch jemand Pfefferspray ins Gesicht.

Die Reste der Gesellschaft zogen danach, die Musikanlage im Schlepptau, grimmig und mit ensetzlich entschlossenen Gesichtern die Schweinfurter Strasse entlang in die Stadt hinein, wo sie dem Vernehmen nach noch ein paar Male mit der Polizei Katz und Maus spielten, bis diese ihnen die Soundanlage abgenommen hatten, mit denen sie die Bürger um den Schlaf zu bringen drohten.

Was weiter? Nächstes Mal erstens besser vorbereiten. Denn es wird und muss ein nächstes Mal geben, öfter und wilder noch, es ist nicht der Funke eines Lebens zu sehen, wenn nicht so. Aber besser vorbereiten; es müssen die Leute wissen, was zu tun ist, wenn die Party zu Ende geht.

Zweitens: der überflüssige Beweis, dass man auch Spass haben kann, ohne die dafür lizensierten Anstalten zu besuchen, wäre erbracht; aber man sollte sich hüten, die Formen, die das in der Spassindustrie annimmt, zu kopieren. Eine Disco in eine Unterführung einbauen ist lustig, weil es die Perspektive bricht; aber eine Disco ist es zuletzt trotzdem, und wenn man zu anderen Formen des Lebens finden will, wird man keine neue Disco aufmachen wollen, nicht in der Frankfurter Strasse, nicht am Europastern.

Und, meine Damen und Herren, eine weniger lange und träge Planung bitte, und etwas mehr Unberechenbarkeit, wenn ich bitten darf.

Vince O‘Brian

Bands, die Würzburg braucht #1

Heute: Styckwaerk. Besser kann man das studentische Milieu nicht verkörpern. Schon mit 20 klingen wie die Toten Hosen? Über Oberschülerprobleme zetern? Das Vollgefühl der eigenen Wichtigkeit hinter gefälschter Selbstironie verstecken?

Hörprobe.

Soll man dazu ernsthaft ein Wort sagen? Man lässt es lieber bleiben.

und keine Texte mehr von Borchert
über das, was einmal war.

Borchert! Poesie! Man schüttelt den Kopf. Was die gymnasiale Oberstufe für Schäden anrichten kann.

Bin ich überhaupt normal?

fragt sich der Sänger weiter. Gerne geben ihm den Bescheid: Ja, und wie. Du bist eine Durchschnittsexistenz in jeder Hinsicht. Mehr als das, du bist zum Entsetzen langweilig. Zustände, in denen so ein Haufen Tröpfe behaupten kann, „Punkrock“ zu machen, gehören bis aufs letzte bekämpft.

Nieder mit dem studentischen Milieu. Das ist die einzige Lehre aus diesem traurigen Kapitel.

Der Hype

ist da, und wartet darauf, verteilt zu werden. Oi.

Für ein neues Autonomes Zentrum!

„Junge: Wer mit zwanzig kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat“ (Die Goldenen Zitronen)

Wer auch immer in Würzburg sich noch für den Ort interessiert, der einst von einer Autonomen Szene geschaffen worden ist und längst die besten Zeiten hinter sich hat, mag dieses Flugblatt aufmerksam lesen, vielleicht sogar ihre/seine Schlüsse daraus ziehen.

Nach dem zweijährigen Versuch, den Infoladen Würzburg aus seinem Winterschlaf zu wecken und linke Strukturen in Würzburg zu reaktivieren, glauben wir, durch den Bruch mit dem Autonomen Kulturzentrum mehr erreichen zu können, als weiterhin auf ein vor sich hin dümpelndes AKW! zu setzen. Den Ansatz früherer Polit-Gruppen, trotz eines gespaltenen Verhältnisses zum AKW! den Infoladen weiter zu führen, halten wir für wenig sinnvoll, da Aktivitäten auf dem Gelände für uns nur durch einen gewissen Grundkonsens zwischen uns und der Mitarbeiterschaft des AKW! möglich ist. Dieser Grundkonsens über den Sinn und Zweck des Autonomen Kulturzentrums existiert nicht mehr.

Als aus einem alten Holzlager einer Brauerei am Anfang der neunziger Jahre der Infoladen aus dem Boden gestampft wurde, ahnte wohl noch kaum jemand, dass es irgendwann den politischen Teil des AKW! nicht mehr geben würde. Was anfangs als Zentrum gedacht war, in dem verschiedene Gruppen einen Platz finden und in dem der Infoladen nicht als Exil für Polit-Gruppen, als linkes Gewissen, fungieren sollte, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem Autonomen Zentrum ohne Autonome, zu einem Kulturzentrum ohne Gegenkultur. Man gewinnt fast den Eindruck, dass das AKW! ca. zwei Jahrzehnte den Anarchisterich gemimt hat, um sich letztendlich doch an den deutschen Konsens zu kuscheln. Der klägliche Rest der Szene, aus der das AKW! ursprünglich entstand, und der mit einer gewissen Naivität hoffte, für ihn sei im AKW! noch irgendetwas zu retten, sind wir.

Der Entschluss, das alte Bürgerbräu-Gelände zu verlassen, fußt weder auf einem besonderen Ereignis, noch auf persönlichen Zerwürfnissen. Wir meinen schlichtweg, dass sich die Schnittmengen zwischen dem AKW! und dem Infoladen auf ein Minimum reduziert haben. Seit Jahren wird der Infoladen wohl eher als Klotz am Bein des AKW! betrachtet. Gewiss spielen für uns einzelne Ereignisse, wie die Übertragung der Fußball-EM ohne jedweden Versuch, sich anders darzustellen, eine gewisse Rolle, jedoch ergibt erst die Summe der Rückschläge und Enttäuschungen beim Umgang mit dem AKW! das Ergebnis: Es ist besser, das AKW! im Jahre 2008 das AKW! im Jahre 2008 sein zu lassen. Und es ist ebenfalls besser, auf eine andere Weise die Würzburger Langeweile zu stören.

Zuletzt sollte sich nicht nur für uns, sondern auch für alle diejenigen Menschen, die viel früher ihre Lehren aus dem Leeren gezogen haben, die Frage stellen: Soll es das gewesen sein? Für uns lautet die Antwort: Mitnichten! Das Bedürfnis, aus diesem System auszubrechen, ist viel zu drängend, als dass wir uns in den weichen Sessel der links-bürgerlichen Existenz zurücklehnen könnten. Vielmehr gilt es für uns, einen neuen Ort zu schaffen, neue Weg zu finden. Dabei können wir nicht nur auf uns selbst vertrauen: die Diskussion darüber, was in Zukunft in Würzburg passieren soll, muss mit denjenigen geführt werden, die sich auf die Fahne geschrieben haben, den Würzburger Kultur- und Politbetrieb zu (ver-)stören. Diejenigen müssen zusammen gebracht werden, denen das blanke Entsetzen über die Zumutungen der Verhältnisse ins Gesicht geschrieben steht. Wir treten für eine lebhafte Debatte über die Perspektiven einer alternativen (Gegen-)Kultur ein, die sich nicht nur auf den Sektor Politik beschränkt.

Für uns soll der Auszug aus dem Infoladen nicht nur ein Abschluss sein, sondern auch eine neue Perspektive bieten: Wir wollen ein neues Autonomes Zentrum, für das die Anbiederung an den Mainstream ein NoGo darstellen soll. Aktuelle Beispiele aus anderen Städten der Umgebung zeigen, dass mit der nötigen Portion Entschlossenheit unser Vorhaben erreicht werden kann. Dafür müssten wir in dieser Stadt wieder genügend Unordnung und Verwirrung erzeugen, die u.a. durch die Bindung an diesen oder jenen Szeneschuppen zur Erliegen kam. Ob auch außerhalb der „Szene“ das Bedürfnis besteht, einen neuen Ort für (Anti-)Politik und Aktion jenseits des kulturindustriellen Mainstreams zu schaffen, wird sich zeigen müssen.

Wir jedenfalls sind für allerlei Unfug zu haben und wollen einen neuen selbstverwalteten Raum für ungezähmte Bewegung schaffen.

Infoladengruppe Würzburg, September 2008

infoladenwuerzburg.blogsport.de

P.S: die Homepage bleibt bestehen, so dass über zukünftige Aktionen zu lesen sein wird.

Zur Krise #3

Die ISF schreibt:

Was aber ist der Run auf eine Bank gegen die Zerstörung des Bankwesens nur überhaupt? Was gegen die Aufhebung des Geldes? Die Abschaffung des Souveräns? Was ist die Kritik an der FAZ gegen die sofortige, unwiderrufliche Kündigung jeglichen Abonnements auf Ideologie? Was ist jetzt Aufklärung? Die Schlauesten der Propagandisten sagen: »All das Geld ist genau so lange sicher, bis es jemand haben möchte. Aber warum sollte es jemand haben wollen, wo es doch so sicher ist? Das Geld der Deutschen ist derzeit in einem logischen Rätsel angelegt.« (FAZ, 8. Oktober 2008) Und wenn dann der Dümmste der Kommunisten antworten würde: Das geht mich nichts an, denn es handelt sich nicht um ein »logisches Rätsel«, das theoretisch aufzulösen wäre, sondern um die gesellschaftliche Liquidation des Kapitals als der »Selbstverrätselung der Menschheit« (Marx), dann, ja: dann könnte die vermaledeite Geschichte gut ausgehen.

via Freie Republik Kurpfalz. Was für ein dämlicher Name für ein blog, fast so dumm wie letzter hieb.

Wütender Protest

So, hier ist er, der wütende Protest über das Layout von einem Redakteur des Letzten Hypes.

Schrecklich!

Ekelerregend!

Unlesbar!

Buuuuh!

Anmerkungen zum Keil als Zirkus der sieben Sensationen

Vorab: Der Autor dieses kurzen Gedankenfragments würde weder behaupten, irgendetwas von der Schauspielkunst zu verstehen, noch nimmt er sich heraus, die dramatische Gestaltung des aktuellen Stücks „Bis einer heult“ zu bewerten. Um eine explizite Kritik des Stücks soll es in den Anmerkungen daher gerade nicht gehen. Stattdessen wird hier die Frage angerissen, ob der Keil einen Platz als verrücktes Huhn der bürgerlichen „Kulturszene“ einnehmen möchte, oder lieber außen vor bleibt.

„Bis einer heult“ war ein nettes Stück: Die ZuschauerInnen strömten in Scharen herbei und befanden es als nett. Die Kinder, die das Stück besuchten, lachten und klatschen zu nettem Slapstick, die Main-Post hatte nichts am netten Keil auszusetzen und so manch einer/einem ZuschauerIn kamen Tränen vor lauter netten Gags.

Es ist nachvollziehbar, dass eine positive Kritik selbst in der Lokalpresse und ein reges Zuschauerinteresse an Shakespeare Balsam auf der Seele der ArtistInnen des Keils sind. Und ich kann ebenfalls verstehen, dass aus rein wirtschaftlichen Erwägungen, denen man sich nicht entziehen kann, drei nahezu ausverkaufte Vorstellungen und großzügige Spenden bei der Aufführung im Kult großartige Ereignisse für den Zirkus der sieben Sensationen sind.

Mir und noch einigen anderen dem Keil nahe stehenden Personen stellte sich jedoch nach den letzten beiden Stücken die Frage, ob der Zirkus der sieben Sensationen einen Platz in der ehrenwerten Gesellschaft der Kulturschaffenden einnehmen möchte und zwei- bis dreimal im Jahr StudentInnen und sonstige BildungsbürgerInnen belustigen möchte, oder die Kulturszene selbst zu verstören gedenkt.

Im Klartext lautet die Frage: Habe ich es, als Zuschauer, lediglich mit einer Laienschauspielergruppe familiären Charakters zutun, deren Mitglieder vielleicht irgendwann den Sprung auf die weltberühmten Bretter, die die Welt bedeuten, vollbringen und die, solange dies noch nicht geglückt ist, die Paradiesvögel der Kulturszene mimen, oder hegt der Keil einen anderen Anspruch an sich selbst und an sein Publikum?

Es macht den Keil aus, dass er stets macht, wozu er Lust hat. Jedoch stellt sich für mich die Frage, weshalb das Bedürfnis, den offiziellen Kulturschaffenden vor ihre Füße zu rotzen, nicht mehr zu bestehen scheint (oder irre ich mich?)? Vielleicht hilft bei der Beantwortung der Frage ein Bezug auf die familienartige Form, in der sich die ArtistInnen des Zirkus’ präsentieren. Indem man sich auf der Suche nach familienartiger Freundschaft als Gruppe wahrnimmt und sich so künstlich von äußeren Einflüssen abschottet, könnte das Harmoniebedürfnis irgendwann über allen anderen Intentionen des Keils stehen. Und damit könnte auch die Fähigkeit verloren gehen, sich mit der Entsetzlichkeit der nur scheinbar getrennten Formen Kultur, Politik und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Je mehr der Zirkus der sieben Sensationen sich also als Familie versteht, desto weniger wird man sich wohl mit solchen Fragen auseinandersetzen. Man darf jedenfalls nicht vergessen, dass Theater niemals in der nichtexistenten kulturellen Luftleere steht, sondern zwangsläufig mit dem gesellschaftlichen Formgeflecht verwoben bleibt. Darüber hinaus muss angeführt werden, dass es zwar nicht verwerflich ist, sich untereinander blendend zu verstehen (ganz im Gegenteil), aber dass mit einer heimeligen Gruppenidentität auch eine Formierung nach innen stattfinden könnte, durch die erstens solche kontroversen Fragen über den Sinn und Zweck der eigenen Theatergruppe nicht mehr diskutiert werden, zweitens man kaum mehr fähig sein wird, etwas anderes als ganz nettes Theater zur Bespaßung von seichtem Publikum zu machen.

Zuletzt muss festgehalten werden, dass Theater stets auch die Interaktion zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen bedeutet. Der Keil hat nicht umsonst nach wie vor ein Publikum, das fähig ist, Fragen wie die meinigen zu stellen. Durch die in der Vergangenheit ungewöhnliche Art, nicht nur schallenden Applaus, sondern auch tiefe Empörung beim Publikum auszulösen, umgibt den Zirkus der sieben Sensationen zumindest für mich noch immer eine Aura der Subversion. Je mehr die SchauspielerInnen nur den Anspruch hegen, nettes Familientheater zu machen, desto weniger werden Mitglieder und ZuschauerInnen des Keils dazu fähig sein, den Zirkus der sieben Sensationen nicht nur als ganz normales Theater zu verstehen. Egal, ob in Würzburg, Leipzig oder anderswo.

Benjamin Böhm

So gehts woanders zu #2

Heute: Iran. Mal lese bei Ali Schirasi nach, wie die Krise das iranische Regime betrifft: Hier und hier.

Man möge hoffen, dass die Krise dieses Regime, ihre eigene und frühe Ausgeburt, noch selbst verschlingt. Ob das hoffen hilft, weiss ich nicht, und dass auch das nicht aufhalten wird, was in Europa auf uns zu kommt, weiss ich.

Und zu was in diesem Zusammenhang diese Deutschen fähig sind, die jetzt jahrelang die Unterordnung und die Einfügung ins grosse Ganze mit Begeisterung eingeübt haben: daran will ich heute, denn es ist mir schon schlecht, nicht weiter denken. Ich kann nur hoffen, der iranische Faschismus implodiert, bevor ein neuer deutscher kommt.

Nach dem Weltende

Die kommenden Revolten. Teil IV (1)

Für einen, den ich nicht vergessen will

1.
Die Welt, in der wir heute leben, wird nicht mehr untergehen. Denn wir leben bereits nach dem Ende der Welt. Die Katastrofe, vor der doch alle sich fürchten müssen, braucht nicht eigens mehr eintreten; dass immer noch alles so weitergeht, nach allem, das ist bereits die Katastrofe.

Die früheste kommunistische Kritik des Kapitals knüpfte an den Aufweis, dass das Kapital unter dem Gesetz der Krise stehe, die Hoffung auf dessen mögliche Abschaffung; das Kapital stellte, mit Weltmarkt und Proletariat und der Ausdehnung der Produktivkräfte, die Grundlagen seiner Aufhebung her, der allgemeinen Befreiung; und seine inneren Widersprüche, die sich in der Krise gewaltsam geltend machten und sich im Laufe der Entwicklung ständig verschärfen mussten, machten seinen Untergang notwendig.

Aus der doppelten Notwendigkeit, der der Kämpfe der Klassen, und der der Zusammbruchskrise, ergab sich die Verheissung einer Weltrevolution, in der das Proletariat als befreiende Klasse die Grundlagen der Ordnung, Staat und Familie und Kapital, abschaffen und die Errungenschaften ihrer Zivilisation, auf ihrem höchsten Niveau, zugleich als Grundlage für eine endlich befreite Menschheit retten würde. Diese Verheissung ist nicht eingetroffen, aber nicht, weil sie falsch gewesen wäre, sondern weil die Revolutionäre nicht gesiegt haben.

Denn die Weltkrise ist wirklich gekommen, und auch der Weltkrieg und der Anfang der Revolution, die ihn endlich beendet hat, aber als der Kapitalismus 1929 tatsächlich in seine finale Krise gekommen war, versagte die Revolution. Im Nationalsozialismus gelangte die Gesellschaft des Kapitals schliesslich zum Punkt ihrer völligen Entfaltung: als antisemitische Volksgemeinschaft, der die Krise wie die Widersprüche vollends ausgetrieben sind, weil sie das Geschäft der Krise gleich selbst betreibt, fugenlos mit sich selbst identisch und mit nichts als Vernichtung im Sinn.

Damit endet eigentlich die Geschichte von Krise und Revolution, der Nachweis ist erbracht, dass die Gesellschaft des Kapitals keineswegs die Bedingungen des Kommunismus produziert. Mit dem Klassenkampf, sogar mit der Zusammenbruchskrise sind die Deutschen fertig geworden, so sehr haben sie die Herrschaft geliebt. In dem Masse, in dem der deutsche Nationalsozialismus sich globalisiert, von anderen Gesellschaften zum Modell genommen wird, kann die bisherige Geschichte nicht mehr als Vorgeschichte einer befreiten Menschheit angesehen werden, sondern als die der nunmehr verewigten Katastrofe.

2.
Der Revolutionsversuch von 1968 geschah schon in einer Zeit, die zur Wiederkehr des Gleichen verurteilt schien, völlig präzedenzlos und ohne jede Erklärung, die sich aus den objektiven Tendenzen ableiten liess. Ein Aufstand gegen die Geschichte, fast ein Mirakel. Die Bewegungsgesetze des Kapitals lassen zwar keinen Zweifel, dass das Verhängnis der Krise auch für die nachfaschistischen Gesellschaften gelten muss; die Revolte von 1968, allen Erklärungsversuchen einer Linken zum Trotz, die selbst nichts verstanden hat, war aber keine Reaktion auf eine ökonomische Krise.

Die ökonomische Krise kam im Gegenteil nach der Revolte, und zwar die längste und tiefste Krise in der Geschichte der kapitalistischen Ökonomie. Sie hat bis heute nicht geendet. Dass sie mehr als dreissig Jahre dauert, dass sie überhaupt eine Krise ist, ist nicht mehr allgemein bekannt, dermassen ist sie Normalität geworden. Wir leben in ihr. Alle ökonomischen Erklärungen sind an ihr zuschanden geworden: die immer heftigeren Ausschläge der Konjunkturen in immer kürzeren Zyklen, die von Zyklus zu Zyklus beschleunigte Freisetzung von Arbeitskräften, die immer intensivere Vernutzung der Arbeitskraft bei gleichzeitiger Massenarbeitslosigkeit, ungeheuerste Akkumulation, dabei Verelendung ganzer Weltgegenden; über allem aber ein katastrofales Sinken der Wachstumsraten über die Zyklen hinweg.

Unter denen, die nicht Ökonomie betreiben wollen, sondern deren Kritik, gibt es zwei Richtungen. Die eine Schule, nennen wir sie die objektive, greift zurück auf den dritten Band des Kapital; dort finden z.B. Bischoff, Huffschmidt und Kurz die Erklärung, dass mit steigender Kapitalszusammensetzung, d.h. fortschreitender Ersetzung von menschlicher Arbeitskraft durch Maschine, die Profitrate sinken muss, und ziehen daraus den Schluss, dass beim heutigen Stand der Produktivkräfte reale Produktion weniger profitabel sein müsse als die sogenannte Spekulation auf den sogenannten Finanzmärkten. Anlagesuchendes Kapital und unbeschäftigte Arbeitskraft ständen sich gegenüber, ihr Austausch lohnte aber für das Kapital immer weniger. Die unterschiedliche Pointe besteht nun darin, dass Bischoff und Huffschmidt das Dilemma durch Dazwischengreifen des Staates lösen wollen, während Kurz den Zusammbruch der kapitalistischen Produktionsweise sehen will.

Die andere Schule, die operaistische, beschreibt die Massenerwerbslosigkeit als Ergebnis der radikalen Fabrikkämpfe der 1960er und 1970er. Die Herrschaft in den Fabriken, und damit die gesamte Verfassung der kapitalistischen Reichtumsproduktion, war nur durch tiefgreifende Disziplinierung der Arbeitschaft, durch Umstrukturierung der Produktion aufrechtzuerhalten; durch massenhafte Freisetzung von Arbeitskraft, durch eine neue Welle der Automation, durch Auslagerung von Produktionsschritten, in der Konsequenz durch die Politik der Austerität, und das heisst durch die Krise. Die Operaisten beschreiben im einzelnen, und durchaus umständlich, wie die kapitalistische Umstrukturierung durch Arbeiterwiderstand erzwungen wurde; Widerstand, der (übrigens entgegen der Intentionen dieser Schule) verblüffend wenig ökonomisch motiviert war, sondern fast anti-ökonomisch, weniger als Kampf um mehr Lohn denn als Kampf gegen Lohnarbeit.

Die objektive Schule hat dagegen zwar genau den ökonomischen Zusammenhang zwischen der kapitalistischen Umstrukturierung und der Krise der Weltökonomie analysiert, ohne sich jedoch die Frage zu stellen, was die Umstrukurierung erzwungen hat. Wo die objektive Schule (und man lese meinetwegen das bei Bischoff nach) seit ehedem dieselben Sätze aus dem dritten Band zitiert, und seit ehedem ihre Tatsachen danach biegt, dass sie darunter passen, kann man (man lese es bei Moroni/Balestrini oder bei Wright) die operaistische Schule dabei beobachten, wie ihr ihr eigener Leninismus, zu ihrer eigenen Überraschung, im selben Masse in Stücke bricht, in dem sich die Disziplin der Fabrik auflöst; wie sich aus dem historischen Geschehen, statt des erhofften Aufbaus einer neuen bolshevikischen Partei, unter ihren Händen nichts herausschält als eine Tendenz im Proletariat, dass es einfach genug ist und dass es nicht mehr geht. Die Angelegenheit endigt vorläufig mit der 1977er Bewegung, die im Keim alle unsere gegenwärtige Realität enthält.

Es blieb den Operaisten nicht erspart, das, was sie daran kaum verstanden, sofort zu einer neuen revolutionären Subjektivität zu erklären. Man lese beim Verrückten Negri nach, zu welchen Exzessen gar ein Nietzscheaner in dem Zusammenhang fähig ist. Sie haben aber Zeugnis abgelegt von einer Wirklichkeit, die von der objektiven Schule gar nicht erst zur Kenntnis genommen worden ist. Uns heute sind sie allein deshalb unschätzbar, weil sie den Gedanken haben denkbar werden lassen, es könne die Krise, und zwar diesmal die wirklich finale des Kapitals, durch autonomes Handeln des Proletariats provoziert werden, und nur dadurch.

3.
Die Ordnung hat gesiegt, aber zu recht wollen ihre paranoiden Verwalter davon nichts wissen. Der Preis für den Sieg war die unabsehbare Fortdauer der Krise. Gelöst, also entschieden, ist sie nicht; und das ist einigermassen erstaunlich. Im Gegenteil war die Krise immer gegenwärtig, schon vor ihrer heutigen Zuspitzung.

Heute brechen amerikanische Banken zusammen, weil die amerikanischen Mittelklassen sich ruiniert haben; deren Bereitschaft, ihren Konsum durch Kredite zu finanzieren, war aber der treibende Motor der Weltökonomie. Einen anderen gibt es seit mindestens 15 Jahren nicht mehr: das ist die Wahrheit der Krise. Was diese Ökonomie an Waren ausstösst, ist mit dem, was sie als Löhne ausstösst, nicht zu bezahlen. Die tugendhafte Entrüstung der scheinheiligen Deutschen und anderen Gesindels über derart spekulatives Treiben müsste man eigentlich nicht kommentieren, sie entlarvt sich als geschäftstüchtige Niedertracht derer, die 15 Jahre an den Amerikanern gut verdient haben.

Die Deutschen aber sind leider gefährliche Irre, und man muss nur die Kommentare aus allen Teilen ihrer Eliten über die amerikanischen Versuche hören, die Banken zu retten: da reitet welche die Lust am Untergang; man muss einmal mit Entsetzen feststellen, wie jenseits aller vier Grundrechenarten die Elite und das Volk genau das gleiche denken, das gleiche sagen5: sie wären bereit, geschlossen in die Katastrofe zu ziehen, nicht weil sie 1929 vergessen hätten, oh im Gegenteil. Die deutsche Elite jedenfalls rüstet sich auf den Tag, an dem die amerikanische Ordnung zusammenbricht; es lohnt sich, hierzulande, sich das gesagt sein zu lassen. Dass die Krise von den Amerikanern käme: das wird ihnen hier jeder glauben, und was dann zu tun ist, weiss ein Deutscher, wenn er auch sonst nichts weiss.

Nicht die Finanzmärkte haben aber die Krise gemacht, nicht die Amerikaner, nicht der Neoliberalismus, sondern das Proletariat, das heisst wir haben sie gemacht, wenn auch nicht aus freien Stücken; in ihr drückt sich nichts aus als die Unmöglichkeit, dass die Menschheit in dieser Gesellschaftsordnung weiter existiert. Die Revolte von 1968, und sie ist die Flamme, von der wir erloschenen heute allesamt kommen, hat die Krise gemacht, sie hat die kapitalistische Moderne zertrümmert, nach ihr ist die Menschheit nie wieder regierbar geworden, und selbst die konterrevolutionäre Ordnung muss die Form eines unaufhörlichen Gegenangriffs annehmen. Die Krise ist unsere Krise, und wir können es nicht begreifen, weil wir unsere eigenen Krisen für ein privates Unglück halten müssen statt für ein gesellschaftliches Verhängnis; und die Gewalt, die wir uns antun müssen, um weiter zu funktionieren, ist dieselbe Gewalt, die uns angetan wird, damit die Maschine weiter funktioniert.

Die Krise ist die Wiederkehr des Verdrängten, in ihr kehrt, was der Menschheit an Insubordination ausgetrieben wurde, als blindes ökonomisches Verhängnis wieder. Die Menschheit ist aber heute weit davon entfernt, die Unmöglichkeit des Fortbestehens dieser Ordnung bewusst zu produzieren und aus freien Stücken statt unter Zwang.

Deswegen werden, wenn es zum Zusammbruch der Weltmärkte kommt, die Deutschen wieder hinter ihren Eliten marschieren, die aus 1933 gelernt zu haben scheinen, dass sie sich vor der Konkurrenz der Faschisten nicht fürchten müssen, wenn sie den Faschismus gleich selbst organisieren. Die Welt ist aber nach wie vor so eingerichtet, dass nicht auszuschliessen ist, das Auschwitz sich wiederhole oder ähnliches geschehe. (2)

Untergehen wird diese infame Welt davon freilich sowenig, wie sie beim letztenmal davon untergegangen ist; sie ist ja bereits selbst die Katastrofe, und erst die Rettung wäre ihr Untergang. Ob aber der Menschheit der unwahrscheinliche Griff nach der Rettung, über den Rand des Abgrunds zurück, doch noch gelingt, ob sie sich überhaupt noch vor sich selbst Entsetzen kann, weiss ich nicht. Verdammte sind wir bereits, zu einem Leben nach dem Weltende; wenn unser eigenes Entsetzen nicht ausreicht, um Konsequenzen zu ziehen, haben wir der Menschheit schon nichts mehr mitzuteilen.

Von Jörg Finkenberger

Man kann folgendes gerne lesen:

Primo Moroni / Nanni Balestrini: L‘orda d‘oro (Dt.: Die Goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien. Verlag Assoziation A): Sehr lesenswert.

Steve Wright: Storming Heaven (Dt.: Den Himmel stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus. Verlag Assoziation A.): Achtung, schlecht. Trotzdem vll lesen.

Rene Vienet: Wütende und Situationisten in der Bewegung der Besetzungen, 1968. Bestellen bei klassenlos.tk oder Englisch unter cddc.vt.edu/sionline/si/enrages.html

Sergio Bologna: La tribu delle talpe (Engl.: The Tribe of Moles, etwa: Der Stamm der Maulwürfe), 1977, über die 1977er Bewegung, unter geocities.com/cordobakaf/moles.html

Wolfgang Pohrt: Über Vernunft und Geschichte bei Marx, 1978. Unter trend.infopartisan.net/trd0502/t300502.html.

Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, 1940. Unter mxks.de/files/phil/Benjamin.GeschichtsThesen.html

(1) Der folgende Text gibt einen Vortrag des Verfassers wieder, der im Sommer 2008 am Mainufer vor einem sixpack und einer Zuhörerin gehalten wurde. Der Verfasser dankt der Zuhörerin für ihre Geduld.
(2) Nicht ganz. Noch gibt es Israel. Solange Israel steht, ist die Katastrofe nicht ganz vollständig. Wenn Israel fällt, gehören wir alle dem Teufel. So einfach kann das sein mit der Solidarität mit Israel.

Froschhöhle. Kritische Masse. Stützpunkt und Schandfleck.

In Würzburg, diesem gärendem Morast, gibt es keine Hoffnung und kein Entrinnen, und keine Luft zum Atmen. Man muss schon so über jedes Mass bescheiden sein, wie es die Leser/innen des hype wohl sind, um hier sein Genügen und Auskommen zu finden.

Es reicht dabei noch nicht einmal aus, das allgemeine Elend zu dulden, das man mit dem Rest des Proletariats, namentlich des schlechtbezahlten, gemeinsam hat. Nein, es muss zum Schaden auch die Schande kommen, und es muss auch noch diese Stadt sein, ausgerechnet, und dazu die Szenerie, in der man lebt, ausgerechnet der letzte und fauligste Sumpf, den man lethargisch erduldet.

Sub-Kultur nennen manche es noch, dieses immergleiche, ohne jedes Bewusstsein für die böse Ironie des Wortes: nichts anderes als Kultur, nur unterhalb davon. Die letzte Schwundstufe einer Gegenkultur, die einmal gegen die offizielle Kultur, diese Hyäne, aufgestanden war.

Die betäubende Langeweile in dieser Stadt geht nicht vom katholisch-konservativen Milieu aus, sondern längst vom studentischen Milieu und der ihm eigenen Lebensweise, den vielfältigen und immergleichen Kulturangeboten, die von denen, denen das Wort Jugendkultur nicht mehr die Schamesröte ins Gesicht treibt, gerne angenommen werden; einer Szene insbesondere, der man mit dem Stumpfsinn, auf den die sogenannten Massen hereinfallen, nicht mehr kommen braucht, weil sie einen eigenen, verfeinerten Stumpfsinn verlangen.

Die Subkultur derer, die sich mit der Hoffnungslosigkeit ihrer Existenz anscheinend abgefunden haben, ist nichts anderes als der Garant der Fortdauer dieser Hoffnungslosigkeit. Sie anzugreifen, ist heute eine unmittelbare Überlebensfrage, wenn aus der Verzweiflung doch noch etwas anderes kommen soll als Selbstzerstörung.

Dabei ist doch in Würzburg alles so schön eingerichtet, und es hat alles seinen Platz. Selbst einen Infoladen haben die Stadtoberen, in weiser Voraussicht, geduldet, den die Infoladengruppe freilich aus guten Gründen nicht mehr haben will. Zwischen Jugendkulturhaus und Autonomem Kulturzentrum ist für alle ein Ort, vorausgesetzt natürlich, man hat nichts dagegen, dass die Voraussetzung für Teilnahme an dieser Art der Öffentlichkeit die eigene Alkoholisierung ist, über die sich diese Einrichtungen zum grossen Teil auch finanzieren. Und vorausgesetzt natürlich, dass in Einrichtungen dieser Art generell nur Dinge ablaufen, die auf die eine oder andere Weise für die Zwecke der Stadt förderungswürdig sind, wodurch sich diese Einrichtungen zum anderen Teil finanzieren. Wenn und solange die Zwecke der Stadt Dinge sind, mit denen man gut leben kann, ist das alles schön und gut.

Einige können das aber nicht so gut, und wieder einige unter diesen diskutieren mit Unterbrechungen seit mittlerweile 2 Jahren über die Frage, ob nicht in Würzburg bereits viel zuviele Einzelne oder Gruppen unterwegs sind, die mit Grund für unruhig genug gehalten werden dürfen, als dass man sich das alles noch bieten lassen dürfte. Ob nicht, mit einem Wort, das Potential dafür vorhanden wäre, etwas ganz anderes auf die Beine zu stellen, und wie das gehen könnte.

Wie das aussehen könnte, ist noch völlig unklar, klar ist allerdings, dass schon viel, sogar zuviel Zeit verstrichen ist. Nicht mehr alle, die damals mit einem solchen Vorhaben einverstanden waren, leben noch. Es ist spät, vielleicht zu spät. Die Strukturen lösen sich auf, aus denen heraus solche Schritte einmal hätten getan werden sollen, sei es durch die allgemeine Verschlechterung, sei es durch weitere Anpassung, sei es durch den gewöhnlichen Lauf der Dinge, den Stumpfsinn, der wohl nicht wütend, sondern träge macht. Und durch Wegzug aus der Stadt, nur allzu berechtigt; es sind wie immer nicht die schlechtesten, die weggehen.

Am Anfang stand der einfache Gedanke, alle bisher auf verschiedene Einrichtungen verteilten Aktivitäten zusamenzufassen und in einen gemeinsamen Betrieb zu verlegen. Das akw war zu dieser Zeit von jedem Anspruch auf unabhängige Kultur abgerückt, und dieser Mangel war 2006 deutlich zu spüren. Folgerichtig wurde diskutiert, ob und wie ein wirklich autonomes Kulturzentrum zu schaffen wäre.

Nach dem Abtritt des damaligen Vorstandes allerdings schien einigen Beteiligte die Chance sich zu ergeben, diese Pläne doch noch im akw verwirklichen zu können. Man darf das im Rückblick als eine naive Illusion bezeichnen, für die sich mit Recht viele gar nicht erst in Bewegung setzen liessen. Diejenigen, die sich in die akw-Strukturen begaben, hatten dort keine Chance, die tiefgehenden Veränderungen einzuleiten, die notwendig gewesen wären. Das akw ist heute die traurige Ruine einer Singlebörse, deren einziger Gebrauchswert in vergleichsweise billigem Alkohol in Gesellschaft vergleichsweise erträglicher Leute besteht; erträglich allerdings vor allem dann, wenn man sich das mit dem Alkohol gründlich hat gesagt sein lassen. Was aber der Sinn einer Ansammlung von Personen sein soll, die sich nur mit Alkohol gegenseitig ertragen, wissen allein die Götter.

Das Elend jeder Art von „Kultur“, die eine Ware ist, ist aber genau an dieser Karikatur eines Kulturzentrums abzulesen. Jede Einrichtung, die, um sich zu finanzieren, von der Gunst eines Publikums abhängt, das sich in seinen Gewohnheiten bestätigt sehen will, wird nichts anderes können, als dieses Publikum auf seiner rasanten Abwärtsspirale zu begleiten. Nichts anderes gilt für Theater, für Musik, für Film, für jede Art von Kunst: sie wird Kunst bleiben müssen, sie wird nicht den Anspruch stellen dürfen, ins Leben auszugreifen, sie wird für uns ebenso sinnlos sein, wie sie für die städtische Kulturlandschaft zweifellos eine Bereicherung darstellen wird. Sie wird keine Folgen haben ausser der, das, was ist, ein weiteres Mal zu bestätigen. So wird solche Kultur entweder die Erwartungen des Publikums bedienen oder untergehen, niemals jedoch das Publikum zu verändern versuchen. Zuletzt verkommt sie zu ihrer Grundform, und das ist in Würzburg immer noch der blinde Suff.

Aus genau diesem Grund erwies sich die urprüngliche Idee nicht mehr haltbar. Es kann nicht darum gehen, das selbe wie bisher in neuer Verpackung zu liefern. Nicht aus der einfachen Addition bisheriger Aktivitäten, sondern aus ihrer gemeinsamen Umschmelzung, aus ihrer Entfesselung ins Unerwartete ergäbe sich bestenfalls die kritische Masse, um das immergleiche aufzusprengen. Nicht ein Zentrum für Politik und Kultur, sondern ein Stützpunkt dagegen; jenseits der Gunst von Stadt und Schweineblatt; alles andere als eine Bereicherung des Kulturangebots, und mit Sicherheit nichts, was man zwecks Freizeitvollzugs Erstsemestern zum Ausgehen anempfiehlt, Gott bewahre; kein Farbtupfer, sondern ein Schandfleck.

Mit welchen Kräften so etwas angefasst werden könnte, in welchen Formen so etwas vorgestellt werden könnte, das alles ist noch offen, und die Leser/innen/schaft ist sicher gut beraten, sich dazu eigene Gedanken zu machen, bevor wir es tun.

Der neue Hype ist da!

Ab heute abend oder morgen. Demnächst auch im Volltext zum Download.

Wir bitten, sich an dem Layout nicht zu stören und sich Fussnoten, Reihenfolge etc. einfach hinzuzudenken. Das neue Layout ist notwendig, um einschätzen zu können, ob das Heft wirklich gelesen wird.

Wütende Proteste, auch von unseren Autoren, gerne unter der bekannten Emailadresse oder über den bekannten toten Briefkasten,

für immer

Euer

Letzter Hype.

So gehts woanders zu #1

Dieses Mal: Nacht-Tanz-Demo in Frankfurt am Main/Germany. Blog mit interessanten Neuigkeiten. Kann man vll evtl so Schlüsse draus zieh.

Zur Krise #2

Emanzipation oder Barbarei hat wieder einmal ein paar Texte zur Debatte über die Krise zusammengetragen, die alle ganz gut und nützlich zu lesen sind wahrscheinlich (ich habs nicht getan, geb ich gern zu).

Via Redikal wird dort unter anderem ein Artikel von Joachim Hirsch zitiert, der belegt, dass man auch als Professor die ökonomische Seite der Sache richtig einzuordnen verstehen kann:

Das Spekulieren über die Folgen der Finanzkrise für die so genannte „Realwirtschaft“ (übrigens eine recht verräterische Bezeichnung) ist scheinheilig. Steinbrück, Glos, Weber und ihr professoraler Begleitchor müssten wissen, dass die Finanzblase nicht eine vermeidbare Fehlentwicklung, sondern die Grundlage der „Realwirtschaft“ war.

Völlig richtig.

Um die Krise zu bewältigen, steht jetzt die „Re-Regulierung“ der Wirtschaft auf der politischen Tagesordnung. Sie wird darin bestehen, dass der staatsmonopolistische Kapitalismus, die enge Verbindung von Staat und Kapital zwecks Sicherung des Profits weiter ausgebaut wird und festere institutionelle Strukturen bekommt. Der deutsche Faschismus, mit dem hierzulande auf die Krise der dreißiger Jahre reagiert wurde, könnte dafür eine Art Modell abgeben, nur dass dieser Prozess nun nicht mehr die Beseitigung demokratischer Verhältnisse erfordert, sondern im Rahmen der längst zur Formalität verkommenden liberaldemokratischen Strukturen vorangetrieben werden kann.

Fragt sich nur, worin dieser deutsche Faschismus bestand, und warum es in der post-nazistischen Gesellschaft seiner angeblich nicht mehr bedarf.

[D]ass das bestehende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem abgeschafft statt wieder einmal nur notdürftig repariert werden sollte

, ist jedenfalls richtig; was aber ist mit dem Staat, meine sehr verehrten Damen und Herren?

Wo der klügste Professor Antworten sieht, fangen für den/ide dümmsten Kommunisten/in die Fragen erst an.

Zur Krise #1

Emanzipation oder Barbarei bespricht kurz ein paar Ansichten (Heinrich und Trenkle) zur gegenwärtigen Krise; wenn man die beiden Namen kennt, kennt man eigentlich auch schon die Ansichten, bevor man deren (dort verlinkte) Texte gelesen hat. Lohnen mag es sich trotzdem.

Einen brauchbaren Text darüber, was eigentlich eine Überakkumulationskrise sein, hat Emanzipation oder Barbarei aber genausowenig aus dem Netz fischen können wie wir; ausser einem wikipedia-link, der aber rein gar nicht weiterhilft, und Sachen hauptsächlich aus dem (Ex-)Krisis-Umfeld, die aber leider auch so ihre jeweilige Schlagseite haben.

Eine gute Zusammenfassung wird also nach wie vor gesucht.

Die „nummer“ ist nicht mehr.

Die würzburger Kulturzeitschrift „nummer“ ist nicht mehr (das, was sie vielleicht einmal war). Wer wissen will, was das Spektrum, das vielleicht provisorisch mit den Namen Kremmler, Kleinhenz und Kunz umrissen werden kann, zu sagen hat, sei auf den Zunderblog verwiesen.

Dort kann man zB folgendes über eine Rundfunkaussendung über „1968 in Würzburg“ lesen:

Einen hörenswerten Beitrag hat der BR bereits am 6.4. gesendet (auch online nachzuhören), in der auch sonst sehr interessanten Reihe »Mainfränkisches Kaleidoskop«: »Studentenproteste in Würzburg« sind diese 12 Minuten überschrieben, und eine illustre Schar an Würzburgern erinnert sich an das besagte Jahr und das universitäre Leben. Auch Dieter Ohrner, der damals bei der Würzburger Stadtpolizei war. Das hörenswerteste ist allerdings das Resumé des Sprechers nach Ohrners Ausführungen:

»Das Verhältnis zwischen Staatsmacht und Intelligenz war also gut in Würzburg. Für eine Demo haben sich die Studenten sogar mal ein Megaphon bei der Stadtpolizei ausgeliehen; außerdem ist überliefert, daß einige Rädelsführer nach einer Demo am amerikanischen Flugplatz eine Funkstreife der Polizei als Mitfahrgelegenheit in die Innenstadt nutzten …«.

Wer Würzburg und die Würzburger Studenten kennt, hat sicherlich kaum Anlass, am Wahrheitsgehalt dieser Aussagen zu zweifeln.

Bei uns könnte man zB zu einer solchen Rundfunkaussendung noch eine Bemerkung über die dort interviewte Dritte Bürgermeisterin Schäfer (SPD) lesen, die folgendermassen aus ihrem deutschen Herzen keine Mördergrube macht: man sei 1968 gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam auf die Strasse gegangen,

… sicherlich auch, weil wir uns ja damit beschäftigt haben, was Deutschland für Verantwortung hatte, den Zweiten Weltkrieg mitausgelöst zuhaben…

Mitausgelöst, meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie haben richtig gehört: mitausgelöst.

Der Zungenschlag sagt viel; vielleicht nicht so sehr eine halbe Wahrheit über 1968, aber jedenfalls die ganze Wahrheit über Vereine wie zB die KPD/ML, wo man, vermittelst eines besonders berüchtigt-widerlich deutschnationalen Anti-Imperialismus, genau solche Techniken eines subtilen („linken“) Geschichts-Revisionismus lernte; was einer wie Frau Schäfer 1999 auch sehr gut zustatten kam, als es für die SPD darum ging, aus solcher „Verantwortung“ die Legitimation abzuleiten, zB Belgrad zu bombardieren.

Täuscht uns die Erinnerung? Hat sie das oben Zitierte nicht sogar tatsächlich 1999 auch schon gesagt? Und wer möchte schwören, dass es nicht so war?

Zur Landtagswahl in Bayern (Germany)

Es war ja nicht einfach, den hübschesten rauszuwählen, aber unsere Leser/innen haben es trotzdem fast geschafft (Stand 22:39 Uhr, vor Auszählung des für seine Volatilität bekannten Stimmkreises Hassberge).

Wir gratulieren den beiden sozialistischen Parteien zu ihrem hart erarbeiteten und wohlverdienten Ergebnis und grüssen namentlich Markus Schneider, den Spitzenkandidaten der Herzen, und den wackeren Peter Baumann. Schade, dass es nicht gereicht hat! Beide hätte man lieber nach München gewünscht, und namentlich dem von der USPD wäre von Herzen zu gönnen gewesen, was unser gemeinsamer Freund Holger Grünwedel im würzburger Stadtrat schon erreicht hat: ein Sitz neben den Freien Wählern.

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P.S: Man munkelt, dass der neue Hype bald herauskommt!

Freitag ist Video-Tag

Was für ein lehrreicher Film.

Zum Zustand der post-antideutschen Szene: eine kleine langweilige Umschau

Bitte diesen Artikel nicht lesen. Danke.

So wahr man antideutsch sein muss , so wahr sollte man sich von dem grausam langweiligen Selbstgespräch fernhalten, das um die 2003er Antideutschen immer noch geführt wird, weil die Linke (dieses ewige Mittelmass) nichts anderes kann, als Abbilder von Denken konsumieren. Dazu ist sie da, das ist ihre Rolle, deswegen halte man sie sich vom Leib.

Die 2003er antideutsche Strömung ist seit 1.11.2003 tot, es hat sie gegeben, beides ist ersteinmal gut so, und dass beide, Protagonist/inn/en wie Feind, seither nicht notwendig klüger geworden sind, hat man sich denken können. Anschauen muss man sich das nicht, nicht in der immer enstetzlicheren jungle world noch in der linken Bloggerszene, über die der letzte Hype deswegen bisher keinen Artikel fertiggebracht hat, weil sie sich niemand freiwillig antun wollte.

Ich ärgere mich bereits jetzt, für solche Konformisten die Zeit, die ein Blog-Posting beansprucht, verschwendet zu haben

, sagt Wartezeit überbrücken, und hat, obschon selbst weblogger, vollkommen recht.

Ungewöhnliche Ansichten #3: 2007 محلة الكبرى

[E]verything changed in December 2006. A new phenomenon appeared: militant workers, though lacking political background. Many women stood out among them. In general, they belong to no organization or party. There was a need to start from scratch, to create active committees with the aim of educating the workers, giving lectures and organizing leadership courses.

Artikel im israelisch-arabischen Magazin Challenge über die Arbeiterunruhen im ägyptischen Mahalla im April.

The awakening of labor has surprised not just the regime but also the various leftist movements. The Egyptian Left includes a broad spectrum of national Nasserites and socialist organizations.

Until now, in the absence of a workers‘ movement, the section of the Left that sought to distance itself from Mubarak had no population to work with, so it limited its activity to supporting the Palestinian national movement. In the year 2000 it backed the Intifada, and especially Hamas, which it saw as leading the resistance. Now, however, the workers‘ struggle has made a new approach possible, neither national nor Islamic. It is opening a third, internationalist alternative. Since the start of the awakening, the labor movement has provided the Left with its natural environment, and there is the feeling that leftist forces are again on their feet.

Es ist natürlich immer gut, wenn die Linken von der Zündelei mit der nationalen Sache abgelenkt werden; den Arbeitern von Mahalla und anderswo ist trotzdem zu raten, diese nationale Linke und andere Recuperateure lieber nicht anzufassen (die offizielle ägyptische Linke ist, was ihre Stellung zur allgemeinen Befreiung betrifft, mit der offiziellen deutschen vergleichbar; und in etwa so fossil.)

Wie auch immer, wir hatten ja in der Printausgabe irgendwas kurzes dazu geschrieben.

Via Wartezeit überbrücken und Entdinglichung.

Ungewöhnliche Ansichten #2: L.A. 1992

The Rebellion in Los Angeles:
The Context of a Proletarian Uprising

Ein Text über die riots 1992 in L.A. Gut zu lesen darüberhinaus:

James Carr, The Black Panthers, & All That von Endangered Phoenix und natürlich den Text der Situationisten über die riot in Watts von 1965.

Neue/r Chefredakteur/in

Das monatelange Tauziehen hinter den Kulissen hat ein Ende! Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren an den Geräten, haben entschieden! Evi Schmitt, vielen von uns noch von Ihrer Zeit beim Keil als „Die unsichtbare Frau“ in Erinnerung, ist neue Chefredakteurin des Letzten Hype. Sie wird uns einer goldenen Zukunft entgegenführen. Zittert, schwache Erdlinge!

Auf vielfachen Wunsch

So drauf sein wie die Leute, die das gemacht haben? Geht.

Hier noch was anderes.

Nochmal Studenten-Korporationen

Der Studentenstein im Ringpark zu Würzburg/Germany, gegenüber der Neuen Uni, trägt heute die Inschrift:

„Die Deutsche Studentenschaft im Gedenken an den Tod, das Opfer, das Vorbild“.

Vor ein paar Jahrzehnten hiess der Spruch noch: „Deutschland soll leben, auch wenn wir sterben müssen“. Der Stein erinnert an die nationalistischen Studenten, die bei der Massakrierung der aufständischen Arbeiter 1920 ums Leben kamen. Die studentischen Freikorps und die sonstigen proto-faschistischen Milizen hausten so entsetzlich, dass Kurt Tucholsky, damals noch ein braver SPD-Mann, schaudernd schrieb: „Der Mediziner im Kolleg/ braucht Leichen, Leichen, Leichen.“

Und so sieht der Kranz aus, den „Die Würzburger Korporationen“ den Erschiessern von 1920 hingelegt haben:

Auf den Schleifen steht: „Die Würzburger Korporationen/ ihren gefallenen Kommilitonen“.

Traditionsbewusst sind sie ja, das muss man ihnen lassen. Aber sogar „Vorbild“? Gut zu wissen. Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit noch einmal? „They can be accommodated“, sagte Donald Rumsfeld vorlängst über andere Verehrer des Todes.

Nachtrag: Man soll uns nicht damit kommen, mit dem Stein würde der Gefallenen des ersten Weltkrieges gedacht. Als ob das viel besser wäre. Gedacht wird der Märtyrer für Deutschlands Grösse von 1914 bis 1920, in Weltkrieg und Bürgerkrieg. Wie organisch der Zusammenhang zwischen dem Einsatz im Bürgerkrieg, gegen die Revolution, mit der schliesslichen fürchterlichen Wiederauferstehung Deutschlands gewesen ist, mag man wo anders nachlesen.

Vielleicht mal ein kleiner Film

Die Redaktion des nicht uninteressanten magazin aus Berlin/Germany vertreibt einen kleinen Film namens „Ein Heldenleben, den man auf DVD bestellen oder noch besser gleich bei classless Kulla aus dem Netz ziehen kann.

Ein Leser des Magazins hat – aus Langeweile, wie er schreibt – einen kleinen Propagandafilm zusammengeklickt, welcher unseres Erachtens durchaus unterhaltsam ist. Er meinte, keine Vertriebsmöglichkeit zu besitzen, und so springen wir mit unseren bescheidenen Möglichkeiten ein, bis sich eine bessere Option findet.

Inhalt: Im Film geht es, kurz gesagt, um die Geschichte eines jungen Mannes, der im Kapitalismus aufwacht, sich dem Illuminatenorden anschließt und schließlich ebenso die Liebe genießt, wie er zur Abschaffung der alten Welt beiträgt. Die Musik wurde von Bach, Mozart, Beethoven, Mahler, Schönberg, Lemmy Kilmister und Eisler komponiert. Die Regisseure des umfassenden Teams arbeiten in der Mehrzahl für Hollywood, es kommen aber auch Franzosen und Russen vor.

Also schreibt es das magazin auf seiner Seite. Wir geben das mal so weiter.

Hören & Schmecken